András Arató: Klubrádio & Viktor Orbán

Ich bin publizistischer Aktivist

arato

Als das „Klubrádió“ Mitte Februar seine Lizenz verlor, schien eine der letzten unabhängigen Stimmen Ungarns zu verstummen. Ein Gespräch – vorab erschienen im Medienmagazin journalist – mit Senderchef András Arató (Foto: Laszlo Balogh) über Journalismus in der Autokratie, Kontroversen in seiner Redaktion, Spenden statt Werbung und warum er trotz aller Repression keine Angst vor russischen Verhältnissen hat.

Von Jan Freitag

Freitagsmedien: András Arató, Ihr Klubrádió galt als letzter unabhängiger Radiosender Ungarns.

András Arató: Er gilt nicht nur als letzter unabhängige Radiosender, Klubrádió ist auch. Leider. Zumindest unter den redaktionell geführten. Es gibt zwar noch ein paar Online-Stationen mit jeweils ein paar Dutzend Zuhörern, aber das sind eher Radioprojekte als richtige -sender. Ich benutze übrigens nicht die Vergangenheitsform.

Also Indikativ, Klubrádió ist der letzte unabhängige Radiosender Ungarns!

Und nicht nur das. Ich betrachte unseren politisch erzwungenen Wechsel ins Internet sogar als echte Herausforderung. Zumal wir zwar durchaus klassische Radiohörer verloren haben, aber auch neue, vor allem jüngere hinzugewonnen. Und die sind sogar überaus einsatzfreudig. Wir haben gerade die erste von zwei Spendenaktionen im Jahr beendet und dabei mehr Geld als je zuvor verdient. Das Klubrádió ist also keinesfalls verstummt, im Gegenteil. Die unabhängige Stimme unseres Senders ist lauter denn je.

Aber was heißt denn „unabhängig“ in einer Autokratie?

Zunächst mal sind wir institutionell unabhängig, gehören uns demnach selbst und keiner Partei oder sonstigen Einrichtung. Das gilt also auch für George Soros (lacht), weswegen weder wir ihn unterstützen noch umgekehrt – obwohl uns das finanziell bestimmt sehr helfen würde. Zum anderen gibt es aber auch keinen Großsponsor oder Mäzen, der Wünsche über Inhalt und Ausrichtung äußern könnte. Da sich die Zahl der aktiven Unterstützter zwischen 10.000 und 20.000 bewegt, verteilet sich die Abhängigkeit daher auf viele, statt nur wenigen. Und drittens sagt auch unter den Mitarbeitern niemand dem anderen, was er zu denken oder zu sagen habe.

Trotzdem gibt es aber redaktionelle Linien.

Die sich allerdings von selbst ergeben. Denn natürlich sind alle im Team liberale Demokraten, also das genaue Gegenteil der aktuellen Regierung, die beide Begriffe missbräuchlich für sich vereinnahmt. Über diese Linien herrscht bei uns absoluter Konsens, auch wenn wir übers Programm im Einzelnen durchaus unterschiedlicher Meinung sind.

An welchem Punkt zum Beispiel?

Ein guter wäre Jobbik.

Einer Oppositionspartei, die einst sogar noch rechts von Viktor Orbans Fidesz stand.

Auch wenn sie behauptet, sich diesbezüglich verändert zu haben, fehlt mir bis heute der Beweis, dass sie politisch woanders stehen als 2014. Als es unlängst eine regionale Nachwahl gab, kam der einzige Gegenkandidat zur Fidesz-Partei von Jobbik, vertreten durch einen Politiker, der kurz zuvor noch heftig gegen Juden, Sinti, Flüchtlinge gehetzt hatte. Obwohl das alle Mitglieder unserer Redaktion scharf verurteilen, gab es einige, die ihn dennoch zu einer Diskussion beim Klubrádió einladen wollten. Ich dagegen gehörte eher zur Gruppe jener, die solche Antisemiten nicht im Haus dulden – auch, wenn er die Möglichkeit hatte, Viktor Orbán eine Wahlniederlage beibringen. Das zeigt: es gibt durchaus kontroverse Ansichten über unseren Unabhängigkeitskurs.

Bedeutet der denn automatisch, sich in Opposition zur aktuellen Regierung zu befinden?

Das ist eine gute Frage. Denn natürlich sollten unabhängige Medien als Teile des Systems der Checks & Balances auch einer schlechten Regierung gegenüber genauso neutral und objektiv bleiben wie der Opposition gegenüber. Aber als die Fidesz 2002 zuletzt abgewählt wurde, haben auch wir uns acht Jahre lang so neutral und objektiv verhalten, dass die radikalisierte Partei vor elf Jahren die Wahl gewann und seine Vormachtstellung seither massiv ausbaut. Wir versuchen also wie zuvor das Gleichgewicht zwischen journalistischer Kritik und Fundamentalopposition zu wahren, aber Viktor Orbáns Regime regiert mittlerweile derart absolutistisch, dass es zur Fundamentalopposition faktisch keine Alternative mehr gibt.

Aber wie vermeidet man in so einer Situation, unkritisch gegenüber der Opposition zu sein, also selbst zur politischen Partei zu werden?

Indem wir es einfach nicht sind (lacht). Das Klubrádió ist und bleibt jeder undemokratischen, illiberalen Tendenz gegenüber kritisch und tut das auch lautstark kund. Und weil das undemokratische, illiberale Verhalten der Fidesz längst selbst das der offen rechtsextremistischen Jobbik übertrifft, fällt es uns ungemein leicht, die meiste Kritik aufs Orbán-Regime zu konzentrieren.

Sie sagen konsequent „Regime“. Zeugt das nicht bereits von einer journalistischen Voreingenommenheit, die Viktor Orbán nur in die Karten spielt?

Nein, es drückt eine Tatsache aus. Punkt.

Aber auch wegen dieser Abwehrhaltung bezeichnet die Fidesz Sie und ihr Radio nicht als journalistisches Medium, sondern im Sinne des Gesetzes über Nichtregierungsorganisationen von 2017 als feindliche Agenten, die ihrerseits Demokratie und Rechtstaat unterwandern, ja Ungarn als Feind betrachten.

Muss ich das wirklich kommentieren? Ich bin Ungar, in Budapest geboren, leiste meinen Beitrag zum Gemeinwohl, zahle Steuern und kann das guten Gewissens für all meine Kollegen behaupten. Es ist doch offensichtlich, wie konstruiert die Vorwürfe sind, um sich damit kritischer Stimmen zu entledigen. Nur deshalb hat uns der politisch besetzte Medienrat ja die Frequenz entzogen.

Als einzigem Bewerber, wohlgemerkt.

Sehen Sie!

Sind Sie überrascht, dass mit Spirit FM stattdessen nun ein religiöser Sender, der sich vorher gar nicht beworben hatte, die Frequenz erhält?

Wenn man sieht, wie über die Verweigerung oder Verlängerung von Frequenzen entschieden wird, überrascht mich das überhaupt nicht. Die Rücknahme der zunächst verfügten Ablehnung von Spirit FM wegen formeller Mängel, das voreingenommene Verhalten der zuständigen Kammer und nicht zuletzt Gesetzesänderungen im Medienrecht, das vorläufige Frequenzvergaben erleichtern – all dies belegt doch, dass die Entscheidung für Spirit oder den Propaganda-Kanal Kvarc FM, der eine zweite vergebene Frequenz erhält, lange im Voraus getroffen wurde.

Aber verstoßen die Vergabekriterien nur gegen Gebote der Fairness oder auch gegen geltendes Recht?

Aus meiner Sicht ist der gesamte Ablauf ebenso wie das Medienrecht insgesamt illegal. Unseren Fall betrifft das schon deshalb, weil die Entscheidung für Spirit FM noch während des ungeklärten Rechtsstreits um die Rücknahme unserer Frequenz gefallen ist. Das war weder juristisch noch moralisch korrekt.

Können Sie dagegen juristisch vorgehen?

Schwierig. Weil wir nicht mehr Teil des offiziellen Vergabeprozesses sind, können wir keine einstweilige Verfügung mehr erwirken. Und da es in Ungarn mittlerweile keine unabhängigen Gerichte mehr gibt, machen wir uns auch über andere Rechtswege kaum noch Illusionen. Der Ablehnungsgrund, unser Geschäftsmodel sei inhaltlich und formell widerrechtlich, diente ja vor allem dazu, unsere Reputation auch international zu zerstören.

Mit Erfolg?

Nein, das Gegenteil ist eingetreten. Auch Ihr Interesse an einem Budapester Lokalradio, als dessen Leiter ich kürzlich sogar zu einem Gastkommentar der Süddeutschen Zeitung eingeladen wurde, zeigt aber doch, dass das Gegenteil eingetreten ist. Während das Renommee von Orbáns Regime dank solcher Rechtsbeugungen international weiter leidet, haben wir an Unterstützung, Zuhörern, sogar Einnahmen gewonnen.

In welchem Verhältnis setzen die sich aus Spenden, Werbung und Beiträgen zusammen?

Bis 2010 existierte für ungarische Medien ein konsolidierter Werbemarkt, auf dem auch wir uns finanziert haben. Weil unser Publikum mit 500.000 Zuhörern, die uns mindestens einmal pro Woche hörten – zumindest für ungarische Verhältnisse – ziemlich groß war, hatten wir entsprechende Einnahmen von rund 60 Millionen Forint im Monat.

Umgerechnet annähernd 200.000 Euro.

