Putins Krieg & Wackernagels Aussicht

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. März

Keine drei Wochen ist es nun her, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Ganze 19 Tage, um einen Krieg in Europa schon wieder fast als Normalzustand anzusehen. Tote werden gezählt und Bombennächte, Sanktionen verabschiedet und umgangen, russische Medien und Begriffe wie Krieg verboten. Weil Journalist*innen für die Wahrheit darüber nun 15 Jahre Haft drohen, hatten ARZDF das Land zwar zwischenzeitlich verlassen, sind aber schon wieder zurück und berichten zusehends routiniert in der Diktatur über den Ausnahmefall einer Invasion, die gleichermaßen undenk- und erwartbar war.

Es sind bizarre Zeiten, in denen man sich mehr denn je nach Normalität sehnt, vorerst aber schon mit der Anerkennung unverrückbarer Tatsachen wie jener zufrieden wäre, dass man mit faschistischen Kriegstreibern keinen Handel treibt. Immerhin hat die Bundespressekonferenz begriffen, dass man mit deren Handlangern nicht im selben Saal sitzen möchte und den unsäglichen Boris Reitschuster einstimmig ausgeschlossen. Endgültig. Vielleicht stellt ihn Bernd Höcke ja ein, wenn er nach der thüringischen Machtergreifung einen Chefredakteur für den neuen Stürmer braucht.

Ein anderer Grenzwanderer zwischen Hirn und Hoden ist nach seinem Rauswurf beim Tagesspiegel da untergekommen, wo alte weiße Privilegien-Verteidiger gewissermaßen endemisch sind: Harald Martenstein schreibt jetzt für Ulf Poschardts elitenkapitalistische Welt. Das passt ja mal wie Arsch auf Arsch, oder wie heißt das noch? Ob die spektakulärste Personalrochade der Woche passt, muss sich noch zeigen, aber dass Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen zum Spiegel wechseln, darf man wohl als intrasensationellen Medienscoop bezeichnen.

Die Frischwoche

14. – 20. März

Größer noch als die angekündigte Rückkehr von Stefan Raabs Wok-WM nach sieben Jahren Pause, aber nicht ganz so groß wie jene Boni für die (natürlich komplett männlichen) Springer-Vorstände Jan Bayer, Julian Deutz, Andreas Wiele und Mathias Döpfner, für den (kann so eine Zahl Zufall sein?) 88,8 Millionen Euro Sonderauszahlung ein Trostpflaster ist, dass seinem Königreich BDZV langsam die Stiefellecker ausgehen. Was dem Fernsehen hingegen nie ausgeht: Rateshows.

Jörg Pilawas leutseliges Quiz für Dich geht deshalb Mittwoch bei Sat1 in die zweite Runde. Auch Historytainment wie Honecker und der Pastor, heute Abend im ZDF, wird auf deutschem TV-Boden niemals ausgehen. Ebenso wenig aussterbegefährdet: Schmunzelkrimis der Art von Mord mit Aussicht, jetzt dienstags mit Katharina Wackernagel statt Caroline Peters. Frisch beliebt ist hingegen das Prinzip Mockumentary à la Wrong, mit dem RTL+ gerade in Gestalt einer vermeintlichen dokumentargefilmten Hamburger Hipster-WG Baden geht.

Richtig, also so richtig richtig, um nicht zu sagen richtig richtig richtig gut ist demgegenüber die Magenta-Serie Oh Hell, in der Jerks-Autor Johannes Boss die unfassbare Mala Emde ab Donnerstag zu einer notorisch wahrheitsliebenden Lügnerin macht, die das Medium bislang noch nie gesehen hat. Acht Teile à 25 Minuten und jeder Moment eine Offenbarung sozialanalytischer Realcomedy. Über Human Ressources würde man auch gerne was sagen, aber Netflix ist die Presse wie immer zu lästig, um ihr vorab etwas über den Serienstart am Freitag erzählen.

Ebenfalls bemerkenswert sind zwei Achtteiler. Der erste startet parallel bei Apple+, heißt We crashed und handelt von der Welt des Coworking. Der zweite beginnt tags zuvor, nennt sich Funeral for a Dog und erzählt von einem Reporter (Albrech Schuch), den sein Interview mit dem Bestseller-Autor Svensson (Friedrich Mücke) am Comer See in die Vergangenheit einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung zieht. Und die ARD-Serie All In, ab Sonntag in der Mediathek, ist schlicht zu weird, um über Inhalte zu reden. Einfach ansehen, bitte! Zeitgleich bodenständig: Das Rehagel-Porträt König Otto bei Sky. Die liebenswerte Disney+-Doku More Than Robots über kybernetische Bastelwesen. Und die vierteilige Sky-Begegnung mit Janet Jackson an gleicher Stelle ist auch sehenswert.


Diktatoren & Tigerkönige

TV

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Februar

Das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Wahrheit. Weil sie nur Lügenpropaganda verbreiten, ist es drei Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges daher pure Selbstverteidigung, die Staatsmedien RT und Sputnik in Europa zu sperren. Das letzte Opfer des Krieges ist hingegen der Zynismus. Während ProSieben gar GNTM 15 Minuten verschiebt, während RTL echte Nachrichten sendet, während also selbst artverwandte Boulevardmedien komplex, fast demütig berichten, braucht Bild-Chef Boie zurzeit weder seinen Pornhub-Account noch alimentierte Messermänner, um sabbernd vorm Flatscreen zu hocken.

Mehr noch als Amtsvorgänger Diekmann, aber nur unwesentlich weniger als dessen Nachfolger Reichelt, geilt er sich im Springerhauptquartier am ukrainischen Elend auf, gibt Rendite- und Hamstertipps für anstehende Weltkriegswinter, lässt den bellizistischen Reisereporter Ronzheimer am Schlachtfeldrand flennen und treibt mit Titeln wie „Eine Schande, Kanzler!“ seine völkisch-rassistisch Agenda voran. Nicht, dass die rot-grün-gelbe Krisenstrategie gelungen wäre, im Gegenteil; aber wie Boies Kampfblatt im Schützengraben populistischer Ideologie Parteipolitik statt Publizistik betreibt und Ökonomie statt Empathie, ist nur noch niederträchtig.

Wie wohltuend (und quotenstark) war demgegenüber die öffentlich-rechtliche Kriegsberichterstattung wie im ZDF, dessen Moderator Matthias Fornoff spürbar indigniert darauf hinwies, wer nicht auf die verschobene Kölner Mädchensitzung verzichten wolle, könne sie ja in der Mediathek sehen. Überhaupt – der Karneval! Er war schon oft ein Indikator fürs Katastrophale. Gelegentlich haben ihm Kriege die Stimmung verhagelt. Wirtschaftskrisen oder Stürme, gar Streitereien im Festkomitee und zuletzt Corona waren für Absagen der Festzüge verantwortlich. Aber gefeiert wurde letztlich immer und das Fernsehen mittendrin – bis jetzt.

