Böhmis Line-up & RTLs Spin-Off

Die Gebrauchtwoche

29. September – 5. Oktober

Es ist in den Tagen nach Pete Hegseths Sportpalastrede (ohne Applaus) und Jimmy Kimmels Talkshowrückkehr (mit Rekordquote) nicht so einfach, bundesdeutsche Fernsehbefindlichkeiten sonderlich ernst zu nehmen. Aber sie sind es – davon weiß Jan Böhmermann, dem das ZDF passend zum derzeitigen Druck auf politisch anstrengende Komiker die Sendezeit kürzen will, gerade ein Lied zu singen. Seit mehr als zehn Jahren teilt der Polizistensohn gegen alles aus, was er außerhalb seines eigenen, relativ engen Meinungskorridors verortet.

Das macht angreifbar. Und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Pointen werfen. Der Cancelshitstorm, durch den er sich gerade kämpft, sagt jedoch mehr über die Gesellschaft, in der wir uns unterhalten lassen, als ihren aktuell wirkmächtigsten Entertainer aus. Weil der ideologisch bislang eher unauffällige Chefket blöd genug war, ein Trikot mit Palästina ohne Israel drauf zu tragen, sprang Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit Jens Spahn übers populistische Stöckchen und forderte Böhmermann auf, den Rapper von einem Konzert zum 2. Jahrestag des Hamas-Massakers am 7. Oktober auszuladen, das Böhmermann im Rahmen seiner Ausstellung Die Möglichkeit der Unvernunft organisiert.

Darauf tat unsere Erregungsökonomie, wir ihr getriggert, und drängte – nein, nicht zur inhaltlichen Debatte, sondern das restliche Line-up von Wa22ermann bis Blumengarten, solidarisch abzusagen. Zensur! schallte es da aus allen Foren. Ein drolliger Vorwurf. Kritik an Netanjahus Krieg trennscharf von Antisemitismus zu unterscheiden, traut sich heutzutage ja nicht mal mehr akademisches Fachpersonal. Aber dass Böhmermann ausgerechnet kulturpolitischen Rechtsauslegern gehorcht, ist schon auch von bedenklicher Rückgratlosigkeit.

Gut, dass sich die Branche mit ihm solidarisiert und … ach nee – außer Qualitätsfeuilletons diskutiert niemand aus Böhmermanns Branche sachlich mit. Auch nicht Louis Klamroth, der dem Vernehmen nach lieber „mit neuen, innovativen Formaten den politischen Diskurs weiterentwickeln“ will, um der ARD „jüngere Zielgruppen“ zu erschließen, „die klassisches Fernsehen nicht mehr nutzen“. Tja, Louis – die suchten lieber TikTok. Jenen Messenger also, den mit Larry Ellison gerade der nächste Trump-Vasall übernimmt.

Die Frischwoche

6. – 12. Oktober

Dazu drängt sich ein Zitat des Horror-Regisseurs Tobe Hooper in der Netflix-Serie Monster auf: „Ich mache keinen Film, den dieses Land will. Ich mache einen Film, den dieses Land verdient.“ Er spricht vom Texas Chainsaw Massacre. Ein Kettensägen-Gemetzel von expliziter Bestialität, dessen Vorbild der schizophrene Serienmörder Ed Gein war, dem wiederum die dritte Staffel der Biopic-Reihe gewidmet ist. Wobei sie mehr als Dahmer oder Lyle und Eric Menendez über Hollywood, Real Crime, uns alle zu sagen hat.

Ebenfalls schon auf Sendung: Die ARD-Serie Naked mit Svenja Jung als Co-Abhängige des sexsüchtigen Noah Saavedra, deren toxische Obsession bis zur Belastungsgrenze obsessiv ins Bild gesetzt wurde. Dazu Euphorie, deutsches Spin-Off der nahezu gleichnamigen, aber nicht identischen Highschool-Legende. Was Headautor Jonas Lindt auf RTL+ aus dem israelischen Original über die selbstzerstörerische GenZ macht ist aber nicht nur eigensinnig, sondern herausragend.

Dieses Niveau kann Hundertdreizehn nicht ganz erreichen. Das sechsteilige Experiment um die Zahl von 113 mittelbar Betroffenen jedes tödlichen Verkehrsunfalls ist ab Freitag in der ARD-Mediathek zwar gut geschrieben, gespielt, inszeniert. Leider setzt es die statistische Disposition statistisch unter Druck einer verlustreichen Massenkarambolage und erhöht ihn obendrein durch die Who-Dunnit-Dramaturgie im Anthology-Format. Ein bisschen mehr Understatement hätte ihm gutgetan. Die Kernkompetenz von 7 vs. Wild gewissermaßen.

Die Teilnehmer des 5. Real-Life-Abenteuers verschlägt es Dienstag erstmals bei Prime an den Amazonas. Und wieder dürfte ihm die Reduktion aufs Wesentliche zu hoher Güte verhelfen. Das gilt auch für den ARD-Mittwochsfilm Nichte des Polizisten, der das NSU-Opfer Michelle Kiesewetter extrem präzise porträtiert. Und sonst? Netflix rückt tags drauf Victoria Beckham ins eigene Rampenlicht. Disney+ startet zeitgleich die Mystery-Serie Playing Gracy Darling und Paramount+ 24 Stunden später den zehnteiligen Knast-Thriller Remnick aus dem Gefrierschrank Alaska.


Disneys Diktator & Apples Savant

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. September

Wer weiß eigentlich noch, wo ihr/ihm der Kopf steht in dieser buchstäblich verrückten Zeit? Rein anatomisch auf den Schultern, schon klar. Medienpolitisch dagegen wird er mittlerweile so durchgeschüttelt, dass zusehends weniger seriöse Information hineingelangt. Gehaltvolles Politainment zum Beispiel, das in den USA nur noch wenige Late-Night-Shows gewährleisten. Bis Donnerstag. Da hat die ABC auf Geheiß von Disney-CEO Bob Iger persönlich den Talk-Host Jimmy Kimmel suspendiert.

Dabei hatte er Charlie Kirk noch nicht mal kritisiert. Aber wer dem chauvinistischen Fundi, nach deutscher Lesart ein Neonazi, nicht bedingungslos huldigt, betreibt in den USA 2025 geradezu Gotteslästerung. Wobei sie die rechte Cancel Culture nur oberflächlich begründet. Liberale Stimmen abzuschalten ist Teil einer totalitären Agenda, der nach Colbert und Kimmel demnächst auch Fallon und Meyers zum Opfer fallen. Daran lässt Trumps Zensor Brenden Carr keinen Zweifel.

