Schweizers Werbung & Mythos Monaco

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juli

Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.

Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.

Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.

Die Frischwoche

22. – 28. Juli

Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.

Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.

Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.

Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.

Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.


Amüsier-Apps & Maskierte Sänger

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juni

Was, hörte man sich unlängst verblüfft fragen, ist bloß mit Wladimir Iljitsch Putin los? Da hat der zaristische Herrscher einen Reporter eingeknastet, der ihm und seinem Regime doof gekommen war, und was macht er? Lässt die Geisel seines Unrechtsstaates nach ein paar Tagen wieder frei, obwohl dieser Iwan Golunow das Haus doch angeblich voller Drogen hatte, als die über jeden Zweifel erhabene Polizei seine Wohnung durchsuchte… Damit steigt Russland im Pressefreiheitsindex wohl um ein paar Plätze zurück in die Top 150, immerhin vor Nord-Korea.

Klingt nach Lockerung im Käfig der russischen Zivilgesellschaft? Nun – keine zwei Wochen später hielt Zar Putin wie jedes Jahr um diese Zeit für seine Untertanen fernsehöffentlich Audienz und beantwortete Fragen jeder Art, wenngleich natürlich nur solche, für die er königliche Lösungen hatte. Damit rutschte er dann doch wieder ein Stück weit im Ranking ab, dumm gelaufen. Dennoch bleibt Putin auch hierzulande ein Liebling nationalautoritärer Kräfte wie jener Alternativpartei im Deutschen Bundestag, deren medial geschürter Hass aufs System den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke atmosphärisch vorbereitet hat.

Geschürt wird diese Stimmung allerdings längst auch von Journalisten, die man bei aller Kritik eigentlich auf der Seite faktenfester Haltungen gewähnt hatte. Zum Beispiel Claus Strunz. Gut – das relativ gesittete Kampfblatt Bild am Sonntag hatte zwar auch unter seiner Führung schon einen Hang zu populistischer Zuspitzung; jetzt aber stellte er sich mit seiner rechten Attacke gegen Migranten, deren Heime und überhaupt Neger, Kanaken, kulturfremdes Gesocks so rabiat außerhalb des bürgerlichen Diskurses, dass sein AfD-Beitritt wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

Und damit bereitet es umso mehr Mühe, zu akzeptieren, dass dieser Mann denselben Beruf ausübt wie die große Wibke Bruhns. Nachdem sie einst als erste Frau die Nachrichten im (Zweiten) deutschen Fernsehen verlesen hatte und danach zu einer der prägenden Journalist(inn)en im Land zählte, ist sie nun mit 80 Jahren verstorben – und damit gewissermaßen erlöst, ihr Metier nicht mehr im Sumpf rechter Lügenmärchen versinken zu sehen. Aber dafür werden wir ja fröhlich mit Unterhaltungsangeboten geflutet wie der neuen Pro7Sat1-App Joyn, die uns seit Mittwoch mit allem nur Erdenklichen entertaint – aber nicht durch wahrhaftige Fakten.

Die Frischwochen

24. Juni – 7. Juli

Im linearen Programm von Pro7 kann man da ab Donnerstag bestaunen, wie sich die Sendergruppe Amüsement so vorstellt: Moderiert vom notorischen Matthias Opdenhövel, singen Prominente als The Masked Singer verkleidet inkognito, wofür sie von den Zuschauern enttarnt werden oder auch nicht, sechs Folgen lang zur besten Sendezeit und danach vermutlich abrufbar auf Joyn. Toll. Das war’s aber auch fast schon mit aktuellen Fernsehtipps. Während die angebrochene Sommerpause im Rest der Woche kaum was anderes als Wiederholungen hervorbringt, gibt es am Donnerstag drauf (4. Juli) jedoch gleich drei Neustarts.

Auf Neo moderiert die Top-Anwältin Laura Karasek um 22.15 Uhr sechsmal das lifestylische Talkformat Zart am Limit und kehrt damit vom knüppelharten Wirtschaftsrecht ins weitaus weichere Gesprächsgenre zurück. Vorschusslorbeer: Die kann das – und zwar nicht nur wegen ihres berühmten Vaters mit Namen Hellmuth. Gut eine Stunde später widmet sich der Schönwetterkabarettist Michael Mittermeier! in seiner selbstbetitelten Nachrichtenpersiflage 45 Minuten lang einem Thema, diesmal: Sicherheit. Vorschussskepsis: könnte ulkig werden im Ersten. Zwischendurch schaltet Netflix die 3. Staffel von Stranger Things frei. Vorschussbonus: Die Güte der ersten zwei Staffeln würde selbst einen Qualitätsabfall um 90 Prozent noch sehenswert machen.

