Schusswaffeneinsätze & Entscheidungsstunden

Die Gebrauchtwoche

26. August – 1. September

In einer Zeit, da der völkische Nationalismus mit Paranoia, Lügen und Herrenrassefantasien mehrheitsfähig geworden ist, muss man sich diese zwei Zahlen kurz mal auf der Netzhaut zergehen lassen: 2018 haben deutsche Polizisten, Kommissare aller Kriminalkommissariate eingeschlossen, offiziell 49 Warnschüsse abgegeben, weitere 56 Mal auf Personen gefeuert und dabei elf getötet. Rechnerisch ist das wenig mehr als ein Schusswaffeneinsatz pro Woche – was je nach Perspektive viel oder wenig sein mag. Ein Witz hingegen ist es, wie oft verglichen damit am hiesigen Bildschirm amtlich mit Verletzungs-, wenn nicht gar Tötungsabsicht abgedrückt wird

Dazu gibt es zwar keine Erhebung, aber wer das Fernseh- und Streamingangebot bloß oberflächlich nach Uniform-Formaten durchforstet, stößt pro Woche allein am Standort Deutschland auf mindestens 30 Serien und Filme, in denen Waffengewalt naturgemäß eine Rolle spielen kann. Das ist grundsätzlich legitim; Unterhaltung muss sich nicht spiegelbildlich an der Realität messen. Dennoch verstört das Missverhältnis schon deshalb, weil es dem Publikum suggeriert, in diesem Land regiere das Verbrechen, nicht die Demokratie. Bei CSU und AfD jedenfalls dürfte man den Exzess am Flatscreen genüsslich zur Kenntnis nehmen.

Den frisch gekrönten Herrschern am Medienhimmel hingegen sind die Befindlichkeiten einzelner Ausstrahlungsorte herzlich egal – allein schon, weil ihnen sogar die Regeln der eigenen Branche weniger bedeuten als ein neuer Vertragsabschluss. Netflix zum Beispiel lässt vor der Oscar-Verleihung im Frühjahr fix zehn hochgehandelte Eigenproduktionen jene sieben Tage in einer Handvoll Kinos laufen, um sie trotz offensichtlicher TV-Zugehörigkeit ins Rennen um die begehrte Trophäe schicken zu können. Klagen darüber sind aber schon deshalb fehl am Platze, weil Filme wie Martin Scorceses The Irishman oder Steven Soderberghs The Laundromat angenehm unspektakulär aus dem Superheldeneinerlei des Blockbusterkinos hervorstechen.

Die Frischwoche

2. – 8. September

Wie Netflix überhaupt mit Seh- und Verabreichungsgewohnheiten aufräumt, als sei die lineare Vergangenheit bereits beendet. Am Freitag zum Beispiel startet dort ein Biopic namens The Spy über die Mossad-Legende Eli Cohen. Damit schafft der israelische Homeland-Schöpfer Gideon Raff zweierlei: die notorische Ulknudel Sasha Baron (nicht verwandt mit Eli) Cohen als ernste Serienfigur zu etablieren, deren reale Räuberpistole als Sechzigerjahre-Agent in Syrien fast zu unglaublich ist, um wahr zu sein.

Hierzulande dagegen sonnt sich das Fernsehen weiter historisch im Erbe des Bauhauses. Nach der saftigen Architektur-Romanze Lotte am Bauhaus vom Frühjahr, die der MDR am Donnerstag um 23.35 Uhr wiederholt, macht es Arte gute drei Stunden früher allerdings um Längen besser. In Die neue Zeit schildert Regisseur Lars Kraume die Frühphase der libertären Kunstschule im Würgegriff reaktionärer Kräfte mit so zurückhaltender Strenge, dass die Selbstbefreiung der bürgerlichen Revoluzzerin Dörte Helm (Anna Maria Mühe) spielend über sechs Teile trägt.

Immerhin 90 Minuten lang funktioniert tags zuvor Heike Reichenwallner als Angela Merkel im ZDF-Dokudrama mit dem denkbar dusseligen Titel Stunden der Entscheidung zum Flüchtlingssommer 2015. Zeitgeschichtlich ebenso aktuell, wenngleich auf begrenzterem Terrain bedeutsam ist die vielbeachtete Dokumentation Surviving R. Kelly, mit dem der Nischenkanal Crime & Investigation heute einen Skandal um den übergriffigen Rapper aufklärt, Zeitgleich zur gefühlt 369. Höhle des Löwen auf Vox kümmert sich Arte am Dienstag zur Primetime mit den Dokus Ein seltsamer Krieg und Eine blonde Provinz um den 80. Jahrestag vom Überfall auf Polen, was 3sat (20.15 Uhr) mit Bernhard Wickis Die Brücke von 1959 begleitet.

