Sean Connery & Ingo Zamperoni

Die Gebrauchtwoche

26. Oktober – 1. November

Überinterpretation ist die Vorstufe zur Tatsachenverfälschung, aber diese – also erstere – darf man schon mal in Kauf nehmen: kurz, nachdem Gerüchte durchdrangen, der neue 007 könnte coronabedingt vom Kino zu Disney+ oder Netflix wechseln, ist der Ur-Bond-James-Bond Sean Connery gestorben. Da könnte man fast meinen, er sei aus Gram über die Banalisierung des legendären Leinwandstoffes am Flatscreen von uns gegangen. Andererseits: mit 90 darf man selbst dann friedlich einschlafen, wenn man die Lizenz zum Töten besaß.

Deutlich zu früh ist dagegen Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann verschieden, der in Dutzenden Talkshows die Stimme bissiger Vernunft war. Und dass der 66-Jährige unmittelbar vorm Interview der ARD-Sendung Berlin direkt zusammengebrach, verleiht der menschlichen Tragödie fast schon surreale Züge. Nicht nur die Medienrepublik wird den diskurs-, aber nie rauflustigen Sozi vermissen.

Was man gewiss nicht vermisst hätte, wäre die dritte Staffel von Das Boot gewesen, mit dem Amazon die geschichtsklitternde Fernsehversion des cineastischen Sprengstoffs der Achtziger abermals fortsetzen will. Bei Babylon Berlin, dessen Weitererzählung ebenfalls publik wurde, sieht das hingegen schon etwas anders aus. Falls die vierte Staffel qualitativ annähernd an die aktuelle anknüpft, dürfte sie sehenswert werden. Sehenswerter jedenfalls als das Gros der TikTok-Videos, die nach dem Urteil eines US-Gerichts weiterhin unter chinesischer Ägide in Amerika laufen – ob Donald Trump ab Mittwoch nun Präsident ist oder Expräsident.

Die Frischwoche

2. – 8. November

Den Weg dorthin, zeigen uns RTL und ZDF morgen ab 20.15 Uhr bis Mittwochfrüh, während die die ARD erst nach dem sehenswerten Dokudrama Schüsse von rechts um 0.05 Uhr übers Attentat auf Rudi Dutschke richtig in die Wahlberichterstattung einsteigt und ProSieben ab 21.25 Uhr immerhin zwei Stunden lang Wie tickt der Präsident? fragt. Nur Sat1 zeigt statt Interesse an Fernsehen mit politischer Brisanz lieber Trash-TV mit dem Potenzial, Katholiken aufzuschrecken: in der 7. Staffel des Blind-Weddings Hochzeit auf den ersten Blick sollten die die Teilnehmer*innen diesmal live heiraten, ohne sich vorher zu kennen. Das wurde zwar wegen Corona verschoben, die Mein-Riechsalz-Rufe aber kommen dann halt später…

Schon heute Abend schildert Ingo Zamperoni um 20.15 Uhr im Ersten den Riss, der auch durch die Familie des deutsch-italienischen Moderators mit amerikanischer Frau geht. Ein Riss, dessen Ursachen etwa im Sky-Vierteiler The Comey Rule erkennbar werden. Das ZDF gönnt sich derweil noch ein bisschen Ruhe vorm Sturm und zeigt den Wirtschaftspolitkrimi Wiener Blut mit der bemerkenswerten Melika Foroutan als Staatsanwältin im österreichischen Sumpf – eine Frau übrigens, deren betont weibliche Durchschlagskraft perfekt in die Arte-Doku Der neue Feminismus (Freitag, 22.05 Uhr) passt.

Mittwoch zuvor setzt die ARD Doris Dörries bedächtige Kino-Sensation Kirschblüten fort, diesmal plus Dämonen, mit denen Golo Euler in Nachfolge von Elmar Wepper zu kämpfen hat. Freitag drauf startet Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale dann um 23 Uhr im ZDF. Und bemerkenswert ist noch, wie Ethan Hawke als real existierender Gegner der Sklaverei ab Freitag in der Sky-Serie The Good Lord Bird Ende der 1850er Jahre den amerikanischen Bürgerkrieg einleitet, vor dem die USA jetzt ja wieder zu stehen scheinen.

Als Ablenkung empfiehlt sich an gleicher Stelle ein Pop-Up-Channel zum Start des neuen Terminators, in dem die alten Filme der Reihe gezeigt werden – was zu den Wiederholungen der Woche überleitet. Namentlich: Anatomie eines Mordes mit James Stewart als Verteidiger eines Soldaten, der den Vergewaltiger seiner Frau 1959 in schwarzweiß ermordet haben soll (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Staubfarbig dagegen ist das oscarprämierte Meisterwerk No Country for Old Men der Coen-Brüder von 2007 (Mittwoch, 22.35 Uhr, Kabel1). Und der Tatort – klaro: Ein 84er Schimanski um einen Mord im Medienmilieu (Das Haus im Wald), Dienstag um 23.40 Uhr im WDR.


Ärztethemen & Hausenhorror

Die Gebrauchtwoche

19. – 25.  Oktober

Nicht die dümmste Idee der Tagesthemen, ihre Freitagsausgabe live von der jugendaffin gereiften Punkband Die Ärzte anrocken zu lassen. Noch klügere Idee des Spiegel, mit Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow zwei Frauen ins Interview mit der Virologin Sandra Ciesek zu schicken, um misogyne Fragen reflektierter klingen zu lassen. Weniger gute Idee von der Süddeutschen Zeitung, nach einer – zugegeben arg missratenen – Polemik gegen Igor Levit per Entschuldigung zurückzurudern. Geradezu schäbige Idee dagegen, wie ausgerechnet Ulf Poschardt darin einen Verrat am Qualitätsjournalismus erkennt.

