Notre-Dame & Sabine Postel

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. April

Disaster Porn ist ähnlich wie Herdprämie für die staatlich alimentierte Hausfrauenehe ein Begriff, der Kritikern gesellschaftlicher Missstände von den Kritisierten um die Ohren gehauen wird. Katastrophenpornografie bezeichnet nämlich den Hang vieler Medien, die Zahl der freigeräumten Sendezeit und Zeitungsseiten von Opferzahlen und Knalleffekten abhängig zu machen. Deshalb schaffen es Busunglücke wie das in Madeira vom Mittwoch selbst dann die Schlagzeilen dominiert, wenn sie im hinterletzten Winkel Südasiens geschehen, was im Umkehrschluss bedeutet: Der gewöhnliche Überlebenskampf vor Ort interessiert leider nur dann, wenn die Liedtragenden zufällig alle auf einmal, statt tagtäglich sterben.

In diesem Licht der Aufmerksamkeitsindustrie muss man – obwohl dort niemand körperlich zu Schaden kam – auch den Brand der Kathedrale Notre-Dame sehen. ARD und ZDF wird nämlich wie bei so vielen Breaking News vorgeworfen, ihr Programm nicht flugs unterbrochen und vom Flammenherd berichtet zu haben. Hier allerdings liegt die Sache ein wenig anders. In Paris brannte nämlich ein Gotteshaus, wenngleich ein wichtiges. Punkt. Darüber haben die öffentlich-rechtlichen Sender, wie auch das Medienmagazin DWDL kommentiert, absolut angemessen berichtet und damit ihrem Staatsauftrag ausreichend genüge geleistet.

Was man im Rückblick eher weniger von der Art und Weise sagen kann, wie das ZDF mit seinem Nischenzugpferd Jan Böhmermann in der Affäre ums so genannte Schmähgedicht gegen Reccep Tayyip Erdoğan umgegangen ist. Und jetzt hat der Moderator auch noch vorm Berliner Landgericht gegen Angela Merkel verloren, die ihm damals öffentlich vorgeworfen hatte, den türkischen Staatspräsidenten „bewusst verletzt“ zu haben. Dabei ist Böhmermann einer der ganz wenigen, die mit etwas mehr Wertschätzung von Politik und Sendern den anhaltenden Abstieg des alten Leitmediums verlangsamen könnte. Erstmals wird die Internetnutzung demnächst nämlich die des Fernsehens auf dann gut 170 Minuten täglich überholen.

Wo genau in diesem Wettstreit Game of Thrones steht, ist ungeklärt. Produziert vom analogen HBO, ging die erste Folge der 8. Staffel über den digitalen Server von Sky auf Sendung – was am beispiellosen Hype wenig änderte, obwohl das Finale bislang alles andere als weltbewegend war. Das kann man von dem der Bremer Tatort-Ermittler Lürsen und Stedefreund nicht behaupten.

Die Frischwoche

22. – 28. April

Wenn sich Sabine Postel und Oliver Mommsen heute nach 18 Jahren vom harmonischsten aller Duos verabschieden, gibt es (versprochen!) einen Fall voller Knalleffekte mit (versprochener!) furiosem Abgang der Darsteller. Einerseits: absolut angemessen! Andererseits: so überdreht steigt die Neue im Dresdner Tatort am nächsten Sonntag sogar ein, was der wunderbaren Cornelia Groeschel folglich einen vogelwilden, aber wirklich würdigen Start in ihrer Heimatstadt gewährt. Wie immer an der Grenze zum bloßen Klamauk ist Tim Burtons Ode an die menschliche Besonderheit auf seiner Insel der besonderen Kinder, die Sat1 zeitgleich zeigt.

Zwei Stunden zuvor dürfen wir dem Syrer Firas Alshater in der ZDF-Reportage Ach, du liebes Heimatland bei seiner entzückenden Rundreise durch seine Wahlheimat D und dessen ursprünglich „christliche“ ominöse „Leitkultur“ zusehen. Dazu zählt mit etwas mehr Fantasie, als Leitkulturfans oft haben, auch die Jugendkultur, der sich die RTL-Plattform TV Now ab Samstag mit der – so heißt das ernsthaft: „Young Adults“-Serie Wir sind jetzt! beschäftigt. Eine Schar sehr moderner Spätteenies versucht hier vier Teile lang, erwachsen zu werden, ohne erwachsen zu werden. Bisschen aufdringlich, aber von peer to peer, also offenbar authentisch.

