Seehofers taz & Disneys Musical

Die Gebrauchtwoche

29. Juni – 5. Juli

Die schlechte Nachricht vorweg: Hengemah Yaghoobifarahs Entsorgungsfantasien im Meinungsteil der taz haben die Polizei zwar keineswegs als Müll bezeichnet, wie es Kommentator*inn*en fast aller Schattierungen hektisch aus dem Zusammenhang rissen, sondern nur ein furchtbar schiefes Bild zur Überflüssigkeit der existierenden, corpsgeistgeprägten, strukturell rassistischen Art von Ordnungsmacht gewählt. Dennoch war es ein journalistischer Tiefpunkt in der an Höhepunkten so reichen Tageszeitung aus Kreuzberg. Daher die gute Nachricht hinterher: die taz ist gerettet. Ja mehr noch – in absehbarer Zeit dürfte das existenzbedrohte Blatt selbst die New York Times an Auflage übertreffen.

Schließlich hat Innenminister Horst Seehofer seine – inzwischen zurückgezogene – Überlegung, die Autorin wegen unliebsamer Ansichten gerichtlich zu belangen, mit der wilden Aussage erklärt, ihre „Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten“, also auch „Gewaltexzessen, wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben“. Wenn sich die 500 Testosteronschleudern aus dem Ländle ihre Wut allesamt beim tagtäglichen Studium der taz geholt haben, dürfte sie hochgerechnet aufs Land geschätzt vier bis fünf Millionen Mal über die Theke gehen.

Die Pläne, sich demnächst vom Printprodukt zu verabschieden, sind damit wohl ebenso Geschichte wie die Pläne von (boykottiert) Amazon Prime, den Fußballmarkt in Deutschland aus dem Folterkeller ihres unermesslichen Reichtums heraus aufzurollen. Im Vergabepoker um die deutschen Fußballrechte haben nämlich ein bisschen überraschend Sky, DAZN, ARZDF und Achtung: Sat1 gewonnen, das auch ein kleines Stück vom lukrativsten Kuchen der Sportrepublik abkriegt. Wenn ab Donnerstag die Relegationsspiele dreier Ligen beginnen, gucken Fans freizugänglicher Kanäle aber erstmal in die Röhre. Aber gut, sind ja auch Ferien, die auch an freitagsmedien nicht spurlos vorübergehen, weshalb die Fernsehtipps heute nur tabellarisch sind und danach drei Wochen Pause machen

Die Frischwoche

6. – 12. Juli

Montag, 20.15 Uhr, ARD: Und wer nimmt den Hund? Bittersüßes Spätehedrama mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur auf der Beziehungscouch

Mittwoch, 0.35 Uhr, ZDF: Fahrenheit 11/9, Michael Moores Dokumentation über den unwahrscheinlichen Marsch von Donald Trump ins Weiße Haus

Mittwoch, TVNow: The Hunting, australische Drama-Serie über die dramatischen Konsequenzen eines Mobbing-Attacke auf vier Schüler

Donnerstag, MagentaTV: La Cacciatore – The Hunter, Fortsetzung der preisgekrönten Mafia-Serie aus und in Italien von 2018

Freitag, Disney+: Hamilton, die Gründung Amerikas als HipHop-Musical mit PoC-Hauptdarsteller und reichlich Trara

Wiederholungen der Woche

Mittwoch, Magenta TV: Liebling Kreuzberg, Anwaltsserie aus Achtzigern

Sonntag, 20.15 Uhr, Sat1: Titanic von 1997, Sonntag Sat1, allerdings ¼ Werbung

Sonntag, 20.15 Uhr, Arte: Spartacus, Kubricks Frühwerk mit Kirk  Douglas von 1960

Tatort, Dienstag, 22 Uhr, NDR: Undercover Camping (1997) mit Manne Krug im Wohnmobil


Staatszensoren & Schwarzer Montag

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juni

War das nun geschmacklos, Chuzpe, einfach blamabel? Nachdem das Erste am Montag kurzfristig seine Corona-Doku Wuhan – Chronik eines Ausbruchs, die fast vollständig aus kritiklos montiertem Propagandamaterial chinesischer Behörden besteht, abgesetzt hatte, erklärte der SWR den Rückzug mit „Rechteproblemen“, also Formalitäten. Dass er weitere Rechercheanfragen mit dem Hinweis aufs schwebende Verfahren rigoros abbügelt, legt den Verdacht nah, im Baden-Badener Funkhaus säßen Chinas Staatszensoren längst mit am Tisch.

Das allerdings wirkt auch deshalb abwegig, weil der SWR – auch im Vergleich zum südostdeutschen Nachbarland Bayern – für Qualitätsjournalismus steht. Im nordöstlichen Nachbarland Hessen wird der währenddessen mit Füßen einer betriebsblinden Justiz getreten. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke trotz Kontaktbeschränkungen in einem winzigen Gerichtssaal stattfinden, weshalb der wichtigsten Strafsache seit dem NSU-Komplex nur eine Handvoll Reporter beiwohnen.

Da ist es umso verstörender, wenn der Stern angesichts massiv einbrechender Anzeigenerlöse Kurzarbeit anmeldet. Das wichtigste Gesellschaftsmagazin der alten Bonner Republik am Tropf jener Staatsmacht, die es jahrzehntelang kritisch unter die Lupe nahm – es ist dramatischer, als es klingt. Dramatischer als es ist, klingt dagegen der Sturm im Wasserglas, den Dieter Bohlens Kritik an Stefan Raabs Format-Casting Fame Maker, dafür aber immerhin prima Werbung für ProSieben.

Werbung in eigener Sache war bei RTL 30 Jahre lang die Übertragung der testosteronsatten Proll-Sause Formel 1. Ab nächster Saison aber zieht sich der Privatsender zurück und macht damit aller Voraussicht nach Platz für kostenpflichtige Anbieter wie DAZN oder (kauft nicht bei) Amazon Prime.

