Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)

 


Jasna Fritzi Bauer: Angry Young Rampensau

Langsam mal ausgesechzehnt

Seit sie in Barbara oder Ein Tick anders ständig auf 180 sein muss, ist die Burgschauspielerin Jasna Fritzi Bauer (Foto: Stefan Erhardt) Deutschlands Angry Young Woman vom Dienst. Ein Gespräch über männliche Machtstrukturen, das Teeny-Image der 30-Jährigen und was sie sonst noch mit der gleichaltrigen Shiri gemeinsam hat, die sich als Polizeispitzel in der Vox-Serie Rampensau (ab 20. November, 20.15 Uhr) ständig mit allen anlegt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jasna Fritzi Bauer, wie oft haben Sie beim Drehen von Rampensau den Satz „ich bin 30!“ gebrüllt?

Jasna Fritzi Bauer: Keine Ahnung (lacht). Haben Sie mitgezählt?

Das nicht, aber es müssen geschätzt allein im ersten Teil zehnmal gewesen sein.

Witzig. Das ist mir wahrscheinlich deshalb nicht aufgefallen, weil ich es auch im Alltag ständig sage. Inzwischen hat es sich zwar etwas gelegt, aber früher musste ich echt dauernd klarmachen, älter zu sein als ich aussehe. Als ich in der Drehpause Zigaretten kaufen wollte, hatte ich meinen Ausweis vergessen und die Verkäuferin sofort so geguckt, wie die Leute halt gucken, wenn sie mich nicht kennen.

Und?

Ich meinte, wenn ich lügen würde, würde ich doch 19 sagen, nicht 30. Hat geklappt… Aber es nervt, für so jung gehalten zu werden, dass ich nicht mal problemlos Kippen kriege.

Wobei Ihre Branche generell eher Frauen wegen ihres zu hohen als zu jungen Alters diskriminiert oder?

Ja, es ist definitiv schwerer für zu alt gehalten zu werden. Trotzdem ist der Mangel an Vorstellungskraft, mich auch mal über 20 zu besetzen, irritierend.

Kriegt die Maske Ältere denn leichter jung oder Jüngere leicht alt?

Ach, das geht beides. Aber es wird langsam mal Zeit, dass es überhaupt mal jemand bei mir versucht. Zum einen, weil ich gar nicht mehr so jung aussehe, zum anderen, weil es genug talentierte Kolleginnen und Kollegen in dem Alter gibt. Außerdem fällt mir mit der Erfahrung eines halben Extralebens zunehmend schwer, mich in Teenager reinzuversetzen. Ehrlich – es hat sich langsam mal ausgesechzehnt!

Wenn Ihnen was spürbar auf die Nerven geht, kriegen Sie fast die gleiche zornige Stirnfalte wie Shiri in der Serie, wenn sie mal wieder auf 180 ist…

(lacht) Ach, die krieg ich auch beim Nachdenken oder wenn die Sonne scheint. Aber stimmt schon – so sehe ich auch in echt aus, wenn ich sauer bin. Meine Oma versucht mir die dann immer so weg zu massieren, wenn sie mich sieht.

Kommt Shiris permanente Wut daher mehr aus Ihnen als dem Schauspiel?

Aus beidem. Schließlich steckt in jedem von uns steckt reichlich Wut oder wie es die Autorin und Hauptdarstellerin der Israelischen Serienvorlage Bat Hen Sabag ausdrückt: ein verwundetes Tier. Aber weil wir beide nicht immer von allen für voll genommen werden, kann ich mich mit Shiris Wut vielleicht besser identifizieren als andere. Trotzdem war es Spiel – was sich schon darin gezeigt hat, wie fertig mich die Rolle den ganzen Sommer über gemacht hat.

Hat Ihr Image als Angry Young Woman eigentlich auch damit zu tun, dass Sie von Ein Tick anders über Elise bis Scherbenpark gleich zu Beginn der Filmkarriere ständig welche gespielt haben?

Bestimmt sogar. Ich dachte ja, mit Axolotl Overkill würde ich mich endgültig davon verabschieden, aber für diese Vorstellungskraft sind die Schubladen in Deutschland doch zu tief.

Andererseits hört man von vielen Ihrer Kollegen mittlerweile, dass Schubladen auch für lukrative Alleinstellungsmerkmale sorgen.

Klar, das kann einträglich sein, aber in meinem Fall auch stinklangweilig, zum 37. Mal die Rotzgöre zu spielen.

Na ja, wie…

… in dieser Serie, ich weiß. Aber die verhandelt das finde ich schon auf sehr besondere, eigenständige, interessante Art und Weise.

Und handelt am Ende eher von männerdominierten Machtstrukturen als Altersfragen.

