Balbierte Thüringer & krasse Teens

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Februar

Nachdem das ZDF bereits die Übertragung der Goldenen Kamera beendet hatte, wendet sich die ARD nun vom Bambi ab – zu offensichtlich ist die künstlerische Irrelevanz beider Preise, zu offensichtlich auch der Werbecharakter beider Veranstaltungen. Und dann waren die Einschaltquoten auch noch Jahr für Jahr tiefer in den Keller gerauscht. Fehlt eigentlich nur noch das Ende der Live-Schalten zu jedem noch so unbedeutsamen PR-Kick des FC Bayern, dann wird das öffentlich-rechtliche Showfernsehen vielleicht irgendwann mal unabhängig.

Im heute-journal bringt Marietta Slomka den faschistisch intronisierten FDP-Mann Thomas Kemmerich mit einer Kanonade kluger Fragen in Erklärungsnot, der ARD-Brennpunkt muss wegen des DFB-Pokals trotz aller Dramatik leider mit neun, statt der üblichen 15 Minuten auskommen, Martin Schulz zeigt mit seiner achtmaligen Wiederholung der altbackenen Redewendung, irgendwer habe irgendwen über den Löffel balbiert, warum junge Menschen in Scharen Grüne statt Sozis wählen, Alice Weidel grinst eine Therapiesitzung bei Anne Will wie ein Honigkuchengoebbels und Dieter Nuhr setzt in geistiger Verwandtschaft Nazis mit Linken gleich, die er fast noch asozialer findet als Greta Thunberg – die Tage nach dem Dammbruch von Erfurt, der ja erstmal nur ein Tabubruch war, hallten auch in den Medien nachhaltig nach.

Und zwar so heftig, dass Dieter Nuhrs Populistenbuddies von Donald Trump, dessen fortgesetzter Betrug immer mehr zur Machtverfestigung führt, bis hin zu Boris Johnson, der kritische Medien wie die BBC dadurch aufs Korn nimmt, dass er die strafbare Unterschlagung der Rundfunkgebühr künftig entkriminalisieren will, ins Hintertreffen geraten.

Die Frischwoche

10. – 16. Februar

Aber gut, ist ja auch – Tättääh – bald Karneval. Weshalb die Öffentlich-Rechtlichen alle Nicht-Närrinnen und Narrhalesen bereits zwei Wochen vorm Rosenmontag permanent mit Kalauerkanonaden auf allen Kanälen quälen. Dabei gibt’s die besten Kalauer aus deutscher Herstellung bei (kauft nicht bei) Amazon Prime, das sich 2017 bekanntlich Pastewka unter den Nagel gerissen hat. Weil die ursprünglichste aller fakefiktionalen Fremdschamserien zuvor bereits zwölf Jahre bei Sat1 lief, ist es mit der aktuell zehnten Staffel, nun aber auch mal gut.

Freitag startet derweil der erste deutsche Netflix-Film. Wie nicht anders zu erwarten, zeigt Isi & Ossi der linearen Konkurrenz, wie man Jugendkultur auch ohne Peinlichkeit in gute Fiktion verwandelt. Oliver Kienles (Bad Banks) Geschichte einer Milliardärstochter (Lisa Vicari), die sich vom Jet Set genervt in die Unterschicht des Boxers (Dennis Mojen) begibt, ist nach eigenem Buch gleichermaßen humorvoll, empathisch und real – also das Gegenteil der US-Abenteuerserie Blood & Treasure, in der ein schöner Ex-Spion mit einer noch schöneren Meisterdiebin ab Freitag (20.15 Uhr, K1) im Indiana-Jones-Stil Schätze jagt. Zum Auftakt natürlich irgendwas mit Pyramiden.

Das ist unterhaltsam, bunt, aber so egal, dass die Überleitung zur Realität leicht fällt. Morgen zum Beispiel die Dokumentation Gulag, in der Arte ab 20.15 Uhr drei Teile am Stück das sowjetische Lagersystem 1917-1957 seziert. Oder Carsten Binsacks Kindesmissbrauchsanalyse Dunkelfeld, die Donnerstag auf Info zweierlei tut: einen Zivilisationsbruch aufzuzeigen, der erstens alle Teile der Gesellschaft betrifft, und all diese Teiel zweitens in ihrer Ein-Herz-für-Kinder Ignoranz vereinigt. Eine Ignoranz, die zur Wir-waren-aber-auch-Opfer-Mentalität passt, mit der gerade an die Bombardierung Dresdens vor genau 75 Jahren erinnert wird.

Als erste Wiederholung der Woche also eine Empfehlung zum Abgewöhnen: Roland Suso Richters Exkulpationsmelodram Dresden (20.15 Uhr, MDR), in dem Fee Woll kurz vorm Sommermärchen zwischen zwei Männern das Märchen erzählte: klar, waren echt scheiße, die Nazis, aber eigentlich, Ehrenwort, waren ja fast alle dagegen. Bei so viel geschichtsklitterndem Sulz empfiehlt sich Mittwoch (22.25 Uhr, 3sat) Francois Ozons zehn Jahre jüngeres Schwarzweißmeisterwerk Frantz mit Paula Beer als Kriegerwitwe des 1. Weltkriegs, die sich in einen französischen Erbfeind verliebt. Zwei Stunden zuvor entführt uns Bienzle und das Narrenspiel in die schwäbische Fassnacht von 1994, womit der Tatort den Karnevalskreis schließen darf.