Selbst Elmar Theveßen ist wegen zweier eher banaler Fehler seiner Berichterstattung über Kirk ins MAGA-Fadenkreuz geraten. Während journalistische Visa von fünf Jahren auf acht Monate verkürzt werden sollen, droht dem ZDF-Korrespondenten die Ausweisung. Und dass der US-Präsident parallel die NYT auf 15 Milliarden Dollar Schadensersatz wegen was auch immer verklagt, erweitert seinen Rachefeldzug auf den Print-Bereich. Immerhin hat ein Bundegericht entschieden, dass die Klage unzulässig sei. Amerika 2025.

Wobei niemand denken sollte, in Deutschland sei alles besser. Dass sich Dunja Hayali infolge radikalisierter Shitstorms gegen grundsoliden Journalismus zeitweise vom Bildschirm zurückzieht, lässt Schreckliches befürchten. Daran ändert wenig, dass der NDR Julia Ruhs als Klar-Moderatorin durchs Bild-Gewächs Tanit Koch ersetzt. Der BR hält hingegen an der politisch, vor allem aber journalistisch umstrittene Rechtsauslegerin fest.

Angesichts der globalen Gefahr, in den Autoritarismus zurückgefallen, fällt es schwer, das Tagesgeschäft zu beleuchten. Aber dass Adolescense acht Emmys abräumen konnte, wirft eigentlich nur eine Frage auf: warum hat Hauptdarsteller Owen Cooper den Preis als Nebendarsteller bekommen? Und damit zu RTL: hättet ihr statt einer Dauerwerbesendung mit Stefan Raab nicht einfach so 15 Minuten Reklame täglich fürs Kanu des Manitou machen können? Das hätte der Menschheit einiges erspart.

Die Frischtwoche

22. – 28. September

Womöglich sogar das Langformat der Stefan Raab Show am Mittwoch, die den Showmaster hoffentlich schnell aufs wohlverdiente Altenteil befördert. Er hatte seine Zeit. Sie ist lang vorbei. Stefan, bitte geh! Es gibt so viel Besseres zu sehen. Theoretisch sogar bei Disney+, von dessen Finanzierung durch Abos wir an dieser Stelle hier allerdings abraten – opfert der Konzern durch Jimmy Kimmels Absetzung auf dem Altar des Entertainments doch die Demokratie. Shame on you!

Aber es gibt ja Alternativen. Arte zum Beispiel, das dem Großregisseur Werner Herzog ab heute mit dem KI-Experiment About A Hero huldigt und Dienstag die wirkmächtige Doku Missbrauch in der Welt der Online-Spiele der Beetz-Brüder zeigt. Oder das Erste, dessen Mediathek sich am Donnerstag an einer Reality-Gameshow namens Werwölfe versucht und tags drauf im französischen Sechsteiler Sea Shadows einen Umwelt-Thriller mit Mystery andickt. Oder das ZDF, wo The Pain Killers parallel die Machenschaften der Pharma-Industrie acht fiktionale Folgen lang auf niederländische Unternehmer ausweitet.

Selbst Amazon Prime, das auch nicht unbedingt für Demokratie und Pluralismus steht, in Jeff Bezos aber einen Herrscher hat, der seine Washington Post vorerst nicht freiwillig vom Markt nimmt, darf man an dieser Stelle empfehlen. Dort startet am Mittwoch Hotel Costiera, eine Action-Variante von The White Lotus, bevor The Summit 7 vs. Wild mit richtigen Promis auf Neuseeland ausweitet.

All dies aber steht im Schatten der besten Serie dieser abermals schrecklichen Woche: The Savant, ein bedrückend brillanter AppleTV+-Thriller, der die USA am Rand des Bürgerkriegs in Gestalt einer IT-Agentin (Jessica Chastain) illustriert, die sich in rechte Chatrooms hackt. Fantastisches Politainment – das bei Disney+ künftig kaum noch laufen dürfte, so wenig wie es Donald Trump huldigt.


Rechte Influencer & deutsche Medicals

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. September

Es ist schon bemerkenswert, wie viel Anstand die Unanständigen, wie viel Humanismus die Menschenfeinde, wie viel Liebe die Hater von uns verlangen, falls einer der ihren dem Tod von der Schippe springt oder wie im Falle Charlie Kirks eben auch nicht. Hätte die Staatsanwaltschaft, von der El Hotzo für dessen Freude übers Ableben amerikanischer Faschisten angeklagt wurde, wohl auch jemanden belangt, der sich Adolf Hitlers Tod wünscht oder wem darf man öffentlich ungestraft das vorzeitige Ableben wünschen?

Die Frage ist polemisch, zugegeben. Aber wer sich die merkwürdige Verklärung des rechtsextremen Anschlagsopfers zum mal konservativen, mal Trump-nahen Influencer betrachtet, wünscht sich vielleicht ein ganz kleines bisschen mehr El Hotzo in der Tagesschau. Oder zumindest den Mut, Nazis als das zu benennen, was sie selbst angesichts der zivilisatorischen Übereinkunft, seine Gegner normalerweise nicht zu töten, halt immer noch sind: Nazis.

In diesem Sinn suchen wir bei der Verleihung der Deutschen Fernsehpreise mal nach Formaten mit Typen wie Kirk oder ihren Urahnen, werden aber nicht fündig. Selbst unter den Nominierten der Kategorie Information – null brauner Thrill von gestern, heute, morgen. Dafür viele richtige und ein paar falsche Entscheidungen. Krank Berlin als beste Dramaserie auszuzeichnen war zum Beispiel ebenso zwingend wie der für Bilal Bahadırs Drehbuch von Uncivilized.

Aber bitte – Achtsam morden soll komödiantisch besser sein als Angemessen Angry oder Tschappel? Marie Furtwängler besser geschauspielert haben als Marie Bloching, Haley Louise Jones oder Melodie Simina in Schwarze Früchte? Und Tim Mälzers klischeetriefende Herbstresidenz war allen Ernstes das beste Factual Entertainment? Dahinter stecke wie immer viel Proporzdenken – deshalb haben ARD und ZDF sieben und acht Preise gekriegt, aber von RTL (4) bis AppleTV+ (1) eben auch alle anderen mindestens einen.

