Dimitrij Schaad: Känguru & Havelkacken

Naturalismus langweilt mich wahnsinnig

Seit seinem Durchbruch in den Känguru-Chroniken ist Dimitrij Schaad (li., Foto: Netflix) als Komödiant bekannt. Dabei ist der kasachische Berliner seit 20 Jahren schon ein Theaterstar, der eigene Stücke schreibt oder seinem Bruder Alex Drehbücher. Ihr neuester Streich: die Netflix-Groteske Kacken an der Havel. Ein Gespräch über ostdeutsche Ortsnahmen, betrunkene Schweden, magischen Realismus und warum er sich ständig Monologe schreibt.

Von Jan Freitag

Herr Schaad, haben Sie schon mal was von den Ortschaften Sauen, Motzen, Kotzen oder Scheißendorf gehört?

Dimitrij Schaad: Ja, klar. Und die haben mich auch zu dem Titel inspirier

Den Sie sich mit Ihrem Bruder Alex bekifft im Keller ausgedacht haben?

Schöne Idee. Die echte war aber noch schöner. Wir haben unserem Vater zum 60. Geburtstag eine Wohnmobil-Reise geschenkt. Im September 2020 sind wir also von Stockholm Richtung Lappland aufgebrochen, wollten eines Nachts so nah wie möglich an einen See mit besonders schöner Aussicht ran und haben uns voll im Sand festgefahren. Alex und ich hatten da schon was getrunken, unser Vater wurde zunehmend verzweifelter. Und am nächsten Morgen kam ein betrunkener Schwede mit einem großen Traktor vorbei und hat uns abgeschleppt.

So entstand die Frau ihrer Figur Johnny Carrera, die einen Abschleppdienst in Kacken an der Havel betreibt?

Die nächsten 500 Kilometer haben wir in voller Fahrt gefeilt und am Abend hatten wir dann alle Grundzüge der Idee zu Kacken an der Havel in einem Pitch ausgearbeitet.

Wenn der Bestand skurriler Ortsnamen in Brandenburg so groß ist – warum muss man sich da eigentlich überhaupt einen ausdenken?

In der Vorbereitung zur Känguru-Verschwörung hat mir Mark-Uwe Kling über diese tollen Ortsnamen in Brandenburg erzählt, und ich habe irgendwann Kacken an der Havel in mein Notizbuch eingetragen, wo ich mir Film und Serienideen notiere. Nach der Idee mit dem Abschleppdienst kam sie dann wieder zum Vorschein. Fiktive Orte geben viel größere Freiheiten als reale. Deshalb leben die Simpsons ja auch in Springfield.

Das kann überall und nirgendwo sein.

Und so lässt sich alles hineininterpretieren.

Im Fall Ihrer Serie: ein gescheiterter Rapper, der nach dem Tod seiner Mutter in die alte Heimat zurückkehrt, dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und nebenbei ein Album schreiben soll.

Gut zusammengefasst.

Ästhetisch wechselt es dabei zwischen Clipshow über Großstädter in der Provinz für die GenZ und Tragikomödie gescheiterter Träume. Was überwiegt aus Ihrer Sicht – Tragik oder Komik?

Das sollte sich bei jeder guten Komödie die Waage halten. Aber für mich ist es vor allem ein lustiger Abgesang auf Millennials der späten Neunziger und ihre Träume von Ruhm.

Ungefähr Ihre Alterskohorte. Geht’s also auch ein bisschen um Sie selbst?

Nicht in der Rolle meines Johnny Carrera, der ist schon eine reine Kunstfigur. Aber ich bin 40 Jahre alt, habe keine Familie und wollte mein Leben lang nichts anderes machen als auf Bühnen zu stehen und Geschichten erzählen – da steckt mehr von mir in der Hauptfigur Toni. Die Vorstellung, welche Wege das Leben hätte nehmen können, wenn als Jugendlicher irgendwas anderes gelaufen wäre, ist in der Tat sehr persönlich.

Nutzen Sie die Möglichkeiten Ihres Berufs also, sich interessante Alternativ-Biografien aufzuschreiben?

(lacht) Ich glaube, das macht jeder Autor ein bisschen. Die berührendsten Momente im Storrytelling entstehen aus Gefühlen, an die man als Geschichtenerzähler wirklich andockt.

Als Darsteller schreiben Sie sich angeblich gern Monologe in die eigenen Theaterstücke. Sind sie generell ein bisschen kontrollsüchtig?

Nein, das hat eher damit zu tun, dass mir oft bestimmte Elemente an Figuren fehlen. Am Theater habe ich das oft ergänzt mit einer Einordnung in die Gegenwart, einer anderen Perspektive oder Komplexität, die der Ursprungstext nicht liefert. Und ja, das würde ich am liebsten auch gerne in den meisten Drehbüchern machen, die ich so zu lesen bekomme. Die empfinde ich meistens nämlich als extrem öde.

Das gilt aber vermutlich nicht für Kleo?

Nein, das war ein echter Glücksfall. Ich habe das Projekt von Sekunde eins geliebt und auch da die Figur noch mit Humor und Widersprüchen angereichert, weil die Creator Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad mich das haben machen lassen.

Mit dem Ergebnis einer Art zu spielen, die fast schon Ihr Markenzeichen ist, so ein grotesker Realismus.

„Grotesker Realismus“ gefällt mir! Ebenso wie magischer Realismus. Ich suche in meinen Figuren vor allem alles, was nicht naturalistisch ist. So einen Schuss Expressivität. Naturalismus langweilt mich wahnsinnig. Reine Realität ist darstellerisch irre boring.

Das gilt seit den Känguru-Chroniken vor allem für Film- und Fernsehen, wo Ihre Figuren oft überdreht sind. Auf der Bühne spielen Sie viele ernstere Stücke, oft Klassiker.

Ja, ich persönlich ziehe aber auch gar keine Grenzen zwischen tragisch, grotesk oder magisch. Jede Figur braucht etwas anderes. Ich würde mir im Film auch mehr ernste und tragische Rollen wünschen, aber da die Branche da sehr eingefahren ist, kommen halt nur Anfragen für antriebslose Schluffis. Wenn die Figur in den ersten 20 Seiten eines Drehbuchs wie beim „Känguru“ Pyjama trägt, höre ich sofort auf zu lesen.

Na, da bringen Sie ja ideale Familienverhältnisse mit: Sie können sich Ihre Rollen selber schreiben und dann auch noch vom eigenen Bruder drehen lassen.

Der einfach ein sensationeller Regisseur ist.

Bringt es nur Vorteile, unter Verwandten 1. Grades zu arbeiten, oder auch Nachteile?

Ein Vorteil ist, dass man Durststrecken eher gemeinsam durchschreitet als getrennt abbricht. Diese Durststrecken gibt es fast immer. Und sie sind von der Stoffentwicklung bis zur Postproduktion oft lang. Im Fall von Kacken an der Havel fünf Jahre. Da hilft es sehr, dass wir uns nach der Arbeit auch noch mal darüber austauschen, was Mama zu Weihnachten kriegt.

Das sorgt womöglich für harmonische Festtage. Aber kann man einen Regisseur auch zu gut kennen, um mit professioneller Distanz zu arbeiten?

Deshalb bedeutet professionelle Distanz vor allem sehr, sehr viel Arbeit. Wenn wir dabei auf engstem Raum eingeschlossen sind, könnten entsprechend viele Befindlichkeiten, Verletzungen, Diskrepanzen zum Vorschein kommen. Also wir haben uns darauf geeinigt, dass Alex am Set der Chef ist, dem ich vielleicht im vertrauten Gespräch, aber niemals öffentlich widerspreche.

Ist das professionelle Demut, als Schauspieler und Autor eigene Grenzen zu kennen?

Genau. Ich kann nicht inszenieren! Und vor allem könnte ich es nicht aushalten, dass morgens am Set, wo mein Bruder und ich in der Regel die ersten und die letzten sind, sofort 70 Leute auf ihn einreden und Sachen wissen, Pläne verschieben, Entscheidungen haben wollten. Vorm ersten Kaffee würde mich das wahnsinnig machen. Ich bin nicht stressresistent. Dank dieser Erkenntnis kann ich mittlerweile auch besser Kontrolle abgeben als früher.

Reden Sie mit Ihrem Bruder eigentlich Deutsch oder auch Russisch wie als Kinder in Kasachstan?

Nur, wenn wir unsere Eltern imitieren oder Gefühle transportieren wollen, für die es im Deutschen keine so guten Begriffe gibt. Außerdem funktioniert russische Komik oft besser bei uns.


Eren M. Güvercin: Druck & Banksters

Fragen zu meiner Identität machen mich müde

Seit seiner qenderfluiden Rolle in Druck und der anschließenden Drogenbiografie von Euphorie ist Eren M. Güvercin einer der imposantesten Schauspieler unter 25. Bei HBO spielt er nun einen Millennial auf räuberischen Abwegen – und zwar mit ähnlicher Energie wie fsat all seine Figuren, seit er Schultheater macht. Ein Gespräch über Banksters, böse Kapitalisten, Quoten-Kanaken, seine Screen-Time und die Bürde der GenZ.

Von Jan Freitag

Eren M. Güvercin, Sie sind 23, gelten als äußerst impulsiver Schauspieler und standen sogar schon auf der linken Berliner Volksbühne – haben Sie Ihren Marx schon gelesen?

Eren M. Güverci: (lacht) Hab‘ ich. Warum?

Können Sie sich neun Jahre später noch an seine Forderung erinnern, die Expropriateure zu expropriieren?

Also ganz ehrlich? Ich habe Das Kapital ungefähr mit 16 gelesen und eigentlich fast nichts verstanden. Was genau heißt das noch mal?

Sinngemäß ungefähr „beutet die Ausbeuter aus“, ein Slogan, der die HBO-Serie Banksters eigentlich ganz gut umschreibt.

Weil wir darin ausbeuterische Banker ausnehmen? Guter Gedanke. Darum geht’s darin durchaus. Meine Figur Yusuf nimmt ja auch deshalb die eigene Bank aus, weil sein Vater so riesige Schulden bei ihr hat. Er fickt also ein System, das zuvor auch ihn gefickt hat. Auf der inneren Reise ihrer Figuren geht es der Serie aber natürlich noch um mehr. Liebe, Freundschaft, Verrat – alles ebenso große Themen.

Ich wollte Banksters auch nicht auf ihre Gesellschaftskritik reduzieren. Aber so skrupellos, wie Banker darin gleich zu Beginn gezeichnet werden, scheint die Serie doch politischer zu sein als andere Heist-Movies.

Das war Bernd Lange definitiv wichtig. Zumal er die Serie auf Grundlage einer wahren Begebenheit Anfang der Nullerjahre in Berlin geschrieben hat.

Was hat Sie dann an seinem Drehbuch als erstes überzeugt: die Kapitalismuskritik, ihre Rolle darin oder das Bankraubgenre, in dem es seit Steven Soderberghs Oceans’s Eleven ja besonders bildgewaltig rund gehen darf?

Ocean’s Eleven war als Referenzgröße auf jeden Fall früh im Gespräch. Weil ich vorm Casting aber noch gar nicht so viel vom Drehbuch lesen durfte, hat mich persönlich vor allem die Challenge gereizt, eine so komplexe Hauptrolle in der ersten deutschen HBO-Serie spielen zu dürfen.

Was macht Ihren Yusuf denn so komplex?

Dass er ein hochintelligenter, extrem loyaler, zugleich aber eben auch krimineller Fuchs ist.

Der als türkischstämmiger Einser-Abiturient gegen den Strich tradierter Darstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Fiktion gebürstet ist.