Die Frischwoche

22. – 28. Juni

Letzterer hat diese Woche nichts Bemerkenswertes im Angebot. Dafür kehrt Konkurrent Sky am Dienstag mit dem zweiten Teil der Börsen-Groteske Black Monday zurück, wo es Krisenverlierer Mo (Don Cheadle) nach dem Schwarzen Montag 1987 mit Feminismus, Drogengangstern, Deregulierungsfans und dem üblichen Übermaß an Aberwitz zu tun kriegt. Auch Netflix setzt auf den Faktor Irrsinn, wenn Will Ferrell drei Tage später in The Story of Fire Saga von Island aus den ESC erobern will. Humorlos dagegen setzt der Streaming-Dienst am Mittwoch die Tradition guter Sportdokumentationen mit Athlete A fort, einem Film über Missbrauchsfälle im Turnen, bevor tags drauf Netflix-Geschichte endet.

Denn mit Dark III geht die weltweit erfolgreichste Drama-Serie aus Deutschland ins Finale, und man muss hinzufügen: endlich – ist Schluss mit Effekthascherei, Hyperdramatisierung und Pathos. Von all dem hat auch die französische Mystery-Serie The Last Wave einiges. Trotzdem ist der Sechsteiler ab Freitag auf Neo, bei dem eine Riesenwelle zwölf Surfer schluckt und persönlichkeitsverändert ausspuckt, ungleich interessanter. Das gilt auch für die Fortsetzung der Anwaltsreihe Dennstein & Schwarz aus Österreich, in der Maria Happel und Martine Ebm tatsächlich eigensinniger sind als ihre vielen Tausend Kolleg*inn*en diese ausgenudelten Genres.

Tausendmal gezeigt und dennoch alles andere als ausgenudelt ist die Wiederholung der Woche Harold and Maude, (Samstag, 23.30 Uhr, RBB), Hal Ashbys bittersüße Liebeskomödie von 1971, nur sechs Jahre älter aber nicht nur wegen der schwarzweißen Farbe weitaus älter im Look: Brennt Paris? (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) René Clements beeindruckendes Résistance-Drama mit Jean-Paul Belmondo als Widerstandskämpfer in Paris von 1965. Und unser Tatort-Tipp ist am gleichen Abend der Gewinner des Publikumsvotings, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wäre das keiner aus Münster.


Guido Cantz & Conny Plank

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Juni

Der bürgerliche Antirassismus treibt gerade auch am Bildschirm skurrile Blüten. Während vielerorts Denkmäler kolonialistischer Menschenschinder geschleift werden, bereinigen Fernsehsender ihr Programm um reaktionäre Sendungen. Weil Sklaven darin nicht allzu helle, ihre Halter dafür umso humaner dargestellt werden, hat HBO zum Beispiel Vom Winde verweht aus dem Portfolio genommen. Auch sonst fällt von Comedy wie Fawlty Towers oder Little Britain bis hin zur amerikanischen Real Life Doku Cops so einiges einer elastischen Moral zum Opfer, die plötzlich auch Joyn ergriffen hat.

Weil der Untertitel Milf oder Missy pornografische mit rassistischen Klischees mischt, muss die Kuppelshow M.O.M. künftig ohne ihn auskommen. Chinesische Regimekritik dagegen muss nun ohne Zoom auskommen, das vorm chinesischen Regime eingeknickt ist und User sperrt, die ans Jubiläum des Tienanmen-Massakers erinnern – dürfte nicht das letzte Einknicken des Konferenz-Tools vorm Unrecht gewesen sein. Dass Fußball weiterhin ohne Stadiongäste auskommen muss, tut da erstmal gar nichts zur Sache, macht sie aber spätestens seit dem DFB-Pokal noch schlimmer – so unsportlich, öde, belanglos waren die Halbfinals der vorigen Woche live im Ersten.

Letzteres gilt in Teilen auch für eine eigentlich gute Idee der ARD zum 50. Geburtstag ihrer wichtigsten Fiktion: Ab Sonntag darf das Publikum die frisch angebrochene Sommerpause des Tatorts aus einer Bestenliste füllen. Interessanterweise stammt der älteste darauf von 1999 – als hätte es in den 29 Jahren zuvor keine besseren Fälle gegeben. Das erinnert an die kürzliche Selbstgerechtigkeit von Guido Cantz, die Top 10 der besten Fälle aus 40. Jahren Verstehen Sie Spaß? mit sechs aus seiner eigenen Zeit zu füllen. Schon merkwürdig, dieser Mainstream.

Die Frischwoche

15. – 21. Juni

Aber eben auch auf bemerkenswerte Art und Weise schmerzbefreit – anders ist nicht zu erklären, dass RTL die miserabelste aller Moderationsattrappen der Menschheitsgeschichte Freitag zur besten Sendezeit abermals humor-, moral- und inhaltslos aufs Publikum loslässt – diesmal im saumäßig getimten Urlaubsformat Pocher und Papa auf Reisen, um 22.20 Uhr gefolgt von Absolut, dem liebedienerischen Porträt dieses parasitären Selbstdarstellers.

Ein ebenfalls wohlgesinntes Porträt schenkt die ARD dem visionären Toningenieur Conny Plank – was allerdings auch kein Wunder ist. Der Produzent hat die Musik der Gegenwart in den Siebziger- und Achtzigerjahren geprägt wie kaum ein zweiter. Schade nur, dass der abendfüllende Film erst um 23.45 Uhr läuft. Immerhin 60 Minuten früher war heute Wuhan – Chronik eines Ausbruchs angesetzt. Da die dreiviertelstündige Rekonstruktion der Pandemie-Ursprünge ausschließlich auf Filmmaterial der chinesischen Propaganda-Abteilung CICC basiert, hat das Erste den Film aber vom Sender genommen. Tags drauf hält Arte an seiner weitsichtigen Primetime-Doku Feindbild Polizei fest, die bereits vorm Tode George Floyds Ordnungshüter ins Visier nahm.

Fiktional ist am ARD-Mittwoch noch Elisabeth Scharangs Romanadaption Herzrasen mit Martina Gedeck über die identitätsstiftende Kraft menschlicher Makel interessant. Ansonsten herrscht dieser Tage eher Streamingvielfalt. Auf Starzplay gibt Elle Fanning Donnerstag eine opulent inszenierte Katharina The Great. Parallel überzeugt Stana Katić auch in der Fortsetzung von Absentia als disruptive FBI-Agentin (13th Street). Bei Netflix knüpft die Realsatire The Politician 2 nahtlos an die Unterhaltsamkeit des Auftaktes an. Und dort verspricht auch die Kriegsveteranen-Doku Father Soldier Son ab Freitag Tiefgang mit Anspruch.

