Elke Heidenreich: Altern & Lesen

Ich verabscheue den Sommer

Heidenreich

Mit Büchern wurde sie bekannt, mit Else Stratmann berühmt – jetzt hat Elke Heidenreich (Foto: Leonie von Kleist) ein furioses Buch übers Altern geschrieben und beim 10. Sylter Literaturwochenende vorgestellt. Ein Festival, das die 81-Jährige gegründet hat, um den November aufzuhellen. Ein Gespräch übers politische Lesen, Atmen als Therapie und warum sie 105 werden sollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Heidenreich, Donald Trump wurde grad wiedergewählt, die rot-gelb-grüne Koalition ist geplatzt – merkwürdiger Zeitpunkt für ein Literaturfestival, oder?

Elke Heidenreich: Das weiß man ein Jahr vorher, wenn die Planungen für so ein Festival beginnen, noch nicht. Komisch ist daher zunächst der terminliche Zeitpunkt, an dem ich gleich aus meinem Buch lese. Normalerweise findet so was abends statt, jetzt morgens. Sylt hat halt seine eigenen Gesetze. Aber vielleicht ist der politische Zeitpunkt auch perfekt, um der Welt zu zeigen, dass Literatur, Kultur, Kunst trotz der Wahl und dem Zusammenbruch der Bundesregierung eine Rolle spielen. Aber wissen, Sie, warum es noch ein sehr seltsamer Termin ist?

Na?

Weil er in der Kirche stattfindet, wo auch Christian Lindner geheiratet hatte. Wünschen wir ihm mal, dass seine Ehe länger hält als seine Regierung. Ansonsten geht mein normales Leben aber einfach weiter. Und auch die Leute, die vor der Kirche Schlange stehen, wollen offenbar für eine Stunde an was anderes denken.

Wobei Literatur ja nicht nur der Ablenkung dient, sondern auch der Konfrontation.

Natürlich. Durch die Jahrhunderte hindurch wurden immer zuerst Dichter, Sänger, Schriftsteller in die Gefängnisse der Potentaten gesteckt und mundtot gemacht. In Chile brach man Victor Jara die Hände, damit er keine Protestlieder gegen Pinochet spielen konnte. Das zeigt, wie groß die Angst der Tyrannei vor den Wahrheiten der Kunst ist. Obwohl wir – so sehr darin alles grad drunter und drüber geht – in einer funktionsfähigen Demokratie leben, sollten wir uns dessen immer bewusst sein.

Hatten Sie im halben Jahrhundert, das Sie bereits im Literaturbetrieb stecken, immer dieses Sendungsbewusstsein?

Ganz sicher. Aber nicht nur, weil es zur Literatur gehört, sondern mir selber wichtig war. Deswegen war ich über die Jahrzehnte hinweg fast missionarisch, die Leute ans Lesen zu bringen, um sich den Problemen der Realität zu stellen – ob Liebe, Krankheit, Politik oder wie in meinem neuen Buch: das Altern. Literatur kann da nicht nur Denkimpulse geben, sondern tröstlich sein und demütig machen, Teil einer Demokratie zu sein, in der alle sagen dürfen, was sie denken.

Bezogen aufs Altern schreiben Sie dazu: Man sollte einfach atmen und dankbar sein.

Also nicht nur jammern, sondern weiterleben. Altern ist ein Geschenk. Das Geschenk, leben zu dürfen.

Darf man das Altern trotzdem auch ätzend finden?

Klar, aber ich fand Jugend ätzender. Ich bin ein sehr glücklicher 81-jähriger Mensch. Mit 20 war ich als ketterauchendes Kind von Nazi-Eltern, das von Lehrern ständig Prügel bezogen und im Studium ein möbliertes Zimmer, anstatt ein Zuhause hatte, viel unglücklicher. Heute denke ich an jedem neuen Tag: Was tun wir Schönes?

Zum Beispiel auf dem Langen Literaturwochenende Sylter Privathotels lesen, dass Sie vor zehn Jahren mitbegründet haben. Ist das eher Eskapismus oder Konfrontation?

Eine Mischung. Mit Arno Geiger oder Giovanni di Lorenzo sind ja sehr politische Gäste dabei. Aber wir wollen ja nicht unentwegt belehrt, sondern auch gut unterhalten werden. Ablenkung ist wichtig. Beides schafft dieses Festival auch, um zu zeigen, dass Sylt mehr als Sommerfrische und Weihnachtszauber bietet. Die Leute kommen Anfang November teilweise von weit her, die Lesungen sind voll, die Hotels ausgebucht. Der Bedarf ist da.

Sind Sie selber denn eher Typ Sommerfrische oder Herbstnebel?

Herbstnebel, unbedingt. Die Jahreszeit, die ich am meisten verabscheue, ist der Sommer: zu heiß, zu aufdringlich, zu nackt, überhaupt nicht mein Ding. Im Frühling mühe ich mich oft vergeblich, mit ihm um die Wette zu sprießen. Aber im Herbst, wenn oben die Kraniche ziehen und unten der Nebel steht, bin ich glücklich.

Unglücklich macht Sie hingegen der aktuelle Umgang mit der deutschen Sprache.

Oh ja.

Von Korrekturen alter Werke wie dem Negerkönig bei Pipi Langstrumpf halten Sie nichts?

Oder der Oberindianer bei Udo Lindenberg. Das macht mich nicht nur unglücklich, sondern empört. Ich finde, das ist Schwachsinn. So wie man die Musik von Wagner nicht ändert, hat man auch nicht in Literatur herumzupfuschen. Und das Gendern hasse ich sogar noch mehr, das werde ich niemals tun.

Viele empfinden es als Respekt vor der menschlichen Diversität.

Also ich möchte mich durch *innen ebenso wie Susan Sontag nicht aufs Mädchen in mir reduzieren lassen. Ich bin Autor, verdammt noch mal. Ich bin Schriftsteller. Wenn andere das machen, akzeptiere es, nehme mir aber das Recht heraus, es scheußlich zu finden.

Weil es elitär ist?

Nein, aufgeblasen und dumm.

Sie selbst waren, als Ihre Kunstfigur Else Stratmann Teil der Popkultur wurde, so etwas wie der kleinbürgerliche Haken im hochkulturellen Feuilleton.

Was aber auch nur deshalb so gut funktioniert hat, weil ich bereits Teil dieser Hochkultur war. Ich hatte als Germanistin an Kindlers Literaturlexikon mitgearbeitet, gehörte aber auch zu den Gründungsmitgliedern der Popwelle SWF3, um die jungen Leute fürs Radio zu kapern. Dafür haben wir uns irgendwann Kunstfiguren ausgedacht. Michael Bollinger zum Beispiel Gotthilf Penibel und ich als Kind aus dem Ruhrgebiet eben die Else Stratmann.

