Bülent Ceylan: Opas Geige & Neuköllns Kinder

Bülent Ceylan präsentiert Factual-Format im ZDF

Kunst ist wichtig!

Im Social Factual Don’t Stop the Music formte Bülent Ceylan (Foto: ZDF/D4Mance) Mitte April im ZDF (und weiterhin in der Mediathek) einen Kinderchor aus 50 benachteiligten Neuköllner*innen. Ein Gespräch darüber, wie ihm Musik und Humor einst selbst aus dem sozialen Abseits halfen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bülent Ceylan, was genau passiert bei Don’t Stop the Music?

Bülent Ceylan: Es geht darum, benachteiligten Kindern das Erlernen eines Instruments zu ermöglichen und dabei auch ihre schulische und soziale Entwicklung zu verbessern. Während meine eigenen Kinder allein durch unseren finanziellen Status einen leichteren Zugang zur Musik haben, ist es für viele davon schon finanziell schwierig, Instrumente zu erlernen. An einer Schule in Berlin Gropiusstadt haben sich rund 50 Kinder bereit erklärt, mit uns Geige, Gitarre, Schlagzeug und Trompete zu erlernen oder im Chor zu singen – mit dem Ziel, nach einem halben Jahr intensiver Begleitung ein Konzert zu geben. In Australien hat das wunderbar funktioniert.

Klingt dennoch irgendwie nach dem üblichen Help-TV mit sozial benachteiligten Versuchskaninchen.

Ganz und gar nicht. Das Projekt will zeigen, wie wichtig kreative Fächer für die kindliche Entwicklung sind. Musik oder Bildende Kunst werden gern als bessere Beschäftigungstherapie vernachlässigt, dabei beeinflussen sie die kognitive und emotionale Intelligenz so positiv, dass auch andere Fächer oder Dinge wie Integration besser funktionieren und somit dabei helfen, Gewalt- oder Fluchterfahrungen besser zu verarbeiten. Das wird auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begleitet und eingeordnet.

Ist das nicht ein sehr hoher Anspruch für ein vierteiliges Fernsehformat?

Finde ich nicht. Man merkt an den Kindern, die wir über ein halbes Jahr begleitet haben, wie gut sie dadurch integriert wurden und damit insgesamt bessere Schulleistungen erbringen. Ich habe echt schon viele Sachen fürs Fernsehen gemacht, aber bei dem hier geht es wirklich mal um was Grundlegendes.

Stellen Sie dafür nur Ihr prominentes Gesicht zur Verfügung oder haben Sie richtige Aufgaben dabei?

Nee, das ZDF kennt mich ja schon seit Jahren und weiß genau, dass ich seit 2017 eine Kinderstiftung habe, selbst Familienvater bin, leidenschaftlich gern Musik mache und wie ein Großteil der Teilnehmer einen Migrationshintergrund habe. Die Kombination war mindestens genauso ausschlaggebend wie meine Popularität. Ich fungiere daher nicht nur als Motivator, es trotz aller Hindernisse schaffen zu können, sondern auch als Freund und Bindeglied.

Und als Komiker?

Natürlich mache ich auch mal Witze, aber Star der Sendung sind die Kinder, nicht ich.

Wie verhindert Don’t Stop the Music dennoch, sie aus dem Schatten des objektiv einzigen Stars zu holen, nämlich Ihrem?

Die Protagonisten bei uns werden nicht vorgeführt, und wir arbeiten auch ohne Drehbuch – obwohl es sogenannte Fokus-Kinder gibt, die wir etwas intensiver begleiten, und wo die Eltern sich auch bereit erklärt haben, dass wir beispielsweise auch mal bei ihnen zu Hause drehen.

Also leine Tränen unterm Geigenteppich?

Nicht gezielt zumindest. Aber natürlich gibt es über die vier Folgen hinweg ergreifende Szenen, bei denen mir jedenfalls schon mal die Tränen gekommen sind. Einfach, weil jemand etwas schafft, das man nicht erwartet hatte. Es gibt auch mal prominente Paten, deren Namen ich noch nicht verraten darf, aber wir haben eine andere Botschaft als reines Entertainment: Kunst ist wichtig!

Arbeiten Sie mit dieser Botschaft auch ein bisschen Ihre eigene Biografie einer benachteiligten Kindheit als Sohn türkischer Eltern ab?

Natürlich. Ich weiß ganz genau, wie es ist, als Außenseiter aufzuwachsen, hatte allerdings das große Glück eines Vaters, der mir trotz und wegen unseres Migrationshintergrundes echt alles ermöglichen wollte. Ich war deshalb aus voller Überzeugung bei diesem Langzeitprojekt dabei und hoffe, man merkt ihm das auch an. Es liegt mir unabhängig von Quoten und Kritiken wirklich am Herzen, den Leuten zu zeigen: wenn wir es als reiches Land nicht mal schaffen, unsere Kinder einigermaßen gleich zu behandeln – wie sollen wir dann Riesenprobleme wie den Klimawandel in den Griff kriegen? Und nichts eignet sich dafür mehr als die Förderung kreativer Energien.

Was hat Ihnen als türkischer Junge im deutschen Mannheim der Siebziger und Achtzigerjahre mehr geholfen bei der Integration – Ihr Vater oder die Musik?

Beides. Durch die Möglichkeit, ans Gymnasium zu gehen, was damals alles andere als selbstverständlich für Kinder mit meiner Biografie war, hatte ich in einen Musiklehrer, der das Fach und die Schüler tatsächlich ernst genommen hat. Dadurch bin ich irgendwann in den Kinderchor gekommen. Und weil uns zuhause das Geld für ein neues Instrument fehlte, hat mir mein Vater die alte Familiengeige aus dem Keller geholt.

Familiengeige?

Die hatte mein Urgroßvater einst aus der Türkei mit nach Deutschland gebracht. Sie war zwar kaputt, aber mein Vater hat sie damals für’n Appel und’n Ei reparieren lassen. Auch, weil wir mit den Deutschen halten sollten. Und obwohl es am Ende nur für ein paar Weihnachtslieder reichte, hatte ich nach zwei, drei Jahren einen völlig anderen Bezug zur Musik. Johann Sebastian Bach hat mir echt dorthin geholfen, wo ich heute bin.

Und der Humor?

War ebenso wichtig. Dank der Musik konnte ich als Teenager meinen Frust rausschreien, also abbauen. Andere zum Lachen zu bringen hat mich dagegen einfach nur glücklich gemacht.

Nur glücklich gemacht oder bei der Kompensation Ihrer Benachteiligung geholfen?

Auch das. Mein erstes positives Erlebnis hatte ich mit sieben, acht Jahren, als ich die Beerdigung meiner Oma ein wenig aufheitern konnte. Und als Teenager hat er für attraktive Checkpoints bei den Mädchen gesorgt. Wer die zum Lachen bringt, rückt vom Rand der Idioten, die Außenseiter wie mich gehänselt haben, automatisch ein Stück weit Richtung Mittelpunkt. Das war Genugtuung und Exitstrategie in einem.

Haben Sie damals bereits humoristisch mit den Vorurteilen über Ihresgleichen gespielt?

Schon auch.

Aber werden Klischees durch Witze darüber nicht eher verfestigt als beseitigt?

Ich möchte Vorurteile durchs Lachen darüber schon auch brechen. Eines dieser Klischees besteht allerdings darin, dass ich mich auf der Bühne andauernd mit meiner Herkunft auseinandersetze. Dabei beschäftigen sich mindestens 80 Prozent meiner Programme mit Menschen allgemein und was sie so Merkwürdiges machen. Aber weil der Türke ab und zu Witze über Türken macht, wird das halt ständig hervorgehoben. Dabei will mein Humor in der Regel gar nicht um vier Ecken gesellschaftlicher Probleme denken, sondern – gerade in dieser schwierigen Zeit – einfach mal Anlass zum Ablachen geben. Trotzdem beschäftige ich mich natürlich mit Ungerechtigkeiten oder Rassismus.

Und zwar nicht als Kunstfigur…

Sondern Bülent Ceylan, das ist mir enorm wichtig.

Hat das ZDF denn nun den Komiker Ceylan oder den Außenseiter Bülent für Don’t Stop the Music verpflichtet?

Das Gesamtpaket. Komiker mit Migrationshintergrund, Musiker mit Familie, Außenseiter mit Aufstiegsbiografie – alles drin in mir, was fürs Format wichtig ist.

Hätten Sie als Kind vor 30, 40 Jahren dabei mitgemacht?

Absolut. Viele der 50 Kinder schwärmen bis heute davon, wie es sie beflügelt hat. Hoffentlich setzen sie damit ein Zeichen an die Politik, Kreativität mehr zu fördern. An deutschen Grundschulen fehlen 23.000 Musiklehrer. Unglaublich.


Musks Trillionen & Macht der Informationen

TV

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. April

Das nennt man wohl vom Regen in die Traufe oder epidemiologisch: von der Pest zur Cholera. Die russische Journalistin Marina Ovsyannikova, berühmt für ihren Protest vor laufender Kamera gegen Putins Angriffskrieg, soll laut FAS künftig für Springers Welt aus ihrer alten Heimat berichten. Das ist schon deshalb bedenklich, da Ovsyannikova vor ihrer tapferen Schildaktion alles andere als ein leuchtendes Vorbild publizistischer Ethik war. Zum anderen betreibt Springer einige der übelsten Hetzblätter, die Putins publizistischer Indoktrination in wenig nachstehen.

Wären Bild und Welt Messengerdienste, sie würden in etwa Telegram und Twitter entsprechen – in lichten Momenten durchaus informativ, in dunkleren die Hölle. Falls Elon Musk wie angekündigt auf Shoppingtour geht, sollte man das im Hinterkopf behalten. Für 43 Trillionen Dollar, so heißt es, kauft der elektromobile Weltraumcowboy demnächst die Welt – ach nee, so weit ist er dann doch noch nicht. Deshalb kauft er für 43 Billionen Dollar vorerst nur das World Wide Web. Moment. Auch schwer einzupacken. Deshalb begnügt er sich für 43 Milliarden Dollar mit Twitter, das zwar kaum Gewinn abwirft, aber – tja, was eigentlich ist: Spielzeug, Machtinstrument, beides?