Apropos: in den Wiederholungen der Woche zeigt Arte am Samstag Das Böse unter der Sonne mit Peter Ustinov als Hercule Poirot von 1982. Angemessen zeitgemäß ist diesbezüglich am Dienstag Wolfgang Petersens Virenthriller Outbreak auf Kabel1 (1995). Und am gleichen Abend gibt es abgesehen vom vermeintlichen Sonntags-Best-of einen Gebraucht-Tatort im NDR (23.30 Uhr): Haie vor Helgoland mit Kommissar Stoever, 1984 noch ohne Brockmöller.


Atemnot & Barrikaden

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Juni

Zerstörung kann das Alte vernichten, um darauf etwas Neues, womöglich Besseres zu errichten. Nimmt man den selbsternannten Conan Rezo beim Wort, hat die Zerstörung der CDU vor einem Jahr allerdings weder für das eine noch das andere gesorgt. Trotz aller Krisen und Querelen führt die Kanzlerinnenpartei sämtliche Umfragen solide an und ist damit – hoffentlich – das Rolemodel fürs nächste Objekt im Visier des Youtubers: Die Zerstörung der Medien.

Nach drei von 60 Minuten gut recherchierter, gewohnt eloquenter, jugendsprachgesättigter Schnellsprechattacke jedoch relativiert Rezo den dekonstruktiven Ansatz und begnügt sich eher konstruktiv damit, „Missstände“ aufzudecken, die „Vertrauen zerstören“. Trotzdem ist auch dieser Angriff zuweilen ein wenig wild. Rezo setzt den Regenbogen mit Journalismus gleich und Bild mit Qualitätspresse, er verwechselt Haltung und Stil mit Handwerk und Fakten, ist also nicht vor Miss(ver)ständ(niss)en gefeit, die das Vertrauen in Rezo (zer)stören. Was er allerdings ebenfalls ist: absolut notwendig.

Wie unseriös selbst seriöse Medien manchmal arbeiten, zeigt ja nicht nur der Feldzug des Springer-Konzerns gegen alle journalistischen Minimalstandards im Umgang mit Christian Drosten; man konnte es auch gut in den Talkshows über die Unruhen der USA nach dem Tod von George Floyd erleben, bei dem die Polizei nach ersten Zählungen 45 Journalisten verhaftet und 132 attackiert hat. Sandra Maischberger und Markus Lanz brachten nämlich das Kunststück fertig, ohne Opfer über Rassismus zu diskutieren, was die hastig nachgeladenen Priscilla Layne und Mo Asumang nur schlimmer machten.

Die Frischwoche

8. – 14. Juni

Weitsicht beweist diesbezüglich Netflix, wo Freitag Spike Lees Da 5 Bloods um farbige Vietnam-Veteranen anläuft, die an den Kriegsschauplatz von damals reisen und dabei auch dem anhaltenden Rassismus ihrer Heimat nachspüren. Auf andere Art rückwärtsgewandt zeigt sich der Streamingdienst zeitgleich mit einer Abwerbung von Youtube. Nach ein paar Netzausgaben wandert Frank Elstners Kuscheltalk Wetten, das war’s? aufs Videoportal.

Der Gastgeber allerdings mag ein verdienstvoller Star des hiesigen Unterhaltungsfernsehens sein; die langen Dialoge mit Epigonen wie Klaas Heufer-Umlauf sind in ihrer biederen Harmlosigkeit eher öde. Auf den Barrikaden sind andere, etwa die Protagonisten der gleichnamigen, durchaus erhellenden ARD-Doku (Montag, 20.15 Uhr) über verschwörungsideologische Hygiene-Demos unserer Tage.

Auf die Barrikaden gehen sollte man parallel dazu symbolisch gegen das Pilotprojekt der „European Alliance“, in der das ZDF gemeinsam mit RAI (Italien) und FTV (Frankreich) hochwertige TV-Kost anrühren will. Der sechsteilige Spionagethriller Mirage um irgendwas mit Liebe, Verrat, Atomkraft und Arabern ist nämlich noch konventioneller als der deutsche Titel Gefährlich Lügen und entfacht damit ein ähnlich laues Feuer wie die Geisterspiele im DFB-Pokal, den das Erste ab Dienstag überträgt.

Die letzten Zuckungen des Lockdowns erleben wir derweil ab Dienstag auf Youtube und ab Sonntag bei TNT. Dann startet die fünfteilige Impro-Dramedy Ausgebremst mit Maria Furtwängler, die vom geplanten Suizid versehentlich zur Seelsorgerin wird und dabei Kolleg*inn*en von Maren Kroyman bis Annette Frier Lebenshilfe erteilt. Da die Branche langsam in den Normalbetrieb zurückkehrt, könnten aber nicht nur solche bemerkenswert professionell gemachten ad-hoc-Produktionen bald schon weider Geschichte sein – und zugleich das digitale Innovationsmonopol sachte wanken.

Bis dahin aber saugt Netflix mit der Klinikserie Lennox Hill und dem Schlussakt des Highschooldramas Tote Mädchen Lügen nicht nochmals Aufmerksamkeit ab, die das lineare Fernsehen immerhin noch mit den Wiederholungen der Woche erzielt. Am Samstag zum Beispiel mit dem vierstündigen Bandportrait Stayin‘ Alive – Die spektakuläre Story der Bee Gees von 2013 auf Vox, tags drauf mit Stephen Daldrys Coming-of-Age-Perle Billy Elliot (2000) auf Arte, am Mittwoch (22.05 Uhr, MDR) mit Dror Zahavis Leipziger Tatort: König der Gosse von 2016.


