Ofarims Schweigen & Pastewkas Rätseln
Posted: February 2, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
26. Januar – 1. Februar
Reden, so heißt es, sei Silber und Schweigen Gold. Nun hat Donald Trumos erratische Zollpolitik zuletzt zwar den Preis beider Edelmetalle emporgetrieben, aber wenn letzteres irgendwo bestenfalls Blech wert ist, dann im Dschungelcamp. Dass der Starcamper Gil Ofarim trotz sechsstelliger Einzugsprämie beharrlich über den Grund seiner Verpflichtung in einem Leipziger Hotel schweigt, statt es am Lagerfeuer breitzutreten, ist für RTL demnach geradezu rufschädigend.
Reden wir also über Stefan Raab, dessen sinnlose IBIS After Hour ohnehin schon einer Bewerbung fürs Madenmenü 2027 gleicht. Wenn er dem wortkargen Ofarim dort ein „Betrüger-Gen“ attestiert, das auch dessen Onkel Samuel habe, käut die Redaktion so offensichtlich antisemitische Stereotypen gegen jüdische Menschen wieder, dass ein Zufall schlicht auszuschließen ist. Das dürfte RTL allerdings herzlich egal sein, solange die Quoten stimmen.
Eher jedenfalls als die Besuchszahlen von Amazons Lobhudelei von Melania Trump. Die Premiere des liebedienerischen Gefälligkeitsporträts vom #MeToo-Täter Brett Ratner haben vielerorts nur eine Handvoll zahlender Gäste besucht. Dafür wollten offenbar zwei Drittel der Crew nicht in den Credits auftauchen. Mit Elon Musks X dagegen möchte eigentlich niemand mehr namentlich in Verbindung stehen.
Daran ändern 120 Millionen Euro Bußgeld der EU-Kommission wegen fortgesetzter Transparenzdefizite eher wenig, während eine US-Bürgerin aus Kalifornien gerade die Konkurrenz von Meta über Google bis TikTok verklagt, deren Portale und Messenger hätten sie süchtig gemacht. Ein Grund mehr, warum Frankreich Social Media gerade für Jugendliche verbietet. Und damit zur vermasselten Pointe des Wochenendes.
Der Komiker Maximilian Schafroth hat im Auftrag des NDR-Satiremagazins extra3 eine US-Flagge auf Grönland gehisst. Wo da der Witz ist, bleibt da ihr Geheimnis. Zumal es wirklich lustiger, vor allem jedoch couragierter gewesen wäre, Grönlands Fahne vorm Weißen Haus zu hissen. Noch mutloser ist da eigentlich nur die Reaktion der ARD, sich vorauseilend zu entschuldigen.
Die Frischwoche
2. – 8. Februar
Das sind gleich zwei merkwürdige Pointen eines vergeigten Gags – damit aber drei mehr als Amazon Primes missratene Crime-Mystery-Ulk Fabian und Die mörderische Hochzeit hat. Geplant als deutsche Variante einer Leiche zum Dessert, kopiert sich Bastian Pastewka darin ab Freitag knappe zwei Stunden lang selbst, ersetzt wie sein gesamtes Ensemble also Scherze durch Grimassen. Und das ist sogar noch geistloser als der Neo Social Club.
Die ziemlich erfolgreiche Standup-Newcomerin Laura Larssen lädt pro Ausgabe drei socialmedia-affine Gäste zu einer Art Lass dich überwachen in eigener Sache ein. Fragt sich nur, wer das ab Mittwoch in der ZDF-Mediathek sehen oder gar unterhaltsam genug für acht Folgen finden soll? Da hat die Netflix-Serie Unfamiliar deutlich mehr zu bieten. Allen voran: Susanne Wolff und Felix Kramer als untergetauchte BND-Agent:innen, die ein Spionage-Fall tief in ihre Vergangenheit führt.
Das ist zwar mitunter vorurteilsbeladen, aber ziemlich virtuos inszeniert, durchaus fesselnd – und zumindest darin mit der Seriensensation dieser Tage vergleichbar: Heated Rivalry. Daheim in Kanada sorgt das Drama um schwule Eishockeyspieler seit Tagen für Furore. Hier startet es Freitag bei HBO Max. Was sonst noch passiert? Bei Neo beginnt Dienstag die sehr interessante norwegische Influencerinnen-Saga Requiem for Selina.
ARD und ZDF übertragen ab Freitag die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina. Sonntag geht – aller Voraussicht nach zwar mit Stefan Raab, aber nicht Gil Ofarim – Ich bin ein Star – holt mich hier raus! ins Staffelfinale. Und bei Audible startet Donnerstag der geschlechterpsychologische Laberpodcast Bin ich jetzt das Problem mit Anika Decker und Miriam Junge.
DWDLs Scoop & Dyrholms Dänin
Posted: January 26, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
19. – 25. Januar
Gewiss, Russlands Rückzug aus der Ukraine als erstes Medium zu vermelden oder fast noch besser: Donald Trumps Rückzug aus der Politik – das wären mal Scoops von weltbewegender Dringlichkeit. Trotzdem war die Meldung des Branchenportals DWDL, im Dezember würden Bill und Tom Kaulitz die 219. Folge Wetten, dass…? moderieren, nicht nur exklusiv, sondern schon auch ein bisschen sensationell.
Weit weniger überraschend ist da die Nachricht, dass mit dem ehemals bissigen, mittlerweile aber eher bemitleidenswerten Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein der nächste alte Mann aus der Straßenmitte nach ganz rechts wechselt. Unterm Titel Mail von Martenstein wird er bei der Bild künftig auf alles Woke und was ihm sonst noch weiße Privilegien verhagelt schimpfen. Als verbitterter AfD-Wahlkampfhelfer könnte er also irgendwann auch im Dschungelcamp landen.
Dort also, wo der gefallene Hotelrezeptionslügner Gil Ofarim angeblich die bislang höchste Antrittsprämie einstreicht – und dennoch ausgerechnet über jenen Fall von gefaktem Antisemitismus schweigt, der ihn als Madenfresser für RTL so verteuert. Ansonsten ist neu, dass es heuer auch räumlich zwei konkurrierende Lager gibt und mit Hardy Krüger Jr. zumindest ein berühmter Name dabei ist.