Aber gut, Männer mit dunklem Porsche, grauem Haar und weißer Haut wie der Welt-Chef empfinden die Fähigkeit zur Selbstkritik nun mal als sozialistische Schwanzlosigkeit. Nicht nur darin ähnelt Poschardt also Donald Trump, der sich im letzten TV-Duell mit Joe Biden zwar vergleichsweise zahm zeigte, zuvor aber ein Interview mit der CBS-Moderatorin Lesley Stahl abgebrochen hatte, weil sie ihm doof, ergo: kritisch kam. Sollte er am Dienstag nächster Woche doch gewinnen, wird er diese Art Majestätsbeleidigung aber ohnehin verbieten lassen. Und damit auch Filme wie Borat Subsequent Moviefilm.

Überm Untertitel Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan schafft es Sasha Baron Cohen schließlich exklusiv auf (kauft nicht bei) Amazon Prime, Trumps Schießhund Rudy Giuliani als depperten Sexprotz zu entlarven. Ein anderer Streamingdienst macht derweil andere Schlagzeilen: Nach nur sechs Monaten macht die mobile Video-Plattform Quibi trotz milliardenschwerer Sponsoren mangels Kundschaft schon wieder dicht und hinterlässt, nein, keine Lücke.

Die Frischwoche

26. Oktober – 1. November

Keine zumindest, die der Portalbestand nicht füllen könnte. Ab heute zeigt Universal die Anwaltsserie Burdon of Truth, Freitag folgt der ulkige Superantiheldentrash Utopia bei Prime, zwei Tag später geht dort Nick Frosts Gruselcomedy Truth Seekers in Reihe und zwischendurch die 2. Staffel vom Mandalorian bei Disney+. Alles solide, alles seriös, alles aber nicht halb so laut angekündigt wie die Enttäuschung der Woche: Hausen.

Mit der ersten deutschen Horrorfilmserie will Netflix eigentlich das Genre aufmischen. Dafür hätte den Verantwortlichen des achtteiligen Plattenbau-Grusels allerdings jemand sagen müssen, dass die Dunkelheit gelegentlich der Helligkeit bedarf, um zu schockieren, und selbst Charly Hübner nicht jedes vergeigte Drehbuch adelt. Umso erstaunlicher ist es, wie sehenswert die alte ARD am Dienstag im digitalen Wald wildert. Exit heißt eine hochinteressante Dystopie über Avatare verstorbener Menschen und auch sonst alles, was die nähere Zukunft glaubhaft beängstigend macht.

Das ZDF beschreitet derweil ausgesprochen souverän bekanntes Terrain und zeigt ab Freitag den vierteiligen Nachkriegskrimithriller Shadowplay mit Nina Hoss im zerbombten Berlin von 1946, während Neo ab Donnerstag um 22.15 Uhr eine Late Night mit Ariane Alter startet, was unfreiwillig auf eine info-Doku am Sonntag verweist: 2000er – Jahrzehnt der Spaltung, in dem auch auch die frühere MTV-Moderatorin bekannt wurde und übrigens auch der Mordfall Peggy ereignete, dem Sat1 heute um 20.15 Uhr eine Prime-Time Doku mit dem Untertitel Der Täter ist noch unter uns widmet.

Weil das Gerichtsverfahren fast 20 Jahre nach der ungeklärten Tat am Donnerstag eingestellt wurde, zieht Sat1 den Film vor – und macht ihn so zu einer Art Vorholung der Woche, als Kontrast zu den Wiederholungen der Woche wie Don Camillo und Peppone sowie Don Camillos Rückkehr von 1952/53 (Samstag, 22 Uhr, BR) und tags drauf (20.15 Uhr, Arte) Dead Zone, furiose Steven King-Verfilmung (1983) mit Christopher Walken als Hellseher, der den Atomkrieg verhindern kann.


Verrückte Onkel & deutsche Barbaren

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Oktober

Vermeintliche Fake News können ganz schön gut recherchiert sein. Savannah Guthrie, promovierte Juristin in Diensten von NBC, wies Donald Trump beim Distanzduell gegen Joe Biden am Donnerstag nicht nur jede seiner Lügen nach, sie hatte dafür auch stets die passenden Dokumente parat, um den Kernsatz ihrer Moderation zu unterfüttern: „Sie sind der Präsident, und nicht irgendein verrückter Onkel, der jeden Schwachsinn retweeten kann.“ Das ist er natürlich doch und könnte damit sogar die Wahl gewinnen. Trotzdem lieferte Guthries Dialektik einen Beleg dafür, wie wichtig seriöse Medien in Zeiten des Wahnsinns sind.

Das haben zum Glück auch die Menschen in Deutschland begriffen und danken es besonders dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit gestiegenem Vertrauen von aktuell 80 Prozent, während immerhin zwei Drittel einer Umfrage den Medien generell Verlässlichkeit attestieren. Wenn Mark Zuckerberg wie angekündigt ernst macht und Antisemitismus nach jahrelanger Bigotterie endlich verbannt, könnten selbst Internet-Portale demnächst einen Glaubwürdigkeitsvorschuss erhalten.

Dass Facebook und zwischendurch auch Twitter einen tendenziös (un)recherchierten Text der konservativen New York Post über Joe Bidens angeblichen Amtsmissbrauch zugunsten seines Sohnes Hunter in der Ukraine blockiert haben, mag Donald Trump zwar schrecklich finden; nüchtern betrachet, steht es für einen Sinneswandel profitorientierter Plattformen zugunsten des Journalismus. Dass dem auch bei Privatsendern mittlerweile Bedeutung beigemessen wird, belegte am Mittwoch übrigens der Bayerische Fernsehpreis an Thilo Mischkes Reportage Deutschee an der ISIS-Front. Vom Rest der Preisträger hingegen wollen wir – Stichwort Club der singenden Metzger lieber schweigen.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Und uns den Kandidaten der Verleihung 2021 zuwenden – von denen diese Woche abgesehen von der 3. (und besten) Staffel Babylon Berlin nichts dabei sein dürfte. Stattdessen glänzt das Streaming-Geschäft mit Serien wie I May Destroy You, einer zwölfteiligen Milieustudie der Generation Tinder, die Regisseurin Michaela Coel als Hauptfigur des eigenen Drehbuchs ab heute auf Sky dabei beobachtet, wie sie Opfer und Täter sexueller Gewalt zugleich werden kann. Brillant!

