Wok-WM & Fußball-Folter

Die Gebrauchtwoche

TV

7. – 13. November

Es ist natürlich (und war auch nie) korrekt, dass Fernsehen früher besser war, aber schlechter, darauf kann man sich vielleicht einigen, war es ohne Bild-TV schon mal gar nicht. Gute zwei Jahre lang haben gewissen-, rückgrat- und kompetenzbefreite Journalismus-Attrappen dort auf kleiner Frequenzflamme großspurig Nachrichtenrundfunk simuliert; nun scheint es, als würde das rechtspopulistische Schmierentheater am mangelnden Erfolg verenden – ein Hoffnungssignal im Meer publizistischer Ignoranz.

Die einen – wie der rechtspopulistische Medienkriegskorvettenkapitän Claus Strunz – versinken womöglich im Grab der Bedeutungslosigkeit. Die anderen – wie Stefan Raabs unverwüstliche Wok-WM – werden wie dieses Wochenende mit Topquoten bei ProSieben exhumiert. Und Wetten, dass…? – dessen Ende schon immer irgendwie vorläufig erschien – dürfte laut Flurfunk des ZDF bald dauerhaft, also mehr als einmal jährlich aus den Ruinen von Markus Lanz auferstehen. All das aber steht tief im Schatten Untoter wie der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft.

Denn die definiert ab Sonntag vier Wochen lang nicht nur den Alltag aller Fans weltweit, sondern das Freizeitangebot ihrer Herren Länder. Während Dokumentationen übers verbrecherische Feudalsystem der FIFA – etwa Jochen Breyers folgenschwere ZDF-Analyse Geheimsache Katar oder Daniel Gordons unfassbar gut recherchierte Netflix-Serie Fifa Uncovered über die Geschichte einer mafiösen Organisation und ihrer Paten von João Havelange über Sepp Blatter bis Gianni Infantino kaum wahrnehmbar bleiben, wird sich um 17 Uhr MEZ ein Vielfaches ihrer Abrufzahlen weltweit vor den Flatscreens versammeln.

Die Frischwoche

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14. – 20. November

Dann startet das Eröffnungsspiel der gastgebenden Diktatur gegen Ecuador, und so lautstark Zuschauboykotte jeder Art verkündet werden, so sicher werden sie vielerorts Lippenbekenntnisse bleiben. Die Einschaltquote von Thomas Hitzlpergers bemerkenswerter Binnensicht Katar – warum nur? kriegt heute im Ersten zwar die beste Anstoßzeit; ihr Publikum dürfte aber nur einen Bruchteil durchschnittlicher WM-Spiele zählen. Von Wetten, dass…? am Abend zuvor mal ganz zu schweigen.

Als Teil des crossmedialen ARD-Thementags zählt übrigens auch der nächste Streich von Olli Dittrich, der zur zuschauerfreundlichen Sendezeit um 23.20 Uhr in die Rolle von Infantinos Friseur tritt und als Leo Marchetti und die FIFA Milliarden wieder mal realistischer als die Wirklichkeit sein dürfte. Darüber hinaus ist es den Plattformen und Portalen zu verdanken, dass die Fernsehangebote sich in Konkurrenz zum übermächtigen Fußball nicht in B-Movies und Altware erschöpfen.

Parallel zum ARD-Schwerpunkt etwa stellt das ZDF heute Orkun Erteners Dramaserie Neuland in die Mediathek. Unter der Regie von Jens Wischnewski geht es sechs Teile um unterschiedliche Frauen einer seltsam urbanen Kleinstadt und wie das Verschwinden einer zweifachen Mutter Narben, Brüche, Disruptionen ihrer nachbarschaftlichen Scheinidylle entlarvt. Auch seine Freundschaftskomödie Der Spalter mit Axel Stein als ebenjener stellt das Zweite am Mittwoch vorerst ins Netz.

Dorthin, wo Netflix zuhause ist und drei Tage vorm WM-Start die teuerste Fiktion aus deutscher Herstellung startet. 1899 handelt von einem Dampfer voll Auswanderer, das im Serientiteljahr auf dem Weg nach New York Höhe Bermudadreieck ein vermisstes Schwesterschiff trifft, was Mensch und Maschinen durch Zeit und Raum schleudert. In bewährter Dark-Manier haben Jantje Friese und Baran bo Odar damit Mystery kreiert, in der absolut alles zu jeder Zeit bedeutungsschwanger ist.

Für Außenstehende durchs dauerdräuende Stochern im Nebel selbstreferenzieller Gruseleffekte vorwiegend nervig, dürfte der Achtteiler für Genrefans das Nonplusultra sein – so wie die vorweihnachtliche Saison-Eröffnung Santa Clause Mittwoch auf Disney+ Feststimmungsanfällige glücklich machen dürfte und die deutsch-österreichische Prime-Schnulze Sachertorte zwei Tage drauf alle Pilcher-Süchtigen. Na ja, ist doch schön, wenn für jeden Geschmack was dabei ist – findet übrigens auch die neue, 17. Folge von Och, eine noch – der Fernsehpodcast.

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Übersee-Clubs & Mystery-Seelen

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Oktober – 6. November

Na, da hat der hessische Verfassungsschutz ja mal richtig Tempo aufgenommen. Nur ein paar Tage, nachdem Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royal den NSU-Untersuchungsbericht zum Totalversagen aka Täterschutzprogramm des hessischen Inlandsgeheimdienstes veröffentlicht hatte, gingen die Hüter des Grundgesetztes gegen unbekannt vor. Ohne Hitlergrüße und Migrantenmorde kann der deutsche Staat ganz schön aktiv werden.

Und na, da hat ja auch Tom Buhrow ja mal gehörig Fahrt aufgenommen. In den letzten gut zwei Jahren seiner Amtszeit ruft der WDR-Intendant zu nicht weniger als einer Revolution auf, will Runde Tische einberufen, Mediatheken bündeln, Gesellschaftsverträge auflegen und womöglich – da blieb er bei seiner Rede vorm Hamburger Übersee-Club vage – die öffentlich-rechtlichen Sender zusammenlegen. Abgesehen vom anwesenden Messingknopf-Publikum, gab es da nur aus vorhersehbarer Richtung Applaus: Christian Lindner.

