50 Jahre Derrick: Trenchcoat & Sitten
Posted: December 3, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVollkommener Durchschnitt

Am 20. Oktober 1974 betrat mit Derrick und Harry (Foto: ZDF) ein Ermittlerduo die TV-Bühne, das zugleich konservativ und modern, viril und träge war. Ein Nachruf zum 50. Geburtstag des deutschen Exportschlagers schlechthin.
Von Jan Freitag
Die Siebziger waren ein komisches Jahrzehnt. Während die Arbeitslosigkeit im Gleichschritt mit Ölpreis, Inflation und Armut galoppierte, während der Watergate-Skandal Richard Nixon stürzte und ein Doppelagent Willy Brandt, während der RAF-Terror die Republik erschütterte und Flensburgs Verkehrskartei ihre Autofahrer, während das Land politisch recht trüber Stimmung war, tauchten es die drei verfügbaren TV-Kanäle zusehends in grellere Farben.
Es gab zwar Monitor, Autorenfilme, den Tatort. Am liebsten aber entkam das Publikum der Realität mit buntem Klamauk zwischen Pauker-Komödie, Klimbim und Hallervorden. So gesehen war der 20. Oktober 1974 um 20.15 Uhr ein bemerkenswerter Moment deutscher Fernsehgeschichte: An einem nasskalten Sonntag vor 50 Jahren betrat Stephan Derrick den Röhrenbildschirm, und zwar nicht im knallgelben Polyesterhemd, sondern beigegrauen Trenchcoat, den er für 24 Jahre nicht mehr auszog.
281 Episoden ermittelte der Oberinspektor Kapitalverbrechen im Münchner Speckgürtel. Bereits die Auftaktfolge Waldweg sahen surreale 31 Millionen Zuschauer. Der Berliner Weltstar Wolfang Kieling ging dort als Frauenmörder so brutal zu Werke, dass eine halbe der 60 Minuten bis heute auf dem Index steht. Wegen solcher Exzesse im Spießerparadies, avancierte die Reihe zum Exportschlager. Von Holland über Japan bis Kuba prägte „Derrick“ in gut 100 Ländern das Bild der Deutschen.
Es war ein Gemälde, wie es nur Herbert Reinecker malen konnte. Bereits zuvor hatte der Drehbuchautor Ludwig Erhards nivellierte Mittelstandsgesellschaft mit kriminalistischen Ablenkungsmanövern à la Edgar Wallace sediert, bevor Der Kommissar Erik Ode ab 1969 ohne englische Romanvorlage auskam. Von dort nahm er fünf Jahre später Fritz Weppers Inspektor Harry Klein mit in Derricks Dezernat und ließ ihn fast 300 Stunden selten relevant zu Wort kommen, aber dekorativ ins Bild rücken.
Stand sein Chef, Baujahr 1923, für preußische Solidität mit einer Prise Ironie, verkörperte der Assistent, Baujahr 1941, jugendlichen Schwung mit 3er-BMW, den Harry, wie Herbert Reinecker betonte, zwar nie „schon mal“ holte; er stand aber für die populäre Mixtur aus Jung und Alt, modern und konservativ, viril und träge, also auf tradierte Art zeitgemäß. Denn so klassisch die Polizeiarbeit mit Fragen nach Alibi („wo waren Sie gegen 22 Uhr?“) und Motiv („Hatte er Feinde?“) vorwärts kroch, so fortschrittlich war der Spannungsaufbau.
Bekamen Derricks Kollegen nämlich Anrufe im Kommissariat, wo sie der nächste Fall wohl hinführt, zeigten Regisseure wie Theodor Grätler (51 Folgen), Helmut Ashley (46), Alfred Vohrer (28) erst lange den Tathergang. Nicht selten, dass der Mörder wie bei Peter Falks Columbo früh bekannt war. Nicht selten auch, dass Derrick erst zur Halbzeit den Tatort betrat, der oft dort lag, wo handelsübliche Krimis bis dato eher Opfer als Täter verortet hatten: im wohlständigen Bürgertum.
Der Trend, Leistungsträgern Schwerkriminalität anzudichten – er fand bei Derrick seinen Ursprung. Den Trend, dass sie von Frauen überführt werden, weniger. Während Sigrid Göhlers Leutnant Arndt 1971 im „Polizeiruf“ ermittelte, dauerte es westlich der Mauer noch sieben Jahre, bis Renate Fröhlich der SOKO 5113 angehörte und Nicole Heesters dem Tatort. Der überzeugte Single Stephan Derrick dagegen duldete bis zum Ende seiner Dienstzeit nur zwei Psychologinnen im Büro, von denen ihm eine (Johann von Koczian) auch emotional näherkam. Ganze drei Folgen. Kein Wunder.
„Wir konnten keine gute Schauspielerin halten, die 20 Jahre zur Verfügung steht, aber kaum etwas zu tun bekommt“, erklärte Herbert Reinecker Derricks Männergesellschaft. Obwohl selbst Hobbyregisseur Horst Tappert elf Fälle inszenieren durfte, gab es bis zum Finale am 16. Oktober 1998 aber auch keine Frau hinter der Kamera und bis auf seltene Ausnahmen allenfalls Täter- oder Opfergattinnen in nennenswerter Rolle. Gleich siebenmal zum Beispiel Evelyn Opela. Dass sie die Frau von Produzent Helmut Ringelmann war, würde die Mainzer Compliance-Abteilung heute vermutlich beanstanden.
In Zeiten des Ost-West-Konflikts jedoch taugte es nicht mal zum Skandal, dass sowohl Reinecker als auch Tappert SS-Mitglieder waren, also selbst Schwerstverbrecher. Ob sich die braune Vergangenheit der Verantwortlichen inhaltlich niederschlug, ist Gegenstand vieler Spekulationen, aber schwer belegbar. Tatsache bleibt, dass Derrick verbissen um Neutralität bemüht war. Die Mordmotive spielten sich gern im Rahmen von Habgier, Eifersucht oder Veranlagungskriminalität ab, etwa beim einzigen Einsatz von Götz George anno 1978 als Gangsterboss.
Wie fast alle Episoden kann man ihn bei Youtube abrufen, wo sich nicht nur ein Sittengemälde bundesdeutscher Ängste, Spleens, Befindlichkeiten voll leichter Mädchen entfaltet, die schon ein bisschen selber schuld sind am Sexualmord gut situierter Herren; man sieht dort auch das Who-is-who der Schauspielbranche. Von Klaus Maria Brandauer bis Inge Meysel, von Armin Müller-Stahl bis Iris Berben, von neunmal Gerd Baltus bis gefühlt fünfzigmal Karin Anselm sind alle, die im goldenen Fernsehzeitalter gut im Geschäft waren, bei „Derrick“ aufgetaucht.
Die „vollkommene Verkörperung von Durchschnittlichkeit, Phlegma und Beamtenkarriere“, wie der Weltliterat Umberto Eco einst urteilte. Umso seltsamer, dass der 50. Geburtstag unterm Radar lief. Weder Derrick-Nacht bei 3sat noch Tappert-Porträt im Zweiten. Mit etwas Fantasie diente nur eine Arte-Doku über die genussfeindlichen Amish als Referenz. Der dunklen Schrankwandatmosphäre am Grünwalder Tatort kommt das näher als jede Jubiläumssendung.
Bad Influencer: Follower & Feminismus
Posted: November 14, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSo schmeckt also Fame

In der ARD-Satire Bad Influencer kämpfen ein misogyner Macker und sein feministisches Opfer acht Teile darum, wer die meisten Follower findet. Das ist manchmal drüber, aber vor allem dank Lia von Blarer auf amüsante Art wahrhaftig.