Gleiches gilt zwar nicht unbedingt für Barbaren. Weil Netflix den germanischen Aufstand gegen Rom vor 2000 Jahren ab Freitag allerdings historisch flexibel, aber dramaturgisch spannend inszeniert, ist die aufwändige Geschichtsserie zumindest sehr unterhaltsam – was in etwa auch für die Fortsetzung von The Alienist an gleicher Stelle gilt oder auch die 3. Staffel von Masked Singer, ab morgen auf ProSieben. Ganz im Gegenteil zum neuen Sonntagsimportkrimi im Zweiten McDonald und Dodds, der zu stereotyp ist, um näher darauf einzugehen.

Deshalb ein Tipp aus der Nische: in Totally Under Control nimmt Hulu ab Dienstag das Corona-Krisenmanagement der USA unter die Lupe und fördert furchtbares Versagen zu Tage. Was auf einer weit weniger fatalen Ebene auch für den Bau-Report Murks in Germany gilt, in dem ZDFinfo das Scheitern deutscher Großprojekte von Stuttgart 21 bis zum BER seziert. Die Wiederholungen der Woche dürfen dagegen diesmal so richtig albern werden – mit einem MDR-Abend am Samstag rund um Adriano Celentano. Erst Der gezähmte Widerspenstige, dann Gib dem Affen Zucker, beide aus den Achtzigern wie der Tatort-Tipp Zweierlei Blut (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) mit, klar, Schimanski.


Feuerstein & Mannomänner

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Die Woche, die war, war trotz rasant steigender Infektionszahlen eine Woche der Verlustmeldungen. Herbert Feuerstein zum Beispiel, der große kleine Mann anarchistischer Fernsehunterhaltung, ist gestorben und hinterlässt ein hybrides Erbe aus mehr und weniger Wagemut zugleich. Nicht ab-, aber zurückgetreten ist dagegen Dieter Thoma, der sich über Jahre hinweg einen Überbietungswettbewerb mit Matthias Opdenhövel im Ersten bot, wer von beiden sportpatriotischer übers Skispringen giggelte.

Nur im Wunschdenken zynischer Politikfatalist*inn*en tot und verendet ist dagegen Donald Trump nach seiner Covid19-Diagnose. Stattdessen hat sich das ziemlich stabile Genie als unsterblich erwiesen und seine (vermeintliche) Infektion so gut weggesteckt, dass er zehn Tage später schon wieder Wahlkamp im Weißen Haus macht, also da, wo er mutmaßlich auch seinen Presseschießhund Kayleight McEnany und mehrere Dutzend Angestellte jeder Position angesteckt hatte. Ausdrücklich nicht darunter: Die Fliege auf dem Kopf von Mike Pence, der dem Vize-Duell einen Moment spürbarer Endlichkeit verliehen hat – schließlich liegt die Lebenserwartung von Musca domestica nur bei 28 Tagen.

Damit wird sie nur unwesentlich älter als der Typ Mädchen ist, mit dem Ballermann Michael Wendler seine Profilneurosen kompensiert. Dass er sich jetzt auch noch als Atilla Hildmanns Verschwörungspudel geoutet und dafür umgehend aller Ertragsquellen von DSDS bis PR entledigt hat, erklärt da einiges – und lässt hoffen, dass sich auch Dieter Nuhr endlich bald auch offiziell als Querdenker outet. Bis dahin lässt ihn die ARD aber gut gelaunt am demokratischen Grundgerüst sägen, indem er auf dort alles eindrischt, was aus seiner Sicht politisch korrekt, also volksverräterisch ist.

Die vorerst letzte, vom Umfang her größte Leiche ist allerdings Cineworld. Nach der Verschiebung des neuen 007, schließt der weltweit zweitgrößte Multiplex-Betreiber sämtliche Kinosäle in den USA und UK. Was für Kreativität und Niveau durchaus positiv klingen könnte, hat jedoch massive Auswirkungen auf den Fernsehmarkt, der auf Koproduktionen und Zweitverwertungen aus der Massenfilmhaltung angewiesen ist. Einen Sender wie Pro7 zum Beispiel kann man sich ohne Hollywood-Blockbuster kaum vorstellen.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Dessen Stammpublikum wird heute quasi in Mannomann porträtiert. Um 22.50 Uhr fragt die ARD-Doku Moderne Männer, wo seid ihr? und stößt dabei auch auf ewig Gestrige, die James Bonds Lizenz zum Töten für ein offizielles Dokument halten und The Fast and the Furious für Reportagen. Dass die RTL-Plattform TV Now parallel 20 schwule Männer zur Datingshow Prince Charming bittet, kann man da nur als Realsatire verstehen.

Bastionen männlicher Macht sind normalerweise auch deutsche Mehrteiler aus dem Milieu wirtschaftlicher Dynastien. Nicht nur, weil Breaking Even dieses Konstrukt unterhaltsam kollabieren lässt, ist der Sechsteiler ab Mittwoch auf Neo so sehenswert. Bei aller Melodramatik sorgen dafür nämlich zwei weibliche Hauptfiguren, deren Darstellung mehrere Klischees des Mainstreamfernsehen angreift. Klassisch inszeniert, aber doch gelungen ist hingegen Lars Kraumes exzellent besetztes Geschichtsdrama Das schweigende Klassenzimmer (Dienstag, 20.15 Uhr, ZDF), in dem DDR-Schüler 1956 Zivilcourage zeigen. Zu dumm, dass der Film gegen ein Fußballländerspiel im Ersten programmiert wurde.

