Albrecht Schuch: Uwe M. & Kruso

In der Natur werde ich ruhig

In der atmosphärischen Roman-Verfilmung Kruso um eine Schar Freigeister auf Hiddensee, die Republikflüchtlinge zum Bleiben in der DDR ermutigen, spielt Albrecht Schuch heute Abend (20.15 Uhr) im Ersten die Titelfigur – und zeigt damit zum zweiten Mal in nur drei Tagen, warum er zum Besten zählt, was das deutsche Schauspiel derzeit im Angebot hat. Ein Gespräch über Heimat, Lyrik, Rückzugsorte und warum seine Figuren oft irre lachen.

Von Jan Freitag

Herr Schuch, Sie laufen innerhalb von drei Tagen zweimal zur besten Sendezeit im Fernsehen.

Albrecht Schuch: Der Polizist und das Mädchen, Dienstag vor Kruso, stimmt.

Liegt Ihnen einer der beiden mehr am Herzen?

Ich mag beide sehr, aber das Poetische an Kruso ist schon was Besonderes.

Sind Sie ein lyrischer Typ?

Wenn es bedeutet, länger über Gedanken zu sprechen und mehr auszudrücken als nötig, absolut. Ich habe spät, erst mit elf oder so angefangen mich mit Büchern zu beschäftigen und bin bis jetzt keine Leseratte, die 15 Romane im Jahr verschlingt. Aber mein zweites Buch war von Hermann Hesse; seine ausschweifende Art zu formulieren hat mich ungemein geprägt; ich schweife ja auch unglaublich aus.

Kannten Sie die Literatur-Vorlage von Kruso?

Nein. Und als ich sie gelesen habe, brauchte ich auch etwas, um reinzukommen. Aber dann bekam die Lektüre sowas Wogendes, als stünde man auf einem Schiff. Das hat fast körperliche Empfindungen bei mir ausgelöst.

Setzt der Film das bildlich um?

Ich wünsche mir bei Buchvorlagen zwar oft, sie nicht zu kennen – aber ja, unbedingt. Unter anderem, weil man den Film nicht konsumiert, sondern auf sich wirken lässt. Weil er keine Antworten gibt, sondern Fragen aufwirft. Weil er sinnlich ist, ohne berechnend zu sein. Um das einzufangen, haben wir auch nicht auf Hiddensee gedreht; mittlerweile zu verbaut. Sondern in Litauen. Kurische Nehrung. Wild, schön, Wahnsinn! Das sah da noch aus wie vor 30 Jahren und das Wetter hat fünfmal am Tag gewechselt… Ich versuche mich stets mit dem Drehort innerlich zu verbinden, das hat da wunderbar geklappt.

Mit welchen Mitteln?

Indem ich mir zum Beispiel ein uraltes Klapprad aus Sowjet-Zeiten gekauft habe und durch die Gegend gefahren bin, um die Menschen zu erleben. So hätte Kruso das auch gemacht. Er ist da zwar noch drei Stufen weiter, aber wir beide sind sehr sensitive Menschen, die eingreifen, wenn irgendwo Gefühle offen liegen. Und am Set lagen fast alle offen. Wir haben eigentlich alle ständig geheult (lacht).

Weil Sie sich so nahe waren?

Auch das. Die meisten Darsteller kannte ich noch vom Gorki-Theater, wo Anja Schneider mal selbst den Kruso gespielt. Das waren Jugendidole, die mich trotzdem nie spüren ließen, wie viel erfahrener sie sind. Dieses Familienfest merkt man dem Film glaube ich an.

Besonders wird er allerdings durch etwas anderes.

Was denn?

Er erzählt die DDR nach all den Flucht-, Rettungs- und Wendegeschichten erstmals als Verlust, dem nachzutrauern nicht nostalgisch, sondern menschlich ist.

Definitiv! Und das hat mich, nicht nur weil ich selber aus dem Osten komme, von Anfang an so fasziniert. In dieser Heimatliebe steckt ja etwas Universelles: Warum wollen wir stets weg von dem, was wir haben, und was erhoffen wir uns, woanders zu finden, das es nicht dort, wo wir sind, bereits gibt? Das hat natürlich was Räucherstäbchenumnebeltes, ist im Kern aber die Frage aller Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Macht das den Film im besseren Sinne zum Heimatfilm?

Kruso würde das mit einem Fragezeichen versehen: Wo ist Heimat?

Und?

In dir selbst. Das gilt für Kruso, der alle, alles verloren hat, diese Leerstellen ohne Wurzeln und Familie aber durch die Nähe zu Menschen seines Vertrauens zu füllen versucht. Das gilt für uns alle, mich eingeschlossen. Auch mein Heimatbegriff ist ja nicht mit einem Stück Land oder Erde verbunden, solang man sich dort nicht mit seinen Liebsten trifft, um es mit ihnen zu teilen. Ansonsten lenkt es nur davon ab, was uns wirklich wichtig ist.

Und dafür ist ja der „Klausner“, dieser selbstverwaltete, abgewrackte, liebevoll erhaltene Gasthof ein Synonym.

Genau.

Haben Sie auch so einen Ort außerhalb der eigenen Wohnung?

Berge. Ich lebe zwar die Hälfte meiner Zeit in der Stadt, aber Natur im Allgemeinen ist mein wichtigster Rückzugsort. Ich habe von Punk bis Skater alle Modeerscheinungen der Großstadt ausprobiert, aber sobald ich zurück auf dem Land war, fiel mir auf, wie wenig Substanz alles Äußere hat. In der Natur werde ich ganz ruhig.

