Amokläufe & Schockwellen

TV

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Juni

Versuchen wir uns, nur mal hypothetisch in eine Redaktionskonferenz der Bild in Berlin vom vergangenen Freitag hineinzuversetzen. Sichtlich erschüttert schaltet sich der Würzburger Lokalchef zu und berichtet vom Amoklauf in Würzburg, bei dem zu der Zeit mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen sind. „Schrecklich“, sagt ein Kollege. „Tragisch“, ein anderer. „Kennt jemand die Hautfarbe“, fragt der dritte und wird von Jubelgeschrei unterbrochen, mit dem Julian Reichelt hereinstürmt: „Ein Asylant“, brüllt er freudestrahlend. „Aus Somalia“, mischt sich unters Geräusch der sprudelnden Champagnerflasche. Darauf die Redaktion im Chor: „Is-lam-ist, Is-la-mist, Is-la-mist!“

Also ab aufs Titelblatt mit ihm.

Unverpixelt natürlich. Vorverurteilt, abgestempelt, ausgeliefert, den Wutbürgern der Republik zum Fraß vorgeworfen. Zweimal findet sich der mutmaßliche Täter von Würzburg klar erkennbar auf dem Bild-Titel. Zweimal verstößt das gegen jeden moralischen und journalistischen Kodex. Zweimal ist das den biederen Brandstiftern der publizistischen Demokratie- und Menschenverachtung im Springer-Verlag herzlich egal, solange der braune Mob das Drecksblatt mit den dicken Buchstaben nur massenweise kauft.

Umso drolliger ist es, dass Johannes Boie, Chefdemagoge der geistesverwandten Welt am Sonntag kurz zuvor den haltungsgetriebenen, aber gewissenhaften Politik-Vlogger Rezo als „Journalistendarsteller“ bezeichnet hatte, der „durch das Video die Zerstörung der CDU“, bekanntgeworden sei, „das launig daherkam, aber – wie auch andere Videos von ihm – (noch) mehr Fehler enthielt als ein Lebenslauf von Annalena Baerbock.“ Wenn man denkt, der Hass auf Logik, Anstand, Takt und Ethos könnte nicht größer werden, kommt eben verlässlich ein moralischer Zwerg aus der Chefredaktion und arbeitet am künftigen Ermächtigungsgesetz der AfD.

Kein Wunder, dass sich Bild und Welt im wohlfeilen Empörungssturm ums Verbot der Münchener Regenbogenbeleuchtung durch die Autokratenkuschlerin UEFA zurückgehalten hat. Homosexuelle fände man bei Springer halt nur dann schützenswert, wenn sich damit die Auflage steigern ließe. Und damit zu den Schlagzeilen der Woche: ARD und ZDF vernetzen ihre Mediatheken, RTL lässt Pumuckl wiederauferstehen, ProSieben womöglich TV Total und Florian Silbereisen ersetzt Dieter Bohlen bei DSDS.

Die Frischwoche

29. Juni – 4. Juli

Viel mehr war nicht, viel mehr wird nicht. Inmitten der Sommerpause hat die Fußball-EM auch das Fernsehen vollständig im Griff. Erstausstrahlungen von Belang bleiben da naturgemäß selbst bei den Streamingdiensten, die ansonsten auf Sehgewohnheiten pfeifen, selten. Die RTL-Plattform Now überzeugt zwar ab Dienstag mit der filigranen Langzeitstudie Angela Merkel – Frau Bundeskanzlerin von Katrin Klocke und Stefan Aust. Die linearen Vollprogramme aber beschränken sich gegen die Achtel- bis Viertelfinalspiele auf Wiederholungen wie Lissabon- Krimi (ARD) oder Bier Royal (ZDF).

In der Spielpause am Mittwoch zeigt das Erste dann aber Volker Heises gewohnt akribisch recherchierte 90-Minuten-Doku Schockwellen – Nachrichten aus der Pandemie. Parallel zeigt Netflix seine Historiengroteske America – Der Film. Tags drauf muss man dann hoffen, dass sich der bayerische Komiker Helmut Schleich im SchleichFernsehen extra um 23.35 Uhr nicht wieder das Gesicht schwärzt, um N…, pardon: Afrikaner zu verunglimpfen.

Und zum Monatsbeginn gibt es sogar noch ein kleines Highlight. Die ZDF-Serie Loving her porträtiert sehr junge, sehr hübsche, aber sehr glaubhafte Berlinerinnen beim Balztanz um andere Berlinerinnen, und zwar, Achtung: ohne die Diskriminierungskarte zu spielen, aber nicht im Beliebigkeitsgewitter von Hochglanzserien wie The L-Word. Sechs raspelkurze Episoden lesbischer Alltagsliebe zum Zurücklehnen und Entspannen. Auch mal schön.


Rezos Angebot & Anwälte des Bösen

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juni

Die Menschen der aktuellen Mediengesellschaft neigen ja bekanntlich zur Heroisierung. Alles von Jan Böhmermann wird dabei zur satirischen Demaskierung erklärt, alles mit Iris Berben zum cineastischen Hochgenuss, alles auf Arte zur sozialkritischen Hochkultur, besonders aber wird dabei alles, was der klassenbewusste Influencer Rezo von sich gibt, unbedingt bedeutsam. Eine Einladung in sein Jugendzimmer auszuschlagen, gilt demnach mindestens als Realitätsverweigerung, wenn nicht gar geriatrisch.

Gerade, wenn sie von Armin Laschet kommt, Kanzlerkandidat jener Partei, die – wir erinnern uns grinsend – Rezos Zerstörung der CDU nicht mit einem Video ihres früh vergreisten Schlaumeiers Philipp Amthor konterte, der sich kurz darauf als korrupter Lobbyist dubioser IT-Firmen erwies, sondern dem einer blondierten Knallcharge, die allen Ernstes Armin heißt. Sein Namensvetter hat Rezos Einladung zum Bundestagswahldiskurs nun dankend abgelehnt. Damit erhärtet er den Verdacht, eher Alterskohorten im Blick zu haben, die das Rentnerfernsehen Um Himmels Willen so erfolgreich machen.

Nach 20 Jahren und 29963 Folgen, hat Fritz Wepper Kaltenthal verlassen und hinterlässt, tja – was eigentlich? Ein klaffendes Loch da, wo die ARD mit etwas mehr Nachwuchsfürsorge wohl auch noch Zuschauer unter 66 hätte. Im ZDF steht deren Schwiegersohntraum Claus Kleber demnächst nicht mehr als Sexsymbol zur Verfügung. Anders als seine Tagesthemen-Kollegin Pinar Atalay – demnächst ersetzt durch den ZDF-Ankauf Aline Abboud – verlässt er das heute-journal allerdings nicht in Richtung Privatsender, sondern Ruhestand.

Also immerhin nicht in den Knast, wo der westfälische GEZ-Rebell Georg Thiel seit mehr als 100 Tagen seine Erzwingungshaft absitzt, weil er dem WDR 465,50 Euro an Rundfunkbeiträgen schuldet. Ein schönes Signal an alle identitären Querdenker übrigens, dass Demokratieverachtung nicht für umme ist. Deren Preis ist übrigens messbar: 70 Cent. So viel kostet die Bild-Zeitung am Kiosk, wo sie am Samstag für die Meinungsfreiheit von Corona-Leugnern, Querdenkern, Islamfeinden und Neonazis warb.

Die Frischwoche

21. – 27. Juni

Eigentlich müssten die Bild-Justiziare also in der True-Crime-Serie Anwälte des Bösen porträtiert werden. Weil es ab Donnerstag auf Sky allerdings um Mandanten von Adam Ahmed geht, der vor allem Kindermörder und ähnliche Verbrecher verteidigt, bleibt der Springer-Konzern ausnahmsweise außen vor und kann weiterhin Shit in den Storm der gesellschaftlichen Verrohung blasen.

Ein paar der Lieblingshassobjekte: Frauen jenseits von Küche und Ehebett, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Ihrem Kampf gegen misogyne Gewalt widmet Arte Mittwoch ab 21.50 Uhr die Dokus Bis zum bitteren Ende und #dreckshure. Bitte nicht verwechseln mit #offline, einer Reality-Soap, in der joyn tags drauf so genannte Influencer in den Wald schickt, um ohne ihre Lebenselixier Smartphone zu überleben.

Am Freitag dann geht David Weils Anthology-Serie Solos bei Amazon online, in der Superstars wie Morgan Freeman, Anne Hathaway, Helen Mirren sieben Teile lang dramaturgisch lose verknüpft das Thema Einsamkeit erzählen. Parallel zeigt Disney+ Die geheime Benedict Gesellschaft, ein hinreißende absurdes Fantasy-Epos mit vier Kindern unterschiedlicher Superkräfte, die einen verrückten Wissenschaftler an der Weltherrschaft hindern. Und Sonnabend geht derselbe Sender einer Legende auf den Grund und fragt: Wer war Charlie Brown?

Einer weniger sympathischen Legende spürt das Biopic The Program zeitgleich in der ZDF-Mediathek nach: Lance Armstrong. Begleitet von der hinreißenden Doku The Saxons um drei ostdeutsche Breakdancer. Klingt ungleich kreativer als das, was der Hauptsender Sonntagnachmittag mit der RTL-Anwerbung Sonja Zietlow macht: die Tiershow Mein Hund fürs Leb… schnarch. Dann doch lieber die Standup-Komödie Good on Paper, Mittwoch bei Netflix.