Tags probiert Anja Reschke ein informationelles Mischformat aus. In Die Narbe werden eindrückliche Katastrophen wie Eschede oder Ramstein erst aus menschlicher Sicht aufgearbeitet, dann mit Zeitzeugen diskutiert. Und während Netflix die französische La Révolution am Freitag zum Schauplatz einer Horrorverschwörung verballhornt, bringt (kauft nicht bei) Amazon Prime das hochpolitische Broadway-Musical What the constitution means to me auf den Bildschirm und versucht sich zugleich mit Inside Flensburg Handewitt an der nächsten Sportdoku. Die Wiederholungen der Woche sind indes unpolitisch: im schwarzweißen Cowboy-Klassiker Red River von 1947 geht John Wayne mit Montgomery Clift (Freitag, 22.45 Uhr, BR) ins Duell, Dienstag zeigt K1 (22.30 Uhr) Der Exorzist von 1973 im Director’s Cut. Eine Stunde später taucht Schimi beim WDR ins Kielwasser eines Ökokrimis von 1984.


Trumps Humor & Wedhorns Fritzi

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. September

Über Tote, heißt es, solle man nichts Schlechtes sagen. Auch das ZDF beherzigt diese Hybris bürgerlicher Pietät, kennt aber Wege, Verstorbenen dennoch eins mit auf den ins Jenseits zu geben. Anders als pietätlos ist es nämlich nicht zu bezeichnen, womit der Sender am Samstag des frisch verstorbenen Michael Gwisdek gedenkt: Einer Folge Traumschiff. Dem wollte die ARD nicht nachstehen und feiert den Toten – nein, nicht mit Andreas Dresens Nachtgestalten oder Jan Ole Gersters Oh Boy, für die er zu Lebzeiten preisgekrönt wurde, sondern der öligen Komödie Eins ist nicht von dir.

Fast scheint es, also wolle das Öffentlich-Rechtliche von toten Stars nur das Schlechte zeigen. Sendungen also, wie sie auch unter der Führung von Christine Strobl reihenweise bei der Degeto entstehen. Da sie die Süßstofffabrik trotzdem modernisierte, hat eine Breaking News vom Donnerstag durchaus Gewicht: Anfang 2021 beerbet Strobl den quotenbewussten Volker Herres als ARD-Programmdirektor und wird ihrerseits wohl vom noch viel quotenbewussteren NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber ersetzt.

Mit ihr an der Spitze, könnte die ARD an Bedeutung gewinnen, damit deutsche Preisträger bei den International Emmys nicht mehr von Streamingdiensten, sondern Fernsehsendern stammen. Die Ausbeute von Schitt’s Creek allerdings dürfte schon an der Sprachbarriere scheitern. Als erste Comedy überhaupt gewann die Serie in allen Genre-Kategorien und stellt sogar Game of Thrones in den Schatten – obwohl die Kleinstadt-Groteske der Großstadtkomiker Dan und Eugene Levy (hierzulande auf TV Now) vier Staffeln kaum bemerkt, geschweige denn nominiert wurde.

Am Beispiel TikTok zeigte sich derweil Trumps Humor: Erst drohte er seinem Sandkastenfeind China mit der Schaufel, warf aber nur ein paar Krümel und feierte sich sodann als Härtester im Hort. Schließlich übernimmt die Software-Fabrik des Trump-Fans Larry Ellison das US-Geschäft nur treuhänderisch und schafft zwar einige Jobs im Wahlstaat Texas, mag aber auch nicht dafür garantieren, dass Oracle keine Teenager ausspioniert, womit Ritter Donald seinen Kreuzzug gegen TikTok begründet hatte.

Die Frischwoche

28. September – 4. Oktober

Welche Wähler er damit gewinnen will, hätte man heute bei ProSieben gesehen. Quentin Tarantinos Django Unchained handelt schließlich von Amerikas Rassismus, auf dem die Macht des Präsidenten beruht. Aus gegebenem Anlass allerdings läuft stattdessen die Dokumentation Rechts. deutsch. radikal, in der sich Thilo Mischke zur besten Sendezeit unter Nazis mischt und dabei weit zur Mitte bürgerlicher Faschisten vordringt. Der AfD zum Beispiel, deren Fraktionssprecher im Bundestag Vergasungsfantasien äußerte und dafür sogar entlassen wurde.

Mit dieser Programmänderung zeigt sich ProSieben also abermals als vorletzte Stimme der Vernunft im Privatfernsehen, das meist nur noch auf Niveau des Comedy-Preises funkt, den Freitag erstmals Sat1 überträgt. 24 Stunden zuvor beweist das ZDF, das selbst der Krebs mit etwas Humor unterhaltsam sein kann. Wie Tanja Wedhorns Fritzi sechs Teile zwischen Therapie und Alltag, Trotz und Verzweiflung wechselt, ist bei aller Leichtigkeit verblüffend tiefgründig – und tausendmal bedeutsamer als der neue alte Passau-Krimi um eine Berliner Bullin im bayerischen Zeugenschutz, parallel dazu im Ersten.

Während aus der Welt des Streamings nur die 5. Staffel Billions, mittwochs auf Sky, ratsam ist, holt Tele 5 Samstag (23.10 Uhr) Handmaid’s Tale mit Elisabeth Moth als Gebärmaschine einer misogynen Retrozukunft aus dem Netz. Eine Gesellschaft, die sich allenfalls jene rassistischen Mörder herbeisehnen, denen Diane Kruger in Fatih Akins Aus dem Nichts heute um 22.30 Uhr Rache schwört. Abgesehen vom dänischen Achtteiler Kidnapping (Donnerstag, 21.45 Uhr, Arte) geht es aber vor allem um Deutsch-Deutsches zum 3. Oktober, das Info 45 Minuten zuvor mit einer Doku über Prostitution in der DDR feiert oder das ZDF mit dem Samstagsmelodram Zwischen uns die Mauer.

Pan Tau sieht Sonntag (10.10 Uhr) nur auf den ersten Blick nach einer Wiederholung der Woche aus. Tatsächlich passt das deutsche Remake die tschechische Legende der Gegenwart an. Richtig wiederholt wird dagegen Emmerichs Weltuntergangsschinken 2012 von 2009 (Sonntag, 20.15 Uhr, Neo), gefolgt von Paul Newman und Robert Redford als Butch Cassidy and Sundance Kid (23.20 Uhr, 3sat). Der Tatort, wieder Schimanski, wieder Dienstag (22.15 Uhr) im WDR: Kuscheltiere von 1982.


