Fünf Jahre #allesdichtmachen

Berufsverbote & Mängelempathie

Vor fünf Jahren sorgten 50 Filmschaffende mit ihrer Lockdown-Kritik #allesdichtmachen für Aufsehen in der Pandemie. Es gab seinerzeit ebenso viel Zuspruch wie Ablehnung, letzteres vor allem aus der Querdenker- und AfD-Szene. Was hat die Initiative bewirkt? Eine Nachforschung mit Hindernissen.

Von Jan Freitag

Hinterher ist man stets schlauer. Manuel Rubey zum Beispiel. Anfang 2021 drehte der Wiener gerade mit seiner Kollegin Vicky Krieps, als sie ihm „von einer Aktion, die auf die Bedeutung von Kunst hinweisen sollte“ erzählte. „Ich habe daraufhin etwas aufgenommen, ohne den Zusammenhang zu hinterfragen oder Kontext zu kennen“, sagt der nebenamtliche Kabarettist genau fünf Jahre später und bekennt: „Das hätte man sich einfach nur sparen können.“

Eins von 52 Videos nämlich, die deutschsprachige Künstlerinnen und Künstler damals unter einem berühmt-berüchtigten Hashtag verbreitet haben: #allesdichtmachen. Kurz zur Erinnerung: Weil die Inzidenzen der Covid19-Pandemie explodierten, ging das Land Ende 2020 in einen Lockdown von beispielloser Härte. Er dauerte bis tief ins folgende Frühjahr. Für vulnerable Gruppen mitunter die Lebensrettung, kam sie für Film- und Fernsehschaffende einem zeitlich befristeten Berufsverbot gleich.

Es überrascht daher wenig, dass einige davon Handwerkszeug und Reichweite nutzten, um auf ihr Schicksal hinzuweisen. Schließlich ist Sendungsbewusstsein nicht nur Kernkompetenz, sondern Wesenskern darstellender Künste. In Satiren von 48 bis 172 Sekunden karikierten Superstars von Meret Becker oder Ulrike Folkerts bis Felix Klare oder Ulrich Tukur plus einige Soapsterne wie Samia Dauenhauer und Kea Könnecker allerdings nicht bloß ihr professionelles Dasein im Bann eines wütenden Virus.

Initiiert vom rauflustigen Regisseur Dietrich Brüggemann stellen sie Beteiligten staatliches Handeln unter Generalverdacht autokratischer Triebe. Sie verurteilen „die Medien“ für Desinformation, ziehen Parallelen zum Obrigkeitsstaat totalitärer Zeit, insinuieren Denk- und Meinungsverbote oder sehen rechts und links verschwimmen. Schon das war bisweilen populistischer Tobak. Obendrein aber mangelte es der humorvollen Aktion an etwas Wesentlichem: Mitgefühl für die Opfer.

Während liberale Menschen und Medien weit über Jan Böhmermann und Georg Restle hinaus den Zynismus der Inhalte anprangern, ernten sie in der rechtsesoterischen Querdenker-Blase mehrheitlich Applaus. Kein Wunder, wie der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen seinerzeit befand. In Krisenzeiten könne „Mehrdeutigkeit von Ironie“ missverstanden und instrumentalisiert werden. Als beides geschah, zog die Hälfte der Autoren ihre Beiträge in Windeseile zurück. Manuel Rubey zum Beispiel.

„Weil ich mich schlecht informiert hatte und zu spät erkannt, dass es falsch war mitzumachen“, räumt er ein und erklärt seine Schubumkehr so: „Man muss Fehler zugeben können und sich diese auch irgendwann verzeihen.“ Eine Selbsterkenntnis von großer Haltungsstärke, die womöglich auch andere erlangt haben. Theoretisch. Denn praktisch bleibt das Gros derjenigen, die sich Ende April 2021 lautstark geäußert hatten, fünf Jahre später seltsam kleinlaut.