Reichelts Lügen & Waldheims Walzer

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Mai

Was Christian Drosten Gutes zu tun hat, dürfte selbst Einsiedlern ohne DSL langsam bewusst sein. Allen, die dennoch Zweifel haben, verlinkte der Wissenschaftler vorigen Montag seinen Tweet, mit dem er auf einen Bild-Befehl reagierte, sich zur anstehenden Titelstory zu äußern. In ihr knattert das Springer-Blatt, Drosten sei schuld an Schulschließungen, wofür Autor Filipp Piatov zwar keine Fakten, aber ein paar gegoogelte Statistiker zusammenstümpert. Damit nicht genug: Piatov, der einst auf den Titanic-Hoax „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD“ reingefallen war, gab dem Virologen exakt 60 Minuten Zeit zur Stellungnahme.

Drostens Reaktion: Die Bild bemühe „Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“ für eine „tendenziöse Berichterstattung“. Anstatt zu antworten, twitterte er folglich: „Ich habe Besseres zu tun.“ Doch während sich alle Beteiligten flugs vom Text distanzierten und Anzeigenkundschaft absprang, während allenfalls die AfD noch an Julian Reichelts rechter Seite blieb und selbst Friede Springer den Chefredakteur kritisierte, trat der erst nach und bat Drosten dann allen Ernstes zum Gespräch. Aber wie gesagt – der hatte Besseres zu tun, etwa ein sehr erhellendes Interview im Spiegel.

Das indes dient Maria Furtwänglers Stiftung als neuerlicher Beleg medialer Ungleichbehandlung. Nur 22 Prozent aller Fachleute, die von Presse, Funk & Fernsehen in Corona-Fragen konsultiert werden, sind einer Malisa-Studie zufolge Frauen. Schöne alte Männerwelt – deren größtmöglicher Macho mit einem Vehikel seiner Herrschaft hadert: Weil Twitter es gewagt hat, die erste seiner 17.000 Unwahrheiten seit Amtsantritt – diesmal: Briefwahl fördere Wahlbetrug – faktenzuchecken, drohte er ausgerechnet jenem Kurznachrichtendienst mit Regulation, auf dem er seine 80 Millionen Follower im Schnitt 26 Mal pro Tag belügt.

Die Frischwoche

1. – 7. Juni

Passend zum Beginn einer zaghaften Selbstreflexion „neuer“ Medien könnte man sich Mittwoch auf Arte in Erinnerung rufen, was Radikalen der Marke Trump mal blühte: um 23.50 Uhr rollt Waldheims Walzer auf, wie ein Nationalsozialist der ersten Stunde 1986 nur dank kollektiver Empörung nicht österreichischer Präsident wurde. Zwei Tage später der nächste Skandal beim Kulturkanal: in der sehenswert wahrhaftigen Fiktion Wackersdorf geht es um die bürgerkriegsähnlichen Zustände an der Wiederaufbereitungsanlage fünf Jahre zuvor.

Annähernd dokumentarisch ist ein Spielfilm, den Sky übermorgen aus dem geschlossenen Kino befreit: Das Ende der Wahrheit. Darin wühlt Ronald Zehrfeld tief im Dreck des BND und fördert Dinge zutage, die bei aller Fiktionalität absolut realistisch sind. Realistischer zumindest als das modernisierte Remake vom holländischen Kommissar van der Valk, der ab Montag überm merkwürdigen Untertitel Duell (statt wie im Original Love) in Amsterdam bei der ARD ermittelt.

Zwei Tage später zeigt 13th Street mit Deputy noch eine Polizeiserie mehr voll schöner, tougher, schlagfertiger US-Detectives, während TLC mit Autopsy zeitgleich noch eine Real-Crime-Doku mehr um prominente Todesfälle startet und Netflix zwei Tage später eine Comic-Adaption zeigt, die – nein, trotz gebrauchten Themas nicht nur ein Bankraubfilm mehr ist, sondern The Last Day of American Crime, ein Cyberpunkmix aus Oceans’s Eleven und Pulp Fiction ohne Humor, aber mit viel Brutalität ist.

Am selben Tag beginnt (boykottiert) Amazon eine Serie mit hochaktuellem Sujet: El Presidente ist ein sanft verfremdeter Fußballfunktionär aus Chile im FIFA-Skandal, dessen Authentizität das genaue Gegenteil jenes Bastian Schweinsteiger darstellt, den Til Schweigers FIFA-Fanporträt SCH31NS7EIGER an gleicher Stelle anhimmelt. Und damit in aller Distanz zu den Wiederholungen der Woche, angeführt vom Borowski Schichtwechsel (Samstag, 22.05 Uhr, MDR) aus dem Werftenmilieu von 2004. Viel älter (40 Jahre) ist French Connection (Montag, 21.35 Uhr, Arte), der absolut brillant ist, von der Fortsetzung (Mittwoch, 21.55 Uhr) aber noch übertroffen wird.


Breitbeinigkeit & Beischläfer

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Mai

Mia san mia. Dieser Spruch bayerischer Breitbeinigkeit gilt seit jeher nicht nur in Bierzelten und Fußballclubs, sondern auch im Fernsehen. Schon als es um NS-kritisches Fernsehen wie Holocaust, religionskritische Justiz wie im Kruzifix-Urteil oder einfach grundlegend kritischen Humor wie beim Scheibenwischer ging, hat sich der BR aus dem ARD-Programm geklinkt. Und nun bitte dreimal raten, welcher Landessender ausschert, wenn die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von Sachsen-Anhalt aus gemeinsam mit ZDF und Deutschlandradio ein digitales Kulturangebot bündelt?

Genau! Genau! Genau!

Vordergründig geht es BR-Intendant Ulrich Wilhelm zwar um irgendwas mit Gebühren. Darunter jedoch steckt fraglos ein gottgewollter Erhabenheitsgestus, der bayerische Medienpolitik seit jeher prägt. Mit dem im Rückgrat endet Loyalität halt gern am eigenen Testosteronspiegel. Der war offenbar auch bei Kevin Meyer gefährlich hoch, als Disneys mächtiger Streaming-Chef parallel verkünden ließ, er werde künftig die chinesische Plattform TikTok leite und gleichzeitig das operative Geschäft des Mutterkonzerns Bytedance.

