Reisereportage: Osttirol & Wasserkraft

Im Rausch der Isel

Die Isel ist das letzte freifließende Alpengewässer und nicht nur deshalb Objekt wirtschaftlicher Interessen. Doch gegen die gibt es seit jeher Widerstand. Eine Reise vom Gletscher zur Mündung eines ganz besonderen Flusses im Osttiroler Nationalpark Hohe Tauern.

Von Jan Freitag

Um uns Menschen zu zeigen, was Wasser vermag, wenn man es lässt, hat sich die Isel offenbar diesen Findling ins Bett gelegt. Ein mächtiger Stein, der Osttirols spannendstes Fließgewässer verstopft: tonnenschwer, nilpferdgroß, kaum zu bewegen – es sei denn von jener Lawine, die ihn 1985 mitgerissen und in der ausgespülten Klamm eines Flusses vergessen hat, den nichts und niemand aufhalten kann. So schien es seit Menschengedenken. Und jetzt? Dazu später mehr.

An dieser Stelle reicht es, einem Wildbach zu lauschen, der sich vom Kees, wie Gletscher hier heißen, 57 Kilometer ostwärts bewegt, bevor ihn die Drau gemächlich zur Donau befördert. Hier oben aber, an den Umbalfällen, ist nichts gemächlich, hier ist alles ein Tosen, Toben, Brüllen, ein Wirbeln, Strudeln, Zischen. „Hörst du?“, fragt Matthias Berger und erwartet schon deshalb keine Antwort, weil sie im Lärm von bis zu 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde unterginge. „Das ist der Charakter der Isel“.

Genau zehn Jahre ist der Eingeborene nun Ranger im Nationalpark Hohe Tauern, und diese Erkenntnis lehrt ihn Osttirols flüssige Drama Queen jeden Tag davon: „Er hat ein Herz, ein Gedächtnis, eine Seele.“ Wie er das zwischen den majestätischen Gipfeln von Großglockner und Großvenediger sagt, klingt es nüchtern betrachtet zwar arg esoterisch. Ganze gewiss aber klingt es so folkloristisch, wie Naturburschen mit Seppelhut und Wanderstock aus Städtersicht nun mal wirken, wenn sie von ihrer Heimat schwärmen als sei die lebendig.

Nur: Wer den Charakter der Isel vom Ursprung bis zur Mündung Meter für Meter abwandert, abradelt, abreitet, abfährt, wer sich also darauf einlässt, diesen Fluss wirklich zu spüren, erkennt in ihm tatsächlich etwas Herzliches, eben Beseeltes, also Lebendiges. Schon der Weg durch Österreichs größten Nationalpark zur Quelle, so mundgerecht er am gut gefüllten Parkplatz Prälaten auch zubereitet wurde, ist von einer wilden Schönheit, die man förmlich im Gesicht spürt. Fließt das Wasser talwärts nur noch zügig durch süße Alpendörfer, wird es in den Steilstufen nahe der Kernzone schließlich so rasant, dass die Gischt spritzt wie in der Autowaschanlage.

Matthias Berger wischt sich fröhlich die Isel von der Stirn und erklärt, wo es trockener sei. Er kennt hier jeden Fels, jede Biegung, jedes Gewächs. Vor allem aber liebt er all dies mit unverbrüchlicher Hingabe. Dennoch hält der 30-Jährige das Lauftempo ausgerechnet dort am höchsten, wo die Isel besonders atemberaubend ist. Immerhin geht es ihm bei dieser Tour um etwas anderes als bloß ein natürliches Schauspiel; es geht um die Natur an sich. Ums Ganze. Und das ist nirgends spürbarer in Gefahr als am Fuße der imposanten Dreiherrenspitze, die sich nach einer anspruchsvollen, aber kinderfreundlichen Wanderung mit Übernachtung in der historischen Clarahütte aus der Wolkendecke schält.

Bevor das berggesäumte Rinnsal dank Dutzender oft spektakulärer Wasserfälle zu jenem Strom anschwillt, den man als einzigen Gletscherfluss Tirols raften kann, speist sie der Umbalkees auf 2400 Metern Höhe zunächst mal mit Schmelzwasser. Zu viel Schmelzwasser. „Viel zu viel“, klagt Berger. Überm fahlen Mond macht ein mächtiger Bartgeier Jagd auf den ähnlich großen Steinadler, als er zur grauen Gletscherzunge zeigt. Allein im Jahrhundertsommer 2003 verlor sie 86 Meter. Kann passieren, sagt der sehnige Ranger vom sanften Gemüt und kaut seine Speckjause. Doch weil alle Sommer nun Jahrhundertsommer sind, müsse der Frühling „dringend mal draufschneien“. Nur: es schneit ja nicht mal mehr im Winter richtig. Der Kees schwindet, und ohne Kees, keine Isel. So einfach, so bitter ist die Gleichung. Den Naturburschen Berger bringt sie trotzdem nicht aus der Ruhe. Warum auch?