Noch zwei Fakten vom Wahrnehmungsrand obendrauf. Bei der Übertragung des Hahnenkammrennens aka Streif von Kitzbühel hat ARD-Reporter Bernd Schmelzer am Samstag über einen leichtbekleideten IT-Boy im Schnee den der wunderbaren Satz „Influencer auf dem Weg zur Influenza“ gesagt. Und wie es aussieht, schafft Tschechiens rechtspopulistischer Regierungschef Andrej Babiš kurzfristig den Rundfunkbeitrag ab, also langfristig den liberalen Pluralismus.
Die Frischwoche
26. Januar – 1. Februar
Ein Tiefschlag für vielfältige Berichterstattung jenseits vom Quotendruck. Ereignisse wie den 81. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar jedenfalls interessieren private Sender dummerweise nicht die Bohne. Hierzulande dagegen stellt das Öffentlich-Rechtliche ein vielfältiges Sonderprogramm auf die Beine – darunter ein ARD extra: Antisemitismus in Deutschland gleich nach der Tagesschau. Das Einzige, was kommerzielle Plattformen zum Holocaust-Gedenktag beitragen, läuft im Grunde bei Sky.
Ab Freitag beleuchtet Elon Musk Uncovered das faschistoide Wirken des Hitlergruß-Fanatikers dokumentarisch. Ansonsten gibt es diese Woche eher leichte Unterhaltung. Allen voran natürlich die vierte (und hoffentlich endlich mal letzte) Staffel Bridgerton, an der sich verglichen mit den ersten drei vermutlich nichts Substanzielles ändern wird. Sonntag dann springt MagentaTV auf den Zug in die Baker Street 221b auf.
In Sherlock & Daughter ermittelt der berühmteste Detektiv aller Filmzeiten acht Folgen lang gemeinsam mit einer jungen Frau (Blu Hunt), die sich als seine amerikanische Tochter zu erkennen gibt. Interessant ist nebenbei, dass Holmes diesmal nicht vom Sexsymbol Benedict Cumberbatch, sondern dem sehr gewöhnlichen David Thewlis verkörpert wird. Ein Weltstar spielt dagegen The Danish Woman.
Trine Dyrholm, 1998 durch Thomas Vinterbergs allerersten Dogma-Film Das Fest berühmt geworden, ist ab Freitag auf Arte eine Dänin namens Ditte, die in einer isländischen Wohnsiedlung den Kontrollfreak gibt und ein Geheimnis mit sich herumträgt: Vor ihrem Umzug nach Reykjavík war sie nämlich eine Elitesoldatin mit Geheimdienstqualifikationen und kriegt es nun nicht so richtig hin, ein gewöhnliches Leben unter gewöhnlichen Nachbarn zu führen. Was auf skurrile Art sehr, sehr amüsant ist.
Kolumnen & Kingdoms
Posted: January 19, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
12. – 18. Januar
Wie sehr sich die Macht der Bilder mittlerweile von der Macht der Mächtigen entkoppelt hat, war nirgendwo eindrücklicher zu erleben als beim mutmaßlichen ICE-Mord in Minnessota. Obwohl keine Kameraperspektive etwas anderes als eine Exekution zeigt, behaupten die politisch Verantwortlichen um Donald Trump seit der Tat das Gegenteil behauptet und lassen sich davon auch durch Beweise aller Art nicht abbringen.
Diese Umdeutung sämtlicher Fakten ist der nächste Schritt zur Demontage von Demokratie und Rechtstaat, den noch selbst Pessimisten so konsequent kaum für möglich gehalten hätten. Immerhin scheinen die rechtsextremen Kräfte (vorerst) keinen Zugriff auf Nachrichteninhalte von Warner Bros. Discovery zu kriegen – das aktuelle Angebot der Trump-Jünger Ellison war offenbar so schlecht durchfinanziert, dass Netflix als Käufer wahrscheinlicher wird.
Hierzulande machen mäßig begabte, aber sendungsbewusste, nun ja: Journalist:innen derweil das, was sie auf der rechten Seite immer tun, wenn sich ihre Ertragsmöglichkeiten als unzureichend erweisen: Sie gehen wie Julia Ruhs als Kolumnistin zur Bild. Das war abzusehen. Ganz im Gegensatz zum Wechsel des Tagesthemen-Leiters Helge Fuhst zu Springer. Jener angesehene Medienplayer also, der vor gar nicht allzu langer Zeit als ZDF-Intendant im Gespräch war.
Glück gehabt, wird man da in Mainz vermutlich denken und den Gedanken mit Fuhst teilen, der zwar künftig stechend nach Schwefel stinkt, aber sehr viel mehr Mittel als zuvor in die Reinigung seiner kontaminierten Karriere investieren kann. Geld macht halt nicht satt, sondern hungrig. Und damit zum Wetter: Elli, darauf kann man sich trotz aller Unbill einigen, war ein Low-Performer.
Tagelang befand sich das halbe Land angesichts des Schneesturmtiefs in kollektiver Schockstarre, und dann? Zog es eigentlich nur ziemlich jahreszeitgemäße Witterungsbedingungen nach sich, mit denen süddeutsche Berggemeinden noch immer relativ regelmäßig zurechtkommen müssen. Winter is coming gilt also auch weiterhin eher für Game of Thrones als norddeutsche Tiefebenen. Wobei selbst in Westeros aktuell besseres Wetter herrscht.
Die Frischwoche
19. – 25. Januar
Zum Start des hauseigenen Streamingportals launcht HBO Max heute ein weiteres Prequel. Und in Ira Parkers sechsteiligem A Knight of the Seven Kingdoms herrscht eigentlich ganz gutes Wetter, wenn Ser Duncan (Peter Claffey) versucht, sich mithilfe seines Knappen Egg 90 Jahre vorm Original in der rauen Fantasywelt als Ritter zu etablieren. Nicht nur der Sonnenschein macht den Sechsteiler allerdings zur Ausnahme im GoT-Kosmos; es ist vor allem sein Humor.
Den sucht man in der zweiten großen HBO-Premiere zwar vergeblich. Dennoch ist R. Scott Gemmills Medical-Serie The Pitt mit Noah Wyle („Emergency Room“) als Schichtleiter einer radikal realistischen Notaufnahme in Pittsburgh so unfassbar unterhaltsam, dass man sich zum Start beide Staffeln lang körperlich inmitten des permanenten Ausnahmezustands wähnt – und dabei unglaublich viel über alle Beteiligten erfährt.