In jedem Fall eines, das der weltweiten Meinungsbildung gefährlich werden kann. Sie war zwar selten mal in Händen vollends neutraler Philanthropen. Aber schon die – angeblich nebenbei angedeutete – Idee, das Kommunikationsportal übernehmen zu wollen, sorgte für Kurssprünge zugunsten des Mehrheitseigners Musk und zeigt, wie wenig ihm an informationeller Selbstbestimmung, aber wie viel an sich selbst gelegen ist. Wie wenig RTL an Spiritualität gelegen ist und wie viel an Quote, zeigte Die Passion am vorigen Mittwoch.

Angekündigt als modernisierte Fassung der letzten Tage Christi, schickten die Kölner diverse Stars ihrer eigenen Zweit- bis Drittverwertungsmaschinerie auf eine Essener Bühne, wo die deutsche Polizei Alexander Klaws als Jesus im Guantanamo-Drillich zur Kreuzigung führt. Laith Al-Deen spielt Petrus, Thomas Gottschalk gibt den gottgleichen Sprecher und lautstark sing dazu Andreas Bourani. Auweia.

0-Frischwoche

Die Frischwoche

18. – 24. April

Und wegen Ostern und allem, die Tipps der Woche ausnahmsweise mal in tabellarischer Form

Mittwoch, ZDF-Mediathek: Lüge und Wahrheit – Die Macht der Information, fünfmal 45 Minuten Analyse von John Kantara, wie Kommunikation von der Verschwörungstheorie bis zur Kriegspropaganda zur Waffe wird

Mittwoch, Disney+: The Dropout, fünfteilige Podcast-Verfilmung über die US-Unternehmerin Elizabeth Holmes (Amanda Seyfried), deren reales Biotec-Startup Theranos mit Bluttest Milliarden verdient, aber nicht wert war

Mittwoch, ARD-Mediathek: Die Glücksspieler, absolut ansehnliche Miniserie mit Katharina Schüttler, Manuel Rubey und Eko Fresh als unzufriedene Großstädter, denen ein Milliardär mit einer Wette auf die Sprünge zum Glück hilft

Freitag, ARD-Mediathek: All You Need, 2. Staffel der schwulen Serie, in der sich eine Reihe teils intersektional diskriminierter Berliner erneut mit großer Freude am visuellen Tabubruch durch komplizierte Privatleben vögelt.

Freitag, Starzplay: Gaslit, herausragende Realpolitserie mit Julia Roberts als Frau des Justizministers (Sean Penn), die 1974 maßgeblich zu Nixons Sturz beigetragen hat und damit auch etwas über die Emanzipation jener Tage erzählt

Freitag, Sky: The Gilded Age, pompöses Kostümfest über Aufstieg & Fall vulgärkapitalistischer Industrie-Magnaten im New York der 1880er Jahre, ästhetisch spürbar Bridgerten, dramaturgisch eher Game of Thrones

Samstag, Arte: Letzte Ausfahrt Weltall, Dokumentation der extraterrestrischen Expansionspläne eitler weißer Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die Rudolph Herzog mit seinem Vater Werner als Sprecher  beobachtet


Bilderbuch, Kae Tempest, Sophia Bel

Bilderbuch

Rosen, besonders rosarote, haben zu Recht nicht den allerbesten Ruf. Als Ausdruck antiquierter Ansichten von Romantik, sind sie eher was für die Generationen Schlager als Pop. Es sei denn, letzterer okkupiert ersteren und steht auch noch dazu – dann darf die beste Popband der Welt gern die kitschigste Rose der Welt aufs Cover nehmen und dazu “unten am Ende der Straße lebt ein süßes Girl / aber ich weiß nicht wie sie heißt” singen”. Ist auch egal. Wenn man Bilderbuch ist.

Den vier Österreichern um Schmusezyniker Maurice Schmidt vergibt man ja alles: die öligen Gitarrensoli von Michael Krammer, den wattierten Bass von Peter Horazdovsky, das schulterpolsterige  Schlagzeug von Philipp Scheibl und vier Platten, die all das zum geschmeidigsten Lowfi-Bigbeat der Welt vereinen. Jetzt gibt es Gelb ist das Feld mit rosaroter Rose und es beschreitet den Weg gediegener Selbstverseifung konsequent weiter. Wenngleich so brillant, dass die Schlagerhaftigkeit darauf betört, nicht verkleistert.

Bilderbuch – Gelb ist das Feld (Maschin Records)

Kae Tempest

Kae (fka Kate) Tempest ist jemand, der/die/das mit jeder Äußerung Aufsehen im alternativen Kunstbetrieb erregt. Seit einiger Zeit nonbinär definiert, hat er/sie/es schon alles publiziert, was Publikum findet: Lieder, Platten, Stücke, Bücher, Romane, Essays und dummerweise auch Sympathiebekundungen für den latent antisemitischen Israel-Boykott BDS. Mindestens heikel, aber bei aller Kritik: nicht annähernd ausreichend, um ein musikalisches Werk zu ignorieren, das in jeder Hinsicht herausragend ist und bleibt.

Als Rapperin gestartet, haben all ihre Alben eine Kraft des elektronisch ummantelten Sprechgesangs, der kaum noch zu steigern war – in Gestalt von The Line Is A Curve aber doch übertroffen wird. Die zwölf Tracks der realen Kunstfigur aus London sind von einer selbstentblößenden Emotionalität, die mit dem dronigen Triphop ringsum nicht nur korrespondiert, sondern verschmilzt. HipHop aus der Tiefe einer streitbaren, fragilen, trotzigen, lebenswunden Seele, wie er selten zu hören war. BDS ist scheiße, aber Kae Tempest das Beste, was dem Musikbusiness passieren konnte.

Kae Tempest – The Line Is A Curve (Fiction)

Sophia Bel

Als Cindy Lauper Anfang der Achtziger den Musikzirkus aufmischte, war die Zeit reif für feministischen Powerpop, der Gender, nicht Sexus negieren wollte. Fast 40 Jahre später ist die Zeit kaum weniger reif dafür, aber feministische Powerpop-Künstler*innen erregen längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, was für sich genommen ja schon mal für ihre Verbreitung spricht. Theoretisch. Praktisch sind weibliche Selbstbehauptungen, wie sie Sophia Bel in wunderbaren Powerpop verwandelt, weiter die Ausnahme.

Anxious Avoidant heißt das Debütalbum der amerikanischen Songwriterin kanadisch-holländischer Herkunft, aufgewachsen in Michigan, gemobbt als Kind, als Erwachsene umso robuster im Umgang mit Verletzungen. Und es klingt wie einst Cindy Lauper so eigensinnig verspielt nach dem richtigen Leben im Falschen, dass man ihrem postpunkigen Alternative sogar ein paar Banjos, gar Country-Sequenzen nachsieht. Empowerment darf einen auch mal billig um den Finger wickeln.

Sophia Bel – Anxious Avoidant (Bonsound)


False Balance & Bülents Musik

Die Gebrauchtwoche

4. – 10.  April

False Balance fristete seit dem Durchbruch dieser Umschreibung falsch verstandener Ausgewogenheit feuilletonistisch beachtetes, am Ende aber einflusslose Nischendasein. Querdenkern, Nazis oder querdenkenden Nazis ähnlich viel publizistischer Redezeit zu gewähren wie dem vernunftbegabten Rest der Menschheit, wirkte journalistisch zwar asymmetrisch, aber außer für Jan Böhmermann zumindest im öffentlichen Diskurs nicht weiter schlimm. Und dann kam Butscha

Darf, ja muss man die Leugnung russischer Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung bei Kiew und anderswo erwähnen, während an Moskaus Verantwortung für dieses Kriegsverbrechen nicht ein seriöser Zweifel besteht? Darf, ja muss man die Opfer zeigen oder darf, ja muss deren Würde durch verpixelnde Pietät, wenn nicht gar Ausblendung gewahrt bleiben? Und wie ist es eigentlich mit Autokorsos Berliner Putin-Versteher – ignorieren, anprangern, verulken? Wer kluge Antworten hat – bitte bei freitagsmedien melden oder besser gleich dem Pulitzerpreis-Komitee.

Nur so viel: Unsere visuell fixierte Gesellschaft verliert zusehends alle Empathie für Dinge, die unsichtbar bleiben. Von daher hat Bild ausnahmsweise was richtig gemacht, als sie Butscha mit dem Foto der Hand einer Toten illustrierte. Julian Reichelt hätte als Chefredakteur schließlich Kinderleichen gestapelt. Von daher darf man durchaus besorgt sein über sein neues Projekt. Rome Medien GmbH soll es heißen, benannt nach der imperialen Plutokratie, nicht der ewigen Stadt, versteht sich. Und ein paar gewissenlose Kolleg*innen aus Springer-Zeiten hat er schon beisammen – Sebastian Vorbach und Willi Haentjes oder die Yellow-Fotografin Ute Oelker.

Ob sich die neuen Römer an Reichelts Hassliebe Bild oder rechten Verlagen von Regin über Kopp bis Antaios orientieren, bleibt offen. In einer Zeit aber, da Karl Lauterbach Ministerbeschlüsse twittert und bei Lanz zurücknimmt oder umgekehrt, scheint alles möglich. So sind mit Ulrike Handel und Niddal Salah-Eldin zwei (teils migrationsgeprägte) Frauen im Springer-Vorstand für die rassistisch-sexistische Agenda mitverantwortlich. Überzeugungsgesteuerter ist da die Entscheidung des ZDF, Bettina Schausten zur Chefredakteurin zu machen und Nadine Bilke zur Programmdirektorin.

Die Frischwoche

11. – 17. April

Die sichtbarste Antwort von Sat1 auf gläserne Decken lautet dagegen Ruth Moschner, die Donnerstag zum zweite Mal Kühlschrank öffne dich moderiert. RTL+ startet derweil echte Attacken auf spätrömische Herrschaftsstrukturen alter weißer Männer. Dienstag laufen dort gleich sechs internationale Serien an. Und jede davon erhebt den hehren Anspruch zukunftsweisender Diversität in Besetzung, Produktion, Dramaturgie. Und die amerikanischen (Un-)Romantic Comedies Starstruck und Cheaters erfüllen ihn mit Personal, das ebenso hart wie heiter vom heteronormativen Mainstream abbiegt, sogar ganz gut.

