Stefan Raab: Ageism & Abschied
Posted: October 1, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentGefräßige Fernsehrevolution
Stefan Raab (Foto: RTL) hatte einst frischen Wind durchs Leitmedium linearer Tage geblasen. Sein Primetime-Comeback bei RTL zeigte vorigen Mittwoch, wie lange das her ist. Ein Appell zur drohenden Fortsetzung heute Abend, endlich abzutreten.
Von Jan Freitag
Im weitverzweigten Flussdelta der Niedertracht, dümpelt eine weithin unterschätzte Diffamierung durchs Wasser. Sie nennt sich „Ageism“ und bezeichnet abwertende Haltungen aufgrund unvermeidbarer Alterungsprozesse. Normalerweise verbietet es sich da von selbst, Menschen aufgrund der Zahl ihrer Falten und Jahre herabzuwürdigen. Bei einem allerdings machen wir an dieser Stelle schon deshalb kurz die Ausnahme, weil er sein humoristisches Arsenal eigentlich nur noch mit Diffamierungen von variierender Niedertracht munitioniert: Stefan Raab.
Stefan wer, fragen die Generationen Z bis Alpha da womöglich. Stefan, kurz zur Aufklärung, der 1993 das deutsche Musikfernsehen und sechs Jahre später die Mainstream-Comedy revolutionieren half. Wobei die Zeitspannen allein bereits andeuten, dass diese Revolution ihr frechstes Kind längst gefressen hat. Und dem anhaltenden Verdauungsprozess wohnen wir zurzeit auf RTL bei, wo der begnadete Entertainer nach drei Jahrzehnten ProSieben gerade sein Lebenswerk verfüttert.
Ein paar Appetithäppchen gab es in der Vorwoche, als Die Stefan Raab Show fünfmal 15 Minuten lang zur immer noch besten Sendezeit um 20.15 Uhr lief. Das Konzept? Tja… Grob erinnerte es an seine Comedy-Legende TV total, wo er bis 2012 das zeitgenössische Fernsehprogramm kommentierte. Gröber war es bereits zum Auftakt vor zehn Tagen eine Dauerwerbesendung für RTL-Formate oder Bully Herbigs Kinofilm Kanu des Manitu. Am gröbsten war jedoch Raabs Rap-Variante der deutschen Nationalhymne zwischendurch, bei der man sich vor Fremdscham gern in Sarah Connors Sickergrube verkrochen hätte.
Schwer zu glauben, dass die gestrige Langversion dieser Live-Zumutung noch schlimmer werden könnte als ihre viertelstündigen Teaser zuvor. Aber es wurde schlimmer. Sehr viel schlimmer. So schlimm, dass er zum Premierenthema „Bodybuilding“ fünf Muskelpakete plus Horst Lichter eingeladen hat, aber keinen Kritiker der umstrittenen Anabolika-Cocktailparty, geschweige denn einen Mediziner. Inga Lescheks Reklame für „bestes Entertainment, Humor, Neugier und die scharfzüngige Einordnung der Woche“, kam also nicht zufällig ohne Begriffe wie „Relevanz“ oder „Niveau“ aus.
Warum die RTL-Inhaltsverantwortliche „Fremdscham“ und „Inkompetenz“ vergessen hatte, lässt sich da nur mit dem Zeugnisverweigerungsrecht aller Angeklagten erklären. Umrahmt von handgezählten 750 Ähs unterschiedlicher Länge, eröffnet Raab die Show mit einer 7,5-minütigen Sketch-Attrappe darüber, wie sein Langhaarschneider bei der morgendlichen Kopfrasur versagt hat. Mangels Pointen versagte dann selbst das handverlesene Saalpublikum dem Studio-Einpeitscher die Gefolgschaft. Dabei sind geschätzt zwei Drittel der Besucher unübersehbar selbst Bodybuilder, die Raab nur in Gestalt einer Straßenumfrage mit sanfter Kritik am Körperwahn behelligt.
Der Staffelstart lässt sich deshalb nur als Verbeugung vor einer Manosphere genannten Klientel traditionsbewusster Pfundskerle deuten, die vom traditionsbewussten Pfundsmoderator mit patriarchal geprägter Folklore versorgt wurden. Dad-Jokes wie „Louis Armstrong, der erste Trompeter auf dem Mond“ stammen schließlich noch aus Stefans Köln-Sülzer Kindheit. Kalauer über Gartenzaunstreitereien, den ZDF-Fernsehgarten oder das Oktoberfest haben ebenso grauen Bartwuchs. Und wenn der Gastkomiker Robert Geiss in drei Minuten Trash-TV humoristisches Fatshaming plus Homophobie und Agism betreibt, hat Die Stefan Raab Show erfolgreich um Applaus von rechtsaußen gebettelt.
Nach furchtbar zähen 75 Minuten, in denen der Moderator keinerlei erkennbares Interesse an Thema, Gästen, der Realität, aber umso mehr an sich selber zeigte, hinterlässt Stefan Raabs Rückkehr also zwei grundsätzliche Fragen. Worum genau ging es da zwischen GZSZ und stern TV eigentlich noch mal? Und wann tritt dieser hochverdiente Bilderstürmer linearer Fernsehtage eigentlich ab? Ungeachtet der Diffamierungen Schwächerer, waren Formate wie TV total oder die Wok-WM ja doch Meilensteine des dualen Systems. Seine Liebe zur Musik stach angenehm aus dem Konservenprogramm anderer Kanäle hervor. Außer ihm konnte 1998 folglich niemand so glaubhaft den dahinsiechenden ESC retten.
Dass der NDR den Gesangswettbewerb künftig wieder ohne seinen Heilsbringer organisieren will, sollte ihm hier allerdings zu denken geben. Die sang- und klanglose Beerdigung von „Du gewinnst hier nicht die Million“ sowieso. Nur Monate nach ihrer Premiere hatte RTL im Juni schließlich die notorisch quotenschwache „Entertainment-Quiz-Competition-Show“ abgesägt. Hauptgrund: Stefan Raab hat seinen Instinkt verloren. Fürs herkunftsunabhängige Maß an Respektlosigkeit. Für schlagfertigen Humor. Letztlich also: für gute Unterhaltung.
Jimmy Kimmel kann ihn in seiner zurückgekehrten Late-Night-Show daher noch so sehr für ein drolliges Job-Angebot loben: Raab ist von vorgestern. Ein Grund mehr, übermorgen keine Sende-, also Lebenszeit mehr mit ihm zu vergeuden. Irgendwann war es irgendwie mal lustig mit dir, lieber Stefan. Aber jetzt genieß doch bitte endlich deinen wohlverdienten Ruhestand. Das ist kein Agism, sondern einfach höchste Zeit.
Becoming Madonna: Virgin & Aktivistin
Posted: August 21, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentMadonna Mia
In 40 Jahren Weltkarriere hat sich Madonna ständig gehäutet und stand doch stets ganz oben. Eine ZDF-Doku zeigt, wie oft sie dafür den Mainstream einfach umgeleitet hat.
Von Jan Freitag
Um zu verstehen, was Skandale skandalös macht, muss man das Wort kurz aus dem Blitzlicht der Regenbogenpresse ins Dämmerlicht seiner sprachlichen Herkunft holen. Im Griechischen beschrieb skándalon einst den Stein des Anstoßes, der beim Aufprall für Ärger sorgen könnte. Ob sich jemand daran stößt, hing allerdings schon in der Antike schwer davon ab, was gesellschaftlich als allgemein anstößig galt. Und das kann sich bekanntlich permanent ändern.
1903 zum Beispiel taugte es zum Skandal, falls die Dame statt Rock Hosen trug. Rund 60 Jahre drauf war letztere zwar selbst an Frauenbeinen normal; dafür sorgte es verlässlich für bürgerliche Schnappatmung, wenn ersterer zu hoch übers Knie reichte. 1983 dagegen bestand der Skandal umgekehrt eher darin, dass CSU-Bundestagspräsident Richard Stücklen der Grünen Petra Kelly ihr Beinkleid im Plenarsaal verbieten wollte, während eine Geschlechtsgenossin nur Monate später durch den Fleischwolf des prüden Amerika gedreht wurde, weil sie ein Brautkleid getragen hatte, sich darin Like A Virgin auf der Bühne geräkelt und obendrein so hieß wie eine Marienstatue.
Madonna mia!
Es war der skandalumtose Kickstart einer Künstlerin, die das erregungsökonomische Konzert nicht nur mitspielen, sondern dirigieren wollte. Und wie ihr das gelang, zeigt eine Dokumentation, die das Kalkül gewaltiger Popkarrieren bereits im Titel trägt: Becoming Madonna. Denn dass sie mit respektablem Abstand zu Taylor Swift und Rihanna die kommerziell erfolgreichste Solokünstlerin der Welt geworden, vor allem jedoch: bis heute geblieben ist, war in erster Linie ihr eigenes Werk. Ein streng kalkuliertes, wie Regisseur Michael Ogden 90 Minuten lang glaubhaft macht. Aber aus tiefster Überzeugung.