„Herr Buhrow spricht das bisher Unsagbare und Undenkbare aus“ frohlockte ein FDP-Chef, der fürs Ende des gebührenfinanzierten Rundfunks sicher leichten Herzens das Tempolimit in Spielstraßen aufheben würde. Womit wir bei einer artverwandten Debatte wären, die gerade durch Echoräume analoger und digitaler Medien rauscht: Weil Rettungskräfte auf dem Weg zu einer Unfallstelle im Berliner Stau steckten, wirft die Klimawandelbeschleunigungskoalition von AfD bis CSU Klima-Aktivst:innen quasi vor, das Unfallopfer getötet zu haben.

Nach der Logik wären auch Hersteller des Sekundenklebers (vermutlich bio) schuldig, mit dem sich das demonstrierende Gesocks (vermutlich pädophile Kommunisten) gewissenloser Eltern (vermutlich nicht-arisch) auf den (vermutlich von Gastarbeitern gelegten) Asphalt befestigt haben. Aber bei der Kriminalisierung zivilen Ungehorsams geht es ja nicht um Logik, sondern Politik, so wie Elon Musks Entlassungsorgie nicht Twitter sanieren soll, sondern zum schutzlosen Schlachtfeld seiner rechtspopulistischen Freunde.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

7. – 13. November

In dieser Medienlandschaft sind selbst Zeiten wie jene nicht mehr ausgeschlossen, mit denen sich die Filmemacherin Sharon Ryba-Kahn befasst. Ihre ZDF-Doku Displaced – verschoben, verdrängt, vertrieben blickt heute um 0.05 Uhr autobiografisch auf ihre jüdischen Vorfahren und was Nachfahren wie sie bis heute stigmatisiert. Um eine Unterform dieser Ausgrenzung könnte es ab Freitag auch in der ARD-Mediathek gehen.

Wenn die deutsch-algerische Titelfigur Lamia allerdings sieben Teile lang ihren Platz in der Mehrheitsgesellschaft sucht, erzählt Süheyla Schwenk nach Büchern von Sarah Kilter – Inshallah! – keinen inter-, sondern innerkulturellen Culture-Clash. So unverkrampft wurde migrantisch geprägter Alltag selten fiktional erzählt. Die Überraschung der Woche heißt aber dennoch Souls. Anfangs scheint die Mystery-Serie zwar nur ein billiger Abklatsch von Dark zu sein.

Nach drei der acht Teile jedoch löst sich Alex Eslams dickflüssige Zeitschleifenbrühe zu einer originellen Suppe auf, die zwar weiterhin stark überwürzt wurde, aber ein paar neue Geschmacksnoten von Originalität bis Esprit enthält. Beide Zutaten finden sich – obwohl die Gerichte nun zum fünften Mal aufgewärmt werden – auch in der 5. Staffel von Handmaid’s Tale (Donnerstag, Magenta) und The Crown (Mittwoch, Netflix) oder der 2. von Christian Ulmens Supermarkt-Mockumentary Die Discounter, ab Freitag bei Prime Video.

Abgesehen vom nächsten ZDF-Detective Grace, die ab Sonntag mit – so heißt es im Genre – unkonventionellen Methoden ermittelt, ist der Rest eher Sachfernsehen. Das Bürgerparlament zum Beispiel, in dem Ingo Zamperoni dienstags um 22 Uhr im NDR ganz normale Menschen zur Townhall-Debatte bittet. Auftaktthema: Verzicht? Nicht mit mir! Mittwoch darf sich schöne David bei Disney+ in der Reality-Soap S.O.S. Beckham als Wohltäter inszenieren. Parallel blickt Fifa Uncovered (Netflix) auf die organisierte Kriminalität, während Katrin Bauerfeinds Show Tore, Tränen Tiki Taka ab Donnerstag bei Sky die heiteren Fußballseiten zeigt.


Trumps Gezwitscher & Davids Network

Die Gebrauchtwoche

TV

24. – 30. Oktober

So, nach Lage der Dinge gehört Twitter seit Freitag dem reichsten Mann des Universums und wird in Echtzeit zur Plattform für narzisstische Demokratieverächter wie Donald Trump, denen der narzisstische Demokratieverächter Elon Musk die Schranken zur Hölle öffnet. Noch ist @realdonaldtrump zwar gesperrt, aber der Account des Chief Twit dürfte bald die Öffnung ankündigen und als Beitrag zur Debattenkultur verkaufen. Einige Populist*innen hartrechts der Mitte durften ihre gesperrten Twitter-Konten jedenfalls schon wieder voll pesten.

Jan Böhmermanns investigatives ZDF Magazin Royal hat fast zeitgleich als geheim eingestufte Ermittlungsakten zum NSU-Prozess, die das hessische Innenministerium für mindestens 30 (anfangs gar 120) Jahre unter Verschluss halten wollte, abgetippt und unter bundesverfassungsschutzschutz veröffentlicht. Der Inhalt scheint zwar alles andere als aufregend zu sein; die Tatsache allein allerdings könnte für neue Diskussionen um Wohl und Wehe geleakter Geheimnisse sorgen, die zuletzt ja auch das öffentlich-rechtliche Selbstbedienungssystem ins Wanken gebracht haben.

Nachdem Sabine Rossbach von der Antikorruptionsbeauftragten ihres – äh – eigenen Hauses vom Vorwurf der Begünstigung freigesprochen wurde, darf sich die Landesfunkhausdirektorin des NDR Hamburg auf einen Ruhestand in Saus und Braus einstellen. Frisch publizierte Zahlen nämlich zeigen, mit welch grotesken Summen staatsvertraglich garantierte Fernsehanstalten ihr Spitzenpersonal selbst dann versorgen, falls sie nur einen Tag in leitender Position waren. Erschaffen wurde hierzu ein System namens Ruhegeld, das bis zur Rente läuft.

Für Susann Lange, Juristische Direktorin des neofeudalistischen RBB, wären da satte 195.000 Euro jährlich plus 8,3 Prozent „variabler Vergütung“ drin gewesen, und zwar ungeachtet ihrer Bezüge aus anderer Tätigkeit. So fürstlich haben übrigens sämtliche Funkhäuser bis auf den klitzekleinen SR ihre Führungskräfte versorgt – auch wenn riesengroße wie der SWR oder BR diese Praxis gerade auslaufen lassen. Es lebt sich gut, im Unruhestand gebührenfinanzierter Altenteile.

