Sky: The Narrow Road to the Deep North
Posted: July 10, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVom Erniedrigen und Ertragen
The Narrow Road to the Deep North erzählt fünf fesselnde Episoden lang von alliierten Soldaten, die in japanischer Kriegsgefangenschaft versklavt, geschlagen, gedemütigt und getötet werden. Ein furioses, philosophisches, ungeheuer eindringliches Seriendrama – trotz und wegen der drastischen Gewalt.
Von Jan Freitag
Wie unverblümt der Krieg künstlerisch dargestellt werden sollte, um weder in Voyeurismus noch Eskapismus zu verfallen, hat die Malerei von Otto Dix über de Goya bis Käthe Kollwitz mitunter eindeutig beantwortet. Das Fernsehen ist dagegen trotz aller Gewaltaffinität noch unschlüssig. Selbst Steven Spielbergs Invasionsgemetzel Saving Private Ryan hat die blutige Landung in der Normandie vor 27 Jahren nach einer knappen Stunde ja angewidert abgebrochen und als Melodram fortgesetzt.
Der australische Regisseur Justin Kurzel macht es da gewissermaßen umgekehrt. Nach Drehbüchern seines Landsmanns Shaun Grant startet er die Adaption von Richard Flanagans Tatsachenroman The Narrow Road to the Deep North in Friedenszeiten, also nicht gerade melodramatisch, aber noch relativ verblümt. Nach einer knappen Stunde allerdings geht sie derart nahtlos zum Wesenskern menschlicher Barbarei über, dass es beim Zuschauen wehtut. Nahezu pausenlos. Fünf Dreiviertelstunden lang. Und das, obwohl von der ersten bis zur 225 Minute kaum ein hörbarer Schuss fällt.
Es geht um den australischen Sanitätsoffizier Dorrigo Evans (Jacob Elordi), der sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in die junge Frau seines Onkels (Simon Baker) verliebt und kurz darauf an die südostasiatische Front berufen wird. Während der Fünfteiler also vergleichsweise glimpflich, teilweise gar romantisch beginnt, gerät Dorrigos Einheit kurz darauf in Gefangenschaft des Hitler-Verbündeten Japan und wird dort gemeinsam mit Abertausenden alliierter Soldaten zum Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn abkommandiert.
Als „Death Railway“ berüchtigt, wird im Lauf dieser eindrucksvollen Serie mit jeder Szene klarer, warum sie auch „Todesstrecke“ heißt. Weil der japanische Ehrenkodex Kriegsgefangenen nicht nur die Freiheit, sondern Achtung, Rang und Würde vorenthält, gelten Dorrigos Männer als wertlos – und werden für den Bau der Zugverbindung durch den Dschungel unbarmherzig verheizt. Während Die Brücke am Kwai, 1958 erste von mittlerweile fünf Fiktionalisierungen dieses Menschheitsverbrechens, noch eine Heldenreise aus dem Herz der Finsternis ins Licht war, gibt es hier keine Heroen. Nur Opfer.
Entsprechend dichotomisch erzählt Curio Pictures in Kooperation mit Amazon MGM und Sony Pictures Television dieses bestialische Stück Geschichte. Unterm zerkratzten Cello von Komponist Jed Kurzel, hält Kameramann Sam Chiplin unerbittlich drauf, wenn die Aufseher ihre Arbeitssklaven weit über den Rand der Belastbarkeit hinaus schinden. Minutenlang wohnen wir einer Beinamputation ohne Narkose bei. Es gibt Enthauptungen in Nahaufnahme. Szene für Szene skelettierter, erdulden die Häftlinge Demütigungen jenseits des Zumutbaren. Es wäre kaum zu ertragen, würden Kurzel und Grant die Grausamkeit nicht in ein Vorher und Nachher einbetten.
Sie erzählen die Story nämlich aus Sicht des greisen Dorrigo – intensiv verkörpert von Ciaran Hinds, den Fans als Widerstandskämpfer Mance Rayder aus „Game of Thrones“ kennen. Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende hat der renommierte Chirurg ein Buch über sein Martyrium geschrieben, wofür er widerwillig Werbung machen soll. In einer zweiten Perspektive bereitet sich sein junges Ich auf den Einsatz in Südostasien vor. Und die dreifachen Zeitsprünge sorgen dafür, tief ins Seelenleben vom Krieg und seiner Akteure – Täter wie Opfer, Beteiligte oder Außenstehende – zu blicken.
Es sind Individuen, die zugleich inner- und außerhalb ihrer Systeme agieren. Soldaten wie Rabbit (William Lodder) zum Beispiel, der selbst ab tiefsten Abgrund seinen Optimismus bewahrt und doch hineinstürzt. Heimgebliebene wie Dorrigos Geliebte Amy (Odessa Young), die in Rückblicken emanzipierter wirkt als ihre Zeit. Offiziere wie Colonel Kota (Taki Abe), der sich zwischen Empathie und Pflichterfüllung stets für letzteres entscheidet und darüber philosophische Debatten mit dem ranghöchsten Offizier führt.
Dieses hierarchische Rededuell weit unter Augenhöhe zeigt, was The Narrow Road to the Deep North kennzeichnet: der völlig unsentimentale, am Ende aber auch deshalb leidenschaftliche Umgang mit allem, was sich rings um den Krieg und seine Konsequenzen abspielt. Genau deshalb geht die Serie über Schlachtengemälde wie The Pacific hinaus, womit Tom Hanks und Steven Spielberg die Mechanik des Krieges am selben Schauplatz erkundet haben. Hier geht es um die Machtmechanismen dahinter und was sie mit Überlebenden anstellen. Oft ein Leben lang anstellen.
Was ihm aus seiner Leidenszeit beim Bau der Bahnlinie am meisten in Erinnerung geblieben sei, will eine Reporterin 1989 vom alten Dorrigo wissen. „Die seltsame, schreckliche Unvergänglichkeit des Menschen“, antwortet er nüchtern. Das bringt sein Leben ebenso auf den Punkt wie die Serie. Schon merkwürdig, was unsere Spezies ihresgleichen zuzufügen fähig ist. Und fast noch merkwürdiger, wie wir es mitunter ertragen. Beides hochkonzentriert in der besten Kriegserzählung seit langem.
The Narrow Road to the Deep North, 5 x 45 Minuten, bei Sky und Wow
AppleTV+: Smoke & Feuerteufel
Posted: July 3, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKatharsis im Funkenflug
In der großartigen Serie Smoke (Foto: AppleTV+) jagt die Polizei einer amerikanischen Stadt einen, womöglich gar mehrere Serienbrandstifter. Klingt nach der üblichen Feuerwehr-Stuntshow im RTL-Stil, ist aber verblüffend eigensinnig und vor allem grandios fotografiert.
Von Jan Freitag
Seit der Homo Erectus vor mindestens einer Million Jahre das Feuer zu nutzen begann, ist die Sorge des Menschen vorm Übergreifen der Flammen über alle Epochen hinweg ungebrochen. Wer ihn davor schützt, genießt daher bis heute höchstes Ansehen. Höher sogar als ähnlich angesehene Hebammen, Verfassungsrichter, Pflegekräfte. Das gilt also auch für Umberland im Nordwesten der USA. Unweit von Kanada, wo gerade mal wieder die größten Waldbrände der Geschichte wüten, sollte man sich daher nicht mit Fire Fighters anlegen, wie Feuerwehrleute im Land apodiktischer Heldenverehrung heißen.
Dass Michell Calderon (Jurnee Smollett) es dennoch tut, hat daher zwei gute Gründe: die Tatort-Expertin der Polizei von Columbia ist ebenso furcht- wie vorurteilsfrei. Und es gibt Hinweise darauf, dass eine Reihe verheerender Brandstiftungen im Distrikt des zuständigen Sonderermittlers Dave Gudson (Taron Egerton) aufs Konto von einem seiner Ex-Kollegen der örtlichen Feuerwehr gehen. Nur: davon will sie natürlich nichts hören. Von einer Frau zumal, die obendrein schwarz ist.
„Beweise sind relativ“, wirft ihr einer der 3468 Fire Fighters im Verhör entsprechend zornig an den Kopf. „Nein, Beweise sind Beweise“, schießt Michell ungerührt zurück, worauf der Befragte fragt: „Sind Ihre Beweise denn auch Beweise oder eine Agenda?“ Uniformierte, da unterscheidet sich die US-Feuerwehr kaum vom bayerischen Schützenverein, machen bei Angriffen von außen schnell dicht. Die Omertà, sie lautet: Corpsgeist. Im fiktiven Umberland vermischt er sich mit Rassismus und Misogynie zu einem Giftcocktail, den Apple TV+ gute acht Stunden ins Publikum tröpfelt. Klingt lang, lohnt sich!
