Reichelts Penis & Lukes Bäume

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. März

Huch, Julian Reichelt, als Bild-Boss qua Amtsdefinition ein misogyner Macho aus dem Mesozoikum männlicher Selbstherrlichkeit – ausgerechnet der soll gegen den weiblichen Teil seiner Redaktion Machtmissbrauch und Mobbing bis hin zur sexuellen Nötigung praktizieren, wie der Spiegel über interne Ermittlungen berichtet, die Jan Böhmermann Freitag zuvor bereits angedeutet hatte? Verrückte Idee! Gilt doch allein schon Reichelt quellendes Brusthaar als Beleg seines feministischen Geschlechterdenkens. Vermutlich haben die ungefickten Bild-Bitches an der Kaffeemaschine also einfach mal wieder zu heiße Klamotten angehabt – was soll ein echter Kerl wie dieser denn dann bitte anderes machen als zuzugreifen?

Umso ritterlicher, dass er sich selbst beurlaubt und den Verleumdern Klagen angedroht hat. Und huch, das englische Königshaus, begründet auf Ausbeutung und Rassismus, soll Vorbehalte gegen Prinz Harrys schlammblütige Frau Meghan hegen? Gibt’s ja gar nicht! Was es nach Oprah Winfreys Interview mit den abtrünnigen Royals gab, waren 30 Prozent Marktanteil für RTL, die Aussicht auf noch zwei Staffeln The Crown und ein Tsunami, der selbst den Brachial-Talker Pierce Morgan mitgerissen hat, nachdem er in seiner ITV-Show Good Morning Britain wie üblich Partei für die reaktionäre Rechte, also Queen und Sun ergriffen hat.

Wobei man Flutwellen auch surfen kann. Der Abgang von Morgan, moralisch verhornt im braunsten Abraum der Yellow Press, wird als bewusster Eklat angesehen, um ein englisches Fox News zu besetzen. Sollte es demnächst ein deutsches geben, stünde der gefeuerte Sky-Reporter Jörg Dahlmann bereit, den nach allerlei Männerwitzen über Spielerfrauen nun ein Sushi-Vergleich zum Verhängnis wurde. Während ihm der deutsch alternative Windfähnchen-Wissenschaftler Hendrik Streeck dank eines RTL-Podcasts mit Chemie-Nobelpreisträgerin Katja Burgard nicht folgen kann, stünde Anna Schneider von der neurechten NZZ als Berlin-Korrespondentin bereit, nachdem sie sich gestern im Presseclub als Fan frauenfreier Volksvertretungen gezeigt hatte. Und Dieter Bohlen wäre seit seinem Abschied von DSDS als Juror eines möglichen Fox-Castings frei.

Die Frischwoche

15. – 21. März

Dessen künftiger Ex-Sender wagt sich heute auf sozialfaktisches Terrain, wenn Henning Baum dort um 20.15 Uhr Hinter den Kulissen der Polizei Reporter spielt. Ulkige, aber irgendwie auch naheliegende Idee des Rot- und Blaulichtkanals. Die Konkurrenz von Sat1 simuliert parallel mit LUKE! Die Umwelt und ich Nachhaltigkeit, die aber spätestens im Reklameblock als Opportunismus entlarvt werden dürfte, wenn für SUVs und anderen Scheißegalkonsum geworben wird.

Auch damit ist also erklärbar, dass Sat1 von Vox auf Platz 5 der Quotenliste verdrängt wurde. Dort läuft schließlich ab Mittwoch die fabelhaft morbide Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht als Free-TV-Premiere. Online startet dagegen heute die fiktionale Istanbul-Studie Paper Lives auf Netflix und setzt damit die Reihe hervorragender Serien aus der Türkei fort. Nicht ganz so hervorragend, immerhin jedoch optisch furios ist die achtteilige Tarantino-Hommage Sky Rojo ab Freitag an gleicher Stelle über drei spanische Edel-Huren auf der blutigen Flucht vor ihrem Zuhälter.

Gleicher Kanal, gleiche Zeit, gewöhnliches Thema: die 1. Staffel der amerikanischen Nanny-Comedy Country Comfort, tags drauf gefolgt von der 2. Staffel Ausgebremst mit Maria Furtwängler als entnervt lustige Fahrschullehrerin bei TNT. Morgen schon beginnt bei Joyn+ die Bostoner Familien-Sitcom The McCarthys. Und dann wären wir auch schon bei Runde drei der Ku’damm-Reihe im ZDF – diesmal im Jahr 1963. Wie immer opulent kostümiert, wie immer ein bisschen frauenbewegt, wie immer arg oberflächenverliebt.


Baby Boys, Schorl3, Gossenboss mit Zett

Baby Boys

Augenzwinkern zählt nicht unbedingt zu den ersten Eigenschaften männlicher Musiker – schon gar nicht, ohne dabei kindisch, ironisch, gar zynisch werden. Die Baby Boys aus Minneapolis sind letzteres gar nicht, ersteres ein bisschen, nur mittleres könnte auf das Trio zutreffen, das nach ein paar Einzeltracks nun ihr erstes Album veröffentlicht. Was Caleb Hinz, Jake Luppen und Nathan Stocker darauf anstellen, ist schwer zu beschreiben, aber genau das dürfte den Wesenskern von Threesome bereits ganz gut eingrenzen.

Mit minimalistischen Cloud-Recordings, digitalen Echtinstrument-Samples, karibischem LoFi-Punk und Gesang am Rande vom Boygroup-Hype der Neunziger, frickeln sich die drei – so sagt man das heute immer, sobald jemand mehr als Gitarre kann: Multiinstrumentalisten einen Dadapop zurecht, der nach Beach Boys auf Designerdrogen klingt, also die falmboyante Schönheit des wohlsortierten Chaos feiert wie zuletzt The Scientists. Das Augenzwinkern ist also doch eher Augenflackern, aber ein wirlich tolles.

Baby Boys – Threesome (Transgressive)

Schorl3

Der Versuch, Bilderbuch gut zu kopieren, ist schon deshalb bislang flächendeckend gescheitert, weil es schon schwer wäre, Bilderbuch schlecht zu kopieren. Deshalb feiern wir an dieser Stelle den gelungenen Versuch der Hamburger Futurefunkformation Schorl3, Bilderbuch weder gut noch schlecht, sondern so funky MDMA-beseelt zu kopieren, als würden die Vorbilder aus Wien auf dem verranzten Studiosofa anerkennend kopfnicken und insgeheim ein paar der Ideen der drei Pseudonym-Künstler LMO, Hans1 und Hans2 notieren.

Zeilen wie “Mein Baby möchte Skifahren / doch ich kann nicht liefern / sie möchte nur mit mir chillen / wenn ich was zum Ziehen hab” aus der Retrodrogenhymne Zu arm etwa. Oder die Achtzigersaxofon-Peitschen der nostalgischen Wave-Fanfare Pia einen Track zuvor. Diese Perlen neonostalgischer Elektropopmusik machen Sprudelpop zwar nicht zwingend innovativ, gar außergewöhnlich, aber so was von erfrischend, dass man gerne mit den drei Kopisten im selben Goldfischglas schwimmen möchte.

Schorl3 – Sprudelpop (Schorl3)

Gossenboss

Zu Gossenboss hält man dagegen besser etwas Sicherheitsabstand – zumindest, wenn man den Sprechsänger aus Dresden als das bezeichnet, was er ja nun schon doch irgendwie ist, aber partout nicht sein will. “Mir ist egal ob HipHop-Journalisten mich überhaupt kennen”, meint er auf seiner neuen Platte No Future, “doch ich ruf die Bullen, wenn du mich noch mal Zeckenrapper nennst”. Okay, machen wir nicht. Schon weil er was völlig anderes ist als der Zeckenrapper Disarstar, dessen Deutscher Oktober ebenfalls heute erscheint.

Anders als der Straßenköter aus Hamburg klingt Gossenboss mit Zett schließlich nicht mal annähernd nach Gangsta. Stimmlich sind seine Wurzeln technoider, alternativer, independenter, verschwitzter, linker, autonomer und zum Glück sehr viel androgyner – dank Contributions von Freunden wie Milli Dance, Danger Dan oder Lulu & die Einhornfarm aber auch rockiger, fröhlicher, frischer, irgendwie optimistischer, bisschen wie Frittenbude auf Kraftklub. Schöne Zukunft mit No Future.

Gossenboss – No Future (100 Prozent O.K.)


Durchstechereien & Frauentage

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. März

Durchstechereien, das ist ja auch wieder so ein Begriff, der schmieriger klingt, wenn ihn Nazis verwenden. Als Durchstecherei hat es deren parlamentarischer Sturmbannführerarm Timo Chrupalla bezeichnet, dass Verfassungsschützer die Einstufung seiner NS…, Pardon: AfD als rechtsextremen Verdachtsfall kolportierte, was das Kölner Amtsgericht (zu Recht) verboten hat. Wobei – sind Durchstechereien offener Tatsachen überhaupt Durchstechereien?

Als Interpretationshilfe stechen wir an dieser Stelle ein paar Dinge durch, die ähnlich außer Frage stehen wie Demokratie- und Menschenverachtung der AfD: Thomas Bellut bewirbt sich 2022 nicht um eine dritte Amtszeit als ZDF-Intendant. Schon zur nächsten Bundesliga-Saison tauscht die Sportschau den Streber Matthias Opdenhövel durch die strebsame Esther Sedlaczek aus. Und Disney verkauft seine 50-prozentigen SuperRTL-Anteil ans deutsche Mutterhaus.