Vom größten Unterhaltungskonzern freiwillig zum dubiosesten Netzplayer – da muss der Amerikaner aber mal ernstlich in seiner Männlichkeit angekratzt worden sein, Bob Iger doch nicht wie erwartet an der Disney-Spitze zu folgen. Apropos dubiose Unternehmen: der Amazon-Kanal Prime hat am Montag überraschend Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen ohne Zusatzkosten von Eurosport übernommen. Klingt banal. Ist es auch. Aber banal mit Folgen fürs Gefüge im künftigen Rechtepoker um Live-Lizenzen.

Die Frischwoche

25. – 31. Mai

Bis dahin darf Amazon mit Sky die englische Geisterspielwoche zeigen, was für den profitfreudigen Versandhändler neueres Neuland ist als Fernsehen. Wie man das vermasseln kann, zeigt er allerdings Freitag in Der Beischläfer. Das Komödienstadl um den bayerischen Autoschrauber Charlie (Markus Stoll), der als Schöffe ans Amtsgericht der süßen Richterin Julia (Lisa Bitter) berufen wird, ist in seiner verschwörungstheoretischen Justizverachtung so blöde, dass selbst der absurde Weltraum-Roadtrip Vagrant Queen tags zuvor auf SYFY oder die intergalaktische Netflix-Sitcom Space Force ab Mittwoch realistischer wirken.

Ein wenig mehr Realismus hätte auch die Joyn-Serie Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers vertragen. Kostja Ullmann gibt sich zwar ersichtlich Mühe, sechs Taxitouren unterschiedlicher Passagiere durch Hamburg mit authentischer Empathie zu füttern. Das Ausbeutungssystem Uber kommt dabei jedoch nicht mal am Rande zur Sprache. Aber gut – wer reine Sachlichkeit erwartet, sollte vielleicht Dokumentationen wie Rabiat (heute, 22.45 Uhr, ARD) über die bizarre Welt des Rechtsrocks sehen oder den zweiteiligen Blick 1968 auf Die globale Revolte, morgen um 21.45 Uhr auf Arte, sehen.

Trotzdem dürfen Fiktionen mit Wirklichkeitsbezug schon auch mal so wahrhaftig sein wie der Mittwochsfilm Das freiwillige Jahr mit dem großartigen Sebastian Rudolph als Vater einer Tochter, die ihre Provinz partout nicht zur Verwirklichung seiner geplatzten Träume verlassen will. Und auch Staffel 1 des italienisch-britischen Finanzkrisenthrillers Devils mit Patrick Dempsey als Strippenzieher darf ab Donnerstag auf Sky beanspruchen, die Wirklichkeit ebenso zum Maßstab zu nehmen wie der deutsch-schwedische Wirtschaftskrimi Hidden Agenda, dessen acht Teile Neo Freitag um 22 Uhr am Stück zeigt.

Noch was? Ach ja: die Bitte, Oliver Pochers eitler RTL-Late Night Gefährlich ehrlich noch weniger Beachtung zu schenken als Balls – für Geld mache ich alles, inmer Dienstag nach Joko & Klaas. Lieber Wiederholungen der Woche zu sehen. Etwa Michael Hanekes Meisterwerk Das weiße Band übers bigotte Deutschland vorm 1. Weltkrieg von 2009 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), um 0.25 Uhr gefolgt vom Schwarzweißklassiker Dieb von Bagdad, der 1924 den unbekannten Douglas Fairbanks zum Weltstar machte. Und der Tatort-Tipp: Das letzte Rennen, Frankfurter Perle mit Sawatzki/Schüttauf von 2006 aus dem Marathonmilieu.


Männerwelten & Homecoming

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Mai

Aha, ein „strukturanalytisches Element“ – das ist es, was Caroline Fetscher vom Tagesspiegel an den 15 Minuten von Joko & Klaas vom Mittwoch bei ProSieben fehlte, als die beiden eine entlarvende Ausstellung namens Männerwelten aufgebaut haben. Anders gesagt: obwohl der Sondersendung am Mittwoch ganze 900 Sekunden zur Verfügung standen, sah auch das Missy Magazine einen Mangel an hermeneutisch-historischer Gesamtbetrachtung aller soziokulturellen Aspekte männlicher Gewalt gegen Frauen seit Beginn der Jungsteinzeit.

Es ist echt ein Kreuz mit der Emanzipation: Wenn zwei Spaßvögel über ihre Lichtkegel springen und einen Spaßkanal mit relevanter Ernsthaftigkeit zum gesellschaftlichen Missstand fortgesetzter Misogynie füllen, ist auch wieder alles doof. Dabei gibt es gewiss Kritikpunkte an der Kunstausstellung struktureller Frauenverachtung, durch die Sophie Paßmann das Publikum führt: Protagonistinnen weiß, Ambiente dramatisch, Inhalt verkürzt. Trotzdem könnte man auch einfach mal würdigen, welchen Einfluss so ein Film auf Menschen hat, die in ihrer Filterblase sonst selten mit Wahrhaftigkeit belästigt werden.

Menschen, die den Pegida-Comedian Dieter Nuhr nun für seine Virologen-Schelte feiern. Menschen, die befriedigt grunzen, wenn Donald Trump wegen der kritischen Nachfrage einer chinastämmigen Reporterin sein Pressebriefing abbricht. Menschen, die auf Hygiene-Demos über Schlafschafe blöken. Menschen also, die am Ende dafür mitverantwortlich sind, was Christian Bräuer befürchtet: Da viele Kinobetreiber bei der Neueröffnung mit reduzierter Platzzahl womöglich in jedem Saal Blockbuster für schlichte Gemüter zeigen, wird es aus Sicht des der AG Kino zur „brutalen Verdrängung“ anspruchsvoller Filme für klügere Geschmäcker kommen.

Leidtragender wäre mittelbar ein Fernsehen, das die Geisterspiele der Fußballbundesliga am Samstag am Ende doch noch etwas bereichern konnte. Weil Kino-Koproduktionen mittelfristig die Leinwand zur Rechtfertigung von Filmförderung fehlen könnte, macht sich schon jetzt das Fehlen oder Verschieben hausgemachter Formate im Programm bemerkbar.