Die mit Kissen unterm Bauch durchs Fenster das Leben erklärt.

Und zwar alles daran, von Königshäuser bis Relativitätstheorie. Hat mir Riesenspaß gemacht. Aber als sie zweimal die olympischen Spiele kommentiert hatte, ist sie mir über den Kopf gewachsen und hat alles andere überlagert. Außerdem wollte ich schreiben, und zwar als Elke, nicht Else. Seitdem habe ich die nie mehr gespielt.

Und was sind Sie seitdem?

Ein Autor, der Bücher, Essays, Kritiken schreibt, Mitglied im Schweizer Literaturclub und aktuell sehr viel mit meinem Buch „Altern“ unterwegs.

Was Sie offenbar vor allem sind: noch längst nicht fertig!

Darüber denke ich wirklich nicht nach. Man kann mit 27 sterben oder mit 85, was in meinem Alter etwas näher liegt. Aber vielleicht werde ich ja wie eine gute Freundin 105. Und solange man in der Welt ist, sagt der 90-jährige Cees Noteboom, nimmt man daran auch teil.


Bad Influencer: Follower & Feminismus

So schmeckt also Fame

Bad

In der ARD-Satire Bad Influencer kämpfen ein misogyner Macker und sein feministisches Opfer acht Teile darum, wer die meisten Follower findet. Das ist manchmal drüber, aber vor allem dank Lia von Blarer auf amüsante Art wahrhaftig.

Von Jan Freitag

Die Herren der Schöpfung haben über deren angeblich bessere Hälfte oft schlichtere Ansichten. „Frauen wollen Jäger“, glaubt ein misogynes Prachtexemplar mit offenem Hend unterm Dreitagebart, „das liegt in ihrer Biologie“. Als passionierter Waidmann ist Pascal deshalb auf der Jagd – und hat gerade „Nummer 5 von 7“ erlegt, wie er nach dem Sex mit Donna in sein Smartphone hechelt. Pascal ist nämlich nicht nur ihr One-Night-Stand, sondern ein Pickup-Artist. Frauen flachzulegen betrachtet er als Sport.

Weil dieser hier allerdings nicht nur ein sexistisches Arschloch ist, sondern genau damit Millionen Follower erreicht, darf man pascal_pickup101 getrost einen Bad Influencer nennen. So betitelt die ARD-Mediathek acht Episoden einer bermerkenswerten Satire. Wobei es darin weniger um ihn als Nr. 5 von 7 geht. Dank der gestreamten Demütigung plus anschließendem Shitstorm verspricht Donna ihrer Web-Community nämlich, in vier Wochen „mehr Follower*innen als dieser Dummschwanz“ zu haben.

Nach eigenen Drehbüchern (mit Anika Soisson) inszeniert Lilli Tautfest (mit Melanie Waelde) also einen Wettstreit geschlechtsspezifischer Ideologien. Hier der toxische Macho, da die burschikose Feministin, dazwischen ihre nonbinäre Mitbewohnerin Milou (Salome Kießling) – alles wie im Glossar genretypischer Klischees, also ein bisschen wohlfeil. Wäre nicht das Personal, allen voran Lia von Blarer. Die Schweizerin verpasst ihrer Figur eine Art achselhaariger Wut, der man jedes noch so derbe Kampfgetöse abkauft.

Wenn sich Donna AngryKillJoyFeminist nennt und „Femi-Fotze“ aufs T-Shirt druckt. Wenn sie einem sexuell übergriffigen Gast im Edelrestaurant Schampus über den Kopf gießt (und dafür rausfliegt, nicht er) oder „verfickte Dic-Pics“ grölt (und dafür mehr Likes als Hates erntet). Wenn Blarer ihren Zorn in die Klaviatur ihrer virtuosen Mimik speist. Dann werden ein paar drollige Übertreibungen nicht nur plausibler; sie lenken das Format in einen neuen, aber anschwellenden Zufluss des Fernsehmainstreams.

Wie zuvor Karin Hanczewski in Lilli Tautfests Knastausbrecherinnen-Groteske „Heul doch!“, wie demnächst Marie Blochin in Elsa von Damkes Superheldinnen-Satire „Angemessen Angry“, wie unterdessen Laura Tonke in Ulrike Koflers Vergewaltigerinnen-Parodie „Sexuell verfügbar“, dreht Donna den Spieß um und wird vom Objekt zum Subjekt jahrhundertealter Erniedrigung. Zum Glück aber bleibt es nicht bei einer saftigen Selbstermächtigungsstudie. Schließlich wird das anfängliche Opfer mit jeder 20-minütigen Folge mehr ihrerseits zum „Bad Influencer“.

Auch hier ist es drüber, wenn sich im Gym von Donnas Ex und Manager Rico (absolut hinreißend: Nils Hohenövel) alle beim Workout filmen oder die Influencerin in spe für billige Clicks sexpositive Pornoszenen dreht. Aber natürlich dürfen Comedys im Hamsterrad der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie die Kritik daran aufbauschen. Doch eben das tut Tautfest in einer Weise, die sich auf amüsante Art wahrhaftig vom Durchschnitt deutscher Lifestyle-Karikaturen abhebt.

Außerdem verdeutlicht erst die Kombination aus Gesellschafts- und Medienkritik, wie perfide Selbst- und Fremdausbeutungsmechanik 2024 wirken. „So schmeckt also Fame“, sagt Donna beim ersten Schluck aus der Pulle Perlwein, die ihr neuer Ruhm ins Haus gebracht hat. Am Ende der 3. Folge hat er ihre Community auf 317.167 Follower geschraubt. Dreihundertmal mehr als vorm Kräftemessen mit Pascal. Bis zu seinen 1,5 Millionen Fans hat sie da noch fünf Folgen Zeit. Man sollte sie besser nicht verpassen.


Trumps Triumpf & Lauterbachs Schatten

Die Gebrauchtwoche

TV

4. – 10. November

Der vorige Mittwoch ist hierzulande mehr als irgendwo sonst in die Geschichte des Nachrichtenwesens eingegangen – vergleichbar mit 11. September oder 9. November. Und zwar nicht nur, weil sich Donald Trump und Olaf Scholz mit unterschiedlich weltbewegender Wirkung ins Rampenlicht geschossen haben. Sondern weil diese Koinzidenz einiges übers perfekte Timing in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie aussagt.

Warum schließlich sollte der Bundeskanzler seinen Finanzminister nur Stunden nach der desaströsen US-Wahl verkünden, wenn nicht aus pressepolitischem Kalkül? Umso mehr fiel auf, dass die Tagesschau den Kollaps der Ampelkoalition statt Trumps Triumph zur Spitzenmeldung erkoren hat. Und zwar nach einer Nacht, in die Berichterstattung gezeigt hat, wie vielfältig ein pluralistisches System sein kann.