Die Reise vom Anfang zum Ende der Isel mag eine zum Wesen des Wassers sein, das unsere Spezies längst mehr beeinflusst als jede Jahreszeit. Doch sie führt auch ins Gemüt von Anwohner wie Matthias Berger, der da, wo das bemooste Felsgestein keine drei Generationen zuvor noch unter Eis begraben lag, meint: „Wir müssen akzeptieren, dass Natur Veränderung ist.“ Pause. „Ob mit oder ohne uns“. Doch grad weil der Wandel dazugehört, bekämpft er ihn so vehement. Schon aus Familientradition. Seit jeher ist die Isel Ziel lokaler Träume von Fortschritt und Technik. Erst 2012 sollte sie für mal wieder aufgestaut werden, wogegen schon Bergers Vater Adi vom 800 Jahre alten Hof aus angekämpft hatte und damit in die Fußstapfen von Opa Gottlieb trat, der das gleiche in den Achtzigern tat.

Es waren Leute wie sie, denen Tirol das letzte freifließende Alpengewässer verdankt. Eingeborene, zu denen sich ein Zugereister gesellte, als er 2014 ein dokumentarisches Fanal gegen die energiewirtschaftliche Nutzung drehte. Der „Iselfilm“, erzählt Thomas Zimmermann in seiner Wahlheimat, „soll den Befürwortern des Kraftwerks zeigen, was ihnen verloren ginge“. Da die dramatisch untermalten Bilder von Berg und Fluss, Mensch und Tier und Mensch indes eher Gefühle anspricht, fügt er sachlich hinzu: „Unser bestes Argument gegens Wasserkraftwerk ist allerdings das Wasser selbst.“

Genauer: der Gletscherschliff, den die Isel auf ihrer Tour aus dem Fels wasche, „würde auf Dauer alle Turbinen kaputt machen“. Von wegen Fortschritt. Weil sein Film den Riss durch die Region ein wenig schließen half, ist es am Ende also nicht nur dem ländlichen Matthias, sondern dem städtischen Thomas zu verdanken, dass die Isel kein begradigter Kulturfluss wie jeder andere ist, sondern – eben die Isel; ein Gewässer, dessen Seele man vom hübschen Matrei aus perfekt mit Kanu oder Schlauchboot erkunden kann.

Auf zehn Kilometern Strecke zeigt sie sich hier in ihrer ganzen Vitalität. Von eng bis breit, friedlich bis wild, mehlig bis klar, still bis tobend schlängeln sich die letzten Kilometer Richtung Lienz, wo sie im Herzen der Altstadt zur – was viele nur halb im Scherz für anmaßend halten – kleineren Drau wird. Wer kurz zuvor ins mehlige Nass greift, spürt den Unterschied. „Fühlt sich irgendwie unbehandelt an“, meint Thomas Zimmermann. „Wie das Leben selbst“, ergänz sein Geistesbruder Matthias Berger 1000 Höhenmeter nordwestlich. Dort, wo ein riesiger Stein im Umbalfall von der Kraft des Wassers zeugt.

Info
www.nationalpark.osttirol.com
https://www.osttirol.com/
http://www.virgental.at/clarahuette
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half.alive, Fabian Römer, Why?

half.alive

Vielleicht liegt es ja daran, dass half.alive aus Long Beach kommen, wo es selbst Weihnachten meist sonnig warm bleibt, vielleicht sind ausgerechnet chaotische Zeiten wie unsere einfach die allerbesten für deren feuchtfröhlich arrangiertes Durcheinander, vielleicht ist kultivierter Unernst längst das neue Sachlich, vielleicht versteht man das Debütalbum des kalifornischen Trios aber auch einfach total falsch. Ganz gewiss allerdings ist Now, Not Yet ein besonders angenehmer Wind, der die bleiernde Ära katastrophaler Nachrichten da gerade durchweht.

 

Wattierte Achtziger-Keyboards quälen sich dabei so unterhaltsam durch funkige Bläsersamples, geslappte Gitarrenriffs, gelegentliches Caféhauspiano, als wäre die Zeit stehengeblieben und doch an der Gegenwart vorbeigerast wie einst Daft Punk. Scheinbar schüchtern und gleichsam viril wimmert sich Sänger Josh Tayler meist durch eine Art nostalgischen Popfuturismus, der wirkt wie ein guter Drogenmix: entspannend und belebend zugleich. Insgesamt: zwar leicht überdreht, aber auf den Punkt wirksam.

half.alive – Now, Not Yet (RCA)

Fabian Römer

Nein, Braunschweig ist gewiss kein Nabel der Welt, und über billigen Kräuterfusel und übellaunige Fußballfans hinaus wird es das auch in der Massenkultur niemals werden – trotz und wegen Fabian Römer. Dafür macht der ziemlich junge HipHop-Veteran, dem angeblich schon vorm Stimmbruch als F.R. eine regionale Fanbase zugetan war, schlicht zu unspektakulären Rap. Genau dieses Understatement ist allerdings ein besonders interessantes Gewürz, das er dem Eintopf des deutschen Sprechgesangs auch auf seinem neuen Album mit dem schönen Mut-zur-Lücke-Titel L_BENSLAUF hinzufügt.