Echte Überzeugung lieferte tags drauf der Deutsche Radiopreis. Auf einer selbstverliebten, aber geerdeten Gala wurde in Hamburg nicht nur, wie die Süddeutsche Zeitung urteilt, Nahbarkeit prämiert. Sondern Kreative und ihre Sendungen, die bei allem Dudelfunk täglich herzblutgetriebene Arbeit ohne Prominenzboni abliefern. Und das obendrein gern im Auftrag kleiner Provinz-Kanäle, die aufopferungsvoll gegen die Widrigkeiten unserer Zeit ansenden.

Die Frischwoche

15. – 21. September

Umgekehrt gilt das auch für öffentlich-rechtliche Mediatheken, die aufopferungsvoll gegen amerikanische Riesenportale anstreamen. Das Erste zum Beispiel, wie Evil-E zeigt. Die Doku spürt der Deutschen Eva Ries nach, die einst den Wu-Tang Clan zur festen HipHop-Größe machen half. Selbst Medicals gelingen der ARD, wenn sie online first laufen wie David & Goliath, worin die wunderbare Lou Strenger vorerst zwei Filme lang ein neues Feld betritt: als Personalpsychologin eines Essener Krankenhauses.

Ansonsten gibt es viel Neues aus den USA. Jude Law etwa als Restaurant-Betreiber der Netflix-Serie Black Rabbit ab Donnerstag. Tags drauf die klaustrophobische Kapitalismuskritik Der Milliardärsbunker in acht Teilen aus Spanien. Oder zeitgleich bei Disney+ Swiped, das Porträt der Erfinderin des Dating-Portals Tinder und ihr einsamer Kampf im Männerhaifischbecken Silicon Valley.

Ansonsten startet Mitte der Woche bei arte.tv Faithless, das sechsteilige Remake von Ingmar Bergmanns legendärem Selbstporträt Trolösa aus dem Jahr 2000. Kurz darauf macht Amazons revisionismusanfälliger Wehrmachtsfiebertraum Der Tiger vor der Prime-Ausstrahlung einen Kino-Abstecher. Und die deutsch-türkische Netflix-RomCom She Said Maybe spielt parallel witzigerweise in einer Türkei ohne Diktator.

In einem Russland mit Diktator spielt hingegen die ZDF-Doku Der Pate von St. Petersburg. Drei Teile skizziert sie ab Sonntag in der Mediathek den Aufstieg Wladimir Putins zum faschistoiden Warlord, gegen den selbst Leonid Breschnew liberal wirkt. Letzter Tipp: The Woddafucka Thing, eine Berliner No-budget-Ganoven-Komödie mit der fabelhaften Dela Dabulamanzi, die 2024 für den Deutschen Schauspielpreis nominiert war. Samstag bei One oder in der ARD-Mediathek.


Milliardenstrafen & Pokereinsätze

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. September

Bad News are bad News: Obwohl die marktbeherrschende Macht der Suchmaschine weltweit unverkennbar ist und damit gegen jedes erdenkliche Kartellrecht verstößt, wird Google nicht zerschlagen. Good News are, nun ja, better News than bad News: Trotzdem hat ein US-Bundesgericht dem Mutterkonzern Alphabet spürbare Auflagen verordnet. Wettbewerbern gleiche Zugangsmöglichkeiten zu gewähren etwa. Na, immerhin.

Was das am Ende in der Kommunikationsbranche wert sein könnte, hat der Big Tech Vasall im Weißen Haus nur Tage später klargemacht: Als die EU-Kommission Google zu Milliardenstrafen verurteilte, drohte Donald Trump für das, was seine Justiz bestätigt neuerliche Strafzölle an. Und das wiederum Tage, nachdem er verkündet hatte, ABC und NBC Sendelizenzen entziehen, weil sie keine Hofberichterstattung betreiben. Der Weg Amerikas zur Tyrannei, er wird in den Medien beschleunigt.

Da ist es doch eine gute Nachricht im Sinne einer guten Nachricht, dass die KI-Suchmaschine Perplexity ein Modell namens Comet Plus plant, das Anbieter journalistischer Medien für die Nutzung ihrer Inhalte entlohnt. Für fünf Dollar pro Monat – von denen angeblich vier an teilnehmende Medienhäuser gehen – erhielten User Zugriff auf Premium-Inhalte „vertrauens­würdiger Heraus­geber und Journalisten“. Ziel sei ausdrücklich ein „besseres Internet“ – was immer das auch sein mag.

Für besseres Fernsehen stand einst der Club der roten Bänder. Eine Coming-of-Age-Serie, mit der Vox 2015 nicht nur bewiesen hatte, dass aus der RTL-Gruppe seriöse Unterhaltung kommen kann. Sie stand auch für die lineare Fähigkeit, der digitalen Übermacht auch inhaltlich zu trotzen. Jetzt ist die nächste Generation krebskranker Kids im Krankenhaus geplant. Und irgendwie ist das auf nostalgische Art tröstlich.

Die Frischwoche

8. – 14. September

Auf diffizile Art bedeutsam ist vieles, was Orkun Ertener macht, seit sein KDD vor 18 Jahren den deutschen Krimi umdefinierte. Jetzt definiert der Showrunner in Gestalt der Neo-Serie High Stakes deutschen Culture-Clash neu. Eine Astrophysikerin mit Kopftuch finanziert sich ihr NASA-Studium darin als Pokerspielerin. Und das ist nicht nur wegen der originellen Fallkonstruktion fantastisch. Hauptdarstellerin Via Jikeli schafft es, Widersprüche migrantischer Biografien ohne Zeigefingerfuchteln auszudiskutieren. Herausragend!

Sich selbst umzudefinieren ist dagegen schwieriger. In seiner neuen ARD-Impro-Serie Die Hochzeit gelingt es Jan Georg Schütte dennoch. Wie üblich kriegt sein (teilweise bekanntes) Personal darin statt Drehbüchern nur Regieanweisungen, aber auch den Freiraum für etwas, das man fast Romanze nennen könnte. Mit weniger Stars diesmal, aber viel Gefühl. Und ein bisschen erfinden Ricky Gervais bei Sky The Office neu, indem er dasselbe falsche Dokumentarteam diesmal einer Zeitungsredaktion in Ohio beim Gründen zusieht.

The Paper ist dabei mehr als eine Mockumentary. Der Zehnteiler verbreitet die Hoffnung, dass sachliche Medien etwas ändern können. Als richtige Doku hat Being Franziska van Almsick zwar nicht das Zeug, etwas zu verändern. Es rückt drei Teile in der ARD-Mediathek lang allerdings so einiges über den polarisierenden Schwimmstar der Neunzigerjahre gerade. Angst macht ab Dienstag hingegen die ZDF-Reportage Tradwifes über Frauen in den USA, die sich als Besitz reaktionärer Männer begreifen.