ARD-EM: Sedlaczek & Neumann

704x396Emanzipation ist nicht nur Frauensache

Als Sportjournalistinnen im Männerbusiness Fußball sind Esther Sedlaczek und Claudia Neumann Kummer gewohnt. Jetzt arbeiten beide für die ARD und zeigen bei der Europameisterschaft gerade, wie irrelevant ihr Geschlecht ist, wenn es um Qualität geht. Ein Gespräch über EM-Euphorie, Medien-Sexismus und wie weit die Sportschau vom Matriarchat entfernt ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Neumann, Frau Sedlaczek – wissen Sie, wo Sie am 11. Juni, dem Tag des EM-Eröffnungsspiels, sein werden?

Esther Sedlaczek: Also ich bin in Hamburg.

Claudia Neumann: Weil wir Reporter noch immer von den Corona-Regeln und Inzidenzzahlen abhängen, weiß ich es tatsächlich noch nicht genau. Am 12. kommentiere ich zwar Russland gegen Belgien in St. Petersburg, weiß aber auch noch nicht genau, von wo aus.

Sedlaczek: Die Moderation jedenfalls findet sowohl bei uns in der ARD als auch beim ZDF, wie ich meine, komplett in Deutschland statt.

Neumann: Aber auch für Reporter macht es vorerst keinen Sinn, Reisen in alle ausrichtenden Länder zu planen, wo man womöglich vor Ort oder nach der Rückreise fünf Tage und mehr in Quarantäne muss. Wir planen da mindestens doppelgleisig, das wird sehr spannend und frisst wohl mehr Zeit, Geld und Nerven als die eigentliche Durchführung.

Sedlaczek: Deshalb mache ich bei meiner EM-Premiere auch keine Field-Interviews, sondern bleibe mit dem Sportschau-Club komplett im deutschen Studio. Immerhin ist das sehr viel leichter planbar. Meine Reiserouten stehen längst: Hamburg-München-Hamburg-München.

Aber wie soll bei all den Unwägbarkeiten so was wie Fußballstimmung, gar EM-Euphorie aufkommen?

Neumann: Ach, ich bin diesem Sport so nah, dass meine Gemütslage von der fußballerischen Qualität abhängt. Wenn die stimmt, verbessert sich meine Stimmung automatisch. Denn machen wir uns nichts vor: das übliche Drumherum so großer Turniere, Esther kennt das ja auch schon von Champions League, ist für uns Journalisten selten von euphorischer Stimmung geprägt. Akkreditierungen, Sicherheitsvorkehrungen, Schlangestehen, Abwarten.

Sedlaczek: Jetzt noch ergänzt um Schnelltests.

Neumann: Das war ohnehin immer nervig. Als Journalisten befinden wir uns da seit jeher in einer Blase. Während immerhin wieder Publikum im Stadion sein darf, wird allerdings die Atmosphäre in den Städten, der Kontakt zu den Menschen vor Ort, die Begegnungen mit den Fans umso mehr fehlen.

Sedlaczek: Wir haben bei Sky ja auch vor Corona schon wichtige Spiele wie das DFB-Pokalfinale aus dem Studio gemacht, das kenne ich also schon. Und durch die Pandemie haben wir uns ein wenig an größere Distanz bei weniger Atmosphäre gewöhnt. Umso nervöser werde ich sein, am 11. Juni das erste Mal für die ARD bei so einem Ereignis vor der Kamera zu stehen.

Nervös im Sinne von Hose voll oder im Sinne von aufgeregt?

Sedlaczek: Nee, meine Hose bleibt leer (lacht), aber die Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Konzentration, die ich vor jeder Sendung habe, wird in der Situation vermutlich noch etwas größer sein. Bei einer neuen Herausforderung steht man natürlich unter anderer Beobachtung und will besonders gut performen. Eine halbe Stunde vorm Beginn geht einem der Allerwerteste daher schon noch mal auf Grundeis, aber sobald das rote Lämpchen leuchtet, kommt der Spaß.

Neumann: Eine Portion Anspannung bleibt wohl stets, aber den Druck eines Millionenpublikums, das teilweise auf Fehler nur wartet, habe ich mit meiner Erfahrung ganz gut im Griff. Und weil ich weniger im Bild bin als Esther, ist die Beobachtung auch eine andere. Zum Glück (lacht).

Anderseits war die Beobachtung für Sie als erste Frau, die 2018 ein WM-Spiel der Männer kommentieren durfte, enorm.

Neumann: Das stimmt natürlich, da schwappte einiges aus Deutschland nach Russland rüber. Das wurde auch mit der Chefredaktion besprochen, die sehr beruhigt war, wie – ich will nicht sagen locker, aber souverän ich mit der Netz-Hetze umgegangen bin. Doch wer wie ich in Russland 2018 rund drei Wochen bis zum Achtelfinale quer durchs Land gereist ist, für den war der Zeitplan so straff, dass er wenig Möglichkeiten bot, sich mit allzu vielem darüber hinaus zu beschäftigen. Aber das ist kein Thema mehr, ich bin fein mit allem, auch mit den scheinbar unvermeidbaren Social-Media-Reflexen. Punkt, Aus, Ende.

Heißt Punkt, Aus, Ende für Sie, am liebsten gar nicht mehr übers Thema Frauen im Fußballjournalismus und den irritierenden Sexismus, der dabei noch immer offenbart wird, reden zu wollen?

Sedlaczek: Mir wäre es in der Tat am liebsten, wenn die Frage nach Frauen im Fußball gar nicht mehr gestellt würde. Aber da sind wir nun mal noch nicht, weshalb auch unsere Stimmen gebraucht werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Neumann: Denn machen wir uns nichts vor: Medienfrauen im Männerfußball sind abgesehen von der Printbranche, wo sie etwas unauffälliger Topjobs erledigen, weiter ein Riesenthema. Aber wir werden es nicht verkleinern, indem immer nur auf die negativen Aspekte Bezug genommen wird. Umso mehr spüre ich mittlerweile eine gewisse Verantwortung und Sensibilität, dabei zu helfen, Frauen im Sportjournalismus sichtbar, also normal zu machen. Vielleicht braucht es dafür der Erfahrung und Reife aus 30 Berufsjahren, die ich mitbringe.

Sedlaczek: Jeder Kollegin, aber auch jeder Kollege muss da für sich entscheiden, wie er oder sie damit umgeht. Emanzipation ist ja nicht nur Frauensache und Sexismus weit über unseren Arbeitsbereich hinaus ein gesellschaftliches Problem. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es nach der Geburt meiner Tochter hieß, jetzt geht sie endlich wieder an den Herd.

Neumann: Wahnsinn!

Sedlaczek: Das hat mich persönlich gar nicht so sehr berührt, macht aber trotzdem betroffen und traurig. Im Jahr 2019! Denn auch, wenn mir die großen Shitstorms bisher erspart geblieben sind, wird bei uns Frauen bei jedem Versprecher, jedem Fehler viel genauer hingehört als bei Männern. Und auch, wenn das mit den Jahren weniger wird, habe ich mit Hass und Hetze im Netz zu tun. Ich habe zwar meinen Umgang damit gefunden, das nicht persönlich an mich herankommen zu lassen, muss und werde es aber immer kritisch hinterfragen.

Neumann: Wobei Moderatorinnen im Fußball weit etablierter sind als Kommentatorinnen.

Spätestens seit Monica Lierhaus Anfang der Nuller zumindest.

Neumann: Trotzdem bleibt die Grundhaltung uns gegenüber skeptisch. Wenn ein Mann kommentiert, kommentiert er eben. Wenn es eine Frau tut, kommt sofort die Frage auf: kann die das überhaupt? Das gilt ebenso für Moderatorinnen. Oder nehmen Sie die Suche nach einem DFB-Präsidenten. Wollte bei den Herren Koch, Peters, Grindel irgendwer wissen, ob der das grundsätzlich kann? Nee! Das wird nur bei Frauen hinterfragt.

Sind Sie deshalb Teil einer Kampagne für mehr weibliche Führungskräfte im DFB?

Neumann: Es geht uns keinesfalls ausschließlich um den DFB, sondern das gesamte Fußball-Spektrum. Frauen sind in allen Bereichen nur im marginalen Prozentbereich vertreten, das bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft einfach nicht ab. Die Diskussion über die Neubesetzung des DFB-Präsidentenamtes folgt überholten Mechanismen und wirkt damit ziemlich hilflos. Vor irgendwelchen Personaldebatten sollten inhaltliche und strukturelle Fragen geklärt werden. Stattdessen erleben wir gerade wieder Machtgehabe, Intrigen, ausgeprägte Beharrungskräfte. Es geht ausschließlich um persönliche Interessen, eigentlich unfassbar.

Immerhin gibt es jetzt bei der Berichterstattung einen Fortschritt. Wenn Sie Matthias Opdenhövel im August bei der legendären Samstags-Sportschau ablösen, Frau Sedlaczek – haben Frauen dort dann die Mehrheit?

Sedlaczek: Lassen Sie mich mal durchzählen – 2:1, in der Tat. Wie geil ist das denn!

Sind wir etwa vorm Umweg über echte Parität gleich auf dem Weg ins Matriarchat oder ist das bloß Episode?

Sedlaczek: Mir würde es reichen, wenn wir dadurch so viel darüber reden, dass wir irgendwann gar nicht mehr darüber reden. Ich glaube nicht, dass die ARD hier Quoten erfüllen wollte, sondern ich mir den Job verdient habe. Aber es ist ein schönes Signal, oder?

Neumann: Unbedingt sogar, es verändert sich was.

Könnte sich das auch sprachlich auswirken – werden Sie bei der EM und in der Sportschau zum Beispiel gendern?