Mit gedämpften Trap- und Lowbeats unterfüttert, schildert er sein provinzielles Großstadtleben und lässt uns eher beiläufig daran teilhaben als es vor den Latz zu knallen wie sonst oft üblich. “Ich schreib Kunst für mich / die keiner versteht” singt F.R. im Titeltrack und fügt hinzu, in der zweiten Reihe zu stehen, sei irgendwie “unbeschreiblich bequem”. Mit seinem Tick, die Enden von Worten und Zeilen zu verschlucken, als sei er schon wieder beim nächsten Gedanken oder mit dem vorherigen unzufrieden, ist sein L_BENSLAUF damit ein musikalisch angenehm reduziertes Manifest der Gelassenheit. Im größenwahnsinnigen HipHop dürfte es davon gerne mehr geben.

Fabian Römer – L_BENSLAUF (Jive Germany)

Why?

Statt gelassen fast schon sediert klingt seit Anbeginn dieses hektischen Jahrtausends auch der flamboyante Jonathan Avram Wolf, genannt Yoni. Vor, nach, während diverser Kollaborationen und Nebenprojekte lotet er unter seinem Bühnenpseudonym Why? in aller Stille die Nischen des HipHop aus und füllt sie mit Beats, Lyrics, Soundfetzen von berückender Zähflüssigkeit. Alles am Alternative-Rap dieses Quartetts wirkt seltsam runtergepitcht, zugleich aber auch lebendig und schrill – als würde man Listener mit Eminem in eine Kiste sperren und von außen in voller Lautstärke mit Ween beschallen.

Geboren im ambivalenten Swing State Ohio, macht ihn das an der Seite seines Bruders Josiah zu einer der vielschichtigsten, vor allem aber kreativsten Figuren des Independent in den USA und überhaupt. Fast jeder der 19 Tracks vom Radioselbstgespräch Mr. Fifth’ Plea bis zum dadaistisch verquasten PunkHop The Crippled Physician bläst seinem Genre, ach – allen Genres den Staub aus den Köpfen und regt mehr zum Nachdenken als Mitwippen an, aber für letzteres ist der Fundus ja auch so schon unerschöpflich. AOKOHIO ist ein grandioses Album für alle, die dem Bauch auch mal das Gehirn vorschalten möchten.

Why? – AOKOHIO (Cargo)

 


Jantje Friese & Baran bo Odar: Dark & Drogen

Lieber dorthin, wo es wehtut

Das neue Traumpaar des Streamingfernsehens heißt Jantje Friese und Baran bo Odar (Foto: Netflix) Seit Jahren schon sind die Autorin und der Regisseur nicht nur ein Liebespaar, sondern das derzeit erfolgreichste Team am Serienhimmel. Davon zeugt besonders ihr Netflix-Welterfolg Dark. Ein Gespräch über dunkle Phantasien, schicksalhaften Determinismus und wie es war, mal getrennt zu arbeiten.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Friese, Herr Odar, die Atmosphäre der zweiten Staffeln von Dark ist sogar noch trübsinniger als in der ersten. Spiegelt sich das eigentlich auch in der Stimmung am Set wieder oder lacht man sich die Dunkelheit dort im Gegenteil sogar weg?

Baran bo Odar: Eher letzteres. Das ist bei mir allerdings fast immer der Fall, weil ich – obwohl ich bislang eigentlich nur so düsteres Zeug gemacht habe – am Set eher ein Clown bin. Andererseits finden wir Dark gar nicht so düster wie die meisten.

Ach…

Jantje Friese: Also die Bücher sind schon sehr ernst, sehr dramatisch, mit ganz seltenen humoristischen Akzenten. Aber was Bo meint: Wir empfinden Dinge, die andere womöglich als düster und abschreckend empfinden, oftmals als viel heller und können uns sehr gut über abgründige Themen unterhalten.

Odar: Am Set geht es aber auch deshalb so lustig zu, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler etwas extrem emotional darstellen, was nicht einfach so stattfindet, sondern meistens große Bedeutung hat. Das ist auch ein Grund, warum ich stets bemüht bin, die Leute zwischen den Takes aufzulockern. Am Ende steht das schöne deutsche Wort Schauspieler ja anders als der englische Actor fürs Spielerische; da kann und muss man auch mal was riskieren. Ein Filmset ist da wie ein Sandkasten.

In dem Sie Ihre Adressaten – das Publikum – allerdings über Stunden hinweg um jede Chance bringen, Licht am Horizont zu sehen, also Hoffnung zu schöpfen…

Odar: Und zwar ganz bewusst. Ich glaube nämlich, dass der Zuschauer bei seiner Suche nach Hoffnung umso eher im eigenen Leben fündig wird, je schwieriger sie darin zu finden ist. Ich erinnere mich da an David Finchers Seven.

