Bruchs Feixen & Denzels Sohn

TV

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. August

Am Freitag ist es offenbar so weit: Dann schluckt der drollige Unterhaltungssender RTL ganz offiziell den honorigen Presseverlag Gruner + Jahr. Komische Vorstellung. Als würde ein Kind seine Eltern adoptieren oder Hunde ihr Herrchen aus dem Tierheim holen. Weil die Fusion Synergie-Hoffnungen renditeorientierter Medienmanager folgt, fürchten Brancheninsider kaum zu Unrecht massiven Personalabbau auf beiden Seiten.

Bertelsmann-CEO Rabe mit dem urdeutschen Vorstandsstandardvornamen Thomas nennt das Fusionsergebnis zwar ein „journalistisches Powerhouse mit der Inhalte-Kompetenz von mehr als 1500 Journalistinnen und Journalisten“. Deren Seriosität allerdings dürfte schon deshalb gehörig leiden, weil künftig der Ballermann-Kanal und seine rotzfrechen Töchter die Tonlage vorgeben – um den Streamingdiensten Paroli zu bieten, aber auch der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz, die endlich mal positive Nachrichten und dann auch noch in eigener Sache verkünden durfte.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Erhöhung der Rundfunkgebühr um lausige 86 Cent nicht nur für rechtens, sondern zwingend geboten erklärt, und die Blockadehaltung der sachsen-anhaltinischen, also maximal rechtspopulistischen CDU im gleichen Atemzug für illegal. Zeit also, das Einstimmigkeitsprinzip der Bundesländer zu überarbeiten, damit Landesregierungen künftig nicht wieder Wahlkampf zu Lasten der Pressefreiheit betreiben.

Umso mehr sollte sich die Milliarden-Empfängerin ARD vielleicht mal dazu durchringen, sich offen von Volker Bruch zu distanzieren. Gut drei Monate nach seiner Schmutzkampagne #allesdichtmachen hat der Verschwörungsmystiker, im Nebenberuf Schauspieler, nämlich längst alle Distanz zum rechten Rand abgelegt und zeigte sich feixend mit dem Querdenker Anselm Lenz und dessen demokratiefeindlicher Propagandapostille Demokratischer Widerstand. Zeit also, die Sky-Serie Babylon Berlin, an der Bruch gerade arbeitet, zu boykottieren.

Zuschauerboykotte standen auch angesichts der Olympischen Spiele im Raum, die das IOC gegen jede (epidemiologische, nicht kapitalistische) Vernunft in Tokio durchboxte. Am Ende waren es aber auch ohne Publikum inspirierende 17 Tage – deren Übertragung bei ARD und ZDF der Rechteinhaber Discovery angesichts der miserablen Einschaltquoten bei Eurosport 2024 womöglich nochmals überdenken könnte…

Die Frischwoche

9. – 15. August

Nun also, nach zwei Wochen sportlicher Druckbetankung, wieder zurück zum televisionären Normalbetrieb. Wobei Normalbetrieb einerseits bedeutet, dass die 1. Bundesliga am Freitag bei der Neuauflage von ran Sat1 Fußball mit dem Klassiker Gladbach-Bayern auf den Bildschirm zurückkehrt. Andererseits gibt es nur vergleichsweise wenig neue Streamingformate von Belang. Die Familienserie Heels jedenfalls, die ab Sonntag bei Starzplay im amerikanischen Wrestler-Milieu spielt, ist jedenfalls eher Durchschnitt.

Originellere Unterhaltung liefert hingegen das paranoide Action-Drama Beckett. Denzel Washingtons Sohn John David einen Griechenland-Touristen zeigt, der in ein politisches Komplott verwickelt, das ihn im Laufe von anderthalb Stunden ab Freitag zu einer Art Bruce Willis im Hostel-Modus für Hitchcock-Fans bluten lässt, also von Verfolgungsjagd zu Verfolgungsjagd ein bisschen mehr versehrt.

RTL zeigt uns zeitgleich mit der dümmlichen Tiershow Top Dog Germany oder drei Tage zuvor in Gestalt der zynischen Kuppel-Sause Schwiegertochter gesucht, worüber die G+J-Zeitschriften von Brigitte bis Stern bald positiv zu berichten genötigt sein könnten. Da kann man eine Rom-Com wie Mich hat keiner gefragt (Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDF) in der Maike Droste die feministische Mutter einer konservativen Tochter spielt, fast schon wieder loben.


Kameltreiber & Mr. Corman

TV

Die Gebrauchtwoche

26. Juli – 1. August

China attackiert westliche Medien, weil sie chinesische Sportler*innen angeblich in ehrverletzender Art zeigen, in der Provinz Zhengzhou werden ausländische Korrespondenten derweil stellvertretend für einen BBC-Kollegen auf offener Straße attackiert, da er „unfair“, ergo: kritisch über dortige Überschwemmungen berichtet haben soll. Währenddessen ist die Pressefreiheit in Japan auf ein Minimum sportlicher Grundversorgung reduziert. Weiterhin schlechte Zeiten für den Journalismus – und das scheint von Fernost nach Weitwest abzufärben.

Als ein deutscher Radfunktionär seinen Schützling vor laufender Kamera auffordert, zwei „Kameltreiber“ vor ihm einzuholen, sagte der ZDF-Reporter, das habe im Sport nichts zu suchen. Andernorts also schon? Alles also sehr aufschlussreich, was abseits der zuschauerlosen Medaillenjagd publizistisch so vor sich geht in Tokio. Aufschlussreicher jedenfalls als ein anderer Trend, der gerade vom Rechteinhaber Eurosport in die Zukunft schwappt.

Nach seinem Gold-Triumph nämlich wurde Alexander Zverev gestern nicht ins Studio nach Deutschland geladen, sondern projiziert und stand – kaum als Illusion erkennbar – zum Gespräch mit den zwei Moderatoren bereit. Noch ist das ebenso eine Spielerei wie Kameras, die um Dreispringer kreisen. In Zeiten von Homeoffice und Videokonferenzen aber dürfte es bald die Regel werden. Und damit ein vermeintlicher Ausnahmefall nicht zur Gewohnheit wird, legt sich auch Scarlett Johansson gerade mit einem mächtigen Gegner an.