Absolut, und ziemlich realistischen, finde ich. Am wichtigsten ist mir persönlich aber, dass es insofern vom Einheitsbrei abweicht, als wir Diversität zum Thema machen. Etwa bei Lorna Ishema, die eine dunkelhäutige Polizistin mit dem völlig dunkelhäutigen Namen Anja Rudnik spielen darf, deren ebenfalls farbiger Ex wie sie nur in den Ferien mal in Afrika gewesen sei.

Oder Shiris WG, in der absolut niemand dem heteronormativen Mainstream entspricht.

Solche Figuren bildet das deutsche Fernsehen ansonsten überhaupt nicht ab, im Gegenteil. Bei mir dagegen entspricht es voll und ganz meiner Lebensrealität, mich mit der gesamten Bandbreite menschlicher Unterschiede zu umgeben. Da stecke ich zwar definitiv in meiner Berliner Blase, aber mir wäre es lieb, wenn sie irgendwann mal die Blase des Landes ist, in dem ich lebe.

Ist die Thematisierung von Themen wie Diversität oder Sexismus nur Nebeneffekt Ihrer Filme oder ausschlaggebend, um darin mitzuspielen?

Unbedingt ersteres, ich wähle meine Rollen nach dem Drehbuch aus, nicht nach der Botschaft darin. Trotzdem finde ich es toll, wenn diese Drehbücher meiner Lebensrealität entsprechen – damit sich was ändert und das Unnormale in Deutschland endlich mal normal wird.

Würden Sie ein gutes Drehbuch auch dann annehmen, wenn darin zum Beispiel ein total antiquiertes Frauenbild transportiert wird?

Abgesehen davon, dass es dann vermutlich kein gutes Drehbuch ist, schon. Hängt immer vom Kontext ab, gerade in Komödien. Andererseits habe ich auch schon Castings abgesagt, weil mir das Grundthema der Sachen zu 1950 waren.

Haben Sie selbst schon Castings erlebt wie in Rampensau, wo Ihnen Sophie Rois als Theaterregisseurin aus 30 Metern Entfernung die Leviten liest oder ein Filmregisseur aus nächster Nähe zwingt, sich selbst zu erniedrigen?

Obwohl ich fürs Theater weit seltener bei Castings war als beim Film, kommt zumindest das, was Shiri am Theater passiert, der Realität schon sehr nahe.

Auch dieses totale Ausgeliefertsein, bei dem die Schauspielerin zum reinen Objekt der Regisseurin als handelndes Subjekt wird?

Klar. Im hierarchischen Regierungssystem Schauspiel bin ich immer das Objekt.

Und das ändert sich auch nicht, wenn man wie Sie gleich zu Beginn Preise gewinnt, mit Christian Petzold dreht und danach weiter Erfolg hat?

Natürlich ist meine Macht, besser: mein Einfluss größer als zu Beginn. Aber ich bin echt gerne Teil eines Ensembles, das nennt man vermutlich Teamplayer. Am Set ist mir wichtig, dass es allen gleichermaßen gut geht. Da geht es nicht um mich.

Lassen Sie Neulinge umgekehrt manchmal spüren, selbst schon etabliert zu sein?

Das müssten andere beurteilen, aber ich kann es mir nur schwer vorstellen, weil ich so eigentlich nicht ticke. Einfluss versuche ich nur dann zu nehmen, wenn ich damit was Positives bewirken kann. Diese Männermachtspiele sind mir persönlich echt zu doof.

Glauben Sie, dass die jemals beendet sind?

Nein.

Nie?

Auch wenn man stets jeden Einzelfall betrachten muss und die Wachsamkeit dank #MeToo sicher gewachsen ist, werden sich die Verhältnisse auch in ferner Zukunft keinen Millimeter bewegen.

So misanthropisch?

So realistisch. Es darf und muss aus meiner Sicht sogar Hierarchien geben, aber dummerweise werden sie wohl auch weiterhin überwiegend von Alphatieren an der Spitze gelenkt, die meist männlich sind. Wobei Frauen in solchen Machtpositionen schlimmer sein können als Männer. Wir brauchen da gesellschaftliche Veränderung, sonst gibt es keine im Schauspiel.

Sie mussten im Rahmen dieser Machtverhältnisse aber noch keine Erniedrigung ertragen wie Shiri im Film-Casting, wo sie Brotkrümel vom Boden auflecken soll?

Glücklicherweise nicht, aber wenn doch, würde ich wohl reagieren wie Shiri.

Und ihm in die Eier treten?!