Das steht im Gegensatz zu Rollen von Neue Vahr Süd über NSU-Komplex bis Bad Banks und Gladbeck, in denen Sie etwas Unruhiges, Fiebriges ausstrahlen, oft ausgedrückt durch so ein unkontrolliertes Lachen.

Die Wahrnehmung höre ich zum ersten Mal, ist aber hochinteressant; schön, das mal gespiegelt zu kriegen. Abgesehen vom Reporter in Gladbeck hab ich das bislang nämlich nie bewusst eingesetzt. Ich mag allerdings die Nähe von Melancholie und Wahnsinn, vielleicht findet das darin unterbewusst seinen Ausdruck, vielleicht ist das auch die Verbindung meiner Rollen zu mir, die ich stets suche. Nach meiner Rolle im NSU-Komplex brauchte ich daher ein Jahr, um mich von meiner Rolle zu reinigen.

Angeblich musste das der gesamte Cast, nachdem er vorher beim Drehen Sieg Heil brüllend durch die Straßen gezogen ist.

Genau, da brauchten wir alle erstmal ‘ne Seelendusche, das hat auch mit Selbstschutz zu tun – zumal die Glatzen ja fast ausschließlich von Antifas aus der Umgebung gespielt wurden. Da haben wir abends am Lagerfeuer erstmal alle zusammen „Nazis raus!“gebrüllt, krieg ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Umso verständlicher ist es, dass meine Begeisterung offenbar manchmal manisch wirkt. Darüber denke ich mal nach.

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Straight Family: Homosexualität & Wahrheit

Queerstraße des Mainstreams

Die funk-Serie Straight Family (Foto: funk/Pagozdi) mag raspelkurz, günstig gedreht und dann auch noch fürs Internet gemacht sein – selten zuvor jedoch wurde so lässig mit dem Thema Homosexualität unterhalten wie im dreiviertelstündigen Fünfteiler um zwei queere Geschwister in Berlin.

Von Jan Freitag

Auf dem Acker des Fernsehens sind sorgsame Bauern nach wie vor rar. Die meisten tränken ihr Feld ja weiter so intensiv mit den Pestiziden der Uniformität, dass außer Standardgewächsen nur wenig gedeiht. Inhaltlich führt das zur Monokultur aus Krimi, Familiendrama, Krimi, Familienkomödie, Krimi, Familienschnulze, Krimi und alles mit Arzt; personell werden Charaktere jenseits des Mainstreams selbst von den Nebenflüssen penetrant ins Grundwasser abgeleitet. Zum Beispiel Homosexuelle.

Heutzutage mit dem Kürzel LGBTQ erweitert, gibt es besonders im hiesigen Film & Fernsehen schließlich noch immer vor allem drei Arten der Abweichung von unserer heterosexuellen Norm: Lederschwule und Federtunten, Kampf- oder Modellesben. Sie alle kommen in der Realität vor, sie alle haben daher auch fiktional ihre Daseinsberechtigung, weil sie alle jedoch nur Varianten dieser facettenreichen Subkultur sind, fehlt zumeist, was ihr Gros ausmacht: Eher gewöhnliche Menschen mit einer eher ungewöhnlichen sexuellen Identität.

Schon deshalb ist das, was ab heute auf dem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal funk läuft, von großer Relevanz im ganz Kleinen: Die Webserie Straight Family zeigt fünf Kurzepisoden lang eine Schar homosexueller Serienfiguren, die nicht nur bemerkenswert glaubhaft sind, sondern mehr noch: nahezu frei von Klischees. Schon die allererste Szene ist zumindest aus deutscher Produktion ein Novum: Im Großraumabteil nimmt die weibliche Hauptfigur Lara (Luise Helm) Augenkontakt zu einer Fremden auf und folgt ihr ans Ende des Zuges, wo beide heftig miteinander fummeln – und zwar weder, um irgendeine Form von Voyeurismus zu bedienen, noch als Vorspiel einer Problemlage unterdrückter Randgruppen.

Bevor der One-Night-Stand richtig Fahrt aufnimmt, findet sich die angenehm unprätentiöse Lara bei ihrem ebenso herkömmlichen Bruder Leo (Ben Münchow) wieder, der die Bier-Kneipe seiner Großmutter (Us Conradi) in eine Queer-Kneipe verwandelt hat. Und hier beginnt ein Problem, dass der Serie absolut zum Vorteil gerät: Mitbesitzer Mehmet (Armin Wahedi) nämlich ist nicht nur Leos Geschäfts-, sondern auch Liebespartner, wovon die konservative Oma als Besitzerin des Ladens nichts wissen, weshalb sich Leo partout nicht outet.

Die Folge ist ein verbissener Kampf um Würde ohne Wahrheit, der dem Wahnsinn bisweilen recht nahe kommt. Wie in der baugleichen ZDF-Serie Just push Abuba, ist Straight Family daher voll überdrehter Momente, in denen sich die kaum zehnminütigen Low-Budget-Miniaturen zu maximal ulkigen Milieustudien auftürmen. Mal wird unterm Gastraum psychedelischer Schnaps gebraut, mal tanzt die homophobe Austauschschülerin dazu auf dem Tisch, meist guckt die 90-Jährige Magda dazu überdreht aus der Berliner Schnauze, doch nie kommt der Verdacht auf, die vier Nachwuchsregisseure der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) würden das Drehbuch des siebenköpfigen Writer’s Rooms dazu missbrauchen, wohlfeile Botschaften über Gleichberechtigung, Emanzipation oder noch schlimmer: Toleranz unters Netzpublikum prügeln.