Sedlaczek: Bei der Sportschau verwenden wir aktuell das Gender-Sternchen im Schriftverkehr, in der Regel aber nicht auf dem Sender.

Neumann: Obwohl ich mich persönlich nicht herabgewürdigt fühle, bei „Sportreporter“ mitgemeint zu sein, mache ich mir darüber immer mehr Gedanken in den letzten Wochen. Ich bin unbedingt auf allen Ebenen der Gesellschaft für absolute Gleichberechtigung und verstehe die Haltung derer, die Gendern wichtig finden, weil Sprache nun mal Haltungen definiert. In der Live-Situation empfinde ich es aber als sperrig. Vermutlich wähle ich da einen Mittelweg, der mir aber schon deshalb leichter fällt, weil ich als Kommentatorin eines Männerturniers naturgemäß selten von Frauen rede.

Letzte Frage, darf nicht fehlen, sorry: Wer wird Europameister?

Sedlaczek: Mangels Kristallkugel sage ich: sag ich nicht, bei so vielen starke Teams!

Neumann: Der beste (lacht). In den redaktionellen Tipprunden gewinnen eh immer die, die bekennend am wenigsten Ahnung von Fußball haben.

Bios

Esther Sedlaczek, Tochter des Schauspielers Sven Martinek, war Modejournalistin, bevor sie 2011 als Fußballreporterin zu Sky geht. Im August wechselt die 36-jährige Ostberlinerin zur ARD-„Sportschau“

Claudia Neumann, 1964 geboren in Düren, ist seit 30 Jahren Sportreporterin, gut zwei Drittel davon beim ZDF, für das sie bei der EM 2016 als erste deutsche Frau ein Männer-Länderspiel kommentiert.


Fußball-EM & Physical

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Juni

Der Halbgötterglaube des ZDF ist mindestens ebenso legendär wie der des Ersten Programms. In den Achtzigern heilte Prof. Brinkmann den halben Schwarzwald, in den Neunzigern heilte Der Landarzt die ganze Ostsee, in den Nullern folgte beiden ein Bergdoktor, der auch vorgestern zum Einsatz kam, als die Fußball-EM kurz im Wachkoma lag. Im Spiel gegen Finnland musste ein Däne wiederbelebt werden. Schockstarre auf dem Rasen, Schockstarre im Stadion, Schockstarre am Bildschirm, Schockstarre sogar bei der Quasselstrippe Béla Réthy – da schaltete das Zweite aus Kopenhagen zum, kein Witz: Bergdoktor Hans Sigl.

Dabei saßen mit Christoph Kramer, Manuel Gräfe und Per Mertesacker drei exzellente Experten im Studio, mit denen Moderator Jochen Breyer die lange Zeit bis zum Wideranpfiff souverän überbrückt hätte. Die ARD dagegen bot gestern zwei originelle Rookies auf: Welttorhüterin Almuth Schult nennt sich selber zwar so konstant ZuschauEr und SpielEr, dass Friedrich Merz vor Glück wohl Testosteron aus Ohren, Mund und Nase läuft, überzeugt jedoch durch kenntnisreiche Einordnungen. Kevin Prince Boateng dagegen bezieht Stellung gegen Rassismus und bleibt auch sprachlich der Emanzipation verpflichtet.

Wem sich Jeff Bezos verpflichtet fühlt, haben Rechercheure nun enthüllt: me, myself and I. Nicht nur, dass der egomanische Manchester-Kapitalist für Einkünfte, die ihm ein Vermögen von sagenhaften 188 Milliarden Dollar bescherten, ganze 1 Prozent Steuern zahlt; er nutzt sie auch nicht wie Bill Gates für sinnhafte Hilfsprojekte, sondern wie Elon Musk für sinnlose Weltraumflüge. Wie gut, dass der Menschheitsfeind die Kontrolle über Amazon bald abgibt. Damit zu Guido Cantz, der Ende 2021 Verstehen Sie Spaß? verlässt – und hoffentlich bis an sein Lebensende ins ARD-Schweigekloster geht.

Verstummt schien auch Tanit Koch. Drei Jahre jedoch, nachdem Julian Reichelt sie von der Bild-Spitze gepimmelt hatte, holt Armin Laschet die zwischenzeitliche RTL-Chefredakteurin in sein Wahlkampfteam. RTL, Springer, CDU – seit langem schon ein Dreamteam. Küche, Böhmi, ZDF ist dagegen bislang kein organisches Dreigespann. Ob die angekündigte Kochshow mit Jan Böhmermann im Zweiten ein Prank ist, muss sich also erst noch zeigen. Kein Prank war hingegen, dass Putins Regime dem WDR-Sportreporter Robert Kempe die EM-Akkreditierung entzog – und nach kurzer Hektik wieder zubilligte.

Die Frischwoche

14. – 20. Juni

Darüber hinaus ist das Fernsehprogramm dieser Tage zwar reich an Fußball (zumindest, wenn es Magenta schafft, die Spiele anders als beim Auftakt am Samstag störungsfrei zu übertragen), aber arm an unterhaltsamem Tiefgang. Daran könnte indes der jüdische Schauspieler Daniel Donskoy etwas ändern, wenn sein Zielgruppentalk Freitagnacht Jews aus dem Netz ins ARD-Spätprogramm wechselt. Gleiches widerfährt der ZDF-Gesprächsperle 13 Fragen. Ab Sonntag diskutieren Salwa Houmsi und Jo Schück nämlich statt in der Mediathek bei Neo über unsere Gesellschaft.

Fiktionale Unterhaltung von Bedeutung liefern indes eher Streamingdienste. Besonders empfehlenswert wäre dabei Physical ab Freitag (Apple TV+) eine tragikomische Kostümserie aus dem Kalifornien der frühen Achtziger, wo sich eine Hausfrau an der eigenen Dauerwelle aus dem Sumpf einer reaktionären Ehe auf die Aerobic-Welle zieht. In derselben Epoche eher tragi als komisch, aber auf hinreißende Art woke und bedeutsam ist der Starzplay-Fünfteiler It’s A Sin, in dem vier schwule Männer im homophoben England anno 1981ff aus der Selbstbefreiung in die Aids-Katastrophe schlittern und doch die Köpfe hochhalten.

Weitere Neustarts: nach dem Start der achtteiligen Netflix-Doku Stadt der Pinguine über wilde Tiere im urbanen Kapstadt am Mittwoch, zeigt der Marktführer ab Freitag zwei, nun ja, nicht ganz so zuckersüße Horrorserien – die Fortsetzung der Zombie-Serie Black Summer, gefolgt von der postapokalyptischen Mystery-Dystopie Katla aus Island. Tags zuvor startet die 2. Staffel der dänischen Skandi-Noir-Serie Darkness. Auch in Blinded jagen bildschöne Cops einen Ritualkiller, der schon in der ersten von acht Folgen bekannt ist. Das ist bei aller Effekthascherei enorm spannend – und weitaus weniger lieblich als die Pixar-Komödie Luca um zwei animierte Jungs im Urlaub, die ab Freitag bei Disney+ ein kleines, aber nicht unwichtiges Geheimnis teilen.


Tina Hassel & Helen Hunt

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Mai – 6. Juni

Das ZDF anno 2021 ist schon ein ganz schön emanzipierter Laden. Chefredakteurin ist nämlich, ach nee – mit Peter Frey keine Frau, sondern der 6. Mann seit 1962. Gut, dafür wird gewiss die Programmdirektion weiblich geleitet? Fast! Mit Norbert Himmler ist der 9. Herr seit Anbeginn des Zweiten inhaltsverantwortlich. Und weil gleiches für Produktionsdirektor Michael Rombach gilt, ist Karin Brieden nach zuvor fünf Kerlen an der Spitze des Verwaltungsdirektoriums die einzige Topmanagerin des ZDF in 59 Jahren.

Noch.

Denn wenn das erweiterte Präsidium am 15. Juni mögliche Nachfolger von Intendant Thomas Bellut – natürlich Nachfolger von vier Anzugträgern – einlädt, könnte der Fernsehrat zwei Wochen später doch glatt Tina Hassel zur ersten aller Mainzelmännchen und ein paar weniger -weibchen küren. Könnte… Denn natürlich werden der Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios nicht nur wegen ihrer Stellung beim Konkurrenzkanal, sondern mehr noch wegen ihres Geschlechts weit schlechtere Chancen zugerechnet als Norbert Himmler, der wiederum mit Hausmacht und wichtiger noch: Y-Chromosom versehen ist.

Eigentlich eine Mutation, in Deutschlands TV-Kreisen jedoch unverdrossen die wichtigste Zugangsberechtigung an die Hebel der Macht. Daran ändert wenig, dass Talkshows hierzulande mittlerweile überparitätisch besetzt sind. Mit Maybrit Illner zum Beispiel, die vorigen Donnerstag Alexander Gauland zu Gast hatte. Aushängeschild einer Partei also, die bei der gestrigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zugleich verloren und gewonnen hat – interessanterweise gegen jenen CDU-Ministerpräsidenten, dessen Partei dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch die Ablehnung der notwendigen Gebührenerhöhung den Garaus machten möchte.

Die Frischwoche

7. – 13. Juni

Ob das dem Produktionsstandort fiktional schaden würde, sei in Anbetracht der herrschenden Programmierungsverhältnisse allerdings dahingestellt. Denn wer Tamar Jandalis dokumentarischen Streifzug Easy Love durchs Paarungsverhalten junger Menschen in Deutschland morgen 45 Minuten nach Mitternacht im Ersten versteckt, weil um 20.15 Uhr die serielle Publikumsverachtung Um Himmels Willen zu laufen hat, scheint ebenso leicht ersetzbar wie das ZDF, wo die siebenteilige Männlichkeits-Analyse Boys nur in der Mediathek zu sehen ist. Freitagabend ist halt Krimizeit.