Das gilt auch für den Nachfolger von Zimmer frei im WDR. Ab Sonntag (22.45 Uhr) sucht Moderatorin Lisa Feller mit einem Psychologen Das Tier in dir, also das zoologische Äquivalent ausgesuchter Kandidaten – zum Auftakt: Thomas Anders und, äh, Rudolf Mooshammers Pudel? Überraschenderweise ebenfalls im Dritten läuft morgen (22 Uhr, BR) Das Wunder von Wörgl, Urs Eggers realitätsbasiertes Zwischenkriegsmelodram mit Karl Marcowicz als Postbote, der die Weltwirtschaftskrise in seinem Alpendorf mit einer eigenen Währung bekämpft. Vor den Wiederholungen der Woche wäre an dieser Stelle mal die Erörterung nötig, warum ab Freitag auf Sky mit A Discovery of Witches schon wieder eine Fantasyserie mit Hexen startet.

Weil es müßig ist, die Marktmechanismen kommerzieller Angebote zu ergründen, empfehlen wir hier allerdings doch lieber Der mit dem Wolf tanzt (Mittwoch, 20.15 Uhr, Nitro) von und mit und über und unter und durch und neben Kevin Kostner, was 1990 echt schön war, sorry. Was bis in alle Ewigkeit toll sein wird, läuft parallel auf Arte: Jean-Luc Godards Außer Atem (1960) mit dem tollen Jean-Paul Belmondo und der noch tolleren Jean Seberg als Bonnie und Clyde der Nouvelle Vague, gefolgt von Bilderbuch, Godards experimentelles Kompilationsessay von 2018.

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Alexa Assange & Beyoncé Kalkofe

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. April

Ob du Journalismus hast oder nicht, sagt dir gleich das (Rampen-)Licht. Als würde Michael Schanze noch immer Plopp machen, poppten am vorigen Donnerstag Bekundungen am Bildschirm auf, die wie so oft Frage aufwerfen, wo denn nun die Politik endet und wo Berichterstattung beginnt. Nach der überraschenden Festnahme von Julian Assange zum Beispiel versicherte sein Chefredakteur Kristinn Hrafnsson vor Ecuadors Londoner Botschaft, „it’s journalism“, der den Wikileaks-Gründer 2012 ins politische Asyl getrieben hätte – und das, obwohl die Plattform Nachrichten nicht wie klassische Medien kuratiert, sondern lückenlos raushaut.

Nur wenig später dann kürte die World Press Photo Association ein Pressefoto als bestes der vergangenen zwölf Monate, das ein weinendes Mädchen aus Honduras zeigt, dem Donald Trump gerade an der mexikanischen Grenze die Mutter nimmt. Auch da fragt sich, ob die Jury wirklich John Moores spannend verschatteten Schnappschuss prämiert oder doch die soziokulturelle, Spötter könnten meinen: melodramatische Metaebene? Heulende Kinder gehen schließlich immer, so wie das Leid seit Jahrzehnten die Wahl zum Weltpressefoto ebenso dominiert wie die Arbeit einer wichtigen – aber auch journalistischen? – Plattform wie Wikileaks. An einem eiskalten Apriltag des Jahres 2019 merkte man also aufs Neue, wie schwierig es ist, die Gegenwart in Bilder, geschweige denn Worte zu fassen.

Ob Amazons maximal invasive Sprachassistentin Alexa ein Modulationssystem digitaler Codes ist oder doch bereits Big Sister 4.0 – diese Frage beginnt sich währenddessen Richtung Antwort b) zu klären. Denn wie jetzt bekannt wurde, hören nicht nur Algorithmen mit, wenn wir unseren Alltag sprachorganisieren, sondern Jeff Bezos’ Angestellte, also echte Menschen. China, so zeigt sich, sitzt auch ein bisschen an der amerikanischen Ostküste. Na ja, wenigstens dem abgewrackten Bay Watch-Star David Hasselhoff dürfte Alexa Neugierde egal sein – so lange sie ihm andauernd auf die Nennung seines Namens hin versichert, „David Hasselhoff ist ein Superstar“, wie Boulevardmedien melden, lässt er sich gewiss gern aushorchen.


Die Frischwoche

15. – 21. April

Beyoncé Knowles dagegen dürfte ihren Namen nicht in irgendwas hineinsprechen, um sich ihrer Superstarhaftigkeit zu versichern. Das haben ihr schließlich bereits die Macher des kalifornischen Coachella-Festivals hinlänglich bewiesen, wo sie 2018 der erste farbige Headliner überhaupt war – woraus die geschäftstüchtige Sängerin dann flugs eine Dokumentation gemacht hat. Mittwoch hat Homecoming auf Netflix Premiere und nicht viel mehr Inhalt als Beyoncé beim Beyoncésein, was trotzdem sehenswert ist. Gleiches gilt für eine Doku, in der es um noch mehr nackte Haut geht, als die freizügige Künstlerin sie zu zeigen bereit ist: Ab heute zeigt Sky die – Zufall? – sechsteilige Dokumentation Porn Culture über Sex & Erotik in Film & Fernsehen der vergangenen 70 Jahre.