Während das ZDF drollige Gimmicks unter die überdrehte Studioband schaltete, sedierte Jörg Schönenborn das ARD-Publikum mit betulicher Langsamkeit, was allerdings noch gar nichts gegen den Stoizismus von CNN war, wo es stundenlang wirklich nichts anderes als rot-blaue Grafiken zu sehen gab. Das allerdings sind Geschmacksfragen im Vergleich dazu, was besonders der liberalen Presse unter der angekündigten Tyrannei eines Faschisten blüht.

Der cleverste Kommentar dazu kam übrigens von Philipp Bovermann, der Donald Trumps Erfolg zwei Tage später in der Süddeutschen Zeitung wie folgt erklärte: „Die Demokraten haben Follower, die Republikaner haben Influencer“. Damit haben beide im Grunde von beidem mehr als öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland, die irgendwie nix von alledem haben, dafür aber ganz schön ratlos sind, wie sie neues Publikum gewinnen, ohne altes zu verschrecken.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. November

Mit dem aktuellen ARD-Mittwochsfilm jedenfalls misslingt das eine wie das andere deutlich. Er heißt Ungeschminkt und erzählt von einer Frau, die nach jahrzehntelanger Abwesenheit in ihr bayerisches Dorf zurückkehrt, wo sie einst als Mann gelesen wurde und daher für reichlich konservative, wenn nicht gar reaktionäre Verwirrung sorgt. Das ist auch dank der burschikosen Adele Neuhauser ganz gut gemeint, was dummerweise ein Gegenteil von gut ist.

Das Gegenteil von schlecht war hingegen die deutsche Late-Coming-of-Age-Serie Deadlines, die am Donnerstag in der ZDF-Mediathek den 40. Geburtstag ihrer wankelmütigen Protagonistinnen feiert. Wieder gelungen. Wieder lustig. Aber eben auch schon Staffel 4 und damit ungefähr so abgehangen wie Boybands der Neunzigerjahre, denen die Paramount-Doku Larger Than Life am Mittwoch ein filmisches Denkmal setzt.

Tags drauf startet eine Literatur-Adaption, die Paramount+ vor seinem Abschied von deutscher Fiktion produziert und nun bei Sky untergebracht hat: In Peter Grandls Bestseller Turmschatten lässt Heiner Lauterbachs Holocaust-Überlebender Zamir das Publikum sechs Teile lang über Leben und Tod zweier Neonazis abstimmen, die er in seinem Hochbunker gefangen hält, nachdem sie in den Mord an seiner Adoptiv-Tochter beteiligt waren. Die moralische Debatte darin ist sogar relativ gehaltvoll – wäre die Story ringsum nicht so heillos mit Klischees überfrachtet.

Deshalb zum Abschluss noch drei sehenswertere Tipps: Am Mittwoch startet bei Disney+ die Crime-Serie Grotesquerie mit ermittelnder Nonne. Ab Donnerstag läuft an gleicher Stelle das neunteilige FX-Drama Say Nothing aus der heißen Phase des Nordirland-Konfliktes. Und Sonntag setzt Amazon Prime seine Porträt-Reihe deutscher Glamour-Krimineller mit Milliarden Mike fort.


El Hotzos Comeback & RTLs Verbrechen

Die Gebrauchtwoche

TV

28. Oktober – 3. November

Es ist das Comeback der Woche, und nein – damit ist nicht Donald Trump gemeint, sondern El Hotzo. Im Sommer hatte er die Meinung der Mehrheit demokratischer Menschen über ein bildmächtiges Attentat in zwei pietätlose Pointen gepackt und war von Deutschlands Medienmoralinstanz schlechthin – dem RBB – gecancelt worden. Jetzt kehrt er in Jan Böhmermanns RTL+-Doku I’m sorry, Mr. President – Der tiefe Fall des El Hotzo auf den Bildschirm zurück, und siehe da – die 38-minütige Entschuldigungs-Mockumentary ward auf wahrhaftige Weite witzig.

Also das genau Gegenteil dessen, was dem Planeten Mittwochnacht auf allen Kanälen droht. Womit an dieser Stelle ausnahmsweise nicht das Comeback des Herbstes gemeint ist, nämlich Stefan Raabs Rückkehr zum ESC, für den er gemeinsam mit dem NDR die Kandidatensuche betreiben wird. Nein, knapp fünf Monate vorm deutschen Gesangswettbewerbssieg, den der Rückkehrer verspricht, könnte tatsächlich ein Faschist als US-Präsident vereidigt werden.

Es wären dunkle Zeiten für alle. Wobei liberale Medien womöglich gar kurzfristig profitieren wie 2016, als der Thrill um Trump die Zugriffszahlen seriöser Zeitungen und Portale kurz explodieren ließ. Um den Grund dafür zu verhindern, haben sich reihenweise Promis aller Gattungen gegen den Ex-Präsidenten positioniert. Im Medien-Biz allerdings war es eigentlich nur Netflix-Chef Reed Hastings, während praktisch alle anderen den Schwanz einzogen

Allen voran natürlich Amazon-Chef Jeff Bezos, der seiner Washington Post erstmals eine Wahlempfehlung untersagte. Mark Zuckerberg dagegen verordnet sich und Facebook eine Art Neutralität, die alle Vernunftbegabten leicht als Votum pro Trump dechiffrieren. Und von Elon Musk können wir an dieser Stelle nur schweigen und reden stattdessen lieber übers Entertainment in trauriger Zeit.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

4. -10. November

Es unterhält uns ab Mittwoch in der ARD-Mediathek zum Beispiel mit Staffel 4 der wunderbaren EU-Satire Parlament. Fügt dem Daily-Kosmos von RTL+ zwei Tage später den 26-teiligen DSDS-Ableger Uferpark mit Skateboardern und Jo Gerner als Jo Gerner als Jo Gerner hinzu. Macht aus Frederick Forsyths Spionage-Bestseller Der Schakal 24 Stunden zuvor die Sky-Serie The Day of the Jackal. Und fügt der endlosen Reihe fiktionalisierter True Crime heute Abend in der ZDF-Mediathek den nächsten Sechsteiler hinzu.

In Kidnapped Chloe Ayling geht es ums gleichnamige Model (Nadia Parks), das sieben Jahre zuvor von einem Menschenhändlerring in Mailand entführt wurde. Ganz real kriminell ist auch die deutsche Titelfigur der Prime-Doku German Cocaine Cowboy ab Sonntag, wo sie in ein kolumbianisches Drogenkartell aufsteigt. Und dann wäre da ja noch Real Crime, die lange Zeit auf Sendersuche war: Zeit Verbrechen.

