Kominsky Method: Michael Douglas & Netflix

Das schwache Gemächt

Oberflächlich schenkt Netflix den Filmlegenden Michael Douglas und Alan Arkin bloß ein heiteres Serienvermächtnis. Unter The Kominsky Method lauert jedoch eine Parabel auf die postheroische Selbstvermarktungsgesellschaft von generationsübergreifendem Tiefgang.

Von Jan Freitag

Ach weißer Mann, du arme Sau. Hunderte von Generationen hast du den Planeten beherrscht wie einst die Saurier. Berge, Täler, Weib und Tier, später gar Krankheit, Klima, Tod und Vernichtung – fast alles war dir ein volles Erdzeitalter lang so zu Diensten, dass du selbst hochbetagt weder Opposition noch Konkurrenz dulden musstest. Und jetzt, kaum 10.000 Jahre nach dem Beginn deiner Regentschaft, stehst du im Klo und pisst traurige Tropfen statt harter Fontänen? „Nun komm schon!“, raunzt ein verwittertes Exemplar sein altersschwaches Gemächt an und erntet auch noch in aller Öffentlich den Spott der eigenen Tochter fürs Blasendrama.

Man könnte glatt Mitleid kriegen mit Sandy Kominsky, wäre er nicht derart viele seiner 74 Jahre vor Kraft und Ego fast geplatzt! Vor allem aber: würde dieses fiktionale Prachtstück eines durch und durch destruktiven Geschlechts nicht von einem Darsteller verkörpert, der im Alter nur immer und immer noch besser und besser wird. Denn nachdem Amazon die Riege der Oscar-Sieger in TV-Produktionen erst vor zwei Wochen um Julia Roberts (Homecoming) erweitert hat, steigt auch Michael Douglas vom Kino-Olymp in die Welt des Serienfernsehens hernieder. Und das ist, bei aller Zurückhaltung, zum Niederknien.

Mitte der Siebziger auf den Straßen von San Franzisco zum Weltstar geworden, hatte der legendäre Sohn eines legendären Vaters den Bildschirm abgesehen von einem Cameo bei „Will & Grace“ gemieden. Nun spielt er die Titelrolle im Netflix-Original The Kominsky Method. Und nach Ansicht der ersten fünf von acht Folgen ist sein ebenso lebenssatter wie lebenshungriger, aber auch leicht lebenswunder Schauspiellehrer ein Glücksfall fürs alte, neue Medium. Schon wie er es betritt!

Minute1, mattes Licht, Kellerclubatmosphäre: „Bevor wir anfangen zu arbeiten“, sagt er zum guten Dutzend Studenten im Seminar des Ex-Filmstars, „erzähle ich euch etwas übers Handwerk“. Messerscharf zerschneidet der Blick dieser Hollywoodikone als Hollywoodikone dabei den Klassenraum, ein cineastisches Raubtier auf Beutezug nach Respekt, Achtung, echten Gegnern. Abgesehen vom Faltengebirge in seinem Gesicht scheint also alles wie in seiner Glanzzeit der Achtziger, Neunzigerjahre, denen Douglas Banker, Ermittler, Amokläufer von imposanter Dominanz verpasst hat. Und dann beißt es auch noch zu wie damals: „Ein Schauspieler tut so als sei er Gott!“ Denn was tue der? Kominsky antwortet selbst: „Gott erschafft!“

So wuchtig führt der Showrunner ein archaisches Alphatier ein, das ein archaischeres Alphatier spielt. Doch da Chuck Lorre neben Big Bang Theory auch Two and a half Men erschaffen hat und damit zum Gott des Gelächters über männliche Selbstüberschätzung wurde, steht Michael Douglas‘ Kominsky später mit seinem Freund und Agenten Norman – noch greisenhafter gespielt vom noch älteren Alan Arkin (Catch 22) – knietief im Selbstmitleid. Wie die Kinofossile bei Old-Fashion-Drinks in Old-Fashion-Bars Old-Fashion-Probleme diskutieren ist schlicht zum Niederknien – und liftet die Messlatte eines Old-Fashion-Formats, das gottlob mehr will, als zwei Pensionären in spe ein humoristisches Spätwerk zu schenken.

Vom ersten Moment an ist The Kominsky Method nämlich eine bissige, pointenlos lustige, selten nostalgische Abrechnung mit dem Jugendwahn und wie man ihm im Alter einigermaßen würdevoll trotzt. Gemeinhin erliegen TV-Senioren ja entweder dem saftigen Spott der Golden Girls oder öligen Herrenwitz des Odd-Couple. Diese alternden Leithammel hingegen macht der schleichende Bedeutungsverlust nicht zu Zynikern. Es sind Realisten, die den Urologen schon mal fragen, ob anstelle ihrer Prostata nicht doch der Arsch gewachsen sei und ihrer schwächelnden Libido skeptisch, statt mit einer Extraportion Viagra begegnen.