Ansonsten begnügt sich das Regelprogramm dieser heißen Tage so konsequent mit Recyclingware, dass mal wieder nur Arte Platz für Innovationen bietet. Morgen zum Beispiel widmet sich der Kulturkanal um 20.15 Uhr erst den Frauen der Terrormiliz des IS und eine Stunde später deren Kindersoldaten Ashbal, bevor der Themenschwerpunkt 50 Jahre nach Stonewall Freitag (21.45 Uhr) an den Beginn der weltweiten Gay-Pride-Bewegung 1969 erinnert. Und acht Tage danach startet Arte den diesjährige Summer of… mit einem Monat Sendungen jeder Art zum Thema: Freedom. Präsentiert von der glamourösen Beth Ditto, eingeleitet von einer neuen Doku über John und Yoko, deren Liebesbeziehung Anfang der Siebziger mehr spießbürgerliche Verbitterung offengelegt hat als so mancher Beatles-Song.

Dazu passt die einzige Wiederholung der Woche in den Wochen der Wiederholungen, die uns hier der Erwähnung wert ist: das gesellschaftskritische DDR-Spätwerk Coming Out von 1989 aus einem Land, in dem es nach offizieller Diktion nicht nur keine Nazis gab, sondern noch weniger Homosexuelle.


Nestlès Hündchen & Eichwalds Bundestag

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juni

Nein, eine Liebesbeziehung wird das so bald nicht mehr – die CDU und social media. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Attacke auf digital Eingeborene der Generation Y bis Z fleißig daran gearbeitet hatte, den Altersschnitt ihrer Wähler*innen über 70 Jahre zu hieven, begab sich Freiwilligkeitsministerin Julia Klöckner mit ihren Memes aufs selbe Niveau und brauchte 24 Stunden, um auf den Shitstorm für ihr Kuschelvideo mit Nestlé zu reagieren. Wie ein verliebter Teenager wanzt sie sich darin an den Lebensmittelkonzern heran, wofür Oli Welke die Verantwortliche in der heute-show zur wichtigsten Werbeikone nach Clementine (Ariel) und Tilly (Palmolive) erklärte.

Noch irritierender war allerdings, dass Klöckner die (wie üblich online sprachlich robuste, aber grundsätzlich berechtige) Kritik an ihrer Korrumpierbarkeit durch Renditeinteressen multinationaler Unternehmen mit Hatespeech verwechselt und allen, die nicht ihrer Meinung sind, Informations-, wenn nicht Demokratie-Defizite unterstellt. Das ist von so himmelschreiender Hilflosigkeit im Umgang mit dem, was aus Unionssicht halt immer noch „Neue Medien“ sind – man könnte diese Peinlichkeit glatt lustig finden, wäre sie nicht Ausdruck einer so tiefgreifenden Betriebsblindheit im Umgang mit den Befindlichkeiten junger Menschen.

Obwohl die Leiterin eines der wichtigsten Ressorts im Kampf gegen den Klimawandel seit zehn Jahren auf Twitter ist und dort seither nahezu 28.000 Tweets abgesetzt hat, tickt sie also noch immer zutiefst analog und befindet sich daher geistig-moralisch auf dem Niveau der Bild-Zeitung. Die nämlich wurde vom Presserat mal wieder gerügt: wegen der Berichterstattung zum rechtsextremen Attentäter von Christchurch, dem das Springer-Organ als eines der ganz wenigen Medien in Deutschland breitenwirksame Aufmerksamkeit in Wort, Bild, Ton gewidmet hatte.

Aus diesem Grund beginnen wir die anstehenden Angebote mal mit den Wiederholungen der Woche, namentlich: Kir Royal. In Helmut Dietls alterslosem Meisterwerk ging es vor 33 Jahren schließlich auch um den Klatschreporter eines Boulevardblatts, das sich um Ethos, Moral und Nachhaltigkeit wenig schert, solange Auflage, Umsatz und Einfluss stimmen. Ab Montag um 22.45 Uhr zeigt der BR die Regenbogenschlacht von Baby Schimmerlos zum 75. Geburtstag des verstorbenen Regisseurs in drei Doppelfolgen, und abgesehen von Wählscheiben, Schulterpolstern, Messingmöbeln ist alles daran wie heute, nur ohne Internet, Klimakrise, Donald Trump.

