Fernsehquerdenker & Rollergirls

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. April

Puh. Also. Hmm. Sagen wir mal, auf dem Weg vom We Love to Entertain You zum We’d like to Inform You ist noch reichlich Luft nach oben. ProSieben mag mit Jan Hofer, Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel gerade öffentlich-rechtliches Fachpersonal fürs Journalistische horten – was Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock direkt nach ihrer Nominierung am vorigen Montag im Exklusiv-Interview abverlangt haben, war – hüstel – doch eher gut gemeint als gelungen.

Natürlich kann ein bisschen frischer Wind das Info-Genre ähnlich auflockern wie Jörg Kachelmanns Blumenkohlwolken einst den Wetterbericht. Aber ob man den siegreichen Teil einer grünen Doppelspitze fragen muss, ob sie nicht im Duo mit Robert Habeck antreten wolle, ob ihr der Arsch auf Grundeis gehe und Eierstöcke vonnöten seien, vom Applaus am Ende ganz zu schweigen – nun ja… Aber wie ARZDF auf die Hoffnungsträgerin vom Trampolin reagiert haben, lässt auch nichts Gutes bezüglich der Überparteilichkeit befürchten.

Selbst Claus Kleber behandelte Baerbock so zahm, dass Caren Miosga in den Tagesthemen als einzige jenen Biss zeigte, der sie weiter östlich ins Fadenkreuz demokratiefeindlicher Regime rücken würde. Während die Pressefreiheit in Russland, Polen, Ungarn stirbt, ist diesbezüglich aber auch Deutschland abgerutscht. Für Reporter ohne Grenzen sie nur noch gut statt zufriedenstellend. Während der Journalismus vielerorts unter staatlichem Sperrfeuer steht, wird er hierzulande allerdings eher vom rechten Pöbel angegriffen.

Ach ja, und von Jan Josef Liefers. Unterm Hashtag #allesdichtmachen brachte er 52 Kolleg*innen dazu, ulkige Videos gegen die Corona-Politik zu drehen. Vorgeblich wollte der diktaturerfahrene Dresdner mit seiner „Ironie“ gegen „die Medien“ den Meinungskorridor erweitern; doch produziert vom populistisch auffälligen Konrad A. Wunder wühlen TV-Stars von Wotan Wilke Möhring bis Ulrich Tukur (weibliche von Heike Makatsch bis Ulrike Folkerts ziehen ihre Videos grad reuig zurück) so tief im Verschwörungssumpf, dass es Applaus nur von der AfD und ihrer SA aus Pegida, Querdenkern, Bild-Zeitung hagelt.

Bis auf Liefers, der sich bei 3 nach 9 zuschalten ließ und die BRD im WDR-Interview unterschwellig mit der DDR gleichsetzte, offen debattiert haben nur Gegner der Aktion wie Kida Khodr Ramadan, die meisten der Allesdichtmacher*innen allerdings ließen Presseanfragen unbeantwortet und origineller noch: ihre Kommentarspalten gesperrt. So viel zum Thema, man wolle zu einer offenen Debatte anregen.

Die Frischwoche

26. April – 2. Mai

Leider kann man sich nicht mehr wünschen, sie landen alle bei Promis unter Palmen: die heutige Fortsetzung hat Sat1 nach einer Reihe homophober Mobbing-Skandale abgesetzt. Ist eh interessanter, zeitgleich den ZDF-Film Das Versprechen zu sehen, in dem Regisseur Till Endemann gleich zwei soziokulturelle Tabuthemen behandelt: Alleinerziehende Väter und männliche Depression – beides eigentlich rein weiblich besetzt Themen, also für Schauspielerinnen wie Tanja Wedhorn.

In der zweiten Staffel Fritzie wächst das Telenovela-Pflänzchen parallel im ZDF weiter zum ernstzunehmenden Schauspielbaum heran. Jan Josef Liefers dürfte das alles zu modern sein, weshalb wir ihm hier lieber das konventionelle Vorwende-Melodram Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution empfehlen. Leicht ostalgischer Pathos – genau sein Stil. Und im Anschluss deckt sein Soulmate Maria Barth bei RTL auf.

Für Leute mit mehr Geschmack als Sendungs- und Marketingbewusstsein und gäbe es folgendes: Die spanische Magenta-Serie Alive and Kicking, in der ab Dienstag vier verhaltensauffällige Teenager aus der Psychiatrie fliehen und sich selbst entdecken. Ebenfalls im Coming-of-Age-Spektrum mit unerwartetem PoC-Faktor spielt ab Freitag die amerikanische Netflix-Serie Concrete Cowboy, bevor Neo (23.25 Uhr) den französischen Zehnteiler Derby Girl aus der französischen Rollerball-Szene zeigt. Und zwischendurch verpflanzt der Psychothriller Things Heard & Seen ein New Yorker Ehepaar am Donnerstag in ein Vorstadthäuschen, das sich als House of Horrors entpuppt – alles wie das SciFi-Stück Voyagers (Freitag, Amazon) garantiert Liefersfrei.


Prinz Philip & Brennpunkt Wedding

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. April

Sieben. Was nach einem Drama von David Fincher klingt, ist die Zahl der Sender, denen das Begräbnis von Prinz Philip Übertragungen wert war, Spitzenmeldung bei Tagesschau und heute inklusive. Das Ableben eines Greises, der seine Privilegien, den Reichtum, all die feudale Selbstherrlichkeit auf Usurpation entrechteter Untertanen, Völker, ganzer Nationen begründet, sollte das Jahr 2021 zwar pietätvoll verschweigen, aber gut: zuvor hatte sich Prinz Marcus von Anhalt, Herzog zu Sachsen und Westfalen, mit Drittnamen nicht zufällig Adolf getauft, auf Sat1 so homophob geäußert, dass es die Woche verachtenswerter Aristokratie in den Medien war.

Zumindest in solchen, die Jan Böhmermann tags zuvor im ZDF Magazin Royal als erlogenen Auswurf skrupelloser Verlage entlarvte oder wie er ihn nennt: Quantitäts-Journalismus. Mit dem nämlich belügen Bauer, Burda, Funke, Klambt ihr Publikum nach Strich und Faden, bis auch die Reputation des Qualitäts-Journalismus an den Abgrund des demokratiefeindlichen Rechtspopulismus gerissen wird. An dieser Stelle sind wir gar nicht weit weg von der neofeudalen Kleptokratie unzähliger Unionspolitiker*innen, denen die Schlammschlacht zwischen Armin Laschet und Markus Söder sehr gelegen kam.

