Führerkult & Emirglaube

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. Dezember

Die WM ist aus und während viele wohl na endlich sagen, sagen andere Gott sei Dank, während der Rest ohnehin verdrängt, dass es je eine gab. Schließlich war Katar aus medienpolitischer Sicht ein Ort, an dem aus Starkult (Mbappé) ein Führerkult (Messi), Bildmacht zur handfesten Zensur und der Fußball damit unwiderruflich feudal geworden ist. Feudal war allerdings auch ein eurozentristischer Blick auf den arabischen Raum, der dabei gelegentlich romantisiert (Marokko) wurde, aber noch häufiger (Katar) verteufelt.

Für Differenzierungen, etwa die sichtbaren Entwicklungsschritte verglichen mit der ungeschorenen WM im (schon 2018 faschistoiden) Vorgänger-Ausrichter Russland, waren beim Gros der Begleittöne ebenso wenig Platz wie für (nicht grundsätzlich verwerflichen) Whataboutism historischer Verfehlungen, die insbesondere Europa mitschuldig machen an Despotien wie der katarischen. All das haben deutsche Dokus wie die von Jochen Breyer bei aller Erkenntnis zu wenig beleuchtet. Und damit zum zweiten Abschied der letzten WM-Woche.

Béla Réthy hat sein letztes Spiel kommentiert. Und obwohl viele nach 15 Großturnieren nun sicher na endlich sagen oder andere Gott sei Dank, dürfte es der Rest im Nachhinein zu schätzen wissen, wie wohldosiert der frischgebackene Pensionär 30 Jahre lang Sport und Politik ins richtige Verhältnis gesetzt hatte. Denn während sein Kollegium noch über Homophobie, Arbeitsbedingungen, Überfluss und Korruption in Katar klagten, hat das ZDF allen Ernstes Werbespots fürs totalitäre Saudi-Arabien geschaltet.

Der totalitäre Elon Musk hat unterdessen Werbung für Qanon getwittert und acht Journalist:innen von CNN bis NYT gesperrt. Angeblich, weil sie ihn gedoxxt hätten, tatsächlich, da sein kommunikativer Liberalismus vor der eigenen Haustür endet. Deutsche Mediennews sind hingegen von drolliger Arglosigkeit. Frank Plasbergs Nachfolger Louis Klamroth zum Beispiel ist mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer liiert, was flugs Vorwürfe der Voreingenommenheit nach sich zog. Und die Paramount-Plattform Pluto eröffnet einen Kanal nur für alte Folgen von TV total.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. Dezember

Was aber nicht heißt, dass Paramount+ nicht auch Streaming von Belang machen kann. Allem voran: Der Scheich, eine zehnteilige Seriengroteske die – wie das Portal schreibt – auf „wahren Lügen“ basiert. Nach eigenem Buch porträtiert Dani Levy einen real existierenden Betrüger, der sich als milliardenschwerer Sohn eines Emirs ausgegeben und das Schweizer Finanzsystem damit in Existenznot gebracht hatte.

Die Version des Hochstapelfans Levy (Alles auf Zucker) ist ab Donnerstag um einiges absurder als die Wirklichkeit – schon, weil sie die Titelfigur zum analphabetischen Impulstäter mit attraktiver Frau (Petra Schmidt-Schaller) macht. Trotzdem verleiht ihr Björn Meyer eine Wahrhaftigkeit, die bei aller Heiterkeit zu Hirn und Herzen geht. Auf ähnlich unglaubliche Art ergreifend ist die siebenteilige Real-Crime-Fiktion Under the Banner of Heaven, die Disney+ hierzulande deppert zu Mord im Auftrag Gottes macht.

Obwohl Gott (schon mangels nachweisbarer Existenz) keine Direktiven erteil, gibt es hier religiös motivierte Tötungsdelikte unter Mormonen der Achtziger, die ausgerechnet ihr uniformierter Glaubensbruder (Andrew Garfield) ermittelt. Das Resultat ist eine fundamental-christliche Version von True Detective, die Amerikas aktuelle Spaltung erklärt und trotz einiger Längen ungeheuer fesselt.

Das gilt wohl auch für den Netflix-Krimi Glass Onion mit Daniel Craig als Superdetektiv, der Freitag nach kurzer Kinoauswertung aufs Portal kommt. Sicher gilt es auch für Billy the Kid, mit dem Paramount+ tags zuvor die ewig schäumende Westernwelle weiter reitet. Und zumindest für alte weiße Incels und Klimawandelleugner, für Genderwahn-Schreihälse und überhaupt all jene, denen mitteleuropäische Männerprivilegien wichtiger sind als Gleichberechtigung oder Nachhaltigkeit, zeigt die ARD am Donnerstag den Jahresrückblick von Dieter Nuhr, wichtigstes Comedy-Ziel: Greta und die Klimakleber. Bruhaahaaaahhh.

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