Hagels Schmutz & Benjamins Tod

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Keine drei Monate ist 2026 alt, da hat es schon sein Unwort des Jahres: Schmutzkampagne. Die nämlich haben Grüne aus Sicht ihrer Unterlegenen der Baden-Württembergischen Landtagswahl gegen den armen CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel geführt. Ein linksgrünversiffter Feldzug, befanden frühvergreiste Männer von Richard David Precht bis Jens Spahn bei Pinar Atalay oder Hart aber fair, die es in der bürgerlichen Mitte so nun wirklich noch nie zuvor gegeben habe.

Bis auf den linksgrünversifften Feldzug gegen die christdemokratische Verfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf mithilfe rechter Medien natürlich oder Robert Habecks Schmutzkampagne gegen Robert Habecks Heizungsgesetz. Und dann erdreistet sich der linksgrünversiffte Feminist Felix Banaczek auch noch, von einer Verschiebung der Debatte zu sprechen, nur weil erwachsene Männer wie Hagel im Angesicht minderjähriger Mädchen offenbar Beulen in der Hose kriegen.

Schmutzig, schmutzig, schmutzig. Wie gut, dass Wolfram Weimer dem grünen Kommunismus Kontra gibt. Nach zehn Monaten im Amt war der Kulturstaatsminister schon so einiges: eleganter Grüßaugust der neurechen Avantgarde, Steigbügelhalter wirtschaftlicher Eigen- und Partikularinteressen, Zwangsgebührenpopulist mit taz-Allergie, also eine Art Arno Breker des pangermanischen Kunstbetriebs. Aber ein jämmerlicher Feigling und Lügner?

Als solcher zeigte sich Weimer, als er den Verfassungsschutz auf drei wohlverdiente, aber missliebige Kandidaten des deutschen Buchhandlungspreises angesetzt, die linken Läden darüber belogen und danach noch nicht mal den Mumm besessen hat, sich einer öffentlichen Debatte auf der Leipziger Buchmesse zu stellen. Wenn uns Weimers kulturkonservativer Kult nicht flugs den Staatsschutz auf die Volksverräter-Hälse hetzen würde, müsste man glatt sagen: Leck Eier, Wolfram!

Das möchte man auch der Grimme-Jury für die Wahl der ebenso geist- wie anstandslosen Prime-Serie Gerry Star zur besten Unterhaltungsserie oder des sehr bedenklichen Haftbefehl-Porträts Babo zurufen. Stichhaltiger dagegen sind Trophäen für Tschappel, die Affäre Cum-Ex oder Golineh Atai. Und noch ein Hinweis an Tagesschau-Sprecherin Romy Hiller: dass Marine Le Pens Partei als „rechtspopulistisch bis rechtsextrem“ nur „eingestuft“ werde, ist weder neutral noch objektiv, sondern falsch. Der Rassemblement National ist von Herzen radikal.

Die Frischwoche

16. – 22. März

Und damit Teil jener Nazi-Internationalen, die der pluralistischen Demokratie spätestens seit 9/11 den Garaus macht. Neun Monate zuvor gab es einen Mord, der seinerzeit nicht nur Norwegen, sondern die halbe Welt erschütterte. Von ihm erzählt die ZDF-Serie After Benjamin ab Freitag. Es geht darin allerdings nicht sechs Teile lang um Real Crime zweier Neonazis, die den schwarzen Teenager Benjamin Hermanson umgebracht hatten; Mikael Diseth schildert die Ereignisse strikt aus Sicht der Hinterbliebenen im Osloer Vorort Holmlia.

Und das ist nicht nur ein wichtiger Perspektivwechsel zugunsten der Opfer. Der Sechsteiler ist auch eine Ode an die Freund- und Nachbarschaft, ohne jemals seifig zu werden. Thematisch verwandt damit ist die dreiteilige Doku Zu Gast bei Freunden?, in der die ZDF-Mediathek Aufstieg, Ankunft, Abschied von Mesut Özil schildert – und damit viel über eine Gesellschaft, in der Ausländer nur dann Deutsche sind, wenn sie angepasst, still und demütig bleiben.

Ansonsten gibt es diese Woche wenig Weltbewegendes zu empfehlen. Die Apple-Serie Imperfect Woman über drei amerikanische Freundinnen, von denen eine ermordet wird, was die anderen in Gewissensnöte bringt, klingt schon wegen Hauptdarstellerin Elisabeth Moss niveauvoll. Sie ist allerdings trotz hohen Production Values eher konventionell geraten. Sonst noch erwähnenswert? Ein Serienremake des 80er-Blockbusters Meine teuflischen Nachbarn, ab Mittwoch bei Sky. Das sechsteilige Biopic X-rated Queen über den Pornostar Teresa Orlowski, zwei Tage drauf bei HBO Max. Und Dienstag bereits das Magenta-Drama Der Salzpfad mit Gillian Andersen auf ehelichem Selbsterfahrungstrip.


Falscher Schnitt & rechter Marshall

Die Gebrauchtwoche

23. Februar – 1. März

Jetzt also auch die ARD. Im Bericht aus Berlin wurde am Sonntagabend ein Beitrag falsch zusammengeschnitten. Nach der Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden, applaudierte plötzlich Angela Merkel – was sie zwar getan hatte, allerdings an einer anderen Stelle des Parteitags. Ist das bloß Fahrlässigkeit, schon Methode oder einfach nur dumm? Die Antwort geben leider keine nüchternen Analytiker, sondern reaktionäre Hetzer.

Im neuen AfD-Fanzine Welt zum Beispiel, wo der ehemals hochangesehen Journalist Hans-Ulrich Jörges als erster auf den falschen Schnitt hingewiesen hatte. Dass sein eigenes Blatt mittlerweile mehrheitlich mit Agenda-Setting, Manipulation oder schlicht rechter Hetze arbeitet, vergaß er da wohl einfach zu erwähnen. Aber mal ehrlich: dieser kleine Zank unter Medienmenschen in Deutschland bleibt angesichts der weltbewegenden Umwälzung von voriger Woche bestenfalls regional.

