Leichtathletikstille & The Laundromat

Die Gebrauchtwoche

30. September – 6. Oktober

Und dann kam ein Moment bedrückender Stille, den nur die letzten Fernsehkameras erlebt haben. Hoch überm heruntergekühlten Stadion des Glutofens Doha betrat der Hochspringer Mutaz Essa Barshim die Siegerehrungstribüne, um seine frisch errungene Goldmedaille in Empfang nehmen – und wurde ungekrönt auf den Boden der Realität zurückgeholt: Das Stadion war sogar noch leerer als sonst bei einer Leichtathletik-WM, deren Übertragung sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen von solch sportfeindlichen Austragungsorten künftig zweimal überlegen sollte.

Wo sie aber nun mal schon in die Wüste sind, haben die ZDF-Reporter das Ganze sehr treffend als Farce bezeichnet und wie ihre ARD-Kollegen den Tonfall auch insgesamt angemessen angepisst gehalten. Kaum auszudenken, derlei Sportgroßereignisse würden wie die Olympischen Spiele wegen exorbitant steigender Übertragungspreise künftig nur noch bei den Privatsendern laufen. Denn bei denen würde kein Kommentator (Kommentatorinnen am Mikro sind dort abseits vom Fußball selten) würde auch nur ein abschätziges Wort übers eigene Werbepausenpremiumprodukt verlieren.

Rein journalistisch betrachtet, müsste man ProSiebenSat1 Media also nicht lange nachweinen, wenn sich die Gerüchte bestätigen, der frühere Dax-Konzern stecke wirtschaftlich in Schwierigkeiten. Medienpolitisch betrachtet allerdings bedeutet die Schieflage des jüngsten Platzhirsches am TV-Markt, der sich dank branchenfremder Vorstände zum Gemischtwarenladen verzettelt zu haben scheint, nichts Gutes für die Zukunft traditioneller Medien. Und das gilt umso mehr mit Blick auf das, was bei Axel Springer passiert. Der Mehrheitseigner KKR drillt den alten Pressekonzern gerade mit unerbittlich renditesüchtiger Strenge auf Wachstum und entlässt dafür nicht nur – vorerst – Hunderte von Mitarbeiter*inne*n, sondern kratzt auch an den Stammmarken Welt, gar Bild.

Die Frischwoche

7. – 13. Oktober

Aber gut, dem Qualitätsjournalismus wäre das gewiss eher förderlich als abträglich. Schließlich zeigt die Netflix-Produktion The Laundromat ab Freitag nach kurzer (oscarförderlicher) Kinoauswertung, wie wichtig seriöse Zeitungen fürs zivilisierte Miteinander sind. Steven Soderberghs brillante Aufarbeitung der Panama Papers mit Meryl Streep als resolutes Opfer der Reichenbereicherer Mossack/Fonseca, denen Gary Oldman und Antonio Banderas eine angemessen menschheitsverachtende Schmierigkeit verpassen, zeigt eindrücklich, was wachsame Medien wie die Süddeutsche Zeitung fürs Gemeinwohl leisten. Kleines Gadget am Rande: SZ-Reporter Bastian Obermayer hat einen kleinen Auftritt.

In der Fernsehunterhaltung jedoch sind es gerade eher neue Medien, die anspruchsvolles Programm bieten. Während das Erste sein Stammpublikum am Donnerstag um 20.15 Uhr abermals mit einer Krimireihe unterfordert, in der Lina Wendel als Die Füchsin eine Privatdetektivin mit Stasi-Vergangenheit spielt, und das Zweite am Sonntag ein Leipziger Quartett ins Meer der Ermittler wirft, liefern die Streamingdienste sehr viel besseres Entertainment. Netflix etwa Mittwoch mit der Castingshow Rhythm & Flow, in der HipHop-Stars wie Cardi B oder T.I. den nächsten Super-Rapper suchen. Oder zwei Tage später El Camino, ein Spielfilm-Spinoff von Breaking Bad, wo es um Walther Whites Partner Jesse Pinkman geht.

Die zehnte Staffel Walking Dead, ab heute auf Sky, hätte man sich zwar langsam mal sparen können. Nicht verpassen sollte man hingegen Prost Mortem, ab Mittwoch beim Spartenkanal 13th Street. Im Zentrum des deutsch-österreichischen Vierteilers steht Doris Kunstmann als Wirtin, die den mysteriösen Tod ihres Ehemanns dadurch aufklären will, alle Verdächtigen zum kollektiven Absturz in die eigene Kneipe einzuladen – und das ist dank des Ensembles von Janina Fautz bis Simon Schwarz mit viel schwarzem Humor in zwei Doppelfolgen echt sehenswert. Wenngleich auf andere Art als die Wiederholungen der Woche.

Bei denen nämlich ist Fritz Langs schwarzweißes Spätwerk Lebensgier, mit dem Fritz Lang Emile Zolas Roman Der Totschläger 1954 aus Frankreich in die USA verlegt hatte, wo Glenn Ford heute (21.45 Uhr) auf Arte zwischen die Fronten eines verfeindeten Ehepaars gerät. Zwischen ganz andere Fronten geraten Quentin Tarantinos Inglorious Basterds 15 Minuten später auf Nitro von 2009. Und der Tatort dieser Woche heißt Mein Revier (Donnerstag. 20.15 Uhr, WDR). Der zweite Fall vom misanthropischen Kommissar Faber (Jörg Hartmann) spielte 2012 im Dortmunder Zuhältermilieu.


O.T.T.O., Velvet Volume, D I I V

O.T.T.O.

Kennt noch irgendwer Franz Lambert? Mehr als 100 Platten hat er in mittlerweile 50 Jahren eingespielt, und jede davon ist ein kleines Wundwerk wortloser Redseligkeit. Legendar, wie der Hesse allein mit sich und seiner Hammondorgel Klangteppiche wob, die zu mit dem Publikum zu sprechen scheinen. Ebenso legendär ist es allerdings, wie biedermeierblöde sie dabei meist klangen. Als Messlatte für gediegen verstiegenen Instrumentalpop taugt Franz Lambert also nur bedingt. Es sei denn, er rührt noch The Alan Parsons Project mit einer Prise Air unter.

Dann nämlich klingt der Sound verstaubter Heimmorgeln mit Synthybegleitung, die unwesentlich jünger sind als Franz Lamberts Karriere, ungefähr wie das Over The Top Orchestra, kurz: O.T.T.O. Denn auf ihrem elektrisierend pulsierenden Debütalbum gleichen Namens zaubern die zwei süddeutschen Nostalgiker Alexander Arpeggio und Cid Hohner Soundgespinste aus dem Vintagepark, der schwer nach klassischer Retromusik aus der Zukunft klingt oder noch treffender: dem Soundtrack eines SciFi-B-Movies der Siebziger, zu dem sich 2019 famos swingen lässt.

O.T.T.O. – Over The Top Orchestra (bureau-b)

Velvet Volume

Von den drei Schwestern Velvet Volume gibt es dagegen von Anfang an ziemlich aufs Mett. Und das auf eine Art, die zwar ebenso wie O.T.T.O. sehr nostalgisch klingt, aber doch zwei, drei Jahrzehnte jünger. Schließlich wurzelt das Debütalbum des dänischen Trios spürbar in den Neunzigern, als Postpunk mit Grunge zu einer rabiaten Form des Alternative-Rock verschwammen, den die Riot Grrrls jener Tage um viel feministische Sozialkritik erweitert haben.