Um jetzt einfach mal den größtmöglichen Kontrast dazu zu finden, empfehlen wir an dieser Stelle mal Tele 5, das Donnerstag von 22.10 Uhr bis – kein Scherz! – Samstagfrüh um 1.15 Uhr zum 25. Geburtstag Kalkofes Mattscheibe wiederholt, nur unterbrochen von einer großen Primetime-Gala für den Moderator. Wem das dann doch zu viel Gaga-Betankung ist, kann sich Montag um 22.45 Uhr mit einer ernsten ARD-Doku übers Schicksal des deutsch-türkischen Reporters Deniz Yücel versachlichen und das tags drauf beim Arte-Themenabend USA – Rassekrieg und Waffenwahn noch nüchterner werden.

Alternativ kann er auch den dritten Teil der Herr-Lehmann-Reihe am Mittwoch auf gleichem Kanal sehen, wobei Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt zwar ohne Herrn Lehmann, aber mit Charly Hübner stattfindet, was dank Arne Feldhusens Regie  schlichtweg brillant ist. Dessen langjähriger Chefautor Ralf Husmann hat derweil die Bücher zum vierteiligen Rosenkrieg Merz gegen Merz geschrieben, wofür er ab Donnerstag (22.15 Uhr, ZDF) erstmals seit Stromberg mit seiner männlichen Muse Christoph Maria Herbst (und Annette Frier) arbeitet. Mit einem Zauberer als FBI-Ermittler arbeitet indessen die Prime-Serie Deception ab Samstag, nachdem Arte zwei Tage zuvor die HipHop-Abende mit dem Klassiker Boyz n the Hood von 1991 und anschließendem Konzertfilm von Rappern wie Snoop Dogg, Eminem, Dr. Dre oder Ice Cube (2001) fortgesetzt haben wird.

Was wiederum umstandslos zu den Wiederholungen der Woche überleitet, die am Montag mit Ein süßer Fratz (Montag, 20.15 Uhr, Arte) starten, wo Audrey Hepburn 1957 das Tanzbein mit Fred Astaire schwang, gefolgt vom fünf Jahre älteren Schwarzweißtipp Die Wahrheit über unsere Ehe an gleicher Stelle mit Jean Gabin, der einer Giftmörderin zum Opfer fällt und im Sterben sein Leben resümiert. Bleibt noch die Tatort-Empfehlung, diesmal das selige Frankfurt-Team Kunzendorf/Król in Es ist böse von 2012, was am Dienstag um 22 Uhr im BR schwer unter die Haut geht.


Sturm der Liebe & Schwarzwaldniveau

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. April

Wer je bei Galileo miterleben musste, wie ProSieben-Moderator Aiman Abdallah gewissenlose Sauereien wie Billigfernflüge oder Wintererdbeeren als good news gepriesen hat, müsste zwar vorsichtig sein, wenn es gute Nachrichten im leichten Fach gibt, aber diese hier sind echt bemerkenswert: Das ZDF stellt nach 109 Folgen in 14 Jahren Der Kriminalist ein und die Jugendabteilung Neo nach 6.042.924 Folgen in 140 Jahren Inspector Barneby. Das Erste dagegen kippt bedenkenlos den soziokulturell bedeutsamen Dauerbrenner Lindenstraße vom Sender, gibt aber 400 neue Folgen Rote Rosen und Sturm der Liebe in Auftrag, was ungefähr so deprimierend ist wie die Tatsache, dass der Bauer-Verlag ein Rätselmagazin namens PILAWA mit richtig großen Buchstaben herausbringt.

Aber all dies wäre kaum der Rede wert, hätte sich das Massenfernsehen nicht so willenlos der Lächerlichkeit preisgegeben, als es Greta Thunberg zuvor eine Goldene Kamera für Klimaschutz verliehen hat. Klingt nobel. Doch wie die Schülerin der anwesenden Filmbranche auf dem Podium eigenes Versagen vorwarf und dafür aasigen Applaus erntete, wie sie das Ende fossiler Vergeudung auch im Showbiz forderte und später zusehen musste, wie – kein Witz – ein SUV als Goodie verschenkt wurde, wie sich die ganze Veranstaltung somit in zynischem Irrsinn auflöste, das brachte die Verlogenheit der vielfliegenden, designtragenden, ressourcenintensiven Branche gut auf den Punkt.

