Laibach: Interview mit Ivan Novak

Wir sind süchtig nach Musik

Laibach (Foto: Nika H. Praper & Ludvik) provoziert seit mehr als 40 Jahren mit einer totalitären Ästhetik zu dystopischem Industrials. Das zehnte Studio-Album Musick bricht dieses Zeichensystem nun mit einer Art Eurodance-Persiflage auf. Mastermind und Gründungsmitglied Ivan Novak erklärt im Interview, ob man die slowenische Band damit mal wieder komplett missverstanden hat. Vorab erscheinen beim Musikblog

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Laibach klang noch nie so lebensbejahend und positiv wie auf „Musick“. Hat sich eure Einstellung zum Leben positiv verändert?

Ivan Novak: Woher kommt bloß diese Idee, dass Laibach früher nicht lebensbejahend eingestellt war? Unser erster großer Hit war 1987 Life Is Life. Davor und danach haben wir alle möglichen – was immer das bedeuten mag: positiven Lieder geschrieben und sind bis heute absolut positiv. In der Hinsicht hat sich vielleicht nur die Oberfläche geändert. Laibach entwickelt sich emotional nicht wie Individuen. Wir müssen nicht um jeden Preis Glück projizieren.

Umso erstaunlicher, dass Musick besser gelaunt als frühere Alben klingt, mitunter fast fröhlich.

Das ist aber kein Bekenntnis zur Freude, sondern eine Tonanpassung innerhalb desselben Signalsystems, das wir schon immer verwendet haben. In einem Zeitalter, das von Angst, Zusammenbruch und algorithmischer Verzweiflung geprägt ist, wird Optimismus selbst zu einer radikalen, zumindest verdächtigen, Geste. Musick bewegt sich innerhalb dieses Paradoxons. Es nutzt die Sprache des Pop nicht als Kapitulation, sondern als Strategie. Wenn Dunkelheit zur Standardästhetik der Authentizität geworden ist, muss Licht als Form des Widerstands neu betrachtet werden. Positivität ist ja nicht naiv, sie wird als Waffe eingesetzt. Unsere Methode bleibt daher dieselbe: Wir spiegeln die Welt, indem wir ihre Widersprüche verstärken. Die Oberfläche hat sich verändert. Wir nicht.

Ihr seid also gar nicht altersmilde geworden?

Nicht, dass an Gelassenheit etwas schlecht wäre. Aber das Alter hat Laibach nicht weicher gemacht, sondern sein Instrument verfeinert, präzisiert. Was wie Zurückhaltung wirken mag, ist in Wirklichkeit Konzentration, was nach Ruhe klingt, ist schlicht Kontrolle. Das System, in dem wir agieren, ist lauter, schneller und hysterischer geworden; wir müssen nicht schreien, wenn die Welt es für uns tut. Reife bedeutet in unserem Fall keine Reduzierung der Intensität, sondern eine Optimierung der Kraft. Wir eliminieren Überflüssiges. Unsere Methoden sind schärfer, unsere Signale klarer, unsere Interventionen effizienter geworden.

Auch satirischer? Musick erinnern oft verteufelt an Eurodance-Persiflagen.

Falls die Stücke satirisch klingen, ist das keine Abweichung, sondern Folge. Wo Realität zur Parodie wird, verschwimmt die Grenze der Ernsthaftigkeit zur Satire; unter solchen Umständen kann die direkteste Aussage ironisch klingen. Wir wollen nicht witzig sein, wissen aber, dass Lachen ein Wiedererkennungsreflex ist. Es signalisiert, dass etwas Vertrautes entlarvt und verzerrt zurückgegeben wird. Mit dieser Ambivalenz setzt sich Musick auseinander und agiert im Spannungsfeld von Aufrichtigkeit und Übertreibung. Da, wo Pop Botschaft und Maske zugleich ist. Wenn das Album satirisch klingt, dann weil die Welt es bereits ist.