Die Special Edition von Look Look Look! inklusive zweier Bonustracks ist zwar etwas weniger politisch als ihre Vorfahrinnen von Sleater-Kinney bis Team Dresch; ihr Furor allerdings klingt ebenso virtuos wütend. Dass sich Velvet Volume dank der bauchgrummelnd verzerrten Gitarre von Sängerin Noa zu Natajas grungig verzögerten Drums spielend an den Bühnenmackern jener Tage messen lassen können, ist da schon keiner Erwähnung mehr wert. Ein virtuos ruppiges Hardcore-Album.

Velvet Volume – Look Look Look! (Network Music)

D I I V

Gleiches Zeitalter, ähnlicher Ansatz, nur von männlicher Seite: Auf ihrem mittlerweile dritten Longplayer mischen die Kalifornier D I I V flächig aufgerauten Rock mit Engelsstimmen und taugen damit exakt so zur Verstörung tradierter Stereotypen von Geschlecht und Zuschreibung wie Velvet Volume, nur halt mit mutiertem Chromosmensatz. Im Geschredder zweier Gitarren erinnert Zachary Cole Smiths Gesang schwer an Teenage Fanclub. Doch mit Referenzen allein ist D I I V nicht ausreichend beschrieben.

Dafür verschwimmen die zehn monochromen Tracks von Deceiver zu oft im Durcheinander dissonanter Töne, die bisweilen einfach nicht recht zueinander passen wollen und gerade dadurch oft hypnotische Kraft entfalten. In Stücken wie Lorelei oder Blankenship driftet der Sound dann manchmal fast ins Noisige ab, bis die Saiten schreien. Alles in allem ein Album von schiefer Geradlinigkeit, die gleichermaßen mitreißt und sediert.

D I I V – Deceiver (Cargo Records)


Extra-Ausgaben & Wende-Zeiten

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. September

Wenn die in den USA die Emmy Awards verteilt werden, ereignet sich seit 2012 das immer gleiche Spiel: Ein paar nominierte Serien und Filme aus dem englischsprachigen Raum werden für gefühlt ein paar Tausend Preise vom Hauptdarsteller bis zum künstlerischen Anspruch nominiert und am Ende gewinnt – Game of Thrones fast alles alleine. Weil das selbst bei den vergangenen drei, vier Staffeln, die das Niveau der vorherigen deutlich unterschreiten, so war, hätte es also auch am 22. September Hauptpreise hageln müssen. Tat es natürlich auch. Nur nicht so vollumfänglich wie zuletzt.

Von 32 möglichen Emmys räumte GoT also immerhin zwölf ab und war damit am erfolgreichsten. Die Konkurrenz von Chernobyl (10) über The Marvelous Mrs. Maisel (8) bis hin zu Fleabag (6) war dem Krösus allerdings dicht auf den Fersen. Das wirft die Frage auf, wer wohl nächstes Jahr abräumen wird, aber auch, warum grandiose Serien wie Bodyguard, Sharp Objects komplett leer ausgegangen sind und all die herausragenden Formate aus dem skandinavischen, französischen und dank Bad Banks diesmal ja auch deutschen Sprachraum weiterhin an der Katzentisch der International Emmys abgeschoben werden. In der globalisierten Fernsehwelt ist diese Trennung schließlich ebenso überkommen wie, sagen wir: ein klassisches Charterurlaubsunternehmen der Marke Thomas Cook

Dass es angesichts der Buchungsmöglichkeiten im Internet oder – noch viel virulenter – dem Klimawandel überhaupt noch Touristen zum Strandrösten in alle Welt geflogen hat, war demnach völlig anachronistisch. Für sämtliche Medien bis hin zur seriösen Tagesschau aber kein Grund, nicht in Extra-Ausgaben darüber zu berichten. Freilich meist ohne jeden Hinweis darauf, wie das Prinzip Bummsbomber nach Bangkok die Zukunft dieses Planeten verspielt. Da zeigt sich: Selbst noch so kritischen Medien ist ein Arbeitsplatz am Ende tausendmal mehr wert als das Menschheitsthema Klimakrise.

Die Frischwoche

30. September – 6. Oktober

Das übrigens wird nicht nur am Bildschirm, aber besonders dort derzeit von zwei anderen Sujets aus der Primetime verdrängt: Sport und Wende. Während ARD und ZDF seit Freitag bis tief in die Nacht über die Leichtathletik-WM aus Doha berichten, wo angesichts der sengenden Hitze vor gemietetem Publikum alles Mögliche, aber gewiss keine Leichtathletik-WM stattfinden sollte, begeht das Fernsehen praktisch rund um die Uhr den 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Obwohl die Privatsender kaum Sendezeit dafür verschwenden, dem Ereignis auch nur nebenbei zu gedenken, würde es an dieser Stelle zu weit gehen, alles aufzuzählen, was dazu öffentlich-rechtlich 24/7 läuft. Von daher nur eine kleine, vorwiegend fiktionale Auswahl: Mit Andreas Kleinerts eindringlicher Rückblende Palast der Gespenster und Werner Herzogs britischen Filmporträt Gorbatschow liefert wie üblich Arte am Dienstag ab 20.15 Uhr die dokumentarischen Highlights. Das Erste dagegen zeigt am Mittwoch mit Wendezeit einen deutsch-deutscher Doppelagenten-Thriller mit Petra Schmidt-Schaller in der Hauptrolle, während das ZDF tags drauf um 22 Uhr Matti Geschonneks Adaption von Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts mit Bruno Ganz als überzeugtem SED-Kader, dessen Sohn politisch unverhofft aus der Art schlägt.

Parallel dazu wiederholt 3sat erst beide Teile von Uwe Tellkamps Der Turm – die man angesichts des harten Rechtsrucks ihres Verfassers sieben Jahre später sicher mit anderen Augen sieht. Und Donnerstag laufen an gleicher Stelle alle drei Folgen Der gleiche Himmel von 2017 mit Tom Schilling als Romeo-Agent nacheinander. Großes, opulentes, topbesetztes und durchaus relevantes Geschichtsfernsehen made in germany, das bereits auf die Wiederholungen der Woche hindeutet. Zuvor aber noch drei aktuelle Tipps.

Seit kurzem glänzt Katrin Bauerfeind in Frau Jordan stellt gleich auf Joyn angenehm staubig als Gleichstellungsbeauftragte eines mittelständischen Unternehmens. Heute zeigt Arte (22.10 Uhr) Philippe Garrels schwarzweiße Hommage an den französischen Film Noir Liebhaber für einen Tag mit seiner eigenen Tochter in einer Dreiecksbeziehung zwischen ihrem Filmvater und dessen Filmfreundin. Ab morgen moderiert Jessy Wellmer um 23 Uhr gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva-Maria Lemke den neuen ARD-Talk Hier spricht Berlin. Freitag bis Samstag zeigt Neo ab 22 Uhr jeweils vier Teile der zweiten Staffel des dänischen Politthrillers Countdown Copenhagen. Und hier ist dann älteres Zeug zur guten Unterhaltung.