Nachdem Netflix sein Angebot zur Übernahme von Warner Bros. zurückgezogen hat, griff nämlich die Paramount Skydance Corporation zu. Die Verträge sollen angeblich schon unterschrieben sein. Und damit wäre dann womöglich auch das Schicksal seriöser Fernsehberichterstattung in den USA besiegelt. Denn PSC-Chef David Ellison zählt nicht nur zu einer Familie glühender Trump-Fans; er hat bereits Umbaumaßnahmen angedeutet.

Betroffen davon wäre vor allem das journalistische Flaggschiff CNN, das zur Manövriermasse des Multimilliarden-Deals gehört. Niemand im politischen Washington glaubt noch ernsthaft, dass dort fortan noch ernsthaft regierungskritisch informiert werde – zumindest, solange die Regierung aus Republikanern besteht. Nach dem Einknicken der Washington Post wäre das der nächste Schlag für den amerikanischen Pluralismus. Und womöglich der tödlichste.

Die Frischwoche

2. – 8. März

Schwer von hier aus ins Unterhaltungsprogramm zu schalten. Erst recht zum Yellowstone-Ableger Marshalls um den nahezu letzten Dutton Kayce (Luke Grimes) – schließlich wirkt es irgendwie ambivalent, gerade jetzt ein Format von Paramount+ zu empfehlen. Dann also lieber die volle Seifenbreitseite in Gestalt der südkoreanischen Liebesthriller-Serie Siren’s Kiss, seit Montag bei Prime. Oder noch öliger: die obstbäuerliche Sat1-Daily Ein Hof zum Verlieben, die genauso aussieht, wie sich ihr Titel anhört.

Gehaltvoller wäre da die tragikomische HBO-Serie DTF St. Louis mit Jason Bateman und David Harbour als Männer am Rande der Midlife-Crisis, aktuell bei HBO Max, das allerdings ja auch demnächst in Ellisons rechte Hände fällt. Oder die Prime-Serie Young Sherlock, in der kein Geringerer als Guy Ritchie die Jugend des Meisterdetektivs erzählt. Wobei auch Jeff Bezos ja eher gestern also heute die Demokratie einstampfen würde. Es ist kompliziert.

Letzter Versuch: die Drama-Serie Vladimir mit dem zuckersüßem Leo Woodall als Universitätsdozent, dem eine Englischprofessorin (Rachel Weisz) verfällt und dabei ihre Ehe aufs Spiel setzt. Sicher kein Arthaus-Streaming, aber immerhin vom Warner-Deal-Verlierer Netflix. Und mit dem spanischen Steuerbetrugsthriller Celeste macht man ab Freitag bei Arte schon mal gar nichts falsch. Vielleicht solle man sich aber gleich ganz sedieren. Mit zwei Medicals, ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek. Sie heißen Einfach Elli und Die Maiwald. Inhalt egal. Einfach nur weg aus dieser sognannten Realität.


Daniels Sabber & Dimitrijs Rapper

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. Februar

Es gibt angeblich auf jeder Familienfeier diesen unangenehmen Onkel, der rassistische Zoten reißt und fast lieber noch: sexistische. In der ARD scheint das Daniel Weiss zu sein. Als der umgeschulte Eiskunstläufer die winterolympischen Tänze aktiver Kolleginnen kommentierte, dachte er offenbar vor allem an ihre Heiratsfähigkeit. Die Russin Adelija Petrossjan erschien ihm da „jung-fraulich“. Einer Konkurrentin aus Georgien attestierte er, „leider schon vergeben“ zu sein. Überhaupt fiel dem Reporter viel Weiblichkeit an Sportlerinnen auf,

Nun kann man angesichts der 1600 Stunden linearer und digitaler Olympia-Berichterstattung, die angeblich 40 Millionen Bundesbürger:innen erreicht haben, nie alles richtig machen. Wer so viel falsch macht wie der alterssaftige Boomer, benötigt aber dringende Schulungen in Sachen zeitgenössischer Achtsamkeit. Da muss allerdings auch das ZDF noch nachjustieren. Das heute-journal hatte einen Bericht über ICE-Abschiebungen Minderjähriger mit uralten und KI-generierten Bildern illustriert. So was kann sogar passieren.

Das Zaudern aber, mit dem sich die Redaktion entschuldigte und später eine US-Korrespondentin abzog, goss noch mehr Öl ins Feuer rechter ÖRR-Feinde als die – mindestens mal fahrlässige – Manipulation an sich. Julian Reichelts Stürmer 2.0 Nius witterte pflichtschuldig eine „Lügenfabrik“, die der Berliner Zeitung zufolge unseriöser sei als das DDR-Kampforgan Aktuelle Kamera. Und der peinliche FDP-Onkel Wolfgang Kubicki forderte natürlich gleich ganz die Abwicklung des ÖRR.

Dass der privilegienblinde Politgreis ein Social-Media-Verbot für Kinder fordert, ist hingegen nicht überliefert. Dafür lässt sich bei TikTok, Insta, Twitch schlicht zu viel Rendite erwirtschaften. Darüber hinaus aber fällt an der Debatte vor allem eins auf: Betroffene unter 14 werden weit weniger gehört als Beurteilende über 64. Ein bestens Betuchter über 94 rüstet derweil auf: Warren Buffet steigt mit 251 Millionen Dollar bei der NYT ein. Schwer zu sagen, was das für die Pressefreiheit bedeutet; Gutes verheißt kein Kaufrausch der Superreichen und -mächtigen.