Eines, das Ende August leerausgeht, wenn die Grimme-Preise vergeben werden. ProSieben geht dafür mit drei Nominierungen in Marl an den Start, die 42 der ARD überstrahlen ohnehin wieder selbst 15 Stück von ZDF, 3sat und Arte, wohingegen es Digitalformate insgesamt nur auf Dutzend Preisanwärter bringt – je vier von funk und Netflix plus zwei für Joyn. Das dürfen in Zukunft durchaus ein paar mehr werden. Ein paar weniger als erwartet haben Streamingdienste vorigen Montag in einer Video-Schalte aus L.A. und N.Y. gewonnen, als die Hollywood Foreign Press Association ihre Golden Globes vergeben hat.

Während die Berlinale auf gezoomter Sparflamme lief, war es wie immer: alte weiße Männer nominieren Durchschnitt wie die Netflix-Serie Emily in Paris, verschleudern Preise an The Crown, vergessen Preiswerteres wie Mank, und aus deutscher Sicht bedauerlich: auch Helena Zengel Auftritt in News of the World. Ein Mädchen, das sich in maximal misogyner Cowboy-Zeit von Männern aber mal gar nichts sagen lässt – das wäre ein moderneres Emanzipationssignal gewesen als pinke Pralinen und Blumensträuße, die Konsumkonzerne zum heutigen Weltfrauentag als Mitgift bewerben.

Die Frischwoche

8. – 14. März

Die Filmreihe Von Frauen über Frauen mit der Doku Lift Like a Girl über ägyptische Gewichtheberinnen zum Auftakt, wirkt da heute nur so lange progressiver, bis man(n) die Sendezeit sieht: 0.20 Uhr. Vier Stunden früher sendet das ZDF ein gutgespieltes, aber klischeehaftes Drama namens Plötzlich so still, in dem Friederike Becht den Tod ihres Babys durch den Diebstahl eines anderen kompensiert. Was verzweifelte Mütter aus bürgerlicher Sicht halt so machen…

Aber gut, immerhin sind Frauen hier keine Sextoys harter Kerle wie parallel bei Kabel 1 (Transformers) und RTLzwei (Love Island) oder bessere Hausmädchen wie bei WDR (Land und lecker), BR (Landfrauenküche) und SWR (Lecker aufs Land). Streamingdienste sind da – ungewollt oder nicht – schon ein paar Schritte weiter. In der Starzplay-Serie The Attaché zum Beispiel spielt eine Diplomatin aus Frankreich ab Sonntag die Hauptrolle, der ein Musiker aus Israel am Tag der Anschläge vom November 2015 nach Paris folgt, um ein herausragend inszeniertes Beziehungsdrama im Schatten des Terrors aufzuführen.

Auch auf Joyn+ sind es Donnerstag jüngere Frauen, die große Jungs und Alphagreise vor sich hertreiben. Oberflächlich handelt Katakomben von illegalen Raves unter München, doch zwischen dem Eye Candy für Influencer, geht es sechs Teile lang um die wachsende Ungleichheit einer männlich gemachten Immobilienblase. So ähnlich funktioniert die norwegische HBO-Groteske Beforeigners. Wenn die Ahnen der Skandinavier (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) aus dem Meer auftauchen, wirkt das auf heitere Art fantastisch. Da die schwierige Integration der „Menschen mit temporalem Hintergrund“ aktuelle Rassismus-Diskurse aufgreift, sind sechs Folgen am Stück durchaus bedeutsam. Weder lustig noch wichtig, sondern konventionell, aber solide sind die Pembrokeshire Murders (Donnerstag, Magenta) und das achtteilige Beziehungsdrama Blinded (Dienstag, One). Und Mittwoch (20.15 Uhr), porträtiert ZDFinfo Das bizarre Leben des Software-Millionärs John McAfee, der mit mehreren Morden in Verbindung gebracht wird.

Außerdem sind die freitagsmedien wieder in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Jan Freitag bespricht mit Eric Leimann diesmal die neuesten Filme und Serien im Monat März:


Jens Spahn & Eddie Murphy

Die Gebrauchtwoche

22. – 18. Februar

Ach Facebook… Nicht nur, dass dich Alterskohorten jenseits der Generationen Y bis Z ungefähr so zeitgemäß finden wie ARD und ZDF; jetzt tust du auch noch alles dafür, die Generationen X bis W(eimar Republik) zu verprellen. Erst ein lächerlicher Kleinkrieg mit Australiens News-Anbietern, den der fürchterliche Medienmonopolist Rupert Murdoch (vorerst) gegen die furchtbare Datenkrake gewonnen hat. Dann sperrt Facebook inklusive Instagram auch noch einen Monitor-Beitrags über den Anschlag von Hanau, weil Georg Restle angeblich gegen Richtlinien verstößt.

Es bleibt also dabei: auch außerhalb teil- oder ganztotalitärer Regime von Polen über Russland bis China, stehen seriöse Medien unter feindlichem Beschuss. Nach einem Bericht des betroffenen Tagesspiegel lässt ja selbst Jens Spahn offenbar Journalist*innen von Bild oder Stern ausspähen, die über ein dubioses Tauschgeschäft recherchieren: 2017 habe der Gesundheitsminister eine Wohnung vom Pharma-Manager Markus Leyk Dieken gekauft, den er zwei Jahre später zum Geschäftsführer der Gematik GmbH machte, die wiederum kurz nach der staatlichen Übernahme von 50 Prozent der Anteile das Gesundheitswesen digitalisieren soll.

Der Kauf sei vor Spahns Amtsantritt erfolgt und damit Privatsache, wiegelt ein Sprecher ab. Na ja, so privat eben, wie momentan eine Virusinfektion ist. Mit der übrigens kam Anfang vorigen Jahres Mai Thi Nguen-Kim zu multimedialem Ruhm. Nun hat das ZDF die chemisch promovierte, überaus telegene und höchst vertrauenserweckende Wissenschaftsjournalistin für seine Fachsparte verpflichtet. Ein Engagement, das den Blick fraglos auf jüngere Zielgruppen wirft.

Die Frischwoche

1. – 7. März

Ab Freitag wärmt Disney+ das britische Klosterdrama Black Narcissus im Himalaya auf, mit dem Deborah Kerr 1947 zwei Oscars gewann. Ein antiquierter Stoff – auch, wenn ihn Showrunnerin Amanda Coe mit psychedelisch animierter Gothic-Aura und der großartigen Gemma Arterton als spirituell und heterosexuell schwankende Hochgebirgsnonne modernisiert. Richtig modern ist demgegenüber die feministische Highschool-Komödie Moxie um eine rebellische Schülerzeitung in den USA, ab Mittwoch auf Netflix. Und noch richtiger modern wirkt die Coming-of-Age-Serie We Are Who We Are ab Sonntag auf Starzplay.

Wohingegen das Porträt der retrofuturistischen Pop-Ikone Billie Eilish The World’s a Little Blurry in seiner empathischen Kinderzimmer-Melancholie fast schon wieder nostalgisch ist. Richtig nostalgisch gerät ein Sequel der gestrigen Art: Freitag setzt Amazon Prime allen Ernstes Der Prinz aus Zamunda von 1988 fort – ohne Regisseur John Landis, aber mit Eddie Murphy, also irgendwo zwischen aha und oje – dort also, wo sich für gewöhnlich Let’s Dance (Freitag, RTL) aufhält, dessen Spannbreite niemand besser ausdrücken könnte als die Mittänzer Jan Hofer und Micky Krause.

Bei so viel guter Laune empfehlen wir an dieser Stelle aber doch noch mal ein Stimmungsdämpfer. Heute erinnert die ARD (23.35 Uhr) an Fukushima und die Folgen vor zehn Jahren. Und weil selbst Katastrophen fiktional Spaß machen: die Netflix-Serie I Care A Lot nimmt Amerikas strikt ertragsorientierten Umgang mit Senioren so beißend auseinander, dass man bei aller guten Unterhaltung spätestens nach einer Folge beschließt, in den USA nur reich oder besser noch: gar nicht alt zu werden.

Außerdem sind die freitagsmedien seit kurzem in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Einmal im Monat bespricht Jan Freitag darin mit Eric Leimann die neuesten Filme und Serien:

https://open.spotify.com/episode/47DR013Y3qpKy0qXN8buEz


Maximo Park, Olympya, Nightshift

Maximo Park

Wenn sich die Welt da draußen fast noch schneller wandelt als das Klima, wenn Pandemie und Populismus, Dummheit und Ignoranz alles durcheinanderwirbeln, wenn das Heute im gleichen Augenblick schon wieder die Geschichte von morgen ist, dann tut es unglaublich gut, mal etwas ewig Bleibendes zu hören. Maximo Park zum Beispiel. Seit ihrem hochgelobten Debüt A Certain Trigger von 2005 und mehr noch dem Nachfolger Our Earthly Pleasures, geht der emotionale Indie-Rock aus Newcastle fast unverändert mit hoher Geschwindigkeit zu Herzen.