Reichelts Reich & Deutschlands 89

Die Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Eines muss man Mathias Döpfner lassen: Humor hat er ja, der mächtige Vorstandschef von Axel Springers merkwürdigem Erbe. Während sein Kettenhund Julian Reichelt journalistische Grundprinzipien wie gewohnt mit Sturmbannführerstiefeln tritt, um seine vulgärpopulistische Blut-und-Boden-Agenda von oben nach unten durchzusetzen, und Deutschlands Verschwörungsfront am Samstag gleich noch ein paar Brocken frisches Schlagzeilenfleisch (so leiden Kinder unter Corona-Maßnahmen) zuwarf, sagt sein Chef beim BDZV-Kongress ohne zu lachen, „wir Medien müssen Chronisten sein, Zeitzeugen der Realität, und nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes“.

Klingt schizophren. Aber vielleicht dürfen wir das ja als Zusage verstehen, die Bild einzustampfen und ihre Karikaturen gewissenhafter Journalist*inn*en alle für fünf Jahre zum Kehrdienst nach Moria abzukommandieren, nachdem sie vorher eine Woche lang 24 Stunden täglich das eindrückliche Video vom abgebrannten Flüchtlingslager auf Lesbos gesehen haben, mit dem Joko & Klaas am Mittwoch ihre 15 Minuten Sendezeit von ProSieben gefüllt haben: „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken“, fügte Döpfner schließlich hinzu, „dann braucht es uns nicht mehr.“ Stimmt – die Bild braucht niemand.

Noch viel weniger braucht allerdings irgendwer mit Restbeständen von Moral, Prinzipien, Ethos Fox News, die das rechtspopulistische Murdoch-Imperium als Streamingdienst für 7 Euro im Monat nach Deutschland exportieren will, damit sich Trump– und Putin-Fans hierzulande nicht mehr nur in grisseligen Youtube-Videos über die Welt da draußen informieren. Eine Welt, die in 5000 Stunden Endlosschleife weniger Wahrhaftigkeit besitzt als Maria Schraders Serie Unorthodox in jeder Sekunde, für die sie völlig zu Recht den International Emmy erhalten hat.

Die Frischwoche

21. – 27. September

Aus Zeit- und Termingründen müssen die Fernsehtipps dieser Woche angesichts dieser inszenatorischen Gewalt ausnahmsweise mal tabellarisch erfolgen:

Montag, 20.15 Uhr, ZDF: Totgeschwiegen, Franziska Schlotterers Drama um einen S-Bahn-Mord und wie die Eltern der Täter ihn vertuschen

Montag, UniversalTV: Pearson, ein Spin-Off der Anwaltsserie Suits

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD: Das Leben ist kein Kindergarten, Großstadtfamiliengroteske von und mit Oliver Wnuk

Mittwoch, Arte, 20.15 Uhr: Gundermann mit Alexander Scheer als Liedermacher im Stasi-Griff

Freitag, Netflix: Rohwedder, vierteilige True-Crime-Doku über den RAF-Mord am Chef der Deutschen Bank

Freitag, Amazon: Deutschland 89, furioses Finale der großen Spionage-Trilogie vor und nach dem Fall der Mauer

Freitag, 20.15 Uhr, Arte: Kranke Gesellschaft, Urs Eggers Drama über DDR-Patienten, die für Devisen als Versuchskaninchen missbraucht wurden

Wiederholungen der Woche

Dienstag, 22.15 Uhr, Servus: Wie ein wilder Stier, Robert De Niros 2. Oscar-Streich als cholerischer Slumboxer

Mittwoch, 22.45 Uhr, BR: Der blinde Fleck, Daniel Harrichs Reproduktion des Oktoberfestattentats von 1980

Tatort (Dienstag, 22.15 Uhr, WDR): Das Mädchen auf der Treppe, einer der legendärsten Schimanskis (1982)


Sensationsgonnorhoe & Oktoberfeste

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Es ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, mit Populismus Quote zu machen, aber die Bild, genauer: deren leitender Sandkastenrabauke verwandelt den Bruch aller journalistischen, ethischen, humanistischen Regeln immer noch spielend in Auflage. Wobei nach dem jüngsten Tiefpunkt redaktioneller Menschenverachtung weiter offen bleibt, was schlimmer war: Die Tatsache, öffentlich aus dem Chatverlauf eines Elfjährigen zu zitieren, der den Kindermord von Solingen überlebt hatte? Julian Reichelts rückgratlose Erklärung, die Ermittlungsbehörden seien schuld an seiner Sensationsgonorrhoe? Oder vielleicht doch RTL?

Während es das Springer-Blatt beim Veröffentlichen des Chatverlaufs beließ, hat der Privatsender das Kind sogar vor seine Kameras gezerrt. Diese Informationsonanie ist von derart infamer Verantwortungslosigkeit, dass man sich fragen muss, wie Friede Springer in den Spiegel blicken kann. Andererseits befinden sich ihre Medien im Wettlauf um Aufmerksamkeit, den auch seriösere Konkurrenten nicht scheuen. Die ARD etwa hat beim halsbrecherischen Auftakt der Tour de France jeden der vielen Stürze dutzendfach in Zeitlupe gezeigt, was ihr Eurosport gleichtat, nachdem Novak Djokovic bei den US-Open eine Linienrichterin am Hals getroffen hatte.

Angesichts solcher Chronistenpflichtexzesse wirkt die Aufregung über Hengemah Yaghoobifarahs missratenen, aber haltungsstarken taz-Kommentar zur Polizei-Entsorgung umso politischer motiviert. Immerhin hat der Presserat nun entschieden, er sei von der Meinungsfreiheit gedeckt – was den lautesten der 382 Beschwerdeführer nicht davon abhielt, die Entscheidung als „unerträgliche Verharmlosung“ anzugreifen.