Die Frischwoche

10. – 16. Juni

Was beide Epochen über Klöckners aasige Anbiederung hinaus verbindet, ist ein Mitglied des Bundestags, das es so nicht gibt und doch vermutlich überall: Eichwald, MdB. Vor zwei Jahren überraschte das ZDF mit einer Art Mockumentary, die den halbfiktionalen Langzeitabgeordneten einer viertelfiktionalen Kanzlerinnenpartei im Aberwitz achtelfiktionaler Tagespolitik karikiert hat. Am Freitag um 22.30 Uhr kehrt Bernhard Schütz als modernisierungsresistenter Chef seiner drei Mitarbeiter (Leon Ulrich, Lucie Heinze, Rainer Reiners) zurück, und es ist abermals von bedauernswerter Wahrhaftigkeit.

Das ließe sich natürlich auch übers Debüt im Ersten ab Dienstag (22.45 Uhr) sagen – echt gut gemeinte Idee, aber was war noch mal das Gegenteil von gut? Ohne der Plattform für Nachwuchsregisseure entweder (wie der österreichischen Landkrimi-Groteske Höhenstraße tags drauf) die Primetime zu räumen oder wenigstens mehr PR-Präsenz im Netz zu verschaffen, dürfte die Filmreihe auch 2019 unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Das gilt für Laura Lackmanns Erstlingswert Mängelexemplar um die depressive Borderlinerin Karo (Claudia Eisinger), mehr aber noch für Helene Hegemanns eigene Romanadaption Axolotl Overkill mit Jasna Fritzi Bauer als altersgerecht wildgewordenen Teenager. Da könnte man auch ein Standbild zeigen – es hätte kaum weniger Publikum.

Womit wir im Grunde beim sportlichen Highlight dieser Tage sind: Der Frauenfußball-WM, täglich in ARD oder ZDF, täglich mit Einschaltquoten, die angesichts der nachmittäglichen Anstoßzeiten wohl nur unwesentlich über denen von Warrior liegen. Und das, obwohl die US-Serie ab Samstag im Pay-TV läuft. Allerdings mit einem Thema, dem das Testosteron aus jeder Szene suppt: Martial-Arts-Kämpfer prügelt sich produziert von Bruce-Lee-Tochter, durch den amerikanischen Bürgerkrieg. Auweia. Kultivierte Ablenkungswiederholung gefällig? Etwa den Clan der Sizilianer, legendärer Heist-Movie mit Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura von 1969 (Samstag, 21.55 Uhr, ServusTV) oder – noch ‘ne Legende, nur drei Jahre älter: Steve McQueen als Nevada Smith (So, 20.15 Uhr, Arte) auf Rachefeldzug gegen fiese Cowboys von 1966.


Besinnungsmomente & einsame Herzen

Die Gebrauchtwoche

27. Mai – 2. Juni

Die ganz großen Momente des Fernsehens entstehen manchmal im ganz Kleinen. Immer mal wieder weltbewegendes Enthüllungsentertainment von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale zum Beispiel. Ein kurzer Augenblick der Stille im Gebrüll tausender Talkshows. Claus Klebers Rührungstränen für Busfahrer, der sich dem rechtspopulistischen Mainstream engegenstellte. Und seit Mittwoch weit vorn im Pantheon unvergesslicher TV-Sequenzen: Joko & Klaas.

Tags zuvor hatten beide im Showkampf mit dem eigenen Arbeitgeber 15 Minuten Sendezeit zur freien Verfügung gewonnen. Eine Viertelstunde Anarchie, die angesichts der Begrüßung („Na, ihr Pissnelken“) am Mittwoch um 20.15 Uhr auf Pro7 den personalüblichen Dadaismus befürchten ließ. Dann aber räumte das lustige Rampensauduett bierernst die Bühne und ließ dort nichts als einen Stuhl stehen, auf dem sodann nacheinander drei Menschen platznahmen, die sonst nie zu Wort kämen. Nicht auf diese Sender, nicht zu dieser Zeit.

Erst durfte die Seenotretterin Pia Klemp den zynischen Irrsinn der europäischen Flüchtlingsabwehrpolitik schildern. Danach warb Dieter Puhl von der Bahnhofsmission Zoo in gleicher Länge um Verständnis für Obdachlose. Und als eine Birgit Lohmeyer in aller Stille davon sprach, wie sie im berüchtigten Neonazi-Dorf Jamel die Stellung der Vernunft, der Kraft, der Zivilcourage hält, war klar: Hier kommt das dauererregte Fernsehen und sein aufgeputschtes Publikum kurz zur Besinnung.