Vielleicht ist es da doch keine so schlechte Idee, dass Facebook den Platzhirschen mit der angekündigten Eröffnung eines Nachrichtenkanals weiter Dampf macht. Von den Privatsendern ist diesbezüglich weniger zu erwarten; schon, weil die sich lieber mit Streamingportalen messen wollen, wie der neue RTL-Chef Thomas Rabe nach dem angeblich freiwilligen Rückzug von Gruppen-CEO Bert Habets – als erste Amtshandlung verkünden ließ.

Die Frischwoche

8. – 14. April

Ob das was nützt, wenn selbst schwedische Netflix-Eigenproduktionen wie das sechsteilige Amoklauf-Psychogramm Quicksand ganz ohne Nordic Noir-Sterotypen fesseln oder die amerikanische Dramedy Ein besonderes Leben ab Freitag einen schwulen Behinderten jenseits aller Klischees zur Hauptfigur macht? Im ZDF läuft dagegen ein Zweiteiler mit – steht zu befürchten: Reihenpotenzial. Vor lauter Suspense heißt er Schwarzwaldkrimi und schafft es Montag plus Mittwoch, selbst gute Schauspielerinnen wie Jessica Schwarz dank des bescheuerten Drehbuchs auf Seifenoperniveau zu drücken.

Parallel dazu gelingt es Sat1 heute um 20.15 Uhr unverhofft gehaltvoll, die weit weniger begabte Sonja Gerhardt als Staatsanwältin im Justizdrama Ein ganz normaler Tag gegen jugendliche Gewaltkriminalität kämpfen zu lassen. Und wo wir vorhin schon kurz beim Thema Nordic Noir waren: Das schwedische Gesellschaftsdrama Stockholm Requiem spielt am Sonntag (22.15 Uhr, ZDF) im jüdischen Viertel der Hauptstadt und ist nicht nur sehr dicht, sondern unter Lisa Ohlins Regie sehr weiblich inszeniert, ohne von Liebe, Lifestyle, Trallala zu handeln.

Doch was immer die Woche von Ranga Yogeshwars extrem lehrreicher KI-Reportage Der große Umbruch (Montag, 22.45 Uhr, ARD) über Shahak Shapiras achtteilige Stand-up-Premiere Shapira Shapira (Dienstag, 23.15 Uhr, Neo) und Joachim Gaucks Spurensuche 30 Jahre Mauerfall drei Stunden zuvor im ZDF bis hin zum mehrtägigen Arte-Schwerpunkt zur HipHop-Kultur ab Freitag, 21.45 Uhr, mit der US-Doku Rize und N.E.R.D. in Concert prägt: es steht im Schatten von – nein, nicht Mario Barth, der Mittwoch auf RTL diesmal unter anderem Jürgen Vogel und Dieter Nuhr dazu bringt, ihre Seele an den populistischen Brachialkomiker zu verlieren; alles spitzt sich auf Game of Thrones zu, dessen letzte Staffel von Sonntag um drei Uhr an scheibchenweise auf Sky verabreicht wird.

Gegen das Finale der erfolgreichsten Serie von heute verblassen sogar die Wiederholungen der Woche wie die erfolgreichste Serie der Neunziger Bay Watch, deren 243 Folgen ab Mittwoch um 15.55 Uhr mit 350 neuen Songs bei Nitro laufen. Oder Franics Ford Coppolas Director’s Cut von Apocalypse Now Redux, der Freitag um 22 Uhr auf 3sat mit 190 Minuten fast so lang ist wie Harry Potters Stein der Weisen bei Sat1. Wobei davon natürlich fast eine Stunde auf Werbung entfällt. Reklamefrei ist dagegen der Zeuge der Anklage (Montag, 20.15 Uhr, Arte) in Schwarzweiß von 1942 mit Cary Grant als Ex-Sträfling in einer stilbildenden Ménage à Trois mit einem Jura-Professor und der schönen Nora (Jean Arthur). Buchstäblich ohne Unterbrechung läuft natürlich auch der Tatort, in diesem Fall Fall Nr. 999 Borowski und das gefallene Mädchen von 2016 (Freitag, 22 Uhr, ARD), als Axel Milberg noch mit der wunderbaren Sibel Kekilli in Kiel ermittelte.


Urheberrecht & Grimmepreise

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. März

Also gut, Artikel 13 heißt jetzt 17 und die 15 fortan 11 oder so ähnlich, aber insgesamt wurde das neue Urheberrecht nach entfesselter Debatte mit verblüffend deutlicher Mehrheit verabschiedet. Im Gegensatz zum parallel beschlossenen, völlig realitätsfernen Aus der Zeitumstellung, wurde das Europäische Parlament also nicht vom PR-flankierten Populismus der Straße umgestimmt. Trotzdem hinterlässt der Streit um die gesetzlich verordnete Selbstkontrolle profitgieriger Tech-Konzerne Spuren – und das nicht nur, weil der Kontinent kurz vor der Abstimmung erkennen musste, wie schwer die Welt zu erklären ist, wenn Wikipedia mal einen Tag offline ist.