Denn Smoke, wie die Verfilmung des erfolgreichen Podcast „Firebug“ über den real existierenden Feuerteufel John Leonard Orr heißt, lässt nicht nur wegen der Gefahrenlage niemanden kalt; auch die wachsende Zahl an Tatverdächtigen dehnt den Spannungsbogen. Mitte der ersten Folge etwa präsentiert uns Dennis Lehane, als Autor der horizontalen HBO-Revolution The Wire ein bisschen legendär, den desperaten Koch einer Fastfoodkette als potenziellen Brandstifter. Und im Laufe der Zeit gesellen sich dazu noch weitere. Ermittler inklusive.
Weil er das Wissen über ihre Tatbeteiligung selten künstlich verknappt, erspart uns der Showrunner jedoch die üblichen Abläufe kokelnder Who-Dunnit-Krimis. So sticht sein Neunteiler ein Stück weit heraus aus dem Einerlei der gefühlt 3468 Film- und Fernsehfiktionen mit (auch äußerlich siedend heißen) Feuerwehrleuten vom RTL-Getöse 112 – Sie retten dein Leben bis Chicago Fire oder Station 19. Zumal Kari Skogland und Joe Chapelle der Serie auch ästhetisch ein paar Alleinstellungsmerkmale hinzufügen.
Zum trübschönen Titelsong des Radiohead Thom Yorke, vollführen die beiden Regisseure eine Art visueller Meditation übers Feuer an sich. Ob Grill, Großbrand, Kippe oder Kamin: In Zeitlupen, die mal wie Kerzenlicht flackern, mal wie Präriebrände rasen, aber nie einfach nur brennen, gehen sie der exothermen Sauerstoffreaktion geradezu philosophisch auf den Grund. Schließlich sei „nicht nur ein Element“, wie der Sprecher anfangs heiser aus dem Off flüstert. „Feuer ist ein Organismus.“
Wenn der Brandstifter am Rande eines hektischen Feuerwehreinsatzes andächtig still im Funkenflug seiner Rache steht, inszenieren ihn die Filmemacher folglich wie den strafenden Gott unserer Sünden. Mitunter hart an der Grenze zum Pathos, erschafft Dennis Lehane so ein kathartisches Meisterwerk menschlicher Urängste. Wie die zwei Cops währenddessen mit den Geistern ihrer Vergangenheit ringen, mag da ebenso zum Standardrepertoire handelsüblicher Krimis zählen wie ihre Attraktivität.
Dass sich die schöne Michell bei jeder Gelegenheit auszieht, um sich im sexy Tanktop am anders gepolten Partner zu reiben, ändert aber wenig daran, was Smoke bis tief ins Tarantino-hafte Serienfinale vom Mainstream unterscheidet. „Falls dein Schwanz länger ist als meiner, könnte ich ihn abreißen“, droht die ranghöhere Polizistin gleich beim ersten Kompetenzgerangel. „Er ist nicht allzu groß“, räumt ihr Kollege für Alphatiere ungewöhnlich da ein. „Eher Durchschnitt.“ Ganz im Gegensatz zu dieser ungewöhnlichen Feuerwehrserie.
Smoke, 9×50 Minuten, seit 27. Juni bei Apple TV+
60 Jahre Monitor: Digitalisierung & Courage
Posted: June 1, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentJournalistische Tofuwollmilchsauhenne
Das ARD-Magazin Monitor ist 60 Jahre alt geworden. Und der WDR hat sich dafür in Köln vergleichsweise groß gefeiert. Mit Michel Friedman als Gastredner und einer gemeinsamen Botschaft: Nicht erst die Zukunft ist digital, sondern die Gegenwart. Und in der gibt es vor allem eine Gefahr, der sich gerne noch mehr Fernsehredaktionen so beherzt entgegenstellen dürfen, wie Monitor: die AfD.
Von Jan Freitag
Georg Restle, darauf können sich vermutlich sogar seine Gegner einigen, ist ganz schön unerschrocken – sonst hätte ihn der WDR nicht zum Redaktionsleiter des vielleicht furchtlosesten Politmagazins im deutschen Fernsehjournalismus berufen: Monitor. Für die Mächtigen und Machtversessenen ein Titel wie Donnerhall. Für die Machtlosen und Machtbetroffenen ein Grund zum Feiern. Am 21. Mai 1965 lief die allererste Sendung dieser investigativen Institution im Ersten Programm.
Genau 60 Jahre und einen Tag später lädt der größte ARD-Sender ins Wirtschaftswunderambiente des unwesentlich älteren Kölner Funkhauses. Um dem Jubilar zu genügen, hat die Redaktion gewiss lange überlegt, wen sie als Laudator verpflichtet. Und wie Georg Restle ihn mit Hand in der Hosentasche ankündigt, wie der furchtlose Journalist beim Namen allein leiser, fast demütig wird, wie er betont, ihm keinerlei inhaltliche Vorgaben gemacht zu haben, als hätte der das jemals zugelassen – da wird klar: Es kann nur Michel Friedman sein.
Nach einem eher routinierten als inspirierten Grußwort der WDR-Intendantin Kathrin Vernau, liest der frühere HR-Moderator dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk fast zehn seiner 45 Minuten Redezeit die Leviten. Wie einst beim Fernsehschafott „Vorsicht Friedman!“ beklagt er edel gewandet und sprachgewaltig Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung und erntet auch dafür dutzendfach donnernden, am Ende gar stehenden Applaus.
Als philosophischer Publizist (oder umgekehrt) teilt Friedman nicht nur gegen die AfD und (endlich) ihre Wähler aus; er zürnt auch seinesgleichen. Bis auf den Anlass seiner Suada, versteht sich: „Monitor“. Oder wie er es vier Monate nach seinem CDU-Austritt nennt: „Das Fragezeichen des Journalismus gegen die Ausrufezeichen der Totalitären“, dessen Grundhaltung die „der Menschenrechte und der Demokratie“ sei. „Wir brauchen Sie“, fügt er ganz leise hinzu und mit der Hand am Herz: „Ich brauche Sie!“
Fragt sich nur: wer braucht ihn eigentlich sonst noch? Die öffentlich-rechtlichen Politmagazine stehen unter Druck. Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung kosten für sich ja schon Reichweite, Renommee, Relevanz. Hinzu kommt allerdings ein anderes, womöglich größeres Problem; und keiner der 200 geladenen Gäste inklusive Monitor-Legende Sonia Mikich oder WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn käme bei Häppchen, Bier und Festtagslaune darauf, es zu leugnen: die Sehgewohnheiten, besonders jüngerer Zielgruppen.
„Wir erleben schon länger, dass sich immer weniger Menschen zu einem bestimmten Sendetermin vor den Fernsehgeräten versammeln“, sagt Restle im RND-Interview. „Und davon sind auch die Politikmagazine betroffen.“ Obwohl nach wie vor drei Millionen Leute linear einschalten, wird sein Magazin also modernisiert – und zwar weit übers neue Logo, das seltsam an die Pariser Metro erinnert, hinaus. Oder wie er es ganz in Schwarz ohne Blumenstrauß auf der Funkhaus-Bühne ausdrückt: „Die Sendung wird radikal digital first und erst dann zu einer Fernsehsendung.“
Alle Reportagen, Beiträge und Dokus sind künftig bereits vorm Sendetermin donnerstags kurz vor zehn in der ARD-Mediathek, aber auch bei Youtube, Instagram oder Facebook verfügbar. Neue Erzählformen in neuem Look bis hin zum teenageraffinen „Team Recherche“ auf TikTok sollen überdies ein jüngeres Publikum ansprechen, ohne das ältere zu vergraulen. Und dabei auch weiter dort hingehen, „wo es wehtut“, wie Ellen Ehni als ranghöchste Gratulantin in ihrem Redebeitrag fordert.
Als „crossmediale Marke mit einer Berichterstattung“, die „von den Algorithmen nicht immer belohnt wird“, dennoch Diskurshoheit für sich beansprucht und nebenbei den Staatauftrag (über)erfüllt, macht die Chefredakteurin ihren „Monitor“ damit zur journalistischen Tofuwollmilchsauhenne. Kein Wunder also, dass der Umtrunk einer Kampfansage gleicht. Die Big Five der ARD-Magazine kriegen schließlich nicht nur Feuer von rechts, sondern dem eigenen Nachwuchs.