Seit sich die Alpharüden der strukturkorrupten CDU/CSU öffentlich um den Eisernen Thron zanken, ist von Maskendeals bestechlicher Mandatsvergewaltiger nicht mehr die Rede. Die Presse liebt nun mal den aktuellen, nicht verachtenswertesten Skandal, weshalb der kleinere um Elke Lehrenkrauss ins Feuilleton der Zeit abgewandert ist, wo die Filmemacherin dem NDR-Redakteur ihrer inszenierten Doku Lovemobil eine Teilschuld zuschob. Der habe sie vernachlässigt. Einmal nur sei er vorbeigekommen. „So baute sich keine vertraute Atmosphäre auf“, sagt Lehrenkrauss.

Lügen wegen Unterbehütung? Muss man auch erst mal drauf kommen. Worauf vor kurzem auch noch niemand gekommen wäre: dass der oder die grüne Spitzenkandidat*in heute nicht ins Hauptstadtstudio von ARZDF zum Antritts-Interview geht, sondern – kein Scherz: zu ProSieben. Aber da gehen neben Baerbock/Habeck ja jetzt auch Leute wie Linda Zervakis hin…

Die Frischwoche

19. – 25. April

Auch interessant: es ist abgesehen von Joko & Klaas gegen ProSieben am Dienstag das einzig bemerkenswerte Angebot der Woche beim Entertainmentkanal. Fast schon uninteressant: Stattdessen bestimmen Streamingdienste das Geschehen. Etwa TNT, wo Özgür Yıldırım nach 4 Blocks die nächste Berliner Kiez-Serie liefert. Herausragend an Para ist dabei nicht nur, wie authentisch seine Hauptfiguren die Sehnsucht des Brennpunkts Wedding nach Krümeln vom Kuchen der Wohlstandsgesellschaft suchen. Herausragender ist, dass es vier erfrischend derbe Frauen sind, die hier im (klein)kriminellen steilgehen.

Nachdem Martin Freeman ab morgen als verklemmter Bibliothekar der Sky-Liebeskomödie Ode to Joy die Richtige sucht, hört Christoph Maria Herbst als vereinsamter Pädagoge Tilo Neumann zwei Tage später bei Now auf innere Stimmen, um sein tristes Dasein umzukrempeln. Zeitgleich wandert derselbe Hauptdarsteller vom gleichen Portal zu RTL, wo Der große Fake mit anschließender Doku zur Wirecard-Story im Free-TV läuft. Tags drauf gibt es mit der Netflix-Serie Shadow & Bone Fantasy-Futter für Fans der Roman-Trilogie Legenden der Grisha, während Sky mangels ausreichender Kino-Auswertung bereits Christopher Nolans Lockdown-Meisterwerk Tenet zeigt.

Anything else? Nicht viel. Ab Freitag (23.30 Uhr) unterhält sich der Berliner Schauspieler Daniel Donskoy in der WDR-Latenight Freitagnacht Jews ausgerechnet am Ruhetag Schabbat mit Glaubensbrüdern und -schwestern über jüdisches Leben in Deutschland. Zwei Tage, nachdem ProSieben die bedrückende SuperGau-Serie Chernobyl fortsetzt, zeigt Arte am Mittwoch um 20.15 Uhr seine themengleiche Dokufiktion Die letzten Tage Luxemburgs. Und Freitag zeigt der Kulturkanal die ganz und gar wunderbare Christina Hecke beim nächsten Einsatz als Kommissarin Mohn der Krimi-Reihe In Wahrheit. Darüber hinaus bieten die realen Krimis vom Führungsstreit der Union bis zum Kampf der Inzidenzwerte aber ja schon genug reales Entertainment.


Haltungswut & Tonis Welt

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. April

Nee, nee – Rezo, dieses neue Video war kein Geniestreich. Seit deiner legendären CDU-Zerstörung giltst du zu Recht als Stimme einer wütenden Vernunft, der die Generationen X bis Z gleichermaßen zuhören. Dein Furor war faktenbasiert, der Jugendslang altersaffin. Jetzt aber zerhackst du gewohnt hochfrequent die Corona-Politik der Bundesregierung, doch so richtig und wichtig das ist: globalisierte Netzvokabeln wie ranten und wack und shady und was weiß ich in die Glasfaser zu keifen, ersetzt nicht das, was du eigentlich am besten kannst: verwertbare Informationen mit einer Mischung aus Wut und Haltung in die Köpfe zu dreschen.

Diesmal jedoch flog definitiv zu viel Geifer am Headset vorbei, diesmal warst du einfach zu zornig, um Nachhaltigkeit zu erzeugen. Und das ist angesichts deiner Kontrahenten, call them Feinde, die falsche Strategie. Von denen nämlich gab es auch in der vorigen Woche zu vernehmbare. Den BR-Komiker Helmut Schleich zum Beispiel, der sich im SchleichFernsehen schwarz angemalt hat, um einen afrikanischen Sohn von Franz Josef Strauß zu karikieren. Blackfacing! Im Jahr 2021! Und das auch noch beispiellos humorfrei!

Der öffentlich-rechtliche Rassismus ist aber nur halb so schäbig wie die Reaktion des Senders. Eine BR-Sprecherin verteidigt Schleichs AfD-Humor ja damit, „künstlerische Freiheit“ sei „ein hohes Gut, lotet aber manchmal auch Grenzen aus“ und die Aufgabe der Satire, „Dinge überspitzt darzustellen“. Gut, überspitzen wir’s mal so: Helmut Schleich ist ein Rassist, und wo wir beim Überspitzen sind: Hendrik Streeck ein Querdenker, weshalb es zwar überraschend war, dass der „Virologe“ seinen RTL-Podcast mit der „Journalistin“ Katja Burkart nach nur zwei Folgen aus „Termingründen“ einstellt, aber ein Grund zur Freude.