Auch Josh Thomas ist als Showrunner und schwuler Zappelphilipp der australischen Empowerment-Tragikomödie Everything’s Gonna be Okay fast so hinreißend wie einst als Showrunner und schwuler Zappelphilipp von Please Like Me. Selbst die verschiedenartigen Schüler*innen des Coming-of-Age-Melodrams Generation zeugen von Wahrhaftigkeitsbedürfnis. Die Protagonistinnen der Hochglanzprodukte You Shall Not Lie und Eden allerdings sind trotz ungewohnt weiblicher Produktionen viel zu sexy, um divers zu sein.

Divers, ohne übertrieben sexy sein zu wollen, ist dagegen die die achtteilige Adaption von Cecilia Aherns Kurzgeschichten Roar, in denen die Showrunnerinnen Carly Mensch und Liz Flahive ab Freitag bei AppleTV+ weibliche Rollenmuster mit Stars wie Nicole Kidmann skizzieren. Männer sind ab morgen auch in der ulkigen Netflix-Mockumentary Hard Cell aus einem Frauenknast Mangelware, während Bülent Ceylan als Host von Don’t Stop the Music dienstags (22.15 Uhr, ZDF) benachteiligte Berliner Kids durch die Gründung eines Orchesters aus dem Abseits holt – was überraschend frei von Fremdschampathos funktioniert.

Jenseits aller Emanzipation sichtbar: Die sechsteilige Politbestseller-Verfilmung Anatomy of a Scandal (Freitag, Netflix) und der Konzertfilm Auswärtsspiel in Ostberlin, womit das Erste den Toten Hosen am Mittwoch zum 40. Geburtstag gratuliert. Parallel setzt der NDR den hochinteressanten Doku-Talk Die Narbe von und mit Anja Reschke fort, diesmal nicht über Katastrophen wie das Zugunglück von Eschede, sondern Verbrechen wie den Vernachlässigungsfall Jessica.


Holger Stark: Die Zeit & die Jagd

00stark

Präzision und Relevanz der Fakten

Als Leiter des Investigativ-Ressorts der ZEIT ist Vize-Chefredakteur Holger Stark (Foto: Christian O. Bruch) einer der einflussreichsten Journalisten im Land. Ein Gespräch übers Spannungsverhältnis von Unschuldsvermutung und Verdachtsberichterstattung, publizistisches Jagdfieber oder warum auch der Mann von taz-Chefredakteurin Barbara Junge noch viel über #MeToo zu lernen hat.

Von Jan Freitag

Herr Stark, gibt es bei Journalisten im Allgemeinen und bei investigativen wie Ihnen im Besonderen so etwas wie angeborenen oder berufsbedingten Jagdinstinkt, womöglich gar Jagdtrieb?

Holger Stark: Den gibt es vermutlich, und ich glaube auch, dass es den als Antrieb in Teilen auch geben darf, um Fragen nachzugehen, bei denen Journalistinnen und Journalisten die Antworten eigentlich nicht finden sollen. Es gibt allerdings eine rote Linie: Der Jagdinstinkt sollte nicht zum Jagdfieber werden. Und heikel wird es, wenn daraus ein Herdentrieb vieler Redaktionen wird. Spätestens dann sollte sich investigativer Journalismus hinterfragen und im Zweifel zurücknehmen. Es gab genug Beispiele, wo dieses Korrektiv fehlte.

Die Affäre um den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zum Beispiel.

Da hat sich der kollektive Jagdtrieb verselbständigt. Zeitweilig wirkte es, als hätten damals viele Medien einen der höchsten Repräsentanten des Staates zur Strecke bringen zu wollen – um in Ihrer Sprache zu bleiben.

Tendenz Kopfgeldjagd also.

Mit Vorwürfen, die teilweise weder angemessen noch sauber abgewogen waren und damit so weit übers Ziel hinausgeschossen sind, dass sie dem Bundespräsidenten, aber auch dem Journalismus geschadet haben. Auch deshalb mag ich persönlich die Formulierung vom „zu Fall bringen“ nicht, weil sie einen Selbstzweck insinuiert. Bei der journalistischen Aufgabe, gut recherchierte Geschichten aufzuschreiben, geht es ja nicht darum, welcher Politiker, Filmemacher, Unternehmer durch welchen Artikel zum Rücktritt gezwungen wird, sondern um Sachverhalte, um Aufklärung und eine Annäherung an die Wahrheit. Konsequenzen daraus muss dann die Gesellschaft ziehen.

Haben Sie und Ihr Team trotzdem schon mal jemanden gezielt zu Fall gebracht?

Meine Wortwahl ist das wie gesagt nicht. Die Zeit hat den Machtmissbrauch von Dieter Wedel offenkundig gemacht. Ziel dieser Recherche war allerdings nicht, dass er nie wieder Filme machen darf; das muss die Fernsehbranche oder auch das Publikum beantworten. Wir haben die Fakten für die anschließende Diskussion zutage gefördert.

Aber diese Fakten-Fixierung verhindert doch selbst beim berufsethisch gefestigtsten Reporter nicht, die Welt vor Menschen wie Dieter Wedel bewahren zu wollen.

Das wäre als Motiv verständlich, und bei Wedel war es erschütternd, in welchen Abgrund wir geschaut haben. Aber mich treibt eher die Suche nach Antworten an: Wissen wir, wie vielen Menschen jemand Leid angetan hat? Wissen wir, wie systematisch er potenziell seine Macht missbraucht? Wissen wir, ob noch andere dahinterstecken? Dass manche Kollegin und mancher Kollege am Ende finden, jemand wie Dieter Wedel sollte keinen Film mehr drehen, will ich gar nicht ausschließen; ich selber habe bei Wedel dazugehört. In unseren Konferenzen steht das aber nicht im Mittelpunkt. Wir suchen mit viel Leidenschaft nach Fakten, die sind das Elixier des investigativen Journalismus, dafür stehen wir morgens auf.

Kann Haltung der Faktenfindung in die Quere kommen und sollte daher bei Dienstbeginn an der Bürotür abgegeben werden?

Das berührt eine Diskussion, die wir schon sehr lange führen. Wenn Glenn Greenwald…

Seinerzeit Guardian-Reporter, der den NSA-Skandal um Edward Snowden ins Rollen brachte.

… sagt, weil Journalisten auch Menschen mit eigener Meinung sind, könne es gar keinen objektiven Journalismus geben, mag er recht haben. Ich lege trotzdem Wert darauf, dass Journalismus nicht zuvorderst meinungsgetrieben sein sollte. Wobei die Trennung in Meinung und Fakten im angelsächsischen Raum sehr viel strikter gehandhabt wird als im deutschsprachigen. Als wir vorigen Sommer zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern aufgedeckt haben, dass viele Staaten Journalistinnen, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle mithilfe der israelischen Spähsoftware Pegasus ausspionieren, hat den zugehörigen Leitartikel unser Politik-Ressort geschrieben. Die Kollegen haben mit einem klugen, ungetrübten Blick geurteilt, übrigens ausgesprochen scharf. Ich mag eine solche Arbeitsteilung.

Ist Ihr Anteil an dieser Arbeitsteilung dabei grundsätzlich Verdachtsberichterstattung?

Ich betrachte investigativen Journalismus fast immer als Entwicklungsprozess nach bestem Wissen und Gewissen, der nur selten bei Weiß beginnt und bei Schwarz aufhört. Wir starten mit einem Verdacht, und wenn einem nicht gerade Verträge oder glasklare Fakten vorliegen, ist zu Beginn meist offen, wo eine Recherche endet. Auch das ist ein Argument gegen das erwähnte Jagdfieber; mit der Prämisse an Recherchen heranzugehen, ein Betroffener müsste nach der Veröffentlichung zurücktreten, würde eine Investigation vom Ende her angehen.

Überwiegen im Arbeitsalltag Ihrer Redaktion Geschichten mit oder ohne Wendung?

Es gibt viele Recherchen, die werden gar nicht erst zu einer fertigen Geschichte, weil sie bei der Auslese interner Überprüfungsprozesse scheitern. Von denen aber, die das Licht der Öffentlichkeit erblicken, entwickelt sich der überwiegende Teil oft in etwa so, wie wir es anfangs erwartet hatten. Eine komplette Drehung einer Geschichte im Zuge der Recherche ist selten.

Gibt es Mittel- oder Maximalwerte, ab welchem Zeit- und Arbeitsaufwand Geschichten noch abgebrochen werden dürfen?

Theoretisch kann sie auch nach 100 Tagen Arbeit von drei Leute abgebrochen werden. Es ist der Luxus eines Investigativ-Ressorts, sich so viel Zeit wie nötig zu nehmen. Unsere Faustregel lautet aber, dass wir nach zwei, drei Wochen ein Gefühl dafür haben wollen, ob wir einen guten Zugang finden. Meine Erfahrung ist, dass halbgare Geschichten oft monatelang vor sich hindümpeln und letztendlich doch nicht gut werden.

Wie lösen investigativ Recherchierende bis dahin das Spannungsverhältnis zwischen Unschuldsvermutung und Verdachtsberichterstattung auf?

Dieses Spannungsverhältnis wird es immer geben, man kann und sollte aber versuchen, beide Perspektiven im Blick zu behalten. Das ist besonders in der #MeToo-Berichterstattung wichtig, wo es oft keine objektivierbaren Fakten wie schriftliche Unterlagen oder Belege gibt, sondern fast immer Aussage gegen Aussage zweier Personen steht und es keine Zeugen gibt. Außerdem ist die Trennlinie zwischen privat und gesellschaftlich relevant fast nirgends schwieriger als in diesem Bereich zu ziehen. Auch bei Lucke Mockridge oder Jerome Boateng muss zunächst die Unschuldsvermutungen gelten – um sie anschließend mit den eigenen Recherchen, etwa den Aussagen der Betroffenen und gemeinsamen Bekannten abzugleichen.

Wann genau darf das Pendel dann legitimerweise von der Unschuldsvermutung zur Verdachtsberichterstattung kippen?