Die Facette war zwar nicht mein größter Antrieb, ihn zu spielen. Aber angesichts der Art, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland normalerweise dargestellt werden, hatte die Darstellung eines intelligenten Jungen, der deutsch und Türke ist, fast etwas Provokatives, weil Deutschland diese Identitäten gerne prekär und dumm darstellt. Zumal die Serie außerdem einen Alltagsrassismus thematisiert, der 2004 noch viel ausgeprägter war als heute. Obwohl ich das ehrlicherweise nicht einschätzen kann, da immer mehr Menschen AfD wählen und alles brauner riecht. Dennoch kann ich mich in diese Erfahrungen als Nachfahre türkischer Migranten natürlich gut reinversetzen. Aber sie sind nicht entscheidend für die Serie oder meine Figur.

Haben Sie unabhängig davon dennoch das Bedürfnis, dieser Gruppe durch Ihre Rollen Sichtbarkeit und Repräsentation zu geben?

Schon. Zugleich macht mich die Frage zu meiner Identität aber auch müde und erinnert mich daran, dass ich nicht mit demselben Selbstverständnis in Deutschland lebe wie Biodeutsche. Ich spiele, was ich bedienen kann; deshalb heiße ich in Druck zwar Ismail, in Euphorie aber nicht Yusuf, sondern Jannis.

Eine wichtige Identität Ihrer äußeren Wahrnehmung ist es, wichtiger Teil, wenn nicht gar Aushängeschild der GenZ zu sein. Ist das okay oder nervig?

Obwohl es manchmal ganz cool ist, auch als Schauspieler mit dieser Generation identifiziert zu werden, finde ich es vor allem ein bisschen lustig, dass sie ständig zu einem Nepotismus-Club vereinheitlicht wird, in dem alle irgendwie gleich sein sollen. Das gilt aber wohl für alle Generationen. Und Banksters handelt ja auch eher von Millennials im Y2K-Fieber.

Angesteckt von einer Zeit, als bauchfreie Tops, Tamagotchis und Nokia-Handys angesagt waren.

Genau. Ich bin weder Millennial noch Nepo-Baby und hundert Prozent self made in Kreuzberg.

2004, im Jahr der Banksters, waren Sie keine zwei Jahre alt. Was haben Sie beim Drehen über die damalige Jugendkultur gelernt?

Ich mag es eigentlich nicht sonderlich, wenn transgenerationelle Debatten die Menschen verschiedener Epochen ständig miteinander abgleichen. Aber mir ist bei der Serie nochmals aufgefallen, dass man damals nicht in jeder Situation nach dem Handy gegriffen hat. Meine Generation muss jetzt dagegen in jeder Fiktion pausenlos am Smartphone hängen. Weil mich das extrem ankotzt, war es wirklich befreiend, einen Millennial zu spielen, der das nicht muss.

Hängen Sie selber privat denn auch nicht ständig am Smartphone?

Meine Screentime ist definitiv zu hoch.

Endlich mal was Persönliches! Ansonsten ist wenig über Ihr Privatleben bekannt.

Und das ist auch okay so.

Umso interessanter wäre das, was Sie angesichts von Rollen wie Druck und Euphorie, die ihre Altersgruppe explizit thematisiert haben, ganz persönlich in Ihre Rollen einfließen lassen!

Netter Versuch (lacht) Vieles und gar nichts. Ich finde generell Kolleginnen oder Kollegen interessant, die sich scheinbar überhaupt nicht mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Tilda Swinton zum Beispiel, Paul Mescal oder Phoebe Waller-Bridge. Ich präsentiere mich dort zwar auch mit meinem Instagram-Account, suche aber wie sie in meinen Rollen vor allem nach Wahrhaftigkeit. Am Ende des Tages sind Filme und Serien für mich keine selbsterteilte Therapiesitzung, sondern ein Prozess, Geschichten zu erzählen.

Muss ein Schauspieler, der wie Sie schon als Teenager auf Bühnen stand, aber trotzdem relativ kurz im Geschäft ist, automatisch mehr von sich selbst in Rollen einfließen lassen als alte Hasen, die dafür auch noch jahrzehntelange Berufserfahrung haben?

Ob Jugend impulsiver macht, meinen Sie? Ich hatte seit meinem ersten Job einen ehrlichen, direkten Umgang mit meiner Arbeit. Denke ich zumindest… Sich ehrlich zu zeigen, erfordert Feingefühl und Sensibilität. Sich fragil zeigen zu dürfen, erfordert obendrein auch noch Mut, vor allem wenn alle erwarten, dass man als Mann immer stark sein muss.

Wobei Yusuf verglichen mit dem queeren Isi in Druck, dem drogenaffinen Jannis in Euphorie oder dem überdrehten Amadeus in Mozart/Mozart fast schon ihre normalste Figur war, oder?

Mag sein. Vor allem aber war er die nächste Figur. Ich möchte mit jeder etwas Neues betreten, habe aber natürlich Traumrollen, die meine Freunde auch schauen wollen. Etwas Schamloses, das die meisten langweiligen, konservativen Macho-Filmemacher halt nicht wollen. Eine punkige, triste, nihilistische Geheimagentin zum Beispiel gekoppelt mit Martial Arts und nackig, weil ich auch boxe. Keine Komödie, soll sich aber selbst auch nicht zu ernst nehmen. Außerdem kein Side-Character und 100 Millionen Budget.

Wow, präzise Traumrollenbeschreibung!

Weil ich das Bild davon halt auch präzise vor Augen habe. Eine lange Perücke auf jeden Fall. Vielleicht kommt es davon, dass mich alle auf einmal als Quoten-Kanaken zeigen wollen und ich mich bei solchen Provokationen dann wehren will. Wahrscheinlich brauch ich einfach nur etwas Ruhe und Inspiration. Noch mehr als nach coolen Charakteren suche ich aber nach coolen Kreativen hinter den Projekten. Und vor allem Leute, die sich was trauen.

Wenn man sich das Wehklagen hochkultureller Feuilletons über Clara Zoë My-Linh von Arnims Mozart/Mozart in Erinnerung ruft, geht es dummerweise schnell nach hinten los, wenn sich Kreative wirklich was trauen.

Ich habe penibel umgesetzt, was Regie und Produktion von mir erwartet haben, also meinen Job gemacht und davon die Miete bezahlt. Alles fein! Ich freu mich auf den nächsten Film, der rauskommt.

Welcher Regisseur?

Fatih Akin.


Jochen Breyer: Diktaturen & Winterspiele

Direktiven gibt es nicht

Jochen Breyer (Foto: ZDF/Nadine Rupp) berichtet schon fast die Hälfte seiner 43 Jahre von großen Sportevents – nicht wenige davon in Diktaturen. Ein Gespräch über die demokratischen Winterspiele von Mailand, was ihn dabei zu Tränen rühren könne und sein Bauchweh als junger Sportfan.

Von Jan Freitag

Herr Breyer, während Sie bereits mehrere Fußballwelt- und Europameisterschaften moderiert haben, sind Ihre Erfahrungen mit Olympischen Spielen noch geringer, oder?

Jochen Breyer: Als Moderator sind die Spiele in Mailand und Cortina nach Paris erst meine zweiten, ja. Als Reporter durfte ich aber zuvor schon einige erleben, von Vancouver 2010 bis Tokio 2021.

Während die Weltmeisterschaften zuletzt in Diktaturen wie Russland und Katar stattfanden, beschränkt sich ihre olympische Erfahrung damit bislang auf Demokratien.

Nicht ganz, ich war 2008 bereits in Peking dabei. Wenn Sie meine olympische Erfahrung als Moderator meinen, haben Sie aber natürlich Recht.

Macht das politische System, in dem solche Sportevents stattfinden, bei der Vorbereitung einen Unterschied?

Auf jeden Fall. Sportliche Großereignisse wie die Olympischen Spiele sind immer auch politisch, sodass ich mich nicht nur darauf vorbereite, was mich sportlich erwartet, sondern auch, was die politischen Rahmenbedingungen angeht. Wie beispielsweise bei der Fußball-WM in Russland 2018 oder Katar 2022. Auch in Paris und Mailand gibt es natürlich Themen abseits des Sports, aber nicht in dem Ausmaß. Und das empfinde ich ehrlich gesagt als wohltuend.

Weil Sie einfach Ihre Arbeit als Sportjournalist machen können?

Nein, weil der Sport im Vordergrund stehen kann und damit die Athletinnen und Athleten. Die Bühne Olympia sollte ihnen gehören, nicht den politisch Handelnden. Sie haben vier Jahre auf diesen Moment hintrainiert, stehen jetzt endlich im Rampenlicht, sie haben jede Aufmerksamkeit verdient.

Ist das Ihre Dienstleistung am Sport?

Bitte nicht falsch verstehen, natürlich schauen wir als Journalisten auch über den sportlichen Tellerrand hinaus und besonders bei Doping oder Korruption sehr genau hin. Aber das Tolle an Olympia sind für mich die menschlichen Geschichten. Sportlerinnen und Sportler, die sich ihre Träume erfüllen, die uns mit Ihren Leistungen faszinieren, die uns teilweise sogar zu Tränen rühren.

Sie auch?

Mich auch. Bei Olympa gehen mir viele Momente unter die Haut. Überraschungserfolge oder dramatische Niederlagen. In Paris zum Beispiel die Goldmedaille des besten deutschen Ruderers Oliver Zeidler. Vier Jahre zuvor in Tokio war er auf tragische Art gescheitert und als großer Favorit im Halbfinale ausgeschieden. Er hatte gar überlegt aufzuhören, weil ihn diese Niederlagen fast gebrochen hätte. Doch er ist wieder aufgestanden, hat nochmals vier Jahre alles reingehauen – und in Paris endlich Gold geholt. Das hat mich emotional sehr gepackt. Diesen Zauber von Olympia meinte ich.

Dann entzaubern wir die anstehenden Winterspiele doch mal ein wenig. Waren Sie unlängst an den Wettkampfstätten von Turin 2006?

Nein.

20 Jahre später ist das Gelände voll weißer Elefanten, also Bauwerken, die seither nutzlos in der Gegend verrotten.

Ich habe die Doku von Felix Neureuther darüber gesehen. Das ist schon deshalb wirklich bitter, weil sich das IOC ja auf die Fahnen geschrieben hat, viel strenger auf Nachhaltigkeit zu achten als damals. Das gelingt sicher partiell. Doch auch für die aktuellen Spiele wurde zum Beispiel ein neuer teurer Eiskanal gebaut, obwohl das nicht notwendig gewesen wäre.

Von den Infrastrukturmaßnahmen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro fließen außerdem drei Viertel in den Straßenverkehr, und zwar teilweise erst nach den Spielen. Haben Sie analog zu ihrer Reportage Geheimsache Katar vor vier Jahren schon Geheimsache Mailand im Kasten?

(lacht) Nein, habe ich nicht, aber das Thema Nachhaltigkeit wird ganz sicher bei uns in den Olympia-Sendungen zur Sprache kommen.

Gibt es Direktiven seitens der Sender, in ihrem Fall des ZDF, ein bestimmtes Level sportferner Berichterstattung weder zu über- noch zu unterschreiten?

Nein, Direktiven gibt es nicht. Letztlich reagieren wir als Berichterstatter ja auf das, was passiert. Sollte es einen großen Dopingfall geben, müssen und werden wir darüber natürlich intensiv reden. Es wird aber nicht so sein, dass wir krampfhaft sportferne Themen suchen, die wir zwischen dem ersten und zweiten Slalom-Durchgang noch schnell einweben können. Der Sport steht im Vordergrund.

Nimmt diese Moderation angesichts der wachsenden Zahl großer Sportveranstaltungen in Autokratien und Diktaturen automatisch an Bedeutung zu?

Das ist schon seit einiger Zeit so, denken Sie an die Winterspiele in Sotschi 2014, als der gigantische russische Dopingskandal erst durch ARD-Recherchen publik geworden ist.

Namentlich Hajo Seppelt.

Genau. Oder Peking 2008, meine ersten Spiele als junger Reporter.  Da haben wir auch viel über die Unterdrückung Tibets durch China berichtet.