Hoffentlich.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Influencer & Drag Queens

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Ob Youtube, Vimeo, Twitch inhaltlich irgendwann konkurrenzfähiges Fernsehprogramm im Kleinformat bieten oder doch nur vorwiegend belanglosen Zeitvertreib von und für junge Menschen mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne, lässt sich wohl erst in ein paar Jahren, wenn nicht Jahrzehnten abschätzen. Tatsache aber scheint es, dass mittlerweile selbst ein seriöses Wirtschaftsportal wie Kurzgesagt – In a Nutshell zehn Millionen Youtube-Abonnenten zählt. Und obwohl nur jede*r zehnte den reichweitenstärksten Online-Kanal aus Deutschland auch in Deutschland anklickt, ist das eine überaus heikle Situation für lineare Konkurrenten.

Die von ProSiebenSat1 konnten den Umsatz zwar grad neuerlich steigern – im abgelaufenen Quartal um vier Prozent auf 926 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte davon erwirtschaftet der Medienkonzern allerdings jenseits vom Fernsehen. Während die Erlöse mit TV-Reklame zugleich um weitere sechs Prozent gesunken sind, wuchs die Streamingplattform Joyn auf knapp fünf Millionen installierter Apps. Und wenn Netflix dem Shoppingkanal mit gelegentlicher Kinderprogrammunterbrechung (SuperRTL) parallel die Programmleiterin (Janine Weigold) abwirbt, zeigt sich, wie redundant traditionelle Medien langsam werden – zumindest aus dramaturgischer Sicht.

Arbeitsrechtlich dagegen herrscht dort verglichen mit Tech-Konzernen weiterhin das Paradies. Wie die Influencer-Gewerkschaft (ja, das gibt’s wirklich!) Youtuber Union in Kooperation mit der staubig alten IG Metall herausgefunden hat, fördert das weltgrößte Videoportal vor allem verlinktes Fernsehen wie Tonight-Shows, die verlässlich höhere P-Scores erzielen (mit denen die Werbewirksamkeit eingestellter Inhalte bewertet wird) als genuiner Content. Statt Talente zu fördern, setzt Youtube also auf Altbewährtes – und schlug zudem ein Gesprächsangebot mit Betroffenen über miese Arbeitsbedingungen aus. Schöne neue Welt.

Die Frischwoche

11. – 17. November

Aus der seit gestern Stephen Spielberg berichtet. Im Dokusechsteiler Warum wir hassen reist der Superregisseur als Superproduzent durch die weite Welt extremistischer Unerbittlichkeit. Und wer das nicht jeden Abend um 20.15 Uhr auf ZDFinfo sehen will, kriegt Dienstag zur gleichen Zeit im Zweiten ein 45-minütiges Konzentrat. Um Gewalt anderer Art geht es Mittwoch in der Michael Schumacher-Story mit anschließenden Top Ten der angeblich größten Momente mit dem Rennfahrer. Dass RTL 25 Jahre nach Schumis erstem Sieg auch nur einem Moment auf dessen Beitrag zu Klimawandel, Raserei oder Steuerflucht verwendet, darf allerdings ähnlich bezweifelt werden wie ein respektvoller Umgang von Heidi Klum mit ihrer neuen Castingzucht.

Tags drauf nämlich sucht Deutschlands zugkräftigste Antifeministin sechs Donnerstage lang die Queen of Drags. Angesichts der Menschenverachtung in Heidis Zirkus Maximus erschüttert die plumpe Kopie des US-Originals Ru Pauls Drag Race auf ProSieben im Vorfeld sogar große Teile der LGBTQ-Szene, die nicht zu Unrecht entwürdigende Zurschaustellung psychisch biegsamer Travestie-Künstler*innen erwarten. Dabei kann Fernsehen so schön sein. Etwa, wenn der WDR Dienstag um 23.40 Uhr Julia Kellers tolle Milieu-Studie der PR-Branche Jetzt. Nicht mit Godehard Giese als PR-Manager zeigt, der bis in die Tiefschlafphase alles dem Job unterordnet – bis ihn die plötzliche Kündigung aus der Bahn wirft.

Oder 20 Minuten später beim NDR: Die Verwandlung, Michael Harders Porträt von 20 mehr oder weniger bekannten Schauspielern wie Jörg Schüttauf, Ulrike Krumbiegel, Alexander Jovanovic und Franziska Petri. Vorm intimen Blick der Kamera gewähren sie allesamt tiefe Einblick ins Seelenleben unterschiedlichster Menschen, die zur Unterhaltung des Publikums kurz die eigene Persönlichkeit hintanstellen, gar verleugnen. Das könnte man auch vom Star der besten Historienserie unserer Zeit sagen: Queen Elizabeth II. Die 3. Staffel von The Crown wartet Sonntag auf Netflix mit neuer Königin (Olivia Colman), neuem Prinz (Tobias Menzies), neuer Margret (Helena Bonham Carter) auf und ist – zwei Folgen unter der Regie von Christian Schwochow – fast noch besser als die ersten zwei Staffeln.