Wenn die Indizien erdrückend sind, wenn es mehrere Quellen gibt, wenn die Aussagen etwa durch Chats bestätigt werden. Und natürlich ist die Rolle des mutmaßlichen Täters wichtig. Ob er – und viel seltener sie – einerseits gesellschaftliche Bedeutung hat und in welchem Maße ihm das System, in dem er agiert, die Machtausübung über andere erleichtert hat. Ersteres sorgt für öffentliches Interesse, Letzteres beinhaltet die Gefahr der Wiederholung durch andere im selben System, beides verleiht einer Berichterstattung Relevanz.

Und bei #MeToo…

… haben wir es definitiv mit einem System zu tun: einem Patriarchat, das Männer seit Jahrtausenden an den Schaltstellen der Macht hält und dort bei manchem den Glauben befördert, er könne sich alles erlauben. Auch hier würde ich aus publizistischer Sicht sorgsam unterscheiden, ob ein Machtmissbrauch innerhalb der Strukturen – bei Dieter Wedel also im Filmproduktionsprozess – entsteht oder wie mutmaßlich im Fall von Luke Mockridge und seiner Freundin auf privater Ebene. Je höher die gesellschaftliche Stellung des Täters und je systemischer der Fall, desto größer das öffentliche Aufklärungsinteresse.

Und was ist mit Journalisten selbst und möglichem Machtmissbrauch?

Einen solchen Fall haben wir ja bei Julian Reichelt und seinem Machtmissbrauch als Chefredakteur der größten deutschen Boulevardzeitung erlebt. Wären Fälle wie dieser oder auch Dieter Wedels vor 30 Jahren publik geworden, hätte es vermutlich eher ein Schulterzucken gegeben.

Wenn nicht sogar ein Schulterklopfen.

Viele Opfer hätten wahrscheinlich zu hören gekriegt, sich mal nicht so anzustellen. Im Licht des gesellschaftlichen Wandels blicken wir darauf zum Glück nun mit anderem Bewusstsein. Hinzu kommt, dass auch journalistische Institutionen wie der Presserat dem Wandel Rechnung tragen, flankiert durch Gerichte, die Verdachtsberichterstattungen juristisch auf ihre Legitimität hin prüfen. In diesem Spannungsfeld von Presse, Justiz und öffentlicher Debatte hat sich das Thema #MeToo im vergangenen Jahr so entwickelt, dass genauer denn je hingeschaut wurde, wie ein Boateng, ein Reichelt, ein Mockridge in ihren Machtsphären als Fußballer, Chefredakteur oder Comedian agieren – mit allen Grauzonen und schwierigen Fragen, die das mit sich bringt.

Wobei ein Teil dieser Beobachtungen mittlerweile juristisch untersagt wurden.

Der aktuell kontroverseste Fall ist Luke Mockridge, weil die Berichterstattung des Spiegels tief ins Privatleben jenseits seiner Arbeit als Komiker vordringt, die mit den bekannt gemachten mutmaßlichen Übergriffen nur am Rand zu tun hatte. Wer sich in seiner beruflichen Funktion so exponiert wie Julian Reichelt es tat, ist sicher anders zu beurteilen als Luke Mockridge oder Jerome Boateng, die zunächst einmal nur moderieren oder Fußball spielen. Und zugleich lässt sich an diesen Fällen beobachten, dass die Medien und die Gesellschaft mittlerweile offener als früher sind, um mögliche Missbrauchsstrukturen kritisch zu beleuchten.

Offener auch im Sinne potenziell falscher Verdächtigungen?

Bei sexueller Gewalt erhalten Menschen jetzt eine Stimme, die in der Vergangenheit unserer Gesellschaft nicht gehört wurden. Wir reden viel mehr über Missbrauch, das ist wichtig. Doch umso mehr gilt: Je weiter wir uns von Schwarz oder Weiß in Grauzonen begeben, desto behutsamer muss Journalismus seine Worte wägen. Ist wirklich jedes intime Detail aus einer toxischen Beziehung erwähnenswert? Was die Art und den Tonfall der Verdachtsberichterstattung betrifft, befinden wir uns in einer Lernphase. Bedeutsame Fakten dürfen nicht unerwähnt bleiben, aber manchmal ist ein Weniger an wuchtigen Worten und intimen Details angemessener. Die Enthüllungsstory aus dem Privatleben eines Entertainers darf nicht denselben Sound haben wie jene über CDU-Politiker, die sich in der Pandemie an Maskendeals bereichern. Letztere verdienen ein Ausrufezeichen, Ersterer eher ein abwägendes Fragezeichen.

Aber auch diese Grenzziehung variiert doch von Redaktion zu Redaktion. Für die Bild-Zeitung zum Beispiel ist das Interesse am minderjährigen Sohn, der den Fünffachmord seiner Mutter in Solingen überlebt hat, größer als das am Machtmissbrauch des eigenen Chefredakteurs, gegen dessen Veröffentlichung der Springer-Verlag juristisch mit aller Gewalt vorgeht.

Aber die Gewichtung bei der Bild folgt in diesem Fall ja keiner Moral, sondern einer Doppelmoral. Wer aggressiv über andere schreibt, muss mit hartnäckiger Berichterstattung über sich selbst rechnen.

Der berühmte Fahrstuhl nach unten, den laut Mathias Döpfner jeder besteigen muss, der zuvor mit Bild aufwärtsgefahren ist…

Ironischerweise ist letztlich auch Julian Reichelt Opfer dieser Logik geworden. Er ist mit der Bild ganz nach oben und dann wieder nach unten gefahren, als ihn der Verlag – wenn auch nicht ganz freiwillig – fallenließ. Die Enthüllungen über Reichelts Machtmissbrauch betrafen keinen sexuellen Missbrauch, sondern einen Bereich, wo er Privates mit Beruflichem vermischt hatte. Es ging im Kern um seine Rolle als Chef, nicht als Privatperson.

Genau das sieht er bekanntlich anders, und sein früherer Chef Mathias Döpfner hat ihn bis zur Enthüllung von Juliane Löfflers Ippen-Team darin bestärkt. Sind journalistische Wertmaßstäbe objektiv oder subjektiv, müssen Redaktionen also mit sich selbst ausmachen, worüber sie berichten, oder hilft ihnen dabei ein allgemeingültiger Kanon?

Das müssen die Redaktionen im ständigen Diskurs mit sich ausmachen – schon deshalb, um es nicht den einzelnen Reporterinnen und Reportern zu überlassen, die alleinige Verantwortung dafür zu tragen, was richtig und was falsch ist. Und natürlich verändern sich die Kriterien über die Zeit. Wir zum Beispiel haben uns eine ganze Reihe #MeToo-Fälle angesehen, über die wir letztlich nicht berichtet haben – darunter übrigens auch jener von Luke Mockridge. Unser Informationsstand hatte damals einfach nicht für eine Berichterstattung gereicht.

Vor Ihrem Wechsel zur Zeit vor fünf Jahren, haben Sie fast 16 Jahre investigativ für den Spiegel gearbeitet. Variieren die Unterschiede der Herangehensweisen mit dem jeweiligen Führungspersonal oder stecken sie tief in der jeweiligen DNA?

Das hat viel mit dem Selbstverständnis einer Redaktion zu tun. Der Spiegel geht mit mehr Wucht in solche Recherchen rein und treibt sie damit weiter voran. Dieses Nachhaken ist ein großer Verdienst, es führt aber in der Berichterstattung oft auch eher zu Ausrufe-, als zu Fragezeichen. Wer so leidenschaftlich mit so viel Man- und Womanpower in die Berichterstattung geht, ist eher mal bereit, ein Stoppzeichen am Straßenrand zu übersehen. Die Zeit macht es anders, ohne dass das bei investigativen Recherchen einen Anspruch auf den besseren Weg erheben soll. Ich finde es völlig in Ordnung, dass die Kriterien von Haus zu Haus variieren, eine journalistische Vielfalt kann nur gut tun. Wobei das Thema #MeToo auch bei einst vorsichtigeren Medien dazu geführt hat, publizistische Grenzen weiter auszudehnen.

Ist das schon eine Grenzverschiebung von Täter- in Richtung Opferschutz?

Die Bereitschaft, Opfern zuzuhören und bei aller gebotener Vorsicht auch Glauben zu schenken, ist auf jeden Fall gewachsen, und das ist gut so. Inwiefern das im Rahmen von Verifikation und Falsifikation zu einer dauerhaften Verschiebung der Maßstäbe wird, werden die finalen Gerichtsentscheide zu den Fällen Mockridge, Reichelt und Boateng zeigen. Wir stecken da mitten in einer großen, wichtigen Diskussion.

Ändert die Tatsache, dass sich Gerichte zurzeit energischer als zuvor in die Berichterstattung über Fälle wie Mockridge oder Reichelt einschalten, etwas an Ihrem Zugang zur Verdachtsberichterstattung?

Wir verfolgen die Urteile jedenfalls sehr genau und sind im Zweifel bereit, unsere Geschichten durch alle Instanzen zu treiben, sofern wir von ihrer Richtigkeit überzeugt sind. Der Fall Reichelt zeigt, wie moralische und juristische Einwände die Berichterstattung be- oder sogar verhindern können.

Wobei Dirk Ippen die Story seines Investigativ-Teams angeblich deshalb verhindert hat, weil er nicht schlecht über Kollegen sprechen wollte.

Dass die Geschichte über Reichelt zuerst in den USA veröffentlicht wurde, liegt auch an der dortigen Null-Toleranz-Haltung zu Grenzüberschreitungen am Arbeitsplatz. Gerade musste CNN-Chef Jeff Zucker zurücktreten, weil er eine – wohlgemerkt einvernehmliche – Beziehung zu einer Mitarbeiterin hatte. In der amerikanischen Unternehmenskultur wäre Julian Reichelts Verhalten ein absolutes No-Go, weshalb die Publikation aus Sicht der New York Times legitim war. Dass die gleichen Fakten hierzulande nicht für eine Veröffentlichung gereicht haben, lag auch daran, dass das Landgericht Hamburg über eine vorherige Berichterstattung des Spiegels beschneidend geurteilt hatte.

Dafür ist der Gerichtssitz Hamburg allerdings auch berüchtigt.