Produziert von Paramount+, dann aber dem Kahlschlag deutscher Fiktionen zum Opfer gefallen, hat die vielfach preisgekrönte Serien-Adaption des gleichnamigen Podcasts nun bei RTL+ Asyl gefunden. Zunächst vier Folgen à rund 60 Minuten lang stellen Helene Hegemann, Mariko Minoguchi, Jan Bonny und Faraz Shariat am Mittwoch beispiellose Straftaten nach, wobei besonders die ersten zwei Filme absolute Sensationen sind.

Was alle eint, sind aber experimentelle, fast revolutionäre Bildsprachen, die teils jede Sehgewohnheit auflösen, ohne das Publikum damit alleine zu lassen. Dieses Niveau erreicht da eigentlich nur noch die ARD-Tragikomödie Bad Influencer, ab Freitag in der Mediathek. Lia von Blarer spielt darin eine Hardcore-Feministin, die acht Teile lang mit einem Pick-up-Artist darum kämpft, wer am Ende des Monats mehr Follower*innen hat.

Das ist manchmal leicht übersteuert, aber in Donnas berechtigter Wut durchaus glaubhaft und ziemlich amüsant. Ob das auch für die Pro7-Show Destination X, gilt, in der deutsche Weltstars von Andreas Elsholz bis Hanna Sökeland auf Roadtrip durch Europa gehen? Na ja… Dann doch lieber auf Thomas Manns Zauberberg, dessen Erstveröffentlichung vor 100 Jahren Arte ab Mittwoch feiert.


Fernsehreformen & Achtsamkeitsmörder

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Oktober

Nun ist es durch – das Reformstaatsvertrag genannte Zwischenresultat monatelanger Vorarbeiten der Zukunftsrat genannten Kommission zur Aufarbeitung jahrzehntelanger Versäumnisse öffentlich-rechtlich genannter Sendeanstalten. Der große Wurf sollte im Auftrag diverser Fachleute unter Führung von Julia Jäkel aufgeblähte Strukturen verschlanken, um die Programmvielfalt zu erhalten. Worüber die Länder nun allerdings abstimmen, ist das genaue Gegenteil: die Strukturen bleiben ähnlich fett wie zuvor, während die Inhalte abspecken.

Statt einer großen Verwaltungseinheit zumindest die Geschäftsführung zu überantworten, werkeln die neun Landesfunkhäuser weiter vor sich hin – wenngleich für weniger Sport und Kanäle, die teilweise zusammengelegt werden. Das ist also der Preis dafür, dass ostdeutsche Landesregierungen ein bisschen weniger auf den so genannten „Staatsfunk“ eindreschen und Anfang 2025 womöglich sogar der Beitragserhöhung um 58 Cent zustimmen.

Das aber wird trotz klarer KEF-Empfehlung nicht passieren. Zu nah stehen die CDU-Fraktionen von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen-Anhalt medienpolitikphilosophisch AfD und BSW Zu niedrig sind die Brandmauern zur Eindämmung faschistischer Tendenzen dort, wo der Nationalsozialismus schon einmal seinen Siegeszug begonnen hat. Zu wenig weiß man hinter Eisernen Vorhang diktatorischer Tage die Segnungen des ÖRR zu schätzen.

Und so werden die 58 Cent im Frühjahr abermals vom Bundesverfassungsgericht bestätigt – und liefern den Gegnern des pluralistischen Liberalismus neues Futter, genau den verächtlich zu machen. Herzlich willkommen in der Welt des Elon Musik also, der sich aktuell zwar 25/7 auf seinem Feldzug für Donald Trumps anstehende Despotie befindet und dafür sogar Zeit für deutsche Nachrichtenmagazine hat.

Kürzlich warf er dem Spiegel vor, er habe zu Attentaten auf ihn aufgerufen, wogegen sich der Verlag in Hamburg ein bisschen wehrt und damit exakt jene Aufmerksamkeit kreiert, von der sich Musk zu ernähren scheint. Für echte Nahrungsaufnahme dürfte ihm schließlich keine Zeit bleiben – bei bis zu 300 Tweets gegen alles links der Rechtsextremen, die er pro Tag bei X absetzt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Oktober – 3. November

Ob es sich da überhaupt noch lohnt, am 5. November der US-Wahl bei seriösen Sendern wie ARD, CNN oder NBC zu verfolgen, steht komplett in den Sternen. Vielleicht sollte man sich also doch lieber mit Entertainment sedieren. Der bemerkenswerten Disney-Serie Rivals zum Beispiel, die uns Richtung Achtziger entführt, wo Rupert Murdoch den Boulevard gerade ohne Trump zu kennen, auf dessen Kurs manövrierte.

Mit David Tennant als fiktive Version des rechtspopulistischen Steigbügelhalters erinnert die Serie an ein gemischtes Doppel aus Guy Ritchie und Steven Soderbergh, was maximal drüber ist, aber sehr unterhaltsam. Beide könnten theoretisch auch hinter Achtsam morden stehen – hätte Netflix die Serie nicht in Deutschland produziert. Auf der Basis von Carsten Dusses Bestseller spielt Tom Schilling darin einen Sozius der Berliner Unterwelt und wird durchs Achtsamkeitstraining von Peter Jordan nur noch effizienter.

Das ist zwar ebenfalls heillos absurd, aber auf originelle Art umwerfend und deshalb jeden der acht Teile wert. Das komplette Gegenteil bringt dagegen die ARD-Sketchcomedy Smeilingen ab Donnerstag zustande. Ein Dutzend eigentlich komischer Vögel von Uwe Ochsenknecht über Mirja Boes und Cordula Stratmann bis Armin Rohde karikieren darin deutsches Landleben, schaffen es aber, in 30 Minuten pro Folge keinen Witz zu machen. Nicht einen. Nullkommanull.

Dann doch lieber den Netflix-Welterfolg Nobody Wants This um eine schicke New Yorker Podcasterin bingen, die sich in einen Rabbi verliebt und dabei allerlei Kulturen ineinander clashen lässt. Vielleicht sogar den nächsten Versuch, Franz Beckenbauer ohne falsche Lobhudelei zu porträtieren wie im Magenta-Dreiteiler Der letzte Kaiser ab Donnerstag. Oder noch besser parallel: Licht aus!, ein englischer Prime-Import, in dem acht deutsche 1b- bis C-Promis sechs Tage lang komplett im Dunkeln verbringen. Klingt nach buchstäblich finsterem Dschungelcamp, ist aber absolut sehenswerte Reality.


Schwarze Früchte: Diversity & Lamin Gibba

Vom Recht zu nerven

SchwarzeFrüchte - Key Visual Posterformat_Lalo(LaminLeroyGibba) Karla (Melodie Simina) ©ARD Degeto_Jünglinge Film_Studio Zentral_DavidUzochukwu

In der ARD-Serie Schwarze Früchte kämpfen die Hauptfiguren gegen Diskriminierung – und fürs Recht, trotz und wegen ihrer postmograntischen Queerness ätzend zu sein. Eine Begegnung mit Hauptdarsteller, Headautor, Showrunner Lamin Leroy Gibba in Hamburg.