Resultat ist eine Sitcom, die zwar im saturierten Mainstream der letzten Weltkriegsgeneration spielt. Doch sie erzählt uns auch viel übers postheroische Digitalzeitalter: den ewigen Zwang zur Selbstvermarktung bis ins Grab, die Sprachlosigkeit im Dauergequassel sozialer Netzwerke, das Risiko, zwischen #MeToo und #MeTwo das Falsche, also Sexistische, Rassistische, Populistische zu sagen/machen/unterlassen. Wirklich gehaltvoll wird all das indes erst, weil den alten Männern jüngere Frauen zur Seite stehen, die ihr Bemühen um Reflexion sorgsam spiegeln: Normans exaltierte Tochter Phoebe (Lisa Edelstein), deren hochgeachtete Mutter Eileen (Susan Sullivan) bald verstirbt, während sich Sandys resolute Tochter Mindy (Sarah Baker) mit der Schauspielschülerin Lisa (Nancy Travis) verschwestert, die sich im Kurs (und Herz) ihres Vaters von einer gescheiterten Langzeitehe erholt.

Ergänzt um Gaststars von Danny DeVito bis Ann-Margret blickt dieses Sextett schonungslos, aber sanftmütig in die gekippte Alterspyramide, stellt jedoch niemanden darin bloß. Das macht The Kominsky Method zur unterhaltsamen Prophylaxe der drohenden Mid- bis Endlifecrisis. Beipackzettel: Wenn man das Alter nimmt, wie es kommt, also eher tröpfchenweise als fontänenhart, wird es nicht nur erträglich, sondern echt lebenswert. Und wer könnte das besser verkörpern als der siegreiche Krebspatient Michael Douglas.


Nordlichter: Horror & Hallervorden

Heizkessel mit Hexe

Nach zwei Liebesschwerpunkten verlegt sich die NDR-Debütfilmreihe Nordlichter aufs Gruseln und macht das drei Donnerstage lang ab 22.50 Uhr sogar (meistens) sehr gut. Selbst der dramaturgisch holprige Auftakt Tian hat heute echten Mehrwert: Der Gothic-Horror aus St. Pauli thematisiert die Räumung des Chinesenviertel auf St. Pauli durch die Nazis, was sogar für die Schulbildung taugt.

Von Jan Freitag

Manchmal muss man ganz schön weit reisen, um die eigene Nachbarschaft ein bisschen besser kennenzulernen. Damian Schipporeit zum Beispiel ist erst bei einem Besuch in Shanghai aufs Chinesen-Viertel seiner Wahlheimat Hamburg gestoßen und sofort hellhörig geworden. Zurück in St. Pauli machte sich der Regisseur mit dem befreundeten Drehbuchautor Georg Tiefenbach auf die Suche nach der fernöstliche Enklave im hanseatischen Rotlichtbezirk, wurde ums Eck der Großen Freiheit fündig und bastelte daraus sein Langfilmdebüt. Genau hier nun könnte die Geschichte zu handelsüblichem Historytainment des Unterhaltungsfernsehens verflachen. Einer deutsch-asiatischen Lovestory zum Beispiel mit exotischem Flair am fotogenen Handelsplatz Hamburg.

Sehr hübsch.

Das ortsansässige Duo aber hatte etwas völlig anderes im Sinn: Einen Grusel-Thriller. Und es fand sogar einen Fernsehsender zur Realisierung: Den NDR. Dort nämlich hatte der zuständige Abteilungsleiter Christian Ganderath grad beschlossen, die Debütfilmreihe „Nordlichter“ nach zwei Liebesschwerpunkten mal zu mystifizieren. Obwohl Fiktion zum Gruseln meist aus Amerika importiert wird, erzählt Ganderath beim Pressetermin im Horror-Museum Hamburg Dungeon, reichen ihre deutschen Wurzeln „bis tief in den expressionistischen Stummfilm hinein“. Und so wurde Tian, wie Schipporeits Erstlingswerk heißt, zum Auftakt schauriger Eigenproduktionen, die ab heute donnerstags im Dritten laufen.

Der Bauingenieur Michael (Stephan Kampwirth) zieht darin mit Frau und Tochter in die real existierende Schmuckstraße, wo die Gestapo 74 Jahre zuvor das missliebige, weil „unarische“ Chinesenviertel geräumt hat. Im verwitterten Altbau wohnt allerdings nicht nur Michaels Schwiegervater Heinrich (Hermann Beyer), sondern auch eine Schar Geister der getöteten Opfer, mit denen besonders die psychisch labile Friederike (Katharina Schüttler) zu kämpfen hat. Tian, zu Deutsch: Himmel ist klassischer Gothic-Horror im Poltergeisterhaus, was die Netflix-Serie The Haunting of Hill House gerade dezent schaurig zur Perfektion führt. Im NDR jedoch werden Suspense und Tiefgang ein wenig zu oft durch dräuende Musik und zischende Heizkessel ersetzt, weshalb das zweite Nordlicht am 1. November weitaus sehenswerter ist.

In Jenseits des Spiegels zieht Julia mit Mann und Sohn auf den abgelegenen Hof ihrer verstorbenen Schwester Jette, die nach dem vermeintlichen Suizid offenbar noch immer durchs verwunschene Anwesen spukt – oder tut sie es nur im Kopf der schönen Neubewohnerin? Anders als „Tian“ gelingt es dem Hannoveraner Regisseur Nils Loofs zweiter Spielfilm nach dem Drehbuch von Ingo Lechner und Jens Pantring, die rätselhafte Atmosphäre (fast) frei von Effekthascherei aufzuladen. Julia Hartmann und Bernhard Piesk gelingt es zudem als – fürs Provinzleben etwas arg urbanes – Paar Normalität im Wahnsinn zu bewahren. Ähnliches gilt dann auch für den dritten Film der Reihe namens Wo kein Schatten fällt.

