Orange is the new Black: divers & böse

Woman is the new Bad

Mit der siebten Staffel endet heute die Frauenknast-Serie Orange is the new Black (Foto: Netflix), mit der Netflix nicht nur sechs Jahre lang richtungsweisende Unterhaltung geboten hat, sondern die Frau in ihrer ganzen Vielfalt gefeiert. Ein trauriger Abgesang.

Von Jan Freitag

Es gibt da eine Konstante in Film & Fernsehen, die fast so haltbar ist wie der Hang zum Happyend: Frauen sind die Guten. Falls sie ausnahmsweise nicht die Guten sind, sind Frauen zumindest nie die richtig Bösen. Und wenn sie doch mal richtig böse werden, sind Frauen gern allein unter noch böseren Männern. So weit ein Branchengesetz, das selbst Gegenspielerinnen von 007 selten in Frage gestellt haben; es sei denn, kurz vorm Abspann wären sie nicht unter ihm gelandet, sondern in Litchfield.

Kein fiktionaler Ort beherbergt schließlich mehr weibliche Delinquenz, Grausamkeit und Heimtücke bei weniger Erbarmen, Mitgefühl, gar Gnade als das Frauengefängnis irgendwo im Nirgendwo der USA. Umso erstaunlicher, dass es seit 11. Juli 2013 den Rahmen einer Art Großkammerspiel bildet, die in der Rubrik „Comedy“ TV-Preise hortet wie Netflix Neukunden: Orange is the new Black. Mit der siebten Staffel leitet der Streamingdienst nun das Finale ein. Doch schon vor den letzten 13 von dann 91 Folgen ist absehbar: So außergewöhnliche Protagonistinnen in so vielschichtigen Problemlagen wird es auf so unterhaltsame Art so bald nicht mehr geben.

Aber warum auch? Der beständig wachsende Hauptcast einer Notgemeinschaft, deren Umfang allenfalls mit Game of Thrones vergleichbar ist, hinterlässt auch ohne Fortsetzung oder Kopien augenfällige Stempel auf dem Markt horizontaler Dramaserien. Bis die leutselige Managerin Piper Chapman (Taylor Schilling) vor fast genau sieben Jahren wegen eines lange zurückliegenden Drogendeliktes für zunächst 14 Monate aus ihrer New Yorker LOHAS-Blase gerissen wird, waren Justizdramen im Allgemeinen und Knastdramen im Besonderen meist Männersache mit weiblichen Accessoires.

RTL hat zwar schon 1997 straffällige Frauen Hinter Gittern inszeniert; im Vergleich zu Pipers Anstaltsgenossinnen bestand das Personal der Seifenoper jedoch aus Kleinkriminellen mit leicht verrohtem Umgangston. Litchfield dagegen versammelte die gesamte Kriminalstatistik auf engstem Raum und räumte dort frei von moralisierender Küchenpsychologie mit dem Mythos auf, der zivilisatorische Abgrund sei für schwere Jungs reserviert. Die gewissen- und rücksichtslose Knastpatin Vee (Lorraine Toussaint) etwa hätte dem Genre-Pionier Oz ebenso alle Gangsterehre bereitet wie ihre Geschlechtsgenossin Fig (Alysia Reiner), die als knallharte Anstaltsleiterin bedenkenlos alle Humanität der Rentabilität unterordnet.

Und auch sonst wimmelt es im Netflix-Panoptikum menschlicher Untiefen nur so vor Wölf(inn)en im Wolfspelz von beispielloser Diversität, während uniformierte Unschuldslämmer noch seltener sind als solche im orangenen Gefängnisdress. Weil von der evangelikalen Psychopathin Pennsatucky bis zum empathischen Drogenwrack Nicky, von der russischen Knastglucke Red bis zur fröhlichen Kampflesbe Big Boo nahezu jede Figur mit ausführlicher Biografie versehen ist, eignet sich jede davon gleichsam zur Hassfigur oder Sympathieträgerin, die man wahlweise fürchten oder lieben darf, manchmal gar beides zugleich. Kein Wunder, dass gefallene Engel wie Piper und ihre Hop-on-hop-off-Affäre Alex (Laura Prepon) in dieser helllichten Vorhölle bisweilen auf der dunklen Seite der Macht landen, aber stets zurückkehren auf den Pfad der Tugend.