Damit stünden die großen Formate knapp hinterm Making of von Stranger Things bei Netflix bereits ganz vorne. Fehlt noch die sehr bunte Thriller-Serie Ponies mit der Got-Ikone Emilia Clarke als Spionin im Moskau der 70er Jahre. Auch Sophie Turner, Hauptfigur des sechsteiligen Heist-Dramas Steal stammt ab Mittwoch bei Prime aus dem Game of Thrones. Im ZDF ist zwischendurch die – vermutlich letzte – Fortsetzung der Ku’damm-Sage ins Jahr ’77 vorgestoßen.
An gleicher Stelle recherchiert The Kollective wahrheitsliebender Journalist:innen ab Freitag in einem weltpolitisch verstrickten Fall am Rande des 3. Weltkriegs. Den Schuldigen des 2. plus Shoah widmet sich Thilo Mischkes dreiteilige Doku German Guilt ab Mittwoch ebenfalls im Zweiten. Und dann wäre da noch die nette Idee, einer Quizshow mit zwei Antwortmöglichkeiten. Schade, dass die Yes or No Games bei Prime laufen, wo das alles nicht nur dank einer gigantischen LED-Installation mal wieder viel zu aufgeblasen wirkt.
Angriffskriege & Panzerspiele
Posted: January 5, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
29. Dezember – 4. Januar
Schon interessant: Praktisch jedes erdenkliche Medium hat sich (und damit uns) an Silvester gefragt, ob das neue Jahr erstmals seit gefühlt 2001 endlich mal besser werden würde als das vorangegangene. Und dann? Überfällt Donald Trump das ölreiche Nachbarland Venezuela, ohne dass ihm irgendwer Paroli böte. Auch die Redaktionen deutscher Qualitätsmedien nicht, wo stets von Konflikt statt Angriffskrieg die Rede war, in dem Präsident Maduro festgenommen oder im Bild-Duktus geschnappt wurde statt gekidnappt.
Für Optimismus, das haut 2026 der Welt schon nach Stunden vors Schienbein, besteht da wenig Anlass. Und das gilt auch für die Branche selbst, wo der Beutezug rechtspopulistischer Medienhäuser ebenso weitergeht wie die Konzentration. Ob Comcast, Skydance, Warner, Paramount, Netflix auf absehbare Zeit noch Konkurrenten oder Teil allmächtiger Mega-Konzerne von Disney bis Meta bleiben, ist schon deshalb offen, da der amerikanische Autoritarismus auch die Kartellbehörden längst auf Linie bringt.
Weil Pessimismus aber ähnlich wie Angst ein verzagender Ratgeber ist, empfehlen wir den Mittelweg namens Possibilismus, also die Orientierung am Möglichen, nicht Optimalen. In diesem Licht erscheint die geplante Fusion von Sky und RTL hierzulande schon als Hoffnungsschimmer des Pragmatischen, um im Kampf gegen US-Konglomerate nicht unterzugehen. Ein Kampf, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk heuer auch unterm Druck anstehender Wahlen führt.
Siege der – wie würde die Tagesschau hier hasenfüßig untertreiben: „in Teilen rechtsextremen“ AfD Sachsen-Anhalts könnte zur höckefreundlichen Umgestaltung des MDR führen, wenn nicht gar zur regionalen Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags. Da ist es wenig hilfreich, was dieser Tage publik wurde: Laut Spiegel wusste die ARD vom Sturm der Entrüstung, den ihre Gefälligkeitsdokumentation Being Jerome Boateng nach sich ziehen könnte. Reaktion wie so oft: abwiegeln, aussitzen, beschwichtigen, leugnen.
Die Frischwoche
5. – 11. Januar
Ein Muster, dem auch ein paar Fiktionen von Dennis Gansel folgen. Wie in seiner Prime-Serie Das Boot befreit nun das nächste Kriegsgerät des Regisseurs die Ahnen seiner Landsleute von ihrer Kollektivschuld. Nach kurzer Kinoauswertung fährt Der Tiger seit Freitag bei Netflix auf Wehrmachtsmission ostwärts. Und so unpolitisch, wie er die fünfköpfige Panzerbesatzung nach eigenem Drehbuch zeigt, ist das überraschende Filmfinale eher zweitrangig. Was nach zwei Stunden Kammerspiel in Publikumsköpfen hängenbleibt: am Ende waren Deutsche halt doch Hitlers erste Opfer.
Wohin diese Form der unterhaltsamen Geschichtsklitterung führen kann, ist nächsten Samstag in der hochinteressanten ARD-Doku Trump & Us über den faschistoiden US-Präsidenten und seine Wirkung auf Europa zu sehen. Eines seiner bevorzugten Machtinstrumente ist übrigens Krypto-Währung. Also jenes demokratie- und klimagefährdende Zahlungsmittel, das Ruja Ignatova erst reich, dann zur weltweit meistgesuchten Frau der Welt gemacht hat.
In der sechsteiligen Real-Crime-Fiction Take the Money and Run zeichnet das ZDF ab heute Aufstieg und Fall dieser deutsch-bulgarischen Jan-Marsalek-Version nach, die Tausende von Anlegern um Milliarden Euro betrogen hat. Und Nilam Farooq verleiht ihr das plakative, aber plausible Gesicht einer Selbstermächtigungsstory, die viel über den Raubierkapitalismus nach der Dotcom-Blase aussagt.
Nur Tage nach dem Serienfinale von Stranger Things gibt es aber eher Fantasieformate zu sehen. Bei MagentaTV läuft die zehnteilige Grisham-Verfilmung The Rainmaker. Netflix zeigt den schwedischen Verschwörungsthriller Land der Sünde in fünf Akten. Auf Arte geht der irische Cold Case Boglands in Serie. Paramount+ sucht ab Donnerstag ein Girl Taken. Parallel wird eine Frau aus Alabama in der Netflix-Serie His & Hers zur Hobby-Detektivin. Ein Job, den Ethan Hawke drei Südstaaten weiter westlich bei Disney+ in The Lowdown mit grandioser Schnodderigkeit erledigt.