Das Debütprojekt des Kreativteams „Das Kind mit der goldene Jacke“ um Regisseurin Esther Bialas ist eine Art Coming-of-Age-Story der jungen Hanna (Valerie Stoll) die im Moor ihrer Ahnen erkennt, dass sie eine Art Hexe ist. Mit Godehard Giese, Rick Okon und Sascha Alexander Geršak bis in die Nebenrollen hinein prominent besetzt, beschränken sich die 95 Minuten allerdings nicht auf die mythologischen Aspekte moderner Magie, sondern verknüpfen sie – manchmal etwas bemüht popmodern, aber gehaltvoll – mit Themen wie der Unterdrückung weiblicher Emanzipation, die mit der Hexenverfolgung ja keinesfalls ihr Ende nahm.

Würde der NDR die Reihe am 15. November nicht absurderweise mit der völlig unmysteriösen Dieter-Hallervorden-Komödie Friesisch für Anfänger vollenden – allein die Vielfalt der Gruselstoffe wären ein gutes Argument, auch hierzulande öfters mal aufs Boomfach Mystery zu setzen. Schließlich taugt es anscheinend sogar zur Erziehung. Tian nämlich, frohlocken die Macher, wird von Drehbeginn an medienpädagogisch begleitet und demnächst an Hamburger Schulen als Teil stadtsoziologischer Bildungsprojekte eingesetzt. Horror als Hauptfach mit Film plus Exkursionen – kein schlechtes Konzept, um die fernsehferne Jugend wieder ein bisschen ans alte Leitmedium zu binden.


Spuk in Hill House: Horror & Familienepos

Retrogruselperfektion

Die unfassbar fesselnde Netflix-Serie Spuk in Hill House zeigt, was Streaming-Dienste der linearen Konkurrenz noch immer voraus haben: Horror darf, muss aber nicht unerträglich krass sein, um Nerds wie Normalos zu bedienen. Im Zehnteiler führt das zu einer fesselnden Mischung aus Familiendrama und Gothic-Grusel.

Von Jan Freitag

Der perfekte Moment des Horrorfilms geht aus Sicht des Altmeisters John Carpenter ungefähr so: Wenn man das Grauen besonders erwartet, lässt es garantiert solange auf sich warten, bis eine Entspannung eintritt, die dann umso brutaler zuzuschlagen wird. Den perfekten Moment des Horrorfilms kostet daher kaum jemand so aus wie Sheryl, wenn die Bestatterin der Netlix-Serie The Haunting of Hill House, zu deutsch etwas weniger unheimlich Spuk in Hill House ab heute einen Leichnam fürs Begräbnis im offenen Sarg zurechtmacht.

Sein Gesicht ist aschfahl, das Kellerlicht kühl. Kein Laut durchdringt die Stille, in der Sheryl allein mit sich, ihrer Schwester und der bohrenden Erinnerung ans verfluchte Elternhaus verbringt, das dem Nesthäkchen Nelly am Ende doch das Leben gekostet hat. Dank präziser Rückblenden wissen aufmerksame Zuschauer dieser unfassbar fesselnden Gruselserie nämlich längst: Shelly und Nelly sind zwei von fünf Geschwistern, die das transsylvanisch anmutende Vorstadtchalet der Architektenfamilie Crane einst so derart gespenstisch traumatisiert hat, dass die jüngste Tochter 20 Jahre später nach erfolgreichem Suizid auf dem Einbalsamierungstisch der ältesten liegt.

Gemäß den Regeln des Genres müsste nun also folgendes passieren: die Lebende pinselt an der Toten herum, letztere reißt schlagartig die Augen auf, woraufhin erstere wie am Spieß schreit und entweder den Monsteropfertod stirbt oder schweißgebadet im eigenen Bett erwacht. Doch es geschieht: Nichts. Zwischendurch kriecht zwar ein Käfer aus Nellys Mund, den Sheryl rasch als Trugbild entlarvt. Ansonsten aber dehnt John Carpenters äußerst erfolgreicher Epigone Mike Flanagan (Ouija) den perfekten Moment des Horrorfilms so in die Länge, bis er das Blut gefrieren lässt: Denn auf dem Seziertisch nebenan sitzt plötzlich Sheryls Mutter. Klar, dass die seit Jahren tot ist.

Es sind Szenen wie diese, die das Publikum von Spuk in Hill House genüsslich an den Rand des Erträglichen treiben, ohne es ganz darüber hinweg zu stoßen. Relativ frei nach Shirley Jacksons gleichnamigem, mehrfach adaptiertem Romanschocker von 1959 flößt der Zehnteiler schließlich weder mit der impulsiven Effekthascherei billiger Slasher-Movies noch virtuoser Splatter-Maskeraden zeitgenössischer Zombieserien Furcht ein. Dem Regisseur und Autor Flanagan reichen dafür nadelstichartige Andeutungen einer verborgenen Macht, die das schaurig-schöne Herrenhaus in Gestalt einer geisterhaften Frau besetzt und ihre Bewohner zu psychischen Wrack verschiedenster Art gemacht hat.