Das gilt indes nicht dafür, dass Linda Zervakis nach zehn Jahren die Moderation der Tagesschau abgibt – schon, weil Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung zur Hauptsendezeit jetzt wieder fest in blutsdeutscher Hand ist. Apropos Diversität: Nachdem die Sendung der Vorwoche mit The Mole auch schon eine Dokumentation war, ist der Tipp auch diesmal sachlicher Art.

Die Frischwoche

12. – 18. April

In Schwarze Adler schildert Thorsten Körner ab Donnerstag bei Amazon Prime das bizarre Schicksal farbiger Fußballnationalspieler, seit mit Erwin Kostedde in den Siebzigern erstmals einer mit dem titelgebenden Vogel auf der Brust spielte. Dabei sammelt der renommierte Medienjournalist nicht nur ergreifende Geschichten betroffener PoCs, sondern erstellt die Milieustudie einer Nation, die bis heute auf der Suche nach ihrem Umgang mit Andersartigkeit ist.

Mit weniger Realismus versucht das auch ein Spin-Off der Serienlegende Club der roten Bänder. In Tonis Welt kauft sich ein ehemaliger Stations-Insasse mit Asperger-Syndrom das Großelternhaus seiner Freundin mit Tourette-Syndrom. Auch, wenn die achtteilige Selbstbehauptungs-Dramedy ihren Diversitätshumor ab Mittwoch oft überzieht, entsteht daraus ein Dorfporträt von ähnlicher unterhaltsamer Wahrhaftigkeit wie Mapa. Voriges Jahr glänzte das Schicksal eines Witwers mit neugeborenem Baby bei Joyn+, Samstag ist es frei zugänglich in der ARD-Mediathek zu sehen.

Die Neustarts der Woche derweil im Schnelldurchlauf: Heute startet bei Sky die HBO-Superheldinnenserie The Nevers, eine Art retrofuturistischer Spionage-Mystery im viktorianischen Zeitalter. Ähnlich nostalgisch wirkt die Science-Fiction der Joyn+-Serie Strange Angels ab Donnerstag. Parallel dazu lässt Magenta eine Gruppenreise schwererziehbarer Jugendlicher in die Berge so eskalieren, dass Wild Republic nach zwei Folgen an Herr der Fliegen erinnert. Tag drauf startet Disney+ seinen Highschool-Basketball-Dreiteiler One Shot. Samstag porträtiert Judd Apatows fiktives Biopic The King of Staten Island auf Sky den Standup-Komiker Pete Davidson als Feuerwehrmann. Und bevor der dokumentarische Fünfteiler Interview mit einem Serienmörder die Woche bei Starzplay abschließt, empfehlen wir das fünfteilige 3sat-Porträt Wie ein Fremder am Samstag, 20.15 Uhr. Sechs Jahre hat der Filmemacher Aljoscha Pause dafür den Musiker Roland Meyer de Voltaire begleitet, dessen Band Voltaire 2005 als kommende Superstars gehandelt wurde, dann aber in sich zusammenbrach.


Gesundheitsdoku & Dokumaulwurf

Die Gebrauchtwoche

29. März bis 4. April

Während eine sprunghaft steigende Zahl Einzelfälle der strukturkorrupten CDU/CSU die Pandemie zur Selbstbereicherung mit medizinischem Material nutzt, während Querdenkende aller Herren Lager dem Pflegepersonal ins Gesicht spucken, während ihm der bürgerliche Rest ab und zu mal gönnerhaft vom Balkon zuklatscht, hat Pro7 am Mittwochabend einmal mehr allen gezeigt, wohin sich Anstand und Ethik des Privatfernsehens verkrümelt haben.

Statt um 20.15 Uhr zweimal 9-1-1-Notruf L.A. und Seattle Fire Fighters zu zeigen, räumte der kleine Bruder von Sat1 seine Primetime für eine Reportage aus dem Uniklinikum Münster. Durch den Wackelblick ihrer Bodycam führt die Pflegerin Meike Ista vom Morgengrauen an sieben Stunden unsichtbar durch ihren Arbeitsalltag, während Kolleg*innen anderer Einrichtungen im Splitscreen schildern, wie kaputt das Gesundheitssystem ist, wie unterbesetzt, überlastet – und wie das Personal darin auf applaudierende Balkons pfeift, sofern man ihnen endlich Respekt, Geld, Zeit, Anerkennung spendet.

TV

Obwohl das Hauptprogramm an Ereignislosigkeit kaum zu unterbieten war, verbuchte ProSieben gut zwölf Prozent, in der Zielgruppe gar 17,2 Prozent Quote – gegen Fußball auf RTL und das Märchen eingefahrener Sehgewohnheiten, die angeblich ständiger Reizüberflutung bedürfen. Die qualitativ wie quantitativ abgestürzte Sendermutter Sat1 landete unterdessen mit Bullshit-Fernsehen à la Claudias House of Love in der Publikumsgunst hinter Nitro im Promillebereich.

Kurz, bevor Hape Kerkeling so auszusehen beginnt wie Jens Riewas Vater, hat RTL ihn wie zuletzt 2015 in Let’s Dance für einige Shows und Serien verpflichtet. Noch während sich der Komiker Helmut Schleich allen Ernstes das Gesicht dunkel färbte, um einen afrikanischen Sohn von Franz-Josef Strauß zu spielen, hagelte es Rassismusvorwürfe an den BR. Und nachdem CEO Julia Jäkel so auszusehen begann wie Sabine Christiansen, verlässt sie G+J, wo künftig ihr Vorstandskollege Stephan Schäfer (46) daran mitarbeiten wird, Bertelsmann mit RTL zu fusionieren.

Die Frischwoche

5. – 11. April

Ob das etwas daran ändert, wie belanglos der Ex-Marktführer ist? Schwer zu sagen. Aber in dieser Woche ist das Bemerkenswerteste die Intelligenzverachtung Pocher vs. Influencer ab Mittwoch. Zwei Tage zuvor macht es ZDFInfo: Für seine Frontaldoku The Mole schickte der dänische Filmemacher Mads Brügger den arbeitslosen Koch Ulrich Larsen nach Nordkorea, wo er mit dem falschen Milliardär „Mr. James“ illegale Waffendeals einfädelt. Das ist fast zu bizarr, um wahr zu sein, aber von der ersten bis zur 120. Minute so real, dass es schmerzt.