Von Jan Freitag
Die Herren der Schöpfung haben über deren angeblich bessere Hälfte oft schlichtere Ansichten. „Frauen wollen Jäger“, glaubt ein misogynes Prachtexemplar mit offenem Hend unterm Dreitagebart, „das liegt in ihrer Biologie“. Als passionierter Waidmann ist Pascal deshalb auf der Jagd – und hat gerade „Nummer 5 von 7“ erlegt, wie er nach dem Sex mit Donna in sein Smartphone hechelt. Pascal ist nämlich nicht nur ihr One-Night-Stand, sondern ein Pickup-Artist. Frauen flachzulegen betrachtet er als Sport.
Weil dieser hier allerdings nicht nur ein sexistisches Arschloch ist, sondern genau damit Millionen Follower erreicht, darf man pascal_pickup101 getrost einen Bad Influencer nennen. So betitelt die ARD-Mediathek acht Episoden einer bermerkenswerten Satire. Wobei es darin weniger um ihn als Nr. 5 von 7 geht. Dank der gestreamten Demütigung plus anschließendem Shitstorm verspricht Donna ihrer Web-Community nämlich, in vier Wochen „mehr Follower*innen als dieser Dummschwanz“ zu haben.
Nach eigenen Drehbüchern (mit Anika Soisson) inszeniert Lilli Tautfest (mit Melanie Waelde) also einen Wettstreit geschlechtsspezifischer Ideologien. Hier der toxische Macho, da die burschikose Feministin, dazwischen ihre nonbinäre Mitbewohnerin Milou (Salome Kießling) – alles wie im Glossar genretypischer Klischees, also ein bisschen wohlfeil. Wäre nicht das Personal, allen voran Lia von Blarer. Die Schweizerin verpasst ihrer Figur eine Art achselhaariger Wut, der man jedes noch so derbe Kampfgetöse abkauft.
Wenn sich Donna AngryKillJoyFeminist nennt und „Femi-Fotze“ aufs T-Shirt druckt. Wenn sie einem sexuell übergriffigen Gast im Edelrestaurant Schampus über den Kopf gießt (und dafür rausfliegt, nicht er) oder „verfickte Dic-Pics“ grölt (und dafür mehr Likes als Hates erntet). Wenn Blarer ihren Zorn in die Klaviatur ihrer virtuosen Mimik speist. Dann werden ein paar drollige Übertreibungen nicht nur plausibler; sie lenken das Format in einen neuen, aber anschwellenden Zufluss des Fernsehmainstreams.
Wie zuvor Karin Hanczewski in Lilli Tautfests Knastausbrecherinnen-Groteske „Heul doch!“, wie demnächst Marie Blochin in Elsa von Damkes Superheldinnen-Satire „Angemessen Angry“, wie unterdessen Laura Tonke in Ulrike Koflers Vergewaltigerinnen-Parodie „Sexuell verfügbar“, dreht Donna den Spieß um und wird vom Objekt zum Subjekt jahrhundertealter Erniedrigung. Zum Glück aber bleibt es nicht bei einer saftigen Selbstermächtigungsstudie. Schließlich wird das anfängliche Opfer mit jeder 20-minütigen Folge mehr ihrerseits zum „Bad Influencer“.
Auch hier ist es drüber, wenn sich im Gym von Donnas Ex und Manager Rico (absolut hinreißend: Nils Hohenövel) alle beim Workout filmen oder die Influencerin in spe für billige Clicks sexpositive Pornoszenen dreht. Aber natürlich dürfen Comedys im Hamsterrad der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie die Kritik daran aufbauschen. Doch eben das tut Tautfest in einer Weise, die sich auf amüsante Art wahrhaftig vom Durchschnitt deutscher Lifestyle-Karikaturen abhebt.
Außerdem verdeutlicht erst die Kombination aus Gesellschafts- und Medienkritik, wie perfide Selbst- und Fremdausbeutungsmechanik 2024 wirken. „So schmeckt also Fame“, sagt Donna beim ersten Schluck aus der Pulle Perlwein, die ihr neuer Ruhm ins Haus gebracht hat. Am Ende der 3. Folge hat er ihre Community auf 317.167 Follower geschraubt. Dreihundertmal mehr als vorm Kräftemessen mit Pascal. Bis zu seinen 1,5 Millionen Fans hat sie da noch fünf Folgen Zeit. Man sollte sie besser nicht verpassen.
Schwarze Früchte: Diversity & Lamin Gibba
Posted: October 24, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVom Recht zu nerven

In der ARD-Serie Schwarze Früchte kämpfen die Hauptfiguren gegen Diskriminierung – und fürs Recht, trotz und wegen ihrer postmograntischen Queerness ätzend zu sein. Eine Begegnung mit Hauptdarsteller, Headautor, Showrunner Lamin Leroy Gibba in Hamburg.
Von Jan Freitag
Intersektionalität umschreibt ein sozialwissenschaftliches Phänomen, das Betroffene doppelt und dreifach gesellschaftlicher Herabwürdigung aussetzt. Als Schwarzer zum Beispiel bietet der schwule Lalo seiner Umgebung praktisch zeitlebens zwei Angriffsflächen, die eine fiese Hautkrankheit einst sogar noch vergrößert hatte. Damit nicht genug, ist er obendrein das, was ihm seine beste Freundin Karla, ebenfalls Schwarz und sexuell offen für vieles, brutal an den Kopf knallt: „Übertrieben nervig!“
Ihre Schlussfolgerung, er sei deshalb in seiner Jugend ständig verprügelt worden, hält vermutlich keiner tieferen Täter-Analyse stand; aber sie kennzeichnet einen der vielen guten Gründe, warum die ARD-Serie Schwarze Früchte mit das Beste ist, was dem Fernsehen zum Thema Diversität widerfahren konnte. Acht durchschnittlich 30-minütige Folgen lang erzählt Hauptdarsteller und Headautor Lamin Leroy Gibba zwar von postmigrantischer Queerness in Deutschland. Sein vorerst größtes Serienprojekt verkneift sich dabei jedoch wohltuend klassische Opferrollen und ausgefahrene Zeigefinger.
Noch keine 30, steckt Gibbas Alter Ego schließlich aus tausend Gründen bis zum Hals in der Sinnkrise. Erst stirbt sein Vater, dann bricht er das Architekturstudium ab, kurz darauf macht auch noch Tobias (Nick Romeo Reimann) Schluss. Und weil Lalos Sandkastenfreundin Karla (Melodie Simina) an einer ganzen Reihe Fronten mit ihrer eigenen Intersektionalität zu kämpfen hat, schlingert er zusehends allein durch eine Gesellschaft, deren Abgründe sich bereits in der grandiosen Einstiegssequenz entfalten: Nach zwei Jahren Beziehung lernt Lalo darin endlich Tobis Familie kennen.
Leider zeigt sich am reichgedeckten Esstisch im Speckgürtel von Dibbas Heimatstadt Hamburg, dass offen homophober Rassismus, dem der Creator und seine Figur nahezu lebenslang ausgesetzt sind, nicht zwingend die unangenehmste Form tagtäglicher Diskriminierung sein muss. Wenn Tobis linksliberale Mutter Maren (Judith Engel) mit der Frage, „du bist aber schon mit deinem Vater aufgewachsen?“ suggeriert, Schwarze täten das sonst nicht, verströmt ihr Linksliberalismus ölige Toleranz. Und als Lamin bei der Bitte um ein paar Rassismus-Erlebnisse den Spieß mit Fragen zu Marens ehelicher Treue umdreht, sinkt der Stimmungspegel in aller kultivierten Stille so tief, dass die Luft vor lauter Schweigen vibriert.