Noch besser als viele der zahllosen Meisterwerke von Alfred Hitchcock war die farbige Wiederholung der Woche, heute um 22.15 Uhr: Der zerrissene Vorhang mit Paul Newman, der 1966 geheime Formeln von Ost nach West schmuggeln wollte. In einer Zeit, als der Weltkrieg nicht kalt, sondern heiß war, spielen die schwarzweißen Kanonen von Navarone (Donnerstag, 20.15 Uhr, Tele 5) mit Gregory Peck, David Niven, Anthony Quinn und überhaupt fast allem, was das Monumentalschlachtengenre vor 60 Jahren an Stars vor die Kamera lockte, um der Waffengewalt als Mittel gegen die Waffengewalt zu huldigen.


FKA twigs, French 79, Kele

FKA twigs

Wenn ein experimentelles Popalbum wie bei Tori Amos anfängt, ist das für Experimentalpopalbumfans womöglich verstörender als ein Kaossilator beim Bluesrockfestival, aber auch mit dieser Einstiegssequenz wäre mal wieder bewiesen, dass Musik eben mehr Geduld benötigt als die Rausschmeißimpulse der Generation Spotify zulassen. FKA twigs jedenfalls klingt am Anfang echt esoterisch, also – nun ja, nicht so richtig innovativ. Nachdem die britische Soundsammlerin ein paar Takte voran gekommen ist, wird es allerdings außergewöhnlich, versprochen!

Magdalene heißt der Nachfolger ihres preisgekrönten Debüts LP1, und wieder schimmert dieser leicht waldbodenfeuchte Grundsound unter den Samples, Footages, Spielereien hervor. Doch so sehr man sich manchmal an Kate Bush im binären Fieberwahn erinnert fühlt, so ergreifend ist die klangliche Vielfalt der neun Tracks, die hörbar von Digitalfreaks wie Skrillex, Future, Nicolas Jaar produziert wurden. Gut, manchmal nervt das Melodrama in FKA twigs’ Stimme; aber die Konstruktionen dahinter sprühen vor lauter Wahnsinn.

FKA twigs – Madeleine (Young Turks)

French 79

Über French House ist, seit Daft Punk, Kid Loco, Air oder Cassius vor einem Vierteljahrhundert aus zappelig elektronischer Musik geschmeidig elektronische Musik gemacht haben, schon so viel – oft auch dummes Zeug – erzählt worden, dass niemand mehr genau weiß, was genau French House eigentlich sein soll. Simon Henner weiß es ziemlich genau. Und hat sich deshalb vorsorglich French 79 genannt, was eines der nachhaltigsten Jahre des Pop (Specials! HipHop!! Bobby Brown!!!) im Titel trägt und auch sonst die Messlatte angemessen hochhängt. Eine Messlatte, die Joshua LP buchstäblich spielend überspringt.

Der Nachfolger des eher mäßig beachteten Debütalbums Olympic verirrt sich nämlich so herrlich gedankenverloren in synthetisierter Nostalgie, dass diese Art French House eher an den New Wave der frühen Achtziger erinnert und dabei dennoch fröhlich durch die Electronica der Gegenwart spaziert. Einerseits wühlen sich ja andauernd brummbassige Orgeln, elegische Streicher und Bontempi-Tupfer durch Simon Henners Flokatiteppich; zugleich sorgen elegante Frauenvocals und ein dezent treibender Four-to-the-Floor-Beat allerdings für zeitgenössische Energie – und zwar endlich mal ohne HipHop-Avancen. Wehmut zum Tanzen.

French 79 – Joshua LP (Alter K)

Kele

Wer es schafft, ein Ausnahme-Projekt wie Bloc Party, nein – natürlich nicht vergessen, aber doch zur Randepisode einer Musikbiografie zu machen, der muss fürwahr Großes in sich tragen. Kelechukwu Rowland Okereke jedenfalls hat sich bereits 2010 von seiner damals irre erfolgreichen Britrockband teilemanzipiert und erzeugt seither unterm Vornamenskürzel Soloplatten, die jede für sich etwas Eigensinniges hinterlässt, dem man Bloc Party dank Keles Stimme natürlich anhört, aber ohne davon erdrückt zu werden. Das gilt auch und gerade fürs neue Album mit dem futuristischen Titel 2042.

Nach seinem vollakustischen Vorgänger Fatherland erweitert der Londoner aus Liverpool sein Repertoire um eine Art ethnisch angehauchten Emolectropop, der alles Gute von Bloc Party in alles Bessere des Enddreißigers Kele integriert: lässige Gitarrenslaps, erzählerischen Sprechgesang, cheesigen Experimentalsoul, quirligen Retrowave, gelegentlich gar hardcoreverzerrte Riffs, die sich in My Business mit verschrobener Kapitalismuskritik mischen. Das ist nicht immer leicht verdaulich, weckt aber die Hoffnung, dass Kele als nächstes ein technoides Bigband-Metal-Album macht. Es dürfte grandios werden.