Innerhalb eines Jahres brach die Zahl allerdings auf gerade mal ein Zehntel dieser Summe ein. Gleich nach seiner Machtübernahme erklärte das Orbán-Regime nämlich nach und nach allen demokratischen Institutionen erst inoffiziell, später dann auch offen den Krieg. Unabhängige Medien jedoch standen von Beginn an am stärksten unter Beschuss. Und die wichtigste Waffe dafür war schon frühzeitig ökonomischer Natur. Nach kürzester Zeit wurden staatliche Stellen und ihre Wirtschaftsverbündeten die wichtigsten Akteure des Werbemarktes und trockneten oppositionelle Stimmen somit finanziell aus. Abgesehen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den das Regime bald und sehr konsequent mit Gefolgsleuten besetzte, traf es 2016 die linksliberale Népszabadság, seinerzeit Ungarns auflagenstärkste überregionale Tageszeitung.

Die kurz zuvor von einer dubiosen Holding mit Sitz auf den Seychellen und Nigeria übernommen und Richtung Pleite getrieben worden war.

Das gehört zum Prinzip. Oppositionelle Medien wurden und werden so geschwächt, dass sie leichte Ziele für Übernahmen durch Strohmänner und Mitglieder des Orbán-Clans sind, der durch staatliche Aufträge so reich geworden ist, dass er die Branche förmlich aufkaufen kann. Mit der Presse- und Medienstiftung Kesma kontrolliert Orbán mittlerweile mehr als 500 Medienunternehmen und damit praktisch die gesamte Presse.

Aber wieso ist das Klubrádió angesichts dieser politischen und wirtschaftlichen Übermacht dann noch – und sei nur digital – auf Sendung?

Ohne mich selbst loben zu wollen, habe ich einfach schon relativ früh geahnt, was nach einem Machtwechsel passieren würde. Schon vor Orbáns Wiederwahl war sein künftiges Verhalten nämlich absehbar. Ende 2009 habe ich deshalb eine Stiftungsstruktur zur Finanzierung durch Spenden ins Leben gerufen, um uns von Werbeeinnahmen unabhängiger zu machen. In einem Land, dessen zivilgesellschaftliche Tradition bis heute eher geringer ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern, war das zwar eine Lotterie, von der selbst hochgeschätzte Kollegen meinten, ich würde sie verlieren.

Aber Sie haben trotz allem gewonnen.

Mehr noch, es war fast ein Wunder! In den zehn Jahren seit Viktor Orbáns Wahlsieg, haben wir mehr als fünf Millionen Euro eingesammelt, die vollständig in Programm und Infrastruktur geflossen sind. Wir schalten zwar ab und zu noch mal Reklame, aber die meisten unserer Ausgaben sind durch Spenden gedeckt.

Und das reicht, um Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so zu bezahlen, wie vorm Verlust der Sendefrequenz?

Natürlich. Seit 2015 schreiben wir wieder einigermaßen schwarze Zahlen. Bis dahin hatten wir große finanzielle Probleme, die wir mit Krediten überbrückt haben. Aber zum Glück war der wichtigste Gläubiger ich selbst, weswegen die Vorwürfe bei der Finanzierung im Prozess der Frequenzvergabe, wir seien von irgendwelchen Banken finanziert und deshalb in Abhängigkeit fremder Mächte geraten, völliger Unsinn.

Aber was hat sich am 14. Februar, dem Tag des Frequenzentzugs, denn dann für die alltägliche Arbeit beim Klubradio geändert?

Nicht allzu viel, wir tun dasselbe wie immer. Aus zwei Gründen: zum einen, weil wir unsere Arbeit so lieben, dass wir sie unter jeder erdenklichen Bedingung ausüben würden. Zum anderen, weil wir das unseren Spendern und vor allem: dem Publikum schuldig sind. Selbst im Internet ist es schließlich so groß, dass wir zehnmal mehr Hörer haben als der Zweite unter den Top ten.

Aber spricht das nicht weniger für Sie als gegen die Medienvielfalt in Ungarn?

Absolut, und die Arbeitsbedingungen für unabhängige Recherche werden auch für uns mit jedem Tag schwieriger. Umso erstaunlicher ist es, dass sich am 15. Februar zwar unser Verbreitungsmedium, aber nicht die Reichweite geändert hat – schon, weil wir unsere Homepage in weiser Voraussicht schon 2018 so überarbeitet haben, dass sie modernen Anforderungen entspricht und dennoch dem alten Medium Radio Genüge leistet. Denn was ist Radio?

Ja was?

Ein möglichst gewissenhaft kuratiertes Informations- und Unterhaltungsmedium, das man nebenbei beim Autofahren, Essenmachen, Wäschebügeln hört und dennoch informativ unterhalten wird. Deshalb wird gutes Radio wider alle Prognosen fortbestehen. Als das Kino erfunden wurde, hieß es ja auch schon, das Theater werde sterben. Als das Fernsehen erfunden wurde, hieß es, das Kino werde sterben. Seit das Streaming erfunden wurde, heißt es nun, das Fernsehen wird sterben. Wir werden sehen, welchen Einfluss die Pandemie darauf nimmt, aber bislang ist keine Befürchtung eingetreten.

Aber trotzdem haben sich doch die Arbeitsbedingungen in dem, was Viktor Orbán „illiberale Demokratie“ nennt, geändert.

Das stimmt. Aber Klubrádió war zu jeder Zeit seit 2001 so unübersehbar und definitiv liberal, dass uns kein Vertreter des Regimes bislang nahekommen wollte. Trotzdem ist es natürlich eine Illusion, zu glauben, wir könnten einfach so nur unsere Arbeit machen. Staatliche Stellen zum Beispiel, von Regierungsvertretern ganz zu schweigen. Umso zynischer ist es, dass sich ein Fidesz-Minister kürzlich damit rühmte, in Ungarn sei noch kein Journalist wegen seiner Tätigkeit in Haft oder gar getötet worden. Aber obwohl ich selbst das bei genauerer Prüfung bezweifeln würde, sehe ich in den Augen meiner Kollegen beim Klubradio, aber auch bei unseren Zuhörern keine Angst. Im Gegenteil.

Sie befürchten also keine russischen Verhältnisse, in denen Journalistinnen und Journalisten zusehends in Lebensgefahr schweben?

Auch, wenn ich ein unverbesserlicher Idealist bin, würde ich mich nicht trauen, das Gegenteil zu behaupten. Solange Ungarn allerdings wie bisher am Tropf der Europäischen Union hängt, wird es sich diesbezüglich zurückhalten. Und es gibt auch erste Anzeichen dafür, dass die EU von ihrer Zurückhaltung in der Sanktionierung Ungarns – aber auch Polens – für die permanenten Rechtsverstöße beider Regimes langsam, aber stetig abweicht. Als ich 2012 zu einer ARD-Konferenz in Brüssel zum Thema Pressefreiheit in Europa eingeladen war, gab es dort noch praktisch keinerlei offizielle Kritik an Viktor Orbán. Mittlerweile ändert sich das langsam, obwohl es schon fast ein bisschen zu spät ist.

Nächstes Jahr finden Parlamentswahlen statt, in die Ungarns Opposition ungewohnt vereinigt zu gehen scheint. Sind Sie optimistisch, dass Viktor Orbán verlieren könnte?

Ja, das bin ich. Obwohl die Hoffnung den Glauben manchmal leicht übersteigt. Ich werde öfter gefragt, ob ich bezüglich der Zukunft Ungarns und seiner Medien optimistisch oder pessimistisch bin. Meine Antwort: weder noch. Als Pessimist verliert man nämlich schnell den Antrieb, als Optimist den Realismus. Ich bin Aktivist. Publizistischer Aktivist.

Und was macht dem nun mehr Hoffnung als Glauben?

Mehrere Regionalwahlen im Oktober 2019 zum Beispiel. Damals wurden abgesehen von Budapest gleich mehrere – nach ungarischem Maßstab – größere Städte von Oppositionellen gewonnen. Seit dieser Überraschung kann man die wachsenden Angst von Fidesz vor der nächsten Wahl förmlich riechen, andererseits aber auch den Mut ihrer Gegner, die Viktor Orbáns aggressive Politik eben nicht gespalten, sondern vereinigt und mit einer echten Chance auf Veränderung versehen hat. Das war vor drei, vier Jahren noch absolut unvorstellbar.

Das klingt so, als seien sie zuversichtlich, es könne einen politischen Regimewechsel geben. Aber sind Sie es auch bezüglich eines soziokulturellen Systemwechsels? Viktor Orbán hat Ungarns demokratische Institutionen schließlich so geschleift, dass sie auch nach seiner möglichen Abwahl rechte, reaktionäre Politik begünstigen.

Das ist eine extrem wichtige, für unsere Zukunft in Ungarn, Europa und der Welt absolut entscheidende Frage. Wenn ich diesbezüglich von einer Revolution spreche, meine ich also keine brennenden Barrikaden, die ich mir auf keinen Fall wünschen möchte. Das ungarische System ist jedoch so verkrustet, dass es schon ein revolutionärer Ansatz ist, die Medien- und Steuergesetze so zu reformieren, dass sie nicht ausschließlich den Macht- und Finanzinteressen einer korrupten Clique dienen. Insofern vergleiche ich diesen Prozess mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Länder wie Ungarn, aber auch Deutschland kein Fundament mehr hatten, auf dem sich ein Reformprozess hätte ereignen können. Das System musste also vollständig geändert werden.

Ungarns Situation 2021 gleicht aus Ihrer Sicht der von 1945?