Schon, als das Mädchen aus Michigan mit kaum 25 erstmals die Top 10 der amerikanischen Billboard-Charts stürmt, fragt es, wer „den größten Star Amerikas“ managt und verkündet: „Den will ich!“ Also kriegt Madonna Michael Jacksons Impresario Freddy Demann. Und nachdem sie zwei Jahre später bei den MTV Awards die amerikanische Prüderie im Brautkleid provoziert, springt Like A Virgin tags drauf auf die 1. Welch ein Kontrast zu den Anfängen.
Als Madonna Louise Ciccone aus der verträumten Provinz ins schlaflose New York zieht, will die junge Tänzerin zwar bereits ganz nach oben; ihre Vorbilder heißen jedoch noch Blondie oder Lou Reed. Um im Indiepop jener kulturell richtungsweisenden Tage Fuß zu fassen, lernt die Minderjährige daher Schlagzeug und Gitarre. Neben unbekanntem Archivmaterial einer ganz gewöhnlichen Provinzjugend, das Michael Ogden zusammengetragen hat, zählen solche frühen Live-Auftritte zum Faszinierendsten, was Bandbiografien bislang gezeigt haben. Sie bleiben allerdings Episode.
Mithilfe zahlloser Zeitzeugen und Wegbegleiter vom ersten Labelchef Seymour Stein über Ex-Managerin Camille Barbone oder Videoregisseurin Mary Lambert bis hin zur ihrem Entdecker Michael Rosenblatt erleben wir den Werdegang einer globalen Ikone bis in die Niederungen unaufgeräumter Kinderzimmer und Backstagebereiche. Wirklich Fahrt nimmt das Porträt aber erst auf, als der Regisseur tonnenweise Klatsch und Tratsch hinein kippt. Allein die PR-taugliche Hochzeit vom Bad Girl Madonna mit dem Bad Boy Sean Penn belegt fast ein Fünftel der knappen Sendezeit.
Dieser boulevardeske Zuschnitt könnte ebenso wie das Dreschen billiger Phrasen („Sie hat das gewisse Etwas“), ein überhasteter Ritt durch die letzten 25 Jahre ihrer epischen Laufbahn (mit sechs weiteren Top-1-Alben bis 2019) oder der Umstand, dass Madonna selbst leider nicht persönlich zu Wort kommt (dafür in Dutzenden älterer Interviews) ein Makel dieser gutrecherchierten Fernanalyse sein – würde die als Showmance diskreditierte Liaison zweier Superstars ihrer Zeit weniger Wissenswertes übers Showgeschäft, seine handelnden Akteure und vor allem Madonna selbst aussagen. Die ist schließlich nicht nur das Role Model weiblichen Empowerments ihrer patriarchalen Branche schlechthin, sondern ein dezidiert politischer Popstar, ohne den mehrere Fortschrittsbewegungen weitaus träger flössen.
Egal, ob sich das „Material Girl“ 1984 wie zuvor bereits Cyndi Lauper mit hedonistischer Lebensfreude dazu bekennt, dass Mädchen mitunter halt auch einfach nur Spaß wollen, zwei Jahre später für Penthouse und Playboy auszieht oder im millionenfach verkauften Bildband Sex zur LP Erotica das Selbstbestimmungsrecht weiblicher Erotik propagiert: Durch die Wirkmacht ihrer Popularität macht Madonna in jeder Karrierephase alle eigenständiger, deren Gefühlshaushalt unter Kuratel der herrschenden, meist männlichen Moral steht. Und das sind beileibe nicht nur Frauen, sondern andersartige Menschen jeder Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Identität.
Spätestens, als ihr schwuler Freund und Vertrauter Martin Burgoyne mit 23 Jahren an AIDS stirbt, engagiert sich Madonna auch auf offener Bühne für die Rechte Homosexueller. 1989 dann folgt der Affront, im Video zum nachdenklichen Like A Prayer einen schwarzen Jesus zu küssen. Beides macht sie zwar mehr denn je zur Zielscheibe evangelikaler Rechtspopulisten, die unter Präsident Reagan nicht weniger als unter Donald Trump jede Abweichung vom heteronormativen Mainstream verteufeln. Vor allem aber wird Madonna so zur Ikone nahezu sämtlicher Zuflüsse, die heutzutage unterm Sammelbegriff LGBTQA+ firmieren.
Kurz, bevor die renitenten Riot Grrrls der späten Achtziger im Folgejahrzehnt zu Spice Girls werden, die Repräsentation und Selbstermächtigung eher materialistisch als emanzipatorisch auffassen, macht die Blond Ambition Tour Madonna 1990 also endgültig zur antirassistischen Queer-Aktivistin. Oder wie sie selber es ausdrückt: „Ich habe mich mit den Augen eines heterosexuellen Machos angeschaut habe und gemerkt: Ich kann auch ganz anders.“
Ihre Häutungsprozesse, die auch danach noch Moden und Stile in aller Welt beeinflussen, frühstückt Michael Ogdens Porträt zwar etwas zu fix ab. Am Ende seiner Zeitreise aber blickt man klarer auf ein Selbstvermarktungsgenie, das die Grenzen seiner Prinzipien zur PR und umgekehrt seit jeher selber zieht und sich damit länger als jedes andere im Aufsichtsrat der Aufmerksamkeitsindustrie hält. Nur eines braucht Madonna Louise Ciccone, geboren am 16. August 1958 in Bay City, längst nicht mehr, um 41 Jahre nach Like A Virgin wohl auch ihr 16. Album in die Top-3 der US-Charts zu bringen: Skandale.
Becoming Madonna, 90 Minuten, ab 9. August in der ZDF-Mediathek und am 23. August in 3sat
Nastassja Kinski: Männermacht & Befreiung
Posted: August 13, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVom Lustobjekt zum Filmsubjekt
Das Arte-Porträt Geschichte einer Befreiung zeigt, wie sich Nastassja Kinski (Foto: arte) aus dem Griff allmächtiger Männer befreien konnte. Aber auch, wie fest er vor 50 Jahren war – und wieder zu werden droht.
Von Jan Freitag
Wer einem Gefängnis entfliehen will, muss dafür oft keine Mauern aus Steinen, Stahl und Stacheldraht erklimmen. Mindestens ebenso scher überwindlich sind die Mauern aus Brauchtum, Klischees und Schränken voller Schubladen. Schubladen, in denen einst kaum jemand so tief steckte wie Nastassja Aglaia Nakszynski. Die Tochter des deutschen Weltstars Klaus Kinski war schließlich noch ein Kind, als sie ihr Filmdebüt feierte und dabei tat, was die Gesellschaft 1975 selbst dann von Frauen erwartete, wenn sie erwachsen waren: zu schweigen.
In Wim Wenders‘ Kino-Drama Falsche Bewegung tat es die 13-Jährige zwar vor allem, weil sie ein stummes Mädchen spielte. Aber auch danach wurde ihr der Mund verboten, sobald Nastassja Kinski als Objekt männlicher Machtgelüste besetzt wurde. Szene für Szene, Affäre für Affäre, Film für Film geriet der Teenager in die übergriffigen Hände doppelt so alter Herren von Richard Widmark über Christian Quadflieg bis Malcom McDowell. Und stets wurde die Schublade, in der sie saß, ein Stück tiefer. Aufschrift: Lolita. Opfer. Femme Fatale.
Es war ein Gefängnis der unüberwindlichen Art. So schien es jedenfalls zu Beginn ihrer beispiellosen Karriere – und sollte sich als ebenso großer Trugschluss wie die Aussage des Produzenten von Falsche Bewegung erweisen, „das Mädchen“ sei „nicht fürs Filmgeschäft gemacht“. Denn was Anfang der Achtziger folgte, steht im Untertitel einer ebenso beispiellosen Dokumentation: Die „Geschichte einer Befreiung“. Und die französische Regisseurin Marie-Gabrielle Fabre beginnt mit dem Befreiungsschlag schlechthin: Paris, Texas.
Gerade mal 21, verfügte sie 1984 zwar über die Erfahrung aus gut einem Dutzend internationaler Werke unterschiedlicher Regisseure. Doch erst ihre zweite (nicht letzte) Zusammenarbeit mit Wim Wenders sprengte die Ketten der ewigen Kindfrau. Es waren bleischwere, lukrative, scheinbar unvermeidbare Fesseln einer Impulsschauspielerin in Beugehaft patriarchaler Herrschaft. Als zweites Kind des Set-Berserkers Klaus Kinski war Nastassja schließlich von Hause aus Gewalt in ihrer niederträchtigsten Form gewöhnt.