Gleiches gilt auf leichterem Niveau für einen Film der New York Times, die nun auch beim Streamen mitmischt. Framing Britney Spears porträtiert den weiblichen Megastar der Boygroup-Ära ab heute auf Amazon als selbstbestimmtes Opfer einer misogynen Branche, die es gezielt in den Abgrund gerissen hat. Ebenfalls auf der Sachebene gutgemacht dürfte der Late-Night-Ausflug des Podcasters Tommi Schmitt (Gemischtes Hack) sein. Ab Donnerstag leuchtet sein Studio Schmitt die Schnittmengen von Realität und Fiktion aus.

0-Frischwoche

Eine Schnittmenge, die auch Ralf Husmanns neuester Streich, bei dem das Lachen im Halse steckenbleibt, ab Donnerstag auf TVNow liefert: Mirella Schulze rettet die Welt acht Teile lang in Gestalt eines 13-jährigen Quälgeistes, der nicht nur optisch an Greta Thunberg erinnert, sondern zum Leidwesen ihrer Umgebung inklusive lokalem Chemiekonzern und eigener Familie auch noch ständig Recht hat mit ihrem Einsatz fürs Klima. Bei AppleTV trifft Oprah Winfrey dafür Mittwoch eine leibhaftige Freiheitskämpferin: Amanda Gorman.

Der Rest in Stichworten: Tom Hanks brilliert heute auf Sky als Der wunderbare Mr. Rogers. In der SyFy-Serie Resident Alien leben Außerirdische ab Donnerstag unter uns. Der Neo-Zwölfteiler Dead Pixels karikiert Freitag eine britische WG unverbesserlicher Gaming-Nerds. Und schon, weil es so selten ist: Doktor Ballouz hat tags zuvor mit der medizinischer Realität zwar so viel zu tun wie das Querdenker-Kuscheln der Stuttgarter Polizei mit Recht & Ordnung, aber einen so schön traurigen Chefarzt, hat die ZDF-Medizin noch nie gesehen.


Doku-Fiktionen & Wirecard-Story

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. März

Was die Wahrheit ist, das gilt zurecht als schwer umstritten, was die Wirklichkeit ist, dagegen – trotz und grade wegen populistischer Quergedanken – weniger. Dachte man. Bis Anfang voriger Woche. Montag nämlich wurde publik, dass die preisgekrönte NDR-Dokumentation Lovemobil über die entwürdigende Sexarbeit am Rande niedersächsischer Städte zwar inhaltlich korrekt war, aber mit Schauspieler*innen besetzt. Ein Freier soll sogar zum Freundeskreis von Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss gehören. Nun ist der Ärger groß, die Grimme-Nominierung perdu und ein bisschen auch das Renommee faktenbasierter Unterhaltung.

Freuen wir uns also darüber, endlich mal offen über Realismus im Sachfernsehen zu reden. Der nämlich wird ja schon von der Themenauswahl beeinträchtigt. Auch Personal und Kameraführung, Drehbuch, Chronologie, gar Schnitt, Ton, Licht nehmen Einfluss aufs Tatsächliche. Die Wirklichkeit ist eben, was daraus gemacht wird. Normalerweise kann sie das ab. Es sei denn, die erwähnten Querdenker grätschen mal wieder von rechtsaußen rein.

Ein polnisches Gericht etwa hat das ZDF zu einer Entschuldigung für das Kriegsmelodram Unsere Mütter, unsere Väter verurteilt, da es Kriegsveteranen verunglimpfe. Das ist schon wegen der Kunstfreiheit staatspopulistischer Unsinn. In einem Land zumal, das Journalist*innen noch schlechter behandelt als Deutschland, wo voriges Jahr 69 Opfer meist rechter Angriffe gezählt wurden. Es verkennt aber auch, dass sich das ZDF eigentlich bei allen dafür entschuldigen müsste, die Deutschen in UMUV erneut fiktional von aller NS-Schuld reingewaschen zu haben.

Und damit zum Stühlerücken auf dem Boulevard populistischer Eitelkeiten. Dieter Bohlen meldet sich vorm DSDS-Finale krank und wird durch Thomas Gottschalk ersetzt. Nena outet sich als Verschwörungsfan und wird von Kathi Witt begleitet. Julian Reichelt darf weiter die Bild-Belegschaft tyrannisieren, kriegt jedoch Alexandra Würzbach zur Seite. Jan Hofer wechselt als Anchor zu RTL und Eva Herman, nein die bleibt Adolfs Eva Braun von heute.

Die Frischwoche

29. März – 4. April

Wie schön ist es da doch, sich mit gutem Entertainment vom Irrsinn abzulenken, und nein – damit ist nicht die RTL-Show I Can See Your Voice gemeint, in der ab Dienstag irgendwer irgendwas singt. Auch nicht die Kleider-Geschichten, mit denen Netflix Donnerstag die Kleiderordnung von Mary Condo nachspielt. Interessanter erscheint dagegen eine Echtzeitaufarbeitung unvollendeter Historie.

Noch bevor die Milliardenbetrüger Markus Braun und Jan Marsalek auch nur vor Gericht stehen, arbeitet TVNow Mittwoch die Wirecard-Story in einem Dokudrama von Raymond und Hannah Ley auf. Das fügt dem Kenntnisstand zwar 95 Minuten lang nichts Neues hinzu. Christoph Maria Herbst und Franz Hartwig aber leihen den Hauptschuldigen des größten Wirtschaftsskandals unserer wirtschaftsskandalträchtigen Tage allerdings sehr eindrückliche Gesichter.

Das gilt auch für die Free-TV-Premiere der Now-Serie Lambs of God, in der es drei spirituell wie räumlich entrückte Nonnen ab Mittwoch vier Folgen auf One mit der Zivilisation zu tun kriegen und dabei zeigen, wie drastisch sich der Glaube mitunter gegen die Gegenwart zur Wehr setzt. Realitätsgetreu lässt der BBC-Achtteiler The Serpent Freitag auf Netflix den Serienkiller Charles Sobhraj aus den Siebzigern auferstehen und parallel dazu die Bordellbesitzerin Madame Claude aus den Sechzigern.