Während es die Bestatterin Sheryl (Elizabeth Reaser) ebenso wie ihre bindungsunfähige, aber lebensfrohe Schwester Theo (Kate Siegel) und den erfolgreichen Schriftsteller Steve (Michael Huisman), der für seine Spukgeschichten echte Horrorstorys einsammelt, allerdings noch recht gut getroffen hat, landen die zwei Nesthäkchen wahrhaftig im Wahnsinn. Luke (Oliver Jackson-Cohen) wird zum drogensüchtigen Loser, seine Zwillingsschwester Nelly (Victoria Pedretti) zerbricht gar vollends an der geisterhaften Erscheinung, die ihr einst am eindrücklichsten im Traum erschienen ist.

All dies macht Spuk in Hill House zu weit mehr als nur versiertem Gothic-Horror im Retro-Stil. Dank eines Casts, der bis in die virtuos verkörperten Kindercharaktere viel Erfahrung mit dem Genre hat, erschafft Mike Flanagan dazu noch ein ergreifendes Familienepos, das auch diesseits des Übernatürlichen bestens funktioniert. Da das Drama umgekehrt nicht den Zweck erfüllt, Gruseleffekte zu verkleben, erinnert die Eigenproduktion von Netflix an die besseren Momente von American Horrorstory. Von beidem kommt man kaum los – wie brutal das Grauen auch zuschlägt.


Albrecht Schuch: Uwe M. & Kruso

In der Natur werde ich ruhig

In der atmosphärischen Roman-Verfilmung Kruso um eine Schar Freigeister auf Hiddensee, die Republikflüchtlinge zum Bleiben in der DDR ermutigen, spielt Albrecht Schuch heute Abend (20.15 Uhr) im Ersten die Titelfigur – und zeigt damit zum zweiten Mal in nur drei Tagen, warum er zum Besten zählt, was das deutsche Schauspiel derzeit im Angebot hat. Ein Gespräch über Heimat, Lyrik, Rückzugsorte und warum seine Figuren oft irre lachen.

Von Jan Freitag

Herr Schuch, Sie laufen innerhalb von drei Tagen zweimal zur besten Sendezeit im Fernsehen.

Albrecht Schuch: Der Polizist und das Mädchen, Dienstag vor Kruso, stimmt.

Liegt Ihnen einer der beiden mehr am Herzen?

Ich mag beide sehr, aber das Poetische an Kruso ist schon was Besonderes.

Sind Sie ein lyrischer Typ?

Wenn es bedeutet, länger über Gedanken zu sprechen und mehr auszudrücken als nötig, absolut. Ich habe spät, erst mit elf oder so angefangen mich mit Büchern zu beschäftigen und bin bis jetzt keine Leseratte, die 15 Romane im Jahr verschlingt. Aber mein zweites Buch war von Hermann Hesse; seine ausschweifende Art zu formulieren hat mich ungemein geprägt; ich schweife ja auch unglaublich aus.

Kannten Sie die Literatur-Vorlage von Kruso?

Nein. Und als ich sie gelesen habe, brauchte ich auch etwas, um reinzukommen. Aber dann bekam die Lektüre sowas Wogendes, als stünde man auf einem Schiff. Das hat fast körperliche Empfindungen bei mir ausgelöst.

Setzt der Film das bildlich um?

Ich wünsche mir bei Buchvorlagen zwar oft, sie nicht zu kennen – aber ja, unbedingt. Unter anderem, weil man den Film nicht konsumiert, sondern auf sich wirken lässt. Weil er keine Antworten gibt, sondern Fragen aufwirft. Weil er sinnlich ist, ohne berechnend zu sein. Um das einzufangen, haben wir auch nicht auf Hiddensee gedreht; mittlerweile zu verbaut. Sondern in Litauen. Kurische Nehrung. Wild, schön, Wahnsinn! Das sah da noch aus wie vor 30 Jahren und das Wetter hat fünfmal am Tag gewechselt… Ich versuche mich stets mit dem Drehort innerlich zu verbinden, das hat da wunderbar geklappt.

Mit welchen Mitteln?

Indem ich mir zum Beispiel ein uraltes Klapprad aus Sowjet-Zeiten gekauft habe und durch die Gegend gefahren bin, um die Menschen zu erleben. So hätte Kruso das auch gemacht. Er ist da zwar noch drei Stufen weiter, aber wir beide sind sehr sensitive Menschen, die eingreifen, wenn irgendwo Gefühle offen liegen. Und am Set lagen fast alle offen. Wir haben eigentlich alle ständig geheult (lacht).

Weil Sie sich so nahe waren?

Auch das. Die meisten Darsteller kannte ich noch vom Gorki-Theater, wo Anja Schneider mal selbst den Kruso gespielt. Das waren Jugendidole, die mich trotzdem nie spüren ließen, wie viel erfahrener sie sind. Dieses Familienfest merkt man dem Film glaube ich an.

Besonders wird er allerdings durch etwas anderes.

Was denn?

Er erzählt die DDR nach all den Flucht-, Rettungs- und Wendegeschichten erstmals als Verlust, dem nachzutrauern nicht nostalgisch, sondern menschlich ist.