Und eure Intention war es, diese Deckungsgleichheit von künstlerischer und realer Satire aufzuzeigen?

Musick ist aus einer Überflusslandschaft entstanden, aus endloser Produktion, beschleunigtem Konsum und algorithmischer Zirkulation. Musik wird nicht nur komponiert, sondern verarbeitet und optimiert. Urheberschaft löst sich auf, das Hören selbst wird instabil. Unsere Aufgabe ist nicht, diesem Zustand zu entfliehen, sondern seine Sprache, Codes, Verlockungen zu nutzen. Das Album bekennt sich zum Pop als Betriebssystem. Die Werkzeuge: vertraute Formen, wiederkehrende Strukturen, eingängige Melodien. Wenn es eine Intention gibt, dann den Mechanismus durch seine Nutzung offenzulegen, Signale zu verstärken und provozieren, bis sie ihre eigene Logik offenbaren, Mehrdeutigkeit dort einzufügen, wo Gewissheit erwartet wird, und den Zweifel wiederzubeleben. Denn der bleibt die letzte autonome Funktion der Freiheit.

Steht das „k“ in Musick dabei fürs Unwohlsein, das euch beim Hören verarbeiteter, algorithmischer, vom Urheber entkoppelter Musik überkommt?

„K“ steht nicht für einzelne Diagnosen. Die Krankheit – Produktionsüberschuss, Inflation der Bedeutung, ständiges Verlangen nach Aufmerksamkeit – ist systemimmanent. Musik zirkuliert schneller, als sie gehört werden kann, wird über das Notwendige hinaus vervielfältigt, optimiert für Sichtbarkeit statt Erlebnis. Unter solchen Bedingungen beginnt die Übersättigung einer Krankheit zu ähneln. Aber es gibt noch eine andere Dimension.

Welche?

Wir sind süchtig nach Musik und werden wie bei einer Droge zwanghaft davon angezogen. Wobei diese Abhängigkeit eine der treibenden Kräfte des Systems ist. Deshalb stehen wir nicht außerhalb dieses Zustands und diagnostizieren ihn aus sicherer Entfernung, sondern sind Teil davon und nutzen dieselben Werkzeuge, Codes, Mechanismen. Das „k“ markiert folglich keine Ablehnung, sondern Bewusstsein. Zugleich ist „Musick“ gar nicht unsere Erfindung. Es handelt sich um eine archaische Schreibweise früherer Jahrhunderte, in denen Musik als Disziplin, Struktur, Wissensform verstanden wurde, statt nur als Inhalt. In dem Sinne verweist der Titel sowohl auf eine Zukunft algorithmisch-rhythmischer Klänge als auch auf eine Vergangenheit, in der Musik eine andere Art von Autorität besaß.

Autorität klingt nach Einfluss, gar Macht. Hat Musik beides und damit die Fähigkeit, Probleme zu schaffen oder noch besser: lösen?

Musik löst prinzipiell keine Probleme, Musik legt sie offen. Musik ist Symptom und Diagnoseinstrument zugleich. Sie verstärkt Begierde, kann aber auch Strukturen offenlegen, die sie prägen. Wir glauben nicht an Lösungen, wir glauben an Bewusstsein. Wenn Musik was bewirken kann, dann das System sichtbar zu machen, seine Logik, Verlockungen, Widersprüche. So gesehen kann Musik das, was sie erzeugt, nicht lösen, aber unmöglich machen, es zu ignorieren. Musik hält den Lauf der Geschichte nicht auf, aber sie kann die Wahrnehmung verändern, Ideen hörbar, akzeptabel, verdächtig machen, Gefühle normalisieren oder destabilisieren. So wirkt Musik an der Politik mit. Als Infrastruktur.

Kann sie auch eine Infrastruktur für oder gegen den Rechtsruck Europas ein?

