Sharik Khan & Viktor Marek, Pippa, Metallica

Khan & Marek

Mitte der Neunziger, Berlin hieß noch Bonn, durchwummerte ein Sound die Metropolen, der sich Oriental Dub nannte und es schaffte, exotisch zu klingen, ohne kolonialistisch zu sein. Zeitgenössischer Techno wurde darin so elegant mit dem Sound des Nahen und Fernen Ostens verwoben, dass die Hinterhof-Raves nur so schunkelten. Wenn man dem elektrophilen Grenzgänger Viktor Marek 25 Jahre später dabei zuhört, wie er die suprakulturelle Melange mit dem pakistanischen Sitar-Star Ashraf Sharif Khan verfeinert, wird diese Zeit wunderbar präsent.

Zehn Jahre lang hat der Hamburger Nischenkünstler und Mitbetreiber des Golden Pudel Club angeblich mit seinem Kollegen aus Lahore am Duo-Debüt Sufi Dub Brothers gearbeitet. Das Ergebnis ist eine Tanzmusik, der man die interkontinentale Brückenbildung zwar anhört. Die interkontinentale Soundsprache steht jedoch stets im Schatten einer Eigendynamik, die sich von jeder kulturellen Aneignung emanzipiert. Dass Khans pulsierende Sitar ein asiatisches Element ist, geht in den technoiden Vives von Marek so unter, als kämen beide ursprünglich von dort, wo sie vereinigt wurden. Einem kleinen Studio in Hamburg.

Ashraf Sharif Khan & Viktor Marek – Sufi Dub Brothers (Fun In The Church)

Pippa

Alles egal. Wer so etwas singt, könnte als prinzipienlose Nihilistin gelten. Und wenn ihr dann auch noch alles mit einer derart sedierten Stimme egal ist wie bei Pippa, verbirgt sich dahinter womöglich die Überzeugung der Generation Eurodance, im Grunde zählt nur der Moment und selbst das nur, wenn die Pillen wirken. Alles falsch! Denn die sehr junge, sehr hippe, sehr lässige Wienerin mag auf ihrer zweiten Platte zwar käsig nölen, “wer du bist, was du denkst, wo du stehst, das ist alles egal” – dahinter verbirgt sich ein musikalischer Geist von kolossaler Anteilnahme.

Auf Idiotenparadies versteckts sie die halt nur unterm musikalischen Mix des anything goes, in dem nicht nur das Vokabular scheinbar ziellos durchs Überall irrt. Mal mit radebrechenem Neunziger-HipHop versetzt, mal mit elektronischem Lala-Pop der Nuller, mal pianobetupft klassisch, mal zappelig technoid, pflegt Pippa zwar oberflächlich den Gestus der Prokrastination. In der Tiefe ihrer Kompositoinen aber glitzert purer Enthusiasmus – auch wenn er gelangweilt wirkt. “Läuft / ich pack mein Leben nicht / aber I love it / alles random hier”.

Pippa – Idiotenparadies (LasVegas Records)

Hype der Woche

Metallica

Wenn irgendwas im Pop hingegen nicht random ist, dann der Erfolg des Heavy Metal. Breiter Schritt, dickes Brett, orchestrales Pathos, heiliger Ernst – damit haben es auch Metallica zum Perpetuum Mobile ihrer Selbstreplikation gebracht. Seit gefühlt 500 Jahren macht die dänisch-amerikanische Zackengitarrenband, was sie mit mehr oder weniger langem Haar schon immer verlässlich auf Top-1-Kurs macht. Das dürfte also auch S&M2 (Blackened Recordings) widerfahren, mit dem James Hetfied und Lars Ulrich als Koproduzenten die Klassik-Version ihrer Hits mit dem 80-köpfigen San Francisco Symphony von 1999 fortsetzen. Dem Gesamtwerk fügen sie damit zwar nichts Neues hinzu, aber auch das knattert durchs Gehirn wie der zugehörige Konzertfilm von Regisseur Joe Hutching, der demnächst weltweit in 3.700 Kinos läuft. Für Fans unerlässlich, für alle andern, tja, irgendwie auch.


Racial Profiling & Save Me Too

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. August

Racial Profiling? Gibt’s nicht! Und Horst Seehofer weiß auch warum: Weil es verboten ist. Gegenteiliges zu behaupten wäre daher eine Verunglimpfung, schlimmer noch: Beleidigung, in jedem Fall aber Pauschalverurteilung der deutschen Polizei, die in 1000 Jahren bekanntlich noch nie gegen irgendein Gesetz verstoßen hat. Dass ein uniformierter Scharfschütze in einer Satire des funk-Moderators Aurel Mertz jemanden mit dunkler Haut nur deshalb erschießt, weil er sein Fahrrad aus Sicht zweier Kollegen womöglich nicht aufschließt, sondern -bricht, gilt in konservativen Machtzirkeln daher als ausgeschlossen.

Umso entrüsteter twitterte ein gewisser Sven Schulze, das Video, „finanziert mit Gebührengeldern von #ARD& #ZDF“, sei ein „Schlag ins Gesicht aller Polizisten“. Sachsen-Anhalts CDU-Generalsekretär kündigte an, sein Landesverband werde die anstehende Beitragserhöhung deshalb „verhindern“. Schwer zu sagen, ob Schulze und einige Unionsmitglieder, die ihm flugs zustimmten, bewusst war, dass dies einen Bruch des Rundfunkstaatsvertrags darstellt. Der nämlich verbietet, dass die Länder ihr Plazet an Senderinhalte koppeln. Tatsache ist allerdings, dass sein Tweet Brennstoff pressefreiheitsfeindlicher Tendenzen ist.

Zumal #ARD& und #ZDF auch nicht alles richtig gemacht haben, um ihnen den Sauerstoff zu entziehen. Zu Beginn der Corona-Pandemie etwa, das ergab eine Studie der Uni Passau, wurde die öffentliche-rechtliche Berichterstattung in fast 100 Sondersendungen so massiv auf Covid-19 zugespitzt, bis ein kollektiver „Tunnelblick“ aufs Infektionsgeschehen herrschte. Medial betrachtet hatte der anschließende Lockdown aber noch andere Auswirkungen, die sich gerade im Fernsehprogramm äußern – und damit ist gar nicht mal die aktuelle Maskendebatte gemeint, der RTL durch seine Weigerung, in der neuen Show I Can See Your Voice Abstandsregeln einzuhalten.

Die Frischwoche

24. – 30. August

Die Produktionsflaute vom ersten Halbjahr schlägt nämlich gerade so durch, dass die ARD im zweiten Halbjahr weder am feuilletonistisch wichtigen Film-Mittwoch noch am geriatrisch wichtigen Degeto-Freitag Erstausstrahlungen zeigt. Selbst Streamingdienste wirken ein wenig ausgedünnt, weshalb die Fortsetzung der fabelhaften Krimi-Serie Save Me mit Lennie James am Donnerstag auf Sky einer der wenigen Highlights dieser Woche ist.

Ein Grund mehr sich der Politik zu widmen: Rund sechs Wochen nach dem unsäglichen Interview des RBB mit dem AfD-Nazi Andreas Kalbitz, wagt sich der MDR am Dienstag an ein Interview mit dem AfD-Nazi Björn Höcke. Gut fünf Monate nach dem Ausbruch der Pandemie zum Beispiel arbeitet die ARD heute um 22.45 Uhr den Zug der Seuche um die Welt auf. Fünf Jahre nach Angela Merkels legendärem Satz Wir schaffen das, begibt sich Jochen Breyer am Mittwoch um 22.50 Uhr im Zweiten an den Puls Deutschlands.

Und 19 Jahre nach ihrem Debüt als Kommissarin Lucas, wird am Samstag sogar die dienstälteste ZDF-Polizistin Ulrike Kriener nicht nur ein bisschen feministisch, sondern zeigt mit einem Twist ins Tönnies-Thema Fremdarbeiterausbeutung präpandemischen Weitblick. Apropos TWIST: so heißt auch das neue Kulturmagazin, mit dem Arte ab Sonntag um 16.20 Uhr Kreative aus ganz Europa auf ihrem Weg durch die Krise begleitet. Und damit wären wir auch schon bei den Wiederholungen der Woche.

Diesmal das einflussreiche Meisterwerk Papillon (Freitag. 22.25 Uhr, 3sat) von 1973 mit Steve McQueen und Dustin Hofman als Häftlinge eines mörderischen Gefängnissystems. Und ausnahmsweise mal zwei Tatorte: morgen um 22.15 Uhr zeigt der WDR das Berliner Debüt von Dominic Raacke und Boris Aljinovic anno 2001, Freitag widerfährt Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär im Ersten das Gleiche mit ihrem Auftaktfall Willkommen in Köln von 1997.


Dummnoranz & Biohackers

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. August

Ob es nun Dummheit ist oder Ignoranz, an der die Demokratie und deren Zivilisation zugrunde gehen, ist sozialwissenschaftlich ungeklärt. Doch wie Dieter Nuhr und Lisa Eckart Intelligenz und Bildung gerade auf dem Altar populistischer Clickbaits opfern und das als Kunstfreiheit verhökern, schafft sich das Kabarett eine Mischform, nennen wir sie Dummnoranz. Denn während ersterer die Krise seines welken Geschlechts mit Angriffen auf alles beantwortet, was ihm von Greta über Corona bis MeToo in den misogynen Testosteronspeicher funkt, zeigt letztere mit klischeehaftem Pipikacka-Humor, dass Frauen die schlimmeren Männer sein können.

Umso vehementer fordern empathiebegabtere Kollegen wie Shahak Shapira, als Satire getarnte Menschenverachtung zu ertragen, statt die geschichtsbewährte Spezialität deutschen Ordnungssinns – Cancel-Culture – zu betreiben. In der Süddeutschen macht Jens-Christian Rabe daher den klugen Vorschlag, Thomas Bauers diskursfreundliche „Ambiguitätstoleranz“ auch mal in arschlochkritische „Eindeutigkeitsintoleranz“ zu verwandeln. Was Konservative als linke Cancel Culture brandmarken, sei auch aus Sicht der Komikerin Sophie Passmann schließlich oft nur der „freundliche Hinweis, dass es anständig wäre, aus Menschen nicht ständig Pointen zu machen und den Gratismut, den es dazu braucht, dann nicht auch noch zur Selbsterhöhung als Grenzgang zu bezeichnen“. Leider ist der Gratismut überaus erfolgreich.

Dank ihrer geldwerten Dauerattacke auf (Mainstream-)Medien und Wissenschaft, gehen die Zugriffe der gegenseitigen Erregungsbeschleuniger Nuhr/Eckart von Twitter bis Facebook durch die Decke – und helfen mit, dass Mark Zuckerbergs Netzwerke sieben Milliarden User haben, rein rechnerisch also bald jeder Mensch von seiner digitalen Meinungsmacht indoktriniert werden kann. Dass der erste TikTok-Chef Deutschlands Tobias Henning von Springer zur chinesischen Datenkrake wechselt, ist da auch eher keine so gute Nachricht.

Die Frischwoche

17. – 23. August

Ob es eine gute News ist, dass Donnerstag mit Pia Stutzenstein nach 24 Jahren Cobra 11 erstmals eine Frau am – besser: neben dem Steuer explodierender RTL-Limousinen sitzt, wird man entscheiden, wenn Testosteronserien wie diese geholfen haben, die Welt in den Abgrund zu rasen. Menschen mit nachhaltigem, aber massenbewährtem Fernsehgeschmack werden schon diesen Montag bei UniversalTV/Sky mit dem Medical Drama Nurses versorgt, in dem fünf junge Krankenpfleger*innen Tod und Teufel einer kanadischen Notaufnahme durchleben.

Ebenfalls konventionell, aber sehenswert ist die heutige Sky-Serie Lovecraft Country über den kollektiven Rassismus der USA in den Fünfzigerjahren oder parallel dazu das achtteilige Biopic Arde Madrid um die junge Ava Gardner auf RTL Passion. Gleiches gilt Donnerstag für die realdystopische Magenta-Serie DEVS um Machenschaften eines Tech-Konzerns. Tags drauf stellt der Starzplay-Sechsteiler White House Farm Murders einen Fünffachmord im England der Achtziger nach, derweil A Very English Scandal am Samstag alle drei Folgen am Stück auf Tele 5 einen real existierenden Mordfall von 1979 mit Hugh Grant als tatverdächtigem Politiker nachstellt und Netflix zwischendurch die Thriller-Serie Biohackers mit Jessica Schwarz als sinistre Forscherin aus dem Giftschrank holt, wo sie im Frühjahr wegen der Corona-Pandemie gelandet war.

Nur dem Titel nach wissenschaftlich klingt die Coming-of-Age-Erzählung Chemical Hearts mit Lili Reinhart und Austin Abrams in sehr, sehr seltsamer Liebe, Freitag bei Prime. Und während die ARD am Sonntag erneut erfolgreich mit quotenstark verwechselt und einen Wunsch-Tatort aus der Kiste holt, ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche Rosen für den Staatsanwalt von 1959 (Montag, 20.15 Uhr, Arte) in jeder Hinsicht so sehenswert wie Der Gendarm von Saint-Tropez (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro), mit dem Louis de Funès 1964 seinen Durchbruch feierte.


Elis Noa, Go Go Gazelle, Whitney

Elis Noa

Wenn der Opener eines Debütalbums beginnt wie eine vertonte Kunstinstallation auf der Documenta X., wenn Satzfragamente der Art von “How does it feel to be afraid” – Fiepdiedeldiziep – “to be my muse” darin Kreissägengeräusche durchbrechen, wenn ein Opener, der ja zum Verweilen einladen soll, so eklatant mit Hörgewohnheiten bricht wie die Wiener Band Elis Noa auf What Do You Desire?, dann erwartet man alles Mögliche, aber nicht den feinporigen Electropop, der sich die nächsten zehn Stücke ins Ohr ergießt wie ein Strom warmen Glücks.

Was wir begehren, fragt die verstörend schöne Keyboarderin Elisa Godino da mit oktavensprengender Kellerbarstimme zu Aaron Haders Synths, und wer sich seit Jahren schon über die Profanisierung des Charaktergenres R’n’B aufregt wie dieser Blog, antwortet da nach dem langsamen Erwachen aus diesem Tagtraum: genau so, wie diese eleganten Bigbeat-Minimalismen, oberflächig eingekremt, tiefgründig zerkratzt, ein irrsierend schönes Halbschattenensemble aus Harmonie und Dissonanz, so erhaben wie seit Jahren schon kein Album mehr aus dieser Ecke des Pop.

Elis Noa – What Do You Desire? (LasVegas Records)

Go Go Gazelle

Weil Harmonie und Dissonanz auch in weit weniger elganten Ecken populärer Musik prima miteinander klarkommen können, machen wir an dieser Stelle einen Schwenk in die Mainstreamversion dessen, was viel zu oft als Punk missdeutet wird. Die Augsburger Rockband Go Go Gazelle hat nach zwei EPs eine LP aus dem Studio geprügelt, die in ihrer eins-zwei-drei-vier-Abfahrt-Dynamik zwar nichts mit der nihilistischen Schule anno 1977 zu tun hat. Aber die unbedingte Bereitschaft des Trios zur Selbstüberholung mit Stil, macht halt einfach echt Spaß.

 

Gut, Refrains wie “Immer wenn es regnet / muss ich einen trinken” sind subtil wie geschrubbte D-Dur-Riffs, aber egal – wenn Ska-Gewitter hier mit voller Wucht auf Alternativefolk treffen und Captain Planet auf Knorkator, wenn in den diffizileren Momenten Turbostaat durch die Uptempo-Stücke blinzeln und auch in den Mitgrölpassagen ein fröhlicher Drang, niemandem gefallen zu wollen, wünscht man sich das Ende der Konzertsperre nur umso sehnlicher herbei. Flaschenpost an Morgen: Go Go Gazelle wären da der perfekte Festivalopener auf Bühne 4.

Go Go Gazelle – Falschenpost an Morgen (Gute Laune Entertainment)

Whitney

Über die begnadeten Westküstenrocker Whitney sollte man hier eigentlich gar nichts mehr sagen müssen außer: Kaufen, Hören, Glücklichsein. Dummerweise ist selbst ein so einschmeichelnder, butterbeschmierter Wohlfühlsound wie der des Minaturorchesters aus Chicago noch immer so nischenhaft, dass es nicht mal einen Eintrag bei der deutschen Wikipedia hat. Andererseits: Behalten anspruchsvollere Fans vom Mainstream dieses Juwel halt für sich und der Rest hört halt Passenger.

Dabei klingt das dritte Album der Band um Gittarist Max Kakacek und den singenden Drummer Julien Ehrlich – Hand aufs Herz – nur in Nuancen anders als die beiden Vorgänger. Mittelwestliche Slideguitars treffen da auf unbedingt lebensbejahenden Falsettgesang und saftige Sixties-Surf-Klaviaturen, dass die Beach Boys glücklich über die Düne blinzeln. Aber in seiner ultraharmonischen Arglosigkeit ist Candid halt schon deshalb was Besonderes, weil darauf zehn Evergreens wie Country Roads oder Strange Overtones gecovert werden. Ach ja – und liebe SZ: das Cover ist richtig grandios!

Whitney – Candid (Secretly Canadian)


Dokumentarfilme: Nacht & Nebel

Im Fernsehmeer des Firlefanz

Wer das Programm früherer Tage betrachtet, findet darin nicht nur deutlich mehr, sondern auch weitaus komplexere, leisere, bessere Dokumentationen zur allerbessten Sendezeit. Ein Hilferuf gegen die Banalisierung des Dokumentarischen – mithilfe seiner fortschreitenden Fiktionalisierung.

Von Jan Freitag

Wer Volker Herres von der ARD zuhört, könnte meinen, er sei gar keinem Staatsvertrag verpflichtet, sondern nur den Sehgewohnheiten des Publikums. Die könne man zwar „ein Stück weit prägen“, sagte der Programmdirektor mal zur Kritik am nächtlichen Asyl dokumentarischer Formate, „aber niemanden überlisten, geschweige denn nötigen“. Und weil Fernsehen „in hohem Maße daraus“ bestehe, was die Zuschauer davon erwarten, müsse sich auch seine Planung daran orientieren. Herres‘ Tipp an Sachfilmer, die solcherlei Liebedienerei monieren: „Schuster bleib bei deinen Leisten.“

Klingt forsch, klingt resolut, klingt auch ein wenig arrogant. Wonach es indes weniger klingt, ist realitätsfremd – zumindest, wenn man das Jahr 2020 zugrunde legt, in dem sein gereiftes, Spötter korrigieren: greises Kernpublikum Krimis, Krimis, Krimis und abseits des omnipräsenten Live-Sports noch Heimatfilme plus Volksmusik goutieren. Reist man jedoch zurück in jenes monopolistische Zeitalter, als ARD und ZDF das TV-Programm der Gegenwart kalibrierten, waren die Sehgewohnheiten noch andere als, sagen wir: vorigen Freitag zur besten Sendezeit.

Im Ersten lief da der ortsübliche Alpenkitsch vom Schnulzenhof Degeto, bevor nach den Tagesthemen ein uralter Tatort folgt. Das Zweite öffnet derweil Konserven von Fall für zwei und SOKO Leipzig, weshalb hinter heute-journal und True Crime à la Aufgeklärt erst um 23.15 Uhr Zeit fürs Kulturjournal Aspekte blieb. Und die Dritten? Verfüllten ihre Primetime wie immer mit Standort-PR von Expedition in die Heimat bis 50 Gründe, Südtirol zu lieben. Magazine, Reportagen, Dokus vor zehn? Fehlanzeige! Und übers parallele Angebot der Privatsender hüllen wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens. Ganz anders dagegen ein Freitag, vier Jahrzehnte zuvor.

Als Pro7, Youtube, Netflix allenfalls Illusionen marktradikaler Strategen im erstarrten TV-Betrieb waren, zeigte das Erste um 20.15 Uhr das Dokumentarspiel Manzanar über die Internierung amerikanischer GIs in Pearl Harbour, gefolgt von Plusminus und den Tagesthemen. Das ZDF sendete nach Der Alte ein geistreiches Porträt des Komikers Jerry Lewis, aber stolze 55 Minuten früher als heute Aspekte. Und die Dritten? Adelten ihre Primetime mit Sachfilmen über den NATO-General Gerd Schmückle und ein Schulprojekt in Nizza.

Gewiss, es war die Epoche dreier Kanäle. Den Feierabend diktierte die „Hörzu“ und Rosamunde Pilcher wirkte noch fast so fern wie Stefan Raab, LED-Wände oder Game of Thrones. Trotzdem waren die Zuschauer vorm dualen System, das sie bald darauf lückenlos mit Rot- und Blaulicht versorgte, keineswegs anspruchsvoller, belesener, gar intelligenter als jene von heute, denen Programgestalter wie Volker Herres vorm Anbruch der Müdigkeit fast vollumfänglich leichte Kost meist mit, selten oder Mörder vorsetzt; sie besaßen nur – Obacht – andere Sehgewohnheiten. Fritz Wolf würde womöglich sagen: bessere.

Voriges Jahr hatte der Medienjournalist im Auftrag des Branchenverbandes AG Dok eine Studie zur Lage des Sachfilms am Bildschirm veröffentlicht und beim Deutschlandfunk grollend untermauert. Ganze sieben Prozent der untersuchten Formate, so Wolf, „behandeln gesellschaftspolitisch relevante Themen“, nur drei von 100 nähmen Bezug auf „Wissenschaft und Technik“. Falls sich der Kernbestand informationeller Grundversorgung doch mal ins öffentlich-rechtliche Abendprogramm verirrt, dann bei Nischenkanälen von 3sat bis Arte oder im engen Korsett normierter Reihen wie „Menschen hautnah“ und 37°, wo die goldene Regel form follows function durch universelle Normenkotrolle ad absurdum geführt würde. Weil das Äußere also zusehends wichtiger werde als aller Inhalt, sei die künstlerische, schlimmer noch: die journalistische Freiheit der Kreativen massiv eingeschränkt. Mit Folgen auch fürs Publikum.

Anders als in Zeiten von Alexander Kluge, Edgar Reitz oder Harun Farocki, deren experimenteller Stil bis tief in die Achtzigerjahre hinein trotz sperriger Dramaturgie Topquoten erzielte, müssen sich ihre Nachkommen nicht nur ästhetisch am fiktionalen Film orientieren, um die Aufmerksamkeitsschwelle in Sichtweite zu behalten. Bei Terra X wähnt man sich daher im Actionthriller, während selbst die einst so betulichen Tierfilme meist scheppern wie von Hans Zimmer vertont. Ob Elefanten, Tiger & Co. oder ZDFzoom: Autoren, beklagt Fritz Wolf, seien „kaum mehr als Erfüllungsgehilfen eines Konzepts“, das eher aggressiv ergreifen soll als informativ berühren.

In dieser Art Firlefanz-Fernsehen gehen kompliziertere Dokus, stillere zumal, naturgemäß unter. Immerhin: es gibt sie noch. Das reflexive Medienstück „Wie Holocaust ins Fernsehen kam“ etwa erhielt Anfang des Jahres ebenso den begehrten Grimme-Preis wie die ausgezeichnete Seenotretter-Begleitung SeaWatch3. Bis zum (coronabedingt ohnehin gedimmten) Rampenlicht in Marl allerdings, mussten sich beide mit Erstausstrahlungen nahe Mitternacht begnügen – die Primetime von WDR und NDR war mit standardisiertem Infotainment belegt. Kein Platz also für Berichte mit Irritationspotenzial. Was übrigens selbst dann gilt, wenn Irritation das Grundgefühl einer ganzen Fernsehnation zu sein scheint.

Als Wladimir Putin für die Winterspiele mit tyrannischer Brutalität das subtropische Sotschi skisporttauglich gewalzt hatte, gab es durchaus kritische Abrechnungen mit der Vergewaltigung aller olympischen, demokratischen Werte. Doch während die akribische ARD-Studie „Putins Spiele“ fünf Tage vor der Eröffnungsfeier im Spätprogramm versteckt wurde, lief kurz danach inmitten der einschaltstarken Primetime die süßliche Tierschau „Wilder Kaukasus“. Fernsehen, sagte Volker Herres seinerzeit vorm Beginn der Selbstbeweihräucherung Top of the Docs in Berlin, wo sich die ARD jedes Jahr für monatlich gut 750 Sachfilmstunden aller ARD-Kanäle feiert, Fernsehen bestehe eben „einfach in hohem Maße aus Sehgewohnheiten“. Und der Montag sei halt Naturfilmzeit. Punkt.

Dass ihm die Gäste im prächtigen Meistersaal jeden Applaus verwehrten, während der Regisseur Arne Birkenstock für seine Forderung, „mal 90 Minuten Primetime pro Woche für unformatierte Dokus freizuräumen“, stehende Ovationen bekam, ficht den Hauptverantwortlichen dabei ebenso wenig an wie der gewaltige Bedarf nach seriöser Berichterstattung im Zuge von Covid-19. Über Wochen hinweg perforierten reichenweitenstarke Sondersendungen und Reportagen spielend jedes Programmschema. Dennoch dürfte dieser Bruch aller Sehgewohnheiten folgenlos bleiben. Während der kommerzielle Teil des dualen Systems Wirklichkeit ohnehin nur noch simuliert, sitzen dem bildungsbeauftragten schließlich die Streamingdienste im Nacken, deren Ästhetik global verwertbar sein muss.

Weltmarktführer Netflix zum Beispiel wird aus Sicht des Branchenkritikers Wolf „nur das verwenden, was sich monetarisieren lässt und kommerziell nutzbar ist“. Mit anderen Worten: formatierte Blockbuster-Ästhetik, aufgebaut wie Melodramen, geschnitten wie Thriller, orchestriert wie Musicals, gerne mit Tieren und Mördern oder wie im Fall der sensationell erfolgreichen Netflix-Doku Tiger King mit beiden. Die Fiktionalisierung der Sachlichkeit – wenn Sender wie ARD oder ZDF nicht bald mal gegensteuern, ist sie in Sichtweite der Zuschauer kaum noch aufzuhalten.


TikTok-Wahlkampf & Berben-Sommer

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. August

Der Teufel scheißt bekanntlich gerne auf die größten Haufen. Diverse Verschwörungsidiologen in aller Welt mögen Bill Gates gerade als Gottseibeiuns verteufeln, der uns das Blut aussaugen und durch Chips ersetzen will. Nachdem der Microsoft-Gründer die Entwicklung sozialer Medien vollständig verschlafen hatte, greift ihm nun ausgerechnet der wahrhaft Leibhaftige unter die Arme und serviert ihm den Messenger TikTok quasi zum Frühstück.

Dabei hat Donald Trumps Ankündigung, die chinesische Konkurrenz amerikanischer Tech-Konzerne nur noch im heimischen Besitz zu dulden und bei der Gelegenheit nach dem Mobilfunkanbieter Huawai gleich noch Lokalrivalen wie Tencent aus den USA zu verbannen, nichts mit Politik, ja im Grunde nicht mal mit Protektionismus, sondern ausschließlich mit Wahlkampf zu tun. Ein Wahlkampf, in dem er sich nun sogar an Unternehmen liberaler Multimilliardäre ranwanzt – sofern es nicht solche sind, die wie Facebook und Twitter zaghaft ein paar seiner Lügen entlarven.

Dass Donald Gates eine Chance gibt, konterkariert natürlich aufs Absurdeste, mit welcher Innbrunst Trumps 1,3 Millionen deutsche Gesinnungsgenossen vor acht Tagen in Berlin gegen den Computerkönig demonstriert haben. Oder waren es doch fünf Millionen, wie Atilla Hildmann behauptet? Falsch! Der Postillion hat den einzig wahren Wert errechnet: 19 Trilliarden. Doch ob mehr Menschen vor der Siegessäule waren, als dort rechnerisch Platz finden, oder mehr als Moleküle im Universum: die Stars der Talkshowrepublik haben darüber diskutiert – und dürfen das auch weiterhin tun, nachdem die ARD ihre Verträge verlängert hat.

Das mag man beklagen. Angesichts der Macht globaler Medienkonglomerate ist es allerdings ratsam, mit Information zu punkten. Disney zum Beispiel, dessen Aktienkurs vorigen Montag trotz Verkündung katastrophaler Quartalszahlen aufwärts ging. Unter anderem, weil durch die Austragung der NBA-Playoffs im Disneyland weiter Geld in die Kassen fließt. Und weil mit Disney+ ein lukrativer Markenzweig gepflanzt wurde, auf dem die Mutter nun doch den Kino-Ausfall Mulan zeigt. Noch bis Mitte September widmet die ARD dagegen Deutschlands international angesehenstem Regisseur zum 75. Geburtstag eine Werkschau aller Filme von Wim Wenders.

Die Frischwoche

10. – 16. August

Fünf Jahre jünger wird am Mittwoch Iris Berben, wofür ihr das Erste um 20.15 Uhr ein melancholisches Geburtstagsgeschenk macht: Als erfolgsverwöhnte Familienunternehmerin entflieht sie in Mein Altweibersommer dem Alltagstrott und beginnt als verkleideter Zirkusbär zu arbeiten. Zwei Tage zuvor spielt die Jubilarin in Nicht tot zu kriegen eine alternde Filmdiva, die vor einem Stalker beschützt werden muss. Beides ist auf unterschiedliche Art autobiografisch, beides ohne Pathos anrührend, beides allerdings für alle unter 50 womöglich ein bisschen zu bieder.

Aber gut – die gucken ohnehin, wenn überhaupt, dann gestreamtes Fernsehen, dessen Angebot dieser Tage mal wieder recht abwechslungsreich ist. Universal TV etwa zeigt ab Dienstag die Roadtrip-Comedy Upright, Freitag folgt Netflix mit der Scheidungsserie Dirty John und der (realen) kolumbianischen Banküberfallserie Der Jahrhundertraub, während sich (kauft nicht bei) Amazon (Prime) zeitgleich RTL annähert, wenn dort das zehnteilige Abenteuer-Rennen World’s Toughest Race startet.

Der lineare Originalsender beweist auf seinem Ableger RTLzwei tags drauf übrigens Gespür für Suspense und zeigt die atmosphärisch dichte Fantasyserie Taboo aus dem kolonialistischen England vor 200 Jahren. Als Wiederholungen der Woche empfehlen wir bei so viel Geschichte ausnahmsweise zwei Schwarzweißfilme: Montag um 20.15 Uhr reist Arte zurück ins Jahr 1958, als Das Mädchen Rosemarie für Schnappatmung in Wirtschaftswunderland sorgte. Mittwoch (23.30 Uhr) begleitet der BR The Beatles dokumödiantisch durch A Hard Day’s Night von 1964. Und wenn Jack Lemmon am Dienstag um 22.05 Uhr in Ein seltsames Paar (22.05 Uhr, ServusTV) an Walter Matthau gerät, sollten sich das Leute mit akuter Sixties-Nostalgie auch nicht entgehen lassen.


Beyoncé Knowles & Howard Ashman

Die Gebrauchwoche

27. Juli – 2. August

Am Samstag war es mal wieder so weit: Die selbsterklärte Bohème der einzig wahren Durchblicker in Sachen Corona riefen zur großen Aufklärungsdemo nach Berlin und zeigten nicht nur der Wissenschaft, was ‘ne Verschwörungsharke ist, sondern auch der „Lügenpresse“. Etwa dem RBB, dessen Kameramann bespuckt wurde. Und natürlich Dunja Hayali. Wie so oft in Zeiten steiler Debatten, stellte sie sich tapfer all jenen, die sie verachten – bis diese Verachtung so aggressiv wurde, dass sogar der eigene Sicherheitsdienst zum Rückzug riet.

Die zweite Corana-Welle gesellt sich also nahtlos zur ersten des Stumpfsinns und bereitet damit der dritten einer rassistischen, reaktionären, misogynen Infodemie den Weg, gegen die offenbar kein Impfkraut gewachsen ist. Da erhofft man sich von einer meinungsstarken Feministin wie Beyoncé natürlich umso lautere Statements. Statements, die über ihr visuelles Album Black Is King hinausgehen, mit dem sie ihren Soundtrack zu The Lion King in eine Art BiPoC-Manifest verwandelt, dessen Sozialkritik jedoch nur mit Mühe dechiffrierbar ist. Und irgendwie wäre es auch wünschenswert, der Superstar würde sie nicht ausgerechnet bei Disney+ äußern, wo das Stück seit Freitag läuft.

Andererseits erreicht Beyoncé auf der Weißen Entertainmentplattform ein Publikum für Schwarze Selbstermächtigungsmusik, das seine Informationen ansonsten oft eher bei Fox News bezieht. Außerdem hat es dank der gigantischen Werbewirkung bessere Chancen bei den Emmys 2021. Ein Jahr zuvor gibt es dort gleich zwei Rekorde zu vermelden. Ende September geht Netflix mit 160 Nominierungen – und damit gleich 53 mehr als der bisherige Spitzenreiter HBO ins Rennen. Acht davon – auch das beispiellos – für Maria Schraders deutsche Miniserie Unorthodox um eine New Yorker Jüdin auf der Flucht nach Berlin

Die Frischwoche

3. – 9. August

Nachdem mit The Mandalorian erstmals ein Format von Disney+ nominiert ist, muss man auch Produkte wie das Porträt des frühzeitig an Aids verstorbenen Filmkomponisten Howard Ashman auf der Rechnung haben, dem Disney+ am Freitag ein interessantes Porträt widmet. Ungewohnt wortkarg ist heute Nacht um 0.20 Uhr Valeska Grisebachs Western, in dem sie einen deutschen Bautrupp nach Bulgarien schickt. Ungewohnt schlecht ist auch die Sendezeit von Jan Bonnys Psychodrama Wir wären andere Menschen, in dem Matthias Brandt als traumatisierter Fahrlehrer am Donnerstag um 23.15 Uhr (ZDF) Rache an Polizisten nimmt.

Rache ist überdies ein Motor der Reality Show Just Tattoo Of Us. Ab heute dürfen typische RTL-Zuschauer montags beim Online-Ableger TV Now Leute tätowieren, die sie eigentlich mögen, aber vor laufender Kamera verunstalten. Dann doch lieber zeitgleich die Rache der Rechten an allem, was ihnen fremd ist, in der Netflix-Doku Immigration Nation. Oder fiktional gewendet: die Fortsetzung der gefeierten Dramedy Ramy. Während sich der reale Stand-up-Star in der ersten Staffel um sein Liebesleben bemühte, sucht er Donnerstag auf Starzplay sein Heil im Islam – und kollidiert dabei heftig mit seinem Heimatland USA.

Heiterer geht es Dienstag in der Sky-Serie Breeders von und mit Martin Freeman zu, der sein Leben im Griff familiärer Zwänge darin mit zynischem Frohsinn schildert. Und mit einem Arte-Schwerpunkt Japanisches Kino, der heute (22.05 Uhr) mit dem Nachkriegsmelodram Sehnsucht von 1964 beginnt, sind wir bei den Wiederholungen der Woche, die zwei Stunden zuvor an gleicher Stelle mit dem Familiendrama Die Erbin beginnt, für das die jüngst verstorbene Olivia de Havilland 1949 den ersten Oscar erhielt. Farbig geht es dort Sonntag mit David Lynchs SciFi-Horror Dune – Der Wüstenplanet von 1983 mit Kyle MacLachlan weiter. Und der Tatort entführt uns morgen (22 Uhr, NDR) ins Jahr 1979, als MAD-Leutnant Delius (Horst Bollmann) mit dem ostdeutschen Freund Gregor seinen Debütfall hatte.


SuzieStapleton.FriedemannWeise.AMorissette

Suzie Stapleton

Es ist immer wieder schön, wenngleich überaus selten und der reinen Musiklehre nach nahezu unmöglich, wenn im repetitiven Pop ein neues Genre entsteht, kein völlig neues natürlich – der Grundstock aller Klangkombinationen ist schließlich längst angelegt; aber was die australische Künstlerin Suzie Stapleton auf ihrem Debütalbum anbietet, klingt für unvorbereitete Ohren so ungewohnt, dass es dafür eines neuen Labels bedarf. Versuchen wir es also mal mit Opern-Noise.

Garniert mit tief verzerrter Gitarre, düsterem Bass und einer bisweilen fast hektischen Industrialfläche am Rande des Hörbaren, erinnert We Are The Plague gleich am Anfang an ein Kellerkonzert der Suuns mit Tom Waits, was auch daran liegt, dass Suzie Stapleton androgyner Bariton eher nach Rezitation als Gesang klingt und dennoch sinfonische Energie hat. Noiserock wie ein Rudel Wölfe im Staatstheater – fremd, sperrig, viril, gefährlich, aber in seiner grungigen Urgewalt auch einvernehmend und schön.

Suzie Stapleton – We Are The Plague (Negative Prophet Records)

Friedemann Weise

Schön bescheuert ist dagegen Friedemann Weise, no offense. Der rheinische Liedermacher macht Lieder, die bisweilen nach Gebrüder Blattschuss klingen, wo ein gewisser Karl Dall einst seine Karriere begann. Weises Texte sind oft sensationell dämlich, seine Arrangement dazu von beachtlicher Albernheit, fast alles daran erinnert an Fanny van Dannen und Peter Licht beim Rosenmontagsduett – und ist gerade deshalb so toll, dass man auch das neue, ungefähr fünfte Studioalbum durchhört und gleich noch mal anmacht.

Mit Titeln von Digital Detox in der Eifel über Samenstau auf der Pimmelparade bis Wenn 68er 68 werden, nimmt Das Weise Album jede Zentral- und Randgruppe der Multioptionsgesellschaft aufs Korn, vermischt es mit einem digitalanalogen Kuddelmuddel aus Powerfolk und LoFi-Rock, legt schräge Gesangssimulationen darüber und ist damit auf derart infantile Art komisch, dass sein selbstgewähltes Label Satirepop plötzlich Substanz kriegt. “Ich wär so gerne ein Song / von Elton John / ich wär zwar nicht mehr neu doch / du würdest dich freuen”. Alles gesagt.

Friedemann Weise – Das Weise Album (staatsakt)

Hype der Woche

Alanis Morissette

Alanis Morissette ist Alanis Morissette war zwar mal nur Alanis ohne Morissette und machte saftigen Teenagerpop, bleibt aber wieder mit Morissette auch ein Vierteljahrhundert nach ihrem weltweit gefeierten Debütalbum Jagged Little Pill das, was die Menschheit im Zeitalter des ungebremsten Optimismus von ihr erwartet und bekommen hatte: einen Folkpop von so überwältigender Lebensfreude, dass Melodramatik, Feminismus und Selbstbefreiung fast unbemerkt ins Hörer*innen*gehirn durchdringen und dort die Emanzipation befeuern. Das schafft, obwohl die Stimme spürber gereift und damit rauer ist, auch ihr elftes Album Such Pretty Forks In The Road (Sony), das aller Voraussicht nach nicht nur in ihrer kanadischen Heimat Nr. 1 werden dürfte. Ihre Mischung aus Kraft und Gefühl, Stärke und Zerbrechlichkeit, Indierock und Klavierballaden ist eben unverwüstlich.


Fox-Fakten & Wild Mason

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Juli

Stellungswechsel, so scheint es, sind gerade das Gebot der Stunde. Im aktuell erfolgreichsten Netflix-Stream kultiviert sie zum Beispiel ein besitzergreifender Mafioso mit seiner Angebeteten, die er 365 Tage gefangen hält, um ihm (was überraschend schnell passiert) sexuell zu verfallen. In der aktuell bemerkenswertesten Sat1-Doku Mütter machen Porno variieren sie fünf gewöhnliche Frauen auf angeblich jugendfreundliche Art, um ihren Kids den digitalen Voyeurismus zu versachlichen.

Stefan Raab wechselt seine Stellung dagegen eher betriebswirtschaftlich, indem der frühere Pro7-Star ankündigt, gegen Ende des Jahres eine Late Night Show für TV Now und damit erstmals im Auftrag eines Senders der RTL-Gruppe zu produzieren. Und dann hatte es Anfang der vorigen Woche beinahe den Anschein, als würde die rechtspopulistische Trump-Fanfare ihr Quotenpferd künftig so behandeln, wie es einem Nachrichtenkanal angemessen erschiene: journalistisch.

Schließlich hatte der US-Präsident von Fox News Gnaden seit Amtsantritt in Hunderten von Presse-Audienzen zusammen nicht halb so viele auch nur annähernd kritische Fragen zu hören bekommen, wie von Moderator Chris Wallace. Rund 30 Minuten lang brachte er Donald Trump durch entwaffnende Fakten in Zusammenhang mit Corona, Rassismus und Wahlniederlagenakzeptanz noch mehr ins Schwitzen als die Sonne vom Himmel. 100 Tage vorm 3. November jedoch dürfte das Licht am Horizont des Klienteljournalismus nur die Ausnahme gewesen zu sein.

Die Frischwoche

27. Juli – 2. August

Das Land ist schließlich zerrissen wie in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, Martin McDonaghs mehrfach oscarprämiertes Meisterwerk mit Frances McDormand als Hillybilly-Wutbürgerin im Kampf gegen die inkompetente US-Polizei, heute (20.15 Uhr) im Ersten. Noch weiter zurück in der sozialdarwinistischen Menschheitsgeschichte reicht das deutsch-österreichische Steinzeitdrama Der Mann aus dem Eis mit Jürgen Vogel als ebender namens Ötzi, was gerade wegen seiner vollumfänglichen Wortlosigkeit ziemlich unterhaltsam ist.