Besonders in Ihrer Brust schlagen zwei Herzen, nachdem sie vor zehn Jahren erstmals auch sportferne Reportagen gedreht haben. Wer darf da im Stockbett oben schlafen: der gesellschaftspolitische Journalist Jochen Breyer oder der wintersportliche?

Es ist kein Stockbett, sondern ein Doppelbett, und die beiden liegen schön nebeneinander. Ich interessiere mich sehr für tiefgründige Recherchen relevanter politischer Themen, bin aber genauso gerne einfach Sportfan, der die sportlichen Höchstleistungen bewundert, ohne immer einen Haken daran zu suchen.

War es ein Hauptgrund für Sie, in den Sportjournalismus zu gehen, weil man einer idealerweise objektiven, aber parteiisch-emotionalen Distanzlosigkeit dort freien Lauf lassen darf, ja mitunter muss?

Nein, der Hauptgrund war, dass ich schon sehr früh quasi zum Sportfan erzogen wurde. Ich habe mit meinem Vater, der selbst aktiver Sportler war und ist, ganze Wochenenden Wintersport geschaut. Und jeden Samstag das aktuelle sportstudio“. Während der Olympischen Spiele hätte ich gern zwei Wochen Schule geschwänzt, so wichtig war es mir, nichts zu verpassen.

Hätten oder haben?

(lacht) Kann schon sein, dass ich zufälligerweise während der zwei Wochen öfter mal Bauchweh hatte und nicht gehen konnte.

Worauf freuen Sie sich in Mailand und Cortina als Erwachsener am meisten?

Da die Spiele sehr dezentral stattfinden, in Cortina, Mailand, Antholz und ein paar weiteren Orten, haben wir uns dafür entschieden, unser Studio in Mainz aufzuschlagen. Am meisten freue ich mich dort auf die Schalten zu den Sportlerinnen und Sportlern, die den olympischen Geist zu uns transportieren werden.

Und welche Sportarten?

Da kann ich mich gar nicht entscheiden. Eishockey wird ganz besonders toll, weil die NHL-Cracks dabei sind. Biathlon ist schon immer eine meiner Lieblingssportarten. Aber genauso gerne schaue ich, kein Witz, Curling. Das wird ja gerne mal belächelt, aber ich kann jedem nur empfehlen, sich darauf mal einzulassen, Curling wird sehr unterschätzt.


Wolfgang Bahro: GZSZ & Potsdam-Krimie

Ich wollte mich wirklich von Jo Gerner lösen

Wolfgang Bahro, seit 32 Jahren der Bösewicht von GZSZ, wechselt die Seiten und ermittelt nun im Potsdam-Krimi: Haveltod von RTL. Der 65-jährige Schauspieler und Kabarettist aus Berlin über Befreiungsschläge, Vorbilder und warum er als Profiler kein Oberhemd tragen wollte.

Von Jan Freitag

Herr Bahro, dass Sie in einem Interview über etwas anderes als GZSZ auch auf Dr. Jo Gerner angesprochen werden, kennen Sie sicher bereits.

Wolfgang Bahro: Daran bin ich gewöhnt, ja.

Sie selbst haben die Messlatte diesbezüglich mit Ihrem Buch Immer wieder Gerner – Mein Leben als Bösewicht der Nation aber auch selber hochgelegt. Wer hatte da die Idee zum Rollenwechsel als Fallanalytiker Armin Weber – RTL oder Sie?

Also ich war es nicht. Aber nachdem Nico Hofmann den Vorstandsvorsitz der Ufa an Sascha Schwingel übergeben hatte, wollte der die Menschen seiner Produktionen mal kennenlernen und hat sich auch mit mir getroffen. Das fand ich sehr nett. Besonders, als er mich fragte, was ich mir für meine Zukunft bei der Ufa wünschen würde. Da meinte ich, dass sie über Dailys wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten hinaus auch Formate wie Charité oder Faking Hitler macht und ich gerne mal Spielfilme oder Reihen drehen würde.

Und seine Antwort?

War, dass er genau diese Frage an mich im Kopf gehabt hatte. Ob es schon konkretere Ideen für den Potsdam-Krimi gab, weiß ich nicht. Aber bald darauf ging das Projekt in die Planung. Und hier bin ich als Profiler. Schließlich bin ich Schauspieler geworden, um möglichst viele verschiedene Charaktere verkörpern zu können. Im Theater gelingt mir das auch relativ häufig. Besonders mein Freund Dieter Hallervorden tritt da regelmäßig mit Ideen auf mich zu.

Zum Beispiel?

An schönsten war, bei ihm das Leben von Charles Spencer Chaplin, kurz Charly, spielen zu dürfen. Im Fernsehen sind solche Angebote eher selten. Deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als man mir Armin Weber angeboten hat.

Haben Sie das als Befreiungsschlag empfunden?

Als verspäteten, ja. Denn zunächst mal sollte sich Weber exakt so kleiden wie Jo Gerner.

Also Zwei- oder Dreiteiler.

Sowohl als auch. Jedenfalls immer so businessmäßig. Deshalb habe ich hart um den Mittelweg gekämpft, dass er wenigstens T-Shirt unterm Jackett trägt. Ich wollte mich wirklich von Jo Gerner lösen. Äußerlich und innerlich.

Und wie fühlt es sich jetzt an, auf der anderen Seite des Gesetzes zu stehen?

Na ja, Gerner ist ja auch kein Krimineller, geschweige denn Verbrecher.

Zum 25. GZSZ-Geburtstag hatte mal jemand durchschnittlich eine Straftat in 132 Folgen ausfindig gemacht, für die er insgesamt fast 200 Jahre Knast gekriegt hätte.

Meistens aber hat er als Rechtsanwalt doch eher Gesetzeslücken ausgenutzt, um daraus seinen Vorteil zu wahren. Ich würde ihn deshalb trotz meines eigenen Buchtitels eher Antagonist als Bösewicht nennen.

Was er definitiv ist: Ein berechnender Typ, während Weber eher analytisch tickt. Welcher von beiden kommt Ihnen als Mensch näher?

Ich schöpfe emotional oder intellektuell natürlich bei beiden gelegentlich aus mir selber, um sie darzustellen. Aber am Ende bleiben es Abstraktionen. Ich bin meine Rollen also nicht, ich spiele sie nur. Wenn ich allerdings mit einem von ihnen befreundet sein könnte, wäre es der emotionalere Armin Weber. Auch Jo Gerner zeigt zwar durchaus mal Empathie, aber eher mit denen, die ihm nahestehen, vor allem seiner Familie. Trotzdem hätte ich mit ihm lieber dann zu tun, wenn es um juristische Fragen oder Geschäftsinteressen ginge. Essen ginge ich lieber mit Weber.

Ist Blut auch bei Ihnen dicker als Wasser?

Definitiv. Familie steht bei mir über allem.

Würden Sie da auch mit ihrem Sohn zusammenarbeiten, wie Armin Weber es in Haveltod tut?

Anders als ich es mir anfangs gewünscht hätte, ist er ja nicht Schauspieler geworden (lacht). Andernfalls hätte ich liebend gern an seiner Seite gespielt.

Woran liegt es denn aus Ihrer Sicht, dass er damit tendenziell an der Seite eines Antagonisten stünde – sind deutsche Fernsehschubladen besonders tief?

Da ich international keine Erfahrung habe, kann ich das persönlich schlecht vergleichen. Ich glaube aber schon, dass die Schubladentiefe ein sehr deutsches Problem ist. Wann immer ich mit Kollegen spreche, wird mir versichert, wer mehrfach Ärzte spielt, spielt weiterhin Ärzte. Kurz vor GZSZ zum Beispiel habe ich im ZDF-Sechsteiler Durchreise zur Geschichte einer jüdischen Modefirma von 1931 bis 1991 den schwulen Designer gespielt. Und jetzt raten Sie mal, was mir danach ständig angeboten wurde.

Ich ahne es. Haben Sie es da als Fortschritt empfunden, Jo Gerner spielen zu können? Immerhin gelten Typen wie er verglichen mit sympathischen als spannendere Figuren…

Absolut. Die Facetten von Antagonisten sind einfach vielfältiger; deshalb spiele ich Jo Gerner auch schon so lange so gerne. Er ist wie ein Blumenstrauß, in dem bei allem Anmut auch ein paar stachlige und stinkende Pflanzen sind.

Sie beide werden dieses Jahr 66 – hierzulande dank Udo Jürgens fast schon ein mystisches Alter. Fängt Ihr Leben auch gerade an?

Es gewinnt auf jeden Fall gerade ganz neue Facetten hinzu. Zu Ende geht es jedenfalls noch lange nicht. Mein großes Vorbild ist diesbezüglich Dieter Hallervorden, bei dem mit 90 noch nicht mal daran zu denken ist, aufzuhören. Als wir kürzlich bei Roncalli waren, hat er mir schon wieder von neuen Projekten erzählt. Und mit meiner Freundin Brigitte Grothum…

Die kaum jünger als Dieter Hallervorden sein dürfte.

… mache ich gerade Live-Hörspiele nach alten Edgar-Wallace-Filmen. Wie fit die ist – super! In diesem noch so aktiv zu sein, ist auch mein Ziel.

Drehen Sie vorerst noch mehr Potsdam-Krimis? RTL hat das ja als Reihe angekündigt.

Bislang gibt es nur den einen, alles weitere wird sein Erfolg zeigen. Ich würde aber noch gern viele andere Sachen machen.

Wie wäre es für Sie als ausgewiesener Star Trek-Fan mit Science-Fiction?

Natürlich würde ich auch da mitspielen. Ich hatte vor einigen Jahren sogar schon mal an einer Next Generation von Raumpatrouille Orion geschrieben, aber leider war das Interesse an einer solchen Serie in der deutschen Medienlandschaft nicht so groß. Wichtiger wäre mir aber auch, wie am Theater auch im Fernsehen öfter meine komödiantische Seite zeigen zu dürfen. In meinem Bühnenprogramm Berliner Zeitensprünge gehe ich zum Beispiel gerade durch 100 Jahre Humor meiner Heimatstadt seit 1912 und mache mich darin auch über die Politiker verschiedener Epochen lustig.

Fast Kabarett also.

Mit Referenzen an große Vorgänger wie Wolfgang Neuß oder Werner Finck. Sowas würde ich wahnsinnig gerne mal am Bildschirm präsentieren. Aber wie gesagt – bis ich so alt wie Dieter Hallervorden bin, habe ich ja noch ein paar Jahre. Ich bin guter Dinge.


Andreas & Daniel Prochaska

Nepotismus funktioniert nur bedingt

Mit 18 ist Daniel Prochaska in die Fußstapfen des berühmten Vaters Andreas getreten. Sein Landkrimi Bis in die Seele ist mir kalt (Foto: ORF) zeigt aktuell in der ZDF-Mediathek, wie sich die beiden Regisseure unterscheiden – und was sie teilen. Ein Doppel-Interview über Verwandtschaft am Set, amerikanisches Casting und die Arbeitsweisen zweier Generationen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Prochaska, wo er nicht zuhört, können Sie es ja sagen – war Daniel, als Sie ihn mit gerade mal 19 Jahren gekriegt haben, ein Wunschkind?

Andreas Prochaska: Ich war sogar erst 18. Das Leben hat einfach zugeschlagen und das war gut so.

Wann ist Daniel denn dann ein Wunschkollege geworden, der ihnen in den Beruf folgt?

Andreas Prochaska: Als er nach der Schule gejobbt hat, hab‘ ich ihn als Video-Operator ans Set von Kommissar Rex genommen. Kurz darauf hat er das Making-of zu „In drei Tagen bist du tot“ übernommen und sein Schnitt-Talent gezeigt. Als drei Jahre später die Editorin meiner Komödie Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott ausgefallen ist, hab‘ ich Daniel den Schnitt angeboten.