Montag um 0:00 Uhr (HR): Vertigo – Aus dem Reich der Toten, Hitchcocks Meisterwerk von 1958 mit James Stewart, der sich Kim Novak nach dem Ebenbild seiner verstorbenen Frau gestaltet und dabei in einen psychedelischen Strudel. Auch schon wieder 28 Jahre alt: Schtonk, (Mittwoch, 22 Uhr, Nitro), Helmut Dietls sensationelle Verballhornung der Hitler-Tagebücher von 1991 mit nahezu allem, was das Fernsehen seinerzeit an Stars aufzubieten hatte. Und unser Tatort-Tipp heißt diesmal Der tiefe Schlaf (Montag, 21.45 Uhr, HR) mit Fabian Hinrichs im einmaligen Intermezzo als Assistent von Batic und Leitmayr.


Moon Duo, Stefanie Schrank

Moon Duo

Und wenn das Leben da draußen mal wieder ruckelt und rumpelt, wenn die Welt aus den Fugen und alles durcheinander geraten ist, wenn Katastrophe auf Katastrophe folgt, von der jede für sich schon alles umzustürzen droht, was gewohnt und lieb gewonnen schien – dann hilft es womöglich, sich in ein abgelegenes Flussbett zu legen, gen Himmel zu blicken und vom Wasser umspült der Seele zuzuhören, ob darin noch ein wenig Platz für Besinnung ist. Falls allerdings gerade kein Fluss zur Hand ist: einfach in den Sessel setzen, zurücklehnen und das neue Album vom Moon Duo hören.

Zum siebten Mal nämlich hat die Psychoanalytikerin Sanae Yamada aus Portland mit Ripley Johnson aus Tönen Flüsse gemacht und aus Geräuschen eine Art von Rhythmus, der dank flächiger Synths und krautiger Gitarren zum hintergründig verwehenden Gesang eher nach Studio als Natur klingt. Zugleich ist er jedoch von einer beschwingt organischen Tiefe, als würden Pink Floyd in einer Waldhütte 70s-Funk interpretieren. Sicher – für den urbanen Zeitgeist klingt Stars Are The Light nicht nur vom Titel her arg esoterisch; dieses Gefühl kontern die acht percussionumschmeichelten Tracks aber mit viel Groove im Ethnopop. Fließpop deluxe.

Moon Duo – Stars Are The Light (Cargo)

Stefanie Schrank

Nicht erst seit Jennifer Rostock wissen Fans von geschmeidigem Indiepop mit politisch korrekter Attitüde: ein bescheuerter Bandname schützt nicht vor kluger Musik. Wenn die Bassistin Stefanie Schrank nun also aus dem Schatten der Kölner Kapelle Locas in Love an den Bühnenrand tritt, mag man erstmal kurz aufstöhnen vor diesem kollektivvergessenen Alleingang. Dann allerdings fliegt ein elektroalternatives Geplucker und Gesummse aus der Box, über das sich Stefanie Schrank als “Mutter von Luke Skywalker und Vater von Norman Bates” vorstellt, und ihr Debütalbum Unter der Haut eine überhitzte Fabrik kriegt sofort spürbar Gewicht.

“Don’t take the money / es ist nicht, was du brauchst / don’t go for the gold / bleib lieber zu Haus” singt sie mit butterweich kratzender Kneipengesprächsstimme in Nothing is Lost, bezeichnet sich sodann schon mal als Katze von Jesus – und die verspielte Welt durcheinanderwirbelnder Sounds und Samples erzeugt sogar dann eigensinnigen Wohlklang, wenn dazu plötzlich ein Saxofon-Solo übers geschmeidige Chaos poltert. Mithilfe des Düsseldorfer Synthiebastlers Lucas Croon von Stabil Elite hat Stefanie S. damit ein Stück der Neunziger in die Gegenwart geholt, ohne damit nostalgisch oder selbstreferenziell zu wirken. Ein Debüt von kunstvoller Eleganz.

Stefanie Schrank – Unter der Haut eine überhitzte Fabrik (staatsakt)


Interviewabbruch & Höllentalflucht

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. September

Einst Wolfgang Bosbach, zuletzt Rainhard Grindel, zwischendurch Alice Weidel und jetzt ihr Standartenführer Bernhardiner Höcke – scheinempört Interviews abzubrechen ist nicht ungewöhnlich, aber weiterhin der Rede wert. Den Abbruch allerdings mit der offenen Drohung ans ZDF zu beenden, das werde nach der Machtergreifung Konsequenzen haben, war ebenso neu wie Gerhard Schröders Move, ein Gespräch mit RTL abzubrechen, weil ihm der Gossipsender eine – huch! – Gossipfrage – „also, jetzt ist Schluss!“ – gestellt hatte.

Immerhin ist der Altkanzler etwas zu alt, um noch politisch echt folgenschwer zu drohen. Obwohl – er könnte ja den Einmarsch der Roten Armee seines Kumpels Putin veranlassen. Ist also trotzdem Vorsicht geboten bei arschgefickten Drecksfotzenpolitiker wie – nein, das geht jetzt sogar weiter als der Postillion erlaubt. Obwohl. Nein. Ist aus Sicht des Berliner Amtsgerichts ja völlig okay, Staatsmänner aufs Übelste zu beschimpfen. Oder gilt das am Ende vielleicht doch nur für Staatsfrauen wie Renate Künast?

Jan Böhmermann fiele dazu jetzt gewiss etwas ungemein Kluges, Böses, Beißendes ein. Zumindest bis Dezember. Dann nämlich geht sein Neo Magazin Royale in eine neunmonatige Zwangspause, um auf den Wechsel ins Hauptprogramm des ZDF vorbereitet zu werden. Vermutlich ja, um dann endlich das außergewöhnliche Niveau von Carmen Nebel zu erreichen oder dem Fernsehgarten oder den fortwährenden, endlosen, selbstgenügsamen Sportübertragungen. Obwohl – damit es ab 2014 womöglich vorbei, wenn die Telekom gehörige Teile der Fußball-EM überträgt. Angesichts der Schlichtheit des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehens ist es erstaunlich, dass dort immer noch Entertainment wie Bad Banks entsteht, die gerade für den International Emmy Award (nicht zu verwechseln mit den Emmys, von denen Game of Thrones gestern abermals ein paar mehr abgeräumt hat) nominiert wurde.

Die Frischwoche

23. – 29. September

Andererseits dominiert im deutschen Unterhaltungsfunk immer noch, was das ZDF heute Abend ohne den geringsten Anflug von Ironie Flucht durchs Höllental betitelt. Zur Primetime tut Bergdoktor Hans Sigl darin, was Hans Sigl besser mal bleiben ließe: er simuliert Actionkino auf Vorabendniveau, was in etwa so glaubhaft ist, wie die mittlere Explosionen auf Cobra 11. Wäre das ZDF mutig, würde es auf diesem Sendeplatz die 90minütige Doku Hambi über den Kampf um den Hambacher Wald bringen, aber das läuft natürlich erst um Mitternacht.