Nachdem Sky bereits heute Tiger Woods ein Golf-Porträt widmet und dem berüchtigten Frauenarzt Dr. Quincy Fortier tags drauf bei die Missbrauchsdoku Baby God, freuen wir uns aufrichtig übers neue Format von Michael Herbig – obwohl er nur die Nebenrolle spielt. In Last One Laughing sieht Bully ab Donnerstag bei Amazon Humorprofis von Wigald Boning und Teddy Teclebrhan über Anke Engelke und Carolin Kebekus bis Torsten Sträter und Mirco Nontschew dabei zu, wie sie sich eingekerkert in eine Comedy-WG nicht gegenseitig zum Lachen bringen, was wirklich sehr komisch zu sein scheint.


Reichelts Kultur & Laras Zeugen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. März

Also echt mal: „Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen“, wie ein Sprecher der Menschenrechts-NGO Bild die völlig haltlosen Vorwürfe gegen den Friedensnobelpreisträger Julian Reichelt kommentierte, „ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar“. Amen. Jetzt könnte man natürlich denken, die Satire-Abteilung der ARD hätte sich in die PR-Abteilung von Europas weltgrößtem Boulevardblatt geschlichen. Aber letztere meint so was exakt so ernst wie es erstere ernst meint, wenn sie Dieter Nuhr Woche für Woche ein prominentes Portal seiner misogynen Weltsicht bietet.

Donnerstag hat er es nämlich wieder und wieder und wieder getan: Das Gendern zu bashen und dabei Fakten durch AfD-Argumente zu ersetzen. Armer, weißer, physisch junggebliebener, geistig greisenhafter Mann: wie schlaff müssen deine Testikel im Feinripp hängen, dass er immer und immer und immer wieder nach unten tritt, weil er sich nach oben zu treten ja schon lange nicht mehr traut und Konzepte wie Identitätspolitik halt einfach nicht versteht, sondern würde er ja versuchen, wenigstens ab und zu mal zu differenzieren.

Dass Dieter Nuhr vornehmlich von jenen noch Gelächter erntet, die auf der Kasseler Querdenken-Demo Samstag Journalist*innen attackiert haben, nimmt er da vermutlich längst schon nicht mehr nur in Kauf. Es zählt zu seinem Wirkprinzip. Darin ähnelt der Comedian Hendrik Streeck, der ähnlich viele Fahnen in den Wind der Querdenker hängt wie dessen komödiantischer Fürsprecher. Woraus sich Mittwoch übrigens ein ulkiger Disput mit Jan Böhmermann ergeben hat, dem ausgerechnet der Verschwörungsvirologe einseitige Polemik vorwarf.

Witzig. Lachhaft ist dagegen langsam nur noch der Dauerhinweis aller, wirklich aller Sportreporter (deren Gendersternchen mangels Reporterinnen überflüssig sind), wie öde es ohne Publikum im Stadion sei – schon, weil es so blöde ist, dass diese Stadien voller Sportprofis sind, die behaupten, keine Privilegien zu genießen.

Die Frischwoche

22. – 28. März

Donnerstag zum Beispiel hat der Fußball erneut keines, wenn er seine dauergetesteten Millionäre massenhaft zu Länderspielen durch ganz Europa schickt und damit jedes epidemiologische Konzept mit Füßen tritt. Ob RTL das am beim Spiel der Deutschen gegen Island erwähnen wird? Wohl kaum – Geschäftspartner kritisiert man nicht im Privatfernsehen. Schließlich herrscht nicht nur, aber besonders dort das Prinzip maximaler Affirmation im Umgang mit Verwertungsketten.

Wenn Disney+ tags zuvor 1. Geburtstag feiert, kann man dieses Prinzip bestens begutachten. Dort wird alles, wirklich alles aus dem Milliardenkonzern wiedergekäut. Freitag zum Beispiel die Mighty Ducks. Anfang der Neunziger machte Emilio Estevez als Coach eines Eishockeyteams voller Nerds und Looser drei Kinofilme lang Kasse. Jetzt kehrt er mit exakt demselben Prinzip als Serie auf den Bildschirm zurück. Es lebe das Fließband, an dem auch die – zugegeben divers männliche – Superheldenserie The Falcon and the Winter Soldier entstanden ist.

Ein anderes Format klingt dagegen eher nach Manufaktur Im starbesetzten Sixties-Melodram Godfather of Harlem lässt Disney zeitgleich das New York der Ära Malcolm X auferstehen (wobei das keine Eigenproduktion, sondern ein ABC-Ankauf ist). Extra für Amazon produziert wurden hingegen zwei parallel startende Prime-Serien: das Superheldenkinder-Animé Invincible. Und La Templanza. So heißt ein spanisches Weingut der 1860er Jahre, von dem aus zwei unterschiedliche Dynastien zehn Folgen lang auf Liebes-, Geschäfts- und Intrigenpfade gehen. Trotz allem Pathos sehr ansehnlich.

Das gilt auch für 8 Zeugen mit Alexandra Maria Lara als Erinnerungsexpertin, die in jeder Folge der TVNow-Serie einen davon durchleuchtet, um ein verschwundenes Kind zu finden. Noch zwei Arte-Formate zum Schluss: Der deutsch-französische Sechsteiler Frieden skizziert ab Donnerstag (21.10 Uhr) drei junge Menschen in der Nachkriegszeit. Und Samstag (22 Uhr) widmet der Kulturkanal dem Psychologen Oliver Sacks ein virtuoses Interviewporträt.


Reichelts Penis & Lukes Bäume

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. März

Huch, Julian Reichelt, als Bild-Boss qua Amtsdefinition ein misogyner Macho aus dem Mesozoikum männlicher Selbstherrlichkeit – ausgerechnet der soll gegen den weiblichen Teil seiner Redaktion Machtmissbrauch und Mobbing bis hin zur sexuellen Nötigung praktizieren, wie der Spiegel über interne Ermittlungen berichtet, die Jan Böhmermann Freitag zuvor bereits angedeutet hatte? Verrückte Idee! Gilt doch allein schon Reichelt quellendes Brusthaar als Beleg seines feministischen Geschlechterdenkens. Vermutlich haben die ungefickten Bild-Bitches an der Kaffeemaschine also einfach mal wieder zu heiße Klamotten angehabt – was soll ein echter Kerl wie dieser denn dann bitte anderes machen als zuzugreifen?