Bei so viel verstörendem Realismus noch ein bisschen inszenierter. In der grandiosen Cameo-Parade Call My Agent Berlin spielt sich ein halbes Stadion voll deutscher Stars von Bleibtreu bis Berben selbst als Klientel einer fiktiven Schauspielagentur. Und das ist ab Freitag bei Disney+ so unglaublich plausibel – man könnte es glatt für glaubhaft halten. Ganz im Gegensatz zur Fortsetzung des Historienschinkens Oktoberfest 1905, zeitgleich in der ARD-Mediathek. Oder eine Netflix-RomCom mit dem wundervollen Titel Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht um eine 31-jährige Schwedin beim Versuch, Mr. Perfect zu finden.

Der Vollständigkeit halbe noch: Heute bereits startet bei Sky die Action-Drama-Serie The Task mit Mark Ruffalo als depressiver FBI-Agent. Mittwoch zeigt Netflix seine Real-Crime-Fiktion Die Toten Frauen über brutale Bordellbesitzerinnen im Mexiko der 60er Jahre. Und zu guter Letzt ein Tipp für Arthaus-Fans: Leere Netze, ein deutsch-iranisches Fischereidrama, am Sonntag in der ZDF-Mediathek.


Chabos: Millennials & Nullerjahre

Als das Modem leise pfiff

In der großarigen ZDF-Serie Chabos geraten vier Jungs 2006 in eine Abwärtsspirale bis ins Jahr 2025. Das erzählt vier von acht Teilen auf leichte Art tiefgründig über die unterbelichtete Generation der Millennials – und ist trotz einiger Logiklücken und arg männlicher Perspektive auch danach noch sehenswert.

Von Jan Freitag

Die Zweitausendzehner – so nah und doch so fern. MP3-Player verdrängen den Discman und Digitalkameras die analoge Fotografie. Deutscher Rap wird aggro und deutscher Pop gecastet. Klingeltöne sind ein Milliardengeschäft und Computerbildschirme umzugskartongroß. Netzwerke heißen darauf StudiVZ statt Instagram und sind sogar noch sozial. Und als Deutschland 2006 vorm Beginn gestapelter Krisen ins Sommermärchen startet, pfeift nicht nur der Schiri, sondern auch das Modem.

Während Klinsi, Schweini, Poldi mit unbekümmertem Fußball durch die Heim-WM stürmen, steht also auch Peppi vorm Sommer seines Lebens. Zu dumm, dass er winterlich gerät. Nachdem sein Kumpel Alba am Türsteher einer Duisburger Disco abprallt, biegen die beiden Teenager und der gleichaltrige PD nämlich von ihrer geplanten Nacht aller Nächte zum Vierten im Bunde ab. Gollum ist zwar ein pickliger Nerd, könnte aber den Horrorfilm Saw 2 herunterladen. Dauert nur wenige Stunden. Die Nullerjahre halt. Und der Download lohnt sich. So scheint es.

Denn was nach dem Gruselschocker passiert, zieht die vier Chabos – seit Haftbefehl 2013 darüber rappte, ein umgangssprachliches Synonym für Straßenjungs – achtmal 30 Minuten in einen Abgrund, der sich nie mehr ganz schließen wird. Nur so viel: in der gleichnamigen ZDF-Serie hat er mit viel Geld zu tun, das die Teenager schnell auftreiben müssen. Wie Jungs in dem Alter nun mal sind, führt jede Beschaffungsidee jedoch flugs zur nächsten Katastrophe, chaostheoretisch Butterfly Effect genannt. Und dass die Eskalationsspirale kein Ende nimmt, erzählt uns Peppi 20 Jahre später zum Auftakt des ersten Teils.

„Mir geht’s super“, lügt der prekär beschäftigte Start-up-Irgendwas, als er frisch getrennt, beruflich stagnierend und überhaupt allein einen Schulfreund trifft. Weil der ihm dann auch noch vom Klassentreffen in zwei Wochen erzählt, zu dem Peppi nicht eingeladen wurde, fährt er nach Duisburg, um der Sache seiner gescheiterten Existenz auf den Grund zu gehen. Aus dieser Suche haben Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, preisüberhäuft für den Kurzfilm Masel Tov Cocktail, nach eigenem Drehbuch die Geschichte einer spätpubertären Katharsis inszeniert. Und was für eine!

Dank gespenstisch passgenauer Protagonisten zweier Altersstufen sind die ersten vier Folgen mit das Beste, was tragikomödiantisch hierzulande seit langem gedreht wurde. Nico Marischkas halbwüchsiger Peppi zum Beispiel ist Johannes Kienasts ausgewachsener Version nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten; auch ihr unsicherer, liebenswert linkischer Habitus wirkt nahezu deckungsgleich. Gleiches gilt fürs halbstarke Großmaul PD (Jonathan Kriener), das sich in David Schütters Mittdreißiger zum noch großmäuligeren Sherriff vervollkommnet – von Max Mauffs Midlife-Variante des kauzigen Kinderzimmer-Eremiten Gollum (Loran Alhasan) ganz zu schweigen.

Die Chabos sind allerdings mehr als Hauptfiguren ihrer eigenen Coming-of-Age-Story. Gemeinsam mit fünf, sechs weiblichen Handlungsobjekten im Schatten (aber nicht unter der Fuchtel) männlicher Subjekte, lässt das ZDF Millennials buchstäblich selbst über sich sprechen. „16 Millionen Deutsche, die auf Dating-Apps hängen und sich nicht für irgendwas entscheiden können“, erklärt uns Peppi auf der Heimfahrt nach Duisburg durch die vierte Wand. „Work-Life-Balance, Flexibilität, Freiheit, Selbstverwirklichung, dies das.“

Besonders dies das aber macht den Achtteiler zumindest anfangs zu einer tiefgründig unterhaltsamen Milieustudie der Zeit zwischen 9/11 und Banken/Euro/Klimakrise. Noch utopisch genug für den Traum einer besseren Zukunft, schon ausreichend dystopisch, um ihre Verschlechterung zu ahnen. Für diesen Zwiespalt haben die Casterinnen Phillis Dayanir und Johanna Hellwig fantastisches Personal eingestellt. Arina Prass als Peppis erste Freundin, der Paula Kober als erwachsener Popstar glaubhaft eine Radikalkur in weiblicher Selbstermächtigung verpasst etwa. Seine Mutter Martina mit Anke Engelke in kleiner Nebenrolle, aber mit einer Präsenz, die ihr Film-Mann Peter Schneider als arbeitsloser Idealist sogar steigert. Und dann wäre da noch Vincent Krüger.