Daniel Prochaska: Das waren alles eher glückliche Zufälle so wie das Leben halt oft spielt. Bis dahin hatte ich nur Musikvideos gedreht und wusste, dass ich nicht am Set mehr machen wollte, als den Kamerawagen zu schieben. Da ich auf keiner Filmakademie war und mein Vater bereits bekannt, habe ich ein bisschen länger für meine Entscheidungsfindung gebraucht. Aber als dann wie aus dem Nichts sein Anruf für Elfriede Ott kam, habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht.

Andreas Prochaska: Es war der Beginn einer langen, beglückenden Zusammenarbeit.

War der Name dabei eher Bürde oder Stütze Ihrer Laufbahn?

Daniel Prochaska: Weder noch. Ich habe viel von ihm gelernt und wurde durch ihn geprägt.

Andreas Prochaska:  Daniel ist im Gegensatz zu mir Musiker. Ich bin über ein paar Stunden Blockflöte nie hinausgekommen; er hatte schon früh eigene Bands und ließ dieses Talent einfließen. Der Soundtrack zu Elfriede Ott würde ohne Daniels Kontakte in die österreichische Musikszene so nicht existieren.

Daniel Prochaska: Anfangs wurde ich öfters mal als „Sohn von“ betitelt, aber das bin ich ja auch. Und es kann sein, dass besonders im Schnitt Leute glaubten, der Papa schaut noch mal drüber; aber ehrlich: das macht jeder Regisseur beim eigenen Film, unabhängig vom Verhältnis zum Editor.

Andreas Prochaska: Nepotismus funktioniert in unserm Beruf eh nur bedingt. Man kann seinem Sohn als Vater schon ein Projekt vermitteln, aber wenn es in die Hose geht, war‘s das.

Daniel Prochaska: Wir gehören auch unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Herangehensweisen an. Und ich bin mit anderen Filmen groß geworden als mein Vater.

Trotzdem haben sie jeweils zwei Landkrimis in Kärnten gedreht. Würde man in einer Blindverkostung merken, welcher von wem stammt?

Andreas Prochaska: Schwer zu sagen. Im Zentrum steht die Geschichte, an die jeder mit eigenem Blickwinkel rangeht. Mir war schon wichtig, dass der Spirit von Daniels Landkrimis erhalten bleibt.

Daniel Prochaska: Kann sein, dass sich meine Arbeit in Nuancen sichtbar unterscheidet. Ich erzähle gern verschiedene Zeitebenen gleichzeitig und mag grafische Bilder. Aber im Zentrum aller Bemühungen steht immer die Geschichte, nicht mein Anteil daran. Was unsere Arbeiten verbindet, ist aber der Humor; dadurch haben wir einen ähnlichen Zugang zu Pia Hierzeggers Figuren und Dialogen gefunden.

Andreas Prochaska: Ich hatte das Vergnügen, den ersten Kärntner Landkrimi mit Gerhard Liebmann in der Hauptrolle zu drehen, bin dann durch einen glücklichen Zufall neu dazugestoßen und konnte mit Daniels Cast zusammenarbeiten. Als Regisseur bist du neben anderen Dingen der erste Zuhörer, und mir hat niemand beigebracht wie man Schauspieler*innen inszeniert. Ich habe da offenbar keinen ganz schlechten Instinkt, und den hat Daniel auch.

Haben Schauspielerführung und Instinkte auch mit der Alterskohorte zu tun? Jüngere Regisseure gelten verglichen mit früheren Alphatieren am Set als achtsamer.

Andreas Prochaska: Was Daniel und mich altersunabhängig verbindet: Es geht uns nie ums Ego, sondern den Film. Wir wollen beide ein Umfeld schaffen, in dem sich alle sicher fühlen, nur so bekommt man das Beste aus Cast und Crew. Aber wenn Männer meiner Generation unter Generalverdacht stehen, finde ich das schon bedenklich. Ich bin seit 1998 Regisseur, und bei mir gab’s nie Geschrei oder Respektlosigkeiten am Set. Respektvolles Benehmen hat dort grundsätzlich weniger mit Alter als mit Charakter und guter Kinderstube zu tun. Bei zweifelhaften Charakteren hilft auch kein Code of Conduct, und das ist geschlechtsunabhängig.

Daniel Prochaska: Es gibt auch in meiner Generation schwarze Schafe, die nicht wissen, wie man sich benimmt. Dabei muss man aber auch berücksichtigen, dass Regisseure am Ende die Verantwortung fürs Ganze tragen; da sind gewisse Hierarchien unerlässlich. Nur wie man die auslebt, hängt eher mit der Persönlichkeit als Geschlecht und Alter zusammen.

Andreas Prochaska: Ich finde es wichtig, dass sich die Strukturen im Hinblick auf Gleichberechtigung, Achtsamkeit, Arbeitsbedingungen ändern. In meinen Anfängen waren Drehtage mit 14 bis 16 Stunden nicht ungewöhnlich. Wenn so viele Leute für mehrere Wochen in einem hochintensiven Arbeitsprozess involviert sind, muss jeder aufpassen, dass sich keine Grenzen verschieben. Das ist auch in den Verträgen mittlerweile ganz klar geregelt.

Daniel Prochaska: Ich bin dabei, seit ich 18 bin, und selbst in dieser kürzeren Zeitspanne hat sich viel verändert, das meiste zum Positiven. Trotzdem plädiere ich ebenfalls für Geduld bei der Anpassung neuer Entwicklungen.

Sind Sie bei all den Gemeinsamkeiten eigentlich nur Kollegen oder auch Konkurrenten?

Andreas Prochaska: Auf jeden Fall Kollegen. Daniel ist sehr erfolgreich mit seinen Projekten und das freut mich sehr.

Daniel Prochaska: Ich empfinde die Filme vieler Kollegen – ob es mein Vater ist oder Hollywood-Stars wie Martin Scorcese – generell eher als Inspiration.

Regisseure werden anders als Schauspieler ja auch nicht gecastet, oder?

Daniel Prochaska: Früher nicht. Aber das hat sich mit den Streamingdiensten ein wenig geändert. Da habe ich noch mal neu mit den Schauspielern gefühlt, so hart war es, von anderen bewertet zu werden.

Andreas Prochaska: Ich mache diese Erfahrung besonders international. Für ein amerikanisches Projekt saßen wir mal zu acht im Raum, und ich habe zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen wie sich Schauspieler*innen nach einem Casting fühlen, wenn du weißt, dass jedes deiner Worte analysiert wird. Das nimmt auch im deutschsprachigen Raum zu, was aber grundsätzlich auch okay ist. Irgendwie muss man ja herausfinden, ob man sich auf das Abenteuer einer gemeinsamen Produktion einlassen will.

Können Sie von den bisherigen Filmen oder Serien des jeweils anderen sagen, welche sie besonders mögen?

Andreas Prochaska: Also bei mir ist es sein erster Film. Als er mir den Schnitt von „Geschenkt“ gezeigt hat, war ich beglückt, weil er mich der Film wirklich berührt hat und ich wusste, dass Daniel seinen Weg machen wird. Das war schon ein besonderer Moment.

Daniel Prochaska: Schwierig. Ich war ja bei vielen dabei und möchte mich nicht loben. Deshalb nehme ich einen kleinen Film, den viele vermutlich gar nicht kennen: Die Hunde sind schuld. Da hat er bereits einen Humor angedeutet, mit dem er seither viele Filme versieht.

Andreas Prochaska: Barbara Valentins letzter Film übrigens, Sendetermin war der 12. September 2001 und der Film ist im Strudel von 9/11 untergegangen.


Denis Moschitto: Chiko & Tatort

Ich bin in vielerlei Hinsicht sehr unauffällig

Jahrelang war Denis Moschitto (Foto: NDR/Georges Pauly) das liebenswerte Migrantenkind, dann der fiese Gangster, jetzt spielt er an der Seite von Wotan Wilke Möhring einen leicht nerdigen IT-Fachmann im Hamburger Tatort. Ein Gespräch mit dem 48-jährigen Schauspieler über Rollenprofile, Geltungsdrang und seine Jugend als Hacker.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Denis Moschitto, als wir 2012 über den Tatort: Hochzeitsnacht geredet haben, waren Sie ein paar Jahre zuvor grad vom liebenswerten Loser Richtung Gangster wie Chiko abgebogen. Was bedeutet es für Sie und Ihre Arbeit, dass Sie jetzt der Gendarm sind?

Denis Moschitto: Zunächst mal nur, dass ich generell so viele unterschiedliche Figuren wie möglich spielen möchte. Und dazu gehören Gangster genauso wie Gendarmen. Früher hatten meine Rollen aber insgesamt wohl ein bisschen mehr mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Mittlerweile hat die Branche aber verstanden, dass es mich auch ohne den gibt.

Damals hatten Schauspieler mit Migrationsgeschichte noch vor allem Kriminelle, Putzfrauen oder Flüchtlinge gespielt.

Vielleicht war das bei mir auch deshalb anders, weil ich mich nie richtig mit meiner Herkunft identifiziert habe. Umso interessanter ist das, dass es der Generation Z gerade wieder wichtiger wird, ihre Migrationshintergründe explizit zu thematisieren und daraus Stärke zu gewinnen. Dieses Bedürfnis fehlte mir völlig. Ich erinnere mich an frühere Dreharbeiten, bei denen ich mir die Haare blond färben sollte, um einen Deutschen zu spielen. Das hab‘ ich damals überhaupt nicht verstanden.  Doch die Zeiten haben sich geändert. Das spürt man auch im neuen Tatort, wo viele der Schauspieler ihre Wurzeln im Ausland haben. Da bin ich in vielerlei Hinsicht sehr unauffällig. Und das ist auch gut so.

Wobei es gemeinhin als spannender gilt, Antagonisten zu spielen, also eher Kriminelle als Cops. Wie gewinnt man letzteren jene Kanten ab, die sie brauchen, um spannend zu sein?

Es stimmt schon, positive Figuren sind in Deutschland auch heute noch ein wenig glatter als negative Figuren. Oftmals müssen sie parallel als Schwarm des anderen Geschlechts funktionieren, was oft wahnsinnig langweilig ist, in meiner Anfangszeit aber noch viel ausgeprägter war. Mittlerweile geben die Drehbücher auch Protagonisten viel mehr Konturen wie hier bei Alexander Adolph und Eva Wehrum.

Die Ihnen jetzt den Cyber-Experten Mario Schmitt auf den Leib geschrieben haben.

Aber überhaupt nicht darauf eingehen, welche Art von Hintergrund er und all seine Marotten haben. Sehr clever.

Eine holländische Kollegin von Schmitt äußert im Film mal den Verdacht, er sei autistisch. Ist er das?

Nicht, dass ich wüsste. Die Krankheit ist filmisch zu komplex, um daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Da stört es mich ohnehin sehr, dass viele Fiktionen dazu neigen, sie als Superkraft zu verkaufen. Mario Schmitt ist einfach ein nerdiger Typ. Mit diesem Comic Relief bin ich absolut fein. Aber wir müssen schon auch ein bisschen aufpassen, es damit nicht zu übertreiben und ihm seine Ernsthaftigkeit lassen. Albern soll die Figur auf keinen Fall werden. Es geht vor allem um seine Kompetenzen als Cyber-Experte.

Das wäre eine Analogie zu ihrer eigenen Biografie. Als junger Mann waren Sie selbst Hacker.

Ich war eher ein Cracker, um genau zu sein. Während das Ziel von Hackern ist, in Systeme einzudringen und sie zu manipulieren, wollen Cracker einfach nur den Kopierschutz einer Software entfernen. Ich glaube zwar nicht, dass das irgendjemand beim Casting im Hinterkopf hatte, als ich in die Auswahl kam. Aber mich interessiert dieser Aspekt natürlich enorm. Da ist mir sehr daran gelegen, Hackern den Ruf der Magier zu nehmen, sie also ein bisschen zu versachlichen.

Vielleicht auch den Ruf der Schädlinge?