In abgeschwächter Form natürlich, aber ja. Erst kürzlich hat unser Außenminister allen Ernstes die gesamte europäische Presse ohne Ausnahme als Lügner bezeichnet. Also nicht irgendwer, sondern der Führer des diplomatischen Corps! Das gab es nicht mal in den Dreißigerjahren. Oder nehmen Sie den ungarischen Oberstaatsanwalt, ein treuer Orbán-Soldat. Seine Entscheidungen können nur mit Zweidrittelmehrheit im Parlament überstimmt werden. Eine demokratisch nicht legitimierte, rein exekutive Machtfülle wie diese muss jede Opposition auf legalem Wege beseitigen, sonst würde sie dafür sorgen, dass sich der Horror des Orbán-Regimes auch nach einer Wahlniederlage in kürzester Zeit wiederholt. Von daher zurück zu Ihrer Frage: ja, das System muss sich grundlegend ändern, sondern ist ein Regierungswechsel nicht von Dauer.

Glauben Sie daran, dass ein Regierungswechsel in absehbarer Zeit auch die verloren gegangene Pressefreiheit wiederherstellen könnte?

Wenn ich es nicht täte, wäre ich hier am falschen Platz, oder? Aber machen wir uns nichts vor: es wird ein harter, ein langer Weg. Denn ich weiß nicht, wie viele Ungarn sich darüber noch im Klaren sind, wie wichtig die Freiheit der Presse für die Freiheit der Menschen ist. Diese Unwissenheit gefördert zu haben, ist einer der großen, langfristigen Erfolge von Viktor Orbáns Politik. Deshalb hat er die freie Presse schon so früh attackiert. Und deshalb braucht sie so viel Solidarität und Hilfe und Expertise von außen – auch aus Deutschland.

Wie lautet da dann Ihre Prognose fürs Klubrádó: Werden Sie irgendwann wieder ein gewöhnlicher Sender mit regulärer Frequenz und Werbeeinnahmen zur Finanzierung sein?

Diese Hoffnung haben wir nie aufgegeben. Nie. Genau deshalb klagen wir ab Freitag schließlich vorm Verfassungsgericht dagegen, dass unsere Lizenz – und zwar erkennbar rechtswidrig – aufgehoben wurde. Weil selbst Ungarns höchste Gerichte mittlerweile von Orbáns Leuten besetzt sind, machen wir uns zwar nicht allzu viele Hoffnungen auf Gerechtigkeit. Aber wir gehen diesen Weg weiter und klagen eine Woche später auch gegen die Entscheidung eines Budapester Gerichtes, das den Lizenzentzug bestätigt hat. Und wenn es sein muss, gehen wir vor den Europäischen Gerichtshof – koste es, was es wolle. Aber wichtiger als der juristische Kampf ist und bleibt für uns der journalistische.


Reichelts Leiste & Jasnas Tatort

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Mai

Ach Julian, armes Alphatier – hat dich schon wieder eine Praktikantin in der Bild-Besenkammer abgewiesen? War dein rohes Stück Frühstücksfleisch nicht blutig genug? Macht dir der Haarausfall doch mehr zu schaffen als dieses dauernde Ziehen im Leistenbereich? Der profilneurotischste Chefredakteur auf dem Boulevard reaktionärer Emanzipationsopfer kann zwar tüchtig austeilen, aber einstecken? Da kriegt Don Reichelt Blähungen, die ihn direkt zum Hamburger Landgericht flatuliert haben, wo er gegen einen Spiegel-Artikel mit dem sehr glaubhaften Titel „Vögeln, fördern, feuern“ vorgegangen ist. Mit Erfolg.

So scheint es.

Denn zwei Monate, nachdem das Magazin Reichelts misogynes Machtgehabe publik machte, verhängten die Richter eine einstweilige Verfügung gegen den Verlag. Allerdings nicht, weil die Vorwürfe im Artikel falsch seien, sondern weil Reichelt eigene Presseabteilung ihn nicht rechtzeitig über die Interview-Anfrage des Spiegels informiert hatte. Dazu sei kurz mal an Christian Drosten erinnert, dem die Bild Mitte 2020 ganze 60 Minuten Zeit gegeben hatte, um sich zu einer fingierten Corona-Kampagne zu äußern. Bei der Spiegel-Anfrage an Reichelt waren es Tage.

Jahre gedauert haben zwei Prozesse, die seriösere Journalisten als Springers Schlüpferstürmer betrifft. Zum einen beteiligt Mark Zuckerbergs neues Nachrichtenportal Facebook-News Urheber*innen fortan an der Verbreitung ihrer kreativen Werke mit einem niedrigen Milliardenbetrag, verteilt über mehrere Jahre. Zum anderen erlaubt es die Urheberrechtsreform fortan, eben jene Werke ungefragt, vor allem aber kostenlos in Teilen zu verwenden, sofern es sich nur um Bruchstücke handelt. Ersteres ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, letzteres ein Schlag ins Gesicht, beides behandelt Künstler*innen aller Gewerke wie Rohstoffminen einer renditeorientierten Verwertungslogik.

Die Wut darüber kann nur in Revolte oder Eskapismus münden. Wir wählen hier kurz mal den Fluchtinstinkt und wundern uns darüber, dass die ARD mit ihrem Primetime-Ausflug des Großstadtreviers am vorigen Mittwoch fast sieben Millionen Zuschauer erreicht hat. Dieses Niveau erreichen fiktional eigentlich nur noch Tatorte wie jener, der nun Premiere feiert.

Die Frischwoche

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24. – 30. Mai

Heute betreten Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim, Luise Wolfram Bremen und setzen damit – im Gegensatz zum Polizeiruf, der sein 50-jähriges Jubiläum am Sonntag ausgerechnet mit den hervorragenden, aber doch schon recht alten weißen Schauspielerin Peter Schneider und Peter Kurth in Halle feiert – den Trend junger Teams fort. Wenngleich dieses hier im Premierenfall Neugeboren am Bremer Brennpunkt etwas zu eifrig seine Marotten pflegt. Man könnte also ersatzweise einen Sat1-Film empfehlen.

In Sönke Wortmanns Komödie Der Vorname streiten sich zwei Paare darum, ob man ein Kind im 21. Jahrhundert Adolf nennen darf. Zurück zur ARD: da startet Dienstag (22.50 Uhr) das FilmDebüt im Ersten mit Andreas Döhlers Milieustudie Die Einzelteile der Liebe um getrennte Eltern (Birte Schnöink und Ole Lagerpusch) und ihren Versuch, sich fürs Glück der Kinder zusammenzuraufen. Ums eigene Glück geht es Samstag in der 2. Staffel von Maria Furtwänglers Fahrschulkomödie Ausgebremst, allerdings nur in der Mediathek. Also dort, wo Arte tags zuvor BeTipul zeigt, das israelische Original der Psychiater-Serie In Therapie.

Parallel dazu startet bei Amazon die Young-Adult-Serie Panic um tödliche Mutproben als Zugangsticket zu einer dystopischen Zukunftsgegenwart. Donnerstag dann kehren fünf von sechs Hauptdarstellern der hedonistischen 90er-Prokrastination Friends bei Sky zurück. Und Disney+ hat zwei Neustarts im Programm: Die 2. Staffel der Homevideo-Kollage Launchpad und die 1. von Rebel mit der früheren Ich-heirate-eine-Familienmutter Katey Segal als eine Art Erin Brokovich, bevor dem Portal am Samstag Erstaunliches gelingt: Im Prequel zum Klassiker 101 Dalmatiner spielt Emma Stone die boshafte Modequeen Cruella als junge Frau im Kampf mit Emma Thompson als ebenso böse Kollegin. Und das ist für Disney-Verhältnisse fast schon tiefgründig.


Özgür Yıldırım: 4 Blocks, Para & Dulsberg

Ego klingt immer so negativ

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Mit Para hat Özgür Yıldırım (Foto: Jens Mackeldey) nach 4 Blocks die nächste große Brennpunkt-Serie gedreht. Unterschied: Bei TNT sind junge Frauen die Hauptfiguren. Ein Gespräch mit dem 41-jährigen Berliner aus Hamburg über Gastarbeiterkinder, Milieustudien, Glaubwürdigkeit und warum sein Weg vom Horror- zum Gangsterfilm führte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Özgür Yıldırım, Sie sind im Hamburger Stadtteil Dulsberg aufgewachsen.

Özgür Yıldırım: Ja, inklusive Schule, Abi, Zivildienst in einer Dialysestation, aber dann bin ich von dort weggezogen.

War das damals schon oder noch ein sozialer Brennpunkt?

So nannte man das zwar noch nicht, aber es war auf jeden Fall ein heißes Pflaster. In meiner Jugend galt Dulsberg als sozial schwächster Stadtteil Hamburgs, bis es im neuen Jahrtausend massiv renoviert wurde und den schlechten Ruf ziemlich verloren hat.

Gibt es dort trotzdem noch Frauen wie Hajra, Jazz, Fanta und Rasaq, die Hauptfiguren Ihrer neuen Serie Para?

Keine Ahnung, aber in den Neunzigern gab es sie, auch wenn meine ersten Freundinnen keine Hajra oder Jazz waren. Trotzdem wusste ich, wie tough Frauen in meinem Umfeld sein konnten. Bei mir nebenan haben zwei davon einer Mitschülerin mal den Arm gebrochen. Ohne soziale Medien wurde das zwar anders verbreitet als heute, aber Mund zu Mund hat es doch die Runde gemacht.

Und wurde in Brennpunkt-Formaten wie Chiko, 4 Blocks oder Para verarbeitet?

Verarbeiten klingt nach Psychotherapie, aber diese Welten meine ich so gut zu kennen, dass ich mir auch als Filmemacher ein authentisches Bild davon machen und das Gefühl dafür zum Ausdruck bringen kann. Mit meiner Backstory fällt mir das womöglich leichter als Regisseuren, die von außen draufblicken.