Während Monitor, Fakt, Panorama, Report und Weltspiegel im Ersten analog zu Berlin direkt, auslandsjournal und frontal im ZDF die Fernsehgenerationen Wirtschaftswunder bis Golf ansprechen, sind die Internetgenerationen Y bis Z nahezu vollumfänglich ins Digitale abgewandert. Immerhin: allein lässt sie die ARD dort nicht. Das Jugendportal funk zum Beispiel stellt mit psychologeek, reporter, offen un‘ ehrlich oder den Datteltätern reihenweise altersgerechtes Infotainment online.
Und während das Netz einst meist leichte Unterhaltung gefangen hat, müssen sich Investigativ-Formte wie STRG_F und Y-Kollektiv ebenso wenig hinter Georg Restle verstecken wie Erkenntnisformate à la maiLab oder MrWissen2go hinter Ranga Yogeshwar. Diese Qualitätsoffensive ist allerdings auch nötig. Seit das Duale System die öffentlich-rechtliche Angebotspolitik dem kommerziellen Nachfrageprinzip unterwirft, sind ARZDF Teil derselben Aufmerksamkeitsökonomie wie RTL und Pro7 oder zuletzt Netflix und Amazon Prime.
Leidtragende, klar: Kultur, Politik, Wirtschaft. Das Erste mag ja mantraartig seine aktuell 41 Prozent Informationsanteile lobpreisen; davon abgesehen, dass dazu redaktionell betreute Heimat- oder Boulevardmagazine bis hin zur Kreuzfahrt-Reportage zählen, wird ihre Primetime zusehends von folgenschwerem Journalismus bereinigt. Auch Monitor ist in 60 Jahren 90 Minuten Richtung Nacht gewandert. Nur montags bleibt zur Hauptsendezeit noch Platz für Dokus – deren Hauptfiguren allerdings gern mal vier und mehr Beine haben.
Nur: das anzuprangern klingt verteufelt nach Klagen übers Ende gedruckter Zeitungen, deren Existenznöte ungleich virulenter sind. Fragen Sie mal beim Stern! Ehedem ein solcher am Himmel Hamburger Medienherrlichkeit, steuert die neue Besitzerin RTL das Flaggschiff des aufgekauften Print-Verlags Gruner + Jahr bewusst in die Bedeutungslosigkeit, nimmt der Demokratie ein weiteres Sturmgeschütz zur Abwehr rechtsradikaler Kräfte. Und damit zurück zu Michel Friedman.
Denn Großteile seiner frei gehaltenen, messerscharfen, rhetorisch brillanten Rede gelten weder Einschalt- noch Qualitätsquoten, sondern der AfD. Ihrer destruktiven Kraft, das betont er wie die kurdischstämmige Schriftstellerin Mely Kiyak als Abschlussrednerin ständig, sei nur ein gutrecherchierter, handwerklich solider, haltungsstarker, stressresilienter Journalismus gewachsen. Einer, wie ihn der Monitor fast verbissen betreibt. „Ihr seid ganz schön anstrengend“, sekundiert Ellen Ehni. „Aber es macht Spaß, mit euch zu streiten“. Hoffentlich nochmals 60 Jahre in Frieden, Freiheit, Pluralismus.
Die RAF in Stammheim: Uli Edel & Niki Stein
Posted: May 21, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDoppeltes Kammerspiel
Zum 50. Jahrestag des Prozessbeginns gegen die erste RAF-Generation zeigt die ARD in der Mediathek Niki Steins Dokudrama Stammheim, (Foto: Hendrik Heiden/SWR) mit dem der Regisseur Reinhard Hauffs skandalumwittertes Kammerspiel von 1986 mit Ulrich Tukur als Andreas Baader weiterentwickelt. Das ist starker, aber brillanter Politiktobak.
Von Jan Freitag
Das Bildungsprogramm neigt seit jeher zur Personalisierung historischer Ereignisse. Wer Geschichte spürbar machten will, erzählt sie gern am Beispiel handlungsrelevanter Akteure. Besonders hierzulande herrscht dabei allerdings ein Faible für Antagonisten, das fast an Fimmel grenzt, Tendenz zum Fetisch einer deutschen Sado-Maso-Beziehung. Der beliebteste heißt natürlich Adolf Hitler. Dicht gefolgt allerdings von Andreas Baader. Und wer uns mit einem der beiden realfiktional das Gruseln lehrt, besetzt ihn möglichst prominent.
Den Diktator haben daher neben Bruno Ganz, Götz George oder Thomas Thieme auch Charlie Chaplin und Anthony Hopkins verkörpert. Der RAF-Terrorist hingegen wurde bereits von Ulrich Tukur, Moritz Bleibtreu oder Sebastian Koch gespielt und jetzt ganz neu auf dem Filmpersonalkarussell: Henning Flüsloh. Er ist der Unbekannteste von allen. Vor allem aber ist er der Beste. Und das in einer filmisch raffinierten, inszenatorisch originellen, emotional mitreißenden Rekapitulation. Ihr geschichtliches Original feiert am 21. Mai Jubiläum.
Vor genau 50 Jahren begann der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin. Der Vorwurf damals: 58 vollendete oder versuchte Morde, dazu sechs Raubüberfälle und die Bildung einer kriminellen Vereinigung. Das Gericht: ein Mehrzweckgebäude am Rande der JVA Stuttgart. Sein Standort: Stammheim. Ein Name wie Donnerhall. Eigentlich voll ausreichend für ein Dokudrama, dem die ARD natürlich dennoch den didaktischen Untertitel Zeit des Terrors verpasst. Aber das macht nichts.
Denn was Niki Stein damit erschaffen hat, ist ein kleiner Meilenstein des politischen Historytainments. Der Tatort-Regisseur legt ihn am 28. April 1974, als die ersten zwei Häftlinge im Hochsicherheitstrakt ankommen. Zuvor kontrolliert ein JVA-Beamter die Zellen, berichtet dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss einen Schnitt weiter, vom „ordnungsgemäßen Zustand“. Dann läuten Hubschraubergeräusche den Anfang vom Ende eines denkwürdigen Strafprozesses ein.
Im Gegensatz zur ersten großen, skandalumtosten RAF-Fiktion Stammheim mit Ulrich Tukur als Andreas Baader bildet er allerdings nur einen Teilaspekt des anderthalbstündigen Reenactments. 1986 hatte ihn Stefan Aust noch komplett ins Zentrum eines gefilmten Bühnenstücks gestellt, das zwar den Goldenen Bären erhielt, aber die Berlinale-Jury sprengte. Fast 40 Jahre, nachdem sich deren Präsidentin Gina Lollobrigida empört vom Preisträger distanzierte, teilt sein Drehbuch die Ereignisse dagegen in zwei Teile.
Bevor die vier Angeklagten in der zweiten Filmhälfte den eigens errichteten Gerichtssaal am Rande der JVA betreten, darf sie das Publikum daher im Knastalltag beobachten. Mehr noch als die 192 Prozesstage, von denen wir gut ein Dutzend erleben, besser: erdulden, zeigt ihn Niki Stein als klaustrophobisches Theater der Selbstindoktrination. Freund oder Feind, Sieg oder Tod, Schwein oder Mensch – auch in Gefangenschaft herrscht das Diktat kategorischer Dichotomien, die Niki Stein mit der stoischen Freundlichkeit des stellvertretenden Vollzugsleiters konterkariert.
„I hab immer Frau Enschlin und Herr Raschpe gsagt“, sagt Horst Bubeck zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses (Hans-Jochen Wagner) und fügt hinzu, nie gezählt zu haben, „wie oft sie mich Arschloch genannt“ hätten. Wie Füslohs Baader und Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg) die Wachleute, aber auch Ulrike Meinhof (Tatiana Nekrasov) mit Beleidigungen aller Art traktieren – dieser Psychoterror ist dabei kaum zu glauben, wäre er nicht bestens durch das reichhaltige Archiv offizieller Dokumente und illegaler Abhörmaßnahmen dokumentiert.
Anders als Hauff macht Stein aus Austs Stoff also ein doppeltes Kammerspiel. Weil er zudem ständige Abstecher in den Stuttgarter Landtag macht, wo die Ereignisse der nächsten dreieinhalb Jahre aufarbeitet werden, hebt es sich dramaturgisch wohltuend von Uli Edels Terror-Varieté Der Baader-Meinhof-Komplex (nach einer Vorlage von, genau: Stefan Aust) ab. Aber auch ästhetisch betritt sein Dokudrama Neuland. Schließlich mischt es nicht nur Aufnahmen realer Rahmenhandlungen unter eindringliche Spielszenen; weil Niki Stein letztere gern in grobkörniger Optik der Siebziger dreht, gehen Original und Fälschung unmerklich ineinander über.
