Literaturkritiker & Schäferhunde
Posted: April 13, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
6. – 12. April
Ultimatum, lat. von ultimos, der äußerste, wird gemeinhin als letzte, also wirklich allerletzte Warnung verwendet, etwas Unerwünschtes noch abzuwenden. Es waren also knapp zwei Dutzend wirklich absolut endgültiger Ultimaten, die Donald Trump laut Süddeutsche Zeitung in seiner 15-monatigen Amtszeit abgegeben hat – und vorwiegend verstreichen ließ. Immerhin: einige davon galten bekanntlich seinem Lieblingsfeindbild: der unabhängigen Presse.
Tag für Tag für Tag beschimpft er Journalist:innen liberaler Medien als terrible reporters und persons. Einem davon nun mit Gefängnis zu drohen, weil er (m/w/d) über den Piloten eines abgeschossenen Kampfjets berichtet hatte, ist allerdings nicht nur deshalb außergewöhnlich, weil Haftstrafen auch in den USA 2026 noch immer von Gerichten verhängt werden. Die gute Nachricht: Nachdem der Taco-Präsident Sender wie CBS zunächst einschüchtern konnte, stehen die schrecklichen Reporter mittlerweile sogar füreinander ein – wie Pressekonferenzen im Weißen Haus belegen.
Bis aufs ZDF natürlich. Dem warf Stefan Niggemeier unlängst vor, dass es sich von Mitwirkenden seiner Sendungen vertraglich zuzusichern lasse, nicht mit Personen zu arbeiten, die auf der Sanktionsliste des Office of Foreign Assets Control stehen – letztlich also auch Hate Aid oder die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs. Das Zweite dementierte halbherzig. Schon lauter dagegen werte sich die ARD gegen Vorwürfe gegen den Literaturkritiker Dennis Scheck.
In seiner Sendung Druckfrisch tat er das, was – Sorry, fürs Stereotyp – alte weiße einflussreiche Männer regelhaft tun: Frauen verächtlich machen. Zuletzt die Bestseller-Autorin Ildíko von Kürthy, deren Buch er mit misogynen Klischees bombardierte und daraufhin – seit fast 25 Jahren Schecks ganz persönliche Bücherverbrennung – in den Mülleimer gleiten ließ. Damit dürfte er zumindest die Gnade des Volksleitkulturhammel Wolfram Weimer verdienen. Bei dem hat sich unterdessen die Familienministerin rechts eingehakt.
Karin Prien lässt Hunderte untadeliger Initiativen auf Regierungstreue hin testen und fordert zivilgesellschaftliches Engagement der stillen Mitte. Ein Slogan, mit dem Blut-und-Boden-Bewegungen vom abgewählten Viktor Orbán bis zum ultimativen Donald Trump die Zivilgesellschaft links der Rechten gerne diskreditieren. Wer da helfen könnte? Vielleicht ja ein deutscher Schäferhund.
Die Frischwoche
13. – 19. April
Drei Jahrzehnte, nachdem Kommissar Rex erstmals auf Verbrecherjagd ging, holt ihn Sat1 heute Abend zurück ins Hauptprogramm zurück. Unabhängig von Umsetzung und Inhalt klingt das ein bisschen verzweifelt nach folkloristischer Torschlusspanik. Ob das klappt, sei also mal dahingestellt. Aber es dürfte vermutlich ein paar Leute weniger bewegen als der weltweit wichtigste Serienstart dieser Woche.
Parallel zum wiederholten Versuch von Sendern wie Sat1, aber auch Disney+ (dessen The Testaments aktuell The Handmaid’s Tale weiter ausschlachten, während auch noch Malcolm Mittendrin aus der Kiste stieg), mit Uraltkonzepten neues Publikum zu gewinnen, geht Euphoria bei HBO Max in die 3. Staffel. Wie es aussieht, expandiert die radikale GenZ-Studie der Jahre 2019/2022 jetzt allerdings in ein Drogenthriller-Roadmovie, als hätte Tarantino Breaking Bad verjüngt. Na ja…
Aussichtsreicher erscheint da die nächste Reanimation der abgetauchten Michelle Pfeifer. Kurz nach ihrem Auftritt im Yellowstone-Ableger The Madison spielt sie bei AppleTV ab Mittwoch die Mutter der abgebrannten Ex-Studentin Margo (Elle Fanning), die ein Kind von ihrem Literatur-Professor erwartet und es trotz aller Widrigkeiten behält. Das White-Trash-Theater Margo’s Got Money Troubles bietet somit Tragikomik auf höchstem Niveau.
Abgesehen von Crooks 2 (Dienstag, Netflix) oder der britischen Speed-Variante Night Sleeper, ab Freitag sechs Teile in der ARD-Mediathek, wären noch zwei Dokumentationen zu empfehlen. Heute erinnert Volker Heise in Tschernobyl 86 an gleicher Stelle an die Reaktorkatastrophe vor 40 Jahren und verwendet dafür ausschließlich Archivmaterial. Ergebnis: brillant. Und immerhin sehenswert ist das ARD-Star-Porträt Grönemeyer zum 70. Geburtstag des haltungsstarken Musikers.