Zumal als Gastarbeiterkind, dessen Eltern aus der Türkei ausgewandert sind.

Mein Vater war nachts Taxifahrer und tagsüber bei der Post, meine Mutter Schneiderin, und unsere Wohnung hatte 50 Quadratmeter – das war meine Realität, sie fand aber im Fernsehen praktisch überhaupt nicht statt. Manchmal kamen im Großstadtrevier Gangster mit hörbar geschriebenen Lines vor. Es hat mich schon als Kind gestört, dass diese Menschen im Film anders reden als in der Realität.

Und haben es deshalb besser gemacht?

Na ja, zunächst habe ich Horrorstorys geschrieben, mit zehn, elf Jahren. Kurzgeschichten, die ich sogar in einen Sammelband verlegen durfte. Für die 12.000 Mark Eigenbeteiligung an den Verlag musste mein Vater einen Kredit aufnehmen.

Hat sich das ausgezahlt?

Höchstens langfristig. Von den Büchern wurden nicht viele verkauft. Ich hab‘ hier sogar noch einige hier rumstehen. Inhaltlich haben die ohnehin wenig mit meinem Alltag zu tun, aber sie bilden eine Klammer zu Para. Denn wie HipHop kamen auch Horrorfilme fast ausschließlich aus dem Ausland; jetzt hören die Kids fast nur deutschen Rap, und deutsche Serien werden immer anschaulicher. Unsere Popkultur ist so selbstbewusst, dass neben Gangsta-Rap auch Gangster-Serien wie 4 Blocks hochwertig und glaubhaft sind.

Erfordert diese Glaubwürdigkeit, dass der Filmemacher aus demselben Kiez kommt wie die Protagonisten oder kann man sich das auch aneignen?

Hängt vom Anspruch ab. Wenn es um Authentizität geht, ist es von großem Vorteil, das Milieu aus eigener Erfahrung zu kennen; das gilt allerdings auch, wenn man was über Landwirte oder Banker macht. Wenn ich das versuche, muss der Film nicht schlechter sein. Man würde ihm aber anmerken, dass ich nicht aus der Welt herausschaue, sondern auf sie drauf. Chiko hat 2008 auch deshalb so gut funktioniert, weil das Publikum meine Vertrautheit mit der Gegend gespürt haben, das hat sich einfach nicht so unecht angefühlt.

So unecht wie kurze Abstecher des Tatorts nach Wedding oder Dulsberg?

Genau. Lebensgefühl ist unerlässlich für die Figuren in Chiko oder 4 Blocks. Und so brutal, oft unmenschlich sie mit Abstrichen auch in Para agieren: es sind echte Geschichten echter Menschen aus echten Welten heraus.

Auch Hajra, Jazz, Fanta und Rasaq sind also keine bürgerlichen Projektionen, sondern echter Brennpunkt?

Die gibt‘s genauso im Wedding. Wobei wir nicht 4 Blocks mit bösen Mädchen statt bösen Jungs erzählen. Für testosterongesteuerte Menschen im Publikum könnte Para also zu wenig Gangsta sein. Die vier kommen zwar aus der Gegend, wollen aber keinen Bezirk kontrollieren, sondern ein kleines Stück vom Luxus der Reichen im Grunewald, mehr nicht. Deshalb ist die Atmosphäre auch weniger gewalttätig und düster. Der Wedding ist eben nicht nur Männergewalt wie in „4 Blocks“, sondern auch Frauenalltag wie in Para.

Kann man den Darstellerinnen die impulsive Sprache der Straße überhaupt Wort für Wort ins Drehbuch schreiben oder ist das alles Improvisation?

(lacht) Ich arbeite seit Chiko ähnlich. Ob mit Wotan Wilke Möhring beim Tatort oder Kida Khodr Ramadan in 4 Blocks: um sie wirklich zu verstehen, führe ich unendlich viele Gespräche über jede einzelne Figur jeder einzelnen Szene. Und wenn wir uns darüber im Klaren sind, schmeiße ich die Darsteller mit Stichworten in die Szene und schaue, was passiert.

Texte sind also nur Orientierungshilfen?

Texte sind Texte. Alles andere wäre respektlos den Autoren gegenüber. Aber Regieanweisungen, wo genau wer wann zu stehen oder gehen hat, vermeide ich seit jeher. Die Intensität der Worte entsteht durch die Art der Umsetzung. Ego klingt immer so negativ, aber es muss bei jedem Charakter mitschwingen. So tasten sich Darsteller und Drehbuch aneinander ran. Ich bin kein technischer Regisseur, der den Leuten bloß Vorschriften macht, das hat mir zu wenig Seele. Mein Prinzip heißt Gruppendynamik.

Sehen Sie es als Zuschauer Filmen an, ob sie gruppendynamisch oder vorschriftsmäßig entstanden sind?

Würde ich mal behaupten. Ich mache das seit mittlerweile 13 Jahren professionell, da entwickelt man ein Gespür dafür, ob jemand wirklich mit den Schauspielern arbeitet. Meine jedenfalls bedanken sich öfter bei mir, endlich mal nichts aufsagen zu müssen. Nichts ist schlimmer als gute Schauspieler, die hölzern wirken.

Heißt das, wortgetreu aufgesagter Text sorgt automatisch für schlechtere Filme?

Nein! Natürlich können gescriptete Serien und Filme großartig sein – sofern sie einen stilistischen Ansatz verfolgen. Wenn ich mein DVD-Regal hier durchsehe, sind tolle Sachen dabei.

Was sehen Sie denn?

Mal schauen. Nightcrawler von Dan Gilroy oder noch Nicolas Winding Refns Drive. Der hat definitiv nicht den Anspruch, authentisch zu sein. Wer wie ich diesen Anspruch hat, sollte dagegen nicht nach Punkt und Komma arbeiten.

Könnten Sie sich als Regisseur, der mit maximal artifiziellem Horrorfilm begonnen hat und jetzt maximal authentische Milieustudien dreht, einen maximal authentischen Horrorfilm vorstellen?

(lacht) wer weiß. Man entwickelt sich ja weiter und kriegt das Bedürfnis, sich nicht ständig zu wiederholen. Da ist Para trotz des gleichen Milieus wie 4 Blocks aber schon deshalb ein neuer Schritt, weil ich erstmals weibliche Protagonisten in den Vordergrund stelle. Und diese Runde musste ich dringend drehen.


Neubauers Maaßen & Winslets Mare

Die Gebrauchtwoche

TV

10. – 16. Mai

Also nee, also wirklich, also ehrlich – für Armin Laschet, das wissen wir seit Luisa Neubauers Schnellfeuerattacke gegen sein innerparteiliches Problemkind Hans-Georg Maaßen bei Anne Will am Sonntag voriger Woche, ist es so weit okay, dass der rechtsradikale Exverfassungsschützer mit Hetzjagdexpertise zwar „rassistische, identitäre und wissenschaftsleugnerische Inhalte“ verbreiten half, aber antisemitisch – neinneinnein, das gehe nun aber wirklich noch weiter als die Kritik des Tagesspiegels an #allesdichtmachen, für das sich die Zeitung allen Ernstes entschuldigen musste.

Ungeachtet der Tatsache, dass Maaßens Agenda der AfD näher ist als seiner offiziell eigenen Partei, abgesehen auch vom Umstand, dass sich Neubauers Vorwürfe leicht erhärten lassen, und obendrein beiseitegelassen, dass Anne Will kurz darauf einen Tweet dazu löschen ließ, von dem niemand so recht weiß, was drinstand: die Mediendebatte war nicht nur drollig; während der frisch entflammte israelisch-palästinensische Konflikt aus 80 Millionen Bundestrainern 80 Millionen Nahost-Experten machte, erstickte sie auch den allgegenwärtigen Kuschelkurs mit Annalena Baerbock.

Die wird ja plötzlich sogar für Boris Palmers Kuschelkurs mit Hans-Georg Maaßen verantwortlich gemacht. Womöglich wäre der grünen Kanzlerkandidatin also nicht mal mehr bei ProSieben applaudiert worden, wo Linda Zervakis und Louis Klamroth drei Wochen nach der Plauderei von Katrin Bauerfeind und Tilo Mischke am Mittwoch den sozialdemokratischen, nicht lachen: Kanzlerkandidaten Olaf Scholz eingekeilt haben. So viel Journalismus beim Entertainmentkanal, der immer noch ein Wahrnehmungsproblem hat.

Sonst hätte die beispiellose #MeToo-Aktion Joko und Klaas LIVE – Männerwelten nicht den Grimme-Preis für Unterhaltung, sondern Information erhalten, wo sie hingehört. RTL übrigens ging bei der Verkündung wie so oft leer aus. Und dessen neueste Spielshow Murmel Mania, bei dem die Privatfernsehfossile Marijke Amado, Harry Wijnvoord und Ingolf Lück seit Dienstag Glaskugeln rollen wie 1955 auf dem Schulhof, dürfte daran 2022 nichts ändern. Topquoten gab es dafür trotzdem.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

17. – 23. Mai

Also das Gegenteil dessen, was die Free-TV-Premiere von Nora Fingscheidts Systemsprenger heute Abend im ZDF erzielen dürfte. Das öffentlich-rechtliche Kernpublikum 95+ schaut um 20.15 Uhr halt lieber drollige Tierdokus wie Der kleine Held vom Hamsterrad, parallel im Ersten, als Filme über ungehorsame Kinder. Richtig abgehen dürfte dagegen die Quote des Primetime-Ausflugs vom Großstadtrevier am Mittwoch und natürlich tags drauf der nächste Reiseinsatz deutscher Kommissare, diesmal im Masuren-Krimi mit Claudia Eisinger und Sebastian Hülk als Exil-Cops in Polen.