Noch übler wird es beim WDR, der Mittwochabend als Warm-up zum EM-Eröffnungsspiel zwei Tage später die wirklich wunderbare Fußball-Doku You’ll Never Walk Allone zeigt – und fast schon boshaft auf 45 Minuten halbiert, als sei es irgendwie auch egal, was Filmemacher sich so ausdenken über den besten Fan-Song aller Zeiten. Würde die FDP damit nicht so plump am rechten Rand fischen, man müsste ihre Forderung, ARZDF aufs Informationelle zu beschränken, fast unterstützen.

Machen wir aber nicht.

Sondern bitten jüngere Zuschauer*innen lieber, das zu tun, was sie ohnehin machen, nämlich streamen. Der Giftanschlag von Salisbury, die fiktionale Rekonstruktion des Nowitschok-Attentats auf den russischen Überläufer Sergej Skripal läuft am Donnerstag zwar vier Teile am Stück auf Arte. Alle anderen Tipps der Woche laufen allerdings online. Etwa das Serien-Sequel Blindspotting, mit dem Starzplay ab Sonntag den gleichnamigen Kinoerfolg um amerikanischen Alltagsrassismus mit viel Tragikomik, noch mehr Musik und einer tollen Helen Hunt fortsetzt.  

Gewohnt hinreißend ist auch die 2. Staffel Lupin ab Freitag auf Netflix mit dem unvergleichlichen Omar Sy als Meisterdieb in Nöten. Parallel dazu startet dort das indische Empowerment-Drama Skater Girl, während Disney+ mit Loki mal wieder am Erfolgsmodell fehlerbehafteter Superhelden andockt. Bliebe noch die SciFi-Dystopie Awake auf Netflix, in der die Menschen einer postapokalyptischen Zukunft nicht mehr schlafen können. Bisschen plakativ, aber professionell gemacht.


Filip Zumbrunn: Wackelkamera & Tatort

Nur Schauspieler sind unersetzbar

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Filip Zumbrunn (Foto: Zumbrunn) zählt zu den besten Kameraleuten der Schweiz. Durch seine One-Takt-Tatort Die Musik stirbt zuletzt wurde er 2017 auch hierzulande berühmt, zuletzt feierte sein Bremer Tatort Neugeboren Premiere, bei dem der 52-Jährige wie so oft auf viel Bewegung setzt. Mein DWDL-Interview übers Leben außerhalb des Rampenlichts, Wackeln als Prinzip, Hierarchien am Set und wie es sich auf dem Teppich der Berlinale anfühlt.

Von Jan Freitag

Filip Zumbrunn: (lacht) Nein, das kann gut sein. Wir haben, glaube ich, ein oder zwei Einstellungen vom Stativ gedreht. Aber selbst da kam die Idee auf, in der Postproduktion zusätzlich etwas Handbewegung zu simulieren. Abgesehen von ein paar Ausnahmen habe ich jedes Bild aus der Hand gedreht. Idee und Konzept war, dass die Perspektive nie ganz zum Stillstand kommt.

Aber sind Idee und Konzept einer Philosophie geschuldet oder dem Format, also der Geschichte?

Immer der Geschichte. Wir wollten damit der Lebendigkeit der Figuren in diesem Milieu gerecht werden. Um die atmende Bewegung zu verstärken, hatten wir die Handkamera überall dabei.

Aber entsteht für Sie als Kameramann und den Tatort als Film nicht die Gefahr, manieriert zu wirken, wenn dieses Konzept zum Prinzip wird, wenn die Kamera also nicht mehr mit den Figuren korrespondiert, sondern der ästhetischen Idee?

Wie gesagt, es war keine ästhetische Idee, sondern ging darum, ein dokumentarisches Gefühl zu erzeugen, das die Zuschauer wirklich einbindet. Die Direktheit der Figuren findet in der Direktheit ihrer Abbildung visuellen Widerhall.

Sie benutzen also schon auch mal ein Stativ, wenn das Thema Ruhe erfordert?

Da bin ich flexibel. Grundsätzlich verlangt jede Geschichte ihre eigene Erzählstruktur, Bilderwelt und Dynamik. Aber dadurch, dass ich schon einige Spielfilme mit Handkamera gedreht habe, werde ich gerne von Produktionen ins Boot geholt, die eine lebendige Kamera bevorzugen, um möglichst nah am Menschen zu sein.

Gibt es grundsätzlich bestimmte Kameraführungen, die sich für bestimmte Erzählstrukturen, womöglich gar Genres eignen, etwa Krimi oder Romantic Comedy?

Finde ich nicht. Das Genre findet sich gelegentlich bei Faktoren wie Schnitt oder Tempo wieder, aber die Bildsprache als Ganzes variiert selbst innerhalb verschiedener Genres enorm. Im Gegenteil: je mehr Genre und Bildsprache auseinandergehen, also Kontraste offenbaren, desto interessanter, überraschender, origineller wird die Umsetzung.

Passt Ihre Handkamera besser zum jungen Bremer Tatort mit der notorisch hitzköpfig besetzten Jasna Fritzi Bauer als, sagen wir: zu gereiften Ermittlern wie in Köln oder München?

Um es für ein jüngeres Publikum zugänglicher zu machen, könnte ich mir das tatsächlich vorstellen. Dessen Serien-Konsum, der visuelle Überfluss, dem sie auch über soziale Netzwerke ausgesetzt sind, verschafft ihnen Zugang zu höherer Bildbeweglichkeit, die man durchaus bedienen kann und darf.

Und wer entscheidet darüber – holt man sich mit Filip Zumbrunn automatisch mehr Bewegung in die Ästhetik oder ist das Aushandlungssache?

Da wird viel diskutiert. Ich lese das Drehbuch meist, bevor ich erstmals mit der Regie zusammensitze. Und Barbara kannte ich schon gut, wir stammen aus der Schweiz, haben bereits viel miteinander durchlebt, wussten also genau, was auf uns zukommt. Aber egal, ob man von Anfang an auf gleicher Wellenlänge liegt oder sich erst später findet: den Prozess des Austauschs finde ich spannend.

An welchem Punkt von der Idee bis zur ersten Aufnahme treten Kameraleute normalerweise in den Produktionsprozess ein?

In dem Moment, wenn das Drehbuch freigegeben wird und die Regie ihre visuelle Idee entwickelt. Kameraleute werden aber auch nicht nur im professionellen, sondern persönlichen Sinn eingebunden. Weil man eine lange, intensive Zeit miteinander verbringt, wäre es anstrengend für alle, wenn sich Regie und Kamera nicht verstehen. Schon deshalb werden wir mit der letzten Drehbuchzeile zumindest mitgedacht, und bereits da beginnt auch der Austausch mit der Regie.

Sind Sie als Kameramann demnach ein verlängerter Arm der Regie oder eher der linke oder rechte?

Kommt auf die jeweilige Person an. Es gibt Regisseur*innen mit einer glasklaren Vorstellung, die setzen ausschließlich den eigenen Stil durch. Auch da kann ich mich einbringen, aber die Spielräume sind begrenzter. Auf der anderen Seite gibt’s aber auch Regisseur*innen, die es lieben und einfordern, von außen Input zu kriegen. Dazwischen ist das Spektrum echt riesig.

Lassen Sie sich lieber leiten oder leiten gerne selbst?

Kommt drauf an. Es gibt Visionäre, die derart klare Vorstellungen vom Film haben, dass ich ihnen bedingungslos folgen kann. Solche Genies sind allerdings sehr selten. Wenn ich hingegen merke, dass die klare Vorstellung nur unbegründeter Ausdruck eigener Machtbedürfnisse ist, wird es schwieriger, mich ihr unterzuordnen.

Wer hatte die Idee, Ihren Schweizer Tatort vor vier Jahren in einem Take durchzudrehen?

Die war von Dani Levy, mit dem ich auch Die Känguru-Chroniken gemacht habe. Wir waren beide extrem angefixt von Sebastian Schippers Viktoria, den Sturla Brandth Grøvlen ebenfalls in einem Take aufgenommen hat.

Und dafür den Silbernen Bären gekriegt.

Im Kino gab es das schon öfter. Dani Levy wollte es zum ersten Mal in so einer Länge fürs Fernsehen ausprobieren. Ich war mir absolut sicher, dass Sender und Redaktion die Idee abschießen, aber erstaunlicherweise haben alle sofort mitgezogen.

Animieren solche Experimente im Erfolgsfall zur Wiederholung oder sollten es Ausnahmen bleiben, um sich nicht abzunutzen?

Ausnahmen! Bei Projekten wie diesem merkt man, dass der Schnitt erfunden wurde, um die Filme besser zu machen. Das hat sich bereits im Entstehungsprozess gezeigt. One-Take-Film klingt nach kurzem Arbeitsprozess, aber wir konnten erst nach vier Wochen Probe mal 90 Minuten am Stück drehen, und als wir uns die angesehen haben, war das Resultat so schlecht, dass wir alles umstellen mussten. Nicht nachträglich eingreifen zu können, ist eine Riesenherausforderung.

Zumal die Vorbereitung vom Kameramann ein fotografisches Gedächtnis erfordert.

Ich konnte den Film Sekunde für Sekunde im Kopf präzise abspulen, aber das konnten alle am Set, der Regisseur sowieso.

Als Dokumentarfilmer sind Sie Ihr eigener.