Anders als ihre Geschwister wurde sie nach eigener Aussage zwar nie vom leiblichen Vater vergewaltigt. Missbräuchlich war sein Verhalten allerdings schon – durch Abwesenheit, Machtdemonstrationen, passive Aggressivität. „Wenn er uns mal in den Arm genommen hat, hat man keine Luft mehr bekommen“, sagt sie aus dem Off eines der seltenen Familienfotos in trauter Atmosphäre. „Wir hatten alle Angst vor ihm.“ Ein Gefühl, das sich wie Blutspuren durch säftelnde Fiktionen zieht, die selbst im Schatten von #MeToo unglaublich sind.
Ein Jahr, nachdem Wolfgang Petersen die 15-Jährige dazu nötigen durfte, sich für den öffentlich-rechtlichen Tatort: Reifeprüfung vor der Kamera auszuziehen, spielt sie im italienischen Inzest-Drama Bleib wie du bist die Geliebte des dreimal so alten Marcello Mastroianni. Doch was 1978 unterm Emanzipationsbegriff der sexuellen Revolution firmierte, war nichts anderes als struktureller Machtmissbrauch eines männerdominierten Metiers. Die Filmbeziehungen basierten folglich „nicht auf Liebe“, wie Sprecherin Marit Beyer kommentiert, „sondern erotisierenden Dominanzverhältnissen“.
Handgezählte 18 Missbrauchsszenen der Minderjährigen schneidet Fabres fabelhafte Cutterin Anna Brunstein dafür einmal am Stück ineinander. Es sind kaum erträgliche, überaus anschauliche Filmausschnitte, in denen Nastassja Kinski ihre Vergewaltigung mal ausdruckslos, mal angewidert über sich ergehen lässt – bis sie sich mit einem Stein befreit. Dass er ihr vom verurteilten Sexualstraftäter Roman Polanski gereicht wird, mit dem sie anschließend ein fruchtbares, aber toxisches Abhängigkeitsverhältnis eingeht, passt ins Bild einer Epoche kreativer Alphatiere, die Frauen als Mischung aus Muse, Spielzeug, Trophäe betrachtet haben.
In ihrer großartig geschnittenen Kompilation aus Filmsequenzen, Talkshowbesuchen und Archivmaterial, wo ihr der graumelierte Studio-Choleriker Rudi Carrell schon mal aufs Meerjungfrauenkostüm sabbert, werden die Zwangsmechanismen dahinter körperlich spürbar – und sagen meist zweierlei aus: Wie lange das Patriarchat seine Herrschaft noch über Schutzbefohlene ausüben konnte. Und wie stark eine davon war, um sich eigenhändig daraus zu befreien. Für aktuelle O-Töne war Nastassja Kinski zwar offenbar nicht zu haben. Auch ältere Interviews geben allerdings Auskunft darüber, mit welcher Energieleistung sie insgesamt vier, fünf Karrieren aufnahm und in jeder davon tiefe Spuren hinterließ.
Zuletzt 2022 an Martina Gedecks Seite der Roman-Verfilmung Die stillen Trabanten – ein intensives Porträt weiblicher Selbstermächtigung im reiferen Alter. Damals dachten vermutlich viele, der Male Gaze genannte Männerblick auf Frauen sei langsam Geschichte. Fast 50 Jahre nach ihrem Debüt als Lustobjekt aber wurden grad die misogynen Gewalttäter Sean Combs und Harvey Weinstein teils vom Vorwurf sexuellen Missbrauchs freigesprochen, während ein anderer im Oval Office sitzt. Nastassja Kinskis Geschichte einer Befreiung ist da nicht nur sehenswert, sondern hochaktuell. Die Gefängnismauer bröckelt, aber sie fällt nicht.
Nastassja Kinski – Geschichte einer Befreiung, 54 Minuten, ab 9. August in der Arte-Mediathek
ZDF-Doku: #looksmaxxing
Posted: July 17, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentMisogyner Schönheitswahn
Auch Männer wollen gut aussehen. Um nahezu jeden Preis. Die ZDF-Doku #Looksmaxxing zeigt allerdings auf bedrückende Art, wie sie aus dem Wunsch nach Attraktivität ein misogynes Unterdrückungsinstrument der Manosphere machen. Und die ist auf dem Vormarsch.
Von Jan Freitag
Es war einmal, dieser Zustand scheint in Zeiten gestapelter Krisen ganze Epochen her zu sein, das Ende der Geschichte. Als westliche Demokratien östliche Diktaturen 1989 besiegt hatten, wurde die Menschheit angeblich in alle Ewigkeit freier, gleicher, geschwisterlicher. Das Patriarchat mündete seinerzeit in einen Postheroismus, der mit Geschlechterbildern brach wie einst nur wenige Blumenkinder in Kalifornien. Lange her. Heute nämlich kehrt der alte Männlichkeitswahn zurück, obgleich in neuen Gewändern.
Ihr Name: #looksmaxxing. Cooles Wort, toxische Bedeutung. Denn es bezeichnet den Trend, sein Äußeres derart kompromisslos, mitunter brachial zu „optimieren“, dass keine Frau ihm widerstehen könne. So lautet zumindest das Ziel einer Sekte, der die ZDF-Mediathek eine Dokumentation von bedrohlicher Dringlichkeit widmet. Zwölf Monate ist der britische Regisseur Ben Zand tief in die Lookmaxxer-Szene eingetaucht und hat dabei verblüffende Männer getroffen.
Den Engländer Austin Wayne zum Beispiel, der seine Kieferlinie früher mit Hammerschlägen auskonturierte und nun auf ein Repertoire sanfterer Mittel umgestiegen ist. Oder den Polen L.T., der sich für acht Zentimeter Körpergröße die Beine brechen lässt, weil „Charisma, Größe, gutes Aussehen“ karrierefördernd sei. Oder ein Pseudonym namens Adonis, der nach Bestätigung sucht und sich dafür sein Sixpack im Netz bewerten lässt. Es sind die Pole einer Selbstoptimierungsgesellschaft, deren Schönheitsimperativ längst nicht mehr nur Frauen versklavt, sondern auch Männer. Was für ein Rückschritt!
Galt es in den Siebzigern als progressiv, dass sich die Gatten adretter Hausfrauen nicht mehr bei Wirtschaftswunderbraten mit Soße gehenließen, führte die Gleichberechtigung beide Geschlechter bald in eine Perfektionierungsspirale. Statt, wie vom Feminismus gefordert, Damen und Herren Hand in Hand vom Schönheitswahn zu befreien, haben pharmazeutische PR-Abteilungen letztere davon überzeugt, ersteren nachzueifern. Ergebnis: Neben drei Regalmetern medizinisch sinnloser Collagen-Cremes für weibliche Haut, gibt es jetzt auch deren zwei für die maskuline.
Kein Wunder, dass Heidi Klum nun auch große Jungen zu Zuchthengstgen ihrer Ausbeutungsmaschinerie drillt. „Der Körper wird zum Projekt“, hatte Andreas Reckwitz bereits 2017 in seinem Standardwerk Die Gesellschaft der Singularitäten geschrieben. „Ein Material, das immer weiter geformt, gestaltet, perfektioniert werden soll“. Lange Zeit rein weibliches Terrain, ergänzt seine Kollegin Paula-Irene Villa von der LMU München, sei die Gestaltung des Äußerlichen nun „Teil des neuen männlichen Selbstverständnisses. Auch die Herren der Schöpfung wollen halt „schön sein, jung sein, gesund aussehen“.
Verstärkt durchs permanente Vergleichen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, ist aus diesem Trend eine Bewegung geworden. Sie nennt sich „Blackpill“ und suggeriert, dass nur attraktive Männer Erfolg im Job, Bett, Alltag haben. Ben Zands Beobachtungsobjekte füllen dafür ein umfangreiches Arsenal minimal bis maximal invasiver Pillen, Cremes, chirurgischer Eingriffe. Ob UEE (Upper Eyelid Exposure), Mewing (Jawline-Optimierung) oder aufwändige Zahnengstandkorrekturen: Um ihren SMB (Sexueller Marktwert) zu steigern, investieren Lookmaxxer Unsummen für Dinge, die ihnen Influencer empfehlen.
Bis zu acht Stunden täglich verbringt Zands Zeitzeuge Finn dafür mit Austin Wayne, der Hunderttausende Follower um Millionen Euro und zahlreiche Nuancen ihrer angeborenen Persönlichkeit erleichtert. Wäre das alles, könnte man dem Film mit einer Mischung aus Faszination, Fremdscham, Schadenfreude folgen. Im Verlauf dieser 45-minütigen Reise ins Herz der algorithmischen Finsternis allerdings entlarvt #looksmaxxing das, was ebenso dahintersteckt: die Misogynie der „Manosphere“ genannten Zone frauenverachtender Männer.