Seinem verschwörungsanfälligen Kleindealer der GenY kauft man nicht nur 20 Jahre Alterungsprozess ab. Auch die Läuterung zum Überzeugungstäter seiner eigenen Moral ist absolut authentisch. Schauspielleistungen wie diese machen am Ende sogar wett, dass „Chabos“ einen unerklärlichen Qualitätsabfall erleiden. Auf der Jagd nach Steigerungsmöglichkeiten ihrer Abstiegsdynamik verlieren sich Khaet und Paatzsch ab Folge 5 nämlich im Kleinklein billiger Effekte – gipfelnd in einer finalen Geldbeschaffungsmaßnahme des schüchternen Alba (Arsseni Bultmann), an der wirklich alles Behauptung bleibt.

Aber egal: Dank ihrer Vielzahl guter Einfälle voller Links zur Popkultur der Sommermärchentage (Achtung Spoiler: Britt Hagedorn, Mola Adebisi, Sabrina Setlur, Jeanette Biedermann oder der kürzlich verstorbene Rapper Xatar haben echt originelle Cameo-Auftritte), vor allem aber wegen der tiefen Zuneigung zu den Figuren, ist die Serie ein tiefgründig heiterer Selbsterfahrungstrip in die Zeit der CD-Brenner und iPods, als Millennials noch Kinder waren und ihre Eltern vom anderen Stern. „Die kriegt Rente“, sagt PD einmal über Gollums Mutter, „die schwimmen im Geld“. Zweitausendzehner – so nah und so fern.

Chabos, 8×30 Minuten, ZDF-Mediathek


Piers ProSieben & Rentnerdetektive

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. August

Weil Film- und Fernsehschaffende regelhaft sterblich sind, spielen Todesfälle bekannter TV-Figuren hier normalerweise nur Nebenrollen. Bei Rolf Seelmann-Eggebert machen wir allerdings mal eine Ausnahme. Jahrzehntelang Kopf und Stimme der öffentlich-rechtlichen Adelsberichterstattung, schaffte es der frühere Auslandskorrespondent, den Aberwitz aristokratischer Relikte im profanen Zeitalter mit exakt der richtigen Tonlage zu vermitteln.

Dafür gebührt dem Hamburger aus Berlin, der Freitag voriger Woche mit 88 Jahren von uns gegangen ist, ein kleiner Nachruf. Der Abschiedsgruß gilt schließlich auch einer Epoche berufsethischer Verbindlichkeit, die mit Journalisten wie ihm ins Grab gehen. Als Gegenbeweis könnte man jene Medienplayer anprangern, die Robert Habecks grünen Staatssekretär Patrick Graichen wochenlang öffentlich geschlachtet haben, über die Vetternwirtschaft der jetzigen Regierung aber höflich schweigen.

Oder man bohrt dickere Bretter und weist nochmal auf die anstehende Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Pier Berlusconis MFE hin. Schwer zu sagen, ob Silvios Sohn die umbenannte Mediaset glaubhaft zur Mitte führt, wie kürzlich angedeutet. Giorgia Melonis Regierung jedenfalls hält er für die „bestmögliche“. Um dem deutschen Fernseh-Konglomerat trotz stagnierender Umsätze und der Fusion von RTL mit Sky jährlich 400 Millionen Euro Gewinn abzutrotzen, droht da nicht nur ein radikaler Sparkurs, sondern der programmatische Rechtsruck.

Bessere Nachrichten gefällig? Der ZDF-Film In die Sonne schauen geht womöglich ins deutsche Oscar-Rennen. Und die ZDF Studios haben mit Disney+ eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet, Tausende Stunden regional produzierter Serien und Filme von Nord Nord Mord bis Marie Brand aufs Streamingportal zu stellen. Ein Stock, der bis Ende des Jahres auf über 3.000 Episoden und Filme wachsen könnte. Warum das gut ist? Weil es Reichweite und Erträge generiert, um Streamern die Stirn zu bieten.

Die Frischwoche

25. – 31. August

Netflix vor allem. Für seine Krimikomödie Thursday Murder Club ab Donnerstag stand so ein gewaltiges Budget zur Verfügung, dass mit Helen Mirren, Pierce Brosnan, Ben Kingsley ein halbes Altersheim voller Stars die Romanverfilmung um greise Hobby-Detektive bevölkern. Auch deshalb: nicht der Rede wert, aber durchaus unterhaltsam. Was wohl auch für die spanische Mystey-Serie Zwei Gräber tags drauf an gleicher Stelle gilt.

Und etwas weniger vermutlich fürs Serien-Prequel des Agenten-Blockbusters The Terminal List, ab Mittwoch bei Prime Video. Bleibt noch extrem viel ARD-Material der Woche. Heute zum Beispiel macht Ingo Zamperoni den Auftakt mit seiner Primetime-Doku Merkels Erbe – 10 Jahre Wir schaffen das, inklusive Interview mit der Ex-Bundeskanzlerin. Dienstag gefolgt von der dreiteiligen Küblböck-Story, denen die Beetz Brothers zum Glück noch deren Transidentität Lana Kaiser im Titel anhängen.

Donnerstag zeigt die Mediathek des Ersten dann noch den originellen kleinen Dokumentarfilm Der talentierte Mr. Felinton um einen Regisseur, der zwei deutschen Kollegen Idee und Film geklaut und damit sogar Preise gewonnen hat. Freitag dann geht das Erste mit Zwei Frauen für alle Felle in Reihe, die – Achtung, Kalauer – Veterinärinnen sind. Und zu guter Letzt noch eine Sportdokumentation, die wirklich bemerkenswert ist.

In 13 Steps porträtiert der deutsche Autor Michael Wech nämlich die unfassbare Karriere des amerikanischen Hürdenläufers Edwin Moses. Und das ist annähernd zwei Stunden auf eine Art und Weise fesselnd, die sich wohltuend von den Lobhudeleien anderer Sportdokumentarfilmer*innen absetzt. Und zum Schluss ein Schmankerl: am Freitag startet in der ARD-Mediathek die norwegische Tragikomödie Below um eine Norwegerin, die sich nach einem Autounfall querschnittsgelähmt sechs Teile lang nicht in ihr Schicksal fügen will.