Denn Karneval am Bildschirm fällt 2022 (Stand jetzt) aus. Magenta wiederum wirft Europapokalspiele mit russischer Beteiligung aus dem Programm. Als dann noch die Meldung kam, Russland sei vom ESC (aber natürlich nicht aus Gianni Infantinos autokratischer Fußballmafia Fifa) ausgeschlossen, wurde klar, wie einig sich die Weltgemeinschaft mal abgesehen von China, Syrien, Belarus gerade im Kampf gegen Putin ist.

Die Frischwoche

28. Februar – 6. März

Dagegen verblasst natürlich alles fiktional Unterhaltsame zu einer Form der Nebensache, über die man eigentlich laut schweigen müsste. Die Fernsehtipps der Woche sind demnach mehr denn je Eskapismus-Angebote zum Sammeln realpolitisch aufgebrauchter Energien. Ob Joe vs. Carol dazu geeignet ist, kann man zwar noch nicht sagen; Sky hält die Spielfilmserie von Tiger King bis zur Ausstrahlung am Freitag unter Verschluss. Aber ob eine derart erfolgreiche Dokumentation wie jene um durchgeknallte Großtierkleinzoobetreiber in den USA darstellerlisch noch steigerbar ist?

Das ist trotz Kyle MacLachlan in tragender Hauptrolle ein bisschen zweifelhaft. Über eines allerdings dürfte Gewissheit herrschen: in ZDF-Krimis liegt die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 1, dass es sich dabei um melodramatische Effekthascherei wie Der Überall handelt. Das sechsteilige Thriller-Hirngespinst ist von so stumpfer Berechenbarkeit, dass wir hier trotz und wegen Katja Riemann in tragender Rolle aus reiner Fürsorgepflicht fürs Publikum einfach mal alles verschweigen, Ausstrahlungstermin inklusive.

Stattdessen zwei aufrichtige Empfehlungen: Das norwegische Zeitreise-Epos Beforeigners wird Sonntag in der ARD-Mediathek fortgesetzt. Auf Starzplay startet parallel die amerikanische Horrorcomedy-Serie Shining Vail. Weil beides eher der gediegenen Ablenkung dient, raten wir zum Abschluss aber eingehend zur ARD-Doku F@ck this Job heute nach den Tagesthemen und in der Mediathek. NDR und BBC porträtieren darin Doschd – den letzten unabhängigen Fernsehkanal in Putins Diktatur. Und damit zurück zu den Nachrichten.


Bachs Schweigen & Merkels Leben

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Februar

Was wohl Peter Merseburger gesagt hätte zur Irrsinnsidee, die Olympischen Winterspiele in der perfidesten, dabei effizientesten Diktatur seit Erfindung elektronischer Überwachungsmethoden zu veranstalten? Er hätte es angeprangert. Woche für Woche, Tag für Tag, Minute für Minute seiner streitbaren Berufstätigkeit als journalistischer Spürhund der Bonner Republik, den die Berliner Republik leider nur noch als stillen Beobachter erlebte. Nun ist es nicht so, als hätten ARD und ZDF das Politische am Sportlichen ausgespart, im Gegenteil.

Während Eurosport die verheerende Menschenrechts-, Umweltschmutz- und Dopingsituation in China als Hauptlizenznehmer des tyrannischen IOC herzlich egal, womöglich sogar recht war, wurde öffentlich-rechtlich auch zur besten Sendezeit beharrlich über Abgründe in Peking berichtet. Einer wie Merseburger jedoch hätte es ohne Rücksicht auf Verlust getan und in alle Richtungen ausgeteilt, also auch Richtung Deutschland, das sich zwar zum diplomatischen, aber keinesfalls wirtschaftlichen Boykott durchringen kann.

Nun ist der große, alte Mann von Panorama mit 93 gestorben und mit ihm ein Stück Mediengeschichte. Was von Merseburger bleibt? Die vage Erinnerung, dass politischer Journalismus mal eine Leib- und Seelensache war. Was von Olympia bleibt? Kathi Witts Tränen nach dem verpatzten Lauf des gedopten Gewaltopfers Kamila Walijewa im Ersten. Thomas Bachs Schweigen, als Chinas NOK-Sprecherin auf einer PK neben ihm politische Propaganda betrieb. Und acht Milliarden Dollar Übertragungsgebühr, für die NBC lausige Quoten erntete.

Ach ja, was vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleibt, dieser Karikatur pressefreiheitlicher Verbandstätigkeit im Griff von Mathias Döpfner? Eine Clique rückgratloser Opportunisten (und exakt einer Opportunistin), die ihren Führer auch dann noch deckte, als ruchbar wurde, wie er das Gewaltsystem des Bild-Hetzers Julian Reichelt deckte. Immerhin: Mit Funke ging nun ein Verlag auf Abstand, gefolgt von Madsack-Chef Thomas Düffert, der Donnerstag als BDZB-Vize zurücktrat. Mehr davon!

Die Frischwoche

21. – 27. Februar

Und bitte auch mehr Dokumentarfilme von Torsten Körner. Seine Lebensstudie Im Lauf der Zeit porträtiert Angela Merkel morgen Abend auf Arte zwar ästhetisch konventionell; gerade das Fehlen zeitgenössischer Splitscreens und Animationen sorgt aber dafür, dass er der Kanzlerin im Wildgehege männlicher Alpharüden nahekommt, ohne die Distanz zu verlieren. Etwas mehr Distanz, um nicht zu sagen: maximaler Abstand wäre hingegeben zu Diese Ochsenknechts wünschenswert.

Wenn Sky ab heute Milkyway-Hedgefonds, Thunderstorm-Bingewatching, Ntschotschi-Horst und die 25 anderen Kinder von Natascha (ohne Uwe) sechs Teile lang beim, nun ja, b-prominent sein begleitet, würde allerdings auch der volle Erdumfang zwischen uns und der Sippe fürs Seelenheil kaum reichen. Es gab übrigens Zeiten, da wollten Kritiker*innen auch Henning Baum nicht näherkommen als unbedingt nötig. Sein Spiel, sein Typ, der ganze Kerl stand schließlich für eine irgendwie vormoderne Männlichkeit. Das tut sie bis heute.