Auf dem 7. Album Nature Always Wins bleibt demanch alles, wirklich alles bleibt beim Alten – da kann ein Stück wie Meeting Up gern mal ein bisschen Synthiepop zwischen die Riffs quetschen. Paul Smith pitcht sein Bryan-Ferry-Gedächtnis-Organ wie eh und je hoch über Gitarrennetze, durch die sich Fäden filigraner Drums und Keaboards winden, als seien alle von allem überwältigt. Und das dürfen sie ja auch. Wie in den Nullern, als Maximo Park dabei mithalfen, Grunge und Alternative zukunftstauglich zu machen, geben sie uns auch heute ein vertrautes Gefühl von Zuversicht jenseits männlicher Wir-packen-das-Posen.

Maximo Park – Nature Always Wins (Prolifica)

Olympya

Sich unbedingt verändern zu wollen, also grundlegend und substanziell, ist allerdings auch nicht so einfach in einer Zeit, wo ohnehin alles Zitat zu sein scheint. Marcus Borchert aka Pierre Sonality jedenfalls, Fans als Kopf der HipHop-Formation Funkverteidiger bekannt, war auf der Suche nach Ausdrucksformen abseits vom Rap und glaubt ihn jetzt, im Pop gefunden zu haben. Also natürlich nicht irgendein Pop, sondern die bombastische Version, in der alles durcheinanderscheppert – wie in seinem Sideprojekt Olympya.

Dessen Debütalbum Auto versucht, der Klammer des deutschssprachigen Sprechgesangs mit einem Mash-up mit maximaler Bandbreite zu entkommen. Produziert vom benachbarten Jurik Maretzki, grölt sich der Hamburger unter der Wall of Sound des Multiinstrumentalisten Kay Petersen hindurch in ein Konglomerat aus Stadionrock, Powerpop und Schlagermetal. Das erinnert ein bisschen an Kraftclub im Jägermeisterrausch, ist also nicht sonderlich filigran, aber sehr unterhaltsam und gönnt sich dabei gern mal eine Ladung Oi-Punk mit spaßpolitischer Feine-Sahne-Attitüde. Audiolith at it’s best!

Olympya – Auto (Audiolith)

Nightshift

Christa Päffgen, Arte feiert das in seiner Mediathek gerade mit einem hinreißend skurrilen Biopic, galt kurz als trüb schillerndste Figur des Pop. Unterm Kunstnamen Nico war sie nicht nur Andy Warhols Muse, sondern Teil von Velvet Undergrounds Debütalbum und damit eine Ikone, der man gar nicht oft genug huldigen kann. Wobei die Frage ist, ob Eothan Stearn wirklich das singende Model aus Köln im Kopf hatte, als ihr eigenes Werk daraus hervorquoll. Nightshift heißt die zugehörige Band, und was das Quartett aus Glasgow auf ihrer ersten Platte Zöe macht, ist ein Monument des minimalistischen Retrofuturismus.

In schönstem Nico-Nihilismus überklebt die Keyboarderin einen Sound, der so ziellos durch Zeit und Raum schwebt wie ihr gedrungener Antigesang. Aufgekratzt und zugleich träge schleppt sich Andrew Doigs psychedelischer Bass an Chris Whites Hi-Hat-Uhrwerk vorbei, das David Campbells Gitarrentupfer eher unterwandert als begleitet. Alles an diesem Jazzrockgelee wirkt irgendwie asynchron und schräg. Gerade daraus aber gewinnt Zöe eine Harmonie, die uns ins New York von 1967 zurückversetzt, als Musik noch Grenzen sprengte. Die schönsten Tribut-Alben sind vielleicht jene, die gar keine sein wollen.

Nightshift – Zöe (Cargo-Records)


Aylin Tezel: Mutterschaft & Herkunft

Ihre Frage macht mich traurig

Seit ihrem Durchbruch in der Studi-Komödie 3 Zimmer/Küche/Bad 2012, spielt Aylin Tezel permanent Hauptrollen, die nichts mit ihrer binationalen Familie zu tun haben. In der Neo-Serie Unbroken (Foto: Dicks/ZDF) ist es eine Polizistin, deren Baby aus dem Mutterleib gestohlen wird – eine unglaublich vielschichtige Figur jenseits aller Fernsehklischees.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Aylin Tezel, in der Neo-Serie Unbroken geht’s um Zwangsprostitution, illegale Leihmutterschaft, regretting motherhood, Säuglingsraub, und zu Beginn irren Sie blutverschmiert durch den Wald – warum muss Krimi eigentlich zusehends so drastisch sein?

Aylin Tezel: Ich finde es als Schauspielerin, aber auch Zuschauerin wichtig, komplexe Figuren in komplexen Geschichten zu erschaffen. Da war mir diese überhaupt nicht zu drastisch, sondern genau richtig. Zumal sie eine starke Frau in den Mittelpunkt stellt, was noch immer zu selten in Film und Fernsehen passiert. Durch Bad Banks oder Babylon Berlin bewegt sich da mittlerweile aber einiges. Durch Filme und Serien haben wir die Chance Zuschauer auf emotionaler Ebene mit wichtigen Themen zu konfrontieren. Das ist nochmal eine andere Rezeption als eine reine Informationsaufnahme, wie zum Beispiel beim Schauen der „Tagesschau“.

Die Sie also emotional kalt lässt?

Nein, ich fühle auch da viel. Aber was Unbroken angeht, die Serie geht einem emotional nahe, weil man sich mit den Gefühlen der Hauptfigur identifizieren kann.

Aber sorgt die geballte Ladung Drama, mit der besonders ihre Figur zu tun hat, nicht eher für Distanz, weil es so unwahrscheinlich ist, dass all dies in der Realität geschieht?

Nur weil der Fall von unseren Lebensrealitäten weit weg ist, ist er es ja nicht automatisch von denen anderer. Und frauenfeindliches Verhalten in männerdominierten Branchen wie der Polizei etwa ist für viele ebenso real wie regretting motherhood.

Ist die ein rein dramaturgischer Nebenaspekt oder geht es der Serie darum, die dunkle Seite der hell überhöhten Mutterschaft publik zu machen?

Eher, sie zu enttabuisieren. Wobei Alex die Mutterschaft in dem Moment nicht mehr bereut, als ihr Baby verschwindet. Auch in Am Himmel der Tag hatten wir uns mit einem Tabu befasst, ich spielte eine Frau, die eine Todgeburt hat und damit klarkommen muss. Ich empfinde es als große Kraft von Film und Fernsehen, das Publikum auf sensible Art mit so schmerzhaften Dingen zu konfrontieren.

Können Sie für die Darstellung solcher Extreme irgendwo aus dem Inneren schöpfen oder müssen Sie das rein schauspielerisch abstrahieren?

Ich arbeite mit einem Schauspielcoach, dessen Methode mir einen sehr physischen Zugang zu Figuren, ihren Gefühlen und Entscheidungen verschafft. Denn jede Figur, die ich spiele, hat eine ganz eigene Lebensrealität und Persönlichkeit, die man erstmal erforschen muss. Das Besondere und Spannende an meinem Beruf ist, dass fast alles, was ich spiele, nichts oder nur am Rande mit mir und meinem Leben zu tun haben muss.

Auch nicht mit Teilaspekten ihrer Persönlichkeit?

Doch, aber ich habe noch nie mich selber gespielt und das auch nicht vor. Klar bringt man seinen Ausdruck mit, das Äußere, den Duktus, seine Aura. Trotzdem sind und bleiben es andere Menschen, die ich hinter mir lasse, wenn ich wieder zuhause bin. Privat bin ich gern ich. Method Acting liegt mir nicht so.

Aber haben Sie denn mal so was wie eine Urschreitherapie gemacht?

(lacht) Wie kommen Sie denn jetzt darauf?

Weil Ihre Alex mehrfach, teils alleine und sehr überzeugend aus voller Brust brüllt; das ist selbst für gute Schauspielerinnen nicht selbstverständlich.

Das ging auch ohne Urschreitherapie. Dafür reicht es, sich emotional ganz auf die Figur einzulassen.

Wo verlieren Sie als Mensch denn so die Fassung, dass Sie laut schreien möchten?

Wie Sie vielleicht merken, rede ich lieber über meine Arbeit als über mein Privatleben. Aber wer mit mir über meine Arbeit spricht, kriegt vielleicht trotzdem ein Gefühl für mich als Person, oder?

Geht so.

Trotzdem frage ich mich, was es der Welt bringen soll, Privates über mich zu erfahren. In einer Zeit, in der sowieso fast jeder auf Instagram und anderen sozialen Medien schon so viel Persönliches zur Schau stellt, finde ich Privatsphäre enorm wichtig.

Interessiert Sie das Privatleben, persönlich unbekannter Kolleginnen und Kollegen denn auch nicht weiter?

Doch, das interessiert mich schon. Gerade, wenn ich sie in ihrer Arbeit bewundere. Das Interesse verstehe ich total, will es aber von meiner Seite nicht bedienen.

Wie privat ist denn die Frage nach Ihrer Herkunft?

(stöhnt) Die Frage sollte meiner Meinung nach einfach total überflüssig sein.

Immerhin sind Sie eine der ersten Schauspielerinnen, die von Beginn ihrer Karriere an nie sonderlich damit in Verbindung gebracht und unabhängig davon besetzt wurde…

Ehrlich gesagt – allein, dass Sie mir diese Frage stellen, macht mich ein bisschen traurig. Warum ist es Ihnen, warum ist es generell nicht egal, ob meine Augen blau oder braun sind und mein Vater aus der Türkei oder Bayern kommt? Warum?

Weil wir halt einfach noch nicht so weit sind, dass Herkunft völlig egal ist und nicht jede Frage danach von Vorurteilen geleitet wird?