Wer wüsste schließlich besser als Horst Seehofer, dass noch kein Uniformierter der deutschen Geschichte je ein Unrecht begangen hat… Und damit zur schönsten Nachricht der Woche: nach 14 Jahren endet die Reality-Soap Keeping Up With The Kardashians, die den US-armenischen Clan zwar märchenhaft reich, das Medium dagegen bettelarm gemacht hat. 2006, nur zur Erinnerung, prägte das lineare Fernsehen die Sehgewohnheiten noch mit historischen Mehrteilern von der Luftbrücke bis zur Flucht.

Die Frischwoche

14. – 20. September

Ein, zwei TV-Revolutionen später werden sie von Streamingdiensten dominiert. Das Erste aber füllt sein Programm auch 2020 weiter mit History-Events wie Oktoberfest 1900. Ab Dienstag ersetzt es die Originalkirmes drei Abende lang durch klischeehafte Kulissenschieberei, als habe das Internet die Filmästhetik unberührt gelassen.

Dort aber entstehen Serien, die wirklich unterhaltsam, bedeutsam, manchmal gar beides in einem sind. Ab Donnerstag auf Netflix zum Beispiel Das letzte Wort mit Anke Engelke als tragikomische Trauerrednerin im Bestattungsinstitut von Thorsten Merten. Oder das siebenteilige HBO-Psychodrama The Third Day, eine Art Lost ohne Flugzeugabsturz mit Jude Law, ab Dienstag auf Sky. Zwischendurch zeigt TNT Ridley Scotts postapokalyptische SciFi-Dystopie Raised by Wolfs über die künftige Besiedlung eines Exoplaneten, während der Freitag wie üblich gleich reihenweise Neuerscheinungen sammelt.

Netflix geht mit der Krankenhaushorrorserie Ratched und dem achtteiligen Spin-Off Jurassic World online. Parallel dazu zeigt (kauft nicht bei) Amazon Prime die heitere Binnensicht der Schauspielbranche Für Umme und begibt sich mit der Doku All In übers abstruse Wahlrecht der USA tief aufs öffentlich-rechtliche Gebiet informationeller Kompetenz, die das ZDF am Dienstag (20.15 Uhr) mit Der unterschätzte Präsident beweist, wenn Florian Huber und Carsten Oblaender Donald Trumps Präsidentschaft aus Sicht seiner Fans dokumentieren. Gut 24 Stunden, bevor Richard David Precht am Sonntag (23.45 Uhr) zum 50 Mal (diesmal mit Rezo) populärwissenschaftlich über tiefgründige Fragen (die Medien) philosophiert, macht ProSieben in Stefan Raabs Casting-Show Fame Maker auf sich aufmerksam, wo Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Teddy Teclebrhan Showtalente ohne Ton erkennen.

Mehr Ton (und Niveau) sind die Wiederholungen der Woche: Von 1966 ist der Cocktailkleid-Klassiker Arabeske (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) mit Gregory Peck und Sophia Loren. Erst acht wurde dagegen Rainer Kaufmanns verstörendes Männermachtpsychogramm Operation Zucker (Mittwoch, 2.10 Uhr, ARD). Ungefähr dazwischen liegt tags zuvor (23.45 Uhr, WDR) Der unsichtbare Gegner mit Horst Schimanski Anfang der Achtziger, gefolgt von Hansjörg Felmy in Der Feinkosthändler Ende der Siebziger.


Experte Drosten & Mensch Beckenbauer

Die Gebrauchtwoche

31. Juli – 6. August

Haider hieß mal Wix, Attila heißt jetzt Hitler und der Kommentar nun Meinung. Zumindest in den Tagesthemen, wo die persönliche Sicht der Redakteure künftig stärker als solche gekennzeichnet wird. Beispielsweise über Deutschlands derzeit gernegrößten Verschwörungsmystiker Hildmann, den das Satire-Portal Postillon als heimlichen Kumpel von Angela Merkel dargestellt, also mit seiner eigenen Lügen-Keule geschlagen hat. Eine Waffe übrigens, die Facebook und Twitter teilweise entschärft haben, als sie das News-Portal Peacedata – mutmaßlich befüllt von Trollen russischer Herkunft – sperrten.

Dass der legendäre NDR-Podcast von Deutschlands derzeit ungernegrößtem Corona-Fachmann Christian Drosten – unterstützt von der ausgewiesenen Fachfrau Sandra Ciesek – parallel dazu aus dem selbstverordneten Medienexil zurückgekehrt ist, wird da zur Nebenpointe dieser elendig ernsten Pandemie und somit drittlustigsten nach der Ankündigung von Netflix, die palastflüchtigen Ex-Royals Meghan & Harry zu Protagonist*inn*en mehrerer Streamingformate bislang noch offenen Inhalts zu machen. Die allerlustigste lieferte dagegen mal wieder ein anderer.

In seinem Morning Briefing klagte ausgerechnet Gabor Steingart, bei ihrer Berichterstattung über die Querdenker-Demo mit Reichstags-Brise hätten viele Kolleg*inn*en „Neugier durch Haltung“ ersetzt. Wer sich „im geistigen Ideenraum eines Journalisten“ befinde, sägt der selbstkritikunfähigste Salonpopulist im Berliner Politikbetrieb fröhlich weiter am Ast des eigenen Elfenbeinturms, „darf mit öffentlicher Belobigung rechnen“. Wer sich dagegen außerhalb dieser „Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen“. Na Amen.

Na toll: Die New York Times schafft nach 81 Jahren ihr Fernsehprogramm im Feuilleton ab und holt somit auf dem aussterbenden Medium Papier eine Schaufel mehr aus dem Grab des aussterbenden Mediums Fernsehen. Auch wenn es zuweilen noch mal Überlebenswillen zeigt, indem es sich auf seine Stärken besinnt. Zu denen nämlich zählt unmissverständlich die seriöse Sachinformation.