Kele – 2042 (KOLA Records)


Tyrannenwerbung & Freiheitspreise

Die Gebrauchtwoche

28. Oktober – 3. November

Mark Zuckerberg macht gerade ernst mit dem öffentlich geleisteten Schwur, Demokratie und Pluralismus zu fördern. Nachdem Twitter-Chef Jack Dorsey medienwirksam angekündigt hat, fortan keine politische Werbung mehr zu schalten, hat der Facebook-Chef noch etwas lauter ins Netz geblasen, er werde dies auch weiterhin tun, weil es sich für Privatunternehmen nicht „geziemt, Politiker zu zensieren“. Klingt honorig. Doch indem es Steve Bannons rechtes Propagandaportal Breitbart in den Nachrichten-Feed News Tab aufnimmt, verschafft Facebook einer explizit antidemokratischen, antipluralistischen Stimme noch mehr Kraft.

Wenn Zuckerberg diesen Schritt nun mit Meinungsvielfalt erklärt, zeigt er damit allerdings nur eines: Faschismus offenbar für eine Meinung, kein Verbrechen zu halten. Aber gut – damit befindet er sich ja in Gesellschaft amtlicher Potentaten wie Jair Bolsonaro. Weil ihn Enthüllungen des TV-Senders El Globo mit dem Mord an einer Journalistin in Verbindung bringen, drohte Brasiliens rechtsextremistischer Präsident Medien, die gegen ihn recherchieren, in einer geifernden Videobotschaft ganz offen damit, ihnen nach der Wahl 2022 die Lizenz zu entziehen sofern er, Zitat, bis dahin nicht tot sei.

Weil ihm Medien, die überhaupt von irgendwas anderem als seiner unermesslichen Weisheit berichten, suspekt sind, hat Bolsonaros russischer Kollege Putin derweil die Errichtung eines nicht ganz so world Wide Webs namens Runet dekretiert. Womit er angeblich Hackerangriffe umgehen könne, eignet sich aber natürlich auch prima zur digitalen Kontrolle unliebsamer Äußerungen, also Menschen. So richtig weit entfernt von der real existierenden Tyrannei jener Zeiten, deren Ende vor 30 Jahren gerade senderauf, senderab gedacht wird, sind die wütenden weißen alten Männer damit also nicht mehr.

Die Frischwoche

4. – 10. November

Das ZDF etwa fiktionalisiert sie von heute bis Mittwoch mit dem Dreiteiler Preis der Freiheit, der interessanterweise von wütenden weißen jüngeren Frauen handelt. Nicolette Krebitz, Nadja Uhl und Barbara Auer spielen darin drei Schwestern, die auf unterschiedlichste Art ins Wirtschaftssystem der untergehenden DDR involviert sind. Das ist wie so oft im deutsch-deutschen Historytainment häufig arg moralisierend, dank des – auch männlicherseits – großartigen Ensembles aber auch sehr sehenswert.

Was die selbstherrliche Einverleibung des Ostens in den Westen angerichtet hat, lässt sich ja gerade gut an den Wahlerfolgen der AfD erleben. Wobei das Erste damit fiktional einen bemerkenswerten Umgang gefunden hat: Wenn der Erzgebirgskrimi am Samstag den überschwemmten Krimimarkt weiter flutet, suchen Stephan Luca und Lara Mandoki Tote im Stollen einer sächsischen Provinz, in der gierige Wessis eingeborene Bergmänner ausbeuten und die AfD schlichtweg nicht vorkommt. Einen selbstkritischeren Umgang mit dem Facettenreichtum regionaler Strukturen zeigt da der BR, dessen sensationelle Provinzpolitiksatire Hindafing ab Donnerstag auf Arte in zwei Dreifachfolgen weitergesponnen wird.

Überhaupt ist es die Woche der Sequels, Bootlegs, Spin-Offs. Am Mittwoch verlegt Fox das vielfach ausgewalzte SciFi-Drama Krieg der Welten erstaunlich zurückhaltend ins Smartphone-Zeitalter. Bereits heute zeigt Netflix die zweite Staffel der wunderbar absurden Pubertätserzählung The End of the F…ing World, was Sky parallel mit der Serienadaption der Graphic Novel Watchman garniert, bevor dort vier Tage später das halluzinogene Fantasygeschichtsepos Britannia fortgesetzt wird. Und während der Sorgentelefonist Domian nach drei Jahren Pause am Freitag (23.30 Uhr) – diesmal mit Livegästen vor Publikum – zum WDR zurückkehrt, beginnt Samstag die nächste ARD-Themenwoche, diesmal zur digitalen Bildung.