Um einen Serienkiller, der die sieben Totsünden inszeniert.

Odar: Dessen Düsternis fand ich so faszinierend, dass ich zweimal hintereinander ins Kino gegangen bin. Nur eben auch wegen eines Hemingway-Zitats am Schluss: Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft. Dieser Hoffnungsschimmer ist uns beiden am Ende wichtig. Es sind schließlich Geheimnisse, die uns kaputt machen, nicht Offenheit. Drogen zum Beispiel: Je geheimnisvoller die behandelt werden, desto verlockender werden sie. Das versuchen wir auch unserer Tochter weiterzugeben.

Friese: Für uns gehört die dunkle Seite fundamental zum Menschen dazu. Wer immer lächelt, ändert ja nichts an den Grausamkeiten der Welt, sondern blendet sie nur aus. Da empfinde ich es als Zuschauerin geradezu als Erlösung, wenn mir die Ambivalenz der Menschheit auch im Film nicht unterschlagen wird.

Das wäre das andere Extrem, jeden Sonntagabend im ZDF. Aufgeweckte Zuschauer suchen allerdings doch auch mal den Mittelweg, von dem zumindest in den ersten drei Folgen der neuen Staffel nicht die geringste Spur zu finden ist. Ändert sich das noch?

Friese: Wenn man sich wie in Dark mit dem schicksalhaften Determinismus beschäftigt, steht die Frage im Zentrum, ob man dem ewigen Kreislauf des Leidens wirklich entgehen kann. Die Antwort gibt es womöglich am Ende der dritten Staffel. Wenn Sie so lange durchhalten, gibt es dort vielleicht die gewünschte Erlösung (lacht).

Baran: Und alle tanzen singend in den Sonnenaufgang.

Sind Sie eigentlich auch von Anfang bis Ende am Entstehungsprozess beteiligt oder endet ihre Arbeit am Schreibtisch?

Friese: Anders als in der ersten Staffel war ich diesmal selten am Set. Weil ich es ehrlich gesagt so langweilig finde, dass ich mich schnell deplatziert fühle. Außerdem bleibt bei der Geschwindigkeit, in der wir für die dritte Staffel liefern müssen, kaum Zeit. Keine Ahnung, wie Showrunner, die alles auf ihre Schultern legen, das alleine hinkriegen. Vier Schultern sind besser.

Odar: Und wir sind ja auch nicht nur privat ein Paar, sondern arbeiten auch seit 16 Jahren die meiste Zeit zusammen.

Und das klappt?

Odar: Das klappt. Wir haben bei Moviepilot die Liste unserer Lieblingsfilme eingegeben und gemerkt, dass der Match bei nahezu 100 Prozent lag. Zwischen uns herrscht eine so organische Übereinstimmung, dass Jantjes Wortsprache oft von selbst zu meiner Bildsprache passt.

Friese: Trotzdem sprechen wir natürlich, viel sogar. Ich brauche unbedingt sein Feedback. Aber schon, weil wir früher auch vieles gemeinsam geschrieben haben, wissen wir oft auch ohne viel Worte, wo es hingehen soll.

Sind Sie dennoch trotz dieser Bindung quasi Tag und Nacht bei der Arbeit?

Friese: Da kommt man in unserer Konstellation nicht drumherum.

Odar: Keine Chance.

Friese: Wir sind zwar nicht mit uns, aber unseren Projekten verheiratet.

Odar: Und die gehen so nahtlos ineinander über, dass am Ende vom einen bereits die Arbeit am nächsten beginnt.

Puh, klingt anstrengend.

Odar: Ist es auch manchmal und macht bisweilen sehr müde. Aber ich habe es lieber so, als fünf Jahre auf den nächsten Film zu warten. Wir können uns nicht beschweren. Ein Künstler hört nie auf, Kunst zu machen. Meine schlimmste Vorstellung war immer, fünf Tage von nine to five aufs Wochenende hinzuarbeiten.

Friese: Das ist für Außenstehende oft schwer zu verstehen, aber genau das, was wir wollen. Dennoch brauchen wir die Wochenenden gerade äußerst dringend.

Könnten Sie denn nach zehn Jahren im Duett überhaupt noch mit anderen arbeiten?

Odar: Doch, ich habe in den USA einen Film gemacht. Komplett ohne Jantje.

Friese: Verrückt.

Odar: Aber da habe ich schon auch gemerkt, dass ich mit ihr lieber arbeite.

Was ja auch dem Vertrag entspricht, in dem Netflix sie beide vollständig an sich gebunden hat.

Friese: Nur fürs Fernsehen. Wir haben einen exklusiven Serien-Deal mit Netflix. Kinofilme dürften wir auch woanders machen.

Ist denn nach der dritten Staffel definitiv Schluss mit Dark?