Die Frischwoche

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31. Oktober – 6. November

Angesichts dieser Selbstbereicherungsnetzwerke könnte man glatt denken, Ze Network wäre bereits eine Echtzeitverfilmung des ARD-Skandals. In der Agententhriller-Persiflage bastelt sich RTL+ hingegen ab Dienstag ein postkaltes Kriegsgeflecht, in dem David Hasselhoff als David Hasselhoff landet, um mit Henry Hübchen als Henry Hübchen selbstironischen Radau zu machen. Das wäre sogar ganz drollig gewesen, hätte Christian Alvert – dessen Tatort-Attrappen dank Til Schweiger eher unfreiwillig komisch sind – seinen US-Star nicht synchronisiert.

Dass er Deutsch spricht, nimmt der Serie jeden, wirklich jeden Anflug von Esprit und lenkt alle Aufmerksamkeit dieser Woche auf andere Erstausstrahlungen. Helsinki-Syndrome zum Beispiel. Im finnischen Achtteiler nimmt Vikings-Star Peter Franzén eine Zeitungsredaktion als Geiseln, um die wahren Hintergründe der Finanzspekulationskrise vor 30 Jahren herauszufinden. Und das räumt nicht nur mit diversen Klischees übers polare Land auf, sondern ist ab Donnerstag bei Arte auf fesselnde Art tiefgründig.

Beides gilt mit ein paar Abstrichen für Musik und Effekthascherei auch für den Real-Crime-Dreiteiler Das Mädchen in der Kiste, womit Sky parallel dazu einen der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle nachzeichnet: die Entführung und Ermordung von Ursula Herrmann 1981. Der ARD-Mittwochsfilm Kalt lässt zuvor einen Kita-Ausflug virtuos eskalieren, während die großartige Friederike Becht am Samstag (ZDF-Mediathek) im #MeToo-Drama So laut du kannst brilliert und Jennifer Lawrence ab Freitag in Causeway bei Apple+ eine posttraumatische Belastungsstörung verarbeitet.

Interessant klingt auch der Ansatz von Starzplay/Lionsgate, das opulente Neunzigerjahre-Kostümfest Gefährliche Liebschaften ab Sonntag in Serienform zu gießen. Und eher chronistenpflichtig: zugleich startet die ARD-Themenwoche 2022, diesmal zum Thema WIR, also das pflegliche Miteinander in Zeiten des wütenden Gegeneinanders. Richtig los geht der Schwerpunkt aber erst am Montag drauf.


Populismus & Parlamente

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Oktober

Es klingt ein wenig kühn, keine zehn Jahre nach Beginn des Streamingzeitalters schon wieder dessen Ende auszurufen, aber die ersten Kommentare sagen es zaghaft voraus. Ein Grund: Mitte November erweitert Netflix sein Angebot um ein werbeunterbrochenes, was hierzulande ungefähr fünf Euro kosten soll. Dass Magenta TV beschlossen hat, keine deutschen Inhalte mehr zu produzieren, war bereits im Sommer ein Alarmsignal. Und wenn Paramount+ den rappelvollen Markt im Dezember weiter aufbläst, werden die Kuchenstücke für alle anderen erneut kleiner.

Wen das freuen könnte? Die Platzhirsche. Also ihre Ahnen der öffentlich-rechtlichen Sender. Deren Kernangebot aus Nachrichten, Sport, Seniorenunterhaltung ist in der alternden Gesellschaft schließlich vergleichsweise krisensicherer als beispielsweise Messengerdienste wie Twitter, das anders als noch vor kurzem kolportiert wohl keine Bewegtbilder produzieren wird, sondern unterm neuen Besitzer Elon Musik erstmal dreiviertel der knapp 8000 Angestellten entlässt.

Welche Strahlkraft ARZDF noch haben, zeigte sich zuletzt in Sandra Maischbergers Exklusiv-Interview mit Greta Thunberg, aus dem das Erste der nationalen Info-Industrie ein winzig kleines, angeblich atomkraftfreundliches Bröckchen vor die Füße warf – schon haben FDPCDUAfD daraus verkürzt, also falsch zitiert. Das nennt man Meinungsmacht, aber eben auch Populismus, mit dem selbst seriöse Parteien wie die von Friedrich Merz Politik machen, sobald es sich aufdrängt.

Einer, von dem man es irgendwie nicht erwartet und noch weniger erhofft hatte, übt sich jetzt auch hin populistischer Wutenbrennung: John Cleese. Einst das vielleicht witzigste Exemplar unserer Spezies, moderiert der frühere Monty Python jetzt eine Sendung beim britischem Fox-Pendant und hätte vermutlich auch für den Stürmer geschrieben, wenn der wie Cleese gegen Cancel Culture gewettert hätte. Aber gut – das passt zum britischen Kasperletheater, in dem Boris Johnson nur kurz mal durch Liz Truss ersetzt wurde.

Die Frischwoche

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24. – 30. Oktober

Wie bestellt, sind die irrsten Charaktere der aktuell besten Politsatire Engländer*innen. Die 2. Staffel der sehr kleinen, sehr feinen Serie Parlament steht ab heute in der ARD-Mediathek und sorgt am Standort Straßburg erneut für hintergründiges Gelächter übers europäische Plenum. Ebenfalls international koproduziert, allerdings nicht halb so gelungen: Das Netz, ein – vorerst deutsch-österreichisches – Tandem, das den realen Fußballskandal mit gekaufter WM fiktionalisiert.

Zu schade, dass sich weder Rick Ostermann (Spiel am Abgrund) noch Andreas Prochaska (Prometheus) trauen, echte Täter beim Namen zu nennen und selbst die korrupte Fifa noch durch WFA ersetzen. Viel Action, wenig Mumm. Was ungefähr auch für Reset gilt, womit Bushidos Bild-Kumpel Peter Rossberg sein Prime-Porträt Unzensiert bei RTL+ fortsetzt und dem Rapper damit ein werbewirksames Denkmal baut. Ohne Scheiß? Da ist die dreiteilige Doku Mai time, mit der das Erste den Schlagerstar Vanessa Mai skizziert, distanzierter.

Anything else? Netflix hat vorige Woche mit Once upon a small town, Notre-Dame oder Die grünen Handschuhe gleich drei Serien gestartet und Barbaren fortgesetzt, während AppleTV+ für Raymond & Ray die Superstars Ethan Hawke und Ewan McGregor gewinnen konnte. Und diese Woche startet Netflix erst sein Cabinet of Curiosities (Dienstag) und geht Freitag Wenn ich das gewusst hätte und The Bastard Son & The Devil Himself ins Rennen, bevor das deutsche Remake von Im Westen nichts neues für ein Highlight sorgt, das Disney+ mit der zweiten Staffel seiner Mysterious Benedict Society liefert.