Dokumentarfilm drehen benötigt Intuition. Im Dokumentarfilm kannst du nicht unbedingt einer Regieanweisung folgen oder noch einen Take drehen, sondern reagierst darauf, was sich vor der Kamera abspielt, nicht dahinter.

Haben Sie schon mal eigene Ideen in Fiktion umgesetzt, standen also ganz am Anfang eines Produktionsprozesses?

Das überlasse ich den Fachleuten. Vielleicht kommt das irgendwann mal, aber momentan fehlen mir Ideen, die mir so dringlich erscheinen, dass ich sie unbedingt der Menschheit erzählen müsste. Ich lasse mich gerne inspirieren von Geschichten, die andere schreiben.

Haben Sie als Kameramann das Gefühl, von der Branche, vom Publikum, auch von der Kritik ausreichend gewürdigt zu werden?

Puh, schwere Frage. Offen gesagt, sind alle hinter der Kamera prinzipiell uninteressanter als die vor der Kamera. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. Falls es anders wäre, erscheint mir die Regie doch wichtiger als ich. Da laufen schließlich alle Fäden zusammen. In der Pandemie kam öfter die Frage auf, wer austauschbar ist, wer nicht. Da zeigte sich, dass eigentlich nur die vor der Kamera unersetzbar sind, also Schauspieler. So gern ich wertgeschätzt werde, habe ich damit aber auch kein Problem. Selbst die Kameraleute in Hollywood kennen schließlich die wenigsten mit Namen.

Dafür tragen sie mit „Director of Photography“ den aufregenderen Titel.

(lacht) Kameramann ist völlig okay.

Sie wirken gelassen im Umgang mit Hierarchien. Aber gibt es nicht doch Konkurrenzdenken, gar Minderwertigkeitskomplexe der Gewerke vom Casting über die Maske bis hin zur Postproduktion, von denen allenfalls am Ende des Abspanns kurz die Rede ist?

Das ist wie in jeder Position jeder Branche vor allem ein Ego-Problem. Mir reicht es, wenn ich gut durchs Leben komme, ausreichend zu Essen habe und die Kinder gesund sind. Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.

Hat Michael Ballhaus, den nicht nur Cineasten kennen, demnach ein größeres Ego als Sie oder einfach das Glück gehabt, so bekannte Filme zu drehen, dass sein Name nicht mehr zu verschweigen war?

Natürlich hatte er Glück, mit Leuten wie Scorsese filmgeschichtlich so neue Wege zu gehen, dass die Leute neugierig waren, wer da die Kamera führte. Wie groß sein Ego war, kann ich nicht beurteilen, aber er hat auch in einer Zeit gearbeitet, als Experimente vom Arthaus-Kino in den Mainstream geflossen sind. Mit krasser Bildsprache so berühmt zu werden, ist in einer Zeit wie heute, wo grundsätzlich alles möglich ist, definitiv schwieriger

Waren Sie jemals auf dem Roten Teppich?

Als Nachtzug nach Lissabon auf der Berlinale Premiere feierte, bin ich drüber gegangen, aber für mich hat sich gar niemand interessiert. Dennoch war es toll, aus der Limousine auszusteigen und ins Blitzlichtgewitter von Journalisten zu gehen, die wie verrückt Vornamen schreien.

Nur nicht Ihren.

Natürlich nicht. Umso lustiger fand ich es, wie panisch die Stimmung auf dem Roten Teppich ist. Ich würde durchdrehen, die ständig erleben zu müssen.


(Luft-)Terroristen & (Dom)inas

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. Mai

Schon furchteinflößend, wie rigide die EU offenen Staatsterrorismus ahndet. Nachdem Weißrusslands Diktator Lukaschenko ein europäisches Passagierflugzeug kaperte, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch festzunehmen, reagierte sie knallhart und verhängte – nein, weder Handelsbeschränkungen noch Botschafterausweisungen, geschweige denn Handelsboykotte, sondern Einreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Krass…

Man mag sich kaum ausmalen, wie brutal die Wertegemeinschaft durchgreifen würde, ließe Lukaschenko Journalisten öffentlich hinrichten; es könnte sein, dass sie die Pressefreiheit dann so verteidigt wie in Ungarn, Polen oder der Türkei, also – ach nee, hoppla, gar nicht. Das erinnert ein bisschen daran, welche Maßnahmen CDU/CSU-Politiker*innen zu befürchten haben, wenn sie mit Maskendeals Millionen oder für lupenreine Demokratien wie Aserbeidschan Werbung kostenpflichtig Werbung machen…

Beides taten übrigens Abgeordnete jener christlichen Dauerregierungsparteien, die das strengere Verbot illegaler Spenden gerade daran knüpfen, dass ein früherer Konkurrent seine Beteiligung am Medienverlag DVVG abstößt, weil das, hüstel, für sozialdemokratische Gewissenskonflikte sorgen könne. Ihren Humor hat die gewissenbissbefreite Union jedenfalls nicht verloren. Anders als ein gewisser Ikke Hüftgold. Wer mit Ballermann-Hits wie Hackevoll durch die Nacht oder Dicke Titten Kartoffelsalat sein Geld verdient, dürfte zwar gewissenbissbefreit sein.

Weil ihm Sat1 beim – mittlerweile abgesetzten – Elendspranger Plötzlich arm, plötzlich reich misshandelte Kinder ins Haus holte, machte Matthias Distel, so sein bürgerlicher Name, den Skandal publik – wofür ihn die Produktionsfirma Imago flugs auf Unterlassung verklagte, weil er auch das Honorar veröffentlicht, nämlich 47.500 Euro für ihn, also 30-mal mehr als das Almosen für die Eltern der geprügelten Kids. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Amazon zahlt demnächst das 146.768-fache von Ikkes Salär dafür, MGM zu kaufen und damit das letzte unabhängige Filmstudio Hollywoods.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Mai – 4. Juni

Neben eigener Ware wie der Real-Crime-Serie Dom, die ab Freitag den brasilianischen Drogenkrieg fiktionalisiert, zeigt Amazon demnächst also auch zugkräftige Klassiker von James Bond bis Ben Hur. Was Sky am Tag zuvor sendet, klingt zwar ähnlich wie Dom, ist aber was völlig anders. Die Historienserie Domina stellt das Leben der antiken Herrscherin Livia nach, aus deren Dynastie Roms erster Kaiser Gaius hervorging. Doch so opulent der Achtteiler ist – inhaltlich bleibt das Potpourri aus Sex, Gewalt und Gegenwartssprache die übliche Effekthascherei pseudohistorischen Reenactments.

Dann doch lieber Fantasy, die sich zu ihrer Fantasie bekennt. Sweet Tooth zum Beispiel. In der dystopischen Mystery-Serie führt eine – Achtung, Aktualität – Pandemie ab Freitag auf Netflix zum Kollateralschaden hybrider Wesen, die von den Überlebenden der Katastrophe gejagt werden. Und damit das auch für Kinder verdaulich ist, sehen wir dem kleinen Gus mit Hirschgeweih und Steinschleuder dabei zu, wie er seine Mama in einer Mischwelt aus Bambi und Mad Max sucht. Süß, aber auch sozialkritisch. Ohne Zucker relevant ist die Neo-Serie Exit. Für Sex, Macht und Drogen werfen vier norwegische Broker ab Samstag alle moralischen Werte über Bord ihrer Luxusyacht.

Dabei wäre die achtteilige Schwanzparade fast zu klischeehaft, basierte sie nicht auf wahrer Vorlage. Von der Realität entkoppelt ist hingegen die Sky-Sitcom Intelligence von und mit Nick Mohammed. Eine überaus lustige Mischung aus Stromberg und Homeland mit David Schwimmer als NSA-Spion, der pünktlich zur Reunion seiner Friends auf gleichem Portal in die britische Fernmeldeaufklärung GCHQ strafversetzt wird. Originell ist auch das Geldwäsche-Drama Limbo, morgen (22.45 Uhr, ARD): Regisseur Tim Dünschede hat es in nur einem Take gedreht. Demgegenüber wirkt die Netflix-Sause Carnival um Influencer beim Feiern in Rio ab Mittwoch ebenso zerschnippelt wie tags drauf der achtteilige Apple-Thriller Lisey’s Story nach Motiven von Steven King.


Her Tree, Lou Hayter, Del Amitri

her tree

Der Mensch ist dem Tier vor allem deshalb überlegen, weil er den Mangel an Physis habituell ausgleicht. Da wir mäßig laufen, riechen, springen und sehen, übernimmt unser Werkzeug gewissermaßen die Arbeit der Evolution. Alexandra Cumfe geht sogar noch einen Schritt weiter und macht aus dem Sound der Natur elektronische Musik, die trotz der Bearbeitung im Studio gleichermaßen natürlich klingt und artifiziell, also bei aller Wärme kühl und umgekehrt.

her tree – surrender (official video) – YouTube

Für ihr Debütalbum Don’t try, be beautiful ist die österreichische Klangkünstlerin durch den Wald gelaufen, hat Flora & Fauna nach Zwitschern, Rascheln, Summen, Knirschen, Krachen abgegrast und die analogen Field Recordings so digitalisiert, dass daraus ein poppiger Indie-R’n’B wurde, dem selten anzuhören ist, wann er real ist, wann konstruiert. Unzweideutig human ist dabei nur ihr zerkratzt-schönes Englisch über Allerweltgedanken. Das perfekte Album für den Stadtparkspaziergang

her tree – Don’t try, be beautiful (her tree)

Lou Hayter

Alles andere als naturalistisch, geschweige denn dem Wald entsprungen klingt dagegen das Solodebüt von Lou Hayter, zuvor bekannt geworden als Keyboarderin der kurzweilig modernistischen Londoner Band New Young Pony Club. Ab und zu wehen zwar soulige Bläser durch Private Sunshine, gewürzt mit einem verschwitzten Bass, der den wachsweich verhallenden Gesang ein wenig erdet. Die musikalische Dramaturgie dagegen bedient sich so gierig im Fundus der synthetischen Achtziger, dass die Natur weit jenseits der Studiotüren bleibt.