Er setzt sie allerdings in einer Weise ein, die selten toxisch ist und damit doch wieder ein bisschen modern. Zum Beispiel als Der König von Palma. Nach einer wahren Begebenheit spielt Baum im Sechsteiler von RTL+ einen Clubbesitzer, der sich – an Sandra Borgmanns wunderbarer Seite – ab Donnerstag mit der Gastronomie-Mafia auf Malle anlegt. Anders als der Titel andeutet, ist das allerdings nicht die Spur lustig, aber durchaus ansehnlich.

Gleiches gilt fürs Box-Drama Gipsy Queen, eine Art Million Dollar Baby auf St. Pauli mit Tobias Moretti, der die alleinerziehende Rumänin Ali (Alina Serban) aus der Gosse zurück in den Ring coacht. Und nachdem sich die Dritten zügig mit Karneval füllen, setzt Netflix am Freitag seinen Historien-Blockbuster Vikings mit dem Spin-Off Valhalla fort. Das ZDF startet in ihrer Mediathek die fünfteilige Spießer-Mockumentary Normaloland. Parallel dazu beginnt bei Neo das originelle Mystery-Experiment Unseen, in dem die Bewohner einer belgischen Kleinstadt unsichtbar werden und damit einiges über unsere Überwachungsgesellschaft erzählen.


Poschardts Porsche & Stiller Serie

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Februar

Der Rechtspopulismus hat – von seiner parlamentarischen Säbelspitze AfD in Kreis-, Land- und Bundestag perfektioniert – ein kurioses Wirkprinzip: Unsagbares aussprechen, anschließend das Gegenteil beteuern, um ersteres damit in Diskursen, also Köpfen zu verankern. Ulf Poschardt, publizistisches Florett reaktionärer Alpharüden mit Porsche, hat da viel von seiner heimlichen Leibpartei gelernt, Super-Holocaustüberlebende als Schuldige einer angeblich linken Dominanz benannt – und hinterher fehlerhaftes Copy-and-Paste dafür verantwortlich gemacht.

Auf die Entschuldigung des ähnlich weißen, aber etwas älteren Tagesspiegel-Kollegen Harald Martenstein müssen wir derweil noch warten. Aber als der Kolumnist Judensterne mit „Ungeimpft“ als „eindeutig nicht antisemitisch“ verteidigte, hat er das sicher nicht so gemeint. Genauso gemeint wie gesagt war Jan Böhmermanns berühmtes Schmähgedicht über Präsident Erdoğan, dessen Verbreitung das Bundesverfassungsgericht nun kommentarlos und endgültig untersagte. Julian Reichelt darf dagegen weiter klagen, er sei Opfer sexueller Gewalt von Frauen, die wohl einfach zu ungefickt sind, um sein moschusduftendes Brusttoupet sexy zu finden.

Das hat auch Mathias Döpfner so die Sinne vernebelt, dass er Reichelts Missbrauchssystem – wie Nils Minkmar in der Süddeutschen Zeitung schreibt – selbst dann noch aktiv vertuschte, als daran längst kein Zweifel mehr bestand. Mal sehen, besser: hören, ob Helene Fischer den Soundtrack schreibt, wenn RTL den Fall verfilmt. Einen Hang zum Autokratischen beweist sie schließlich im ARD-Song Jetzt oder nie, der an den Diktaturspielen von Peking aber mal gar nix auszusetzen hat.

Allein das qualifiziert sie zur Cash-Cow von Zuckerbergs Meta, dem Europas Datenschutz so zuwider ist, dass er Facebook und Instagram abschalten wollte. Während ersteres kaum noch jemand bemerken würde, hätte letzteres Konsequenzen – etwa für Heidi Klum, deren neun Millionen Insta-Fans nicht so mit negativen Fragen nerven wie das Medienportal DWDL, dem sie deshalb ein zugesagtes Interview verweigert. Weltstars wie diese basteln sich schließlich längst ihre eigene Realität – wer braucht da noch kritischen Journalismus…

Die Frischwoche

14. – 20. Februar

Kanye West jedenfalls nicht, weshalb sich der lukrativste Rapper des 21. Jahrhunderts lieber ein Gefälligkeitsgutachten von Netflix erstellen lässt, als sich aufrichtig durchleuchten zu lassen. Dennoch ist das dreiteilige Abbild Jeen-Yuhs ab Dienstag faszinierend – zeigt es doch Geburt, Aufstieg, Apotheose eines Selbstvermarktungsprofis. Dafür muss man ja nicht gleich seine Trump-Leidenschaft oder den Größenwahn überbetonen…

Fernab von Größenwahn, gar Trump-Leidenschaft ist der MSV Duisburg. Bei RTL+ begleiten Verantwortliche und Fans wie Joachim Llambi den Drittligisten durch eine Clubgeschichte, die so konsequent von Tiefen bei seltener Höhe geprägt ist, dass man mit der Leidenschaft fürs Kellerkind mit Erstliga-Historie körperlich mitleidet, aber auch viel über jene Leidensfähigkeit lernt, von der Bayern-Verantwortliche und -Fans nicht mal träumen dürfen.

Einen Albtraum erleben die Figuren von Ben Stillers Dystopie Severance. Als hätte Wes Andersen Ricky Gervais‘ The Office in der Kulisse von Stanley Kubricks 2001 gedreht, erzählt Hollywoods Spaßkanone vom Personal eines dubiosen Konzerns, dem Hirnimplantate das Privatleben operativ vom Berufsleben trennen. Klingt irre, ist irre, aber so gut erzählt, so toll gespielt, so originell ausgestattet, dass man trotz ereignisloser Dramaturgie im retrofuturistischen Stil neun Teile lang gebannt vorm Bildschirm sitzt.

Wer sechs Folgen der deutsch-deutschen Wirtschaftspolitikserie ZERV sieht, dürfte zwar weniger gebannt sein. Trotzdem stellt die ARD damit heute ein Format in seine Mediathek, das überrascht. Während es oberflächlich um Zwangsadoption vor und Waffenhandel nach der Wende geht, füllen Nadja Uhl und Fabian Hinrichs das zeithistorische Kostümfest als gegensätzliche Ermittler mit so viel Liebe, dass der Krimiplot erträglich wird. Den Rest in Stichworten: Neo zeigt parallel die achtteilige Young-Adult-Sitcom Ich dich doch auch, ab Donnerstag startet Sky sein vierteiliges KI-Finanzdrama The Fear Index. Und zeitgleich im BR schreddert Oliver Polaks Talkshow Gedankenpalast mit Gästen von Patrick Lindner bis Lady Bitch Ray, die er im Wald trifft, wieder alle Seh- und Hörgewohnheiten.