Die Bewegungen dieses Rechtsrucks entstehen aus wirtschaftlichem Druck, historischen Zyklen, kollektiven Ängsten. Musik tritt da erst im Nachhinein in Erscheinung, als Verstärker, Echo oder Tarnung. Ein treffendes Bild ist das Orchester auf der Titanic. Während das Schiff sank, spielte es einfach weiter. Seine Musiker konnten die Katastrophe nicht verhindern, prägten aber ihre Atmosphäre, gaben dem Chaos Form und der Panik Würde; es war eine Illusion von Ordnung am Rande des Zusammenbruchs.

Und 115 Jahre später?

Kann Musik den Niedergang ästhetisieren, seine Auswirkungen abmildern, erträglicher machen oder zumindest die Absurdität der Situation entlarven, indem sie zu laut, zu deutlich, zu eindringlich spielt. Aber nochmals: wir nutzen Musik nicht, um Probleme zu lösen, sondern hörbar zu machen – wenn nötig, auf unangenehm elegante Weise.

Macht euch der Rechtsruck da gerade Angst oder überwiegt die Erleichterung darüber, dass er wie in Ungarn auch umgedreht werden kann?

Dieses Schwanken zwischen Angst und Zuversicht ist Teil desselben Zyklus. Liberale Siege wie in Ungarn bedeuten nicht zwangsläufig eine Kursänderung, sondern nur eine Modulation innerhalb des Systems. Macht passt sich an, gegebenenfalls mit neuem Image. Die politische Entwicklung in Europa verläuft nicht linear. Sie durchläuft Spannungen, Korrekturen und Rückkehrprozesse. Was als Fortschritt erscheint, kann Rückschritte beinhalten; was als Stabilität erscheint, kann Instabilität verbergen. Diese Dynamiken werden nicht aufgelöst – sie werden gesteuert.

Und das auch noch mit den Mitteln demokratischer Prozesse.

Oft. Sowohl Adolf Hitler als auch Benito Mussolini sind legal an die Macht gelangt. In dem Sinne ist die vermeintliche Immunität der Demokratie nie garantiert. Sie bleibt abhängig von Wachsamkeit, Struktur, den Umständen. Deshalb bleiben wir aufmerksam. Denn das System ändert sich nicht wirklich, es transformiert sich nur. Wie Laibach.

Ist euer provokatives Artwork demnach mehr oder weniger zeitgemäß als vorm Rechtsruck in Europa und der Welt?

Was heute als Provokation wahrgenommen wird, verändert sich. Schock wird vom System absorbiert und schnell normalisiert. In diesem Sinne mag unsere Arbeit weniger provokativ wirken. Aber nur, weil die Realität selbst provokanter geworden ist. Was man sieht, passt sich neuen Kontexten, Technologien und Zielgruppen an. Doch der zugrundeliegende Ansatz – die Arbeit mit Macht, Symbolen und Systemen – bleibt bestehen.

Für immer?

Würde er sich vollständig ändern, wäre es nicht mehr Laibach, würde er sich gar nicht ändern, wäre er irrelevant. Die Antwort lautet also: Unser Zeichensystem verändert sich ständig. Nur nicht immer auf eine Weise, die sofort sichtbar ist.

Und das musikalische Zeichensystem – wird Laibach künftig wieder zum verstörenden Sound der ersten viereinhalb Jahrzehnte zurückkehren?

Wer weiß, aber in Wirklichkeit haben wir es nie hinter uns gelassen. Was du verstörend nennst, war ja nie nur eine Frage von Verzerrung oder Lautstärke. Es war eine Art, Realität zu strukturieren. Diese Herangehensweise verschwindet nicht, wenn sich die Rahmenbedingung ändert. Ob der Klang wieder schärfer wird, hängt weniger vom Kontext ab. Wenn es die Situation erfordert, kehrt er zurück, nur eben nicht als nostalgische Geste. Wir besuchen die Vergangenheit nicht erneut. Aber die Vergangenheit bleibt uns als Werkzeug zur Verfügung.



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