Für die gab es zwar schon immer Stattlichkeitsideale. Um Damen, Höfe, Länder zu erobern, besetzen, verteidigen, sollten sie seit der Antike breitschultrig, hochgewachsen, maskulin sein. Mit jedem Erkenntnisgewinn der Spätaufklärung jedoch wurde das Ideal männlicher Maße mehr zum Selbstzweck einer wachsenden Gruppe westlicher, weißer, heterosexueller Relikte vormoderner Zeiten. Und auf der Suche nach Schuldigen für den Verlust jahrtausendealter Privilegien, stößt ein Teil von ihnen auf Frauen im Allgemeinen und den Feminismus im Besonderen.
Ein Phänomen, dass die postheroische Gesellschaft am Ende der Geschichte nicht hervorgebracht, aber verstärkt hat. Aus gewöhnlicher Unsicherheit, so erklärt es der Social-Media-Experte Callum Hood vom Zentrum gegen digitalen Hass in Zands Doku, „kann toxische Besessenheit werden.“ Schließlich ist körperliche Optimierung in unserer hochkomplexen Gegenwart barrierefreier zu haben als intellektuelle. „Das ganze Shrek-Märchen ist eben nicht real“, sagt der Looksmaxxer Felix zu Zands, „schöne Mädchen verlieben sich nicht in dicke grüne Männer“.
Damit bringt er das Businessmodell geschäftstüchtiger Blackpill-Influencer, die besonders unter Incels auf offene Ohren und PayPal-Accounts stoßen, auf den Punkt. Ihre Selbstzweifel projizieren Paarungsmarktverlierer ja nicht auf erfolgreiche Konkurrenten, sondern das knappe Gut gemeinsamer Anstrengungen um Interesse, Respekt, Liebe. Wenn Felix Teilnehmerinnen einer Straßenumfrage Lügen unterstellt, weil sie innere Werte höher gewichten als äußere, diskreditiert er Weiblichkeit im Ganzen als unehrlich. Und wenn Austin seinen 200.000 Followern bei Instagram weismacht, „Frauen wollen immer noch starke Männer, die sie beschützen“, macht er diese Lügen zum reichweitestarken Machtinstrument.
Denn darum, das macht die Dokumentation in aller Kürze klar, geht es. Darum zahlt L.T. für seine schmerzhafte Oberschenkelknochen-Verlängerung 75.000 Euro. Darum hat sich die Mitgliederzahl der größten Looksmaxxing-Plattform seit 2021 vervierfacht. Darum legt der Umsatz mit Anti-Aging-Produkten für Männer jedes Jahr um vier bis acht Prozent und damit doppelt so schnell zu, wie bei Frauen. Darum hat sich die Zahl der Schönheitsoperationen auch dank männlicher Eingriffe seit 2010 nahezu verdreifacht.
„Die Imperative der Schönheit, Gesundheit und Jugendlichkeit“, meint der angesehene Kulturwissenschaftler Thomas Macho, „sind zu moralischen Geboten geworden“. Sie haben somit den Weg vom Äußeren ins Innere geschafft. Das Ende der Geschichte: auf dem Feld äußerlich optimierter Männer steht es gerade mal in den Startblöcken.
Sky: The Narrow Road to the Deep North
Posted: July 10, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVom Erniedrigen und Ertragen
The Narrow Road to the Deep North erzählt fünf fesselnde Episoden lang von alliierten Soldaten, die in japanischer Kriegsgefangenschaft versklavt, geschlagen, gedemütigt und getötet werden. Ein furioses, philosophisches, ungeheuer eindringliches Seriendrama – trotz und wegen der drastischen Gewalt.
Von Jan Freitag
Wie unverblümt der Krieg künstlerisch dargestellt werden sollte, um weder in Voyeurismus noch Eskapismus zu verfallen, hat die Malerei von Otto Dix über de Goya bis Käthe Kollwitz mitunter eindeutig beantwortet. Das Fernsehen ist dagegen trotz aller Gewaltaffinität noch unschlüssig. Selbst Steven Spielbergs Invasionsgemetzel Saving Private Ryan hat die blutige Landung in der Normandie vor 27 Jahren nach einer knappen Stunde ja angewidert abgebrochen und als Melodram fortgesetzt.
Der australische Regisseur Justin Kurzel macht es da gewissermaßen umgekehrt. Nach Drehbüchern seines Landsmanns Shaun Grant startet er die Adaption von Richard Flanagans Tatsachenroman The Narrow Road to the Deep North in Friedenszeiten, also nicht gerade melodramatisch, aber noch relativ verblümt. Nach einer knappen Stunde allerdings geht sie derart nahtlos zum Wesenskern menschlicher Barbarei über, dass es beim Zuschauen wehtut. Nahezu pausenlos. Fünf Dreiviertelstunden lang. Und das, obwohl von der ersten bis zur 225 Minute kaum ein hörbarer Schuss fällt.
Es geht um den australischen Sanitätsoffizier Dorrigo Evans (Jacob Elordi), der sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in die junge Frau seines Onkels (Simon Baker) verliebt und kurz darauf an die südostasiatische Front berufen wird. Während der Fünfteiler also vergleichsweise glimpflich, teilweise gar romantisch beginnt, gerät Dorrigos Einheit kurz darauf in Gefangenschaft des Hitler-Verbündeten Japan und wird dort gemeinsam mit Abertausenden alliierter Soldaten zum Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn abkommandiert.
Als „Death Railway“ berüchtigt, wird im Lauf dieser eindrucksvollen Serie mit jeder Szene klarer, warum sie auch „Todesstrecke“ heißt. Weil der japanische Ehrenkodex Kriegsgefangenen nicht nur die Freiheit, sondern Achtung, Rang und Würde vorenthält, gelten Dorrigos Männer als wertlos – und werden für den Bau der Zugverbindung durch den Dschungel unbarmherzig verheizt. Während Die Brücke am Kwai, 1958 erste von mittlerweile fünf Fiktionalisierungen dieses Menschheitsverbrechens, noch eine Heldenreise aus dem Herz der Finsternis ins Licht war, gibt es hier keine Heroen. Nur Opfer.
Entsprechend dichotomisch erzählt Curio Pictures in Kooperation mit Amazon MGM und Sony Pictures Television dieses bestialische Stück Geschichte. Unterm zerkratzten Cello von Komponist Jed Kurzel, hält Kameramann Sam Chiplin unerbittlich drauf, wenn die Aufseher ihre Arbeitssklaven weit über den Rand der Belastbarkeit hinaus schinden. Minutenlang wohnen wir einer Beinamputation ohne Narkose bei. Es gibt Enthauptungen in Nahaufnahme. Szene für Szene skelettierter, erdulden die Häftlinge Demütigungen jenseits des Zumutbaren. Es wäre kaum zu ertragen, würden Kurzel und Grant die Grausamkeit nicht in ein Vorher und Nachher einbetten.
Sie erzählen die Story nämlich aus Sicht des greisen Dorrigo – intensiv verkörpert von Ciaran Hinds, den Fans als Widerstandskämpfer Mance Rayder aus „Game of Thrones“ kennen. Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende hat der renommierte Chirurg ein Buch über sein Martyrium geschrieben, wofür er widerwillig Werbung machen soll. In einer zweiten Perspektive bereitet sich sein junges Ich auf den Einsatz in Südostasien vor. Und die dreifachen Zeitsprünge sorgen dafür, tief ins Seelenleben vom Krieg und seiner Akteure – Täter wie Opfer, Beteiligte oder Außenstehende – zu blicken.
Es sind Individuen, die zugleich inner- und außerhalb ihrer Systeme agieren. Soldaten wie Rabbit (William Lodder) zum Beispiel, der selbst ab tiefsten Abgrund seinen Optimismus bewahrt und doch hineinstürzt. Heimgebliebene wie Dorrigos Geliebte Amy (Odessa Young), die in Rückblicken emanzipierter wirkt als ihre Zeit. Offiziere wie Colonel Kota (Taki Abe), der sich zwischen Empathie und Pflichterfüllung stets für letzteres entscheidet und darüber philosophische Debatten mit dem ranghöchsten Offizier führt.
Dieses hierarchische Rededuell weit unter Augenhöhe zeigt, was The Narrow Road to the Deep North kennzeichnet: der völlig unsentimentale, am Ende aber auch deshalb leidenschaftliche Umgang mit allem, was sich rings um den Krieg und seine Konsequenzen abspielt. Genau deshalb geht die Serie über Schlachtengemälde wie The Pacific hinaus, womit Tom Hanks und Steven Spielberg die Mechanik des Krieges am selben Schauplatz erkundet haben. Hier geht es um die Machtmechanismen dahinter und was sie mit Überlebenden anstellen. Oft ein Leben lang anstellen.
