Hotel-Tipp: Arborea Neustadt

Sichtbetonbootsholzbiocoolness

Das Premierenhaus einer brandneuen Hotel-Kette legt gemeinhin die Messlatte für das, was folgen soll. Im „Arborea Marina Resort Neustadt“ ist alles nachhaltig und kommunikativ, dadurch zwar manchmal etwas überspannt, aber ungemein gesellig und zeitgemäß.

Von Jan Freitag

Mascha-Lou sagt „Du“. Aber gut, Mascha-Lou sieht auch nicht nach Siezen aus. Schließlich hat Mascha-Lou diesen Turm schwarz gefärbter Haare überm exaltierten Make-up, von dem allenfalls ihr mannigfaltiges Portfolio an Tattoos in Hundert Farben auf Tausend Hautpartien ablenkt. Mascha-Lou ist halt keine „Rezeptionistin“, wie die Empfangsdamen der gehobenen Gastronomie einst hießen; im „Arborea Marina Resort Neustadt“ nennt sie sich „Welcome Host“. Und der mag es mit Blick auf die Ostsee offenbar zutraulich. Zumindest im „Gasthaus von morgen“, wie Johann Kerkhofs das erste Kind seiner frisch gegründeten Hotel-Familie schon heute nennt.

Vor gut vier Jahren hatte er die Idee einer „total neuen Art Gasthaus mit kommunikativem Konzept“, das er nun – mit zwölfmonatiger Verspätung – mit zwei Partnern nahe Lübeck eröffnet hat. Bis 2028 sollen 19 weitere hinzukommen. Das zweite entsteht bereits im Vorarlberger St. Gallenkirch, dicht gefolgt vom Harzer Gebirgsdorf Schierke. Gemeinsames Motto: „Experience. Together“. Andernorts klänge der Slogan nach der handelsüblichen PR-Prosa, die jede Sauna im Keller zum Spa verklärt und Strukturholzkubismus mit Design verwechselt. Der hemdsärmelige Hotellier allerdings, seit drei Jahrzehnten in der Spitzengastronomie auf drei Kontinenten tätig, hat am Rande von Nordeuropas größtem privat betriebenem Yachthafen tatsächlich dort für Innovation gesorgt, wo zuvor jahrelang ein wilder Parkplatz für Verdruss im Dorf gesorgt hatte.

Und das liegt keineswegs nur am optisch kapriziösen Personal wie Mascha-Lou, die Neuankömmlinge auf dem iPad registriert und en passant veganen Cappuccino aus der sündteuren Siebträger-Maschine nebenan serviert; es hat auch mit dem Ort ihrer Andersartigkeit zu tun. Rein äußerlich mag der dreistöckige Staffelbau im Sandsteindekor noch recht unspektakulär zwischen Ankerplatz und Naturschutzgebiet errichtet sein. Im Innern herrscht das, was der – natürlich sichtbar tätowierte – Gründungsdirektor Jens Lassen „industrieller Look meets maritimes Flair meets open space“ nennt: Wenig Tradition, noch weniger Standards und kaum Glamour, stattdessen viel Holz, mehr Sichtbeton und reichlich Licht.

„Bämm!“, so beschreibt Jens Lassen den Effekt jener Perspektive, die sich den Gästen gleich beim Betreten des Neubaus eröffnet. Vorbei am sorgsamen Durcheinander der luftigen Lobby geht der erste Blick unweigerlich durch ein gewaltiges Panoramafenster aufs sanft gekräuselte Meer vor der Tür. Und dazwischen, quasi als Pufferzone saturierter Ferienkonzepte: The Stairs. Die affenfelsenartige Sitzlandschaft ist das pulsierende Herz des Hotels. Hier materialisiert sich sein Prinzip unbedingter Kommunikation ohne Sicht-, ohne Kontaktbeschränkung. Der Gast soll hier auf Gäste treffen und den Menschen somit vom Individualreisenden zum Gesprächspartner machen. Soweit die Theorie. Und die Praxis? Ist, nun ja, ausbaufähig, aber auf dem richtigen, dem gewünschten Weg.

An einem dieser siedend heißen Tage des ausklingenden Jahrhundertsommers sitzt das Gros der Besucher naturgemäß in den hoteleigenen Strandkörben oder sucht am hoteleigenen Strand nach Abkühlung. Dennoch sind die klimatisierten Polsterbuchten schon tagsüber gut besetzt. Und was sich beim gemeinsamen „Tatort“ auf der Großbildleinwand sogar noch steigert, grenzte am Abend zuvor fast an Disco-Feeling, als ein DJ aus Hamburg „The Stairs“ in etwas zappeligen House tauchte. Alles für Digital Natives der Generationen X bis Z, könnte man meinen, denen der Server im Untergeschoss rasend schnelles W-LAN liefert, während für analogere Altersgruppen ein Set klassischer Brettspiele herumliegt. Und in einer Sitzecke, diesen Anschein erweckt zumindest der merkliche Alters- und Kleidungsunterschied dreier Gesprächspartner, reden tatsächlich Fremde miteinander über das, was hier, klar, „Activity“ heißt.