Gepaart mit Glanzleistungen aller Beteiligten sorgt Stammheim somit nicht nur für Authentizität, sondern etwas, das Konservative dem Film gewiss ebenso vorwerfen wie Hauff und Edel oder Margarethe von Trottas gefeiertes Ensslin-Biopic Deutschland im Herbst von 1981: völlig Neutralität. Ideologische Verbohrtheit und polizeiliche Willkür werden hier nicht gewertet, sondern geschildert. Diese Nüchternheit animiert überaus fesselnd zur eigenen Urteilskraft. Und viel mehr kann Fernsehen 2025 nicht wollen.
80. Jahre Kriegsende: Gedenken & Verdrängen
Posted: May 8, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentOpfer nach Mitternacht
Wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs heute zum 80. Mal jährt, gleicht das Fernsehgedenken irritierend genau jenem zur ähnlich alten Auschwitzbefreiung im Januar: die großen Sender zeigen business as usual und verdrängen echte Aufarbeitung in die Nische. Ein Erinnerungsüberblick am Bildschirm.
Von Jan Freitag
Der Krieg ist ein furchtbares, aber auch faszinierendes Geschäft. So wenig sich irgendjemand darin durchschlagen möchte, übt er doch einen Sog aus, der am Bildschirm geradezu kriegslüstern wirkt. Ende der Neunzigerjahre etwa, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen förmlich überlief vor Hitlers Soldaten, Volk, Schlachten und Hofstaat. Als Chef der ZDF-Abteilung für Zeitgeschichte, ließ Guido Knopp damals reihenweise Sach- oder Spielfilme drehen, gerne in der Mischform Dokudrama. Es glich einer Sucht. Und fast alle großen Kanäle waren ihr verfallen.
Weil Abhängigkeiten jeder Art eher destruktiv sind, ist es daher zu begrüßen, dass von ARD und ZDF bis RTL und Sat1 alle geheilt sind. Auch heute ist die Zahl militärischer Stoffe demnach überschaubar. Besser: ausgerechnet heute. Denn am 8. Mai 1945 ging mit Deutschlands bedingungsloser Kapitulation der Zweite Weltkrieg zu Ende. Genau 80 Jahre später, ein Tag von epochaler Tragweite, sind sie alle nahezu frei von inhaltlicher Erinnerung an damals. Während Privatsender Interesse nicht mal heucheln, indem sie bellizistische Blockbuster zeigen, delegiert ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz das Gedenken in die Nische der Spartenkanäle und Dritten Programme.
Das hat System – kennzeichnet es doch ziemlich exakt die Arbeitsteilung vom 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung vor gut drei Monaten. Am Montag hat die ARD ihren Dokumentarplatz nach den Tagesthemen zwar der animierten Oral History Hitlers Volk – Ein deutsches Tagebuch 1939 bis 1945 geräumt, die als verlängerter Vierteiler in der Mediathek steht. Ansonsten aber fand nur das Volkssturm-Melodram Die Freibadclique am Mittwoch den Weg ins lineare Hauptprogramm. Und im Zweiten? Läuft ein Neoheimatfilm der Reihe Lena Lorenz, bevor es nach Mitternacht doch etwas Gedächtnisfutter gibt.
Christian Lerchs Drama Das Glaszimmer begleitet eine Kriegerwitwe und ihr Kind auf der Flucht durchs Chaos der letzten Kriegstage ins Münchner Umland – und auch das hat System. Denn wer sich das Angebot dieser Tage so anschaut, findet viele Täterperspektiven, aber kaum Opferperspektiven. Gestern etwa warf Neo mit Oliver Hirschbiegels Der Untergang und Dennis Gansels Napola anspruchsvolle, aber einseitige Blicke auf nationalsozialistische Verbrechen. Der rbb dagegen gedenkt heute fast ganztägig des 8. Mai, tut dies allerdings mit Überbetonung auf die letzten Gefechte der Reichshauptstadt.
Wenn er zwischen Kinder der Flucht (13.10 Uhr) und Nestwärme – Mein Opa, der Nationalsozialismus und ich (22.10 Uhr) in Bernhard Wickis Die Brücke (20.15 Uhr) von 1959 gipfelt, auf der es ausnahmslos um Wehrmachtseltern und Volkssturmkinder geht, wird das Dilemma des Kriegsende-Gedenkens offenkundig. Anders als am 27. Januar geht es am 8. Mai schließlich um beide Seiten – Angreifer und Angegriffene des verlustreichsten Kriegs der Geschichte. Die Täter dabei auszublenden, wäre nicht nur lückenhaft, sondern fahrlässig.
Umso mehr fällt auf, wie die linearen Regelprogramme ihren Fokus vom Objekt aufs Subjekt verschieben, also das Gegenteil ausgewogener Aufarbeitung leisten. Der WDR etwa sendet um 22.45 Uhr in der Reihe Menschen hautnah die Doku Wir Kriegskinder. Erste, nicht zweite Person Plural. Als ginge es um uns allein. Der NDR macht den Bock sogar noch ein wenig mehr zum Gärtner und zeigt das Primetime-Dokudrama Der Norden zwischen Petticoat und Spätheimkehrern. Letztere übrigens eine Lieblingszielgruppe des Erinnerungsfernsehens – gut zu beobachten am Abend im Hessischen Rundfunk.
Nach Gebaut aus Trümmern – 80 Jahre Kriegsende in Hessen um neun, begibt sich das Reportageformat Re 60 Minuten auf die Spur der kriegsgefangenen Väter. Phoenix dagegen beschränkt sich im Themenschwerpunkt Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs auf militärstrategische Themen. Das ist legitim, aber auch angemessen? Nicht annähernd so sehr wie der dreiviertelstündige Rückblick auf Richard von Weizsäckers Bundestagsrede vor genau 40 Jahren, den der rbb leider erst 23.45 Uhr vornimmt. Dass er die Kapitulation am 8. Mai 1985 Befreiung genannt hatte, war ein Wendepunkt der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Weitere 40 Jahre später hätte sie daher ein differenzierteres Andenken verdient als heute.
Immerhin, es gibt Ausnahmen. Der MDR zeigt erst War mein Uropa ein Nazi? (22.40 Uhr) und im Anschluss Nazijäger – Reise in die Finsternis. Zuvor lässt Arte Das Urteil von Nürnberg (20.15 Uhr) von 1961 mit Spencer Tracy, Marlene Dietrich oder Burt Lancaster Revue passieren. Und dann stellt uns der BR endlich eine Zeugin der Zeit vor, die bis heute für die Opfer gegen die Täter kämpft: Beate Klarsfeld, bekannt als Nazijägerin. Leider läuft ihr Porträt Donnerstagfrüh kurz nach Mitternacht. Damit auch ja niemand zuschaltet.
Volk in Angst: Kriminalstatistik & Krimis
Posted: May 7, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Panikmacher
Georg Restles mitunter leicht alarmistische, aber in aller Kürze hervorragend recherchierte ARD-Doku Volk in Angst zeigt eindrücklich, wie mit der Polizeilichen Kriminalstatistik Politik gemacht wird. Das wirft auch ein Schlaglicht auf die Krimi-Dichte oder Tagesschau-Berichte im deutschen Fernsehen.
Von Jan Freitag
Klima, Kriege, Wohnungsnot. Feinstaub, Armut, Zoonosen. Höcke, Putin, Donald Trump: Es gibt 1000 gute Gründe, vor dieser Zeit Angst zu haben! Warum fällt uns jetzt schon länger, ein einziger nur ein? Wer vor drei Wochen verfolgte, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Land aufwühlt, stand womöglich kurz vor der inneren Emigration. Fürs „Rekordhoch“ angezeigter Gewaltdelikte, machten Bild und AfD schließlich vor allem die äußere Immigrationverantwortlich. Oder im Duktus populistischer Stimmungsmarodeure: Die Ausländer. Plural. Also alle?
Der haltungsstarke ARD-Journalist Georg Restle hat da seine Zweifel und prüft „Faesers Schreckensbilanz“ plus „Staatsversagen“ mal eingehend auf Populismusverdacht. Nüchtern betrachtet stieg die Zahl polizeibekannter Verdachtsfälle von gefährlicher Körperverletzung und sexualisierter Gewalt bis hin zu Mord und Totschlag tatsächlich um 1,5 Prozent. Die der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass gar um weitere sechs Punkte. Was aber sagt beides aus? Dieser Frage geht die Monitor-Doku „Volk in Angst“ ab heute in der Mediathek nach.