Einmalig ist die Partie der deutschen Fußballnationalspielerinnen, ab Freitag um 18.30 Uhr auf Eurosport vor der Rekordkulisse von 90.000 Fans im Wembley-Stadion. Das könnte auch die Zuschauerzahl der klugen Milieustudie Back for Good sein, mit der sich das Trash-TV Mittwoch (22 Uhr, SWR) selbst auf die Schippe nimmt. Die Wiederholungen der Woche handeln dagegen allesamt von Mördern: Sonntag (20.15 Uhr) treibt Die Filzlaus den Profikiller Lino Ventura (mit anschließendem Arte-Porträt) in den Wahnsinn. Heute zeigt der Kulturkanal Hitchcocks letzten Film Familiengrab um eine Hellseherin, die Erben sucht, aber Profikiller findet. Und zwei Stunden später sucht Manne Krug im herrlich staubigen Tatort Schmutzarbeit von 1989 beim RBB einen, genau: einen Profikiller.


Désirée Nosbusch: Bad Banks & Irland-Krimis

Ich bin wieder im Club

Mitte der 80er Jahre versankt der kometenhaft aufgestiegene Jungstar Désirée Nosbusch (Foto: Sammy Hart/Degeto) schon wieder in den Niederungen des Fernsehens – und tauchte daraus dank der ZDF-Serie Bad Banks ebenso plötzlich wieder auf. Ein Interview über Aufgeben und Weitermachen, ihre Ungeduld und die Hauptrolle im Irland-Krimi, von dem heute Abend der zweite Teil im Ersten läuft.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Nosbusch, Hand aufs Herz: war es nach Bad Banks, die als eine der besten deutschen Serien seit Jahrzehnten gilt, eigentlich schwer, sich wieder in die Niederungen des Krimireihenfernsehen zu begeben?

Désirée Nosbusch: Wieso Niederungen? Es ging lediglich um den Respekt davor, ein solches Format als Figur tragen zu können. Dennoch war die Zusage insofern angstbesetzt, sich etwas anzukratzen, womöglich kaputtzumachen, das man sich mühsam aufgebaut hatte. In meinem Fall, auf einem Niveau anerkannt zu werden, das ich mein Leben lang erreichen wollte. Deshalb bin ich auch zur Degeto nach Frankfurt gefahren, um den Irland-Krimi respektvoll abzusagen, also nicht am Telefon, sondern im persönlichen Gespräch.

Und dann?

Ist es den Machern gelungen, mir die Angst vor diesem Krimiformat zu nehmen. Meine größte Sorge war nämlich die, dass man irgendwo im Ausland auftaucht, auf einmal sprechen alle deutsch und das Ganze zeigen wir mit bunten Postkartenbildern. Ich durfte sogar bei der Entwicklung meiner Figur genauso wie bei der Suche nach der richtigen Regisseurin oder dem richtigen Regisseur mitreden.

Sie haben Züli Aladag ausgesucht?!

Ich habe ihn mir als Regisseur gewünscht, und der Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ich wollte einen Regisseur mit Haltung, der sich mit dem Drehort, den Figuren und den Geschichten wirklich auseinandersetzt.

Und dieses Mitspracherecht haben Sie sich mit Bad Banks erarbeitet?

Ich glaube, ja.

Sind sie eigentlich anfällig für Arroganz?

Ich hoffe nicht.

Sorgt ein Erfolg wie Bad Banks dennoch für ein Gefühl der Erhabenheit?

Erhabenheit, auf keinen Fall. Die Reihe hat ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit in mir erzeugt, denn kurz zuvor wollte ich aufgeben. Weil ich das, was ich wollte, nicht gekriegt habe, und das, was ich gekriegt habe, als Verrat an Idealen empfand, mit denen ich gestartet bin. Vom Filmemachen war ich daher bereits langsam zum Theater gewechselt. In Luxemburg kann man davon zwar kaum leben, aber es hat mir künstlerische Befriedigung verschafft, die mir beim Drehen abhanden gekommen war. Schließlich hatte ich mir dort mittlerweile längst die Frage gestellt, ob ich mich vielleicht schlicht überschätze.

Wow, das sind existenzielle Fragen!

Nicht wahr?! Ich weiß gar nicht mehr, wie viel Comebacks und zweite Frühlinge man mir schon angedichtet hat, aber jetzt ist mein Selbstbewusstsein zurück. Ich bin wieder im Club.

Was war denn ihr Plan B, wenn es damit nicht klappt?

Jenseits des Künstlerischen gab’s keinen, meine Leidenschaft gehört der Schauspielerei. Durch meine Produktionsarbeit, das Theater, die Lesungen und Moderationen käme ich irgendwie schon immer über die Runden, aber ich lehne einfach zu viel ab. Von daher habe ich mir am Ende doch gesagt: ich mache weiter. Ich gebe noch nicht auf!