Als erstere zum Start der letzten Staffel mit dem sprechenden Titel „Der Anfang vom Ende“ entlassen wird, zeigt Showrunnerin Jenji Kohan daher nochmals ihre dramaturgische Finesse. Während Piper nach der vorherigen Verlegung in ein noch viel brutaleres Gefängnis auch jenseits der Mauern Gefangene des inhumanen US-Strafsystems bleibt, schöpft die lebenslang verurteilte Taystee (Danielle Brooks) aus ihrer Hoffnungslosigkeit zusehends neue Kraft. Erst dank solcher Sollbruchstellen bleibt OITNB ein bitterböses, subtil komisches, sehr präzises Sittengemälde einer zutiefst zerrütteten, gespaltenen, ungerechten Nation – und zwar bis in den melodramatischen Schlussakkord, der jedes Einzelschicksal geigenumflort gen Zukunft entlässt.

Klingt schwulstig, zugegeben. Doch diese Art finaler Trauerbewältigung ist spätestens seit Six Feet Under nicht nur üblich, sondern in diesem Fall auch dringend nötig. Schließlich sorgt sie für ein wenig Erlösung im epischen Leid mehr oder minder schuldbeladener Individuen, die nun endlich auch weiblich sein dürfen. Ein schwacher, schöner, sehenswerter Trost.

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Schweizers Werbung & Mythos Monaco

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juli

Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.

Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.

Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.

Die Frischwoche

22. – 28. Juli

Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.

Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.

Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.

Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.

Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.


Die Kerzen: True Love & Politik

Im Grunde Instrumentalisten

Die Kerzen aus Ludwigslust gelten gerade als Band der Stunde – auch, weil die vier Freunde mit den verschrobenen Kunstnamen anders als ihre Bundeslandsleute aus Mecklenburg-Vorpommern von Feine Sahne Fischfilet bis Jennifer Rostock nicht hyperpolitisch sind, sondern im Gegenteil federleicht wie eine digitale Bandmischung aus Achtzigern und Übermorgen, Dream Pop und Cloud Rap. Ein Interview zum Debütalbum True Love (staatsakt) mit Sänger Die Katze und Musiker Super Luci.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Eigentlich möchte man Mecklenburg-Vorpommern nicht immer seine auf Nazis reduzieren, aber bislang sind bekanntere Band von dort wie Feine Sahne Fischfilet, Waving The Guns, Jennifer Rostock oder Marteria allesamt extrem politisch. Warum seid ihr nicht nur un-, sondern geradezu apolitisch?

Super Luci: Für mich ist das eine Grundeinstellung, privat zwar politisch, also kein sexistisches oder rassistisches Arschloch zu sein, musikalisch aber nicht.

Die Katze: Wir sind zwar absolut keine unpolitischen Menschen. Aber so gut ich es finde, wie Feine Sahne sich dieser wichtigen Sache annimmt, würde sie in unserer Musik bloß konstruiert wirken. Zu Punkrock könnte ich vielleicht auch nicht so gut von der großen Liebe reden oder?

Andererseits erreicht man mit Punkrock ohnehin immer nur ähnlich tickende Personen, während man mit eurer Art DreamPop auch solchen was unterjubeln kann, die anders denken.

Die Katze: Das mag sein, aber als wir angefangen haben, erste Songs und Texte zu schreiben, war überhaupt nicht absehbar, damit überhaupt irgendwen zu erreichen, den das interessieren könnte. Deswegen war unser Veränderungsgedanke gering. Aber sollten wir irgendwann mal an dem Punkt angelangt sein, mit unserer Meinung den Unterschied zu machen, kann man darüber ja nochmal neu nachdenken.

Super Luci: Das ist allerdings unabhängig von unserer Musik. Man kann ja auch fragen, warum Rezo seine CDU-Kritik als Musiker nicht in einen Song, sondern dieses Video verarbeitet hat. Als Person des öffentlichen Lebens, muss man seine Haltung nicht zwingend in der eigenen Kunst verarbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten sich mitzuteilen. Popkulturell betrachtet finde ich das ziemlich spannend.

Gibt es dennoch Meta-Ebenen auf eurer Platte, die ich womöglich nur nicht entdeckt habe?

Super Luci: Kann schon sein, dass die Tiefen unseres Unterbewusstseins da welche hinterlassen haben. Aber wenn du sie findest, sag uns gern Bescheid.

Ist es also im Gegenteil ein Statement, einfach mal unpolitisch zu bleiben – auch, um den Leuten da draußen zu beweisen, in Mecklenburg-Vorpommern gibt’s auch was anderes als Nazis?