Staumeldungen & Bankencrashs

Die Gebrauchtwoche

27. Janaur – 2. Februar

Manchmal ist das Ende einer Ära auch deshalb begrüßenswert, weil es den Beginn einer neuen darstellt: Seit Freitag, kurz nach elf, sendet Deutschlandradio keine Verkehrsnachrichten mehr. Fast 60 Jahre also, nachdem das Bundesverkehrsministerium dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der anschwellenden Autorepublik Staumeldungen verordnet hat, schafft der wichtigste diesen Anachronismus ab. Schließlich fragt sich ja nicht nur wegen der anschwellenden Klimaproteste, warum es diesen Service angesichts epischer Blechschlangen, die täglich stinkend herumstehen, noch gab.

Was zur nächsten Frage führt: Warum darf das Radio eigentlich Raser vor Blitzern warnen, also gewissermaßen hoheitliche Ordnungsmaßnahmen denunzieren? So etwas ist nur in einem Land möglich, dass Vollgas als Menschenrecht einstuft. Oder wahlweise Diktaturen wie den ägyptischen Putschgeneral Abdel Fatah as-Sisi mit dem Semperopernball-Orden ehrt. Dass die Verantwortlichen ihre Entscheidung rückgängig gemacht haben, hinderte Judith Rakers zum Glück nicht daran, die vereinbarte Moderation im MDR abzusagen – was ihr Ersatz Mareile Höppner kurz darauf ebenfalls tat. Haltung zeigen leicht gemacht.

Haltung zeigen schwer gemacht, war bislang drei Staffeln lang in der vielleicht besten Geschichtsserien überhaupt – The Crown – zu bestaunen. Nun verkündete Netflix, dass nach weiteren zwei Schluss sei. Haltung für Populisten zeigt dagegen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ab heute in seiner Online-Talkshow Hier spricht das Volk, wo es vertreten durch ein Dutzend Ottonormalverbraucher toll gegen Greta Thunberg, lasche Richter oder Sprechverbote wie jenes geifern darf, nicht mehr „Negerkuss“ sagen zu dürfen. Haltung zeigen scheißegal steht indes für Joko Winterscheidt, der nun das männerpositiv-elitäre Mackerblatt GQ mit herausgibt und sich damit weiter als Marke produziert. Eine Marke, die er Mittwoch auch als Moderator vom Ding des Jahres auf Pro7 pflegt.

Die Frischwoche

3. – 9. Februar

In der Nacht vor dieser konsumfreudigen Dauerwerbesendung für – mal nachhaltige, meist überflüssige – Innovationen überträgt das Erste ab 2.40 Uhr Donald Trumps Rede zur Lage der Nation, die schon deshalb nicht von der Lage des US-Präsidenten handelt, weil sein willfähriger Senat kurz zuvor die Ladung neuer Zeugen im Impeachment-Verfahren abgelehnt hat und bis zu dessen Ende am selben Tag sicher auch die Geheimhaltung von 24 E-Mails zur Ukraine-Affäre ignorieren dürfte.

Dessen ungeachtet zeigt Arte Donnerstag/Freitag (Samstag-Montag, ZDF) zur besten Sendezeit die Fortsetzung der besten Dramaserie aus Deutschland ever: Bad Banks. Sechs Monate nach dem Crash ihrer Investmentbank DGI, baut Paula Beer als Jana Liekam fürs staatlich gerettete Haus ein schickes Berliner Startup auf, in dem sie und ihre Chefin (Desirée Nosbusch) wie 2018 gleichermaßen als Subjekt und Objekt einer entfesselten Branche agieren. Obwohl statt Christian Schwochow nun Christian Zübert Regie führte, ist das Ergebnis kein bisschen weniger herausragend. Alles richtig gemacht.

Vieles falsch macht dagegen Lars-Gunnar Lotz in seiner Romanverfilmung Tage des letzten Schnees, heute Abend im ZDF. Der Wirtschaftsfamilienbeziehungskrimi um Barneby Metschurat als Vater, der seine Tochter auf dem Gewissen hat, ist so heillos überfrachtet mit Pathos und Drama, dass die wackeren Darsteller um Henry Hübchen, Christina Große, Bjarne Mädel, Victoria Mayer gegen das Drehbuch von Nils-Morten Osburg chancenlos sind. Bei so viel artifiziellem Kitsch doch lieber die blanke Realität. Etwa in der Arte-Doku Abschied von der Mittelschicht, dessen Titel Dienstag ab 20.15 Uhr ebenso für sich spricht wie Giftiger Haushalt – Die schmutzigen Seiten der Saubermacher (Mittwoch, 20.15 Uhr, 3sat).