Bevor es zu den Wiederholungen der Woche geht, noch fix zwei Komödientipps: Heute Abend zeigt die ARD Maren Ades bittersüße Kapitalismuskritik Toni Erdmann, morgen startet auf Sky das siebenteilige Coming-Out Sally4ever, wo eine Britin ihrer heterosexuellen Ehe in eine homosexuelle Affäre mit Folgen entflieht. Total humorlos war Klaus Kinskis Hassliebe mit Werner Herzog, die 1972 mit dem Conquistador Aguirre auf der Jagd nach dem Gold von El Dorado einen Höhepunkt fand (Montag, 20.15 Uhr, Arte. Dagegen war Stephen Spielbergs wohl berühmtester Film ET (Samstag, 20.15 Uhr, RTL2) 1982 mit leichterer Hand gestrickt – vom sieben Jahre älteren Tatort: Katjas Schweigen mit der blutjungen Katja Riemann an der Seite von Horst Schimanski (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) ganz zu schweigen.

Advertisements

Papierschelte & Flaschendrehen

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. August

Rezo, schon wieder. Man könnte meinen, sobald der YouTuber mit dem blauen Haar das Internet anwirft, um über seine kleine große Welt der Zoten hinaus Gesellschaftskritik zu simulieren, spreche die Kanzlerin zur Nation. Nun hat er sich die Printmedien vorgeknöpft – was nicht nur denen so auf die Nerven ging, dass sich der DJV zu einer beißenden Retourkutsche (nebst anschließender Entschuldigung) hinreißen ließ. Dabei hat Rezo weniger gegen die Printmedien als den Boulevard gepestet. Mit Fokus aufs Papier, das ja echt nicht der Weisheit letzter Publikationsschluss ist. Und einen Seitenhieb aufs lineare Fernsehen, dessen Programm Printfans im Video angeblich aus Bild und BZ erfahren, um abends Sachen wie SOKO zu sehen, konnte er sich ebenso wenig verkneifen.

Doch wer weiß: vielleicht hat das ZDF Rezos Film ja zum Anlass genommen, die Münchner Ausgabe nach 41 Jahren endlich zu beenden. Was mal ein guter Anlass wäre, weiter auszumisten. Etwa den Teflon-Moderator Guido Cantz, der das Unterhaltungsfossil Verstehen Sie Spaß? so degeneriert, dass sich darüber sogar die Stammzuschauer (vermutlich in Printmedien) beschwert haben. Ähnlicher Streichkandidat: der Fernsehgarten – und zwar explizit nicht, weil ihn die Ulknudel Luke Mockridge für ein Rentner-Bashing der billigen Art missbraucht hat und von Andrea Kiewel – es heißt: lange geplant – der Bühne verwiesen wurde. Kleiner Sturm im Gebissreinigerglas. Einen in der Bierdose hingegen wünscht man dem zeitgenössisch enthemmten Trash-TV, das zusehends von der 15-Minuten-Berühmtheit formbarer Wohlstandsverlierer zur Hebebühne reaktionärer Machos degeneriert, die Frauen unbehelligt belästigen, betatschen, wie Dreck behandeln.

Zum Beispiel in Paradise Hotel oder Sommerhaus der Stars, wo RTL nicht mal das Korrektiv bissiger Off-Kommentare einsetzt, wenn Jungs das Testosteron aus Augen, Mund und Nase läuft. Apropos Männermacht: wo sich zwei milliardenschwere Global Player, deren Geschäftspolitik die brutale Verdrängung kleiner Konkurrenten beinhaltet, handelseinig werden, sind wir entweder im mächtigen Medienkonzern Viacom, der sich mit dem noch mächtigeren CBS zusammentut, oder bei Amazon, das dem Bundesligisten Dortmund eine vierteilige Dauerwerbesendung namens Inside Borussia schenkt.