Von Jan Freitag

Intersektionalität umschreibt ein sozialwissenschaftliches Phänomen, das Betroffene doppelt und dreifach gesellschaftlicher Herabwürdigung aussetzt. Als Schwarzer zum Beispiel bietet der schwule Lalo seiner Umgebung praktisch zeitlebens zwei Angriffsflächen, die eine fiese Hautkrankheit einst sogar noch vergrößert hatte. Damit nicht genug, ist er obendrein das, was ihm seine beste Freundin Karla, ebenfalls Schwarz und sexuell offen für vieles, brutal an den Kopf knallt: „Übertrieben nervig!“

Ihre Schlussfolgerung, er sei deshalb in seiner Jugend ständig verprügelt worden, hält vermutlich keiner tieferen Täter-Analyse stand; aber sie kennzeichnet einen der vielen guten Gründe, warum die ARD-Serie Schwarze Früchte mit das Beste ist, was dem Fernsehen zum Thema Diversität widerfahren konnte. Acht durchschnittlich 30-minütige Folgen lang erzählt Hauptdarsteller und Headautor Lamin Leroy Gibba zwar von postmigrantischer Queerness in Deutschland. Sein vorerst größtes Serienprojekt verkneift sich dabei jedoch wohltuend klassische Opferrollen und ausgefahrene Zeigefinger.

Noch keine 30, steckt Gibbas Alter Ego schließlich aus tausend Gründen bis zum Hals in der Sinnkrise. Erst stirbt sein Vater, dann bricht er das Architekturstudium ab, kurz darauf macht auch noch Tobias (Nick Romeo Reimann) Schluss. Und weil Lalos Sandkastenfreundin Karla (Melodie Simina) an einer ganzen Reihe Fronten mit ihrer eigenen Intersektionalität zu kämpfen hat, schlingert er zusehends allein durch eine Gesellschaft, deren Abgründe sich bereits in der grandiosen Einstiegssequenz entfalten: Nach zwei Jahren Beziehung lernt Lalo darin endlich Tobis Familie kennen.

Leider zeigt sich am reichgedeckten Esstisch im Speckgürtel von Dibbas Heimatstadt Hamburg, dass offen homophober Rassismus, dem der Creator und seine Figur nahezu lebenslang ausgesetzt sind, nicht zwingend die unangenehmste Form tagtäglicher Diskriminierung sein muss. Wenn Tobis linksliberale Mutter Maren (Judith Engel) mit der Frage, „du bist aber schon mit deinem Vater aufgewachsen?“ suggeriert, Schwarze täten das sonst nicht, verströmt ihr Linksliberalismus ölige Toleranz. Und als Lamin bei der Bitte um ein paar Rassismus-Erlebnisse den Spieß mit Fragen zu Marens ehelicher Treue umdreht, sinkt der Stimmungspegel in aller kultivierten Stille so tief, dass die Luft vor lauter Schweigen vibriert.

Die passive Aggressivität solcher Szenen bleibt bei aller Wahrhaftigkeit jedoch fiktiv. Schwarze Früchte sei „kein autobiografisches Projekt, schon gar nicht mein Leben“, sagt Lamin Leroy Gibba am Tag nach der Hamburger Filmfest-Premiere, „aber sie reimt sich an manchen Stellen darauf“. Aber auch, wenn das fremdschamschreckliche Klischeedinner erfunden ist, sind dem Showrunner die „Machtdynamiken solcher Verhörsituationen“ ebenso vertraut wie seiner queer-migrantischen Crew. Umso cleverer, dass sich diese Dynamiken acht Teile lang im Hintergrund höchstpersönlicher Schicksale halten.

Produziert von Studio Zentral und Jünglinge Film, die mit Angemessen Angry und Futur Drei bereits zwei exzellente Fiktionen um Last und Lust diverser Identitäten im Portfolio haben, will Gibba die mannigfaltige Diskriminierung seiner Figuren von Rassismus über Sexismus bis Klassismus „nicht erklären, sondern sichtbar machen, ohne ihnen die Deutungshoheit darüber zu nehmen“. Und das gelingt ihm mit einer Volte, für die man dringend den Liedermacher Fanny van Dannen zitieren muss: „Auch schwarze lesbische Behinderte / können ätzend sein.“

Wenn Gibbas Regisseure Elisha Smith-Leverock und David Uzochukwu, bislang vor allem durch Musik- oder Werbevideos auffällig geworden, in Kopf, Herz und Seele bindungsgestörter Großstadtgewächse blicken, bleibt nämlich niemand ungeschoren. Während Karla, als Führungskraft aus reichem Hause das Gegenteil tradierter Filmklischees über Schwarze Frauen, mit jeder übergriffigen Person, der sie vor den Kopf stößt, toxischer agiert, wird Lalo mit jeder abweisenden Person, die er anhimmelt, strapaziöser.  „Wie ich selbst“, sagt sein Darsteller, „sucht er Strategien, um aus einem System, das nicht für ihn gebaut ist, das Beste rauszuholen“. Nur, leider ist dieses Beste meist unerträglich.

Natürlich ist Lalos Harmoniesucht am Rand der Realitätsflucht nicht schuld am queerfeindlichen Rassismus derer, die ihm seit jeher Gewalt antun. Doch für alle anderen aber zeigt sie sich als das, was Karla eingangs sagte: übertrieben nervig. Einerseits. Denn andererseits ist dieses Nerven als queere Person of Colour unter weißen Heteros ein ebenso seltener wie nötiger Akt der Selbstermächtigung. Für die Lalos und Karlas am Bildschirmrand der Mehrheitsgesellschaft gab es früher nämlich exakt zwei Aggregatszustände: Opfer oder Täter, Putzfrau oder Ganove, geflüchtet oder kriminell.

Seit der Münchner Senegalese Charly Huber parallel zu Carsten Flöters Coming-out in der Lindenstraße 1986 Deutschlands erster schwarzer TV-Kommissar wurde, hat sich einiges geändert, manches gar zum Guten. Die Kombination beider Identitäten – heute als LGBTQI+ und BIPoC bekannt – bleibt jedoch eine Rarität. Ausnahmen wie in der (lesbischen) Neo-Serie Loving her oder der (schwulen) ARD-Serie All you need sind zwar nicht makellos, aber liebenswert und stets attraktiv. Die Schwarzen Früchte dürfen dagegen faul und fleckig sein – verglichen mit Empowerment Marke Hollywood von The L-Word bis Queer as Folk ein echter Quantensprung.