Umso ritterlicher, dass er sich selbst beurlaubt und den Verleumdern Klagen angedroht hat. Und huch, das englische Königshaus, begründet auf Ausbeutung und Rassismus, soll Vorbehalte gegen Prinz Harrys schlammblütige Frau Meghan hegen? Gibt’s ja gar nicht! Was es nach Oprah Winfreys Interview mit den abtrünnigen Royals gab, waren 30 Prozent Marktanteil für RTL, die Aussicht auf noch zwei Staffeln The Crown und ein Tsunami, der selbst den Brachial-Talker Pierce Morgan mitgerissen hat, nachdem er in seiner ITV-Show Good Morning Britain wie üblich Partei für die reaktionäre Rechte, also Queen und Sun ergriffen hat.

Wobei man Flutwellen auch surfen kann. Der Abgang von Morgan, moralisch verhornt im braunsten Abraum der Yellow Press, wird als bewusster Eklat angesehen, um ein englisches Fox News zu besetzen. Sollte es demnächst ein deutsches geben, stünde der gefeuerte Sky-Reporter Jörg Dahlmann bereit, den nach allerlei Männerwitzen über Spielerfrauen nun ein Sushi-Vergleich zum Verhängnis wurde. Während ihm der deutsch alternative Windfähnchen-Wissenschaftler Hendrik Streeck dank eines RTL-Podcasts mit Chemie-Nobelpreisträgerin Katja Burgard nicht folgen kann, stünde Anna Schneider von der neurechten NZZ als Berlin-Korrespondentin bereit, nachdem sie sich gestern im Presseclub als Fan frauenfreier Volksvertretungen gezeigt hatte. Und Dieter Bohlen wäre seit seinem Abschied von DSDS als Juror eines möglichen Fox-Castings frei.

Die Frischwoche

15. – 21. März

Dessen künftiger Ex-Sender wagt sich heute auf sozialfaktisches Terrain, wenn Henning Baum dort um 20.15 Uhr Hinter den Kulissen der Polizei Reporter spielt. Ulkige, aber irgendwie auch naheliegende Idee des Rot- und Blaulichtkanals. Die Konkurrenz von Sat1 simuliert parallel mit LUKE! Die Umwelt und ich Nachhaltigkeit, die aber spätestens im Reklameblock als Opportunismus entlarvt werden dürfte, wenn für SUVs und anderen Scheißegalkonsum geworben wird.

Auch damit ist also erklärbar, dass Sat1 von Vox auf Platz 5 der Quotenliste verdrängt wurde. Dort läuft schließlich ab Mittwoch die fabelhaft morbide Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht als Free-TV-Premiere. Online startet dagegen heute die fiktionale Istanbul-Studie Paper Lives auf Netflix und setzt damit die Reihe hervorragender Serien aus der Türkei fort. Nicht ganz so hervorragend, immerhin jedoch optisch furios ist die achtteilige Tarantino-Hommage Sky Rojo ab Freitag an gleicher Stelle über drei spanische Edel-Huren auf der blutigen Flucht vor ihrem Zuhälter.

Gleicher Kanal, gleiche Zeit, gewöhnliches Thema: die 1. Staffel der amerikanischen Nanny-Comedy Country Comfort, tags drauf gefolgt von der 2. Staffel Ausgebremst mit Maria Furtwängler als entnervt lustige Fahrschullehrerin bei TNT. Morgen schon beginnt bei Joyn+ die Bostoner Familien-Sitcom The McCarthys. Und dann wären wir auch schon bei Runde drei der Ku’damm-Reihe im ZDF – diesmal im Jahr 1963. Wie immer opulent kostümiert, wie immer ein bisschen frauenbewegt, wie immer arg oberflächenverliebt.


Durchstechereien & Frauentage

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. März

Durchstechereien, das ist ja auch wieder so ein Begriff, der schmieriger klingt, wenn ihn Nazis verwenden. Als Durchstecherei hat es deren parlamentarischer Sturmbannführerarm Timo Chrupalla bezeichnet, dass Verfassungsschützer die Einstufung seiner NS…, Pardon: AfD als rechtsextremen Verdachtsfall kolportierte, was das Kölner Amtsgericht (zu Recht) verboten hat. Wobei – sind Durchstechereien offener Tatsachen überhaupt Durchstechereien?

Als Interpretationshilfe stechen wir an dieser Stelle ein paar Dinge durch, die ähnlich außer Frage stehen wie Demokratie- und Menschenverachtung der AfD: Thomas Bellut bewirbt sich 2022 nicht um eine dritte Amtszeit als ZDF-Intendant. Schon zur nächsten Bundesliga-Saison tauscht die Sportschau den Streber Matthias Opdenhövel durch die strebsame Esther Sedlaczek aus. Und Disney verkauft seine 50-prozentigen SuperRTL-Anteil ans deutsche Mutterhaus.

Eines, das Ende August leerausgeht, wenn die Grimme-Preise vergeben werden. ProSieben geht dafür mit drei Nominierungen in Marl an den Start, die 42 der ARD überstrahlen ohnehin wieder selbst 15 Stück von ZDF, 3sat und Arte, wohingegen es Digitalformate insgesamt nur auf Dutzend Preisanwärter bringt – je vier von funk und Netflix plus zwei für Joyn. Das dürfen in Zukunft durchaus ein paar mehr werden. Ein paar weniger als erwartet haben Streamingdienste vorigen Montag in einer Video-Schalte aus L.A. und N.Y. gewonnen, als die Hollywood Foreign Press Association ihre Golden Globes vergeben hat.

Während die Berlinale auf gezoomter Sparflamme lief, war es wie immer: alte weiße Männer nominieren Durchschnitt wie die Netflix-Serie Emily in Paris, verschleudern Preise an The Crown, vergessen Preiswerteres wie Mank, und aus deutscher Sicht bedauerlich: auch Helena Zengel Auftritt in News of the World. Ein Mädchen, das sich in maximal misogyner Cowboy-Zeit von Männern aber mal gar nichts sagen lässt – das wäre ein moderneres Emanzipationssignal gewesen als pinke Pralinen und Blumensträuße, die Konsumkonzerne zum heutigen Weltfrauentag als Mitgift bewerben.