Das Glanzlicht der Woche schimmert aber woanders: in ihrer (ersten) TV-Serie Safe beobachtet Caroline Link zwei Berliner Psycholog*innen bei der fiktiven Arbeit. Wenn Carlo Ljubek und Judith Bohle acht Teile vier disruptive Kinder und Jugendliche behandeln, ist das ohne Übertreibung perfektes Fernsehen, also ein Glücksfall für ZDFneo und uns. Ebenso wie Anna Schudt als Die Bürgermeisterin (20.15 Uhr, ZDF). Eher Pech, dass die ARD zeitgleich die Mecklenburgerin Jessy Wellmer auf allzu kritiklose Identitätssuche Russland, Putin und wir Ostdeutsche schickt, was aber noch nicht verglichen mit dem Unglück der Woche ist: um 16 Uhr holt Sat1 Britt – Der Talk aus der Mottenkiste.


Fernsehpodcasts: Serien & Sachgeschichten

Bingenweisheiten im Streamgestöber

och

Der wachsenden Zahl neuer Filme und Serien steht ein zunehmendes Angebot von Podcasts gegenüber, die es etwas vorsortieren. Eine kleine Reise durch die Welt des Fernsehradios.

Jan Freitag

Spaziergänge durch Deutschlands Städte und Gemeinden sind von Föhr bis Füssen oft Spießrutenläufe lustiger Sprachverirrung – wenngleich weniger, weil es hierzulande vor Orten von Krätze bis Kotzfeld nur so wimmelt. Nein, oft liegt es am Frisiergewerbe. Haareszeiten, Haarmonie, Sahaara und, auweia, Hairreinspaziert – der toupierten Wortspielbesessenheit kann nur ein Handwerk das Wortwitzwasser reichen: Fernsehpodcasts.

Wer online über Serien und Filme redet, verspürt offenbar den Drang, seine Sendung drollig zu betiteln. Es suppt daher Serienweise so viel Freiwillige Filmkontrolle kritischer Bingenweisheiten im Streamgestöber der Schaulustigen aus Apps und Browsern, dass Wiedersehen Freude macht. Aber auch Wiederhören? Angesichts all dieser Podcast-Namen ist das zwar Geschmackssache, aber eine vielvernommene.

Seit Katrin Fricke alias Coldmirror 2015 in ihrem 5 Minuten Harry Podcast 300 Kinosekunden ihres liebsten Zauberlehrlings pro Folge auf Fehler abgeklopft hat und damit ein wachsendes Publikum gefunden, sind Bewertungsformate handelsüblicher Fiktionen omnipräsent. Und während das Themenfeld naturgemäß auf Film oder Fernsehen begrenzt bleibt, waren der Titelschöpfungskreativität keine Grenzen gesetzt außer denen des verarbeiteten Metiers. Bestes Beispiel: Kack & Sachgeschichten.

Kurz nach Coldmirrors Dammbruch vor der heranrollenden Podcast-Welle entstanden, hat sich das Trio dahinter anno 2016 in Hamburg zur ersten Folge getroffen und allenfalls das Interesse einiger Dutzend fernsehaffiner Poetryslam-Nerds geweckt. Jetzt lauschen Woche für Woche gut 400.000 Fans dem Mix aus Talkradio, Medienkritik und Pennälerwitzen von Fred Hilke, Richard Hansen und Tobi Aengenheyster, die als selbsterklärte PoMiBi längst kleinere Mehrzweckhallen der Spaßgesellschaft füllen.

Drei Podcaster mit Bier also, die nie gendern und sehr gerne sehr laut über sich lachen, die sich 208 Folgen ohne Aktualitätsanspruch vier Stunden durch Fantasiewelten von Western bis Westeros, Weißer Hai bis White Lotus gefaselt und ihr Hobby inklusive Merchandising zum (sehr lukrativen) Beruf gemacht haben. Motto laut Jingle: „Total banale Themen/werden hier seziert/scheißegal wie albern/hart analysiert“. Klingt grob, ist grob und damit beispiellos Ansonsten nämlich übt die Szene zwar den Spagat zwischen Analyse und Entertainment vorwiegend locker im Tonfall, nimmt ihr Medium aber ziemlich ernst.

Unsere „Sehnsucht nach dem gesprochenen Wort“, die der Stuttgarter Kommunikationsforscher Oliver Zöllner in Zeiten visueller Reizüberflutung erkennt, trifft hier schließlich auf eine ebenso große Sehnsucht nach sehenswerter Fiktion. Dank HBO und Netflix, Disney oder Apple wurde das neue Kino Serie ja nicht nur zur wichtigsten Freizeitbeschäftigung der halben Welt; es ist ein Milliardenbusiness, das allenfalls inhaltlich, nicht ökonomisch auf Entspannung setzt – was sich auch im Sound der digitalen Nachbereitung spiegelt.

Dass Die Schaulustigen Sophie Passmann und Matthias Kalle im Auftrag des Zeit-Magazins ab 2017 um elaborierte Lässigkeit bemüht waren, lag noch in der Natur des gehobenen Feuilletons. Auch Podcasts tiefkulturellerer Medien wie Bingenweisheiten (TV Spielfilm) oder Streamgestöber (Moviepilot) aber sind feierlicher als ihre Titel. Die freiwilligen Filmkontrolleure des Rolling Stone Sassan Niasseri und Arne Willander etwa setzen sich alle 14 Tage 60 Minuten so nüchtern mit alten 007- oder neuen GoT-Folgen auseinander, als säßen sie im titel, thesen, temperamente. Obwohl die Serien-Nerds Daniel Schröckert und Donnie O’Sullivan zur Gaming-Guerilla Rocket Beans zählen, neigt Bada Bing seit 2017 faktenversessen zur Erbsenzählerei.

Wenn ihre (meist männlichen) Kollegen in Serienweise oder Och, eine noch mal episoden-, meist staffelweise Neuerscheinungen sezieren, wird also schon gelacht. Allerdings mehr miteinander als übers Besprochene. Atmosphärisch verstehen sich die Gesprächsformate dennoch als Gegenpol zum Thrill der True Crime und liefern zudem messbaren Mehrwert. Im Film- und Seriendschungel wildwuchernder Mediatheken und Streamingdienste sortieren die Kuratoren ein explodierendes Angebot, das Flatrate-Portale wie Spotify und Podigee jederzeit günstig verfügbar machen, wenigstens ein wenig vor. Am Ende aber bleiben Fernsehpodcasts in der Regel das, wonach es sich anhört: öffentliches Gelaber.