Trotz der vielen „Hangout-Areas“ ist längeres Stillsitzen in dieser Art Hotellerie ja fast ebenso verpönt wie Industriefleisch. Während blutjunge Animateure mit umgedrehte Basecap noch im Akkord E-Bikes und Standup-Paddles verteilen, wird in der offenen Restaurantküche „Grand Grand Grill“ gerade ein ganzer Holstein-Büffel fürs Abendessen zerlegt. „Der kommt frisch vom regionalen Bauern“, erklärt Jens Lassen die Herkunft des Tieres, das „vorher sogar einen Vornamen hatte“, wie der Steak-Fan spürbar stolz hinzufügt. Er kennt ihn zwar ebenso wenig wie den seines Grillmeisters. In der betont urbanen Atmosphäre des Arborea nennt ihn aber ohnehin jeder nur „Gonzo“, was irgendwie auch besser zu seiner uralten St. Pauli-Mütze passt als förmlichere Anreden.

Die Schollen auf der Karte kamen übrigens am Morgen zuvor direkt vom Kutter und die Brötchen zum Frühstück vom Bäcker ums Eck. Das Gemüse ist regional, das Obst saisonal, vom Ei über den Schinken bis zur Milch alles so nachhaltig, wie es das elegante „Arbor“ im Titel der neuen Hotel-Gruppe, lateinisch für „Baum“, gebietet. Aber ist das schicke Label mit dem blätterumrankten Weingottes am Ende nicht doch bloß gutes Marketing? Natürlich verschwinden in 124 Zimmern der gehobenen Kategorie, die erst gebaut und dann dekoriert, sommers gekühlt und winters geheizt werden, ja enorme Mengen Energie, Ressourcen, Anfahrtswege. Und natürlich ist der ökologische Fußbadruck dieser Art Hotellerie tief.

Darüber hinaus aber wird das Arborea seinem Ziel durchaus gerecht, der Verschwendungssucht im Metier mit allem Komfort Einhalt zu gebieten. Und wenn der fest angestellte Tischler Hagen in der hauseigenen Werkstatt mit Kindern Müll upcyclet, also aus Altglas oder Restholz Lampen und Möbel bastelt, hängt die Moral nach der Abreise womöglich zuhause beim Gast an der Wand. Um Euphorie vorzubeugen: die Flut hipper Anglizismen nervt bisweilen ebenso wie der unterschwellige Zwang, dauernd irgendwie aktiv zu sein – vom horrenden Getränkepreis an den Bars, der den ohnehin kostspieligen Aufenthalt zusätzlich verteuert, bis hin zum unverputzten Zimmer, das zu selten erholsame Gemütlichkeit verströmt, ganz zu schweigen.

Alles in allem aber ist vieles, wenn schon nicht jedermanns Sache, so doch sehr stimmig. Und wer das „Du“ nicht will, beteuert Jens Lassen, kriege auf Wunsch sogar sein „Sie“, kein Problem. Das Arborea sei jenem Robinson-Club, in dem er 16 Jahre lang gearbeitet hat, zwar durchaus ähnlich. „Aber wir wollen dessen Fehler nicht wiederholen“. Gerade an der Ostsee müssten Coolness und Spießigkeit daher sorgfältig kombiniert werden. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt Mascha-Lou zum Abschied und scheint beim Wischen übers Tablet kurz vergessen zu haben, wo sie arbeitet. Die Antwort: War schon richtig geil!

Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen

INFO

Preise: Doppelzimmer ab 104 Euro, Familienzimmer ab 189 Euro

Anfahrt: Mit der Bahn über Lübeck bis Neustadt-Holstein, mit dem Auto auf der A1 Richtung Puttgarden, Abfahrt 14 „Neustadt iH Mitte“, rechts auf L309

Adresse: An der Wiek 7-15, 23730 Neustadt in Holstein, Tel.: 04561.71990

https://www.arborea-resorts.com

 

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Pranke, Jacco Gardner, Art Brut

Pranke

Es war kein guter Tag für die zeitgenössische Musik, als sich das kanadische Posthardcore-Trio Nomeansno 2016 nach fast 40 Jahren aufgelöst hat – allein schon, weil es ohnehin kaum Bands gibt, die es so virtuos verstehen, Jazz und Punk miteinander zu verbinden, ohne das eins von beiden dabei peinlich wirkt. Jetzt aber gibt es ein Duo, dass – nein; keine würdigen Nachfolger sind, aber der Leerstelle ein wenig anspruchsvollen Füllstoff verpassen. Es heißt mit großem Gespür für gute Namen Pranke und verbindet experimentellen Synthierock so unterhaltsam mit jazzigem Avantgardepop, dass man sich fast schon bei Nomeansno wähnt.

Kennengelernt haben sich der isländische Gitarrist Daniel Bödvarsson und der deutsche Drummer Max Andrzejewski nicht so wahnsinnig überraschend in Berlin, wo kein Geringerer als der unverwüstliche Moses Schneider das Debütalbum produziert hat. Unfassbar gut ausgesteuert zappelt Monkey Business putzmunter, also gar nicht genretypisch verkopft zwischen Mouse on Mars, Retro Stefson, Frank Zappa hin und her, dass man sich unwillkürlich auf einer Karibikkreuzfahrt durch die Plattenbausiedlung wähnt. Das Ergebnis: Pseudodigitaler Krauttechno der allerfeinsten Sorte.

Pranke – Monkey Business (staatsakt)

Jacco Gardner

Kleine Preisfrage: Wer hat wann den ersten Science-Fiction-Roman verfasst und wie hieß er? Die Antwort muss nun wirklich niemand kennen, aber gut: der legendäre Universalgelehrte Johannes Kepler schrieb bereits im Jahr 1608 eine Zukunftsvision mit Namen Somnium, in der er selbst Ende des 16. Jahrhunderts auf dem Mond flog, um damit seine astronomischen Erkenntnisse literarisch zu untermalen. Kein Wunder also, dass Jacco Gardners neues Album mit demselben Titel oberflächlich ein bisschen barock klingt, unterschwellig jedoch leicht futuristisch. Wie immer testet der holländische Multiinstrumentalist mit Wohnsitz Lissabon schließlich die Grenzen der Widersprüche aus.