Wollten Sie zuvor auch wegen der Ungleichberechtigung Ihrer Branche aufgeben, die Frauen ab Ende 30 bis heute weniger Angebote macht als Männern?

Klar verengt sich das Angebot mit Ende 30. Aber wenn man sich seinem Alter stellt, nicht an sich rumschnippeln lässt und womöglich sogar was Befreiendes darin entdeckt, dass die äußeren zugunsten der inneren Werte an Bedeutung verlieren, kommt man damit besser klar. Das Leben ist ja auch für ältere Menschen voller Geschichten. Schauen Sie sich Judy Dench oder Helen Mirren an; beide bestens im Geschäft…

Das wären sie vor 30 Jahren aber vermutlich nur in Großmütterrollen gewesen.

Darüber gehen wir zum Glück langsam hinaus. Ich weiß, dass viele Kolleginnen nicht wie ich das Glück haben, so aktiv sein zu dürfen, wie sie es sich wünschen; aber auch meine Figur in Bad Banks wäre vor 15 Jahren mit einem Mann besetzt worden. Wobei mir die Darstellung einer Investmentbankerin, die sich ihr Leben lang über Macht definiert und nun Angst vor deren Verlust hat, damals bestimmt nicht so glaubhaft gelungen wäre; dazu fehlte mir schlicht die Lebenserfahrung.

Wird die in Ihrem Beruf nicht nur Abstraktion und Technik ersetzt?

Klar, kann man damit vieles spielen. Aber das Verständnis, was es zu abstrahieren gilt, nimmt mit dem Alter spürbar zu. Das war mir zum Glück schon früh klar; ich habe meine Situation schon immer zu analysieren versucht. Auch deshalb neige ich selten zur Selbstüberschätzung und kann mich an einer Figur wie Cathrin Blake erfreuen, in deren Seele man sich ebenso vergraben kann wie in der von Christelle Leblanc.

Dürfte nach „Irland-Krimi“ und „Bad Banks“ daher mal wieder was Leichtes kommen?

(lacht) Stimmt, statt all der menschlichen Abgründe wäre zur Abwechslung jetzt mal ‘ne derbe Komödie gut. Aber wenn mich das Leben etwas gelehrt hat, dann Geduld zu haben.

Sie waren also mal ungeduldiger?

Viel ungeduldiger!

Wobei Ungeduld auch ein Antrieb sein kann, Neues zu wagen.

Ich bevorzuge da Neugierde, Wissensdurst, gesunden Ehrgeiz. Ungeduld macht verbissen und sorgt dafür, Dinge, die noch nicht reif sind, ernten zu wollen.

Waren Sie womöglich zu früh zu erfolgreich für Geduld?

Kann sein. Ich habe mich durchaus ertappt, zu denken, das geht jetzt immer nur so steil nach oben. Das kann gerade für jemanden, der ein bisschen in diesen Beruf hineingestolpert ist, gefährlich sein. Deshalb sage ich meinen Kindern, die beide Musiker geworden sind: der spätere Erfolg ist der bessere. Man erkennt ihn genauer und kann gesünder damit umgehen.

Heißen Ihre Kinder Nosbusch?

Nein, sie heißen Kloser, wie ihr Vater. Das war damals mein Wunsch, und ich glaube, dass es die richtige Entscheidung war.

Ist der Boulevard schon wieder so interessiert an Ihnen wie in den Achtzigern?

Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder, gehe zu Arbeit – für den Boulevard, von dem man am Ende ohnehin oft nur emotional vergewaltigt wird, ist mein Leben zu normal. Finde ich super! Außerdem lebe ich gern in der Anonymität. Es fällt mir leicht mich rar zu machen.


RTLsieben & Check Shapira

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Oktober

Es gibt Momente der Wahrheit, in denen Absender und Adressat, Raum und Zeit, Subjekt und Objekt so auseinanderdriften, dass diese Wahrheit einen Moment lang den Anschein der Täuschung erweckt: Barbara Schöneberger hat ihrer zahlenden Kundschaft am Dienstag vor laufender Kamera geraten, Achtung: nichts von ihr zu kaufen, „weil ich seit Jahren immer nur das Gleiche mache, nur mit anderen Klamotten“. Das ist für die menschliche PR-Kampagne schon selbstreflexiv genug; das Ganze fand allerdings, Aachtung: in der Konsumgörensendung taff statt, die – Aaachtung: beim Konsumgörensender Pro7 läuft.