Trotzdem kann man sich doch über andere Aspekte eines Menschen unterhalten. Meine Herkunft ist nur ein winziger Teil von mir. Ich wünsche mir so sehr, nicht mehr in Schubladen gesteckt zu werden, und glaube, dass die Frage danach allein das Gegenteil bewirkt. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich sehe es als Riesengeschenk an, aus zwei Menschen mit so unterschiedlichen Kulturen, Religionen, Ursprüngen kreiert worden zu sein.

Sie wollen dieses Riesengeschenk nur nicht dauernd thematisieren.

Zumindest nicht im Rahmen eines kurzen Interviews, in dem man sich gar nicht richtig kennenlernen kann.

Dann zu etwas völlig anderem: War es für die Geschichte wichtig, dass Sie in Ihrer sehr physischen Rolle als Alex beim Kampfsporttraining in den Spagat gehen oder wollte die Regie, dass alle Welt weiß, Aylin Tezel kann so was?

Weder noch. Ich habe mich einfach aufgewärmt, und der Regisseur meinte dann begeistert, oh ja, das nehmen wir mit. Bin ich total fein mit, denn Dehnen gehört zum Kampfsport halt dazu. Und diese Figur, das war mir beim ersten Lesen klar, zieht viel Kraft aus ihrer Körperlichkeit. Weil ich das spüren und meine Stunts ohnehin selber machen wollte, hab ich mich sehr intensiv darauf vorbereitet.

Hilft solche Physis im Rahmen einer Rolle auch dabei mit, Dampf abzulassen?

Ich drücke mich generell gern physisch aus und bin dankbar, dass mein Körper da mitspielt. Ich habe ja auch viel getanzt im Leben und dadurch gelernt, mich körperlich auszudrücken.

Suchen sie solche Rollen daher gezielt?

Ich glaube grundsätzlich daran, dass die richtigen Dinge auf einen zukommen. Im Club der singenden Metzger zum Beispiel habe ich eine Artistin gespielt. Solche physischen Herausforderungen machen mir unglaublich Spaß.


Rush Limbaugh & Aylin Tezel

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Februar

Sitten & Gebräuche ist ein sehr deutscher Zweiklang, vergleichbar mit Recht & Ordnung, Lohn & Brot oder auch das einst beliebte Führer-Hauptquartier, was sogar noch deutscher klingt als Dreiklänge wie 30, 60, 95 Grad. Ein besonders seltsamer Sittengebrauch ist diesbezüglich das seltsame Konstrukt, über Lebende herziehen zu dürfen, aber bloß nicht über Tote. Meistens ist das auch okay. Hier aber wollen wir alle Pietät kurz fahren lassen und freuen uns aufrichtig über den Tod von Rush Limbaugh.

Jahrzehntelang hat der Moderator Amerikas Talk Radio mit Hasstiraden gegen alles verdreckt, was links von Goebbels, Strauß, Papst Franziskus steht. Schwule und Frauen, Liberale und Klimaschützer, Abtreibung und Feminismus – aus Sicht dieses besonders weißen aller alten Männer Teufelszeug, das nur seine Götter von Reagan bis Trump austreiben konnten, die er entsprechend vehement ins Amt pöbelte. Nun ist der Zigarrenfan mit 70 Jahren gestorben, und als theoretisches Objekt seiner praktischen Verachtung muss man sich kurz mal zügeln, ihm kein qualvolles Siechtum gewünscht zu haben. Wie gesagt – Sitten & Gebräuche.

Mit denen hatte auch Jochen Breyers Interview mit Karl-Heinz Rummenigge im ZDF-Sportstudio zu tun, wo er dem Bayern-Präsident virtuos vor die Lederhosen knallte, wie selbstgerecht, neoliberal und weinerlich sein Verein die Sitten & Gebräuche von Politik & Sport verachtet. Freilich nicht, ohne sich dabei auf Sitten & Gebräuche zu berufen, die auch Google hochzuhalten vorgibt, wenn es ein Titanic-Cover sperrt, weil es die Würde von Papst Franziskus, Oberhaupt eines frauen-, demokratie- und kinderfeindlichen Führerkultes, höher einstuft als Meinungs- und Pressefreiheit.

Aber das teilt der Tech-Gigant aus Mountain View mit seiner Konkurrenz im Menlo Park, wo Facebook alle Nachrichtenseiten Australiens sperren ließ, weil deren Betreiber die Frechheit besaßen, dem Billionen-Konzern einige Hunderttausend seiner 86 Milliarden Dollar Gewinn dafür abzunehmen, ihre journalistischen Inhalte zu verbreiten. Dagegen sind sieben deutsche Ziffern nicht mal mehr Peanuts: mit seiner heißen Brandmeister-Folge Feuer erzielte der Bergdoktor Donnerstag im ZDF 7,26 Millionen Zuschauer. Ein neuer Quotenrekord für den Publikumskrösus und damit fast auf Tatort-Niveau, das gestern in Dortmund wie immer spielend erreicht wurde. Wenngleich erstmals ohne Aylin Tezel an Jörg Hartmanns Seite.

Die Frischwoche

22. – 28. Februar

Die jagt dafür ab morgen in der Neo-Serie Unbroken sechs Folgen lang Menschenhändler – und zwar aus ganz eigenem Interesse: Gleich zu Beginn wird der hochschwangeren Kommissarin Alex Enders das Kind aus dem Mutterleib gestohlen, was dramaturgisch zwar konventionell ist, schauspielerisch allerdings außergewöhnlich. Und das gilt ausnahmsweise auch mal für den Drei-Mimik-Superstar Jürgen Vogel.

Im Autokabinenkammerspiel Keine besonderen Vorkommnisse ist er ab Donnerstag bei TV Now an der Seite von Serkan Kaya als Polizist zu sehen, der sechs Episoden sehr unterhaltsam auf einen Drogendeal wartet, der sich partout nicht ereignet. Schöne Idee – auch wenn sie australischer Herkunft ist. Ähnlich schöne Idee, ähnlich toll gespielt ist die Tragikomödie Glück kommt selten allein (Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF) um eine Dreiecksbeziehung von Max Hopp, Valerie Niehaus und Dirk Borchardt, die Ernst Stötzner als herrlich verschrobener Ex-Kommunist aufmischt.

Alte Idee, routiniert gespielt, also irgendwie öde, ist die Fortsetzung der Superschurkenserie Pennyworth, zeitgleich auf Starzplay, die 2. Staffel der Sky-Anwaltsserie For Life ab Mittwoch oder die Premiere einer schönen Hobby-Detektivin Mit Liebe zum Mord tags drauf bei Universal TV. Und auf den Vox-Hundecoach Martin Rütter als Quizkegelmaster von Die rote Kugel ab Dienstag kann die Welt ohnehin verzichten.

Ganz im Gegensatz zur hinreißend wirren Milieu-Studie Solsidan (Donnerstag, 21.45 Uhr, One) aus Schweden, Stephen Kings Horrorserie The Stand (Sonntag, Starzplay) aus den USA oder die brasilianische Sportdoku Pelé, die dem Fußballer ab Dienstag auf Netflix ein sehenswertes Denkmal setzt, ohne ihm in den Arsch zu kriechen.


Botticelli Baby, Edie Brickell, Karl die Große

Botticelli Baby

Falls es so etwas wie strukturierten Free Jazz gibt oder sinfonisches Durcheinander, hätten Boticelli Baby da ein Angebot, dass man schwer ausschlagen kann. Es heißt Saft und wirkt ganz ähnlich, wie die Kalorienbombe aus frischen Obst oder Gemüse. Musikalisch vollgestopft mit Zucker und Vitaminen, aufdringlicher Süße und komplizierter Säure, ist das neue Album ein Frontalangriff auf offen liegende Geschmacksnerven und zugleich hintergründig unterhaltsam, als würde ein Kammerorchester im Darkroom versumpfen.

Wie auf den ersten zwei Platten funktioniert das gut gelaunte Durcheinander aus Bläsern, Bass, Balkan und Blues nämlich wie ein Systemsprenger, was manchen Kritiker*innen gar das Attribut Punk entlockte. Ist natürlich kompletter Blödsinn, dafür wirkt die Band aus Essen viel zu virtuos in dem, was sie tut. Aber ein gewisses Gespür fürs Ungeschliffene im Arrangement kann man Saft auch nicht absprechen. Fazit: wenn sich Botticelli Baby jetzt noch das Dictionary-Englisch verkneifen, darf und muss der Festivalsommer kommen.

Botticelli Baby – Saft (Popup Records)

Edie Brickell & The New Bohemians

Vor gefühlt 1000 Jahren, Kriege waren noch ebenso kalt wie Klima und Ästhetik, erschien Edie Brickell als Frischzellenkur am Folkpop-Himmel, Während er Ende der Achtzigerjahre meist wolkenverhangen, melodramatisch und sehr, sehr männlich war, ritt die junge Songwriterin aus Texas in die Popwelt und gab der Dramatik alternativer Gitarrenmusik die Sporen. Frisch klang es und zugleich emotional, weltzugewandt und skeptisch, ein weibliches Donnerwetter, das dem Emorock das ganze schöne Selbstmitleid zersiebte.