Disneys KI & Primes Sophie
Posted: December 22, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
15. – 21. Dezember
Es ist unserer umwerfenden Zeit nicht so leicht zu sagen, welche Medienentwicklung nur disruptiv ist oder schon destruktiv. Dass nach Netflix zuletzt auch Paramount Skydance in den Bieterstreit um Warner eingestiegen ist, lag noch irgendwo in der Mitte. Doch wenn David Ellison mit sagenhaften 108 Milliarden Dollar den gesamten Entertainment-Konzern inklusive CNN erwirbt, wäre das für die Branche, mehr aber noch die Demokratie zwar unfassbar einsturzgefährdend. Momentan deutet sich aber ein Zuschlag für Netflix an.
Anders sieht es bei einer Kooperation der günstigeren, aber wirkmächtigeren Art: Für den vergleichsweise bescheidenen Betrag von einer Milliarde Dollar sichert sich Disney weitere Anteile von OpenAI und vertieft dadurch auch die Nutzung von ChatGPT für eigene Inhalte. So unvollkommen künstliche Intelligenz vorerst noch ist: für die Streaming- und Filmbranche ist der strukturierte Einsatz künstlicher Intelligenz geradezu ein Umsturzversuch mit Ansage.
Den nimmt parallel dazu auch Donald Trump vor, der die BBC wegen eines kleinen Schnittfehlers in seiner Dokumentation über den Sturm aufs Kapitol 2021 auf surreale zehn Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Nicht, dass er juristisch damit auch nur den Hauch eine Chance hätte; der kleptokratischer Nepotismus versetzt ihn allerdings in die Lage, jedes missliebige Medium pleite zu klagen. Und seit er mit dem britischen Sender erstmals die USA dafür verlassen hat, könnte es auch deutsche Verlagshäuser treffen.
Axel Springer allerdings nicht. Denn dort treibt der AfD-affine Trump/Musk/Thiel-Fan Döpfner seine reaktionären Blätter so weit nach rechts, dass mit Robin Alexander einer der letzten seriösen Journalisten die Welt verlässt. Burda Media hingegen schon eher, die der CEO Philipp Welte nach gut 30 Jahren 2026 nicht wie geplant in den Aufsichtsrat, sondern ganz verlässt. Bei seiner Ankündigung gab es Tränen im Kollegium. Ob man die auch dem ESC nachweinen sollte, ist ebenso Ansichts- und Geschmackssache wie das frisch verhängte Social-Media-Verbot in Australien.
Dennoch macht die Boykottwelle gegen den Song Contest natürlich viele traurig. Aus Protest gegen die Teilnahme Israels bleiben ihm mit Spanien, Slowenien, Irland, Island und den Niederlanden schließlich (vorerst) fünf Länder fern. Dass sie die Beteiligung rechtsextremer Diktaturen in spe wie Ungarn oder Serbien von einer Reise nach Wien abgehalten hätte, nicht überliefert.
Die Frischwoche
22. – 28. Dezember
Kommen wir zu etwas konsistenterem: Dem Streaming-Angebot der Woche. Gestern hat sich ja bereits Denis Moschitto in die Riege all jener, ach was: annähernd aller Schauspielerinnen und Schauspieler eingereiht, die im Tatort mitwirken. Bei Sky/Wow ging gestern auch die relativ werkgetreue Serienversion von Milos Formans Amadeus mit dem White-Lotus-Star Will Sharpe in der Titelrolle online, nachdem Prime Video am Mittwoch bereits Fallout fortgesetzt hat und bei Arte die elegische Biopic-Serie Being Karen Blixen startete.
Zum Start der Weihnachtstage dann macht die ARD-Mediathek den real existierenden Öl-Boom in der Lüneburger Heide vor 125 Jahren zu einer Historytainment-Serie. Trotz Starbesetzung mit Harriet Herbig Matten und Jessica Schwarz als Entrechtete im Kampf gegen Tom Wlaschiha und Henny Reents als Privilegierte allerdings überzeugt Schwarzes Gold nur optisch. Inhaltlich sind die sechsmal 45 Minuten ziemlich berechenbar melodramatischer Gefühlsquark.
Ein wenig besser, wenn auch nicht perfekt, macht es die Prime mit dem Prequel zur Silvester-Legende Dinner for One. Ab heute erzählen Tommy Wosch und Dominik, wie Miss Sophie (Alicia von Rittberg) ihr Schloss nach dem 1. Weltkrieg mithilfe einer lukrativen Heirat vorm Gläubiger retten will. Wenn Moritz Bleibtreu, Jacob Matschenz, Frederick Lau und Christoph Schechinger als Mr. Pommeroy, Sir Toby, Mr. Winterbottom und Admiral von Schneider einen Wettstreit um die Adelige veranstalten, ist die Idee allerdings bisweilen witziger als ihre Umsetzung.
Dennoch hat der Sechsteiler mehr heitere als peinliche Momente und bietet mit Kostja Ullmann als Love Interst James Fortsetzungspotenzial. Das dürfte mit Staffel 4 der Ku’damm-Saga im Jahr 1977 ab Samstag schon deshalb endgültig ausgereizt sein, weil sich die Berliner Tanzschul-Sippe echt nicht noch älter schminken lässt. Parallel dazu läuft mit Bis in die Seele ist mir kalt der nächste Heimatkrimi aus Österreich im ZDF – einer Filmreihe, die ungleich besser ist als ihr dämlicher Titel.
Gottschalks Abschied & Schneegespür
Posted: December 8, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
1. – 7. Dezember
Die gute Nachricht einer Woche voller nicht ganz so guter Nachrichten: Thomas Gottschalk ist weg. Mit der letzten RTL-Ausgabe von Denn sie wissen nicht, was passiert hat der peinliche Onkel das Familienfest Samstagabendshow – parallel zur nächsten, als Herz für Kinder, getarnten, ZDF-Dauerwerbesendung für die rechtspopulistische Bild – verlassen. Bleibt nur zu hoffen, dass ihr Posterboy auch abseits der Bühne die Klappe hält und sich dabei von seiner Krebserkrankung erholt. Vielleicht erinnert man sich seiner dann ja doch noch als Entertainer, der das Medium vorm geriatrischen Rechtsruck wirklich bereichert hatte.