Habets Beaujean & Theklas Martha

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 9. Oktober

Es war schon mal deutlich mehr los im Medienzirkus Maximus. Die meisten Fernsehsender haben den niedersächsischen Wahlabend souverän gemeistert, obwohl dem ZDF nach kurzer Zeit das Tierleben wichtiger war als das politische. Dass bei Anne Will anschließend kein(e) AfD-Vertreter(in) zur Nachbearbeitungsrunde geladen war, machte die Wutpartei zwar noch wütender als ihre Klientel, darf man aber als vorauseilende Gesprächshygiene deuten.

Beim RBB ist mit der juristischen Direktorin Susann Lange zuvor der nächste Kopf ins Rollen geraten, was bei ProSiebenSat1 vermutlich wie ein mittelschwerer Erdrutsch geklungen hat, als bekannt wurde, dass deren Vorstandssprecher Rainer Beaujean für Außenstehende unverhofft durch den früheren RTL-CEO Bert Habets ersetzt werden soll, was für Innenstehende schon deshalb wohl weniger überraschend war, weil der Niederländer ja bereits im Aufsichtsrat der Media SE sitzt.

Ach ja – und dann war da ja noch die Sache mit Twitter. Das nämlich will, besser: muss Elon Musk nun doch wie vereinbart kaufen und damit vermutlich einer gerichtlichen Niederlage wegen vorsätzlichen Vertragsbruchs zuvorkommen. Ob der Zwitscherdienst noch eine Zukunft hat, wenn Faschisten wie Donald Trump darauf wieder Lügen und Hass verbreiten, wird sich zeigen. Jan Böhmermann empfahl derweil auf – tihi – Twitter, von dort zur Konkurrenz von Fediverse zu wechseln.

Das allerdings hat vermutlich weniger Konsequenzen als der wahre Coup seines ZDF Magazin Royal. Dort nämlich hat seine Redaktion Kontakte des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik nach Russland entlarvt, was nun Ermittlungen der Bundesanwaltschaft nach sich zieht und Amtsleiter Arne Schönbohm den Job kosten könnte. Drollig nur, dass die CDU den Untergebenen der sozialdemokratischen Innenministerin Nancy Faeser in Schutz nahm. Ach ja – unter Unionsführung war er ja inthronisiert worden. Verrückte Politikwelt…

Die Frischwoche

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10. – 16. Oktober

Gewöhnliche Fernsehwelt. Denn dort gibt es heute Abend im Ersten mit dem realfiktionalen Biopic Martha Liebermann das nächste Stück Reanactment mit Widerstandskämpferin unter Hakenkreuzfahnen und Thekla Carola Wied als Malergattin in ihrer (angeblich) letzten Rolle. Morgen dann wanderte die deutsche Murmeltiertag-Variation Another Monday aus der Mediathek zu ZDFneo. In der Arte-Mediathek hingegen ereignet sich echt Bemerkenswertes.

Der Sechsteiler Die Welt von morgen zeichnet den Weg der französischen HipHop-Pioniere Nique Ta Mère nach – und herausgekommen ist ein absolut fantastisches Stück Popkulturgeschichte, für das man alle Frankophonen, die das auch im Original verstehen, nur beneiden kann. RTL+ hat sich mit Peacemaker ab Donnerstag derweil die nächste DC-Verfilmung gesichert.

Apple+ macht den Bestseller Shantaram tags drauf zur fiebrigen Verfolgungsjagd des autobiografischen Bankräubers Lindsey Ford auf der Flucht durch Indien Anfang der Achtzigerjahre, ohne sich zehn fast einstündige Episoden lang nur auf Action zu versteifen. In der ARD startet parallel die spanische Dramaserie mit dem nicht so richtig iberisch klingenden Titel You shall not lie. Am Sonntag schickt das ZDF mit Désirée Nosbusch, Leslie Malton und Suzanne von Borsody drei Frauen über 50 in die zweiteilige Melodramenschlacht Süßer Rausch um ein deutsch-italienisches Schnapsimperium schickt.

Das wahre Augenmerk sollte abends zuvor allerdings auf die ZDF-Mediathek gerichtet sein. Dort nämlich überzeugt Anna Schudt als Die Bürgermeisterin einer deutschen Kleinstadt im Kreuzfeuer eines rechtspopulistischen Mobs, der ehrenamtlichen Freizeitpolitikerinnen wie dieser auch in der Realität längst das Leben zur Hölle macht. Was im Vorweg ein bisschen nach bedeutungsschwangerem Gefühlskitsch klang, erweist sich als ziemlich solide Persönlichkeits- und Milieustudie eines irritierten, irritierenden Landes.


Prechts Schlägerei & Branaghs Johnson

Die Gebrauchtwoche

TV

26. September – 2. Oktober

Das Wortspiel ist älter als der Barte des Propheten, aber immer, wenn irgendwas bei gleicher Zusammensetzung irgendwie umbenannt wird, sagt irgendwer garantiert, und Raider heiße jetzt Twix. Mehr Querverweise in die Zeit, als der deutsche Schokoriegel globalisiert wurde, gibt es allerdings nicht durch die Umbenennung von Starzplay ins weltweit bekannte Lionsgate+, das Unternehmen hinter der Videoplattform, die andernorts wiederum unter Starz bekannter ist, vor 27 Jahren in Kanada gegründet wurde und damit 13 Jahre jünger ist als zwei Kinder der Raider-Epoche, die grad 40. Geburtstag feiern.

Im Herbst 1982 feierten nämlich zwei Serien Fernsehpremiere, die unterschiedlicher kaum sein könnten und einander dennoch bedingt haben: Knight Rider und Pumuckl, bedingungsloser Technikglaube hier, fortschrittsmüde Nostalgie dort. Und dass letzterer gerade ein Remake erhält, während erster schon durch die Teilnahme David Hasselhoffs längst absurder ist als der drolligste Kobold, zeigt ein bisschen, wohin die Reise im Angesicht von Krieg und Klimawandel gesellschaftlich gerade geht.