Schwer zu glauben, dass so etwas weiter drin sein wird, wenn Silvio Berlusconi mehr als jene 9,6 Prozent übernimmt, mit denen sich seine Mediaset vorige Woche bei ProSiebenSat1 eingekauft hat. Und dass deren CEO Max Conze das Investment nicht als Bedrohung der programmatischen Vielfalt, sondern „Vertrauensbeweis in unsere Strategie“ bezeichnet, lässt Schlimmes befürchten. Es passt jedoch zur Stimmung, die Annegret Kramp-Karrenbauer verbreitet.

Der Peinlichkeit im Streit mit dem Youtuber Rezo ließ sie parallel dazu ja flugs jene folgen, sich öffentlich Gedanken über die Einschränkung der Meinungsfreiheit im Netz zu machen. Für den Versuch, die brennende Demokratie mit populistischem Feuer zu löschen, kreierte das Bohemian Browser Ballett daraufhin den Begriff „verakken“, der die Panik mittiger Parteien im Kampf gegen Bedeutungsverlust gut umschreibt. Aber gut – ganz ähnlich verakkt ja auch das Erste den täglichen Kampf ums junge Publikum.

Die Frischwoche

3. – 9. Juni

Am Samstag etwa in einer Schnulze um drei betagte Freundinnen, die es – so heißt das dann im PR-Sprech – „noch mal wissen wollen“ und ein Tanzcafé für Senioren eröffnen. Der Club der einsamen Herzen ist so saftig, seifig, soßig, dass man Mitleid mit der verstorbenen Hannelore Elsner kriegt, die hier neben Jutta Speidel und Uschi Glas ihr Talent verschleudert hat. Besser macht es (wie so oft) der ARD-Mittwochsfilm. In Die Auferstehung nutzt Regisseur Niki Stein einen Erbschaftsstreit dazu, die beteiligte Verwandtschaft um den gut aufgelegten Joachim Król erst emotional zu vereinen, dann lustvoll zu zerstören.

Noch viel besser macht es (wie so oft) der Privatsender Vox. Trotz des denkbar blöden Titels Das Wichtigste im Leben, verhandeln Bettina Lamprecht und Jürgen Vogel als Eltern einer gewöhnlich ungewöhnlichen Familie ab Mittwoch fünf Doppelfolgen lang ihren Alltag mit drei Kindern, in dem die Probleme nicht künstlich aufgebläht, sondern mit feinem Witz skizziert werden. Und das ist bei aller Fiktion fast so wahrhaftig wie der HBO-Zweiteiler What’s My Name.

Ab heute porträtiert Antoine Fuqua auf Sky Muhammad Ali in einer Art dokumentarischem Tanzfilm, der die Komplexität des weltgrößten Boxers ohne störenden Off-Kommentar als Balanceakt zwischen sportlichem, gesellschaftlichem und menschlichem Rhythmus zeigt. Morgen erinnert dann Arte ab 20.15 Uhr mit einer zweiteiligen Doku und einem Porträt von Liu Xiaobo, dem Mann, der Peking die Stirn bot, ans Massaker auf dem Tian’anmen-Platz vor 30 Jahren. Dass Discovery Donnerstag seinen conscious-lifestyle-Kanal Home & Garden startet, verstauen wir da mal wohlwollend in der Schublade Eskapismus, in die das spanische Netflix-Melodram Elisa und Marzella nicht gehört; schließlich geht es in der Eigenproduktion um zwei lesbisch Liebende im katholischen Spanien des Jahres 1901.

Irgendwie soziokulturell ist auch die Wiederholung der Woche: In Vorbereitung zur 2. Staffel, zeigt das ZDF heute um 23.50 Uhr alle vier Teile der Bundestagsrealsatire Eichwald, MdB mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Parlamentarier am Stück. Eine Viertelstunde zuvor zeigt Arte Hans Karl Breslauers Schwarzweißfilm Die Stadt ohne Juden, in dem der aufziehende Nationalsozialismus 1924 auf beklemmende Art vorfiktionalisiert wurde. Wer die Abgründe unserer Spezies lieber theatralisch überhöht mag, sollte den Im Schmerz geboren von 2014 (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehen, der vielleicht furioseste Austritt des Tatort.