Die passive Aggressivität solcher Szenen bleibt bei aller Wahrhaftigkeit jedoch fiktiv. Schwarze Früchte sei „kein autobiografisches Projekt, schon gar nicht mein Leben“, sagt Lamin Leroy Gibba am Tag nach der Hamburger Filmfest-Premiere, „aber sie reimt sich an manchen Stellen darauf“. Aber auch, wenn das fremdschamschreckliche Klischeedinner erfunden ist, sind dem Showrunner die „Machtdynamiken solcher Verhörsituationen“ ebenso vertraut wie seiner queer-migrantischen Crew. Umso cleverer, dass sich diese Dynamiken acht Teile lang im Hintergrund höchstpersönlicher Schicksale halten.
Produziert von Studio Zentral und Jünglinge Film, die mit Angemessen Angry und Futur Drei bereits zwei exzellente Fiktionen um Last und Lust diverser Identitäten im Portfolio haben, will Gibba die mannigfaltige Diskriminierung seiner Figuren von Rassismus über Sexismus bis Klassismus „nicht erklären, sondern sichtbar machen, ohne ihnen die Deutungshoheit darüber zu nehmen“. Und das gelingt ihm mit einer Volte, für die man dringend den Liedermacher Fanny van Dannen zitieren muss: „Auch schwarze lesbische Behinderte / können ätzend sein.“
Wenn Gibbas Regisseure Elisha Smith-Leverock und David Uzochukwu, bislang vor allem durch Musik- oder Werbevideos auffällig geworden, in Kopf, Herz und Seele bindungsgestörter Großstadtgewächse blicken, bleibt nämlich niemand ungeschoren. Während Karla, als Führungskraft aus reichem Hause das Gegenteil tradierter Filmklischees über Schwarze Frauen, mit jeder übergriffigen Person, der sie vor den Kopf stößt, toxischer agiert, wird Lalo mit jeder abweisenden Person, die er anhimmelt, strapaziöser. „Wie ich selbst“, sagt sein Darsteller, „sucht er Strategien, um aus einem System, das nicht für ihn gebaut ist, das Beste rauszuholen“. Nur, leider ist dieses Beste meist unerträglich.
Natürlich ist Lalos Harmoniesucht am Rand der Realitätsflucht nicht schuld am queerfeindlichen Rassismus derer, die ihm seit jeher Gewalt antun. Doch für alle anderen aber zeigt sie sich als das, was Karla eingangs sagte: übertrieben nervig. Einerseits. Denn andererseits ist dieses Nerven als queere Person of Colour unter weißen Heteros ein ebenso seltener wie nötiger Akt der Selbstermächtigung. Für die Lalos und Karlas am Bildschirmrand der Mehrheitsgesellschaft gab es früher nämlich exakt zwei Aggregatszustände: Opfer oder Täter, Putzfrau oder Ganove, geflüchtet oder kriminell.
Seit der Münchner Senegalese Charly Huber parallel zu Carsten Flöters Coming-out in der Lindenstraße 1986 Deutschlands erster schwarzer TV-Kommissar wurde, hat sich einiges geändert, manches gar zum Guten. Die Kombination beider Identitäten – heute als LGBTQI+ und BIPoC bekannt – bleibt jedoch eine Rarität. Ausnahmen wie in der (lesbischen) Neo-Serie Loving her oder der (schwulen) ARD-Serie All you need sind zwar nicht makellos, aber liebenswert und stets attraktiv. Die Schwarzen Früchte dürfen dagegen faul und fleckig sein – verglichen mit Empowerment Marke Hollywood von The L-Word bis Queer as Folk ein echter Quantensprung.
Übertragen auf Dax-Vorstände, die erst als gleichberechtigt gelten, wenn eine Frau darin so ungestraft versagen darf wie Männer, hieße das allerdings: wahrer Emanzipation sind wir erst den nächsten Trippelschritt näher, wenn Intersektionalität so ungestraft nerven darf wie Lalo. Nur: darum geht es dessen Schöpfer gar nicht. Im Gegenteil. Auf St. Pauli, wo Lamin Leroy Gibbas Outfit und Habitus weniger auffallen als sein Minztee, versucht er die Seriencharaktere lieber vom soziokulturellen Ballast aus Identität und Herkunft zu befreien.
„Während ihre Erfahrungen spezifisch sind, sind die Emotionen universell“, sagt er in Lamins Tonfall. Daher sei Schwarze Früchte für alle gedacht, „auch wenn sie weder schwarz noch queer oder Mitte 20 sind“. In einer Milieustudie digitaler Kommunikation und ihrer Fallstricke. Mit wunderbarem Cast bis in die Episodenrollen (Paula Kober). Mit suggestiver statt manipulativer Musik (Don Jegosah). Mit authentischer Kostümierung (Freya Herrmann). Vor allem aber mit einem Creator, der aufopferungsvoll für die Sichtbarkeit benachteiligter Gruppen ringt und frei von Eitelkeit Fremdscham erduldet, bis es wehtut.
Noch zieht Gibba dafür mehr Strippen als ihm lieb ist. In zwei von drei Projekten hat das 30-jährige Multitalent zuletzt auch noch Regie geführt. Nur so könne er postmigrantische Queerness „abseits gängiger Klischees realisieren“. Ein Privileg, gewiss. Aber es zeige, „dass man als marginalisierter Schauspieler viel Extraarbeit leisten muss, um seinem Beruf nachgehen zu können“. Im Fall der Schwarzen Früchte kann man nur sagen: Danke für den Einsatz! Er hat sich bis zur letzten Sekunde gelohnt.
Love Sucks: Models & Vampire
Posted: October 16, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDüsterdeutsche Mystery

Die ZDF-Serie Love Sucks erzählt Romeo & Julia unter Vampiren von heute nach. Das ist radikal oberflächlich, zuweilen sehr deutsch. Gerade deshalb aber auch ganz schön ansehnlich.
Von Jan Freitag
Von wegen Aschenputtel: Soziale Schichten sind in der Regel gerade aufwärts so undurchlässig, dass sich die Menschen darin selten grenzübergreifend verpartnern. Normabweichungen kommen allenfalls in Teenagerträumen vor – und Melodramen. Als der neofeudale Ben von Greifenstein (Damian Hardung) eine Kirmes besucht, steigt er in den Ring der burschikosen Preisboxerin Zelda (Havana Joy Braun), verliebt sich trotz bezogener Dresche fünf soziale Stufen abwärts. Und was auch so schon jeder Wahrscheinlichkeit widerspricht, wird dadurch kaum realistischer, dass Ben ein Vampir ist.
Keine allzu verheißungsvolle Beziehungsbasis also für die öffentlich-rechtliche Gruselromanze Love Sucks. Zumal Zelda nicht nur versehentlich die Angebetete von Bens fiesem Bruder Theo (Rick Okon) umbringt, der Rache schwört; ihre Jahrmarktdynastie erweist sich auch noch als Nachfolger Abraham van Helsings, die auf höheres Geheiß Jagd auf Untote machen. Das ZDF badet also genüsslich im Kunstblut von Twilight bis True Blood, die Romeo & Julia Mitte der Nullerjahre bissfest reanimiert hatten.