Odar: Das war von Anfang an der Plan, und er bleibt es auch. Wir wollten nie das Schicksal von Lost teilen, das klar ersichtlich auf drei Staffeln ausgelegt war, wegen des Riesenerfolgs aber immer noch weiter und weiter fortgesetzt wurde.

Haben Sie nach all der Tristesse danach denn womöglich das Bedürfnis, etwas Leichtes, womöglich gar Heiteres zu machen?

Friese: Nee, wir sind als Menschen schon heiter genug. Außerdem musste ich beim Versuch, zwei Komödien zu entwickeln, feststellen, dass das nichts für mich ist. Es hat mich in meinem Fach des Dramas zwar ungeheuer weitergebracht, kommt aber nicht organisch aus mir heraus. Ich gehe lieber tiefer dorthin, wo es wehtut.

Odar: Weil ich am Set so viel Quatsch mache, wird mir zwar oft nahegelegt, mal Komödie zu machen. Aber wenn, dann müsste es was richtig bizarr Fieses wie die norwegische Serie Norsemen sein, die Vikings verarscht.

Friese: Unglaublich witzig, wir haben echt Tränen gelacht.

Odar: Sehen Sie – wir beide.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Springers Aktien & Vogels Blochin

Die Gebrauchtwoche

29. Juli – 4. August

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie: sechs Jahre, nachdem der amerikanische Finanzinvestor KKR die ProSiebenSat1 Media SE gewinnbringend abstoßen konnte, hortet er gerade die Aktienmehrheit an der Springer AG – also jenes Medienunternehmens, das zuvor vergeblich versucht hatte, Leo Kirchs Konzern zu kaufen, was seinerzeit nur am Bundeskartellamt gescheitert war. Ziel der angeblich freundlichen Übernahme mit anschließender Entfernung vom Börsenparkett: bar lästiger Quartalsberichte und öffentlicher Aufmerksamkeit profitabler zu werden, also noch mehr Geld, statt Journalismus aus dem früheren Presseverlag zu quetschen.

Ein richtiger Presseverlag mit echten Journalist*inn*en, die sogar wahrhaftigen Journalismus, statt populistischer Hetze betreiben, hat derweil schwer mit der Moderne zu kämpfen: Bei der Süddeutschen Zeitung ist ein veritabler Richtungsstreit um die künftige Gewichtung von Print und Online ausgebrochen. Was noch dadurch besorgniserregender wirkt, als selbst die wichtigste deutsche Tageszeitung zurzeit so sehr sparen muss, dass – Achtung, Sakrileg! – in München wohl das jährliche Sommerfest und der freie Faschingsdienstag 2020 gestrichen wird. Keine gute Zeit also für Medien mit Haltung und Niveau – weshalb bisweilen Künstler ohne beides einspringen, um beidem öffentlichkeitswirksam Geltung zu verschaffen.

Weil die AfD Angela Merkel nun auch den Kindermord am Frankfurter Hauptbahnhof in die Schuhe schieben wollte, twitterte Oliver Pocher gegen die Rechtsradikalen im Bundestag – also ausgerechnet jener Comedian, der seit langem für zynische Pennälerwitze auf Kosten anderer berüchtigt ist. Da tat RTL nun, was RTL halt so tut, und lud Pocher nebst AfD-Vertreter zum Streitgespräch bei Guten Morgen Deutschland, was schon ein wenig nach Schlammcatchen im Waschcenter klingt. Gehaltvoller wäre es womöglich, wenn das Magazin den manchesterkapitalistischen Tier- und Menschheitsfeind Clemens Tönnies einladen würde, um mit – sagen wir: ein paar jener Menschen aus Afrika zu diskutieren, die er in seiner Rede vor Handwerkern in Paderborn rassistisch beleidigt hat.

Die Frischwoche

5. – 11. August

Da fühlt man sich schon ein wenig an die vielfach verstörend heitere Atmosphäre einer hochinteressanten ZDF-Dokumentation erinnert. Unterm Titel Wir im Krieg kompiliert Jörg Müllner am Dienstag um 20.15 Uhr nationalsozialistische Home-Videos in ihrer zynischen Beiläufigkeit. Ein ähnlich bedrückendes Zeitdokument wie Shooting the Mafia (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD) – das bildgewaltige Porträt der unerschrockenen sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia. Bedrückend soll wohl auch die Atmosphäre einer fiktionalen Fortsetzung sein, die das Zweite uns und Jürgen Vogel mal lieber erspart hätte.

Als Blochin beendet er die Cop-Saga heute um 22.15 Uhr in Spielfilmlänge, und wie die ersten fünf Teile vor vier Jahren ist auch Matthias Glasners Serienfinale von so lächerlicher Effekthascherei, dass jede der 110 Minuten bestenfalls unfreiwillig komisch wurde. Wie gelungene Fernsehfiktion um Kriminalität und Korruption sein kann, beweist ab Freitag dagegen der US-Sender Showtime mit City on a Hill auf Sky. Tom Fontanas zehnteilige Zeitreise ins Boston der frühen Neunziger mit Kevin Bacon als schmieriges FBI-Fossil zwischen Glanz und Verfall einer gespaltenen Metropole ist allerfeinstes Popcornentertainment mit erstaunlich viel Tiefgang. Was die Serie – mal abzüglich einiger Faden Tiefe – mit der dritten Staffel von Glow am gleichen Tag auf Netflix teilt.