Rezos Zerstörung & Drogen im Netz

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Mai

Nun hat ist es also aus und doch noch am Anfang: Nach 73 Folgen in 8 Staffeln sind die letzten Kriege gefochten, die letzten Ränke geschmiedet, die letzten Feinde besiegt, die letzten Freunde verraten, doch nach dem Game of Thrones ging das Spiel des Publikums ja erst los. Uninspiriert, langweilig, banal, einfallslos, schlicht scheiße lautet die Kritik an einem eigentlich sehr kreativen, weil bedächtigen Ende. Das liegt allerdings weniger am Inhalt als an Verlustängsten; schließlich hat die erfolgreichste TV-Serie aller Zeiten ihre Fans neun Jahre lang von Zuschauern zu Angehörigen einer Großfamilie gemacht, in der jeder Stimmrecht beansprucht.

Seither geistern Petitionen für a) ein Staffel-Remake oder b) die Fortsetzung durchs Netz. Angesichts der glaubhaften Feststellung von HBO, GoTxit meens GoTxit, wäre es allerdings wahrscheinlicher, dass die ARD bei der Übertragung eines Pokalendspiels der Bayern gegen Dosenbrause Leipzig a) auch nur ein Wort über die sportverachtende Wettbewerbsverzerrung beider Finalisten verliert oder b) Fifa-Besitzer Infantino in der Pause zu Korruption und Diktatorenkuscheln befragt. Ähnlich undenkbar: dass Heinz-Christian Strache sein Ibiza-Video a) wiederholen oder b) weiterspinnen darf.

Dafür könnte man dann a) Shahak Shapira oder b) Philipp Amthor einsetzen, der aber zuvor noch einen Beef mit a) seiner juvenilen Greisenhaftigkeit oder b) dem Youtuber Rezo ausfechten muss, dessen fast acht Millionen Mal geklickter Film Die Zerstörung der CDU ein journalistisch teils unausgewogenes, aber sehr kraftvolles Bekenntnis der jungen Objekte bürgerlichen Regierungshandelns zur politischen Partizipation ist, das – bei aller Kritik am renitenten Mitglied einer unionsfremden Alterskohorte – nun mal vollumfänglich der Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes unterliegt.

Die Frischwoche

27. Mai – 2. Juni

Pünktlich zum 70. Verfassungsgeburtstag startet übrigens der wunderbare Indie-Entertainer Micky Beisenherz unterm Namen des unabänderlichen Grundrechts eine Comedy-Show, in der genau diese Art konservativer Ignoranz durch den Kakao gezogen wird. Schade, dass Artikel 5 ab Donnerstag vorerst zehnmal auf Magenta TV, nicht öffentlich-rechtlich zu sehen ist. Dort läuft dafür heute bisschen spät, aber immerhin im Ersten (23.30 Uhr) die sehenswerte Doku Der Schwulen-Paragraf, mit dem die Bundesrepublik nationalsozialistisches Unrecht bis tief in die Gegenwart fortgesetzt hatte.

Das passt gut zum musikalischen Themenabend, an dem 3sat am Mittwoch ab 20.15 Uhr das Rechtsrockland von Neonazi-Band bis Blut-und-Boden-Barde erkundet und im Anschluss das thüringische Themar besucht, wo sie sich die singenden Demokratiefeinde Jahr für Jahr versammeln. Gewissermaßen zurück zur Quelle geht tags zuvor Arte, wenn es erst die Menschenversuche der Nazi-Wissenschaft unters Mikroskop nimmt und im Anschluss den Nazi-Jäger Fritz Bauer porträtiert.

Eher links der Rechten, letztlich aber jenseits parteipolitischer Grenzen stößt Jessy Wellmers Reportage- und Talkformat Sportschau-Thema ab Samstag um 18.25 Uhr in die Bundesligapause und erkundet dort investigativ die Abseiten des Leistungssports. Fiktional, aber nicht unrealistisch spielt der spanisch-deutsche Achtteiler La Zona ab Samstag, 22.15 Uhr, auf Neo durch, wie es drei Jahre nach einem Atomunfall im unbewohnbaren Nordspanien zugeht. Darüber hinaus aber laufen die Serien der Woche online. Auf Netflix zum Beispiel startet Freitag der Vierteiler When They See Us, in dem fünf Farbige 1989 nach einer wahren Begebenheit fälschlich für eine Vergewaltigung im Central Park verurteilt werden.