Die Katze: Das wäre möglich, aber auch überinterpretiert. Wir machen uns einfach generell nicht dauernd Gedanken, so ist die Band ja überhaupt erst entstanden: als Spaßprojekt, das cheezy Popsongs machen möchte. Deshalb habe ich fast ein bisschen Angst davor, dass wir uns irgendwann genötigt sehen, uns zu positionieren.

Super Luci: Am Ende wollen wir einfach nur gut unterhalten, also so weiter machen, wie bisher.

Seid ihr damit eine Band, deren Texte eher Instrument als Ausdrucksmittel sind?

Super Luci: Im Grunde genommen sind wir Instrumentalisten, machen uns aber schon auch Gedanken um das, was Die Katze dann singt. Es macht allerdings mehr Spaß, einen Song zu arrangieren als zu betexten.

Die Katze: Als Musiker oder Musikerin ist man in erster Linie handwerklich orientiert, Texte schreiben bleibt da eher abstrakt. Als Hauptsänger ist mir der Gesang aber schon auch wichtig, gerade live. Deshalb sind die Texte auch nicht Random, sondern durchdacht. Aber auf einem sehr einfachen, gerade Weg, den wir alle auch im Entstehungsprozess gemeinsam gehen.

Hat es für ein Leben in der Provinz denn etwas Selbsttherapeutisches, wenn im Klappentext eurer Platte „Hits schreiben, statt Abfrusten“ steht?

Super Luci: Schon. Wir haben ja definitiv aus einer gewissen Langeweile heraus zur Musik gefunden.

Die Katze: In einer Kleinstadt Leute zu finden, mit denen man seine Ansichten und den Geschmack teilen kann, dieses seltene Glück verbindet ungemein. Wie viele Leute gibt es, die bei uns niemanden finden, der ihre Sprache spricht. Und ehrlich: was willst du denn sonst machen in Ludwigslust?

Super Luci: An Mopeds schrauben?

Die Katze: Freiwillige Feuerwehr!

Super Luci: Toll!

Wie lange kennt ihr euch schon?

Super Luki: Aus Schulzeiten, 7. Klasse, man läuft sich bei 11.000 Einwohnern aber auch so ständig über den Weg. Und Jelly Del Monaco habe ich beim FSJ kennengelernt.

Die Katze: Das hat auch eine gewisse Symbolik: Sie kommt aus Baden-Württemberg, wollte das so weit wie möglich hinter sich lassen und ist aus denselben Gründen, warum man Mecklenburg-Vorpommern verlässt, zu uns gekommen. Auch wenn Jelly da womöglich widersprechen würde.

Warum habt ihr euch eigentlich diese Kunstnamen gegeben?

Super Luci: Ach, am Anfang fanden wir das einfach nur lustig.

Die Katze: Mittlerweile geht es zwar auch darum, weitere Ebenen hinzuzufügen. Aber auch hier gilt: es hat nicht alles eine tiefere Bedeutung, was wir machen.

Super Luci: Künstlerische Zusammenhänge haben immer etwas Artifizielles, aber zu viel sollte man da nicht hineininterpretieren.

Wo liegen denn eure musikalischen Referenzgrößen – eher im Dream Pop der Achtziger oder beim Trash Pop von heute wie Bilderbuch.

Super Luci: Sowohl als auch. Als Teenager haben wir immer eher aktuellen Indierock gehört, aber die Art, wie wir das auf unsere Art umgestalten, kommt aus den Achtzigern – Prefab Sprout, Tears for Fears, aber in der Tat auch sowas wie Bilderbuch.

Die Katze: In unserem Sound und der Attitüde findet sich viel vom aktuellen Cloud Rap wieder, auch in der Herangehensweise.

Super Luci: Am Anfang sind unsere Songs in drei, vier Stunden fertiggeworden, weil jeder etwas in den Prozess eingeworfen hat, was dann sofort umgesetzt wurde. Das war zwar noch nicht wie bei den Jung Hurn, die sagen, jede Zeile, über die wir mehr als 15 Sekunden nachdenken, ist Schrott. Aber das intuitive Arbeiten liegt uns schon sehr und unterscheidet uns am Ende doch von den Eighties.

Geht diese Intuition so weit, dass sich euer Stil jederzeit radikal ändern könnte?

Die Katze: Durchaus, aber wir denken über die nächste Platte natürlich noch gar nicht nach. Aber ernsthaft: ich finde es auch voll okay, sich treu zu bleiben.

Super Luci: Außerdem kann man sich oft gar nicht aussuchen, wo es hingeht.