Schade, dass Andreas Prochaska und Lea Becker dabei in (seltsam deutsche) Klischees verfallen. Acht Teile verrühren sie die Drehbücher aus dem Writers Room von Serienschöpfer Marc O. Seng zu einer sämigen Soße ortsüblicher Stereotypen, die vier Stunden vor sich hin blubbert. Das Gute guckt empathisch, das Böse lacht gehässig, beides achtet penibel aufs Äußere bildschöner Geschöpfe, deren Funktion ihrer Form in fast jeder Minute betriebsblind hinterherhechelt, dass niemanden am Set zu interessieren schien, warum diese Capulet eigentlich diesen Montague anhimmelt und umgekehrt.
Vieles an Love Sucks bleibt daher oberflächliche Behauptung einer Lovestory, an der die Vampire noch das Glaubhafteste sind. Vieles ist aber auch deshalb absolut instagramtauglich. Düsterdeutsche Mystery, das zeigen die Streaming-Millionäre Dark oder Barbaren, führt ja nicht trotz, sondern wegen ihrer leicht pathetischen Effekthascherei globale Abrufrankings an. Dass sich die Tanktop-Amazone Zelda da nach kurzer Begegnung mit dem wortkargem Ben zur Dancing Queen seines technoiden Tanzes der Vampire aufbrezelt, mag da selbst für magische Verhältnisse Unfug sein; es macht die Serie ungeheuer ansehnlich.
Dafür greift Studio Zentral tief in der Ideenkiste eindrücklicher Ausstattungselemente. Der barocke Gothic-Pop untoter Greifensteins um die Morticia-Addams-hafte Clanchefin Katharina (Anne Ratte-Polle) kontrastiert wunderschön mit Frankfurts lebloser Glas-Stahl-Aseptik. Bens Bürde der ständigen Hinwendung zu Lebenden statt seinesgleichen, hat sich Marc O. Seng zwar beim Highlander geborgt, das aber sehr versiert. Der Twist, dass Vampire selbst entscheiden, ob ihr Fluch auf Gebissene übergeht, erklärt endlich mal schlüssig, warum die Welt nicht längst flächendeckend blutsaugt.
Der tagtägliche Umgang mit Draculas Todfeinden Pflock und Sonne denkt dazu durchaus originell Peter Meisters Genre-Spaß Der Upir weiter. Geistesblitze wie die New Dawn Care AG genannte Blutbank der Reichensteins zur unauffälligen Eigenversorgung ist ganz schön pfiffig. Als habituell robuste Schausteller legen Stipe Erceg und Dennis Scheuermann zudem nahe, sie hätten für ihre Rummelplatzrollen Ilja und Branko Zori ein paar Monate als junge Männer zum Mitreisen verbracht. Und dann war ja noch gar nicht von deren Serienverwandten die Rede.
Selten wurde die weibliche Hauptfigur einer popkulturell überfrachteten Coming-of-Age-Ballade so gegen den Strich tradierter Sehgewohnheiten besetzt wie Havana Joy Braun. Dass ausgerechnet ihre Amour fou seltsam blutleer wirkt, ist da fast ebenso egal wie die angesprochenen Klischees. Nach ein paar Kurz- und Werbefilmen verleiht die 24-Jährige ihrer ersten Hauptrolle eine Bildschirmpräsenz, von der Damian Hardung bei allem Respekt nur träumen kann. Und weil sie die zu cleveren Coverversionen wie Jealous Guy oder Nothing Else Matters entfalten darf, ist Love Sucks am Ende doch besser als die Summe ihrer Stereotypen.
Stefan Raab: Schläge & Fragen
Posted: September 20, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchlaf den Raab

Es ist das Comeback des Jahres: Stefan Raab moderiert wieder Fernsehshows, jetzt bei RTL. Leider kommt ihm bei Du gewinnst hier nicht die Million!!! (Foto: RTL) der leidige Zeitgeist dazwischen – und sein unverwüstliches Ego.
Von Jan Freitag
Vor knapp neun Jahren, nein – da war die Welt natürlich auch schon längst nicht mehr in Ordnung. Banken, Klima, Staaten, selbst VW steckte dank Dieselskandalen tief in der Krise. Und dann geschah obendrein das Unfassbare: Stefan Raab trat von der Bühne, die er seit 1993 geprägt hatte wie kaum ein anderer vor ihm in Deutschland und gewiss keiner danach. Da war es buchstäblich ein Paukenschlag, als das ProSieben-Gewächs vorigen Samstag parallel zum Schlagabtausch mit Regina Halmich sein Comeback bei RTL verkündete.
Und gestern war es dann auch schon so weit: Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ging Du gewinnst hier nicht die Million!!! auf Sendung, raabgerecht nur echt mit den drei Ausrufezeichen plus Selbstbeschreibung, in den nächsten 90 Minuten nicht weniger als die „erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt“ abzuliefern. Große Worte eines großen Entertainers, die er mit dem Großmaul-Rocksong „Stefan Raab is back in town / jetzt gibt’s ‘n paar aufs Maul“ untermalte.
Fast wäre man geneigt zu sagen: als wäre er nie weg gewesen. War er aber. Und zwar für die Verhältnisse unserer rasenden Zeit lange. Zu lange. Lange genug jedenfalls, damit die einzige Innovation im Grunde darin bestand, dass der Buzzer, mit dem Raab seine merkwürdigen Einspielfilme abgespielt hatte, durch ein Tablet ersetzt wurde. Auf Fingerwisch sondert es nun Zitate von Florian Silbereisens Traumschiff-Kapitän ab. Schon lustig. Aber auch ziemlich gebraucht. Wie nahezu alles an der Sendung.
Nur der Form halber zur Erklärung von Du gewinnst hier nicht die Million, das erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt, kurz DGHNDMDEEQCSDW: Nach einer halben Stand-up-Stunde müssen fünf Kandidaten eine Frage aus eben der beantworten, um jenen Platz zu ergattern, auf dem der Sieger – zum Auftakt Oliver aus Karlsruhe – auf seinem Weg zum Millionengewinn eine Mischung aus Multiple-Choice-Fragen und Spieleaction bewältigen muss. Einige davon im direkten Duell mit dem Moderator.
Klingt schwer nach einer Kombination aus Schlag den Raab und Wer wird Millionär mit einer Auftaktprise TV total. Zumal er sich von ProSieben nicht nur Sebastian Pufpaffs Studioband Heavytones zurückgeholt hat, sondern als Schiedsrichter den unvermeidlichen Elton. Und so bittet der Ex-Praktikant seinen Ex-Ausbilder darum, sich durch Maschendrahtzäune zu schneiden oder Reifen zu wechseln.
Es sind Jungsdinge, die ihm einst den Ruf des ehrgeizigsten Showmasters aller Zeiten eingebracht hatten. Ein musikaffiner Kindskopf mit dem Geschäftssinn eines Investmentbankers, der früher als alle anderen seine eigenen Ideen produzierte und damit Einfluss, ja Macht erlangte. Der die Aufmerksamkeitsindustrie um Wok-Weltmeisterschaften, Böörti Vogts und Lena Meyer-Landrut bereicherte. Der Quotenerfolge am Fließband produzierte und dennoch stets aus voller Überzeugung handelte. Der also, mit zwei Worten, ein großartiger Entertainer war. Vergangenheitsform.