Die Sehnsucht nach dem Gestern ist so stark am Bildschirm, dass viele Zuschauer*innen sich erschüttert abwenden von der Realität – allerdings nicht aus Gründen, die Richard David Precht mit Harald Welzer in seiner philosophischen Wirtshausschlägerei Die Macht der Massenmedien insinuiert, sondern weil die Wucht der Dauerkrisen für viele nur mit Eskapismus erträglich geworden ist. Talkshows wie die, in der Markus Lanz vorigen Mittwoch mit dem Verfasser kollidierte, sehen viele von denen schon lange nicht mehr.

Der Rest konnte am Mittwoch live erleben, wie sich Precht beim ähnlich wohlfrisierten Moderator bitterlich beklagte, dass Presse-Organe links vom rechten Rand seine populistisch anschlussfähige Medienschelte nicht ebenso abfeiern wie die AfD und vermutlich auch das Kampfblatt des Springer-Chefs, über den das hauseigene Wirtschaftsportal Business Insider Ulkiges veröffentlichte: Mails des deutschen Trumpeters Mathias Döpfner nämlich, in denen er Elon Musk schon Anfang des Jahres riet, Twitter zu kaufen.

Die Frischwoche

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3. – 9. Oktober

Schöne neue Alphatierwelt, der ein ausgesprochen narzisstisches Exemplar abhandengekommen ist, aber nun als Biopic-Figur zurückkehrt: Boris Johnson. In der Sky-Serie This England spielt kein geringerer als Kenneth Branagh ab Donnerstag den frisch ersetzten Premierminister, und zwar als betriebsblinde Knalltüte, deren Zögern zu Beginn der Corona-Pandemie (nicht nur) aus Sicht von Showrunner Michael Winterbottom Tausende von Menschenleben und Abermilliarden Pfund gekostet haben könnte.

So bitter das reale Resultat war, so unterhaltsam ist das fiktive – und ähnelt damit Andrew Dominiks Biopic Blond mit der Spanierin Ana de Armas als Marilyn Monroe, seit kurzem bei Netflix. Auch sonst steht die Woche im Zeichen beeindruckender Frauen. In der deutsche-schwedischen Neo-Serie Lea – The Fighter zum Beispiel wird ab Freitag eine Boxerin skizziert. Im Sky-Remake Kung Fu wird der legendäre Siebzigerjahre-Shaolin David Carradine ab Sonntag durch eine Kämpferin ersetzt. Parallel dazu feiert Maria Furtwängler den 30 Tatort-Einsatz als Charlotte Lindholm in 20 Jahren.

Tags zuvor dominiert Liv Lisa Fries (mehr als ihr querdenkender Kollege VOLKer Bruch) an gleicher Stelle auch die vierte Staffel von Babylon Berlin der wilden Zwanziger bis Dreißigerjahre (in denen heute Abend auch der schale ARD-Zweiteiler Das weiße Haus am Rhein spielt). Im achtteiligen Mystery-Thriller Himmelstal geraten Zwillingsschwestern (Josefin Asplund) ab morgen auf One in ein psychiatrisches Experiment. Und selbst die 13. (angeblich letzte) Staffel Walking Death wird ab heute bei Disney+ eher weiblich als männlich dominiert.

Aus diesem Geschlechterschema fallen nur zwei Neustarts heraus: Die Anthology-Serie The Resort verhandelt ab Freitag bei Peacock/Sky auf mystische Art Eheprobleme im Ferienparadies. Parallel dazu startet der Grusel-Spezialist Mike Flanagan sein drittes Netflix-Format mit dem sagenhaft dämlich übersetzten Titel Gänsehaut um Mitternacht, eine Art Club der roten Bänder im Spukhaus.


Lindners Löhne & Eyssens Sisi

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. September

Man muss sich das kurz im neoliberalen Ohr zergehen lassen: Christian Lindner, Fan besinnungsloser Autobahnraserei und Apothekenprofite, schlägt vor, Bezüge zu deckeln, und zwar ausnahmsweise nicht diejenigen arbeitsloser oder ähnlich einkommensschwacher Menschen, denen er das Existenzminimum nicht unterm Fingernagel gönnt. Nein: Besserverdienenden, also seinesgleichen. Zumindest, sofern sie Teil der öffentlich-rechtlichen Führungsspitze sind, deren Reporter*rinnen oftmals allzu kritisch mit der FDP umgehen.

Ach ja, anschließend forderte er – unter Umgehung staatsvertraglicher Kenntnisse – auch noch, die Rundfunkbeiträge zu deckeln. Grund dafür: eine öffentlich-rechtliche Doppelberichterstattung der Queen-Beerdigung, was – trotz 4,1 Milliarden Welteinschaltquote, die auch deutsche Medien von einer argentinischen Bloggerin abgeschrieben habe – fürwahr kein gebührenfinanziertes Ruhmesblatt war, aber gleich Anlass zum Bruch mehrerer Verfassungsgerichtsurteile? Für Lindner schon, den man da allerdings hören möchte, wenn nur einer der beiden Sender vom nächsten FDP-Parteitag berichtet.

Und warum blieb ein Finanzminister, der Mietpreisdeckel kommunistisch findet, aber Gaspreisdeckel liberal, eigentlich stumm, als die Tagesthemen am Dienstag gleich von zwei Personen moderiert wurden? Ach ja, weil Ulrich Wickert nur mal kurz bei Caren Miosga reinschneite, um ihr dafür zu gratulieren, dass sie ihn als Moderator mit der längsten Dienstzeit abgelöst hat. Eine Doppelspitze gibt es dagegen, wenn RTL Ende 2022 das ablaufende Jahr Revue passieren lässt. Neben Thomas Gottschalk am Mikro, Achtung: Karl Theodor zu Guttenberg, der selbst für CSU-Verhältnisse ausgesprochen egoman und windig war.

Also ganz gut zu Gottschalk und Privatsendern passt… Da dürfte die Bild-Zeitung doch balkenbreit frohlocken, dass zwei ihrer Zugpferde gemeinsam vor der Kamera stehen. Zumal der zugehörige Internet-Sender Bild TV dank umfassender Kooperationen mit RTL noch nicht mal fremdes Material nutzen muss. Wie jenes, das er ARD und ZDF vor einem Jahr nach der Bundestagswahl geklaut hatte – und nun auch im zugehörigen Urheberrechtsstreit unterlag.