Gleiches gilt für die nette, aber am Ende doch harmlose Provinzkomödie Gloria, die schönste Kuh meiner Schwester. Dagmar Manzel kriegt darin am Freitag zur besten Sendezeit im Ersten als kämpferische Bäuerin Dauerbesuch von ihrem Bruder (Axel Prahl) und kämpft mit ihm gemeinsam um Anerkennung, Liebe, Zukunft in einem Osten, der erstaunlicherweise ganz ohne AfD auskommt. Hintergründige Belanglosigkeit – immer noch besser als Nachts baden. Maria Furtwängler äfft darin am ARD-Mittwoch einen Ex-Popstar auf Sinnsuche mit so viel Anglizismen nach, dass man die Verantwortlichen zur Strafe ein Jahr in der Praxis Dr. Kleist kasernieren sollte.

Authentischer macht es Netflix. Ab Freitag beleuchtet Skylines dort das Geschäft mit dem HipHop am Schauplatz Frankfurt mit Schauspielern statt Rappern in den Hauptrollen. Relevant und unterhaltsam. Wie an gleicher Stelle The Politician mit Ben Platt als Elitenzögling, der auf seinem lang geplanten Weg ins Weiße Haus zunächst mal die High School regieren will – eine Art Coming of House of Cards mit Stars wie Gwyneth Paltrow oder Jessica Lang. Und 80 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs macht die BBC daraus eine Dramaserie. Hierzulande ist World on Fire ab Sonntag auf TVNow zu sehen. All sowas bespricht künftig am letzten Freitag des Monats um 21 Uhr die Talkshow Seriös auf One. Zum Auftakt dieser Serienversion vom Literarischen Quartett diskutieren Ralf Husmann, Annette Hess und Kurt Krömer mit Moderatorin Annie Hoffmann über Formate wie The End of the F…ing World oder Der Pass.

Dienstag zuvor enthüllt der französische Filmemacher Jérôme Sesquin aber noch um 20.15 Uhr, wie Katar mit Millionen für Europas Islam den Religionskrieg anheizt. Und weil das Gebot der Ausgewogenheit gilt, zeigt Arte im Anschluss, wie die schiitische Hisbollah im Libanon an Macht gewinnt. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen artifizieller: Der HR zeigt Montag um Mitternacht Alfred Hitchcocks brillanter Frühversuch, Frauen wie Tippi Hedren als Safeknackerin Marnie mit anderen Filmeigenschaften als Häuslichkeit und Liebreiz auszustatten, während Stanley Kubricks Antikriegsdrama Full Metal Jacket (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1) von 1987 fast schon zu real um wahr zu sein ist.


Thees Uhlmann: Junkies & Scientologen

Mir geht es nicht um Nostalgie

Aufgewachsen in Hemmoor, großgeworden in Hamburg, angekommen in Kreuzberg: Thees Uhlmann (Foto: Ingo Pertramer) hat sich zu einem der einflussreichsten Songwriter der Generation X bis entwickelt. Nach fünf Jahren bringt er jetzt sein Soloalbum Junkies und Scientologen heraus, ergänzt um eine Coversammlung deutscher Songwriterinnen. Der 45-Jährige über Stadionpop, Scorpions, Telespiele und warum ihn seine Tochter menschlich mit erzieht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thees Uhlmann, was bitteschön verbindet dich mit Avicii?

Thees Uhlmann: Ich mochte die Songs von ihm, so wie ich ein riesiger Abba-Fan oder Pink Floyds The Wall bin. Ob das nun EDM-Music ist oder nicht – anders als David Guetta haben mich die Hit-Singles von Avicii einfach geplättet.

Und das verarbeitest du im Song über ihn ganz unironisch, obwohl Stadionpopstars wie er aus der Sicht kultivierter Großstadtkünstler ja eher ein bisschen peinlich sind?

Seine Lieder haben mich einfach berührt. Und dann kam noch die dunkle Geschichte hinter Aviciis Suizid hinzu, die ich auch als Familienvater unendlich traurig finde. Als ich mit dem Universal-Manager Daniel Lieberberg mal darüber geredet hatte, wie schlecht es Avicii geht, hätte ich ihn gern mal zu mir nach Kreuzberg eingeladen, ohne Entourage und Konfettikanonen, einfach zwei Akustikgitarren und los. Deshalb kann ich ironiefrei über ihn singen.

Aber du bist dir des Ironie-Verdachts schon bewusst, wenn du kurz darauf auch noch was Nettes über die Scorpions singst!

Bewusst schon, aber ich bin ja Künstler, da muss es mir doch egal sein, ob die Leute was Falsches in meine Kunst hineininterpretieren. Das ist wie bei Jackson Pollock, der bestimmt oft zu hören kriegt, was du da hinkleckst, kann meine kleine Tochter auch.

But I did – wie Damien Hirst auf diesen Vorwurf mal geantwortet hat.

Beide haben ungeachtet der Resonanz souveräne Entscheidungen über ihre Kunstwerke gefällt. Und wenn jemand denkt, ich sei moralisch so kaputt, ironische Lieder über Kollegen zu schreiben, die sich umgebracht haben, setzt er sich offenbar nicht mit mir auseinander. Meine Fans schnallen es relativ gut, wann ich ironisch bin – und das gilt auch für die Scorpions, die ungeheuer wichtig für die Gegend sind, aus der sie kommen.

Niedersachsen, deine Heimat, wenngleich nicht Hannover, sondern Hemmoor. Steckt in Liedern wie dem über die Scorpions bereits nostalgische Wehmut des Mittvierzigers beim Blick zurück?

Glaub ich nicht. Mit 45 hat man einfach schon so viel erlebt, dass man darüber singen kann, während ich bei Tomte die meiste Zeit damit verbracht habe, über mich selber zu singen. Damals hatte ich einen Traum, nur wahnsinnig wenig Geld. Jetzt habe ich meine Gedanken über die Scorpions und was sie für Hannover bedeuten. Das find ich schon deshalb interessant, weil in der Netflix-Serie Stranger Things die Achtziger vertont werden und dafür ein Song der Scorpions läuft, den ein Protagonist im Camaro hört, als er bei eine Daddelhalle vorfährt, die es damals überall gab. Telespiele!

Frogger!

Geil. Und dann laufen die Scorpions aus Hannover.

Hat deine Begeisterung dafür auch mit Lokalpatriotismus zu tun?

Nein, nichts. Als Punk hatte ich allerdings eine besondere Beziehung zu Hannover, mit den Chaostagen, Besuche im Landtag als Schüler, Gefühle, die ich beim Songschreiben abrufen kann. Mir geht es dabei weder um Nostalgie noch Lokalpatriotismus, sondern die Freude am künstlerischen Schürfen. Aber merkst du was? Wir reden grad über diese zwei Songs meiner Platte. Wenn ich sie über Arcade Fire gemacht hätte, die ich großartig finde, oder Berlin, wo ich seit vielen Jahren lebe, hätte dich das nicht interessiert, weil es mich nicht interessiert.

Warum?

Weil mir da die Fallhöhe fehlt, kein Fleisch am Knochen. Mich interessiert an meiner Kunst das, was nicht einfach so leicht konsumierbar ist, sondern zum Nachdenken und Nachfragen anregt. Ob das mit der Vergangenheit zu tun hat, ist mir da erstmal egal.

Passiert es dir trotzdem manchmal, dass du sagst oder zumindest denkst, früher sei vieles besser gewesen?