Die Frischwoche

23. Februar – 1. März

Ein Glück also, dass Giorgia Meloni anders als ihr Vorvorgänger Silvio Berlusconi immerhin kein Medienimperium besitzt. Ansonsten aber, so zeigt es das zweiteilige Meloni-Porträt Die Macht der Clans ab morgen bei Arte, ist der (post)faschistischen Regierungschefin alles zuzutrauen. Und wozu Menschen fähig sind, wenn zivilisatorische Regeln außer Kraft geraten, lehrt uns seit 1954 William Goldings ja Robinsonade Lord of the Flies.

Morgen gibt es davon die nächste Verfilmung bei Sky/Wow. Vier Teile der BBC, denen Hans Zimmers Soundtrack vermutlich kein Understatement verleiht. Ähnliches gilt für den Piratenfilm The Bluff. Besser: Piratinnenfilm. Denn ab Mittwoch geht es bei Prime Video um eine Freibeuterin (Priyanka Chopra Jonas), die Regisseur Frank E. Flowers aus dem Ruhestand holt. Ebenso bildgewaltig dürfte Kevin Costners nächster Ausflug durch Amerikas Geschichte an gleicher Stelle sein.

In der Historienserie The Grant House, geht es schließlich um den US-Bürgerkrieg. Also den des 19. Jahrhunderts, nicht den anbrechenden von heute. Deutschlands öffentlich-rechtliches Programm dagegen setzt unverdrossen auf die Kripo und schickt gleich drei Beamte online: Heute bereits Fritz Karl im Salzburg-Krimi à la ARD, bevor das ZDF am Freitag Franziska Weisz ans Mordufer am Bodensee schickt und tags drauf einen Garmisch-Krimi mit Lavinia Wilson nachschiebt. Puh.

Dann doch lieber der komplette Aberwitz. Nach Drehbüchern seines großen Bruders Dimitrij hat Alex Schaad die Netflix-Serie Kacken an der Havel inszeniert. Eine Serien-Groteske mit dem sehr realen Rapper Fatoni als surrealer Rapper Toni Fleischer, der in sein Heimatdorf nach Brandenburg zurückkehrt und dort des Provinzwahnsinns fette Beute wird. Ab Donnerstag bei Netflix wird es – versprochen – genauso bescheuert wie der Titel andeutet. Und sehr unterhaltsam.


Dschungelkönig & Oderbruch

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Februar

Gil Ofarim, darüber hat er bei Ich bin ein Star, holt mich hier raus! gute zwei Wochen lang letztgültig Zeugnis abgelegt, ist nicht in erster Linie Rockstar, Promikind und C-Celebrity, geschweige denn Jude. Erhärtet von einem Zeit-Interview mit seinem Verleumdungsopfer Markus W. wird deutlich: Gil Ofarim ist vor allem ein fürchterlich toxisches Mängelexemplar der Gattung Mann mit Cäsarensyndrom und Impulskontrolldefiziten. Das könnte man nun so stehenlassen; Menschen sind Menschen und als solche halt fehlbar.

Weil ihn das Publikum offenbar genau deshalb vor einer Woche zum Dschungelkönig gekürt hat, wird es für RTL nun allerdings unangenehm. Nicht nur, dass er das IBIS-Prinzip der Katharsis als Siegesvoraussetzung ins Gegenteil verkehrte; diverse Zuschauer:innen taten in den Kommentarspalten kund, wegen dieser Sittenverrohung ihr Plus-Abo zu kündigen. Damit täten sie einer Reihe wirklich gelungener Serien zwar Unrecht, aber irgendwie ist es auch nachvollziehbar.

Zumindest bis zum nächsten Superbowl, den RTL 2027 wohl wieder übertragen darf. Was der uns dieses Jahr für Diskussionsmaterial beschert hat – toll! Und zugeschaut hat offenbar, wenngleich eher nicht beim deutschen Streamingdienst, auch Donald Trump. Sonst hätte er die Halbzeitshow mit Bad Bunny im Kreis von 700 Statist:innen kaum als die „schlechteste der Geschichte“ beurteilt.

Was sonst noch passiert ist? In einem Opt-Out-Modell hat sich die Bundesregierung zur lang diskutierten Investitionsverpflichtung durchgerungen. Danach müssen Sender und Streamer künftig mindestens acht Prozent ihrer in Deutschland erzielten Umsätze reinvestieren – auch, wenn sich die Unternehmenszentrale nicht hier befindet. Und weniger positiv: der Verleger Jimmy Lai wurde in Hongkong zu 20 Jahren Haft verurteilt, weil er seine Aufgaben erledigt hat.

Die Frischwoche

16. – 22. Februar

Dafür sorgen diese Woche gleich vier bemerkenswerte Serien für Aufmerksamkeit. Bei Prime Video startet am Dienstag der achtteilige Erotikthriller 56 Days. Und wer dabei an den Netflix-Softporno Fall for Me oder ähnlich lächerliche Saftpressen denkt – keine Angst. Lisa Zwerings und Karin Ushers Vexierspiel um ein Liebespaar, deren Vergangenheiten ineinander geraten, ist ziemlich fesselnd. Das dauernde Matratzengerangel jedenfalls wirkt dabei eher nebensächlich.

In der ersten deutschen HBO-Serie Banksters darf man sich ab Freitag auf den großartigen Eren M. Güvencin freuen, der nach Druck und Euphorie diesmal nicht die eigene Generation verkörpert, sondern einen Millennial, der sich in einer Reihe Banküberfälle verheddert, seine Komplizen preisgeben soll. Und dagegen wehr er sich nach Bernd Langes Drehbüchern sehr unterhaltsam. Gewürzt obendrein mit einer Spur Sozialkritik am Alltagsrassismus der frühen Nullerjahre.