Die Frischwoche

7.  13. August

Und weil sie dank als eine der Gewinnerinnen aus der Pandemie hervorgehen dürfte, werden die Tagesthemen heute um fünf und freitags weitere zehn Minuten verlängert, während das heute-journal um Mitternacht ein up:date mit dem Moderationsdoppel Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir erhält. Ob das BR-Porträt Der Ball war mein Freund zwei Stunden zuvor den 75. von Mensch Beckenbauer (Dienstag, 20.15 Uhr) ZDF ohne Thomas Schadts kaiserliche Arschkriecherei vor fünf Jahren feiert, bleibt abzuwarten.

Aber als Kontrast werfen wir einen Blick auf Sat1, das sich mal als ernstzunehmende Konkurrenz öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkompetenz begriff, jetzt aber nur noch gequirlten Promi-Mist wie Festspiele der Reality-Stars (Freitag) anrührt, den Prodigal Son, eine Art Serien-Spin-Off vom Schweigen der Lämmer, tags zuvor auch nicht aufzuwerten vermag. Dieser bemitleidenswerte Qualitätsabfall ist umso bedauerlicher, als das frühere Beiboot dem Mutterschiff mit Joko & Klaas gegen ProSieben ab Dienstag mal wieder qualitativ den Rang abläuft.

Und das Konkurrenz-Entertainment? Die ARD zeigt morgen (22.50 Uhr) das queere Gangster-Spin-Off Bonnie & Bonnie, Starzplay lässt Donnerstag das feministische Plattenladen-Spin-Off High Fidelity folgen, Neo zeigt ab Mittwoch (23.15 Uhr) die deutsch-belgische Dramaserie Missing Lisa, in der acht Folgen lang mal wieder ein verschwundenes Mädchen gesucht wird. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen naturgemäß aufgegossen. Etwa zeitgleich auf ServusTV Hotel New Hampshire nach John Irving von 1984 mit Jody Foster und Rob Lowe oder zwei Stunden zuvor Pretty Woman auf Vox, auch schon wieder 30 Jahre alt. Und damit immerhin neun Jahre jünger als der erste von 20 Schimanski-Tatorten, die der WDR dienstags um 22.15 Uhr – morgen der Fall Grenzgänger von 1981 – wiederholt.


Gewaltfragen & Ballermannboote

Die Gebrauchtwoche

24. – 30. August

Gewalt, das begriff der norwegische Sozialwissenschaftler Johan Galtung schon vor Jahrzehnten, herrscht nicht nur, wenn Kugeln oder Fäuste fliegen, sie kann als „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“, also strukturell anstatt physisch verletze. Dem Bedürfnis nach Gesundheit und Überleben zum Beispiel, nach Wohlstand und Wahrheit, von Demokratie ganz zu schweigen.

Wenn diverse Medien vor, während, nach der Querdenken-Demo berichtet haben, die 38.000 – pardon, 38 Millionen Teilnehmenden seien am Samstag friedlich durch Berlin marschiert, zeugt das demnach von einer Ignoranz im Umgang mit den Fakten eines Menschenauflaufs, dessen kollektive Weigerung zu Abstand und Maske plus angedeutetem Reichstagssturm gewaltsam Gesundheit, Überleben, Wohlstand, Wahrheit attackiert haben.

Dafür muss man noch nicht mal nur Faktenfinder zurate ziehen, die saftige Lügen der Lügenpresse-Krakeeler offenbaren. Eindrucksvoll ist auch, wie massiv eine Bild-Reporterin von Querdenkern bedrängt wurde. Das Schwesterblad BamS jedoch hielt der Angriff auf Person und Pressefreiheit nicht davon ab, die Gewaltfrage flugs nach links zu rücken und auf der ganzen Titelseite vom vermeintlichen (und unvollendeten) RAF-Anschlag auf den Schweine-Blockwart Clemens Tönnies zu faseln. Für die Corona-Demo blieb da leider nur ein Hinweis am Rand übrig.

Dafür bekam der geistige Bild– und BamS-Buddy Björn Höcke am Dienstag Gelegenheit, seinen Future-Faschismus beim MDR in Watte zu packen. Eine Offenheit, die der Muttersender hoffentlich nicht meint, wenn er seine Tagesthemen ab morgen um fünf, freitags gar 15 Minuten verlängert. „Für einen intensiveren Blick auf die Regionen“, wie es ARD aktuell-Chef Helge Fuhst ausdrückt, „auf die Heimat unserer Zuschauer“.

Die Frischwoche

31. August – 6. September

Bleibt zu hoffen, dass sich sein ehrwürdiges Format damit nicht der weit weniger ehrwürdigen Konkurrenz von stern TV angleicht, die ab Mittwoch 30 Jahre lang Skandale menschelt oder Menschen skandalisiert. Am selben Tag springt das gebührenfinanzierte ZDF aufs Ballermann-Boot privater Rekordjagden und engagiert den Grüßaugust Elton für die „Quizshow“ Einfach super!, in der Kinder (Fee, Max, Lukas) mit Promis (Neureuther, Lombardi, Santos) irgendwas Egales inszenieren, damit aber mehr Zuschauer als jedes Nachrichtenmagazin erreichen.

Würde man das Publikum entsprechend konditionieren, könnte das auch für die Langzeitstudie des Fuldaer Hochhaus-Ghettos Aschenberg gelten, das ein ZDF-Team monatelang unter die Lupe nahm. Statt Primetime gibt es dafür ab Mittwoch allerdings nur die Mediathek, wo sie sich mit Streamingdiensten von weit größerer Zugkraft messen muss. Prime zum Beispiel zeigt ab heute die vierteilige Doku The Last Narc über einen Drogenboss der Achtziger, begleitet von All or Nothing, das parallel die Tottenham Hotspurts porträtiert.