Generation Heidi & Generation F

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Die Gebrauchtwoche

31. Januar – 6. Februar

Sie hat es getan. In der 17. Auflage von GNTM sprach Heidi Klum den zentralen Satz ihrer frühjährlichen Frauenverachtungsparade und benutzte dabei womöglich erstmals die grammatikalisch korrekte Form, es könne „nur eine Germany’s Topmodel“ werden, nicht einer, wie sie es seit 2006 zu sagen pflegte. Maskulinum. Und nicht nur das: Ihre Kandidatinnen, deren Alter bislang meistens weitaus höher war als ihr jeweiliger Body Mass Index, heißen nun nicht mehr Mädels, sondern Models, deren Alter obendrein teilweise dreimal so hoch ist wie der durchschnittliche BMI.

Fast könnte man meinen, Heidi Klum habe sich auf ihre etwas älteren Tage vom Sexismus emanzipiert. Das zwar nicht; ihr Frauenbild bleibt eines weiblicher Zuschaustellung jenseits innerer Werte. Aber es ist ein Anfang. Ein – zumindest vorläufiges – Ende hat dagegen die Deutsche Welle erlebt. Keine 24 Stunden, nachdem die deutsche Kommission für Zulassung und Aufsicht von Medienanstalten (ZAK) RT DE eine Sendelizenz verweigerte, um die sich der russische Staatspropagandakanal noch gar nicht beworben hatte, entzog Moskau der DW die Akkreditierung.

Mehr noch: ihre Journalist*innen dürfen nun gar nicht mehr aus Putins Zarenreich berichten. Womit er einmal mehr beweist, dass Diktaturen wie seine nicht mal mehr den Schein diplomatischer Regeln wahren. Dass China zeitgleich eine PR-Show aufführt, die nur olympisch singt und lacht, ist keine Ausnahme dieser Entwicklung, sondern ihr zynischster Ausdruck. Wir dürfen daher gespannt sein, wann chinakritische Sportkorrespondenten plötzlich – hoppela – positiv auf Corona getestet werden und – hoppela – mit kaputtem Netz in Isolationshaft geraten.

Noch was? Ach ja: 7 Tage 7 Köpfe ist zurück, und zwar leider mit dem unerträglich selbstversessenen Guido Cantz, aber zum Glück auch einigen jener Momente, die das Promi-Panel auf RTL einst trotz erbärmlicher Frauenquote so unterhaltsam gemacht hatten. Kurzfristig ausgeladen: Woopie Goldberg – aber nicht, weil sie gerade mit Antisemitismus-Vorwürfen zu tun hat, sondern weil Promi-Panels in den USA einfach viel besser besetzt werden.

Die Frischwoche

7. – 13. Februar

Dass Prominenz nicht alles sein muss, belegt die sehenswerte WDR-Doku Generation F in der ARD-Mediathek. Jeden ersten Dienstag im Monat werden dort Sportlerinnen porträtiert, die wie Weitspringerin Maryse Luzolo zum Auftakt aus der 2. Reihe starten, dabei aber sehr viel zu erzählen haben. Immer in der 1. Reihe, wenn auch ohne dorthin zu gehören, war die realexistierende Anna Sorokin alias Delvey, der Showrunnerin Shonda Rhimes ein fiktionales Porträt auf Netflix widmet.

Inventing Anna bietet dabei alles, was Biopics bedeutsam macht: Realismus und Entertainment, ganz große Show und noch größere Emotionen, alles ohne Pathos, also grenzenlos unterhaltsam. Zumindest letzteres dürfte auch für den deutschen Netflix-Horror Das Privileg (Mittwoch) um einen Teenager (Max Schimmelpfennig) gelten, dessen innere Dämonen sich nach dem Tod seiner Schwester irgendwann als fürchterlich real erweisen.

Nach realer Vorlage zeichnet die Sky-Serie Landscapers ab Donnerstag die Ehe von Susan (Olivia Colman) und Christopher (David Thewlis) nach, deren scheinbar heile Welt von zwei Toten in ihrem Garten zerstört zu werden droht. Vollständig mord- und totschlagfrei, aber auch weitestgehend ecken- und kantenfrei sind dagegen die Amazon-Romedy I Want You Back und das Apple-Beziehungsdrama Über mir der Himmel, beide ab Freitag online.

Für alle anderen, deren Sportbegeisterung nicht zu groß oder aktiv oder einfach übermächtig ist für völlige Abstinenz vom diktatorischen Eigen-PR-Event dieser Tage: Bitte Finger weg von den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking!


Big Busch & Bestien

Die Gebrauchtwoche

TV

24. – 30. Januar

Man muss sie nicht kennen, nein wirklich nicht – all diese Taras und Erics, die Filips und Jasmins aus dem Abklingbecken exhibitionistischer Privatfernsehreaktoren. Aber wenn sie wie (fast) jeden Januar seit 2004 im Dschungel ihre Popularitätsakkus aufladen dürfen, geschieht das trotz aller Belobigungen selbst seriöser Feuilletons eher selten durch Esprit, Anspruch, gar Intellekt, sondern mithilfe brachialer Aufmerksamkeitsbetteleien. Brachialer als die Südafrika-Reisende Janina Youssefian in der 15. Staffel Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! aber waren sie selten.

Das Model mit Big-Brother-Besuch war schon mehrfach ins Model mit Bachelor-Biografie gerasselt, da bat sie die Schwarze Frau aus Hanau „in den Busch“ zurück, „wo du hingehörst“. Das war dann selbst dem Fernsehboulevard zu rassistisch. Nachdem die Dschungelmitcamper*innen protestiert hatten, schickte RTL Janina heim in Reich und bewies damit etwas, das dem Sender sonst so fremd ist wie gute Unterhaltung: Haltung.

Die bewies auch der österreichische, nun ja: „Journalist“ Richard Schmitt, als er das verstörend wahrhaftige ZDF-Kammerspiel Die Wannseekonferenz beim konservativen Online-Medium Exxpress mit den Worten kommentierte, die beteiligten Kader aus NSDAP, SS und Ministerialbürokratie vom 20. Januar 1942 „waren nicht nur Mörder, sondern durch und durch Sozialisten“. Okay, falsche Haltung. Aber auch die führte zur Entlassung. Was ist denn bitteschön bloß mit den Ballermannmedien vom rechtspopulistischen Rand los?!