Fiktional machen Sender und Streamingdienste dieser Tage Pause, weshalb man kurz aufs 25-jährige Jubiläum der Jux-Serie Wilsberg am Samstag hinweisen kann, die Oscarverleihung bei Pro7 in der Nacht auf Montag (0.00 Uhr) und ansonsten die Wiederholungen der Woche. Ab morgen (22.10 Uhr) zeigt der WDR nochmals Hans-Christian Schmids Das Verschwinden von 2017. Sonntag (20.15 Uhr, Arte) ist Henri Verneuills Ganovenstück Lautlos wie die Nacht mit Alain Delon als Spielbankräuber von 1962 sehenswert. Und weil Tatort vor allem dann Spaß macht, wenn er älteren Datums ist, raten wir zu Folge 624 Feuerkämpfer (Dienstag, 22 Uhr, NDR), mit den Hamburgern Castorff/Holicek anno 2005.


Smartphonehacks & Anfängerblut

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Januar

Wenn Smartphones gehackt werden, ist das in der Regel ein schwerer Schlag gegen die informationelle Selbstbestimmung – ganz egal, ob es von staatlicher, ökonomischer oder privater Seite geschieht. Als bekannt wurde, dass Jeff Bezos nun davon betroffen war, konnte man sich selbst dann etwas Schadenfreude nicht verkneifen, als die Urheber bekannt wurden: Mohammed bin Salman, ein besonders perfider Tyrann und doch best buddy all jener, die wie Bezos Plutonium an Kinder verkauften, ließe sich so der Profit mehren.

Und die Häme legt sich auch nicht, weil er wegen der Berichte seiner Washington Post über den Mord am Journalisten Kashoggi ins Fadenkreuz des saudischen Königshauses geraten ist. Unaufhaltsam in Richtung dieser Glitzerdiktatur befindet sich derweil das rechtsradikal regierte Brasilien, wo im offensichtlichen Fall von Korruption des Justizministers – nein, nicht der Justizminister, sondern Glenn Greenwald angezeigt wurde, dem investigativen Reporter, der die Geschichte im Guardian publik gemacht hatte.

Ob Til Schweiger auch solche Rechtspopulisten gemeint hatte, als er sie Mittwoch bei Markus Lanz gemeinsam mit CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann ebenso lobte wie die Eskalationstaktik der Leipziger Polizei im linksalternativen Connewitz und lautstark über die Lügenpresse herzog? Es bleibt ähnlich erratisch wie die Zugriffe bei Netflix, mit denen der Streamingdienst seinen Umsatz im IV. Quartal 2019 um satte 31 Prozent auf 5,5 Milliarden Dollar gesteigert und damit 587 Millionen Gewinn erzielt hat.

Die Frischwoche

27. Januar – 2. Februar

Allein Freitag gesellt sich ein halbes Dutzend Serien zu Dracula und The Ghost Bride – darunter im Fach History Luna Nera, im Fach Fantasy Spectros, im Fach Mystery Rangarök oder im Fach Family Ich schweige für dich. Nichts davon ist außergewöhnlich, aber Teil der Strategie, die Leute unablässig mit Nachschub einzulullen – und zwar selten so mittelmäßig wie das, was Montag, Dienstag, Donnerstag im ZDF läuft. Mit dem dreiligen Melodram Die verlorene Tochter will Kai Wessel zwar an Hans-Christian Schmids Das Verschwinden anknüpfen, verliert sich trotz der famosen Henriette Confurius als Missbrauchsopfer mit Amnesie aber in Effekthascherei.

Mit dem halten sich Blutige Anfänger aus Halle 50 Minuten zuvor an selber Stelle erstaunlich zurück. Der zwölfteilige Krimi um schicke Polizeischüler*innen ist zwar wie üblich am ZDF-Vorabend so authentisch wie ein Traumschiff-Landgang; die jungen Darsteller spielen das miese Drehbuch jedoch erfrischend weg. Erschreckend glaubhaft ist Sherry Hormanns Meisterwerk Nur eine Frau mit Almila Bagriacik, die als reales Ehrenmordopfer Hatun Sürücü am Mittwoch im Ersten mit tödlichen Folgen aus ihrer Ehe ausbricht.

Darüber hinaus findet sich viel Gedenken an die Auschwitz-Befreiung vor 75 Jahren – heute zum Beispiel das Arte-Porträt Die Kinder aus der Rue Satin-Maur, morgen die ZDF-Doku Ein Tag in Auschwitz, Mittwoch ein 3sat-Film über Juden in der DDR. Freitag dann widmet sich (kauft nicht bei) Amazon einem Mordfall der Gegenwart, wenn Prime Video fünf Teile lang den amerikanischen Serienkiller Ted Bundy porträtiert. Bei so viel Schwermut ist es fast schon entspannend, wenn RTL seinem Publikum um 20.15 Uhr drei Stunden leichte Kost verabreicht.