Fortgesetzt wird zeitgleich die sensationell erfolgreiche Horror-Serie Oderbruch von 2024 im Ersten, bei der man endlich nicht mehr mit dem Spoiler hinterm Berg halten muss, dass die Hauptfiguren mehrheitlich Vampire sind. Interessanterweise aber solche, die wie Karoline Schuch ihr eigenes Geschlecht vernichten wollen, um Schaden von der Menschheit abzuwenden. Blutrünstig wie in der ersten Staffel, allerdings mit etwa weniger Suspense.

Und dann wird ebenfalls am Freitag die Apple-Serie Beschütze sie! mit dem GoT-Star Nicolaj Coster-Waldau als verschollener Ehemann von Jennifer Garner fortgesetzt, die sich fünf Jahre nach den Ereignissen der ersten Staffel ein neues Leben an der Seite ihrer Tochter aufgebaut hat – das natürlich jetzt kollabieren muss.


Bezos’ Post & Artes Sins

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Februar

Von all den Ereignissen, die das frühere Land der Freiheit gerade schnurstracks Richtung Faschismus treiben, könnte eines irgendwann mal als besonders schicksalhaft gelten: Jeff Bezos‘ Entscheidung, die Washington Post zu zerstören. Mehr als ein Drittel der 800 Angestellten, unzählige davon im redaktionellen Betrieb, wurden Ende voriger Woche entlassen – woraufhin am Samstag auch Geschäftsführer Will Lewis das frühere Flaggschiff der Demokratie verließ.

Ob der Amazon-Chef einfach ein Feigling ist oder doch ein Faschist, wird die Zukunft vermutlich schneller klären, als uns allen lieb ist. Aber nachdem er die Wahlempfehlung für Kamala Harris untersagt hatte und dann Kommentare gegen die liberale Marktwirtschaft, liegt letzteres ein bisschen näher. Und damit eine Gleichschaltung, der Donald Trump das nächste Mosaiksteinchen hinzufügte. Nach einem völlig unspezifischen Witz über Epsteins Insel bei der Grammy-Verleihung, verklagt der US-Präsident Trevor Noah auf Schadenersatz.

Dass er so die Paramount Skydance Corporation trifft, muss da übrigens kein Widerspruch sein; deren Geschäftsführer David Ellison könnte es mit einer Milliardenklage im Nacken leichter fallen, missliebige Komiker wie Noah mundtot zu machen. Das öffnet dann wiederum den Aufmerksamkeitskorridor für Belanglosigkeiten à la Melania. Während wirklich niemand links der Rechtsextremen ein gutes Wort darüber verliert, kriegt sie nun unerwartetes Lob aus Deutschland.

Die Welt hat das PR-Porträt eines mutmaßlichen #MeToo-Täters nicht nur vergleichsweise positiv besprochen; das Springer-Blatt verunglimpft jede Kritik daran auch als politisch (also links-grün-woke) motiviert und zieht damit ideologisch langsam an rechtsextremen AfD-Fanzines von Nius bis Junge Freiheit vorbei. Wem das hier alles zu dystopisch ist: Gute Nachrichten gab es in den vergangen acht Tagen leider keine.

Die Frischwoche

9. – 15. Februar

Aber immerhin: das Streamingprogramm hat zwei positive Kleinigkeiten zu bieten. Und nein, damit ist weder explizit das Dschungelcamp gemeint, dessen Finale der am Ende doch noch überraschend redselige Gil Ofarim gewonnen hat, noch die Olympischen Winterspiele, deren Atmosphäre im Angesicht ihres demokratischen Austragungsort angemessen angenehm ausfällt bislang.

Auf arte.tv startet am Donnerstag die wirklich sehenswerte Thriller-Serie All the Sins. Unweit des finnischen Polarkreises suchen der hüftsteife Kommissar Lauri und seine lebenslustige Kollegin Sanna einen Ritualmörder. Das klingt zwar nach der üblichen Krimisoße; die Showrunner Mika Ronkainen und Merja Aakko machen daraus allerdings eine Milieustudie im evangelikalen Umfeld, der man auch die nächsten, zeitgleich verabreichten zwei Staffeln gerne abkauft.

Gleiches gilt für die großartige FX-Reihe Love Story, einer Anthology-Fiktionalisierung berühmter Liebesgeschichten, deren erste Staffel am Freitag bei Disney+ von John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette handelt. Mit Paul Anthony Kelly und Sarah Pidgeon als New Yorks lukrativstes Glamour-Paar der Neunzigerjahre, macht Showrunner Ryan Murphy Elizabeth Bellers Novelle Once Upon a Time aber nicht nur zu einer bewegenden Affäre im Lichte ihrer Zeit.

Neunmal 50 Minuten lang erklärt sie auch passgenau, wie der analoge Boulevard ein paar Jahre vor Lady Dianas Tod bereits mit Vollgas auf den digitalen Pfad der Aufmerksamkeitsindustrie zusteuerte. Wie die Paparazzi hier gleichermaßen Täter und Opfer eines Systems informationeller Ausbeutung werden – das ist sogar noch stärker inszeniert als das weibliche Empowerment der Hauptfigur.


Ofarims Schweigen & Pastewkas Rätseln

Die Gebrauchtwoche

26. Januar – 1. Februar

Reden, so heißt es, sei Silber und Schweigen Gold. Nun hat Donald Trumos erratische Zollpolitik zuletzt zwar den Preis beider Edelmetalle emporgetrieben, aber wenn letzteres irgendwo bestenfalls Blech wert ist, dann im Dschungelcamp. Dass der Starcamper Gil Ofarim trotz sechsstelliger Einzugsprämie beharrlich über den Grund seiner Verpflichtung in einem Leipziger Hotel schweigt, statt es am Lagerfeuer breitzutreten, ist für RTL demnach geradezu rufschädigend.