Denn von alledem ist praktisch nichts mehr geblieben. Mit fast 58 ist sein Körper zwar ähnlich intakt wie sein spektakuläres Gebiss; mit dem aber kann er nicht mehr so kraftvoll zubeißen wie in seiner Glanzzeit der Nullerjahre. Wenn Raab Witze über Peter Maffays Warze, Harald Glööklers Botoxunfälle und immer, immer, immer wieder Regina Halmichs Kampfwunden macht, wirken sie aus der Zeit gefallen wie sein altbackener Kampfbegriff „Tussi“, den niemand außer ihm mehr benutzt. Der Kameraschwenk ins Publikum landet da verlässlich auf einer Vielzahl Gäste mit versteinerter Miene, die während der endlosen Spiele vermutlich ebenso sanft weggedöst sind wie bei einer minutenlangen Reportage aus der Umkleidekabine vorm Halmich-Fight.
Dass RTL ihm dafür statt Gage ein Streamingabo zahlt, war demnach vielleicht ernster gemeint als all die selbstreferenziellen Flachwitze über Jürgen Milski, deutsche Schlager und Herzzeichen, die für ihn der neue Stinkefinger sind. Puhh. Als DGHNDMDEEQCSDW nach einer sagenhaft öden Autoreifenwechsel-Challenge (und natürlich ohne Millionen-Gewinner) endet, wirkt daher nicht mal Stefan Raab selbst sonderlich enttäuscht über die Abschlusssirene. Sie klingt ein wenig nach Erlösung. Leider nur bis nächsten Mittwoch.
Partyschlager-Doku: Layla & Rendite
Posted: August 15, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentChartsturm dank Shitstorm

Die ZDF-Doku Partyschlager erklärt das hochprofitable Phänomen sexistisch versoffener Ballermann-Hits und fördert dabei viel Erwartbares, aber auch Überraschendes, zutage.
Von Jan Freitag
Es gibt nur wenig im menschlichen Miteinander, das leichter auffliegt als offensichtliche Heuchelei. Mitte 2022 zum Beispiel besang der Ballermann-Poet Schürze zum Kirmestechno von DJ Robin eine Puffmutter namens Layla, die „schöner, jünger, geiler“ sei. Das war weder subtil noch sonderlich emanzipiert. Vor allem aber war es nur mäßig erfolgreich – bis das bundesdeutsche Spießbürgertum den Einwegsong zum Evergreen der eigenen Scheinheiligkeit kürte.
Drei Titelstorys der Bild und zahllose RTL-Berichte, 30 Wochen Hitparade am Stück, bei gut 143 Millionen Streams und Downloads: Ohne die Erregung vieler Tugendwächter und noch mehr Tugendwächterverächter, sagt Schürze in der ZDF-Mediathek, hätte sich sein vergleichsweise gedämpft sexistisches Schunkellied kaum zweieinhalb Monate auf Platz 1 gehalten. Doch „je mehr es verbiete wolltet“, schwäbelt Michael Müller, wie er im Ausweis heißt, „desto mehr habet direkt gegesteuert.“ Also geladen, gehört und mitgebrüllt.
Chartsturm dank Shitstorm: für diese Theorie kriegt der, nun ja, Künstler sogar akademische Unterstützung. In der dreiteiligen Doku Partyschlager redet Prof. Gregor Herzberg, Dozent für populäre Musik an der Uni Regensburg, von einem „Stellvertreterkrieg“, den die Mehrheitsgesellschaft gegen ihre kulturellen Ränder führt. Ein Stück wie Layla dient demnach nur als Ventil für die generelle Geringschätzung der Titelmelodie von Maria Burges‘ sehenswerter Serie.
Wer Partyschlager nicht kennt: so heißen Volkslieder von Helene Fischer bis Roland Kaiser mit einer hochbeschleunigten Extraladung Sex’n’Alk’n’Ballermann. Ein kulturelles Phänomen. Vor allem aber betriebswirtschaftliches. Obwohl sich absolut jeder Malle-Song mit 119-125 beats per minute im Viervierteltakt um dasselbe (meist das eine) dreht, verdienen sich Bierzeltlegenden wie Ikke Hüftgold, Isa Glück oder Micky Krause damit nämlich dumm und dämlich.
Allein die zehn Tophits der Spitzenverdiener zählen bei minimalen Herstellungskosten sagenhafte 758 Millionen Spotify-Abrufe. Plus Merchandising, Lizenzabsätze und 2500 Festivals vom Mecklenburger Schützenhaus bis zur Arena auf Schalke summiert sich der jährliche Gesamtumsatz zur halben Milliarde Euro aufwärts. Und zwar dank zotiger Texte, die Matthias Distel zufolge „mit drei Promille so leicht sein“ sollten, dass „selbst der Vollste an der Playa“ sie noch mitgrölen könne. Er muss es ja wissen.
Distels Label Summerfield produziert nicht nur misogyne Marschmusik à la Layla, sondern auch sein Alter Ego Ikke Hüftgold – eine Kunstfigur mit Zottelperücke, der Deutschlands Schnapsbrennereien vermutlich Altare errichten, so fördert sie toxischen Alkoholmissbrauch enthemmter, meist junger Kerle. Alles richtig, alles aber auch etwas wohlfeil für eine 135-minütige Milieustudie auf der Suche nach soziokultureller Einsicht.
Deshalb dringt Maria Burges tiefer ins Metier lukrativer Nach-mir-die-Sintflut-Hymnen ein und entdeckt Überraschendes. Die „erste farbige Partyschlagerkünstlerin in der Branche seit Roberto Blanco“, wie sich Malin Mensah alias Malin Brown bezeichnet. Oder ihre Kollegin Nancy Franck, die es mit Partykrachern ohne Saufen in obere Gehaltsklassen bringt, wo Stefan Scheichel-Gierten, Kampfname Lorenz Büffel, verblüffend offen einräumt: „Ich muss für den Veranstalter Umsatz bringen, nicht mehr und nicht weniger.“
Diese klaren Worte verleihen Partyschlager Wahrhaftigkeit in einer Branche, an der sonst das wenigste echt ist und gerade deshalb profitabel. Noch. Denn im dritten Teil, der passenderweise „Schöner, jünger, geiler“ heißt, sprechen die Profiteure Tacheles. „Der Zenit ist erreicht“, unkt Ikke Hüftgold und erklärt es mit „vielleicht noch drei Millionen Umsatz“, die er 2024 „mit ‘ner Tour und 164 Auftritten macht“. Da selbst Nachwuchskräfte nun vierstellige Gagen pro Auftritt verlangen, werde sich ein Markt bereinigen, „der seit Layla völlig aufgeblasen wurde“. Einerseits.
Andererseits lehrt uns schon die 1. Folge „Gute-Laune-Hits vom Fließband“ viel übers Preis-Leistungs-Verhältnis im Ballermann-Biz. Zwischen Après-Ski und El Arenal lädt Distels Label schließlich jedes Frühjahr 30 Fabrikanten und Interpreten auf die Almhütte, um in Windeseile 100 Partyschlager herzustellen. Klingt verwegen, ist realistisch. Immerhin klingt jeder exakt wie der nächste, alles andere als schöner, jünger, geiler also. Aber variabel genug für die (längst nicht mehr nur männliche) Stammklientel von 15 und 35 mit 1,5-3,5 Promille im Blut. Oder wie der Szenestar Isa Glück singen würde: „Das Leben ist ‚‘ne Party, dabdadadab“.
Partyschlager – dreimal 45 Minuten, in der ZDF-Mediathek und am 8. August, 20.15 Uhr bei ZDFinfo
Becoming Karl Lagerfeld: Brühl & Disney
Posted: June 12, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentStilikone auf Stilsuche

Modeporträts wie Becoming Karl Lagerfeld dürfen optisch aus den Vollen schöpfen. Dank Daniel Brühl als Titelfigur schafft es die Disney-Serie aber spielend, der 70er-Optik Tiefe zu geben.