Jörgs Julia & Svenjas Theo

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. August

Es gibt weniger relevante und wirklich relevante Nachrichten. Wohin jene gehört, dass Israel offenbar planmäßig vier palästinensische al-DschazīraJournalisten als angebliche Terroristen getötet hat, scheint da ebenso wie jene von der bevorstehenden Übernahme des deutschen TV-Konzerns ProSiebenSat1 durch die italienische MFE im Berlusconi-Besitz zur zweiten Kategorie zu gehören. Allerdings nicht im Vergleich zur Breaking News der Woche: Jörg Pilawa und Julia Klöckner sind ein Paar!

Wichtigste Konsequenz: Nach dem die Bundestagspräsidentin Julian Reichelts rechtsradikales Online-Portal Nius auf einer CDU-Veranstaltung mit der linksliberalen taz gleichgesetzt hat, dürfte ihr Lover sein Abo gekündigt und durch eines der Jungen Freiheit ersetzt haben – vermutlich Klöckners Blut-, Leib- und Boden-Format, zu dem sich im Unterhaltungssegment womöglich Sex and the City gesellt.

Sollte der Nestlé-Fan mit Gender-Fimmel die heteronormative Konsumgören-Serie geschaut haben, ist damit seit Freitag Schluss. Da endete nach 27 Jahren die lausige Fortsetzung And Just Like That und damit eine Ära antiemanzipativen Entertainments. Was unumwunden zu dessen König führt: Kurz, nachdem der Medienkonzern Skydance zum Preis von Stephen Colberts Entlassung Paramount kaufte, hat letzteres die Rechte an Donald Trumps Prügelorgie UFC für sieben Jahre à 1,07 Milliarden Dollar erworben.

Democracy dies in the darkness einer Nation, deren Pressefreiheit im Gleichschritt mit dem Realitätssinn verschwindet – besonders deutlich beim Rauswurf der US-Chefstatistikerin Erika McEntarfer, die Trump durch den MAGA-Propagandisten E.J. Antoni ersetzt. Warum es der Tagesschau keine Spitzenmeldung wert war, dass Trumps wirtschaftlicher Misserfolg nun nicht mehr offiziell kommuniziert wird, bleibt das Geheimnis ihrer Redaktion.

Die Frischwoche

18. – 24. August

Aus Gründen die Frischwoche in Stichworten

Montag, ARD-Mediathek: The Klimperclown, ein Porträt von und mit Helge Schneider zum 70. Geburtstag, das ungefähr so aberwitzig ist wie Jubilar und Verfasser

Dienstag, ZDF-Mediathek: AfD – Aufstieg in der Flüchtlingskrise, Dokumentation einer erschreckenden Allianz aus Machtkalkül, Rassismus und Ressentiment

Mittwoch, Disney+: The Twisted Tale, beeindruckende Biopic-Serie über den bizarren Justizirrtum an der vermeintlichen Mörderin Amanda Knox

Donnerstag, Netflix: Fall vor Me, deutscher Erotikthriller mit Svenja Jung auf Theo Trebs, der sich keines Erotikthriller-Klischees zu schade ist

Freitag, Sky: Boyzone, dreiteilige Doku übers aberwitzige Milliardengeschäft der Boygroups in den Neunzigern am Beispiel einer der erfolgreichsten

Freitag, ZDF-Mediathek: Always Hamburg, sechsteilige Doku übers aberwitzige Minusgeschäft des HSV, der trotzdem Millionen Herzen bewegt

Sonntag, Neo: Chabos, achtteilige Dramaserie um vier deutsche Jungs, die 2006  in einer Nacht ihre Zukunft vergeigen und 20 Jahre später danach suchen


Weimers Dialektik & Disneys Alien

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. August

Geizige Wasser sind freigiebig, oder wie hieß das Sprichwort doch gleich? Egal, Staatsminister Wolfram Weimer stand früh im Verdacht, sein Ressort als das für Regierungskultur zu begreifen, die entweder entbehrlich ist oder nationale Sitten und Werte widerspiegelt. Auch deshalb verbietet er ihr nun das Gendern, vulgo: sprachliche Gleichberechtigung, weil es – pure Dialektik, bevormundend sei. Zugleich aber will Weimer 250 Millionen Euro Filmförderung lockermachen, den Topf also verdreifachen. Irgendwer nannte das mal Wumms.

Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen wäre. Denn was Weimer wirklich fördern will, sind deutsche Blockbuster. Massentaugliche Überwältigungsformate, die US-Streamern Paroli bieten. Ob dieser Filmpatriotismus (unions)wertegeleitet wäre, bleibt vorerst so offen wie unsere Augen auf konservative Kulturpolitik. Die nämlich hat ja erst kürzlich bewiesen, mit wem sie sich im Zweifel gemein macht.

Als Friedrich Merz die Bromance der Bosse namens Made for Germany, kurz M4G, mit exakt einer Frau unter 61 Männern präsentierte, haben die Journalismus-Attrappen der Unionspressestelle von Bild bis Welt Mathias Döpfners Initiative mit geldwertem Agenda-Populismus gefeiert. In den Deutschlandradio-Podcast Tech Bro Topia übers unheimliche Machtkonzentrat der Tech-Milliardäre schafft es der Presse-Krösus Döpfner damit zwar noch nicht, aber von Peter Thiel trennt ihn eigentlich nur noch der globale Einfluss.

Den exekutiert Donald Trump gerade mal wieder auf dem Rücken der pluralistischen Demokratie. Beim Treffen mit KI-Vertretern in Washington hat er im Vorbeigehen das weltweite Urheberrecht beerdigt. Dagegen trauert Christian Lindner vergangenem Einfluss so hinterher, dass der frühere Minister des… äh, was war noch sein Ressort? Egal… Er verklagt das Satiremagazin Titanic für irgendeinen Witz über den Nachwuchs mit seiner Frau Franca Lehfeldt, die – Dialektik Part 2 – für Springer arbeitet, wo rücksichtslose Enthüllungen ohne Rücksicht auf Menschen zum Ertragsmodell zählen.