Die Frischwoche

18. – 24. Mai

Um den Herbst nicht vollends auszudünnen, zeigt das Erste etwa anstatt des wichtigen Mittwochsfilms eine Wiederholung von Schnitzel de Luxe, während das Zweite am Samstag immerhin die ermittelnden Brüder Schwartz & Schwartz zeigt. Aber gut – obwohl Golo Euler und Devid Striesow dank der Humorbegabung von Regisseur Alexander Adolph auch im dritten Einsatz wunderbar dissonant harmonieren, geht Krimi natürlich immer in Deutschland.

Was ebenfalls immer gut geht, sind Biopics starker Frauen wie Astrid Lindgren, der die dänische Nachwuchsschauspielerin Alba August am Donnerstag (20.15 Uhr, ZDF) trotz fürchterlicher Synchronisation spürbare Dringlichkeit verleiht. Und das? War’s schon mit bemerkenswerter Fiktion des koproduzierenden Network-Fernsehens. Selbst die Dokumentarabteilung dämmert mit Die großen Kriminalfälle der Bundesrepublik vor sich hin, wenn das ZDF am Dienstag zum 2064. Mal den Mord an Rosemarie Nitribitt aufrollt.

Also, mal wieder, die Streamingdienste: der 18-teilige Krimiklumpatsch Stumptown um eine bildschöne (gähn), megatoughe (supergähn), beziehungsgestörte (megagähn), spielsüchtige (gigagähn) Privatdetektivin mit Militärbiografie ist ab Dienstag auf Sky womöglich deshalb noch so plump, weil er von der alten ABC stammt. The Plot Against America dagegen schreibt die Geschichte zwei Tage später an gleicher Stelle hochinteressant um: die Serie denkt sich ein Amerika aus, in dem 1940 der Faschist Charles Lindbergh an die Macht kommt und das Leben einer jüdischen Familie beeinflusst.

Und dann wäre da Teil 2 des Veteranen-Thrillers Homecoming auf (kauft nicht bei) Amazon-Prime. Ohne Julia Roberts, aber mit viel Mystery, wühlt sich Janelle Monaé ab Freitag durchs Geflecht eines dubiosen Pharmakonzern. Und das ist fast so exzellent wie die Karriere von Clint Eastwood. Zum 90. Geburtstag des schweigsamsten Action-Stars, schenkt ihm 3sat Sonntag (22 Uhr) zwei Wiederholungen der Woche: Sergio Leones Italowestern Für eine Handvoll Dollar von 1964 und die Fortsetzung Für eine Handvoll Dollar mehr. Ohne Umschweife zum Tatort: Borowski und die Rückkehr des Stillen Gastes von 2015 (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR) mit Lars Eidinger als Stalker mit Todesfolge.


Infodemiker & Bundesligaspieltage

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Mai

Nachdem auf Demos gegen staatliche Corona-Beschränkungen zuletzt bereits das Personal eines Online-Portals und der heute-show attackiert wurden, erwischte es am Donnerstag ein Team der ARD. Ungeachtet der Frage, ob die Angreifer links oder rechts sind, zählen Überfälle auf die Pressefreiheit also längst zur Normalität. Deshalb ist es auch bemerkenswerter, dass Videos, die den folgenden Polizeieinsatz ohne kausalen Angriff zeigen, häufiger geklickt werden als Ursache und Wirkung im Original.

Die Infodemie machtgeblendeter Biedermänner von Xavier Naidoo bis Attila Hildmann gewinnt also an Einfluss in einer Krise, die von verblüffender Rationalität, ja fast schon wissenschaftlicher Expertise geprägt schien. Ein Klima, in dem die Umfragewerte der obrigkeitsstaatlichen CDU ähnlich aufwärts schossen wie jene der führerstaatlichen AfD abwärts. Die Attacke von Berlin aber zeigt, wie das Pendel wieder in Richtung Irrationalität und Filterblase ausschlägt.

Da hätte man sich gewünscht, dass Joko & Klaas die 15 Minuten ihres Duells gegen Pro7 am Mittwoch für was Besseres genutzt hätten, als die freche Übertragung einer RTL-Sendung – aber gut, die Wünsche der Wohlmeinenden zerplatzen zurzeit wie die Träume von einer postpandemischen Entwirrung des präpandemischen Irrsinns. Anschauungsmaterial dafür lieferte der Bundesligist Hertha BSC. Dessen Profi namens Kalou drehte ein Kabinenfilmchen, das nachhaltig belegt, wie blauäugig die Annahme ist, ausgerechnet frühreiche Kindsköpfe wie er taugen als Versuchskaninchen eigenverantwortlichen Normalbetriebs.

Die Frischwoche

11. – 17. Mai

Entlarvender als die Einfalt infantiler Millionäre war aber, dass mal wieder der Bote schlechter Botschaften bestraft wurde, weshalb die Hertha ab Samstag ungeachtet der Quarantäne von Dynamo Dresden zwar ohne Zuschauer und Kalou, aber mit Körperkontakt seiner Kollegen zu sehen ist. Um Public-Viewing zu vermeiden, zeigt Sky die ersten zwei Erstligaspieltage kostenlos; weil dafür nur das Clubpersonal, aber nicht die Presse vor Ort getestet wird, die dafür im engen Ü-Wagen Kontaktverbot halten soll, bleibt das gesellschaftliche Signal fatal.

Es hätte also gepasst, wenn Arte den Schwerpunkt zum Thema Drogen am Dienstag um die DFL als Dealer der Volksdroge Fußball erweitert hätte. So aber geht es um Alkohol (20.15) und Amazon (21.45), bevor die lange Nacht des legalen Rausches mit der US-Doku Süchtig nach Schmerzmitteln endet. Schon interessant, dass ausgerechnet der erbarmungslose Konsumdealer (boykottiert!) Amazon ab Freitag in The Last Narc vier Teile lang einen Drogenkrieg von 1985 dokumentiert, während beim hauseigenen Nischenkanal Starzplay tags drauf die sehenswerte Opioid-Fiktion Hightown anläuft.