Die Frischwoche

26. September – 2. Oktober

Ob die Nachkommen derer zu Habsburg, einst das mächtigste Adelsgeschlecht Europas, Netflix fürs nächste Biopic ihres süßesten Gesichtes belangen wird, bleibt abzuwarten, aber sie ist wieder da: Sisi. Auch wenn Die Kaiserin der Herzen in Katharina Eyssens opulentem Sechsteiler partout Elisabeth genannt werden will. Als solche landet die Märchenprinzessin neun Monate nach der RTL-Serie Sisi in Franz-Josefs Käfig – allerdings ästhetisch so, als hätte Wes Anderson Babylon Berlin in Schloss Schönbrunn gedreht.

Schwer zu sagen, ob das kreativ oder unfreiwillig komisch ist, aber den Aberwitz dieser tausendfach verklärten Lovestory expressionistisch zu überdrehen, bleibt zumindest unberechenbar. Das hätte wohl auch Pistol gern von sich behauptet, ist nach Lage der Teaser (Disney+ hat bis zum Upload dieser Kolumne keine Screener geschickt), aber nur ein schaler Versuch, die Ur-Punks ab Mittwoch serientauglich zu kostümieren. Und damit zu einer Serie, die parallel an gleicher Stelle ohne Kostüm zum Besten zählt, was 2022 hervorbringen dürfte

In The Old Man spielt der unvergleichliche Jeff Bridges einen CIA-Agenten a.D., den die Vergangenheit als tödliche Allzweckwaffe abrupt aus seinem Exil in Verfolgungsjagden von ergreifender Intensität zieht. Was der Siebenteiler aus dem gleichnamigen Roman von Thomas Perry macht, ist somit nicht weniger als die Entdeckung der Actionlangsamkeit, an der man sich kaum sattsehen kann. Internationale Qualität eben, die deutsche Produktionen bisweilen fast mutwillig unterlaufen.

Die ZDF-Mediathek zum Beispiel mit dem nächsten Kommissar (Ulrich Noethen) der Samstag aus einer Großstadt (Hamburg) in die Provinz (Wendland) versetzt wird, wo er beim Mordermitteln seine Marotten kultiviert. Noch berechenbarer ist die Mystery-Serie Another Monday mit der verrückten Idee, drei Charaktere morgens in einer Zeitschleife erwachen zu lassen. Vielleicht sollte man das mal mit einem Murmeltier versuchen… Besser machen es da zwei Dokus: Passend zur linearen Ausstrahlung vom Lausitz-Drama Lauchhammer zeigt die ARD-Mediathek Hinter dem Abgrund, einer vierteilige Milieustudie übers (Über-)Leben im ehemaligen Braunkohlerevier. Und Samstag beleuchte Sky drei Teile lang das Leben und Sterben der Grünen-Ikone Petra Kelly.


Habecks Gestümper & Filme im Film

TV

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. September

Falls es jemand noch nicht bemerkt haben sollte: The Queen is dead. Das haben alle, wirklich alle Medien am Donnerstag quasi in Echtzeit berichtet und auch danach tagelang wenig anderes. Wobei nicht nur die ungekünstelte Traurigkeit ansonsten eher nüchterner Journalist*innen überrascht, sondern mehr noch ihre Kritiklosigkeit. Denn Pietät hin oder her: dem 96-jährigen Spross einer elitären, inzestuösen, undemokratischen, reaktionären, alimentierten Blutsdynastie derart zu huldigen, wie es flächendeckend erfolgte – das ist trotz Elisabeths Lebensleistung geradezu pflichtvergessen.

Einigen verhalf der Titelthemenschwenk aber auch zur willkommenen Atempause. Allen voran Robert Habeck, der mit Interview-Gestümper wie bei Sandra Maischberger grad die grüne Kernkompetenz zelebriert, gute Umfragen mit dem Arsch verbockter Kommunikation einzureißen. Auch Mathias Döpfner war gewiss glücklich, dass eine Missbrauchsklage gegen Springer in den USA flugs wieder aus den Schlagzeilen fiel. Und auch der RBB freut sich über jeden Tag anderer Titelschwerpunkte als dem Sumpf im eigenen Haus.

Dass er mit Katrin Vernau nun eine Interims-Intendantin hat, rutschte ebenso an den Wahrnehmungsrand wie ein Korruptionsverdacht gegen NDR-Funkhauschefin Sabine Rossbach, die in aller Stille von ihrem Posten zurücktrat. Netflix dagegen hätte vielleicht gern ein wenig mehr Aufmerksamkeit dafür geerntet, dass der schlingernde Streamingdienst in Cannes vermutlich zum letzten Mal die meisten Nominierungen aller Produktionseinheiten feiern durfte, während Paul Ronzheimer beim Deutschen Fernsehpreis wieder leer ausgeht – was er in grenzenloser Selbstverliebtheit kommentierte.

„Herzlichen Glückwunsch meinen geschätzten Kolleginnen und Kollegen“, twitterte er an Katrin Eigendorf, Kavita Sharma, Steffen Schwarzkopf und beklagte, „dass BILD bei den Nominierungen (mal wieder) ignoriert wurde nach unserer Dauer-Berichterstattung seit Monaten“. Tja, lieber Reichelt-Buddy – viel von jeder Front zu berichten hilft halt wenig, wenn man es für ein demokratiefeindliches Kampagnenblatt tut. Immerhin sprangen ihm sein Chef Johannes Boie und Christian Lindners Gatt…, pardon: Welt-Reporterin Franca Lehfeldt zur Seite, dazu Andrij Melnyk, Micky Beisenherz, Sonia Mikich und, hoppla: Karl Lauterbach.

0-Frischwoche

Die Frischwoche

13. – 19. September

Alles Medienprofis, die prima zur Fortsetzung der ewigen Achtziger-Serie Reich & Schön passen, die Warner mit den Staffeln 31 & 32 fortsetzt. Und ein bisschen fühlt man sich angesichts solcher Machtspielchen auch an The Serpent Queen erinnert – ein achtteiliges Stück Historytainment, mit dem Starzplay seit gestern die Renaissance-Strippenzieherin Caterine di Medici in einer famosen Geschichtsgroteske voller Hauptfiguren würdigt, mit deren Bezeichnung gönnerhafte Männer gern Emanzipation simulieren: „Starke Frauen“.