Kurze, aber präzise 30 Minuten führt sie auf die Reise durch ein furchtsames, argwöhnisches, kleinmütiges Land. Es beginnt am Dortmunder Hauptbahnhof, für Blaulichtmedien „einer der gefährlichsten Deutschlands“. Die Jahresbilanz klingt ja auch happig: 764 Gewalttaten an einer eher regional als national relevanten Zugstation. Andererseits, betonen Ortskundige wie Christina Wittler von der Bahnhofsmission oder Sachkundige wie Prof. Gina Wollinger von der Polizeihochschule NRW, gelten die meisten Angriffe Obdachlosen und Drogenabhängigen, ausgerechnet denen also, die anderen Angst machen.
Aus Sicht des Freiburger Kriminologen Dietrich Oberwittler enthält die PKS also nicht nur „hohe Dunkelziffern“, sondern „systematische Verzerrungen“. Rund ein Drittel eingestellter Verfahren zum Beispiel oder die Tatsache, dass Menschen migrantischer Herkunft weitaus öfter kontrolliert und angezeigt werden als biodeutsche. Georg Restle sieht in der PKS abgekürzten Polizeistatistik somit nur einen „Arbeitsnachweis der Polizei, kein realistisches Bild“. Und das wird 500 Kilometer südlich noch deutlicher. Sigmaringen. Badisches Fachwerkidyll. 17.000 Einwohner. Alle in Selbstisolation, so scheint es.
Zwei befragte Passanten jedenfalls trauen sich vor lauter Ausländerkriminalität kaum noch raus. Die Flüchtlingsunterkunft, noch Fragen? Ein Beamter der dortigen Polizeiwache korrigiert jedoch, Straftaten gebe es nur innerhalb der Einrichtung. Jung, männlich, sozial benachteiligt, sind viele der Insassen naturgemäß gewaltaffiner als, sagen wir: ältere Anwältinnen, und damit zwar füreinander gefährlich. Für andere weniger. Was empirisch belegbar ist, müsste man halt nur noch allgemein bekannt machen. Leider geschieht das Gegenteil.
Eine Erhebung der Macromedia Hochschule Hamburg hat ergeben, wie tendenziös das Fernsehen Gewalt thematisiert. Während ein Drittel der Tatverdächtigen Nichtdeutsche sind, betrug ihr Berichtsanteil 84,7 Prozent. Selbst die Tagesschau, meint WDR-Moderator Restle, gewichte einseitig. Während der arabische Anschlag von Magdeburg Ende 2024 acht Beiträge und einen Brennpunkt nach sich zog, waren es beim deutschen von Mannheim vorigen März zwei ohne Sondersendung. Womit wir beim Untertitel von „Volk in Angst“ wären: „Wie mit Verbrechen Politik gemacht wird.“
Angst, weiß Macromedia-Professor Thomas Hestermann im SZ-Interview, „generiert Quoten, Klicks und Wählerstimmen“, sie sei also „ein Geschäftsmodell“. Und darin wirkt wenig auf abstoßendere Art anziehend als die rassistisch genährte Furcht vorm schwarzen Mann – das wusste schon der Paranoia-Dirigent Eduard Zimmermann, als er ab 1967 unterm Aktenzeichen XY reihenweise dunkler Gestalten durch hiesige Wohnstuben schickte. Dabei geschehen bis zu 60 Prozent der Tötungs- und Dreiviertel aller Sexualdelikte im „sozialen Nahfeld“, also unter Bekannten und Verwandten. Rund 100 Femizide im Jahr zeigen: die größte Gefahr für Frauen liegt nicht im Bett der nächsten Asyleinrichtung, sondern dem eigenen.
Das Risiko, fernab davon Opfer physischer Gewalt zu werden, ist ungleich kleiner als in den USA. Die Kluft zwischen Kriminalitätsrealität und ihrer Wahrnehmung hat folglich andere Ursachen – politische, kulturelle, ökonomische, psychosoziale. Und sie werden zwar medial selten erzeugt, aber nachhaltig verstärkt. Macromedia-Studien zufolge etwa dadurch, dass TV-News und -Magazine bereits 2017 doppelt so häufig über Gewaltverbrechen berichtet hatten als zehn Jahre zuvor und 2023 den nächsten Höchstwert erreichten.
Deutschland, sagt Thomas Hestermann, „ist eins der sichersten Länder der Welt“, aber seine Bevölkerung „geradezu angstsüchtig“. Im Sog des sprachlichen Exportschlagers german angst fluten uns Mediatheken, Podcasts, Buchgeschäfte mit „leichtem Grusel“ popkultureller Real und Fake Crime. Allein der Tatort zählt surreale 2,3 Todesopfer pro Fall. Im Rekordjahr 2014 waren es gar 150 von bis zu 2000 Tötungsdelikten, die Fachleute Jahr für Jahr am Bildschirm zählen – das Dreifache der aktuell 668 Fälle, die ihrerseits einen Bruchteil des Höchstwerts von 1993 darstellen.
Die Sorge, Opfer einer Straftat zu werden, das misst die Versicherung R & V seit langem, geht zwar kontinuierlich zurück. Von vier Fünfteln der Deutschen 1990 auf derzeit 20 Prozent. Für den Freiburger Kriminologen Hans-Jörg Albrecht „nimmt das subjektive Sicherheitsempfinden“ abgesehen von einer „Beule im Zuge von Angela Merkels Flüchtlingspolitik nach 2015“ tendenziell sogar zu. Parallel aber beeinflusst die Menge publizistisch verabreichter Verbrechen gepaart mit der fear mongering genannten Panikmache manipulativer Medien das kollektive Sicherheitsempfinden.
„Je mehr Konsum, desto mehr Kriminalität“ – auf die Formel bringt Albrecht auf SZ-Anfrage den Zusammenhang von echter und verbreiteter Verbrechensdichte. Im Rahmen seiner Kultivationshypothese, wonach ein Übermaß an Fernsehen individuelle Weltbilder prägt, sprach der Kommunikationsforscher George Gerbner schon vor 50 Jahren vom Mean World Syndrome. Dem Gefühl einer feindseligen, gefährlichen Welt dank zu viel Bildschirmgewalt also, die der Doomscrolling genannte Hang des Digitalzeitalters, schlechte Nachrichten durch noch schlechtere zu bestätigen, weiter verstärkt.
Während die Aufklärungsquote handelsüblicher Krimis nahe 100 Prozent gepaart mit dem „CSI-Effekt“ unfehlbarer Forensik das Publikum in Sicherheit wiegt, müssen die Verbrechen von Nordic Noir bis Real Crime somit immer blutiger werden. „Heute brauchst du schon einen Toten mit krassem Hintergrund, damit es gekauft wird“, sagt ein Essener Polizeireporter in Restles Reportage über sein Metier. „Mord und Totschlag führen zu Emotionen, Spannung, Aufregung“, pflichtet Fernsehforscher Albrecht bei. „Langwierige Ausführungen zu CumEx-Geschäften eher nicht“. Es sei denn, die Täter wären Geflüchtete.
Eingelocht: Arte & Minigolf
Posted: April 16, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentGernegroßes Kleinstvergnügen
Die bezaubernde kleine Arte-Serie Eingelocht handelt sechsmal 12-15 unscheinbar tiefgründige Minuten von einem Minigolfplatz irgendwo in Frankreich, auf dem wechselnde Figuren zwischen Loch 1 und 18 wahrhaftige Sorgen und Nöte der großen Gesellschaft im Kleinen durchspielen. Toll!
Von Jan Freitag
Und Größe zählt doch! Wer oder was warum auch immer geringere Abmessungen hat als andere, steht schließlich schnell im Ruf der Unvollkommenheit. Kleine Autos gelten als unfallgefährdet, kleine Ortschaften als provinziell, kleine Portionen als unzureichend, kleine Menschen als durchsetzungsschwach. Und da war noch nicht mal vom Minigolf die Rede. Verglichen mit Maxigolf auf kleinstadtgroßer Fläche, das muss sogar Marc einräumen, ist die Spielplatzversion „banal.“ Banal?
Welch ein Affront! Vor allem aber: welch ein Irrtum! Findet zumindest Chacha (Rosa Bursztein), die sich mit ihrem Mann (Nicolas Bernot) gerade auf der Tour de France de Minigolf zwischen Nordsee und Mittelmeer, Alpen und Atlantik befindet. Bislang 1486 Plätze in zwei Jahren, also zwei pro Tag. Bei Wind und Wetter. Dafür haben die zwei Finanzbeamten nicht nur unbezahlten Urlaub genommen, sondern praktisch „alles geopfert“, wie Chacha den Banalitätsvorwurf abbügelt. Und zwar aus gutem Grund.