Da ließe sich zu Recht fragen, ob sie 30 Jahre und 40 Krisen später noch ihre Daseinsberechtigung hat. Die Antwort: Unbedingt. Auf ihrer neuen Platte, der fünften seit 1988 mit den New Bohemians, klingt es nämlich genauso frisch verkopft wie in ihrer Glanzzeit, als die Band diverse Blockbuster vertonte und auch sonst die Gabe besaß, den Mainstream heimlich zu unterwandern. Mit Americana-Attitüde, Indiepop-Riffs und Brickells Talent, Schwermut mit altersloser Kopfstimme leicht klingen zu lassen, ist Hunter And The Dog Star der angenehmste Windhauch des Winters.

Edie Brickell & The New Bohemians – Hunter And The Dog Star (Shuffle Records)

Hype der Woche

Karl die Große

Es gab bestimmt mal Momente, in denen sich massentaugliche Randerscheinungen wie 2raumwohnung oder Mine gefragt haben, wie sie vom Hauptstrom in die Seitenarme des Indiepop abbiegen könnten, ohne gleich Hartz-IV anmelden zu müssen. Hätte es da doch bloß schon Karl die Große gegeben. Zum vierten Mal bringt das Leipziger Sechstett ein Album Marke Eigenbau heraus. Und zum vierten Mal ist das Ergebnis nicht nur anspruchsvoll, sondern in Teilen fast radiokompatibel, ohne sich irgendwem anzubieten – da stört es auch nicht, dass Sängerin Wencke Wollny leicht nach Inga Humpe klingt. Egal! Was wenn keiner lacht (Backseat/Golden Ticket) sprüht nur so vor sediertem Gitarrenmashup mit Electro-Einschlüssen, Banjo-Samples und Vögelgezwitscher. Das klingt wie Sommertage auf Abraumhalden – bisschen arrogant, bisschen ironisch, bisschen süßlich, aber gerade deshalb beiläufig schön und gelassen. Muss auch mal sein.


Jochen Wegner: Zeit-Online & Wachstum

In Krisen sind alle online

Jochen Wegner (Foto: Andreas Chudowski/journalist) leitet seit acht Jahren Zeit-Online und zählt auch als Mitglied der Chefredaktion im Hamburger Haupthaus zur publizistischen Entscheidungsklasse im Land. Ein Gespräch mit dem 51-jährigen Berliner aus Karlsruhe über Chaos und Reichweite, Demut und Verlässlichkeit, den Rhythmus von Medien und wie Rezo sein Kolumnist wurde.

Von Jan Freitag

Herr Wegner, Sie haben 1998 ihre Diplomarbeit in Physik über die Chaostheorie des menschlichen Gehirns geschrieben.

Jochen Wegner: Über ein kleines Detail, ja. Der Begriff „Chaostheorie“ wird von Physikern nicht so gerne verwendet. An der Uniklinik in Bonn konnte ich damals in einer tollen Arbeitsgruppe zur so genannten nichtlinearen Dynamik des Gehirns arbeiten. Es geht dabei um Systeme, die zu komplex sind, um ihr Verhalten genau zu berechnen, die aber trotzdem gewisse Regelmäßigkeiten zeigen.

Das wäre eine ganz gute Umschreibung des multipolaren Durcheinanders unserer Tage, das von Covid-19, Donald Trump und der Klimakrise gleichermaßen erzeugt wird. Können Sie als Journalist mithilfe der nichtlinearen Dynamik Strukturen in diesem Chaos erkennen?

Viele Wissenschaftler forschen daran, Regeln in der Wirrnis zu finden, als Journalist habe ich da wenig beizutragen. Das Wissen um die Tücken des Komplexen hilft höchstens, Lagen wie der aktuellen mit einer gewissen Demut zu begegnen. Und diese Demut auch bei anderen wertzuschätzen.

Wessen Demut meinen Sie?

Die Demut der Epidemiologen und Virologen zum Beispiel, die uns erklären, dass eine Pandemie nicht so gut vorhersehbar oder kontrollierbar ist, wie wir uns das wünschen. Aber auch die Demut vieler Politiker, die wissen, dass es keine klaren Ansagen und Regel geben kann, die für alle Zeit gelten, auch wenn wir uns das wünschen.

Und für Sie als Journalist?

Auch da hilft eine gewisse Ergebenheit. Wir können die Zukunft der Medien nicht gut vorhersehen, bis sie über uns kommt. Wir wissen nicht, welches neue Facebook, Google oder Apple gerade irgendwo geboren wird. Schlimmer noch: selbst, wenn das nächste große Ding da ist, fällt es uns schwer, seine zukünftige Auswirkung auf unsere Arbeit zu verstehen, siehe Twitch oder Tiktok. Manchmal dauert es Jahrzehnte, wie bei Podcasts und Newslettern, und plötzlich verändert es die Branche. Deshalb denken wir in möglichst kurzen Zyklen und passen uns der Situation an. Erst recht in Zeiten einer unberechenbaren Pandemie.

Aber diese Demut befindet sich doch im Wettstreit mit den Ansprüchen des Publikums, sich die Welt von Ihnen erklären und Ordnung ins Chaos bringen zu lassen. Wie lösen Sie dieses Dilemma auf?

Indem wir mehr sagen, was ist, und weniger, was wir meinen. Indem wir unseren Lesern und Leserinnen möglichst valide und umfassende Informationen zum Verständnis der Lage geben, aber uns mit Theorien und Spekulationen zurückhalten. Wir versuchen, den Eindruck zu vermeiden, jemand könne genau wissen, was in einer nie dagewesenen Situation zu tun sei. Dieser Versuchung erlagen leider sogar manche Wissenschaftler. Der Physikerin Angela Merkel aber hat man zu Beginn der Pandemie angemerkt, dass sie kommunizieren wollte: Wir wissen es doch auch nicht. Und wir müssen uns dennoch für einen Weg entscheiden, um es herauszufinden.

Das wissenschaftliche Erkenntnisprinzip der Falsifikation, von dem viele in dieser Pandemie erstmals gehört haben…

Ja, Karl Popper trendet. Zeit Online ist normalerweise ein sehr meinungsfreudiges und meinungsstarkes Medium, aber zumindest in den ersten Monaten haben wir uns bemüht, nicht gleich in den Wettstreit der Standpunkte einzutreten, sondern in den um Tatsachen. Deshalb haben wir zunächst in Nachrichten- und Wissenschaftsjournalismus und in Datenvisualisierung investiert.

Ist dieses Investment der Grund für die wirtschaftliche Entwicklung von Zeit und Zeit-Online? Während besonders Printmedien in der Pandemie erhöhten Bedarf, aber sinkende Anzeigenerlöse verbucht haben, sind Ihre Zahlen hervorragend.

So zynisch das klingt: Die Corona-Krise hat auch Gutes bewirkt. Sie hat uns etwa gezeigt, wo unsere Zukunft und die des Qualitätsjournalismus liegen könnte. Die gute Entwicklung von Zeit Online hat gewiss mit dem Ansatz zu tun, aktuelle, evidenzbasierte Berichterstattung zu stärken. Auch die gedruckte Zeit erfährt in einer Krise, in der viele nach verlässlicher Information suchen, einen historischen Aufschwung.

Ausgerechnet in einer Phase größtmöglicher Unwägbarkeit?

Ich erinnere mich noch genau an mein eigenes Befremden und das meiner Kolleginnen und Kollegen in unserer Ressortleiter-Runde einige Wochen vor dem ersten Beinahe-Lockdown. Wir hatten uns – ganz hypothetisch – gefragt, was wir wohl machen würden, wenn dieser extrem unrealistische Fall eintreten würde und wir wie in China alle ins Homeoffice müssten.

Verrückte Idee…

Die von der Wirklichkeit so radikal eingeholt wurde, dass nun auch viele gute Entwicklungen nicht mehr umkehrbar scheinen. Unser Wissen um die wunderbaren Möglichkeiten etwa, uns außerhalb des Newsrooms zu vernetzen. Auch unserem Journalismus hat die Krise eine Richtung gegeben, die wir weiterverfolgen wollen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir mal als eine Art Primärquelle für Infektionsdaten, Intensivbetten oder Impfquoten dienen. Das Corona-Dashboard unseres Datenvisualisierungs-Teams, für das wir mehrmals am Tag die Zahlen der 400 Stadt- und Landkreise recherchieren, dient nun, wie wir hören, der Bundesregierung, Behörden, vielen Medien und der Johns-Hopkins-Universität als Quelle. Wir begannen gleich zu Anfang der Pandemie mit dieser aufwändigen Datenrecherche, als klar wurde, dass das Robert-Koch-Institut mit dieser Dienstleistung überfordert war. Leider gilt das zum Teil bis heute, die RKI-Daten könnten präziser sein. Nun haben wir als erste angefangen, die in den Bundesländern verabreichten Impfungen live darzustellen. Da erbringen wir fast institutionelle Leistungen, weil sie gerade wichtig sind für die Gesellschaft.

Und das hat sich auch betriebswirtschaftlich ausgewirkt?

Die Besuche auf unserer Homepage wachsen gegen den Trend, wir erklären uns das auch mit den Menschen, die zum Teil mehrfach täglich das Corona-Dashboard dort besuchen. Die dahinterliegende, detaillierte Grafik verzeichnete im Jahr 2020 mehr als 50 Millionen Abrufe. Insgesamt hat sich 2020 unsere Tagesreichweite in den Spitzen vervierfacht. Dies alles hat dazu beigetragen, dass unsere Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte gestiegen sind – mitten in einer globalen Krise. Das hat bei uns niemand erwartet, wir haben im März mit dem Schlimmsten gerechnet.