So altväterlich dieser Begriff ist: er trifft natürlich doch irgendwie auch auf zwei weitere Reihenformate zu. In der mehrfach Emmy-prämierten US-Serie Hacks, soll die alte erfolgreiche Komikerin Deborah (Jean Smart) mit der jungen erfolglosen Autorin Ava (Hannah Einbinder) ein Stand-up-Duo in Las Vegas bilden, und dieses Feuerwerk zweier Zynikerinnen ist von der ersten bis zur achten Folge hinreißend. Das gilt auch für Irma Vep. Und bei wem es da klingelt: So hieß ein Film von Oliver Assayas, in dem er 1996 Film im Film im Film drehen ließ. Jetzt macht er dieses Matrjoschka-Prinzip zur HBO-Serie.

Ab morgen spielt der US-Superstar Mira (Alissia Vikander) bei Sky die Hauptfigur eines Remakes vom Stummfilmklassiker Les Vampires, beginnt allerdings mit der Gangsterchefin Irma auch privat zu verschmelzen – und wie Assayas Original, Neuauflage und Entstehen unablässig gegeneinander schneidet, das ist Realismus von expressionistischer Güte. So was würde ein achtteiliges Stück schwarzer Humor im Ersten wohl ebenfalls von sich behaupten – und das nicht mal zu Unrecht. Ab Freitag kratzt Höllgrund in der Mediathek mit schwarzem Humor am Landarzt-Mythos. Ebenfalls eher heiter als wolkig: Die deutsch-österreichische Dorfsatire Alles finster über den Umgang mit einem Blackout, ab heute (20.15 Uhr) in Doppelfolgen beim BR. Und definitiv eher wolkig als heiter, aber sehr gelungen: das Arte-Drama Borga (Mittwoch, 20.15 Uhr) mit Christinane Paul um ghanaische Männer in Deutschland und ihren Versuch, hier reich zu werden.


Moralapostel & Drachenjäger

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. August

Sanna Marin tanzt. Das ist zunächst keine allzu spektakuläre Nachricht. Aber weil es die finnische Ministerpräsidentin im Kreise ihrer Freundinnen tat und dabei verzückt, gar entrückt wirkte, heulen wutbürgerliche Moralapostel ob so viel guter Laune auf – weshalb sie freiwillig einen Drogentest machte. Thomas Weigelt prügelt. Das ist zunächst keine allzu spektakuläre Nachricht. Schließlich teilt der Bürgermeister im thüringischen Bad Lobenstein auch via Social Media gegen alle links seiner rechten Gesinnung aus – weshalb er die Beweise für seinen Angriff auf einen Reporter der Ostthüringischen Zeitung natürlich leugnet.

Ach ja: und Winnetou weint.

Da Ravensburger zwei Bücher zum neuen Abklatsch von Karl Mays eurozentristischer Abenteueranmaßung zurückzog, brüllte der Boulevard von Bild bis Bild so lange Cancel-Culture, bis sich das Erste entschieden hat, die Lizenz der strunzdämlichen Filme von anno dazumal nicht zu verlängern. Was wiederum zwei Fragen aufwirft: Warum muss man die Märchen des amerikaunkundigsten Wildwest-Fans aller Zeiten heute überhaupt noch zeigen, gar neu verfilmen? Und wer zerstört Frieden, Freiheit, Pluralismus, Rechtstaat, Demokratie eigentlich effektiver – Johannes Boie oder Patricia Schlesinger?

Ersterer fordert in seinem „Tageszeitung“ genannten AfD-Propagandablatt titelstoryweise die Rettung des Bilderbuch-Häuptlings der Apachen, ohne dabei auch nur einer Gegenstimme zuzuhören. Letztere hat dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch ihre Selbstbedienungsmentalität mehr geschadet als Hetzer wie Johannes Boie oder Björn Höcke zusammen. Tendenz: Antwort c. Denn Julian Reichelts Online-Portal hievt Boies Vorgänger zusehends auf Platz 1 aller Demokratiefeinde im Land. Und am Hamburger Verlagsgebäude von G+J prangt jetzt RTL.

Noch Fragen?

Die Frischwoche

29. August – 4. September

Falls ja, bitte nach den Tipps der TV- und Streamingwoche. Darin bewirbt sich das ZDF mit einer Serie zum Thema Flucht und Migration um Deutungshoheit. Liberame erzählt von der Besatzung einer gleichnamigen Segelyacht, die beim Törn durchs Mittelmeer Flüchtlinge aufgreift, im Sturm wieder verliert. Sechs Folgen lang böte der Stoff also die Chance, Moral und Gerechtigkeit zu erörtern. Nach Büchern von Astrid Ströher und Marco Wiersch hat sich Regisseur Adolfo J. Kolmerer ab heute zur besten Sendezeit zum Familienthriller ohne Tiefgang entschieden.

Dann lieber den gleichlangen Thriller Lauchhammer, der die Lausitz ab Donnerstag in der Arte-Mediathek zum Tatort einer Mordermittlung macht – was ein bisschen schade ist. Denn ohne Kommissare wäre der Sechsteiler eine echt gute Milieustudie. So aber ist es, na ja, ein Krimi mehr eben. Eine Comedy mehr könnte zeitgleich auch Hacks auf RTL+ sein. Aber wie es aussieht, hat die Serie mit Jean Smart als Stand-up-Altstar, der sich zur Karriereverlängerung neu verpartnern soll, nicht umsonst 300 Emmys gewonnen. Ebenfalls Donnerstag im RTL-Angebot: die zehnteilige Coming-of-Age-Mystery Lilly Save the World, während Felix Hutt deckt auf linear Reality-TV auf Malle simuliert.

Bämmm…

Kracher der Woche ist allerdings, womit Sky 50 Jahre später ans Olympia-Attentat erinnert. Freitag mit eher klassischem Dokudrama namens Münchens Schwarzer September, Sonntag gefolgt von Philipp Kadelbachs sechsteiliger Fiktion Munich Games. Der Regisseur lässt den antisemitischen Anschlag von damals gewissermaßen wiederholen. Ziel diesmal: ein Benefizspiel an gleicher Stelle, das Kadelbach in einem deutsch-israelische Thriller implodieren lässt, aber mit viel Gespür für soziale, kulturelle, politische Umwälzungen unserer Zeit im Licht von 1972.

Alles andere nur der Form halber: Die ARD zeigt am Freitag den Entführungsfünfteiler Thirteen, die ZDF-Mediathek parallel achtmal das weibliche Nerd-Potpourri Ruby. Und war noch was? Irgendwas? So am Rande? Ah ja: Amazon Prime versetzt Herr der Ringe im Rahmen der teuersten Serie ever einige Tausend Jahre zurück, und was soll man sagen – es ist überwältigend. Aber hört selbst: im Podcast Och eine noch.