Lou Hayter – Time Out of Mind (Official Audio) – YouTube

Als würde sie Madonna mit Captain Futures Raumschiff zu einer Party mit dem seligen Prince abholen, als er noch nicht Symbol war, flattert ihr retrofuturistischer Sound durchs Erinnerungsvermögen der Generation X und triggert darin den unsterblichen Bedarf nach aufgeblasenem Eklektizismus. Durchs funkig-virile Time Out Of Mind darf daher durchaus ein breitbeiniges E-Gitarrensolo scheppern, während die Orgel ringsum wimmert. Der Pop trägt wieder Schulterpolster.

Lou Hayter – Private Sunshine (Skint Records)

Hype der Woche

Del Amitri

Und um es hier mal nicht zu übertreiben mit der feministischen Ausgestaltung des Männergeschäftes Musikbranche, kommt hier ein wenig Southern Rock, der auch noch mit dem traditionellem Attribut “ehrlicher” behaftet ist: Del Amitri is back, jene fünf Crossover-Schotten der Neunziger, die den Genremix zum Wesensmerkmal erhoben und damit Bands wie jene des gefühlsduseligen Cowboystiefelträgers Justin Currie hervorgebrachten, die der Männlichkeit mit Hits wie Nothing Ever Happens Verletzlichkeit zugemutet haben, ohne ihnen grundsätzlich am Stärkemonopol zu kratzen. Jetzt erscheint das 7. Album in 35 Jahren. Fatal Mistakes (Cooking Vinyl) klingt wie immer. Und damit klingt es wie immer klug, cool, kernig und auf eine Art emotional, die man auch im Jahr 2021 nicht mögen muss, aber wertschätzen darf.

Del Amitri – It’s Feelings – YouTube


András Arató: Klubrádio & Viktor Orbán

Ich bin publizistischer Aktivist

arato

Als das „Klubrádió“ Mitte Februar seine Lizenz verlor, schien eine der letzten unabhängigen Stimmen Ungarns zu verstummen. Ein Gespräch – vorab erschienen im Medienmagazin journalist – mit Senderchef András Arató (Foto: Laszlo Balogh) über Journalismus in der Autokratie, Kontroversen in seiner Redaktion, Spenden statt Werbung und warum er trotz aller Repression keine Angst vor russischen Verhältnissen hat.

Von Jan Freitag

Freitagsmedien: András Arató, Ihr Klubrádió galt als letzter unabhängiger Radiosender Ungarns.

András Arató: Er gilt nicht nur als letzter unabhängige Radiosender, Klubrádió ist auch. Leider. Zumindest unter den redaktionell geführten. Es gibt zwar noch ein paar Online-Stationen mit jeweils ein paar Dutzend Zuhörern, aber das sind eher Radioprojekte als richtige -sender. Ich benutze übrigens nicht die Vergangenheitsform.

Also Indikativ, Klubrádió ist der letzte unabhängige Radiosender Ungarns!

Und nicht nur das. Ich betrachte unseren politisch erzwungenen Wechsel ins Internet sogar als echte Herausforderung. Zumal wir zwar durchaus klassische Radiohörer verloren haben, aber auch neue, vor allem jüngere hinzugewonnen. Und die sind sogar überaus einsatzfreudig. Wir haben gerade die erste von zwei Spendenaktionen im Jahr beendet und dabei mehr Geld als je zuvor verdient. Das Klubrádió ist also keinesfalls verstummt, im Gegenteil. Die unabhängige Stimme unseres Senders ist lauter denn je.

Aber was heißt denn „unabhängig“ in einer Autokratie?

Zunächst mal sind wir institutionell unabhängig, gehören uns demnach selbst und keiner Partei oder sonstigen Einrichtung. Das gilt also auch für George Soros (lacht), weswegen weder wir ihn unterstützen noch umgekehrt – obwohl uns das finanziell bestimmt sehr helfen würde. Zum anderen gibt es aber auch keinen Großsponsor oder Mäzen, der Wünsche über Inhalt und Ausrichtung äußern könnte. Da sich die Zahl der aktiven Unterstützter zwischen 10.000 und 20.000 bewegt, verteilet sich die Abhängigkeit daher auf viele, statt nur wenigen. Und drittens sagt auch unter den Mitarbeitern niemand dem anderen, was er zu denken oder zu sagen habe.

Trotzdem gibt es aber redaktionelle Linien.

Die sich allerdings von selbst ergeben. Denn natürlich sind alle im Team liberale Demokraten, also das genaue Gegenteil der aktuellen Regierung, die beide Begriffe missbräuchlich für sich vereinnahmt. Über diese Linien herrscht bei uns absoluter Konsens, auch wenn wir übers Programm im Einzelnen durchaus unterschiedlicher Meinung sind.

An welchem Punkt zum Beispiel?

Ein guter wäre Jobbik.

Einer Oppositionspartei, die einst sogar noch rechts von Viktor Orbans Fidesz stand.

Auch wenn sie behauptet, sich diesbezüglich verändert zu haben, fehlt mir bis heute der Beweis, dass sie politisch woanders stehen als 2014. Als es unlängst eine regionale Nachwahl gab, kam der einzige Gegenkandidat zur Fidesz-Partei von Jobbik, vertreten durch einen Politiker, der kurz zuvor noch heftig gegen Juden, Sinti, Flüchtlinge gehetzt hatte. Obwohl das alle Mitglieder unserer Redaktion scharf verurteilen, gab es einige, die ihn dennoch zu einer Diskussion beim Klubrádió einladen wollten. Ich dagegen gehörte eher zur Gruppe jener, die solche Antisemiten nicht im Haus dulden – auch, wenn er die Möglichkeit hatte, Viktor Orbán eine Wahlniederlage beibringen. Das zeigt: es gibt durchaus kontroverse Ansichten über unseren Unabhängigkeitskurs.

Bedeutet der denn automatisch, sich in Opposition zur aktuellen Regierung zu befinden?

Das ist eine gute Frage. Denn natürlich sollten unabhängige Medien als Teile des Systems der Checks & Balances auch einer schlechten Regierung gegenüber genauso neutral und objektiv bleiben wie der Opposition gegenüber. Aber als die Fidesz 2002 zuletzt abgewählt wurde, haben auch wir uns acht Jahre lang so neutral und objektiv verhalten, dass die radikalisierte Partei vor elf Jahren die Wahl gewann und seine Vormachtstellung seither massiv ausbaut. Wir versuchen also wie zuvor das Gleichgewicht zwischen journalistischer Kritik und Fundamentalopposition zu wahren, aber Viktor Orbáns Regime regiert mittlerweile derart absolutistisch, dass es zur Fundamentalopposition faktisch keine Alternative mehr gibt.

Aber wie vermeidet man in so einer Situation, unkritisch gegenüber der Opposition zu sein, also selbst zur politischen Partei zu werden?

Indem wir es einfach nicht sind (lacht). Das Klubrádió ist und bleibt jeder undemokratischen, illiberalen Tendenz gegenüber kritisch und tut das auch lautstark kund. Und weil das undemokratische, illiberale Verhalten der Fidesz längst selbst das der offen rechtsextremistischen Jobbik übertrifft, fällt es uns ungemein leicht, die meiste Kritik aufs Orbán-Regime zu konzentrieren.

Sie sagen konsequent „Regime“. Zeugt das nicht bereits von einer journalistischen Voreingenommenheit, die Viktor Orbán nur in die Karten spielt?

Nein, es drückt eine Tatsache aus. Punkt.

Aber auch wegen dieser Abwehrhaltung bezeichnet die Fidesz Sie und ihr Radio nicht als journalistisches Medium, sondern im Sinne des Gesetzes über Nichtregierungsorganisationen von 2017 als feindliche Agenten, die ihrerseits Demokratie und Rechtstaat unterwandern, ja Ungarn als Feind betrachten.

Muss ich das wirklich kommentieren? Ich bin Ungar, in Budapest geboren, leiste meinen Beitrag zum Gemeinwohl, zahle Steuern und kann das guten Gewissens für all meine Kollegen behaupten. Es ist doch offensichtlich, wie konstruiert die Vorwürfe sind, um sich damit kritischer Stimmen zu entledigen. Nur deshalb hat uns der politisch besetzte Medienrat ja die Frequenz entzogen.

Als einzigem Bewerber, wohlgemerkt.

Sehen Sie!

Sind Sie überrascht, dass mit Spirit FM stattdessen nun ein religiöser Sender, der sich vorher gar nicht beworben hatte, die Frequenz erhält?

Wenn man sieht, wie über die Verweigerung oder Verlängerung von Frequenzen entschieden wird, überrascht mich das überhaupt nicht. Die Rücknahme der zunächst verfügten Ablehnung von Spirit FM wegen formeller Mängel, das voreingenommene Verhalten der zuständigen Kammer und nicht zuletzt Gesetzesänderungen im Medienrecht, das vorläufige Frequenzvergaben erleichtern – all dies belegt doch, dass die Entscheidung für Spirit oder den Propaganda-Kanal Kvarc FM, der eine zweite vergebene Frequenz erhält, lange im Voraus getroffen wurde.