Aus Zeiten übrigens, in denen fast niemand den Rundfunkbeitrag kritisierte. Das hat sich allerdings so massiv geändert, dass die KEF dessen Erhöhung wider jede Vernunft niedriger ansetzt als dringend nötig, um den ÖRR als pluralistisches Gegengewicht gegen demokratiefeindliche Medien zu erhalten. Wozu das führen kann, erlebt man – wo sonst – gerade in den USA. Dort hat Donald Trump einen Pranger eingeführt, an den er vermeintlich unseriöse Medien und ihre Journalist:innen stellt – allesamt wenig überraschend solche, die ihn kritisieren.
Die öffentliche Anklagebank steht aber auch hierzulande längst sehr solide, wie ein absurder Vorwurf gegen Sophie von der Tann plus anschließendem Shitstorm zeigt. Weil sich die deutsche ARD-Korrespondentin erdreistet, Netanjahus Krieg im Gazastreifen differenzierter zu sehen, wurde sie vor der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises als Antisemitin beschimpft. Es ist soo ermüdend, in der aktuellen Medienhysterie objektiv zu bleiben…
Da lobt man sich doch die Nüchternheit, mit der Tanns Kollegen vom heute-journal bis Sport1 Gianni Infantinos 87-minütige Propaganda-Parade zu Trumps Ehren begleitet, bevor dann doch noch WM-Gruppen ausgelost wurden. Ebenso lobenswert geriet die TeleVisionale nach ihrem Umzug aus Baden-Baden nach Weimar. Als beste Serie wurde Lamin Leroy Gibbas queer-migrantisches (Selbst)Porträt Schwarze Früchte ausgezeichnet und die Filmtrophäe gewann das Pädophilie-Drama No Dogs Allowed.
Weil der 3sat-Publikumspreis obendrein ans hinreißende Abschiedslied Sterben für Beginner ging, der MDM-Debütpreis an Chabos und der Studierendenpreis an Uncivilized, haben die Jurys vor allem das öffentlich-rechtliche Spektrum deutscher Fiktionen prämiert. Ob sie damit gegen internationale Streamer wie Netflix bestehen, der sich mal eben für 72 Millionen Dollar mal eben Warner einverleibt hat, bleibt dennoch mehr als fraglich.
Die Frischwoche
8. – 14. Dezember
Welche Investitionen der Marktführer mittlerweile tätigen kann, zeigt ja nicht zuletzt Noah Baumbachs Meisterstück mit George Clooney als eigenes Alter Ego Jay Kelly auf Erkenntnistrip nach Italien. Ohne Übertreibung dürfte der Vorspann dieses großartigen Melodrams mit dem überraschend fantastischen Adam Sandler mehr kosten als die gesamte Fortsetzung der ARD-Serie Asbest, während fünf Minuten des siebenteiligen Netflix-Westerns The Abandons teurer sind als komplette Komödien wie Bjarne Mädels Prange im Ersten.
Und das will schon deshalb was heißen, weil die starbesetzte Story um ein paar widerständige Frauen in den USA der 1850er Jahre von Kritik und Publikum förmlich zerfetzt werden. Das immerhin droht der zweiten Kino-Kurzauswertung bei Netflix ab heute nicht. Wake Up Dead Man, Daniel Craigs dritter Einsatz als moderner Hercule-Poirot-Verschnitt Benoit Blanc Detektiv, ist ein grandioses Krimi-Kammerspiel, dem man die Multi-Millionen-Investition schon in der Ausstattung ansieht. Deutlich günstiger dürfte die deutsch-dänische Drama-Serie Smillas Gespür für Schnee sein, der Magenta das altbackene Fräulein abgenommen und durch eine Überdosis mystischer Melodramatik ersetzt hat.
Deutlich weltlicher gerät hingegen das sechsteilige Frauenfreundschaftsporträt Little Disasters mit Diana Krueger, ab Donnerstag bei Paramount+. Ebenfalls mit vier Frauen in zentraler Rolle brilliert das ZDF-Spektakel Danke für nichts, ab Freitag in der ZDF-Mediathek, wo parallel auch die finnische Gangsterinnen-Serie Queen of Fucking Everything startet. Und zeitgleich ebenso weiblich dominiert: Die ARD-Serie Mozart/Mozart mit Havanna Joy als Wolferls Schwester ohne Anspruch auf historische Authentizität, aber wirklich äußerst unterhaltsam.
Weimers Einfluss & Riefenstahls Erbe
Posted: November 24, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
17. – 23. November
Nein, Wolfram Weimer wird in diesem Staatssekretärsleben sicher kein Freund linksliberaler, interessanterweise aber auch nicht rechtsradikaler Medien mehr werden. Nachdem das AfD-Fanzine Apollo News skandalisiert hatte, der wirtschaftspolitische Gipfel seiner eigenen Media Group verspreche Teilnehmenden „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“, ging das Thema durch abseits aller Schützengräben durch die Presse – und hat dazu geführt, dass Weimer die 50 Prozent an seiner eigenen NGO verkauft hat.
Fast drängt sich der Verdacht auf, konstruktive Kritik könne konservatives Verhalten nachhaltig beeinflussen. Kaum jedenfalls, dass Andres Veiels Kino-Porträt Riefenstahl in der Fernsehzeitschrift unter ARD aufgetaucht ist, erkennt der filmwirtschaftliche Dachverband SPIO Goebbels-Günstlingen wie Leni Riefenstahl oder Heinz Rühmann die Ehrenmitgliedschaft ab. Und kaum, dass ein Rechercheteam aus SZ, WDR, NDR den Liedermacher Konstantin Wecker als (mutmaßlich) Pädokriminellen entlarvt, entbrennt eine Debatte über toxische Männlichkeit in der Musikbranche.
Im Mackerbusiness Profisport hat Paramount+ dank der unerschöpflichen Mittel des Oracle-Gründers Larry Ellison den Testosteron-Kanal DAZN ausgestochen und überträgt die Champions League ab Sommer 2027 gemeinsam mit Prime Video, während Sky und RTL überhaupt keine europäischen Spiele mehr zeigen – also ausgerechnet jene zwei Sender, die sich gerade vereinigen. Bisschen zynischer Übergang vielleicht, aber Alice und Ellen Kessler – der halben Welt als Kessler-Zwillinge bekannt, sind nach 81 Jahren gemeinsam aus dem Leben geschieden.