Definitiv! Und das hat mich, nicht nur weil ich selber aus dem Osten komme, von Anfang an so fasziniert. In dieser Heimatliebe steckt ja etwas Universelles: Warum wollen wir stets weg von dem, was wir haben, und was erhoffen wir uns, woanders zu finden, das es nicht dort, wo wir sind, bereits gibt? Das hat natürlich was Räucherstäbchenumnebeltes, ist im Kern aber die Frage aller Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Macht das den Film im besseren Sinne zum Heimatfilm?

Kruso würde das mit einem Fragezeichen versehen: Wo ist Heimat?

Und?

In dir selbst. Das gilt für Kruso, der alle, alles verloren hat, diese Leerstellen ohne Wurzeln und Familie aber durch die Nähe zu Menschen seines Vertrauens zu füllen versucht. Das gilt für uns alle, mich eingeschlossen. Auch mein Heimatbegriff ist ja nicht mit einem Stück Land oder Erde verbunden, solang man sich dort nicht mit seinen Liebsten trifft, um es mit ihnen zu teilen. Ansonsten lenkt es nur davon ab, was uns wirklich wichtig ist.

Und dafür ist ja der „Klausner“, dieser selbstverwaltete, abgewrackte, liebevoll erhaltene Gasthof ein Synonym.

Genau.

Haben Sie auch so einen Ort außerhalb der eigenen Wohnung?

Berge. Ich lebe zwar die Hälfte meiner Zeit in der Stadt, aber Natur im Allgemeinen ist mein wichtigster Rückzugsort. Ich habe von Punk bis Skater alle Modeerscheinungen der Großstadt ausprobiert, aber sobald ich zurück auf dem Land war, fiel mir auf, wie wenig Substanz alles Äußere hat. In der Natur werde ich ganz ruhig.

Das steht im Gegensatz zu Rollen von Neue Vahr Süd über NSU-Komplex bis Bad Banks und Gladbeck, in denen Sie etwas Unruhiges, Fiebriges ausstrahlen, oft ausgedrückt durch so ein unkontrolliertes Lachen.

Die Wahrnehmung höre ich zum ersten Mal, ist aber hochinteressant; schön, das mal gespiegelt zu kriegen. Abgesehen vom Reporter in Gladbeck hab ich das bislang nämlich nie bewusst eingesetzt. Ich mag allerdings die Nähe von Melancholie und Wahnsinn, vielleicht findet das darin unterbewusst seinen Ausdruck, vielleicht ist das auch die Verbindung meiner Rollen zu mir, die ich stets suche. Nach meiner Rolle im NSU-Komplex brauchte ich daher ein Jahr, um mich von meiner Rolle zu reinigen.

Angeblich musste das der gesamte Cast, nachdem er vorher beim Drehen Sieg Heil brüllend durch die Straßen gezogen ist.

Genau, da brauchten wir alle erstmal ‘ne Seelendusche, das hat auch mit Selbstschutz zu tun – zumal die Glatzen ja fast ausschließlich von Antifas aus der Umgebung gespielt wurden. Da haben wir abends am Lagerfeuer erstmal alle zusammen „Nazis raus!“gebrüllt, krieg ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Umso verständlicher ist es, dass meine Begeisterung offenbar manchmal manisch wirkt. Darüber denke ich mal nach.


Straight Family: Homosexualität & Wahrheit

Queerstraße des Mainstreams

Die funk-Serie Straight Family (Foto: funk/Pagozdi) mag raspelkurz, günstig gedreht und dann auch noch fürs Internet gemacht sein – selten zuvor jedoch wurde so lässig mit dem Thema Homosexualität unterhalten wie im dreiviertelstündigen Fünfteiler um zwei queere Geschwister in Berlin.

Von Jan Freitag

Auf dem Acker des Fernsehens sind sorgsame Bauern nach wie vor rar. Die meisten tränken ihr Feld ja weiter so intensiv mit den Pestiziden der Uniformität, dass außer Standardgewächsen nur wenig gedeiht. Inhaltlich führt das zur Monokultur aus Krimi, Familiendrama, Krimi, Familienkomödie, Krimi, Familienschnulze, Krimi und alles mit Arzt; personell werden Charaktere jenseits des Mainstreams selbst von den Nebenflüssen penetrant ins Grundwasser abgeleitet. Zum Beispiel Homosexuelle.

Heutzutage mit dem Kürzel LGBTQ erweitert, gibt es besonders im hiesigen Film & Fernsehen schließlich noch immer vor allem drei Arten der Abweichung von unserer heterosexuellen Norm: Lederschwule und Federtunten, Kampf- oder Modellesben. Sie alle kommen in der Realität vor, sie alle haben daher auch fiktional ihre Daseinsberechtigung, weil sie alle jedoch nur Varianten dieser facettenreichen Subkultur sind, fehlt zumeist, was ihr Gros ausmacht: Eher gewöhnliche Menschen mit einer eher ungewöhnlichen sexuellen Identität.

Schon deshalb ist das, was ab heute auf dem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal funk läuft, von großer Relevanz im ganz Kleinen: Die Webserie Straight Family zeigt fünf Kurzepisoden lang eine Schar homosexueller Serienfiguren, die nicht nur bemerkenswert glaubhaft sind, sondern mehr noch: nahezu frei von Klischees. Schon die allererste Szene ist zumindest aus deutscher Produktion ein Novum: Im Großraumabteil nimmt die weibliche Hauptfigur Lara (Luise Helm) Augenkontakt zu einer Fremden auf und folgt ihr ans Ende des Zuges, wo beide heftig miteinander fummeln – und zwar weder, um irgendeine Form von Voyeurismus zu bedienen, noch als Vorspiel einer Problemlage unterdrückter Randgruppen.