Die Richter haben es zugegeben auch nicht immer leicht. Aktuell behandelt das Landgericht die Beschwerde des Königreichs Marokko gegen unsere Berichterstattung über die Spionage-Software Pegasus. Aus unserer Sicht ist die Indizienlage ziemlich eindeutig. Trotzdem behauptet Marokko, diese Software überhaupt nicht eingesetzt zu haben, deshalb dürften wir so auch nicht darüber berichten. Der Fall ist für uns von grundsätzlicher Bedeutung.

Wir früh schaltet die Zeit ihre Rechtsabteilung denn in solche Recherchen wie zu Pegasus ein – auch von Beginn an wie Bild?

Im Fall von Pegasus viele Wochen vor der Veröffentlichung. Bei Investigativ-Recherchen ist das Standard, bei Stücken im Feuilleton oder auf der Geschichtsseite eher die Ausnahme. Besonders heikle Recherchen wie #MeToo-Fälle besprechen wir manchmal von Beginn an mit unserem Justiziar, um zu klären, was rechtlich möglich und zulässig ist.

„Unser Justiziar“ klingt nach Singular. Wie groß ist denn die Rechtsabteilung?

Das ist eine Hamburger Kanzlei mit mehreren Anwälten.

Kann es übers Rechtliche hinaus passieren, dass recherchierte, druckfertige Artikel vor Veröffentlichung auch auf ihre gesellschaftspolitische Auswirkung hin geprüft werden?

Die Frage müssen Sie erklären.

Vor 20 Jahren zum Beispiel haben Sie beim Spiegel über V-Leute in der NPD berichtet und damit das Verbot einer rechtsextremen Partei zumindest mitverhindert.

Die NPD ist eine furchtbare Partei in der Tradition des Nationalsozialismus. Ich kann verstehen, wenn aus Sicht eines Antifaschisten das Herz blutet, wenn eine Recherche auf den ersten Blick der NPD nützt – aber das kann und darf nicht dazu führen, eine wichtige Recherche zurückzuhalten. Die Partei war bis in die Führungsspitzen von V-Leuten so durchsetzt, dass diese den Kurs der NPD entscheidend mitbeeinflusst haben. Und im Verbotsantrag vorm Bundesverfassungsgericht wurden die V-Leute als Belastungszeugen zitiert. Das war rechtsstaatliches Foulplay. Nach unserer Enthüllung ist der Verbotsantrag folgerichtig gescheitert. In erster Instanz mag die NPD profitiert haben, aber ich bin überzeugt davon, dass in zweiter Instanz die Demokratie gewonnen hat.

Hat das klimaschützende Herz der Zeit dann geblutet, als deren kritische Berichterstattung über vergleichsweise kleine Verfehlungen der grünen Spitzenkandidatin Annalena Baerbock die Wahl womöglich zugunsten anderer Parteien beeinflusst hat?

Auch hier kann das Kriterium ja nicht sein, einer bestimmten Partei nicht schaden zu wollen. Das entscheidende sind Präzision und Relevanz der Fakten. Weil Annalena Baerbock damals aussichtsreiche Spitzenkandidatin der Grünen war, halte ich es auch für absolut angemessen, plagiierte Passagen eines Buchs zu thematisieren, das sich als Bewerbungsschreiben fürs Kanzleramt lesen lässt. Alles nicht gravierend, aber es erzählt etwas über eine Politikerin. Und dass die Grünen sich darüber beklagen, fand ich schon deshalb ein wenig weinerlich, weil Baerbock von Teilen der Presse zuvor lange Zeit ausgesprochen freundlich behandelt worden ist.

Dann denken wir die Situation dahingehend weiter, dass ein grüner Spitzenkandidat im Wahlkampf 2025 gleichauf mit Björn Höcke, aber weit vor CDU oder SPD liegt. Würde die Möglichkeit eines faschistischen Bundeskanzlers zu Beißhemmungen führen?

Das ist sehr theoretisch, einen faschistischen Staatschef wird es in Deutschland hoffentlich nie wieder geben. Jedenfalls würde Die Zeit dem in Leitartikel und Titeln mit großer Leidenschaft entgegenstehen, aber abseits solcher Extrembeispiele kann es nicht Aufgabe des Journalismus sein, ein gewünschtes Wahlergebnis herbeizuschreiben. Die Konstellation Grüne gegen AfD erinnert ein wenig an die Situation in den USA vor Donald Trumps Sieg über Hillary Clinton. Deren Wahlkampf habe ich als Korrespondent 2016 hautnah verfolgt und trotz aller Fassungslosigkeit über Trump versucht, beide mit der gleichen Akribie zu durchleuchten. Dass die gehackten Mails von Clinton und ihrem Wahlkampfteam nur Tage vor der Wahl als Teil einer Kampagne gegen sie publiziert wurden, war fragwürdig. Aber dass sie veröffentlich wurden, halte ich für richtig. Natürlich müssen seriöse Medien genau prüfen, ob sie sich zu Wahlkampfhelfern von Trump oder Putin machen; das darf aber nicht dazu führen, wichtige Details zu unterschlagen.

Wobei sich die Wahrheit in der Zwickmühle populistischer und pluralistischer Publizistik befindet. Erstere erzielt mit ihrer lauten Einseitigkeit Aufmerksamkeit, die letztere im gleichen Maße mit leiser Ausgewogenheit verliert. Schaufelt sie der Demokratie da nicht mit wehenden Fahnen von Ethik und Moral das eigene Grab?

Je lauter die AfD pöbelt, desto intensiver versuchen unser Investigativ-Ressort und Kolleginnen und Kollegen anderer Redaktionen hinter die Kulissen zu schauen – aber das Bild einer Zwickmühle ist mir zu schematisch. Ich würde mir insgesamt mehr kritischen, hinterfragenden, faktenbasierten Journalismus wünschen, sträube mich aber gegen die Vorstellung, Artikel als Predigten zu verstehen. Wir recherchieren, wir legen offen und wir führen Debatten, aber wir sind keine Missionare.

Was ist da denn schwerer in den Griff zu kriegen: Beißhemmungen und Bissreflexe?

Ein investigativer Journalist darf am Anfang keine Beißhemmungen haben. Gleichzeitig müssen wir uns immer wieder hinterfragen, ob wir zu bequem sind, zu aggressiv und ganz wichtig: wie viel Nähe wir zur Politik zulassen. Jetzt sitzt die neue Ampelkoalition an den Schaltstellen der Macht. Es zählt zu den ehrenvollsten Aufgaben des Journalismus, jede Regierung ungeachtet der politischen Farbenlehre sehr genau unter die Lupe zu nehmen. Es gibt vermutlich derzeit so viele Journalistinnen und Journalisten wie selten zuvor, die den regierenden Parteien nahestehen, vor allem der FDP und den Grünen. Man kann das daran ablesen, wie viele Journalistinnen und Journalisten plötzlich Minister duzen.

Wie viele Duzen Sie denn?

Generell wenige. Und bei den wenigen, die ich duze, heißt das nicht, dass wir nicht auch leidenschaftlich miteinander streiten.

Sie verkneifen sich also keine Berichterstattung über öffentliche Personen, die sie auch persönlich gut kennen?

Ich bin ein Anhänger davon, dass politische Journalistinnen und Journalisten keine Parteibücher haben sollten. Und wenn sie das tun, dann sollten sie jedenfalls nicht über die Partei berichten, der sie angehören. Wie sollte man da denn unbefangen urteilen? Sich als befangen zu erklären, ist kein Makel, jeder Eindruck von Hofberichterstattung hingegen schon. Und diese Gefahr ist angesichts der inhaltlichen Nähe, die manche Kollegen zu den Programmen der aktuellen Regierung haben, ziemlich groß. Zu große Nähe ist für uns ungesund. Wir brauchen eine Balance aus Nähe und Abstand.

Haben Sie bei Ihrer täglichen Arbeit die Reputation des Journalismus insgesamt vor Augen?

Wir alle hinterfragen uns seit zehn Jahren mehr denn je, was Journalismus im digitalen Zeitalter noch kann und sollte. Verifikation und Falsifikation haben enorm an Bedeutung gewonnen, Journalismus ist diskursiver geworden. Zum Glück. Und wir müssen uns viel stärker als früher erklären. Ich halte das für eine gesunde Entwicklung, weil sie uns Journalistinnen und Journalisten aus dem Elfenbeinturm holt, von dem wir lange als Sender zu den Empfängern gesprochen haben.

Dummerweise senden einige dieser Empfänger nicht mehr nur zurück, sondern brüllen mit purer Verachtung über die sogenannte Lügenpresse.

Ich nehme diesen Kampfbegriff, den die Nazis einst gegen freie Medien verwendet haben, nicht gern in dem Mund, aber es gibt zwei interessante Umfragen dazu, die untersucht haben, wie Menschen während der Pandemie auf Medien schauten. Vor etwa einem Jahr ist Infratest dimap zu dem Ergebnis gekommen, dass zwei Drittel der Befragten die Berichterstattung für ausgewogen, fair und kritisch halten. Ungefähr zeitgleich haben die Universitäten Mainz und Düsseldorf erhoben, dass elf Prozent der Aussage zustimmen, „die Medien“ würden sie nach Strich und Faden belügen.

Sie sagen offenbar: nur elf Prozent.

Ja, zumal der Wert im Vergleich zu den Jahren zuvor sogar gesunken war. Grad im Vergleich zu den tief gespaltenen USA zeugen beide Zahlen von einer überwältigenden Mehrheit, die die Vorzüge einer freien, unabhängigen Presse sehen, der ein kleiner harter Kern schwer erreichbarer Kritiker und Feinde gegenübersteht. Es ist ja kein Zufall, dass auch die AfD um die elf Prozent herum pendelt. Ein wenig aus dem Blick geraten dabei die anderen, eher stillen 89 Prozent, mit denen ich den gesellschaftlichen Diskurs wichtiger finde.

Das Problem ist nur, dass diese elf Prozent in der digitalen Öffentlichkeit für 89 Prozent des Lärms verantwortlich sind und damit überproportional gut zu hören.

