Presseunfreiheit & Shoa-Opfer

Die Gebrauchtwoche

4. - 10. Mai

Nein, die Zeiten sind aktuell keine allzu guten für Menschen, die nicht nur irgendwas, sondern etwas Bedeutsames mit Medien machen. Der Pressefreiheitsindex stellt den westlichen diesbezüglich gerade ein verheerendes Zeugnis aus. Da das Ranking nicht nur exekutiven und juristischen, also strukturellen, sondern auch wirtschaftlichen und privaten, also eher soziokulturellen Druck auf Journalist:innen berücksichtigt, ist es zwar leicht wahllos, wie etwa das deutsche Abrutschen von Platz 11 auf 14 belegt.

Schließlich geht steht die Publizistik hierzulande nicht seitens der Regierung, sondern Social Media unter Beschuss. Sie kann aber weitestgehend frei berichten. Die globale Situation macht aber schon deshalb Angst, weil hinterm Spitzenreiter Norwegen nur noch in einer Handvoll – fast durchweg nordeuropäischer – Staaten überhaupt von echter Pressefreiheit die Rede ist. Anders als in den USA, das völlig zu Recht auf Platz 64 gefallen ist, wo sie vor Panama, aber hinter Botswana rangieren.

Donald Trump führt schließlich einen Vernichtungsfeldzug von ganz oben gegen missliebige Medien. Umso ermutigender, dass von denen Anfang Mai besonders all jene Pulitzer-Preise abgeräumt haben, die sich gegen den aufkeimenden Faschismus stemmen: Washington Post, Reuters oder Associated Press und die New York Times natürlich. Aber auch Regionalzeitungen wie The Minnesota Star Tribune. In Großbritannien hofft man derweil darauf, dass der neue BBC-Generaldirektor Matt Brittin seinen Sender ebenso tapfer gegen die völkische Front um den Regionalwahlgewinner Nigel Farage verteidigt wie seine Vorgänger.

Und Deutschland? Da tritt der (umstrittene, aber experimentierfreudige) Schwäbische Verlag dem Zeitungssterben sehr kreativ entgegen. Einige Lokalblätter werden künftig schon abends ausgeliefert. In Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern etwa, wo Samstag ein besonderer Geburtstag stattfindet: Die DEFA wird 80. Also eine Film- und Fernsehfabrik realsozialistischer Herkunft, die zwischen übelster Propaganda und famosem Kino alles im Ost-Programm hatte. Wir gratulieren also stirnrunzelnd, aber herzlich.

Die Frischwoche

11. – 7. Mai

Nicht nur herzlich, sondern euphorisch gratulieren wir Arte zur neuen Serie. Mittwoch verlegt Showrunner Hagai Levi die Tagebücher des jüdischen Shoah-Opfers Etty Hillesum aus den 1940er Jahren in eine nicht näher spezifizierte Gegenwart, wo sich die Titelfigur (Julia Windischbauer) im Aufkeimen einer antisemitischen Diktatur vom Psychiater Julius Spier (Sebastian Koch) therapieren lässt. Das Ergebnis ist sechsmal auf so brüllend stille Art eindrücklich, dass man von dieser Seelenstudie im Untergang kaum genug kriegen kann.

Bei dem Personal vielleicht kein Zufall. Eine Überraschung ist dagegen die Prime-Serie It’s Not Like That. Freitag versucht Scott Foleys Pastor Malcolm dort, mithilfe der frisch verlassenen Nachbarin Lori (Erinn Hayes) über den Krebstod seiner Frau hinwegzukommen. Das emotionale Durcheinander könnte da durchaus in billiger Melodramatik enden. Dank der fünf minderjährigen Kinder im Plot allerdings wird daraus eine wirklich sehenswerte Milieustudie amerikanischer Bürgerlichkeit.

Das gilt auch fürs schwedische Beziehungschaos Keep it Together, seit Montag bei Viaplay online. Ansonsten hält die Woche eher gehobenen Durchschnitt bereit: Die bruttige Prime-Serie Off Campus schwingt sich Mittwoch mit heteronormativen Kufen-Cracks auf den Eishockeyzug von Heated Rivalry. Bei Magenta hat Andrew Lincoln als mittelalter Mann der Thriller-Serie Coldwater ein sechsteiliges Impulskontrollproblem. Freitag geht Yellowstone bei Paramount+ in den vierten Ableger namens Dutton Ranch.

Und dann gäbe es noch zwei bemerkenswerte Dokus: In der ARD-Mediathek wird seit Montag Frank Farians philorassistisches Popkulturphänomen Boney M über 90 Minuten hinweg eingehend analysiert. Und tags drauf begibt sich das ZDF in den Maschinenraum der Macht, wo es ein Jahr lang Spitzenpolitiker von Jens Spahn über Reem Alabali-Radovan bis Carsten Wildberger begleitet und dabei tief in die Abgründe, sprich: Krisen der schwarz-roten Koalition blickt.



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