Reden wir also über Stefan Raab, dessen sinnlose IBIS After Hour ohnehin schon einer Bewerbung fürs Madenmenü 2027 gleicht. Wenn er dem wortkargen Ofarim dort ein „Betrüger-Gen“ attestiert, das auch dessen Onkel Samuel habe, käut die Redaktion so offensichtlich antisemitische Stereotypen gegen jüdische Menschen wieder, dass ein Zufall schlicht auszuschließen ist. Das dürfte RTL allerdings herzlich egal sein, solange die Quoten stimmen.

Eher jedenfalls als die Besuchszahlen von Amazons Lobhudelei von Melania Trump. Die Premiere des liebedienerischen Gefälligkeitsporträts vom #MeToo-Täter Brett Ratner haben vielerorts nur eine Handvoll zahlender Gäste besucht. Dafür wollten offenbar zwei Drittel der Crew nicht in den Credits auftauchen. Mit Elon Musks X dagegen möchte eigentlich niemand mehr namentlich in Verbindung stehen.

Daran ändern 120 Millionen Euro Bußgeld der EU-Kommission wegen fortgesetzter Transparenzdefizite eher wenig, während eine US-Bürgerin aus Kalifornien gerade die Konkurrenz von Meta über Google bis TikTok verklagt, deren Portale und Messenger hätten sie süchtig gemacht. Ein Grund mehr, warum Frankreich Social Media gerade für Jugendliche verbietet. Und damit zur vermasselten Pointe des Wochenendes.

Der Komiker Maximilian Schafroth hat im Auftrag des NDR-Satiremagazins extra3 eine US-Flagge auf Grönland gehisst. Wo da der Witz ist, bleibt da ihr Geheimnis. Zumal es wirklich lustiger, vor allem jedoch couragierter gewesen wäre, Grönlands Fahne vorm Weißen Haus zu hissen. Noch mutloser ist da eigentlich nur die Reaktion der ARD, sich vorauseilend zu entschuldigen.

Die Frischwoche

2. – 8. Februar

Das sind gleich zwei merkwürdige Pointen eines vergeigten Gags – damit aber drei mehr als Amazon Primes missratene Crime-Mystery-Ulk Fabian und Die mörderische Hochzeit hat. Geplant als deutsche Variante einer Leiche zum Dessert, kopiert sich Bastian Pastewka darin ab Freitag knappe zwei Stunden lang selbst, ersetzt wie sein gesamtes Ensemble also Scherze durch Grimassen. Und das ist sogar noch geistloser als der Neo Social Club.

Die ziemlich erfolgreiche Standup-Newcomerin Laura Larssen lädt pro Ausgabe drei socialmedia-affine Gäste zu einer Art Lass dich überwachen in eigener Sache ein. Fragt sich nur, wer das ab Mittwoch in der ZDF-Mediathek sehen oder gar unterhaltsam genug für acht Folgen finden soll? Da hat die Netflix-Serie Unfamiliar deutlich mehr zu bieten. Allen voran: Susanne Wolff und Felix Kramer als untergetauchte BND-Agent:innen, die ein Spionage-Fall tief in ihre Vergangenheit führt.

Das ist zwar mitunter vorurteilsbeladen, aber ziemlich virtuos inszeniert, durchaus fesselnd – und zumindest darin mit der Seriensensation dieser Tage vergleichbar: Heated Rivalry. Daheim in Kanada sorgt das Drama um schwule Eishockeyspieler seit Tagen für Furore. Hier startet es Freitag bei HBO Max. Was sonst noch passiert? Bei Neo beginnt Dienstag die sehr interessante norwegische Influencerinnen-Saga Requiem for Selina.

ARD und ZDF übertragen ab Freitag die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina. Sonntag geht – aller Voraussicht nach zwar mit Stefan Raab, aber nicht Gil Ofarim – Ich bin ein Star – holt mich hier raus! ins Staffelfinale. Und bei Audible startet Donnerstag der geschlechterpsychologische Laberpodcast Bin ich jetzt das Problem mit Anika Decker und Miriam Junge.


DWDLs Scoop & Dyrholms Dänin

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Januar

Gewiss, Russlands Rückzug aus der Ukraine als erstes Medium zu vermelden oder fast noch besser: Donald Trumps Rückzug aus der Politik – das wären mal Scoops von weltbewegender Dringlichkeit. Trotzdem war die Meldung des Branchenportals DWDL, im Dezember würden Bill und Tom Kaulitz die 219. Folge Wetten, dass…? moderieren, nicht nur exklusiv, sondern schon auch ein bisschen sensationell.

Weit weniger überraschend ist da die Nachricht, dass mit dem ehemals bissigen, mittlerweile aber eher bemitleidenswerten Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein der nächste alte Mann aus der Straßenmitte nach ganz rechts wechselt. Unterm Titel Mail von Martenstein wird er bei der Bild künftig auf alles Woke und was ihm sonst noch weiße Privilegien verhagelt schimpfen. Als verbitterter AfD-Wahlkampfhelfer könnte er also irgendwann auch im Dschungelcamp landen.

Dort also, wo der gefallene Hotelrezeptionslügner Gil Ofarim angeblich die bislang höchste Antrittsprämie einstreicht – und dennoch ausgerechnet über jenen Fall von gefaktem Antisemitismus schweigt, der ihn als Madenfresser für RTL so verteuert. Ansonsten ist neu, dass es heuer auch räumlich zwei konkurrierende Lager gibt und mit Hardy Krüger Jr. zumindest ein berühmter Name dabei ist.

Noch zwei Fakten vom Wahrnehmungsrand obendrauf. Bei der Übertragung des Hahnenkammrennens aka Streif von Kitzbühel hat ARD-Reporter Bernd Schmelzer am Samstag über einen leichtbekleideten IT-Boy im Schnee den der wunderbaren Satz „Influencer auf dem Weg zur Influenza“ gesagt. Und wie es aussieht, schafft Tschechiens rechtspopulistischer Regierungschef Andrej Babiš kurzfristig den Rundfunkbeitrag ab, also langfristig den liberalen Pluralismus.

