Katrin Bauerfeind: Pocher & Show zur Frau

Erwartbarkeit ist ermüdend

Seit sie vor 14 Jahren im Online-Magazin Ehrensenf die Medienlandschaft aufs Korn nahm, ist Katrin Bauerfeind (Foto: Nadine Bernards/WDR) darin nie so richtig über die Nische mit Niveau hinausgekommen. Auch in Die Show zur Frau spricht die Mittdreißigerin jetzt mittwochs ab 21.45 Uhr mal wieder nur auf dem Spartensender ONE mit Gästen ihrer Wahl über Gott und die Welt. Aber das macht sie wie immer ganz wunderbar.

Von Jan Freitag

Kathrin Bauerfeind, bei der Premiere Ihrer Show zur Frau zitiert Micky Beisenherz John F. Kennedys Vater mit den Worten, es käme nicht drauf an, was du bist, sondern wofür man dich hält. Sind Sie, wer Sie sind oder wofür man Sie hält?

Kathrin Bauerfeind: Oh Gott, was für eine Einstiegsfrage.

Soll ich was Leichteres fragen?

Nee (lacht). Also: Ich hoffe sehr, dass ich das, wofür man mich hält, auch bin, sofern das, was ich bin, auch das ist, was ich sein will oder …Hilfe!

Ist die private Bauerfeind demnach deckungsgleich mit der Bühnen-Bauerfeind?

Doch, das stimmt ziemlich überein.

Würden wir uns ohne beruflichen Hintergrund im Park treffen oder beim Bier, wären Sie also genauso exaltiert, laut, lustig und burschikos-feminin wie am Bildschirm?

Burschikos-feminin, das klingt toll! Also, zu 70 Prozent ja. Es gibt vielleicht auch eine stille Seite an mir, die ich allerdings noch nicht entdeckt habe. Klar, ich kenne die Täler aus Trauer, Niederlage und mieser Tag, aber insgesamt bin ich heiter und rede lieber statt nichts zu sagen. Deswegen ist es gut, dass es den Beruf der Fernsehmoderatorin gibt. Sonst hätte ich ehrlich nicht gewusst, was aus mir werden soll.

Auf das Zitat Ihres Kollegen Beisenherz antworten sie mit der Gegenfrage, wo Sie heute wohl wären, hätten Sie den Rat von JFKs Vater befolgt und darauf geachtet, was andere von Ihnen halten. Haben Sie darauf eine Antwort?

Ich wäre wahrscheinlich schneller da gewesen wo ich jetzt bin oder hätte vielleicht schon lange eine Late-Night-Show in der ARD, wer weiß! Ich hab oft das Gegenteil von dem gemacht, was erwartet wurde. Nach Ehrensenf also nicht die gleiche Show in größer und im Fernsehen statt im Internet, sondern eine Reisereportage über den Balkan.

Andererseits hat der Schritt nach diesem preisgekrönten Online-Format zu 3sat mit Anfang 20 eigentlich auf eine ziemlich fette Showlaufbahn hingedeutet. Ist ONE zur Nacht da die angemessene Bühnengröße für Ihren Maßstab?

Ich hör das öfter und freu mich, wenn man so viel Potenzial in mir sieht. Klar will auch ich, dass möglichst viele Leute sehen, was ich mache, dafür macht man ja Fernsehen. Die ARD hat aber nur einen Sendeplatz für Frauen unter 40 und den hat Carolin Kebekus! Da sie die Beste ist, geht das in Ordnung. Das was ich in der neuen Show mache, bleibt allerdings dasselbe, egal, wo es ausgestrahlt wird. Ich mag das, was ich mache und die Nische hat den Vorteil Dinge auszuprobieren. Da die Show was Neues ist, da fände ich es auch vermessen damit direkt im Ziel starten zu wollen.

Wenn Sie „starten“ sagen, empfinden Sie Ihren Werdegang also noch als ausbaufähig?

Ich hab zumindest lernen müssen, dass man am Anfang oft noch nicht da sein kann, wo man am Ende hin will. Das ist ein Prozess, er besteht aus ausprobieren, Fehler machen, wieder scheitern und aus den eigenen Fehlern was machen. So ist das Leben, würde ich sagen.

Fühlen Sie sich demnach wie Jan Böhmermann trotz Potenzial für größere Aufgaben in der Nische vielleicht sogar ganz wohl?

Jan sagt ja sehr oft ganz deutlich, dass er gern einen prominenteren Sendeplatz im ZDF hätte. Bei mir ist es auch so. Wenn jemand einen Sendeplatz zu vergeben hat, können wir gern darüber sprechen. Ich bin erreichbar.

Das heißt, sie hätten schon auch gern etwas bedeutsamere Gesprächspartner als Oliver Pocher, den sie heute Abend zur ersten Show der Frau eingeladen haben?

Was heißt bedeutsamer? Oliver Pocher war in der Sendung zu Verschwörungstheorien, und da er als Zeuge Jehovas aufgewachsen ist, war es der perfekte Gesprächspartner. Wir wollten wissen, ob Verschwörungstheorie und Religion sich nicht auch ähnlich sind, denn auch für die Auferstehung Jesu gibt es am Ende keinen direkten wissenschaftlichen Beweis. Außerdem bin ich ein Fall für die andere Seite der Leute. Ich setze auf den Effekt: Hätte ich nicht gedacht, nicht gewusst, nicht für möglich gehalten. Was haben Sie denn von ihm erwartet?

Dieselben selbstgerechten Krawallwitze auf Kosten anderer.

Ich finde Oliver Pocher war sehr erwachsen bei uns, ich hab ihn so noch nicht im Fernsehen gesehen. Ich finde außerdem diese unausgesprochenen Regeln, wen man gut finden darf und wen man besser nicht einlädt, damit das eigen Image stimmt, eher unangenehm. Grade dann will ich mal mit den Leuten reden. Erwartbarkeit ist für mich langweilig und ermüdend. Ich finde die erste Sendung zum Thema Verschwörungstheorien deshalb gut, und zwar mit Oliver Pocher. Sich immer nur die eigene Sicht bestätigen zu lassen, ist doch nicht, wofür man angetreten ist.

Ist dieses Gegenteil der Sicht-Bestätigung demnach der Wesenskern Ihrer Show zur Frau?

Es gibt ein Thema. Leute kommen vorbei. Wir diskutieren und erzählen uns heitere Geschichten. Weil ich gut mit Menschen reden kann, ist das der Kern der Show. Und ich bin quasi eine Mischung aus Maybritt Illner und Heidi Klum, seriös, aber auch albern. Wahrscheinlich meinten sie das mit feminin-burschikos. (lacht)

Um Erkenntnisgewinn geht es also nicht?