Die Frischwoche

26. August – 1. September

Mit (etwas) weniger Product Placement kommen da Sky und Netflix aus, die mit der Scheidungskomödie Divorce und dem Suizid-Drama Tote Mädchen lügen nicht in die dritte Staffel gegangen sind, während ZDFneo ab Donnerstag (23 Uhr) endlich die grandiose TNT-Serie 4 Blocks ins Free-TV holt, wo Pro7 dienstags um 22.30 Uhr Christian Ulmens maxdome-Juwel jerks zeigen darf. Auf Starzplay startet drei Tage später Baptiste, wo die gleichnamige Nebenfigur der britischen Polizeiserie The Missing in den Vordergrund rückt, während Netflix zeitgleich ein Serienprequel des Fantasy-Klassikers Der dunkle Kristall wie damals mit echten Puppen reanimiert. Aus der Zeit des Originals stammt auch die Ästhetik der schwedischen Cop-Saga Hassel, die allerdings nur durch den gelungenen Soundtrack überzeugt.

Um zu verdeutlichen, wie die alte Konkurrenz derweil um Lufthoheit im Vakuum der Zuschauerköpfe kämpft, hier ein – zugegeben explizites – Beispiel: Am Freitag veranstaltet Sat1 Das große Promi Flaschendrehen mit Oliver Pocher, Sonya Kraus und der Gewissheit, dass all dies analog zu Fernsehgarten, Guido Cantz und Amazon abgewickelt gehört. Besseres Fernsehen verspricht da mal wieder die Nische. Wie Arte, wo die glaubhafte Charlotte Roche erst ab Mittwoch (21.40 Uhr) Love Rituals verschiedener Nationen erkundet – also nicht bloß, aber auch die Sexualität von Ländern wie Japan, Israel, USA. Am Sonnabend dann macht der Ki.Ka mit dem Filmexperiment Der Krieg und ich die größte aller Völkerschlachten auch für Kinder verständlich. Und tags zuvor kriegt Michael Kessler zur besten RBB-Sendezeit die nächste Gelegenheit, abseits vom Rampenlicht für etwas öffentlich-rechtlichen Glanz zu sorgen. In Showtime, Herr Kessler macht er diesmal ganz Berlin zur Bühne. Den Ort also, an dem sich 30 Jahre zuvor die DDR Richtung Untergang feierte – was die ARD-Komödie Vorwärts immer! heute um 20.15 Uhr mit Jörg Schüttauf als Erich Honecker persifliert.

Dicht gefolgt wird das an gleicher Stelle von der verstörenden Doku Chemnitz – Ein Jahr danach an einem Ort, wo der real existierende Sozialismus mittelbar in den real existierenden Neonazismus geführt hat. Bleibt vor den Wiederholungen der Woche noch die bemerkenswerte Verfilmung von Martin Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) mit Moritz Bleibtreu als Anwalt auf einem ganz miesen Drogentrip. Rund 90 älter ist eine Sauftour durchs Berlin der roaring twenties, die ein Gurkenfabrikant aus der Provinz 1927 Eine tolle Nacht lang erkundet (Montag, 0.00 Uhr, Arte). Farbig schön: Der Himmel soll warten von 1978 (Dienstag, 22.10 Uhr, Servus) mit Warren Beatty als Footballstar, der als Engel eine zweite Chance kriegt. Und der Tatort-Tipp Medizinmänner ist mit Schimmi, diesmal (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) in einem Pharmaskandal von 1990.


Hedgefonds & Pokalspiele

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. August

Der Irrsinn des Medienalbtraums unserer Tage geht weiter und weiter und weiter. In der Türkei wird das regierungskritische Web-Portal Bianet verboten, weil es laut zuständiger Staatsanwaltschaft „irrtümlich“ auf einer Liste 136 missliebiger Online-Adressen gelandet sei. Kann ja mal passieren… Parallel dazu erntet Dunja Hayali diesmal schon vor ihrer Talkshow mit der Seenotretterin Carola Rackete einen Shitstorm von rechts bis richtig weit rechts. Kann man nichts machen. Derweil kauft Netflix die GoT-Schöpfer Dan Weiss und David Benioff für 200 Millionen Dollar aus ihrem HBO-Vertrag raus. Können die sich halt leisten.