Die Frischwoche

8. – 14. März

Die Filmreihe Von Frauen über Frauen mit der Doku Lift Like a Girl über ägyptische Gewichtheberinnen zum Auftakt, wirkt da heute nur so lange progressiver, bis man(n) die Sendezeit sieht: 0.20 Uhr. Vier Stunden früher sendet das ZDF ein gutgespieltes, aber klischeehaftes Drama namens Plötzlich so still, in dem Friederike Becht den Tod ihres Babys durch den Diebstahl eines anderen kompensiert. Was verzweifelte Mütter aus bürgerlicher Sicht halt so machen…

Aber gut, immerhin sind Frauen hier keine Sextoys harter Kerle wie parallel bei Kabel 1 (Transformers) und RTLzwei (Love Island) oder bessere Hausmädchen wie bei WDR (Land und lecker), BR (Landfrauenküche) und SWR (Lecker aufs Land). Streamingdienste sind da – ungewollt oder nicht – schon ein paar Schritte weiter. In der Starzplay-Serie The Attaché zum Beispiel spielt eine Diplomatin aus Frankreich ab Sonntag die Hauptrolle, der ein Musiker aus Israel am Tag der Anschläge vom November 2015 nach Paris folgt, um ein herausragend inszeniertes Beziehungsdrama im Schatten des Terrors aufzuführen.

Auch auf Joyn+ sind es Donnerstag jüngere Frauen, die große Jungs und Alphagreise vor sich hertreiben. Oberflächlich handelt Katakomben von illegalen Raves unter München, doch zwischen dem Eye Candy für Influencer, geht es sechs Teile lang um die wachsende Ungleichheit einer männlich gemachten Immobilienblase. So ähnlich funktioniert die norwegische HBO-Groteske Beforeigners. Wenn die Ahnen der Skandinavier (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) aus dem Meer auftauchen, wirkt das auf heitere Art fantastisch. Da die schwierige Integration der „Menschen mit temporalem Hintergrund“ aktuelle Rassismus-Diskurse aufgreift, sind sechs Folgen am Stück durchaus bedeutsam. Weder lustig noch wichtig, sondern konventionell, aber solide sind die Pembrokeshire Murders (Donnerstag, Magenta) und das achtteilige Beziehungsdrama Blinded (Dienstag, One). Und Mittwoch (20.15 Uhr), porträtiert ZDFinfo Das bizarre Leben des Software-Millionärs John McAfee, der mit mehreren Morden in Verbindung gebracht wird.

Außerdem sind die freitagsmedien wieder in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Jan Freitag bespricht mit Eric Leimann diesmal die neuesten Filme und Serien im Monat März:


Jens Spahn & Eddie Murphy

Die Gebrauchtwoche

22. – 18. Februar

Ach Facebook… Nicht nur, dass dich Alterskohorten jenseits der Generationen Y bis Z ungefähr so zeitgemäß finden wie ARD und ZDF; jetzt tust du auch noch alles dafür, die Generationen X bis W(eimar Republik) zu verprellen. Erst ein lächerlicher Kleinkrieg mit Australiens News-Anbietern, den der fürchterliche Medienmonopolist Rupert Murdoch (vorerst) gegen die furchtbare Datenkrake gewonnen hat. Dann sperrt Facebook inklusive Instagram auch noch einen Monitor-Beitrags über den Anschlag von Hanau, weil Georg Restle angeblich gegen Richtlinien verstößt.

Es bleibt also dabei: auch außerhalb teil- oder ganztotalitärer Regime von Polen über Russland bis China, stehen seriöse Medien unter feindlichem Beschuss. Nach einem Bericht des betroffenen Tagesspiegel lässt ja selbst Jens Spahn offenbar Journalist*innen von Bild oder Stern ausspähen, die über ein dubioses Tauschgeschäft recherchieren: 2017 habe der Gesundheitsminister eine Wohnung vom Pharma-Manager Markus Leyk Dieken gekauft, den er zwei Jahre später zum Geschäftsführer der Gematik GmbH machte, die wiederum kurz nach der staatlichen Übernahme von 50 Prozent der Anteile das Gesundheitswesen digitalisieren soll.

Der Kauf sei vor Spahns Amtsantritt erfolgt und damit Privatsache, wiegelt ein Sprecher ab. Na ja, so privat eben, wie momentan eine Virusinfektion ist. Mit der übrigens kam Anfang vorigen Jahres Mai Thi Nguen-Kim zu multimedialem Ruhm. Nun hat das ZDF die chemisch promovierte, überaus telegene und höchst vertrauenserweckende Wissenschaftsjournalistin für seine Fachsparte verpflichtet. Ein Engagement, das den Blick fraglos auf jüngere Zielgruppen wirft.

Die Frischwoche

1. – 7. März

Ab Freitag wärmt Disney+ das britische Klosterdrama Black Narcissus im Himalaya auf, mit dem Deborah Kerr 1947 zwei Oscars gewann. Ein antiquierter Stoff – auch, wenn ihn Showrunnerin Amanda Coe mit psychedelisch animierter Gothic-Aura und der großartigen Gemma Arterton als spirituell und heterosexuell schwankende Hochgebirgsnonne modernisiert. Richtig modern ist demgegenüber die feministische Highschool-Komödie Moxie um eine rebellische Schülerzeitung in den USA, ab Mittwoch auf Netflix. Und noch richtiger modern wirkt die Coming-of-Age-Serie We Are Who We Are ab Sonntag auf Starzplay.

Wohingegen das Porträt der retrofuturistischen Pop-Ikone Billie Eilish The World’s a Little Blurry in seiner empathischen Kinderzimmer-Melancholie fast schon wieder nostalgisch ist. Richtig nostalgisch gerät ein Sequel der gestrigen Art: Freitag setzt Amazon Prime allen Ernstes Der Prinz aus Zamunda von 1988 fort – ohne Regisseur John Landis, aber mit Eddie Murphy, also irgendwo zwischen aha und oje – dort also, wo sich für gewöhnlich Let’s Dance (Freitag, RTL) aufhält, dessen Spannbreite niemand besser ausdrücken könnte als die Mittänzer Jan Hofer und Micky Krause.