Doch. Wir nehmen uns gesellschaftlich relevante Themen wie die Frage vor, warum die Heimat neuerdings wieder so hip ist. Dabei sind wir jedoch keine politische Talkshow, die eine abschließende Antwort sucht, sondern wollen eher Geschichten und Erfahrungen der Gäste hören. Am Ende wird der Zuschauer gut unterhalten. Wenn er auch inhaltlich noch was mitnimmt – umso besser.

Um Geschlechterfragen geht es also nicht?

Warum?

Der Sendungstitel und Sie im Mittelpunkt hatten das irgendwie suggeriert.

Ah, wäre ich nicht drauf gekommen, dass man es auch so verstehen kann. Ich bin die Frau zur Show, Frauenthemen sind weniger gemeint.

Schade.

Wieso schade?

Ach, in Zeiten von Trump und #MeToo hätte ich mir einfach gewünscht, dass sich eine Moderatorin, die tradierte Vorstellungen von Weiblichkeit mit dieser maskulinen Art zur femininen Optik unterwandert, zum Feminismus äußert.

Gut, wir haben auch eine Sendung übers moderne Männlichkeitsbild, aber #MeToo haben wir keine ganze Sendung gewidmet.

Haben es aber im Hinterkopf?

Ja klar, immer! Frauen verdienen weiterhin weniger, sind seltener in Führungspositionen und nehmen in acht von zehn Fällen bei der Heirat selbstverständlich den Namen des Mannes an. All diese Phänomene habe ich in meinem zweiten Buch aufgegriffen und war zwei Jahre damit auf Tour. Aber für die Show haben wir das Thema nicht gewählt. Wir haben momentan gesellschaftlich relevante Fragen rausgesucht wie, worüber darf man lachen in politisch korrekten Zeiten oder auch sind alle lieber schön als schlau, also ob alle jetzt lieber Botox statt Bildung wollen. Momentan ist #MeToo ja auch nicht mehr so brandaktuell.

Für jemanden wie Sie müsste das doch erst recht Ansporn sein, davon zu sprechen!

Ja, gut, ok, ich nehm´s für die zweite Staffel vor.

Und bitte gleich mit, dass unter den acht Gästen der ersten drei Folgen nicht wieder nur zwei Frauen sind und dann ausgerechnet zum Thema Kochen…

Zum Kochen will ich sagen: Ruth Moschner ist ganzheitliche Ernährungsberaterin, war also als Expertin da und nicht als Frau am Herd. Auf die gesamten zwölf Sendungen sind wir relativ ausgeglichen. Trotzdem stimmt es: Es gibt immer noch mehr Männer als Frauen in der Branche, die sich zutrauen zu allen Themen was zu sagen. Aber wir arbeiten dran.

Suchen Sie die Gäste selber aus?

Das macht die gesamte Redaktion. Bei Bauerfeind assistiert…, wo ich den ganzen Tag mit einer Person verbracht habe, wollte ich niemanden einladen, den ich nicht mag. Das war hier weniger wichtig. Im Gegenteil. Es heißt ja immer, alle bestätigen sich in ihren Filterblasen nur ihrer eigenen Weltsicht. Ich finde es gut, wenn das Publikum herausgefordert wird. Ein Interview-Guru in den USA sagte mal, Interviews werden nur facettenreich, wenn der Interviewer sowohl Freund als auch Gegner des Interviewten ist.

In dem Sinne die Anschlussfrage: Als Mann mit ihrer Klappe und Attraktivität…

… wäre ich schon lange ganz oben! Nein, das ist mir zu hypothetisch und auch nicht heilsam. Zum einen suggeriert dieses Denken, es gäbe irgendwelche höheren Mächte, die meinen Aufstieg behindern.

Stichwort Verschwörungstheorien.

Zum anderen wirkt es furchtbar passiv und larmoyant. Vielleicht wär ich als Mann tatsächlich da, wo Harald Schmidt mal war. Aber ich hatte zugleich so viele Situationen, in denen es hilfreich war, eine Frau zu sein. Nichtsdestotrotz brauchen wir mehr weibliche Persönlichkeiten. Auf allen Bühnen. Das ist mein Wunsch für die Zukunft.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen
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Fernsehpreise & Hebammern

Die Gebrauchtwoche

28. Januar – 3. Februar

Wenn der Deutsche Fernsehpreis nicht im Fernsehen läuft, mangelt es ihm entweder an Relevanz oder Unterhaltsamkeit. Als die zweitwichtigste Branchen-Trophäe nach den Grimme-Awards Donnerstag in Düsseldorf zeitversetzt als Aufzeichnung beim Nischensender ONE verliehen wurde, war von Beginn an klar: es mangelt ihm an beidem! Nicht allein, dass mit dem Amazon-Ableger von Petersens Boot hochglänzender Durchschnitt die Höchstzahl an Nominierungen aufwies; nicht allein, dass die allenfalls nette Emanzipationsklamotte „Aufbruch in die Freiheit“ zum besten Film gekürt wurde; nicht allein, dass Bares für Rares oder Let’s Dance als preiswürdiges Entertainment gelten; nein, die Präsentation war trotz – und langsam auch ein bisschen wegen – Barbara Schöneberger von so routinierter Leidenschaftslosigkeit, dass 2020 durchaus der neue Traumschiff-Kapitän Florian Silbereisen unter den Siegern sein könnte.

Davon abgesehen, welch brutaler Schlag ins Gesicht aller prekär beschäftigten Schauspieler*innen im Land es ist, dass ein stinkreicher Quereinsteiger den Arbeitsplatz ausgebildeter Profis erhält, zeigen Fernsehpreis und ZDF-Personalie, woran es im linearen Angebot weiterhin krankt: einer populistisch-biederen Sicht aufs deutsche Entertainment, das die Wucht der Streamingdienste vollumfänglich ignoriert, weshalb ihm der seriöse Glamour Hollywoods vollends abgeht. Man konnte das gut bei den SAG-Awards der amerikanischen Schauspielergewerkschaft beobachten, eine Art Seismograf der anstehenden Oscars. Mit Marvelous Mrs. Maisel, Ozark oder Ecape at Dennamora gewann herausragendes Online-Fernsehen, zu dem sich mit This is Us sogar ein Format des alten Networks NBC gesellen durfte.

Was man dem Sammelpreis der deutschen Platzhirsche ARZDRTSat1 aber zugutehalten muss: bei fünf von zwölf Top-3-Fiktionen war zumindest eine Frau für Buch oder Regie verantwortlich. Das konterkariert auf bizarre Art eine Studie der rührigen MaLisa-Stiftung, die nach der traditionellen Film- und Fernsehbranche nun den vermeintlich moderneren Social Media ein lausiges Gleichstellungszeugnis ausstellt: Deren Influencer sind nämlich mehrheitlich maskulin, während ihre Kolleginnen massiv Geschlechterstereotype verfestigen.