In der Quizdaddelshow Alles auf Freundschaft kämpfen die Kumpels Tim Mälzer und Sasha nämlich ohne Nachnamen gegen andere Kumpels ohne Promistatus um 100.000 Euro, die entweder (gewiss für Kinder) gespendet oder (von den Nobuddies) eingesteckt werden. Das Preisgeld der nächsten Runde Ding des Jahres fließt Mittwoch wieder in kreative Start-ups – allerdings sollen es diesmal vor allem besonders nachhaltige sein.

Und damit zurück zum Shoah-Gedenken in der Gestalt einiger Wiederholungen der Woche – etwa Stefan Ruzowitzkys KZ-Drama Die Fälscher, (Mittwoch, 22.25 Uhr, 3sat), für das es 2008 den Oscar gab. Oder heute um 23.05 Uhr im MDR: Frank Beyers DEFA-Legende Jakob der Lügner (1974). Zur Entspannung: Und täglich grüßt das Murmeltier (Samstag, 20.15 Uhr, RTLzwei), seit 1993 global gesehen so legendär wie hierzulande der Tatort, von dem es Freitag (22 Uhr, ARD) einen mit Ulmen/Tschirner (Der scheidenden Schupo) gibt.


Schwei(nstei)ger & Dilemmashows

Die Gebrauchtwoche

13. – 19 Januar

Nein, so politisch war Ich bin ein Star, holt mich hier raus wohl noch nie. Erst äußern sich Sonja Zietlow und Daniel Hartwich durchaus besonnen über die angrenzenden Buschbrände, dann rufen sie zu Spenden auf, übermitteln gar ein regierungsoffizielles Grußwort – und dann zieht mit Ex-Bundesverkehrsminister Krause auch noch der erste Politiker ins Dschungelcamp. Aber abgesehen davon, dass er auch gleich wieder auszieht? Alles wie gehabt, also nicht der Rede wert und gerade deshalb so viel gehaltvoller als ein Umweltsau-Video des WDR, das Intendant Tom Burow zum Bückling vor Rechtsradikalen bewegte.

Immerhin gab es dafür tüchtig was aus der Shitstormkanone. Weit geringer war da die Medienresonanz auf jenen Mann, der kurz zuvor in Südtirol sieben Menschen getötet hat. Kein Aufschrei kollektiver Empörung, gar ein ARD-Brennpunkt, nur routinierte Einordnung eines Terroranschlags, der nur nicht als solcher benannt wird, weil es im Gegensatz zu denen mit islamistischen oder rechtsradikalen Hintergrund Alltag ist, dass Besoffene mit ihrem Mordwerkzeug Sportwagen Leben auslöschen. Da hat die Bild zwar ein bisschen Betroffenheit geheuchelt, aber nicht das Fahrverhalten ihrer Stammkundschaft kritisiert.

Dafür kroch sie Donald Trump mit der Titelseite Kein Krieg! Danke Mr. President in den Hintern, was so fern aller Logik ist, dass Der Stürmer verglichen damit zur Qualitätszeitung wird. Die ARD hat derweil mit einer Enthüllungsstory im Dopingsumpf Gewichtheben ihre sportpolitische Kompetenz mit Folgen belegt, während Hank Azaria die Reißleine zog und den Simpsons-Inder Apu fortan nicht mehr als voll rassistischer Stereotype spricht. Noch was? Ach ja. Trotz 15 Nominierungen gewann Netflix nur den Golden Globe für Laura Dern als beste Nebendarstellerin in Noah Baumbachs Marriage Story. Und Til Schweiger hat ein Gefälligkeitsgut…, äh, Porträt von Bastian Schweinsteiger angekündigt, und falls es nicht Schwei(nstei)ger heißt, wäre vielleicht „Ich und Ich, einfach geil“ ein guter Titel.

Die Frischwoche

20. – 26. Januar

Ein, hüstel, nicht ganz sooo guter Untertitel ist Hautärztin aus Leidenschaft für die TLC-Serie Dr. Emma ab heute auf dem Turner-Kanal TLC, den sich wirklich nur deutsche Übersetzer ausdenken können. Richtig bescheuert ist auch der von Nicht dein Ernst!, womit Jürgen von der Lippe ab Sonntag den verwaisten WDR-Sendeplatz von Zimmer frei! beerbt. Warum Die Dilemma-Show Alltagsfallen beschreiben soll, die das lebende Hawaiihemd und seine Kollegin Sabine Heinrich ab Sonntag mit wechselnden Gästen – in Folge 1 von 6 Frank Plasberg zum Thema Partysünden – diskutiert, bleibt ein öffentlich-rechtliches Geheimnis.

Partysünden sind selbstredend auch ein wichtiger Faktor bei der 3. Staffel von Babylon Berlin ab Freitag bei Sky, die vermeintlich goldenen Zwanziger am Rande der braunen Katastrophe weiterspinnt. Bereits heute zeigt der Bezahlkanal Hugh Laurie in der absurd komischen HBO-Serie Avenue 5, wo Doctor House einen interplanetarischen Kreuzfahrtraumschiffskapitän spielt, der eigentlich als schicker Statist an Bord ist, plötzlich aber das Ruder übernehmen muss. Seit ein paar Tagen läuft auf Netflix bereits die Eigenproduktion Dracula der Macher von Sherlock, die Bram Stokers klassischen Vampirstoff zum Nervenzerfetzen radikalisieren.