Parallel dazu beginnt dort die Eigenproduktion How to Sell Drugs (Fast), in der ein deutscher Provinz-Nerd aus Liebeskummer mit seinem körperbehinderten Kumpel Drogen im Darknet verkauft. Das ist volle acht Teile lang angenehm aberwitzig, ohne völlig durchzudrehen. Letzteres mag ja für alles Mögliche gelten, aber sicher nicht für Good Omens. Mit Stars wie Michael Sheen oder Jon Hamm als Engel und Dämonen, die nach einem Roman von Terry Pratchett mit viel groteskem Humor versuchen, den jüngsten Tag einzuläuten – wofür die Videoabteilung des diabolischen Einzelhandels- und Umweltzerstörer Amazon sicher nicht der unpassendste Sender ist.

So wie RTL ein adäquater Kanal fürs Remake von Ben Hur am Donnerstag um 20.15 Uhr ist, das mehr Musik und Effekte, dafür weniger Pathos und Moral als 1959 hat. Damals spielte Charlton Heston den jüdischen Revoluzzer, neun Jahre später war er die Titelfigur der farbigen Wiederholungen der Woche am selben Tag (23 Uhr, Kabel1), als der spätere Waffennarr Planet der Affen zur Filmlegende machte, also elf Jahre nach dem Westernklassiker Zähl bis drei und bete mit John Ford als Farmer im Clinch mit Banditen (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Den Tatort-Klassiker gibt’s 90 Minuten später beim HR: Schichtwechsel um einen Mord im Kieler Werftenmilieu, 2004 noch mit Borowskis wunderbarer Kollegin Frieda Jung.


Ibiza-Video & Miracle Workers

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Mai

Der jüngste Skandal um FPÖ-Vizekanzler Strache, der sich im längst berühmten Ibiza-Video vor versteckter Kamera von einer falschen Oligarchin bestechen ließ – was Jan Böhmermann Wochen zuvor angedeutet hatte, von der Presse aber bis kurz vor der Europawahl geheim gehalten wurde – zeigt erneut wie schwierig es ist, sich im Schützengraben journalistischer Grundprinzipien trittsicher zwischen Überparteilichkeit und Haltung, Pluralismus und Moral, Information und Selektion zu bewegen. Wenn gewissenhafte Reporter über jedes rechtsradikale Stöckchen springen oder im gegenteiligen Fall, die Meinungsfreiheit unterdrücken, wird schließlich gern von allen Seiten auf sie draufgehauen.

Der Bayerische Rundfunk hatte sich diesbezüglich ebenso wie der aus Hessen, Berlin-Brandenburg und Hamburg dafür entschieden, das Empörungsspiel der NPD nicht mitzuspielen und die Ausstrahlung ihrer rassistischen Europawahl-Spots zu  verweigern. Ethisch nachvollziehbar, presserechtlich weniger – so urteilte jetzt das Bayerische Verwaltungsgericht und verdonnerte die Verweigerer dazu, Wahlreklame der verfassungsfeindlichen, doch politisch irrelevanten Partei auszustrahlen. Denn darin wird zwar so über mordende Flüchtlinge gelogen, dass sich die EU-Parlamentsbalken biegen; da im Wahlkampf jedoch Waffengleichheit unterschiedlich einflussreicher Parteien zu herrschen habe, muss ein Fernsehsender und sein Publikum eben selbst Überspitzung am Rande der Volksverhetzung aushalten.

Zumindest, wenn sie nicht gar so drastisch wird wie jener bluttriefende NPD-Clip, den das ZDF nicht senden will und muss. Bei so viel braunem Kalkül, sehnt man sich manchmal fast in die Zeiten rosaroter Selbstberuhigungen zurück, als eine Doris Day mit ihrem unzeitgemäß berufstätigen, emotional indes oft reaktionärem Gefühlsbiedermeier zwei Jahrzehnte Kinokomödie geprägt hat. Dass sie nun im Alter von 97 Jahren gestorben ist, zeigt uns in Dutzenden von Wiederholungen ihrer Klassiker, wie gemütlich Weggucken gelegentlich sein kann. Wie unterhaltsam. Und wie verlogen.

Die Frischwoche

20. – 26. Mai

Während das ZDF nächsten Sonntag in Erinnerung an Days technikolorbuntes Lebenswerk den 150. Pilcher-Film zeigt, empfehlen wir daher explizit zwei 3sat-Dokus, die am Mittwoch eindringlich vorm drohenden Rechtsruck Europas warnen: um 20.15 Uhr Lost in Brexit, gefolgt von Wut auf Brüssel, was Arte tags zuvor zur besten Sendezeit mit Wahlkampf der Wutbürger und anschließend Hinter den Kulissen des Brexit eingeleitet haben wird.