Aber verstoßen die Vergabekriterien nur gegen Gebote der Fairness oder auch gegen geltendes Recht?

Aus meiner Sicht ist der gesamte Ablauf ebenso wie das Medienrecht insgesamt illegal. Unseren Fall betrifft das schon deshalb, weil die Entscheidung für Spirit FM noch während des ungeklärten Rechtsstreits um die Rücknahme unserer Frequenz gefallen ist. Das war weder juristisch noch moralisch korrekt.

Können Sie dagegen juristisch vorgehen?

Schwierig. Weil wir nicht mehr Teil des offiziellen Vergabeprozesses sind, können wir keine einstweilige Verfügung mehr erwirken. Und da es in Ungarn mittlerweile keine unabhängigen Gerichte mehr gibt, machen wir uns auch über andere Rechtswege kaum noch Illusionen. Der Ablehnungsgrund, unser Geschäftsmodel sei inhaltlich und formell widerrechtlich, diente ja vor allem dazu, unsere Reputation auch international zu zerstören.

Mit Erfolg?

Nein, das Gegenteil ist eingetreten. Auch Ihr Interesse an einem Budapester Lokalradio, als dessen Leiter ich kürzlich sogar zu einem Gastkommentar der Süddeutschen Zeitung eingeladen wurde, zeigt aber doch, dass das Gegenteil eingetreten ist. Während das Renommee von Orbáns Regime dank solcher Rechtsbeugungen international weiter leidet, haben wir an Unterstützung, Zuhörern, sogar Einnahmen gewonnen.

In welchem Verhältnis setzen die sich aus Spenden, Werbung und Beiträgen zusammen?

Bis 2010 existierte für ungarische Medien ein konsolidierter Werbemarkt, auf dem auch wir uns finanziert haben. Weil unser Publikum mit 500.000 Zuhörern, die uns mindestens einmal pro Woche hörten – zumindest für ungarische Verhältnisse – ziemlich groß war, hatten wir entsprechende Einnahmen von rund 60 Millionen Forint im Monat.

Umgerechnet annähernd 200.000 Euro.

Innerhalb eines Jahres brach die Zahl allerdings auf gerade mal ein Zehntel dieser Summe ein. Gleich nach seiner Machtübernahme erklärte das Orbán-Regime nämlich nach und nach allen demokratischen Institutionen erst inoffiziell, später dann auch offen den Krieg. Unabhängige Medien jedoch standen von Beginn an am stärksten unter Beschuss. Und die wichtigste Waffe dafür war schon frühzeitig ökonomischer Natur. Nach kürzester Zeit wurden staatliche Stellen und ihre Wirtschaftsverbündeten die wichtigsten Akteure des Werbemarktes und trockneten oppositionelle Stimmen somit finanziell aus. Abgesehen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den das Regime bald und sehr konsequent mit Gefolgsleuten besetzte, traf es 2016 die linksliberale Népszabadság, seinerzeit Ungarns auflagenstärkste überregionale Tageszeitung.

Die kurz zuvor von einer dubiosen Holding mit Sitz auf den Seychellen und Nigeria übernommen und Richtung Pleite getrieben worden war.

Das gehört zum Prinzip. Oppositionelle Medien wurden und werden so geschwächt, dass sie leichte Ziele für Übernahmen durch Strohmänner und Mitglieder des Orbán-Clans sind, der durch staatliche Aufträge so reich geworden ist, dass er die Branche förmlich aufkaufen kann. Mit der Presse- und Medienstiftung Kesma kontrolliert Orbán mittlerweile mehr als 500 Medienunternehmen und damit praktisch die gesamte Presse.

Aber wieso ist das Klubrádió angesichts dieser politischen und wirtschaftlichen Übermacht dann noch – und sei nur digital – auf Sendung?

Ohne mich selbst loben zu wollen, habe ich einfach schon relativ früh geahnt, was nach einem Machtwechsel passieren würde. Schon vor Orbáns Wiederwahl war sein künftiges Verhalten nämlich absehbar. Ende 2009 habe ich deshalb eine Stiftungsstruktur zur Finanzierung durch Spenden ins Leben gerufen, um uns von Werbeeinnahmen unabhängiger zu machen. In einem Land, dessen zivilgesellschaftliche Tradition bis heute eher geringer ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern, war das zwar eine Lotterie, von der selbst hochgeschätzte Kollegen meinten, ich würde sie verlieren.

Aber Sie haben trotz allem gewonnen.

Mehr noch, es war fast ein Wunder! In den zehn Jahren seit Viktor Orbáns Wahlsieg, haben wir mehr als fünf Millionen Euro eingesammelt, die vollständig in Programm und Infrastruktur geflossen sind. Wir schalten zwar ab und zu noch mal Reklame, aber die meisten unserer Ausgaben sind durch Spenden gedeckt.

Und das reicht, um Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so zu bezahlen, wie vorm Verlust der Sendefrequenz?

Natürlich. Seit 2015 schreiben wir wieder einigermaßen schwarze Zahlen. Bis dahin hatten wir große finanzielle Probleme, die wir mit Krediten überbrückt haben. Aber zum Glück war der wichtigste Gläubiger ich selbst, weswegen die Vorwürfe bei der Finanzierung im Prozess der Frequenzvergabe, wir seien von irgendwelchen Banken finanziert und deshalb in Abhängigkeit fremder Mächte geraten, völliger Unsinn.

Aber was hat sich am 14. Februar, dem Tag des Frequenzentzugs, denn dann für die alltägliche Arbeit beim Klubradio geändert?

Nicht allzu viel, wir tun dasselbe wie immer. Aus zwei Gründen: zum einen, weil wir unsere Arbeit so lieben, dass wir sie unter jeder erdenklichen Bedingung ausüben würden. Zum anderen, weil wir das unseren Spendern und vor allem: dem Publikum schuldig sind. Selbst im Internet ist es schließlich so groß, dass wir zehnmal mehr Hörer haben als der Zweite unter den Top ten.

Aber spricht das nicht weniger für Sie als gegen die Medienvielfalt in Ungarn?

Absolut, und die Arbeitsbedingungen für unabhängige Recherche werden auch für uns mit jedem Tag schwieriger. Umso erstaunlicher ist es, dass sich am 15. Februar zwar unser Verbreitungsmedium, aber nicht die Reichweite geändert hat – schon, weil wir unsere Homepage in weiser Voraussicht schon 2018 so überarbeitet haben, dass sie modernen Anforderungen entspricht und dennoch dem alten Medium Radio Genüge leistet. Denn was ist Radio?

Ja was?

Ein möglichst gewissenhaft kuratiertes Informations- und Unterhaltungsmedium, das man nebenbei beim Autofahren, Essenmachen, Wäschebügeln hört und dennoch informativ unterhalten wird. Deshalb wird gutes Radio wider alle Prognosen fortbestehen. Als das Kino erfunden wurde, hieß es ja auch schon, das Theater werde sterben. Als das Fernsehen erfunden wurde, hieß es, das Kino werde sterben. Seit das Streaming erfunden wurde, heißt es nun, das Fernsehen wird sterben. Wir werden sehen, welchen Einfluss die Pandemie darauf nimmt, aber bislang ist keine Befürchtung eingetreten.

Aber trotzdem haben sich doch die Arbeitsbedingungen in dem, was Viktor Orbán „illiberale Demokratie“ nennt, geändert.

Das stimmt. Aber Klubrádió war zu jeder Zeit seit 2001 so unübersehbar und definitiv liberal, dass uns kein Vertreter des Regimes bislang nahekommen wollte. Trotzdem ist es natürlich eine Illusion, zu glauben, wir könnten einfach so nur unsere Arbeit machen. Staatliche Stellen zum Beispiel, von Regierungsvertretern ganz zu schweigen. Umso zynischer ist es, dass sich ein Fidesz-Minister kürzlich damit rühmte, in Ungarn sei noch kein Journalist wegen seiner Tätigkeit in Haft oder gar getötet worden. Aber obwohl ich selbst das bei genauerer Prüfung bezweifeln würde, sehe ich in den Augen meiner Kollegen beim Klubradio, aber auch bei unseren Zuhörern keine Angst. Im Gegenteil.

Sie befürchten also keine russischen Verhältnisse, in denen Journalistinnen und Journalisten zusehends in Lebensgefahr schweben?

Auch, wenn ich ein unverbesserlicher Idealist bin, würde ich mich nicht trauen, das Gegenteil zu behaupten. Solange Ungarn allerdings wie bisher am Tropf der Europäischen Union hängt, wird es sich diesbezüglich zurückhalten. Und es gibt auch erste Anzeichen dafür, dass die EU von ihrer Zurückhaltung in der Sanktionierung Ungarns – aber auch Polens – für die permanenten Rechtsverstöße beider Regimes langsam, aber stetig abweicht. Als ich 2012 zu einer ARD-Konferenz in Brüssel zum Thema Pressefreiheit in Europa eingeladen war, gab es dort noch praktisch keinerlei offizielle Kritik an Viktor Orbán. Mittlerweile ändert sich das langsam, obwohl es schon fast ein bisschen zu spät ist.

Nächstes Jahr finden Parlamentswahlen statt, in die Ungarns Opposition ungewohnt vereinigt zu gehen scheint. Sind Sie optimistisch, dass Viktor Orbán verlieren könnte?

Ja, das bin ich. Obwohl die Hoffnung den Glauben manchmal leicht übersteigt. Ich werde öfter gefragt, ob ich bezüglich der Zukunft Ungarns und seiner Medien optimistisch oder pessimistisch bin. Meine Antwort: weder noch. Als Pessimist verliert man nämlich schnell den Antrieb, als Optimist den Realismus. Ich bin Aktivist. Publizistischer Aktivist.