Immerhin artverwandt ist da die sechsteilige Real-Crime-Serie Gerichtsverfahren in den Medien, wo Netflix legendäre Strafverfahren aufrollt, bei denen die Presse mittendrin, statt nur dabei war. Eine Konstellation, mit der sich auf anderer Ebene heute Abend (22.45 Uhr) die ARD-Reportage Infokrieger über neurechte Medienmacher befasst. Für etwas Ablenkung vom zusehends zerrütteten Alltag sorgt da heute Abend das ZDF mit dem Familiendrama Ich brauche euch.

Mavie Hörbiger spielt darin eine beruflich erfolgreiche Unternehmerin, die plötzlich für zwei halbwüchsige Kinder ihrer toten Schwester verantwortlich ist – und macht das absolut glaubhaft. Während Sat1 mit der Maulwurfsuche The Mole mittwochs weiter beweist, mit wie wenig Liebe Fernsehen machbar ist, feiern ARD und Pro7 den ESC Samstag einfach ohne ESC und das ZDF den 70. Geburtstag ihres Quotenkönigs Thomas Gottschalk 24 Stunden später ohne Thomas Gottschalk. Was irgendwie gut zu den Wiederholungen der Woche passt.

Die bieten Dienstag (22 Uhr, ServusTV) mit Außer Atem ein Paradebeispiel cineastischer Selbstbefreiung von Jean-Luc Godard mit Belmondo und Jean Seberg als Gangsterpaar im schwarzweißen Cool der Sechziger. Ähnlich bekannt, aber deutlich jünger, ist Tom Hanks als Forrest Gump von 1994 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Und zwei Stunden später beim MDR immerhin hierzulande von Bedeutung: Der Irre Iwan, zweiter Tatort mit Tschirner/Ulmen als Dorn/Lessing in Weimar von 2014.


Struktursexismus & Gedenkmarathon

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Julia Jäkel ist eine Frau an der Spitze eines deutschen Verlags, die den Weg dorthin kaum mit ihrem Geschlecht in Verbindung bringt. G+J hat halt eine Geschäftsführerin – das fand sie selber. Bis SAP mit Jennifer Morgan die einzige Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns mangels „klarer Führungsstärke“ gefeuert und mit dieser männlichen Parade bewiesen hat, wie Corona die Emanzipation zurückdreht. Nicht nur, dass Frauen im Homeoffice viel Home bei wenig Office erledigen oder eben alles alleine; bei Telefonkonferenzen, schreibt Jäkel in einem Gastbeitrag der ZEIT, höre sie nun wieder „ausschließlich dunkle Männerstimmen“.

Ihr deprimierend deprimiertes Fazit: „Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten.“ Wenn Chefredakteur Steffen Klusmann den neoliberalen Medienmacho Nikolaus Blome als „starke liberal-konservative Stimme“ zurück zum gewohnt führungsfrauenreduzierten Spiegel holt, zeigt sich das jedoch für Jäkels Branche insgesamt. Wobei sie trotz und wegen Corona nicht nur unterm Druck marktradikaler, sondern demokratiefeindlicher Kräfte steht. Dass gut 20 Vermummte, die ein Team der heute-show am 1. Mai in Berlin aus einer rechten Demo heraus krankenhausreif geprügelt haben, wie kolportiert dem linken Milieu entspringen, darf angesichts des migrationshintergründigen Komikers Abdelkarim unter den Opfern jedenfalls als, nun ja, unwahrscheinlich gelten.

Auch die gehässige Reaktion der AfD belegt schließlich, dass die neuen Nazis physische Diskursverschärfungen mal mindestens mit Genugtuung betrachten. Und in dieser Eskalationsspirale steckt letztlich ja auch die struktur sexistische Castingshow Promis unter Palmen, in der eine Teilnehmerin so gemobbt wurde, dass Sat1 die Folge aus der Mediathek genommen hat. Besser wäre es zwar gewesen, das Format zu beerdigen. Aber Deutschland ist halt nicht Dänemark und Sat1 nicht DR1, der die strukturemanzipierte Politserie Borgen 2022 mit der 4. Staffel fortsetzen will.

Die Frischwoche

4. – 10. Mai

Bleibt zu hoffen, dass wir uns dann nicht mehr den Lockdown beim Bingen toller Serien vertreiben müssen. Oder Dokus mit Quarantäneschwerpunkt wie Kontaktsperre, mit der die preisgekrönten Hamburger Timo Großpietsch und Christian von Brockhausen heute (23.15 Uhr) im NDR die ersten Monate der Krise dokumentieren. Während das Erste deshalb sogar seinen ESC in zwei Sondersendungsimprovisationen an diesem und dem nächsten Samstag ersetzen muss, sorgen die Streamingdienste derweil für Ablenkung.

Ab Freitag (boykottiert!) Amazon mit der grandiosen Fantasy-Serie Dispatches from Elsewhere. Nach eigener Idee spielt Showrunner Jason Segel (How I Met Your Mother) darin den lebensmüden Peter, der mithilfe einer Geheimorganisation auf funkensprühende Glücksjagd geht. Ähnlich bizarr geht es für die Puppen der Stop-Motion-Serie The Shivering Truth zu, die vor zwei Jahren in den USA für Aufsehen sorgte und ab Donnerstag bei TNT zu sehen ist.

Weniger crazy ist da der Vierteiler I Know This Much Is True mit Mark Ruffalo in einer Doppelrolle als Zwillingspaar, dessen Existenz ab Sonntag auf Sky nach Jahren der Trennung schicksalhaft ineinander kracht. Aber tags drauf sorgt ja die französische Netflix-Serie The Eddy um einen Pariser Technoclub und seine Nachtgestalten für Entlastung mit Musik. Entlastung womöglich auch vom Gedenkmarathon zum 75. Jahrestag der Kapitulation, die heute mit der ARD-Doku Kinder des Krieges beginnt und Dienatag der 180-minütigen Archivstudie Berlin 1945 auf Arte weitergeht, der vielleicht besten Doku zum Thema seit Jahren. Während der 8. Mai seltsam frei von Erinnerung ist, gibt es dazu aber auch viele Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Bernhard Wickis Meisterwerk Die Brücke (Montag, 0.00 Uhr, HR), der es wie Wolfgang Staudtes Rosen für den Staatsanwalt schon 1959 schaffte, Deutschland mal nicht als Ort der Widerstandskämpfer zu zeigen. Gleiches galt für Frank Beyers Defa-Klassiker Nackt unter Wölfen von 1963, den Philipp Kadelbach 48 Jahre später (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) nochmals radikalisierte. Zwischen revisionistisch und modern steht Oliver Hirschbiegels Der Untergang (Donnerstag, 20.15 Uhr, Kabel1), während Schindlers Liste zwei Tage zuvor an gleicher Stelle ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist.