Fehlt nur noch, dass Erdogan dem Welt-Reporter Deniz Yücel 12.500 Euro Schadenersatz zahlt, die ihm der europäische Gerichtshof für Menschenrechte für ein Jahr unberechtigter Untersuchungshaft zugesprochen hat. Aber gut, das wird natürlich nie geschehen. Eher schon verdoppelt DAZN seinen Abo-Preis auf 30 Euro. Obwohl – hat das Sport-Portal gerade gemacht und damit vorherige Ankündigungen widerlegt. Ist halt die Woche wackelnder Gewissheiten…

Die Frischwoche

0-Frischwoche

31. Januar – 6. Februar

Zum Beispiel die, dass der Kolonialismus nichts mit dem Faschismus zu tun hat oder umgekehrt. Hat er nämlich. Und wie viel genau, erfahren wir heute Abend in der herausragenden Arte-Dokumentation Rottet die Bestien aus, womit der vielfach preisgekrönte Filmemacher Raoul Peck (I Am Not Your Negro) die regelmäßigen Genozide unserer Spezies unter anderem genau damit erklärt: unserer Spezies. Und das Besondere: damit wird die Shoah nicht relativiert, sondern nur leichter verständlich. Starker Tobak, der Vierteiler.

Und damit ein Kontrastprogramm zur beeindruckendsten Serie der Woche: Pam and Tommy. Darin zeichnet Disney+ ab morgen das wilde Leben des Glamourpaars Pamela Anderson & Tommy Lee in den Neunzigerjahren nach. Trotz expliziter Sexszenen, die das Portal sogar zur Installation einer Altersbarriere veranlasste, ist der Zehnteiler jedoch aus mehr als Sex-and-Drugs-and-Rock’n’Roll. Wenn er die Erpressung der beiden mit einem Porno-Video übersteuert, geht es auch um Konsumwahn und Misogynie kurz vor 9/11.

Zwei von gut 300 Gründen, die Olympischen Winterspiele in der effizientesten Diktatur aller Zeiten ab Donnerstag zu boykottieren und stattdessen heute Abend zwei ARD-Dokus nebst Debatte bei Frank Plasberg über diesen Irrsinn zu sehen. Was allerdings auch kein einziges Opfer des chinesischen Regimes wieder lebendig machen würde. Es ist kompliziert, mit der Haltung. Also einfach leutselig fernsehen? Wäre eine Möglichkeit. Zum Beispiel den zehnteiligen SyFy-Grusel Surreal Estate über amerikanische Spukhausmakler ab Dienstag.

Oder parallel dazu die 30. Folge von Marie Brand im ZDF. Oder die Schwarze Kammerspielserie Sacha ab Mittwoch auf Arte. Oder das Thriller-Highlight der Woche tags drauf: Suspicion, ein dramaturgisch verschachteltes Entführungsdrama mit Uma Thurman. Oder der Vollständigkeit halber: Power Book IV, ein maximal männerlastiger, ebenfalls zehnteiliger Starzplay-Krimi aus Chicago mit einer ziemlich interessanten Hauptfigur.


Lauer Stuhl & Konferenzen

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Januar

Manche Rückkehr ist gar keine Rückkehr, sondern reanimierter Ist-Zustand. Dass der Bild-gestählte RTL-Politikchef Nikolaus Blome mit der Gossip-Beauftragen Frauke Ludowig den Heißen Stuhl aus der Asservatenkammer geholt, bei Stern TV einen Querdenker draufgesetzt und seine Lügen dort größtenteils unwidersprochen erduldet hat, ist ja ebenso wenig ein Revival wie die fortgesetzte Wiederbelebung von Wetten, dass…? im Zweiten.

Schließlich gehört mangelnde Originalität im Kampf um die Überreste linearen Publikums zum Wesenskern beider Kanäle – den jedoch niemand inniger bewahrt als Sat1, wo seit gefühlt 25 Jahren nichts Innovatives mehr lief. Als Jörg Pilawa nach seinem Wechsel dorthin sein erstes Format präsentierte, war damit klar, was es wird. Nämlich – Surprise – ein Quiz. Und zwar, nächste Überraschung: mit Prominenten für Charity-Zwecke nach einer Idee von John de Mol. Crazy Sat1!

Nach einer Idee von Margaret Thatcher möchte Boris Johnson derweil die BBC zerlegen. Das versucht er zwar ersichtlich, um von seiner desaströsen Führung der vergangenen, na ja, eher der kompletten Regierungsmonate abzulenken. Nichtsdestotrotz ist sein Plan, die Gebührenfinanzierung bis 2027 abzubauen und dann in ein Abo-Modell zu überführen, der bislang größte Angriff auf die Pressefreiheit der britischen Nachkriegszeit. Und damit eine ähnlich schlechte Nachricht wie jene, dass Julian Reichelt „was eigenes machen“ will, wie er in einer Talkshow seines rechtspopulistischen Mitverschwörers Dietrich Mateschitz sagte.

Dafür, sagte das SEXMONSTER, wie er seinesgleichen in der Bild betitelt hätte, rede er „mit sehr vielen, sehr spannenden jungen Kolleginnen und Kollegen“. Wobei erstere wohl vor allem willig sein dürften und letztere reaktionär. Währenddessen beschied das OLG Hamburg, der Spiegel dürfe sein Reichelt-Porträt „Vögeln, fordern, feuern“ wieder online stellen, während die #MeToo-Kanonade gegen Luke Mockridge in weiten Teilen verboten bleibt. Anders als im RTL-Urwald herrscht im Mediendschungel offenbar doch nicht immer nur das Recht der Stärkeren.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Januar

IBIS läuft also wieder. Und wieder. Und wieder. Diesmal in Südafrika statt Australien, aber mit denselben D-Promis von der Bachelor-Kandidatin Linda Nobat bis zum Bachelorette-Kandidaten Filip Pavlovic. Was noch in der freitagsmedien-Pause anlief: die großartige HipHop-Dramaserie Queens (Disney+). Die großartigere Mafia-Realfiktion L’Ora (Sky). Oder die großgroßartige Tierschützer-Doku Animals Army (joyn+). Und die großgroßartige Fortsetzung vom Ritualmord-Thriller Der Pass (Sky).

Auf andere Art überragend sind dagegen zwei Spielfilme aus und über Deutschland: Matthi Geschonnecks brillante ZDF-Rekonstruktion der Wannseekonferenz, begleitet vom Netflix-Drama München, das jenes Gipfeltreffen zum Politthriller macht, bei dem Hitler (Ulrich Matthes) und Chamberlain (Jeremy Irons) die Annexion des Sudetenlands und damit den 2. Weltkrieg beschlossen haben. Beides ist in seiner wahrhaftigen Spannung fast unerträglich.

Diese Woche neu wäre folgendes: Heute zeigt die ARD um 22.50 Uhr Hajo Seppelts Doku Wie Gott uns schuf über Homosexuelle in der katholischen Kirche. Morgen skizziert Jud Süß 2.0 ab 22.40 Uhr auf Art den neuen Antisemitismus und seine sozialen Netzwerke genannten Verbreitungsportale. Parallel dazu startet die ARD das nächste Improvisationsexperiment von Jan Georg Schütte, bei dem er sechs Teile lang Das Begräbnis einer Provinzpersönlichkeit eskalieren lässt. Und ab Donnerstag porträtiert das Erste Die Gewählten wie den frühvergreisten CDU-Jungen Tilman Kuban oder den alterslosen SPD-Chef Klingbeil.