So wie die italienische Mediaset, deren Vorstandsvorsitzender Pier Silvio Berlusconi wie einst sein Vater die gierigen Hände nach der ProSiebenSat1 Media SE ausstreckt, um sich den deutschen Multichannel-Medienkonzern schnellstmöglich einzuverleiben. Und natürlich so wie der amerikanische Hedgefonds KKR. Mit seinen schier unerschöpflichen Festgeldbeständen hat das, was nicht ganz zu Unrecht noch immer „Heuschrecke“ genannt wird, quasi im Vorübergehen ein Drittel der Umlaufaktien der Axel Springer AG eingesammelt. Deren allmächtiger CEO Mathias Döpfner dürfte den amerikanischen Finanzjongleur dafür jedoch weniger Heuschrecke, Seenotretter nennen.

Während Döpfners rot-blaue Massenblätter wahrhaftige Seenotretter wie Carola Rackete schließlich tagtäglich im Chor mit ihrer populistisch gepolten Kernleserschaft sinnbildlich auf den Meeresgrund wünschen, dient Döpfner die zahlungskräftige KKR als Anker im Sturm schlingernder Presseprodukte wie Bild und Welt. Dass sich Springer mit den frischen Mitteln zunächst mal ein Autoportal einverleiben will, zeigt allerdings, wie wenig der Deal mit Medien, Qualität, Pressefreiheit zu tun hat und wie viel mit Masse, Profit, Pressevernichtung. Springers Nachrichtenkanal Welt, den ProSiebenSat1 noch unterm Namen N24 mangels Erlös verscherbeln musste, als KKR dort das Kommando übernommen hatte, dürfte demnach nun abermals rasch auf der Streichliste landen.

Die Frischwoche

12. – 18. August

Was indes nie geschehen wird, ist die Streichung des Multimillionenkonzerns FC Bayern von der öffentlich-rechtlichen Liste umfassend zu fördernder Freunde und Partner. Deshalb überträgt das ZDF heute Abend natürlich – fünf Tage vorm live gezeigten Bundesligaauftakt gegen Hertha BSC – das sportlich belanglose, aber finanziell zugkräftige DFB-Pokalspiel in Cottbus. Bei ARD und ZDF ist die Droge FCB mittlerweile offenbar weiterverbreitet als jene Zigaretten, von denen sich der kommerzielle Brachialreporter Jenke von Wilmsdorff parallel dazu im Jenke-Experiment entwöhnen will. Wir sagen das hier nicht oft, aber jetzt wird es Zeit: Lieber RTL als ZDF gucken bitte!

Während sich die ProSieben-Plattform Joyn in ihrer seriös beschwingten Schnipsel-Serie Singles’ Diaries ab heute 16 fünfminütige Folgen lang dem vertrackten Liebesleben paarungswilliger Jungerwachsener widmet, umgarnt das ZDF seine Kernzielgruppe in den Altersheimen oder Seniorenresidenzen der Republik und geht ein paar Wochen lang Mit 80 Tagen um die Welt, was zwar eine charmante, aber auch berechnende Reminiszenz an die eigene Unfähigkeit zur Modernisierung ist, moderiert natürlich vom notorischen Traumschwiegerenkel Steven Gätjen als Reiseleiter. Wird sonst noch was altes Neues dieser Tage? Na ja, nicht wirklich.

Schließlich stammt auch die sehenswerteste Dokumentation aus längst vergangener Zeit. Sehenswert ist Woodstock – 3 Days of Peace and Music von 1969, gefolgt von Dennis Hoppers ein Jahr jüngerer Roadtriplegende Easy Rider natürlich trotzdem, leitet aber früher als gewohnt zu den Wiederholungen der Woche über. In Schwarzweiß seit 78 Jahren von beispielloser Intensität: Alfred Hitchcocks Frühwerk Verdacht (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit dem er 1941 seine langanhaltende Zusammenarbeit mit Cary Grant – als Ehemann von Joan Fontaine, die ihn für einen Mörder hält – begann. Sehr viel jünger und folglich in Farbe: die neuseeländische Dramaserie Top of the Lake, mit der das Krimigenre vor sechs Jahren kurz ein bisschen weniger prätentiös, selbstreferenziell und ausgenudelt wirkte. Arte wiederholt sie ab Donnerstag um 21 Uhr in zwei Dreifachfolgen. Irgendwo dazwischen ist der Tatort-Tipp angesiedelt: Das Haus im Wald von 1984 mit einer speckigen Jacke und Schimanski drin, der am Dienstag um 22.10 Uhr im WDR nach einem verschwundenen Reporter sucht.