Ungefähr zur selben Zeit beider Formate spielt übrigens ein Porträt, mit dem Arte am Sonntag um 22.15 Uhr einer eigenartigen Figur der Zeitgeschichte huldigt: Being David Hasselhoff. Gemeinsam mit einem DDR-Konzert von Depeche Mode und dem realen Popmärchen Luga City Lights im Anschluss, startet der Kulturkanal hier gewissermaßen ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls – und leitet mit dem Spielfilm vorweg zugleich die Wiederholungen der Woche ein: Goodbye, Lenin! von 2003. Weil es davon so viele gibt, beschränken wir uns dabei allerdings mal auf drei Tatorte dreier Krimiepochen, allesamt am Dienstag: um 22.10 Uhr im WDR: Ballauf noch ohne Schenk im Kölner Fall Gefährliche Freundschaft von 1993, anschließend ein herrlich patinierter Schimanski von 1985 (Doppelspiel) und parallel im NDR: der wunderbare Finnland-Ausflug Tango für Borowski des Kieler Kommissars vor neun Jahren.


Orange is the new Black: divers & böse

Woman is the new Bad

Mit der siebten Staffel endet heute die Frauenknast-Serie Orange is the new Black (Foto: Netflix), mit der Netflix nicht nur sechs Jahre lang richtungsweisende Unterhaltung geboten hat, sondern die Frau in ihrer ganzen Vielfalt gefeiert. Ein trauriger Abgesang.

Von Jan Freitag

Es gibt da eine Konstante in Film & Fernsehen, die fast so haltbar ist wie der Hang zum Happyend: Frauen sind die Guten. Falls sie ausnahmsweise nicht die Guten sind, sind Frauen zumindest nie die richtig Bösen. Und wenn sie doch mal richtig böse werden, sind Frauen gern allein unter noch böseren Männern. So weit ein Branchengesetz, das selbst Gegenspielerinnen von 007 selten in Frage gestellt haben; es sei denn, kurz vorm Abspann wären sie nicht unter ihm gelandet, sondern in Litchfield.

Kein fiktionaler Ort beherbergt schließlich mehr weibliche Delinquenz, Grausamkeit und Heimtücke bei weniger Erbarmen, Mitgefühl, gar Gnade als das Frauengefängnis irgendwo im Nirgendwo der USA. Umso erstaunlicher, dass es seit 11. Juli 2013 den Rahmen einer Art Großkammerspiel bildet, die in der Rubrik „Comedy“ TV-Preise hortet wie Netflix Neukunden: Orange is the new Black. Mit der siebten Staffel leitet der Streamingdienst nun das Finale ein. Doch schon vor den letzten 13 von dann 91 Folgen ist absehbar: So außergewöhnliche Protagonistinnen in so vielschichtigen Problemlagen wird es auf so unterhaltsame Art so bald nicht mehr geben.

Aber warum auch? Der beständig wachsende Hauptcast einer Notgemeinschaft, deren Umfang allenfalls mit Game of Thrones vergleichbar ist, hinterlässt auch ohne Fortsetzung oder Kopien augenfällige Stempel auf dem Markt horizontaler Dramaserien. Bis die leutselige Managerin Piper Chapman (Taylor Schilling) vor fast genau sieben Jahren wegen eines lange zurückliegenden Drogendeliktes für zunächst 14 Monate aus ihrer New Yorker LOHAS-Blase gerissen wird, waren Justizdramen im Allgemeinen und Knastdramen im Besonderen meist Männersache mit weiblichen Accessoires.

RTL hat zwar schon 1997 straffällige Frauen Hinter Gittern inszeniert; im Vergleich zu Pipers Anstaltsgenossinnen bestand das Personal der Seifenoper jedoch aus Kleinkriminellen mit leicht verrohtem Umgangston. Litchfield dagegen versammelte die gesamte Kriminalstatistik auf engstem Raum und räumte dort frei von moralisierender Küchenpsychologie mit dem Mythos auf, der zivilisatorische Abgrund sei für schwere Jungs reserviert. Die gewissen- und rücksichtslose Knastpatin Vee (Lorraine Toussaint) etwa hätte dem Genre-Pionier Oz ebenso alle Gangsterehre bereitet wie ihre Geschlechtsgenossin Fig (Alysia Reiner), die als knallharte Anstaltsleiterin bedenkenlos alle Humanität der Rentabilität unterordnet.