Von 47 angeschriebenen Corona-Komikern reagierten 43 entweder gar nicht oder abschätzig aufs Gesuch zur Stellungnahme. Manche mag es verfehlt haben. Andere wie Nicolas Ofczarek und Hanns Zischler seien nach Auskunft ihrer Agenten auf Reisen, also unabkömmlich. Peri Baumeister und Inka Friedrich, hieß es mit freundlicher Bitte um Verständnis, hätten sich abschließend geäußert. Alles akzeptabel. Wenn die Berliner Großagentur Players für ihre acht Klienten ebenso lapidar wie pauschal absagt, legt sie allerdings Zeugnis einer irritierenden Verweigerungshaltung ab.

Besonders brüll das Schweigen der Wortführer Miriam Stein und Volker Bruch, während Urheber Brüggemann nach Fristablauf neun Worte auf vier Fragen schickt. Für Christian Schicha alles naheliegend. „Wenn sie jetzt erneut mit der Aktion in Verbindung gebracht werden“, glaubt der fränkische Professor für Medienethik, „befürchten die Schauspieler einen Reputationsverlust“. Immerhin galt Kritik an #allesdichtmachen oft hochbezahlten Promis wie Heike Makatsch oder Jan Josef Liefers, die „im Gegensatz zu anderen keine Existenzängste“ hätten und das auch noch mit Videos in baumumstandenen Luxusappartements belegen.

Dabei sei „Ironie bis zum Sarkasmus“ in Ausnahmesituationen nicht nur legitim; nach fünf Jahren steht sie auch in einem ganz anderen, buchstäblich reflektierten Licht. Selbst ordnungspolitische Hardliner halten die Radikalität der Lockdowns ja mittlerweile für überzogen. Ausgangs- und Kontaktsperren, die den ausgangs- und kontaktintensiven Job des Schauspielers existenziell bedroht haben: das konnten auch improvisierte Distanz-Serien wie Drinnen oder Liebe!Jetzt nicht kompensieren.

Drei Jahre und 30 zivilisatorische Katastrophen später haben wir uns also (in den Worten des damaligen Gesundheitsministers Jens Spahn) viel zu verzeihen. Fürs tiefere Verständnis vom Einfluss pandemische Reaktionsmuster à la #allesdichtmachen auf heutige Krisen allerdings wäre Diskursbereitschaft sinnvoll. Umso mutiger ist es, dass Bernd Gnann seine Teilnahme nicht nur erklärt, sondern verteidigt. „Ich bin stolz, meine kreative Meinung gesagt zu haben“, sagt der zehnfache Tatort-Darsteller. Und das, obwohl ihn die Beteiligung Aufträge gekostet habe.

Ähnliches ist von seiner Kollegin Christiane Sommer nicht überliefert. Aber auch sie steht „zu 100 %“ hinter der damaligen Aktion. Ihr Verdacht, der Regierung sei es „in erster Linie um „Milliardendeals“ mit Geimpften als „Versuchskaninchen“ unerforschter Vakzine gegangen, die „zu anderen Krankheiten und Todesfällen geführt“ hätten, führt tief in verschwörungsideologische Ecken. Doch untersagt ist diese Meinung 2026 so wenig wie 2021. Umso interessanter, wie sie von der ihres Mannes abweicht.

Martin Brambach hatte sein Video – aus Rücksicht auf seine Schirmherrschaften – gelöscht. Auch er distanziert sich nicht von der Initiative, hätte ihr im Rückblick aber „die Empathie der allermeisten von uns mit Erkrankten und Pflegekräften vorangestellt“. Das Ziel einer „breiten gesellschaftlichen Diskussion“, um „Kritikpunkte und Gedanken mit den Mitteln unserer Kunst in die Öffentlichkeit“ zu bringen, ist daher gescheitert. Dabei hätte #allesdichtmachen mit weniger Polemik plus mehr Substanz das Zeug, den dringend benötigten Diskurs über die Arbeitsbedingungen der Schauspielbranche anzustoßen.



Leave a comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.