Die Frischwoche

26. Januar – 1. Februar

Ein Tiefschlag für vielfältige Berichterstattung jenseits vom Quotendruck. Ereignisse wie den 81. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar jedenfalls interessieren private Sender dummerweise nicht die Bohne. Hierzulande dagegen stellt das Öffentlich-Rechtliche ein vielfältiges Sonderprogramm auf die Beine – darunter ein ARD extra: Antisemitismus in Deutschland gleich nach der Tagesschau. Das Einzige, was kommerzielle Plattformen zum Holocaust-Gedenktag beitragen, läuft im Grunde bei Sky.

Ab Freitag beleuchtet Elon Musk Uncovered das faschistoide Wirken des Hitlergruß-Fanatikers dokumentarisch. Ansonsten gibt es diese Woche eher leichte Unterhaltung. Allen voran natürlich die vierte (und hoffentlich endlich mal letzte) Staffel Bridgerton, an der sich verglichen mit den ersten drei vermutlich nichts Substanzielles ändern wird. Sonntag dann springt MagentaTV auf den Zug in die Baker Street 221b auf.

In Sherlock & Daughter ermittelt der berühmteste Detektiv aller Filmzeiten acht Folgen lang gemeinsam mit einer jungen Frau (Blu Hunt), die sich als seine amerikanische Tochter zu erkennen gibt. Interessant ist nebenbei, dass Holmes diesmal nicht vom Sexsymbol Benedict Cumberbatch, sondern dem sehr gewöhnlichen David Thewlis verkörpert wird. Ein Weltstar spielt dagegen The Danish Woman.

Trine Dyrholm, 1998 durch Thomas Vinterbergs allerersten Dogma-Film Das Fest berühmt geworden, ist ab Freitag auf Arte eine Dänin namens Ditte, die in einer isländischen Wohnsiedlung den Kontrollfreak gibt und ein Geheimnis mit sich herumträgt: Vor ihrem Umzug nach Reykjavík war sie nämlich eine Elitesoldatin mit Geheimdienstqualifikationen und kriegt es nun nicht so richtig hin, ein gewöhnliches Leben unter gewöhnlichen Nachbarn zu führen. Was auf skurrile Art sehr, sehr amüsant ist.


Kolumnen & Kingdoms

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Januar

Wie sehr sich die Macht der Bilder mittlerweile von der Macht der Mächtigen entkoppelt hat, war nirgendwo eindrücklicher zu erleben als beim mutmaßlichen ICE-Mord in Minnessota. Obwohl keine Kameraperspektive etwas anderes als eine Exekution zeigt, behaupten die politisch Verantwortlichen um Donald Trump seit der Tat das Gegenteil behauptet und lassen sich davon auch durch Beweise aller Art nicht abbringen.

Diese Umdeutung sämtlicher Fakten ist der nächste Schritt zur Demontage von Demokratie und Rechtstaat, den noch selbst Pessimisten so konsequent kaum für möglich gehalten hätten. Immerhin scheinen die rechtsextremen Kräfte (vorerst) keinen Zugriff auf Nachrichteninhalte von Warner Bros. Discovery zu kriegen – das aktuelle Angebot der Trump-Jünger Ellison war offenbar so schlecht durchfinanziert, dass Netflix als Käufer wahrscheinlicher wird.

Hierzulande machen mäßig begabte, aber sendungsbewusste, nun ja: Journalist:innen derweil das, was sie auf der rechten Seite immer tun, wenn sich ihre Ertragsmöglichkeiten als unzureichend erweisen: Sie gehen wie Julia Ruhs als Kolumnistin zur Bild. Das war abzusehen. Ganz im Gegensatz zum Wechsel des Tagesthemen-Leiters Helge Fuhst zu Springer. Jener angesehene Medienplayer also, der vor gar nicht allzu langer Zeit als ZDF-Intendant im Gespräch war.

Glück gehabt, wird man da in Mainz vermutlich denken und den Gedanken mit Fuhst teilen, der zwar künftig stechend nach Schwefel stinkt, aber sehr viel mehr Mittel als zuvor in die Reinigung seiner kontaminierten Karriere investieren kann. Geld macht halt nicht satt, sondern hungrig. Und damit zum Wetter: Elli, darauf kann man sich trotz aller Unbill einigen, war ein Low-Performer.

Tagelang befand sich das halbe Land angesichts des Schneesturmtiefs in kollektiver Schockstarre, und dann? Zog es eigentlich nur ziemlich jahreszeitgemäße Witterungsbedingungen nach sich, mit denen süddeutsche Berggemeinden noch immer relativ regelmäßig zurechtkommen müssen. Winter is coming gilt also auch weiterhin eher für Game of Thrones als norddeutsche Tiefebenen. Wobei selbst in Westeros aktuell besseres Wetter herrscht.

Die Frischwoche

19. – 25. Januar

Zum Start des hauseigenen Streamingportals launcht HBO Max heute ein weiteres Prequel. Und in Ira Parkers sechsteiligem A Knight of the Seven Kingdoms herrscht eigentlich ganz gutes Wetter, wenn Ser Duncan (Peter Claffey) versucht, sich mithilfe seines Knappen Egg 90 Jahre vorm Original in der rauen Fantasywelt als Ritter zu etablieren. Nicht nur der Sonnenschein macht den Sechsteiler allerdings zur Ausnahme im GoT-Kosmos; es ist vor allem sein Humor.

Den sucht man in der zweiten großen HBO-Premiere zwar vergeblich. Dennoch ist R. Scott Gemmills Medical-Serie The Pitt mit Noah Wyle („Emergency Room“) als Schichtleiter einer radikal realistischen Notaufnahme in Pittsburgh so unfassbar unterhaltsam, dass man sich zum Start beide Staffeln lang körperlich inmitten des permanenten Ausnahmezustands wähnt – und dabei unglaublich viel über alle Beteiligten erfährt.