Auf Platte 3 allerdings kreiert er dabei etwas wirklich Bemerkenswertes: Somnium klingt zugleich nostalgisch und modern, psychedelisch und nüchtern, irgendwie gefühlvoll kopflastig. Ein wenig nach Air, ein wenig nach Jarre, ein wenig aber auch nach analogen Digitaldaddlern wie Matthieu Chedid oder Chapelier Fou, die ebenfalls klassizistischen Pop kreieren, der zwar ulkig ist, aber nie albern, wenn drolliges Vogelgezwitscher zur Lagerfeuergitarre über Rechnersequenzen huscht. Selten zuvor konnte man ein hochkonzentriertes Album so wunderbar nebenbei hören.

Jacco Gardner – Somnium (Full Time Hobby)

Hyper der Woche

Art Brut

Eddie Argos ist der Typ. mit dem man sich schon immer mal gemeinsam die Lichter ausschießen wollte. Am besten mit Absinth oder richtig gutem Gin, in rauer Menge genossen und dann über Liebe, Freundschaft, Hass, den Alltag faseln und wie man alles in richtig existenziellen Pop packt. Genau das machen Art Brut ja seit 15 Jahren. Und auch wenn ihr Debüt Bang Bang Rock’n’Roll unerreicht ist, haben die fünf Nachfolger mindestens so viele Ausrufezeichen verdient wie der Titel des (nach sieben Jahren Pause) 7. Albums Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out (Alcopop! Records). Wie immer nämlich hat das britische Quartett mit inhaltlichem Hang zu den deutschen Indiehotspots Hamburg/Berlin ein Punk-Album für HipHop-Fans mit Bigband-Attitüde gemacht. Alles daran ist Lebenskraft, jeder Track ein Fanal für retrofuturistische Rockexzentrik. Und wenn Argos im aufsässig-nasalen Sprechmodus “I hope your’re very happy together / and if you’re not that’s even better” singt, weiß man, dass ihn auch das geplante Besäufnis nie aus der Ruhe bringt.


Kominsky Method: Michael Douglas & Netflix

Das schwache Gemächt

Oberflächlich schenkt Netflix den Filmlegenden Michael Douglas und Alan Arkin bloß ein heiteres Serienvermächtnis. Unter The Kominsky Method lauert jedoch eine Parabel auf die postheroische Selbstvermarktungsgesellschaft von generationsübergreifendem Tiefgang.

Von Jan Freitag

Ach weißer Mann, du arme Sau. Hunderte von Generationen hast du den Planeten beherrscht wie einst die Saurier. Berge, Täler, Weib und Tier, später gar Krankheit, Klima, Tod und Vernichtung – fast alles war dir ein volles Erdzeitalter lang so zu Diensten, dass du selbst hochbetagt weder Opposition noch Konkurrenz dulden musstest. Und jetzt, kaum 10.000 Jahre nach dem Beginn deiner Regentschaft, stehst du im Klo und pisst traurige Tropfen statt harter Fontänen? „Nun komm schon!“, raunzt ein verwittertes Exemplar sein altersschwaches Gemächt an und erntet auch noch in aller Öffentlich den Spott der eigenen Tochter fürs Blasendrama.

Man könnte glatt Mitleid kriegen mit Sandy Kominsky, wäre er nicht derart viele seiner 74 Jahre vor Kraft und Ego fast geplatzt! Vor allem aber: würde dieses fiktionale Prachtstück eines durch und durch destruktiven Geschlechts nicht von einem Darsteller verkörpert, der im Alter nur immer und immer noch besser und besser wird. Denn nachdem Amazon die Riege der Oscar-Sieger in TV-Produktionen erst vor zwei Wochen um Julia Roberts (Homecoming) erweitert hat, steigt auch Michael Douglas vom Kino-Olymp in die Welt des Serienfernsehens hernieder. Und das ist, bei aller Zurückhaltung, zum Niederknien.

Mitte der Siebziger auf den Straßen von San Franzisco zum Weltstar geworden, hatte der legendäre Sohn eines legendären Vaters den Bildschirm abgesehen von einem Cameo bei „Will & Grace“ gemieden. Nun spielt er die Titelrolle im Netflix-Original The Kominsky Method. Und nach Ansicht der ersten fünf von acht Folgen ist sein ebenso lebenssatter wie lebenshungriger, aber auch leicht lebenswunder Schauspiellehrer ein Glücksfall fürs alte, neue Medium. Schon wie er es betritt!