Unterdessen erhielt der artverwandte Konsumgörensender RTL2 von einer Kommission für die Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten Bestätigung. RTLzwei, wie man mittlerweile schreiben soll, hat seine Nachrichten zwar voriges Jahr konsequenterweise an externe Dienstleister ausgelagert und bietet auch sonst allenfalls die Karikatur gehaltvollen Fernsehens. Weil er nur (sic!) 29 statt 30 Prozent Reklame schaltet, darf er sich laut ZAK jedoch weiter Vollprogramm nennen. Das klingt ähnlich absurd, als würde man die Bild nicht als Propagandablatt, sondern Tageszeitung bezeichnen.

Schließlich hat deren Chefredakteur gerade den Anti-Medienpreis Goldene Kartoffel erhalten, mit dem der Verein Neue deutsche Medienmacher außergewöhnlich einseitige Berichterstattung „auszeichnet“. Wenn es um Ein- und Zuwanderung gehe, so die Begründung, stehe Bild für „für Unsachlichkeit, Vorurteile und Panikmache“, bei der laut NdM-Vorstand Sheila Mysorekar, „jeder Ausländer ein Messer in der Hand, in der andern einen Asylantrag“ habe, und „mit der dritten Hand geht er einer Blondine an die Wäsche“. Der Prämierte wies das natürlich weit von sich und warf den Verantwortlichen ihrerseits Rassismus vor. Das wiederum klingt ähnlich grotesk wie Claas Relotius, der allen Ernstes Juan Moreno wegen falscher Behauptungen in Tausend Zeilen Lügen klagt. Ohne „mit Menschen aus meinem näheren Umfeld gesprochen zu haben“, so Relotius zur Zeit, „konstruiert Moreno eine Figur“.

Die Frischwoche

28. Oktober – 3. November

Damit leitet der Figurenkonstrukteur schlechthin unfreiwillig zum frischen Fernsehangebot über. Darunter das angenehm schrullige Streaming-Kleinod Check Check, in dem ein anderer Klaas, nämlich Heufer-Umlauf, den Startup-Unternehmer Jan spielt, der seinen kranken Vater (Uwe Preuß) in der alten Heimat pflegen und die wenigen Passagiere eines Provinzflughafens kontrollieren muss. Unter der Regie von Ralf Husmann sind die ersten zwei Teile nach Ralf Husmanns Drehbuch auf Joyn nicht nur sehr kurzweilig, sondern bisweilen richtig wahrhaftig.

In neue, oft realistische, bisweilen aber heillos überdrehte Rollen schlüpft ab Dienstag um 23.15 Uhr (Neo) wieder Shahak Shapira Shapira, was hoffentlich ein wenig mehr an der Stellschraube des Klamauks dreht als zuvor. Positiv überrascht die neue ARD-Reihe Käthe und ich. Zum einen, weil das lockere Psychogramm eines leicht verwirrten Seelenklempners für Degeto-Verhältnisse erstaunlich seifenfrei inszeniert wurde. Zum anderen, da die Hauptfigur vom ziemlich unbekannten Christoph Schechinger gespielt wird.

Eine ähnlich gute Sendezeit hätte auch die Romantic Comedy Zwei im falschen Film verdient. So aber müssen Marc Hosemann und Laura Tonke Dienstag um 23.40 Uhr im WDR als routiniertes Paar um Liebe, Sinn und Leidenschaft kämpfen. Zeitgleich kämpft um 22.15 Uhr auf Nitro die 2. Staffel des Serien-Spinoffs von Tarantinos Horror-Legende From Dusk Till Dawn oder dem Batman-Spinoff Pennyworth auf Starzplay um Aufmerksamkeit, was der ersten Staffel einer anderen Neuinterpretation auf Netflix Freitag hierzulande etwas leichter fallen dürfte: Wir sind die Welle schickt den Jugendklassiker um ein schulisches Tyrannei-Experiment auf die Straße, wo vier Jugendliche ab Freitag zu einer idealistischen Scheinrevolte aufrufen.

Warum es in der Türkei trotz aller Repression zu keiner Revolte gegen das autokratische System Erdogans kommt, versucht Arte am selben Tag ab 20.15 Uhr mit drei Dokus zu erklären, in denen es um Väter der Türken oder Die freundlichen Islamisten der Gülen-Bewegung geht. Auch die erste Wiederholung der Woche befindet sich an der Schnittstelle von Religion und Politik: In Der Stellvertreter von 2002 spielt Ulrich Tukur Sonntag, 20.15 Uhr auf Arte den Zyklon-B-Erfinder Kurt Gerstein, der seine plötzlichen Zweifel am NS dem Papst mitteilt – und ignoriert wird. Ganz unpolitisch ist dagegen heute um Mitternacht im HR die grandiose Verfilmung von Haruki Murakamis polarisierendem Liebesroman Naokos Lächeln. Und der Tatort geht zwei Stunden früher im RBB zurück ins Jahr 1981, als ein gewisser Horst Schimanski seinen ersten Fall unter Duisburger Binnenschiffern löste.