Damit stünden die großen Formate knapp hinterm Making of von Stranger Things bei Netflix bereits ganz vorne. Fehlt noch die sehr bunte Thriller-Serie Ponies mit der Got-Ikone Emilia Clarke als Spionin im Moskau der 70er Jahre. Auch Sophie Turner, Hauptfigur des sechsteiligen Heist-Dramas Steal stammt ab Mittwoch bei Prime aus dem Game of Thrones. Im ZDF ist zwischendurch die – vermutlich letzte – Fortsetzung der Ku’damm-Sage ins Jahr ’77 vorgestoßen.

An gleicher Stelle recherchiert The Kollective wahrheitsliebender Journalist:innen ab Freitag in einem weltpolitisch verstrickten Fall am Rande des 3. Weltkriegs. Den Schuldigen des 2. plus Shoah widmet sich Thilo Mischkes dreiteilige Doku German Guilt ab Mittwoch ebenfalls im Zweiten. Und dann wäre da noch die nette Idee, einer Quizshow mit zwei Antwortmöglichkeiten. Schade, dass die Yes or No Games bei Prime laufen, wo das alles nicht nur dank einer gigantischen LED-Installation mal wieder viel zu aufgeblasen wirkt.


Angriffskriege & Panzerspiele

Die Gebrauchtwoche

29. Dezember – 4. Januar

Schon interessant: Praktisch jedes erdenkliche Medium hat sich (und damit uns) an Silvester gefragt, ob das neue Jahr erstmals seit gefühlt 2001 endlich mal besser werden würde als das vorangegangene. Und dann? Überfällt Donald Trump das ölreiche Nachbarland Venezuela, ohne dass ihm irgendwer Paroli böte. Auch die Redaktionen deutscher Qualitätsmedien nicht, wo stets von Konflikt statt Angriffskrieg die Rede war, in dem Präsident Maduro festgenommen oder im Bild-Duktus geschnappt wurde statt gekidnappt.

Für Optimismus, das haut 2026 der Welt schon nach Stunden vors Schienbein, besteht da wenig Anlass. Und das gilt auch für die Branche selbst, wo der Beutezug rechtspopulistischer Medienhäuser ebenso weitergeht wie die Konzentration. Ob Comcast, Skydance, Warner, Paramount, Netflix auf absehbare Zeit noch Konkurrenten oder Teil allmächtiger Mega-Konzerne von Disney bis Meta bleiben, ist schon deshalb offen, da der amerikanische Autoritarismus auch die Kartellbehörden längst auf Linie bringt.

Weil Pessimismus aber ähnlich wie Angst ein verzagender Ratgeber ist, empfehlen wir den Mittelweg namens Possibilismus, also die Orientierung am Möglichen, nicht Optimalen. In diesem Licht erscheint die geplante Fusion von Sky und RTL hierzulande schon als Hoffnungsschimmer des Pragmatischen, um im Kampf gegen US-Konglomerate nicht unterzugehen. Ein Kampf, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk heuer auch unterm Druck anstehender Wahlen führt.

Siege der – wie würde die Tagesschau hier hasenfüßig untertreiben: „in Teilen rechtsextremen“ AfD Sachsen-Anhalts könnte zur höckefreundlichen Umgestaltung des MDR führen, wenn nicht gar zur regionalen Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags. Da ist es wenig hilfreich, was dieser Tage publik wurde: Laut Spiegel wusste die ARD vom Sturm der Entrüstung, den ihre Gefälligkeitsdokumentation Being Jerome Boateng nach sich ziehen könnte. Reaktion wie so oft: abwiegeln, aussitzen, beschwichtigen, leugnen.

Die Frischwoche

5. – 11. Januar

Ein Muster, dem auch ein paar Fiktionen von Dennis Gansel folgen. Wie in seiner Prime-Serie Das Boot befreit nun das nächste Kriegsgerät des Regisseurs die Ahnen seiner Landsleute von ihrer Kollektivschuld. Nach kurzer Kinoauswertung fährt Der Tiger seit Freitag bei Netflix auf Wehrmachtsmission ostwärts. Und so unpolitisch, wie er die fünfköpfige Panzerbesatzung nach eigenem Drehbuch zeigt, ist das überraschende Filmfinale eher zweitrangig. Was nach zwei Stunden Kammerspiel in Publikumsköpfen hängenbleibt: am Ende waren Deutsche halt doch Hitlers erste Opfer.

Wohin diese Form der unterhaltsamen Geschichtsklitterung führen kann, ist nächsten Samstag in der hochinteressanten ARD-Doku Trump & Us über den faschistoiden US-Präsidenten und seine Wirkung auf Europa zu sehen. Eines seiner bevorzugten Machtinstrumente ist übrigens Krypto-Währung. Also jenes demokratie- und klimagefährdende Zahlungsmittel, das Ruja Ignatova erst reich, dann zur weltweit meistgesuchten Frau der Welt gemacht hat.

In der sechsteiligen Real-Crime-Fiction Take the Money and Run zeichnet das ZDF ab heute Aufstieg und Fall dieser deutsch-bulgarischen Jan-Marsalek-Version nach, die Tausende von Anlegern um Milliarden Euro betrogen hat. Und Nilam Farooq verleiht ihr das plakative, aber plausible Gesicht einer Selbstermächtigungsstory, die viel über den Raubierkapitalismus nach der Dotcom-Blase aussagt.