Die längere Version?

Gern.

Als ich 13, 14 war ist, ist die Mauer gefallen – per se erstmal ‘ne verrückte Idee, dass die Deutschen politisch etwas umwälzen, ohne dass zigtausend Menschen sterben. Und dann kam kurz darauf Nirvana, PJ Harvey, Riot Grrrls um die Ecke, und das war für die Welt, aber auch für uns auf dem Dorf unglaublich, wie sie den gigantomanischen Rock, dieses Macker-machen-Mucke-für-richtige-Männer-Metal in einem Frühjahr weggewischt haben. Als dann irgendwann auch noch Obama gewählt wurde, dachte ich, jetzt geht alles immer nur weiter zum liberalen schönen Leben für alle. Aber wenn man jetzt sieht, wie all dies im männlichen Dominanzgebaren zwischen Brexit, Trump und Afd zusammenkracht, darf man durchaus mit warmen Gefühlen auf die Zeit von damals blicken.

Denkst du da linear, dass alles nur schlimmer wird, oder in Wellen, dass es auch wieder aufwärts geht?

Wellenbewegung, definitiv. Die Frage ist halt bloß, ob wir die Welle Richtung Trump in zehn Jahren hinter uns haben, wenn sich noch was reparieren lässt, oder in 40 Jahren, die es ja auch gedauert hat, bis sich die Gedanken der 68er durchgesetzt haben. Wenn letzteres der Fall ist, sehe ich einer dunklen Zeit entgegen.

Und deine Prognose?

Meine Tochter ist zwölf und hat mir erlaubt, auch über sie im Interview zu reden. Da sage ich: Als Vater eines Kindes kann man nicht pessimistisch sein.

Kann im Sinne von „geht gar nicht“ oder von „sollte man sich verbieten“?

Sollte man sich verbieten.

Hat es eigentlich mit deiner Tochter zu tun, dass neben Junkies und Scientologen noch ein Album namens Gold rauskommt, auf dem du Songwriterinnen coverst?

Vielleicht. Wenn du als Mann Töchter hast, wirst du auf eine Art Bestandteil dieser Geschlechtergang, die mit Söhnen unmöglich ist. Wenn es um männliche Selbstherrlichkeit oder Sexismus geht, machen Mädchen im Haushalt auf jedem Fall wachsamer. Aber ich will das bezogen auf Gold jetzt auch nicht zu hoch hängen.

Was hängt da denn höher?

Dass wir einen Song von Haiyti so wahnsinnig toll fanden, dass wir erst den gecovert haben und dann der Meinung waren, eine CD-Box könne statt irgendeinem T-Shirt eher ein Album mit Coverversionen deutscher Interpretinnen vertragen. Das hat aber keine politische Stoßrichtung, auch wenn es politisch wahrgenommen werden könnte. Es geht um Respekt und Ehrerbietung.

Auch um eine Art Solidaritätsadresse in einer Branche, die Frauen immer noch schlechter behandelt als Männer?

Natürlich bin ich solidarisch mit Frauen und hab auch noch keiner vom Gerüst hinterher gepfiffen. Aber es ändert sich ja was. In meiner Jugend hat ein Mädchen, wenn es musizieren wollte, noch die Querflöte gekriegt und ich die E-Gitarre. Da hat der Computer echt für eine Liberalisierung gesorgt. Der ist geschlechtslos.

Was spielt deine Tochter?

Ukulele. Die ist gut für kleinere Finger, mit der kannst du aber auch schon ganz schön Randale machen.

Will sie in deine Fußstapfen treten?

Ich hoffe nicht! Im Moment findet die mich dafür viel zu peinlich, und ich bin eher der Typ für den Vatermord als den Ödipuskomplex.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

Felix Dachsel: Print-Krise & Online-Chance

Wir müssen fesseln wollen

Vor gut einem Jahr wechselte Felix Dachsel (Foto: Christian O. Bruch) von der Zeit als Onlinechef zu Vice. Jetzt übernimmt der 32-Jährige die Führung der Medienmarke in Deutschland, Österreich, der Schweiz – und ist direkt mit der Krise des Mutterkonzerns konfrontiert: Sparrunden, Kündigungen. Ein Gespräch darüber, warum die Stimmung der Redaktion dennoch gut ist und wie man Medien für eine Zielgruppe macht, die über einen ausgeprägten „Bullshit-Detektor“ verfügt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Felix Herr Dachsel, wie viel Popkultur verträgt harter Journalismus und umgekehrt?

Felix Dachsel: Ich glaube, wenn harter Journalismus Popkultur zu sehr ignoriert, ist er nicht seriös. Der sogenannte seriöse Journalismus sollte – um mal einen großen Medienmacher zu zitieren – abbilden, was ist. Da hat er momentan definitiv das Problem, dass er große Teile des gesellschaftlichen, besonders des jüngeren Lebens unterschlägt. Popkultur zählt hier unbedingt dazu.

Fühlt sich Vice trotz dieser durchlässigen Grenze denn wie in den Anfangstagen als Punk-Fanzine immer noch mehr zur vermeintlich leichteren Seite hingezogen?

Ich wehre mich gegen diese Einsortierung in leicht und schwer. Dieses traditionelle Denken führt am Ende nur dazu, unleserlich und langweilig zu werden. Hierzulande besteht immer noch die Tendenz, Umständlichkeit als Ausdruck von Intellektualität zu betrachten. Gegen dieses Missverständnis stemmt sich Vice.

Mit welchen Mitteln?

Indem wir weder kryptisches Schreiben noch intellektuellen Dünkel idealisieren, sondern radikal zugänglich sind. Journalismus hat aus meiner Sicht neben anderen Kernaufgaben auch die Aufgabe, gut zu unterhalten. Diese Pflicht liegt allem anderen zugrunde. Es darf unterhaltsame Texte geben, die nicht politisch sind, aber niemals politische Texte, die nicht unterhaltsam sind. Wir müssen fesseln wollen.

Im Zeitalter sinkender Aufmerksamkeitsspannen wird das allerdings nicht einfach.

Sollte aber das Ziel bleiben. Wir sind bei Nutzungsanalysen manchmal selbst überrascht, wie lange unsere Leserinnen und Leser an Texten bleiben – auch das ist ein Kriterium für Erfolg.

Empfindet sich ein vornehmlich digitales Medium wie Ihres da als Brückenmedium, das eher hastigen Onlinekonsum mit eher geruhsamen Printkonsum versöhnen könnte?

Das könnte man so formulieren. Uns ist dabei allerdings noch wichtiger, die Trennung zwischen dem alltäglichen und schreibenden Ich einzureißen.

Im Sinne von Adressaten und Sender?

In letzter Konsequenz auch das. Zunächst aber geht es darum, dass unsere Autorinnen und Autoren an der Tastatur kein Schreibsakko anziehen und sich von alltäglicher Sprache entfremden. Letztlich verschriftlichen wir Gedanken, die ungefähr so auch auf einer Party formuliert werden könnten. In so einer Live-Situation merkt man ja sehr schnell, ob man Menschen begeistert oder anödet, ob sie stehen bleiben oder sich umdrehen. Wir schreiben, wie wir sprechen – dieses journalistische Ethos hat jeder bei uns so verinnerlicht, dass klassische Kämpfe zwischen Info, Relevanz und Entertainment nicht stattfinden. Schon weil das Bewusstsein so ausgeprägt ist, für wen wir das Ganze machen.