Bei so viel guter Laune empfehlen wir an dieser Stelle aber doch noch mal ein Stimmungsdämpfer. Heute erinnert die ARD (23.35 Uhr) an Fukushima und die Folgen vor zehn Jahren. Und weil selbst Katastrophen fiktional Spaß machen: die Netflix-Serie I Care A Lot nimmt Amerikas strikt ertragsorientierten Umgang mit Senioren so beißend auseinander, dass man bei aller guten Unterhaltung spätestens nach einer Folge beschließt, in den USA nur reich oder besser noch: gar nicht alt zu werden.

Außerdem sind die freitagsmedien seit kurzem in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Einmal im Monat bespricht Jan Freitag darin mit Eric Leimann die neuesten Filme und Serien:

https://open.spotify.com/episode/47DR013Y3qpKy0qXN8buEz


Rush Limbaugh & Aylin Tezel

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Februar

Sitten & Gebräuche ist ein sehr deutscher Zweiklang, vergleichbar mit Recht & Ordnung, Lohn & Brot oder auch das einst beliebte Führer-Hauptquartier, was sogar noch deutscher klingt als Dreiklänge wie 30, 60, 95 Grad. Ein besonders seltsamer Sittengebrauch ist diesbezüglich das seltsame Konstrukt, über Lebende herziehen zu dürfen, aber bloß nicht über Tote. Meistens ist das auch okay. Hier aber wollen wir alle Pietät kurz fahren lassen und freuen uns aufrichtig über den Tod von Rush Limbaugh.

Jahrzehntelang hat der Moderator Amerikas Talk Radio mit Hasstiraden gegen alles verdreckt, was links von Goebbels, Strauß, Papst Franziskus steht. Schwule und Frauen, Liberale und Klimaschützer, Abtreibung und Feminismus – aus Sicht dieses besonders weißen aller alten Männer Teufelszeug, das nur seine Götter von Reagan bis Trump austreiben konnten, die er entsprechend vehement ins Amt pöbelte. Nun ist der Zigarrenfan mit 70 Jahren gestorben, und als theoretisches Objekt seiner praktischen Verachtung muss man sich kurz mal zügeln, ihm kein qualvolles Siechtum gewünscht zu haben. Wie gesagt – Sitten & Gebräuche.

Mit denen hatte auch Jochen Breyers Interview mit Karl-Heinz Rummenigge im ZDF-Sportstudio zu tun, wo er dem Bayern-Präsident virtuos vor die Lederhosen knallte, wie selbstgerecht, neoliberal und weinerlich sein Verein die Sitten & Gebräuche von Politik & Sport verachtet. Freilich nicht, ohne sich dabei auf Sitten & Gebräuche zu berufen, die auch Google hochzuhalten vorgibt, wenn es ein Titanic-Cover sperrt, weil es die Würde von Papst Franziskus, Oberhaupt eines frauen-, demokratie- und kinderfeindlichen Führerkultes, höher einstuft als Meinungs- und Pressefreiheit.

Aber das teilt der Tech-Gigant aus Mountain View mit seiner Konkurrenz im Menlo Park, wo Facebook alle Nachrichtenseiten Australiens sperren ließ, weil deren Betreiber die Frechheit besaßen, dem Billionen-Konzern einige Hunderttausend seiner 86 Milliarden Dollar Gewinn dafür abzunehmen, ihre journalistischen Inhalte zu verbreiten. Dagegen sind sieben deutsche Ziffern nicht mal mehr Peanuts: mit seiner heißen Brandmeister-Folge Feuer erzielte der Bergdoktor Donnerstag im ZDF 7,26 Millionen Zuschauer. Ein neuer Quotenrekord für den Publikumskrösus und damit fast auf Tatort-Niveau, das gestern in Dortmund wie immer spielend erreicht wurde. Wenngleich erstmals ohne Aylin Tezel an Jörg Hartmanns Seite.

Die Frischwoche

22. – 28. Februar

Die jagt dafür ab morgen in der Neo-Serie Unbroken sechs Folgen lang Menschenhändler – und zwar aus ganz eigenem Interesse: Gleich zu Beginn wird der hochschwangeren Kommissarin Alex Enders das Kind aus dem Mutterleib gestohlen, was dramaturgisch zwar konventionell ist, schauspielerisch allerdings außergewöhnlich. Und das gilt ausnahmsweise auch mal für den Drei-Mimik-Superstar Jürgen Vogel.

Im Autokabinenkammerspiel Keine besonderen Vorkommnisse ist er ab Donnerstag bei TV Now an der Seite von Serkan Kaya als Polizist zu sehen, der sechs Episoden sehr unterhaltsam auf einen Drogendeal wartet, der sich partout nicht ereignet. Schöne Idee – auch wenn sie australischer Herkunft ist. Ähnlich schöne Idee, ähnlich toll gespielt ist die Tragikomödie Glück kommt selten allein (Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF) um eine Dreiecksbeziehung von Max Hopp, Valerie Niehaus und Dirk Borchardt, die Ernst Stötzner als herrlich verschrobener Ex-Kommunist aufmischt.

Alte Idee, routiniert gespielt, also irgendwie öde, ist die Fortsetzung der Superschurkenserie Pennyworth, zeitgleich auf Starzplay, die 2. Staffel der Sky-Anwaltsserie For Life ab Mittwoch oder die Premiere einer schönen Hobby-Detektivin Mit Liebe zum Mord tags drauf bei Universal TV. Und auf den Vox-Hundecoach Martin Rütter als Quizkegelmaster von Die rote Kugel ab Dienstag kann die Welt ohnehin verzichten.

Ganz im Gegensatz zur hinreißend wirren Milieu-Studie Solsidan (Donnerstag, 21.45 Uhr, One) aus Schweden, Stephen Kings Horrorserie The Stand (Sonntag, Starzplay) aus den USA oder die brasilianische Sportdoku Pelé, die dem Fußballer ab Dienstag auf Netflix ein sehenswertes Denkmal setzt, ohne ihm in den Arsch zu kriechen.