Zeitgleich importiert Arte die Mystery-Serie Das Seil aus Norwegen, bevor tags drauf der amerikanische Comedycrime-Achtteiler The Afterparty bei Apple+ beginnt. Höhepunkt der nächsten sieben Tage aber ist aus Unterhaltungssicht die Katastrophenserie Station Eleven, in der 99 Prozent aller Menschen einer Grippe zum Opfer fallen. Umso verblüffender, dass der Zehnteiler ab Sonntag bei Starzplay dennoch nicht dystopisch ist.


Arte-Serie Vigil

Deep State im U-Boot

arte

Die großartige BBC-Serie Vigil bündelt gerade donnerstags auf Arte und in der Mediatihek diverse Skandale der Royal Navy zu einer herausragenden Realfiktion vom militärischen Staat im demokratischen Staate

Von Jan Freitag

„Deep State“ ist ein Kampfbegriff aus dem Spracharsenal von Donald Trumps Terrormilizen, um die angeblich linke Unterwanderung staatlicher Strukturen zu behaupten. Wer dieses Märchen nicht miterzählen möchte, sollte ihn sich also besser verkneifen. Dummerweise aber gibt es diesen Deep State tatsächlich. In Diktaturen genauso wie in Demokratien. Er nennt sich nur anders. In Großbritannien zum Beispiel: Die Royal Navy.

Wie in jeder Waffengattung herrscht auch hier ein hierarchisches System eigener Sitten und Gebräuche mit eigener Rechtsprechung, gar eigenem Sauerstoffpegel, der an Bord eines britischen U-Boots bewusst niedrig gehalten wird, um Feuern im Brandfall die Nahrung zu nehmen. Als sich beim Tauchgang ein seltsamer Todesfall ereignet, kriegt es bei so viel militärischer Autonomie also selbst die Exekutive der gewählten Regierung mit dem tiefen Staat des Militärs zu tun.

Nach penibler Sicherheitskontrolle an Land wird Detective Amy Sylva (Suranne Jones) zu Beginn der BBC-Serie Vigil folglich nicht nur per Hubschrauber an Deck des titelgebenden Tauchschiffes geflogen, um darunter drei Tage zwischen Nuklearsprengköpfen und Männerbünden zu ermitteln; der prinzipientreue Kommandant Newsome (Paterson Joseph) zeigt ihr zur Begrüßung auch gleich mal, welche Staatsmacht unter Wasser das Sagen hat: „Tun Sie Ihre Arbeit, gehen Sie mir aus dem Weg, und sollte ich das Wort Mord außerhalb dieses Raumes hören, lasse ich Sie in die Kabine einsperren.“

So klingt es sechs Teile lang, wenn Arte nun drei Skandale der jüngeren Marine-Vergangenheit zu einer verblüffenden Miniserie verdichtet: Die tödliche Havarie eines Fischtrawlers, dessen Netz sich 1990 im realen Schwesterboot der fiktiven Vigil verfing. Der Drogenkonsum diverser Matrosen 27 Jahre später. Zuletzt das ungeklärte Ableben eines Unterseemannes. Und zwischendrin natürlich Berichte von Corpsgeist und Störfälle an Bord einer Flotte, deren Antrieb und Bewaffnung im postheroischen Zeitalter zunehmend auf Ablehnung stößt.

In dieser verschwörungstheorieanfälligen Nährstofflösung hat der dramenerprobte Autor Tom Edge (The Crown) dem krimierfahrenen Regisseur James Strong (Broadchurch) nun also 300 Minuten Realfiktion verfasst, von denen jede für sich fesselnd ist. Denn wenige Stunden, nachdem er die Besatzung der atomgetriebenen Vigil vergeblich dazu aufgefordert hatte, einem Fischerboot in Seenot zu helfen, liegt Officer Craig Burke tot in der Kajüte. Die herbeigerufene Kommissarin entdeckt zwar Heroin unter, aber nicht in seiner Nase, was die Ursache Überdosis ausschließt.

Während ihre Ermittlungen weitere Indizien von Fremdeinwirkung unter der feindseligen Besatzung – allen voran Officer Prentice (Adam James) – entdeckt, stößt Amys Kollegin Kirsten (Rose Leslie) auch bei der Spurensuche an Land auf Ungereimtheiten, die mehr als Drogenmissbrauch nahelegen. Schon diese Konstellation ist dank der beiden Hauptdarstellerinnen im Glasgower Dialekt hochinteressant. Aus Gründen von Geheimhaltung bis Prinzip darf die Kommissarin nämlich kaum mit ihrer (offenbar auch erotisch verbundenen) Partnerin kommunizieren, was beide in Lebensgefahr bringt und die Aufklärung ins Stocken.

Zum Glück geht Vigil also weit über den dusselig deutschen Untertitel „Tod auf hoher See“ hinaus. Mit einer brillanten Erzählung vom Staat im Staate, dem demokratische Regeln ungleich weniger bedeuten als militärische, hat sich das erfolgreichste BBC-Format seit der Terror-Serie Bodyguard von 2018 seine achtstellige Zuschauerzahl somit absolut verdient. Auch ohne die klaustrophobische Atmosphäre in Wolfgang Petersens Kino-Boot U 96 vor 41 Jahren, erzeugt die geräumigere Vigil – nach Aussage von Sylvas kooperativen Verbindungsoffizier Glover (Shaun Evans) „lang wie zwei Fußballfelder und hoch wie vier Doppeldeckerbusse“ – schließlich ein kammerspielartiges Ambiente, das virtuos mit der Weite schottischer Landschaften korrespondiert.

Unklar wirkt da eigentlich nur, warum ausgerechnet eine wasserscheue Stadtpolizistin, die seit ihrer Familientragödie das Trauma vom Ertrinken mit sich herumschleppt, drei Tage lang zu 140 Männern auf Tauchgang geschickt wird. Doch das bleibt der einzige Widerspruch einer Serie, die Arte Online auch im Originalton zeigt und damit nicht nur den Generationen Krieg bis X, sondern auch Y bis Z öffentlich-rechtliches Spitzenentertainment bietet.