Für die Rechte der Kreativen am eigenen Werk – ob nun Film, Theater, Fernsehen, Literatur, Musik oder auch nur ein kleines YouTube-Video mit Copyright – bedeutet der Urheberschutz nun ein Stück Sicherheit vor Ausbeutung, für Millionen Lifestyle-Influencer mit Schleichwerbevertrag keine – im Einzelfall durchaus wünschenswerte – Kanalschließung und fürs Internet im Ganzen auch nicht die flächendeckende (Selbst-)Zensur. Wobei die mit Blick auf RTL gelegentlich ganz wohltuend wäre. Mario Barths AfD-Spot gegen Dieselfahrverbote hat nämlich nicht dazu geführt, dass er von jenem Sender fliegt, den er sich seltsamerweise weiter mit dem ansehnlichen Team Wallraff teilt, dessen vorige Sendung mal wieder politische Konsequenzen hatte. Im Gegenteil.

Während Heinrich Breloers famoses ARD-Dokudrama Brecht am Mittwoch sogar noch weniger Zuschauer hatte als ZDFneo mit einer Wilsberg-Wiederholung, gewann Mario Barths zynische Aufklärungssimulation von rechts auch dank der vorangegangenen Medienschelte von links Zuschauer hinzu. Deren Gesamtzahl will Netflix-Chef Reed Hastings übrigens nur gelegentlich mal veröffentlichen. Immerhin hat er der Süddeutschen Zeitung aber versichert, langfristig keinen Live-Sport zu zeigen. Ob das eine gute Nachricht ist, darf man angesichts des Deutschen Sportjournalistenpreises, der am Montag in Hamburg verliehen wurde, skeptisch sein. Unter den Prämierten befand sich nämlich keine Frau. Einzig Laura Wontorra und Claudia Neumann schafften es in zwei der elf Kategorien auf den dritten Platz.

Die Frischwoche

1. – 7. April

Die wichtigere Branchentrophäe wird allerdings ohnehin erst diesen Freitag verliehen: Der Grimme-Preis. Weil es beim Festakt nicht um Form, sondern Inhalt geht, berichtet davon jedoch wie immer nur 3sat – und das auch nur als Konserve, in der um 22.25 Uhr Bad Banks, Böhmermann, Beat oder Catch! ausgezeichnet werden. Den Fang-mich-Ulk, der parallel auf Sat1 in Runde 3 der aktuellen Staffel geht, kann man mögen, darf man hassen, immerhin ist er aber mal kein Format, das uns die Fragilität des Planeten mit ressourcenfressendem Großaufwand vor Augen hält. Zeitgleich zur ungeheuer aufwändigen ARD-Tierreportage Wilde Dynastien startet heute Abend der Zehnteiler One Strange Rock, in dem ZDFinfo die Erde (leider ohne den Originalkommentar von Will Smith) von Grund auf analysiert. Am Freitag zieht Netflix mit Alestair Fothergills Naturschauspiel Unser Planet nach.

Das ist wie alle romantisierenden Geo-Dokus natürlich total schön fotografiert, lenkt uns damit aber doch bloß vom individuellen Zerstörungspotenzial jedes einzelnen Zuschauers ab. Dabei ist Fußball am Ende noch immer das beste Autosedativum. Die ARD verabreicht es uns ab Dienstag mal wieder zwei Abend in höchster Dosis, wenn sie vier der acht Viertelfinalisten des DFB-Pokals zeigt, zu denen – WTF! – erstmals seit 275 Jahren nicht der FC Bayern bei seinem weltbewegenden Heimspiel gegen Heidenheim zählt. Wie man hört, wurde Programmdirektor Volker Herres dafür bereits zum Rapport an die Säbener Straße zitiert.

Ums Zitieren geht es auch in der herrlichen Provinzgroteske Größer als im Fernsehen. Unter Christoph Schnees (Mord mit Aussicht) Regie, versucht die arme Lisa (Janina Fautz) ihren Erbhof am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte an Investoren zu verscherbeln, was jedoch nur gelingt, wenn sie einen Schlagerstar dazu bringt, nackt vor Oma zu singen. Mal wieder um einen Serienkiller geht es in der Sky-Serie Absentia ab Donnerstag. Nachdem sie sechs Jahre verschwunden war, taucht die FBI-Agentin Emily Byrne (Stana Katić) wieder in Boston auf und jagt fortan zehn Teile lang mit der Düsternis ihrer Abwesenheit im Gepäck den Täter. Und vor den Wiederholungen der Woche. unbedingt im Kalender notieren: Charly Hübners Dokumentardebüt Wildes Herz, dass der Schauspieler seinem Kumpel Jan “Monchi” Gorkow, dessen Punkband Feine Sahne Fischfilet beharrlich gegen die Nazis ihrer mecklenburgischen Heimat anrockt.