Nämlich?

Für junge Menschen, deren Welt sich gerade radikal wandelt. Wenn ich mir die Friday-for-Future-Proteste ansehe, habe auch ich, innerhalb kurzer Zeit, eine Entwicklung von Irritation über Unverständnis bis hin zu stiller Bewunderung durchgemacht. Wir hätten uns als Jugendliche ja nicht fürs Klima auf die Straße gestellt. Wir haben uns einen Kasten gekauft und den ausgetrunken. Und dann haben wir dummes Zeug geredet. Wenn ich die deutsche Sprecherin Luisa Neubauer bei Anne Will sehe, bin ich extrem erstaunt.

Wie eloquent und zielstrebig sie ist?

Dazu informiert, souverän und diskussionssicher. Mit 23 Jahren. Das ist ein echter Rollentausch, denn bislang war die unaufgeregte Vernunft die Aufgabe der Älteren, während die Jugend das Privileg hatte, laut schreiend mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Für die traditionelle Radikalität und Unvernunft bei Vice ist dieser Rollentausch eine Herausforderung.

Ist das demnach tatsächlich ein organischer Reifungs- oder nicht doch eher ein pragmatischer Anpassungsprozess an die Bedürfnisse der Zielgruppe?

Das klingt mir zu berechnend. Dieser Prozess läuft bei uns sehr lebendig, alltäglich. Als ich letztes Jahr meinem Cousin, der Anfang 20 ist, erzählte, dass ich zu Vice wechsele, war der begeistert. Vice ist etwas, das in seiner Welt stattfindet. Das hat mir gezeigt: Wir machen keinen Journalismus für die Jugend der 90er, sondern für die von heute.

Es geht also nur um die Alterskohorte?

Es geht nicht nur um ein biologisches Alter. Es geht auch um eine jugendliche Haltung von Neugier, von Offenheit, von Angriffslust. Wir wollen niemanden ausschließen. Trotzdem ist das Gros unserer Leserinnen und Leser natürlich jung. Die Debatte um Rezo hat allerdings gezeigt, dass es nicht nur alte Überheblichkeit gegenüber der Jugend gibt, sondern auch jugendlichen Hochmut gegenüber Älteren. Nur ist das Ungestüme der Jugend halt immanent und auch wichtig und richtig so. Umso mehr müssen wir sie verstehen und ansprechen.

Wodurch genau? Ihr Geschäftsführer Benjamin Ruth hat gesagt: Die Generation Z könne man nicht mehr mit Sex and Drugs and Rock’n’Roll abholen.

Durch mehr politisches Verantwortungsgefühl, das sich in der Redaktion bereits heute stark findet. Mehr journalistische Sensibilität. Letztlich also eine Spur weniger Hedonismus bei mehr Bewusstsein.

Ist diese Versachlichung dennoch schon ein Relaunch?

Nein. Weil bei aller Vernunft auch weiter gefeiert und über die Stränge geschlagen wird. Vice bleibt Vice. Wir dürfen aber nicht den Fehler anderer machen und mit unseren Anhängern altern, um dann irgendwann zu verschwinden wie die großen Volksparteien.

Würde man in der heutigen Ausrichtung von Vice.com unter Felix Dachsel dennoch Unterschiede zu Ihrer Vorgängerin Laura Himmelreich erkennen?

Das kann man nur von außen bewerten. Mir ist es sehr wichtig, dass wir unsere Radikalität nicht verlieren.

Die Radikalität, dort hinzugehen, wo es wehtut?

Eher die Radikalität in der Streitlust und Renitenz. Vice ist und bleibt antiautoritär, aber nicht nur im Sinne von Staats- und Machtkritik, sondern indem wir auch mal eine mächtige, soziale Bewegung oder eine Partei kritisieren, wie aktuell beispielsweise die Grünen. Wir verstehen uns als freie Radikale, die sich an keine gesellschaftlichen Kräfte binden lassen. Wir nutzen auch die Provokation und Instrumente wie Polemik. Eine Form, die hierzulande immer noch zu wenig kultiviert wird. Sie wird oft als persönlicher Angriff oder Nestbeschmutzung missverstanden. Polemik muss aber ein wichtiger Bestandteil einer lebendigen Streitkultur sein. Und wenn es eine Heimat für Polemik gibt, dann ist das die Jugend, siehe Rezo. Auch wenn die sich inzwischen auf einer Gratwanderung befindet zwischen Sensibilität und Radikalität. In diesem Spannungsfeld bewegen auch wir uns.

Ist dieses Bewegen angesichts der wirtschaftlichen Schieflage, in die nach 20 Jahren unablässigen Wachstums auch Medien wie Vice, BuzzFeed oder die Huffington Post geraten sind, denn rein inhaltlicher oder auch wirtschaftlicher Natur?

Journalismus, der nicht wirtschaftlich erfolgreich sein will, bekommt langfristig Probleme. Natürlich ist es nicht Aufgabe der Journalisten, ständig darauf zu schauen, wie kommerzialisierbar das ist, was sie tun. Journalisten sollten vor allem dem eigenen Ethos folgen. Aber sobald man in Verantwortung ist, stellt sich automatisch die Frage nach Finanzierbarkeit. Und wenn ich ältere Kollegen anderer Medien höre, die noch von Whisky-Etats und Hubschrauber-Flügen erzählen, ist diese Frage natürlich viel drängender und existenzieller geworden. Sie zu ignorieren, wäre ein Himmelfahrtskommando. Dafür gibt es allerdings auch bei uns Fachleute, die deutlich mehr Ahnung haben als ich.

Und Sie als Journalist?

Schaue darauf, dass das, was wir anbieten, gelesen und wahrgenommen wird, glaube aber fest daran, dass alles, was wir mit Leidenschaft und Überzeugung tun, auch attraktiv für unsere Zielgruppe ist. Wobei ich das Wort irreführend finde.

Zielgruppe? Inwiefern?

Weil es eine Kategorisierung ist, mit der man Individuen zu sehr vereinheitlicht und vereinfacht. Wenn wir im Labor versuchen würden, die Zielgruppe zu erreichen, ohne Leidenschaft und Überzeugung, dann würde das sofort auffliegen. Die jungen Menschen, für die wir das machen, haben einen sehr ausgeprägten Bullshit-Detektor.

Für welche Art Bullshit?

Sie merken sofort, wenn sie über den Tisch gezogen werden. Aktuell haben viele junge Menschen gegenüber der Politik das Gefühl, in der Klimafrage betrogen zu werden. Diese Jugend zu verstehen, ist für mich der größere Auftrag als ständiges Nachdenken über Wirtschaftlichkeit.

Sobald es um Banner in den eigenen Artikeln, Werbekooperationen oder gar eine Paywall ginge, müssen Sie das schon, oder?