Homosexuelle dürfen einfach Homosexuelle sein, deren Homosexualität gesellschaftlich zwar nach wie vor problematisiert wird, privat aber nur ein Aspekt unter vielen großstädtisch prekärer Existenzen ist. Und das hat Straight Family vielem voraus, was queere Lebensentwürfe fiktional behandelt. Seit sich der Bayrische Rundfunk 1977 aus Wolfgang Petersens Schwulendrama Die Konsequenz geklinkt hat und zehn Jahre darauf in der Lindenstraße erstmals die Zunge bei einem gleichgeschlechtlichen Kuss zum Einsatz kam, mag die Zahl queerer Charaktere zunächst langsam, dann zügig gestiegen sein; ihre Funktion bleibt nicht nur am Bildschirm dramaturgisch aufgebläht. Edgar Selge mochte zuletzt als verkappt schwuler Prediger einer freichristlichen Gemeinde im ARD-Film So auf Erden ein sensationelles Coming-Out feiern. Und wie Ina Weisse im Melodram Ich will dich! zwei Jahre zuvor einer vergleichsweise guten Ehe ins lesbische Abenteuer entflieht, war frei von der Enge früherer Stoffe.

Doch einfach nur schwul, geschweige denn lesbisch sein – das ist bis heute allenfalls made in USA die Regel, wo Serien wie Will & Grace und The L-Word oder zuletzt Banana zwar das Vorurteil von der eleganten Libertinage Andersliebender mit gutem Auskommen und Geschmack verfestigen; hierzulande dagegen muss sich fast jedes Format abschließend entscheiden, ob es bierernst oder ulkig ist, also eher Fremdschamfutter wie die Culture-Clash-Comedy Andersrum oder Mitfühlstoff wie das Kinodrama Freier Fall um zwei schwule Polizisten. Kein Wunder, dass die lesbische Schauspielerin Ulrike Folkerts seit 67 Tatorten auf so etwas wie ein funktionierendes Liebesleben wartet.

In diesem Umfeld wirkt Straight Familiy wie eine Frischzellenkur. Wenn der Schwule Fußballfan ist, sein Freund Türke und die Schwester ganz nebenbei auf Frauen steht, wird das Außergewöhnliche unterhaltsam alltäglich. Trotzdem bitten die Darsteller zwischen den Folgen, online mitzudiskutieren. So verbreitet Homosexualität am Bildschirm ist – davor dreht sich die Uhr der Emanzipation ja gerade wieder zurück. Auch darum verleiht ihr die Serie im Dialog Normalität. „Wie war‘s…“, treibt Leo mit Lara Smalltalk. „In Neuseeland?“, vervollständigt sie den Satz, fügt „ist schon so, wie alle sagen: grün, weit, schön“ hinzu und ergänzt rotzig: „Wenn irgendwat perfekt ist, kommt bei mir immer’n bisschen Kotze hoch.“ Mit Homosexualität hat das erstmal wenig zu tun, mit guten Drehbüchern sehr, sehr viel.


Sharp Objects: Mädchenmorde & Dämonen

Kleinstadt Amerika

In der fabelhaften HBO-Serie Sharp Objects recherchiert ab morgen auf Sky eine Reporterin nun auch in deutscher Übersetzung am Ort ihrer Kindheit zwei Mädchen-Morde. Dabei trifft sie nicht nur alte Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit, sondern ein zerrüttetes Land auf der Suche nach seiner Mitte.

Von Jan Freitag

Wenn Eltern bei Kindern für Ordnung sorgen, sind die Rollen verteilt. Mutter meckert, Mädchen schweigt – so ist es auch bei Camille Preaker, als Mama Adora ihr für Frevel der vorigen Nacht die Leviten liest. „Blamier‘ mich nicht noch mal!“, fordert sie von der Tochter und legt wütend „das fällt bloß auf mich zurück“ nach. Was Erziehungsberechtigte halt so sagen, wenn sich Heranwachsende voll daneben benehmen. Nur: Adora ist seit locker 15 Jahren nicht mehr erziehungsberechtigt, weshalb Camille allein entscheiden darf, wie sie sich nach welcher Alkoholmenge benimmt. Zumindest im großen St. Louis.

Im kleinen Wind Gap dagegen hat Adora das Sagen. Und die findet es gar nicht lustig, dass ihr Kind nach Jahren der Abwesenheit als Reporterin ins ländliche Missouri zurückkehrt, um bei der Recherche zweier Mädchenmorde besoffen im schrottreifen Volvo zu pennen. Die neue HBO-Serie Sharp Objects handelt also nur an der Oberfläche von einem Kriminalfall in der amerikanischen Provinz. Darunter geht es nach der Originalfassung ab heute auch in deutscher Übersetzung auf Sky um viel, viel mehr. Mit jeder Flasche Schnaps aus der Hotelbar nämlich, mit jeder Rückblende in die Zeit ihrer Jugend, mit jeder Selbstausbeutung im Dienst der Wahrheit über sich und die alte Kleinstadtwelt wird klarer: Am Beispiel der unfreiwillig heimgereisten Camille leuchtet der Achtteiler die amerikanische Gesellschaft im Ganzen aus.

Wie schon in seiner grandiosen Speckgürtel-Studie „Big Little Lies“, gelingt es Jean-Marc Vallées Adaption von Gilbert Flynns Bestseller Gone Girl eindrucksvoll, Orte durch seine Menschen zu erzählen. Und das stockkonservative, alkoholvernebelte, schweißtriefende, irgendwie diffuse Wind Gap ist dabei die uramerikanische Mischung aus unreflektiertem Traditionalismus und dem unverwüstlichen Glauben der Eingeborenen, ihrer Zeit weit voraus zu sein, nicht weit hinterher.

Dank Hauptdarstellern wie der kontrollsüchtigen Patricia Clarkson als Adora und Nebenfiguren wie dem ewig verschwitzten Polizeichef Vickery (Matt Craven), erzählt Vallée folglich weniger die Geschichte einer trostlosen Existenz auf der Suche nach den Abgründen ihrer Biografie; er zeigt uns ein gekränktes Amerika der selbstbewussten Loser, die einen Reaktionär ins Weiße Haus gewählt haben und nun ausdauernd verwechseln, was Vergangenheit ist, was Gegenwart.

Dass die psychisch labile Alkoholikerin Camille – wunderbar lebenswund gespielt von der unvergleichlichen Amy Adams (American Hustle) – ständig als eigensinniger Teeny der Achtziger aufwacht, ist demnach nicht nur ein dramaturgischer Kniff zur Erklärung aktueller Zusammenhänge; die dauernden Flashbacks in ihre Jugend beschreiben vielmehr ein Land auf der Suche nach seiner verschwundenen Mitte. Die Serie hat deshalb auch keine Zeitsprünge, sondern Zeitströme, in denen Charaktere scheinbar hilflos herumschwimmen wie Treibholz. So wie es all jene tun, für die Amerika und Wind Gap langsam deckungsgleich werden.

Dafür muss Jean-Marc Vallée keine Landeier mit Pick-up-Truck und Make-America-Great-Again-Kappe zeigen; ihm reicht es, Ronald Reagans Neokonservatismus so in Donald Trumps Neodilettantismus einsickern zu lassen, als hätte die liberale Ära zwischendurch nie stattgefunden. Klingt politisch, dröge, verkopft? Keine Sorge – die Jagd nach dem Mädchenmörder ist zugleich bestes Krimi-Entertainment, Camilles Suche nach ihren inneren Dämonen feinstes Melodramenfernsehen und alles zusammen ein herausragendes Filmzeugnis der quälenden Hatz nach Halt im Gestern, wenn das Heute zerbröselt.


ARD-Doku: Kulenkampffs Schuhe

Vergessenskultur

Die fabelhafte SWR-Doku Kulenkampffs Schuhe handelt heute um 22.30 Uhr in der ARD nur vordergründig vom biederen Showfernsehen der 60er und 70er Jahre. Regine Schilling erklärt damit die Fluchtinstinkte der jungen Bundesrepublik am Beispiel ihres eigenen Vaters, der sich vor lauter Wirtschaftswunder zu Tode geschuftet hat.

Von Jan Freitag

Die deutsche Samstagabendshow, so lautet ein Vorurteil übers Lagerfeuer der TV-Nation, das im Jahr sieben nach dem heiligen Gottschalk nur noch ein fahles Glimmen ist, hat sich nie allzu eifrig um die Nachrichtenlage davor wie danach gekümmert. Ganz gleich ob Torriani oder Frankenfeld, Carrell oder Elstner, Pilawa oder Pflaume, Lanz oder Winterscheidt: wann immer Deutschlands Entertainer zur Unterhaltung bliesen: Die Politik blieb draußen. Könnte man meinen.

Dann aber sieht man diese Doku und erstarrt vor Schreck. Erklärt der Kandidat einer grauweißen Quizsendung sein mögliches Schummeln da gerade beiläufig mit dem Satz, „ich habe bei Juden gelernt“? Sagt Hans-Joachim Kulenkampff in der östlich dekorierten Kulisse von Einer wird gewinnen wirklich, dies sei „das erste Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein?“ Singt Peter Alexander in seiner gleichnamigen Show allen Ernstes ein Lied übers zerbombte Land, in dem „das Hungern“ wenigstens „schön schlank“ mache. Und trägt der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal bei der Jubiläumsausgabe von Dalli Dalli am Jahrestag der Reichpogromnacht echt Trauerschwarz statt Quietschebunt wie 1975 üblich?

Ja! Ja! Ja! Ja! Ergo: Nein! Am Anfang der hiesigen Fernsehgemütlichkeit, so belegen die 91 Minuten von Kulenkampffs Schuhe eindrücklich, ging es doch nicht ausnahmslos so eskapistisch, wie es die Legendbildung hierzulande besagt. Genau das arbeitet die prämierte Filmemacherin Regine Schilling (Geschlossene Gesellschaft) in einer famosen Kollage aus Archivmaterial und Super-8-Filmen der sechziger bis siebziger Jahre heraus. Sie beschränkt sich dabei jedoch nicht auf den Abriss des televisionären Zerstreuungsangebots, sondern erstellt am Beispiel ihres eigenen Vaters ein autobiografisch gefärbtes Narrativ der späten Nachkriegsgesellschaft.

Geboren 1925, wie viele Showmaster jener Tage also ein relativ schuldbefreiter Jahrgang, durchlebt der lebenslustig strebsame Drogerie-Besitzer das abflauende Wirtschaftswunder in einer Mischung aus Aufstiegseuphorie und Abstiegsangst, bis der heillos überarbeitete Kettenraucher früh an einem Herzinfarkt verstarb. Zuvor allerdings lenkte er sich wie die meisten seiner Mitbürger tagtäglich drei, vier Stunden am Röhrenapparat vom harten Alltag ab. Mit Maria Schraders Stimme erzählt seine Tochter, geboren 1962, von den Samstagabenden ihrer Kindheit, an denen alle Sorgen des Daseins verfliegen, „der Vater rauchend mit Bier, Mutter ein Glas süßen Mosels“, dazwischen die kleine Regine – glücklich, behütet, aber ein bisschen verwirrt, wenn der Kriegsveteran Kulenkampff (im Beisein des EWG-Produzenten und SS-Hauptscharführers Martin Jente) mal wieder Witze über den Russlandfeldzug macht und Familie Schilling damit doch nie ganz aus der düsteren Vergangenheit entlässt.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: ein Showmaster, der seine Zuschauer nicht nur mit Weltstars in Tiermaske oder Schleichwerbung für Gummibärchen belästigt, sondern dem dunkelsten Kapitel der Menschheit oder Geschichten aus dessen zerbombten Erbe? Bei den Herren (Damen gibt es ja bis heute nicht) Kerner, Cantz oder Hirschhausen wäre das in etwa so denkbar wie ein Format ohne Kinderaugen! Natürlich bedienten auch die Gastgeber der Aufbruchsjahre vor allem Fluchtinstinkte. Ein seliges Publikum voller Bienenstock- und Brillantine-Frisuren im Saal, waren auch die Conférenciers der Aufbruchsjahre gnadenlos der guten Laune verpflichtet.

Besonders Hans Rosenthal, der die Kollektivschuld seiner arischen Nachbarn unterm Sofa einer Gartenlaube überstand, arbeitete das Trauma des Nationalsozialismus mit einem Frohsinn auf, der Dalli Dalli ab 1971 zum Inbegriff bürgerlichen Verdrängungsbedürfnisses machte. Wenn der jüdische Moderator jedoch zeitgleich beim empathischen Talk-Host Blacky Fuchsberger von seiner Todesangst im Berliner Versteck erzählt, zeigt sich, dass die Hochphase deutscher Fernsehunterhaltung mit Einschaltquoten nahe 100 Prozent doch ein wenig vielschichtiger waren als im Rückblick oft beklagt. Nur: damit hält sich Regina Schilling allenfalls am Rande auf. Im Kern kombiniert sie die Verdrängungskultur der Nachkriegszeit mit der Vergessenskultur des Wirtschaftswunders und einer neuen Erinnerungskultur nach den Auschwitz-Prozessen zu einer Kollage bundesdeutscher Befindlichkeiten, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.

Als Hans Rosenthal ausgerechnet am 9. November sein Sendungsjubiläum feiern sollte, da federte das ZDF diese Instinktlosigkeit im Anschluss mit der Vernichtungslagerdokumentation Nacht und Nebel ab, die 20 Jahre später erstmals ausgestrahlt wurde. Den einst so geliebten Fernseheskapismus konnte Regine Schilling danach nicht mehr ertragen. Schwer zu glauben, dass Markus Lanz die Sendung seinerzeit gesehen hat.


Hotel Herzklopfen: Altersliebe & Fremdscham

Im Seniorenzoo

Seit Sonntag (17.55 Uhr) steckt Sat1 zwei Dutzend Senioren ins Hotel Herzklopfen, um sie innerhalb von drei Doppelfolgen möglichst anrührend zu verkuppeln. Im Boom-Genre Flirtshow klingt das nach einer Extraportion Zynismus. Wären da nicht die überraschend eigensinnigen und selbstbestimmten Teilnehmer…

Von Jan Freitag

Fremdscham ist ein lukratives Fernsehgut – erst recht, wenn sie den Desperados der Zivilgesellschaft gilt. Außenseitern bei der Suche nach Anerkennung etwa, Arbeitslosen bei der Suche nach Jobs oder Alleinstehenden bei der Suche nach Nestwärme. Damit selbst untere Zuschauerschichten ab und an ein Gefühl von Erhabenheit haben, verkuppeln Privatsender beziehungsgestörte Menschen ja gern mit Bäuerinnen, Schwiegertöchtern, Traum-, gar Jungfrauen. Kein Wunder, das nun auch solche ins Rampenlicht der Kuppelindustrie geraten, deren Gegner im Kampf mit der Einsamkeit unbesiegbar scheint: Die Zeit.

Deshalb lädt Sat1 ab Sonntag zwei Dutzend Senioren in ein pittoreskes Gasthaus unter den Gipfeln der Schweiz, um ihnen sechs Folgen lang den Weg in die Zweisamkeit zu ebnen. Oder wie es die Dokusoap genannte Realitätssimulation aufgekratzt vom Flatscreen brüllt: für die „Liebe ihres Lebens“, stürzen sich 24 Singles über 60 ins „größte Abenteuer ihres Lebens“ – darunter macht es das kommerzielle Fernsehen auch nicht, falls die Betroffenen jahrzehntelang lang Zeit für weit umfangreichere Risiken und Wagnisse hatten.

Während der ARD-Film Altersglühen das Thema Ende 2014 noch als improvisiertes Speeddating mit Schauspielerin inszeniert hat, simuliert Sat1 die Wirklichkeit altersbedingter Isolation nun also in einer ulkigen Flirtshow. Dafür durchlaufen vom hemdsärmeligen Metzger Gusti bis zum Hansi-Hinterseer-Double Alf, von der aktiven Hamburgerin Astrid bis zur häuslichen Kölnerin Christine je zwölf Frauen und Männer aller Dialekte und Biografien den Unterhaltungsparcours des Beobachtungsfernsehens: Tretrollerrennen, Kostümdisco, Wettbacken – stets unterm Argusblick diverser Kameras und dreier Moderatoren, die jede Regung süffisant kommentieren.

Das klingt – zumal im Soundbrei aus Kirmestechno und Liebesschnulze – so zynisch wie alles, was im kommerziellen Programm unterm Label Real Life firmiert. Schließlich setzt das Plagiat des belgischen Originals die werberelevante Generation 60+ den Reizkollektoren der Erregungsgesellschaft aus. Und das wird selten schmeichelhaft. Als Gastgeber Lutz van der Horst die Gruppe auf grellpink dekoriertem Trecker grölend ins Hotel Herzklopfen fährt, liegt die Messlatte des Niveaus jedenfalls frühzeitig tief. Und sie rutscht auch nicht höher, wenn seine Ko-Moderatoren Sarah Mangione und Daniel Boschmann all die entzweiten Rest-Ager ständig zu Signalen der Paarungsbereitschaft („nun küss euch mal“) auffordern.

Der Fernsehmenschenzoo, er hat also wieder Stoßzeit. Besser: noch immer. Seit RTL die Zugkraft unvermittelbarer Landwirte 2005 aus Österreich importierte, stand besonders die Sendergruppe aus Köln tief im Dreck ausgestellter Bindungsstörungen. Wurden beim Bachelor noch wohlgeformte Modepüppchen frauenverachtet, die in Formaten wie Adam sucht Eva nicht mal mehr Zeit mit Ausziehen verplempern, stellte die Sendergruppe bald Heiratsmarktverlierer von dick bis doof ins Schaufenster ihrer Menschenverachtung. Mal mehr, eher weniger selbstbestimmte Voyeurismusobjekte auf der Jagd nach Geborgenheit zu verhöhnen, zählt seither zum Markenkern der Scripted Reality.

Während die Kopie vom arglosen Herzblatt auf Sat1Gold floppte, sank die Hemmschwelle – vom Pöbel begafft, vom Feuilleton ignoriert – also zügig ab. Wie tief, zeigt Vera int Veen. Vor zwei Jahren lancierte Jan Böhmermann in ihrer Freakshow Schwiegertochter gesucht einen Darsteller mit gespielter Geistesschwäche, die von RTL genüsslich ausgeweidet wurde. Der Aufschrei war groß, die Wirkung weniger. Im Gegenteil. Weil schlechte Werbung allemal besser ist als keine, wird weiter nach unten getreten. „Bauer sucht Frau“ erzielt damit noch immer fünf Millionen Zuschauer. Und so liegt der Verdacht nah, auch im Hotel Herzklopfen gehe es um Fremdscham. Das tut es, ohne Frage. Aber nicht nur.

Die Bewohner zeigen nämlich etwas Ungewöhnliches im Kuppelgenre: Noch weithin unverbildet von der Selbstdarstellungsdiktatur des Internets, sind viele der 24 Gäste glaubhaft authentisch. Wenn ältere Herren beim Balzen ständig zugreifen, wirkt das im Angesicht von #MeToo zwar erschreckend übergriffig. Weil ältere Damen darauf giggelnd entgegnen, vom „starken Mann“ halt gern „erobert werden“ zu wollen, passt das allerdings zu einer Generation, die noch Prügel als Erziehungsmethode kennt und nicht bei Tinder, sondern der Lokalzeitung Anschluss sucht. „Mehr als manche jungen Kandidaten“, meint Moderator van der Horst, „können die Senioren Verantwortung für sich übernehmen“. Wenn er versucht, sie mit Witzen über Langsamkeit und Torschlusspanik aufzuziehen, stellt er demnach meist sich selber bloß. Ansehnlich ist das zwar nur für die passende Alterskohorte. Aber ein Format ohne Zynismus im Billigmetier Flirtshow – das ist ja schon mal was…


The Alienist: Daniel Brühl & Lazlo Kreizler

History für starke Mägen

Wenn der deutsche Weltstar Daniel Brühl ab heute auf Netflix The Alienist ist, sucht sein Nervenarzt Lazlo Kreizler (Foto: Netflix) im menschlichen und stofflichen Morast des New York von 1896 nicht nur einen Kindermörder, sondern sich selbst. Das ist zwar gelegentlich Effekthascherei, aber sehr unterhaltsam und spannend.

Von Jan Freitag

Historytainment ist schon lang nichts mehr für schwache Mägen. Wird die Welt vorm Siegeszug der Menschlichkeit Mitte des vorigen Jahrhunderts verfilmt, starrt das Fernsehbild meist vor Dreck, Gewalt, vor Grauen und Tod, der möglichst grausam eingetreten sein sollte. Auch der feminin gekleidete Stricher im neuen Netfix-Produkt The Alienst wurde daher nicht nur umgebracht, sondern ausgeweidet. Und die Kamera zoomt fast genüsslich durchs leere Loch der kindlichen Augenhöhle ins New York des Jahres 1896, eine Arte Vorhölle der Zivilisation – zumindest in der Fernsehunterhaltung.

Die Bestseller-Verfilmung des belgischen Regisseurs Jakob Verbruggen (Black Mirror) entführt uns demnach an einen Schauplatz, der nur noch im Groschenroman oder ZDF-Melodram romantisch sein darf. Hier jedoch leidet das Fin de Siècle und stinkt, es lärmt und blutet aus jedem Morast, der sich Straße schimpft. Statt Recht herrscht Gewalt, statt Ordnung Korruption. Nach dem Leichenfund arbeitet daher nicht die mafiöse Polizei an der Klärung des Mordes, sondern Lazlo Kreizler. Ein Nervenarzt, der wegen seiner Suche nach dem entfremdeten Geist Wahnsinniger auf Englisch einst „Alienist“ genannt wurde. „Heute würde man ihn als Kriminalpsychologen bezeichnen“, beschreibt der deutsche Weltbürger Daniel Brühl seine bislang größte Rolle auf dem globalen Parkett.

Bald 25 Jahre nach seinem ungelernten Karrierestart in der ARD-Telenovela Verbotene Liebe, dem 2001 der preisgekrönte Durchbruch als schizophrener Student in Das weiße Rauschen folgte, ist das der nächste Schritt zum Superstar. Dabei war der 39-Jährige – geboren in Barcelona, aufgewachsen in Köln, großgeworden in Berlin – schon mit 22 international tätig. Drei Jahre vor Good Bye Lenin (2003) drehte er fürs Teenagerdrama Deeply an der Seite von Kirsten Dunst auf Englisch. Es folgten Geschichtsepen (Salvador), Liebeskomödien (2 Tage in Paris), Actionbombast (The Bourne Ultimatum), bevor ihn sein Fliegerheld in Quentin Tarantinos Inglorious Basterds endgültig nach Hollywood katapultierte, wo er mal mehr (Rush), mal weniger tiefgründiges (Captain America) Popkornentertainment macht und zuletzt im Politthriller Colonia Dignidad glänzte.

Im neuen Kino Serie aber ist The Alienist nochmals eine Stufe bergan – auch weil er weit weniger heroisch ist, als es scheint. Brühls Lazlo Kreizler ist ein zutiefst diffuser, spürbar seelenwunder, äußerst eindringlicher Charakter, dem im Kampf gegen das Böse mit oder ohne Uniform nur zwei Verbündete beistehen: Der Presseillustrator John Moore (Luke Evans) und die Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning), deren Boss kein Geringerer als der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt ist und schwer am unaufdringlichen Feminismus der Frau im Männerberuf zu tragen hat. Je tiefer das Trio nun in den bizarren Fall eines Serienkillers eintaucht und je weniger die Staatsmacht dagegen tut, desto mehr wird besonders Brühls Figur vom Beobachter zum Beteiligten.

„Weil er in seinem Leben viel Schmerz erlitten hat“, meint dessen Darsteller, „versteht man besser, warum Kreizler so besessen davon ist, den Killer zu finden“. Diese oft rauschhafte, mitfühlende Verbissenheit spielt Daniel Brühl mit der glaubhaften Arroganz eines Wissenschaftlers, der sich noch vorm Siegeszug von Freuds Psychoanalyse ins Innerste menschlicher Seelen wagt. Was genau ihn antreibt, bleibt zwar wie vielen der Protagonisten knapp unter der Oberfläche; die aber ist von einer Detailverliebtheit, der man gelegentliche Effekthascherei gern nachsieht. Huschende Schatten sind geräuschvoll und Gangsterblicke verschlagen, Tote werden nur nachts exhumiert, wobei es das Tageslicht sowieso nur in die Stadt schafft, wenn es durchs Kellerfenster in die Irrenanstalt dringt, während vor der Tür nicht nur dauermorbide Stimmung, sondern ewig mieses Wetter herrscht.

Gut, das sind nun mal die Regeln des Genres. Und dramaturgisch hat die aufgeblasene Historienästhetik ohnehin Gründe. Im hygienisch-juristisch-sozialen Desaster von „Charité“ über The Knick bis Babylon Berlin darf sich das Publikum anders als bei der vormodernen Wanderhure nämlich seiner eigenen Behaglichkeit versichern; zugleich jedoch erfährt es mit etwas Grusel, wie dünn der zivilisatorische Firnis sein kann, wenn selbst New York nur 122 Jahre zuvor ein solches Höllenloch war. Daniel Brühl bewegt sich darin mit einer Souveränität, die nicht nur am beeindruckenden Englisch des Sprachtalents liegt; es ist seine Aura zwischen wehrhaft und sensibel, nüchtern und zornig, die der „Einkreisung“, wie der Mix aus Jack the Ripper und Gangs of New York hierzulande heißt, ihren Stempel aufdrückt. Ein ziemlich unterhaltsamer. Zumindest für stabile Mägen.


Der Grenzgänger: Krimi & Moral

Scandi Noir ohne Blutwurst

Seit vorigen Freitag serviert Der Grenzgänger auf Sky etwas äußerst Ungewöhnliches: skandinavische Krimithrillerkost ohne Blutwurst und Innereien. Stattdessen taucht der norwegische Achtteiler tief in die Seelen der Protagonisten ein und verstrickt sie miteinander, dass es im dunklen Winterwald nur so knirscht.

Von Jan Freitag

Die Ausgangslage skandinavischer Krimis ist schnell umrissen: Tendenziell eigenbrötlerische Ermittler mit eher mehr als weniger Macken müssen am Tatort zunächst mal das zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder ähnlich grausam zugerichtete Opfer zusammenpuzzeln, bevor sie bei der Jagd nach dem Täter in Abgründe ritueller Gewalt blicken, die stets noch mehr zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder sonstwie grausam zugerichtete Leichen zutage fördern. Seit der fiktionale Blutdurst des schwedischen Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö vor ziemlich genau 25 Jahren fürs Fernsehen entdeckt wurde, pflegen Regisseure nördlich von Flensburg einen Überbietungswettbewerb krimineller Brutalität, in der ein gewöhnlicher Todschlag praktisch als Streicheleinheit gilt.

Das muss im Hinterkopf haben, wenn der pflichtbewusste Polizist Nikolai Andreassen im neuen Produkt des Scandi Noir genannten Genres ins grüne Umland von Oslo fährt und dort einen Mann vom Baum schneidet. Weil er körperlich ansonsten unversehrt wirkt, hätten Serienkommissar von Thomas Beck über Sarah Lund bis Kurt Wallander jetzt wohl dasselbe gesagt wie jene im norwegischen Wald: Suizid, ab zu den Akten, Feierabend. Doch nicht mit Nikolai Andreassen! Da der Erhängte am Kopf blutet, spricht der Kommissar von Verbrechen – und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mit jeder Minute dieses beeindruckenden Achtteilers mehr sein eigenes Leben an den Rand des Abgrunds reißt.

Der Täter erweist sich nämlich nicht nur als Polizist. „Ich bin dein Bruder“, fleht dieser Lars Andreassen nach seinem Geständnis, den Toten im Suff erwürgt zu haben. Und das macht den prinzipientreuen Nikolai, der einige Szenen zuvor noch wider jeden Kodex gegen einen Kollegen unter Mordverdacht ausgesagt hat, zum „Grenzgänger“, wie die Serie hierzulande heißt. Eingepfercht zwischen ähnlich starker Solidarität für das erworbene Berufsethos und die angeborene Blutsverwandtschaft, hilft Nikolai seinem Bruder die Tat zu verschleiern. Dabei unterdrückt er allerdings nicht nur Informationen, sondern fälscht gar Beweise und verrät somit alles, was seinem Rechtsverständnis entspricht.

Diesen Zwiespalt spielt der norwegische Superstar Tobias Santelmann aus dem badischen Freiburg (The Last Kingdom) mit einer reduzierten Präzision, die das kongeniale Gegenstück zum fiebrigen Wankelmut von Benjamin Helstad als Lars bildet. Ihr Metier wäre allerdings ein anderes als Scandi Noir, gäbe es nicht noch weit dickere Bretter zu bohren als moralische Befindlichkeiten. Der Grenzgänger präsentiert zudem stolz: den grobschlächtigen Cop Bengt (Frode Winther), den windigen Lokalpolitiker Josef (Eivind Sander), den haltlosen Kiffer Ove (Ole Christoffer Ertvaag ) und allerlei doppelbödige Haupt- wie Nebenfiguren, die unterm kritischen Blick der unterkühlten Kommissarin Anniken (Ellen Dorrit Petersen) immer tiefer im Morast kollektiver Schuld versinken.

Dass sich dieses undurchdringliche Gestrüpp aus organisierter und beiläufiger Kriminalität, aus Korruption, Geltungssucht und Drogen nicht heillos ineinander verknotet, hat dabei gute Gründe: ein schlüssiges Drehbuch der Showrunnerin Megan Gallagher etwa, das die Regisseure Bård Fjulsrud und Gunnar Vikene kunstvoll, aber frei von Effekthascherei inszenieren. Im diffusen Dämmerlicht des winterkargen Waldes ringsum entfalten die Charaktere vielfach einen Tiefgang, der die inhaltliche Bedeutung durch den dauernden Kampf um einen Sinn im Einerlei des Alltags bereichert. Selbst Nikolais verheimlichte Homosexualität fügt sich hier angenehm unprätentiös in die Zeichnung verschiedenartigster Persönlichkeiten im selben Mikrokosmos ein.

Nachdem Grenseland 2017 das heimische Publikum begeistert hat, lief die Serie zuletzt unterm weit stimmigeren Titel Borderliner auf Netflix USA, Russland und Großbritannien. Seit Freitag nun ist sie in Doppelfolgen bei Sky Atlantic abrufbar. Und nach den ersten drei Episoden zu urteilen, kommt Der Grenzgänger zwar nicht ohne die übliche Entstellung durch überdrehte Synchronstimmen aus, verkneift sich aber jene blutspritzenden Gewaltexzesse, die man sonst aus Norwegen, Dänemark, Schweden kennt. Es geht hier erkennbar nicht um den größtmöglichen Thrill, sondern den Versuch, selbst unter Unmenschen human zu bleiben – und krachend daran zu scheitern. Tiefgang kann so spannend sein.