Minute1, mattes Licht, Kellerclubatmosphäre: „Bevor wir anfangen zu arbeiten“, sagt er zum guten Dutzend Studenten im Seminar des Ex-Filmstars, „erzähle ich euch etwas übers Handwerk“. Messerscharf zerschneidet der Blick dieser Hollywoodikone als Hollywoodikone dabei den Klassenraum, ein cineastisches Raubtier auf Beutezug nach Respekt, Achtung, echten Gegnern. Abgesehen vom Faltengebirge in seinem Gesicht scheint also alles wie in seiner Glanzzeit der Achtziger, Neunzigerjahre, denen Douglas Banker, Ermittler, Amokläufer von imposanter Dominanz verpasst hat. Und dann beißt es auch noch zu wie damals: „Ein Schauspieler tut so als sei er Gott!“ Denn was tue der? Kominsky antwortet selbst: „Gott erschafft!“

So wuchtig führt der Showrunner ein archaisches Alphatier ein, das ein archaischeres Alphatier spielt. Doch da Chuck Lorre neben Big Bang Theory auch Two and a half Men erschaffen hat und damit zum Gott des Gelächters über männliche Selbstüberschätzung wurde, steht Michael Douglas‘ Kominsky später mit seinem Freund und Agenten Norman – noch greisenhafter gespielt vom noch älteren Alan Arkin (Catch 22) – knietief im Selbstmitleid. Wie die Kinofossile bei Old-Fashion-Drinks in Old-Fashion-Bars Old-Fashion-Probleme diskutieren ist schlicht zum Niederknien – und liftet die Messlatte eines Old-Fashion-Formats, das gottlob mehr will, als zwei Pensionären in spe ein humoristisches Spätwerk zu schenken.

Vom ersten Moment an ist The Kominsky Method nämlich eine bissige, pointenlos lustige, selten nostalgische Abrechnung mit dem Jugendwahn und wie man ihm im Alter einigermaßen würdevoll trotzt. Gemeinhin erliegen TV-Senioren ja entweder dem saftigen Spott der Golden Girls oder öligen Herrenwitz des Odd-Couple. Diese alternden Leithammel hingegen macht der schleichende Bedeutungsverlust nicht zu Zynikern. Es sind Realisten, die den Urologen schon mal fragen, ob anstelle ihrer Prostata nicht doch der Arsch gewachsen sei und ihrer schwächelnden Libido skeptisch, statt mit einer Extraportion Viagra begegnen.

Resultat ist eine Sitcom, die zwar im saturierten Mainstream der letzten Weltkriegsgeneration spielt. Doch sie erzählt uns auch viel übers postheroische Digitalzeitalter: den ewigen Zwang zur Selbstvermarktung bis ins Grab, die Sprachlosigkeit im Dauergequassel sozialer Netzwerke, das Risiko, zwischen #MeToo und #MeTwo das Falsche, also Sexistische, Rassistische, Populistische zu sagen/machen/unterlassen. Wirklich gehaltvoll wird all das indes erst, weil den alten Männern jüngere Frauen zur Seite stehen, die ihr Bemühen um Reflexion sorgsam spiegeln: Normans exaltierte Tochter Phoebe (Lisa Edelstein), deren hochgeachtete Mutter Eileen (Susan Sullivan) bald verstirbt, während sich Sandys resolute Tochter Mindy (Sarah Baker) mit der Schauspielschülerin Lisa (Nancy Travis) verschwestert, die sich im Kurs (und Herz) ihres Vaters von einer gescheiterten Langzeitehe erholt.

Ergänzt um Gaststars von Danny DeVito bis Ann-Margret blickt dieses Sextett schonungslos, aber sanftmütig in die gekippte Alterspyramide, stellt jedoch niemanden darin bloß. Das macht The Kominsky Method zur unterhaltsamen Prophylaxe der drohenden Mid- bis Endlifecrisis. Beipackzettel: Wenn man das Alter nimmt, wie es kommt, also eher tröpfchenweise als fontänenhart, wird es nicht nur erträglich, sondern echt lebenswert. Und wer könnte das besser verkörpern als der siegreiche Krebspatient Michael Douglas.


Die Lindenstraße & Das Boot

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. November

Irgendwann ist alles vorbei – das gilt fürs Fernsehen nicht weniger als alles andere. Trotzdem war es irgendwie seltsam zu hören, was sich schon lange vor der Pressemitteilung vom Freitag abgezeichnet hatte: Die Lindenstraße wird eingestellt. Sie habe zwar „Akzente gesetzt, die prägend bleiben werden“, heuchelte ein streng quotenorientierter Programmchef Bedauern. Volker Herres stellte aber sogleich nüchtern fest, „Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“.

Die Folge war ein medienöffentlich ausgetragener Tumult zwischen Fans und Feinden in Echtzeit, der angesichts der öffentlich-rechtlichen Sparzwänge und Mechanismen allerdings wenig am Ende lustig-deprimierend-dramatisch-relevant-radebrechen-banal-bieder-übertrieben-realen Dauerserie ändern dürfte. Bis Deutschlands älteste Soap vom Bildschirm verschwindet, bleiben also noch 60 Folgen Zeit, jene vier, fünf Restprobleme menschlicher Zivilisation, die in 34 Jahren (angeblich gab es bislang weder ein schwarzes Loch noch Königsmord) nicht abgearbeitet wurden, nachzuholen – dann ist neben Tages- und Sportschau das letzte Lagerfeuer der deutschen TV-Historie Geschichte.