Denn Minigolfplätze, erzählt sie dem Lokalreporter Hadrien (Édouard Sulpice) auf ihrer Schlussetappe, „sind wie Menschen“. Jeder sei anders. Auch Nummer 1487 also, auf den wir das Paar ab heute zu Beginn der Arte-Serie Eingelocht begleiten. Zwischen Bahn 1 und 18 einer grünen Betonoase irgendwo im Nirgendwo Frankreichs, erzählt es jedoch nicht nur vom gernegroßen Kleinstvernügen ganz gewöhnlicher Leute. Maximal knackige 15 Minuten pro Folge malen Maxime Chamoux und Sylvain Gouverneur ein Fernsehgemälde auf Kinoformat.
Vor vier Jahren haben die beiden Filmemacher ähnlich alltägliches Serienpersonal 50 erfolgreiche Episoden lang Tag für Tag für Tag Punkt 18:30 auf dem Heimweg vom Büro zur Bushaltestelle begleitet. Jetzt suchen sie erneut nach dem Ganzen im Halben und werden auf der leicht angejahrten Anlage von Managerin Sylvie (Jeanne Arènes) ebenso bezaubernd fündig. Zum Auftakt etwa bittet der Personalchef Gilles (Nicolas Lumbreras) die alleinerziehende Faïza (Saffiya Laabab) zum Bewerbungsgespräch, wo sie zwischen Abschlag und Loch zugleich Siegeswillen und Teamgeist beweisen soll.
Später lädt der unsichere Single Gautier (Théo Navarro-Mussy) seine alleinerziehende Internet-Bekanntschaft Claire (Agnès Miguras) zum ersten Date hierher und kriegt es nebenbei mit ihrem Sohn sowie einem Hund zu tun. Davor spielt Cécile (Chloé Stefani) gegen ihre Schwester (Bérengère McNeese) darum, wer von beiden dem kranken Bruder ein Organ spendet. Und wenn diverse Figuren im Staffelfinale nach Art einer Mockumentary erklären, warum der greise Jacques an jedem 14. Juli pausenlos Bahn 7 spielt, wird „Eingelocht“ endgültig zur federleichten Gesellschaftsstudie von fast philosophischer Tiefe.
Das Besondere an diesem Kleinod mikrosozialer TV-Unterhaltung besteht dabei darin, dass der Minigolfplatz nicht bloß ein drolliger Drehort ist, dem sechs Folgen lang wahllos Geschichten übergestülpt werden. Wie Amazon Primes Discounter im Hamburger Vorstadtsupermarkt, wie der Brandenburger Bäckereiwagen Tina Mobil, wie das Bestattungsinstitut von Six Feet Under oder zuletzt ein Marzahner Nagelstudio als Refugium widerstandsfähiger Wohlstandsverlierer: Auf Sylvies Minigolfplatz verbinden sich kleine bis große Dramen organisch mit dem Belag darunter und umgekehrt.
Alle sechs Episoden sind daher abgeschlossen, aber lose verzahnt. Die Hasenfigur aus Folge 6 schaut acht Zehntelsekunden aus dem Bildschirmrand von Folge 2 vorbei. In Folge 5 hört man die Schwestern aus Folge 2 streiten. Durch Folge 4 fliegt ein Gegenstand aus Folge 3. Alles ganz lustig, alles zu unscheinbar, um dem Wesen echter Probleme wahrhaftiger Menschen Aufmerksamkeit zu entziehen. Denn wenn der blinde Domi (Guillaume Muller) beim Einlochen ohne Sicht auch seinen Liebeskummer zu besiegen, könnte es in billigen Slapstick münden. Tut es aber nicht.
Dafür sorgen schon fabelhafte Darstellerinnen und Darsteller, denen man ihre Figuren jederzeit abkauft. Was wiederum an Drehbüchern liegt, in denen Chamoux und Gouverneur eine Komödiengrundregel beherzigen: Nimm die Handlung und ihre Pointen nicht wichtiger als die Figuren und ihre Persönlichkeiten. Eingelocht ist daher mal lustig, mal traurig, meist beides in einem, aber selten selbstgefällig, gar berechnend. Faïzas angehender Arbeitgeber ist folglich ein Paradebeispiel des toxischen Mannes, der sich für unwiderstehlich hält und davon selbst dann noch redet, wenn ihm seine Inkompetenz um die Ohren fliegt.
Trotz des lächerlichen Profioutfits inklusive Golftasche und Handschuh, führen ihn die beiden Regisseure aber nicht vor, sondern lassen ihn in aller Seelenruhe an seiner Selbstüberschätzung scheitern. Dafür brauchen sie keine schnellen Schnitte, lustigen Twists oder gefährlichen Querschläger. Es reicht, Individuen dabei zuzusehen, Anspruch und Wirklichkeit ihrer Existenzen bei einer kindlichen Freizeitbeschäftigung in Einklang zu bringen, die einfach aussieht, aber so kompliziert ist wie das Leben. Auf dem Minigolfplatz kommt es erst richtig zur Geltung. Banal ist das nie. Aber sehr amüsant.
„Eingelocht“, 6 x 12-15 Minuten, ab 8. April bei Arte.tv
The Handmaid’s Tale: Fiction & Reality
Posted: April 11, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchlussstrich unters Horrorszenario
Mit der sechsten Staffel in fast acht Jahren endet die verstörende Zukunftsdystopie The Handmaid’s Tale bei MagentaTV. Und zwar ausgerechnet in einer Zeit, wo ihre Fiktion Realität zu werden droht. Fazit einer Serie, die anfangs zu schrecklich war, um wahr zu sein. Lange her…
Von Jan Freitag
Kanada ist, wer würde dies bestreiten, eine topografisch spektakuläre, international geachtete, politisch selbstbewusste, allem Anschein nach standhafte Nation. Sie lässt sich daher von niemandem so leicht unterkriegen. Auch nicht unterm Druck der weltgrößten Militär- und Wirtschaftsmacht, die das Rückgrat des zweitgrößten Landes grad einem Belastungstest aussetzt, dem beileibe nicht jedes widerstehen würde. Wer ihm dabei aus sicherer Entfernung zusieht, hält es da durchaus für denkbar, wie Kanada sich ab heute zum letzten Mal bei MagentaTV zeigt.
Als Hort liberaler Ideale nämlich, der dem aufkeimenden Faschismus im Süden trotzt. Und nein, damit ist nicht Donald Trumps Zoll-Regime gemeint. Es geht um Gilead. Benannt nach einem Reich biblischen Ursprungs, haben christliche Fundamentalisten die USA in dieses postapokalyptische Patriarchat verwandelt, das den letzten Rest fruchtbarer Frauen zu Gebärmaschinen degradiert. Ein misogynes Horrorszenario, das bei der Premiere 2017 ähnlich undenkbar schien wie die Rückkehr der Taliban oder fünf Jahre später Trumps Rückkehr.
Wenn The Handmaid’s Tale nun mit Staffel 6 endet, zeigt sich also das prophetische Potenzial der Hauptverantwortlichen dieser aufsehenerregenden Serie. Kurz, nachdem Margaret Atwood 1985 den zugehörigen Roman geschrieben hatte, versprach Francis Fukuyama im Licht des Mauerfalls das Ende der Geschichte und meinte damit auch Gegner von Liberalismus, Marktwirtschaft, Demokratie. Als Bruce Miller den Besteller dann 2016 zur Serie aufbereiten ließ, schien der schwarze US-Präsident Barack Obama dem Showrunner trotz aller Finanz- und Staatskrisen sogar Recht zu geben.
Leider hat sich dieser Optimismus vorm Start der letzten acht von 68 Folgen in Luft auflöst. Schließlich wird nicht nur das Gilead-Territorium gerade von einer Clique antipluralistischer Frauenfeinde regiert. In aller Welt befinden sich die Errungenschaften jahrhundertelanger Befreiungskämpfe auf dem Rückzug. Nur Teile Europas halten dem rechtspopulistischen Sturm noch Stand. Und Kanada, versteht sich, das nächstgelegene Refugium. Dorthin zog es folglich auch die Hauptfigur June (Elisabeth Moss), nachdem sie ihr Dasein zwei Staffeln lang als lebender Brutkasten gefristet hatte.