Weil der Entertainment-Multi Disney ihren Superheldinnen-Blockbuster Black Widow zeitgleich auf der eigenen Videoplattform mit Plus am Ende streamt, klagt die Schauspielerin auf Umsatzbeteiligung – wenngleich (hoffen wir mal) wohl weniger aus Selbstbereicherungsmotiven, sondern aus Prinzip. Schließlich geht es bei der Parallelprogrammierung, die auch Konkurrenten wie Netflix pflegen, um nicht weniger als die Rettung des alten Kinos vorm neuen Fernsehen.

Die Frischwoche

2. – 8. August

Das natürlich auch die neue Woche gegen das alte Fernsehen dominiert. Netflix etwa startet Dienstag mit dem sehr überraschenden Doku-Prequel Shiny Flakes zur deutschen Erfolgsserie How To Sell Drugs (Fast), Disney+ folgt am Mittwoch mit den ersten zwei Staffeln der unterhaltsamen Twen-Dramedy Good Trouble. Richtig gut ist zeitgleich bei AppleTV+ die Tragikomödie Mr. Corman, in der sich Joseph Gordan-Levitt als einsame Frohnatur, der vergeblich versucht, sich seine Angststörungen schönzulächeln.

Am Donnerstag dann überzeugt Prime Video mit dem zehnteiligen Psychothriller Cruel Summer um eine entführte Highschool-Schönheit der 90er und was ihre missgünstige Mitschülerin damit zu tun haben könnte. Freitag startet die israelische Actionserie Hit and Run bei Netflix. Und Sonntag zeigt Sky, das Donnerstag zuvor die unfassbare Mordserie des Intensivpflegers Niels Högel zur vierteiligen Doku Schwarzer Schatten zusammenfasst, das Neo-Noir-Drama The Burnt Orange Heresy von Giuseppe Capotondi, dessen Kinostart 2020 der Pandemie zum Opfer gefallen war.

Die Öffentlich-Rechtlichen? Tja. Da wechselt der nette Sportmoderator Sven Voss hausintern ins Boom-Genre Tod in… und rollt zunächst in der ZDF-Mediathek uralte Kapitalverbrechen von Ostfrieslang über Wales bis Berlin auf. Spitzenidee. Ähnlich jener, Sabine Heinrich als zweiter Frau neben Barbara Schöneberger eine Samstagabendshow anzuvertrauen, allerdings Das große Deutschland-Quiz, das erstmals auf die 20.15 Uhr springt. Anything else? Die niederländische Kriegsverbrechensfiktion High Flyers tags zuvor auf Neo.

Das war’s.


Ohlens Schlamm & Schalkos Egos

TV

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juli

Huch – ein IT-Unternehmen stellt den Staaten der Welt, also ausdrücklich allen, geheimnisvolle Spy-Ware zur barrierefreien Komplettüberwachung von Smartphones zur Verfügung und einige dieser Staaten nun benutzen Pegasus, so heißt dieses demokratiefeindliche Premiumprodukt, das der israelische Hersteller mit dem sprechenden Namen NSO sogar ans antisemitische Saudi-Arabien verhökert, nicht wie vereinbart gegen vermeintlichen Terror, sondern auch Journalist*innen und politisch anders Unbotmäßige anderer Art?

Gibt’s ja gar nicht!

Vielleicht hat die RTL-Reporterin Susanne Ohlen also nur ein bisschen Schlamm der Flutkatastrophe im Gesicht verteilt, um sich zumindest analog unsichtbar für Despoten zu machen. Vielleicht hat Armin Laschet einen ähnlich ulkigen Vorgang beobachtet, als der CDU-Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras feixte, während Bundespräsident Steinmeier (dem bei gleicher Gelegenheit ähnliches passierte) den Todesopfern kondolierte. Und vielleicht haben zwei gut erkennbare Neonazis, die Philipp Amthor andernorts zum geselligen Fotoshooting baten, auch nur Spitzenwitze über die „Judenpresse“ oder so gemacht, über die sich Laschets kleiner Parteifreund so freut.

Sinn für verschrobenen Humor beweist derweil der frühere Kanzlersender auf seinem Rückweg Richtung ernstzunehmendes Vollprogramm mit etwas mehr als Heididei und Trash-TV. Wenn Sat1 fünf Tage nach Matthias Opdenhövels Reanimation von ran ins Fußballfernsehgeschehen übermorgen seine Sommerinterviews beginnt, bleibt neben der völkischen AfD nämlich auch die bürgerliche Linke ausgeschlossen. Rinks, Lechts – für Sat1 irgendwie alles die gleichen Extremisten.

Die Frischwoche

26. Juli – 1. August

Apropos extrem: Seit genau 25 Jahren auf einer Überdosis Testosteron in explodierenden Kisten auf brennendem Asphalt unterwegs ist Erdogan Atalay, Hauptdarsteller der vollfiktionalen Autobahnpolizei Cobra 11, die am Donnerstag in Staffel 26 geht. Allerdings mit mittlerweile zwei Kolleginnen und dank eines Kollegen im Rollstuhl auch sonst maximal divers. Das gilt auch für eine Fortsetzung der zeitversetzten Art. Zwei Jahrzehnte, nachdem die HBO-Serie In Treatment zu Ende ging, wird Gabriel Byrne ab morgen auf Sky von einer Frau ersetzt. Und nicht nur das.

Die neue Therapeutin – gespielt von Ubo Aduba (Orange is the New Black) – ist eine Schwarze, die vor allem intersektional diskriminierte Figuren therapiert. Das ist löblich, originell, zudem pandemiegerecht inszeniert, aber manchmal doch etwas bemüht divers. Damit hat David Schalkos neuer Streich Ich und die anderen auf gleichem Kanal hingegen weniger Probleme. Die Charaktere seiner sechsteiligen Groteske sind viel zu absurd (und weiß), um sich mit so viel Realität auseinanderzusetzen.

Zur Handlung: Der Werber Tristan (Tom Schilling) erwacht jeden Tag in einer Welt, die sich auf verschiedene Art vollständig um ihn dreht – alle wissen alles über ihn etwa oder vergöttern ihn hingebungsvoll. Und wie immer beim Wiener Regisseur ist auch dieser Murmeltier-Mindfuck zu irre, um wahr zu sein, aber grad deshalb so wahrhaftig. Ähnliches gilt für das fünffach oscarprämierte Gesellschaftsdrama Parasite aus Südkorea, dessen Free-TV-Premiere die ARD allerdings morgen erst um 23 Uhr zeigt.

Vorher kann man sich daher noch gut die dritte Staffel der ewig heiteren Netflix-Serie Hot To Sell Drugs Online (Fast) ansehen. Nachher dann bei Bedarf ein bisschen Olympia im ZDF. Oder ab Freitag die Überraschung der Woche. In Watch the Sound begibt sich Superduperüberproduzent Mark Ronson sechs Teile lang bei Apple+ auf die Spur des Pop. Dafür trifft der Superproduzent ab Freitag Stars von Paul McCartney über Dave Grohl bis Charli XCX und schafft es tatsächlich, ein paar Geheimnisse zeitgenössischer Musik zu enträtseln, bevor Böhmi tags drauf bei Neo weiter bruzzelt.


Gesinnungstests & Dissidenten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. Juni – 4. Juli

Hipphipphurra – es ist ein Junge! Ein weißer zudem, klar. Und mit genau 50 an Jahren reich genug, um alt genannt zu werden. In der Wahl Norbert Himmlers zum neuen ZDF-Intendanten zeigt das hiesige Patriarchat seine Stressresilienz nochmals in voller Stärke und nein, das hat zunächst wenig mit der Befähigung eines weißen, mittelalten Mannes zu tun, der dem Sender aus seiner Heimatstadt Mainz bereits als studentische Hilfskraft tätig ist. Himmler ist nach Lage der Dinge ein exzellenter Fernsehmacher.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger (und Ziehvater) Thomas Bellut, hat er das Zweite zur Plattform diversifizierter Sehgewohnheiten gemacht, auf der Jan Böhmermann locker neben Katie Fjorde (be)steht und das Traumschiff neben dem Browser Ballett. Trotzdem hinterlässt die Wahl vom Freitag einen schalen Beigeschmack. Denn nicht nur, dass der sechste Intendant seit 1962 abermals männlich ist; seine Konkurrentin Tina Hassel zog sich nach drohendem Patt vor der dritten Wahlrunde auch noch freiwillig zurück – ein Move, den Alpharüden wie Himmler noch nicht mal theoretisch im psychosozialen Handlungsrepertoire haben.

Nochmals: Himmler ist eine gute, zielführende, eine konkurrenzfähige Wahl. Peinlich ist es dennoch, dass sein Haussender in 61 Jahren keine, nicht eine einzige Frau vom eigenen Hof gefunden hat, um ihn zu leiten. Dass Tina Hassel 2022 Chefredakteur Peter Frey ablösen dürfte, ist da zunächst nur ein schwacher Trost. Und damit zurück zum Fußball. Denn auch da ist es – Hipphipphurra – ein Junge, der die Geschicke des Kontinents leitet, weshalb die EM-Stadien der Viertel- und Halbfinals am Bildschirm so voll sind, dass die Delta-Variante hüpft vor Freude.

Für Regenbögen allerdings brauchen wir da schon Sonnenscheinregen. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat VW verboten, Bandenwerbung in die Farben der LGBTQ-Bewegung zu tauchen. Andernfalls könnte das Čeferins totalitäre Geldgeber von Orbán bis Putin verstören – und soweit sollten Respekt-Kampagnen nun wirklich nicht gehen… Auf seinem Rechtskurs Richtung NPD noch weiter geht derweil Hans-Georg Maaßen, der in einem Interview mit dem dubiosen Regionalsender TV Berlin Gesinnungsprüfungen für Tagesschau-Sprecher*innen forderte.

Die Frischwoche

5. – 11. Juli

Von Charaktertests für Soldaten hat man aus Maaßens Mund hingegen noch nichts gehört. Das Thema der gleichnamigen ARD-Dokumentation dürfte den Landser-Fan jedoch aus seinem geistigen Führerbunker vor den Fernseher treiben – um ihn gleich wieder abzuschalten. Denn Christian von Brockhausens Porträt dreier Rekruten auf dem Weg nach Afghanistan ist keine Heldenerzählung, wie Maaßen sie mag, sondern einfühlsam-kritisches Sachfilmfernsehen der Extraklasse.

Das gilt mit Abstrichen auch für die Sky-Doku The Dissident, in der Regisseur Bryan Fogel (Ikarus) den Auftragsmord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi vor drei Jahren rekonstruiert. Alles ein bisschen zu laut, alles ein bisschen zu melodramatisch, alles aber auch sehr erhellend. In entfernterer Vergangenheit, die unverändert gegenwärtig ist, gräbt dagegen Samuel L. Jackson. Selbst Nachfahre afrikanischer Sklaven, begibt sich der Schauspieler ab morgen auf History Play (Apple+/Amazon), sechs Teile lang auf die Spur von zwölf Millionen Menschen, die in 300 Jahren Enslaved wurden.

Auch das ist manchmal ein wenig überdramatisiert, dank der Dreiteilung in Jacksons Familiengeschichte, einer parallelen Schatzsuche nach versunkenen Sklavenschiffen und der notwenigen Geschichtseinordnung aber äußerst gehaltvoll. Ob das auch fürs Klima Update gilt, mit dem RTL ab Donnerstag nach den Hauptnachrichten Umweltschutz simuliert, bleibt abzuwarten. Die Magenta-Serie Der Djatlow-Pass dagegen ist fiktional, befasst sich ab heute aber mit dem wahren Unglück von neun Wanderern, die vor 62 Jahren auf mysteriöse Art im Ural ums Leben gekommen sind.

Ausgedacht und doch auf drollige Art lebendig ist die Neo-Serie Deadlines, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Vier Schulfreundinnen treffen sich Jahre nach der Trennung in Frankfurt und vergleichen ihre scheinbar verschiedenen Großstadt-Existenzen. Apropos Frauen im Rampenlicht: Am Samstag springt Sabine Heinrich aus der WDR-Nische ins ZDF-Rampenlicht und moderiert – zunächst um 19.25 Uhr, im Finale zur Primetime – die Lagerfeuershow Das große Deutschland-Quiz. Und der Vollständigkeit halber wollen wir nicht die 2. Staffel der Netflix-Serie Biohackers tags zuvor verschweigen.


Amokläufe & Schockwellen

TV

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Juni

Versuchen wir uns, nur mal hypothetisch in eine Redaktionskonferenz der Bild in Berlin vom vergangenen Freitag hineinzuversetzen. Sichtlich erschüttert schaltet sich der Würzburger Lokalchef zu und berichtet vom Amoklauf in Würzburg, bei dem zu der Zeit mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen sind. „Schrecklich“, sagt ein Kollege. „Tragisch“, ein anderer. „Kennt jemand die Hautfarbe“, fragt der dritte und wird von Jubelgeschrei unterbrochen, mit dem Julian Reichelt hereinstürmt: „Ein Asylant“, brüllt er freudestrahlend. „Aus Somalia“, mischt sich unters Geräusch der sprudelnden Champagnerflasche. Darauf die Redaktion im Chor: „Is-lam-ist, Is-la-mist, Is-la-mist!“

Also ab aufs Titelblatt mit ihm.

Unverpixelt natürlich. Vorverurteilt, abgestempelt, ausgeliefert, den Wutbürgern der Republik zum Fraß vorgeworfen. Zweimal findet sich der mutmaßliche Täter von Würzburg klar erkennbar auf dem Bild-Titel. Zweimal verstößt das gegen jeden moralischen und journalistischen Kodex. Zweimal ist das den biederen Brandstiftern der publizistischen Demokratie- und Menschenverachtung im Springer-Verlag herzlich egal, solange der braune Mob das Drecksblatt mit den dicken Buchstaben nur massenweise kauft.

Umso drolliger ist es, dass Johannes Boie, Chefdemagoge der geistesverwandten Welt am Sonntag kurz zuvor den haltungsgetriebenen, aber gewissenhaften Politik-Vlogger Rezo als „Journalistendarsteller“ bezeichnet hatte, der „durch das Video die Zerstörung der CDU“, bekanntgeworden sei, „das launig daherkam, aber – wie auch andere Videos von ihm – (noch) mehr Fehler enthielt als ein Lebenslauf von Annalena Baerbock.“ Wenn man denkt, der Hass auf Logik, Anstand, Takt und Ethos könnte nicht größer werden, kommt eben verlässlich ein moralischer Zwerg aus der Chefredaktion und arbeitet am künftigen Ermächtigungsgesetz der AfD.

Kein Wunder, dass sich Bild und Welt im wohlfeilen Empörungssturm ums Verbot der Münchener Regenbogenbeleuchtung durch die Autokratenkuschlerin UEFA zurückgehalten hat. Homosexuelle fände man bei Springer halt nur dann schützenswert, wenn sich damit die Auflage steigern ließe. Und damit zu den Schlagzeilen der Woche: ARD und ZDF vernetzen ihre Mediatheken, RTL lässt Pumuckl wiederauferstehen, ProSieben womöglich TV Total und Florian Silbereisen ersetzt Dieter Bohlen bei DSDS.

Die Frischwoche

29. Juni – 4. Juli

Viel mehr war nicht, viel mehr wird nicht. Inmitten der Sommerpause hat die Fußball-EM auch das Fernsehen vollständig im Griff. Erstausstrahlungen von Belang bleiben da naturgemäß selbst bei den Streamingdiensten, die ansonsten auf Sehgewohnheiten pfeifen, selten. Die RTL-Plattform Now überzeugt zwar ab Dienstag mit der filigranen Langzeitstudie Angela Merkel – Frau Bundeskanzlerin von Katrin Klocke und Stefan Aust. Die linearen Vollprogramme aber beschränken sich gegen die Achtel- bis Viertelfinalspiele auf Wiederholungen wie Lissabon- Krimi (ARD) oder Bier Royal (ZDF).

In der Spielpause am Mittwoch zeigt das Erste dann aber Volker Heises gewohnt akribisch recherchierte 90-Minuten-Doku Schockwellen – Nachrichten aus der Pandemie. Parallel zeigt Netflix seine Historiengroteske America – Der Film. Tags drauf muss man dann hoffen, dass sich der bayerische Komiker Helmut Schleich im SchleichFernsehen extra um 23.35 Uhr nicht wieder das Gesicht schwärzt, um N…, pardon: Afrikaner zu verunglimpfen.

Und zum Monatsbeginn gibt es sogar noch ein kleines Highlight. Die ZDF-Serie Loving her porträtiert sehr junge, sehr hübsche, aber sehr glaubhafte Berlinerinnen beim Balztanz um andere Berlinerinnen, und zwar, Achtung: ohne die Diskriminierungskarte zu spielen, aber nicht im Beliebigkeitsgewitter von Hochglanzserien wie The L-Word. Sechs raspelkurze Episoden lesbischer Alltagsliebe zum Zurücklehnen und Entspannen. Auch mal schön.


Rezos Angebot & Anwälte des Bösen

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juni

Die Menschen der aktuellen Mediengesellschaft neigen ja bekanntlich zur Heroisierung. Alles von Jan Böhmermann wird dabei zur satirischen Demaskierung erklärt, alles mit Iris Berben zum cineastischen Hochgenuss, alles auf Arte zur sozialkritischen Hochkultur, besonders aber wird dabei alles, was der klassenbewusste Influencer Rezo von sich gibt, unbedingt bedeutsam. Eine Einladung in sein Jugendzimmer auszuschlagen, gilt demnach mindestens als Realitätsverweigerung, wenn nicht gar geriatrisch.

Gerade, wenn sie von Armin Laschet kommt, Kanzlerkandidat jener Partei, die – wir erinnern uns grinsend – Rezos Zerstörung der CDU nicht mit einem Video ihres früh vergreisten Schlaumeiers Philipp Amthor konterte, der sich kurz darauf als korrupter Lobbyist dubioser IT-Firmen erwies, sondern dem einer blondierten Knallcharge, die allen Ernstes Armin heißt. Sein Namensvetter hat Rezos Einladung zum Bundestagswahldiskurs nun dankend abgelehnt. Damit erhärtet er den Verdacht, eher Alterskohorten im Blick zu haben, die das Rentnerfernsehen Um Himmels Willen so erfolgreich machen.

Nach 20 Jahren und 29963 Folgen, hat Fritz Wepper Kaltenthal verlassen und hinterlässt, tja – was eigentlich? Ein klaffendes Loch da, wo die ARD mit etwas mehr Nachwuchsfürsorge wohl auch noch Zuschauer unter 66 hätte. Im ZDF steht deren Schwiegersohntraum Claus Kleber demnächst nicht mehr als Sexsymbol zur Verfügung. Anders als seine Tagesthemen-Kollegin Pinar Atalay – demnächst ersetzt durch den ZDF-Ankauf Aline Abboud – verlässt er das heute-journal allerdings nicht in Richtung Privatsender, sondern Ruhestand.

Also immerhin nicht in den Knast, wo der westfälische GEZ-Rebell Georg Thiel seit mehr als 100 Tagen seine Erzwingungshaft absitzt, weil er dem WDR 465,50 Euro an Rundfunkbeiträgen schuldet. Ein schönes Signal an alle identitären Querdenker übrigens, dass Demokratieverachtung nicht für umme ist. Deren Preis ist übrigens messbar: 70 Cent. So viel kostet die Bild-Zeitung am Kiosk, wo sie am Samstag für die Meinungsfreiheit von Corona-Leugnern, Querdenkern, Islamfeinden und Neonazis warb.

Die Frischwoche

21. – 27. Juni

Eigentlich müssten die Bild-Justiziare also in der True-Crime-Serie Anwälte des Bösen porträtiert werden. Weil es ab Donnerstag auf Sky allerdings um Mandanten von Adam Ahmed geht, der vor allem Kindermörder und ähnliche Verbrecher verteidigt, bleibt der Springer-Konzern ausnahmsweise außen vor und kann weiterhin Shit in den Storm der gesellschaftlichen Verrohung blasen.

Ein paar der Lieblingshassobjekte: Frauen jenseits von Küche und Ehebett, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Ihrem Kampf gegen misogyne Gewalt widmet Arte Mittwoch ab 21.50 Uhr die Dokus Bis zum bitteren Ende und #dreckshure. Bitte nicht verwechseln mit #offline, einer Reality-Soap, in der joyn tags drauf so genannte Influencer in den Wald schickt, um ohne ihre Lebenselixier Smartphone zu überleben.

Am Freitag dann geht David Weils Anthology-Serie Solos bei Amazon online, in der Superstars wie Morgan Freeman, Anne Hathaway, Helen Mirren sieben Teile lang dramaturgisch lose verknüpft das Thema Einsamkeit erzählen. Parallel zeigt Disney+ Die geheime Benedict Gesellschaft, ein hinreißende absurdes Fantasy-Epos mit vier Kindern unterschiedlicher Superkräfte, die einen verrückten Wissenschaftler an der Weltherrschaft hindern. Und Sonnabend geht derselbe Sender einer Legende auf den Grund und fragt: Wer war Charlie Brown?

Einer weniger sympathischen Legende spürt das Biopic The Program zeitgleich in der ZDF-Mediathek nach: Lance Armstrong. Begleitet von der hinreißenden Doku The Saxons um drei ostdeutsche Breakdancer. Klingt ungleich kreativer als das, was der Hauptsender Sonntagnachmittag mit der RTL-Anwerbung Sonja Zietlow macht: die Tiershow Mein Hund fürs Leb… schnarch. Dann doch lieber die Standup-Komödie Good on Paper, Mittwoch bei Netflix.


Fußball-EM & Physical

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Juni

Der Halbgötterglaube des ZDF ist mindestens ebenso legendär wie der des Ersten Programms. In den Achtzigern heilte Prof. Brinkmann den halben Schwarzwald, in den Neunzigern heilte Der Landarzt die ganze Ostsee, in den Nullern folgte beiden ein Bergdoktor, der auch vorgestern zum Einsatz kam, als die Fußball-EM kurz im Wachkoma lag. Im Spiel gegen Finnland musste ein Däne wiederbelebt werden. Schockstarre auf dem Rasen, Schockstarre im Stadion, Schockstarre am Bildschirm, Schockstarre sogar bei der Quasselstrippe Béla Réthy – da schaltete das Zweite aus Kopenhagen zum, kein Witz: Bergdoktor Hans Sigl.

Dabei saßen mit Christoph Kramer, Manuel Gräfe und Per Mertesacker drei exzellente Experten im Studio, mit denen Moderator Jochen Breyer die lange Zeit bis zum Wideranpfiff souverän überbrückt hätte. Die ARD dagegen bot gestern zwei originelle Rookies auf: Welttorhüterin Almuth Schult nennt sich selber zwar so konstant ZuschauEr und SpielEr, dass Friedrich Merz vor Glück wohl Testosteron aus Ohren, Mund und Nase läuft, überzeugt jedoch durch kenntnisreiche Einordnungen. Kevin Prince Boateng dagegen bezieht Stellung gegen Rassismus und bleibt auch sprachlich der Emanzipation verpflichtet.

Wem sich Jeff Bezos verpflichtet fühlt, haben Rechercheure nun enthüllt: me, myself and I. Nicht nur, dass der egomanische Manchester-Kapitalist für Einkünfte, die ihm ein Vermögen von sagenhaften 188 Milliarden Dollar bescherten, ganze 1 Prozent Steuern zahlt; er nutzt sie auch nicht wie Bill Gates für sinnhafte Hilfsprojekte, sondern wie Elon Musk für sinnlose Weltraumflüge. Wie gut, dass der Menschheitsfeind die Kontrolle über Amazon bald abgibt. Damit zu Guido Cantz, der Ende 2021 Verstehen Sie Spaß? verlässt – und hoffentlich bis an sein Lebensende ins ARD-Schweigekloster geht.

Verstummt schien auch Tanit Koch. Drei Jahre jedoch, nachdem Julian Reichelt sie von der Bild-Spitze gepimmelt hatte, holt Armin Laschet die zwischenzeitliche RTL-Chefredakteurin in sein Wahlkampfteam. RTL, Springer, CDU – seit langem schon ein Dreamteam. Küche, Böhmi, ZDF ist dagegen bislang kein organisches Dreigespann. Ob die angekündigte Kochshow mit Jan Böhmermann im Zweiten ein Prank ist, muss sich also erst noch zeigen. Kein Prank war hingegen, dass Putins Regime dem WDR-Sportreporter Robert Kempe die EM-Akkreditierung entzog – und nach kurzer Hektik wieder zubilligte.

Die Frischwoche

14. – 20. Juni

Darüber hinaus ist das Fernsehprogramm dieser Tage zwar reich an Fußball (zumindest, wenn es Magenta schafft, die Spiele anders als beim Auftakt am Samstag störungsfrei zu übertragen), aber arm an unterhaltsamem Tiefgang. Daran könnte indes der jüdische Schauspieler Daniel Donskoy etwas ändern, wenn sein Zielgruppentalk Freitagnacht Jews aus dem Netz ins ARD-Spätprogramm wechselt. Gleiches widerfährt der ZDF-Gesprächsperle 13 Fragen. Ab Sonntag diskutieren Salwa Houmsi und Jo Schück nämlich statt in der Mediathek bei Neo über unsere Gesellschaft.

Fiktionale Unterhaltung von Bedeutung liefern indes eher Streamingdienste. Besonders empfehlenswert wäre dabei Physical ab Freitag (Apple TV+) eine tragikomische Kostümserie aus dem Kalifornien der frühen Achtziger, wo sich eine Hausfrau an der eigenen Dauerwelle aus dem Sumpf einer reaktionären Ehe auf die Aerobic-Welle zieht. In derselben Epoche eher tragi als komisch, aber auf hinreißende Art woke und bedeutsam ist der Starzplay-Fünfteiler It’s A Sin, in dem vier schwule Männer im homophoben England anno 1981ff aus der Selbstbefreiung in die Aids-Katastrophe schlittern und doch die Köpfe hochhalten.

Weitere Neustarts: nach dem Start der achtteiligen Netflix-Doku Stadt der Pinguine über wilde Tiere im urbanen Kapstadt am Mittwoch, zeigt der Marktführer ab Freitag zwei, nun ja, nicht ganz so zuckersüße Horrorserien – die Fortsetzung der Zombie-Serie Black Summer, gefolgt von der postapokalyptischen Mystery-Dystopie Katla aus Island. Tags zuvor startet die 2. Staffel der dänischen Skandi-Noir-Serie Darkness. Auch in Blinded jagen bildschöne Cops einen Ritualkiller, der schon in der ersten von acht Folgen bekannt ist. Das ist bei aller Effekthascherei enorm spannend – und weitaus weniger lieblich als die Pixar-Komödie Luca um zwei animierte Jungs im Urlaub, die ab Freitag bei Disney+ ein kleines, aber nicht unwichtiges Geheimnis teilen.


Tina Hassel & Helen Hunt

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Mai – 6. Juni

Das ZDF anno 2021 ist schon ein ganz schön emanzipierter Laden. Chefredakteurin ist nämlich, ach nee – mit Peter Frey keine Frau, sondern der 6. Mann seit 1962. Gut, dafür wird gewiss die Programmdirektion weiblich geleitet? Fast! Mit Norbert Himmler ist der 9. Herr seit Anbeginn des Zweiten inhaltsverantwortlich. Und weil gleiches für Produktionsdirektor Michael Rombach gilt, ist Karin Brieden nach zuvor fünf Kerlen an der Spitze des Verwaltungsdirektoriums die einzige Topmanagerin des ZDF in 59 Jahren.

Noch.

Denn wenn das erweiterte Präsidium am 15. Juni mögliche Nachfolger von Intendant Thomas Bellut – natürlich Nachfolger von vier Anzugträgern – einlädt, könnte der Fernsehrat zwei Wochen später doch glatt Tina Hassel zur ersten aller Mainzelmännchen und ein paar weniger -weibchen küren. Könnte… Denn natürlich werden der Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios nicht nur wegen ihrer Stellung beim Konkurrenzkanal, sondern mehr noch wegen ihres Geschlechts weit schlechtere Chancen zugerechnet als Norbert Himmler, der wiederum mit Hausmacht und wichtiger noch: Y-Chromosom versehen ist.

Eigentlich eine Mutation, in Deutschlands TV-Kreisen jedoch unverdrossen die wichtigste Zugangsberechtigung an die Hebel der Macht. Daran ändert wenig, dass Talkshows hierzulande mittlerweile überparitätisch besetzt sind. Mit Maybrit Illner zum Beispiel, die vorigen Donnerstag Alexander Gauland zu Gast hatte. Aushängeschild einer Partei also, die bei der gestrigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zugleich verloren und gewonnen hat – interessanterweise gegen jenen CDU-Ministerpräsidenten, dessen Partei dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch die Ablehnung der notwendigen Gebührenerhöhung den Garaus machten möchte.

Die Frischwoche

7. – 13. Juni

Ob das dem Produktionsstandort fiktional schaden würde, sei in Anbetracht der herrschenden Programmierungsverhältnisse allerdings dahingestellt. Denn wer Tamar Jandalis dokumentarischen Streifzug Easy Love durchs Paarungsverhalten junger Menschen in Deutschland morgen 45 Minuten nach Mitternacht im Ersten versteckt, weil um 20.15 Uhr die serielle Publikumsverachtung Um Himmels Willen zu laufen hat, scheint ebenso leicht ersetzbar wie das ZDF, wo die siebenteilige Männlichkeits-Analyse Boys nur in der Mediathek zu sehen ist. Freitagabend ist halt Krimizeit.

Noch übler wird es beim WDR, der Mittwochabend als Warm-up zum EM-Eröffnungsspiel zwei Tage später die wirklich wunderbare Fußball-Doku You’ll Never Walk Allone zeigt – und fast schon boshaft auf 45 Minuten halbiert, als sei es irgendwie auch egal, was Filmemacher sich so ausdenken über den besten Fan-Song aller Zeiten. Würde die FDP damit nicht so plump am rechten Rand fischen, man müsste ihre Forderung, ARZDF aufs Informationelle zu beschränken, fast unterstützen.

Machen wir aber nicht.

Sondern bitten jüngere Zuschauer*innen lieber, das zu tun, was sie ohnehin machen, nämlich streamen. Der Giftanschlag von Salisbury, die fiktionale Rekonstruktion des Nowitschok-Attentats auf den russischen Überläufer Sergej Skripal läuft am Donnerstag zwar vier Teile am Stück auf Arte. Alle anderen Tipps der Woche laufen allerdings online. Etwa das Serien-Sequel Blindspotting, mit dem Starzplay ab Sonntag den gleichnamigen Kinoerfolg um amerikanischen Alltagsrassismus mit viel Tragikomik, noch mehr Musik und einer tollen Helen Hunt fortsetzt.  

Gewohnt hinreißend ist auch die 2. Staffel Lupin ab Freitag auf Netflix mit dem unvergleichlichen Omar Sy als Meisterdieb in Nöten. Parallel dazu startet dort das indische Empowerment-Drama Skater Girl, während Disney+ mit Loki mal wieder am Erfolgsmodell fehlerbehafteter Superhelden andockt. Bliebe noch die SciFi-Dystopie Awake auf Netflix, in der die Menschen einer postapokalyptischen Zukunft nicht mehr schlafen können. Bisschen plakativ, aber professionell gemacht.


(Luft-)Terroristen & (Dom)inas

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. Mai

Schon furchteinflößend, wie rigide die EU offenen Staatsterrorismus ahndet. Nachdem Weißrusslands Diktator Lukaschenko ein europäisches Passagierflugzeug kaperte, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch festzunehmen, reagierte sie knallhart und verhängte – nein, weder Handelsbeschränkungen noch Botschafterausweisungen, geschweige denn Handelsboykotte, sondern Einreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Krass…

Man mag sich kaum ausmalen, wie brutal die Wertegemeinschaft durchgreifen würde, ließe Lukaschenko Journalisten öffentlich hinrichten; es könnte sein, dass sie die Pressefreiheit dann so verteidigt wie in Ungarn, Polen oder der Türkei, also – ach nee, hoppla, gar nicht. Das erinnert ein bisschen daran, welche Maßnahmen CDU/CSU-Politiker*innen zu befürchten haben, wenn sie mit Maskendeals Millionen oder für lupenreine Demokratien wie Aserbeidschan Werbung kostenpflichtig Werbung machen…

Beides taten übrigens Abgeordnete jener christlichen Dauerregierungsparteien, die das strengere Verbot illegaler Spenden gerade daran knüpfen, dass ein früherer Konkurrent seine Beteiligung am Medienverlag DVVG abstößt, weil das, hüstel, für sozialdemokratische Gewissenskonflikte sorgen könne. Ihren Humor hat die gewissenbissbefreite Union jedenfalls nicht verloren. Anders als ein gewisser Ikke Hüftgold. Wer mit Ballermann-Hits wie Hackevoll durch die Nacht oder Dicke Titten Kartoffelsalat sein Geld verdient, dürfte zwar gewissenbissbefreit sein.

Weil ihm Sat1 beim – mittlerweile abgesetzten – Elendspranger Plötzlich arm, plötzlich reich misshandelte Kinder ins Haus holte, machte Matthias Distel, so sein bürgerlicher Name, den Skandal publik – wofür ihn die Produktionsfirma Imago flugs auf Unterlassung verklagte, weil er auch das Honorar veröffentlicht, nämlich 47.500 Euro für ihn, also 30-mal mehr als das Almosen für die Eltern der geprügelten Kids. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Amazon zahlt demnächst das 146.768-fache von Ikkes Salär dafür, MGM zu kaufen und damit das letzte unabhängige Filmstudio Hollywoods.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Mai – 4. Juni

Neben eigener Ware wie der Real-Crime-Serie Dom, die ab Freitag den brasilianischen Drogenkrieg fiktionalisiert, zeigt Amazon demnächst also auch zugkräftige Klassiker von James Bond bis Ben Hur. Was Sky am Tag zuvor sendet, klingt zwar ähnlich wie Dom, ist aber was völlig anders. Die Historienserie Domina stellt das Leben der antiken Herrscherin Livia nach, aus deren Dynastie Roms erster Kaiser Gaius hervorging. Doch so opulent der Achtteiler ist – inhaltlich bleibt das Potpourri aus Sex, Gewalt und Gegenwartssprache die übliche Effekthascherei pseudohistorischen Reenactments.

Dann doch lieber Fantasy, die sich zu ihrer Fantasie bekennt. Sweet Tooth zum Beispiel. In der dystopischen Mystery-Serie führt eine – Achtung, Aktualität – Pandemie ab Freitag auf Netflix zum Kollateralschaden hybrider Wesen, die von den Überlebenden der Katastrophe gejagt werden. Und damit das auch für Kinder verdaulich ist, sehen wir dem kleinen Gus mit Hirschgeweih und Steinschleuder dabei zu, wie er seine Mama in einer Mischwelt aus Bambi und Mad Max sucht. Süß, aber auch sozialkritisch. Ohne Zucker relevant ist die Neo-Serie Exit. Für Sex, Macht und Drogen werfen vier norwegische Broker ab Samstag alle moralischen Werte über Bord ihrer Luxusyacht.