Ihr geplanter Suizid hat eine hochinteressante Diskussion übers Recht auf den eigenen Todeszeitpunkt ausgelöst, die dadurch neue Dynamik entwickeln könnte. Bei der Gelegenheit, etwas untypisch, noch ein weiterer Nachruf: freitagsmedien trauert um Udo Kier – einen der bemerkenswertesten Schauspieler überhaupt. Gestern ist er mit 81 gestorben, nachdem seine blauen Augen mehr als 200 Filme selbst in kleinster Nebenrolle geprägt haben.
Die Frischwoche
24. – 30. November
Und damit zurück zu Leni Riefenstahl, die 2003 im biblischen Alter von 100 Jahren gestorben war. Warum man Hitlers Lieblingsregisseurin damals wie heute echt keine Träne nachweinen sollte, zeigt Andres Veiel in der ARD-Mediathek. Riefenstahl, produziert von Sandra Maischberger, ist die brillant montierte, kunstvoll entlarvende Dekonstruktion der Legende einer NS-Karriere ohne Schwefelgeruch. Und sie sagt dabei auch noch einiges über die Schuldverdrängung des deutschen Tätervolks.
Tags drauf stellt sich Riefenstahls Gesinnungsgenosse Jan Fleischhauer ins Rampenlicht der ZDF-Mediathek. Keine Talkshow heißt eine Talkshow, in der er sich das neurechte Sturmgeschütz mit Andersdenkenden einsperren lässt. Zum Auftakt: Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray. Und das ist mutig. Vom ZDF. Von Fleischhauer. Von Şahin. Ob der Start in dieser Konstellation mit dem Orange Day gegen geschlechtsspezifische Gewalt zu tun hat, den das Zweite parallel mit einer breiten Programmpalette begleitet, bleibt aber Spekulation.
Zwei Tage später jedenfalls geht das nächste Empowerment-Format in der ZDF-Mediathek online: House of Bellevue. Die Serie taucht sechs Teile lang fiktional in Berlins queere Partyszene ein und verschafft ihr damit nicht nur dringend nötige Sichtbarkeit. Ähnlich wie in seiner grandiosen Milieustudie Schwarze Früchte schafft es Co-Autor Leroy Lamin Gibba erneut, Abweichungen vom heteronormativem Mainstream in ihrer vollumfänglichen Alltäglichkeit zu zeigen.
Alltag anders ist auch das Thema des fabelhaften Episodenfilms I Am The Greatest, in dem Nicolai Zeitler und Marlene Bischof zeitgleich bei Arte sieben sehr gewöhnliche Menschen im Fleischwolf der Gegenwart skizzieren. Zur Vervollständigung noch zwei sehenswerte Dokumentationen: am Donnerstag porträtiert die ARD-Mediathek in ihrer Being-Reihe fünf Teile lang Katharina Witt und tags zuvor über 90 Minuten hinweg den Telegram-Gründer Pawel Durow.
Zwei polarisierende Figuren der Zeitgeschichte, die demselben System entstammen, aber sehr unterschiedlich daraus hervorgegangen sind. War noch was? Ach ja – Stranger Things geht Donnerstag ins Serienfinale – wenngleich, wie bei Großprojekten mittlerweile üblich, über drei Staffel gestreckt.
Plattformrechtsdrall & Toxic Tom
Posted: November 17, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
10. – 16. November
Der Begriff „Medium“, Altgriechisch für „das Mittlere“ wird seit langem schon für kommunikative Öffentlichkeit verwendet. Zu ihr gehören also – auch wenn es manch einem Presseverlag und Fernsehsender missfällt – Plattformen wie TikTok oder Spotify ebenso wie seit neuestem ChatGPT. Drei digitale Medien einer hochtourigen Öffentlichkeitskommunikation, die gerade mehr Aufmerksamkeit generieren, als ihren Logarithmen lieb ist.
TikTok zum Beispiel bietet auf seinem Marktplatz reichlich rechtsradikales Merchandising an, wie ein Rechercheteam der Süddeutschen Zeitung in einem Selbstversuch belegen konnte. Das Portal reagiert nicht auf Nachfragen. Spotify Niederlande wird mit rechtsextremer Musik geflutet, wie der Deutschlandfunk berichtet. Der Audio-Streamingdienst reagiert nicht auf Nachfragen. ChatGPT verletzt massenhaft Urheberrechte, wie das Münchner Landgericht urteilte. Der Chatbot geht dagegen, klar, in Berufung.
Ob die Ankündigung von Google, Milliarden in Deutschland – vor allem Berlin und München – zu investieren, eine bessere Nachricht ist, bleibt angesichts der demokratiezersetzenden Stoßrichtung von Mark Zuckerbergs Megakonzern Meta im Rücken noch zu klären. Definitiv besser ist dagegen die aus Entenhausen. Unterm Titel E-313 leitet Nr. 604 des Lustigen Taschenbuchs demnächst die Mobilitätswende ein und beginnt mit dem umgerüsteten Oldtimer von Donald Duck.
Parallel geht die Debatte um Deutungshoheit und Interpretationsspielräume der Netflix-Doku über Haftbefehl weiter. Einige fordern, sie als Schulstoff einzuführen. Andere plädieren angesichts der Selbstentblößung eines glorifizierten Drogenwracks für Warnhinweise aller Art. Und dann wäre da noch die neue Sky-Kooperation mit Sony. Sie ersetzt künftig die regelhafte Ausstrahlung aller HBO-Formate bei Wow. Wo die demnächst laufen, muss also noch geklärt werden.
Die Frischwoche
17. – 23. November
Bei startet morgen derweil die norwegische Dramaserie Toxic Tom. Wie der Titel andeutet, handelt sie von einem Incel, der in seiner Man-Cave jede freie Minute damit verbringt, Hass auf Frauen zu verbreiten. Darunter die populäre Fernsehmoderatorin. Und da, wie sagt man so schön: legt er sich mit der Falschen an. Klingt erstmal nicht ungewöhnlich. Aber was ab der zweiten von vier Episoden folgt, ist mit das Originellste, was eine Fiktion zu diesem Thema vielleicht jemals ersonnen hat.