Ansonsten aber bleibt Belgien der heißeste Tatort. Am Freitag zeigt Neo alle acht Folgen der hochinteressanten Raubzug-Serie The Bank Hackers am Stück, Sonntag begrüßt das Erste dann die Nachwuchskommissarin Sophie Cross zur dreiteiligen Tätersuche. Und damit ist aber auch gut mit linearer Kriminalität. Die gestreamte ist nämlich hundertmal besser. Zumindest im Fall der Sky-Serie Mare of Easttown. Ab Freitag mag Kate Winslet als Vorstadt-Detective zwar sieben Teile lang Frauenmorde aufklären; das Gesellschaftsporträt dahinter jedoch stellt deutsche Krimis so in den Schatten, als herrschte hier dunkelste Nacht.

Der Rest daher in Kürze: morgen schon versinkt Staffel 2 des Politdramas City on a Hill mit Kevin Bacon noch tiefer im Sumpf von Boston. Mittwoch erklärt uns Apple+ 1971 – Das Jahr, in dem Musik alles veränderte, ab Freitag erleben wir P!NK im Konzertfilm All I Know, auf Amazon-Prime. Und wem das alles zu realistisch ist, könnte sich parallel dazu auf Netflix Army of the Dead ansehen, wo Zombies Bankräuber sind. Vermutlich realistischer als der Masuren-Krimi.


Maurice Summen, Buben im Pelz, St. Vincent

Maurice Summen

Es ist Zeit, Maurice Summen Dankeschön zu sagen. Dankeschön für dein wunderbares Label Staatsakt, das progressiver Popmusik aus Deutschland seit langem ein traurig schönes Schaufenster bietet. Danke für deine Hausband Die Türen, deine Radioshow Die Sendung, all den Einsatz für hintersinnige Nischenkultur also, der du seit zwei Jahrzehnten Beine machst. Zugegeben, am Anfang einer Kritik so lobzuhudeln, klingt leicht ranschmeißerisch, muss aber sein. Denn für den Einstieg in dein neues Soloalbum gibt es nur zwei Worte: Fick dich!

Denn so hintersinnig Summens rockelektronischer Eklektizismus durch Paypalpop schimmert: wie er seine Kreativität hier immer und immer und immer wieder mit Autotune verkleistert, ist nicht originell, ist nicht interessant, ist schon ganz und gar nicht ironisch, sondern einfach nur Bullshit. Vor allem aber beraubt es der anderen Hälfte dieser vielfältigen Platte ihrer diskursiven Wucht und sorgt bei seiner eigenen Altersgruppe für etwas fast schon verwerfliches: sich greisenhaft zu fühlen. Trotzdem schönes Album. Trotzdem scheiße.

Maurice Summen – Paypalpop (Staatsakt)

Die Buben im Pelz

Was soll man machen – Prinzipien reiten? Korinthen kacken? Sich selbst verleugnen? Wer langsam mal die Goschen voll hat vom ewigen Zufluss österreichischer Popkulturerretter*innen, wer also auch mal scheiße finden will, was aus Wien, Graz, dem Burgenland unablässig über die Alpen nordwärts rauscht, fände bei den Buben im Pelz gute Angriffsflächen für ein wenig Austrophobie. Knarzige Schweinegitarren, gepaart mit Reval-ohne-Gesang und einem Bandnamen aus dem Hitparadeneck der NDW – alles objektiv eher Wolfgang Ambros als Bilderbuch. Aber genug gemeckert.

Denn das neue Album der sechsköpfigen Retrorockband vom Naschmarkt mag gelegentlich klingen wie besoffene Fußballfans im Bierzelt; dass Alexander Hacke ersichtlich an Geisterbahn mitgearbeitet hat, ist auch nicht ganz zu leugnen. Dank ihm stürzen ständig akustische Neubauten über den Krautflächen ein und bohren so vielgestaltig industrielle Löcher in den Wiener Schmäh, bis sich selbst das totgenudelte Bella Ciao anhört, als käme es aus dem Wutzentrum der Kapitalismuskritik.

Die Buben im Pelz – Geisterbahn (Noise Appeal Records)

Hype der Woche

St. Vincent

Wenn jemand klingt wie ein Hybrid aus Tori Amos und Lady Gaga, kann er, besser: sie nicht so viel verkehrt gemacht haben. Wobei: Dass Annie Clark alias St. Vincent überhaupt mal irgendwas falsch machen könnte, klingt ja ohnehin abwegig. Seit ihrem Debüt vor 14 Jahren hat sie Grammys verschiedenster Kategorien ergattert, bei Nirvana Kurt Cobain ersetzt, David Byrnes Horizont erweitert und vier weitere Platten aufgenommen, die Gefälligkeit struppig definieren wie kaum je ein Popstar zuvor. Jetzt also Daddy’s Home (Loma Vista). 14 Stücke, 14 Heimorgelreiseberichte. Das virile Pay Your Way in Pain fährt gleich zu Beginn nach Minneapolis, um dort mit Prince zu flirten. Das cremige Somebody Like Me klingt später wie ein Karibik-Urlaub in Detroit. Jeder Track tingelt sommerlich beschwingt durch die Orchestergräben, nimmt hier mal eine Marimba mit, dort einen Moog und vernäht alles zu melodramatisch-fröhlichen Netzwerken wie den funkig verschwitzten Titelsong, den St. Vincent zum schlechteren Verständnis scheinbar durch Quark gezogen hat. Wackelpuddingpop. Lecker.


Lisa Bitter: Schlafschafe & Beischläfer

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Irgendwann hilft nur noch Abgrenzung

In der Neo-Serie Schlafschafe spielt Tatort-Kommissarin Lisa Bitter (36) eine Frau, die zur Verschwörungsideologin wird und damit ihre Familie zu zerstören droht. Ein Gespräch über Querdenker und Schmerzgrenzen, Cobra 11, Instant-Dramas oder wie es ist, in der Pandemie die Pandemie zu spielen

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Lisa Bitter, in der Neo-Serie Schlafschafe spielen Sie eine Frau, die während der Pandemie tief ins Querdenker-Milieu abgleitet. Kennen Sie solche Menschen persönlich?

Lisa Bitter: In meinem engeren Umfeld hat sich glücklicherweise niemand in dieser Weise radikalisiert. Darüber hinaus höre ich natürlich schon von Freundschaften, die zerbrochen sind oder Paaren, die sich trennen. Weil ich selbst keine Kinder habe, kriege ich zum Beispiel das in der Serie aufgegriffene Thema Maskenverweigerung in Kita oder Schule nicht so hautnah mit.

Wie würden Sie denn damit umgehen, wenn Ihr eigener Mann anfinge, Masken zu perforieren und Rauchmelder abzunehmen?

Ich würde vermutlich wie Lars bei Melanie im umgekehrten Fall versuchen, ihn mit allen Mitteln auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen oder zumindest im Gespräch zu bleiben. Ab einem bestimmten Punkt scheint mir das allerdings unmöglich. Eine Erkenntnis dieser Arbeit ist, dass Querdenker demokratische Spielregeln von Information und Teilhabe, auf die wir uns in einer funktionierenden Demokratie geeinigt haben, so ad absurdum führen, dass echter Austausch unmöglich wird.

Weil Gegenargumente nur als Indizien der jeweiligen Blindheit gelten?

Genau. Das macht dieses Dilemma schier unauflösbar und so dramatisch, weil die Gefahr, Menschen zu verlieren, die man liebt, gewaltig ist. Da hilft irgendwann nur noch Abgrenzung.

Grenzen Sie sich auch von 53 Kollegen und Kolleginnen ab, die unter #allesdichtmachen Figuren wie Lars und Sie als „Schlafschafe“ bezeichnen, Medien als gleichgeschaltet kritisieren und Lockdowns als übertrieben?

Ich distanziere mich von Haltungen, die zur Spaltung der Gesellschaft beitragen und empfinde die gesamtgesellschaftliche Stimmung da als sehr angespannt. Umso wichtiger erscheint es mir, mit Bedacht und Feinfühligkeit in die Kommunikation zu gehen.

Geht dieser Vorwurf auch an Ihre Kollegin Ulrike Folkerts vom Ludwigshafener Tatort, die anfangs auch mitgemacht hat?

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Bietet die Serie denn Strategien im Umgang mit Querdenkern an oder ist sie so fatalistisch, wie Sie gerade klingen?

Ich glaube, die Serie will nur abbilden, was in dieser Konfliktsituation passieren kann und wie schwer es ist, sich daraus einvernehmlich zu befreien. Kompliziert wird es für Leute wie Lars ja, weil sich Melanie aus einem Gefühl von Angst und Sorge auch um ihr Kind auf den Weg ins Dunkel macht; diese Ängste kann man ja nicht ignorieren. Ebenso wenig wie das Bedürfnis, auf Fragen einer komplizierter werdenden Welt simple Antworten zu suchen. Darin steckt ja das Perfide der Verschwörungsideologie, die zugleich für systematische Immunisierung gegen vielschichtige Betrachtungen sorgt.

Hat Ihre Figur demnach die Opfer- oder Täter-Funktion der Serie?

Verglichen mit Lars, der vor allem reagiert, ist sie in jedem Fall die Tätige im Sinne von Handeln. Wobei die meisten Verschwörungsgläubigen sich anfangs vermutlich in einer Opferrolle sehen, aus der sie sich befreien wollen. Eine gewisse Ohnmacht der sie scheinbar ausgeliefert sind. Der „Befreiungsakt“ und die Radikalisierung lässt sie dann eventuell zu Tätern werden.