Weil die menschliche Natur allerdings noch viel drastischer ist, als sie jeder Horrorproduzent ersinnen könnte, bereits uns Arte am Dienstag schon mal unsanft auf den 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung in acht Tagen vor. Das dokumentarische Drama 1944 stellt dabei die wahre Begebenheit zweier KZ-Gefangener nach, die den Alliierten nach ihrer Flucht erstmals hautnah von den Gräueln dort berichtet haben. Gefolgt wird es von einer Doku über die Medizinversuche in Auschwitz, aber auch einer über Die Kinder von Indersdorf, wo sich unter all den deutschen Mitläufern ein paar Mithelfer fanden. Nicht ganz leicht, besser: fast unmöglich davon auf unterhaltsame Wiederholungen der Woche überzuleiten, aber auch der Tatort-Tipp hat ja seine menschlichen Abgründe.

In Der Eskimo (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte es Joachim Król 2014 nämlich erstmals ohne Nina Kunzendorf noch schlimmer als sonst mit seinem Alkoholismus zu kämpfen. Im Anschluss läuft dann an gleicher Stelle Cotton Club, Francis Ford Coppolas Gangsterjazzrevue mit Richard Gere von 1984, als Kino noch wirklich groß war. So groß, wie sechs Jahre zuvor das fünffach oscarprämierte Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer mit Meryl Streep und Dustin Hofman.


Silbereisen: Schlagershow & Lächelfassade

In Florians Spaßhölle

Wenn Florian Silbereisen wie jedes Jahr um diese Zeit zu den Schlager-Champions im Ersten lädt, macht die Wahrhaftigkeit kurz Pause, aber genau damit Millionen von Menschen bis zur Verzückung glücklich. Ein Ortsbesuch unter Klatschpappen, Schnulzenstars und Mienenspielen im ausverkauften Berliner Velodrom.

Von Jan Freitag

Das Land des Lächelns – samstagabends im Ersten liegt es öfter mal fernab von Japan. Genauer: im Berliner Velodrom, wenn sich darin wie jedes Jahr Anfang Januar die Schlagerelite trifft. Hier lächeln alle, hier herrscht der Frohsinn, hier ist auch dessen König zuhause: Florian Silbereisen. Umso erstaunlicher ist es da, wenn er mal nicht lächelt. Dann nämlich, wenn ein Dutzend Kameras an Drähten, Kränen, Männerhänden kurz nicht auf ihn samt seiner Bombenlaune gerichtet ist, sondern auf einen seiner vielen Schlager-Champions.

So heißt das denkbargrößte Defilee der richtig leichten Muse im öffentlich-rechtlichen Programm. Und mittendrin wie so oft Florian Silbereisen, Deutschlands Unterhaltungswerktätiger schlechthin – auch wenn die meiste Arbeit hier, im Plattenbauosten der Hauptstadt, seit
Tagen andere machen. Hunderte von Technikern und Ausstattern, Showgestaltern und Security-Schränken, Klatschpappenverteilern und natürlich die Planeten des blonden Zentralgestirns der Volksschlagerbranche von A wie Andrea Berg bis Z wie Ben Zucker.

Während der Flori knappe drei Stunden vorm Großen Fest der Besten kurz mal mit bierernstem Blick sein minutenschnell ausverkauftes TV-Reich inspiziert, spucken blickdicht verblendete Luxuslimousinen den Hofadel des LED-Königs in die Tiefgarage vom Velodrom. Matthias Reim kommt mit Sohn, DJ Ötzi mit Kippe, Stefan Mross mit Braut, Andrea Bocelli mit Hund, Lucas Cordalis mit Katze(nberger) und absolut alle mit der Fähigkeit, auf dem Roten Teppich ein Betonlächeln unters Makeup zu tackern, das im perlweiß im Blitzlichtgewitter von drei Dutzend professionellen und der doppelten Anzahl Hobby-Fotografen strahlt.

So geht das Prozedere Benz für Benz von einer Jagdfanfare eines Spielmannszugsangekündigt fast in Traumschiffepisodenlänge weiter. Auf Howard Carpendale folgt Kerstin Ott  folgt Thomas Anders folgt Mary Roos folgt Roland Kaiser folgt Marianne Rosenberg folgt Semino Rossi alles, was Schlagerrang und Namen hat in eine Monsterhalle, die derweil vom versierten Warmupper Kevin vorgeheizt wird. Dabei braucht die Mehrzahl der 9533 zahlenden Besucher spätestens nach der zweiten Maß Berliner Kindl für 11 Euro vielleicht nüchterne Fahrer nach dem Abpfiff, aber kaum Motivation zum Abdrehen. Die Stimmung ist schon lange vorm Anpfiff so siedend, dass es den Flori kaum noch gebraucht hätte zum Anheizen. Aber dann kommt er doch und brüllt euphorisch „Wie geil ist das denn?!“ ins Meer ulkiger Hüte und leuchtender Brillen auf Menschen wirklich aller Alters- und immerhin einigen der sozialen Schichten mit erstaunlicher Tätowierungsdichte.