Lässt sich das auch damit erklären, dass Sie als Online-Medium endemisch sind in dem digitalen Raum, wo sich mittlerweile große Teile der Berufstätigen aufhalten?

In Krisen sind alle online. Wenn wir nerdig werden wollen, können wir jetzt unsere digitalen Erlösmodelle durchgehen, die ganz unterschiedlich zu diesem Wachstum beigetragen haben. Das klassische Displaygeschäft zum Beispiel: Hier haben wir einerseits das Glück, in der gemeinsamen Vermarktung mit anderen – ich mag den Begriff eigentlich nicht so gern: Qualitätsmedien wie Süddeutscher Zeitung, FAZ, Handelsblatt und Tagesspiegel zu sein. Unser Vermarkter iq digital hat in der Krise Marktanteile gewonnen. Offensichtlich suchen auch Werbekunden verstärkt nach seriösen Medien. Hinzu kam, dass zeit.de auch Reichweiten-Marktanteile gewonnen hat. Beides spiegelt sich in den Anzeigenerlösen wider, die bei uns im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gewachsen sind. Noch erfreulicher hat sich allerdings die zweite Erlössäule entwickelt, die digitalen Abonnements. Sie sind um 80 Prozent gestiegen. Zu unserem Glück hatten wir in Verlag und Redaktion in den vergangenen Jahren viel mit unserem Abomodell experimentiert. Als sich die Zahl der Leser plötzlich vervielfachte, wussten wir so ungefähr, was zu tun ist.

Und was?

Die Print-Artikel der Zeit waren zu Beginn die einzige Säule unseres Abomodells. Das Blatt ist auch sehr umfangreich, trotzdem haben wir festgestellt, dass wir Online-Lesern noch mehr verschlossene Inhalte anbieten können, sie zeigen ungebrochenes Interesse. Zunächst haben wir deshalb in mehreren gemeinsamen Print-Online-Workshops weitere Geschichten ersonnen, mit ermutigendem Erfolg. Inzwischen gibt es einige Kolleginnen und Kollegen, die sich hauptberuflich um kostenpflichtige Digitalinhalte kümmern. In der Krise haben diese nun besonders gut funktioniert – etwa aus den Gebieten Bildung und Erziehung, Familie, Arbeit oder Psychologie. So wurden im Oktober und November zwei Drittel der Digitalabos bereits über Beiträge generiert, die nur online erschienen sind. Und das, obwohl wir jene Themen frei zugänglich gelassen haben, die für die Orientierung in einer Pandemie besonders wichtig sind – die aktuellen Stücke unseres Politik-Ressorts, und die der Wissen- und Medizinredakteurinnen etwa.

Verbuchen Sie die Erlöse der Digital-Abos bei Zeit Online oder im Gesamtverlag?

Sie werden Zeit Online zugerechnet, aber wir führen einen wachsenden Anteil ans gesamte Haus ab. So können wir hoffentlich bald den beträchtlichen Vorschuss zurückzahlen, den wir über zwei Jahrzehnte bekommen haben. Erst seit ein paar Jahren ist Zeit Online profitabel.

Zeit Online hat ein Dreifachangebot verschiedener Zugangsarten: frei zugänglich, kostenpflichtig und für die Gegenleistung der persönlichen Registrierung.

Stimmt. Der Anteil abopflichtiger Artikel, die mit einem roten „Z+“ gekennzeichnet sind, lag Anfang des Jahres vielleicht bei zwei, Ende des Jahrs gerade einmal bei um die zehn Prozent. Für Texte mit grauem „Z+“ benötigen Sie nur einen Login und müssen nicht bezahlen, deren Anteil dürfte heute noch deutlich geringer sein. Wir hatten diese Variante ursprünglich eingeführt, um besonders unsere vielen jungen Leser und Leserinnen mit einem Bezahlmodell nicht vor den Kopf zu stoßen und ihnen einige abgeschlossene, aber kostenlose Inhalte anbieten zu können. Die Sorge aber war wohl unbegründet, es gab und gibt zu unserer Aboschranke nicht sehr viel kritisches Feedback, auch nicht von den Jungen.

Betrachtet das Publikum Inhalte nicht als weniger wertvoll, wenn sie kein Geld kosten?

Das klingt plausibel, ich glaube es aber nicht. Die meisten Leser und Leserinnen kommen schließlich wegen der wertvollen offenen Inhalte zu uns – und bleiben als Abonnenten dank der wertvollen geschlossenen Inhalte. Wir machen keinen Unterschied in der Qualität, das würde unseren Anspruch nicht erfüllen und wäre selbst aus einer zynischen, rein geschäftsmäßigen Sicht nicht rational. Die Abonnenten lesen schließlich auch die offenen Geschichten. Manchmal ist beim Entstehen eines Beitrags auch noch unklar, ob er später einmal „rot“ wird. Viele unserer aufwändigsten Inhalte lassen wir ganz bewusst offen, und wir entscheiden uns auch immer öfter im laufenden Betrieb um.

Wer trifft denn letztlich die Entscheidung, was frei sichtbar bleibt und was nicht?

Es gibt jede Woche eine Runde zwischen Print und Online, in der unsere CvDs die Farbe der Print-Beiträge festlegen. Das hat sich eingespielt, dauert zehn bis zwanzig Minuten, in der Regel besprechen wir nur noch die wenigen Sonderfälle. Die letztgültige Entscheidung treffen im Live-Betrieb dann aber die so genannten Dirigentinnen und Dirigenten, sie sind gleichsam Chefredakteure vom Dienst, stehen noch über den CvDs und steuern den ganzen Newsroom, die Homepage und alle Kanäle. Sie beobachten neben der Nachrichtenlage auch unsere Zahlen und entscheiden gelegentlich noch einmal neu.

Also doch besonders hochwertige Texte?

Oft machen wir eine Geschichte, die journalistisch herausragt, bewusst für möglichst viele zugänglich. Es ist auch nach all den Jahren noch überraschend, welche Beiträge zu vielen Abos führen und welche nicht. Wir haben ein grobes Gefühl dafür entwickelt, mehr aber nicht.

Ließe sich der Prozess auch automatisieren?

Wir können qualifiziert sagen, dass das nicht einfach ist. Nicht nur im Verlag, auch direkt in der Redaktion arbeitet ein größeres Engagement-Team an derlei Fragen, dazu auch eine Mathematikerin und ein Mathematiker. So haben wir mit allen denkbaren statistischen Verfahren versucht, gleichsam Regeln im Chaos zu finden, mit denen wir aus den zahlreichen Eigenschaften eines Beitrags die Zahl der Abos prognostizieren können, wir haben sogar ein Neuronales Netz trainiert. Nichts hat funktioniert. Das erinnert mich ironischerweise ein wenig an meine Diplomarbeit.

Und woran liegt das?

Wir wissen es nicht. Womöglich auch daran, dass sich der gefühlte Wert einer bestimmten Art von Inhalt schnell ändern kann. Themen haben eine zeitlich begrenzte Konjunktur. Vielleicht ist es wie an der Börse, deren einzelne Aktienwerte auch so schwer zu prognostizieren sind, weil sich die Randbedingungen ständig ändern. Da investiert man in erfreulich wachsende Reise-Aktien, und dann kommt eine Pandemie. Ich finde es beruhigend, dass sich das Themengespür von Journalisten nicht so einfach an Maschinen delegieren lässt. Wir haben dafür andere Regeln gefunden.

Nämlich welche?

Wir können mit erstaunlicher Präzision sagen, welche Nutzer auf unserer Website heute ein Abo abschließen werden. Eine so genannte User-Journey weniger Tage reicht aus, um zu sagen, wohin die Reise morgen geht – wenn wir wissen, was jemand auf Zeit Online gelesen hat, wann, wie oft, und so weiter. Natürlich kennen wir die Nutzer nicht, ihre Daten sind konform mit der Datenschutz-Grundverordnung abgeschirmt, aber ihre individuellen Verhaltensmuster sind offensichtlich ein starker Hinweis. Unser Verlag hat über die Zeit eine große Abteilung aufgebaut, die sich nur mit der Analyse von derlei Nutzerdaten beschäftigt. Mit Hilfe von statistischen Maßen kann er zum Beispiel recht genau sagen, welche Leserinnen und Leser ihre Abos verlängern werden und welche eher nicht.

Als klassische Medienhäuser vor drei Jahrzehnten Online-Redaktionen aufgebaut oder abgespalten haben, dienten sie oft als Schaufenster für den Print-Bereich. Dienen Inhalte diesseits der Paywall heute entsprechend als Schaufenster für die jenseits davon?

In einem Haus, in dem sich Print und Online gleichermaßen gut entwickeln, gilt vielleicht eher, dass wir uns wechselseitig ein Schaufenster sind. Dass das Digitale zulegt, ist ja auch den Zeitläuften geschuldet, die Wachstumsraten der gedruckten Zeit aber sind komplett antizyklisch. Ich pendle als Mitglied beider Chefredaktionen zwischen den Welten und habe den Eindruck, dass wir uns gegenseitig inspirieren. Wir arbeiten an vielen Stellen eng zusammen, an anderen sind wir recht autark. Wir können online auch mal ganz gut unser Ding machen.

Ein anderes also als die gedruckte Zeit?