Da ist es nicht weniger als ein zynischer Tiefschlag des Schicksals, dass dem Moderator des vorletzten in Malibu nicht nur, aber auch die Fernsehpreise abgebrannt sind. Immerhin boten sie dem Boulevard Gelegenheit, lieber über Thomas Gottschalks Leid als die Ursachen der kalifornischen Feuerhölle – Klimawandel und so konsumschädliches Zeugs – zu berichten. In den USA selbst hatten nebenbei auch Medieninterna Spitzenmeldungswert. Und zwar nicht, weil CNN das Weiße Haus wegen der (mittlerweile widerrufenen) Aussperrung ihres Reporters Jim Acosta verklagt, sondern dass Donald Trumps Sprachrohr Fox News offen Partei für die Konkurrenz ergriff und sich damit gegen jenen Amtsinhaber stellte, der ohne den Krawallkanal niemals im Oval Office säße.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das wäre natürlich ein gutes Thema für die Zeit nach den Tagesthemen, in der das Erste gemeinhin gehaltvolle Dokumentationen zeigt. Doch weil ein Länderspiel abermals ganzabendlich das Programm verstopft, ist heute leider kein Platz für Informationen jenseits des Fußballs. Dafür ist am Mittwoch Platz für Daniel Harrichs neuen Versuch, Zeitgeschichte journalistisch recherchiert in Spielfilmform zu bringen. Wie der Westen in Saat des Terrors allerdings mit Islamisten paktiert, ist zwar hochinteressant, aber nicht so schlüssig fiktionalisiert wie zuvor Oktoberfest-Attentat oder Waffenhandel.

Am Donnerstag ist dann wie üblich Platz für die nächste Auslandsklassenfahrt deutscher Polizisten. Im Amsterdam-Krimi reist Hannes Jaenicke mit Alice Dwyer nach Holland, um dort einen Drogenring zu sprengen. Doch anders als in Lissabon, Athen, Istanbul und wo die ARD sonst noch ermitteln lässt, sprechen die Niederländer zwar Deutsch mit Akzent – allerdings auch untereinander. Merkwürdig. Fast so sehr wie das, was die intellektuell leicht unterschätzbare Collien Ulmen-Fernandes zeitgleich auf ZDFneo ans Tageslicht befördert. In ihrer zweiteiligen Reportage No More Boys and Girls enthüllt die Moderatorin und Mutter nämlich bis zur Schmerzgrenze des Erträglichen, wie reaktionär die Erziehung in deutschen Kinderzimmern noch immer abläuft.

Reaktionär ist natürlich ein passender Übergang zum fraglos wichtigsten Neustart der Woche: Am Freitag startet auf Amazon die Neuverfilmung von Lothar-Günther Buchheims Das Boot. Unter Andreas Prochaskas Regie hat der Achtteiler übers Abtauchen unter Nazis und Mitläufern indes nur atmosphärisch mit Wolfgang Petersens Original zu tun. Ansonsten wurde die Seekriegserzählung mit viel Thriller, Liebe, Pathos angedickt und hat daher nicht annähernd die klaustrophobische Wucht von 1981. Routiniert inszeniertes Entertainment ist die Serie aber natürlich schon – bei dem Budge… Als Referenzgröße kann man sich am Freitag (22 Uhr, ARD) übrigens gut den Director’s Cut von 1996 mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und wer noch so alles aus der Besatzung zum Star geworden ist ansehen.

Was nach der dringenden Empfehlung, die bild- und wortgewaltige Western-Anthologie The Ballad of Buster Scruggs der Coen-Brueder auf Netflix anzusehen, bereits eine Wiederholung der Woche wäre. Auch die führt ja in den Weltkrieg: Um 23.50 Uhr zeigt der WDR (gleich nach dem Remake des Buchenwald-Dramas Nackt unter Wölfen von 2015) den frühesten Versuch der besiegten Nation, sich aus deutscher Sicht mit dem frisch verlorenen Krieg zu befassen. So weit die Füße tragen gelang das 1946 sogar vergleichsweise gut – auch wenn Nazis darin seltsam selten sind. Und zum Abschluss der Tatort-Tipp (Montag, 22 Uhr, RBB), in dem Kommissar Bülow 1986 zum Teil eines Fernsehfilms im Fernsehfilm wird, bei dem – wie der Titel Tödliche Blende schon sagt – natürlich trotzdem ein Mord passiert.


Ryley Walker, audiobooks, Moonface

Ryley Walker

Songs zu covern ist relativ einfach. Mit ein wenig handwerklichem Geschick und musikalischem Gespür verwandelt man das Original in Kopien, die sich nicht allzu sehr vom Ursprung entfernen, aber dennoch Eigensinn entfalten. Ein Album zu interpretieren, dass kaum jemand kennt, stellt da eine besondere Herausforderung dar. Und weil er die mag, hat sich der Experimentalmusiker Ryley Walker aus Chicago The Lillywhite Sessions vorgenommen, die die seinerzeit stadionfüllende Dave Matthews Band 2001 offenbar nicht so richtig wichtig genommen hatten. Ryley Walker hat. Und daraus ein wirklich erstaunliches Cover-Album gemacht.

Mit seiner instrumentell extrem virtuosen Vielschichtigkeit verwandelt er den Jamrock seiner amerikanischen Superstar-Landsleute in ein jazziges Fusionfolk-Album, das in seiner Filigranität fast zu hintergründig und klug ist, um dem Durchschnittsgeschmack einigermaßen gerecht zu werden, also kein Nerdzeugs zu sein. Für den nötigen Kitt in den Mainstream sorgt dabei nicht nur Walkes hintergründige verwaschener, leicht Eddy Vedderiger Gesang, sondern ein Link in den Postrock, der die Absurditäten kontrollierter Improvisation ein bisschen abpuffert. Ein starkes Stück für musikalische Persönlichkeit.