Die Frischwoche

4. – 10. Februar

Das Gegenteil war von einer Show mit der burschikos-femininen Kathrin Bauerfeind zu erwarten. Ab Mittwoch, 21.45 Uhr, moderiert sie auf ONE die Show zur Frau, in der es allerdings nur dem Titel nach emanzipiert zugeht. Von den acht Gästen der ersten drei Folgen etwa sind nur zwei weiblich und dreimal darf man jetzt raten, bei welchem der Auftakthemen Verschwörungstheorien, Küche, Humor? Genau! Trotzdem ist es wie immer erhellend und heiter, Kathrin Bauerfeind beim Menschenkontakt zuzusehen.

Ähnliches gilt ausnahmsweise fürs romantisierende Degeto-Debüt am Freitag im Ersten. Toni, männlich, Hebamme klingt zwar schwer nach Schmonzettenkost in Reihe. Doch Leo Reisinger spielt den Mann in der Frauendomäne mit dezenter Leichtigkeit und sogar ein wenig Tiefgang. Tags drauf räumt die ARD nach zwei DFB-Pokalabenden in der Wochenmitte für den Fernsehtrendsport Biathlon sogar vier Stunden lang die Wochenendprimetime, weil der Weltcup nun mal im fernen Canada stattfindet. Wer Skifahrern nicht gern beim Schießen zusieht, sollte daher parallel zu Arte wechseln, wo Sebastian Schippers Arthaus-Roadmovie Victoria mit der unscheinbar grandiosen Laia Costa als Titelfigur läuft, die mit dem Kleingauner Sonne (Frederick Lau) vom Ausbruchstraum ins Verderben rast.

Das droht der Zivilisation neben einer ganzen Batterie vergleichbarer Untergangszenarien auch durch Die große Zuckerlüge. In der neunzigminütigen Doku entlarvt Arte Mittwoch zur besten Sendezeit die Lebensmittelindustrie des vorsätzlichen, in seiner amoralischen Profitsucht geradezu verbrecherischen Betrugs am Kunden, der gezielt in Unkenntnis über die Gefahren des süßen Gifts in fast jedem Supermarktprodukt gehalten wird. Bei so viel Menschenverachtung der Nestlés oder Krafts, Müllers und Danones hilft nur Ablenkung mit den Wiederholungen der Woche.

Samstag zeigt ONE um 21.45 Volker Schlöndorffs elegante Frisch-Verfilmung Homo Faber von 1990 mit der damals noch blutjungen Julie Delpy als Muse des selbstkontrollierten Gefühlskrüppels Walter F. (Sam Shepard). Mittwoch zuvor (0.20, ARD) ist der damals frisch emeritierte Fußballstar Cantona in Ken Loachs leichter Sozialstudie Looking for Eric (2009) als Sozialarbeiter im Traum eines Losers zu sehen. Schwarzweiß aber zeitlos brilliert Spencer Tracy in Wer den Wind sät (Samstag, 20.15 Uhr, Arte) als Anwalt eines real existierenden Biologielehrers, der sich im berühmten „Affenprozess“ wegen der Evolutionstheorie im Unterricht gegen den Vorwurf der Blasphemie verteidigen muss. Und der Tatort-Tipp: Dienstag um 20.15 Uhr zeigt der BR Felix Eisners frühen Österreich-Einsatz Exitus – 2008 noch ohne Kollegin Bibi Fellner.


Maurice Summen: Die Türen & Twittern

Im Kern noch Rock’n’Roll

Als Die Türen Anfang des Jahrhunderts ein Label suchen, will keines die avantgardistische Popband aus Berlin verlegen. Also gründet Sänger Maurice Summen (Foto: Roland Owsnitzki) mit Gunther Osburg sein eigenes Label, nennt es staatsakt und wird zum Inbegriff kreativen Postpunks. Das – je nach Zählung – fünfte bis achte Album Exoterik bewegt sich nun mehr denn je fort vom Mainstream und macht ihn gerade deshalb auch für den Massengeschmack schiffbar. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Interview mit dem 44-jährigen Wahlberliner.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Maurice, ich habe Schorsch Kamerun und Ted Gaier gerade gefragt, ob es bei den Aufnahmen zum neuen, extrem missmutigen Album der Goldenen Zitronen eigentlich auch mal was zu lachen gibt.

Maurice Summen: Gute Frage, und?

Gibt es. Bei euch hingegen würde die Frage eher lauten, ob es im Studio der Türen eigentlich dauerndes Gelächter gibt.

(lacht tatsächlich) Manchmal schon, wieso?

Weil Exoterik mehr noch als die Alben zuvor klingt wie Krautrock gewordener Dadaismus, der sich scheinbar überhaupt nicht ernst nimmt.

Für mich ist dAdA eine ernstzunehmende literarische und künstlerische Bewegung, kein Karnevalsverein! Aber klar, manchmal ist Humor ein Mittel zum Überleben. Bei uns würde ich ihn aber gern durch den Begriff der Spielfreude ersetzen. Die entstehende künstlerische Freiheit hilft dabei, nicht nur andre zu überraschen, sondern immer wieder auch uns selber.

Diese Freiheit war schließlich der Gründungsimpuls deines Labels staatsakt.

Für die Türen gibt es kein Business-Modell, keinen Erfolgsdruck, kein Management im Nacken. Nach dem letzten Album Wir sind der Mann für fünf Jahren haben wir uns aber dennoch darauf geeinigt, beim nächsten Mal unbedingt an einen Ort außerhalb von Berlin zu fahren, um uns voll aufeinander zu fokussieren.

Disziplinierung durch Kasernierung.

Vor allem ohne vorgefertigte Kompositionen! Wir wollten die Platte unbedingt im Kollektiv entstehen lassen. Dafür ist so ein Genre wie das, was die Britten einst Krautrock nannten, perfekt; die Musik kann man nicht am Schreibtisch notieren, der muss als Gruppe im mäandernden Prozess entstehen. Einfach laufen lassen…

Ähneln die repetitiven Textfragmente deshalb eher Bassläufen als Refrains?

So hat es sich ergeben. Der Platz für mehr Text wäre ja da gewesen, aber wir hatten überhaupt kein Bedürfnis nach dem Narrativ klassischer Pop- oder Rocksongs. Eine Idee war es, den Raum der Musik nicht durch dauernde Vorträge des Sängers zu beschränken. Obwohl wir ja eine Gruppe von Songwritern sind.

Wenn der Raum dann aber nur noch durch Dreiklänge wie Miete, Strom, Gas gefüllt wird, gerät es doch arg kryptisch…

Zumindest in Ballungsräumen ist die gentrifizierte Lebenswirklichkeit mit diesen drei Worten doch ausreichend beschrieben.  Da finde ich mich im Cloud Rap wieder, wo in Künstler wie Yung Hurn zuletzt auch mit extrem wenig Text auskommen und doch sehr viel zu sagen haben. Die hohe Kunst des Weglassens! Trotzdem hat der fleißige Liedermacher mit seinen 83 Strophen natürlich nach wie vor die gleiche Existenzberechtigung wie wir.