Und auch sonst wimmelt es im Netflix-Panoptikum menschlicher Untiefen nur so vor Wölf(inn)en im Wolfspelz von beispielloser Diversität, während uniformierte Unschuldslämmer noch seltener sind als solche im orangenen Gefängnisdress. Weil von der evangelikalen Psychopathin Pennsatucky bis zum empathischen Drogenwrack Nicky, von der russischen Knastglucke Red bis zur fröhlichen Kampflesbe Big Boo nahezu jede Figur mit ausführlicher Biografie versehen ist, eignet sich jede davon gleichsam zur Hassfigur oder Sympathieträgerin, die man wahlweise fürchten oder lieben darf, manchmal gar beides zugleich. Kein Wunder, dass gefallene Engel wie Piper und ihre Hop-on-hop-off-Affäre Alex (Laura Prepon) in dieser helllichten Vorhölle bisweilen auf der dunklen Seite der Macht landen, aber stets zurückkehren auf den Pfad der Tugend.

Als erstere zum Start der letzten Staffel mit dem sprechenden Titel „Der Anfang vom Ende“ entlassen wird, zeigt Showrunnerin Jenji Kohan daher nochmals ihre dramaturgische Finesse. Während Piper nach der vorherigen Verlegung in ein noch viel brutaleres Gefängnis auch jenseits der Mauern Gefangene des inhumanen US-Strafsystems bleibt, schöpft die lebenslang verurteilte Taystee (Danielle Brooks) aus ihrer Hoffnungslosigkeit zusehends neue Kraft. Erst dank solcher Sollbruchstellen bleibt OITNB ein bitterböses, subtil komisches, sehr präzises Sittengemälde einer zutiefst zerrütteten, gespaltenen, ungerechten Nation – und zwar bis in den melodramatischen Schlussakkord, der jedes Einzelschicksal geigenumflort gen Zukunft entlässt.

Klingt schwulstig, zugegeben. Doch diese Art finaler Trauerbewältigung ist spätestens seit Six Feet Under nicht nur üblich, sondern in diesem Fall auch dringend nötig. Schließlich sorgt sie für ein wenig Erlösung im epischen Leid mehr oder minder schuldbeladener Individuen, die nun endlich auch weiblich sein dürfen. Ein schwacher, schöner, sehenswerter Trost.


Schweizers Werbung & Mythos Monaco

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juli

Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.

Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.

Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.

Die Frischwoche

22. – 28. Juli

Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.

Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.

Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.

Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.

Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.


Die Kerzen: True Love & Politik

Im Grunde Instrumentalisten

Die Kerzen aus Ludwigslust gelten gerade als Band der Stunde – auch, weil die vier Freunde mit den verschrobenen Kunstnamen anders als ihre Bundeslandsleute aus Mecklenburg-Vorpommern von Feine Sahne Fischfilet bis Jennifer Rostock nicht hyperpolitisch sind, sondern im Gegenteil federleicht wie eine digitale Bandmischung aus Achtzigern und Übermorgen, Dream Pop und Cloud Rap. Ein Interview zum Debütalbum True Love (staatsakt) mit Sänger Die Katze und Musiker Super Luci.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Eigentlich möchte man Mecklenburg-Vorpommern nicht immer seine auf Nazis reduzieren, aber bislang sind bekanntere Band von dort wie Feine Sahne Fischfilet, Waving The Guns, Jennifer Rostock oder Marteria allesamt extrem politisch. Warum seid ihr nicht nur un-, sondern geradezu apolitisch?

Super Luci: Für mich ist das eine Grundeinstellung, privat zwar politisch, also kein sexistisches oder rassistisches Arschloch zu sein, musikalisch aber nicht.

Die Katze: Wir sind zwar absolut keine unpolitischen Menschen. Aber so gut ich es finde, wie Feine Sahne sich dieser wichtigen Sache annimmt, würde sie in unserer Musik bloß konstruiert wirken. Zu Punkrock könnte ich vielleicht auch nicht so gut von der großen Liebe reden oder?

Andererseits erreicht man mit Punkrock ohnehin immer nur ähnlich tickende Personen, während man mit eurer Art DreamPop auch solchen was unterjubeln kann, die anders denken.

Die Katze: Das mag sein, aber als wir angefangen haben, erste Songs und Texte zu schreiben, war überhaupt nicht absehbar, damit überhaupt irgendwen zu erreichen, den das interessieren könnte. Deswegen war unser Veränderungsgedanke gering. Aber sollten wir irgendwann mal an dem Punkt angelangt sein, mit unserer Meinung den Unterschied zu machen, kann man darüber ja nochmal neu nachdenken.

Super Luci: Das ist allerdings unabhängig von unserer Musik. Man kann ja auch fragen, warum Rezo seine CDU-Kritik als Musiker nicht in einen Song, sondern dieses Video verarbeitet hat. Als Person des öffentlichen Lebens, muss man seine Haltung nicht zwingend in der eigenen Kunst verarbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten sich mitzuteilen. Popkulturell betrachtet finde ich das ziemlich spannend.

Gibt es dennoch Meta-Ebenen auf eurer Platte, die ich womöglich nur nicht entdeckt habe?