Öffnungsdiskussionsorgien & Biohackers

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. April

In ihrer 14-jährigen Amtszeit war Angela Merkel selten eine Frau großer Worte. Die Medienrepublik lechzte zwar nach gesprochenen Headlines. Stattdessen bekam sie ihr „Wir schaffen das!“, was 2015 nur deshalb im Gedächtnis haften bliebt, weil es die Neonazis von Pegida bis AfD aufbläht hatten. Jetzt aber sorgte doch mal ein Satz der ewigen Kanzlerin auch links der völkischen Ecke für Wirbel: Öffnungsdiskussionsorgien.

Vor acht Tagen im Koalitionsausschuss geäußert, ist es der umstrittenste Kampfbegriff dieser Krisentage. Betrifft er doch das Wesen demokratischer Kompromissbildung: den Streit. Ihn mit einer solch unglücklichen Formulierung zu diskreditieren, unterhöhlt die Demokratie womöglich mehr als jedes Ausgehverbot. Merkel hier Kalkül vorzuwerfen, springt aber trotzdem auf den Zug populistischer Medien, die sich nichts sehnlicher wünschen als a) kompromisslose Führungskraft, solange sie b) nicht rational, sondern national handelt.

Diesbezüglich kann man der Bild bekanntlich viel vorwerfen: dass sie bis zur Selbstverleugnung rückgratlos ist und für ein bisschen mehr Auflage die Mütter der Chefredaktion an den IS verkaufen würde, dass sie ihr Publikum ähnlich verachtet wie ihre Gegner, dass sie im Grunde nicht mal Journalismus betreibt. Eins aber darf man der Papier und Pixel gewordenen Hölle moralischer Verwahrlosung nie unterstellen: dass sie sich nicht geldwert in Szene zu setzen versteht und dafür stets willfährige Komplizen gewinnt.

Nur so ist zu erklären, dass Armin Laschet und Markus Söder vorigen Dienstag mit den Chefs ihrer rentabelsten Heimclubs Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke die Fortsetzung der Bundesliga exklusiv bei Bild.TV verbreitet haben. Andererseits: wenn der Fußballkapitalismus sein hässlichstes Gesicht zeigt, ist es auch einfach angemessen, dies unterm Logo des menschenverachtenden Mediums werbewirksam ins Bild zu rücken.

Die Frischwoche

27. April – 3. Mai

Im Gegensatz zur deutschen Thriller-Serie Biohackers, die Netflix wegen pandemischer Anspielungen vom Donnerstag genommen hat, könnten im Mai also tatsächlich Geisterspiele bei Sky, DAZN und Telekom zu sehen sein. Dinge, die die Welt im Ausnahmezustand so wenig braucht wie einen Fernsehsamstag, an dem die ARD (Frag doch mal die Maus) und das ZDF (Andrea Berg), dazu RTL (Denn sie wissen nicht, was passiert) und Pro7 (Schlag den Star) simulieren, die Welt sei weiter im Normalzustand.

Andererseits ist es legitim, in Krisen nicht nur über Krisen zu reden, wie es ZDFinfo heute um 20.15 Uhr etwa mit den Sieben größten Verschwörungstheorien der Geschichte tut, sondern ein bisschen davon abzulenken. Es muss ja nicht gleich durchschaubar sein wie Christina Athenstädt anstelle der verstorbenen Lisa Martinek als blinde Anwältin Die Heiland, ab Dienstag im Ersten. Besser ist tags drauf an selber Stelle Hannelore Elsners letzter Film Lang lebe die Königin, wo sie sich in Gestalt einer verblassenden Diva ein wenig selber spielt.

Weil seine Hauptdarstellerin während der Dreharbeiten starb, hatte Regisseur Richard Huber die Idee, fehlende Szenen mit Kolleginnen von Iris Berben über Judy Winter bis Eva Mattes zu besetzen, was wider Erwarten weder manieriert noch peinlich ist. Diese Gefahr hat auch Deutscher (Dienstag/Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) knapp umschifft. Der vierteilige Nachbarschaftsstreit nach dem Wahlsieg einer rechtsextremen Partei ist zwar plakativ, aber ohne Pathos eindringlich. Und wer weiß – vielleicht gibt’s 2095 eine ZDF-Doku wie Wir im Krieg (Dienstag, 20.15 Uhr) mit Homevideos faschistischer Volksgenossen vorm Untergang.

Doch damit zurück zur Ablenkung vom Irrsinn überall, etwa mit Familie Willoughby, einer animierten Netflix-Komödie um vier Kinder, die so vernachlässigt werden, dass sie ihren Eltern eine Reise ohne Wiederkehr organisieren. Oder der britischen Medical Temple um ein Untergrundkrankenhaus für Ausgestoßene, ab Donnerstag auf Sky. Dann wäre da noch die (kauft nicht bei!) Amazon-Serie Upload vom Office-Erfinder Greg Daniels, in der man sich ab Freitag postmortal digitalisieren lässt. Und die Info-Doku White Boy Rich über den FBI-Dealer Richard Wershe ist ab Samstag real, aber vor allem ähnlich unterhaltsam wie die Wiederholungen der Woche.

Zum Beispiel Fred Zinnemanns schwarzweißer Kriegsfilmklassiker Verdammt in alle Ewigkeit über die letzten Tage vor Pearl Harbour von 1953 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) oder kunterbunt: Unternehmen Petticoat (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Blake Edwards‘ Antikriegsgroteske mit freundlich misogynem Unterton, der 1959 state of the art war, dank Cary Grant als Kommandeur eines rosa U-Bootes aber auch sehr lustig.