Von Jan Freitag
Falls Stil, wie der große Philosoph Arthur Schopenhauer sagte, die Physiognomie des Geistes ist, war der große Couturier Karl Lagerfeld zeitlebens ein Suchender, ein Getriebener, ein Jäger des verborgenen Schatzes seiner Ausdrucksform. So stylisch er im kollektiven Gedächtnis auch wirkte mit Vatermörderkragen und Fächer, Bikerhandschuhen und Brille, weißem Zopf und schwarzem Rest: Fünf Jahre nach seinem Tod können selbst Modemuffel den Modemacher zwar locker aus dem Gedächtnis zeichnen.
Aber von Karl dem Kleinen?
Anfang 1972 war der Hamburger in Paris nicht ansatzweise als Stilikone, geschweige denn Kaiser Karl bekannt, wie ein Biopic aus dem Hause Gaument heißen sollte. Gut, dass Disney+ die Serie noch in Becoming Karl Lagerfeld umbenannt hat. Der Titelheld, den die Welt bis heute so klar vor Augen hat, erblickte darin schließlich erst vor 52 Jahren mit Ende 30 das Rampenlicht der Fashionwelt. Und wie! In blutroten Stulpenstiefeln stolziert er zu Beginn der sechs Teile so auffällig durch eine Schwulenbar, dass Jacques de Bascher buchstäblich hingerissen ist und tags drauf die Hochglanzmagazine durchforstet.
Ob sie Karl Lagerfeld kenne, fragt der junge Landadelsspross die Zeitungsverkäuferin. „Nein, da klingelt nichts“, antwortet sie schulterzuckend, obwohl der Gesuchte damals schon 20 Jahre im französischen Modebusiness erfolgreich ist. Disney skizziert ihn entsprechend als distinguiert, originell, glamourös et très, très chic, was Franzosen den Deutschen nur eine Generation nach Kriegsende weder zutrauen noch zubilligen. Im Olymp schöpferischer Genies á la Dior & Chanel aber ist er ein unbeschriebenes Blatt.
Feinstes Drehbuchmaterial also, das Headautorin Isaure Pisani-Ferry vier Stunden mit einer faszinierenden Liebestragödie füllt. Während sein (wie die meisten Charaktere real existierender) Fan, Lover, Gefährte Jacques alias Jako in Lagerfelds Luxusleben tritt, sucht dieser künftige Star unterm Radar der Haut Couture allerdings nicht nur die Anerkennung nur eines Verehrers. Nein, er will nach oben! Jedenfalls höher als seine Nemesis, das kathartische Menetekel, der frühere Freund und heutige Gegner: Yves Saint Laurent.
Als Kreativchef von Chloé kreiert Karlito, wie YSL ihn ebenso zärtlich wie abschätzig nennt, Prêt-à-porter genannte Kollektionen für Kundinnen knapp unterhalb der oberen Zehntausend. Schon das ermöglicht ihm ein Leben in Saus und Braus. Wahrer Ruhm jedoch erfordert mehr als Initialen auf jedem Stück Stoff und einen Rolls Royce, in dem KL durch Paris gleitet. Der Dienstleister braucht Alleinstellungsmerkmale. „Du hast 20 Stile“, nörgelt seine Mutter (Lisa Kreuzer), die wie ein Krokodil ketterauchend in Lagerfelds Pariser Salon hockt, „vielleicht findest du erstmal einen, bevor du mit deiner Marke anfängst“.
Gar nicht so einfach. Denn als er der öffentlichkeitsscheuen Hollywoodikone Marlene Dietrich (grandios: Sunnyi Melles) ein Kleid kreieren will, das Lagerfelds Weg ins Zentralorgan der mächtigen „Vogue“-Chefin Francine Crescent (Julia Faure) ebnet, fragt seine Landsfrau, so kühl es auf Französisch eben geht: „Avez vous un style?“ Hat er nicht. Noch. Doch je fieberhafter der Emporkömmling seinen Stil sucht, desto mehr verseucht das Virus übersteigerten Ehrgeizes alle, die ihn lieben. Sich selbst am meisten.
Und wie Daniel Brühl den ungekrönten Kaisers Karl zwischen Kontrollsucht und -verlust, Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn, Überfluss und Askese, Exzess und Vereinsamung spielt – das ist nicht weniger als die endgültige Bestätigung der Brillanz des polyglotten Weltstars aus Köln. Ob Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch: Über neun Jahre hinweg spielt Brühl den hanseatischen Pariser mit familiärem Naziballast in einer fragilen Zielstrebigkeit, als würde das Original aus dem Jenseits die Fäden führen.
Bis zur 5. Folge ohne Zopf und Kragen, aber schon mit dieser hüftsteigen Grandezza in Gang und Sprache, ist Lagerfelds autoaggressive Geschäftstüchtigkeit körperlich spürbar. Oft qualvoll gerät sie in seiner platonischen Beziehung zum halb so alten Jako (Théodore Pellerin) und der pathetischen Hassliebe zum doppelt so berühmten Yves (Arnauld Vallois). Wie Jérôme Salle und Audrey Estrougo deren Gefühlsrausch inszenieren, ist Bildschirmkunst auf Leinwandniveau. Allerdings entfaltet sie sich auch in vertrauter Umgebung. Die Laufstegexistenzen moderner Porträts von Cristóbal Balenciaga (Disney) oder Christian Dior (Apple) bis alle paar Jahre Coco Chanel haben schließlich keine Ausstattung, sie sind Ausstattung.
Nirgendwo darf die Funktion so selbstverliebt ihrer Form folgen wie im Mode-Biopic. Doch anders als im deutschen Historytainment üblich, sind Kostüme (Pascaline Chavanne), Dekos (Jean Rabasse) und Frisuren (Sébastien Quinet) bei Becoming Karl Lagerfeld nicht nur plausibel statt museal; sie stellen sich ohne falsche Bescheidenheit in den Dienst einer Erzählung, deren Egos ebenso üppig, barock, also überdimensioniert sind wie die Möbel, Accessoires und Schlaghosen.
Umso mehr überzeugt an dieser queeren Milieustudie, dass Look & Feel im subkulturellen Mainstream einer liberalen (aber auch homophoben) Aufbruchsphase zugleich beiläufig und raumgreifend sind. Nur so kommt das imposante Schauspiel aller Beteiligten richtig zur Geltung – und macht die Serie trotz der hypothetischen Intimität zur ergreifendsten, schönsten, ja besten Modefiktion aller Film- und Fernsehzeiten. Im Grunde kreiert sie das, was Karl Lagerfeld jahrzehntelang vergebens suchte: einen ganz eigenen Stil.
Die Hamburger Schule: Poesie & BRD
Posted: May 29, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentZwischen Kiez und Kommerz

Das viel zu kurze NDR-Porträt der Hamburger Schule erkundet die einflussreichste Richtung hiesiger Popmusik seit Kraftwerk – und sorgt trotz einiger Misstöne für wohlige Nostalgie in der ARD-Mediathek.
Von Jan Freitag
Die Pfade deutschsprachiger Musik sind seit jeher Highways to Hell. Vom erdigen Volkslied über die feudale Klassik, debile Kaiserzeitoperetten oder das Horst-Wessel-Lied, ging germanisches Gesangsgut so kalkuliert Richtung NDW, Eurodance, Helene Fischer, dass Ausfahrten in abseitigere Regionen meist nicht mal richtig ausgeschildert waren. Eine davon klingt denn auch mehr nach Zwang als Genre: Hamburger Schule.