Wie hat es sich für Sie denn angefühlt, das zu spielen – eher gut oder eher böse?

Mit dieser Form von Wertung tue ich mich als Schauspielerin generell schwer; schon, weil interessante Rollen nur selten das eine oder das andere sind. Da ich als „Tatort“-Kommissarin seltener mit dem Bösen assoziiert werde, habe ich mich unglaublich auf diese Figur gefreut, aber eher, weil ich ihre Denk- und Handlungsweise privat so ablehne. Trotzdem hatte ich bei ihrer Ausgestaltung kein Gefühl von gut oder böse, eher von stringent und logisch. Ich versuche meine Rollen nicht zu werten, sondern glaubhaft zu machen.

Wie war es denn dabei, in der Pandemie die Pandemie zu spielen?

Sehr befriedigend. Einen Themenkomplex von dieser aktuellen Relevanz habe ich zuvor noch nie gedreht. Oft war es so, dass die Nachrichtenlage vom Vortag morgens direkt in die Arbeit eingeflossen ist. Weil jeder eine Haltung dazu hatte, herrschte bei allen Beteiligten besondere Aufmerksamkeit für diese Art „Instant Fiction“, wie sie das ZDF nennt. So nah am Thema zu sein, finde ich toll, das darf sich gern wiederholen.

Glauben Sie, die Echtzeit-Verarbeitung der Realität macht Schule und wir sehen nach der Pandemie mehr Instant Fiction?

Das wäre doch mal ein cooles Überbleibsel einer Zeit, in der ich ständig denke, das Gröbste sei jetzt aber mal überstanden und alles wird besser, nur um sofort eines Besseren belehrt und wieder enttäuscht zu werden. Wer weiß: vielleicht ist die Pandemie nie ganz weg, vielleicht bleiben uns Masken und Abstand erhalten. Warum sollte uns da nicht auch diese Art der fiktionalen Erzählung erhalten bleiben? Das empfände ich als Zugewinn.

Spielen Sie generell lieber zeitgenössischen Realismus wie Schlafschafe als heitere Belanglosigkeit wie Beischläfer?

Ich finde, alles ist auf seine Art wichtig – Leichtigkeit und Humor genau wie Wahrhaftigkeit und Ernst. Trotzdem gefällt es mir schon besonders, wenn wir zum Beispiel im Tatort reale und aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen und mit guter Unterhaltung verbinden. Man spürt regelmäßig an der Resonanz, wie viel intensiver Medien und Publikum darauf reagieren. Dennoch ist mir die Unterschiedlichkeit der Genres, mit denen ich mich beschäftigen darf, sehr willkommen.

Also auch Cobra 11, was vor zehn Jahren eher bei Ihnen vorkam als heute der Tatort Ludwigshafen oder Schlafschafe?

Ich bin jetzt seit 15 Jahren in dem Beruf und gerade am Anfang der Karriere ist es wichtig, viel zu arbeiten, um in möglichst vielen Genres Erfahrungen zu sammeln und das Handwerk zu schulen. Natürlich gibt es Formate, die einen eher künstlerisch ernähren, und solche, die es mehr finanziell tun. Diese Waagschale ist fair und völlig in Ordnung.

Aber wo wäre da denn Ihre Schmerzgrenze?

Nicht bei Cobra 11 jedenfalls. Das ist ein supererfolgreiches Format, bisschen Kindergeburtstag für Schauspieler*innen: es brennt, kracht, es knallt. Ihre Frage ist absolut berechtigt, zumal es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch einen Bildungsauftrag gibt. Dem Publikum handwerkliche, hochwertige Unterhaltung zu bieten, ist völlig okay.

Sie pflegen also keinen Dünkel gegen Trash?

Keinen. Deshalb habe ich meine Agentur mal gebeten, mir Bücher nur ohne Nennung des zugehörigen Formats und Senders zu schicken, damit ich unvoreingenommen auf den Inhalt blicke. Wobei nein sagen zu können, ein Privileg ist.

Können Sie öfter Nein sagen, seit Sie 2014 Tatort-Kommissarin geworden sind?

Definitiv. Es verbessert aber nicht nur die Verhandlungsposition, sondern sorgt in meinem unsteten Beruf auch für mehr Planungssicherheit. Wer zwei Filme dieser Größenordnung dreht, kann in der Zwischenzeit sorgsamer auswählen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Funktionieren Schauspielerinnen demnach wie Verlage, die sich literarische Perlen mit Massenware finanzieren?

Ein bisschen ist das so – obwohl ich es weniger drastisch formulieren würde. Auch in der Masse gibt es schließlich Perlen.

Zwei Tatorte im Jahr heißt dennoch: auch mal ein Studentenfilm ohne große Gage.

Sehr gerne sogar.


Bruchs Basis & Schlafschaf Lisa

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 8. Mai

Wäre Mark Zuckerberg nicht selbst eine so obskure Figur der Megaprofitmaximierung, man könnte meinen, er brächte grad Licht ins digitale Dunkel. Just nämlich, als auch seine Macht- und Geldmaschine droht, durch die geplante globale Unternehmenssteuer so etwas Bürgerliches wie Steuern zahlen, also dem Gemeinwohl dienen zu müssen, darf Facebook dem Nutzer auch weiterhin die Accounts sperren, der das mit allen Mitteln verhindern wollte. Nur um den Namen nach einer Zeit der Stille hier mal wieder hinzuschreiben: Donald Trump.

Ja, den gibt’s noch. Nur ist er eben kaum noch zu hören, seit ihm Twitter, Instagram und Facebook die Lautsprecher gekappt haben. Das dürfte Rassisten wie Jens Lehmann, den Sky dank der Beleidigung seines Moderationskollegen Dennis Aogo endlich rausgeschmissen hat, vermutlich ebenso missfallen wie Volker Bruch, der nach seiner als Meinungsbeitrag getarnten Demokratieattacke #allesdichtmachen nun folgerichtig bei der Querdenker-Partei Die Basis um Aufnahme gebeten hat. Womit ihn das größte Querdenker-Blatt im großen Bild-Interview aber nicht weiter behelligen wollte.

Derweil bejubelt Bruchs Buddy Jan Josef Liefers auf Twitter 14 Millionen Zuschauer des Tatort Münster. Schließlich hält er die Topquote für einen Beleg der bürgerlichen Akzeptanz seiner Gleichschaltungssuada und nicht das, was es eher sein dürfte: eine Art Populism Porn derer, die wissen wollten, ob sich JJLs Sicht auf Corona und Medien bei Professor Boerne wiederfindet. Tut sie nicht. Aber den neofeudalen Allwissenheitsdünkel teilen sich Figur und Darsteller schon.

Apropos Figur und Darsteller: Indem sich Billie Eilish halbnackt mit Fick-mich-Blick auf dem Vogue-Cover räkelt, schlägt die Body-Positive-Ikone all jenen Mädchen ins Gesicht, denen sie bislang das Bodyshaming austreiben konnte. Jetzt dürft ihr euch wieder schön schämen, nicht so dünn, sexy und fuckable zu sein wie euer Vorbild, liebes Click- and Pay-Vieh. Und damit wieder zurück zu Volker Bruchs Realitätsverdrehung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

10. – 15. Mai

Die nämlich erhält ab morgen bei Neo fiktionale Weihen einer Instantserie. In Schlafschafe spielt Lisa Bitter eine Mutter, die während der Pandemie sechs Teile lang tiefer in Verschwörungsideologien abdriftet, bis ihre Familie (fabelhaft: Daniel Donskoy) auch an den Lügen eines Querdenkers (auch toll: August Zirner) zerbricht. Das ist auf ähnlich beklemmend, aber natürlich nicht annähernd so opulent wie Underground Railroad.

Oscar-Gewinner Barry Jenkins (Moonlight) verwandelt Colson Whiteheads gleichnamigen Roman dabei ab Freitag auf Amazon in ein achtstündiges Epos über die amerikanische Sklaverei vor knapp 200 Jahren, das einiges über die Situation Schwarzer in den USA George Floyds und Donald Trumps erzählt. Ebenfalls von PoC auf dem Weg der Emanzipation handelt eine Starzplay-Serie, die dennoch unterschiedlicher kaum sein könnte. Ab Sonntag erzählt Run the World die Geschichte vier Schwarzer Frauen um die 30 in New York – allerdings in einem Glamour, der an Sex and the City erinnert.

Umso erstaunlicher, dass die Charaktere beim Shoppen, Ficken, Schönsein Zeit haben, Rassismus und Misogynie anzuprangern – wenngleich sehr subtil. Eher ulkig geht die TNT-Serie The Mopes ab morgen mit einem Trendthema ohne Humorlobby um. Nora Tschirner spielt eine Fleisch gewordene Depression, die im Auftrag der Abteilung für psychische Krankheiten dafür sorgt, Betroffene wie einen gescheiterten Musiker zur Leidenseinsicht, also Therapiebereitschaft zu bringen. Ästhetisch auf Wes-Anderson-Niveau, ist das fast zu grotesk, um tiefgründig zu sein. Aber eben nur fast.