Boomer-Paläste & Binge Reloaded

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 9. Januar

Fast sieben Stunden täglich glotzen die Menschen hierzulande auf Bildschirme. Das ist zwar ein Drittel weniger als beim Spitzenreiter Philippinen. Und mehrheitlich sind die Flatscreens auch Touchscreens, ergo weitaus kleiner als das, was unverdrossen deutsche Durchschnittswohnzimmer dominiert. Fakt aber bleibt: Unterhaltung vollzieht sich zweidimensional. Sollte das öffentlich-rechtliche Programm da jemals den Ehrgeiz verspürt haben, jüngere Schichten als Boomer und ihre Ahnen zu erreichen – die Einschaltquoten voriger Woche dürften ihm den Todesstoß verpasst haben.

Da bescherte das inhaltlich anspruchslose Kaffeekränzchen-Historytainment Der Palast dem ZDF konstant mehr als sechs Millionen Zuschauer*innen. Jubel in Mainz, Entsetzen in Marl. Nun sind solche Zahlen angesichts der dubiosen Messung völlig belanglos, für linear TV-Verantwortliche aber eine schwer suchtgefährdende Mischung aus Crystal Meth und Dopamin. Deshalb werden sie angefeuert von purer Masse nicht nur unverdrossen Kostümfeste wie dieses produzieren.

Der Wechsel des glattgeschliffenen Mainstreamentertainers Jörg Pilawa von der ARD zu Sat1 dürfte ihnen da ungleich unangenehmer sein als der Verlust an journalistischer Reputation infolge eines kritischen Beitrags über Mathias Döpfners Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, den das ZDF von seiner Homepage gelöscht hatte. Mit Springer will es sich halt niemand in der Medienbranche verscherzen. Umso schöner war da der einig positive Trend 2021: Bild TV war keiner. Kaum jemand will den populistischen Dreck, der dort als publizistischer Inhalt getarnt wird, sehen.

Gut, außer alten, weißen Männern wie Roland Tichy, der 10.000 Euro Schmerzensgeld an die der SPD-Politikerin Sawsan Chebli zahlen muss, weil er sie in seinem Einblick sexistisch beleidigt hatte. Oder noch viel älteren, weißeren Männern wie Dieter Hallervorden, der seiner privilegierten Herkunft mit testosterongesättigter Kritik am Gendern Referenzen erweist und nicht zufällig Mitglied im Verein Deutsche Sprache ist, eine Art grammatikalischer Vorfeldorganisation der AfD.

Die Frischwoche

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10. – 16. Januar

Um zu erkennen, was sie politisch anstrebt, lohnt es sich daher, zum Jahrestag die herausragende Dokumentation Sturm auf das Kapitol in der ARD-Mediathek zu sehen. Und für alle, die der Realität lieber in Harry Potters Traumwelt entfliehen, versammelt Sky gerade den halben Cast zur Rückkehr nach Hogwarts. Irgendwo dazwischen sorgt die zweite Staffel der Fernsehpersiflage Binge Reloaded bei Amazon Prime ab Freitag für fiktionale Wirklichkeit.

Fortgesetzt wird ab Mittwoch zuvor überdies Sløborn, vor anderthalb Jahren prophetischer Beleg dafür, dass auch ein Sender wie Neo dystopisches Entertainment mit reduzierter Effekthascherei zuwege bringt. Staffel 2 schafft es nun abermals, die Folgen einer tödlichen Pandemie klug mit der Adoleszenz ihrer Protagonisten und Protagonistinnen zu verbinden. Zwei Tage später startet bei Arte die Miniserie Virgil, ein militärkriminalistisches Kammerspiel, in dem zwei schottische Polizistinnen nach realen Motiven einen Mord an Bord des titelgebenden U-Boots der britischen Atomstreitkräfte ermitteln.

Für die BBC war der Sechsteiler schon wegen der grandiosen Hauptdarstellerinnen Suranne Jones und Rose Leslie völlig zu Recht das erfolgreichste Format seit Jahren. Den erfolgreichsten Boxer überhaupt porträtiert morgen die vierteilige Arte-Doku Muhammed Ali, dem das Erste am Sonntag eine lange Nacht zum 80. Geburtstag des früheren Meisters aller Klassen widmet. Zwischendurch erinnert Sky noch an den 10. Jahrestag vom Unglück der Costa Concordia, bevor die ARD zum Wochenausklang ein Dokudrama von Raymond und Hannah Ley zeigt: Nazijäger, starbesetztes Porträt jener „War Crimes Investigation Unit“, die in der norddeutschen Nachkriegszeit Kriegs- und Holocaustverbrechern nachstellte.


Best-of & Worst-of 2021

Maulwurf, Lovemobil, Wetten, dass…?

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Leute lieben Ranglisten. Die 15 leckersten Grünkohlrezepte, die 25 coolsten Clubs, die 50 billigsten Anmachsprüche – wer Inspiration sucht, findet sie im Mahlstrom des Massengeschmacks. Beim TV-Programm sind solche Rankings aber schon deshalb komplizierter, weil informatives, amüsantes, kurzweiliges Entertainment mehr als alles andere Auslegungssache ist. Zeugen 14 Millionen Zuschauer einer reanimierten Show von höherer Güte als einige Hunderttausend der besten Doku des Jahres? Solche Ansichtssachen kann keine Rangliste klären. Unser TV-Klassement 2021 ordnet daher auch weniger Qualitätskriterien als Erregungspotenziale ein. Gut ist gutes Fernsehen trotzdem, schlechtes schlecht, und in der Mitte läuft der Tatort.

Best-of 2021

1. Joko & Klaas gegen ProSieben

Es war kein Aprilscherz, über den das Netz Anfang April diskutierte, sondern ernstes Resultat einer Gaudi: Nach gewonnenem Spaßduell gegen ProSieben, nutzten Joko & Klaas die 15 Minuten Primetime dafür, eine Pflegerin gut sieben Stunden bei der Arbeit zu beobachten. Selten zuvor war Fernsehen ohne Aufwand, Drama, Kommentare bedeutsamer.

2. Mare of Easttown, Sky

Eigentlich reicht es, Kate Winslet reglos vor eine Wand zu stellen – die Oscarpreisträgerin ist auch ohne perfektes Drehbuch sehenswert. Doch wenn sich letzteres zu erster gesellt und eine Serie wie Mare of Easttown ums miserable Leben einer Kleinstadtpolizistin im Bann verschwundener Mädchen dabei herauskommt, ist es ein Glück, dass Winslet jede Figur mit so zurückhaltender Inbrunst verkörpert.

3. Der Maulwurf, ZDF info

Schwer zu sagen, was an der dänischen Info-Doku The Mule sehenswerter war – der Blick in den irren Führerstaat Nord-Korea oder wie er zustande kam? Egal: Wenn der arbeitslose Koch Ulrich Larsen und ein Fremdenlegionär das Regime unter Einsatz ihrer Leben dazu bringen, eine falsche Waffenfabrik in Afrika zu bauen, ist das Resultat Sachfernsehen wie ein Thriller.