War es denn eine bewusste Entscheidung, sprachlich so reduziert zu sein?

Schon, aber dann ist alles so aus mir heraus geflossen. Ich weiß zum Beispiel gar nicht mehr genau, was mit der Phrase „Bildungsbürgerliche Ideale“ gemeint ist, die ich in BBI Mantra-artig wiederhole; das kam einfach hoch und passt.

Klingt ein bisschen beliebig.

Würde ich nicht sagen. Alles was auf der Platte zu hören ist, wurde von allen Beteiligten noch redigiert, editiert, von Nonsens befreit und dabei von sieben auf zwei Stunden eingekocht. Das war schon ein ganzes Stück Arbeit!

Bewegt ihr euch dabei überhaupt noch strikt entlang der Harmonielehre oder landet ihr irgendwann auf dem Ultraschall-Festival, wo Musik nur noch am Rande wie Musik klingt?

Nein, nein. Wir arbeiten viel mit modularen Systemen, um die sich Andreas Spechtl, der diesmal keine Gitarre spielt, gekümmert hat, und interagieren dadurch viel mit Maschinen. Trotzdem sind Die Türen im Kern noch eine Rock’n’Roll-Band, die sich gerade nur nicht am Dreiminutendreißig-Song orientiert. Für uns sind Can genauso wichtig wie die Beatles! Aber wichtiger ist, dass es uns wie beim Jazz um eine Gruppendynamik ging, die im Alltag seltener wird; darum geht es ja auch in sozialen Medien. Aber gemeinsam mit guten Freunden einen Raum zu betreten, macht dann am Ende eben doch einen entscheidenden Unterschied… Aber zurück zu deiner Frage: Das Album ist am Ende für mich keine Avantgarde, sondern eine Pop-Platte!

Dafür wird sie zur Mitte hin ja auch viel zu rhythmisch, fast tanzbar.

Wir haben mit Chris Imler einen der tollsten Drummer des Landes! Er allein weiß eine Party zu bewegen! Was mich an der Gesellschaft grade generell stört, ist dieser Drang, immer nur pointiert und super zugespitzt zu kommunizieren und alles, was man im Kopf hat, sofort raus lassen zu müssen! Eine Kommentar- und Affektkultur! Schweigen ist überhaupt nicht angesagt!  In dieser affektiven Aufmerksamkeitsindustrie, die dank Clickbaiting und Streamingdiensten bald nur noch Songs von 1:40 Länge zulässt, muss man sich mal wieder den Raum zur undifferenzierten Fläche geben. Wie toll fand ich es früher, sich einfach mal ohne Ziel treiben zu lassen!

Als Produzent oder Konsument?

Beides! Man kann sich voll auf unser Album konzentrieren, darf aber nebenbei auch gern ein bisschen bei Twitter klugscheißen. Wir sind bewusst mehrdeutig und wenn wir „lass uns Rasenmähen“ singen auch gerne mal dadaistisch! „Lass uns Rasen mähen“ ist ja nicht gerade das religiöseste aller Mantren! Und um nochmal auf den Humor zurückzukommen: Er ist manchmal ein Bindeglied, das besonders deutschen Bands gut zu Gesicht steht. Wenn ich mich bei euch in Hamburg auf der Diskurs-Ebene umsehe, finden ich mich am ehesten bei Knarf Rellöm wieder, bei dem oft auch niemand weiß, wie ernst es ihm eigentlich ist: Fehler ist King!

Er würde es sich allerdings schwer verbitten, unpolitisch zu sein…

Garantiert, auch er jubelt einem das Politische eher mal unter.

Wenn du dir nach dem organischen Entstehungsprozess dieser Platte vorstellst, die nächste zu machen – ginge das überhaupt noch so strukturiert wie üblich im Songwriting?

Da bin ich mir ganz sicher! In zwei Monaten erscheint zum Beispiel Baked Beans von Ramin Bijan, Johannes von Weizsäcker und mir, eine astreine Kinderplatte, nur Songs Songs Songs. Das Gleiche gilt für meine Band Maurice & die Familie Summen. Wir arbeiten ja alle auf so vielen verschiedenen Baustellen, dass unser Herz für Songs wegen so einem Konzept-Album ja nicht verloren geht. Ganz im Gegenteil!  Ich kann mich ja auch privat gut und gerne stundenlang von Rappern zutexten lassen, muss dann allerdings auch irgendwann wieder was wie Jazz oder Noise hören, der mich auf textlicher Ebene in Ruhe lässt. Oder ein herzerwärmendes Soul-Stück. Pop ist gelebte Diversität!


Nicholas Ofczarek: Berserker & Hausmann

Kein Absturz nach Feierabend…

… sorry. In der sensationell abgründigen Sky-Serie Der Pass spielt Nicholas Ofczarek (Foto: Sky) derzeit wie so oft einen Berserker mit Grandezza und Drogenproblem. Dabei ist der Wiener Burgschauspieler privat das Gegenteil seiner exaltierten Filmfiguren. Ein Gespräch übers deutsch-österreichische Pendent der skandinavischen Serie Die Brücke, was sein zerrütteter Kommissar Winter mit ihm zu tun hat und wie eine Jugend im Umfeld der Oper prägt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Ofczarek, Kritiker neigen ebenso wie Journalisten dazu, Künstler nach ihrem Werk zu beurteilen.

Nicholas Ofczarek: Na nach was denn sonst, wenn man die Privatperson nicht kennt?!

Holt sich die Privatperson Ofczarek nach der Arbeit also auch erstmals Wodka aus dem Eisfach und lässt sich danach in einer verrauchten Kneipe am Tresen volllaufen?

Was glauben Sie?

Ich könnte es mir bei keinem Schauspieler eher vorstellen, dass sich seine Persönlichkeit so mit den Rollen deckt…

Toll! Denn ich führe ein ganz bürgerliches Leben, arbeite wahnsinnig viel, bin gerne daheim, also überhaupt kein großer Feierer und brauche daher auch nicht dauernd Menschen um mich herum. Nicht weil ich keine mögen würde, aber mir wird vieles schnell zu viel. Also kein Absturz nach Feierabend, sorry.

Wo holen Sie dann die Exzesse ihrer Braunschlag-Fieslinge und Bösen Friedrichs her?

Imagination und Handwerk. Man muss das Spielerische nicht leben, um es aus sich selbst zu schöpfen. Dafür reicht es, offen in die Welt zu schauen. Davon abgesehen, weiß ich natürlich, wie es ist, besoffen zu sein, hab aber nie Drogen genommen; nicht aus moralischer Überzeugung, sondern weil es dazu nie kam. Ich bin ein empathischer Mensch, der versucht, mit all seinen Mitmenschen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Umso interessanter ist es, einen narzisstischen Psychopathen wie den Friedrich im Tatort zu spielen oder jetzt den bitteren Gedeon Winter in Der Pass.