Wann die Partymeute zu klatschen habe („sobald ich raufkomme“) und wann besser nicht („wenn ich runtergehe“), gibt er ihnen noch bis zum kollektiven Countdown mit auf den Weg – dann herrscht plötzlich: Stille.  Volle fünf Minuten, am Ende der „Tagesschau“ vermutlich gerade vom Bericht über die australische Buschbrandhitze bis zum Winterfrühling  swetter daheim. Temperaturmäßig dazwischen explodiert dann physisch wie emotional endlich ein gewaltiges Feuerwerk, als Silbereisen zur Schlagersause brüllt und dabei ohne jeden Zweifel in seinem Element ist.

Er wird sich fortan volle 200 Minuten auch ohne Teleprompter kaum verhaspeln und dennoch nichts von Bedeutung sagen. Er wird die Stimmung der Zuschauer ringsum der kruzifixförmigen Bühne spüren wie ein Seismograph und bis hoch in die rappelvollen Oberränge Frohsinn verbreiten. Er wird Mailfragen der Fans verlesen und über jede Antwort lachen. Kurzum: Er wird die perfekte Illusion einer impulsiven Veranstaltung liefern, an der viele Hundert Handlanger so eingehend gefeilt haben, bis vom kleinsten Licht bis Ross Anthonys Tränen nach dessen Ode an den verstorbenen Vater nichts dem Zufall überlassen wird.

Als das Publikum an der richtigen Stelle von Giovanni Zarellas Version des Mitgröl-Songs Wahnsinn kollektiv den Refrain nachsingt, erfahren die Fernsehzuschauer also nicht, dass die in der Halle den Einsatz zuvor sorgsam geübt hatten. Und als Florian Silbereisen Andreas Gabaliers Bruder fragt, ob er den Berlinern in aller Schnelle das Jodeln beibringen könne, hat Kevin natürlich auch das eingeübt, aber hey: wenn Roland Kaiser von einer leibhaftigen Band begleitet schmachtet, er wolle „mit offenem Herzen der Wahrheit ins Auge sehen“, geht es hier um alles, aber sie gewiss nicht. Es geht um Gemeinschaft in Luftschlössern, die Stefan Mross bald mit seiner zukünftigen Frau bewohnt, der er bei Silbereisens Adventsfest der 100.000 Lichter bestimmt völlig unvorbereitet einen Heiratsantrag gemacht hat.

Und jetzt? Stehen die zwei Turteltauben beim Flori auf der Bühne und versichern sich geigenumflort ihrer ewigen Liebe – wobei dem Moderator nur darum die Mimik gefriert, weil sich die Kameras dem Sturm zweier Windmaschinen im Kleid von Stefans Zukünftiger widmen. Klingt zynisch? Ist es auch! Aber eben auch Showbiz at it’s best, bei dem sich der gravitätische Roland Kaiser freiwillig aus dem Rampenlicht schubsen lässt, weil die Pyrotechniker darin halt den nächsten Kracher vorbereiten. Eine gutgeölte Spaßmaschine, in der zwar jeder Text auf riesigem Laufband mitläuft, aber niemand hinsieht, weil vom Teeny bis zum Greis eh alle alles auswendig können. Alles.

Am Ende gipfelt die Glückseligkeit im Medley von Andrea Berg, das ein blasser Mittelstufenschüler am Bühnenrand mitsingt als sei es globaler Pop – dann stürmen all die Besten nochmals das gigantische Bühnenkreuz unterm gigantischeren Hallendach und es ist wieder vorbei. Spots aus, Licht an. Auch Floris Lachen stirbt in Echtzeit, als sei nichts gewesen. Bis Mitte März zumindest, wenn er – wie sein melodramatisches Tremolo locker fünfmal verkündet hatte – erneut die ARD-Bühne stürmt und lacht und scherzt und fragt und kumpelt und singt und mit alldem nur aufhört, falls niemand hinsieht. So ist das Spiel. Im Berliner Velodrom, Samstagabend, ARD-Primetime, spielt es jeder gerne mit.


Ausgeladene Gauleiter & kitschige Metzger

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Dezember

Nein, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey sinngemäß in einem Zeit-Streitgespräch, öffentlich-rechtliche Sender seien weder links noch grün oder gar versifft, nähmen sich aber ab sofort die Freiheit, Bernd Höcke kein Podium für seine faschistoiden Herrenrassefantasien zu geben. Der Blut-und-Boden-Fanatiker werde fortan also nicht mehr in Talkshows des Zweiten Deutschen Fernsehens eingeladen. Als Zuschauer wäre Thüringens selbsterklärter Gauleiter in spe jedoch höchst willkommen – würde er den Altersschnitt des ZDF mit seinen 1047 Jahren doch beachtlich senken.