In Der Augenzeuge von 1980 bauscht der blutjunge William Hurt Montag (21.55 Uhr, Arte) einen Todesfall zum Mord auf, um Sigourney Weaver als blutjüngere TV-Reporterin zu beeindrucken, was heute (21.55 Uhr, Arte) voll in die Hose geht. Nachkoloriert, also eigentlich schwarzweiß: Als Teufelshauptmann eskortiert John Wayne in John Fords Westernlegende am Freitag um 22.45 Uhr im BR zwei Frauen durchs Monument Valley, was auch 70 Jahre später noch ungemein fesselnd ist. Wie das holländisch-belgische Psychodrama (Donnerstag, 22.25 Uhr) um den Eremiten Borgman (2013), der das bürgerliche Idyll einer Familie infiltriert. Irritierend. Den Tatort-Tipp Niedere Instinkte am Mittwoch um 22.05 Uhr im MDR empfehlen wir hier hingegen vor allem, weil es 2015 endlich der letzte von 21 Fällen mit Manfred Wuttke und Simone Thomalla war.


Barths Ignoranz & Himmels Willen

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. März

Als Debattenbeitrag getarnte Ignoranz ist ein Megatrend der modernen Mediengesellschaft. Im Internet wird er durch Kampfbegriffe wie Upload-Filter befeuert, mit denen die PR-Strategen der Tech-Giganten von Facebook bis Google User in Wallung lügen. Im Fernsehen sind es seit neuestem, nun ja, „Komiker“. Acht Tage, nachdem Mario Barth zum Thema Feinstaub und Fahrverbote bewiesen hat, wie AfD-gespeist seine Dummdreistigkeit ist, zog Dieter Nuhr nach. Donnerstag riet er den Zuschauern von Nuhr im Ersten, mehr T-Shirts aus Sweat Shops zu kaufen statt Verzicht fürs Klima zu üben. Dessen Wandel, gegen den freitags weltweit Schüler die Schule schwänzen, ist aus Sicht der elitären Ulknudel nur mit noch mehr Konsum zu retten.

Was beim RTL-Populisten Barth schon bedenklich, weil rasend schnell digital verbreitet war, wurde durch den angeblichen „Satiriker“ Nuhr nun vollends irre. Wenn selbst Entertainer, die formell zu Empathie und Logik fähig sind, ihr besseres Wissen verraten, dann ist das einst so honorige Fernsehkabarett wohl endgültig auf dem Weg zur gesendeten Bild. Anfang der Woche war es allerdings doch noch einmal das Original, dem die eigene Macht so wichtig war, dass es als einziges Medium von Belang die unsäglichen Bilder des rechtsextremen Terroranschlags von Christchurch geteilt hat.

Während es selbst brachiale Boulevard-Blätter wie die Hamburger Morgenpost vorzogen, schwarze Titelseiten zu drucken, sorgte das Springer-Sturmgeschütz dafür, dass der Attentäter sein Ziel maximaler Aufmerksamkeit auch wirklich erreicht. Aber gut – Chefredakteur Julian Reichelt würde gewiss auch Fotos seiner toten Mutter posten, wenn’s nur Clicks brächte. Oder auch Live-Streams aus Thomas Gottschalks Dickdarm. Warum der hier als Beispiel dient? Weil er nach DWDL-Recherchen 2020 ein Revival von Wetten, dass…? moderieren wird, was ein paar Tage, nachdem er im Interview mit Deutschlandradio Kultur beteuert hatte, unsterblich zu sein.

Die Frischwoche

25. – 31. März

Damit dürfte dann auch klar sein, wer nächstes Jahr um diese Zeit das kriegt, wofür das ZDF am Samstag wieder mal zweieinhalb Stunden kostbarer Primetime vergeudet: Die Goldene Kamera. Dabei hat ausgerechnet das Zweite in dieser Woche zwei sehr bemerkenswerte Ausstrahlungen im Angebot. Am Montag läuft dort der bemerkenswerte Justizthriller Gegen die Angst, in dem Nadja Uhl sehr glaubhaft gegen Berliner Clan-Gangster ermittelt. Und am Sonntag wird das heute-journal von 15 auf 30 Minuten verlängert. Klingt marginal, ist in Zeiten grassierender Dummheit, die auch der künftige Faktencheck bei Facebook durch dpa-Journalisten nicht lindern dürfte, ein weithin hörbares Zeichen öffentlich-rechtlicher Verantwortung.