Im Großen nein, im Kleinen schon. Unseren Leserinnen und Lesern ist sehr wichtig, dass ihr Anspruch an ihre Zeit auf Papier und Display gleichermaßen erfüllt wird. Im Detail sind die Erwartungen an ein Medium, dessen Inhalte sekündlich, nicht wöchentlich aktualisierbar sind, natürlich andere, als wenn man sich damit samstags auf die Couch legt und bei einem grünen Tee das Papier ausbreitet oder durch die – soeben aufwändig neu gestaltete – Zeit-App blättert. Besonders Jüngere wissen genau, wie die Mechanik digitaler Medien funktioniert. Das Feedback der Rezipienten zeigt, dass sie uns in unserer Komplexität durchaus wahrnehmen. Es ist nicht mehr so wie früher, als der Online-Traffic donnerstags hochging, wenn die Zeitung erschien.

Höre ich aus dem, was Sie sagen, also heraus, dass Zeit Online nicht den Weg des Spiegel vom vorigen Jahr gehen und mit der Print-Redaktion rückvereinigt werden wird?

Wer kann das wissen? Über Prognosen, besonders, wenn sie die die Zukunft betreffen, haben wir vorhin ja schon gesprochen. Wir werden noch enger zusammenarbeiten und weiter zusammenrücken. Der Weg des Spiegel, der seine Ressorts vollständig vereint hat, scheint mir an vielen Stellen nicht so gut zu unserer Kultur und zu unserem bereits ganz erfreulich funktionierenden Modell zu passen. Im Gegensatz zu manchen anderen Häusern geht es nicht nur Online, sondern auch Print gut, die Einzelverkäufe sind in diesem Jahr sehr deutlich gestiegen, unsere Gesamtauflage ist auf Rekordniveau. Das Print-Anzeigengeschäft hat in der Krise zwar auch einen gewissen Rückgang zu verzeichnen, im Branchenvergleich fällt er aber deutlich geringer aus.

Die Zeit ist seit Jahren verlässlich in den Top 5 der deutschen Leitmedien. Wird Zeit Online dabei einfach mitgedacht oder arbeiten hier aus Sicht der Gesellschaft eher die Geeks und Nerds, die fürs Papier zu jung, zu frech, zu modern sind?

Sie wären erstaunt, wie viele junge Geeks man beim Blatt treffen kann. Falls Zeit Online jemals ein reines Nerd-Projekt war, ist es das heute nicht mehr. Das Versprechen, für das Die Zeit seit nun bald 75 Jahren steht, versuchen wir seit nun bald 25 Jahren auch online einzulösen. Die Zahl der Namen im Impressum hat sich verdreifacht, seit ich dort vor fast acht Jahren meinen ersten Arbeitstag hatte. Alleine die Online-Redaktion zählt heute um die 150 Köpfe.

Gibt es da noch Potenzial nach oben oder eher Spardekrete nach unten?

Zeit Online ist spät gestartet. Das redaktionelle Wachstum war daher eher dem Umstand geschuldet, dass wir zu Beginn schlicht zu wenige waren, um unseren Anspruch an einen 24/7-Journalismus erfüllen zu können, der heute das Fundament für unsere gute Entwicklung ist. Es gibt keine Spardekrete, unser Haus denkt aber traditionell frugal.

Frugal?

Wir werden überall da noch enger zusammenarbeiten, wo es irgend möglich ist. Viele unserer Ressorts haben sich bereits eng verzahnt, was dank der pandemischen Kommunikation per Video und Slack nochmals einfacher geworden ist – die Online-Redaktion sitzt ja zum überwiegenden Teil in Berlin, die Print-Redaktion in Hamburg. Die Investigativ-Teams von Print und Online haben tatsächlich eine gemeinsame Führung, was sinnvoll ist, weil sie in gleichen Rhythmen an gleichen Themen arbeiten. Print und Online können voneinander noch viel lernen.

Mit der Gefahr, sich gegenseitig im Weg zu stehen?

Deshalb ist es wichtig, dass der jeweils eigene Beat erhalten bleibt, und in jeweils angemessenen Zyklen gedacht werden kann. Ich kenne beide Sphären ganz gut und sehe, wie unterschiedlich Geschichten zum Teil entstehen und wie wunderbar es ist, wenn Redaktionen für ihr jeweiliges Medium denken. Nehmen Sie nur den Jahresrückblick der Zeit, der aus historischen Literaturauszügen besteht, die etwas zur aktuellen Lage sagen, grandios gestaltet. So etwas würde einer Online-Redaktion nicht als erstes Projekt einfallen, sie würde schon an der digitalen Rechteklärung verzweifeln. Oder auf der anderen Seite den Aerosol-Simulator von Zeit Online, mit dem Sie Ihr Wohnzimmer, Klassenzimmer oder Restaurants interaktiv nachbauen können, um das konkrete Infektionsrisiko für die Menschen im Raum zu berechnen. Das Tool haben Millionen benutzt. So etwas würde nie entstehen, wenn wir uns zunächst fragen würden, ob man das auch ausdrucken kann.

Bezeichnet der Beat abgesehen von der Frequenz also auch eine andere Art von Rhythmus, Musikalität, Unterhaltung?

Einerseits die Frequenz, andererseits den journalistischen Ansatz. Der Kern eines digitalen General-Interest-Mediums ist fast zwangsweise aktueller Nachrichtenjournalismus. Das Netz lebt im Jetzt. Wenn jetzt die Pressekonferenz des RKI stattfindet oder die US-Wahl, müssen wir auch jetzt darüber berichten, am besten mit Live-Stream. Direkt danach sollten wir die Lage einordnen. Vor allem deswegen kommen Menschen zu uns. Am Tag nach der US-Wahl etwa verzeichneten wir neun Millionen Besuche, so viele wie nie zuvor.

Und was haben die gesucht?

Nach aktuellen Daten unseres Visualisierungs-Teams, Einordnung unseres Politik-Ressorts und unserer Korrespondenten, und vielleicht auch nach einer Art Heimstatt in diesen dramatischen Stunden im Jetzt. Die Moderatoren unseres Nachrichten-Podcasts boten gemeinsam mit der Politik, dem Video- und dem Social-Team einen zwölfstündigen Video-Livestream durch die US-Wahlnacht an, so etwas hatten wir nie zuvor versucht. Und doch war der wohl einer der erfolgreichsten Streams des Jahres, erklärt uns heute Facebook. Solche aktuellen Angebote ziehen neue Rezipienten an. Sie bleiben aber wegen der zusätzlichen, vertiefenden Inhalte, die wir für Abonnenten anbieten.

Mit der entsprechenden personellen Ausstattung?

Wir konnten über die Jahre zum Beispiel eine Magazin-Redaktion aufbauen, die zwar aktuell arbeiten kann, aber unabhängig vom Tagesgeschäft auch vertiefende, ergänzende Geschichten vorbereitet. Mit deren Inhalten generieren wir auch die meisten digitalen Abos.

Welchen Beat schlägt da ein Autor wie Rezo an, der Ende 2019 eine Kolumne bei Ihnen bekam – war das eine journalistische oder betriebswirtschaftliche Entscheidung, weil er nun mal gerade im jungen Publikum unglaublich zieht?

Wir finden ihn als Stimme wichtig und sind beeindruckt, wie präzise so ein Youtuber recherchieren und schreiben kann. Ich fand es auch angemessen, dass er mit einem Nannen-Preis ausgezeichnet wurde. Rezos Kolumnisten-Vertrag endet übrigens, während wir sprechen, er war auf ein Jahr angelegt. Er bleibt uns aber als Autor verbunden. Wir haben ihn damals auch nicht kontaktiert, wir sind eher beiläufig aneinandergeraten

Auf einer Cocktail-Party?

Da sind weder er noch ich besonders oft, aber Rezo war schon vorher unser User. Vielleicht sagt das auch etwas über unsere Zielgruppe aus.

Ende 20.

Wir haben viele junge, oft studentische Leser und Leserinnen. Es gibt das Magazin Zeit Campus Online, unser Verlag bietet umfassende Informationen über Studiengänge bis zum Hochschulranking an, die zum Teil auf exklusiven Daten der Hochschulrektoren-Konferenz beruhen. Wenn man studiert in Deutschland, hat man in aller Regel einmal Kontakt mit unseren Angeboten. Außerdem haben wir Ze.tt

Das Online-Magazin der Zeit für junge Erwachsene.

… das gerade zu Zeit Online umgezogen ist und viele junge Leserinnen anzieht. Rezo war keine kalte Business-Entscheidung.

Man kann auch warme Business-Entscheidungen fällen, aber wie beugt denn ein seriöses Online-Medium wie Ihres der Gefahr vor, Clickbaiting zu betreiben? Schließlich sind auch Sie auf Reichweite angewiesen.

Diese Gefahr besteht im Online-Journalismus seit Gründung, das direkte Feedback und die Live-Daten entfalten nirgendwo sonst einen vergleichbaren Sog. Journalistinnen und Journalisten müssen lernen, mit den Zahlen zu arbeiten, sich ihnen aber nicht zu ergeben. Unterschiedliche Redaktionen gehen damit ganz unterschiedlich um. Ich habe das Gefühl, in jüngster Zeit ist eine Art Zweiteilung des digitalen Journalismus noch stärker hervorgetreten. Ein Teil der Medien hat für sich als Geschäftsmodell entdeckt, auf die Spaltung der Gesellschaft zu zielen und diese zu verstärken.

Sie sprechen von der Bild?