Nach furchtbarer Irrfahrt durch Herrenhäuser und Frauenkäfige Gileads, verhalf sie 86 Kindern zur Flucht ins gelobte Land nordwärts. Mehr noch: mit Ehemann Luke (Olatunde Fagbenle), der Verbündeten Moira (Samira Wiley) und dem Kollaborateur Tuello (Sam Jaeger) baute June in Kanada eine Form feministischer Widerstandsbewegung entflohener Mägde gegen das alttestamentarische Regime im Süden auf. Ein Gottesstaat, dessen Religiosität nur als Feigenblatt männlicher Machtgelüste dient. Doch zu Beginn der finalen Staffel ist auch dieser Rückzugsort bedroht.
Da Kanada Flüchtlinge wie sie wieder ausweist, sitzt June mit Baby und gebrochenem Arm plötzlich neben der verhassten Witwe (Yvonne Strahovski) ihres alten Besitzers im Zug nach Süden, wo der Kampf gegen die Unterdrückung weitergeht. Wie genau, wird hier nicht verraten. Was die Serie in den ersten vier Staffeln allerdings faszinierend machte, findet auch jetzt seine Fortsetzung. Denn abgesehen von der grundbösen Aufseherin Lydia (Anne Dowd), leiden Opfer und Täter, Sklavinnen wie Halter gleichermaßen an der retrofuturistischen Steinzeittyrannei.
Selbst Profiteuren gewährt sie wenig Freude an ihrer schönen neuen Welt. Und genau darin besteht die Faszination einer zeitlosen Near-Future-Serie, deren Ästhetik zugleich anzieht und abstößt. Beides perfekt verkörpert von Elisabeth Moss, die Junes Achterbahnfahrt von untertäniger Demut über aufkeimende Renitenz bis zur entfesselten, aber kontrollierten Wut mit ihrer Mimik allein Ausdruck verleihen kann wie kaum eine Schauspielerin sonst. Wenn ihr Ringen um Selbstbehauptung für sich und ihre Schicksalsgenossinnen im Rachefeldzug gipfelt, haben sich einige der Eskalationsspiralen zwar abgenutzt.
Sie entfalten allerdings auch weiterhin einen Sog, dem man sich anders als bei der auserzählten Referenzgröße The Walking Dead schwer entziehen kann. Das liegt wohl auch an der bedrückenden Atmosphäre und ihrer fabelhaften Ausstattung. Zwischen Darth Vaders tiefschwarzem Helm (Star Wars) und Uma Thurmans dottergelbem Overall (Kill Bill) zieren die blutroten Kutten unter schneeweißen Hauben schließlich längst das Museum ikonischer Filmaccessoires. Ihre Wirkung lässt sich bestens im Showdown von Handmaid’s Tale bestaunen.
Wenn die unverwüstliche Hauptfigur darin mit ihrer kleinen Armee aufsässiger Mägde während einer hochherrschaftlichen Hochzeit in retrofuturistischer Cyberpunk-Ästhetik aufmarschiert und dabei „lieber Gott, gib uns die Kraft diese gottverdammten Motherfucker zu töten“ zischt, schaltet das Format ein letztes Mal in jenen Überwältigungsmodus, der es so unvergleichlich macht. Und zieht – was zusehends kritische Bewertungen auf Portalen wie Metacritics oder Rotten Tomatos unterstreichen – rechtzeitig einen Schlussstrich. Möge er den machtversessenen Missbrauch der Religion bei aller guten Unterhaltung niemals so weit kommen lassen wie in dieser wegweisenden Serie.
Das zweite Attentat: Bushs Lügen & ARDs Serie
Posted: April 4, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentFototapetenverschwörung
Die Story des deutschen Ingenieurs arabischer Herkunft, der George W. Bushs Irak-Invasion mit einer Reihe von Lügen über Saddams Giftgaslabore herbeiführen half, ist schlicht zu gut, um daraus kein Historytainment zu machen. Leider wurde es Das zweite Attentat (Foto: ARD Degeto/Thomas Kost) im Ersten.
Von Jan Freitag
Die größten Skandale eignen sich naturgemäß auch für großes Historytainment. NSU-Morde, Gladbeck-Drama, RAF-Terror, Wirecard-Pleite, das CumEx-System krimineller Banken – alles teilweise mehrfach fiktionalisiert, gern mit den Klarnamen zentraler Figuren wie Zschäpe, Rösner, Meinhof, Marsalek, Olaf Scholz und jetzt bereits zum zweiten Mal: Rafid Ahmed Alwan. Nie gehört? Na, dann vielleicht sein Pseudonym. Als Curveball wurde der deutsche Ingenieur irakischen Ursprungs schließlich 2017 ein bisschen weltberühmt.
Damals kam raus, dass er den BND so beharrlich mit Falschformationen über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen gefüttert hatte, bis George W. Bush wider besseres Wissen einen Angriffskrieg begann, der zum Flächenbrand wuchs. Wahnsinnige Wissenschaftler und angriffslustige Präsidenten, alternative Fakten und intrigante Agenten – es war eine Frage der Zeit, bis die Räuberpistole als Reenactment im Fernsehen landet. Dumm nur, dass es das deutsche ist…
Während sich Johannes Naber (Der Albaner) in seiner bitterbösen Satire Curveball – Wir machen die Wahrheit bereits 2020 über den Stoff lustig gemacht hatte, versuchen es Barbara Eder und Philipp Osthus nun auf die ernste Tour. Gute Idee eigentlich. Und bestens besetzt. Die Hauptrolle des ARD-Sechsteilers Das zweite Attentat spielt der talentierte Noah Saavedra. 20 Jahre, nachdem er den Racheakt serbischer Nationalisten an seinem Vater knapp überlebt hatte, lebt sein Sohn des Elitesoldaten Frank Jaromin als Fotograf Patrick Schneider im Athener Zeugenschutzprogramm.
Dann aber stirbt dessen Mutter und hinterlässt ihm seltsame Bilder, auf denen er Papas Mörder entdeckt. Damit werden verblasste Erinnerungen wach und bringen Franks Filius auf die Spur einer Verschwörung verschiedener Geheimdienste, die eher mit dem Irak-, als dem Bosnien-Krieg zu tun haben: In Mamas Nachlass befindet sich nämlich eine CD mit Informationen, die Curveballs Giftgaslabor-Lüge widerlegen und damit die Basis für Bushs Angriff.
Sie enthalten also das, was man politischen Sprengstoff nennt. Zu Schade, dass der erfahrene Schriftsteller Oliver Bottini die Lunte legt. Als Drehbuchautor ein Anfänger, verzapft sein Writers Room nämlich Skripte, aus denen Barbara Eder das macht, was sie in Serien wie Concordia oder Barbaren und besonders der missratenen Adaption von Frank Schätzings Schwarm angedroht hatte: oberflächlich reizvolle, inhaltlich kraftlose Fiktionen, deren Dramaturgie Fragen aufwirft, was schlimmer ist: die Effekthascherei, ihre Küchenpsychologie, deren Didaktik?
Eine Antwort erfolgt wie immer entlang individueller Geschmacksgrenzen und Erwartungshaltungen, die sich jeder Wertung entziehen. Während für verschwörungsaffine Actionfans mit Faible für bildhübsche, vorgestanzte, exaltierte Figuren reichlich Eye-Candy enthalten ist, werden differenzierungsfreudige Dialogkinofans mit Schwäche für lebensechte, ambivalente, gewöhnliche Figuren eher unterversorgt. Beides hat seine Existenzberechtigung, beides kann auf unterschiedliche Art gut unterhalten. Falls die Verantwortlichen ihre Story ernstnehmen.
Handwerklich kann Das zweite Attentat da durchaus überzeugen. Sein Sounddesign ist weniger aufdringlich als im Thriller-Genre üblich, die ständigen Zeitsprünge von 2023 bis 2003 und zurück wirken nicht überinszeniert und wirken besonders im arabischen Raum verblüffend authentisch. Leider sind der Homeland-Kopie, die den Faden verbündeter Agenten im Kampf gegeneinander von Zero Dark Thirty bis The Looming Tower zum Irak-Krieg knüpft, dramaturgische Befindlichkeiten herzlich egal. Hauptsache, Schwarzweißcharaktere triggern vor Fototapeten gut erreichbare Hirnareale.
Wenn der moralisch makellose Sympathieträger des nebenamtlichen Models Saavedra die (natürlich) bildhübsche Frauenrechtsaktivistin Simin (Delaila Piasko) trifft, blicken sie daher (natürlich) auf die Akropolis, weil – Athen eben. Ein Strippenzieher des Bösen muss seine Bosheit damit belegen, dass er zu Mozarts Requiem im Kimono rotbeleuchtet Bonsaibäume gießt, bevor sein noch fieserer BND-Kollege (Jakob Diehl) missliebige Akten verbrennt. Ihre Auftragskiller können sich Eikon Media und Deal Productions im Degeto-Auftrag derweil nur im Cyberpunk-Blutrausch à la Luc Besson vorstellen.