Kreiert vom taz-Kritiker Thomas Groß, beschreibt der Kunstbegriff ein ortsgebundenes Sammelbecken, in dem drei, vier Jungs an vier, fünf Instrumenten wenig mehr verbunden hat als Sprache, Haltung, Gestus und das, was Natascha Geier in ihrer Dokumentation „eine Bewegung“ nennt. „Ein Lebensgefühl“, um alles anders zu machen als alle anderen im heimischen Rock zuvor. Tocotronic zum Beispiel. Relativ spät, also nach den Vorschulbands Blumeld, Die Sterne, Huah! oder Kolossale Jugend hinzugekommen, war das Trio um den Freiburger Dirk von Lowtzow rasch so bedeutend, dass ihr Album Nach der verlorenen Zeit 1995 die Hymne ihrer Lebensgefühlsbewegung enthielt:
Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und ich kenn mich noch nicht so gut aus
Ich bin grade in die erste Klasse gekomm‘
Und ich weiß noch nichts genau
Das aber, zeigt Geiers Nabelschau des einflussreichsten Musikstils seit Kraftwerk und Krautrock, galt für die ganze Gattung. Entstanden im Mauerfallfiebertraum aus Ernüchterung über NDW, Hedonismus und Wende plus Angst vor Krieg, Aids und Rechtsruck, richtete sich der distinguierte Punkableger gegen das, was die beteiligte Malerei-Ikone Daniel Richter im Film „Kommerz, Mainstream, auch den politischen“ nennt. Zugleich existierten jedoch kaum Gemeinsamkeiten abseits vom Text, dem weder Deutsch noch Poesie peinlich war.
Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und bin grade erst weg von zuhaus‘
Die Lehrer sind alle ganz nett hier
Und die meisten meiner Mitschüler auch
Wie in jeder Bildungseinrichtung gab es Wortführer und Außenseiter, Kuschelpädagogen und Frontalunterricht. Trotz aller Differenzen aber waren zwei Aspekte vorheriger Epochen tabu: „Folk und Romantik“, wie es Sterne-Sänger Frank Spilker ausdrückt. Damit prägte die Hamburger Schule bei aller Dissonanz nicht nur den Sound der gesellschaftlichen Aufbruchsjahre in sorglose Zeiten; sie begann auch, die Popkultur diskursiv, also politisch aufzuladen.
Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und es gefällt mir hier eigentlich ganz gut
Die Klassenzimmer sind angenehm dunkel
Es gibt Bier als Pausenbrot
So ist Die Hamburger Schule auch ein Streifzug durchs womöglich letzte Aufbegehren der Subkultur gegen Gentrifizierung, Mainstream, Verwertungslogik in Clublegenden wie Goldener Pudel, Komet, Heinz Karmers, wo die Doku nochmal in Nostalgie schwelgen darf. Kurz zumindest. Denn wie so oft hat auch diese Revolution ihre Kinder gefressen. Und schon wieder taugen Tocotronic dafür als (warnendes) Beispiel.
Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und lern kein Griechisch und kein Latein
Und trotzdem scheint mir die Hamburger Schule
‘Ne Eliteschule zu sein
Während sie im 2. Teil durch die Aufmerksamkeitsindustrie gehetzt werden, wo parallel zum Aufstieg von Viva und Love Parade das entsteht, was Myriam Brügger vom Schullabel L’Age D’Or als „Schlagerwendung“ bezeichnet, zeigen sich nämlich die Sollbruchstellen: eklatanter Mangel an Frauen und ebenso eklatantes Übermaß an Selbstgefälligkeit bis hin zur Arroganz. Die tollste Szene ist da jene, als Dirk von Lowtzow Wortungetüme wie „heterotrop“ oder „Epiphanie“ absondert und sein Bassist Jan Müller fast mitleidig lächelt.
Ich bin neu in der Hamburger Schule
Und vielleicht komme ich hier nie wieder raus
Vielleicht werde ich nie meinen Abschluss machen
Denn hier gibt es ja immer Applaus
Den gibt es – auch wenn das Schultor längst verriegelt ist – weiterhin. Tocotronic mögen allerdings Mehrzweckhallen füllen; für ihre Wegbegleiterin Christine Rösinger von den Berliner Lassie Singers aber sind sie „schuld an AnnenMaiKantereit oder Bosse“. Natascha Geiers Film lässt trotzdem keinen Zweifel daran, dass die Hamburger Schule Spuren bis in Kunst und Literatur hinterlassen hat. Sie hier zu sehen, hören, fühlen hätte mehr verdient als zweimal 30 Minuten in der ARD-Mediathek.
Zweiflers: Holocaust & jüdischer Alltag
Posted: May 21, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentIm Schatten der Shoah

Die Zweiflers erzählen den Alltag einer jüdischen Familie in Frankfurt ohne Fokus auf Holocaust und Antisemitismus. Da beides dennoch ständig unüberseh- und hörbar mitschwingt, ist der Sechsteiler ein tragikomisches Meisterwerk, zu bestaunen in der ARD-Mediathek.
Von Jan Freitag
Die Vorhaut ist alles andere als ein passendes Thema fürs gesellige Beisammensein. Obwohl fast 50 Prozent aller Menschen damit zur Welt kommen, wird deshalb selbst im engsten Kreis kaum darüber gesprochen. Es sei denn, er besteht aus Samuel Zweiflers weitverzweigter, engverwobener Sippe; dann ist Praeputium penis, wie das Stück Haut auf Latein heißt, nicht nur Randaspekt, sondern Mittelpunkt familiärer Debatten. Tagein, tagaus.
Kein Wunder – besteht die Verwandtschaft des werdenden Vaters doch vor allem aus Deutschen jüdischen Glaubens mit traditioneller Religionsauffassung plus Samuels gottloser Freundin. Über die Beschneidung ihres gemeinsamen Sohnes wird demnach schon vor dessen Geburt befunden, als stamme er direkt von Abraham ab – doch der Reihe nach. Denn zu Beginn des gleichnamigen ARD-Sechsteilers haben Die Zweiflers ab sofort in der ARD-Mediathek ganz andere Sorgen.
Patriarch Symcha (gespielt von Broadway-Legende Mike Burstyn) will das Feinkost-Imperium im Frankfurter Bahnhofsviertel, von dem die halbe Verwandtschaft lebt, loswerden. Sein Enkel Samuel (Aaron Alteras) ist zwar Musikmanager. Für etwaige Erbangelegenheiten allerdings reist auch er aus Berlin an und verliebt sich in die karibikstämmige Köchin Saba (Saffron Coomber). Dass sie kurz darauf schwanger wird und mit dem Familienplan einer rituellen Vorhaut-Zirkumzision fremdelt, ist allerdings nicht das größte Zweiflers-Problem.
Schwerer wiegt ein dunkles Firmengeheimnis der Nachkriegszeit, das die Kiezkanaille Siggi (Martin Wuttke) ausplaudern will, falls er nicht am Geschäft beteiligt wird. Und dann brüskiert Sams Bruder (Leon Altaras) die Mischpoke auch noch mit Kunstwerken, die den Holocaust relativieren. Alles stereotyp, vieles klischeehaft, das meiste aber so sinnlich, plausibel und warm, wie es wohl nur ein jüdischer Showrunner wie David Hadda – der für Daniel Donskoy die wunderbare Talkshow Friday Night Jews produziert – kreieren kann.
