Kimmels Witwe & Olivias Empowerment

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Donald Trump, jener Präsident also, der sich in aller Öffentlichkeit über den Tod seiner politischen Gegner amüsiert, fordert die Entlassung von Jimmy Kimmel, jenem Talkhost, der Melania Trump zwei Tage vorm Attentatsversuch von Washington „das Leuchten einer werdenden Witwe“ attestiert. Dass damit die Schüsse beim Correspondents Dinner gemeint waren oder den Täter angestiftet haben, ist natürlich aberwitzig. Aber nicht aberwitziger als der Horrorclown im Weißen Haus.

Immerhin: Weil seine Sprecherin Karoline Leavitt am Tag der Veranstaltung „einige Schüsse im Raum“ angekündigt hatte, nährt sie die die irrsinnigerweise gar nicht komplett aberwitzige Verschwörungstheorie, Trump habe das Ganze zur inszeniert. Und damit zur ähnlich großen Selbstinszenierung der Woche. Friedrich Merz saß am Sonntag bei Caren Miosga, und was soll man sagen: er ist in keinen Fettnapf getreten.

Mehr noch. Zum Jahrestag der schwarz-roten Koalition hat der unbeliebteste Bundeskanzler aller Erhebungszeiten zwar den merkwürdigen Satz von sich gegeben, er haben „keine Vollmacht, die CDU umzubringen“. Dafür gab es keine einzige, in Zahlen 0,00 rassistische, zynische oder sonst wie menschenverachtende Entgleisung. Für 60 Minuten Merz-Solo, bei dem Caren Miosga exakt den Kleidungsstil ihres prominenten Gastes (oder umgekehrt) kopierte, eine Ausnahmeleistung.

An gleicher Stelle hatten derweil viele Angst vor Julia Ruhs‘ erstem Auftritt im ARD-Magazins Klar. Wie nicht anders zu erwarten, hatte der Bayerische Rundfunk der NDR-Moderatorin Asyl gewährt, nachdem ihre Agenda für hanseatische Ansprüche ein wenig zu weit rechts stand. Als es bei ihrer BR-Premiere nun ums Thema Islamisierung ging, zuckten selbst in München einige zusammen. Aber Entwarnung: Ruhs zeigte eindrücklich, was sie ist: weder eine sonderliche reaktionäre noch eine sonderlich gute Journalistin.

Die Frischwoche

4. – 10. Mai

Zumindest letzteres unterscheidet sie deutlich von Enrico Demurrays sehenswerter Reportage Femizid – Tödlicher Hass auf Frauen. Zwei bestürzende Fallbeispiele Betroffener aus der ZDF-Reihe 37°, die am Dienstag, 22.15 Uhr, nicht mal ansatzweise so plump sind wie der populistische Untertitel. Dem Obertitel nach dezent, vom Inhalt her schillernd ist hingegen ein Eventfilm an gleicher Stelle, den das Zweite parallel online stellt.

Olivia erzählt das Leben des schwulen Landeis Oliver Knöbel, der 1989 aus Springe nach Hamburg zieht, um als Olivia Jones „auf St. Pauli weltberühmt“ zu werden. So drückt es ihr Darsteller Johannes Hegemann bei jeder Gelegenheit des rührenden Coming-of-Age-Empowerments aus. Till Endemann skizziert die Dragqueen nach David Ungereits Drehbuch zwar arg chronologisch und mitunter klischeehaft; weil die Porträtierte stets am Entstehungsprozess beteiligt war, ist der Film jedoch absolut authentisch. Und kraftvoll sowieso.

Das gilt auch fürs Serienhighlight in anderer Nische. Bei Viaplay begleitete der Dreiteiler Welfare Warriors die Belegschaft eines finnischen Arbeitsamtes durchs Fegefeuer der Bürokratie. Showrunnerin Siina Lymi kreiert dabei eine Art magischen Realismus, der auf tragikomische Art lustig ist. Humorfrei ist demgegenüber die Rückkehr des schweigsamen Desperados Trojan. Vor 16 Jahren schuf Thomas Arslan mit dem Auftragsräuber einen Gangstertypus, der seit Jean-Pierre Melvilles films noir der Siebziger eigentlich ausgestorben war.

In Verbrannte Erde holt Mišel Matičević das Fossil wortkarger Männlichkeit zurück nach Essen. Ob das nun reaktionär oder dialektisch ist, kann man ab Freitag in der ARD-Mediathek begutachten. Was sonst noch läuft? Bei Netflix startet am Mittwoch die Thrillerserie Kastanienmann. Apple schickt tags drauf Mutter und Tochter ins Drogenmilieu der achtteiligen Dramas Unconditionable. Und zeitgleich begibt sich Sky dokumentarisch auf die Suche nach guter Kindermusik zwischen Kunst und Klicks.



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