Übertragen auf Dax-Vorstände, die erst als gleichberechtigt gelten, wenn eine Frau darin so ungestraft versagen darf wie Männer, hieße das allerdings: wahrer Emanzipation sind wir erst den nächsten Trippelschritt näher, wenn Intersektionalität so ungestraft nerven darf wie Lalo. Nur: darum geht es dessen Schöpfer gar nicht. Im Gegenteil. Auf St. Pauli, wo Lamin Leroy Gibbas Outfit und Habitus weniger auffallen als sein Minztee, versucht er die Seriencharaktere lieber vom soziokulturellen Ballast aus Identität und Herkunft zu befreien.

„Während ihre Erfahrungen spezifisch sind, sind die Emotionen universell“, sagt er in Lamins Tonfall. Daher sei Schwarze Früchte für alle gedacht, „auch wenn sie weder schwarz noch queer oder Mitte 20 sind“. In einer Milieustudie digitaler Kommunikation und ihrer Fallstricke. Mit wunderbarem Cast bis in die Episodenrollen (Paula Kober). Mit suggestiver statt manipulativer Musik (Don Jegosah). Mit authentischer Kostümierung (Freya Herrmann). Vor allem aber mit einem Creator, der aufopferungsvoll für die Sichtbarkeit benachteiligter Gruppen ringt und frei von Eitelkeit Fremdscham erduldet, bis es wehtut.

Noch zieht Gibba dafür mehr Strippen als ihm lieb ist. In zwei von drei Projekten hat das 30-jährige Multitalent zuletzt auch noch Regie geführt. Nur so könne er postmigrantische Queerness „abseits gängiger Klischees realisieren“. Ein Privileg, gewiss. Aber es zeige, „dass man als marginalisierter Schauspieler viel Extraarbeit leisten muss, um seinem Beruf nachgehen zu können“. Im Fall der Schwarzen Früchte kann man nur sagen: Danke für den Einsatz! Er hat sich bis zur letzten Sekunde gelohnt.


Trumps Azubis & joyns Stromberg

Die Gebrauchtwoche

TV

14. – 20. Oktober

Bill Pruitt kennen hierzulande höchstens Eingeweihte aus dem innersten Zirkel der Medienpolitik. Dabei hat ein Monster, das er schuf, selbst die äußersten Zirkel der Weltpolitik durchdrungen. Vor genau 20 Jahren produzierte der Reality-Fachmann die NBC-Show The Apprentice, wo kein Geringerer als Donald Trump zur TV-Ikone wuchs und weiter ins Weiße Haus wuchern konnte. Nach Ablauf seiner Verschwiegenheitsklausel offenbart Pruitt jetzt, was es mit dem angehäuften Ruhm des Quotenmillionärs auf sich hatte.

Nämlich nichts.

Denn alles, was Trump in der Sendung von sich gab, waren gescriptete Luftschlösser aus PR und Geltungssucht. Seine Milliarden? Aufgebläht! Der Büro-Trakt? Kulisse! Die Vorhersagen über den Werdegang der Kandidaten? Nachträglich gefilmt! Trump sei ein Marktschreier, sagt Pruitt in der Süddeutschen Zeitung fröhlich zerknirscht und stellt als Abbitte für seine Sünden verschüttete Aufnahmen in Aussicht, die noch mehr Ungeheuerliches über den King of Fake enthüllen. Schade, dass sie keinen seiner Jünger interessieren.

Die halten es eher mit der Eigenabsolution misogyner Alpharüden wie Thomas Gottschalk. Dessen Kommentarspalten quellen ja gerade über vor Solidarität Gleichgesinnter, denen Emanzipation und Diversität grundlegend suspekt sind. Dass Tommy in einer alten Biografie schrieb, offenbar bei geringstem Anlass seine Kinder verkloppt zu haben, findet dort demnach ähnlichen Zuspruch. Angefeuert von so viel Liebe für Hiebe, bringt Gottschalk auch schon sein Comeback auf der Wettcouch ins Gespräch.

Dort, wo die Zukunft Lichtjahre von den Preisträger*innen beim Grimme Online Award entfernt ist: Europäische Waffen, amerikanische Opfer und Systemeinstellungen (Information), #LastSeeen und keine.erinnerungskultur (Wissen), Curt Bloch und Library of Lost Books (Kultur), Databroker Files Recherche (Spezial) und @tahdur auf TikTok (Publikum) reihen sich in die Reihe illustrer Vorgänger von Bildblog bis Postillon, Datteltäter bis Krautreporter, #ichbinhier bis #aufschre ein und wer weiß – 2025 vielleicht tagesschau together, seit vorigen Donnerstag das interaktive ARD-Nachrichtenformat auf Twitch.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

21. – 27. Oktober

Dort, wo junge Menschen wirklich hinschauen, um die Welt zu entdecken oder sich lustig berieseln zu lassen. Vom Themenschwerpunkt #Unsere Flüsse, eingebettet in eine Multichannel-Initiative zum Gewässerschutz, kriegen sie dagegen überall etwas mit – nur nicht Montagabend um 22.50 Uhr im Ersten. Gleiches gilt für drei erhellende Dokus über den amerikanischen Rechtsruck, der ja längst Faschismus-Beben wird, Dienstagabend bei Arte.

Die Mockumentary-Serie Kek dagegen, eine Art Stromberg im Schul-, statt Versicherungswesen, dürfte die Generationen Z bis Alpha nicht nur wegen der Thematik, sondern auch dem jugendlicheren Sendeplatz joyn ab Donnerstag erreichen. Das könnte aber auch fürs reifere Browser Ballett Heimatquiz gelten, parallel in der ZDF-Mediathek, wo tags drauf die Fortpflanzungscomedy Best Family Forever startet.

Während eine Mittzwanzigerin darin verbissen Mutter werden möchte, wird die andere ungewollt schwanger, weshalb sie sich zum Co-Parenting entscheiden. Das ist über acht Folgen hinweg nur leider mäßig inspirierend – und damit das genaue Gegenteil einer Serie über den biologisch-menschlichen Prozess der Fortpflanzung an sich: 30 Tage Lust. Ebenfalls Freitag startet die Dramedy um zwei 30-Jährige, die nach der Hälfte ihres Lebens als Paar spontan entscheiden, einen Monat fremdzugehen, in der ARD-Mediathek.

Das ist zwar nur selten so richtig witzig. Aber was Regisseurin Pia Hellenthal nach Drehbüchern aus von Bartosz Grudzieckis Writers Room skizzieren, läuft vor Empathie, Anmut, Realness der Multioptionsgesellschaft nur so über und ist daher echt eine kleine Sensation. Das darf der zehnteilige Mystery-Thriller Before mit Billy Crystal als Psychiater eines schwer durchgeknallten Kindes nicht für sich beanspruchen – ab Freitag bei AppleTV+ ist aber auch das einfach: gute Unterhaltung.