Suchen Schauspieler gezielt nach Seiten des Menschlichen, die ihnen fremd sind sind?

Durchaus. Und falls die Charaktere gut geschrieben sind, substituieren sie diese anderen Seiten manchmal sogar. Drehbücher sind ja auch nur materialisierte, in Sprache gebündelte Gedanken des Autors, die wir als Schauspieler im Idealfall zum Blühen bringen – sei’s am Theater oder im Film. Trotzdem sind es beinahe verschiedene Berufe, denn im Film darf man keinesfalls für die Leute spielen, die gerade mit im Raum sind, im Theater für niemanden sonst.

Ihre Eltern kommen gewissermaßen aus der Steigerung des Theaters – der Oper. Haben Sie ihre exaltierte Art zu spielen womöglich daher?

Genau genommen kamen die sogar von der leichten Operette – Lustige Witwe und Wiener Blut. Das ist nochmals eine völlig andere Welt, in der es fast nur schön ist. In diesem Umfeld aufzuwachsen, hatte seinen Reiz und mich sicher beeinflusst, aber wenn deine Eltern morgens um zwei in der Küche verzweifelt nach Tönen suchen, kannst du das nie ganz ernst nehmen. Außerdem bin ich nicht sonderlich musikalisch.

Dafür singen Sie in Der Pass aber ganz passabel…

Ja, in der Kneipe.

Und Sie haben auch schon mal eine Platte aufgenommen.

Na ja, schon, aber nein… Als ich mal den Kinofilm Am Ende des Tages gedreht habe, wollte der Regisseur als Titelmusik einen österreichischen Hit der Achtzigerjahre, Wunderwelt, und den haben wir Schauspieler noch mal aufgenommen. Das war eher Promotion als Überzeugung. Einmal hab ich an der Wiener Volksoper im Weißen Rössl mitgewirkt, aber mehr als die Lust an der Darstellung, wenngleich realerer Figuren, habe ich von meinen Eltern nicht mitgekriegt.

Gibt es in der österreichischen Polizei demnach zynische Eigenbrötler wie Gedeon Winter in Der Pass oder ist er eine Abstraktion?

Er ist zwar eine Fiktion, aber eigentlich gibt es doch eh alles, und falls es ihn vorher nicht gab, existiert er eben ab jetzt und wird somit Realität. Ich habe halt immer Lust darauf, Dinge ein wenig anzuschärfen. Daher die Gegenfrage: Ist es wichtig, dass es ihn gibt?

Ja, denn die Frage stellt sich besonders dann, wenn das Umfeld dieses fiktiven Charakters so realistisch inszeniert wird wie in Der Pass.

Der Reiz der Serie liegt doch generell in der Mischung aus Märchen und Wahrhaftigkeit. Alles darin ist möglich, selbst die mystische Darstellung der Natur, ihre Unerbittlichkeit voller Wölfe und Raben. Was am Winter allerdings definitiv real ist, sind seine engen Kontakte ins Rotlicht-Milieu. Das werden Sie aus Hamburg gewiss ebenso kennen wie wir in Wien.

Und sei es, um durch kleine Deals die großen Exzesse zu vermeiden.

Ganz genau. Man liebt sich, man schlägt sich. Genauso wie Ärzte im Krankenhaus haben halt auch Polizisten schwerste Probleme mit Drogen, weil beide dazu Zugang und permanent mit dem Grauen zu tun haben. Winters Exzesse sind daher absolut denkbar. Dass er sich entsprechend kleidet, mag zu exaltiert wirken, aber Entschuldigung: Sie sehen mit diesem Truckerbart auch nicht aus wie ein Journalist; wenn ich Sie mit dem Outfit spielen würde, man würde mir dieselben Fragen stellen wie Sie mir. Aber genau das macht die Sache ja spannend.

Zumal im Kontrast zu Julias Jentsch als Winters ehrgeiziger Kollegin.

Die bei aller Naivität noch wirklich was bewirken will. Dass beide sich im Verlaufe des Falls mit- und aneinander verändern, unterscheidet ihn am Ende von gewöhnlicher Fernsehunterhaltung.

Und erinnert ein wenig an die Piefke-Saga der Achtziger, in der sich die Protagonisten ähnlich skurril an deutsch-österreichischen Klischees abarbeiten.

Das stimmt, aber es steht und stand nicht im Vordergrund, dass der Wiener eher lässig ist und die Deutsche eher sittenstreng. Es geht eher um das Gegenüber von Visionen und Desillusionierung. Meine Figur entsprechend zu kleiden, in diesem alten Puff-Mantel mit Pelzbesatz – das war Gegenstand großer Diskussionen.

Die Sie mitführen?

Es war der Vorschlag des Wiener Kostümbildners, der der Regie too much war, worauf ich gesagt habe, wenn ihr mich fragt, ich finde, das Risiko muss man gehen. Lieber was wagen als den nächsten Parka anziehen.

Kannten Sie das Drehbuch eigentlich vor der Rolle?

Lustigerweise bekam ich vorm Buch ein Treatment mit Fotos, auf denen ich bereits in meiner Rolle zu sehen war. Die dachten wohl früh an mich. Und als ich dann gehört habe, dass Julia Jentsch mitspielt, war ich außer mir vor Freude.

Haben Sie dennoch einen Moment lang gedacht, solche leicht abgerockten Typen schon zu oft gespielt zu haben?

Barbesitzer, Schwerstalkoholiker, Rotlichttypen meinen Sie? Nicht, dass ich die dauernd spielen würde, aber das sind doch – zumal sie so weit von mir weg sind – die interessanteren Figuren. Menschen am Rand spiele ich schon gerne.

Aber ist es nicht noch interessanter, aus einer Beamtenseele Unterhaltung zu holen?

Nein, denn auch der exaltierten Figur muss man eine Seele geben, die nicht nur auf Exaltiertheit beruht. Beamtenseelen gegen den Strich, also mit mir, zu besetzen, sind gewiss größere Wagnisse und wie der klassische Held sehe ich nun mal nicht aus. Aber auch das wird noch passieren, keine Sorge.

Für den Helden fehlt Ihnen womöglich der Waschbrettbauch.

Aber wer bitte schön hat den denn? Waschbrettbäuche sind harte Arbeit. Dafür brauchst du Zeit und Disziplin. Für beides bin ich zu sehr Genussmensch.

Kennen Sie vor der Kamera so etwas wie Schamgefühl?

Na klar, auch ich bin nicht frei von Scham. Und das wurde mir hier wieder bewusst, als ich in der Kneipe lauthals Wolfgang Ambros singen musste. Aber wenn’s der Geschichte dient, also einen Mehrwert hat, moch i ois.