Springers Aktien & Vogels Blochin

Die Gebrauchtwoche

29. Juli – 4. August

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie: sechs Jahre, nachdem der amerikanische Finanzinvestor KKR die ProSiebenSat1 Media SE gewinnbringend abstoßen konnte, hortet er gerade die Aktienmehrheit an der Springer AG – also jenes Medienunternehmens, das zuvor vergeblich versucht hatte, Leo Kirchs Konzern zu kaufen, was seinerzeit nur am Bundeskartellamt gescheitert war. Ziel der angeblich freundlichen Übernahme mit anschließender Entfernung vom Börsenparkett: bar lästiger Quartalsberichte und öffentlicher Aufmerksamkeit profitabler zu werden, also noch mehr Geld, statt Journalismus aus dem früheren Presseverlag zu quetschen.

Ein richtiger Presseverlag mit echten Journalist*inn*en, die sogar wahrhaftigen Journalismus, statt populistischer Hetze betreiben, hat derweil schwer mit der Moderne zu kämpfen: Bei der Süddeutschen Zeitung ist ein veritabler Richtungsstreit um die künftige Gewichtung von Print und Online ausgebrochen. Was noch dadurch besorgniserregender wirkt, als selbst die wichtigste deutsche Tageszeitung zurzeit so sehr sparen muss, dass – Achtung, Sakrileg! – in München wohl das jährliche Sommerfest und der freie Faschingsdienstag 2020 gestrichen wird. Keine gute Zeit also für Medien mit Haltung und Niveau – weshalb bisweilen Künstler ohne beides einspringen, um beidem öffentlichkeitswirksam Geltung zu verschaffen.

Weil die AfD Angela Merkel nun auch den Kindermord am Frankfurter Hauptbahnhof in die Schuhe schieben wollte, twitterte Oliver Pocher gegen die Rechtsradikalen im Bundestag – also ausgerechnet jener Comedian, der seit langem für zynische Pennälerwitze auf Kosten anderer berüchtigt ist. Da tat RTL nun, was RTL halt so tut, und lud Pocher nebst AfD-Vertreter zum Streitgespräch bei Guten Morgen Deutschland, was schon ein wenig nach Schlammcatchen im Waschcenter klingt. Gehaltvoller wäre es womöglich, wenn das Magazin den manchesterkapitalistischen Tier- und Menschheitsfeind Clemens Tönnies einladen würde, um mit – sagen wir: ein paar jener Menschen aus Afrika zu diskutieren, die er in seiner Rede vor Handwerkern in Paderborn rassistisch beleidigt hat.

Die Frischwoche

5. – 11. August

Da fühlt man sich schon ein wenig an die vielfach verstörend heitere Atmosphäre einer hochinteressanten ZDF-Dokumentation erinnert. Unterm Titel Wir im Krieg kompiliert Jörg Müllner am Dienstag um 20.15 Uhr nationalsozialistische Home-Videos in ihrer zynischen Beiläufigkeit. Ein ähnlich bedrückendes Zeitdokument wie Shooting the Mafia (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD) – das bildgewaltige Porträt der unerschrockenen sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia. Bedrückend soll wohl auch die Atmosphäre einer fiktionalen Fortsetzung sein, die das Zweite uns und Jürgen Vogel mal lieber erspart hätte.

Als Blochin beendet er die Cop-Saga heute um 22.15 Uhr in Spielfilmlänge, und wie die ersten fünf Teile vor vier Jahren ist auch Matthias Glasners Serienfinale von so lächerlicher Effekthascherei, dass jede der 110 Minuten bestenfalls unfreiwillig komisch wurde. Wie gelungene Fernsehfiktion um Kriminalität und Korruption sein kann, beweist ab Freitag dagegen der US-Sender Showtime mit City on a Hill auf Sky. Tom Fontanas zehnteilige Zeitreise ins Boston der frühen Neunziger mit Kevin Bacon als schmieriges FBI-Fossil zwischen Glanz und Verfall einer gespaltenen Metropole ist allerfeinstes Popcornentertainment mit erstaunlich viel Tiefgang. Was die Serie – mal abzüglich einiger Faden Tiefe – mit der dritten Staffel von Glow am gleichen Tag auf Netflix teilt.