Von der ist dann tags drauf aber schon wieder wenig zu spüren, wenn uns das Erste die 18. Staffel Um Himmels Willen beschert. Dann doch lieber tags drauf Runde 15 von Grey’s Anatomy auf ProSieben oder parallel dazu die ARD-Ausstrahlung von Heinrich Breloers episch schönem Biopic Brecht, das zuvor allerdings schon auf Arte gelaufen ist. Dort also, wo zeitgleich das wunderbare Filmporträt Paula läuft, mit der wunderbaren Carla Juri als stilbildende Malerin Modersohn-Becker. Der BR würdigt tags zuvor eine Kunstfigur der anderen Art: Um 22.30 Uhr wird dort das One-Bestseller-Wonder Patrick Süskind mit der Hommage Duft & Distanz gewürdigt.

Bevor wir hier nochmals eindringlich davor warnen, am Mittwoch Mario Barth deckt (Steuerbetrug) auf zu sehen oder besser: Menschen mit Moral dazu ermutigen, Barths Helfershelfer wie den Schauspieler Hendrik Duryn, den Moderator Florian König und den Fiskus-Kontrolleur Reiner Holznagel zur Rede zu stellen, wie sie sich mit dem populistischen Intelligenzverächter derart gemein machen können, freuen wir uns aber aufrichtig über ein paar Wiederholungen der Woche.

Zuallererst und immer wieder sehenswert: The Blues Brothers (Sonntag, 20.15 Uhr, 3sat) von 1980 mit der vielleicht legendärsten Autoverfolgung aller Zeiten. Gefolgt von der legendären Literatur-Verfilmung Der dritte Mann, in dem der noch legendärere Hauptdarsteller (Orson Welles) zur endlegendären Filmmusik (Anton Karas) durchs Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit jagt. Nur unwesentlich niedriger auf der Legendenskala steht Volker Schlöndorffs Roman-Adaption Die Blechtrommel von 1979 (Samstag, 22.50 Uhr, RBB). Auch aus Deutschland, wieder schwarzweiß, aber 40 Jahre jünger: Michael Hanekes Meisterwerk Das Weiße Band (Donnerstag, 22.25 Uhr) über die Spießbürgerhybris am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und auch der alte Tatort verhandelt ethische Fragen seiner Zeit: In Salzleiche (Montag, 22 Uhr, RBB) ermittelte Charlotte Lindholm 2008 einen Leichenfund im Atomklo Gorleben.


Hofer schwächelt & Gottschalk liest

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. März

Die Tagesschau, daran hat sich im Vergleich zur öffentlich-rechtlichen Monopolphase wenig geändert, ist das Hochamt informationeller Grundversorgung. Als Beleg dient abgesehen vom Nachrichtennutzwert der vorige Freitag, als Medien landauf landab über Jan Hofers Schwächeanfall vor laufenden Kameras berichtet haben – was nebenbei die Selbstauskunft der Redaktion nach sich zog, für die Moderation ihrer Hauptnachrichten genau 259,89 Euro zu zahlen. Noch stärker ins Auge sticht es allerdings, wenn sie ihr Niveau so drastisch unterläuft wie zwei Tage zuvor.

Da nämlich berichtete die ARD zur Primetime, dass der Angeklagte eines Mordprozesses geständig war. Mehr nicht. Warum in einer ereignisüberreichen Welt schwebende Verfahren, in denen trotz Geständnis bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt, zur Topmeldung taugen, ist weit bedrohlicher als die Tat an sich, also der Tagesschau unwürdig. Denn dass der mutmaßliche Mörder eines Mädchens aus dem Irak stammt, macht die Berichterstattung zum Kniefall vor Rechtspopulisten, die jede Nichtberichterstattung zum Volksverrat aufblasen würde.

Rechtspopulisten wie all jene, die ungewohnt schweigsam waren, nachdem einer der ihren in Neuseeland zwei Massaker an Muslimen begangen und live bei Facebook gestreamt hatte. Rechtspopulisten wie eine Frau, die am Mittwoch das ZDF-Morgenmagazin gestürmt und Dunja Hayali mit „Lügenpresse“ beschimpft hat, worauf sie der Wutbürgerin zwar anbot, zu reden, was die – hoppela – gar nicht wollte, sondern nur pöbeln. Einen Tag später holte die shitstormerfahrene Moderatorin dann übrigens Deutschlands Chefpopulistin ins Frühstücksfernsehen und ließ Alice Weidel darin selbstsichere Übellaunigkeit verbreiten.