Die Minderheit ist in der Tat lauter als die Mehrheit, aber die Antwort darauf kann nicht sein, ebenfalls schrill zu werden. Die Zeit hat auch deshalb inmitten der Pandemie das beste Jahr ihrer Geschichte hingelegt, weil wir eben nicht mitbrüllen, aber trotzdem emotional diskutieren. Genau das wünschen sich die Leute vom Qualitätsjournalismus – nicht, dass wir den Lärm sozialer Netzwerke oder des Boulevards kopieren.

Was wünschen Sie sich stattdessen?

Einerseits berechtigte Kritik etwa am Pandemiemanagement auszusprechen, auch die Politik damit zu konfrontieren. Wenn wir das nicht machen, sinkt das Vertrauen in die Medien wieder, wie zuletzt gemessen. Andererseits genau hinzuschauen, wer die aggressive Minderheit bildet. Manche ihrer führenden Köpfe sind bekennende Rechtsextremisten, die bereits während der rassistischen Proteste ab 2015 im Dunstkreis von Pegida Schlüsselrollen eingenommen haben, also mitnichten Teil einer breiten Bewegung waren und sind.

Von den Protesten geht zuweilen körperliche Gewalt gegen Ihre Reporter*innen aus, vom alltäglichen Hass im Netz ganz zu schweigen. Wie schützen Sie die vor psychischer und physischer Gewalt?

Das ist in der Tat eine der großen Herausforderungen. Als ich als Reporter selber viel zum Thema Rechtsextremismus gearbeitet hatte, bekam ich eines Tages vom Staatsschutz die Einladung zu einem Sicherheitsgespräch, weil mein Name auf einer schwarzen Liste von Neonazis stand. Da fühlt man sich sehr mulmig und freut sich, in der Redaktion Ansprechpartner zu haben.

Die hatten Sie?

In einer vergleichsweise kleinen Redaktion wie damals der Berliner Zeitung eher auf persönlicher Ebene. Die Tipps der Polizei, sich beim Verlassen des Hauses öfter mal umzuschauen und unterm Auto zu gucken, ob da ein Brandsatz befestigt sein könnte, haben bei mir damals jedenfalls eher zu Verunsicherung als zur Beruhigung geführt. Die Zeit hat im vergangenen Jahr einen Pressekodex mit unterzeichnet, der auch freie Reporterinnen und Reporter logistisch und juristisch unterstützen soll, falls sie ins Visier geraten.

Das wären präventive Maßnahmen. Gibt es auch kurative, also psychologische Unterstützung, wenn jemand schon Opfer von Angriffen wurde?

Wir arbeiten mit Psychologen zusammen, die allerdings bislang nicht in diesem Zusammenhang in Anspruch genommen wurden. Und wenn es darum geht, juristisch gegen Beleidigungen vorzugehen, wird unser Justiziar eingeschaltet. Berichterstattung kann nur dann gut und mutig sein, wenn die Reporterin oder der Reporter auf den Rückhalt der Redaktion zählen kann.

Was ist Ihre Prämisse im journalistischen Umgang mit denen, die „Lügenpresse“ brüllen: Mit Rechten reden oder nur über Rechte schreiben?

Als investigativer Journalist möchte ich möglichst viel herauszufinden, und dazu zählt selbstverständlich, auch die zu konfrontieren und anzuhören, über die man schreibt. Das ist allerdings etwas anderes, als Rechtsextremen ein Forum zu bieten.

Spüren Sie in Fragen von aktueller Dringlichkeit wie dem Rechtspopulismus oder auch dem Klimawandel eigentlich eher gesellschaftlichen Wind von vorne oder von hinten?

Die Frage ist mir zu pauschal.

Okay: Fühlen sich die Menschen von der gebetsmühlenartigen Problematisierung solcher Gefahren eher bevormundet oder motiviert?

Bevormunden ist nie eine gute Idee, das braucht kein Mensch. Eine kluge Berichterstattung bricht aus vorhersehbaren Mustern aus, ist überraschend, denkt nach, analysiert, bereitet die wissenschaftlichen Fakten auf und recherchiert hartnäckig. Aber über ein Thema wie den Klimawandel deshalb nicht mehr zu berichten, weil die Leute es nicht mehr hören wollen, kann keine Lösung sein. Meinem Eindruck nach hat die Gesellschaft verstanden, dass investigativer Journalismus unbequem ist, aber unerlässlicher Bestandteil einer pluralistischen Demokratie, auf den wir nicht verzichten können. Ich spüre deshalb mehr Wertschätzung für unsere Arbeit, die aufwändig, mühselig und manchmal ergebnislos ist. Umso schöner ist es, wenn sie gewürdigt wird – obwohl wir auch bei uns im Ressort noch am Lernen sind, wie etwa Berichterstattung zum Klimawandel am besten funktioniert.

Worin unterscheidet sich investigativer Journalismus da vom gewöhnlichen?

Recherchieren sollten wir alle. Investigative Journalistinnen und Journalisten schauen dorthin, wo sich Macht konzentriert und fragen, was sich hinter den Kulissen tut. Investigativer Journalismus recherchiert in den meisten Fällen gegen Widerstände.

Gibt es da so etwas wie Standesdünkel investigativer Journalist*innen, die sich für die wirklich harten, tiefgründigen, furchtlosen Rechercheure zu halten?

Ich würde es eher als Stolz definieren, etwas herauszufinden, was als unerreichbar gilt. Aber das höher zu bewerten als die kluge Analyse im Sportressort, warum ein Fußball-Nationalspieler auf die Tribüne verbannt wurde oder ein gut geschriebener Bericht über Volkswagen – das fände ich ausgesprochen überheblich.


Backpfeifen & Kiezpaten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. März – 3. April

Eigentlich ja ganz schön, dass dieser apokalyptischen Tage zwei niederschwellige Aggressionen Angriffskrieg und andere Gewalttaten – nein, nicht aus den Schlagzeilen verdrängen, aber multimedial flankieren. Erst ohrfeigt Will Smith den Laudator Chris Rock, nachdem der unmittelbar vorm größten Moment im Berufsleben des Hollywood-Stars billige Witze auf Kosten von dessen krankheitsbedingt rasierter Frau gemacht hatte. Parallel wird Oliver Pocher aus heiterem Himmel einer Boxveranstaltung abgewatscht. Klingt vergleichbar, ist es jedoch nicht.

Während das armseligste Großmaul aller Unterhaltungszeiten mit der Wehklage, die Backpfeife eines Unbekannten sei „feige, hinterhältig, arglistig“ gewesen im Grunde sein eigene Witzniveau auf Kosten anderer beschreibt, das täglich Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Schellen erfordert, steht Smiths Gewaltausbruch auf der weltgrößten Showbühne für eine Form von toxischer Männlichkeit, die man dem sympathischen Schauspieler gar nicht zugetraut hätte.

Wer im Jahr 2022 denkt, die Ehre der Frau sei nur per Männerfaust zu verteidigen, wie Will Smith in seiner tränenreichen Dankesrede zum eigenen Oscar ständig wiederholte, steht – sagen wir Wladimir Putin, der die Deutsche Welle zum feindlichen Agenten erklärte, habituell näher als – sagen wir Christian Drosten, der am Mittwoch zum Leidwesen der Vernunft sein (vorerst) letztes Corona Update beim NDR zum Besten gab. Und er stellt zudem eine Veranstaltung in den Schatten, die durchaus Bemerkenswertes zu bieten hatte.

Den ersten Oscar als bester Film für ein Videoportal etwa in Gestalt der Tragikomödie Coda von Apple TV. Wie tranig, träge, trüb ist dagegen deutsches Entertainment Marke Verstehen Sie Spaß?, das Barbara Schöneberger seit Samstag zwar gut durchlüftet, aber ernsthaft: unterhaltsamer als die selbstverliebte Kalauerkanone Guido Cantz ist auch ein defekter Lachsack. Damit nach kurzem Exkurs Richtung AfD, die sich nicht zu blöde ist, eine Sendung mit der Maus als Untergang des völkischen Führerlandes zu adeln, weil sie Transmenschen erklärt, zum Angebot der neuen Woche.

Die Frischwoche

4. – 10. April

Auch wenn es karg ist. Immerhin: Die HBO-Serie Somebody Somewhere übt sich ab Donnerstag auf Sky in der nicht ganz ungefährlichen Fernsehkunst einer halbautobiografischen Dramedyserie – wobei der übergewichtige Stand-up-Star Bridget Everett bei aller Melodramatik wunderbar selbstbewusst und eigenmächtig mit ihrer normabweichenden Körperfülle auf der Suche nach Anerkennung in einer perfektionistsichen Welt hantiert. Ob die Hauptfigur von Single Drunk Female (Samantha Fink) ab Mittwoch auf Disney+ zufällig so ähnlich wie ihre Erfinderin (Simone Finch) heißt, bleibt ungeklärt, aber die Dramedy-Serie erzählt sehr glaubhaft von einer Alkoholikerin auf Entzugstour.

Tags drauf lädt eine Netflix-Doku zur Rückkehr ins Weltall, wozu der Markführer in gewohnter Presseverachtung mal wieder keine Bilder freischalten wollte. War vielleicht auch besser so. Ein profitorientiertes Unternehmen, dem es ausschließlich um Economy of Scales, also Masse um der Masse willen geht und qualitativ ohnehin längst weit hinter Emporkömmlinge von Apple bis Starzplay zurückgefallen ist, dürfte Elon Musks egomanischem SpaceX-Projekt ohnehin kritiklos huldigen.

Parallel startet Disney+ die zehnteilige argentinische Dramedy Paartherapie mal anders von Mariano Cohn und Gastón Duprat um eine Beziehungsberaterin (toll: Selva Pérez Salerno), die eigentlich selbst mal emotional beraten werden müsste. Tags drauf dann hat GoT-Star Maisie Williams sein postmittelalterliches Coming-Out als gegenwartstaugliche Darstellerin des Neo-Sechsteilers Two Weeks To Live, in dem sie vor zwei Jahren bei Joyn+ eine Frau spielt, die von der Eremitin zur Rächerin eines heiteren Verschwörungssthrillers wird.