Der Text ist vorab auf DWDL erschienen

Staats- & Bildungsauftrag

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Januar

Als die ARD vorigen Donnerstag parallel zur Verkündung von Florian Silbereisen als neuer Traumschiff-Kapitän wie jedes Jahr um diese Zeit ihr fiktionales Angebot in Hamburg präsentierte, war endgültig klar: Den Kampf ums junge Publikum hat sie aufgegeben. Nicht, dass die Saison frei von Qualität wäre. Auch 2019 bietet das Erste soziokulturell relevante, dabei oft unterhaltsame oder auch nur leichtverdauliche Filme für reife, aber keinesfalls nur vergreiste Zuschauer an. Allein, es fehlt an zwei Zukunftsaspekten: Das Boom-Thema Serie bleibt komplett auf die Zielgruppe 60+ zugeschnitten. Und experimentelle Low- oder Mid-Budget-Projekte für die Generation Y bis Z werden allenfalls mal für Funk produziert, also das genuine Internet.

Wenn aber der Randgruppensport Handball zugleich achtstellige Quoten einfährt, damit das Doppelte des Dschungelcamps und mehr als der Rückrundenstart der Fußballbundesliga, kann man den Verantwortlichen schwer verdenken, weiterhin den Massengeschmack der Stammzuschauer zu bedienen. Das macht die lineare Konkurrenz schließlich nicht anders, sie macht es halt nur ohne Staatsver- oder Bildungsauftrag. Das merkt man dem privaten Programm allerdings oft ebenso an wie den Portalen. Die 8. Staffel der einstigen Sat1-Serie Pastewka zum Beispiel ist auf dem Streaming-Asyl von Amazon Prime abermals so vulgär vollgestopft mit Schleichwerbung, dass Folge 4, die fast vollständig in einem Elektromarkt spielt, nicht mehr ausgestrahlt werden darf.

Der zurückgekehrte Frauensender tm3 von Timo C. Storost zeigt auf der früheren Frequenz von Familiy TV dagegen so viel Content, ohne die Rechte daran zu besitzen, dass sich der Mediendienst DWDL fragt, warum es den Spartenkanal überhaupt noch gibt. Der DWDL-Konkurrent Meedia kriecht derweil dem Springer-Konzern beim Bericht über eine Bild-Veranstaltung in Rostock so tief in den Allerwertesten, dass man die heillos überdrehte Aufmerksamkeit sämtlicher Medien für das Schicksal eines verschütteten Jungen in Spanien fast schon für echte News halten könnte, statt das, was es ist: Pure Emotionalisierung.

Gibt’s denn auch was Positives aus der kommerziellen Welt des Fernsehens zu vermelden? Ja! HBO plant ein Prequel der Sopranos, die vor 20 Jahren nicht weniger als das neue Kino Fernsehserie revolutioniert haben. In der Hauptrolle als psychotischer Mafia-Boss: James Gandolfinis Sohn Michael. Zu sehen wäre das hierzulande dann vermutlich bei Sky.

Die Frischwoche

28. Januar – 3. Februar

Dessen Gegner Netflix präsentiert am kommenden Freitag gleich zwei bemerkenswerte Formate: Dan Gilroys Mystery-Horror-Thriller Die Kunst des toten Mannes, der voriges Jahr mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle auf dem Sundance-Festival für Furore gesorgt hatte. Und parallel dazu die Dramaserie Russian Doll, eine Art Und täglich grüßt das Murmeltier aus New Yorks schillernder Subkultur, in der ein russisches Model jede Nacht auf derselben Party stirbt, um tags drauf lebendig dort zu landen. Eine Art Küchenmurmeltier ist Tim Mälzer.

Seit er vor 15 Jahren den Fernsehkochboom losgetreten hat, war er immer wieder totgesagt, aber nicht totzukriegen. Heute kehrt er, zumindest hinter den Kulissen, zur Alltagsküche à la Schmeckt nicht, gibt’s nicht zurück und lässt vier Kollegen auf RTLplus werktäglich ab 17 Uhr essen & trinken. Für jeden Tag zubereiten. Wer’s mag… Wer drei Stunden später den ZDF-Beitrag zur Publikumsüberalterung mag, dem ist hingegen echt nicht mehr zu helfen. Der Zweiteiler Bier Royal, eine Art modernisiertes Erbe der Guldenburgs, will unbedingt den zynischen Glamour von Dietls Kir Royal auf eine Münchner Brauereidynastie anno 2019 übertragen, gerät dabei jedoch so platt und öde, dass Dallas vergleichsweise Shakespeare war.

Donnerstag ist übrigens Welt-Jodie-Whittaker-Tag. Die hinreißende Hauptdarstellerin der britischen Krimi-Sensation Broadchurch ist im Arte-Vierteiler Verrate mich nicht als Krankenschwester in falscher Existenz zu sehen und übernimmt parallel dazu als erste Frau den Titelpart der Serien-Legende Doctor Who auf Sky. Da dürften britische Populisten ähnlich laut aufheulen wie deutsche beim Anblick der farbigen Florence Kasumba als neue Tatort-Kollegin von Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm am Sonntag. Apropos Krimi: Kühn hat zu tun ist zwar eher ein Gesellschaftsporträt, aber ganz ohne Kommissar möchte die ARD mit dem tollen Thomas Loibl in der Hauptrolle offenbar selbst am Mittwoch nicht mehr unterhalten. Noch ein kurzer Doku-Tipp für Couch-Potatoes: Vox widmet dem Samstagabend mal wieder ein einziges Thema, diesmal: Planet der Dicken um das Übergewicht der Industrienationen.

Die Wiederholung der Woche reist in eine davon: Italien. Der WDR zeigt heute um 23.20 Uhr die bitterböse Realsatire Il Divo von 2008 über den siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, der insgesamt 33 Regierungen korrumpiert hat und den Vulgärpopulisten von heute somit zur Machtübernahme verhalf. Der Tatort: Im freien Fall spielt kurz zuvor (22 Uhr, RBB) dagegen im kultivierten Milieu der Münchner Kunstszene, wo Leitmayer und Batic 2001 noch mit sehr dunklem Haar ermitteln.


Júníus Meyvant, Special-K, Dendemann

Júníus Meyvant

Guðmundur Kristinn Jónsson, Hljóðriti, Unnar Gísli Sigurmundsson – wer im Kosmos des Northernsouthernsonstwoclassicsoul zuhause ist, der seinen Fetisch rarer Seveninches im weißen Cover pflegt wie Metalheads ihre Kutten, dürfte damit wenig anfangen. Noch! Denn ersterer ist ein isländischer Produzent, der im zweitgenannten Studio für letzteren ein Album aufgenommen hat, das die Nostalgie des Stils mit skandinavischer Verschrobenheit garniert und daher alle Aufmerksamkeit der Platzhirsche verdient. Vor zwei Jahren hatte der orgelsynthetisierte Orchesterpop von Sigurdmundssons Band Júníus Meyvant den Soul noch so aufgeblasen, dass er sein Plattendebüt Floating Harmonies auf maximal gewaltiger Weltbühne uraufführen durfte.