Wobei das Erste da um keinen Tag drunter liegt, im Gegenteil – fehlt ihm doch ein Zielgruppenanker wie Jan Böhmermann, der mit seiner elaborierten Frechheit nicht nur tief in die Generation Z hineinwirkt, sondern bis über die Schmerzgrenze hinaus haltungsstark ist. Das sieht man daran, dass er gegen das Teilverbot seines Schmähgedichts gegen den Blut-und-Boden-Fanatiker Recep Tayyip Erdoğan nun vors Bundesverfassungsgericht zieht. Zum Dank, steckt das Zweite sein Neo Magazin Royal ab Herbst zwar gewiss Richtung Geisterstunde, aber das hätte es dann ja mit Oli Dittrich gemeinsam.

Dessen Boulevard-Abrechnung FRUST – das Magazin wie die neun Eigenanalysen des WDR zuvor erst kurz vor Freitag in der ARD zu sehen war – und damit abermals zeigte, dass sie Selbstkritik doch lieber versteckt, als verbreitet. Zur Ehrenrettung sei die Programmpolitik aber mit Pro7 verglichen, das unterm eskapistisch-debilen Titel We Love 2019 aufs rundum katastrophale Jahr zurückblickt. Wobei es ja auch für den Privatsender selbst nichts Gutes verheißt – glaubt man zumindest dem Bericht des Manager-Magazins, Max Conze würde die angeschlagene Sendergruppe mit großem Ego und Berlusconis Hilfe in die Pleite reiten. Schwer zu sagen, ob die mediale Vielfalt daran schaden nähme.

Die Frischwoche

30. Dezember – 5. Januar

Das gilt auch für zwei prägnante Demissionen der Woche. Denn wenn die unverwüstlich Birgit Schrowange heute um 23.15 Uhr nach 25 Jahren das RTL-Magazin Extra verlässt, geht zwar eine Ära des dualen Systems zu Ende, aber gewiss keine, der man aus journalistischer Sicht auch nur fünf Sekunden hinterher trauern sollte. Ähnliches gilt für Uwe Kockisch, dessen Commissario Brunetti 2002 den Reisekatalogkrimi-Boom im Ersten begründet hatte, Mittwochabend aber letztmals dramaturgische Ödnis mit klischeehafter Figurenzeichnung kombiniert.

Andererseits entpuppt sich das Licht am Ende des Tunnels oft als herannahender Zug – oder Florian Silbereisen, der tags drauf Sascha Hehn auf der Kommandobrücke des Traumschiffs ablöst und damit zeigt, dass die Seniorenunterhaltung im ZDF immer noch ein wenig tiefer sinken kann. Nur unwesentlich höher steckt das Erste mit der Spätwesternschmonzette Club der singenden Metzger fest. Geschlagene drei Stunden lang macht Uli Edel aus der biografisch geprägten Literaturvorlage um Deutsche mit ulkigen Vornamen wie Fidelis (Jonas Nay) und Delphine (Aylin Tezel), die nach dem 1. Weltkrieg nach Amerika auswandern, ein konventionelles Stück Historytainment von erschütternder Kitschigkeit.

Damit könnte man zu den Wiederholungen der Woche überleiten, die neben Feuerzangenbowle und Sissi natürlich auch das baugleiche Feiertagsritual Winnetou bereithält. Wollen wir aber nicht. Stattdessen zwei neue Tipps: in der joyn-Serie Dignity wird die berüchtigte Kolonia Dignidad um den Altnazi Paul Schäfer (Devid Striesow) porträtiert, wobei der Fokus nicht auf der faschistoiden Unterdrückungsmechanik liegt, sondern darauf, was sie mit Menschen macht. Und als Reminiszenz an den Chromosomensatz des Weihnachtsmanns: Real Man, eine anderthalbstündige Doku, mit der Arte am Sonntag um 22.15 Uhr männliche Klischees seziert und wie sie mit der Gegenwart klarkommen. Ansonsten: fernsehfreien Rutsch ins neue Jahr, die Kolumne kehrt am 6. Januar zurück.


Medienmedien & Schneeweihnacht

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Dezember

Namen machen Moderne. Fast ein halbes Leben, nachdem der bislang letzte Rundfunkstaatsvertrag verabschiedet wurde und zeitgleich zur News, mit Klaas Heufer-Umlaufs Late Night Berlin habe ein Pro7-Format erstmals mehr Total Video Viewtime, also abgerufene Minuten über alle Plattformen hinweg, als die lineare Ausstrahlung am Montag, haben sich die 15 Ministerpräsidenten (darunter zwei Frauen) auf einen Nachfolger geeinigt, der ab Herbst seinen Titel ändert und damit (anders als die Frauenquote deutscher Regierungschefs) ein Stück Richtung Zukunft rückt. Schließlich berücksichtigt der künftige Medienstaatsvertrag, dass sich vor allem junge Menschen kaum noch von Fernsehen oder Radio informieren oder berieseln lassen und nimmt dafür gar nicht mehr allzu neue Kommunikationsmittel in die Pflicht.