4. Faking Hitler, RTL+

Um aufzuzählen, was RTL+ 2021 Sehenswertes in Serie eigenproduziert hat, reicht der Platz kaum aus. Eine Verfilmung der Wirecard-Story, das Kammerspiel Acht Zeugen, der Schirach-Prozess Glauben und dann noch Sisis Comeback – alles fast so sehenswert wie Faking Hitler, die weniger ulkige, aber sehr kluge Schtonk!-Adaption mit Moritz Bleibtreu als Tagebuchfälscher und Lars Eidinger als Stern-Gläubiger.

5. Schwarze Adler, Prime Video

Wenn Dokumentarfilme emotional und nüchtern sind, unterhaltsam und ernst, forsch und demütig, erbost und milde, künstlerisch und wahrhaftig – dann landet man fix bei Torsten Körner. Mit Schwarze Adler skizziert er klug wie immer den beharrlichen Rassismus im deutschen Fußball, liefert aber vor allem Porträts nicht-weißer Spielerinnen und Spieler, die zwar zu Tränen rühren, aber kämpferisch machen.

6. Sisi, RTL

Oje, schon diese Idee – RTL lässt Sisi auferstehen. Das Resultat aber war erstaunlich: Realismus statt Schmalz, ein Kaiser mit Kanten, sechs Folgen ohne Pathos, natürlich Weichzeichner und Geigen, aber stilvoll. Sven Bohses Remake ist trotz saftiger Sisi mit Holzdildo respektabel – und zeigt wie Boris-Becker-Biopic Der Rebell: RTL kann mehr kann als Ballermann.

7. Eldorado KaDeWe

Wenn Historytainment deutsche Zwischen- bis Nachkriegszeit bebildert, dominieren Kostüm und Kulisse die Handlung. Eldorado KdW war sich der Grandiosität seiner Erzählung diverser Frauen und Männer im Weimarer Kaufhausumfeld so sicher, dass Julia von Heinz der ARD ein exzessives, sechsteiliges, brillant besetztes Stück Weltliteratur am Bildschirm erschaffen hat.

8. Beforeigners, ARD

Als Zeitreisende von Steinzeit bis Fin de Siècle aus dem Osloer Fjord klettern, sind die Beforeigners nicht nur Figuren eines tragikomischen Historienkrimis, sondern das Originellste, was seit langem aus der Heimat serieller Triebtäter nach Deutschland kam. Abgesehen vom dänischen Arte-Zehnteiler Wenn die Stille einkehrt, wo ein Terroranschlag zur Basis einer herausragenden Psychoanalyse aller Betroffenen wird.

Worst-of 2021

1. Lovemobil, NDR

Qualitätsmedien sind unter populistischem Beschuss. Als Elke Lehrenkrauss die Prostituierten ihrer Provinzstudie Lovemobil von Darstellern spielen ließ, verging sich die Regisseurin also nicht nur am NDR, den Zuschauern und der Wahrheit, sondern einer ganzen Branche im Ringen um Glaubwürdigkeit. Gut, dass die hauseigene Redaktion STRG_F für Aufklärung sorgte.

2. Sat1

Sat1, Weltkriegsveteranen erinnern sich, war einst ein Vollprogramm mit Format, Bedeutung, Journalisten. Und heute? Ist es eine Vollprogrammattrappe mit Claudias House of Love, Promis unter Palmen oder Plötzlich arm, plötzlich reich – zynische Fremdschamformate voller Sexismus, Mobbing, Homophobie, die Menschenverachtung nicht dulden, sondern fördern.

3. The Drag in Us, ZDF

Nach dem famosen Netflix-Drama Pose klang die Idee einer deutschen Transgender-Sitcom durchaus charmant. Doch The Drag and Us war nicht nur die lausigste, sondern diskriminierendste TV-Serie zur sexuellen Vielfalt 2021 – emanzipatorisch Bierzelt, stilistisch Hausmeister Krause. Kein Wunder: dessen Star Tom Gerhardt war am Neo-Machwerk beteiligt.

4. Ein Hauch von Amerika, ARD

Nazis? Gar nicht so schlimm und in der Minderheit! Amerikaner? Schon deshalb schlimmer als Nazis und vorwiegend Rassisten! Wer dem Mehrteiler Ein Hauch von Amerika Glauben schenkt, hält die Befreiung von 1945 flugs fürs größere Verbrechen als die zwölf Jahre zuvor. Noch erstaunlicher als der Erfolg dieses revisionistischen ARD-Machwerks war da nur, dass es von einem Israeli namens Dror Zahavi stammt.

5. Die letzte Instanz, WDR

Was Thomas Gottschalk, Janine Kunze, Micky Beisenherz, Jürgen Milski, Steffen Hallaschka vereint? In ihrer weißen Wohlstandsexistenz haben sie niemals mit Rassismus zu tun, durften im WDR-Talk Die letzte Instanz aber darüber diskutieren. Ihr Urteil: Rassismusopfer sind nur zu sensibel. Der Shitstorm war noch zu klein für so viel Ignoranz von Kanal und Personal.

6. Zervakis & Opdenhövel.Live, ProSieben

Als inmitten der Pandemie öffentlich-rechtliches Personal wie Jan Hofer zur Privatkonkurrenz ging, drohte sich das Nachrichtenniveau anzugleichen – bis Zervakis & Opdenhövel oder das peinliche Baerbock-Interview von Tilo Mischke & Katrin Bauerfeind zeigten: Politik können ARZDF doch besser. Was allerdings nicht für Bundestagswahl-Trielle gilt – da waren Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch die Besten.

7. Wetten, dass…?, ZDF

Um zu sehen, wie sich das Publikum nach Lagerfeuern sehnt, langte ein Blick auf die Comeback-Quote von Wetten, dass…?. Um zu sehen, wie diese Sehnsucht trog, langte Gottschalks Versuch, fürs sprachliche bis handliche Gefummel Absolution zu fordern. Statt neuer ZDF-Ideen also habituelles Mittelalter. Dann doch lieber Jörg Draegers Rückkehr zu Geh aufs Ganze!.

8. Squid Game, Netflix

An südkoreanischer Popkultur ist kein Vorbeikommen. Ob Squid Game deshalb zur erfolgreichsten Netflix-Serie überhaupt wurde, bleibt ungeklärt. Tatsache ist: Hwang Dong-hyuks Echtzeitdystopie über ein tödliches Kinderspiel, bei dem Wohlstandsverlierer ihr Leben gegen Reichtum setzen, war zwar hochwertig gemachter, aber komplett selbstreferenzieller Horror-Porno für schlichte Gemüter.