Ebenfalls ungewöhnlich ist der israelische Achtteiler Fireflies. Ab Freitag explodieren darin bei Paramount+ rings um ein Wüstenstädtchen plötzlich Menschen. Verantwortlich dafür scheinen zwar die weiten Minenfelder des konfliktverseuchten Landes zu sein, an denen zwei Schulfreundinnen im Polizei- und Räumdienst arbeiten. Je länger die Serie dauert, desto mysteriöser werden allerdings mögliche Ursachen. Von denen endlich mal die wenigsten politischer Herkunft sind.
Ebenfalls unergründlich ist es, warum dem Abteilungsleiter eines Immobilienkonzerns bei der Präsentation einer Shoppingmall der Stuhl unterm Hintern zusammenbricht. In seiner eigenen Sky-Serie The Chair Company gerät Hauptdarsteller Tim Robinson daraufhin ins Hamsterrad irrer Verschwörungstheorien. Und wie der Comedian das ab Donnerstag spielt, ist mitunter zwar leicht overacted, aber auf sehr unterhaltsame Art entlarvend.
Das wird hoffentlich zeitgleich auch die dreiteilige ARD-Mediatheken-Doku Being Jérôme Boateng, in der das Erste versucht, dem frauenverachtenden Fußballprofi näherzukommen. Und noch ein ARD-Format, diesmal live: Tödliches Spiel, ein Krimi-Dinner mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl als Gastgeber eines maximal prominent besetzten Esstischs, am dem es sicher drollig zugeht.
Musks Billionen & RTLs Nibelungen
Posted: November 10, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
3. – 9. November
Eine Billion. Man muss die Zahl ausziffern, um sie greifbar zu machen: 1.000.000.000.000 – zwölf Nullen also. Tesla will Elon Musk also das aktuelle Bruttoinlandsprodukt Saudi-Arabiens in Aktien auszahlen, falls der Konzern die entsprechenden Gewinne erwirtschaftet. Bis 2035 könnte sich die Summe sogar auf 2,5 Billionen Dollar steigern, was wiederum Indiens BIP entspricht.
Währenddessen dürfte Musks Online-Enzyklopädie Grokipedia, die nicht von einer Schwarm-, sondern künstlichen Intelligenz mit Informationen gefüttert wird, mit den Milliarden ihres Erfinders bald den globalen Wissenstransfer beeinflussen. Schon jetzt sortiert der KI-Chatbot Grok seine Informationen ideologisch so vor, dass rechte Inhalte überwiegen – zumindest, sofern sie wie so oft nicht stumpf vom Vorbild Wikipedia abgepaust wurden.
Dieser algorithmische Copy-and-Paste-Kapitalismus verachtet jede Form des Urheberrechts mit einer Kaltschnäuzigkeit, die Milliardäre zu Billionären macht und Politiker zu Königen. Wer daran zweifelt, muss sich nur mal Karoline Leavitts digital bestens dokumentierte Schimpftiraden ansehen, in denen die Sprecherin des US-Präsidenten Lüge an Lüge an Lüge reiht und Journalist*innen, die das in Frage stellen, zu Feinden des Volkes erklärt. Wohlgemerkt: Auf Pressekonferenzen.
Und jetzt bekam sie auch noch neue Nahrung von belogener Seite. Weil die BBC einen Beitrag über den Kapitol-Sturm am 6. Januar 2021 mindestens missverständlich geschnitten hatte, sind Generaldirektor Tim Davie und Nachrichtenchefin Deborah Turness zurückgetreten. Der Manipulationsgrad lag zwar im Promille-Bereich gewöhnlicher Trump-Lügen. Er war aber gravierend genug, um Feuer ins Öl rechtspopulistischer Angriffe auf den Pluralismus zu gießen. Und was macht das lineare Fernsehen sonst so?
Es kriegt künftig Konkurrenz von Netflix, das durch die Übernahme von Warner Bros Discovery ins klassische Filmgeschäft einsteigen will. Ähnlich wie stationäre Amazon-Shops ist das ein rückwärtsgewandter Bruch eigener Geschäftsmodelle, die es traditionellen Playern am Markt noch schwerer als ohnehin machen. Nicht zu verwechseln übrigens mit der ersten Papier-Ausgabe des Satire-Portals Postillion, das einfach nur ein drolliger Gimmick ist.
Die Frischwoche
10. – 16. November
Gewohnt saftig ist die 2. Staffel von Maxton Hall bei Prime Video, worüber wir hier ansonsten lieber schweigen. Schon, um mehr Gewicht auf Die Nibelungen bei RTL+ zu legen. Der Sechsteiler mit Jannis Niewöhner als moralisch verkommener Siegfried überrascht nicht nur durch sein exzellentes Setdesign, sondern eine angenehm unpopulistische Entschlackung germanischer Mythen.
Ebenfalls überraschend: The other gAIrl, ein sechsteiliges Komödienstadl um Tom Beck als KI-Programmierer, der sich in einen Chatbot verliebt. Weil seine Frau von Becks echter Gattin Chryssanthi Kavazi verkörpert wird, spielen sie ihre Eheprobleme in der ZDF-Mediathek verblüffend authentisch. Geradezu brillant ist derweil die Apple-Serie Pluribus von Vince Gilligan, der Reah Seehorn darin neuen Folgen lang gegen ein Glücksvirus ankämpfen lässt, das die restliche Weltbevölkerung zu einer woken Achtsamkeitsmasse macht.
Auf andere Art absolut überzeugend ist die Arte-Serie Ana & Oscar über ein spanisches Paar, dessen Hop-on-hop-off-Beziehung zehn Jahre jeweils an Silvester betrachtet wird. Weil obendrein die ARD-Historisierungen Sturm kommt auf (ARD) und Nürnberg 45 fabelhaft vom Anfang und Ende des Nationalsozialismus erzählen, hat es die aktuelle Woche schwer mit Empfehlungen.
Ein Selbstläufer ist ab Mittwoch bei Paramount+ das Finale von Yellowstone. Immerhin bemerkenswert gerät die Psychothriller-Serie The Beast in Me mit Homeland-Star Claire Danes ab Donnerstag bei Netflix. Ob das dortige Biopic Mrs Playmen über ein reales Erotik-Magazin der Siebzigerjahre ab Mittwoch was taugt, durfte man vorab nicht selber prüfen. Der ARD-Sechsteiler Stabil dockt Freitag ein bisschen zu aufdringlich am Boom verhaltensauffälliger Jugend-Medicals à la Euphoria an. Dafür erklärt uns das Erste die Ereignisse vom 13. November 2015 gerade in der klugen Doku Terror.Fußball.Paris.