Karate, Pöbel MC, Donkey Kid

Karate

Wiedersehen macht Freude, Wiederhören erst recht, aber dieses Wiederhörensehen – das kramt viele (zugegeben persönliche) Emotionen aus dem Kellerloch unserer dystopischen Zeit: Karate sind zurück. In einer utopischen Zeit (1993) gegründet, stand das punkverwurzelte Trio aus Boston für eklektischen DIY-Jazzrock der Extraklasse: Virtuos, struppig, elegant, verwegen. Jetzt ist es nahezu in Originalbesetzung zurück.

Und nein: Die avantgardistische Wucht der ersten fünf Alben kriegt Geoff Farina schon deshalb nicht mehr hin, weil seine Überwältigungsstimme zum Dauerthema Beziehungen etwas ausgedünnt klingt. Doch die Riffs dahinter, der energische Hang zum kultivierten Gitarrensolo über den verstiegenen Drums von Gavin McCarthy – das ist immer noch so umwerfend, dass man kurz mal 20 Jahre rückwärts reist, als die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung schien.

Karate – Make It Fit (Cargo)

Pöbel MC

Und ob er’s glaubt oder nicht: Pöbel MC, wie sein Kollege Marteria aus der heimlichen HipHopHauptstadt Rostock, hat ganz schön viel Karate in den Adern. Sein Gossen-Rap atmet den Spirit der Bronx, klingt wie die testosterongesättigtsten Gangsta aus Aggroberlin, ist dabei aber von einer zerdepperten Virtuosität, dass man ihn glatt in der Elbphilharmonie spielen (und hinter ja schön die Wabenkonstruktion mit seiner Lyrik vollsprayen) könnte.

“Heute Dr. P / rappt mit Prädikatsexamen / ziemlich schwer / wie mit dem Flugzeug schwarzzufahren / Ihr macht auf Asis und wisst ihr seid verlogen / Umstürze nach oben und nicht Kinderrap auf Drogen” grollt Pöbel MC auf seiner zweiten Platte Dr. Pöbel und zeigt sich dabei erneut als Deutschlands wortreichster, brachialpoetischster, bester Reimakrobat mit Haltung (links), Wut (konstruktiv) und Wirkung (Aufdrehen, Abdrehen, Abgehen).

Pöbel MC – Dr. Pöbel (Audiolith)

Donkey Kid

Und damit wir jetzt alle mal kurz wieder runterkommen von Nostalgie und Gepöbel, quasi in der bildungsbürgerlich kultivierten Mitte von Boomer-Exzess und GenZ-Enthemmung, hier noch eine Empfehlung ohne allzu viel Metaebene. Es geht um das Debütalbum des Berliner Bigband-Solisten Donkey Kid. Blöder Name, Instagrammability, alles irgendwie schon tausendmal gehört.

Trotzdem strahlt Heavyweight Champion etwas aus, das leider viel zu selten ist in britisch angehauchter Electronica: Selbstironie, transportiert etwa durch newwavigen Discocountry, verschrobene Keyboards zu Waschbrett-Rhythmen, hier mal ein Nintendo-Gefrickel, dort etwas Club-Geballer, Uptempo-Beats und Downtempo-Flows, vieles drollig, oft infantil, aber einfach sehr, sehr unterhaltsam four-to-the-flour.

Donkey Kid – Heavyweight Champion (Euphorie Records)


Love Sucks: Models & Vampire

Düsterdeutsche Mystery

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Die ZDF-Serie Love Sucks erzählt Romeo & Julia unter Vampiren von heute nach. Das ist radikal oberflächlich, zuweilen sehr deutsch. Gerade deshalb aber auch ganz schön ansehnlich.

Von Jan Freitag

Von wegen Aschenputtel: Soziale Schichten sind in der Regel gerade aufwärts so undurchlässig, dass sich die Menschen darin selten grenzübergreifend verpartnern. Normabweichungen kommen allenfalls in Teenagerträumen vor – und Melodramen. Als der neofeudale Ben von Greifenstein (Damian Hardung) eine Kirmes besucht, steigt er in den Ring der burschikosen Preisboxerin Zelda (Havana Joy Braun), verliebt sich trotz bezogener Dresche fünf soziale Stufen abwärts. Und was auch so schon jeder Wahrscheinlichkeit widerspricht, wird dadurch kaum realistischer, dass Ben ein Vampir ist.

Keine allzu verheißungsvolle Beziehungsbasis also für die öffentlich-rechtliche Gruselromanze Love Sucks. Zumal Zelda nicht nur versehentlich die Angebetete von Bens fiesem Bruder Theo (Rick Okon) umbringt, der Rache schwört; ihre Jahrmarktdynastie erweist sich auch noch als Nachfolger Abraham van Helsings, die auf höheres Geheiß Jagd auf Untote machen. Das ZDF badet also genüsslich im Kunstblut von Twilight bis True Blood, die Romeo & Julia Mitte der Nullerjahre bissfest reanimiert hatten.

Schade, dass Andreas Prochaska und Lea Becker dabei in (seltsam deutsche) Klischees verfallen. Acht Teile verrühren sie die Drehbücher aus dem Writers Room von Serienschöpfer Marc O. Seng zu einer sämigen Soße ortsüblicher Stereotypen, die vier Stunden vor sich hin blubbert. Das Gute guckt empathisch, das Böse lacht gehässig, beides achtet penibel aufs Äußere bildschöner Geschöpfe, deren Funktion ihrer Form in fast jeder Minute betriebsblind hinterherhechelt, dass niemanden am Set zu interessieren schien, warum diese Capulet eigentlich diesen Montague anhimmelt und umgekehrt.

Vieles an Love Sucks bleibt daher oberflächliche Behauptung einer Lovestory, an der die Vampire noch das Glaubhafteste sind. Vieles ist aber auch deshalb absolut instagramtauglich. Düsterdeutsche Mystery, das zeigen die Streaming-Millionäre Dark oder Barbaren, führt ja nicht trotz, sondern wegen ihrer leicht pathetischen Effekthascherei globale Abrufrankings an. Dass sich die Tanktop-Amazone Zelda da nach kurzer Begegnung mit dem wortkargem Ben zur Dancing Queen seines technoiden Tanzes der Vampire aufbrezelt, mag da selbst für magische Verhältnisse Unfug sein; es macht die Serie ungeheuer ansehnlich.