Geradezu grotesk komisch ist Joseph Vilsmaiers Amazon-Komödie Der Boandlkramer ab Freitag mit Bully Herbit als Tod und Hape Kerkeling als Teufel. Bierernst dagegen bleibt das Platzangst-Drama The Woman in the Window auf Netflix, wo parallel folgendes startet: die 2. Staffel der irren Kurzfilmreihe Love, Death & Robots, der holländische Gangsterfilm Ferry mit Huub Stapel sowie die deutsche Kino-Übernahme Und morgen die ganze Welt mit Mala Emde als verliebte Linksextremistin. Kleiner Tipp am Rande: Arte zeigt Mittwoch Der unverhoffte Charme des Geldes – ein Brennpunktmärchen um den gebildeten Pierre-Paul (Alexandre Landry), der als Paketbote arbeitet – bis er an die Beute eines Millionenraubes gerät…


Andreas Spechtl: Ja, Panik & Die Gruppe

Poesie muss nicht verständlich sein

Seit ihrem Umzug nach Berlin vor 15 Jahren zählen Band Ja, Panik zu den Stars im deutschsprachigen Pop-Underground. Stets im Rampenlicht: Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist, Texter und Außenminister des notorisch schwarzgekleideten Quartetts aus dem Burgenland. Ein Interview mit dem 36-Jährigen über Popkulturepochen, seine Politisierung durch G8-Gipfel, ein Musikerleben in der Merkel-Ära und warum das erste Album seit sechs Jahren schlicht Die Gruppe heißt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Spechtl, gibt es für Musik so etwas wie Konjunkturen, also gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die sie begünstigen?

Andreas Spechtl: Ich denke schon, dass jede Zeit ihre Musik hat, aber interessanter finde ich die Frage, was zuerst da war – die Zeit oder ihre Musik. Macht Kultur Epochen oder machen Epochen Kultur?

Na, das ist ja mal ein kulturoptimistischer Ansatz zu glauben, Musik hätte die Möglichkeit, ihre Zeit zu prägen…

Ich meinte das eher im Sinne, dass die Kunst dafür geschaffen ist, Welten zu erfinden, in denen sich die Realität, wenn schon nicht verwirklicht, dann wenigstens verbildlicht. Kunst hat die Möglichkeit, ungedachte Ideen in die Welt zu setzen. Das merkt man schon daran, wie viel Underground irgendwann im Mainstream, gar in der Werbung landet. Am Ende ist es aber insofern ein Geben und Nehmen, weil man Kunst und Zeit gar nicht komplett voneinander trennen kann.

Gab es demnach gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die 2005 quasi organisch zur Gründung einer Band wie Ja, Panik geführt haben?

Die gab es bestimmt, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber wenn die Umstände so prägend wären, würden wir noch dieselbe Musik machen wie damals. Obwohl wir in Bewegung waren, aus dem Burgenland nach Wien von da aus schnell nach Berlin, ist Ja, Panik eher aus einem persönlichen Zusammenhang als äußeren Umständen entstanden. Andererseits war damals gerade Genua passiert.

Ein G8-Gipfel, der 2001 in unfassbarer Polizeigewalt gipfelte.

Damals habe ich mich überhaupt erstmals als politisches Wesen wahrgenommen.

Hat sich dieses abrupte Ende der Neunziger, deren Hedonismus in 9/11, Dotcom-Blase, Finanzkrise und Genua explodierte, also auch auf euch als Band ausgewirkt?

Wenn die gesamte künstlerische Schaffensperiode deckungsgleich mit der Ära Merkel ist, wird das wohl so sein (lacht). Die verordnete Alternativlosigkeit ihres politischen Handelns spiegelt sich als Gegenimpuls gewiss auch in Ja, Panik wieder.

Passt das neue Album Die Gruppe demnach zum Ende der Ära Merkel, das ja spätestens durch die aktuelle Nachfolgedebatte in der CDU eingeläutet wird?

Eigentlich nicht, denn die Stücke sind anders als bei den Alben zuvor über einen so langen Zeitraum hinweg entstanden, dass einige davon ungefähr so alt sind wie die laufende Legislaturperiode. Als wir dann damit ins Studio gegangen sind, hat die Pandemie zwar alles verändert. Aber weil vorher auch schon vieles im Krisenmodus war, ist das einzig neue dieses Virus, das von Populismus bis zur Krise des Gesundheitssystems alles Virulente unserer Zeit wie unterm Brennglas sichtbar macht. So läuft es auch mit Ja, Panik: Die Gruppe beschäftigt sich zwar mit den Themen ihrer Zeit, aber auch über die kann man besser sprechen, wenn sie ein wenig zurückliegen. Ich finde es grundsätzlich interessanter, wie es zu etwas kommen konnte, als wie es gerade ist.

Klingen Stücke wie Gift oder On Livestream also nur zufällig nach Pandemieverarbeitung oder sind sie tatsächlich währenddessen entstanden?

Die sind interessanterweise älter. On Livestream ist während meiner Residency in Teheran entstanden, das Goethe-Institut hatte mich zwei Monate dorthin eingeladen. Mein Leben mit Lockdowns, in denen man meistens zuhause ist – dieses Leben hatte ich seinerzeit im Iran kennengelernt. Dort passiert eigentlich alles Private daheim, die Straße ist ein feindlicher Ort. Dass das nun auch für Berlin gilt, war beim Schreiben des Songs nicht zu erwarten, zeigt aber zum einen, welche Latenz Poesie haben kann, zum anderen, dass unser Leben schnell so werden kann wie jenes im Iran, wo der Lockdown quasi ein Dauerzustand ist.

Heißt das, die Pandemie hat auch ihr Gutes, weil man das eigene Leben mal kritisch hinterfragt und mit dem Rest der Welt ins Verhältnis setzt?

Unbedingt. Was unsere Normalität von damals bedeutet, merken wir womöglich erst jetzt und werden es nochmals neu entdecken, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren. Das kann sehr erhellend sein.

Wie ist abgesehen von dieser Möglichkeit dein aktueller Seelenzustand?

Bis Ende 2020 war es für mich gar nicht so schlimm, weil ich intensiv an der neuen Platte gearbeitet habe und so gesehen im selbstverordneten Lockdown war. In der Jahreszeit bin ich eh relativ asozial, da war ich manchmal froh, mich einigeln zu können. Seit das Album fertig ist und der Platz im Kopf frei für normales Leben, schlägt sich die Pandemie aber schon auch darin nieder.

Sind eure Platten also, zurück zur Eingangsfrage, Spiegelbilder deiner inneren Verfassung oder der äußeren Umstände?

Der Grundversuch der ja, panischen Poesie war immer, die Welt durch die innere Verfassung von uns selber als kleinstem Teil darin ein bisschen besser zu verstehen. Völlig frei von den Verhältnissen über mein Gefühlsleben zu schreiben, hat mich noch nie interessiert. Ich kann mich ja nicht ohne das System denken, in dem ich lebe.

Umso erstaunlicher ist es, wie viel ihr den Zuhörer*innen abverlangt, diese Gedanken zu verstehen. Wollt ihr euer Publikum verwirren oder bin ich nur zu begriffsstutzig?

Letzteres würde ich niemandem unterstellen. Wir nehmen unsere Hörer*innen sehr ernst. Aber ich verlange von Musik, also Poesie überhaupt nicht, verständlich zu sein. Auch ich verstehe nicht alles, was ich schreibe. Auch bei anderen interessiert mich Kunst erst dann so wirklich, wenn sich ihr Sinn nicht sofort offenbart. Ich möchte nicht alles durchschauen. Die Welt hat ohnehin so viele ihrer Geheimnisse verloren, da finde ich es schön, nicht alles auf den ersten Blick zu begreifen. Entsprechend schade ist es, wenn jemand unsere Texte Wort für Wort auseinandernimmt.

Du verlierst dich also gern mal in der Schönheit der Sprache oder dem, was der HipHop Punshlines nennt?

Ich glaub jedenfalls fest an die Poesie der Schönheit. Wer sich mit einer konkreten Idee an Dinge setzt, vermittelt selbst dann Inhalte, wenn sie schwer zu begreifen sind. Das ist glaube ich das Wesen von Ästhetik.

Was sagt der maximal konkrete, gleichsam diffuse Titel „Die Gruppe“ da über den Inhalt aus?

Dass wir uns erstmal wieder darüber im Klaren werden wollten, was Ja, Panik überhaupt war, was an der Gruppe erhaltenswert, was erneuerungswürdig ist. Wir sind jetzt Ende 30. Da stellt man sich schon mal die Frage, welche Richtung unsere Existenzen nehmen. Zugleich geht der Titel über uns hinaus und stellt die Frage, wie Arbeit im Kollektiv generell funktioniert. Jeder hat seine Gruppen.

Meine Deutung war zunächst, Ja, Panik möchte sich und uns beweisen, dass sie mehr ist als Andreas Spechtl.

Das würde voraussetzen, es gäbe Klarstellungsbedarf. Ich bin nun mal eine Art Außenminister der Gruppe, darauf hätte niemand sonst Lust. Frag mal Stefan, ob er Interviews geben möchte! Der macht lieber das Cover, ein anderer die Tourposter. Ja, Panik funktionieren wie ein kleiner Staat mit Ressorts, in denen jeder seine Stärken ausspielt. Wir sind damit sehr zufrieden.