Ryley Walker – The Lillywhite Sessions (Dead Oceans)

audiobooks

Die ewige Frage nach dem richtigen Leben im Falschen, ob man den Tiger also lieber reiten oder meiden sollte, ist für Menschen auf der Suche nach Systemalternativen schwer zu beantworten. Das englische Indie-Duo audiobooks dagegen springt einfach auf und knallt den autotunesüchtigen Charts der Gegenwart ein Stück wie It Get Be So Swansea vor den Rechner. Die Kunststudentin Evangeline Ling krächzt darin ein so heillos verzerrtes Durcheinander von Lyrics über den aufgemotzten Retrowave ihres Mixers David Wrench, dass selbst die Autotune-Pionierin Cher vor Schreck wohl das Botox ausliefe.

Und auch sonst umweht das Debütalbum Now! (In a Minute) ein Hauch von Irrsinn, der sich nicht nur aus exaltierten Alltagsgeschichten speist, sondern der Fähigkeit, gleichermaßen lässig und albern zu sein – also ungefähr so zu klingen wie die beiden Londoner aussehen. Hot Salt zum Beispiel bringt diesen Spagat prima zum Ausdruck. Zwischen dem Elektroclash der Neunziger und dem Synthiepop der Achtziger, führt Wrenchs Keyboardsprengsel ein wirres Gefecht mit Lings Gesang aus, bei dem es am Ende drei Sieger gibt: Spaß, Kreativität und Tanzwut.

audiobooks  – Now!(In a Minute) (PIAS)

Moonface

Auf seiner neuen Platte hört sich Spencer Krug demgegenüber vielfach so an, als hätte er den audiobooks heimlich Brian Ferry ins Studio geschmuggelt und ihren Sound danach leicht beschleunigt in eine Art weltmusikalisches Bällebad geworfen. Während seine vielen Hauptformationen von Swan Lake bis Wolf Parade oft eher getragen sind, manchmal sogar leicht melodramatisch, bringt Spencer Krugs Solo Moonface seit ein paar Jahren bereits die experimentelle, gelegentlich fast glamouröse Persönlichkeit des kanadischen Soundbastlers zum Schwingen.

Die Stimme gewohnt warm und dunkel, mischt er Steeldrums, Marimba, Xylophon und fröhliche Fanfaren jeder Art in ein Album, das mit This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet nicht nur ausgesprochen feierlich betitelt ist, sondern angeblich auch sein letztes als Einzelkünstler sein soll. Schade eigentlich. Denn wie er die Erzählungen griechischer Mythologie darauf mit brummenden Synths und orchestralem Pop kombiniert, das zeugt von einer Kreativität, die jede noch so triste Mollsequenz mit Begeisterungsfähigkeit aufhellt. Polyglotter Darkwave zum Jubeln, souverän verabreicht von einem Riesen der Nische.

Moonface  – This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet (Jagjaguwar)


August Diehl: Süskinds Parfum & Neos Serie

Alles riecht, alles!

Im Neo-Sechsteiler Parfum, der mit Abstand aufwändigsten Eigenproduktion des ZDF-Ablegers, spielt August Diehl (Foto: ZDF) derzeit die Figur mit der größten Nähe zu Patrick Süskinds Romanvorlage. Ein Interview mit dem Berliner Film- und Bühnenstar über Einsamkeit vorm Fernseher, das Gemeinschaftserlebnis Kino und warum ihm der Geruchssinn so wichtig ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diehl, Ihre Filmliste ist lang, eine Serie findet sich darin allerdings bislang nicht.

August Diehl:Das stimmt fast. Ich habe mal eine BBC-Serie gedreht, aber hierzulande in der Tat noch keine. Was auch daran liegt, wie neu der Serien-Boom ist. Früher hat man sich vieles nur in 90-Minütern getraut, die man heute kaum noch finanziert bekommt, um bestimmte Geschichten zu erzählen. Dieser Bewusstseinswandel hat zu mehr Quantität, aber auch Qualität geführt.

Wurde Ihnen vorm Parfum also einfach noch nichts auf dem Niveau angeboten?

Vermutlich. Als Schauspieler denkt man allenfalls am Rande über Format und Umfang nach. Wichtig ist, welche Figur mir in welcher Geschichte zufällt und mit wem ich sie unter welcher Regie spielen darf. Da waren meine Begegnungen mit Philipp Kadelbach absolut ausschlaggebend. Außerdem durfte ich mit tollen Kollegen zusammenarbeiten, mit denen ich das zuvor vielfach noch nicht getan hatte.

Aber was hat sie an der Figur des Parfümeurs Moritz interessiert, dass Sie sie sechs statt üblicherweise maximal zwei Stunden verkörpern wollten?

Ganz banal, also gar nicht mal sonderlich intellektuell: die Lust darauf, ihr bei der Entwicklung zuzusehen. Das hat mir einen Heidenspaß gemacht.

Welche Rolle hat dabei Patricks Süskinds Romanvorlage genommen, die ja weltweit zu den erfolgreichsten unserer Zeit gehört?

Gar keine so große. Am Ende ist unsere Geschichte ja so weit davon entfernt, dass mir erst im Gespräch darüber so richtig auffällt, dass sie dennoch die Grundlage bildet. Beim Drehen fiel das gar nicht auf. Da habe ich mich ganz gegenwärtig vorbereitet, etwa Parfümeure getroffen und dabei gemerkt, was für ein ungeheuer aufregender, sehr handwerklicher, also bodenständiger, aber kosmopolitischer, weitgereister Beruf das ist. Ihn umweht etwas sehr Mystisches.

Stehen Sie Patrick Süskinds Grenouille damit von allen Charakteren am nächsten?

Das kann man vielleicht so sagen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, dass Moritz wie Grenouille kaum Eigengeruch hat, was seine Diabolik im Roman schon als Baby kennzeichnet. Tolle Idee, auch wenn sie der Wirklichkeit natürlich nicht standhält. Alles riecht, alles!