Ob der deutsche Durchschnittsthriller Trügerische Sicherheit mit Max Simonischek als Politiker-Bodyguard, den eine Beziehung zur Sprecherin (Friederike Becht) seines Schutzobjektes in Teufels Küche bringt, besser ist als sein bescheuerter Titel, darf heute Abend im ZDF jede*r selbst überprüfen; keine Lust auf Fernsehkrimis…  Aber wie immer große Lust auf Arte, das Mittwoch in der Mediathek Die Paten von St. Pauli der 60er Jahre skizziert.


ÄTNA, Warmduscher, Confidence Man

ÄTNA

Wäre M.I.A. nicht sehr lebendig, man könnte meinen: der lipstickfeministische Antistar ist zurück, dieser migrationshintergründige Sturm, der den Mainstream digitaler Tanzmusik mit triphoppigem Cockney-Trashpop verwirbelte. ÄTNA allerdings klingen zwar sehr wie die Londoner Stilikone, sind aber aus Dresden und werden von dort aus eher eskapistisch als sozialkritisch, aber maximal schweißtreibend den Dancefloor erobern, sobald er sich wieder füllen darf.

Inéz und Demian jedenfalls dürften die Sogwirkung dorthin noch verstärken. Was sie auf ihrer zweiten Platte produzieren, verleiht dem Titel schließlich Flügel: Push Life. Mehr noch als beim Debüt 2020 wühlt ihr ekklektischer Electroclash zwischen vulgär und debil im Discofundus, sprengt mit narzisstischer Verspieltheit die Grenzen des politisch Unkorrekten und liefert damit das perfekte Album für die Monate zwischen zwei Lockdowns. Darauf einen Hummer im Gucci-Fummel.

ÄTNAPush Life (Humming Records)

Warmduscher

Warmduscher klingt zunächst behaglich. Als der Begriff in postheroischer Zeit aufkam, bezeichnete er schließlich Menschen, die lieber kuscheln als eisbaden. Wenn eine Band Warmduscher heißt, kann das in postpostheroischer Zeit also nur ironisch sein – obwohl sie aus London kommt und womöglich gar nicht weiß, was Warmduscher eigentlich heißt. Dann aber sieht, vor allem: hört man das Sextett mit Namen wie Lightnin’ Jack Everett oder Mr. Salt Fingers Lovecraft und spürt, Ironie ist hier keine Kategorie.

Warmduscher sehen aus wie Gigolos im Trailerpark und machen eine Art Shoegazer-Darkwave, als hocke Peter Gabriel in einem Schrank verbrannter Karnevalskostüme. Wenn Warmduscher ihren Postpunk mit Garagenfunk mischen, klingt das entsprechend nach Bigband im Abflussrohr – wobei Strophen wie “Hot Shot, King of the streets / aint sleeping for days / Live wire, dripping with attitude / nothing to prove” nahelegen, dass es ihnen dort ziemlich gut geht. Und uns beim Hören damit sogar noch viel, viel besser.

Warmduscher – Live at the Hotspot (Bella Union)

Confidence Man

Wo wir grad beim Überwältigungspotenzial schrägen Glamours sind: Confidence Man ist zurück im Strobonebel, und wer nach dem präpandemischen Debütalbum von 2018 glaubte, four to the floor könne unmöglich voller auf die Zwölf hauen, sieht sich dank Tilt getäuscht: dem polytoxikoman metrosexuell teilverhülltem Discoquartett aus Brisbane ist abermals kein Stil zu heilig für ihren Mash-up aus allem, was schillert, scheppert, geschmacksverstärkerwürzt.

Und so klingen die zwölf neuen Stücke von Janet, Sugar, Reggie und Clarence abermals nach renoviertem Eurodance für die Generation Dauerkrise. Mit Busshittexten in Bullshitkostümen zu Bullshitchorälen über Bullshitrhythmen voller Bullshitsamples und Bullshitynths scheißen Confidence Man auf jedes Gejammer über die Verhältnisse und eröffnen den Dancefloor für vorbehaltloses Abgehen. Snap meets Kylie meets Lady Gaga meets Barbie Girl und alle zusammen so all the boys say all the girls say uhhh? Leider geil!

Confidence Man – Tilt (Heavenly Recordings!)


Konstantin Gropper: Get Well Soon & Amen

Get_Well_Soon_Credit_Clemens_Fantur-3

Privat neige ich nicht zum Pathos

Der Film- und Studiomusiker Konstantin Gropper (Foto: Clemens Fantur) hatte schon immer einen Hang zur Opulenz, aber selten klang sein orchestrales Solo-Projekt Get Well Soon hoffnungsfroher als auf Amen. Dabei ist sein siebtes Album mehrere Katastrophen nach dem Vorgänger The Horror entstanden. Ein Interview über Optimismus, Kontrollwahn, Überwältigungspop und warum ihm Corona auch Glück brachte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Konstantin Gropper, dein neues Album als Get Well Soon heißt Amen. Bist du auf deine jungen Tage etwa religiös geworden?

Konstantin Gropper: Nee. Ursprünglich war Amen als selbstbetiteltes Album gedacht, also Get Well Soon, weil der Bandname schon so gut zum Kernthema Hoffnung passt, dass man eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen dahinter stellen müsste. Amen kam mir dann aber besser, präziser vor, um eine Affirmation mit Punkt dahinter zum Ausdruck zu bringen. Mit Religion hat das nur insofern zu tun, als ich das Album als Kampfansage an den Anspruch der spirituellen Welt sehe, Hoffnungsfreude für sich zu pachten. Dem wollte ich eine Art rationalen Optimismus entgegenstellen.

Rationaler Optimismus?

Na ja – einer, der nicht blind ist, also leicht zu täuschen, sondern der schmale Grad zwischen alles geht den Bach runter und wird schon werden. Denn die Grundvoraussetzung, um kreativ tätig zu werden, ist ja der Glauben daran, dass die Zukunft nicht nur dunkel ist.

Versucht das Album aus der bedrückenden Situation mehrerer Lockdowns, in denen es entstanden ist, bewusst das Gegenteil, also Hoffnung zu ziehen?

Genau, denn was soll man denn sonst haben, wenn nicht Hoffnung, den Glauben ans Bessere danach, ohne dass es genauso werden muss wie zuvor, als meine Platten ja interessanterweise düsterer waren als dieses. Das hier [zeigt auf Bücher- und Plattenwände hinter sich] ist übrigens die Kellersituation, in der Amen entstanden ist.

Und die unterscheidet sich von der Kellersituation vorheriger Platten?

Eigentlich nicht. Bevor ich meine Kompositionen irgendwem zeige, haben sie meistens schon eine Zeit der Isolation hinter sich. Musikalisch gesehen war ich daher schon immer ein Kellerkind, das hier unten realisiert, was ich mir vorstelle. Und auch wenn diesmal ein Teil davon in einem Ferienhaus entstanden ist, hat die Pandemie daran nur wenig geändert.

Was genau hattest du dir denn 2021 unter diesem Album zuvor vorgestellt?

Relativ wenig eigentlich. Wenn ich zu produzieren beginne, habe ich in der Regel keinen Stapel Notizen, auf die ich zurückgreife, sondern fange bei null an – bis aufs Thema. In diesem Fall: die Optimierung der Hoffnung mit der Frage, was eigentlich ein glückliches Leben ist. Dafür habe ich mir vorgestellt, welche Musik ich selber denn in einer Situation wie dieser hören wollen würde, damit es mir danach besser geht. Aus dieser Playlist ist der Albumsound entstanden, der zum ersten Mal aus der Perspektive des Publikums denkt.

Und früher?

Ging es nur um meinen Geschmack, worauf ich Lust habe. Vielleicht auch, weil ich mir nicht anmaßen möchte zu wissen, was das Publikum von mir will. Und da dachte ich, vielleicht ein bisschen Optimismus.

Ist dieses Denken Ergebnis irgendeines persönlichen Veränderungsprozesses oder bloß Resultat der Pandemie?

Vielleicht. Wie alle anderen auch, habe ich die Isolation dazu genutzt, wegen fehlender Austauschmöglichkeiten ja auch nutzen müssen, über mich selbst zu reflektieren – und bin dabei unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, riesengroße Glück gehabt zu haben.

Inwiefern?

Kein einziges Konzert absagen zu müssen und weiterhin arbeiten zu können, etwa für Film und Fernsehen, wo ich zuletzt die Scores für How To Sell Drugs Online (Fast) gemacht habe oder Detlev Bucks Wir können nicht anders. Ich bin also bislang zumindest sehr viel besser durch die Pandemie gekommen als viele meiner Berufskollegen. Ich will also niemandem das Recht absprechen, über die Situation zu jammern; für mich hätte sich das falsch angefühlt. Erinnerst du dich an diese Aktion der ganzen Fernsehschauspieler?

#alles dichtmachen, klar. Kleingeistiges Gefasel von Querdenkern wie Volker Bruch.

Das ja nun wirklich niemand bei Verstand hören will. Da musste ich eine andere Sichtweise wählen.

Wobei das Vorgängeralbum The Horror förmlich in Katastrophen schwelgt, obwohl mittlerweile sogar noch ein Dutzend globaler Krisen hinzugekommen ist. Blühst du erst richtig auf, wenn es richtig scheiße wird?

Ich habe zumindest im Vergleich zum jeweils vorherigen Album tatsächlich schon immer ein bisschen antizyklisch gedacht. Aber hierin steckt natürlich auch eine Portion Zweckoptimismus, um nicht völlig zu verzweifeln.

Deine Antwort auf Verzweiflung heißt Überwältigungspop?

[lacht] Den Hang zur Opulenz hatte ich ja schon immer, aber hier wollte ich in der Tat ab und zu eine Schippe zu viel drauflegen und leicht drüber zu sein. Das Theatralische ist gewollt, soll aber bei allem Humor nie ironisch klingen.

Ironie ist im Pop ja auch Feigheit vor der eigenen Haltung…

Ganz genau. Ich mein’s ernst, will aber unterhaltsam sein. Meine Platten sind ja keine politikwissenschaftlichen Abhandlungen.

Witzigerweise bist du als Typ so vor mir das Gegenteil von opulent.

