Bravo: Headlines, Hypes und Herzschmerz

Internet Killed the Popkulturstar

Die Bravo wird 70, das Erste gratuliert mit der dreiteiligen ARD-Doku Headlines, Hypes und Herzschmerz. Grund zum Feiern gibt es allerdings nur bedingt – das frühere Jugendzentralorgan hat allen Glanz verloren und ist nur noch eine Influencerin unter vielen. Eine Zeitreise.

Von Jan Freitag

Die Sprache von gestern ist heute mitunter schwer zu verstehen. Und da geht es nicht mal um Worte wie „potzblitz“ oder „vermaledeit“, sondern moderneres Vokabular. „Radio“ etwa. Ein Empfangsgerät, das manchem Mitglied der Generation Z vertraut sein dürfte wie „Rohrpost“ oder „Grammophon“. In den Ohren Zwanzigjähriger klingt der Titel des Siebzigerhits Video Killed the Radio Star folglich nach Opas Plattenkiste. Als er Anfang August 1981 zum Sendestart von MTV erklang, waren schließlich viele Eltern der sagenumwobenen Alterskohorte noch gar nicht geboren. Wie schnell sie doch vergeht, die Zeit und ihre Ausdrucksform.

Apropos: Was war noch mal MTV?

Wer sich das gerade fragt, hat vermutlich erst recht keine Ahnung, wen das besungene Killervideo mit einiger Verzögerung noch töten half: Die Bravo – jahrzehntelang das unangefochtene Zentralorgan sämtlicher Nachkriegsgenerationen von Boomer über X bis Millennials. Am 26. August 1956 als „Zeitschrift für Film und Fernsehen“ erstmals am Wirtschaftswunderkiosk, hat sie Myriaden von Minderjährigen durch die Pubertät Richtung Ernst des Lebens begleitet und letzteres dabei gern auf die leichte Schulter genommen.

Bis zu sechs Millionen Teenager pro Ausgabe, um genau zu sein. Das errechnet Alex Gernandt zu Beginn einer dreiteiligen Dokumentation, die dem Massenblatt in der ARD-Mediathek ab heute einen alliterierenden Geburtstagsgruß sendet: Headlines, Hypes und Herzschmerz. Wegen der Wende sei die Auflage 1991 nicht nur auf sagenhafte 1,7 Millionen verkaufter Exemplare geklettert, erinnert sich der damalige Reporter und spätere Chefredakteur. Weil jedes Heft „im Schnitt durch vier Hände ging“, habe die Bravo praktisch alle Jugendlichen des wiedervereinigten Landes erreicht.

So eine Zielgruppenabdeckung schaffte nicht mal die Schwarzwaldklinik, von Massenmedien wie Stern oder Spiegel ganz zu schweigen. Womit wir mitten im Thema wären. Denn die alten Lagerfeuer der formierten Wohlstandsgesellschaft sind schon lange erloschen. Weder Samstagabendshow noch Sonntagmorgenzeitung, weder Gottesdienst noch Elefantenrunde, weder „Tagesschau“ noch Volksempfänger, ja nicht mal der Tatort bringen soziale Mikrokosmen noch so verlässlich am selben Tisch zusammen, dass die Pausenhöfe und Kantinen der Republik tags drauf geschlossen darüber diskutieren.

Selbst vergleichbares Einkommen, Alter, Milieu, Parteibuch oder Bildungsniveau sorgen schon längst nicht mehr dafür, dass Menschen auch vergleichbar entertaint, informiert, echauffiert, also er-, an- und aufgeregt werden. Das zeigt sich kaum irgendwo sichtbarer als beim „größten Jugendmagazin der Welt“ früherer Tage: Da sich Minderjährige mitsamt ihrer Kommunikation naturgemäß schneller wandeln als Erwachsene, ist das das wichtigste Peergroup-Medium seit dem Peak 1991 unaufhaltsam ins Bodenlose gestürzt.