Na, hoffentlich biedert sich die Fußball-Doku dem Club nicht so an wie Arte zugleich Toni Kroos. Gewiss aber dürfte sie würziger sein als MasterChef Celebrity, womit Sky die globale Kochshow montags auswalzt. Wobei Kochshow: eigentlich ist der Herdstreit eine Dauerwerbesendung für Produkte von Food-Magazin bis IT-Girl. Allerdings keine so plumpe wie Lego Masters, mit denen RTL seinen PR-Partner ab Freitag unverblümt in den Mittelpunkt stellt und damit neben dem (zusatzkostenpflichtigen) TV-Start des Kinofilms Mulan auf Disney+ VIP das PR-Programm der Woche bildet.

Ohne Kaufempfehlung ratsam ist hingegen die Fox-Serie Mrs. America, in der Cate Blanchett ab morgen auf Sky die leibhaftige Anti-Feministin Phyllis Schlafli zur Hauptfigur einer sensationellen Siebziger-Revue macht, bevor Netflix Mittwoch das erste deutsche SciFi-Drama Freaks mit Cornelia Gröschel als Superheldin wider Willen zeigt. Nicht neu, sondern eine Wiederholung der Woche ist dagegen Die Blechtrommel (Samstag, 23.45 Uhr, RBB) von 1979 in Volker Schlöndorffs Director’s Cut. Und in Schwarzweiß: Henri Verneuils Politdrama Der Präsident von 1961, heute um 22.10 Uhr auf Arte.


Racial Profiling & Save Me Too

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. August

Racial Profiling? Gibt’s nicht! Und Horst Seehofer weiß auch warum: Weil es verboten ist. Gegenteiliges zu behaupten wäre daher eine Verunglimpfung, schlimmer noch: Beleidigung, in jedem Fall aber Pauschalverurteilung der deutschen Polizei, die in 1000 Jahren bekanntlich noch nie gegen irgendein Gesetz verstoßen hat. Dass ein uniformierter Scharfschütze in einer Satire des funk-Moderators Aurel Mertz jemanden mit dunkler Haut nur deshalb erschießt, weil er sein Fahrrad aus Sicht zweier Kollegen womöglich nicht aufschließt, sondern -bricht, gilt in konservativen Machtzirkeln daher als ausgeschlossen.

Umso entrüsteter twitterte ein gewisser Sven Schulze, das Video, „finanziert mit Gebührengeldern von #ARD& #ZDF“, sei ein „Schlag ins Gesicht aller Polizisten“. Sachsen-Anhalts CDU-Generalsekretär kündigte an, sein Landesverband werde die anstehende Beitragserhöhung deshalb „verhindern“. Schwer zu sagen, ob Schulze und einige Unionsmitglieder, die ihm flugs zustimmten, bewusst war, dass dies einen Bruch des Rundfunkstaatsvertrags darstellt. Der nämlich verbietet, dass die Länder ihr Plazet an Senderinhalte koppeln. Tatsache ist allerdings, dass sein Tweet Brennstoff pressefreiheitsfeindlicher Tendenzen ist.

Zumal #ARD& und #ZDF auch nicht alles richtig gemacht haben, um ihnen den Sauerstoff zu entziehen. Zu Beginn der Corona-Pandemie etwa, das ergab eine Studie der Uni Passau, wurde die öffentliche-rechtliche Berichterstattung in fast 100 Sondersendungen so massiv auf Covid-19 zugespitzt, bis ein kollektiver „Tunnelblick“ aufs Infektionsgeschehen herrschte. Medial betrachtet hatte der anschließende Lockdown aber noch andere Auswirkungen, die sich gerade im Fernsehprogramm äußern – und damit ist gar nicht mal die aktuelle Maskendebatte gemeint, der RTL durch seine Weigerung, in der neuen Show I Can See Your Voice Abstandsregeln einzuhalten.

Die Frischwoche

24. – 30. August

Die Produktionsflaute vom ersten Halbjahr schlägt nämlich gerade so durch, dass die ARD im zweiten Halbjahr weder am feuilletonistisch wichtigen Film-Mittwoch noch am geriatrisch wichtigen Degeto-Freitag Erstausstrahlungen zeigt. Selbst Streamingdienste wirken ein wenig ausgedünnt, weshalb die Fortsetzung der fabelhaften Krimi-Serie Save Me mit Lennie James am Donnerstag auf Sky einer der wenigen Highlights dieser Woche ist.

Ein Grund mehr sich der Politik zu widmen: Rund sechs Wochen nach dem unsäglichen Interview des RBB mit dem AfD-Nazi Andreas Kalbitz, wagt sich der MDR am Dienstag an ein Interview mit dem AfD-Nazi Björn Höcke. Gut fünf Monate nach dem Ausbruch der Pandemie zum Beispiel arbeitet die ARD heute um 22.45 Uhr den Zug der Seuche um die Welt auf. Fünf Jahre nach Angela Merkels legendärem Satz Wir schaffen das, begibt sich Jochen Breyer am Mittwoch um 22.50 Uhr im Zweiten an den Puls Deutschlands.

Und 19 Jahre nach ihrem Debüt als Kommissarin Lucas, wird am Samstag sogar die dienstälteste ZDF-Polizistin Ulrike Kriener nicht nur ein bisschen feministisch, sondern zeigt mit einem Twist ins Tönnies-Thema Fremdarbeiterausbeutung präpandemischen Weitblick. Apropos TWIST: so heißt auch das neue Kulturmagazin, mit dem Arte ab Sonntag um 16.20 Uhr Kreative aus ganz Europa auf ihrem Weg durch die Krise begleitet. Und damit wären wir auch schon bei den Wiederholungen der Woche.

Diesmal das einflussreiche Meisterwerk Papillon (Freitag. 22.25 Uhr, 3sat) von 1973 mit Steve McQueen und Dustin Hofman als Häftlinge eines mörderischen Gefängnissystems. Und ausnahmsweise mal zwei Tatorte: morgen um 22.15 Uhr zeigt der WDR das Berliner Debüt von Dominic Raacke und Boris Aljinovic anno 2001, Freitag widerfährt Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär im Ersten das Gleiche mit ihrem Auftaktfall Willkommen in Köln von 1997.