Podcast Hateland: Reichsbürger & Tag X
Posted: November 4, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentWahnvorstellungen im Bundestagskeller
Der neue ARD-Podcast Hateland berichtet in seiner ersten Staffel über die Reichsbürgerbewegung zwischen Verschwörungsidiotie und Umsturzfantasie. Eine dringende Hörempfehlung.
Von Jan Freitag
Verschwörungstheorien, die ja in der Regel eher Verschwörungsidiotien sind, haben oft etwas angenehm Schrulliges, tendenziell Harmloses an sich. Wer ernstlich glaubt, die Eliten der Politik, Wirtschaft, Kultur würden das Volk mit Chemtrails oder Microchips manipulieren und währenddessen hormonell optimiert vom Adrenochrome entführter Kinder den „großen Austausch“ durch außerirdische Echsen oder andere Ausländer vorbereiten – wer solchen Irrsinn für voll nimmt, verdient also mitleidiges Lächeln statt erhöhter Aufmerksamkeit.
Normalerweise. Denn wenn sich der neue ARD-Podcast Hateland bereits nach 45 Sekunden dem absoluten Ausnahmefall nähert, klingt er frühzeitig alles andere als lustig. Anmoderiert vom Talkshow-Promi Louis Klamroth, begibt sich der investigative WDR-Reporter Martin Kaul auf die Spuren einer besonders ideologischen Verschwörungstheorie. Vor rund 15 Jahren aus dem Kellerloch des kalten Krieges ans Licht der wiedervereinigten Aufmerksamkeitsökonomie gekrochen, lehnen Reichsbürger die Bundesrepublik Deutschland inklusive all ihrer Institutionen, Vertreter und Gesetze kategorisch ab.
Das klingt, wirkt, ist alles auf seltsam senile Art realsatirisch. Aber ist es auch eine Bedrohung für Demokratie und Gesellschaft? Offenbar schon – das zeigt eine Schießerei, die der Nachbar eines gewissen Markus Leykam bei dessen Festnahme Anfang 2023 mit seinem Handy aufgenommen hat und nun Martin Kaul vorspielt. Mit einem Schnellfeuergewehr verletzte der reichsbürgerliche Revolutionär mehrere Polizisten. Und wie die Schüsse zu Beginn von Hateland durchs Treppenhaus am Rande Reutlingens hallen, wird klar: Diese Verschwörungsideologie ist weder lustig noch harmlos, sondern lebensgefährlich. Wie sehr, zeigen die sechs Folgen à 33 bis 47 Minuten danach.
Unterm Staffel-Titel „Deep State: Vom Elite-Soldaten zum Reichsbürger“ porträtieren sie vordergründig den früheren KSK-Offizier Rüdiger von Pescatore. Dessen Patriotische Union um den Operetten-Diktator Heinrich XIII. Prinz Reuß wurde sie 2022 von 3000 Polizeibeamten an 130 Einsatzorten ausgehoben. Vorwurf: Vorbereitung eines bewaffneten Umsturzes. Es war die größte Razzia gegen politische Extremisten seit RAF-Zeiten – und doch nur ein kleiner Stein im Mosaik rechter Bewegungen, die der westlichen Demokratie seit 20 Jahren den Garaus machen. Dass ihm die ARD einen Podcast widmet, der die Rechercheure von Baden-Württemberg über Berlin bis nach Brasilien führt, ist trotzdem überaus berechtigt.
Die Reichsbürgerbewegung mag schließlich ein weit verstreuter Haufen wirrer Revisionisten sein, die von 336 Bataillonen schwer bewaffneter Revolutionäre am „Tag X“ faseln, aber nicht mal genügend Munition für ordentliche Schießübungen gesammelt haben. Doch je tiefer Martin Kaul mit seinem Hund Holly im VW-Bulli ihre Strukturen freilegt, je mehr Wegbegleiter, Zeitzeugen, Ermittelnde und Sympathisanten der Journalist trifft, je mehr Informationen über Genese, Zustand, Ziele der Reichsbürgerbewegung zutage treten – desto massiver zeigt sich das „Luftschloss“, wie die Bundesanwaltschaft Prinz Reuß‘ Terrorzelle inoffiziell nennt.
Damit reiht sich Hateland ebenso erhellend wie kurzweilig, vom Tonfall her mitunter sogar fast amüsant in eine Vielzahl baugleicher Formate ein, die sich dem hochbeschleunigten Rechtsruck westlicher Demokratien widmen. Wie Khesrau Behroz im vielfach preisgekrönten Podcast Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen, konzentriert sich Martin Kaul dabei zwar auf eine Figur. Der unehrenhaft entlassene KSK-Offizier Rüdiger von Pescatore ist aber nur das militärische Schlachtross einer Umsturzbewegung, deren politischer Arm AfD parallel Zivilgesellschaft und Parlamente perforiert.
Mit der geballten Kraft des öffentlich-rechtlichen Informationsapparates im Rücken, erzählt „Deep State: Vom Elite-Soldaten zum Reichsbürger“ demnach fast vier Stunden lang unterhaltsame Verschwörungsgeschichten voller Dummheitsstolz und Wahnvorstellung, Astrologie und Außerirdischen, Zustimmung der Bevölkerung und Fantasiepanzern vor Berlin, also „ein bisschen Scheinwelt und ein bisschen Schießtraining“, wie es der Ich-Erzähler Kaul mal ausdrückt. Zum Lachen ist sein herausragender Podcast trotz aller Leichtigkeit jedoch selten. Wenn er die Frage, „wo hört Spinnerei auf, wo fängt Terrorvorbereitung an?“ damit beantwortet, wie leicht militante Reichsbürger in Bundeswehrkasernen oder Bundestagskeller vordringen, um ihre Revolution vorzubereiten, ist nämlich allerhöchste Wachsamkeit geboten. Das nächste Hateland wird zeigen, ob daraus langsam mal Alarmbereitschaft werden sollte.
Hateland · Neue Folgen – Jetzt Podcast anhören!