Liberale, das lehrt dieses Beispiel, werden halt dünnhäutig, wenn man ihnen liberal kommt. Und Konservative sowieso. Deshalb haben Teile der Unionsfraktion eine Lügenkampagne von Julian Reichelts AfD-Fanzine NIUS gegen Frauke Brosius-Gersdorf genutzt die normal liberale Verfassungsrichterin in spe abzusägen. Ach, wie sehr sehnen sich da selbst Linke doch mittlerweile nach Helmut Kohls geistig-moralischer Wende von 1983, als Konservative noch keine Trumpisten waren …

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. August

Im selben Jahr übrigens, als ein Mädchen aus Michigan zum Weltstar himmelwärts stieg und nie mehr zur Erde herabstieg. Diesen Prozess beschreibt das ZDF-Porträt Becoming Madonna in ihrer Mediathek. Und versprochen: Es gibt handfeste Überraschungen zu bestaunen. Drei, vier Popularitätslevel tiefer, aber noch immer eine Celebrity ist Nastassja Kinski. Die Tochter des legendären Cholerikers Klaus wurde Anfang der Siebzigerjahre zum Megastar des frauenverachtenden Kinos jener Tage.

In seiner Dokumentation zeigt uns Arte ab Montag Kinskis Geschichte einer Befreiung aus dem Würgegriff einer Männermachtgesellschaft, die selbst Minderjährige sexuell ausbeuten ließ. Weitaus gegenwärtiger ist Mittwoch an gleicher Stelle das Porträt der Trashpop-Band Gossip mit der mehrgewichtigen Stilikone Beth Ditto am Mikro. Und auch in der ZDF-Serie Lady Parts geht es tags zuvor um weibliche Hauptfiguren im Kernschatten des Male Gaze.

Wenn die gleichnamige Punkband unterschiedlich marginalisierter Musikerinnen sechs Teile lang britische Bühnen erobert, ist das allerdings viel lustiger als das reale Empowerment ihrer Geschlechtsgenossinnen aus Deutschland und Amerika. Und noch eine emanzipatorische Selbstbehauptungsstudie: Ab Mittwoch ist eine Handwerkerin in der ARD-Mediathek Auf der Walz, erobert sich also fiktional die Männerdomäne Gesellenwanderung. Längst online und kaum zu umgehen: die 2. Staffel der schwarzen Trauerkloßkomödie Wednesday bei Netflix, flankiert vom neuen Anlauf der ebenso großartigen, ungleich bunteren Apple-Serie Platonic.

Irgendwo zwischen Sequel und Prequel rangiert dagegen die FX-Serie Alien: Earth, in der das gefräßige Schleimwesen ab Mittwoch bei Disney+ erstmals am Bildschirm wütet. Wenn es darin gemeinsam mit anderen Außerirdischen die Erde erreicht, wird es allerdings von einer Kinderarmee bewusstseinstransferierter KI-Soldaten im Auftrag interstellarer Konzerne erwartet. Das ist zwar maximal effekthascherisch, aber ziemlich originell.


Weidels Schönheit & Momoas Krieger

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Juli

Die ARD-Sommerinterviews waren mal das, was ihre Jahreszeit dramaturgisch anzudeuten schien: durchaus diskursives, aber irgendwie entspanntes Politikgeplauder im Sonnenschein des Berliner Spreebogens. Eine Open-Air-Veranstaltung unter Open-Air-Bedingungen. Meistens zu heiß und mitunter verregnet, blieb die Hauptstadt akustisch allerdings außen vor. Bis vor acht Tagen, als Alice Weidel ihr eigenes Wort kaum verstand – so laut sang ein Chor des Zentrums für politische Schönheit gegen den Wahnsinn an, mit Nazis zu reden.

Schlimmer, als ihrem Postergirl abermals eine so prominente PR-Plattform zu bieten, war allerdings, was das Erste während und nach der Kunstaktion tat: Denn erst half Moderator Markus Preiss der AfD-Chefin dabei, sich als Opfer zu gerieren. Dann warf die ARD nicht etwa der Demokratiefeindin, sondern ihrer zivilgesellschaftlichen Opposition ein Fehlverhalten vor. Klingt seltsam schwefelig nach Donald Trump, der diese Schubumkehr gerade perfektioniert.

Kaum dass der renitente Stephen Colbert rausgeworfen wurde, rutscht Paramount Global auf Trumps Speichel zur Fusion mit Skydance Media, wo fürderhin kein kritisches Wort mehr über den König von Amerika zu hören sein dürfte. Das wiederum könnte künftig ausgerechnet Rupert Murdochs Fox News tun, nachdem Donald Trump dessen Wall Street Journal wegen eines veröffentlichten Briefs an Jeffrey Epstein erst aus der Air Force One geschmissen hat und nun auf zehn Milliarden Dollar verklagt.

Angesichts solcher Summen rutscht ein kleinerer Medienskandal fast aus dem Rampenlicht: Als die Kiss-Cam beim Coldplay-Konzert einen CEO mit seiner Geliebten entlarvte, lief dem Boulevard der Sabber aus Augen, Mund und Nase. Darunter, da wird es nun heikel, der ZDF-Sommergarten, wo ebenfalls ein Pranger für die zwei Privatpersonen errichtet wurde. Für ein öffentlich-rechtliches Medium mehr als peinlich. Ob Wolfram Weimer das missbilligt, ist nicht überliefert.

Dafür kritisiert der Kulturstaatsminister den geringen Anteil deutscher Fiktionen internationaler Streamingdienste, die er gerne zur Erhöhung verdonnern würde. Wohl auch, weil rechtskonservative Politiker seit jeher alles dafür tun, ARZDF ihr Publikum abspenstig zu machen. Jene Sender also, denen der Flugzeugabsturz in Bangladesch Meldungen der Hauptnachrichten wert war, weil es bekanntlich die einzigen 16 Opfer des asiatischen Landes war, in dem ansonsten niemand eines unnatürlichen Todes stirbt.

Die Frischwoche

28. Juli – 3. August

Nirgendwo wird allerdings häufiger eines unnatürlichen Todes gestorben als im Actionblockbuster. Und je weiter er in der Zeit rückwärts reist, desto grausamer. In der Apple-Serie Chief of War braucht es zwar geschlagene 45 von insgesamt rund 500 Minuten, bis die Figuren zur ersten Schlacht ziehen. Dann aber werden in 180 Sekunden derart viele Hawaiianer und ein paar Hawaiianerinnen dahingemetzelt, dass man ahnt, worauf Jason Momoa mit seinem Achtteiler hinauswill.