Durchaus. Es gibt schließlich zwei Sorten Hacker. Die einen wollen Systeme knacken, um sie zu stören oder sich sogar daran zu bereichern. Andere wollen auf Fehler aufmerksam und damit oft sicherer machen. Aber obwohl es auch bei Crackern mitunter kriminelle Energien gibt, geht es denen oft eher darum, wer es als erster schafft, und nicht, Schaden anzurichten. Dieses weltweite Netzwerk fasziniert mich bis heute.

Was sagt diese Faszination über Sie als Mensch aus?

Dass ich schon immer ein technik- und computerinteressierter Mensch war, den diese Hackerfilme der Achtziger wie Wargames fasziniert haben, mehr nicht. Ich bin sogar ein eher spiritueller als rationaler Mensch, aber mein Freundeskreis kam damals nun mal größtenteils aus der Computerszene, in der ich versucht habe, mir ein Ansehen zu verschaffen.

Hatten Sie diesen Geltungsdrang?

Auf jeden Fall.

Hat er am Ende dazu geführt, Schauspieler zu werden?

Mit Sicherheit, ja. Vermutlich sogar aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, das ist bei vielen in meinem Beruf womöglich nicht anders. Als ich in der Schule das erste Mal auf der Bühne stand, haben sich der Applaus, das Schulterklopfen einfach unheimlich gut angefühlt. Berühmt zu sein, wurde mit den Jahren zwar immer unwichtiger. Aber positives Feedback ist mir immer noch wichtig.

Ist der Tatort-Kommissar da gewissermaßen das größtmögliche Feedback?

Ach, so viele Gedanken habe ich mir darüber gar nicht gemacht. Und falls doch, hätte ich vermutlich eher gedacht, dass „Tatort“ ein bisschen nach Rente klingt (lacht). Ich habe als Schauspier auch so genug erreicht.Ich muss weder mir noch anderen etwas beweisen. Die Aufmerksamkeit für den Tatort ist zwar groß, aber deshalb habe ich die Rolle nicht angenommen.

Sondern?

Weil ich sie interessant finde und gerne mit Wotan Wilke Möhring zusammenarbeiten wollte.

Schauen Sie selbst gern Tatort?

Selten. Ich sehe überhaupt wenig fern, hole aber auch wegen dieser Rolle gerade ein bisschen auf und merke, wie unglaublich groß das Krimi-Angebot in den Mediatheken ist. Wer soll das alles bloß sehen?! Auch deshalb ist mir durchaus wichtig, dem Genre mit meiner Figur etwas Neues zu geben. Ich sehe das mal als Herausforderung.

Zumal Mario Schmitt zumindest in den ersten zwei Filmen eher der Zuspieler von Wotan Wilke Möhrings Kommissar Falke ist.

Das dürfte sich vielleicht noch etwas ändern. Trotzdem bleiben Wotan und Falke im Mittelpunkt. Da gehören beide auch hin.


Tim Mälzer: Impossible & Meisterklasse

Das ist hier eine Teller-Therapie

Tim Mälzer war nie weg und ist doch zurück: Als Coach und Kumpel im Sternekoch-Casting Mälzers Meisterklasse, wo er bei Vox diesmal mit Halbprofis in der luxuriösen Inselküche steht. Ein schnodderig-selbstbewusstes Gespräch über Tränen am Herd, Scheitern als Chance und warum er ein Steckrübeneintopf ist, vorab ersscheinen beim Medienmagazin DWDL.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Tim Mälzer, haben Sie die Disney-Serie The Bear um ein hektisches Restaurant in Chicago gesehen?

Tim Mälzer: Ja. Klar.

Und?

Dieses getriebene, lebensschwere Chaos ist mir persönlich viel zu intensiv. Ein Küchenchef, der sein Team heute noch so behandelt, ist nicht nur ein schlechter Küchenchef, sondern bald auch allein und Pleite. Rumgrölen ist Führungsschwäche, nicht Führungsstärke. Wenn du bei Jan Hartwig in der Küche stehst…

Ihr Ko-Juror bei Mälzers Meisterklasse, selber mit drei Sternen dekoriert.

… dann hörst du kaum ein lautes Wort, da läuft alles wie von selbst. Dieses ständige philosophische Überhöhen großer Köche geht mir ohnehin auf die Nerven. Du darfst gerne fürs Kochen brennen, aber am Ende geht es dabei um Essen und Trinken, fertig. Ich vergleiche das gern mit Fußball: Da sind auch elf Leute auf dem Platz, von denen alle spezielle Fertigkeiten haben, aber gewinnen können sie nur gemeinsam.

Die 50.000 Euro für Mälzers Meisterklasse mit dem Bonus eines Duells mit Ihnen bei Kitchen Impossible gewinnt allerdings nur einer oder eine.

Aber auch da ist mir ein gewisses Miteinander wichtig. Schon, um mit Frustrationsmomenten besser umzugehen, die es natürlich gibt. Mein Job dabei ist es ja, die Leute aus ihrer Komfortzone rauszuholen. In der kannst du solide Arbeit abliefern, aber nicht über dich hinauswachsen. Je häufiger du dir die Hände verbrennst, desto klarer wird, wer du bist.

Und Ihre Hände haben öfter gebrannt?

Ja. Und je heißer, desto extremer waren meine Entscheidungen. Mit dem Kochen aufzuhören, zum Beispiel, und lieber Restaurants zu führen als Küchen. Ich wollte schon immer ebenso an mich glauben wie an mir zweifeln und dabei ständig meine eigenen Konzepte verändern. Deshalb wollte ich nach all dem Herumreisen für Kitchen Impossible jetzt auch unbedingt wieder mal ins Studio. Routine ist Langeweile und beides habe ich schon immer als Gift auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit angesehen.

Ein Ziel, dass sie den 15 Kandidatinnen und Kandidaten der Meisterklasse in fast jeder Aufgabe mit an den Herd geben.

Und sie damit bewusst ein bisschen überfordere. Nur so gibt es Lerneffekte, und die sind das Wichtigste an jeder Arbeit.

Das Wichtigste an dieser Art Reality ist wie so oft Emotionalisierung. Ständig sind Tränen, Wut, Verzweiflung in Zeitlupe zu sehen. Gehört das einfach dazu oder stört es Sie?

Es ist Fernsehen und Fernsehen braucht Gefühle! Und ob die wahrhaftig sind, kann ich als Vater und Unternehmer mittlerweile ganz gut einordnen. Tränen, die Druck abbauen, sind meistens echt, die kann man zeigen. Tränen, die aus Missverständnissen entstehen, sind meistens falsch, die sollte man weglassen.

Nicht jede Träne ist ein Trauerfall?

Genau, aber das hier ist eine Teller-Therapie in sechs Sitzungen à 90 Minuten. Da sind Selbstzweifel vorprogrammiert. Ich selber zweifle ja ständig an mir, das grenzt ans Hochstaplersyndrom. Deshalb kann ich auch überhaupt nicht gut mit Komplimenten umgehen. Schlimmer ist eigentlich nur der Vorwurf, ich sei arrogant. Das kriegen Prominente zwar gern zu hören, falls sie nach einem harten Arbeitstag nicht mehr die Kraft haben, auch noch das 40. Selfie zu machen. Aber manchmal ist man halt einfach zu müde.

Und zwar auch langfristig, deshalb haben Sie sich öfter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Was bringt einen Kochunternehmer am Ende weiter: Erfolg oder Scheitern?

(überlegt lang) Erfolg und Anerkennung sind schon wichtig, aber mehr und nachhaltiger lerne ich aus Fehlern. Deshalb ist mir Scheitern so wichtig. Zumal Deutschland eine so blöde Fehlerkultur hat, und das ist durch Giftspritzen auf Social Media nochmals schlimmer geworden. Viele dort können nicht gut mit Niederlagen umgehen, weiden sich aber an denen anderer. Fürchterlich! In der Meisterklasse geht es mir hingegen darum, die Kandidatinnen und Kandidaten voranzubringen. Ich beziehungsweise Jan muss zwar Leute rauswerfen, aber nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil andere besser sind. Auch ich bin zwar manchmal destruktiv, möchte aber grundsätzlich konstruktiv sein.

Aber was entscheidet denn nun wirklich abschließend darüber, wer ein wirklich guter Koch ist – Handwerk, Persönlichkeit, Sendungsbewusstsein, Scheitern, Erfolge, Mut?

Ein guter Koch beherrscht sein Handwerk, ein herausragender Koch hat auch noch Persönlichkeit.

Kann man das in Ausbildung, Praxis oder einer Sendung wie dieser rauskitzeln, oder hat man das oder eben nicht?

So ganz genau weiß ich das gar nicht, Die Identität lässt sich allerdings nur erkennen, wenn sie ins Risiko gehen. Und das geht eigentlich nur in der Selbstständigkeit. Als Angestellter einer großen Küche Persönlichkeit herauszubilden, ist schwierig. Ich hab‘ meine deshalb erst herausgearbeitet, als ich dann mein eigener Chef war

In der ersten Folge von Mälzers Meisterklasse sollen die Kandidaten „kochen, was sie sind“. Welches Gericht sind Sie?

Hühnerfrikassee. Und Steckrübeneintopf. Das bin ich, das ist meine DNA. Wenn ich den koche, schweigen meine Gäste oft andächtig. Ich koche ihn mit der Leidenschaft und den Zutaten wie meine Oma, das lässt sich nicht verbessern.

Gleichzeitig fordern Sie in der Meisterklasse doch ständig, sich was zu trauen, ins Risiko zu gehen, vom Erwartbaren abzuweichen. Ist Omas Steckrübeneintopf nach zu kochen nicht das Gegenteil davon?

Nee, das ist mutig, weil weglassen mutig ist. Das hilft, eine Persönlichkeit herauszubilden und ihr auch treu zu bleiben, wenn man im Sturm steht. Über mich ist schon jeder Dreckkübel ausgekippt worden. Das mithilfe meiner Persönlichkeit wieder abzukriegen, ist vielleicht die größte Fertigkeit, die ich in 20 Jahren Fernsehkochen entwickelt habe.

Welche noch?

Immer absolut ehrlich zu sein. Wenn du mich auf dem Bildschirm siehst, dann bin das immer ich – auch wenn ich dort lauter bin als zuhause, wo ich beim Kochen ganz ruhig bin, eher als würde ich im Atelier stehen und ein Bild malen.

Was genau sind Sie denn nun: Entertainer, Koch, Unternehmer, Food Content Creator?

Also das letzte schon mal nicht. Im Wesentlichen bin ich Gastwirt. Und mit meiner großen Klappe? Geschichtenerzähler.


Jonathan Berlin: Josef Mengele & Ernst Michel

Wir sind alle in der Verantwortung

Kurz, nachdem er im ARD-Biopic Die Nichte des Polizisten einen Neonazi verkörpert hatte, spielt Jonathan Berlin im großartigen Dokudrama Nürnberg ‘45 an gleicher Stelle den Auschwitz-Überlebenden und Prozess-Beobachter Ernst Michel. Ein Gespräch über reale existierende Figuren, seine Angst davor, ihnen nicht gerecht zu werden, und was eine KZ-Uniform mit Darstellern macht.

Von Jan Freitag

Jonathan Berlin, Sie sind unmittelbar hintereinander als Neonazi und Holocaust-Überlebender in ARD-Filmen zu sehen. Sind das einfach nur zwei unterschiedliche Figuren, die man mit seinem Rüstzeug als Schauspieler füllt?

Jonathan Berlin: Die Reihenfolge der Ausstrahlung war zufällig und beim Dreh nicht in der Form absehbar. Beide Projekte, so unterschiedlich sie sind, haben schon einen speziellen Zugang erfordert, den ich so noch nicht kannte. Auch inhaltlich haben sie mich länger als andere Figuren beschäftigt. Bei der Nichte des Polizisten lag das auch daran, dass sich die Realisierung seit 2018 immer wieder verzögert hatte.

Warum?