Das stimmt, aber auch da gilt: Wenn wir die Firewall zwischen Vermarktungsinteresse und journalistischem Interesse nicht aufrechterhalten, kriegen wir schnell ein Glaubwürdigkeitsproblem. Aber wir verdienen unser Geld ja keineswegs nur mit der Arbeit der Redaktion. Es gibt unter dem Dach von Vice in Deutschland die erfolgreiche Kreativagentur Virtue, eine Videoproduktion, eine erfolgreiche Vermarktung. Käme Vice.com einer reinen Werbeplattform nahe, würde das in Windeseile auffliegen.

Aber ohne Werbung geht es auch nicht. Wer wacht darüber, dass die Grenze zwischen bannerbasierter Finanzierung und Branded Content nicht verschwimmt?

Das ganze Unternehmen, weil es eine Frage der Glaubwürdigkeit ist. Aber vor allem auch eine sehr kritische, hellwache und selbstbewusste Redaktion, die jede Art von Einflussnahme auf journalistische Inhalte bemerken würde; das ist natürlich auch meine Aufgabe.

Ist Ihre Aufgabe jetzt auch, angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in dieser kritischen, hellwachen, selbstbewussten Redaktion für Ruhe zu sorgen?

Was ich bemerke, ist vor allem eine große Solidarität untereinander, die natürlich auch ich verspüre. Die Menschen bei Vice machen den Wert dieser Marke aus. Im Vergleich zu manch anderen Häusern, ist der Zusammenhalt enorm, viele von uns sind auch miteinander befreundet, gehen gemeinsam feiern, helfen sich bei privaten Problemen.

Es ist die edelste Aufgabe eines Vorgesetzten, sich bedingungslos vor sein Team zu stellen – aber so wie Sie Ihre Mitarbeiter in den Himmel loben, klingt das schon ein wenig idealisierend. Immerhin ist der Druck ja enorm gewachsen, seit es die Entlassungen gab. Herrscht wirklich überhaupt keine Unruhe?

Das Besondere ist ja, dass bei Vice über sehr lange Zeit ein Spirit herrschte, in dem alles möglich schien. Das waren rauschhafte Zustände; immer mehr Leute wurden für immer mehr Geschäftsbereiche eingestellt. Aber wer das Thema Rausch publizistisch so eingehend begleitet wie wir, weiß doch auch, dass er grundsätzlich eine Kehrseite hat.

Auch Kater genannt.

Wobei ich keine ausgeprägte Katerstimmung bei uns wahrnehme. Entlassungen von Kolleginnen und Kollegen sind immer und überall schmerzhaft, aber wir alle – mich eingeschlossen – sind uns darüber im Klaren, dass der Einfluss einer regionalen Redaktion auf die Entscheidungen eines multinational tätigen Konzerns nun mal begrenzt ist. Auch deshalb hat sich eher ein experimentierfreudiger Realismus durchgesetzt. Ich wurde selbst schon gefragt, ob das dauernde Wachstum vielleicht ungesund war.

Und – war es?

Nein. Ein Medium, dessen Angebot für viele Menschen etwas Großes und Verheißungsvolles darstellt, kann man doch schlecht künstlich ausbremsen. Was mich aber wirklich überrascht hat, waren Spurenelemente von Schadenfreude darüber, dass es nun auch die erfolgsverwöhnten Digitalmedien erwischt.

Kommt diese Schadenfreude von den analogen Platzhirschen?

Nicht nur, aber auch. Und dann sehe ich die Situation von Verlagen wie DuMont, bei denen brutalerweise Hunderte von Arbeitsplätzen bedroht sind. Das zeigt doch, dass alle Medien in der Krise stecken. Niemand hat in einer solchen Situation das Recht auf Häme.

Aber wird diese Krise Medien wie Vice denn im gleichen Maße erwischen wie Papierzeitungen?

Nein, schon weil wir als vergleichsweise junges Unternehmen nicht deren Pfadabhängigkeiten haben. Jahrzehntelange Traditionen und Gepflogenheiten sind einer Krisensituation natürlich schwieriger anzupassen als solche, die erst noch im Entstehen sind. Sowohl die Mitarbeiter als auch die Nutzer älterer Medien machen Veränderungen weit weniger mit.

Das beste Beispiel war einst die Einführung eines Fotos auf der Titelseite der FAZ, das zu Tausenden von Protestbriefen und Abo-Kündigungen geführt hat.

Ganz genau. Die Bereitschaft, in schwierigen Situationen einfach mal völlig neu zu denken, ist in einem Medium, deren Macher und Nutzer überwiegend unter 30 sind, größer. Umso wütender, fast aggressiv macht es mich da manchmal, wenn ältere Kollegen klassischer Medien im Angesicht großer Probleme trotzdem einfach alles so lassen wollen, wie es ist. Bis das, was ist, irgendwann einfach nicht mehr existiert.

Steckt dahinter womöglich eine Art Nullsummenspieldenken, dass Verluste bei Digitalmedien wieder bei den analogen landen?

Weiß ich nicht, aber es gibt auf allen Seiten publizistische Überheblichkeit. Erst neulich hat mir eine Redakteurin der NZZ den Screenshot eines Vice-Beitrags zum Thema Pornografie als Beleg für ihre These geschickt, dass unser Journalismus minderwertig sei. Diese Kollegin würde ich gerne mal fragen, für wie groß sie die Bedeutung der Pornografie eigentlich einschätzt?

Wie groß schätzen Sie sie denn ein?

Gewaltig groß! Pornografie hat das Internet nicht nur gigantisch gemacht, sondern womöglich überhaupt erst zu dem, was es heute ist. Diese Hybris, das nicht sehen zu wollen und gleichzeitig jene mit hochgezogener Augenbraue abzuwerten, die es tun, ist tödlich für den Journalismus. Das gilt nicht nur für Pornografie, sondern für viele andere wenig ausgeleuchtete Themen. Ich erkenne da ein großes Bedürfnis bei manchen Kollegen, die Grabesstille nicht zu stören und alles, was den Status Quo infrage stellt, zu verdrängen. Das kriegen natürlich nicht nur wir ab, sondern auch Medien wie BuzzFeed.

Die allerdings vor allem mit Katzenbildern, also noch viel leichterer Unterhaltung gestartet sind als Vice.

Buzzfeed macht in Deutschland herausragenden Journalismus. Wenn man sieht, welchen Impact viele der Texte dort haben; wenn man sieht, dass zwei Kolleginnen für eine Buzzfeed-Recherche den Nannen-Preis erhalten haben; wenn man sieht, welch investigativen Spirit Daniel Drepper dort als Chefredakteur entfaltet – dann frage ich mich wirklich, mit welchem Recht man von oben auf Buzzfeed herabschaut. Für uns alle, die Medien machen, besteht die Herausforderung darin, zu verstehen, wie digitale Kommunikation funktioniert. Konsumentinnen und Konsumenten werden nicht mehr zu einem Medium kommen, sondern die Medien werden zu ihnen kommen müssen. Kennen Sie in Ihrem Umfeld Leute um die 20, die noch Zeitung auf Papier lesen?

Ein paar, wenngleich eher Zeit oder Spiegel und Süddeutsche oder taz als das klassische Regionalblatt.