Was ihm aus seiner Leidenszeit beim Bau der Bahnlinie am meisten in Erinnerung geblieben sei, will eine Reporterin 1989 vom alten Dorrigo wissen. „Die seltsame, schreckliche Unvergänglichkeit des Menschen“, antwortet er nüchtern. Das bringt sein Leben ebenso auf den Punkt wie die Serie. Schon merkwürdig, was unsere Spezies ihresgleichen zuzufügen fähig ist. Und fast noch merkwürdiger, wie wir es mitunter ertragen. Beides hochkonzentriert in der besten Kriegserzählung seit langem.
The Narrow Road to the Deep North, 5 x 45 Minuten, bei Sky und Wow
AppleTV+: Smoke & Feuerteufel
Posted: July 3, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKatharsis im Funkenflug
In der großartigen Serie Smoke (Foto: AppleTV+) jagt die Polizei einer amerikanischen Stadt einen, womöglich gar mehrere Serienbrandstifter. Klingt nach der üblichen Feuerwehr-Stuntshow im RTL-Stil, ist aber verblüffend eigensinnig und vor allem grandios fotografiert.
Von Jan Freitag
Seit der Homo Erectus vor mindestens einer Million Jahre das Feuer zu nutzen begann, ist die Sorge des Menschen vorm Übergreifen der Flammen über alle Epochen hinweg ungebrochen. Wer ihn davor schützt, genießt daher bis heute höchstes Ansehen. Höher sogar als ähnlich angesehene Hebammen, Verfassungsrichter, Pflegekräfte. Das gilt also auch für Umberland im Nordwesten der USA. Unweit von Kanada, wo gerade mal wieder die größten Waldbrände der Geschichte wüten, sollte man sich daher nicht mit Fire Fighters anlegen, wie Feuerwehrleute im Land apodiktischer Heldenverehrung heißen.
Dass Michell Calderon (Jurnee Smollett) es dennoch tut, hat daher zwei gute Gründe: die Tatort-Expertin der Polizei von Columbia ist ebenso furcht- wie vorurteilsfrei. Und es gibt Hinweise darauf, dass eine Reihe verheerender Brandstiftungen im Distrikt des zuständigen Sonderermittlers Dave Gudson (Taron Egerton) aufs Konto von einem seiner Ex-Kollegen der örtlichen Feuerwehr gehen. Nur: davon will sie natürlich nichts hören. Von einer Frau zumal, die obendrein schwarz ist.
„Beweise sind relativ“, wirft ihr einer der 3468 Fire Fighters im Verhör entsprechend zornig an den Kopf. „Nein, Beweise sind Beweise“, schießt Michell ungerührt zurück, worauf der Befragte fragt: „Sind Ihre Beweise denn auch Beweise oder eine Agenda?“ Uniformierte, da unterscheidet sich die US-Feuerwehr kaum vom bayerischen Schützenverein, machen bei Angriffen von außen schnell dicht. Die Omertà, sie lautet: Corpsgeist. Im fiktiven Umberland vermischt er sich mit Rassismus und Misogynie zu einem Giftcocktail, den Apple TV+ gute acht Stunden ins Publikum tröpfelt. Klingt lang, lohnt sich!
Denn Smoke, wie die Verfilmung des erfolgreichen Podcast „Firebug“ über den real existierenden Feuerteufel John Leonard Orr heißt, lässt nicht nur wegen der Gefahrenlage niemanden kalt; auch die wachsende Zahl an Tatverdächtigen dehnt den Spannungsbogen. Mitte der ersten Folge etwa präsentiert uns Dennis Lehane, als Autor der horizontalen HBO-Revolution The Wire ein bisschen legendär, den desperaten Koch einer Fastfoodkette als potenziellen Brandstifter. Und im Laufe der Zeit gesellen sich dazu noch weitere. Ermittler inklusive.
Weil er das Wissen über ihre Tatbeteiligung selten künstlich verknappt, erspart uns der Showrunner jedoch die üblichen Abläufe kokelnder Who-Dunnit-Krimis. So sticht sein Neunteiler ein Stück weit heraus aus dem Einerlei der gefühlt 3468 Film- und Fernsehfiktionen mit (auch äußerlich siedend heißen) Feuerwehrleuten vom RTL-Getöse 112 – Sie retten dein Leben bis Chicago Fire oder Station 19. Zumal Kari Skogland und Joe Chapelle der Serie auch ästhetisch ein paar Alleinstellungsmerkmale hinzufügen.
Zum trübschönen Titelsong des Radiohead Thom Yorke, vollführen die beiden Regisseure eine Art visueller Meditation übers Feuer an sich. Ob Grill, Großbrand, Kippe oder Kamin: In Zeitlupen, die mal wie Kerzenlicht flackern, mal wie Präriebrände rasen, aber nie einfach nur brennen, gehen sie der exothermen Sauerstoffreaktion geradezu philosophisch auf den Grund. Schließlich sei „nicht nur ein Element“, wie der Sprecher anfangs heiser aus dem Off flüstert. „Feuer ist ein Organismus.“
Wenn der Brandstifter am Rande eines hektischen Feuerwehreinsatzes andächtig still im Funkenflug seiner Rache steht, inszenieren ihn die Filmemacher folglich wie den strafenden Gott unserer Sünden. Mitunter hart an der Grenze zum Pathos, erschafft Dennis Lehane so ein kathartisches Meisterwerk menschlicher Urängste. Wie die zwei Cops währenddessen mit den Geistern ihrer Vergangenheit ringen, mag da ebenso zum Standardrepertoire handelsüblicher Krimis zählen wie ihre Attraktivität.
Dass sich die schöne Michell bei jeder Gelegenheit auszieht, um sich im sexy Tanktop am anders gepolten Partner zu reiben, ändert aber wenig daran, was Smoke bis tief ins Tarantino-hafte Serienfinale vom Mainstream unterscheidet. „Falls dein Schwanz länger ist als meiner, könnte ich ihn abreißen“, droht die ranghöhere Polizistin gleich beim ersten Kompetenzgerangel. „Er ist nicht allzu groß“, räumt ihr Kollege für Alphatiere ungewöhnlich da ein. „Eher Durchschnitt.“ Ganz im Gegensatz zu dieser ungewöhnlichen Feuerwehrserie.
Smoke, 9×50 Minuten, seit 27. Juni bei Apple TV+
60 Jahre Monitor: Digitalisierung & Courage
Posted: June 1, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentJournalistische Tofuwollmilchsauhenne
Das ARD-Magazin Monitor ist 60 Jahre alt geworden. Und der WDR hat sich dafür in Köln vergleichsweise groß gefeiert. Mit Michel Friedman als Gastredner und einer gemeinsamen Botschaft: Nicht erst die Zukunft ist digital, sondern die Gegenwart. Und in der gibt es vor allem eine Gefahr, der sich gerne noch mehr Fernsehredaktionen so beherzt entgegenstellen dürfen, wie Monitor: die AfD.
Von Jan Freitag
Georg Restle, darauf können sich vermutlich sogar seine Gegner einigen, ist ganz schön unerschrocken – sonst hätte ihn der WDR nicht zum Redaktionsleiter des vielleicht furchtlosesten Politmagazins im deutschen Fernsehjournalismus berufen: Monitor. Für die Mächtigen und Machtversessenen ein Titel wie Donnerhall. Für die Machtlosen und Machtbetroffenen ein Grund zum Feiern. Am 21. Mai 1965 lief die allererste Sendung dieser investigativen Institution im Ersten Programm.
Genau 60 Jahre und einen Tag später lädt der größte ARD-Sender ins Wirtschaftswunderambiente des unwesentlich älteren Kölner Funkhauses. Um dem Jubilar zu genügen, hat die Redaktion gewiss lange überlegt, wen sie als Laudator verpflichtet. Und wie Georg Restle ihn mit Hand in der Hosentasche ankündigt, wie der furchtlose Journalist beim Namen allein leiser, fast demütig wird, wie er betont, ihm keinerlei inhaltliche Vorgaben gemacht zu haben, als hätte der das jemals zugelassen – da wird klar: Es kann nur Michel Friedman sein.
Nach einem eher routinierten als inspirierten Grußwort der WDR-Intendantin Kathrin Vernau, liest der frühere HR-Moderator dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk fast zehn seiner 45 Minuten Redezeit die Leviten. Wie einst beim Fernsehschafott „Vorsicht Friedman!“ beklagt er edel gewandet und sprachgewaltig Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung und erntet auch dafür dutzendfach donnernden, am Ende gar stehenden Applaus.
Als philosophischer Publizist (oder umgekehrt) teilt Friedman nicht nur gegen die AfD und (endlich) ihre Wähler aus; er zürnt auch seinesgleichen. Bis auf den Anlass seiner Suada, versteht sich: „Monitor“. Oder wie er es vier Monate nach seinem CDU-Austritt nennt: „Das Fragezeichen des Journalismus gegen die Ausrufezeichen der Totalitären“, dessen Grundhaltung die „der Menschenrechte und der Demokratie“ sei. „Wir brauchen Sie“, fügt er ganz leise hinzu und mit der Hand am Herz: „Ich brauche Sie!“
Fragt sich nur: wer braucht ihn eigentlich sonst noch? Die öffentlich-rechtlichen Politmagazine stehen unter Druck. Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung kosten für sich ja schon Reichweite, Renommee, Relevanz. Hinzu kommt allerdings ein anderes, womöglich größeres Problem; und keiner der 200 geladenen Gäste inklusive Monitor-Legende Sonia Mikich oder WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn käme bei Häppchen, Bier und Festtagslaune darauf, es zu leugnen: die Sehgewohnheiten, besonders jüngerer Zielgruppen.