Das ist ja schwer psychologisch. Die wenigsten Künstler, die ich kenne, sind privat deckungsgleich mit der Bühne; das wäre aus meiner Sicht auch erschöpfend, also ungesund. Andererseits habe ich auch kein Problem mit dem großen Wort Authentizität und habe das Theatralische, Opulente tief in mir drin. Ich war immer schon eher Bowie als Dylan. Wobei das Therapeutische am Musikmachen, wenn nicht sogar jeder Kunstrichtung, darin besteht, Seiten in sich auszuleben, die im Alltag verborgen sind. Privat neige ich jedenfalls nicht zum Pathos.

Aber zur Kontrollsucht, könnte man meinen. Oder was hat es damit auf sich, dass du alle Instrumente selber einspielst und nur auf der Bühne mit Musikern arbeitest?

Einfacher: als Produzent und Musiker sind Schreiben und Einspielen bei mir deckungsgleiche Prozesse. Weil ich als Produzent und Musiker von Film- und Fernsehmusik ständig weisungsgebunden bin, lasse ich mir bei Get Well Soon nicht so gern reinreden und kriege von Plattenfirmen oder Management auch öfter zu hören, beratungsresistent zu sein.

Ist es denn auf der Bühne schwierig, deine musikalischen Babys in die Obhut anderer Musiker zu geben?

Gar nicht, denn die Leute wissen ja, was sie spielen sollen, und kriegen auch kein grobes Material, sondern fertige Kompositionen. Andererseits mag ich es nicht, alleine aufzutreten, weil ich, so komisch das klingt, nicht so gern im Mittelpunkt stehe. Von daher ist dieses Loslassen wiederum recht einfach.

Auf deiner Homepage sind in zwei Monaten 16 Konzerte geplant. Wie groß ist – Stichwort Amen – dein Optimismus, dass die alle im vollen Saal stattfinden?

Auch wenn sich die Bedingungen nahezu täglich ändern, ist er groß. Meine größere Sorge ist vielmehr, wie viele von uns gesund, also negativ bleiben. Von daher fahren wir erstmal durch sechs Länder los und schauen, was geht.

Disclaimer: Das Interview ist vorab beim Musikblog erschienen

Shadow-Banning & Almost Fly

TV

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. März

Gute Nachrichten sind zurzeit rar aus Russland, der Ukraine, ach – eigentlich weltweit. Aber diese hier hatte doch beinah was Positives an sich: nachdem Wladimir Putin kritische Medien aus heimischer Produktion längst restlos verboten hatte, ließ er nun auch Facebook und Twitter sperren, gestern gefolgt von Bild.de. Ausgerechnet jene Plattformen also, auf denen Lügen und Hatespeech ähnlich zuhause sind wie im Kreml. TikTok dagegen darf weiterlaufen. Vorerst.

Was wiederum auch damit zu tun haben dürfte, dass die politisch eher belanglose Video-App aus der gleichgesinnten Diktatur Chinas stammt und schon deshalb ein russisches Verhältnis zur Zensur hat. Gerade erst wurde schließlich bekannt, dass TikTok sogenanntes Shadow-Banning betreibt. Wobei Worte wie „Porno“ oder „Sex“ zu canceln zumindest aus Jugendschutzgründen durchaus nachvollziehbar erscheint; aber „schwul“ und „LGTBQ“ oder „Auschwitz“ und „Nationalsozialismus“?

Mit ihrem Digital Markets Act (DMA) setzt die EU den Tech-Konzernen von Google bis Apple derweil ganz andere Fesseln: eigene Apps dürfen denen der Konkurrenz gegenüber demnach nicht mehr bevorzugt werden. Außerdem herrschen fortan strengere Regeln bezüglich der Nutzer*innen-Zustimmung, beides unter Androhung drakonischer Strafen hoch in den zehnstelligen Bereich. Milliardenbußgelder wünscht man sich auch fürs bedruckte Toilettenpapier Bild. Dass der Presserat entschieden hat, deren Headline Lockdown-Macher verstoße nicht gegen den eigenen Kodex, ist da beinahe banal.

Abseits dieser wissenschaftsfeindlichen Agenda galten 2021 stolze 26 von 60 Rügen der Propaganda-Abteilung des Springer-Konzerns, während sich die restlichen 34 auf 31 Medien verteilt haben. Obwohl sich einige nach Julian Reichelts Rauswurf anderes erhofft hatten: beim publizistischen Querdenker Johannes Boie ist Bild demokratiezersetzender wie eh und je. Bloß korrupt sind dagegen laut ZDFMagazin Royale offenbar MDR-Kader, die aus Profitgier Sendezeit an Florian Silbereisens Schlager-Mafia verhökern.

Die Frischwoche

28. März – 3. April

Damit startet abermals eine Woche, in der das Fernsehen wahlweise egal oder Eskapismus ist. Aber gut – irgendwie muss es ja auch dort weitergehen. Etwa mit Euer Ehren, deutsche Version der israelischen Thriller-Serie Kvodo, die Showtime erst 2020 mit Bryan Cranston als Your Honor adaptiert hatte. Ab Samstag spielt Sebastian Koch den rechtschaffenen Richter, der zur Rettung seines straffälligen Sohnes sechs Teile lang in der ARD-Mediathek all seine Prinzipien über den Haufen wirft.

David Nawrath verarbeitet also sechs Teile Gebrauchtware, er macht das auch dank seines Ensembles aber bärenstark. Gleiches gilt ab Samstag für die gleichlange AppleTV-Serie Slow Horses mit Gary Oldman als MI5-Agent, dessen Team ab Freitag in einer Art Geheimdienstasyl gescheiterter Spione einer ganz großen Verschwörung auf die Spur kommen. Was überdies zu sehen ist: die ersten neun Teile der Netflix-Romcom Business Proposal ab heute aus – Überraschung: Südkorea. Parallel startet die Magenta-Serie The Responder mit Martin Freeman als weicher Cop im harten Liverpool. Und Dienstag dann setzt Sky das sehenswerte Finanzpolitdrama Devils fort.

Zum Wochenende läuft das sechsteilige Peacock-Familienepos Wolf Like Me bei Prime Video. Samstag ermitteln Julia Jentsch und Ernst Stötzner in Ostfriesensühne erneut an der schroffen Nordseeküste. Am tags zuvor beginnt das Erste wie immer um diese Jahreszeit, aber online first, sein FilmDebüt, diesmal mit Hossein Pourseifis bemerkenswerten Erstlingswerk Morgen sind wir frei über eine ostdeutsche Frau (Katrin Röver), die ihrem persischen Mann 1979 kurz nach der islamistischen Revolution in den Iran folgt.  Und nächste Woche berichten wir an dieser Stelle dann auch ausführlicher vom ersten Oscar als bester Film für ein Werk von Apple mit taubstummem Hauptcast.


Ibibio Sound Machine, Get Well Soon, Bodi Bill

Ibibio Sound Machine

Kennt irgendwer noch Amanda Lear oder Grace Jones? Als androgyn-feministische Stilikonen haben sie den männerdominierten Pop der Siebzigerjahre mit einer diffusen Sexualität variiert, deren Bedeutung heute kaum zu überschätzen ist. Oberflächlich betrachtet sind beide zwar nur marginal mit Ibibio Sound Machine vergleichbar. Aber nur mal rein hypothetisch: hätte Grace Lear auch nur einige der musikalischen Mittel des Londoner Disco-Kollektivs besessen – ihr Dancefloor stünde noch immer in Flammen.

Mit seiner virilen Mixtur aus Afrobeat und Electroclash dampft das neue Album Electricity förmlich aus den Boxen und verbietet sich störende Nostalgie. Zappelige Drums, Synths und Fanfaren wie im heillos überfrachteten, aber gut strukturierten 17 18 19 treiben den eklektischen Futurefunk der siebenköpfigen Band um Sängerin Eno Williams zwar zuweilen leicht hektisch vor sich her. Sie bleiben aber angenehm frei von störendem Folklorismus – und herrlich dick aufgetragen. Wie einst bei Amanda Jones.

Ibibio Sound Machine – Electricity (Merge Records)

Get Well Soon

Und wo wir grad bei dick aufgetragener Opulenz sind: Get Well Soon haben ihr, besser: hat sein neues Album rausgebracht. Mit Glockengeläut, das zum Himmel weist, Bläsersequenzen der Bigband-Ära, Chorälen am Rande des Sakralen und Geigenteppichen flauschig wie Flokatis zur Jarvis-Jocker-Gedächtnis Stimme, platzt Konstantin Gropper aus der Isolation seines Mannheimer Studiokellers und bläst Pandemie oder Kriege in sinfonischer Orchesterstärke aus den Köpfen. Was ein bisschen seltsam ist.

Denn Amen, so heißt die sechste Götterdämmung aus Groppers Multiinstrumentarium, ist katastrophal im Sinne einer Antwort auf all jene Weltkrisen, die er akribisch auflistet, dann aber mit misanthropischem Optimismus zum Schweigen bringt. Verglichen mit The Horror von 2018 ist unsere Zivilisation zwar noch näher am Abgrund. Doch was macht Get Well Soon? Feuert aus allen Rohren seines Überwältigungspops auf beginnende Resignationen und schafft damit nicht weniger als die Platte des Frühlings schlechthin.

Get Well Soon – Amen (Virgin)

Bodi Bill

Und damit hier nicht alles nur auf die elektroeklektizistische Zwölf drischt, noch etwas digitaler Sound ohne den Anspruch größtmöglicher Selbstüberfrachtung: Bodi Bill sind zurück. Drei Jahre, nachdem das Berliner Lowtech-Trio zur absoluten Unzeit seine Reunion feierte, kommt das fünfte Album raus. I Love U I Do klingt zwar bescheuert, ist aber Ausdruck wechselseitiger Sehnsüchte von Band und Fans, die viel zu lange unerfüllt geblieben sind.

Ihr verschroben feiner Alternative House tänzelt wie früher durch drollige Samples und öligen Gesang, der nichts weiter sein will als ein zusätzliches Instrument zur klanglichen Vielfalt, dabei aber die Grenzen zum Po überwinden möchte – und damit sogar erfolgreich ist. Stücke wie Self Improvement oder Loophole Traveling schaffen es schließlich spielend, Glitzerdisco und Kellerclub zu versöhnen. Cheezy manchmal, zugegeben. Aber auf sehr würzige Art käsig.

Bodi Bill – I Love U I Do (Sinnbus)