Weil aber selbst in politisch deprimierender Zeit nicht alles bloß nüchtern und sachlich sein sollte, gibt es auch leichte Kost jenseits der Küsten von Cornwall zu sehen. Die neue Netflix-Serie What/if mit der abgetauchten Renée Zellweger in einer Art Unmoralisches Angebot revisited zählt ab Freitag zwar ebenso wenig dazu wie ein achtteiliges Remake von Jean-Jacques Annauds legendärer Romanverfilmung Der Name der Rose parallel auf Sky, die wirklich niemand braucht. Wirklich wunderbar sind aber Steve Buscimi und Daniel Radcliffe als Gott und Engel einer hinreißenden TNT-Serie namens Miracle Workers, die den Himmel als lausig geführtes Mittelstandsunternehmen mit etwas zu viel Einfluss karikiert. Oder auch die Neuauflage der Antikriegsgroteske Catch 22 als Sechsteiler von und mit George Clooney auf Starzplay.

Immerhin akzeptabel ist die ZDF-Komödie Hüftkreisen mit Nancy am Donnerstag (20.15 Uhr) um einen Mann in der Midlife Crisis, was zwar abermals aufwirft, warum Journalisten in der Fernsehfiktion stets entweder skrupellose Aasgeier oder desperate Wracks sind, aber die Fallstricke männlichen Alters sehr unterhaltsam verhandelt. In seiner popkulturellen Scheindramatik leicht wie ein Sommerhit ist die Arte-Doku From Fame to Shame (Freitag, 21.45 Uhr) über den Täuschungsskandal der deutschen Pseudostars Milli Vanilli. Eher gehaltvoll ist dagegen Grenzland vom neuen Stern am Regiehimmel Marvin Kren (4 Blocks). Mit seiner eigenen Mutter Brigitte als österreichische Ermittlerin verarbeitet er darin ebenso virtuos wie kreativ einen Mordfall im Dunstkreis der Flüchtlingsdebatte 2015.

Die Wiederholungen der Woche stammen ebenfalls aus einer Zeit globaler Zerrüttung, versuchten ihr allerdings mit politikfernem Entertainment zu entkommen. In Theo gegen den Rest der Welt zum Beispiel brillierte Marius Müller-Westernhagen 1980 als Antiheld eines herrlich nostalgischen Roadmovies (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat), das erstaunlicherweise nur fünf Jahre älter ist als Doris Dörries Männer 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle. Und weil es keinen Alt-Tatort von Belang gibt, empfehlen wir 48 Stunden danach dort Schimanski alias George in der Räuberpistole Die Katze (1987). Und damit das gesamte Recycling dieser Woche auf 3sat läuft, wird hier mal zu Ernst Lubitschs schwarzweißer Ménage à Trois Rosita von 1923 geraten.


Feindbild ORF & Feindbild Europa

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. Mai

Es ist ein besonders bizarrer Medienskandal einer an bizarren Medienskandalen überreichen Zeit. Während Jungsozialist Kevin Kühnert bis in dezidiert linke Medien hinein dafür gemobbt wird, jungsozialistische Forderungen zu stellen, macht der streitbare ORF-Moderator Armin Wolf in einer besonders bizarren Regierung eines an bizarren Regierungen überreichen Kontinents gerade nur seinen Job – und gerät dafür ins Visier seines Berichtsobjekts. Das kann passieren. Die öffentliche Kommunikation hat ihr (ungeschriebenes) Regelwerk schließlich auch in Österreich so der digitalen Realität angepasst, dass die lautesten Schreihälse jedes Argument niederbrüllen.

Bedenklich wird es allerdings, wenn dieses Berichtsobjekt die rechtsextreme FBÖ ist und vor laufender Kamera Journalisten bedroht, dafür aber vom vermeintlich bloß konservativen Koalitionspartner Sebastian Kurz nicht vom Hof gejagt wird. Wirklich absurd wird dieser Irrsinn jedoch, wenn ihn Armin Wolfs nicht immer diplomatische, aber ähnlich bissige Kollege Jan Böhmermann im ORF mit – zugegeben drastischem Vokabular – anprangert und dafür ausgerechnet vom regierungsamtlich attackierten Sender kritisiert wird. Der Lohn: Österreich rutscht im Ranking der Pressefreiheit ab und belegt, wie sehr sie selbst in Demokratien unterm Beschuss einer enthemmten Diskussionskultur steht.