Das Interview ist vorab auf dem Musikblog erschienen

Amüsier-Apps & Maskierte Sänger

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juni

Was, hörte man sich unlängst verblüfft fragen, ist bloß mit Wladimir Iljitsch Putin los? Da hat der zaristische Herrscher einen Reporter eingeknastet, der ihm und seinem Regime doof gekommen war, und was macht er? Lässt die Geisel seines Unrechtsstaates nach ein paar Tagen wieder frei, obwohl dieser Iwan Golunow das Haus doch angeblich voller Drogen hatte, als die über jeden Zweifel erhabene Polizei seine Wohnung durchsuchte… Damit steigt Russland im Pressefreiheitsindex wohl um ein paar Plätze zurück in die Top 150, immerhin vor Nord-Korea.

Klingt nach Lockerung im Käfig der russischen Zivilgesellschaft? Nun – keine zwei Wochen später hielt Zar Putin wie jedes Jahr um diese Zeit für seine Untertanen fernsehöffentlich Audienz und beantwortete Fragen jeder Art, wenngleich natürlich nur solche, für die er königliche Lösungen hatte. Damit rutschte er dann doch wieder ein Stück weit im Ranking ab, dumm gelaufen. Dennoch bleibt Putin auch hierzulande ein Liebling nationalautoritärer Kräfte wie jener Alternativpartei im Deutschen Bundestag, deren medial geschürter Hass aufs System den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke atmosphärisch vorbereitet hat.

Geschürt wird diese Stimmung allerdings längst auch von Journalisten, die man bei aller Kritik eigentlich auf der Seite faktenfester Haltungen gewähnt hatte. Zum Beispiel Claus Strunz. Gut – das relativ gesittete Kampfblatt Bild am Sonntag hatte zwar auch unter seiner Führung schon einen Hang zu populistischer Zuspitzung; jetzt aber stellte er sich mit seiner rechten Attacke gegen Migranten, deren Heime und überhaupt Neger, Kanaken, kulturfremdes Gesocks so rabiat außerhalb des bürgerlichen Diskurses, dass sein AfD-Beitritt wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

Und damit bereitet es umso mehr Mühe, zu akzeptieren, dass dieser Mann denselben Beruf ausübt wie die große Wibke Bruhns. Nachdem sie einst als erste Frau die Nachrichten im (Zweiten) deutschen Fernsehen verlesen hatte und danach zu einer der prägenden Journalist(inn)en im Land zählte, ist sie nun mit 80 Jahren verstorben – und damit gewissermaßen erlöst, ihr Metier nicht mehr im Sumpf rechter Lügenmärchen versinken zu sehen. Aber dafür werden wir ja fröhlich mit Unterhaltungsangeboten geflutet wie der neuen Pro7Sat1-App Joyn, die uns seit Mittwoch mit allem nur Erdenklichen entertaint – aber nicht durch wahrhaftige Fakten.

Die Frischwochen

24. Juni – 7. Juli

Im linearen Programm von Pro7 kann man da ab Donnerstag bestaunen, wie sich die Sendergruppe Amüsement so vorstellt: Moderiert vom notorischen Matthias Opdenhövel, singen Prominente als The Masked Singer verkleidet inkognito, wofür sie von den Zuschauern enttarnt werden oder auch nicht, sechs Folgen lang zur besten Sendezeit und danach vermutlich abrufbar auf Joyn. Toll. Das war’s aber auch fast schon mit aktuellen Fernsehtipps. Während die angebrochene Sommerpause im Rest der Woche kaum was anderes als Wiederholungen hervorbringt, gibt es am Donnerstag drauf (4. Juli) jedoch gleich drei Neustarts.

Auf Neo moderiert die Top-Anwältin Laura Karasek um 22.15 Uhr sechsmal das lifestylische Talkformat Zart am Limit und kehrt damit vom knüppelharten Wirtschaftsrecht ins weitaus weichere Gesprächsgenre zurück. Vorschusslorbeer: Die kann das – und zwar nicht nur wegen ihres berühmten Vaters mit Namen Hellmuth. Gut eine Stunde später widmet sich der Schönwetterkabarettist Michael Mittermeier! in seiner selbstbetitelten Nachrichtenpersiflage 45 Minuten lang einem Thema, diesmal: Sicherheit. Vorschussskepsis: könnte ulkig werden im Ersten. Zwischendurch schaltet Netflix die 3. Staffel von Stranger Things frei. Vorschussbonus: Die Güte der ersten zwei Staffeln würde selbst einen Qualitätsabfall um 90 Prozent noch sehenswert machen.