Sind sie ein olfaktorischer Typ, der seine Umgebung stark über die Nase wahrnimmt?

Absolut. Falls ein Hotelzimmer zum Beispiel schlecht aussieht, stört es mich weit weniger als wenn es schlecht riecht. Dann kann ich darin nicht wohnen. Wenn die Chemie zwischen zwei Menschen nicht stimmt, heißt es ja nicht umsonst, man könne sich nicht riechen. In dem Fall, kommt man selbst mit den wunderbarsten Menschen nur schwer klar. Insofern sind Parfümeure wie Moritz Meister der Manipulation des Unterbewusstseins. Dennoch finde ich andere Rollen im Film nicht unspannender. Trystan Pütters Butsche zum Beispiel oder Ken Dukens Roman.

Inwiefern?

Sie haben einfach klarere Problematiken. Moritz dagegen ist schwer zu definieren und damit zu greifen. Wie ein diffuser Geruch. Natürlich macht es Riesenspaß, einen Manipulator, vor denen alle Angst haben, zu spielen, aber es ist auch ein wenig dankbar. Dennoch finde ich alle Figuren und damit die Geschichte auf ihre Art herausfordernd.

Hebt es das Parfum somit auf jenes angloamerikanische oder skandinavische Niveau, von dem das deutsche Fernsehen seit langem träumt?

Zu solchen Gedanken muss ich mich manchmal ein bisschen zwingen. Ich finde uns gar nicht so schlecht. Weil die Bedeutung und Akzeptanz der Serie als Genre auch hierzulande wächst, kommt das dem Handwerk früherer Tage fast zwangsläufig näher, bei dem man sich halt viel mehr Zeit gelassen hat, bis ein Produkt vollendet war. Wie im klassischen Roman ermöglicht es diese Zeit, erst in der dritten Folge eine Hauptfigur einzuführen oder drei Folgen vorm Ende zu verabschieden. Welchen Suchtfaktor Serie da ausübt, merke ich ja an mir selbst. Er hat allerdings auch damit zu tun, wie sehr wir mittlerweile vereinsamen.

Und uns die Zeit allein gern mit Serien vertreiben?

Mehr noch: abends zu bekannten Gesichtern zurückzukehren, die uns im realen Alltag zusehends fehlen. Nach dem Motto: Ach, da sind ja all meine Freunde wieder, machen wir’s uns zusammen auf dem Sofa gemütlich. Trotzdem hoffe und glaube ich, dass der Spielfilm Zukunft hat. Eine Geschichte auf diesen Zeitraum zu verdichten, hat auch seinen Reiz. Wie im Theater.

Oder im Kino.

Wo dieses gemeinschaftliche Erlebnislangsam ausstirbt, dass sich Wildfremde nach dem Abspann, wenn das Licht angeht, in die Augen blicken und ohne viele Worte über die vergangenen zwei Stunden austauschen. Das macht das neue Kino Serie allein am Fernseher daheim ein bisschen einsam. Für meinen Beruf hingegen ist die Komplexität der Serie ein Geschenk.

Interessanterweise sind Sie unter den Hauptdarstellern am längsten im Geschäft.

Rund 20 Jahre, das stimmt.

Parallel zu ihrem Durchbruch in 23 waren Sie ein gefeierter Bühnenstar. Gab es je den Punkt, sich zwischen Bühne und Film entscheiden zu müssen?

Nie, nein. Ich konnte immer beides machen – obwohl Film eher bildende Kunst ist und Theater darstellende, ist ersterer für mich am Ende fotografiertes Theater ohne Publikum vor Ort. Aber im Schauspiel ist ohnehin alles miteinander verwandt. Filmen finde ich allerdings schon deshalb so fantastisch, weil man so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern trifft.

Dennoch haftet Ihren Rollen dabei oft etwas Melancholisches, fast Trauriges an.

Mhmm.

Ist das eine Typ-, womöglich gar Persönlichkeitsfrage oder liegt es nur am Angebot?

Das ist sehr kompliziert zu beantworten. Einerseits bringe ich diesen Typ, diese Persönlichkeit natürlich mit, andererseits legen bestimmte Rollen immer bestimmte Charakterarten fest. Ich habe zwar auch fröhliche Figuren gespielt, würde aber gern mal eine richtig waschechte Komödie machen, sofern der Humor da hintergründig abläuft, nicht nur auf Pointen-Niveau. Mit Gewinnern lacht man weit weniger herzlich als mit Verlierern. Gut gemachte Komödien (lacht laut) sind voll melancholischer, fast trauriger Figuren. Voila!

Gibt’s da schon ein Angebot?

(zögert kurz) Ich warte noch…


Bolsonaro Trump & Kominsky Parfum

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Na ja, dass Donald Trump nach seiner Wahlniederlage vom Dienstag ein bisschen dünnhäutig war, durfte eigentlich ebenso wenig überraschen wie die Tatsache, dass Defensive beim Berserker im Oval Office stets nur das Vorspiel zur Attacke ist. Kein Wunder also, dass er dem CNN-Reporter Jim Acosta nach einer unbotmäßigen Frage zur Russland-Affäre wie zwei Jahre zuvor mit den Worten das Wort abschnitt, er sei Fake News, furchtbar, ein Volksfeind, das Übliche eben. Erstaunlicher ist da schon, dass ihm Trumps Pressestab unterstellt, er habe einer Mitarbeiterin beim Versuch, das Mikro zu verteidigen, körperlich attackiert. Vollends absurd ist es hingegen, dass dem gestandenen Journalisten daraufhin die Akkreditierung entzogen wurde.