Sieben Jahre später verabschiedete es sich aus dem erlauchten Kreis der Ausgabenmillionäre. Wenn ARD-Autorin Mariska Lief drei halbe Stunden an die zweiten 35 Jahre Bravo erinnert, bräuchte es für 1,7 Millionen verkaufter Exemplare statistisch gesehen sogar 40 Ausgaben. Aktuell setzt der Bauer-Verlag nur 43.700 Stück ab – und das nicht pro Woche wie bis 2015, sondern nach fünfjähriger 14-Tägigkeit: im Monat. Anders als längst verstorbene Lifestyle-Zeitschriften von Tempo bis Popcorn gibt es Bravo zwar weiter am Kiosk. Allerdings bedrohlich nah an der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Wenngleich meist aus Gründen jenseits der eigenen Einflusssphäre.

Schließlich halbiert die Printkrise Periodika abseits der seltsam resilienten Zeit alle paar Jahre den Ausstoß. Der allmächtige Algorithmus verändert Kommunikationsmuster und ihre Medien derweil noch schneller als das Konsumverhalten. Gewachsene Popkulturblasen schlägt er auf höchster Stufe zu feinporigem Schaum. Technische Revolutionen wechseln sich da nicht mehr ab, sondern werden in einem Tempo gestapelt, das selbst hochtourige Teenager überfordert. Genau hier bedürfte es eigentlich Instanzen, die das Chaos zumindest grob sortieren. Aus Sicht des Mediensoziologen Bernd Schorb aber hat das Internet mit seinen Chats und Messengern, Blogs und Portalen „die klassischen Gatekeeper-Strukturen der Jugendmedien zerschlagen“.

Im Feed genannten Postfach tausender Memes und Reels, Hauls und Hooks, News und Teasern sozialer Medien, mag Bravo folglich ein brachialpublizistisches Krawallorgan sein. Eine Art Goldenes Blatt für die GenZ gewissermaßen, das „Wahrheit, Recherche, Differenzierung“ seit jeher durch „Emotionen, Spektakel, Unterhaltung“ ersetzt, wie die Popkulturforscherin Annekathrin Kohout ein Magazin umschreibt, das – ob digital oder analog – seit exakt 70 Jahren banales Halbwissen per Mimik-Analyse in endlose Erregungsschleifen schießt.

Zwischen bekömmlichem Gossip und giftigen Fakes aber diente Bravo Heranwachsenden als verlässliche Ansprechpartnerin in Sachen Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Dazu Gruppendynamik, Freundschaft und ganz wichtig: Popkultur – die allerdings auch was zurückbekam. Denn so laut der später geoutete Caught-in-the-Act-Traumtänzer Eloy de Jong, das ausgeblühte Blümchen Jasmin Wagner oder die DSDS-Sängerin Jeanette Biedermann ihre Boygroup-, Eurodance- und Seifenoper-Vermarktung bei Mariska Lief beklagen: Bravo hat Stars wie sie nicht nur begleitet, sondern kreiert.

Als „Steigbügelhalter oder Geschmacksverstärker“, wie es Alex Gernandt ausdrückt. Nur: als der PR-Profi persönlich Geschmäcker verstärkt und Steigbügel gehalten hat, standen noch echte Stars in München-Neuperlach Schlange und füllten dem Bauer-Verlag in Hamburg-Mitte das Konto. Madonna, Metallica, Michael Jackson, Beyoncé, 50 Cent, Bruno Mars: Noch keine 30 hat der 60-Jährige seinerzeit rund 1000 Interviews für ein Blatt geführt, das Menschen groß, aber auch klein schreiben konnte. Lang ist’s her.

Vom Titel der neuen Ausgabe lächelt zwar Taylor Swift. Doch neben Beautytipps, Influencer-Tratsch und Entjungferungsprosa redet nur das schwedische Popsternchen Zara Larsson mit Bravo. Das Prinzip Promi hat sich halt grundlegend gewandelt. Früher wurde man durch Entertainment populär, gepusht von Gatekeepern wie Bravo oder MTV. Jetzt nutzen Stars keine Medien, sie sind ihre eigenen. Was wiederum weder Journalisten noch Tonträger, geschweige denn Druckerzeugnisse benötigt. Auch, wenn die „Bravomagazin“ stattliche 870.00 Follower bei Instagram hat: Social Media Killed the Jugendzeitschriften-Star.



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