„Wir erleben schon länger, dass sich immer weniger Menschen zu einem bestimmten Sendetermin vor den Fernsehgeräten versammeln“, sagt Restle im RND-Interview. „Und davon sind auch die Politikmagazine betroffen.“ Obwohl nach wie vor drei Millionen Leute linear einschalten, wird sein Magazin also modernisiert – und zwar weit übers neue Logo, das seltsam an die Pariser Metro erinnert, hinaus. Oder wie er es ganz in Schwarz ohne Blumenstrauß auf der Funkhaus-Bühne ausdrückt: „Die Sendung wird radikal digital first und erst dann zu einer Fernsehsendung.“
Alle Reportagen, Beiträge und Dokus sind künftig bereits vorm Sendetermin donnerstags kurz vor zehn in der ARD-Mediathek, aber auch bei Youtube, Instagram oder Facebook verfügbar. Neue Erzählformen in neuem Look bis hin zum teenageraffinen „Team Recherche“ auf TikTok sollen überdies ein jüngeres Publikum ansprechen, ohne das ältere zu vergraulen. Und dabei auch weiter dort hingehen, „wo es wehtut“, wie Ellen Ehni als ranghöchste Gratulantin in ihrem Redebeitrag fordert.
Als „crossmediale Marke mit einer Berichterstattung“, die „von den Algorithmen nicht immer belohnt wird“, dennoch Diskurshoheit für sich beansprucht und nebenbei den Staatauftrag (über)erfüllt, macht die Chefredakteurin ihren „Monitor“ damit zur journalistischen Tofuwollmilchsauhenne. Kein Wunder also, dass der Umtrunk einer Kampfansage gleicht. Die Big Five der ARD-Magazine kriegen schließlich nicht nur Feuer von rechts, sondern dem eigenen Nachwuchs.
Während Monitor, Fakt, Panorama, Report und Weltspiegel im Ersten analog zu Berlin direkt, auslandsjournal und frontal im ZDF die Fernsehgenerationen Wirtschaftswunder bis Golf ansprechen, sind die Internetgenerationen Y bis Z nahezu vollumfänglich ins Digitale abgewandert. Immerhin: allein lässt sie die ARD dort nicht. Das Jugendportal funk zum Beispiel stellt mit psychologeek, reporter, offen un‘ ehrlich oder den Datteltätern reihenweise altersgerechtes Infotainment online.
Und während das Netz einst meist leichte Unterhaltung gefangen hat, müssen sich Investigativ-Formte wie STRG_F und Y-Kollektiv ebenso wenig hinter Georg Restle verstecken wie Erkenntnisformate à la maiLab oder MrWissen2go hinter Ranga Yogeshwar. Diese Qualitätsoffensive ist allerdings auch nötig. Seit das Duale System die öffentlich-rechtliche Angebotspolitik dem kommerziellen Nachfrageprinzip unterwirft, sind ARZDF Teil derselben Aufmerksamkeitsökonomie wie RTL und Pro7 oder zuletzt Netflix und Amazon Prime.
Leidtragende, klar: Kultur, Politik, Wirtschaft. Das Erste mag ja mantraartig seine aktuell 41 Prozent Informationsanteile lobpreisen; davon abgesehen, dass dazu redaktionell betreute Heimat- oder Boulevardmagazine bis hin zur Kreuzfahrt-Reportage zählen, wird ihre Primetime zusehends von folgenschwerem Journalismus bereinigt. Auch Monitor ist in 60 Jahren 90 Minuten Richtung Nacht gewandert. Nur montags bleibt zur Hauptsendezeit noch Platz für Dokus – deren Hauptfiguren allerdings gern mal vier und mehr Beine haben.
Nur: das anzuprangern klingt verteufelt nach Klagen übers Ende gedruckter Zeitungen, deren Existenznöte ungleich virulenter sind. Fragen Sie mal beim Stern! Ehedem ein solcher am Himmel Hamburger Medienherrlichkeit, steuert die neue Besitzerin RTL das Flaggschiff des aufgekauften Print-Verlags Gruner + Jahr bewusst in die Bedeutungslosigkeit, nimmt der Demokratie ein weiteres Sturmgeschütz zur Abwehr rechtsradikaler Kräfte. Und damit zurück zu Michel Friedman.
Denn Großteile seiner frei gehaltenen, messerscharfen, rhetorisch brillanten Rede gelten weder Einschalt- noch Qualitätsquoten, sondern der AfD. Ihrer destruktiven Kraft, das betont er wie die kurdischstämmige Schriftstellerin Mely Kiyak als Abschlussrednerin ständig, sei nur ein gutrecherchierter, handwerklich solider, haltungsstarker, stressresilienter Journalismus gewachsen. Einer, wie ihn der Monitor fast verbissen betreibt. „Ihr seid ganz schön anstrengend“, sekundiert Ellen Ehni. „Aber es macht Spaß, mit euch zu streiten“. Hoffentlich nochmals 60 Jahre in Frieden, Freiheit, Pluralismus.
Die RAF in Stammheim: Uli Edel & Niki Stein
Posted: May 21, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDoppeltes Kammerspiel
Zum 50. Jahrestag des Prozessbeginns gegen die erste RAF-Generation zeigt die ARD in der Mediathek Niki Steins Dokudrama Stammheim, (Foto: Hendrik Heiden/SWR) mit dem der Regisseur Reinhard Hauffs skandalumwittertes Kammerspiel von 1986 mit Ulrich Tukur als Andreas Baader weiterentwickelt. Das ist starker, aber brillanter Politiktobak.
Von Jan Freitag
Das Bildungsprogramm neigt seit jeher zur Personalisierung historischer Ereignisse. Wer Geschichte spürbar machten will, erzählt sie gern am Beispiel handlungsrelevanter Akteure. Besonders hierzulande herrscht dabei allerdings ein Faible für Antagonisten, das fast an Fimmel grenzt, Tendenz zum Fetisch einer deutschen Sado-Maso-Beziehung. Der beliebteste heißt natürlich Adolf Hitler. Dicht gefolgt allerdings von Andreas Baader. Und wer uns mit einem der beiden realfiktional das Gruseln lehrt, besetzt ihn möglichst prominent.
Den Diktator haben daher neben Bruno Ganz, Götz George oder Thomas Thieme auch Charlie Chaplin und Anthony Hopkins verkörpert. Der RAF-Terrorist hingegen wurde bereits von Ulrich Tukur, Moritz Bleibtreu oder Sebastian Koch gespielt und jetzt ganz neu auf dem Filmpersonalkarussell: Henning Flüsloh. Er ist der Unbekannteste von allen. Vor allem aber ist er der Beste. Und das in einer filmisch raffinierten, inszenatorisch originellen, emotional mitreißenden Rekapitulation. Ihr geschichtliches Original feiert am 21. Mai Jubiläum.
Vor genau 50 Jahren begann der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin. Der Vorwurf damals: 58 vollendete oder versuchte Morde, dazu sechs Raubüberfälle und die Bildung einer kriminellen Vereinigung. Das Gericht: ein Mehrzweckgebäude am Rande der JVA Stuttgart. Sein Standort: Stammheim. Ein Name wie Donnerhall. Eigentlich voll ausreichend für ein Dokudrama, dem die ARD natürlich dennoch den didaktischen Untertitel Zeit des Terrors verpasst. Aber das macht nichts.
Denn was Niki Stein damit erschaffen hat, ist ein kleiner Meilenstein des politischen Historytainments. Der Tatort-Regisseur legt ihn am 28. April 1974, als die ersten zwei Häftlinge im Hochsicherheitstrakt ankommen. Zuvor kontrolliert ein JVA-Beamter die Zellen, berichtet dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss einen Schnitt weiter, vom „ordnungsgemäßen Zustand“. Dann läuten Hubschraubergeräusche den Anfang vom Ende eines denkwürdigen Strafprozesses ein.
Im Gegensatz zur ersten großen, skandalumtosten RAF-Fiktion Stammheim mit Ulrich Tukur als Andreas Baader bildet er allerdings nur einen Teilaspekt des anderthalbstündigen Reenactments. 1986 hatte ihn Stefan Aust noch komplett ins Zentrum eines gefilmten Bühnenstücks gestellt, das zwar den Goldenen Bären erhielt, aber die Berlinale-Jury sprengte. Fast 40 Jahre, nachdem sich deren Präsidentin Gina Lollobrigida empört vom Preisträger distanzierte, teilt sein Drehbuch die Ereignisse dagegen in zwei Teile.