Nicht minder rechtspopulistisch verhielt sich das türkische Regime, als es die Presseakkreditierung des ZDF-Korrespondenten Jörg Brase Anfang der Woche so grundlos erteilte, wie sie ihm zuvor verweigert worden war. Noch nicht populistisch, aber schon irgendwie undemokratisch verhielt sich der DFB-Präsident. Weil ihm Florian Bauers Fragen zur Fifa nicht passten, brach Reinhard Grindel ein Interview mit der Deutschen Welle ab. Kritische Fragen! Von einem Journalisten!! Sowas aber auch!!!

Die Frischwoche

18. – 24. März

Da kann Arte ja noch mal von Glück sagen, dass der Filmemacher Michael Wech für seine Doku über Die globale Antibiotika-Krise Gesprächspartner gefunden hat. So wurde Resistance Fighters zum Wissenschaftsthriller, der Dienstag um 20.15 Uhr zwar lehrreich ist, vor allem aber Angst macht, wie die Tierindustrie zum finalen Genozid ansetzt, dem künftig nach WHO-Schätzungen zehn Millionen Menschen pro Jahr zum Opfer fallen werden. Bis unser Konsumverhalten endgültig klar Schiff gemacht hat auf der Erde, lenken wir uns aber noch kurz bei Wilde Dynastien davon ab. Wie so oft in BBC-Dokus erzählt von Sebastian Koch, zeigen sie ab heute fünf Montag zur besten ARD-Sendezeit Tiere, von deren Sozialverhalten wir uns ein Scheibchen abschneiden sollten, um das Klima vielleicht doch nicht gegen die Wand zu fahren.

Ein paar Verbrauchertipps dagegen hat ab morgen an gleicher Stelle um 16.10 Uhr jemand parat, den man an dieser Stelle womöglich nicht erwartet hätte: Oliver Petszokat. Als Seifensänger Oli.P hatte er eine recht lukrative Popkarriere; jetzt moderiert der der frühere GZSZ-Star das Trödel-Format Hallo Schatz, in dem vermeintlich unnütze Gebrauchtgegenstände upgecycelt, also aufgewertet werden. Klingt dann doch ein bisschen nachhaltiger als sein beruflicher Werdegang… Nach Aufwertung leicht abgenutzter Gebrauchtwaren klingt auch das vogelwilde, halbfiktionale Band-Porträt The Dirt , mit der Netflix den Hair-Metallern Mötley Crüe Freitag huldigt. Und das Gleiche gilt irgendwie auch für die Rückkehrs eines anderen Fossils des haarigen Zeitalters.

In Gottschalk liest liest Gottschalk ab Dienstag um 22 Uhr nämlich im Bayrischen Rundfunk Bücher und gibt damit den Hans-Joachim Kulenkampff, der seine Karriere auch einst als Märchenonkel zur Nacht ausklingen ließ. Beim erstaunlichen Nischensender TNT bereitet sich die Nachfolgegeneration am gleichen Tag auf eigenen Nachwuchs vor. Die Mockumentary Andere Eltern erzählt von Helikopter-Hipstern in Köln, die sich ihre eigene Kita errichten. Das ist zwar oft klischeehaft, aber öfter wahrhaftig. Ähnliches gilt für die Langzeitbeobachtung Wir sind Jane, in der der US-Kabelkanal A&E ab Samstag die neun Persönlichkeiten einer schizophrenen Mutter schildert.

Zumindest zwei Leben hatte dagegen Deutschlands Dichter-Gott der Zwischenkriegszeit. Mit Tom Schilling als jungem und Burghart Klaußner als altem Brecht, porträtiert der Dokudramen-Gott Heinrich Breloer den Dramatiker in seiner hybriden Vielschichtigkeit. Arte zeigt den Zweiteiler Freitag am Stück und schiebt noch einen Film über Brechts Wirken am Berliner Ensemble nach. Viel Hochkultur zum Wochenende. Das ein bisschen Popkultur als Gegengewicht verträgt. Die Wiederholungen werden daher Mittwoch um 20.15 Uhr auf Nitro von George Lazenby eingeleitet, der 1969 seinen einzigen Einsatz als 007 hatte. Montag läuft Corinne Marchand in Erwartung einer Krebsdiagnose als Cléo durchs schwarzweiße Paris 1962 (Arte, 21.55 Uhr. Und Neo zeigt ab Freitag um 13.45 Uhr die Ursprünge des multiphobischen Ermittlers Monk von 2002.


Karnevalswitze & Kostüm-Kitsch

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 3. März

Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.

Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.

Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.

All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.

Die Frischwoche

4. – 10. März

Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.

Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.

Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.

Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.