Timmys Tod & Friedlers Hosen
Posted: May 19, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
11. – 17. Mai
Na, da werden wohl Köpfe rollen. Weder Tagesschau noch heute haben die News der Woche zur besten Sendezeit vermeldet, geschweige denn Brennpunkte gesendet und alle folgenden Programme unterbrochen: Timmy ist tot. An dieser Stelle müssten wir angesichts der Trauer ums weltweit wichtigste Lebewesen kurz schweigen und uns erst nach kurzer Trauer um einen Buckelwal lecker Kabeljau aus Schleppnetzfang oder Kotelett aus Massentierhaltung braten.
Ob beides auch in den Kantinen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeboten wird, kann hier nicht geklärt werden. Was aber feststeht: Man sollte ihn, also den ÖRR, keinesfalls wie es – kleiner Disclaimer – auch der Autor dieses Textes in früherer Zeit schon mal getan hat – Staatsfunk nennen. Darauf hat Jan Böhmermann am Freitag im ZDF Magazin Royal hingewiesen, und damit ein weithin hörbares Feuer für die Pressefreiheit entzündet.
Zwei Tage später dann war alles immer wie immer, als sich der ESC wie Fugenmasse durch die Hauptsendezeit des Ersten Programms quetschte. Durchschnittlich vier Tänzerinnen und Tänzer zappelten darin um eine (meist weibliche) Gesangsdarbietungen mit mehr Worten wie Love und Passion im Text als Textilien am Leib. Der deutsche Kommentar war bissig und der deutsche Beitrag belanglos, also drittletzter.
Mindestens Drittbester aller Tatorte ist der mit Cornelia Gröschel und Martin Brambach. Doch damit ist vorerst Schluss. Aus Kostengründen lässt der MDR das Dresdner Team drei Jahre pausieren und liefert der rechtspopulistischen Dialektik damit frisches Kanonenfutter. Schussrichtung: eigentlich müsse der ÖRR ja abgeschafft werden, aber er soll gefälligst weiterhin ostdeutsche Produktionen liefern.
Wie methodisch der Irrsinn auch hierzulande sein könnte, zeigt uns unterdessen Frankreich. Dort sperrt der ehemals angesehene canal plus demnächst wohl 600 Schauspieler:innen aus, die sich in einem offenen Brief gegen den Kurs des neuen Besitzers Vincent Bolloré ausgesprochen haben. Grund: er will seinen Sender ganz unverhohlen zum Sprachrohr rechtsextremer Parteien und Meinungen machen.
Die Frischwoche
18. – 24. Mai
Gar nicht so leicht, von hier aus ins aktuelle Fernseh- und Streamingprogramm zu schalten, aber es nützt ja nichts. Am Mittwoch startet der nächste Streich des dokumentarischen Tausendsassas Eric Friedler in der ARD-Mediathek. Monatelang hat er Die Toten Hosen dabei beobachtet, wie sie Das letzte Album in einer Jugendherberge aufnehmen. Das Resultat: der Nekrolog einer unsterblichen Punkband, was gleichermaßen durch Herz, Kopf und Seele geht.
Reality TV völlig anderer Art liefern hingegen Sky und Wow, wo ab Donnerstag Ralf & Étienne bildgewaltig heiraten und damit zeigen, wie PR-bewusst Familie Schumacher ihr aufgestautes Benzin im Blut zu Geld macht. Bisschen eklig ist die turbokapitalistische Selbst- und Fremdausbeutung schon. Weshalb alle anderen Formate dieser Woche in einem viel helleren Licht erstrahlen.
Die Netflix-Serie The Boroughs zum Beispiel. Eine Art Late-Coming-of-Age-Horror-Dramedy aus einer Gated Community, in der wohlhabende US-Senioren gemütlich Richtung Lebensende konsumieren. Weil dahinter die Duffer-Brothers stehen, ahnt man aber früh, dass wie in Stranger Things ein paar Monster mitmischen. Was eigentlich egal ist, denn als Sittengemälde des amerikanischen Eskapismus funktioniert die Serie hervorragend. Die Weltflucht einer neuen ARD-Serieist hingegen extraterrestrisch.
Nach dem Erdkollaps fliegen die Reste der Menschheit durchs All und checken mitunter im Stardust Hotel ein, dessen Erbin das marode Raumschiffhaus aufmöbeln muss, um es verkaufen zu können. Elsa van Damke und Simon Ostermann liefern ab Freitag also eine siebenteilige Nummernrevue, die nicht immer witzig ist, aber fabelhaft ausgestattet. Bliebe noch zu erwähnen, dass die famose Hebammen-Serie Push parallel in die 2. ZDF-Staffel geht und zeitgleich bei Apple TV+ die Dark-Comedy-Serie Maximum Pleasure Guaranteed startet.