Ungefähr zur selben Zeit beider Formate spielt übrigens ein Porträt, mit dem Arte am Sonntag um 22.15 Uhr einer eigenartigen Figur der Zeitgeschichte huldigt: Being David Hasselhoff. Gemeinsam mit einem DDR-Konzert von Depeche Mode und dem realen Popmärchen Luga City Lights im Anschluss, startet der Kulturkanal hier gewissermaßen ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls – und leitet mit dem Spielfilm vorweg zugleich die Wiederholungen der Woche ein: Goodbye, Lenin! von 2003. Weil es davon so viele gibt, beschränken wir uns dabei allerdings mal auf drei Tatorte dreier Krimiepochen, allesamt am Dienstag: um 22.10 Uhr im WDR: Ballauf noch ohne Schenk im Kölner Fall Gefährliche Freundschaft von 1993, anschließend ein herrlich patinierter Schimanski von 1985 (Doppelspiel) und parallel im NDR: der wunderbare Finnland-Ausflug Tango für Borowski des Kieler Kommissars vor neun Jahren.


Schweizers Werbung & Mythos Monaco

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juli

Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.

Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.

Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.

Die Frischwoche

22. – 28. Juli

Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.

Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.

Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.

Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.

Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.


Amüsier-Apps & Maskierte Sänger

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juni

Was, hörte man sich unlängst verblüfft fragen, ist bloß mit Wladimir Iljitsch Putin los? Da hat der zaristische Herrscher einen Reporter eingeknastet, der ihm und seinem Regime doof gekommen war, und was macht er? Lässt die Geisel seines Unrechtsstaates nach ein paar Tagen wieder frei, obwohl dieser Iwan Golunow das Haus doch angeblich voller Drogen hatte, als die über jeden Zweifel erhabene Polizei seine Wohnung durchsuchte… Damit steigt Russland im Pressefreiheitsindex wohl um ein paar Plätze zurück in die Top 150, immerhin vor Nord-Korea.

Klingt nach Lockerung im Käfig der russischen Zivilgesellschaft? Nun – keine zwei Wochen später hielt Zar Putin wie jedes Jahr um diese Zeit für seine Untertanen fernsehöffentlich Audienz und beantwortete Fragen jeder Art, wenngleich natürlich nur solche, für die er königliche Lösungen hatte. Damit rutschte er dann doch wieder ein Stück weit im Ranking ab, dumm gelaufen. Dennoch bleibt Putin auch hierzulande ein Liebling nationalautoritärer Kräfte wie jener Alternativpartei im Deutschen Bundestag, deren medial geschürter Hass aufs System den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke atmosphärisch vorbereitet hat.

Geschürt wird diese Stimmung allerdings längst auch von Journalisten, die man bei aller Kritik eigentlich auf der Seite faktenfester Haltungen gewähnt hatte. Zum Beispiel Claus Strunz. Gut – das relativ gesittete Kampfblatt Bild am Sonntag hatte zwar auch unter seiner Führung schon einen Hang zu populistischer Zuspitzung; jetzt aber stellte er sich mit seiner rechten Attacke gegen Migranten, deren Heime und überhaupt Neger, Kanaken, kulturfremdes Gesocks so rabiat außerhalb des bürgerlichen Diskurses, dass sein AfD-Beitritt wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

Und damit bereitet es umso mehr Mühe, zu akzeptieren, dass dieser Mann denselben Beruf ausübt wie die große Wibke Bruhns. Nachdem sie einst als erste Frau die Nachrichten im (Zweiten) deutschen Fernsehen verlesen hatte und danach zu einer der prägenden Journalist(inn)en im Land zählte, ist sie nun mit 80 Jahren verstorben – und damit gewissermaßen erlöst, ihr Metier nicht mehr im Sumpf rechter Lügenmärchen versinken zu sehen. Aber dafür werden wir ja fröhlich mit Unterhaltungsangeboten geflutet wie der neuen Pro7Sat1-App Joyn, die uns seit Mittwoch mit allem nur Erdenklichen entertaint – aber nicht durch wahrhaftige Fakten.