Super Luci: Kann schon sein, dass die Tiefen unseres Unterbewusstseins da welche hinterlassen haben. Aber wenn du sie findest, sag uns gern Bescheid.

Ist es also im Gegenteil ein Statement, einfach mal unpolitisch zu bleiben – auch, um den Leuten da draußen zu beweisen, in Mecklenburg-Vorpommern gibt’s auch was anderes als Nazis?

Die Katze: Das wäre möglich, aber auch überinterpretiert. Wir machen uns einfach generell nicht dauernd Gedanken, so ist die Band ja überhaupt erst entstanden: als Spaßprojekt, das cheezy Popsongs machen möchte. Deshalb habe ich fast ein bisschen Angst davor, dass wir uns irgendwann genötigt sehen, uns zu positionieren.

Super Luci: Am Ende wollen wir einfach nur gut unterhalten, also so weiter machen, wie bisher.

Seid ihr damit eine Band, deren Texte eher Instrument als Ausdrucksmittel sind?

Super Luci: Im Grunde genommen sind wir Instrumentalisten, machen uns aber schon auch Gedanken um das, was Die Katze dann singt. Es macht allerdings mehr Spaß, einen Song zu arrangieren als zu betexten.

Die Katze: Als Musiker oder Musikerin ist man in erster Linie handwerklich orientiert, Texte schreiben bleibt da eher abstrakt. Als Hauptsänger ist mir der Gesang aber schon auch wichtig, gerade live. Deshalb sind die Texte auch nicht Random, sondern durchdacht. Aber auf einem sehr einfachen, gerade Weg, den wir alle auch im Entstehungsprozess gemeinsam gehen.

Hat es für ein Leben in der Provinz denn etwas Selbsttherapeutisches, wenn im Klappentext eurer Platte „Hits schreiben, statt Abfrusten“ steht?

Super Luci: Schon. Wir haben ja definitiv aus einer gewissen Langeweile heraus zur Musik gefunden.

Die Katze: In einer Kleinstadt Leute zu finden, mit denen man seine Ansichten und den Geschmack teilen kann, dieses seltene Glück verbindet ungemein. Wie viele Leute gibt es, die bei uns niemanden finden, der ihre Sprache spricht. Und ehrlich: was willst du denn sonst machen in Ludwigslust?

Super Luci: An Mopeds schrauben?

Die Katze: Freiwillige Feuerwehr!

Super Luci: Toll!

Wie lange kennt ihr euch schon?

Super Luki: Aus Schulzeiten, 7. Klasse, man läuft sich bei 11.000 Einwohnern aber auch so ständig über den Weg. Und Jelly Del Monaco habe ich beim FSJ kennengelernt.

Die Katze: Das hat auch eine gewisse Symbolik: Sie kommt aus Baden-Württemberg, wollte das so weit wie möglich hinter sich lassen und ist aus denselben Gründen, warum man Mecklenburg-Vorpommern verlässt, zu uns gekommen. Auch wenn Jelly da womöglich widersprechen würde.

Warum habt ihr euch eigentlich diese Kunstnamen gegeben?

Super Luci: Ach, am Anfang fanden wir das einfach nur lustig.

Die Katze: Mittlerweile geht es zwar auch darum, weitere Ebenen hinzuzufügen. Aber auch hier gilt: es hat nicht alles eine tiefere Bedeutung, was wir machen.

Super Luci: Künstlerische Zusammenhänge haben immer etwas Artifizielles, aber zu viel sollte man da nicht hineininterpretieren.

Wo liegen denn eure musikalischen Referenzgrößen – eher im Dream Pop der Achtziger oder beim Trash Pop von heute wie Bilderbuch.

Super Luci: Sowohl als auch. Als Teenager haben wir immer eher aktuellen Indierock gehört, aber die Art, wie wir das auf unsere Art umgestalten, kommt aus den Achtzigern – Prefab Sprout, Tears for Fears, aber in der Tat auch sowas wie Bilderbuch.

Die Katze: In unserem Sound und der Attitüde findet sich viel vom aktuellen Cloud Rap wieder, auch in der Herangehensweise.

Super Luci: Am Anfang sind unsere Songs in drei, vier Stunden fertiggeworden, weil jeder etwas in den Prozess eingeworfen hat, was dann sofort umgesetzt wurde. Das war zwar noch nicht wie bei den Jung Hurn, die sagen, jede Zeile, über die wir mehr als 15 Sekunden nachdenken, ist Schrott. Aber das intuitive Arbeiten liegt uns schon sehr und unterscheidet uns am Ende doch von den Eighties.

Geht diese Intuition so weit, dass sich euer Stil jederzeit radikal ändern könnte?

Die Katze: Durchaus, aber wir denken über die nächste Platte natürlich noch gar nicht nach. Aber ernsthaft: ich finde es auch voll okay, sich treu zu bleiben.

Super Luci: Außerdem kann man sich oft gar nicht aussuchen, wo es hingeht.

Das Interview ist vorab auf dem Musikblog erschienen