Bevor die vier Angeklagten in der zweiten Filmhälfte den eigens errichteten Gerichtssaal am Rande der JVA betreten, darf sie das Publikum daher im Knastalltag beobachten. Mehr noch als die 192 Prozesstage, von denen wir gut ein Dutzend erleben, besser: erdulden, zeigt ihn Niki Stein als klaustrophobisches Theater der Selbstindoktrination. Freund oder Feind, Sieg oder Tod, Schwein oder Mensch – auch in Gefangenschaft herrscht das Diktat kategorischer Dichotomien, die Niki Stein mit der stoischen Freundlichkeit des stellvertretenden Vollzugsleiters konterkariert.
„I hab immer Frau Enschlin und Herr Raschpe gsagt“, sagt Horst Bubeck zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses (Hans-Jochen Wagner) und fügt hinzu, nie gezählt zu haben, „wie oft sie mich Arschloch genannt“ hätten. Wie Füslohs Baader und Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg) die Wachleute, aber auch Ulrike Meinhof (Tatiana Nekrasov) mit Beleidigungen aller Art traktieren – dieser Psychoterror ist dabei kaum zu glauben, wäre er nicht bestens durch das reichhaltige Archiv offizieller Dokumente und illegaler Abhörmaßnahmen dokumentiert.
Anders als Hauff macht Stein aus Austs Stoff also ein doppeltes Kammerspiel. Weil er zudem ständige Abstecher in den Stuttgarter Landtag macht, wo die Ereignisse der nächsten dreieinhalb Jahre aufarbeitet werden, hebt es sich dramaturgisch wohltuend von Uli Edels Terror-Varieté Der Baader-Meinhof-Komplex (nach einer Vorlage von, genau: Stefan Aust) ab. Aber auch ästhetisch betritt sein Dokudrama Neuland. Schließlich mischt es nicht nur Aufnahmen realer Rahmenhandlungen unter eindringliche Spielszenen; weil Niki Stein letztere gern in grobkörniger Optik der Siebziger dreht, gehen Original und Fälschung unmerklich ineinander über.
Gepaart mit Glanzleistungen aller Beteiligten sorgt Stammheim somit nicht nur für Authentizität, sondern etwas, das Konservative dem Film gewiss ebenso vorwerfen wie Hauff und Edel oder Margarethe von Trottas gefeiertes Ensslin-Biopic Deutschland im Herbst von 1981: völlig Neutralität. Ideologische Verbohrtheit und polizeiliche Willkür werden hier nicht gewertet, sondern geschildert. Diese Nüchternheit animiert überaus fesselnd zur eigenen Urteilskraft. Und viel mehr kann Fernsehen 2025 nicht wollen.
80. Jahre Kriegsende: Gedenken & Verdrängen
Posted: May 8, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentOpfer nach Mitternacht
Wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs heute zum 80. Mal jährt, gleicht das Fernsehgedenken irritierend genau jenem zur ähnlich alten Auschwitzbefreiung im Januar: die großen Sender zeigen business as usual und verdrängen echte Aufarbeitung in die Nische. Ein Erinnerungsüberblick am Bildschirm.
Von Jan Freitag
Der Krieg ist ein furchtbares, aber auch faszinierendes Geschäft. So wenig sich irgendjemand darin durchschlagen möchte, übt er doch einen Sog aus, der am Bildschirm geradezu kriegslüstern wirkt. Ende der Neunzigerjahre etwa, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen förmlich überlief vor Hitlers Soldaten, Volk, Schlachten und Hofstaat. Als Chef der ZDF-Abteilung für Zeitgeschichte, ließ Guido Knopp damals reihenweise Sach- oder Spielfilme drehen, gerne in der Mischform Dokudrama. Es glich einer Sucht. Und fast alle großen Kanäle waren ihr verfallen.
Weil Abhängigkeiten jeder Art eher destruktiv sind, ist es daher zu begrüßen, dass von ARD und ZDF bis RTL und Sat1 alle geheilt sind. Auch heute ist die Zahl militärischer Stoffe demnach überschaubar. Besser: ausgerechnet heute. Denn am 8. Mai 1945 ging mit Deutschlands bedingungsloser Kapitulation der Zweite Weltkrieg zu Ende. Genau 80 Jahre später, ein Tag von epochaler Tragweite, sind sie alle nahezu frei von inhaltlicher Erinnerung an damals. Während Privatsender Interesse nicht mal heucheln, indem sie bellizistische Blockbuster zeigen, delegiert ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz das Gedenken in die Nische der Spartenkanäle und Dritten Programme.
Das hat System – kennzeichnet es doch ziemlich exakt die Arbeitsteilung vom 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung vor gut drei Monaten. Am Montag hat die ARD ihren Dokumentarplatz nach den Tagesthemen zwar der animierten Oral History Hitlers Volk – Ein deutsches Tagebuch 1939 bis 1945 geräumt, die als verlängerter Vierteiler in der Mediathek steht. Ansonsten aber fand nur das Volkssturm-Melodram Die Freibadclique am Mittwoch den Weg ins lineare Hauptprogramm. Und im Zweiten? Läuft ein Neoheimatfilm der Reihe Lena Lorenz, bevor es nach Mitternacht doch etwas Gedächtnisfutter gibt.
Christian Lerchs Drama Das Glaszimmer begleitet eine Kriegerwitwe und ihr Kind auf der Flucht durchs Chaos der letzten Kriegstage ins Münchner Umland – und auch das hat System. Denn wer sich das Angebot dieser Tage so anschaut, findet viele Täterperspektiven, aber kaum Opferperspektiven. Gestern etwa warf Neo mit Oliver Hirschbiegels Der Untergang und Dennis Gansels Napola anspruchsvolle, aber einseitige Blicke auf nationalsozialistische Verbrechen. Der rbb dagegen gedenkt heute fast ganztägig des 8. Mai, tut dies allerdings mit Überbetonung auf die letzten Gefechte der Reichshauptstadt.
Wenn er zwischen Kinder der Flucht (13.10 Uhr) und Nestwärme – Mein Opa, der Nationalsozialismus und ich (22.10 Uhr) in Bernhard Wickis Die Brücke (20.15 Uhr) von 1959 gipfelt, auf der es ausnahmslos um Wehrmachtseltern und Volkssturmkinder geht, wird das Dilemma des Kriegsende-Gedenkens offenkundig. Anders als am 27. Januar geht es am 8. Mai schließlich um beide Seiten – Angreifer und Angegriffene des verlustreichsten Kriegs der Geschichte. Die Täter dabei auszublenden, wäre nicht nur lückenhaft, sondern fahrlässig.
Umso mehr fällt auf, wie die linearen Regelprogramme ihren Fokus vom Objekt aufs Subjekt verschieben, also das Gegenteil ausgewogener Aufarbeitung leisten. Der WDR etwa sendet um 22.45 Uhr in der Reihe Menschen hautnah die Doku Wir Kriegskinder. Erste, nicht zweite Person Plural. Als ginge es um uns allein. Der NDR macht den Bock sogar noch ein wenig mehr zum Gärtner und zeigt das Primetime-Dokudrama Der Norden zwischen Petticoat und Spätheimkehrern. Letztere übrigens eine Lieblingszielgruppe des Erinnerungsfernsehens – gut zu beobachten am Abend im Hessischen Rundfunk.
Nach Gebaut aus Trümmern – 80 Jahre Kriegsende in Hessen um neun, begibt sich das Reportageformat Re 60 Minuten auf die Spur der kriegsgefangenen Väter. Phoenix dagegen beschränkt sich im Themenschwerpunkt Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs auf militärstrategische Themen. Das ist legitim, aber auch angemessen? Nicht annähernd so sehr wie der dreiviertelstündige Rückblick auf Richard von Weizsäckers Bundestagsrede vor genau 40 Jahren, den der rbb leider erst 23.45 Uhr vornimmt. Dass er die Kapitulation am 8. Mai 1985 Befreiung genannt hatte, war ein Wendepunkt der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Weitere 40 Jahre später hätte sie daher ein differenzierteres Andenken verdient als heute.
Immerhin, es gibt Ausnahmen. Der MDR zeigt erst War mein Uropa ein Nazi? (22.40 Uhr) und im Anschluss Nazijäger – Reise in die Finsternis. Zuvor lässt Arte Das Urteil von Nürnberg (20.15 Uhr) von 1961 mit Spencer Tracy, Marlene Dietrich oder Burt Lancaster Revue passieren. Und dann stellt uns der BR endlich eine Zeugin der Zeit vor, die bis heute für die Opfer gegen die Täter kämpft: Beate Klarsfeld, bekannt als Nazijägerin. Leider läuft ihr Porträt Donnerstagfrüh kurz nach Mitternacht. Damit auch ja niemand zuschaltet.