Die Frischwochen

24. Juni – 7. Juli

Im linearen Programm von Pro7 kann man da ab Donnerstag bestaunen, wie sich die Sendergruppe Amüsement so vorstellt: Moderiert vom notorischen Matthias Opdenhövel, singen Prominente als The Masked Singer verkleidet inkognito, wofür sie von den Zuschauern enttarnt werden oder auch nicht, sechs Folgen lang zur besten Sendezeit und danach vermutlich abrufbar auf Joyn. Toll. Das war’s aber auch fast schon mit aktuellen Fernsehtipps. Während die angebrochene Sommerpause im Rest der Woche kaum was anderes als Wiederholungen hervorbringt, gibt es am Donnerstag drauf (4. Juli) jedoch gleich drei Neustarts.

Auf Neo moderiert die Top-Anwältin Laura Karasek um 22.15 Uhr sechsmal das lifestylische Talkformat Zart am Limit und kehrt damit vom knüppelharten Wirtschaftsrecht ins weitaus weichere Gesprächsgenre zurück. Vorschusslorbeer: Die kann das – und zwar nicht nur wegen ihres berühmten Vaters mit Namen Hellmuth. Gut eine Stunde später widmet sich der Schönwetterkabarettist Michael Mittermeier! in seiner selbstbetitelten Nachrichtenpersiflage 45 Minuten lang einem Thema, diesmal: Sicherheit. Vorschussskepsis: könnte ulkig werden im Ersten. Zwischendurch schaltet Netflix die 3. Staffel von Stranger Things frei. Vorschussbonus: Die Güte der ersten zwei Staffeln würde selbst einen Qualitätsabfall um 90 Prozent noch sehenswert machen.

Ansonsten begnügt sich das Regelprogramm dieser heißen Tage so konsequent mit Recyclingware, dass mal wieder nur Arte Platz für Innovationen bietet. Morgen zum Beispiel widmet sich der Kulturkanal um 20.15 Uhr erst den Frauen der Terrormiliz des IS und eine Stunde später deren Kindersoldaten Ashbal, bevor der Themenschwerpunkt 50 Jahre nach Stonewall Freitag (21.45 Uhr) an den Beginn der weltweiten Gay-Pride-Bewegung 1969 erinnert. Und acht Tage danach startet Arte den diesjährige Summer of… mit einem Monat Sendungen jeder Art zum Thema: Freedom. Präsentiert von der glamourösen Beth Ditto, eingeleitet von einer neuen Doku über John und Yoko, deren Liebesbeziehung Anfang der Siebziger mehr spießbürgerliche Verbitterung offengelegt hat als so mancher Beatles-Song.

Dazu passt die einzige Wiederholung der Woche in den Wochen der Wiederholungen, die uns hier der Erwähnung wert ist: das gesellschaftskritische DDR-Spätwerk Coming Out von 1989 aus einem Land, in dem es nach offizieller Diktion nicht nur keine Nazis gab, sondern noch weniger Homosexuelle.


Nestlès Hündchen & Eichwalds Bundestag

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juni

Nein, eine Liebesbeziehung wird das so bald nicht mehr – die CDU und social media. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Attacke auf digital Eingeborene der Generation Y bis Z fleißig daran gearbeitet hatte, den Altersschnitt ihrer Wähler*innen über 70 Jahre zu hieven, begab sich Freiwilligkeitsministerin Julia Klöckner mit ihren Memes aufs selbe Niveau und brauchte 24 Stunden, um auf den Shitstorm für ihr Kuschelvideo mit Nestlé zu reagieren. Wie ein verliebter Teenager wanzt sie sich darin an den Lebensmittelkonzern heran, wofür Oli Welke die Verantwortliche in der heute-show zur wichtigsten Werbeikone nach Clementine (Ariel) und Tilly (Palmolive) erklärte.

Noch irritierender war allerdings, dass Klöckner die (wie üblich online sprachlich robuste, aber grundsätzlich berechtige) Kritik an ihrer Korrumpierbarkeit durch Renditeinteressen multinationaler Unternehmen mit Hatespeech verwechselt und allen, die nicht ihrer Meinung sind, Informations-, wenn nicht Demokratie-Defizite unterstellt. Das ist von so himmelschreiender Hilflosigkeit im Umgang mit dem, was aus Unionssicht halt immer noch „Neue Medien“ sind – man könnte diese Peinlichkeit glatt lustig finden, wäre sie nicht Ausdruck einer so tiefgreifenden Betriebsblindheit im Umgang mit den Befindlichkeiten junger Menschen.