Das Nation Building seiner Heimat, teilt uns der Showrunner mit seiner Hauptrolle als real existierender Stammesführer im Krieg der Inseln vor 250 Jahren mit, war hart und brutal. Aber weil es abseits wesensböser Fieslinge genügend edle Ritter wie Ka’iana gab, erleben wir zwar ein achtteiliges Schlachtfest der grausamsten Art. Es hat aber ein Happyend mit fortsetzungstauglichem Cliffhanger. Was es nicht hat: Unterhaltungswert über spektakuläre Schlachtengemälde hinaus.

Den muss man in dieser Woche reanimieren, wenn Arte ab Freitag sämtliche Staffeln Mad Men online stellt. Oder auf gleichem Kanal die niederländische Dramaserie Don’t Fall, Dance schauen, in der sich eine Krebspatientin absolut sehenswert über ihre Krankheit hinwegtanzt. Parallel startet Paramount+ mit Back Horror und Cold Meat zwei Gruselthriller. Tags zuvor zeigt Netflix die südafrikanische Heist-Serie Marked, in der weit mehr schiefgeht als bei Ocean’s Eleven. Und zum Wochenabschluss stellt das Erste die deutsche Culture-Clash-Komödie Nicht ganz koscher online.

Ab Samstag verschlägt es einen ultraorthodoxen Juden aus Brooklyn und einen Beduinen vom Sinai auf dem Weg nach Alexandria versehentlich in die Wüste, wo sie auf langer Irrfahrt ihre wechselseitigen Vorurteile überwinden. Dass dieses preisgekrönte FilmDebüt von jemandem mit Namen (Stefan) Sarazin stammt, ist da bei weitem nicht der beste Witz…


Richterschelte & Katzenaugen

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juli

Was unsere Medienlandschaft so komplex, Tendenz kompliziert macht, ist nicht allein die Unmenge an Medien und Landschaften. Es sind auch ihre Marken und Bewohner. Kaum haben wir uns Ferda Ataman oder Thomas Haldenwang gemerkt, werden sie von Frauke Brosius-Gersdorf verdrängt. Seit fast zwei Wochen besetzt die Verfassungsrichterin in spe nahezu jedes publizistische Forum, Markus Lanz Talksessel. Dort erklärte sie was Vernunftbegabten links hinlänglich bekannt war.

Auf dem glatten Weg ins höchste deutsche Gericht sind demnach nicht mal mehr untadelige Juristinnen vorm Diffamierungsfeuer populistischer Demagogen gefeit, mit dem neben AfD und Bild längst auch die Scharfmacher aus CDU/CSU spielen. Wie sie damit Demokratie und Pluralismus gefährdet, ist die Union einem Donald Trump, der wegen seiner Weigerung, sämtliche Akten zu Jeffrey Epstein freizugeben, selbst unter MAGA-Jüngern kritisiert wird, längst näher als sie denkt.

Noch nutzen Jens Spahn und Friedrich Merz ihre Macht und Millionen zwar nicht dafür, kritische Medien unter Druck zu setzen. Im Klima, das sie grad vergiften, ist es aber zusehends denkbar, dass Jan Böhmermann demnächst Stephan Colberts Schicksal ereilt. Weil Paramount Trumps Zustimmung für einen Besitzerwechsel braucht, hat die Sendertochter CBS offenbar dem erfolgreichsten US-Talkhost trotz steigender Quoten gekündigt.

Vielleicht wird er ja bald schon von Grok ersetzt. Schließlich hält Elon Musk seine KI, die sich selbst mal MechaHitler nannte, für „intelligenter als alle Doktoranden der Welt“. Anhand solcher Aussagen könnte die EU-Kommission im Zoll-Streit mit den USA nun wirklich mal energisch auf eine Besteuerung sozialer Medien und Messenger wie die Propaganda-Plattform X dringen. Was allerdings geschehen wird? Außer der Aufweichung europäischer Standards: Nichts. Was geschehen ist? Sebastian Hotz alias El Hotzo wurde jetzt für seine Freude über sterbende Faschisten angeklagt.

Wie gut, dass deutsche Gerichte vor 80 Jahren nicht über die alliierten Todesurteile für NS-Verbrecher geurteilt haben… Was noch war die Woche? Apple TV bemüht sich um die Rechte an der Formel 1. Und Patricia Schlesinger kriegt zwar einen Monat Ruhegelde vom RBB, könnte aber für ihr Versagen in punkto digitales Medienhaus haftbar gemacht werden. Es bleibt spannend in Berlin.

Die Frischwoche

21. – 27. Juli

Spannender jedenfalls als im Sommerloch, dass dank der Streamingdienste doch eigentlich der Vergangenheit angehören sollte. Hervorzuheben wäre darin noch Das Attentat auf Arte. Acht hochinteressante Folgen lang geht es darin um die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić. Vor 22 Jahren führte sein Tod zum Ende der Aufarbeitung des Jugoslawien-Kriegs und damit schnurstracks in die nächste Tyrannei des Balkans.

Ganz so folgenschwer ist The German zwar nicht. Mit dem Deutschen Oliver Masucci als Mossad-Spion, begibt sich die israelische Thriller Donnerstag bei Magenta TV allerdings tief in die Abgründe des Nahostkonflikts. Dagegen sind vier aktuelle Serienstarts eher harmlos. Bereits gestartet ist die südafrikanische ARD-Serie The Morning After, in der das Party Girl Nina nach ihrem One-Night-Stand in seinen meist dramatischen, mitunter komischen Abwärtsstrudel gerissen wird.

Komisch möchte auch die Actionserie Cat’s Eyes sein, in der drei bildschöne Schwestern den Tod ihres Vaters rächen. Wie sie dafür in die Pariser Kunst-Szene abtauchen, ist jedoch auf so depperte Art oberflächlich, dass man sich stattdessen auch acht Stunden durch Lifestyle-Videos bezahlter Insta-Influencerinnen scrollen kann. Dann doch lieber die Abenteuer-Serie Washington Black ab Mittwoch bei Disney+; die macht uns wenigstens nicht vor, in der Realität zu spielen.

Das gilt auch für die deutsche Frechheit der Woche: Rembetis. Ab Freitag mutiert ein griechischer Gastronom und seine Kinder darin achtmal 25 Minuten in der ZDF-Mediathek zu Geisterjägern. So löblich es ist, ihre zahlenmäßig starken, popkulturell ausgegrenzten Landsleute ins Rampenlicht einer Seriengroteske zu rücken: Vielleicht hätte man dafür doch jemanden vom Fach gesucht, als amateurhafte Quereinsteiger auf Fanta-Korn.