Volk in Angst: Kriminalstatistik & Krimis
Posted: May 7, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Panikmacher
Georg Restles mitunter leicht alarmistische, aber in aller Kürze hervorragend recherchierte ARD-Doku Volk in Angst zeigt eindrücklich, wie mit der Polizeilichen Kriminalstatistik Politik gemacht wird. Das wirft auch ein Schlaglicht auf die Krimi-Dichte oder Tagesschau-Berichte im deutschen Fernsehen.
Von Jan Freitag
Klima, Kriege, Wohnungsnot. Feinstaub, Armut, Zoonosen. Höcke, Putin, Donald Trump: Es gibt 1000 gute Gründe, vor dieser Zeit Angst zu haben! Warum fällt uns jetzt schon länger, ein einziger nur ein? Wer vor drei Wochen verfolgte, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Land aufwühlt, stand womöglich kurz vor der inneren Emigration. Fürs „Rekordhoch“ angezeigter Gewaltdelikte, machten Bild und AfD schließlich vor allem die äußere Immigrationverantwortlich. Oder im Duktus populistischer Stimmungsmarodeure: Die Ausländer. Plural. Also alle?
Der haltungsstarke ARD-Journalist Georg Restle hat da seine Zweifel und prüft „Faesers Schreckensbilanz“ plus „Staatsversagen“ mal eingehend auf Populismusverdacht. Nüchtern betrachtet stieg die Zahl polizeibekannter Verdachtsfälle von gefährlicher Körperverletzung und sexualisierter Gewalt bis hin zu Mord und Totschlag tatsächlich um 1,5 Prozent. Die der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass gar um weitere sechs Punkte. Was aber sagt beides aus? Dieser Frage geht die Monitor-Doku „Volk in Angst“ ab heute in der Mediathek nach.
Kurze, aber präzise 30 Minuten führt sie auf die Reise durch ein furchtsames, argwöhnisches, kleinmütiges Land. Es beginnt am Dortmunder Hauptbahnhof, für Blaulichtmedien „einer der gefährlichsten Deutschlands“. Die Jahresbilanz klingt ja auch happig: 764 Gewalttaten an einer eher regional als national relevanten Zugstation. Andererseits, betonen Ortskundige wie Christina Wittler von der Bahnhofsmission oder Sachkundige wie Prof. Gina Wollinger von der Polizeihochschule NRW, gelten die meisten Angriffe Obdachlosen und Drogenabhängigen, ausgerechnet denen also, die anderen Angst machen.
Aus Sicht des Freiburger Kriminologen Dietrich Oberwittler enthält die PKS also nicht nur „hohe Dunkelziffern“, sondern „systematische Verzerrungen“. Rund ein Drittel eingestellter Verfahren zum Beispiel oder die Tatsache, dass Menschen migrantischer Herkunft weitaus öfter kontrolliert und angezeigt werden als biodeutsche. Georg Restle sieht in der PKS abgekürzten Polizeistatistik somit nur einen „Arbeitsnachweis der Polizei, kein realistisches Bild“. Und das wird 500 Kilometer südlich noch deutlicher. Sigmaringen. Badisches Fachwerkidyll. 17.000 Einwohner. Alle in Selbstisolation, so scheint es.
Zwei befragte Passanten jedenfalls trauen sich vor lauter Ausländerkriminalität kaum noch raus. Die Flüchtlingsunterkunft, noch Fragen? Ein Beamter der dortigen Polizeiwache korrigiert jedoch, Straftaten gebe es nur innerhalb der Einrichtung. Jung, männlich, sozial benachteiligt, sind viele der Insassen naturgemäß gewaltaffiner als, sagen wir: ältere Anwältinnen, und damit zwar füreinander gefährlich. Für andere weniger. Was empirisch belegbar ist, müsste man halt nur noch allgemein bekannt machen. Leider geschieht das Gegenteil.
Eine Erhebung der Macromedia Hochschule Hamburg hat ergeben, wie tendenziös das Fernsehen Gewalt thematisiert. Während ein Drittel der Tatverdächtigen Nichtdeutsche sind, betrug ihr Berichtsanteil 84,7 Prozent. Selbst die Tagesschau, meint WDR-Moderator Restle, gewichte einseitig. Während der arabische Anschlag von Magdeburg Ende 2024 acht Beiträge und einen Brennpunkt nach sich zog, waren es beim deutschen von Mannheim vorigen März zwei ohne Sondersendung. Womit wir beim Untertitel von „Volk in Angst“ wären: „Wie mit Verbrechen Politik gemacht wird.“
Angst, weiß Macromedia-Professor Thomas Hestermann im SZ-Interview, „generiert Quoten, Klicks und Wählerstimmen“, sie sei also „ein Geschäftsmodell“. Und darin wirkt wenig auf abstoßendere Art anziehend als die rassistisch genährte Furcht vorm schwarzen Mann – das wusste schon der Paranoia-Dirigent Eduard Zimmermann, als er ab 1967 unterm Aktenzeichen XY reihenweise dunkler Gestalten durch hiesige Wohnstuben schickte. Dabei geschehen bis zu 60 Prozent der Tötungs- und Dreiviertel aller Sexualdelikte im „sozialen Nahfeld“, also unter Bekannten und Verwandten. Rund 100 Femizide im Jahr zeigen: die größte Gefahr für Frauen liegt nicht im Bett der nächsten Asyleinrichtung, sondern dem eigenen.
Das Risiko, fernab davon Opfer physischer Gewalt zu werden, ist ungleich kleiner als in den USA. Die Kluft zwischen Kriminalitätsrealität und ihrer Wahrnehmung hat folglich andere Ursachen – politische, kulturelle, ökonomische, psychosoziale. Und sie werden zwar medial selten erzeugt, aber nachhaltig verstärkt. Macromedia-Studien zufolge etwa dadurch, dass TV-News und -Magazine bereits 2017 doppelt so häufig über Gewaltverbrechen berichtet hatten als zehn Jahre zuvor und 2023 den nächsten Höchstwert erreichten.
Deutschland, sagt Thomas Hestermann, „ist eins der sichersten Länder der Welt“, aber seine Bevölkerung „geradezu angstsüchtig“. Im Sog des sprachlichen Exportschlagers german angst fluten uns Mediatheken, Podcasts, Buchgeschäfte mit „leichtem Grusel“ popkultureller Real und Fake Crime. Allein der Tatort zählt surreale 2,3 Todesopfer pro Fall. Im Rekordjahr 2014 waren es gar 150 von bis zu 2000 Tötungsdelikten, die Fachleute Jahr für Jahr am Bildschirm zählen – das Dreifache der aktuell 668 Fälle, die ihrerseits einen Bruchteil des Höchstwerts von 1993 darstellen.
Die Sorge, Opfer einer Straftat zu werden, das misst die Versicherung R & V seit langem, geht zwar kontinuierlich zurück. Von vier Fünfteln der Deutschen 1990 auf derzeit 20 Prozent. Für den Freiburger Kriminologen Hans-Jörg Albrecht „nimmt das subjektive Sicherheitsempfinden“ abgesehen von einer „Beule im Zuge von Angela Merkels Flüchtlingspolitik nach 2015“ tendenziell sogar zu. Parallel aber beeinflusst die Menge publizistisch verabreichter Verbrechen gepaart mit der fear mongering genannten Panikmache manipulativer Medien das kollektive Sicherheitsempfinden.
„Je mehr Konsum, desto mehr Kriminalität“ – auf die Formel bringt Albrecht auf SZ-Anfrage den Zusammenhang von echter und verbreiteter Verbrechensdichte. Im Rahmen seiner Kultivationshypothese, wonach ein Übermaß an Fernsehen individuelle Weltbilder prägt, sprach der Kommunikationsforscher George Gerbner schon vor 50 Jahren vom Mean World Syndrome. Dem Gefühl einer feindseligen, gefährlichen Welt dank zu viel Bildschirmgewalt also, die der Doomscrolling genannte Hang des Digitalzeitalters, schlechte Nachrichten durch noch schlechtere zu bestätigen, weiter verstärkt.
Während die Aufklärungsquote handelsüblicher Krimis nahe 100 Prozent gepaart mit dem „CSI-Effekt“ unfehlbarer Forensik das Publikum in Sicherheit wiegt, müssen die Verbrechen von Nordic Noir bis Real Crime somit immer blutiger werden. „Heute brauchst du schon einen Toten mit krassem Hintergrund, damit es gekauft wird“, sagt ein Essener Polizeireporter in Restles Reportage über sein Metier. „Mord und Totschlag führen zu Emotionen, Spannung, Aufregung“, pflichtet Fernsehforscher Albrecht bei. „Langwierige Ausführungen zu CumEx-Geschäften eher nicht“. Es sei denn, die Täter wären Geflüchtete.