Obwohl die Leiterin eines der wichtigsten Ressorts im Kampf gegen den Klimawandel seit zehn Jahren auf Twitter ist und dort seither nahezu 28.000 Tweets abgesetzt hat, tickt sie also noch immer zutiefst analog und befindet sich daher geistig-moralisch auf dem Niveau der Bild-Zeitung. Die nämlich wurde vom Presserat mal wieder gerügt: wegen der Berichterstattung zum rechtsextremen Attentäter von Christchurch, dem das Springer-Organ als eines der ganz wenigen Medien in Deutschland breitenwirksame Aufmerksamkeit in Wort, Bild, Ton gewidmet hatte.

Aus diesem Grund beginnen wir die anstehenden Angebote mal mit den Wiederholungen der Woche, namentlich: Kir Royal. In Helmut Dietls alterslosem Meisterwerk ging es vor 33 Jahren schließlich auch um den Klatschreporter eines Boulevardblatts, das sich um Ethos, Moral und Nachhaltigkeit wenig schert, solange Auflage, Umsatz und Einfluss stimmen. Ab Montag um 22.45 Uhr zeigt der BR die Regenbogenschlacht von Baby Schimmerlos zum 75. Geburtstag des verstorbenen Regisseurs in drei Doppelfolgen, und abgesehen von Wählscheiben, Schulterpolstern, Messingmöbeln ist alles daran wie heute, nur ohne Internet, Klimakrise, Donald Trump.

Die Frischwoche

10. – 16. Juni

Was beide Epochen über Klöckners aasige Anbiederung hinaus verbindet, ist ein Mitglied des Bundestags, das es so nicht gibt und doch vermutlich überall: Eichwald, MdB. Vor zwei Jahren überraschte das ZDF mit einer Art Mockumentary, die den halbfiktionalen Langzeitabgeordneten einer viertelfiktionalen Kanzlerinnenpartei im Aberwitz achtelfiktionaler Tagespolitik karikiert hat. Am Freitag um 22.30 Uhr kehrt Bernhard Schütz als modernisierungsresistenter Chef seiner drei Mitarbeiter (Leon Ulrich, Lucie Heinze, Rainer Reiners) zurück, und es ist abermals von bedauernswerter Wahrhaftigkeit.

Das ließe sich natürlich auch übers Debüt im Ersten ab Dienstag (22.45 Uhr) sagen – echt gut gemeinte Idee, aber was war noch mal das Gegenteil von gut? Ohne der Plattform für Nachwuchsregisseure entweder (wie der österreichischen Landkrimi-Groteske Höhenstraße tags drauf) die Primetime zu räumen oder wenigstens mehr PR-Präsenz im Netz zu verschaffen, dürfte die Filmreihe auch 2019 unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Das gilt für Laura Lackmanns Erstlingswert Mängelexemplar um die depressive Borderlinerin Karo (Claudia Eisinger), mehr aber noch für Helene Hegemanns eigene Romanadaption Axolotl Overkill mit Jasna Fritzi Bauer als altersgerecht wildgewordenen Teenager. Da könnte man auch ein Standbild zeigen – es hätte kaum weniger Publikum.

Womit wir im Grunde beim sportlichen Highlight dieser Tage sind: Der Frauenfußball-WM, täglich in ARD oder ZDF, täglich mit Einschaltquoten, die angesichts der nachmittäglichen Anstoßzeiten wohl nur unwesentlich über denen von Warrior liegen. Und das, obwohl die US-Serie ab Samstag im Pay-TV läuft. Allerdings mit einem Thema, dem das Testosteron aus jeder Szene suppt: Martial-Arts-Kämpfer prügelt sich produziert von Bruce-Lee-Tochter, durch den amerikanischen Bürgerkrieg. Auweia. Kultivierte Ablenkungswiederholung gefällig? Etwa den Clan der Sizilianer, legendärer Heist-Movie mit Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura von 1969 (Samstag, 21.55 Uhr, ServusTV) oder – noch ‘ne Legende, nur drei Jahre älter: Steve McQueen als Nevada Smith (So, 20.15 Uhr, Arte) auf Rachefeldzug gegen fiese Cowboys von 1966.