Ansonsten begnügt sich das Regelprogramm dieser heißen Tage so konsequent mit Recyclingware, dass mal wieder nur Arte Platz für Innovationen bietet. Morgen zum Beispiel widmet sich der Kulturkanal um 20.15 Uhr erst den Frauen der Terrormiliz des IS und eine Stunde später deren Kindersoldaten Ashbal, bevor der Themenschwerpunkt 50 Jahre nach Stonewall Freitag (21.45 Uhr) an den Beginn der weltweiten Gay-Pride-Bewegung 1969 erinnert. Und acht Tage danach startet Arte den diesjährige Summer of… mit einem Monat Sendungen jeder Art zum Thema: Freedom. Präsentiert von der glamourösen Beth Ditto, eingeleitet von einer neuen Doku über John und Yoko, deren Liebesbeziehung Anfang der Siebziger mehr spießbürgerliche Verbitterung offengelegt hat als so mancher Beatles-Song.

Dazu passt die einzige Wiederholung der Woche in den Wochen der Wiederholungen, die uns hier der Erwähnung wert ist: das gesellschaftskritische DDR-Spätwerk Coming Out von 1989 aus einem Land, in dem es nach offizieller Diktion nicht nur keine Nazis gab, sondern noch weniger Homosexuelle.


Zweiraumsilke, Friedrich Sunlight, Hot Chip

Zweiraumsilke

Wer je dachte, die Neunziger seien Geschichte, weil sie selbst dort vor allem genervt haben, der muss gerade nur mal über Ballonseide die Leggings abwärts auf dicksolige Buffalos blicken und spontan auf die Bundfaltenhose kotzen. Angesichts dieser revisionistischen Stilistik-Attacke ist es natürlich auch kein Wunder, dass HipHop wieder mal mit robustem Rock vermischt wird, weißer Prollfunk den schwarzen Sprechgesang erobert und Easy Listening durch aasige Schmuseraps schlingert. Klingt nostalgisch? Stimmt! Allerdings auch sehr unterhaltsam – wenn sich ein Freundeskreis aus Bayern mit dem ulkigen Namen Zweiraumsilke im Schlamm von gestern suhlt.

 

Das elfköpfige Kombinat ums Stimmdoppel Rita Bavanati und Christian Emmel macht herrlich aufgeblähten Orchester-HipHop mit mal ernsten, mal ulkigen, aber immer sehr diskursfreudigen Texten, die dem Genre frischen Wind durch die Festivalsaison pusten. “Denn ich mach jetzt Smoothies und Wellness/ anstatt Droofies und Wellblech / tausch jetzt stressige Tage / gegen Fußreflexzonenmassage” erzählen sie E-Gitarren-flankiert und bringen damit schon im Titeltrack gut zum Ausdruck, worin angemessen linke Bands heutzutage feststecken: Alles muss nice sein, aber eben auch bedeutsam. Hergestellt vom Seeed-Produzenten Kraans de Lutin, klingt Detox nach beidem. Nur ohne Offbeats und Chartsappeal. Zum Glück.

Zweiraumsilke – Detox (Musik ist Weltsprache)

Friedrich Sunlight

Aber wenn wir schon beim Thema Retrosound sind, dann doch bitte in ultimativer, konsequenter, allerletzter Konsequenz, wie sie Friedrich Sunlight vornimmt, eine Band, die seltsamerweise auch aus Bayern stammt, ihre Nostalgie allerdings mit einer spielerischen Leichtigkeit vollführt, als gäbe es ringsum nicht überall Lederhosen und Rassismus. Wie schon auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vor knapp drei Jahren zelebriert das Quintett aus Augsburg einen Schlagerpop im Sixties-Gewand, der praktisch ohne Peinlichkeit zu Herzen geht und dort ein bisschen im Alterskonservatismus hamburgerschulgeprägter Diskurspopveteranen rührt.

Zu Kenji Kitahamas androgyn verwackelter Stimme mäandert Sag es erst morgen abermals mit grandioser Nonchalance durchs Caféhaus unserer aufgewühlten Seelen, die sich manchmal eben doch nach etwas uncooler Besinnung sehnen, ohne dafür gleich vom angesagten Hafenviertel in den Speckgürtel ziehen zu müssen. Pianogeplauder, Streicherkaskaden, Stadtfolkgitarre und ein Schlagzeug von verblüffend unaufdringlicher Dynamik machen die Reise in gedanken(nicht: sorg)losere Zeiten dabei so leicht wie einen Sommerausflug ins Grüne, der einem die inneren Akkus randvoll auffüllt. Das Gestern kann sehr angenehm nach Gegenwart klingen.