Selbst im bildungsbürgerlichen, akademischen Milieu kenne ich kaum welche, die überhaupt je was auf Papier kaufen, geschweige denn abonnieren. Gleichzeitig sind die alle aber auf Plattformen präsent, auf denen richtiger Journalismus stattfinden kann. Instagram kann ein Ort für dringliche Reportagen sein, für zugespitzte Kommentare, sogar für Investigatives. Da ist es mir doch lieber, wir transformieren wertvolle Inhalte so, dass sie auf Instagram viele Leute erreichen, als bloß den Kopf zu schütteln, weil junge Menschen angeblich nicht mehr lesen. Das ist eine kulturpessimistische Form geistiger Trägheit, und ich glaube, sie führt auf direktem Weg ins Verderben.

Aber wie verhindert ein modernes Medienunternehmen wir Ihres, das die Kundschaft bereits abholt, statt auf sie zu warten, seinerseits einen Standesdünkel zu entwickeln und von oben auf klassische Medien herabzublicken?

Ein gewisses Maß überschießender Energie ist Teil der Jugend; da tritt man schon mal gegen die Mülltonne. Aber stimmt schon: So wie sich die Fronten in der ganzen Gesellschaft verhärten, tun sie es natürlich auch in unserer Branche.

Und was folgt aus Ihrer Sicht daraus?

Schluss mit der Konfrontation Jung gegen Alt! Dafür kenne ich zu viele ältere Menschen, die innerlich jung sind, und Jüngere, die innerlich alt sind. Dennoch fühlen wir uns dem fluiden Aggregatzustand der Jugend, in dem immer wieder der Status Quo angegriffen und Veränderung gefordert wird, grundsätzlich näher. Das muss auch weiterhin der Aktionsradius von Vice sein.

Mit welchen Medien konkurrieren Sie dabei: noch den klassischen Medien, weiterhin den ehemals neuen oder doch längst den großen Tech-Konzernen wie Facebook und Google, die zusehends eigene Inhalte ins Netz stellen?

Ich betrachte Facebook, Instagram oder Google schon deshalb nicht als Konkurrenz, weil wir da selber stattfinden. Deshalb müssen wir deren Methoden natürlich kritisch begleiten, aber eben auch klug nutzen. Im Streit um Upload-Filter, bei dem es eine klare Frontenbildung zwischen Jung und Alt gab, haben sich manche Verlage einer technologiefeindlichen Rhetorik bedient, haben gegen die ach so bösen Internetkonzerne gewettert und angeschrieben, während mancher Kommentar von Nicht-Journalisten auf Instagram erstaunlich klug und ausgewogen war.

Aber wen betrachten Sie dann als Konkurrenz? Vice agiert ja nicht im luftleeren Raum.

In diesen Bahnen denken wir nicht. Was nicht bedeutet, dass wir nicht wüssten, wo wir hingehören. Wenn ich mir die Dualität zweier Lager ansehe, von denen eines alles beim Alten lassen will und das andere alles revolutionieren, gehören wir immer zu letzterem. Da haben wir auch viele Verbündete.

Zugleich aber kämpfen alle doch auch miteinander um die derzeit knappste Ressource, nämlich Aufmerksamkeit?

Das stimmt, insofern revidiere ich meine Aussage von eben, würde aber andere Mitbewerber nennen, vor allem Streamingdienste. Wir müssen uns fragen, warum Serien von Netflix, Sky oder Amazon Prime mittlerweile einen so gewaltigen Raum im Freizeitverhalten junger Menschen einnehmen.

Wegen Ihrer Qualität.

Ja, die ist oft herausragend. Deshalb gibt es von unserer Seite kein „gegen“ Netflix, sondern eher ein „mit“. Dafür gibt es erfolgreiche Beispiele. Unsere Dokumentation zum Fyre Festival…

… dieses radikal gescheiterte Luxusfestival auf der einsamen Insel…

…hat Vice Studios produziert, aber wird von Netflix verbreitet. Das Konzept der Gegnerschaft ist aus meiner Sicht veraltet. Es geht darum, attraktive Inhalte bestmöglich zu verbreiten. Und da ist ein Verdrängungs- oder Abwehrwettbewerb der schlechtere Weg als Kooperation und Angebotserweiterung.

Heißt das, Vice wird demnächst seinerseits fiktionale Serien produzieren?

Denkbar. Vice Studios produziert ja auch schon Spielfilme wie zum Beispiel The Mountain. Es klingt zwar wie eine Floskel, aber unsere Antwort auf die Medienkrise ist: grenzenloses Denken. Physisch begrenzte Trägermedien mit festgelegten Abgabe- und Gebrauchsterminen gehören definitiv der Vergangenheit an. Und genau das haben junge Menschen schon extrem verinnerlicht, ältere noch eher selten.

Ist das hier gerade der berühmte Abgesang aufs Papier?

Nur zum Teil, Papier wird als Trägermedium weiter existieren. Und das sage ich auch als ehemaliger Redakteur eines klassischen Mediums wie der Zeit. Dort gibt es allerdings auch sehr innovative Überlegungen dazu, wie man die Papierzeitung zukunftsfähig machen kann. Giovanni di Lorenzo hat neulich die revolutionäre Frage gestellt, wie eine Zeit aussähe, die man erst heute gründen würde, zu heutigen Bedingungen und Anforderungen. Die gedruckte Zeitung hat natürlich eine Zukunft, wenn sie sich radikal modernisiert. Zumal die Wochenzeitung.

Das heißt, durchaus auch weiter in gedruckter Form?

Ja. Aber eins ist auch klar: Vergilbte, verstaubte und vollgedruckte Papierberge braucht kein Mensch. Vielleicht noch ein paar Ältere, die auch Zeitungsartikel ausschneiden und verschicken. Ich glaube an die Zukunft des Papiers – sofern es den radikalen Weg der Veredelung geht und haptischer wird, ästhetischer, also so begehrenswert und schön, dass es sich nicht hinter der Küchentür stapelt, sondern den Wohnzimmertisch verziert.

Und als aktuelles Informationsmedium, als das es immer noch zwei Generationen dient?

Da hat die gedruckte Tageszeitung ausgedient. Sie ist geronnene Vergangenheit, die nur so tut, als sei sie Gegenwart.

Viele Medienanalysen besagen aber doch ebenso wie der Erfolg Ihres alten Arbeitgebers Zeit, dass viele Menschen ihr Alltagswissen bei der Zeitungslektüre weniger gewinnen als vertiefen.

Stimmt, aber auch diese Vertiefung bieten digitale Medien längst an. Die Zeitung als unangreifbare, über allem schwebende Autorität, die ordnet und einordnet, gehört ins Museum.

Sie selbst stehen mit 32 Jahren ein wenig in der Mitte dieser zwei Pole. Welche Medien liegen denn bei Ihnen auf dem Frühstückstisch?

Mein iPhone. Twitter auf, Links verfolgen, fertig. Ich kann gedruckte Tageszeitungen nicht mehr in einen normalen, schnellen, ereignisreichen Tag integrieren. In Momenten der ungestörten Ruhe finden vertiefende Zeitschriften noch ihren Platz, aber auch das eher nicht in gedruckter Form. Tageszeitungen kommen mir manchmal vor wie ein Onkel, der auf Familienfesten immer dieselben alten Geschichten erzählt. Ich kann Gedrucktes mittlerweile nur noch als liebevoll gestaltetes Objekt genießen, nicht mehr als Informationsträger.

Das Interview ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen.