Fernsehkonsum & Grenzgebiete

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Januar

Was die einen womöglich als Beleg für lebensbereichernde Freizeitgestaltung betrachten, das halten andere womöglicher für den Untergang des TV-Abendlandes: Laut einer GfK-Studie sahen die Deutschen 2018 mit 217 Minuten pro Tag zwar nur vier weniger fern als im Rekordjahr zuvor; das liegt aber ausschließlich an denen über 50, die mittlerweile mehr als fünf Stunden pro Tag glotzen, während der Konsum in der Zielgruppe drunter radikal sank – bei den 14-  bis 29-Jährigen gar auf Spielfilmlänge.

Worauf sich altersübergreifend in der Vorwoche – Mediathekenzugriffe nicht eingerechnet – nochmals gut fünf Millionen Zuschauer einigen konnten, war einmal mehr das Dschungelcamp. Nach holprigem Start erzielt RTL kurz vorm Finale seiner Cash-Cow am kommenden Samstag also wieder Topquoten. Was vor allem daran liegt, dass die Teilzeitbewohner des australischen Kleintierrestaurants trotz Dauerbeobachtung durch Dutzende Kameras als vergleichsweise real gelten, unverstellt, ja wahrhaftig.

Alles Dinge, die man von der WDR-Reihe Menschen hautnah bei aller Kritik am seifigen Charakter irgendwie auch immer gedacht hatte. Nun aber wurde bekannt, dass eine Autorin mehrere Alltagsprotagonisten der Porträtreihe gecastet hat, was uns wieder und wieder und wieder zum Fall Claas Relotius mitsamt der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Fernsehformate bringt. Ohne die Aufrichtigkeit durchdachter Medien kriegen rechtsradikale Spinner wie die Identitären halt nur immer noch mehr Rückenwind, der sie erst kürzlich dazu animiert hat, von der taz über den Spiegel bis zur Tagesschau politisch missliebige Redaktionen zu attackieren.

Am Bildschirm heißt ein durchaus wirksames Gegenmittel gegen die geistig Armen, aber physisch Präsenten unverdrossen: Gutes, relevantes, breitenwirksames Angebot an alle. So, wie es das Grimme-Institut dieser Tage für den wichtigsten TV-Preis nominiert hat. Unter den 70 Kandidaten sind viermal RTL, fünfmal funk, meistens ARZDF und erstmalig – Achtung! – Youtube mit dem unermüdlichen LeFloid und der Talkshow Neuland. Gegen den Favoriten Bad Banks (ZDF) dürften Online-Serien wie Hackerville (TNT) oder Das Boot (Sky) zwar keine Chance haben. Aber Streamingdienste zählen längst automatisch zum Kreis der Preisanwärter.

Die Frischwoche

21. – 27. Januar

Deshalb beginnen wir die aktuellen Highlights auch einfach mal mit denen. Die Miniserie Valley oft the Boom etwa, in der Sky seit gestern Nacht die frühen Jahre des Silicon Valley nachstellt. Ab Mittwoch dann an gleicher Stelle die 2. Staffel der herausragenden Hotelzimmeranthologie Room 104, gefolgt von der 9. Staffel Pastewka ab Freitag auf Prime Video, wo die Titelfigur seine Freundin zurückerobern will und dabei ähnlich unterhaltsam wie bei Sat1 und hoffentlich weniger Schleichwerbung als in vorherigen Zyklus am eigenen Ego zerschellt. Parallel dazu zeigt Sky aber das absolute Zuckerl dieser Tage: Der Pass, eine Art deutsch-österreichische Die Brücke, bei der Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch als grundverschiedene Cops Ritualmorde im alpinen Grenzgebiet aufklären. Das ist vom Thema her zwar arg aufdringlich, ästhetisch und dramaturgisch aber vielfach herausragend.

Was man am Mittwoch weder von ARD noch ZDF sagen kann. Im Ersten inszeniert Tödliches Comeback die heillos unwahrscheinliche Konstellation eines Kleinganoven, dessen Sohn bei der Mordkommission anheuert, mit Paps einen Fall löst und trotz des großartigen Martin Brambach die Frage aufwirft, warum selbst Komödien in Deutschland ohne Polizei schwer denkbar sind. Im Zweiten ist die Vorabendserie Die Spezialisten weiter so flach, dass selbst die tolle Alina Levshin als soziopathische Forensikerin das tiefe Niveau nicht hebt.

Bleiben zwei öffentlich-rechtliche Dokus. Morgen um – danke, ZDF – Mitternacht erklären uns Dimitrij Kapitelmann und Ralf Dörwang in Meschugge oder was, warum hierzulande 100 Menschen pro Jahr zum Judentum konvertieren. Und Freitag (21.50 Uhr) zeigt Arte den überwältigenden Konzertfilm Rammstein: Paris, für den Jonas Akerlund einen Auftritt der Brachialrocker 2017 mit 30 Kameras eingefangen hat. An der Grenze zur Doku ist hingegen der Tatsachenspielfilm Nebel im August mit Sebastian Koch als empathischer Euthanasie-Arzt nach Robert Domes gleichnamigem Roman, für den das ZDF die zugkräftige Geisterstunde am Sonntag geräumt hat. Danke … ach, das hatten wir ja schon.

Zu den Wiederholungen der Woche: In schwarzweißer Erinnerung kann man Samstag (23.35 Uhr, MDR) in der Wallace-Verfilmung Das Rätsel der roten Orchidee von 1962 mit Christopher Lee als Polizist, Eddi Arent als Ulknudel und Klaus Kinski als Klaus Kinski schwelgen. Farbig zeigt Tele5 tags drauf (20.15 Uhr) Monty Pyhtons Das Leben des Brian (1979), gefolgt vom fünf Jahre älteren Ritter der Kokosnuss. Und der Tatort: Mann über Bord begleitet Kommissar Borowski heute (22 Uhr, RBB) ins Jahr 2006 zu einem Mord auf hoher See.

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Unsichtbare Kanthölzer & True Detectives

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Januar

Wer aufmerksam Medien hört, schaut, liest, lerntgerade einiges über die Welt da draußen – Begriffe ebenso wie ihre Anwendungsmöglichkeiten. Dass die illegale Verbreitung digitaler Daten zum Beispiel Doxing heißt, dank dessen sich der Grünen-Chef Robert Habeck wortreich von Twitter und Facebook verabschiedet hat, was er drolligerweise über Facebook und Twitter verbreitet. Oder dass Abend für Abend ARD-Brennpunkte aus dem Schneechaos der Alpen kein Widerspruch sein müssen. Und nicht zuletzt, dass Kanthölzer auf glaubhaften Videos zuweilen unsichtbar sind, sofern linke Gewalttäter damit rechte Politiker verprügeln.

Außerdem lernen wir, dass Blattgold nur ein paar Euro pro Bogen kostet, weshalb der Fußballkrösus Franck Ribery für sein Monatsgehalt locker eine Million Stück rohen Fleischesdamit verzieren könnte oder wahlweise ein paar Tausend tranchierte „Pseudo-Journalisten“, denen der Bayern-Profi nach seinem Protzskandal im Wüstensand vorwarf, „immer wieder für meine Handlungen kritisiert“ zu werden. Frechheit aber auch! Fast so eine dreiste wie jene, sich als Claas Relotius auszugeben und deutschen Medienanstalten falsche Interviews mit dem Totengräber der publizistischen Glaubwürdigkeit anzubieten.

Da spricht es dann übrigens unbedingt für die Redaktionen von NDR bis Radioeins, dass sie dem Fake-Betrüger mit falschem Mail-Account nicht auf den Leim gegangen sind – so verlockend der Scoop nach dem Scoop auch gewesen wäre.Umso mehr stellt sich die Frage: Wann wird der Fall bloß endlich verfilmt – wahlweise sachlich mit Heino Ferch als Juan Moreno oder satirisch mit Francis Fulton Smith als Spiegel-Hochhaus am Hamburger Hafen? Das Treatment könnte Harald Schmidt liefern, dessen Medien-Schwank Labaule und Erben gerade donnerstags im SWR läuft und zeigt, dass gute Ideen nicht automatisch gutes Fernsehen hervorbringen.

Dass andererseits selbst abgeschmackte Ideen ausgewiesener Schnulzensender durchaus unterhaltsam geraten können, beweist seit vorigem Montag die Sat1-Serie Der Bulle und das Biest, wo ein arschcooler Cop (Jens Atzorn) mit knuddeligem Hund (Bullmastiff Rocky) auf Kommissar Rex‘ Spuren ermittelt und das erstaunlicherweise garnicht mal peinlich. Aber für Peinlichkeiten ist dieser Tage ja auch das Dschungelcamp zuständig, dem am Freitag bemerkenswerte sechs von zwölf Insassen aus dem eigenen Saft gescheiterter Casting-Karrieren zugeflossen sind – zynisch ergänzt um die vollumfänglich ruinierte Pornodarstellerin Sibylle Rauch, einen Ex-Schlagerbarden namens Orloff und Alfs Synchronstimme mit Mensch.

Die Frischwoche

14. – 20. Januar

Die 17-tägige Fleischbeschau gescheiterter oder noch scheiternder Existenzen dürfte trotzdem auch in 13. Staffel unterhaltsam werden. Im dritten Anlauf gilt das ab heute auf Sky mit einem Vielfachen an Niveau und Stil ebenfalls für die HBO-Serie True Detective. Nach einem Zwischentief der zweiten Staffel kehrt Showrunner Nic Pizzolatto in die Südstaaten zurück. Und obwohl es Oscar-Preisträger Mahershala Ali und sein Action-Kollege Stephen Dorff dabei als erstaunlich ununterschiedliche Cops mit einem dieser heillos überdrehten Ritualmorde zu tun kriegen, ist die Täterjagd im wütenden Mob der Trump-Wählerschaft von unvergleichlicher Intensität.

Ein Attribut, das hierzulande meist nur dann erlaubt ist, wenn sich das Fernsehen wie so oft dem größten aller denkbaren Verbrechen widmet. Der ARD-Mittwochsfilm reist daher mal wieder zurück in die letzten Kriegstage und begleitet unterm denkbar dusseligen Titel Die Unsichtbaren – Wir wollen leben vier untergetauchte Juden (u.a. Alice Dwyer, Ruby O. Fee) beim Versuch, den Nazi-Terror zu im Berliner Untergrund zu überstehen. Wem das ein paar Spuren zu wahrhaftig ist, kann sich ja mit der Scheinwirklichkeit der Scripted Reality auf Vox sedieren, wo 6 Mütter ab Montag zum dritten Mal simuliert, es gehe um echte Sorgen (Kinder!) echter Menschen (Promis!).

So richtige Fake-Realität bietet allerdings erst der Freitagabend, wenn der junge Retortenclub Hoffenheim den tyrannischen Fußballreichsverweser Bayern zum Rückrundenauftakt der Bundesliga live im ZDF zu Gast hat und uns für 90 Minuten sportliche Chancengleichheit vorgaukelt. Betäubt von so viel Publikumsbetrug, kehren wir zurück in die Wahrhaftigkeit der Fiktion und empfehlen als erste Wiederholung der Woche die letzten zwei Teile der dramaturgisch mäßigen, soziokulturell weltbewegenden US-Serie Holocaust (Montag und Dienstag, jeweils 22.10 Uhr, WDR). Nach der Erstausstrahlung 1979 konnte das Tätervolk schließlich endgültig nicht mehr leugnen, von (fast) allem gewusst zu haben. Obwohl: noch immer zögen es viele vor, in einer Matrix zu leben, die Kabel 1 am selben Tag ab 20.15 Uhr wiederholt, statt der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Das versucht 24 Stunden später dafür der BR, wenn es seinen Tatort: Totentanz wiederholt, bei dem Leitmayr/Batic 2002 im damals noch diffusen Umfeld der Partydrogen ermitteln.


Gelassenheit & Extraklasse

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. Dezember

Kein Brennpunkt, kaum Breaking News, nur die Topmeldung der Tagesschau, dann hatten die meisten Medien den scheußlichen Mordanschlag von Straßburg schon da eingeordnet, wo er nur aus Sicht der Verschwörungstheoretiker von Hut- bis Wutbürger nicht hingehört: Auf die Liste schlimmer Nachrichten voriger Woche. Nicht mehr. Nicht weniger. Man muss selbst den Boulevard-Medien daher ein Lob aussprechen, wie zurückhaltend sie den finalen Amoklauf eines Gescheiterten verarbeitet haben, dessen Glaubensbekenntnis so glaubhaft war wie das Lippenbekenntnis der Industriestaaten, das Klima zu retten.

Darüber übrigens wurde jenseits ausgewählter Qualitätsmedien nicht annähernd genug berichtet – obwohl es vorige Woche weit mehr ums Ganze ging als in jeder News über Bahntarifverhandlungen oder Parteiführungswahlen. Um mehr auch als etwa die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur deutschen Rundfunkgebühr. Trotzdem war es bahnbrechend, was der EuGH zu einem Klärungsgesuch des Landgerichts Tübingen geurteilt hat. Dass die Abgabe fürs öffentlich-rechtliche Programmangebot rechtens ist, sorgt nämlich auch weiterhin dafür, dass Informationen im gesellschaftlichen Diskurs von kompetenter, aufrichtiger, ausgewogener Stelle sortiert, gewichtet, verbreitet werden.

Wenn es ARD und ZDF, Phoenix oder 3sat nicht gäbe, würde das kommerzielle Angebot ja vor allem über Scoops wie diesen berichten: Micaela Schäfer hat der unmissverständlichen Dating-Seite poppen.de ein Interview gegeben, in dem die frühere Dschungelcamp-Insassin mit exhibitionistischem Hang einräumt, total auf ältere Männer, aber nicht so sehr auf krasse Ort beim Geschlechtsakt zu stehen. Wahnsinn! ProSieben Newstime: wo bitte bleibt da die Homestory!? Na ja, fragen wir da doch einfach Annemarie Carpendale geb. Warnkross.

Die Frischwoche

17. – 23. Dezember

Wenn dieser Tage die großen Jahresrückblicke beginnen, wenn die ARD am Montag um 22.45 Uhr streng politisch auf die fast vergangenen zwölf Monate zurückblickt oder Markus Lanz am Donnerstag im ZDF tendenziell gefühliger auf „Menschen 2018“, zeigt uns die stets luftig bekleidete Schlagerstarsohngattin den Relevanzhammer und moderiert am Mittwoch um 20.15 Uhr red. 2018, aka Der große Jahresrückblick der Stars. Die Realitätsverdrängung von ProSieben ist dabei allerdings weniger interessant als die Frage, ob die drollige Annemarie ihr japanisches Teenagerporno-Outfit dabei wieder so kurz trägt, dass man den Schlüpfer sieht oder nicht…

Aber genug vom Fernsehen der dümmsten Art, mehr vom Fernsehen der allerbesten – verbunden mit einer traurigen Mitteilung: Dienstag und Mittwoch laufen jeweils um 22 Uhr die letzten vier von insgesamt 31 Folgen Der Tatortreiniger im NDR. Gewiss – auch Bjarne Mädel als bauernschlaue, bauchweise, kiezkluge Endreinigungskraft ultimativer Verbrechen ist langsam auserzählt. Die Autorin Mizzy Meyer schafft es aber noch immer, das gewöhnliche Niveau hiesiger Komödien auf kurzer Distanz um Längen zu überbieten. Dafür auf ewig danke Mizzy, Bjarne, Arne Feldhusen.

Was den Fernsehhumor hierzulande sonst so kennzeichnet, lässt sich heute Abend um 20.15 Uhr gut im ZDF beobachten. Als verschuldeter Ex-Journalist, der vom Arbeitsamt auf Lehrer umgeschult wird, agiert Axel Prahl in Extraklasse zwar solide am Rand des Lustigen. Doch Innovation, Wagemut, gar Experimentierfreude? Fehlanzeige! Aber gut, vielen reicht am Feierabend einfach arglose Unterhaltung mit Niveau. Die haben auch Christian Tramitz und Helmfried von Lüttichau im Rahmen des Schmunzelkrimimöglichen seit 2011 sieben Staffeln lang durchaus geliefert.

Am Mittwoch nun nimmt letzterer Abschied von ersterem, wofür das Erste beiden ein Serienspecial Huber und Staller schenkt. Parallel startet Sky das Vorweihnachtshighlight: In der Showtime-Serie Escape at Dannemora inszeniert Produzent Ben Stiller mit Benicio Del Torro und Patricia Arquette ein Ausbruchsdrama nach wahren Motiven, das mehr tut, als Testosteron zu verspritzen. Passend dazu ein Fußballtipp: Freitag läuft das Finale der Bundesligahinrunde mit Bayern gegen – Moment; die sind ja gar nicht Herbstmeister. Unter großen Schmerzen muss das ZDF daher Dortmund vs. Gladbach zeigen und seinem Prinzip vollumfänglichen Sponsorings für den Rekordmeister kurz abschwören. Auch die Wiederholung der Woche spielt auf Gras. Wobei Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern (Montag, 20.15 Uhr, Nitro) 2003 für Fans ein dufter Kostümfilm war, für Spötter die vorletzte Nachkriegsfiktionalisierung, in der Nazis im Umfeld unpolitischer Mitläufer noch Ausnahmen sein durften.

Schwarzweiß wiederholt wird Donnerstag (20.15 Uhr) Der Fremde im Zug auf Arte, ein Frühwerk Alfred Hitchcocks, dass auch 67 Jahre nach der Premiere mit kriminalistischer Kammerspielatmosphäre besticht. Aus heutiger Sicht nur unwesentlich jünger ist da der Tatort-Tipp Das Mädchen von gegenüber (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR) vom Dezember 1977 mit Hansjörg Felmy und dem damals noch relativ unbekannten Jürgen Prochnow.


Bildschirmbanner & gute Feinde

Die Gebrauchtwoche

3. -9. Dezember

Es fehlte eigentlich nur noch ein durchlaufendes Bildschirmbanner vom ersten Wahlgang inklusive Breaking News zur Kandidatenmimik vorm zweiten – der Medienhype um ein Ereignis, das in der Vergangenheit bestenfalls am Schluss der Tagesschau stattgefunden hätte, wäre komplett gewesen. Die senderübergreifende – gut, jetzt nicht bei den Privaten, also: die öffentlich-rechtliche Aufmerksamkeit für die Wahl der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer zeugt von einer tiefsitzenden Sehnsucht nach Relevanz demokratischer Prozesse, die der Populismus möglich gemacht hat.

Ihm dafür gleich zu danken, wäre sicher zu viel des Lobes ans freidrehende Blut-und-Boden-Lager. Aber man muss schon anerkennen, wie der politische Diskurs von rechts außen befeuert wird. Und amerikanische Verhältnisse, in denen die Fox-Moderatorin Heather Nauert von der Sprecherin des Außenministeriums zur UN-Botschafterin aufsteigt – so weit sind wir hierzulande zum Glück ja (noch) nicht (ganz). In Deutschland wird Mann (Steffen Seibert) eher mal vom heute– zum Regierungssprecher oder vom BamS-Vize mit Hitler-Fimmel (Nicolaus Fest) zum AfD-Aushängeschild (mit EU-Ambitionen).

Bevor Horst Seehofer zur FAZ wechselt und durch den rechtsgewendeten Ex-Linken Jürgen Elsässer ersetzt wird, der die Chefredaktion der neurechten Weltverschwörungspostille compact sodann an Friedrich Merz abgibt, feiert aber erstmal der Troubadour altrechter Heimattümelei seinen 80. Geburtstag: Heinz-Georg Kramm. Das ZDF, der Heimattümelei zumindest fiktional ja auch nicht vollends fremd, widmet dem nationalsten aller Volksmusiker morgen ein Porträt.

Die Frischwoche

10. -16. Dezember

Na, hoffentlich vergisst Mensch Heino zur besten Sendezeit nicht, wie weit rechts der Mitte die Schlagermaschine steht. Und damit am Gegenpol der Roten Kapelle, die im Nationalsozialismus gar nicht links stand, aber so grausam verfolgt wurde, dass sie im reaktionären Mainstream der jungen Bundesrepublik als Staatsfeind galt. Davon erzählt der Dokumentarfilm Die guten Feinde. Am Mittwoch um 22.45 Uhr erkundet Christian Weisenborn darin auf Arte, wie sein Vater dem NS-Terror knapp entronnen von den alten Eliten bis ins Grab als Volksverräter verfolgt wurde.

Schwer da eine Überleitung zur guten Unterhaltung dieser Woche zu finden. Weshalb wir einen Umweg in die, nun ja, gut gemeinte machen. Nachdem Sat1 Anfang des Jahres mit einer Verfilmung des Thriller-Fabrikanten Sebastian Fitzek (Das Joshua-Prinzip) baden ging, geht RTL mit einer weiteren Adaption zu Wasser. Passagier 23 bezeichnet das reale Phänomen, dass im Schnitt 20 Menschen pro Jahr von Kreuzfahrtschiffen verschwinden. Aus dieser Vorlage macht Alexander Dierbach ein Actionsdrama, in dem Lukas Gregorowicz den Verlust seiner eigenen Familie damit aufarbeitet, eine vermisste Frau an Bord zu suchen.

Schon spannend, aber leicht konstruierte Effekthascherei. Fitzek eben. Schon mysteriös, aber recht melodramatischer Durchschnitt. ZDF eben – muss man angesichts vom „Harz-Krimi“ sagen, in dem Josefine Preuß heute einem Geheimnis auf die Spur kommt, dass sie in die Untiefe ihrer Vergangenh… ups! War kurz eingenickt. Und wurde vom Rechtsmediziner (Tim Bergmann) als Hauptfigur (Dr. Abel) einer Krimi-Reihe (Zersetzt) nicht geweckt. Wahnsinnsidee. Vielleicht kopiert sie ja jemand in Hollywood und nennt es, sagen wir: CSI…

Dann doch lieber echtes Popcorn-Entertainment wie die ProSieben Wintergames, eine Art Wok-WM ohne Stefan Raab, gefolgt von drei Stunden Joko gegen Klaas, zusammengenommen 325 Minuten Riesenspaß für kleine Kinder im Körper großer Jungs. Riesenspaß für echte Erwachsene im Körper echter Erwachsener verspricht dagegen das Comeback von Ellen De Generis. Nach 15 Jahren Abwesenheit erklimmt sie am Samstag auf Netflix wieder die Standup-Bühne. Wer wirklich was aufs Zwerchfell braucht, sollte am selben Tag NDR einschalten, wo ab 23.10 Uhr das Beste vom Tatortreiniger läuft. Vier Stunden am Stück.

Und bereits eine Wiederholung der Woche wie das Politdrama Gewalt, Macht, Leidenschaft von 1976 (Montag, 21.50 Uhr, Arte) mit den sehr jungen Gérard Depardieu und Robert de Niro als Jugendfreunde, die der italienische Faschismus entzweit. Vereint werden dagegen Whitney Houston und Kevin Kostner in Bodyguard von 1992 (Dienstag, 20.15 Uhr, Kabel1), was sich allein schon wegen des Titellieds immer wieder lohnt. Schwarzweiß empfehlenswert: Karla, ein DEFA-Film von 1965, wo eine Lehrerin (Jutta Hoffmann) heute um 23.10 Uhr (MDR) ihrer Klasse zum Ärger der Staatsmacht das Denken beibringt. Dazu animiert der Tatort-Tipp jetzt weniger, aber wenigstens war das Odd-Couple Thiel/Boerne vor 15 Jahren in 3 x Schwarzer Kater (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) noch witzig.


Silvies Sexismus & Wirtschaftswunderfrauen

Die Gebrauchtwoche

26. November – 2. Dezember

Fortsetzungen sind momentan noch nicht mal mehr bloß wachsender Teil fiktionaler Unterhaltung, sie entwickeln sich zu ihrer Quintessenz. Das Kino traut sich ja gar nichts anderes mehr als erfolgreiches Massenentertainment zu rererereproduzieren. Und auch im Fernsehen wird gnadenlos ausgewalzt, was – nein, nicht Klasse, aber Masse garantiert.Das muss nun keinesfalls schlecht sein. Wenn Sky demnächst gemeinsam mit der ARD Babylon Berlin fortsetzt, ist schließlich Großes zu erwarten.

Dafür sorgt allein schon die Besetzungsliste der 3. Staffel. Peter Kurth und Matthias Brandt sind zwar aus der Serie gestorben worden. Ende 2019 werden sie aber durch spektakuläre Neuzugänge ersetzt: Ronald Zehrfeld, Meret Becker und Hanno Koffler, Martin Wuttke, Saskia Rosendahl oder Peter Jordan. Womit die A-Klasse der Besetzungsspitze nahezu vollumfänglich beteiligt wäre. Wenn das Erste allerdings jetzt parallel dazu ankündigt, „Charité“ fortzusetzen, täuscht auch der exquisite Cast nicht darüber hinweg, wie quotenbesoffen die ARD hier sündhaft teuer billigen Durchschnitt verstetigt.

Dabei hat der NDR deutlich gemacht, mit wie wenig Aufwand wie viel zu erreichen ist. Vor 46 Jahren wurde Dinner for One erstausgestrahlt und läuft seither Silvester für Silvester für Silvester, längst auch in anderen Dritten Programmen. Wenig Aufwand, viel Ertrag und zwar so groß, dass die deutsch-britische Koproduktion nun endlich auch in England läuft. Das Campbelltown Picture House, eines der ältesten Kinos der Welt, zeigt Freddie Frintons Klassiker und auch die BBC bereits Interesse.

Derweil zeigt RTL, wie man mit richtig wenig Aufwand richtig viel Nichts produziert: die never ending Daily Soap Unter uns wird Mittwoch 6000 Folgen alt. Wie man mit richtig viel Sexismus richtig wenig Haltung zeigt, beweist der gleiche Kanal, wenn er dem Unterwäschemodel Silvie Meis wenige später zur besten Sendezeit ein paar Stunden Reklame schenkt. Im Finale von Sylvies Dessous Models reduziert Heidi Klum für Arme ihre anorektischen Pinup-Girls allerdings nicht durch sprachliche Erniedrigungen auf Alphamännergelüste, sondern durch Zurschaustellung von noch mehr Haut als Germany’s Next Top Model. Wenn Frauen Frauen verachten und das dann auch noch als emanzipiert bezeichnen…

Die Frischwoche

3. – 9. Dezember

Wie befreiend ist dagegen das öffentlich-rechtliche Prinzip, Frauen von früher zu glorifizieren. Am Mittwoch porträtiert die – nebenbei geschlechtervariable – Regisseurin Francis Meletzky die – von Katharina Wackernagel gespielte – Verlegerin Aenne Burda. Und natürlich ist Die Wirtschaftswunderfrau ein retrospektiver Wunschtraum vorauseilender Emanzipation der Nachkriegszeit, als Frauen noch männliche Besitztümer waren. Trotzdem hat der Zweiteiler in drei Stunden mehr Moral als Silvie & Heidi in ihrer gesamten PR-Existenz. Mit der kann man übrigens auch spielen.

Jim Carrey zum Beispiel leidet bis auf ein mehrjähriges Intermezzo ernster Rollen bis heute schwer unterm Image als Grimassenschneider vom Dienst. Ab heute lässt ihn Sky zehn Folgen lang sein eigenes Dasein als Kinderfernsehstar aufarbeiten, der sich von seinem Alter Ego Mr. Pickles befreit. Unter Michel Gondrys Regieschafft Kidding jedoch mehr als den Befreiungsschlag aus einer Schublade. Esist raffinierte Tragikomik für alle Generationen.

Weniger raffiniert, aber immerhin gut besetzt, sind die zwei neuen Krimi-Reihen der Woche. Auf Sat1 geht die viel zu unbekannte Sandra Borgmann als Julia Durant auf Serienkillerjagd, was durch den Episodentitel Jung, blond, tot nicht origineller wird. Die ARD dagegen lässt donnerstags mal wieder im Ausland ermitteln, diesmal mit Roenald Wiesnekker und Gabriela Maria Schmeide als deutsch-tschechisches Polizistenduo im Prag-Krimi. Eieiei. Dabei können ARZDF so viel mehr, wenngleich meist zur lächerlichen Sendezeit.

Am Sonntag läuft im Ersten Eric Friedlers nächste Nischenerkundung namens It must schwing. Das Trüffelschwein des Sachfernsehens stellt darin (23.35 Uhr) die deutschen Gründer des legendären Jazz-Labels Blue Note vor.Montag zuvor läuft um fünf nach zwölf im Zweiten Johannes Lists vorzügliche Sportdoku Tackling Life übers schwule Rugby-Team Berlin Bruisers. Und Freitag setzt der NDR zeitgleich den Anarcho-Talk Geschichte eines Abends mit Lars Eidinger als Gastgeber fort. Das absolute Highlight ist aber die deutsche Netflix-Serie „Dogs of Berlin“. Unter der Regie von Christian Alvart spielt Fahri Yardim darin einen Berliner Cop im Mafia-Milieu, und das ist genau ein Jahr nach Dark erneut ein Niveau, wie es sich das lineare Fernsehen viel zu selten traut.

Dort sind selbst Erstausstrahlungen wie Das Geheimnis der Blumeninsel zum 25. Pilcher-Geburtstag im ZDF Wiederholungen der Woche. Deshalb gibt es von denen diesmal auch nur Katja Riemann als Die Apothekerin anno 1997 nach dem Roman von Ingrid Noll (Montag, 22.45 Uhr, BR). Und natürlich den Tatort, bei dem man am Klassiker Reifeprüfung mit Nastassja Kinski als Lolita von 1977 (Freitag, 22 Uhr, NDR) natürlich nicht vorbeikommt.


RTL-Wechsel & Pastoren-Saga

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. November

Es gibt Paare, die schienen auf immer und ewig miteinander verbunden zu sein. Das Erste und die Lindenstraße zum Beispiel, der FC Bayern und die Tabellenspitze oder der CDU-Vorsitz und Angela Merkel. Doch weil selbst eherne Verbindungen mal rissig werden, kann selbst die spektakulärste Trennung der Vorwoche nichtüberraschen: Anke Schäferkordt verlässt RTL. Nach 27 Jahren, davon 13 in leitender Funktion. Warum die Geschäftsführerin der deutschen Sendergruppe ihr Amt zum 1. Januar niederlegt und den Aufsichtsrat der Konzernmutter Bertelsmann verlässt, bleibt bislang offen. Zu vermuten ist allerdings, dass der RTL ein Wandel bevorsteht. Und zwar zum Guten.

Schäferkordt war schließlich bis zur Besinnungslosigkeit quoten- und werbehörig. Die Fortsetzung von Deutschland 83in Kooperation mit Amazon Prime zeigte zwar, dass sie wirtschaftlich neue Wege geht. Die wässrige Informationssparte bekam unter der Frontfrau wieder Boden unter den Füßen. Und der Emmy Award für Anna Schudtals Gaby Köster im Biopic Ein Schnupfen hätte auch gereicht bewies gerade in New York, dassder Rot- und Blaulichtsender abseits vom Blitzlichtgewitter durchaus helle Momente hat. Insgesamt aber dürfte das Niveau unterm bisherigen Vox-Chef Bernd Reichart steigen. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten gewarnt sein…

Bisdato machen sie sich aber erstmal kleiner als nötig: Nachdem im Rostocker Polizeiruf: Für Janinamehrfach der Slogan FCK AFD zu sehen war, hat die ARD den zugehörigen Aufkleber in der Mediathek retuschiert. Illegale Partei(anti)werbungdröhnte es da von rechts, Verlust der Kunstfreiheit kommt von links – fertig ist ein Sturm im Wasserglas von herausragend lauer Wucht. Da ist es fast relevanter, was die Süddeutsche Zeitung meldet: Der Funk-YouTuber Fynn Kliemann hat sich mit dem Pro7-Berserker Oli Schulz das Hausboot von Gunther Gabriel gekauft. Wenn es so was in den Wirtschaftsteil angesehener Medien schafft, ist der Weltuntergang wohl noch ein bisschen hin.

Die Frischwoche

26. November – 2. Dezember

Apropos Randthemen in zentraler Lage: für alle, die zum Beispiel der Flüchtlingsfrage mehr Bedeutung beimessen als zum Beispiel dem Klimawandel, sind Wölfe mindestens das zweitwichtigste Thema der Welt. Wenn ihnen das Erste heute um 22.45 Uhr die „Story im Ersten“ namens Schützen oder schießen? widmet, dürfte das zwar niemandem vom Gegenteil seiner Meinung überzeugen, aber man kann es ja mal versuchen. Einer der Orte, wo Wölfe wieder heimisch sind, ist übrigens der Spreewald. Seit acht Jahren ermittelt der einsame Wolf Krüger (Christian Redl) zweieinhalb Stunden zuvor in der ostdeutschen ZDF-Wildnis. Und da Nadja Uhl im elften Spreewaldkrimi als seine Ex-Geliebte Tanja vom 2. Fall (im ersten 2006 hatte Krüger nur eine Nebenrolle) zurückkehrt, schließt sich gewissermaßen der Kreis.

Noch am Anfang einer theoretisch endlosen Reihe Roman-Verfilmungen nach Sebastian Fitzeks Bestsellern steht dagegen Amokspiel.Mit Franziska Weisz als Kriminalpsychologin, die einem wirren Entführer (Kai Schumann) das Geiselerschießen ausredet, zeigt Sat1 am Dienstag (20.15 Uhr) den nächsten Baukastenthriller mit Quotengarantie. Wenn Arte ab Donnerstag den dänischen Zehnteiler Ride upon the Storm zeigt, dürfte die faszinierende Pastoren-Saga mit Lars Mikkelsen als Seelsorger, dessen zwei Söhne das Schicksal von Kain und Abel in die Neuzeit übertragen, dagegen kaum beachtet werden. Kulturkanalschicksal.

Ähnliches gilt fürs kreativste Talkformat deutscher Art. In Geschichte eines Abends unterhalten sich wild zusammen gewürfelte Gäste bei steigendem Promillepegel über Gott, die Welt, und das außergewöhnlich unterhaltsam. Weil die Sendung diesmal mit Charlotte Roche als Gastgeberin in der Nacht auf Samstag um 0.15 Uhr im NDR läuft, dürften die Mediathekenzugriffe ihre Erstausstrahlung allerdings weit übertreffen. Noch was? Frank Roisin spielt ab Donnerstag auf Kabel1 Christian Rach und saniert in Ein Sternekoch räumt auf marode Restaurants.

Mit 1983 zeigt Netflix tags drauf sein polnisches Seriendebüt, in dem es natürlich um Solidarność geht. Und die schwarzweiße Wiederholung der Woche ist noch älter als der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs.Freitag um 23.35 Uhr zeigt der SWR den hochbetagten Wallace-Film Der unheimliche Mönch. Unheimlich beeindruckend ist Peter Kurth als alternder Ex-Boxer Herbert (Montag, 23.05 Uhr, MDR), den krankhafter Muskelschwund zur Reflexion seines bisherigen Lebens nötigt. Und was sie seit 1994 aus ihrem gemacht hat, könnte Veronica mal hinterfragen, wenn sie ihren Münchner Tatort-Auftritt … und die Musik spielt dazu betrachtet. Der BR zeigt ihn morgen zur unverändert besten Sendezeit.


Die Lindenstraße & Das Boot

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. November

Irgendwann ist alles vorbei – das gilt fürs Fernsehen nicht weniger als alles andere. Trotzdem war es irgendwie seltsam zu hören, was sich schon lange vor der Pressemitteilung vom Freitag abgezeichnet hatte: Die Lindenstraße wird eingestellt. Sie habe zwar „Akzente gesetzt, die prägend bleiben werden“, heuchelte ein streng quotenorientierter Programmchef Bedauern. Volker Herres stellte aber sogleich nüchtern fest, „Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“.

Die Folge war ein medienöffentlich ausgetragener Tumult zwischen Fans und Feinden in Echtzeit, der angesichts der öffentlich-rechtlichen Sparzwänge und Mechanismen allerdings wenig am Ende lustig-deprimierend-dramatisch-relevant-radebrechen-banal-bieder-übertrieben-realen Dauerserie ändern dürfte. Bis Deutschlands älteste Soap vom Bildschirm verschwindet, bleiben also noch 60 Folgen Zeit, jene vier, fünf Restprobleme menschlicher Zivilisation, die in 34 Jahren (angeblich gab es bislang weder ein schwarzes Loch noch Königsmord) nicht abgearbeitet wurden, nachzuholen – dann ist neben Tages- und Sportschau das letzte Lagerfeuer der deutschen TV-Historie Geschichte.

Da ist es nicht weniger als ein zynischer Tiefschlag des Schicksals, dass dem Moderator des vorletzten in Malibu nicht nur, aber auch die Fernsehpreise abgebrannt sind. Immerhin boten sie dem Boulevard Gelegenheit, lieber über Thomas Gottschalks Leid als die Ursachen der kalifornischen Feuerhölle – Klimawandel und so konsumschädliches Zeugs – zu berichten. In den USA selbst hatten nebenbei auch Medieninterna Spitzenmeldungswert. Und zwar nicht, weil CNN das Weiße Haus wegen der (mittlerweile widerrufenen) Aussperrung ihres Reporters Jim Acosta verklagt, sondern dass Donald Trumps Sprachrohr Fox News offen Partei für die Konkurrenz ergriff und sich damit gegen jenen Amtsinhaber stellte, der ohne den Krawallkanal niemals im Oval Office säße.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das wäre natürlich ein gutes Thema für die Zeit nach den Tagesthemen, in der das Erste gemeinhin gehaltvolle Dokumentationen zeigt. Doch weil ein Länderspiel abermals ganzabendlich das Programm verstopft, ist heute leider kein Platz für Informationen jenseits des Fußballs. Dafür ist am Mittwoch Platz für Daniel Harrichs neuen Versuch, Zeitgeschichte journalistisch recherchiert in Spielfilmform zu bringen. Wie der Westen in Saat des Terrors allerdings mit Islamisten paktiert, ist zwar hochinteressant, aber nicht so schlüssig fiktionalisiert wie zuvor Oktoberfest-Attentat oder Waffenhandel.

Am Donnerstag ist dann wie üblich Platz für die nächste Auslandsklassenfahrt deutscher Polizisten. Im Amsterdam-Krimi reist Hannes Jaenicke mit Alice Dwyer nach Holland, um dort einen Drogenring zu sprengen. Doch anders als in Lissabon, Athen, Istanbul und wo die ARD sonst noch ermitteln lässt, sprechen die Niederländer zwar Deutsch mit Akzent – allerdings auch untereinander. Merkwürdig. Fast so sehr wie das, was die intellektuell leicht unterschätzbare Collien Ulmen-Fernandes zeitgleich auf ZDFneo ans Tageslicht befördert. In ihrer zweiteiligen Reportage No More Boys and Girls enthüllt die Moderatorin und Mutter nämlich bis zur Schmerzgrenze des Erträglichen, wie reaktionär die Erziehung in deutschen Kinderzimmern noch immer abläuft.

Reaktionär ist natürlich ein passender Übergang zum fraglos wichtigsten Neustart der Woche: Am Freitag startet auf Amazon die Neuverfilmung von Lothar-Günther Buchheims Das Boot. Unter Andreas Prochaskas Regie hat der Achtteiler übers Abtauchen unter Nazis und Mitläufern indes nur atmosphärisch mit Wolfgang Petersens Original zu tun. Ansonsten wurde die Seekriegserzählung mit viel Thriller, Liebe, Pathos angedickt und hat daher nicht annähernd die klaustrophobische Wucht von 1981. Routiniert inszeniertes Entertainment ist die Serie aber natürlich schon – bei dem Budge… Als Referenzgröße kann man sich am Freitag (22 Uhr, ARD) übrigens gut den Director’s Cut von 1996 mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und wer noch so alles aus der Besatzung zum Star geworden ist ansehen.

Was nach der dringenden Empfehlung, die bild- und wortgewaltige Western-Anthologie The Ballad of Buster Scruggs der Coen-Brueder auf Netflix anzusehen, bereits eine Wiederholung der Woche wäre. Auch die führt ja in den Weltkrieg: Um 23.50 Uhr zeigt der WDR (gleich nach dem Remake des Buchenwald-Dramas Nackt unter Wölfen von 2015) den frühesten Versuch der besiegten Nation, sich aus deutscher Sicht mit dem frisch verlorenen Krieg zu befassen. So weit die Füße tragen gelang das 1946 sogar vergleichsweise gut – auch wenn Nazis darin seltsam selten sind. Und zum Abschluss der Tatort-Tipp (Montag, 22 Uhr, RBB), in dem Kommissar Bülow 1986 zum Teil eines Fernsehfilms im Fernsehfilm wird, bei dem – wie der Titel Tödliche Blende schon sagt – natürlich trotzdem ein Mord passiert.