Friedrich Sunlight – Sag es erst morgen (Tapete)

Hype der Woche

Hot Chip

Und auch wenn, der Vergleich zweier Bands aus Bayern vor eher provinziellem Background mit einer der ganz großen Abräumer des globalen Pop irgendwie vermessen klingt: ihre ausgestellt arglose Aura teilen Friedrich Sunlight und Zweiraumsilke durchaus ein wenig mit Hot Chip. Gut, die fünf Londoner machen weltweit gefeierten Elektropendent der auch in siebter Studiofassung massenkompatibler ist als die zwei deutschen Bands allenfalls im eigenen Umfeld. Dennoch teilt A Bath Full Of Ecstasy (Domino) deren selbstreferenzielle Lässigkeit – dickt sie aber natürlich mit einer High-End-Produktion an, die auf jedem Dancefloor der Erde vom Kopf über den Bauch in die Beine geht und von dort aus Kauf-mich-Impuls zurück nach oben feuert. Melancholie klingt halt selten enthusiastischer als in Alexis Taylors synthiefunkumflatterten Gesang.


Nestlès Hündchen & Eichwalds Bundestag

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juni

Nein, eine Liebesbeziehung wird das so bald nicht mehr – die CDU und social media. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Attacke auf digital Eingeborene der Generation Y bis Z fleißig daran gearbeitet hatte, den Altersschnitt ihrer Wähler*innen über 70 Jahre zu hieven, begab sich Freiwilligkeitsministerin Julia Klöckner mit ihren Memes aufs selbe Niveau und brauchte 24 Stunden, um auf den Shitstorm für ihr Kuschelvideo mit Nestlé zu reagieren. Wie ein verliebter Teenager wanzt sie sich darin an den Lebensmittelkonzern heran, wofür Oli Welke die Verantwortliche in der heute-show zur wichtigsten Werbeikone nach Clementine (Ariel) und Tilly (Palmolive) erklärte.

Noch irritierender war allerdings, dass Klöckner die (wie üblich online sprachlich robuste, aber grundsätzlich berechtige) Kritik an ihrer Korrumpierbarkeit durch Renditeinteressen multinationaler Unternehmen mit Hatespeech verwechselt und allen, die nicht ihrer Meinung sind, Informations-, wenn nicht Demokratie-Defizite unterstellt. Das ist von so himmelschreiender Hilflosigkeit im Umgang mit dem, was aus Unionssicht halt immer noch „Neue Medien“ sind – man könnte diese Peinlichkeit glatt lustig finden, wäre sie nicht Ausdruck einer so tiefgreifenden Betriebsblindheit im Umgang mit den Befindlichkeiten junger Menschen.

Obwohl die Leiterin eines der wichtigsten Ressorts im Kampf gegen den Klimawandel seit zehn Jahren auf Twitter ist und dort seither nahezu 28.000 Tweets abgesetzt hat, tickt sie also noch immer zutiefst analog und befindet sich daher geistig-moralisch auf dem Niveau der Bild-Zeitung. Die nämlich wurde vom Presserat mal wieder gerügt: wegen der Berichterstattung zum rechtsextremen Attentäter von Christchurch, dem das Springer-Organ als eines der ganz wenigen Medien in Deutschland breitenwirksame Aufmerksamkeit in Wort, Bild, Ton gewidmet hatte.

Aus diesem Grund beginnen wir die anstehenden Angebote mal mit den Wiederholungen der Woche, namentlich: Kir Royal. In Helmut Dietls alterslosem Meisterwerk ging es vor 33 Jahren schließlich auch um den Klatschreporter eines Boulevardblatts, das sich um Ethos, Moral und Nachhaltigkeit wenig schert, solange Auflage, Umsatz und Einfluss stimmen. Ab Montag um 22.45 Uhr zeigt der BR die Regenbogenschlacht von Baby Schimmerlos zum 75. Geburtstag des verstorbenen Regisseurs in drei Doppelfolgen, und abgesehen von Wählscheiben, Schulterpolstern, Messingmöbeln ist alles daran wie heute, nur ohne Internet, Klimakrise, Donald Trump.