Unter anderem wegen des damals noch laufenden Zschäpe-Prozesses im NSU-Kontext. Selbst beim Drehen wurde lange gewartet mit einer Startmeldung, weil die Reaktionen – gerade aus rechten Kreisen – schwer einschätzbar waren. Was das schauspielerische Rüstzeug angeht, ist das einfach ein Balanceakt bei einer solchen Figur. Man läuft schnell Gefahr, etwas auszustellen und in schauspielerische Fallen zu treten. Zum Glück war da das sehr präzise geschriebene Drehbuch und eine sehr feine Regie.

Ist der Grat bei einem jüdischen NS-Opfer wie Ernst Michel, der beim Nürnberger Prozess 1945 als Reporter über die Täter berichtet, ähnlich schmal?

Mindestens. Deshalb war essenziell, dass seine Tochter Lauren und Seweryna Szmaglewskas Sohn Jacek am Projekt beteiligt waren. Für mich hat das dem Projekt eine andere Form der Legitimation gegeben, die ich in diesem Kontext als zwingend empfand. Dementsprechend akribisch bereitet man sich natürlich auf so eine Figur vor.

Ernst Michl ist ein jüdisches Opfer aus Zeiten Jahrzehnte vor Ihrer Geburt, der Neonazi Duric ist dagegen zwar ebenfalls Millennial, steht aber politisch auf der völlig entgegengesetzten Seite als Sie. In wen war es leichter, sich hineinzufühlen?

Mir fällt es schwer, das gegenüberstellend zu beantworten. Duric ist in jeglicher Form das Gegenteil meiner Werteansichten. Er steht für all das, was die AfD in den letzten Jahren an Populismus und Rassismus geschürt hat. Insofern musste ich die Figur sehr handwerklich nehmen und setze woanders an. Im Kontrast dazu ist Ernst Michel jemand, vor dem ich kaum größeren Respekt haben könnte. Sein Schaffen beeindruckt mich zutiefst. Und im Angesicht dessen, was ihm angetan wurde, kann ich lediglich all meine Empathie und Hochachtung aufwenden, um mich seiner Biographie anzunähern. Es wäre vermessen zu sagen, ich könnte mich in ihn hineinfühlen; ich kann ihn lediglich verkörpern. Und auch davor hatte ich eine gewisse Scheu. Und Angst.

Angst?

Ernst Michel nicht gerecht zu werden. Auch weil seine Schilderungen für die Schicksale so vieler anderer stehen. Wie gesagt: es ist nicht nachzuempfinden, man kann sich nur annähern.

Hilft es dabei, eine KZ-Uniform anzuziehen?

Das würde ich so in keinem Fall sagen, denn auch das ist ein äußerst ambivalenter Punkt, über den ich mit Regie und Produktion am meisten gesprochen habe, denn der Grat solcher Szenen ist schmal und heikel. Es ist ja kein Kostüm, sondern ein in Stoff erkennbares Schicksal vieler Millionen Menschen. Das muss in jedem einzelnen Moment klar sein.


Kann man mit so vielen Bürden auf der Schulter und Menschen, die Sie darüber hinweg beobachten, überhaupt einfach das tun, was Ihren Beruf ausmacht, nämlich spielen?

Ich würde es nicht als Bürde bezeichnen, schlichtweg als eine Verantwortung der Figur und in diesem Fall einer realen Persönlichkeit gegenüber. Wie es mir damit ging, muss egal sein. Ich kann nur ins aufrichtige Zwiegespräch mit der Figur gehen und mich fragen, wie Menschen zu solchen Verbrechen fähig sein können und wie jemand wie Ernst Michel danach trotzdem ein lebensbejahendes Leben führen konnte.

Ist die Verantwortung für und der Respekt vor realen Figuren grundsätzlich größer als bei fiktiven?

Ich denke schon. Aber auch die Frage, wie oft Biographien schon erzählt wurden, spielt eine Rolle. Wenn sie noch nicht sonderlich bekannt ist, ist die Tragweite einer Erzählung noch größer. Bei fiktiven Charakteren erlaube ich mir, mehr von mir auszugehen und freier zu gestalten. Es sind schon zwei andere Dinge, auch wenn man das im Moment des Spielens natürlich ausblenden muss.

Dabei fällt auf, dass Sie zwar sehr viele sehr unterschiedliche Rollen gespielt haben, inklusive dieser hier aber mittlerweile sechs, die ums Jahr 1945 herum handeln. Angefangen mit dem ZDF-Nachkriegsdrama Tannbach vor zehn Jahren. Gibt es so etwas wie ein historisches Gesicht, das bestimmte Epochen gut widerspiegelt?

Das habe ich mich auch schon öfter gefragt, aber diese Kategorisierung überlasse ich anderen. Vielleicht zieht man auch eine bestimmte Art von Konflikten an. Sicherlich interessiert mich an diesen Stoffen, dass dort ein Wertesystem gänzlich neu verhandelt wird. Außerdem ist es ja nicht so, dass diese Themen der Vergangenheit angehören. Erst kürzlich haben einige Unions-Politiker dafür plädiert, die Brandmauer zur AfD abzubauen. Da frage ich mich, ob die sich ernsthaft mit der Geschichte und den Abgründen des eigenen Landes auseinandergesetzt haben. Genau aus diesem Grund haben meine Kollegin Luisa-Céline Gaffron und ich Anfang des Jahres einen offenen Brief gegen das Einreißen der Brandmauer zur AfD initiiert.

Den Hunderte Kulturschaffender unterzeichnet haben.

Genau. Wir erleben gerade aufs Neue, wie Minderheiten angegriffen werden, Antisemitismus zunimmt, Rassismus wächst, Gedenkstätten attackiert werden und gleichzeitig gut 25 Prozent eine gesichert rechtsextremistische Partei wählen würden. Wir sind alle in der Verantwortung, genau hinzusehen. Mich selbst beschäftigt seit einiger Zeit ein massiver Missstand in Günzburg, der Stadt, in der ich als Jugendlicher aufgewachsen bin. Wissen Sie, wer noch von dort kommt?

Nein.

Josef Mengele.

Oh, dem Ihre Figur in Nürnberg 45 leibhaftig in Auschwitz begegnet.

Obwohl sich die Stadt mit diesem Erbe beschäftigt und eindrückliche Mahnmäler zu Mengeles Verbrechen errichtet hat, sind noch zwei Günzburger Straßen nach Verwandten Mengeles benannt. Sein Vater Karl ist 1933 in die NSDAP eingetreten. Sein Bruder Alois soll Mengele nach dessen Flucht finanziell unterstützt haben. Wie kann es sein, dass sie als Namensgeber geduldet werden? Ich fordere den Stadtrat daher auf, diese Straßen endlich umzubenennen.

Mit Erfolg?

Das steht noch aus, aber ich befinde mich dazu gerade im Austausch und versuche, das Thema erneut auf den Tisch zu bringen. Schließlich sehen viele in der Stadt die Straßennamen ebenso kritisch und sprechen sich gegen den Missstand aus.

Betreibt dieses Engagement gegen rechts nur der Mensch oder auch der Schauspieler Jonathan Berlin?

Beides bedingt einander. Ich finde, dass man für die Figuren, die man spielt, auch im Hier und Jetzt eine Verantwortung hat, wenn sie realpolitische Kontexte treffen. Wenn ich ein Projekt wie Nürnberg ‘45 zusage, aber nichts gegen die beiden Mengele-Straßen täte, dann würde ich doch letztlich die Figur, nein, Ernst Michel als Person, verraten. Diese Verantwortung besteht zwar auch ohne diese Projekte, aber sie vergrößern sie erheblich, finde ich.

Wussten die Verantwortlichen von ARD und Zeitsprung vorm Casting als Ernst Michel, dass Sie im selben Ort wie Josef Mengele großgeworden sind?

Meines Wissens nicht, aber ich habe es sehr früh in der Vorbereitung angesprochen.

Und was hat es mit Ihnen gemacht, von dieser Konstellation im Drehbuch zu lesen?

Ich würde sagen, es hat mich gleichzeitig zurückschrecken und auf den Stoff zubewegen lassen. Denn ganz klar war: diese Figur zu spielen verpflichtet dazu, diesen Missstand vehementer anzugehen. Dem Bürgermeister der Stadt habe ich auch deshalb bereits die Umbenennung in die Ernst-Michel-Straße vorgeschlagen. Denn wir haben es Personen wie ihm zu verdanken, dass Worte für das gefunden wurden, wofür es kaum Worte gibt.


Khesrau Behroz: Cui Bono & Capoeira

Ihr braucht mich!

Mit dem Podcast Cui Bono über den Verschwörungsideologen Ken Jebsen wurde Khesrau Behroz (Foto: Holger Talinski/Turi.One) quasi über Nacht zum Star der Audio-Szene. Vier Jahre, fünf wegweisende Nachfolger und eine Firmengründung später ist das 38-jährige Kind afghanischer Flüchtlinge buchstäblich die Stimme einer Generation Radiomacher. Ein Gespräch von Turi.One übers Hören statt Sehen, deutsche Migrationsbiografien, sein Mitteilungsbedürfnis und wie oft er moralischen Furor rausschneiden muss.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Khesrau Behroz, kennen Sie die Stern-Rubrik „Was macht eigentlich…?“

Khesrau Behroz: Klar, letzte Seite, gibt es seit 1000 Jahren, warum?

Was macht eigentlich Ken Jebsen?

Gute Frage. Ich glaube, er macht das, was er vorher gemacht hat.

Also ungefähr jene Art Verschwörungsideologie verbreiten, über die Sie vor vier Jahren den preisgekrönten Podcast Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen gemacht haben?

Genau. Ab und zu blitzt er irgendwo auf, weil Leute mir neue Videos oder Gespräche mit ihm schicken. Aber es gibt einfach genügend aktuelle Themen, da beobachte ich ältere nicht unbedingt. Bei Ken Jebsen bin ich also ein bisschen raus.

Dabei war sein rechtes Geschwurbel früher ein Nischenthema, jetzt ist es Mainstream.

Stimmt, aber wenn ich ein Thema im Kasten habe, lasse ich es hinter mir. Ich mache ja keine Langzeitbeobachtungen, sondern abgeschlossene Geschichten in fünf, sechs Teilen. Falls sie neue Entwicklungen nehmen, kann man grundsätzlich über zweite Staffeln nachdenken. Die haben sich allerdings weder bei Ken Jebsen noch dem Drachenlord ergeben. Und nach dem Stresstest beider Themen war ich ehrlich gesagt auch froh, mich aus den ganzen Discord- und Telegram-Channels ausgeloggt zu haben

Wobei besonders Ken Jebsen nicht nur journalistische, sondern biografische Relevanz für Sie hat. Vorm Podcast über ihn waren Sie als Audio-Journalist im Kommen, danach fast schon berühmt. Hat Ken Jebsen Ihr Leben verändert?

Er hat nicht nur mein Leben und die Arbeit darin verändert, sondern unsere gesellschaftliche Sicht auf journalistische Podcasts gleich mit. Deswegen besetzt er, so seltsam es klingen mag, einen besonderen Platz in meinem Herzen. Trotzdem hatte ich nie das Bedürfnis, mich auf diesem einen Erfolg auszuruhen.

Das haben Sie auch definitiv nicht getan. Ihre anschließenden Podcasts über Mesut Özil, Amanda Knox, Daniela Klette oder das Hacker-Kollektiv Anonymous sorgen für ebenso enorme Aufmerksamkeit. Wäre das alles ohne Cui Bono möglich gewesen?

„Cui Bono“ hat natürlich den Grundstein für alles gelegt und viele Türen geöffnet; ich glaube, das steht nicht nur Debatte. Mein Ziel ist es, bestehende Sinnzusammenhänge neu zusammenzusetzen und den Menschen so die Gelegenheit zu geben, ihre Sicht darauf, eigene Haltungen zu überdenken – in welche Richtung auch immer. Deshalb frage ich vor jeder Recherche nicht nur, was passiert ist, sondern vor allem, wie es passieren konnte.