Nur Tage nach dem Serienfinale von Stranger Things gibt es aber eher Fantasieformate zu sehen. Bei MagentaTV läuft die zehnteilige Grisham-Verfilmung The Rainmaker. Netflix zeigt den schwedischen Verschwörungsthriller Land der Sünde in fünf Akten. Auf Arte geht der irische Cold Case Boglands in Serie. Paramount+ sucht ab Donnerstag ein Girl Taken. Parallel wird eine Frau aus Alabama in der Netflix-Serie His & Hers zur Hobby-Detektivin. Ein Job, den Ethan Hawke drei Südstaaten weiter westlich bei Disney+ in The Lowdown mit grandioser Schnodderigkeit erledigt.


Disneys KI & Primes Sophie

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Dezember

Es ist unserer umwerfenden Zeit nicht so leicht zu sagen, welche Medienentwicklung nur disruptiv ist oder schon destruktiv. Dass nach Netflix zuletzt auch Paramount Skydance in den Bieterstreit um Warner eingestiegen ist, lag noch irgendwo in der Mitte. Doch wenn David Ellison mit sagenhaften 108 Milliarden Dollar den gesamten Entertainment-Konzern inklusive CNN erwirbt, wäre das für die Branche, mehr aber noch die Demokratie zwar unfassbar einsturzgefährdend. Momentan deutet sich aber ein Zuschlag für Netflix an.

Anders sieht es bei einer Kooperation der günstigeren, aber wirkmächtigeren Art: Für den vergleichsweise bescheidenen Betrag von einer Milliarde Dollar sichert sich Disney weitere Anteile von OpenAI und vertieft dadurch auch die Nutzung von ChatGPT für eigene Inhalte. So unvollkommen künstliche Intelligenz vorerst noch ist: für die Streaming- und Filmbranche ist der strukturierte Einsatz künstlicher Intelligenz geradezu ein Umsturzversuch mit Ansage.

Den nimmt parallel dazu auch Donald Trump vor, der die BBC wegen eines kleinen Schnittfehlers in seiner Dokumentation über den Sturm aufs Kapitol 2021 auf surreale zehn Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Nicht, dass er juristisch damit auch nur den Hauch eine Chance hätte; der kleptokratischer Nepotismus versetzt ihn allerdings in die Lage, jedes missliebige Medium pleite zu klagen. Und seit er mit dem britischen Sender erstmals die USA dafür verlassen hat, könnte es auch deutsche Verlagshäuser treffen.

Axel Springer allerdings nicht. Denn dort treibt der AfD-affine Trump/Musk/Thiel-Fan Döpfner seine reaktionären Blätter so weit nach rechts, dass mit Robin Alexander einer der letzten seriösen Journalisten die Welt verlässt. Burda Media hingegen schon eher, die der CEO Philipp Welte nach gut 30 Jahren 2026 nicht wie geplant in den Aufsichtsrat, sondern ganz verlässt. Bei seiner Ankündigung gab es Tränen im Kollegium. Ob man die auch dem ESC nachweinen sollte, ist ebenso Ansichts- und Geschmackssache wie das frisch verhängte Social-Media-Verbot in Australien.

Dennoch macht die Boykottwelle gegen den Song Contest natürlich viele traurig. Aus Protest gegen die Teilnahme Israels bleiben ihm mit Spanien, Slowenien, Irland, Island und den Niederlanden schließlich (vorerst) fünf Länder fern. Dass sie die Beteiligung rechtsextremer Diktaturen in spe wie Ungarn oder Serbien von einer Reise nach Wien abgehalten hätte, nicht überliefert.

Die Frischwoche

22. – 28. Dezember

Kommen wir zu etwas konsistenterem: Dem Streaming-Angebot der Woche. Gestern hat sich ja bereits Denis Moschitto in die Riege all jener, ach was: annähernd aller Schauspielerinnen und Schauspieler eingereiht, die im Tatort mitwirken. Bei Sky/Wow ging gestern auch die relativ werkgetreue Serienversion von Milos Formans Amadeus mit dem White-Lotus-Star Will Sharpe in der Titelrolle online, nachdem Prime Video am Mittwoch bereits Fallout fortgesetzt hat und bei Arte die elegische Biopic-Serie Being Karen Blixen startete.

Zum Start der Weihnachtstage dann macht die ARD-Mediathek den real existierenden Öl-Boom in der Lüneburger Heide vor 125 Jahren zu einer Historytainment-Serie. Trotz Starbesetzung mit Harriet Herbig Matten und Jessica Schwarz als Entrechtete im Kampf gegen Tom Wlaschiha und Henny Reents als Privilegierte allerdings überzeugt Schwarzes Gold nur optisch. Inhaltlich sind die sechsmal 45 Minuten ziemlich berechenbar melodramatischer Gefühlsquark.

Ein wenig besser, wenn auch nicht perfekt, macht es die Prime mit dem Prequel zur Silvester-Legende Dinner for One. Ab heute erzählen Tommy Wosch und Dominik, wie Miss Sophie (Alicia von Rittberg) ihr Schloss nach dem 1. Weltkrieg mithilfe einer lukrativen Heirat vorm Gläubiger retten will. Wenn Moritz Bleibtreu, Jacob Matschenz, Frederick Lau und Christoph Schechinger als Mr. Pommeroy, Sir Toby, Mr. Winterbottom und Admiral von Schneider einen Wettstreit um die Adelige veranstalten, ist die Idee allerdings bisweilen witziger als ihre Umsetzung.

Dennoch hat der Sechsteiler mehr heitere als peinliche Momente und bietet mit Kostja Ullmann als Love Interst James Fortsetzungspotenzial. Das dürfte mit Staffel 4 der Ku’damm-Saga im Jahr 1977 ab Samstag schon deshalb endgültig ausgereizt sein, weil sich die Berliner Tanzschul-Sippe echt nicht noch älter schminken lässt. Parallel dazu läuft mit Bis in die Seele ist mir kalt der nächste Heimatkrimi aus Österreich im ZDF – einer Filmreihe, die ungleich besser ist als ihr dämlicher Titel.