Als die Hamburger Elbphilharmonie noch jung und hip und cool war, flatterte sein kratziges Engelsfalsett durch den großen Saal, dass es die Zuschauer von den Sitzen risse. Auf dem neuen Album Across The Borders (Record Records) nun legt sich der feenhafte Vollbartgesang vom verblüffenden Popkulturstandort Reykjavik zwar nicht mehr über so unglaublich epische Arrangements wie noch 2016. Der eklektisch aufgepoppte Retro-Nu-Funk schafft es aber auch mit etwas weniger Grandezza, selbst Soul-Puristen zu überwältigen. Nicht schlecht für einen Fjordschrat von Westmännerinseln.

Júníus Meyvant – Accross The Boarders (Record Records)

Special-K

Und wo wir uns gerade auf Island befinden. Und wo wir gerade bei flatterhaft durchscheinenden Gesangsstimmen sind. Und wo es hier um zurückhaltenden Pop von autosuggestiver Strahlkraft geht: Neben all den irren, tollen, einzigartig verschrobenen Bands von der präpolaren Insel gibt es jetzt gleich die nächste, besser – ein Soloprojekt, vor dem man nach einer Weile der Gewöhnung instinktiv niederkniet und gar nicht mehr hochkommen will. Es heißt Special-K, und dass der Name ein wenig nach Cornflakes klingt, ist vielleicht ebenso wenig ein Zufall, wie der aktuelle Lebensmittelpunkt Berlin.

Dort nämlich lebt die isländische Künstlerin Katrín Helga Andrésdóttir seit ein paar Monaten, nachdem sie sich daheim bereits im feministischen Rap-Kollektiv Reykjavíkurdætur einen Namen gemacht hatte. Von dort aus hat sie allerdings nicht den HipHop, sondern einen zuckrig süßen, melodramatischen Dreampop mitgebracht, der einzig keyboardbegleitet im Ohr verweht wie entspanntes Atmen und sich dennoch im Gemüt verfängt, als hätte er Widerhaken. Dabei hilft es ungemein, das Special-K ihr Debütalbum I Thought I’d Be More Famous By Now vollumfänglich visualisiert und als Video-Sammlung erstellt hat. Musik zum Fühlen, Gucken, Wirkenlassen.

Special-K – I Thought I’d Be More Famous By Now (Teto Records)

Hype der Woche

Dendemann

Nicht elfenhaft, sondern raubeinig, nicht aus Island, sondern Hamburg, kein Feen-, sondern Sprechgesang – Willkommen zurück im  Plattenbau, hochverehrter Dendemann; was haben wir dich vermisst. Mit seinem ersten Solo-Album seit beun Jahren, das dem besten Titel aller Zeiten von Fettes Brot (Außen Top-Hits, innen Geschmack) ein hinreißendes Vom Vintage verweht vor den Latz geknallt hatte, tritt der nette Daniel Ebel mit da nich für! (Universal) wieder ins Rampenlicht, das er nach dem Abgang aus Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale verlassen hatte, und nein – sein Kratzbürstenrap liegt musikalisch betrachtet noch immer nicht im oberen Drittel der Niveauskala. Aber seine Reime, dieses Gefühl für Punchlines, ach, das ganze grandiose Konstrukt: auch ohne Eins, Zwo ist und bleibt Dendemann mit Mitte 40 der Toppoet unter den Poppoeten!


Skadi Loist: Filmvorurteile & Diversität

Wir brauchen einen Kulturwandel

Die renommierte Medienwissenschaftlerin Skadi Loist forscht seit 20 Jahren über Ungleichbehandlung in Film und Fernsehen. An der Film-Universität Babelsberg hat die Gastprofessorin kürzlich nun eine Workshop-Reihe eröffnet, in der sie mit Sendern, Produzenten und Kreativen Stereotype aufdecken und bekämpfen will. Ein Gespräch über vernetzte Männer, riskante Frauen, erfolgreiche Diversität und die rechtspopulistische Reaktion.

Von Jan Freitag

Frau Dr. Loist, beim Pilotprojekt Beyond Stereotypes: Genderbewusstes Erzählen der Film-Uni Babelsberg geht es um neue, diverse Figuren und Narrative – welche sind damit gemeint?

Skadi Loist: Wie der Name des Workshops schon sagt, geht es zunächst darum, Stereotypen jeder Art sichtbar zu machen, ob zum Beispiel weibliche Hauptfiguren in Film und Fernsehen als zickig, emotional, teilzeitbeschäftigt oder mütterlich gezeichnet werden. Erst gestern gab es im Tatort eine, die lesbisch war und wie üblich die Mörderin.

Immerhin mal eine lesbische Figur.

Und immerhin mal nicht die Leiche, wie bei Facebook geschrieben wird. Da beispielsweise Homosexualität in der Fiktion immer noch als etwas Besonderes beschrieben wird, ist unser Hauptziel, Stereotype ausfindig zu machen, die mit der Lebensrealität 2019 nichts mehr zu tun haben.

Bezieht sich der Diversitätsbegriff demnach auf die LGBTQ-Gemeinde nicht heterosexueller Lebensentwürfe?

Nein, das ist nur ein Aspekt unter vielen, die der Komplexität unserer Gesellschaft nicht mehr gerecht werden. Aber ein Fokus liegt natürlich auf der Geschlechterfrage. Wie die größte repräsentative Erhebung über Ungleichbehandlung in Film und Fernsehen der MaLisa Stiftung…

Von Maria und Elisabeth Furtwängler, mit der Ihre Universität und das Erich Pommer Institut den Workshop ausrichtet.

Ihrzufolge kommen in den Medien viel weniger Frauen vor als Männer – und zwar nicht nur fiktional, sondern mehr noch im Informations- und Showsegment. So verheerend die Zahlen aus Diversitätssicht sind, haben sie gezeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Inhalten und Erzählweisen auf Bildschirm und Leinwand. Wenn mehr Frauen in Regie, Produktion, Buch verantwortlich sind, sind auch mehr und komplexere Frauenfiguren zu sehen.

Trotz andauernder Thematisierung dieser Ungleichbehandlung durch Initiativen wie ProQuote Film zeigt sich keinerlei Besserung. Woran liegt das?

Auf zwei Worte herunter gebrochen: unconscious bias, also ungewollte, unterschwellige Vorurteile. Die meisten Film-Gewerke sind ja von vorneherein gegendert gedacht. Während im Bereich Make-up und Kostüm zu 90 Prozent Frauen arbeiten, ist das Verhältnis bei Kamera und Ton umgekehrt. Das hat mit Geschlechterzuschreibungen zu tun. So werden Frauen in der Branche immer noch als Risiko gesehen und vermutet, dass sie nicht alles fürs Projekt geben, weil sie sich nebenbei ja noch um Haushalt und Kinder kümmern müssten. Einem Regisseur würde das niemand absprechen, egal ob er Vater ist oder Familie hat.