Bevor der One-Night-Stand richtig Fahrt aufnimmt, findet sich die angenehm unprätentiöse Lara bei ihrem ebenso herkömmlichen Bruder Leo (Ben Münchow) wieder, der die Bier-Kneipe seiner Großmutter (Us Conradi) in eine Queer-Kneipe verwandelt hat. Und hier beginnt ein Problem, dass der Serie absolut zum Vorteil gerät: Mitbesitzer Mehmet (Armin Wahedi) nämlich ist nicht nur Leos Geschäfts-, sondern auch Liebespartner, wovon die konservative Oma als Besitzerin des Ladens nichts wissen, weshalb sich Leo partout nicht outet.

Die Folge ist ein verbissener Kampf um Würde ohne Wahrheit, der dem Wahnsinn bisweilen recht nahe kommt. Wie in der baugleichen ZDF-Serie Just push Abuba, ist Straight Family daher voll überdrehter Momente, in denen sich die kaum zehnminütigen Low-Budget-Miniaturen zu maximal ulkigen Milieustudien auftürmen. Mal wird unterm Gastraum psychedelischer Schnaps gebraut, mal tanzt die homophobe Austauschschülerin dazu auf dem Tisch, meist guckt die 90-Jährige Magda dazu überdreht aus der Berliner Schnauze, doch nie kommt der Verdacht auf, die vier Nachwuchsregisseure der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) würden das Drehbuch des siebenköpfigen Writer’s Rooms dazu missbrauchen, wohlfeile Botschaften über Gleichberechtigung, Emanzipation oder noch schlimmer: Toleranz unters Netzpublikum prügeln.

Homosexuelle dürfen einfach Homosexuelle sein, deren Homosexualität gesellschaftlich zwar nach wie vor problematisiert wird, privat aber nur ein Aspekt unter vielen großstädtisch prekärer Existenzen ist. Und das hat Straight Family vielem voraus, was queere Lebensentwürfe fiktional behandelt. Seit sich der Bayrische Rundfunk 1977 aus Wolfgang Petersens Schwulendrama Die Konsequenz geklinkt hat und zehn Jahre darauf in der Lindenstraße erstmals die Zunge bei einem gleichgeschlechtlichen Kuss zum Einsatz kam, mag die Zahl queerer Charaktere zunächst langsam, dann zügig gestiegen sein; ihre Funktion bleibt nicht nur am Bildschirm dramaturgisch aufgebläht. Edgar Selge mochte zuletzt als verkappt schwuler Prediger einer freichristlichen Gemeinde im ARD-Film So auf Erden ein sensationelles Coming-Out feiern. Und wie Ina Weisse im Melodram Ich will dich! zwei Jahre zuvor einer vergleichsweise guten Ehe ins lesbische Abenteuer entflieht, war frei von der Enge früherer Stoffe.

Doch einfach nur schwul, geschweige denn lesbisch sein – das ist bis heute allenfalls made in USA die Regel, wo Serien wie Will & Grace und The L-Word oder zuletzt Banana zwar das Vorurteil von der eleganten Libertinage Andersliebender mit gutem Auskommen und Geschmack verfestigen; hierzulande dagegen muss sich fast jedes Format abschließend entscheiden, ob es bierernst oder ulkig ist, also eher Fremdschamfutter wie die Culture-Clash-Comedy Andersrum oder Mitfühlstoff wie das Kinodrama Freier Fall um zwei schwule Polizisten. Kein Wunder, dass die lesbische Schauspielerin Ulrike Folkerts seit 67 Tatorten auf so etwas wie ein funktionierendes Liebesleben wartet.

In diesem Umfeld wirkt Straight Familiy wie eine Frischzellenkur. Wenn der Schwule Fußballfan ist, sein Freund Türke und die Schwester ganz nebenbei auf Frauen steht, wird das Außergewöhnliche unterhaltsam alltäglich. Trotzdem bitten die Darsteller zwischen den Folgen, online mitzudiskutieren. So verbreitet Homosexualität am Bildschirm ist – davor dreht sich die Uhr der Emanzipation ja gerade wieder zurück. Auch darum verleiht ihr die Serie im Dialog Normalität. „Wie war‘s…“, treibt Leo mit Lara Smalltalk. „In Neuseeland?“, vervollständigt sie den Satz, fügt „ist schon so, wie alle sagen: grün, weit, schön“ hinzu und ergänzt rotzig: „Wenn irgendwat perfekt ist, kommt bei mir immer’n bisschen Kotze hoch.“ Mit Homosexualität hat das erstmal wenig zu tun, mit guten Drehbüchern sehr, sehr viel.


Sharp Objects: Mädchenmorde & Dämonen

Kleinstadt Amerika

In der fabelhaften HBO-Serie Sharp Objects recherchiert ab morgen auf Sky eine Reporterin nun auch in deutscher Übersetzung am Ort ihrer Kindheit zwei Mädchen-Morde. Dabei trifft sie nicht nur alte Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit, sondern ein zerrüttetes Land auf der Suche nach seiner Mitte.