Dafür greift Studio Zentral tief in der Ideenkiste eindrücklicher Ausstattungselemente. Der barocke Gothic-Pop untoter Greifensteins um die Morticia-Addams-hafte Clanchefin Katharina (Anne Ratte-Polle) kontrastiert wunderschön mit Frankfurts lebloser Glas-Stahl-Aseptik. Bens Bürde der ständigen Hinwendung zu Lebenden statt seinesgleichen, hat sich Marc O. Seng zwar beim Highlander geborgt, das aber sehr versiert. Der Twist, dass Vampire selbst entscheiden, ob ihr Fluch auf Gebissene übergeht, erklärt endlich mal schlüssig, warum die Welt nicht längst flächendeckend blutsaugt.

Der tagtägliche Umgang mit Draculas Todfeinden Pflock und Sonne denkt dazu durchaus originell Peter Meisters Genre-Spaß Der Upir weiter. Geistesblitze wie die New Dawn Care AG genannte Blutbank der Reichensteins zur unauffälligen Eigenversorgung ist ganz schön pfiffig. Als habituell robuste Schausteller legen Stipe Erceg und Dennis Scheuermann zudem nahe, sie hätten für ihre Rummelplatzrollen Ilja und Branko Zori ein paar Monate als junge Männer zum Mitreisen verbracht. Und dann war ja noch gar nicht von deren Serienverwandten die Rede.

Selten wurde die weibliche Hauptfigur einer popkulturell überfrachteten Coming-of-Age-Ballade so gegen den Strich tradierter Sehgewohnheiten besetzt wie Havana Joy Braun. Dass ausgerechnet ihre Amour fou seltsam blutleer wirkt, ist da fast ebenso egal wie die angesprochenen Klischees. Nach ein paar Kurz- und Werbefilmen verleiht die 24-Jährige ihrer ersten Hauptrolle eine Bildschirmpräsenz, von der Damian Hardung bei allem Respekt nur träumen kann. Und weil sie die zu cleveren Coverversionen wie Jealous Guy oder Nothing Else Matters entfalten darf, ist Love Sucks am Ende doch besser als die Summe ihrer Stereotypen.


Gottschalks Schritt & Schwarze Früchte

Die Gebrauchtwoche

TV

7. – 13. Oktober

Es waren aber auch komplizierte Zeiten auf großen Sofas, so vor 25 Jahren. Da locken wenige Zentimeter vom eigenen Schritt entfernt zwei nackte Frauenschenkel, und ein Mann im Zenit seiner Lendenkraft darf nicht zupacken? Völlig undenkbar für einen wie Thomas Gottschalk – auch wenn er seine Übergriffigkeit im Spiegel-Interview als beruflich deklariert und beim Kölner Treff präzisiert, erst zu denken, dann zu handeln, sei für den Mittsiebziger „schlimm“.

Weil seine Selbsteinweisung ins Paläozoikum aufgeklärter Männlichkeit so offensichtlich der PR seiner Autobiografie dient, belegt er im Aufmerksamkeitsringkampf der überprivilegiert Unterbelichteten allerdings nur den 1. Platz. Vorne rangiert Jürgen Klopp, der den Abstieg vom Olymp basisdemokratischer Anerkennung in die Hölle der vulgärkapitalistischen Dosen-Monarchie Red Bull auch noch sportlich erklären wollte und sich damit nur noch unglaubwürdiger macht.

Den 3. Platz eroberte Sahra Wagenknecht, als sie vorigen Mittwoch bei Welt TV gegen Alice Weidel ins Rennen um die dunkelste Schwarzmalerei ging und trotz ähnlicher Ideologie mit drei Längen Vorsprung vor ihrer rechtsextremen Diskutantin ins Ziel ging. Die wiederum machte nur einmal auf sich aufmerksam: durchs irre Lachen bei ihrer (selbst für AfD-Verhältnisse bizarren) Lobeshymne auf Donald Trump.

Dessen Gegnerin kämpft derweil nicht nur mit ihm, sondern Medien, die fast verbissen nach Haaren in der demokratischen Suppe suchen. Platz 4 nehmt daher die liberale Presse ein, in der Kamala Harris aktuell fast noch schlechter wegkommt als ihr faschistoider Konkurrent. Platz 5 gebührt Stefan Raab, dem in mittlerweile vier Folgen DGHNDMBSR kein einziger Witz eingefallen ist, der woanders als nach unten tritt.

Oder wie es die Süddeutsche Zeitung formuliert: Während die Unterhaltung von Joko & Klaas dafür sorgt, dass sich andere besser fühlen, fühlt sich Raabs Publikum nur besser als andere. Und damit zu Deutschlands bis heute erfolgreichsten TV-Export: Derrick, der am 18. Oktober 1974 debütierte. Obwohl sein Darsteller Horst Tappert als SS-Scherge gar nicht ins ZDF, sondern Gefängnis gehört hätte, gratulieren wir herzlich zum 50. Geburtstag.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

14. – 20. Oktober

Zum Beispiel mit dem einmaligen Ausflug des Tatort-Kommissars Murot in Tapperts Biotop unverzeihlicher Menschheitsverbrechen. Auf der Suche nach maximaler Absurdität schickt ihn der HR diesen Sonntag zum Ermitteln ins 1000-jährige Reich, was Konservative vermutlich ebenso auf die Zinne bringen wird, wie das erstaunlichste, vor allem aber beste Format dieser Woche: Schwarze Früchte.

Der Filmemacher Lamin Leroy Dibba hat sich dafür eine Figur auf den Leib geschrieben, die ab Freitag als schwuler Schwarzer ins Vorurteilsgestrüpp der heteronormativen Mehrheitskultur seiner Heimatstadt Hamburg gerät. Das Einzigartige am ARD-Achtteiler ist aber, dass sich Lalo wie seine Freundin Karla nicht auf sexuelle Identität oder Hautfarbe reduzieren lässt. Nur so wird die Dramedy zum besten Stück Selbstermächtigung im Bereich postmigrantischer Queerness seit langem.

Alles andere sind da allenfalls Zugaben – wenngleich oft sehenswerte wie Taylor Sheridans zwölfteiliges Drama Landman, parallel bei Paramount+, aus dem Bohrloch der amerikanischen Ölindustrie. Oder zeitgleich die Historyserie Rivals um zwei Alphatiere der Achtzigerjahre (Neil Tennant & Alex Hassell), deren Kampf um Privilegien Freitag bei Disney+ acht Teile lang eskalieren darf.

Bereits Dienstag läuft Staffel 2 der Western-Serie Billy the Kid bei Magenta an. Und zum Schluss zwei Dokus: Am Sonntag begegnet ZDFinfo Siggi the Hacker, einem Computer-Nerd, der es von Island aus in die Inner Circle digitaler Macht geschafft hat. Und bereits online: DJ Mehdi, ein fünfteiliges Porträt des viel zu früh verstorbenen Visionär des French Touch in der Arte-Mediathek und schon wegen der Live-Aufnahmen unbedingt sehenswert.