Haben Sie dabei ein didaktisches Aufklärungsbedürfnis?

Ich würde keinen Journalismus machen, ohne aufklären zu wollen, aber nicht von oben herab. Ich möchte mein Publikum zu einer eigenen Perspektive auf komplexe Zusammenhänge befähigen. Ob sie dann am Ende zu denselben Ergebnissen kommen, ist zweitranging. Es gibt Jebsen-Fans, die „Cui Bono“ gehört und mir geschrieben haben: „Fair enough, aber ich bin anderer Meinung.“ Ich finde, das ist ein gutes Ergebnis.

Das klingt angesichts der Recherchetiefe Ihrer Podcasts ein bisschen nach Understatement…

Mag sein. Aber wenn ich als privater Konsument einen Podcast höre, worin der oder die Host vorgibt, mehr Antworten als Fragen zu haben, also eigentlich alles schon zu wissen, bleibe ich tendenziell keine sechs Folgen dabei. Der Schlüssel zum Interesse der Menschen ist spürbare Neugier. Und zwar selbst für Antagonist*innen, die womöglich unsympathisch sind. Mein privates Mitteilungsbedürfnis muss da zweitrangig bleiben.

Und Ihre Moral bestenfalls drittrangig?

Moralischer Furor hat im journalistischen Endergebnis meines Erachtens nichts zu suchen. Wenn er mir mal durchrutscht, schneide ich ihn raus.

Und gibt es da viel zu schneiden?

Ach, mal so, mal so. Öfter muss ich saloppen Tonfall oder falsche Gags zur falschen Zeit herausschneiden. Ich bin auch besonders allergisch dagegen, wenn ich als Host hochnäsig klinge, also damit den Leuten das Gefühl gebe, ich würde über den Sachen stehen. Man muss sich das Vertrauen der Zuhörer*innen erst einmal verdienen. Was für mich heißt, dass ich in den ersten Episoden anders spreche als in den letzten.

Andererseits surfen Hosts mit dem journalistischen Anspruch umfassender Recherche vor der Welle. Das hat kein Podcast mehr gezeigt als der über die Capoeira-Gruppe der früheren RAF-Terroristin Daniela Klette. Sorgt das nicht für ein Gefühl von Erhabenheit?

Naja, die Welle der Erhabenheit bei der Klette-Recherche kam ja erst später. Insofern sind wir, um die Metapher endgültig zu begraben, auf dem Scheitelpunkt des Zufalls gesurft. Im Ernst: Themen gibt es wie Sand am Meer; die Herausforderung besteht dann darin, sie zu sortieren und erzählenswert aufzubereiten. Das macht den Erfolg aber keineswegs planbar. Mit „Cui Bono“ wollten wir einfach einen Podcast machen, den wir so in Deutschland bislang noch nicht gehört hatten. Dass daraus eine Art Lagerfeuer entstanden ist, an das sich so viele Menschen gesetzt haben, war überhaupt nicht vorhersehbar.

Zuvor mussten Sie wie so oft in Abgründe der Niedertracht blicken. Das Cyber-Mobbing zum Beispiel, dem der Drachenlord über Jahre ausgesetzt war, schmerzt schon beim Zuhören. Was machen solche Recherchen mit Ihnen als Journalist, Podcaster und Mensch?

Ich komme ganz gut mit Abgründen klar, möchte das aber nicht als zynische Regung verstehen, sondern als einen gesunden Abstand zu meiner Arbeit und den Menschen, über die ich berichte. Das können allerdings nicht alle, und ich habe den größten Respekt vor denen, die hier Grenzen für sich ziehen – und sie dann auch konsequent nicht übertreten. Wir hatten damals für den Drachenlord-Podcast viele Redakteur:innen für eine Zusammenarbeit angefragt, die allerdings ablehnten, weil sie mit dem Drachengame, also der gezielten Vernichtung einer hilflosen Person, nichts zu tun haben wollten. Eine meiner Stärken besteht hingegen womöglich in einem eher analytischen als emotionalen Blick auf meine Arbeit. Deswegen fällt es mir auch leicht, sie danach einfach hinter mir zu lassen.

Hat das womöglich mit Ihrer Biografie zu tun? Als afghanisches Flüchtlingskind haben Sie Ende der Achtzigerjahre schließlich in den größtmöglichen Abgrund eines disruptiven Bürgerkriegslandes geblickt.

Ob ich dank der Taliban nun besser mit dem Drachengame klarkomme: weiß ich nicht. Es gibt auch andere, die mit solchen Geschichten gut klarkommen, und die mussten nicht erst einem Bürgerkrieg entfliehen. Aber natürlich hat meine Biografie mich stark geprägt, daran besteht kein Zweifel.

Insbesondere der kurze Teil mir Ihrer Flucht aus Afghanistan?

Sie schafft, obwohl ich sie mit drei Jahren kaum bewusst erlebt habe, einen anderen Blick auf die Welt. Im Schicksal Geflüchteter steckt ein besonderer Wert für mich, aber auch für die Gesellschaft. Um Empathie und Solidarität zu entwickeln, braucht sie nämlich auch Menschen, die Schlimmes erlebt haben und davon berichten. Nicht nur solche, bei denen als glattgelaufen ist. Meine Biografie ist wichtig für Deutschland, das sage ich ganz selbstbewusst. Ihr braucht mich!

Wie schaffen Sie es in dem Bewusstsein, dass dieser Teil Ihrer Biografie nicht alle anderen überlagert?

Indem ich mich weigere, aufs Etikett „Geflüchteter“ reduziert zu werden. Natürlich prägt die Flucht meine Biografie, aber sie erklärt nicht alles. Wenn ich mich selbst nur auf meine Flucht zurückstutzen lasse, mache ich mich kleiner, als ich bin. Meine Aufgabe ist es, mir diese Vielschichtigkeit immer wieder zurückzuholen. Auch wenn ich immer wieder für Interviews angefragt werden, wenn ich Afghanistan wieder etwas passiert.

Sie sagen solche Anfragen also alle ab?

Nee, ich mache das manchmal trotzdem. Schließlich sind drei Jahre plus Familiengeschichte mehr, als Deutsche in der Regel haben. Ich kommentiere solche Einladungen dann nur gerne mit dem Hinweis, dass ich bei aller Bescheidenheit auch als Unternehmer und Podcaster einen ganz guten Job mache.

Der als Person of Colour mit Fluchtgeschichte bestimmt auch für Abwehrreflexe bei bestimmten Teilen der Gesellschaft sorgt, also rassistischen Hass auf sich zieht. Welche Art negativer Reaktion auf Ihre Podcasts überwiegt da – die auf Herkunft oder Inhalte?

Dass ich dorthin zurücksoll, wo ich hergekommen bin, kriege ich oft zu hören. Aber wie gesagt: Ich kann ganz gut mit Abgründen. Ein paar anonyme Social-Media-Cowboys bringen mich da nicht um den Schlaf.

Rührt diese Gelassenheit auch daher, ein akustisches Format zu machen, also unsichtbar zu bleiben?

Na ja, einem rechtsradikalen Ausländerhasser fällt es womöglich leichter, mich zu hören als zu sehen. Aber das war keine bewusste Entscheidung, um mich nicht als vermeintlich Fremder zu exponieren. Ich sage ja auch meinen Namen, der mich schnell auffliegen lässt.

Woher kommt unter den drei journalistischen Darreichungsformen Fernsehen, Print und Audio dann Ihr Faible fürs Audioformat?

Dahinter steckt jetzt leider keine tiefergehende Metaebene nach reiflicher Überlegung. Ich bin da einfach organisch reingewachsen. Außerdem mag ich die sensorische Reduktion, die das Audio-Format mit sich bringt. Trotzdem haben wir voriges Jahr unseren ersten Film gedreht – und sind auf den Geschmack gekommen.

Sorgt der Podcaster dann instinktiv dafür, dass der Youtuber mit weniger visuellen Effekten auskommt?

Effekte sind nicht das Problem, Bauerntheater schon. Man wird mich daher nie dabei sehen, wie ich vor der Kamera am Telefon sitze und recherchiere oder bedeutungsschwanger durch die Gegend laufe und an Türen klingle. Wir wollen Dinge dokumentieren, nicht uns selber präsentieren.

Andererseits arbeiten Sie ja auch im Podcast mit Effekten wie Musik oder Geräuschen.

Das sind für mich auditiv-sensorische Tools, die uns zur Verfügung stehen, um eine gute Geschichte zu erzählen. Wir nutzen sie sehr bewusst. Auch, um für gute Unterhaltung zu sorgen. Musik ist dabei beispielsweise stets dramaturgisch eingebunden, sie sorgt an entscheidenden Stellen aber auch dafür, die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Wir sind schließlich ein Nebenbei-Medium.

Beim Bügeln, Baden, Autofahren.

Genau. Die wenigsten unserer Hörer:innen hören uns stundenlang hochkonzentriert zu. Sie dabei mit Soundeffekten bei der Stange zu halten, darf man natürlich ebenfalls manipulativ nennen; es geht dabei aber um die Story, nicht dem Erzähler.

War es da eine inhaltliche oder eine wirtschaftliche Entscheidung, dass Sie sich vor zwei Jahren mit Ihrer eigenen Firma Undone selbstständig gemacht haben, anstatt punktuell im Auftrag von Studio Bummens, Florida Factual oder den Öffentlich-Rechtlichen zusammenzuarbeiten?

Beides. Den ganzen Stress einer eigenen Produktionsfirma macht sich ja niemand, weil ihm langweilig ist. Eine der Gründungsregeln heißt deshalb: Wir machen keinen Scheiß, sondern nur, worauf wir wirklich Lust haben, worauf wir stolz sein können. Außerdem will ich eigene Entscheidungen darüber treffen, was ich machen möchte, und nicht auf Angebote warten. Zu wissen, da steht kein fremdes Label, sondern das eigene drauf, erhöht die Motivation noch mehr als ohnehin. Es kommt aber noch etwas hinzu.

Nämlich?

Ich wollte schon immer ein Unternehmer sein. Ich wollte meine eigene Bude haben, eigene Mitarbeiter:innen, ein selbstbestimmter Teil des Wirtschaftslebens in Deutschland sein. Ich wollte, dass in diesem Land irgendetwas auch mir gehört.

Ist dieser bewusste Weg ins unternehmerische Risiko auch wieder eine Frage des persönlichen Mindsets?

Ein bisschen schon. Aber nach der Veröffentlichung von Cui Bono hatte ich einfach so starken Rückenwind, dass mein Risiko kalkulierbar war. Und meine damaligen Kolleg:innen von Studio Bummens und K2H haben mich in dieser Entscheidung stets unterstützt. Da gab es keinen Groll. Wenn du selbst und andere Vertrauen in dich haben – das ist von unschätzbarem Wert.

Dass Sie die sechsstelligen Beträge für journalistische Podcasts wie Cui Bono nun selbst aufbringen mussten, hat Ihnen also keine schlaflosen Nächte bereitet?

Nein.

Sind Sie denn schon mal so richtig auf die Schnauze gefallen?

Ich habe bislang einen sehr glücklichen Weg hinter mir, der gespickt gewesen ist von Zufällen und guten Menschen, die mir gute Dinge gewollt haben. Wenn Sie mich jetzt also fragen, wie man es als Podcaster schafft, könnte ich Ihnen keine Antwort geben. Ich bin tatsächlich totaler Quereinsteiger, habe vorher Kommunikationswissenschaft studiert, bisschen Publizistik. Ich wollte ja noch nicht mal Journalist werden.

Dafür haben Sie ein erstaunliches Händchen für gute, zugkräftige Themen. Wo entstehen die – im stillen Kämmerlein oder lauten Redaktionsrunden?