Soziale Plattformen, YouTube, selbst die Sprachassistentin Alexa müssen sich dann Regeln unterwerfen, Lizenzgebühren entrichten, also Verantwortung tragen. Das gilt besonders für Tech-Giganten wie Facebook, die Medienintermediäre werden also Medienmedien, die Medien medial vermitteln. Wie gut, werden Larry Page und Sergey Brin da womöglich sagen, dass sie mit dieser Schuldigkeit nichts mehr zu tun haben. Beide Google-Gründer wechseln schließlich vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Alphabet und überlassen das operative Geschäft ihrem Nachfolger Sundar Pichai.

Es könnte der letzte CEO mit einer Art Ethos sein. Denn man muss ja kein Misanthrop sein, um Populisten, gar Diktatoren am Horizont zu sehen, die sich dank unbegrenzter Mittel oder Machtbefugnisse Medienintermediäre erkaufen oder anderweitig aneignen und der Demokratie damit endgültig den Saft freier Meinungsbildung abdrehen. In einer solchen Zukunft würde der MDR dann nicht die Zusammenarbeit mit dem Pegida-Kabarettisten Uwe Steimle beenden, der öffentlich-rechtliche Sender „gelenkt“ und Deutschland „besetzt“ nennt. Was allerdings definitiv jedes politische System überdauern dürfte, ist – klar – der Tatort.

Pünktlich zum 50. Geburtstag im nächsten Jahr dann mit Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram und dem Dänen Dar Salim (Game of Throne) als neue Ermittler in Bremen. Davon gänzlich unbeeindruckt, gibt es jedoch immer noch mehr und mehr und mehr und mehr und mehr Kommissare jeder Herkunft, Natur und Güte am Bildschirm bis in alle Ewigkeit.

Die Frischwoche

9. – 15. Dezember

Ab heute im ZDF zum Beispiel Kommissar Danowski (Milan Peschel), der mit einer ganzen Reihe psychischer Störungen und seiner Kollegin Meta (Emily Cox) zur Seite (angeblich ungewöhnliche) Mordfälle in – oder wie beim Auftakt Blutapfel – unter Hamburg löst. Oder am Donnerstag zur gleichen Zeit, wenn das Erste zum dritten Mal Miriam Stein und Hary Prinz als – verrückt! – total verschiedene LKA-Beamten der österreichischen Reihe Steirerkreuz Todesfälle klären lässt.

Da atmet man doch glatt mal erleichtert durch, dass Rainer Bock Mittwoch an selber Stelle ganz ohne Leichen den König von Köln als rheinischer Strippenzieher spielt, der den korrupten Kölsche Klüngel leider nur teilweise, aber durchaus unterhaltsam persifliert. Richtig überraschend wird es dann sogar, wenn der vielseitige Schauspieler am Sonntag drauf die Hauptfigur von Weihnachten im Schnee gibt. Der denkbar bescheuertste Titel kann nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem ZDF hier ein ebenso anrührender wie tiefgründiger Familienfilm zur Scheinheiligkeit festlicher Bräuche gelungen ist.

Parallel dazu schafft es übrigens Pro7, seine Kernkompetenz jugendaffinen Bubblegum-Entertainments in einen relativ gelungenen Psychothriller zu packen. Nach vorheriger Häppchen-Auswertung im Internet, strotzt Schattenmoor zwar nur so vor Effekthascherei. Die mysteriösen Ereignisse in einem Internat, liefern der Zielgruppe unter 30 allerdings sehr souveräne Fernsehunterhaltung – und ähneln damit dem einzig nennenswerten Streaming-Produkt der Woche: Staffel 2 des spanischen Renaissance-Krimis Die Pest, ab Mittwoch auf Sky.

Vor den Wiederholungen der Woche aber noch kurz einen Dokutipp von zeitgemäßer Relevanz: Dienstag (20.15 Uhr) skizziert 1979 – Ursprung der Gegenwart ein wegweisendes Jahr, das mit der Rückkehr von Neoliberalismus, Islamismus und Chinas Macht die Weichen für unsere Gegenwart gestellt hat, religiös vertieft von Der Schah und der Ayatollah im Anschluss. Ein Jahrzehnt früher spielt Zeit des Erwachens (Montag, 20.15 Uhr, Arte), die Verfilmung von Oliver Sachs‘ Psychiatrie-Studie um Patienten wie Robert de Niro, die Robin Williams als idealistischer Arzt 1990 aus dem Dämmerschlaf befreite. Zum Niederknien ist Helmut Berger als flamboyant-entrückter Ludwig II von 1972 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). Und beim Tatort machen wir morgen (22 Uhr) im NDR nochmals Bekanntschaft mit dem Akronym von Kommissar Murot, das Ulrich Tukur im Auftaktfall Wie einst Lilly 2010 aufs Gemüt drückt.