Dabei wäre die achtteilige Schwanzparade fast zu klischeehaft, basierte sie nicht auf wahrer Vorlage. Von der Realität entkoppelt ist hingegen die Sky-Sitcom Intelligence von und mit Nick Mohammed. Eine überaus lustige Mischung aus Stromberg und Homeland mit David Schwimmer als NSA-Spion, der pünktlich zur Reunion seiner Friends auf gleichem Portal in die britische Fernmeldeaufklärung GCHQ strafversetzt wird. Originell ist auch das Geldwäsche-Drama Limbo, morgen (22.45 Uhr, ARD): Regisseur Tim Dünschede hat es in nur einem Take gedreht. Demgegenüber wirkt die Netflix-Sause Carnival um Influencer beim Feiern in Rio ab Mittwoch ebenso zerschnippelt wie tags drauf der achtteilige Apple-Thriller Lisey’s Story nach Motiven von Steven King.


Reichelts Leiste & Jasnas Tatort

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Mai

Ach Julian, armes Alphatier – hat dich schon wieder eine Praktikantin in der Bild-Besenkammer abgewiesen? War dein rohes Stück Frühstücksfleisch nicht blutig genug? Macht dir der Haarausfall doch mehr zu schaffen als dieses dauernde Ziehen im Leistenbereich? Der profilneurotischste Chefredakteur auf dem Boulevard reaktionärer Emanzipationsopfer kann zwar tüchtig austeilen, aber einstecken? Da kriegt Don Reichelt Blähungen, die ihn direkt zum Hamburger Landgericht flatuliert haben, wo er gegen einen Spiegel-Artikel mit dem sehr glaubhaften Titel „Vögeln, fördern, feuern“ vorgegangen ist. Mit Erfolg.

So scheint es.

Denn zwei Monate, nachdem das Magazin Reichelts misogynes Machtgehabe publik machte, verhängten die Richter eine einstweilige Verfügung gegen den Verlag. Allerdings nicht, weil die Vorwürfe im Artikel falsch seien, sondern weil Reichelt eigene Presseabteilung ihn nicht rechtzeitig über die Interview-Anfrage des Spiegels informiert hatte. Dazu sei kurz mal an Christian Drosten erinnert, dem die Bild Mitte 2020 ganze 60 Minuten Zeit gegeben hatte, um sich zu einer fingierten Corona-Kampagne zu äußern. Bei der Spiegel-Anfrage an Reichelt waren es Tage.

Jahre gedauert haben zwei Prozesse, die seriösere Journalisten als Springers Schlüpferstürmer betrifft. Zum einen beteiligt Mark Zuckerbergs neues Nachrichtenportal Facebook-News Urheber*innen fortan an der Verbreitung ihrer kreativen Werke mit einem niedrigen Milliardenbetrag, verteilt über mehrere Jahre. Zum anderen erlaubt es die Urheberrechtsreform fortan, eben jene Werke ungefragt, vor allem aber kostenlos in Teilen zu verwenden, sofern es sich nur um Bruchstücke handelt. Ersteres ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, letzteres ein Schlag ins Gesicht, beides behandelt Künstler*innen aller Gewerke wie Rohstoffminen einer renditeorientierten Verwertungslogik.

Die Wut darüber kann nur in Revolte oder Eskapismus münden. Wir wählen hier kurz mal den Fluchtinstinkt und wundern uns darüber, dass die ARD mit ihrem Primetime-Ausflug des Großstadtreviers am vorigen Mittwoch fast sieben Millionen Zuschauer erreicht hat. Dieses Niveau erreichen fiktional eigentlich nur noch Tatorte wie jener, der nun Premiere feiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Mai

Heute betreten Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim, Luise Wolfram Bremen und setzen damit – im Gegensatz zum Polizeiruf, der sein 50-jähriges Jubiläum am Sonntag ausgerechnet mit den hervorragenden, aber doch schon recht alten weißen Schauspielerin Peter Schneider und Peter Kurth in Halle feiert – den Trend junger Teams fort. Wenngleich dieses hier im Premierenfall Neugeboren am Bremer Brennpunkt etwas zu eifrig seine Marotten pflegt. Man könnte also ersatzweise einen Sat1-Film empfehlen.

In Sönke Wortmanns Komödie Der Vorname streiten sich zwei Paare darum, ob man ein Kind im 21. Jahrhundert Adolf nennen darf. Zurück zur ARD: da startet Dienstag (22.50 Uhr) das FilmDebüt im Ersten mit Andreas Döhlers Milieustudie Die Einzelteile der Liebe um getrennte Eltern (Birte Schnöink und Ole Lagerpusch) und ihren Versuch, sich fürs Glück der Kinder zusammenzuraufen. Ums eigene Glück geht es Samstag in der 2. Staffel von Maria Furtwänglers Fahrschulkomödie Ausgebremst, allerdings nur in der Mediathek. Also dort, wo Arte tags zuvor BeTipul zeigt, das israelische Original der Psychiater-Serie In Therapie.

Parallel dazu startet bei Amazon die Young-Adult-Serie Panic um tödliche Mutproben als Zugangsticket zu einer dystopischen Zukunftsgegenwart. Donnerstag dann kehren fünf von sechs Hauptdarstellern der hedonistischen 90er-Prokrastination Friends bei Sky zurück. Und Disney+ hat zwei Neustarts im Programm: Die 2. Staffel der Homevideo-Kollage Launchpad und die 1. von Rebel mit der früheren Ich-heirate-eine-Familienmutter Katey Segal als eine Art Erin Brokovich, bevor dem Portal am Samstag Erstaunliches gelingt: Im Prequel zum Klassiker 101 Dalmatiner spielt Emma Stone die boshafte Modequeen Cruella als junge Frau im Kampf mit Emma Thompson als ebenso böse Kollegin. Und das ist für Disney-Verhältnisse fast schon tiefgründig.