Welche Spaltung radikale Polarisierung auch hier provoziert, zeigt funk ab heute täglich unterm Hashtag #ExtremLand, etwa mit einer Reportage von einer Reportage unter neuen Neonazis vorm Kanzlerinnenamt (Dienstag) oder einem Video vom Rechtsdrall der Bundeswehr (Donnerstag). Ob der morgige Themenabend zur unfriedlichen Nutzung der Atomenergie auf Arte – The Bomb – dazu passt, ist allerdings Ansichtssache. Wo in den USA die Wurzeln der heutigen Spaltung liegen, zeigt hingegen ein sehenswertes HBO-Prequel ab Freitag auf Sky.

In den Fünfzigern hatte der smarte Rechtsanwalt Perry Mason noch jeden seiner Klienten per Überraschungstäter vor Gericht rausgehauen. Die Vorgeschichte zeigt den Verteidiger als verwahrlostes Opfer (Matthew Rhys) der Great Depression, dessen steiniger Weg zur richtigen Seite des Gesetzes durch einen Sumpf aus Korruption und Polizeigewalt führt. Zeitgleich kehrt auch der gealterte Teenyschwarm Rob Lowe auf den Bildschirm zurück. Als Dirty Harry Baujahr 2020 sucht Wild Bill bei Neo (20.15 Uhr) Abstand zum amerikanischen Polizeialltag und stößt dabei auf den englischen, der zwar anders, aber nicht viel besser ist.

Ähnlich heiter, wenngleich straffrei, bleibt tags zuvor die Sky-Sitcom Single Parents, in der ein Alleinerziehender von brachialer Spießigkeit auf den Singlemarkt gerät. Gewohnt extraordinär dagegen: die 2. Staffel der Umbrella Society, Freitag auf Netflix. Passend dazu verstört ab Samstag ein Hardcore-Special auf 3sat, das die halbe Nacht lang Bands von KoЯn über Slipknot bis Sepultura Bühnen bietet – gebrochen um 21.45 Uhr von der Wiederholung der Woche auf One: Chris Kraus‘ Regiedebüt Vier Minuten mit Hannah Herzsprung als delinquente Pianistin. Freitags wiederholt Pro7 ab 23.05 Uhr die ersten sechs Folgen 4 Blocks. Und der Tatort spielt Mittwoch (22.17 Uhr, RBB) in der Berliner Immobilienbranche von 1992 und heißt mit Günther Lamprecht als Kommissar entsprechend Beste Lage.


Dunja Hayali: sport reportage & Talkmagazin

Veränderung braucht Reibung

Als Dunja Hayalis Talkmagazin lkürzlich aus der Winterpause ins ZDF zurückkehrt ist, war nichts mehr wie zuvor und doch alles irgendwie furchtbar gleich. Ein Gespräch übers Sprechen im Ausnahmezustand, Werbung mit Kopftuch und Zuschauer im Stadion.

Von Jan Freitag

Frau Hayali, worum geht bei der ersten von fünf neuen Folgen ihres alten Talkmagazins – Corona, Rassismus oder beides?

Dunja Hayali: Um mein Herzensthema, mit dem ich mich dankenswerterweise jedes Jahr aufs Neue durchsetzen kann: die Pflege. Allerdings lässt sie sich schon deshalb kaum von Corona trennen, weil das Virus zwar keinen Unterschied zwischen den Menschen macht, aber noch mal mit besonderer Härte gezeigt hat, wie unterschiedlich es sich auswirken kann.

Und in welcher Sesselbesetzung diskutieren Sie Ihr Herzensthema?

Wie immer Entscheidungsträger- und Trägerinnen, in diesem Fall Jens Spahn, gemischt mit Fachleuten und Betroffenen. Anders ist ab sofort allerdings, dass ich nach der Runde ein – je nach Gast – intensives, kompaktes, streitbares, verständnisvolles, nachhakendes Einzelgespräch führe, das ans vorherige Thema anschließen kann, aber nicht muss.

Sollte so ein Thema aus Ihrer Sicht herrschende Debatten aufgreifen oder im Gegenteil davon abweichen, um nicht immer nur zu diskutieren, was ohnehin alle Welt bespricht?

Kommt auf den Zugang an, den mein Team und ich zum Thema entweder finden oder haben. Manchmal sind Themen ausgelutscht, aber der Blickwinkel, der Perspektivwechsel, der Gast oder persönliche Erfahrungen können einen Unterschied machen. Rassismus zum Beispiel hat mich natürlich schon vor George Floyd umgetrieben und ja auch selbst getroffen. Umso gespannter, aber auch verschreckter beobachte ich, wie die Debatte sich jetzt entwickelt.

Inwiefern verschreckt?

Weil ich die Art und Weise, wie manche an das Thema herangehen, nicht mag. Sie schaffen ein Klima, in dem niemand etwas fragen und sagen darf. Damit stößt man Menschen, die sich erstmals intensiv mit Rassismus auseinandersetzen, womöglich vor den Kopf. Und was passiert dann? Man macht dicht. Dabei wäre es so wichtig, die Offenheit jetzt zu nutzen und das Bewusstsein zu schärfen, dass fast alle unterbewusst Vorurteile haben. Sich dessen bewusst zu werden, ist der erste Schritt. Dagegen zu kämpfen, Gesicht und Solidarität zu zeigen, der zweite. Denn Rassismus ist grundsätzlich verachtenswert. Egal von wem, egal gegen wen.

Wobei diese Sprechverbote oft aus der heilsamen Erkenntnis entstehen, als privilegierte weiße meist männliche Menschen jetzt einfach mal die Klappe zu halten und zuzuhören.

Das stelle ich nicht in Abrede. Zuhören ist wichtig, verstehen wollen auch. Aber wieso darf man dann nicht etwas fragen, wenn man etwas nicht versteht. Warum darf man nicht etwas hinterfragen, wenn man es anders sieht, auch aus der eigenen Erfahrung heraus? Warum darf man nicht nachfragen, wie man nun – abgeleitet aus dem Zuhören heraus – etwas formulieren soll und sich dabei aber unsicher ist.

Wahnsinnig kompliziert.

Ja und nein. Kompliziert wird es, weil es für vieles keine allgemeingültigen Regeln gibt. Ich zum Beispiel finde es völlig okay, jemanden zu fragen, wo er herkommt, welche Wurzeln er hat, woher der Name stammt. Für mich kommt es auf die Intention, den Ton, Art und Weise insgesamt an. Und dann gibt es die, die sich diese Frage mittlerweile verbitten, weil sie das Gefühl haben, dass ihr gegenüber Ihnen automatisch das Deutsch sein damit abspricht. In Teilen wird nun sogar gesagt, diese Frage sei rassistisch. Ich finde es fast schon diskriminierend, Menschen zu verbieten, diese Frage zu stellen. Weil man ihnen automatisch Rassismus und nicht Interesse unterstellt.

Aber nicht als erstes, das ist ja eine Kernkritik an dieser Frage.

Entscheidend ist doch, was daraus und darauf folgt. In der Regel entspannen sich daran wundervolle Gespräche. Natürlich habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass auf meine Antwort Datteln die Nachfrage folgt: „Neeee, Sie wissen schon – wo kommen sie so richtig her.“ In der Regel wiederhole ich dann Datteln und erlöse mein Gegenüber, denn noch einmal: Gestik und der Ton machen die Musik. Das ist meine Meinung. Jeder kann das anders sehen. Eventuell verpassen dann aber manche einen wertvollen Dialog.

Beeinflussen diese Sprachregeln gerade Ihre Arbeit als Journalistin?

Naja, Regeln sind in Teilen individuell, und so stößt man sich manchmal gegenseitig vor den Kopf. Das gehört aber zu einer gesunden Debatte, wenn sie oberhalb der Gürtellinie geführt wird. Grundsätzlich bin ich aber froh, dass sich in den Köpfen einst verschlossener Leute was bewegt. Wenn Stereotype, die auch ich habe, aufweichen, öffnen sich auch für mich als Journalistin neue Fenster. Dennoch frage ich mich: wird aus dieser Debatte was Konstruktives erwachsen oder ist in drei Monaten alles wie vorher?

Und ihre Antwort – eher optimistisch oder pessimistisch?

Meine Prognose ist, dass sich insgesamt nicht so wahnsinnig viel ändern wird, verbunden mit der Hoffnung, dass zumindest die Medien ihre Stereotypen stärker reflektieren. Und nicht nur die. Schauen Sie mal aufmerksam Werbung! Sie ist kein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenig Frauen mit Kopftuch, Männer mit Kippa, People of Colour, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung…

Na ja, wenn Haribo es mal wagt, gibt es einen Shitstorm inklusive Boykottaufrufen…

Genau da zeigt sich, ob Unternehmen den Arsch in der Hose haben, im eigenen Umfeld anzufangen. Das wichtigste im Kampf gegen Rassismus sind allerdings nicht gute Vorsätze, sondern echte Begegnungen. Begegnungen mit denen, die irgendwie vom Gängigen abweichen. Dafür sind auch wir Medien verantwortlich.

Die sich in einer seltsam hybriden Lage befinden: in der Corona-Krise wächst einerseits der Bedarf nach seriöser, sachlich fundierter, ausgewogener Berichterstattung, andererseits lässt sie sich in Zeiten wegbrechender Anzeigenerlöse kaum noch finanzieren. Wie kommen wir aus diesem Dilemma nur wieder raus?

Zunächst mal ist dieses Dilemma durch die Wirtschaftskrise größer als je zuvor, aber keineswegs neu. Nach jeder Katastrophe steigt die Nutzung seriöser Medien massiv an, auch die der öffentlich-rechtlichen Sender. Das Bedürfnis nach verlässlicher Berichterstattung ist also offenbar vorhanden. Das sollte uns Mut machen. Und langsam wird der Geburtsfehler des Internets, alles kostenlos zur Verfügung zu stellen, ja ausgebügelt. Diesbezüglich stimmt mich aber noch etwas ganz anderes hoffnungsvoll.

Nämlich was?

Wie rücksichtsvoll wir als Gesellschaft nach dem Ausbruch der Pandemie miteinander umgegangen sind. Wie oft „Bitte“ und „Danke“ zu hören war. Wie viel Achtsamkeit und Hilfsbereitschaft herrschte. Es steckt also in uns drin… Was die Medien anbelangt erinnert mich die Situation zu Beginn der Corona-Krise ein wenig an den Sommer/Herbst 2015. Damals waren wir Journalisten*innen ja nicht nur überrascht, sondern beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und unwissend in Bezug darauf, was das alles bedeutet, wo es uns hinführen wird. Heute wie damals gilt: Zuhören, nachfragen, Fehler eingestehen, Meinungen revidieren, Unkenntnis akzeptieren und Erkenntnisse zulassen.

Prinzip Falsifikation, das wir von der Wissenschaft gelernt haben.

Toll! Das mag jetzt naiv klingen, aber wenn wir nur ein klein wenig von alledem in die Zeit nach der Krise retten, profitieren davon womöglich auch Qualitätsmedien.

Hatten Sie als jemand, die durch ihre Sicht, aber auch Herkunft und Lebensentwürfe ständig im Visier von Angriffen und Hatern war, so was wie eine shitstormfreie Phase?

Kurz. Am Anfang der Pandemie gab es einen kleinen Shitstorm, allerdings weil ich zu einer Zeit, als Veranstaltungen bis 1000 Personen noch erlaubt waren, eine Lesung abgesagt hatte. Die habe ich dann auf Instagram verschoben. Daraus ist eine Reihe entstanden. Fast jeden Abend, bald 100, rede ich mit einem prominenten Gast über Gott und die Welt. Diese intimen Gespräche haben vielen Followern, so sagen sie es jedenfalls, Struktur, Ablenkung, Normalität und mehr gegeben. Was will ich mehr?

Und während dieser ganzen Zeit blieben die üblichen Angriffe auf Sie als Journalistin und Person aus?

Natürlich nicht. Sie hatten zwar eine mehrwöchige Pause eingelegt, kamen aber auf gewohntem Niveau zurück. Wobei sich die Themen ein wenig verschoben haben. Gerade geht es weniger um meine Haltung, Herkunft oder Arbeitgeber, sondern Masken, Abstand und Dinge wie meine Äußerungen in Bezug auf diese unsäglichen Hygiene-Demos.

In welchem Biotop fühlen Sie sich als Journalistin wohler: Eintracht oder Zwietracht, Krise oder Frieden?

Der blöde Satz „good news are bad news“ hat schon seine Berechtigung, wird aber dadurch missverstanden, dass wir zu oft „only“ davorsetzen. Mein Lieblingsbiotop wäre daher eine gut funktionierende, achtsame Gesellschaft mit allerlei Abseiten, die wir als Journalistinnen beleuchten.

Sie haben es also gern harmonisch, aber Disharmonie ist spannender?

Das klingt so nach entweder oder. Ich finde, beides gehört zusammen und muss von uns abgebildet werden. Für Veränderung braucht es Reibung; wenn sich immer alle grün sind, herrscht Stillstand. Ich würde die Reibung auch vermissen, weil sie dazu führt, sich selbst zu hinterfragen, die Gesamtsituation zu reflektieren, in den Schuhen anderer zu laufen und über Alternativen nachzudenken.

Verzeihung für die gerharddellingartige Überleitung, aber apropos vermissen: Was vermissen Sie gerade mehr – die Zuschauer im Fußballstadion oder die Zuschauer im Fernsehstudio?

Hah! Ich war bislang nicht ohne Zuschauer im Stadion, weiß also gar nicht, wie es sich wirklich anfühlt, aber eines kann ich mit Gewissheit sagen: Am Fernseher waren die Geisterspiele echt eine Herausforderung, da muss man schon Hardcore-Fan sein. Aber als Moderatorin des „aktuellen sportstudio“, das unterm doppelten Mangel leidet, fehlen mir beide Zuschauergruppen gleichermaßen. In beiden Sphären braucht man Publikum, um Stimmungen zu erleben. Das ist, für mich, elementar wichtig.