Aber eben auch nicht absurder als Elon Musks Attacke auf alle, die es wagen, negativ, also sachlich über die Börsenmanipulationen des Tesla-Chefs zu berichten. „Die Zahl der unwahren Artikel, die über mich geschrieben worden sind, ist unglaublich hoch”, erklärte der Tesla-Chef mit einem Verweis auf einen Wall Street Journal-Artikel und erklärte den Berufsstand im Ganzen zu „schrecklichen Leuten“, was wiederum auch nicht großartig anders klingt als Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro, der kurz nach seiner Wahl ankündigt, unliebsamen Medien die staatlichen Werbeaufträge zu entziehen, besonders dem regierungskritischen Blatt Folha de S.Paulo, das seiner Aussage nach „erledigt“ sei.

Obwohl man sich an völkisch-nationalistischen Populismus fast schon gewöhnt hat, sind solche Töne doch immer noch verstörend. Und damit zum Wintersport, wie ARD und ZDF ab sofort sagen dürfen. Mehr als 200 Stunden Live-Berichterstattung an 46 Sendetagen kündigt allein das Erste bis Ende März 2019 an und muss sich dann im Wechsel mit dem Zweiten ganze Wochenenden lang keine Gedanken mehr um Alternativprogramme machen., wenn die prominenten Jubelperser von Kati Wilhelm über Dieter Thomas bis Maria Höfl-Riesch sich und uns kuschelpatriotisch in Stimmung bringen. Samstag beginnt die ARD damit unter anderem mit Eislauf in Japan, Alpinrennen in Finnland und dem Skispringen in Polen.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das ist für alle Formate ohne gefrorenes Wasser natürlich ein bisschen ungerecht, aber dafür geht es in der ARD-Themenwoche nahezu vollumfänglich um Gerechtigkeit. Weil sie wirklich alle Kanäle fast rund um die Uhr einnimmt, sind Einzeltipps da schwierig. Als kleiner Ausschnitt: Während der SWR-Report Ausgebeutet für den Online-Boom am Mittwoch zur besten Sendezeit Paketausfahrer bei ihrer Arbeit für den entfesselten Konsum begleitet, werden Alwara Höfels und Gitta Schweighöfer im Kostümfilm Keiner schiebt uns weg zeitgleich in die polyesterbunten, aber männertristen Siebziger geschickt.

Interessant dürfte auch sein, ob Ingo Zamperonis Reportage Und das soll Recht sein? ab heute drei Abende um 22 Uhr im NDR Justizskandalen vor so viel Zuschauern auf den Grund geht, um die Hürde zur fortgesetzten Reihe zu nehmen. Ganz ohne Testlauf zur Serie geschafft hat es die Provinzposse Milk & Honey, mit der Vox ab Mittwoch erneut beweist, dass niveauvolle Serien aus privater Produktion eigentlich nur beim Sender vom Club der roten Bänder zu finden ist. Die Geschichte um vier Brandenburger Kumpels, die ihre klammen Kontostände als Teilzeit-Huren aufmöbeln, ist zwar oft unbedacht und oberflächlich, aber gut gespielt und dezent inszeniert.

Letzteres gilt auch für die Fernsehadaption von Patrick Süskinds Bestseller Parfum, der am selben Tag auf Neo in Serie geht. Mit der Vorlage hat der Sechsteiler um einen Ritualmord im Milieu der Düfte zwar nur am Rande zu tun. Unter Philipp Kadelbachs Regie agieren Wotan Wilke-Möhring, Jürgen Maurer, Friederike Becht und Marc Hosemann als polizeiliche Verfolger von August Diehl, Ken Duken, Trystan Pütter Natalia Belitski und Christian Friedel als Verdächtige allerdings atmosphärisch so dicht, dass man kaum loskommt von der Miniserie.

Was Neo hier unbedingt mit Netflix gemeinsam hat. Dort startet am Freitag The Kominsky Method von Chuck Lorre (Big Bang Theory) mit Michael Douglas und Allen Arkin als alternde Hollywood-Stars auf der Suche nach Sinn und Würde. Fabelhaft! Ebenso, wie das deutsch-rumänische Cybercrime-Drama Hackerville um ein osteuropäisches Dorf, von dem aus die Online-Attacken aufs westliche Werte- und Wirtschaftssystem erfolgen – Donnerstag um 21.45 Uhr ist auf TNT Teil 2 im Original mit Untertiteln zu bestaunen, während Joko Winterscheidt um 23.10 Uhr die nächste Pro7-Show kriegt. Win your Song klingt nicht nur nach Sing my Song, es ist auch fast das Gleiche, nur dass sich dieselbe Riege Popstars ihr Instrumentarium erst erspielen muss. Lustig…

Nein, Scherz, gar nicht lustig. Lustig ist die farbige Wiederholung der Woche: Maren Ades hinreißende Generationenkomödie Toni Erdmann von 2016, heute Abend (20.15 Uhr) auf Arte. Der Tatort dagegen entstammt fast schon einer vormodernen Zeit: In Die kleine Kanaille von 1986 ermittelt schließlich kein Geringerer als der schwarzweiße Nachkriegsstar Heinz Drache in einem Berliner Villenviertel und startet damit heute um 22 Uhr die RBB-Reihe alter Fälle, als die Hauptstadt noch Frontstadt war.