Aber entscheiden darüber am Ende nicht weiterhin Männer, die unter ihre Führungsetagen bewusst gläserne Decken einrichten?

Sicher, diese gewachsenen Strukturen und Netzwerke existieren. Und weil viele Entscheidungen darin zugunsten all jener gehen, die den Verantwortlichen ähneln, existiert das Ungleichgewicht fort. Das heißt allerdings nicht, dass diese Vorurteile nur von Männern gepflegt werden. Deshalb ist es nicht mit Quoten getan. Wir brauchen einen echten Kulturwandel, der sich nicht als Kampf gegen Männer versteht, sondern für Fairness und Gerechtigkeit. Da müssen wir uns etwa fragen, warum sich 50 Prozent hochqualifizierte Absolventinnen der Filmhochschulen später nicht annähernd auf den Führungsebenen der Branche wiederfinden.

Und Ihr Lösungsansatz?

Wir müssen den Menschen klarmachen, wie viel kreatives Potenzial durch dieses System verloren geht, wie viel Mehrwert. Und weil es in unserem Workshop ums Erzählen geht: wie viel reicher wären Geschichten, wenn sie nicht nur von und aus Sicht von Männern erzählt würden. Diese Mutlosigkeit der Branche, alte Strukturen zu zerschlagen, müssen wir angehen.

Aber wie soll das gelingen, wenn die Branche nicht mal den Mut aufbringt, mehr Geschichten ohne Mord und Totschlag, also kriminalistischen Kern zu erzählen?

Unser Grundansatz ist erstens, möglichst viele Partner ins Boot dieser Debatte zu holen. Deshalb sind mit der FFA und dem Österreichischen Filminstitut Filmförderer und mit ARD Degeto, ZDF, UFA und Sky ebenso Sender und Produktionshäuser dabei. Andererseits ist uns wichtig, die Handelnden der Arbeitsprozesse dabeizuhaben, also Kreative und Gewerke, aber auch Redakteur*innen. Der Dialog ist ein Anfang, aber wir wollen, dass er von Dauer ist.

Erwachsen aus diesem Dialog bereits konkrete Forderungen?

Wir sind keine Gruppe von Aktivisten und Aktivistinnen, sondern praxisbezogene Diskussionsplattform, und streben daher auch kein Manifest oder ähnliches an, sondern eine Auseinandersetzung mit unserer praktischen Arbeit, quantitativ und qualitativ, vor allem inhaltlich.

Aber wäre es bei aller Selbstverpflichtung nicht zielführender, den rechtlichen Rahmen mit zu verbessern, etwa durch Änderungen am Rundfunkstaatsvertrag?

Unser Workshop setzt auf anderer Ebene an. Wir wollen ihn in anderen Städten mit anderen Filmhochschulen und anderen Gewerken fortsetzen. Kamera ist bislang noch gar nicht dabei oder das Casting. Daran müssen wir arbeiten; mit einem ersten Workshop für 18 Leute ist es da noch lange nicht getan. Bis dahin ist es allerdings unser Ziel, inhaltlich zu diskutieren, aber auch zu schauen, wo es bereits positive Veränderungen und gute Beispiele gibt.

Was wäre das denn, gibt es positive Veränderungen?

(überlegt lange) Schon, aber es ist schwierig, da einzelne rauszuziehen.

Uns fiele da die Lindenstraße ein, der Diversität bei aller dramaturgischen Schwäche von Beginn an ein sichtbares Herzensanliegen ist.

Die Lindenstraße hat über viele, viele Jahre verlässlich eine Vorreiterrolle eingenommen, nur: 2020 ist mit der Serie bekanntlich Schluss. Wen wir beim Pilotprojekt dabeihaben, ist zum Beispiel Dr. Lisa Blumenberg. Als Ideengeberin und Produzentin der ZDF-Serie Bad Banks hat sie voriges Jahr bewiesen, dass man herausragendes Fernsehen mit drei Frauen in tragenden und untypischen Rollen produzieren kann.

Die allesamt permanent den Bechdel-Test bestehen, weil sie selbst untereinander nicht bloß über Männer reden.

Sondern über Wirtschaft und Politik, ganz genau. Wobei die Geschichte fast ebenso starke Männerfiguren hat; es dreht sich nur endlich mal nicht alles nur um sie. Und Diversität wird darin auch nicht nur am Geschlecht festgemacht, sondern an der Herkunft – mit einer deutsch-asiatischen Bankerin, ihrem arabisch anmutenden Kollegen und einem körperlich behinderten Steuerfahnder. Da ist wirklich mal alles sehr durchdacht dabei.

Könnten die Trippelschritte hin zur Diversität in absehbarer Zeit dazu führen, dass ein Transmensch, um dessen Gender Null Aufhebens gemacht wird, im Tatort ermittelt?

Da bin ich jetzt ein bisschen skeptisch. Ich fürchte, das ist zwei Schritte zu weit gedacht.

Wird ihr Workshop dahingehend etwas bewirken?

Klar! Sonst würden wir ihn ja nicht machen. Wir sagen ja nicht akademisch von oben, wie es gemacht wird, sondern laden zur Diskussion mit allen ein und machen Angebote zur Unterstützung. Was mich da besonders zuversichtlich macht: wir kämpfen nicht mehr gegen Windmühlen! Besonders auf der Ebene des Kinderfernsehens, wo die Geschlechterverteilung bislang noch viel schrecklicher war als im Gesamtangebot, tut sich was. Der KiKa-Redakteur Benjamin Manns wird uns drei neue, fortschrittliche Produktionen vorstellen. Es geht also alles noch relativ langsam, aber in die richtige Richtung.

Droht diese Richtung durch den Erfolg emanzipationsfeindlicher Rechtspopulisten nicht gerade wieder umgedreht zu werden?

Wer sich die Situation der Türkei, Ungarn oder den USA anguckt, muss gewiss erkennen, wie schnell sich der Wind drehen kann. Hierzulande allerdings befinden wir uns noch oder bereits an einem Punkt, hinter den man nicht so leicht zurückfallen kann – wenn wir uns gemeinsam offen davorstellen.

Sind die Feinde von Emanzipation und Chancengleichheit demnach auch Ansporn zur vertieften Zusammenarbeit?

Nein, da brauchen wir keinen Ansporn. Ich arbeite seit 20 Jahren in diese Richtung und befinde mich trotz aller rechtspopulistischen Erfolge zusehends in einem Umfeld, das sie auch unterstützt. Wir sollten uns keinesfalls einschüchtern lassen.