Und was macht dem nun mehr Hoffnung als Glauben?

Mehrere Regionalwahlen im Oktober 2019 zum Beispiel. Damals wurden abgesehen von Budapest gleich mehrere – nach ungarischem Maßstab – größere Städte von Oppositionellen gewonnen. Seit dieser Überraschung kann man die wachsenden Angst von Fidesz vor der nächsten Wahl förmlich riechen, andererseits aber auch den Mut ihrer Gegner, die Viktor Orbáns aggressive Politik eben nicht gespalten, sondern vereinigt und mit einer echten Chance auf Veränderung versehen hat. Das war vor drei, vier Jahren noch absolut unvorstellbar.

Das klingt so, als seien sie zuversichtlich, es könne einen politischen Regimewechsel geben. Aber sind Sie es auch bezüglich eines soziokulturellen Systemwechsels? Viktor Orbán hat Ungarns demokratische Institutionen schließlich so geschleift, dass sie auch nach seiner möglichen Abwahl rechte, reaktionäre Politik begünstigen.

Das ist eine extrem wichtige, für unsere Zukunft in Ungarn, Europa und der Welt absolut entscheidende Frage. Wenn ich diesbezüglich von einer Revolution spreche, meine ich also keine brennenden Barrikaden, die ich mir auf keinen Fall wünschen möchte. Das ungarische System ist jedoch so verkrustet, dass es schon ein revolutionärer Ansatz ist, die Medien- und Steuergesetze so zu reformieren, dass sie nicht ausschließlich den Macht- und Finanzinteressen einer korrupten Clique dienen. Insofern vergleiche ich diesen Prozess mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Länder wie Ungarn, aber auch Deutschland kein Fundament mehr hatten, auf dem sich ein Reformprozess hätte ereignen können. Das System musste also vollständig geändert werden.

Ungarns Situation 2021 gleicht aus Ihrer Sicht der von 1945?

In abgeschwächter Form natürlich, aber ja. Erst kürzlich hat unser Außenminister allen Ernstes die gesamte europäische Presse ohne Ausnahme als Lügner bezeichnet. Also nicht irgendwer, sondern der Führer des diplomatischen Corps! Das gab es nicht mal in den Dreißigerjahren. Oder nehmen Sie den ungarischen Oberstaatsanwalt, ein treuer Orbán-Soldat. Seine Entscheidungen können nur mit Zweidrittelmehrheit im Parlament überstimmt werden. Eine demokratisch nicht legitimierte, rein exekutive Machtfülle wie diese muss jede Opposition auf legalem Wege beseitigen, sonst würde sie dafür sorgen, dass sich der Horror des Orbán-Regimes auch nach einer Wahlniederlage in kürzester Zeit wiederholt. Von daher zurück zu Ihrer Frage: ja, das System muss sich grundlegend ändern, sondern ist ein Regierungswechsel nicht von Dauer.

Glauben Sie daran, dass ein Regierungswechsel in absehbarer Zeit auch die verloren gegangene Pressefreiheit wiederherstellen könnte?

Wenn ich es nicht täte, wäre ich hier am falschen Platz, oder? Aber machen wir uns nichts vor: es wird ein harter, ein langer Weg. Denn ich weiß nicht, wie viele Ungarn sich darüber noch im Klaren sind, wie wichtig die Freiheit der Presse für die Freiheit der Menschen ist. Diese Unwissenheit gefördert zu haben, ist einer der großen, langfristigen Erfolge von Viktor Orbáns Politik. Deshalb hat er die freie Presse schon so früh attackiert. Und deshalb braucht sie so viel Solidarität und Hilfe und Expertise von außen – auch aus Deutschland.

Wie lautet da dann Ihre Prognose fürs Klubrádó: Werden Sie irgendwann wieder ein gewöhnlicher Sender mit regulärer Frequenz und Werbeeinnahmen zur Finanzierung sein?

Diese Hoffnung haben wir nie aufgegeben. Nie. Genau deshalb klagen wir ab Freitag schließlich vorm Verfassungsgericht dagegen, dass unsere Lizenz – und zwar erkennbar rechtswidrig – aufgehoben wurde. Weil selbst Ungarns höchste Gerichte mittlerweile von Orbáns Leuten besetzt sind, machen wir uns zwar nicht allzu viele Hoffnungen auf Gerechtigkeit. Aber wir gehen diesen Weg weiter und klagen eine Woche später auch gegen die Entscheidung eines Budapester Gerichtes, das den Lizenzentzug bestätigt hat. Und wenn es sein muss, gehen wir vor den Europäischen Gerichtshof – koste es, was es wolle. Aber wichtiger als der juristische Kampf ist und bleibt für uns der journalistische.


Reichelts Leiste & Jasnas Tatort

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Mai

Ach Julian, armes Alphatier – hat dich schon wieder eine Praktikantin in der Bild-Besenkammer abgewiesen? War dein rohes Stück Frühstücksfleisch nicht blutig genug? Macht dir der Haarausfall doch mehr zu schaffen als dieses dauernde Ziehen im Leistenbereich? Der profilneurotischste Chefredakteur auf dem Boulevard reaktionärer Emanzipationsopfer kann zwar tüchtig austeilen, aber einstecken? Da kriegt Don Reichelt Blähungen, die ihn direkt zum Hamburger Landgericht flatuliert haben, wo er gegen einen Spiegel-Artikel mit dem sehr glaubhaften Titel „Vögeln, fördern, feuern“ vorgegangen ist. Mit Erfolg.

So scheint es.

Denn zwei Monate, nachdem das Magazin Reichelts misogynes Machtgehabe publik machte, verhängten die Richter eine einstweilige Verfügung gegen den Verlag. Allerdings nicht, weil die Vorwürfe im Artikel falsch seien, sondern weil Reichelt eigene Presseabteilung ihn nicht rechtzeitig über die Interview-Anfrage des Spiegels informiert hatte. Dazu sei kurz mal an Christian Drosten erinnert, dem die Bild Mitte 2020 ganze 60 Minuten Zeit gegeben hatte, um sich zu einer fingierten Corona-Kampagne zu äußern. Bei der Spiegel-Anfrage an Reichelt waren es Tage.

Jahre gedauert haben zwei Prozesse, die seriösere Journalisten als Springers Schlüpferstürmer betrifft. Zum einen beteiligt Mark Zuckerbergs neues Nachrichtenportal Facebook-News Urheber*innen fortan an der Verbreitung ihrer kreativen Werke mit einem niedrigen Milliardenbetrag, verteilt über mehrere Jahre. Zum anderen erlaubt es die Urheberrechtsreform fortan, eben jene Werke ungefragt, vor allem aber kostenlos in Teilen zu verwenden, sofern es sich nur um Bruchstücke handelt. Ersteres ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, letzteres ein Schlag ins Gesicht, beides behandelt Künstler*innen aller Gewerke wie Rohstoffminen einer renditeorientierten Verwertungslogik.

Die Wut darüber kann nur in Revolte oder Eskapismus münden. Wir wählen hier kurz mal den Fluchtinstinkt und wundern uns darüber, dass die ARD mit ihrem Primetime-Ausflug des Großstadtreviers am vorigen Mittwoch fast sieben Millionen Zuschauer erreicht hat. Dieses Niveau erreichen fiktional eigentlich nur noch Tatorte wie jener, der nun Premiere feiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Mai

Heute betreten Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim, Luise Wolfram Bremen und setzen damit – im Gegensatz zum Polizeiruf, der sein 50-jähriges Jubiläum am Sonntag ausgerechnet mit den hervorragenden, aber doch schon recht alten weißen Schauspielerin Peter Schneider und Peter Kurth in Halle feiert – den Trend junger Teams fort. Wenngleich dieses hier im Premierenfall Neugeboren am Bremer Brennpunkt etwas zu eifrig seine Marotten pflegt. Man könnte also ersatzweise einen Sat1-Film empfehlen.

In Sönke Wortmanns Komödie Der Vorname streiten sich zwei Paare darum, ob man ein Kind im 21. Jahrhundert Adolf nennen darf. Zurück zur ARD: da startet Dienstag (22.50 Uhr) das FilmDebüt im Ersten mit Andreas Döhlers Milieustudie Die Einzelteile der Liebe um getrennte Eltern (Birte Schnöink und Ole Lagerpusch) und ihren Versuch, sich fürs Glück der Kinder zusammenzuraufen. Ums eigene Glück geht es Samstag in der 2. Staffel von Maria Furtwänglers Fahrschulkomödie Ausgebremst, allerdings nur in der Mediathek. Also dort, wo Arte tags zuvor BeTipul zeigt, das israelische Original der Psychiater-Serie In Therapie.

Parallel dazu startet bei Amazon die Young-Adult-Serie Panic um tödliche Mutproben als Zugangsticket zu einer dystopischen Zukunftsgegenwart. Donnerstag dann kehren fünf von sechs Hauptdarstellern der hedonistischen 90er-Prokrastination Friends bei Sky zurück. Und Disney+ hat zwei Neustarts im Programm: Die 2. Staffel der Homevideo-Kollage Launchpad und die 1. von Rebel mit der früheren Ich-heirate-eine-Familienmutter Katey Segal als eine Art Erin Brokovich, bevor dem Portal am Samstag Erstaunliches gelingt: Im Prequel zum Klassiker 101 Dalmatiner spielt Emma Stone die boshafte Modequeen Cruella als junge Frau im Kampf mit Emma Thompson als ebenso böse Kollegin. Und das ist für Disney-Verhältnisse fast schon tiefgründig.