Die Frischwoche

10. – 16. Juni

Was beide Epochen über Klöckners aasige Anbiederung hinaus verbindet, ist ein Mitglied des Bundestags, das es so nicht gibt und doch vermutlich überall: Eichwald, MdB. Vor zwei Jahren überraschte das ZDF mit einer Art Mockumentary, die den halbfiktionalen Langzeitabgeordneten einer viertelfiktionalen Kanzlerinnenpartei im Aberwitz achtelfiktionaler Tagespolitik karikiert hat. Am Freitag um 22.30 Uhr kehrt Bernhard Schütz als modernisierungsresistenter Chef seiner drei Mitarbeiter (Leon Ulrich, Lucie Heinze, Rainer Reiners) zurück, und es ist abermals von bedauernswerter Wahrhaftigkeit.

Das ließe sich natürlich auch übers Debüt im Ersten ab Dienstag (22.45 Uhr) sagen – echt gut gemeinte Idee, aber was war noch mal das Gegenteil von gut? Ohne der Plattform für Nachwuchsregisseure entweder (wie der österreichischen Landkrimi-Groteske Höhenstraße tags drauf) die Primetime zu räumen oder wenigstens mehr PR-Präsenz im Netz zu verschaffen, dürfte die Filmreihe auch 2019 unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Das gilt für Laura Lackmanns Erstlingswert Mängelexemplar um die depressive Borderlinerin Karo (Claudia Eisinger), mehr aber noch für Helene Hegemanns eigene Romanadaption Axolotl Overkill mit Jasna Fritzi Bauer als altersgerecht wildgewordenen Teenager. Da könnte man auch ein Standbild zeigen – es hätte kaum weniger Publikum.

Womit wir im Grunde beim sportlichen Highlight dieser Tage sind: Der Frauenfußball-WM, täglich in ARD oder ZDF, täglich mit Einschaltquoten, die angesichts der nachmittäglichen Anstoßzeiten wohl nur unwesentlich über denen von Warrior liegen. Und das, obwohl die US-Serie ab Samstag im Pay-TV läuft. Allerdings mit einem Thema, dem das Testosteron aus jeder Szene suppt: Martial-Arts-Kämpfer prügelt sich produziert von Bruce-Lee-Tochter, durch den amerikanischen Bürgerkrieg. Auweia. Kultivierte Ablenkungswiederholung gefällig? Etwa den Clan der Sizilianer, legendärer Heist-Movie mit Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura von 1969 (Samstag, 21.55 Uhr, ServusTV) oder – noch ‘ne Legende, nur drei Jahre älter: Steve McQueen als Nevada Smith (So, 20.15 Uhr, Arte) auf Rachefeldzug gegen fiese Cowboys von 1966.


Das Wichtigste im Leben: Vogel & Lamprecht

Normaler Wahnsinn des Lebens

Jürgen Vogel ist ein alter Hase in der obersten ersten Besetzungsriege von Film und Fernsehen, Bettina Lamprecht dagegen noch relativ neu dort, gemeinsam spielen sie nun die Eltern dreier Kinder in der fabelhaft leichtfüßigen und dennoch höchst präzisen Familienserie Das Wichtigste im Leben, mittwochs auf Vox.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Lamprecht, Herr Vogel – wenn man hinter Ihrer Familienserie Das Wichtigste im Leben ein Satzzeichen setzen würde, wäre es ein Frage- oder Ausrufezeichen?

Jürgen Vogel: Gute Frage, keine Ahnung. Aber wir beide hatten mit der Auswahl des Titels ja auch nichts zu tun. Und wenn es anders gewesen wäre, hätten wir ganz sicher einen anderen gewählt.

Lamprecht: Und weil der Titel außerdem ja kein Satzzeichen hat, würde ich mal denken, dass eher beide gelten.

Gibt die Serie denn Antworten darauf, was das Wichtigste im Leben sein könnte, oder stellt sie nur Fragen?

Lamprecht: Ich hoffe jedenfalls schwer, dass nicht ersteres der Fall ist. Ich finde Fragen grundsätzlich interessanter als Antworten.

Vogel: Wobei gar nicht so wichtig ist, welche Fragen es stellt oder wie klug die genau sind, sondern ob sie dem Zuschauer Anregungen zum Nachdenken liefern. Und weil jede Figur unserer Serie auf der Suche nach dem jeweils besten Weg durchs Leben in einem berührenden, authentischen Tonfall erzählt wird, könnte das aus meiner Sicht auch klappen.

Lamprecht: Es geht darum, welche Rolle jeder in der Familie und darüber hinaus spielt. Wie viel Raum muss man sich selber nehmen, wie viel Raum den anderen geben? Darum geht es doch schließlich in jedem sozialen Zusammenhang.