Von Anja Marquardt und Clara von Arnim teilweise auf Jiddisch inszeniert, brillieren Die Zweiflers jedoch durch etwas anderes: fokussierte Beiläufigkeit. Wer jüdische Fiktionen nach 1945 durchforstet, stieß bislang meist auf zwei Pole: Oliver Hirschbiegels Ein ganz gewöhnlicher Jude, der 2005 komplett im Holocaustschatten des Antisemitismus stand. Und Dani Levys Alles auf Zucker!, wo Henry Hübchens Zocker kurz zuvor nur im Stammbaum Jude war.
Dazwischen gibt es von Maximilian Glanz (Towje Kleiner) in Helmut Dietls Zwölfteiler Der ganz normale Wahnsinn von 1979 bis Nina Rubin (Meret Becker) im Berliner Tatort zwar geschichtslose Kinder Israels. Ansonsten aber spielt das Trauma jahrtausendealter Verfolgung Hauptrollen wie aktuell in der ZDF-Serie Borders um israelische Grenztruppen in Tel Aviv oder wird in der NDR-Komödie Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut unsichtbar.
Wenn Samuels manipulative Mutter Mimi (Sunnyi Melles) unbedingt die ihres Enkels verabschieden möchte, will Chefautor Hadda uns einen „authentischen Einblick in den Mikrokosmos“ gewähren und die „Ambivalenz des jüdischen Selbstverständnisses auf tragisch-humoristische Weise“ verhandeln. Beides gelingt ihm mithilfe von Phillip Kaminiaks Zoom auf jüdische Essgewohnheiten derart fantastisch, dass es an israelische Welterfolge wie Shtisel, Kvodo oder die Homeland-Vorlage Hatufim erinnert.
Bei den älteren Zweiflers steht schließlich alles unter Holocaust-Vorbehalt. Doch weil die jüngeren eher auf der Suche nach Identität als Wurzeln sind, darf das Format wie eine Milieustudie Woody Allens wirken: als kommunikatives Chaos, in dem nicht dauernd Klezmer durch Chanukkas und Chagall-Gemälde wehen muss, um authentisch zu sein. Auch deshalb wurde es gerade in Cannes als „beste Serie“ samt „beste Musik“ prämiert. Zu Recht! Denn ob mit oder ohne Vorhaut: Die Zweiflers sind ein tragikomisches Meisterwerk.
Die Zweiflers, 6 x 50 Minuten, komplett in der ARD-Mediathek
Ingo Zamperoni: Eloge zum 50. Geburtstag
Posted: May 8, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment195 Zentimeter Gefühlsdistanz

Kaum zu glauben, aber belegt: Ingo Zamperoni (Foto: Schwichtenbergf) ist jetzt 50 Jahre alt. Die Hälfte davon arbeitet der deutsch-italienische Moderator mittlerweile daran, die Nachrichtenlage einigermaßen erträglich zu machen. Mit Erfolg.
Von Jan Freitag
Dante Alighieri wird hierzulande selten zitiert und noch viel seltener tagesaktuell. Von daher war der 28. Juni 2012 ein gewichtiges Datum fürs hiesige Infotainment und seines schönsten Kopfes. Damals traten Ingo Zamperonis Heimatländer im Halbfinale der Fußball-EM gegeneinander an. Und dass der deutsch-italienische Moderator die Halbzeit-Tagesthemen mit dem biografisch-fairen Satz „möge der Bessere gewinnen“ schloss, brachte ihm zwar den allerersten Shitstorm seiner Karriere ein.
Nachhaltiger wirkt im Nachhinein jedoch der Dante-Verweis vorweg. Das Gesicht, zitierte Zamperoni den Nationaldichter aus dem Land seiner Vorfahren väterlicherseits, „verrät die Stimmung des Herzens“. Wie genau es nach dem Aus von einem seiner zwei Lieblingsmannschaften aussah, ist nicht überliefert. Grundsätzlich allerdings darf man vermuten, dass Ingo Zamperoni ziemlich oft guter Stimmung ist.
Trotz allem.
Fast 25 Jahre arbeitet der studierte Amerikanist für Deutschlands wichtigste Nachrichtenredaktion, zur Hälfte vor statt hinter den Kameras. Von Euro-Krise bis AfD-Aufstieg, von Klima-Krise bis Trump-Chaos, von Ukraine-Krieg bis Inflationsspirale hat er seither nahezu ausnahmslos katastrophale Nachrichten verbreitet. Sein Gesicht aber, dieses Gemälde aus verbindlichem Charme und professioneller Empathie – es sorgt für Trost. Abend für Abend.
Wenn er heute – kaum zu glauben, aber belegt – 50 wird, mag Zamperonis Haar demnach grauer geworden sein; das Antlitz darunter wirkt auf ähnlich optimistische Art sachorientiert wie am sieg- und verlustreichen Halbfinaltag zwölf Jahre zuvor. Damit aber genug von Äußerlichkeiten, hin zur Kernkompetenz. Von Ulrich Wickert hat er schließlich nicht nur die nonchalante Lässigkeit geerbt, sondern deren Nebeneffekt, manch Grausamkeit unserer desaströsen Zeit ohne Sinn- oder Bedeutungsverlust erträglicher zu machen.
Sein sonniges Wesen, gepaart mit der Fähigkeit, stürmisch zuzupacken, dient damit als das, was öffentlich-rechtlicher Magazinjournalismus bilden sollte: Die Scharnierfunktion zwischen Ernst und Leichtigkeit, Staatsauftrag und Zerstreuung zur Nacht, in die uns Zamperoni alle zwei Wochen sieben Tage mit dem Abschiedsimperativ „Bleiben Sie stabil“ entlässt. Sie ließ sich nirgends besser bestaunen als im Trialog mit Barack Obama und Bruce Springsteen.
Danach war man wie so oft ab 22.15 Uhr im Ersten informierter, aber auch entspannter, entkrampfter, entertainter. Publizistischer Konfrontationseskapismus gewissermaßen im Dienst analytischer ausgewogener Analyse. Vor allem aber ein Beleg guter Gesprächsführung vom Bauch übers Herz ins Gehirn und wieder zurück, der das Fegefeuer von Corona, Tumulten, Rechtspopulismus Ende 2021 herunterkühlte, ohne es vollends zu löschen. Denn das, da ist der Moderator kategorisch, entspricht nicht seiner Aufgabe.
Schließlich sei es „ein Privileg, unterschiedlichste Menschen verschiedenster Ansichten zu interviewen“, hatte der dreifache Vater zwei Jahre zuvor den Start des Justizmagazins „Das soll Recht sein?“ bei seinem Haus- und Herzenssender NDR kommentiert. Da garantiere er, „nie eine Agenda zu pushen“. Und weil sich der juristisch ausgebildete Journalist ohnehin ständig im „Spannungsfeld von Fakten und Fairness“ befinde, „bin ich auch nicht dauernd innerlich zerrissen, diese Ausgeglichenheit ist absolute Routine“.
Wie gut, dass er die großen und kleinen Tiere nicht nur im Nachrichtenstudio befragt, sondern auch abseits der Redaktionsräume am Hamburger Zoo. So hat uns Ingo Zamperoni zuletzt herausragende Reportagen aus Italien und den USA geliefert. Auf subjektive Art objektiv, reif und jung in einem, ebenso glaubhaft wie kurzweilig: Was bei anderen Gegensatzpaare wären, vereint der 50-Jährige auf 195 Zentimetern distanzierten Mitgefühls.