Wolfsrudelführer & Jenke.Crime

Die Gebrauchtwoche

26. April – 2. Mai

Liebe #Allesdichtmacher*innen – da euch fürs Marketing jedes Mittel recht ist, sollt ihr es kriegen. Trotz aller Stürme von links machen weiterhin die effektivste AfD-Reklame des ganzjährigen Wahlkampfes: Volker Bruch, Nina Gummich, Cem Ali Gültekin, Felix Klare, Vicky Krieps, Thorsten Merten, Maxim Mehmet, Wotan Wilke Möhring, Nina Proll, Miriam Stein, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Hanns Zischler – um nur die populärsten zu nennen. Ruhm und Ehre, wem Ruhm und Ehre gebührt…

Pasquale Aleardi dagegen, Peri Baumeister, Meret Becker, Martin Brambach, Ken Duken, Inka Friedrichs, Ulrike Folkerts, Heike Makatsch, Richy Müller, Nicholas Ofczarek, Trystan Pütter, Manuel Rubey und Kostja Uhlmann, um auch hier nur bekanntere aufzulisten, haben ihre Videos teils zerknirscht zurückgezogen. Die Wolfsrudelführer Jan Josef Liefers und Dietrich Brüggemann, wollen uns zwar weismachen, das sei allein aus Angst vorm Lynchmob linksradikaler Schlafschafe geschehen; doch wir glauben eher an Verstand, Empathie und etwas, das Mittfünzigern wie Liefers fremd ist: Selbstreflexion.

Daran dürfte sich auch nichts ändern, nur weil ihm Jan Böhmermann – Hobbysatiriker*innen aufgepasst: ironisch, statt populistisch – die Leviten liest (was man sich übrigens auch von Oli Welkes heute-show gewünscht hätte). Im Gegenteil, Liefers feuilletonistischer Deutschland-erwache-Move wurde ja noch dadurch geadelt, dass ihn Die Zeit zum Gedankenaustausch mit Jens Spahn lud und der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin idiotischerweise ein Auftragsverbot forderte. So viel Reputation für so wenig Substanz – vielleicht sollte man an dieser Stelle Corona kurz ganz leugnen, dann gibt’s womöglich ein Dinner mit Angela Merkel im Ersten.

Wobei: die erste Geige nachrichtlicher Relevanz spielt bald die Konkurrenz. Inmitten der Shitstorms um Meinungs- und Medienkorridore wurde publik, dass die Lügenpressevertreterin Linda Zervakis endlich aufgewacht ist und mit Matthias Opdenhövel zum deutschen CNN ProSieben wechselt, um dort im Herbst ein Wahlmagazin zu moderieren. Der Maskenverweigerer Volker Bruch könnte dasselbe dann ja mit dem abstandsverachtenden Dietrich Brüggemann und ihrem demokratiekritischen Spindoktor Paul Brandenburg für Jürgen Elsässers CompactMagazin machen oder gleich direkt in der AfD-Zentrale.

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Mai

Der zivilisatorische Impuls könnte nun gebieten, die Wochentipps mit Warnhinweisenzu versehen, was mit Allesdichtmachern besetzt wurde. Wir bleiben aber journalistisch und empfehlen ungeachtet aller Personalien folgendes: Jenke.Crime. Obwohl der Selbsterfahrungsreporter bei Pro7 ähnlich robust wie bei RTL die Grenzen der Objektivität übertritt, ist seine Talkshowreportage (dienstags, 20.15 Uhr) schon deshalb erhellend, weil er vier Verbrechern mit insgesamt 57 Jahren Knasterfahrung auf Augenhöhe begegnet, ohne ihre Opfer zu vergessen.

Von RTL kommt auch Eric Stehfest. Nie gehört? Null Problem! Der C-Promi war nur Fans von GZSZ oder Let’s Dance bekannt. Dann machte er seine Meth-Sucht publik. Sein Roman 9 Tage wach wurde ansehnlich für Pro7 verfilmt. Ab heute begibt er sich bei TVNow in Therapie, wobei Eric gegen Stehfest einen verblüffend reflektierten Mann Anfang 40 zeigt. Und weil es offenbar die Woche unterhaltsamer Selbstdarstellung ist: Donnerstag startet Joyn die Personality-Show Achtung, Aaron! mit einem Influencer namens Troschke.

Linear könnte man noch Goldjungs empfehlen. Als Groteske über die Insolvenz der Herstatt-Bank von 1974 getarnt, reproduziert der Mittwochsfilm aber doch nur den öffentlich-rechtlichen Drang zum Kostümfest. Origineller ist da, was öffentlich-rechtliche Mediatheken ab Freitag zeigen: die vierteilige Dramedy All You Need über schwule Millenials in Berlin (ARD) oder die heterosexuelle Sadcom Lu von Loser (ZDF), in der sich Regisseurin Alice Gruia nach eigenem Drehbuch als Schwangere mit Bindungsängsten inszeniert.

Zum Schluss drei Netflix-Streams: Mittwoch startet die vierteilige Serienkiller-Doku Sons of Sam, Donnerstag das Drama Monster! Monster? um einen Schwarzen Teenager, der zu Unrecht des Mordes beschuldigt wird, Freitag die Superheldenkinderserie Jupiter’s Legacy, begleitet von Staffel 2 der ulkigen Gamer-Comedy Mythic Quest bei Apple+.


Fernsehquerdenker & Rollergirls

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. April

Puh. Also. Hmm. Sagen wir mal, auf dem Weg vom We Love to Entertain You zum We’d like to Inform You ist noch reichlich Luft nach oben. ProSieben mag mit Jan Hofer, Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel gerade öffentlich-rechtliches Fachpersonal fürs Journalistische horten – was Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock direkt nach ihrer Nominierung am vorigen Montag im Exklusiv-Interview abverlangt haben, war – hüstel – doch eher gut gemeint als gelungen.

Natürlich kann ein bisschen frischer Wind das Info-Genre ähnlich auflockern wie Jörg Kachelmanns Blumenkohlwolken einst den Wetterbericht. Aber ob man den siegreichen Teil einer grünen Doppelspitze fragen muss, ob sie nicht im Duo mit Robert Habeck antreten wolle, ob ihr der Arsch auf Grundeis gehe und Eierstöcke vonnöten seien, vom Applaus am Ende ganz zu schweigen – nun ja… Aber wie ARZDF auf die Hoffnungsträgerin vom Trampolin reagiert haben, lässt auch nichts Gutes bezüglich der Überparteilichkeit befürchten.

Selbst Claus Kleber behandelte Baerbock so zahm, dass Caren Miosga in den Tagesthemen als einzige jenen Biss zeigte, der sie weiter östlich ins Fadenkreuz demokratiefeindlicher Regime rücken würde. Während die Pressefreiheit in Russland, Polen, Ungarn stirbt, ist diesbezüglich aber auch Deutschland abgerutscht. Für Reporter ohne Grenzen sie nur noch gut statt zufriedenstellend. Während der Journalismus vielerorts unter staatlichem Sperrfeuer steht, wird er hierzulande allerdings eher vom rechten Pöbel angegriffen.

Ach ja, und von Jan Josef Liefers. Unterm Hashtag #allesdichtmachen brachte er 52 Kolleg*innen dazu, ulkige Videos gegen die Corona-Politik zu drehen. Vorgeblich wollte der diktaturerfahrene Dresdner mit seiner „Ironie“ gegen „die Medien“ den Meinungskorridor erweitern; doch produziert vom populistisch auffälligen Konrad A. Wunder wühlen TV-Stars von Wotan Wilke Möhring bis Ulrich Tukur (weibliche von Heike Makatsch bis Ulrike Folkerts ziehen ihre Videos grad reuig zurück) so tief im Verschwörungssumpf, dass es Applaus nur von der AfD und ihrer SA aus Pegida, Querdenkern, Bild-Zeitung hagelt.

Bis auf Liefers, der sich bei 3 nach 9 zuschalten ließ und die BRD im WDR-Interview unterschwellig mit der DDR gleichsetzte, offen debattiert haben nur Gegner der Aktion wie Kida Khodr Ramadan, die meisten der Allesdichtmacher*innen allerdings ließen Presseanfragen unbeantwortet und origineller noch: ihre Kommentarspalten gesperrt. So viel zum Thema, man wolle zu einer offenen Debatte anregen.

Die Frischwoche

26. April – 2. Mai

Leider kann man sich nicht mehr wünschen, sie landen alle bei Promis unter Palmen: die heutige Fortsetzung hat Sat1 nach einer Reihe homophober Mobbing-Skandale abgesetzt. Ist eh interessanter, zeitgleich den ZDF-Film Das Versprechen zu sehen, in dem Regisseur Till Endemann gleich zwei soziokulturelle Tabuthemen behandelt: Alleinerziehende Väter und männliche Depression – beides eigentlich rein weiblich besetzt Themen, also für Schauspielerinnen wie Tanja Wedhorn.

In der zweiten Staffel Fritzie wächst das Telenovela-Pflänzchen parallel im ZDF weiter zum ernstzunehmenden Schauspielbaum heran. Jan Josef Liefers dürfte das alles zu modern sein, weshalb wir ihm hier lieber das konventionelle Vorwende-Melodram Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution empfehlen. Leicht ostalgischer Pathos – genau sein Stil. Und im Anschluss deckt sein Soulmate Maria Barth bei RTL auf.

Für Leute mit mehr Geschmack als Sendungs- und Marketingbewusstsein und gäbe es folgendes: Die spanische Magenta-Serie Alive and Kicking, in der ab Dienstag vier verhaltensauffällige Teenager aus der Psychiatrie fliehen und sich selbst entdecken. Ebenfalls im Coming-of-Age-Spektrum mit unerwartetem PoC-Faktor spielt ab Freitag die amerikanische Netflix-Serie Concrete Cowboy, bevor Neo (23.25 Uhr) den französischen Zehnteiler Derby Girl aus der französischen Rollerball-Szene zeigt. Und zwischendurch verpflanzt der Psychothriller Things Heard & Seen ein New Yorker Ehepaar am Donnerstag in ein Vorstadthäuschen, das sich als House of Horrors entpuppt – alles wie das SciFi-Stück Voyagers (Freitag, Amazon) garantiert Liefersfrei.