Wieso der Grundschüler Alex bis heute zwar deutlich sichtbar zum Endzwanziger Patrick reifen durfte, Desirée Nosbuschs BKA-Agentin Lay die 20 Jahre seit 2003 dagegen ohne jeden Alterungsprozess durchlaufen hat, bleibt da das Geheimnis einer Serie, die viel Energie auf Optik, Action, Attraktivität verwendet, aber wenig auf Logik, Tiefgang, Originalität. Autobiografische Flashbacks handlungsrelevanter Charaktere zeugen deshalb – wie Zeitreisen oder Amnesie – von erzählerischer Faulheit. Weshalb sie ihre Funktion auch ständig verlautbaren.
„Ihr Vater war als Soldat für die Bundeswehr für Auslandseinsätze zuständig“, sagt Patricks Psychologin bei der geschätzt 306. Therapiesitzung. „Ja“, bestätigt ihr Patient. „Beim Einsatz in Bosnien hat er einen Kriegsverbrecher erschießen müssen, und seine Anhänger haben sich dafür gerächt“, worauf sie ihm (also uns) erklärt: „Es waren keine Deutschen, es waren Serben, deswegen sind Sie auch im Zeugenschutzprogramm“. Gut, dass wir mal drüber geredet haben. Weniger gut jedenfalls als die Serie und ihr öliges Happyend mit Fortsetzungspotenzial im Ganzen. Zumindest für Fans feinsinniger Spionagethriller.
KRANK Berlin: Medical & Realität
Posted: March 12, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentWenn’s brennt, brennt’s richtig
Krankenhausserien gibt es viele, aber zumindest hierzulande war noch keine so wie KRANK Berlin – eine Realfiktion von AppleTV+ am Rande der Erträglichen, die gerade deshalb herausragendes Fernsehen ist.
Von Jan Freitag
Triage ist ein vergifteter Begriff. Während das medizinische Fachpersonal im angloamerikanischen Raum damit zunächst mal nur die Behandlungsdringlichkeit zeitgleich eintreffender Patienten vorsortiert, gilt er hierzulande seit Corona als inhumane Selektion nach Leistungsprinzip – auch und gerade bei denen, die sie vornehmen. Wenn Dr. Parker das Personal ihrer Notaufnahme zur Triage bittet, macht sich deshalb zügig Unmut breit. Allerdings weniger wegen humanistischer als pragmatischer Gründe.
Bei aller Hilfsbereitschaft bringt sie fürs überlastete Personal schließlich vor allem Bürokratieaufwand mit sich. Und den kann im KRANK, wie die namenlose Großklinik am Berliner Brennpunkt nur heißt, echt niemand gebrauchen. KRANK sind darin ja nicht nur 250 Patienten auf einmal, „wenn’s brennt“, und 300, „wenn’s richtig brennt“, wie Parkers Vorgesetzter die Neue begrüßt. KRANK ist der gesamte Organismus, von dem sie versorgt werden. Wie krank das, sehen wir von Beginn einer Serie an, die nach langer Odyssee bei Apple gelandet ist. Vor sechs Jahren hatte der englische Notarzt Samuel Jefferson mit dem deutschen Autor Viktor Jakovleski das Treatment bei Sky vorgelegt. Jetzt geht sie bei der Konkurrenz aus Cupertino als Achtteiler online.
Wobei ihr Weg nicht halb so steinig war wie der, den alle Beteiligten solcher medizinischen Durchlauferhitzer von Einlieferung und Triage bis Erstversorgung und Abschied nehmen. Im Drehbuch des achtköpfigem Writers Room wechselt Suzanna Parker (Haley Louise Jones) aus ihrer gemütlichen Münchner Geriatrie ins rastlose Krank(enhaus) nach Neukölln. Und das mag ein „fiktionales Amalgam unterschiedlichster Recherchen, Orte, Erfahrungen, Träume, Visionen“ sein, wie Producer Henning Kamm den Drehort eines verwahrlosten Ostberliner Sport- und Erholungszentrums der Achtzigerjahre beschreibt. Ähnlichkeiten mit dem Alltagswahnsinn der Charité dürften dennoch eingepreist sein.
Gleich nach ihrer Ankunft befindet sich Dr. Parker inmitten chaotischer Zustände, denen Slavko Popadićs Dr. Weber ein angemessen verwüstetes Gesicht gibt. Nach durchfeierter Nacht müsste der Unfallchirurg eigentlich seinen Rausch ausschlafen. Auch auf Partydrogen jedoch wirft er sich in einen Dienst ohne Vorschrift, der die komplette Klaviatur stationärer Krisenbewältigung zwischen Professionalität und Improvisation spielt. Zunächst bleibt somit offen, was in der Serie nun dysfunktionaler ist: das KRANK, sein Personal, dessen Kundschaft oder die Gesundheitspolitik im Ganzen.
Früher geklärt ist hingegen, dass die Regisseure Alex Schaad und Fabian Möhrke Protogonisten plus Publikum alles abverlangen. Wie 2016 in der dokufiktionalen Rettungsstelle des CBS-Blutbads Code Black oder dem gynäkologischen BBC-Realitycheck This Is Going to Hurt sechs Jahre später, könnte KRANK Berlin vom Medical wirtschaftswundervoller Bauart folglich kaum weiter entfernt sein. Eine Fernseharztgeneration, nachdem die weißen Halbgötter in George Clooneys Emergency Room erstmals blutige Kittel bekamen, haben sich Klinik- und Praxisfiktionen der Wirklichkeit zwar angenähert.
So unverblümt wie bei Apple aber hat zumindest aus deutscher Produktion nicht mal das großartige Hebammen-Porträt Push am offenen Herzen der medizinischen Mängelverwaltung operiert. Kein Wunder, dass sich Dr. Parker bereits in Minute 33 zum Schreien in eine Abstellkammer verzieht und kurz darauf zum Heulen vor die Tür. Schließlich muss sie nicht nur pausenlos den Ausnahmezustand bis hin zum Bauchschuss betreuen; ebenso schlimm ist ein Kollegium, das der Neuen mit abgebrühter Geringschätzung entgegentritt.
„Ich geb‘ ihr drei Tage“, sagt Dr. Ertan (Şafak Şengül) am Ende der Premierenschicht und weiß die Statistik von vier verschlissenen Chefärzten in zwölf Monaten hinter sich. Weil sich Kollegin Parker als stressresilienter erweist, werden es jedoch – obwohl im Neonlicht nur zu ahnen ist, ob Tage oder Jahre vergehen – volle acht Folgen. Was darin passiert, wirkt mitunter dick mit stereotyper Tinte aufgetragen. Wie üblich im Fernsehentertainment ist Suzanna Parker (Haley Louise Jones) vor etwas Privatem nordostwärts geflohen, wo Klinikchef Beck (Peter Lohmeyer) trotz dünner Personaldecke nichts Besseres zu tun hat, als ihr den Einstieg mit einer betriebsinternen Ermittlung zum Tod einer Patientin schwer zu machen, für die der schwerstabhängige Ben verantwortlich zu sein scheint.
Dass er irgendwann Müllcontainer nach Drogen durchwühlt und darin zudröhnt wegdämmert, erfolgt ebenfalls eher im Spätdienst krasser Figurenzeichnung als inhaltlicher Stringenz – vom Dauereinsatz der glaubhaften Rettungswagen-Besatzung Olivia (Samirah Breuer) und Olaf (Bernhard Schütz) auf Swinger- und Technopartys oder einem Staffelfinale im 9/11-Stil ganz zu schweigen. Für Producer Kamm indes agiert sein Team „in der gesunden Mitte aus larger than life und such is life“. Zugleich real und fiktional, plausibel und kurzweilig.
All dies ist KRANK von der ersten bis zur letzten Szene einer Serie voller Gefühl, aber ohne Sentimentalitäten. Beides machen Schaad und Möhrke mal mit halluzinierender Schnittfolge, mal mit quecksilbriger Zeitlupe, hier in fiebriger Hektik, dort in routinierter Ruhe fast körperlich spürbar. „Surreal ist nur“, sagt Henning Kamm, dass Dr. Parker „im Emergency Room gendert“. Nicht aus Konservatismus, sondern Zeitmangel. Man fühlt ihn in jedem Moment einer grandiosen Milieustudie aus dem Fegefeuer der Hölle namens Gesundheitssystem.