Der sich im Fall der Familie Fankhauser mit schwer pubertierender Tochter, kleinerem Bruder und einem Adoptivkind mit abruptem Interessenswandel von Basketball zu einer völlig anderen Beschäftigung als dauerhaftes Ringen, fast schon Kämpfen um Nähe und Abgrenzung zeigt.

Lamprecht: Stimmt, Nähe und Abgrenzung bilden den Kern der Serie, aber nicht nur der Kindern, sondern auch meiner Rolle als Frau und Mutter, die nach Aufgaben außerhalb der Familie sucht, ohne sich von ihr abzugrenzen.

Vogel: Und diese Suche ist in der Tat oft ein Kampf.

Der Genrebegriff Feel Good, mit dem hierzulande Familienserien oft etikettiert werden, passt demnach nicht so richtig auf Das Wichtigste im Leben oder?

Lamprecht: Absolut, aber die offizielle Überschrift „Familiendramaserie“ trifft es irgendwie auch nicht; dafür steht das Drama nicht genug im Vordergrund.

Vogel: Für Etiketten sind aus meiner Sicht eher Kritiker wie Sie zuständig; wir sind dafür zu sehr involviert. Richtig ist aber, dass solche Serien vor zwanzig Jahren noch anders konzipiert waren. Da wurde Familie tendenziell viel eher als heile Welt erzählt. Heutzutage ist Realismus wichtiger, also die Normalität des Lebens nicht weich zu zeichnen. Das schafft definitiv mehr Identifikationsmöglichkeiten.

Lamprecht: Und genau deshalb schlagen die Amplituden wie im wahren Leben bei uns in beide Richtungen aus, also Tragödie und Komödie – weil der alltägliche Wahnsinn des Familienlebens auch in der Realität oft eine Prise Humor enthält.

Vogel: Es geht eben darum, Normalität unterhaltsam zu machen, ohne sie zu überzeichnen.

Im Laufe der Serie tauchen also nicht noch dunkle Geheimnisse und menschliche Abgründe auf?

Vogel: Nein, wir wollen den normalen Wahnsinn des Lebens so erzählen, dass er auch ohne Knalleffekte spannend ist.

Lamprecht: Am Ende der ersten Staffel löst sich schon ein geheimnisvoller Bogen auf, aber eben kein allzu ausgefallener. Es gibt also weder eine Drogenküche im Keller noch Ufos auf dem Dach. Gibt’s bei uns zuhause ja auch nicht.

Schöpfen Sie für Ihre Rollen daher auch aus eigener Familienerfahrung?

Vogel: Ich schöpfe auf der Suche nach der bestmöglichen Lösung bei jeder Rolle aus meinem eigenen Leben oder wie ich die Dinge als Schauspieler und Mensch sehe – selbst, wenn es um einen Mörder geht.

Lamprecht: Anders könnte ich gar nicht spielen. Aber bei diesen Drehbüchern war es auch leicht, an eigene Erfahrungen anzuknüpfen.

Haben Sie sich als Eltern beide denn manchmal auch wiederentdeckt in Kurt und Sandra Fankhauser, ihren Denkweisen, Alltagshandlungen, womöglich auch Verschrobenheiten?

Vogel: Ich finde Kurt besonders in seiner Verschrobenheit toll, will mich aber nicht in dieser Figur spiegeln.

Lamprecht: Ich konnte in fast jeder Szene irgendwelche privaten Gefühle oder Erlebnisse heranziehen, und hätte da entsprechend oft genauso oder genau anders reagiert als Sandra. Zum Glück geht es hier aber nicht um mein Leben.

Vogel: Über mein eigenes will ich öffentlich aber ohnehin auch gar nicht so viel preisgeben, ganz ehrlich.

Die Frage war Ihnen also zu boulevardesk?

Vogel: (lacht) mir persönlich ja.

Ist trotzdem die erlaubt, was für Sie beide das Wichtigste im Leben ist?

Vogel: Fragen darf man alles, aber schon, weil diese hier jetzt fast unvermeidbar ist, war ich so strikt gegen den Titel. Meine Antwort lautet daher: gute Verdauung.

Lamprecht: Für mich ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Dingen, und das sage ich nicht, um mich vor der Antwort zu drücken, sondern weil es die eine eben nicht gibt. Unter den vielen Faktoren, die mein Leben besser machen, ist daher natürlich auch Familie enthalten. Aber auch mein Beruf, Humor, Offenheit, Selbstreflexion – all so was ist mir wichtig.

Hatten Sie denn einen Alternativ-Titel im Kopf?

Lamprecht: Es gab sogar einen, aber der wurde verändert.