Von Jan Freitag

Wenn Eltern bei Kindern für Ordnung sorgen, sind die Rollen verteilt. Mutter meckert, Mädchen schweigt – so ist es auch bei Camille Preaker, als Mama Adora ihr für Frevel der vorigen Nacht die Leviten liest. „Blamier‘ mich nicht noch mal!“, fordert sie von der Tochter und legt wütend „das fällt bloß auf mich zurück“ nach. Was Erziehungsberechtigte halt so sagen, wenn sich Heranwachsende voll daneben benehmen. Nur: Adora ist seit locker 15 Jahren nicht mehr erziehungsberechtigt, weshalb Camille allein entscheiden darf, wie sie sich nach welcher Alkoholmenge benimmt. Zumindest im großen St. Louis.

Im kleinen Wind Gap dagegen hat Adora das Sagen. Und die findet es gar nicht lustig, dass ihr Kind nach Jahren der Abwesenheit als Reporterin ins ländliche Missouri zurückkehrt, um bei der Recherche zweier Mädchenmorde besoffen im schrottreifen Volvo zu pennen. Die neue HBO-Serie Sharp Objects handelt also nur an der Oberfläche von einem Kriminalfall in der amerikanischen Provinz. Darunter geht es nach der Originalfassung ab heute auch in deutscher Übersetzung auf Sky um viel, viel mehr. Mit jeder Flasche Schnaps aus der Hotelbar nämlich, mit jeder Rückblende in die Zeit ihrer Jugend, mit jeder Selbstausbeutung im Dienst der Wahrheit über sich und die alte Kleinstadtwelt wird klarer: Am Beispiel der unfreiwillig heimgereisten Camille leuchtet der Achtteiler die amerikanische Gesellschaft im Ganzen aus.

Wie schon in seiner grandiosen Speckgürtel-Studie „Big Little Lies“, gelingt es Jean-Marc Vallées Adaption von Gilbert Flynns Bestseller Gone Girl eindrucksvoll, Orte durch seine Menschen zu erzählen. Und das stockkonservative, alkoholvernebelte, schweißtriefende, irgendwie diffuse Wind Gap ist dabei die uramerikanische Mischung aus unreflektiertem Traditionalismus und dem unverwüstlichen Glauben der Eingeborenen, ihrer Zeit weit voraus zu sein, nicht weit hinterher.

Dank Hauptdarstellern wie der kontrollsüchtigen Patricia Clarkson als Adora und Nebenfiguren wie dem ewig verschwitzten Polizeichef Vickery (Matt Craven), erzählt Vallée folglich weniger die Geschichte einer trostlosen Existenz auf der Suche nach den Abgründen ihrer Biografie; er zeigt uns ein gekränktes Amerika der selbstbewussten Loser, die einen Reaktionär ins Weiße Haus gewählt haben und nun ausdauernd verwechseln, was Vergangenheit ist, was Gegenwart.

Dass die psychisch labile Alkoholikerin Camille – wunderbar lebenswund gespielt von der unvergleichlichen Amy Adams (American Hustle) – ständig als eigensinniger Teeny der Achtziger aufwacht, ist demnach nicht nur ein dramaturgischer Kniff zur Erklärung aktueller Zusammenhänge; die dauernden Flashbacks in ihre Jugend beschreiben vielmehr ein Land auf der Suche nach seiner verschwundenen Mitte. Die Serie hat deshalb auch keine Zeitsprünge, sondern Zeitströme, in denen Charaktere scheinbar hilflos herumschwimmen wie Treibholz. So wie es all jene tun, für die Amerika und Wind Gap langsam deckungsgleich werden.

Dafür muss Jean-Marc Vallée keine Landeier mit Pick-up-Truck und Make-America-Great-Again-Kappe zeigen; ihm reicht es, Ronald Reagans Neokonservatismus so in Donald Trumps Neodilettantismus einsickern zu lassen, als hätte die liberale Ära zwischendurch nie stattgefunden. Klingt politisch, dröge, verkopft? Keine Sorge – die Jagd nach dem Mädchenmörder ist zugleich bestes Krimi-Entertainment, Camilles Suche nach ihren inneren Dämonen feinstes Melodramenfernsehen und alles zusammen ein herausragendes Filmzeugnis der quälenden Hatz nach Halt im Gestern, wenn das Heute zerbröselt.


ARD-Doku: Kulenkampffs Schuhe

Vergessenskultur

Die fabelhafte SWR-Doku Kulenkampffs Schuhe handelt heute um 22.30 Uhr in der ARD nur vordergründig vom biederen Showfernsehen der 60er und 70er Jahre. Regine Schilling erklärt damit die Fluchtinstinkte der jungen Bundesrepublik am Beispiel ihres eigenen Vaters, der sich vor lauter Wirtschaftswunder zu Tode geschuftet hat.

Von Jan Freitag

Die deutsche Samstagabendshow, so lautet ein Vorurteil übers Lagerfeuer der TV-Nation, das im Jahr sieben nach dem heiligen Gottschalk nur noch ein fahles Glimmen ist, hat sich nie allzu eifrig um die Nachrichtenlage davor wie danach gekümmert. Ganz gleich ob Torriani oder Frankenfeld, Carrell oder Elstner, Pilawa oder Pflaume, Lanz oder Winterscheidt: wann immer Deutschlands Entertainer zur Unterhaltung bliesen: Die Politik blieb draußen. Könnte man meinen.