Eine, an der selbstredend auch social networks schuld sind, jene Hasskatalysatoren, die sich nebenbei grad als Showmaster profilieren. Instragram zum Beispiel, sonst für bildreiche Belanglosigkeiten zuständig, hat mit The Story of Eva die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens im Nationalsozialismus fiktionalisiert und damit wohl mehr junge Menschen als jedes Bildungsprogramm erreicht. Auch Youtube erweitert derweil konsequent sein eigenproduziertes Programm. Und wenn die PR-Plattform Magenta TV mit der italienischen Coming-of-Age-Serie Meine geniale Freundin brilliert, wird deutlich, wie warm sich die Platzhirsche anziehen müssen.

Die Frischwoche

13. – 19. Mai

Sie tun dies immerhin auf einem Feld, das sonst niemand so nachhaltig beackert: seriöse Information. Wie alle öffentlich-rechtlichen Sender kümmert sich zum Beispiel das ZDF rührend um die Europawahl. Donnerstag überträgt es das #tvDuell der Spitzenkandidaten Timmermanns und Weber zur besten Sendezeit, gefolgt vom Schlagabtausch der Konkurrenz aus Grünen, AfD, Linke und FDP. Nachts zuvor um 0.45 Uhr stellt das Zweite dann die Frage Schafft Europa sich ab? und schreibt diese Bedrohung bereits am Dienstag um 20.15 Uhr jenen zu, die Laut, frech, national sind, also parallel dazu auf Arte die Demokratie unter Druck setzen mit ihrem Feindbild Brüssel, wie eine ARD-Doku heute zur Primetime entsprechend heißt.

All dies klingt zwar manchmal so alarmistisch, dass man sich zumindest ein paar Milligramm jener unbeirrbaren Europa-Euphorie wünscht, mit denen der ESC die kontinentale Glückseligkeit feiert. In den Halbfinals, Dienstag/Donnerstag ab 21 Uhr auf One, mehr aber noch beim Endspiel am Samstag live im Ersten, dient Europa aber dennoch wie gewohnt nur als Kulisse popkultureller Aufdringlichkeit. Wer in dieser kommerziellen Endlosschleife gefangen ist, wünscht sich bisweilen womöglich eine Zeitmaschine.

Die haben zwei afroamerikanische Nerds in der Netflix-Dramedy See You Yesterday erfunden, sie entkommen damit allerdings keinem Musikwettbewerb, sondern reisen ab Freitag unter Spike Lees Regie Richtung Vergangenheit, um die Welt zu retten. Wie knapp sie vor 33 Jahren zumindest teilweise vorm Kollaps stand, zeigt die HBO-Serie Chernobyl ab morgen auf Sky. Der halbfiktionale Fünfteiler zeichnet den SuperGAU vom April 1986 minutiös nach, stellt dabei aber nicht den Unfall selbst ins Zentrum, sondern das ignorante Versagen der sowjetischen Bürokratie – brillant verkörpert durch Stellan Skarsgård und Jarred Harris als Antipoden eines bizarren Kampfes gegen Verseuchung und Transparenz.

Mit so viel historischer Bedeutsamkeit können die zwei unterhaltsamsten Filme der Woche aus Deutschland natürlich nicht mithalten. Aber Michael Herbigs Bullyparade auf Sat1 und parallel dazu Joachim Król als eine Art Papa Alfred Tetzlaff ante Portas in der ZDF-Komödie Endlich Witwer sind im Kochtopf leichter Kost absolut vollwertig. Schwere Kost und dennoch unterhaltsam sind die Wiederholungen der Woche: Das legendäre DDR-Drama Jakob, der Lügner (Montag, 22.25 Uhr, 3sat) über einen Geschichtenerzähler, der sich und anderen Juden kurz vorm Einmarsch der Roten Armee 1944 in Polen Mut gemacht hat. Dafür gab es 30 Jahre später die einzige Oscar-Nominierung für eine DDR-Produktion. Lichtjahre von so was entfernt war im Anschluss Klaus Lemkes furioses Frühwerk Rocker, das der Kino-Anarchist 1972 mit echten Motorradhooligans gedreht hat. Jünger ist da der Tatort-Tipp Eine bessere Welt (Montag, 21.45 Uhr, HR) von 2011 mit Nina Kunzendorf und Joachim Król, die den formatüblichen Mord hier erst noch verhindern müssen.