Nicht nur die Medien des Hauses Springer, sondern auch andere nutzen soziale und politische Friktion als Energiequelle. Und wenn es keine Konflikte gibt, inszeniert man eben welche. Eine andere Gruppe von Medien wird eher für lösungsorientierten Journalismus belohnt, für verlässliche Informationen und Einschätzungen, für Dialog und Austausch. In dieser Sphäre sehen wir uns.

Als Moderator sozialer Grenzverläufe?

Zumindest nicht als diejenigen, die Grenzen verstärken und Scheinkonflikte erzeugen. Sondern als diejenigen, die eine vertrauenswürdige Plattform für das Selbstgespräch der Gesellschaft bieten. Streit kann viel Gutes bewirken. Das zeigt das Streit-Ressort der Zeit. Oder unser Online-Projekt „Deutschland spricht“, das wir als „My Country Talks“ in mehr als ein Dutzend Länder exportiert haben. Damit konnten wir weltweit bereits 200.000 Menschen in individuelle politische Streitgespräche vermitteln.

Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass Zeit Online durch ihre Mittelposition unanfälliger für die Erregungskultur des Internets ist, also weniger Hass und Shitstorms erntet?

Mal so, mal so. Selbst, wenn wir gar nicht das Ziel verfolgen, zu polarisieren, ernten wir natürlich Widerspruch.

Aber eröffnet sich da nicht ein weiteres Dilemma, dass sich ein haltungsstarkes Medium dennoch positionieren muss, etwa zur wütenden Seite der Querdenker und Verschwörungsideologen?

Im Wort „positionieren“ schwing mit, dass es da verschiedene denkbare Standpunkte gäbe. Aber in diesen Fällen gibt es selten ein Sowohl-als-auch. Man kann schon die Frage stellen und auch recherchieren, ob SARS-CoV-2 in chinesischen Laboren designt wurde. Wenn alles dagegenspricht, können wir diese These aber nicht als Meinung akzeptieren, die gleichberechtigt gehört und verbreitet werden muss. Journalismus strebt danach, die Wahrheit herauszufinden und weiterzuerzählen. Auf manche Populisten muss er schon deshalb wie Aktivismus wirken.

Auch nicht nach dem 6. Januar, als er indirekt zum Putsch aufgerufen hat, dem einige seiner Fans mit dem Sturm aufs Kapitol gefolgt sind?

Selbst Fox hatte sich am Ende emanzipiert, andere füllen nun die Leerstelle, wie OAN oder Newsmax. Auch Facebook und Twitter haben sehr spät reagiert und Trump blockiert. Aber der Trumpismus ist nun einmal viel größer als Trump, die Zustimmungsraten unter Republikanern für die jüngsten Geschehnisse sind besorgniserregend. Ich fürchte, wir haben nicht ein Ende mit Schrecken gesehen, sondern den Anfang von etwas Schrecklichem. Manche Medien tragen daran eine Mitschuld, das Netz spielt eine zentrale Rolle. Aber es sind die Menschen selbst, die den gemeinsamen Diskurs verlassen und sich abspalten. Das kann kein Algorithmus bewirken. Auch Journalisten können da viel weniger ändern, als sie manchmal hoffen. Wichtig ist, dass wir Unsinn nicht unkommentiert als gleichwertige Meinung verbreiten, nur weil er von Meinungsführern geäußert wird.

Ausgewogene Berichterstattung hat also nichts mit Arithmetik zu tun?

Nicht im, zum letzten Mal: Qualitätsjournalismus. Journalismus, der den Namen verdient, ist der Wahrheitssuche verpflichtet, auch wenn das natürlich nur ein Ideal ist, nach dem wir streben. Leider gehört dazu auch die Erkenntnis aus der einschlägigen Forschung, dass das Konfrontieren mit Fakten allein Menschen selten dazu bewegt, ihre Sichtweise zu ändern, das gilt unabhängig von Bildungsgrad und Überzeugung, für Sozialdemokraten ebenso wie für AfD-Wähler, für Sie und mich. Wir ändern ungern unsere Standpunkte.

Was glauben Sie, mal grob in die Glaskugel geblickt weitere acht Jahre als Chefredakteur später: kriegen wir die Gräben wieder zugeschüttet und welche Rolle kann Zeit Online dabei spielen?

Eines der wenigen erprobten Mittel gegen betonierte Weltsichten ist nach Studien der persönliche Austausch mit Menschen, die eine völlig andere Meinung vertreten, hier leistet Zeit Online mit My Country Talks hoffentlich einen sinnvollen Beitrag. Wenn die Daten der Soziologie stimmen, sind Deutschlands Gräben zum Glück auch nicht so tief. Das Fundament der Zivilgesellschaft besteht zu mehr als 80, wenn nicht 90 Prozent aus Menschen, die weiter gesprächsbereit sind. Das ist in vielen der Länder, wo wir mit unseren Projekten aktiv sind, anders. Deswegen bin ich für Deutschland und große Teile Europas zuversichtlich.

Und die Minderheit von zehn Prozent muss eine pluralistische Gesellschaft akzeptieren?

Es muss eine stehende Einladung zum Gespräch geben. Aber man darf sich nicht von einer kleinen Gruppe beirren lassen, die sich dem demokratischen Diskurs verschlossen hat.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen

Wendlers Intellekt & Europas Stämme

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Februar

Nach der letzten nun die nächste Instanz: Kaum hatte sich die Aufregung über den WDR, gelegt, der zehn Tage zuvor ausschließlich Biodeutsche über rassistische Klischees abstimmen ließ, nutzte Sat1 das quergedachte Eigenmarketing ihrer Frühstücksmoderatorin für eine Diskussion über den Lockdown, bei der Marlene Lufen am Montag ausschließlich Menschen um sich scharte, die voll und ganz ihrer Meinung waren. Dass die Politik Kinder hasst nämlich und vermutlich in geheime Keller sperrt, um ihnen dort irgendwas abzuzapfen.

Diese Verachtung aller journalistischen Standards hat zwar Methode, zahlte sich aber in einer katastrophal niedrigen Einschaltquote aus. Schlechte Zeiten für Populist*innen, könnte man da meinen. Zumal kurz darauf auch noch der Instagram-Account vom Wendler gesperrt wurde. Damit hat die deutsche Verschwörungsideologie ihr akademisch-intellektuelles Aushängeschild verloren. Und als Ersatz taugt nicht mal mehr der Verschwörungspragmatiker Kai Diekmann, nachdem er einräumen musste, sich mit seiner anhaltenden Propaganda für Wirecard geirrt zu haben und damit ja indirekt zugibt, von seinem Fachgebiet visionärer Unternehmensberatung keine Ahnung zu haben. Bliebe als längste Lanze des Populismus noch Andreas Scheuer.

Weil seine Freundin Julia Reuss, nebenbei Büroleiterin von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär als zentraleuropäische Public-Policy-Direktorin zu Facebook wechselt, also vom parlamentarischen Kontrollgremium ins kapitalistische Kontrollobjekt, qualifiziert er sich nun auch familiär als politischer Opportunist Nr. 1 im Land. Angesichts solcher rückgratlosen Exzesse macht immerhin eine Institution noch Hoffnung: Die Tagesschau. Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung verbuchte im Januar die höchste Sehbeteiligung seit Beginn der Quotenmessung. Aller Mediendiversifizierung zum Trotz, haben pro Tag im Schnitt 14,5 Millionen Zuschauer*innen um acht eingeschaltet, Marktanteil: 42 Prozent.

Die Frischwoche

15. – 21. Februar

Dass die ARD sachlich weiterhin spitze ist, zeigt sie zudem mit Lang-Dokus wie Bhagwan – Die Deutschen und der Guru, heute Abend um 23.20 Uhr. Dass sie auch fiktional ungebrochen Maßstäbe setzt, beweist zudem ihr Mittwochsfilm Meeresleuchten mit Ulrich Tukur als Vater, der den Tod seiner Tochter zum Neuanfang in der mecklenburgischen Provinz nutzt. Das Familiendrama hat, was Unterhaltung braucht: kreative Geschichten und tolle Schauspieler*innen, Schmerz und Freude, Leichtigkeit und Drama, Tragik, Humor, Irrsinn – alles dabei.

Von alledem nichts dabei hat der depperte Netflix-Mumpitz Tribes of Europa. Beim Versuch der Dark-Fabrik Wiedemann & Berg, darstellende Influencer GoT-kostümiert in eine postapokalyptische Zukunft zu schicken, ist von der Handlung übers Schauspiel bis zur Ästhetik ab Freitag alles so unfreiwillig komisch geraten, als hätte Helge Schneider mit Vin Diesel für RTL2 gedreht. Dann doch lieber offen lustig gemeinte Comedy-Thriller wie I Care a Lot auf gleichem Kanal oder wahlweise die 4. Staffel von The Masked Singer, morgen bei Pro7.

Noch besser jedoch, man entscheidet sich für Fernsehen mit mehr Anspruch als Zielgruppenberechnung. Wie das Serien-Remake der Kinder vom Bahnhof Zoo. Was angesichts der profitorientierten Plattform Prime Video per se nach Effekthascherei klingt, entpuppt sich ab morgen vom ersten der acht Teile an als fesselnde Drogenmilieustudie, die Philipp Kadelbach wie das legendäre Buch in den Siebzigern ansiedelt, aber zeitlos aussehen lässt. Weniger zeitlos als epochal war dagegen die deutsche Warhol-Muse Nico 1988, der Arte am Freitag um 22.45 Uhr ein grandioses Biopic widmet.