Dann aber sieht man diese Doku und erstarrt vor Schreck. Erklärt der Kandidat einer grauweißen Quizsendung sein mögliches Schummeln da gerade beiläufig mit dem Satz, „ich habe bei Juden gelernt“? Sagt Hans-Joachim Kulenkampff in der östlich dekorierten Kulisse von Einer wird gewinnen wirklich, dies sei „das erste Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein?“ Singt Peter Alexander in seiner gleichnamigen Show allen Ernstes ein Lied übers zerbombte Land, in dem „das Hungern“ wenigstens „schön schlank“ mache. Und trägt der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal bei der Jubiläumsausgabe von Dalli Dalli am Jahrestag der Reichpogromnacht echt Trauerschwarz statt Quietschebunt wie 1975 üblich?

Ja! Ja! Ja! Ja! Ergo: Nein! Am Anfang der hiesigen Fernsehgemütlichkeit, so belegen die 91 Minuten von Kulenkampffs Schuhe eindrücklich, ging es doch nicht ausnahmslos so eskapistisch, wie es die Legendbildung hierzulande besagt. Genau das arbeitet die prämierte Filmemacherin Regine Schilling (Geschlossene Gesellschaft) in einer famosen Kollage aus Archivmaterial und Super-8-Filmen der sechziger bis siebziger Jahre heraus. Sie beschränkt sich dabei jedoch nicht auf den Abriss des televisionären Zerstreuungsangebots, sondern erstellt am Beispiel ihres eigenen Vaters ein autobiografisch gefärbtes Narrativ der späten Nachkriegsgesellschaft.

Geboren 1925, wie viele Showmaster jener Tage also ein relativ schuldbefreiter Jahrgang, durchlebt der lebenslustig strebsame Drogerie-Besitzer das abflauende Wirtschaftswunder in einer Mischung aus Aufstiegseuphorie und Abstiegsangst, bis der heillos überarbeitete Kettenraucher früh an einem Herzinfarkt verstarb. Zuvor allerdings lenkte er sich wie die meisten seiner Mitbürger tagtäglich drei, vier Stunden am Röhrenapparat vom harten Alltag ab. Mit Maria Schraders Stimme erzählt seine Tochter, geboren 1962, von den Samstagabenden ihrer Kindheit, an denen alle Sorgen des Daseins verfliegen, „der Vater rauchend mit Bier, Mutter ein Glas süßen Mosels“, dazwischen die kleine Regine – glücklich, behütet, aber ein bisschen verwirrt, wenn der Kriegsveteran Kulenkampff (im Beisein des EWG-Produzenten und SS-Hauptscharführers Martin Jente) mal wieder Witze über den Russlandfeldzug macht und Familie Schilling damit doch nie ganz aus der düsteren Vergangenheit entlässt.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: ein Showmaster, der seine Zuschauer nicht nur mit Weltstars in Tiermaske oder Schleichwerbung für Gummibärchen belästigt, sondern dem dunkelsten Kapitel der Menschheit oder Geschichten aus dessen zerbombten Erbe? Bei den Herren (Damen gibt es ja bis heute nicht) Kerner, Cantz oder Hirschhausen wäre das in etwa so denkbar wie ein Format ohne Kinderaugen! Natürlich bedienten auch die Gastgeber der Aufbruchsjahre vor allem Fluchtinstinkte. Ein seliges Publikum voller Bienenstock- und Brillantine-Frisuren im Saal, waren auch die Conférenciers der Aufbruchsjahre gnadenlos der guten Laune verpflichtet.

Besonders Hans Rosenthal, der die Kollektivschuld seiner arischen Nachbarn unterm Sofa einer Gartenlaube überstand, arbeitete das Trauma des Nationalsozialismus mit einem Frohsinn auf, der Dalli Dalli ab 1971 zum Inbegriff bürgerlichen Verdrängungsbedürfnisses machte. Wenn der jüdische Moderator jedoch zeitgleich beim empathischen Talk-Host Blacky Fuchsberger von seiner Todesangst im Berliner Versteck erzählt, zeigt sich, dass die Hochphase deutscher Fernsehunterhaltung mit Einschaltquoten nahe 100 Prozent doch ein wenig vielschichtiger waren als im Rückblick oft beklagt. Nur: damit hält sich Regina Schilling allenfalls am Rande auf. Im Kern kombiniert sie die Verdrängungskultur der Nachkriegszeit mit der Vergessenskultur des Wirtschaftswunders und einer neuen Erinnerungskultur nach den Auschwitz-Prozessen zu einer Kollage bundesdeutscher Befindlichkeiten, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.

Als Hans Rosenthal ausgerechnet am 9. November sein Sendungsjubiläum feiern sollte, da federte das ZDF diese Instinktlosigkeit im Anschluss mit der Vernichtungslagerdokumentation Nacht und Nebel ab, die 20 Jahre später erstmals ausgestrahlt wurde. Den einst so geliebten Fernseheskapismus konnte Regine Schilling danach nicht mehr ertragen. Schwer zu glauben, dass Markus Lanz die Sendung seinerzeit gesehen hat.