Überall, aber in der Firma überlassen wir nicht alles dem Zufall. Wir kommen jeden Mittwoch zusammen und suchen neue Ideen. Wenn wir keine haben, versuchen wir sie beim Brainstorming systematisch zu entwickeln. Manchmal fliegen einem die Ideen aber auch zu. Die einer Geschichte über Mesut Özil etwa kam von außen, wir haben sie dann gemeinsam mit RTL+ umgesetzt. Aber manchmal geht natürlich auch was in die Hose. Von zehn Geschichten, die wir entwickeln, überleben vielleicht fünf.

Warum?

Weil das Risiko, dass etwas nicht funktioniert, eingepreist ist, und wir deshalb gelegentlich mehr investieren als herauskommen kann.

Was eigentlich immer funktioniert, sind Gesprächspodcasts – gerade, wenn man bereits so prominent ist wie Sie.

Gute Idee. Ginge auch!

Konjunktiv?

Ich fact-checke das Mal, und wer weiß – vielleicht kommt gegen Ende des Jahre ja was…

Haben Sie eigentlich von Tech Bro Topia gehört, dem Deutschlandfunk-Podcast über Tech-Milliardäre wie Peter Thiel?

Ja klar.

Waren Sie da neidisch, die Idee nicht selber gehabt zu haben?

Nein. Und: Ich höre privat gar keine Podcasts.

Wie bitte?!

Dafür stecke ich beruflich zu tief in der Materie. Ich könnte keine Folge hören, ohne sofort 100 Dinge zu bemerken, die ich bei unseren Produktionen auch im Kopf habe. Also lasse ich es lieber. Wichtiger ist mir sowieso, die Kontrolle darüber zu behalten, was mich inspiriert. Deshalb suche ich diese Inspiration sehr bewusst in anderen Medien: Bücher, Kino, Fernsehen. Das ist für mich auch ein wenig Remix-Kultur: In einer Netflix-Serie etwas sehen, das man dann in einen Podcast fließen lässt. Das sind oft auch ästhetische Dinge, Sound-Design und Musik zum Beispiel.

Unabhängig vom Sounddesign sind Podcasts eigentlich ein nostalgisches Medium. Was wäre der nächste Schritt auf dem Weg zurück zur Effektreduktion – Debattiersalons, wo die Leute wie vor 100 Jahren bei Kaffee und Gebäck über die Welt philosophieren?

Buchclubs gibt es ja schon längst wieder. Das ist allerdings keine Entscheidung gegen technische Neuerungen, sondern für den menschlichen Austausch. Wir müssen uns über die Kultur unterhalten, sonst überrollt sie uns. Die Leute sehnen sich offenbar nach Lagerfeuern. Wenn ich meinem Freundeskreis vorschlage, uns einmal im Monat bei Bier oder Kaffee zu treffen, um über Gott und die Welt zu quatschen, wären viele mit Kusshand dabei.

Zum gemeinsamen Detoxing der digitalen Reizüberflutung?

Nee, man muss sich ja nur dann detoxen, wenn man sich überhaupt erst, ähm, toxen lässt. Es geht eher darum, mit all diesen Reizen nicht alleine zu sein. Denn das bist du am Ende ja auch dann, wenn 1000 Leute deinen Reel sehen oder deine Story lesen. Das hat ja alles nichts mit sozial zu tun. Wir müssen raus und uns leibhaftig treffen. So wie wir beide jetzt. Danke dafür.


Dayanir & Hellwig: Casting & Chabos

Wenn’s klappt – geil!

Phillis Dayanir und Johanna Hellwig casten seit 2016 gemeinsam von Pilcher bis Tatort nahezu das gesamte TV-Repertoire, aber die ZDF-Serie Chabos ist ihr personalpolitisches Meisterstück. Ein Gespräch übers hintergründig bedeutsame Besetzungsfach und wie man darin Kostendruck mit Qualitätsanspruch verbindet.

 

Von Jan Freitag

Phillis Dayanir, Johanna Hellwig, für die ZDF-Serie Chabos mussten Sie acht Hauptfiguren als Teenager und Erwachsene besetzen. Wie findet man die Balance zwischen äußerlicher Übereinstimmung und schauspielerischer Eignung?

Johanna Hellwig: Bei der Besetzung spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: das Temperament einer Figur, ihre Dynamik im Ensemble, die äußere Erscheinung. Optik und Inhalt können unterschiedliche Geschichten erzählen – oder gemeinsam die eine stützen. Gerade bei dieser Serie war es von Anfang an entscheidend, dass die Zuschauer*innen junge und ältere Besetzung sofort als dieselbe Figur wahrnehmen und sich mit ihnen identifizieren können.

Phillis Dayanir: Und genau da entstehen bei Bauchmenschen wie mir früh konkrete Bilder der Darsteller*innen im Kopf, die ihrer Figur auch inhaltlich entsprechen. Da in der Serie die Rolle des erwachsenen Peppi eine zentrale Begleitfigur der jungen Chabos ist, haben wir sie als erste besetzt. Danach haben wir das Jugendcasting gestartet. Weil die Feinjustierung meistens parallel erfolgt, kamen die erwachsenen Schauspieler allerdings gedanklich schnell dazu.

Ist Ihre Kartei da bereits nach Ähnlichkeiten mit Älteren oder Jüngeren vorsortiert?

Dayanir: Nein, sowas gibt es bei uns nicht. Mit jedem neuen Projekt gehen wir bei der Suche nach Übereinstimmungen wie Trüffelschweine in die Wühlarbeit.

Kommt da bei Ihnen bereits eine KI zum Einsatz?

Hellwig: Für thematische Recherchen nutzen wir digitalen Tools schon, im eigentlichen Castingprozess aber nicht. Wir sind neuen Technologien gegenüber offen, vertrauen wir aber weiterhin stark auf unsere eigene Kreativität und Erfahrung.

Wie ist Ihre Wahl da auf die jungen Chabos Nico Marischka, Jonathan Kriener, Loran Alhasan, Arsseni Bultmann und die erwachsenen Johannes Kienast, David Schütter, Max Mauff und Erol Afsin gefallen?

Dayanir: Recherche, Recherche, Recherche. Sichtungen, Vorbesprechungen und Nachbesprechungen untereinander mit Regie, den Produzentinnen und unserer tollen ZDF-Redakteurin Kristl Philippi, viele Impulse wahrnehmen, aber eben auch Erfahrung. Für die jüngere Besetzung haben wir unterschiedlichste Wege eingeschlagen, um neue Talente zu finden.

Wobei besonders die Regie vermutlich keine Lust auf acht socialmedia-gecastete Anfänger am Set hat…

Hellwig: Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch waren zum Glück sehr offen und angstfrei was junge, unerfahrenere Spieler*innen betrifft, auch bezüglich Social-Media-Talenten. Wenn jemand gut spielt und sich die Rolle zu eigen macht, bekommt er eine Chance – egal mit welchem Background.

Dayanir: Und immerhin zwei der vier Jungs hatten vorher ein wenig Dreherfahrung. Ähnlich wie die Darsteller*innen mit großer Social-Media-Präsenz, die ihren Platz im Ensemble sehr gut gefunden haben.

Gibt die Produktion dem Casting darüber hinaus Aufträge mit auf den Besetzungsweg – Stars und Influencer zum Beispiel?

Dayanir: Die Kombination aus neuen Talenten und prominenter Besetzung war von allen Seiten gewünscht. Das hat uns aber keinesfalls kreativ eingeschränkt, im Gegenteil, unsere BBC-Produzentinnen und die ZDF-Redaktion haben uns alle Freiheit gelassen und eine schöne Arbeitsatmosphäre geschaffen. Wir konnten uns vielmehr mit Vorschlägen aus den unterschiedlichsten Themenfeldern austoben.

Hellwig: Allein die Thematik der 2000er hat hier ein großes Feld der Referenzen und Easter Eggs in den Besetzungsvorschlägen geöffnet.

Denken Sie beim Casting auch als Talentscouts mit dem Ziel, Nachwuchs aufzubauen?

Dayanir: Klar, Talente ausfindig zu machen, ist ein wunderschönes Gefühl. Vor allem, weil wir so nicht nur Rollen besetzen, sondern Menschen auf ihrem Weg begleiten dürfen und das macht diesen Beruf besonders erfüllend.

Hellwig: Wir bleiben neugierig. Ob auf der Straße, im Theater oder bei Vorsprechen von Absolvent*innen. Manchmal ist da genau dieser eine Moment, in dem der Funke überspringt.

Wächst der Bedarf nach Laien statt Profis auch deshalb, weil sie unterm Kostendruck sinkender Budgets einfach billiger sind?

Hellwig: Die Frage ist, ob man an der Besetzung von Talenten mit weniger Erfahrung am Ende wirklich spart. Unerfahrenheit sein kann vielleicht weniger Gage, dafür aber mehr Betreuungs- und Drehzeit erfordern. Deshalb sollte die Neugier aufs Talent immer dessen Beitrag zur Geschichte dienen, nicht dem Etat.

Dayanir: Schließlich haben auch die Großen alle klein angefangen – jemand hat ihnen die erste Chance gegeben, gesehen zu werden. Dennoch ist knappe Kalkulation für jedes, also auch unser Gewerk immer eine Herausforderung.

Führt die dazu, dass Community Casting zunimmt, also die Besetzung mit Laien wie bei der Weiße Hai, wo bis auf sieben Profis der gesamte Cast vom Drehort stammte?

Hellwig: Laien zu besetzen hat Vor- und Nachteile. Oft fühlen sie sich in ihrer bekannten Umgebung wohl und können die Rollen natürlich ausfüllen; das bringt manchmal das gewisse Etwas. Anderseits ist Community Casting meist zeitaufwendiger und damit kostenintensiver.

Dayanir: Um Vertrauen aufzubauen, haben die jungen Chabos vor und während des Drehs in einer WG gewohnt und sind so Freunde geworden, was in ihr Zusammenspiel eingezahlt hat. Auch auf diese zwischenmenschlichen Töne muss man im Castingprozess achten. Wir suchen natürliche Dynamik zwischen den Rollen, die soziale Beziehungen lebendig werden lässt.

Suchen Sie bei der Besetzung junger Figuren auch das erwachsene Potenzial oder reicht zunächst ihre Eignung fürs aktuelle Alter?

Dayanir: Da stecke ich tief im Hier und Jetzt. Gerade bei Jungschauspieler*innen ist schwer vorherzusagen, wie sie sich vom Teenager- ins Erwachsenenalter entwickeln. Und ob sie den Beruf überhaupt dauerhaft ausüben wollen.

Hellwig: Schauspielagent*innen haben hier natürlich einen anderen Ansatz. Man hat die langfristige Agenda im Blick, da sie die Karriere ihrer Klient*innen aktiv fördern. Trotzdem sind wir auch als Caster*innen Fans der ersten Stunde und freuen uns über jeden neuen Erfolg der Spieler*innen.

Ist Unerfahrenheit bei Nachwuchsschauspielerin eher hinderlich oder sogar förderlich, weil sie impulsive, unverbildete Lockerheit mit sich bringt?

Hellwig: Eher letzteres. Besonders Kinder können unglaubliche Freiheit im Spiel mitbringen. Dabei ist es aber auch wichtig, dass sie sich beim Casting und am Set sicher fühlen.

Dayanir: Bei Nachwuchsschauspielenden kommt vieles – je nach Rolle – ja aus dem Inneren des Seins. Das ist ein tolles Potenzial, das aber auch einzuordnen ist und manchmal einzufangen gilt. Diese Aufgabe ist im Castingprozess auch schon von großer Bedeutung.

Jetzt haben wir viel über die Besetzung Unbekannter gesprochen. Wie bringt man denn Prominente wie Anke Engelke dazu, bei Chabos eine Nebenrolle zu spielen?

Dayanir: Bei spannenden Stoffen und starken Drehbüchern ist die Rollengröße nicht immer ausschlaggebend, es geht vielmehr um die Qualität der Rolle an sich und im Ensemble.

Sofern man sich traut, sie überhaupt dafür anzusprechen.

Dayanir: Fragen kostet nichts. Das Budget ist zwar nie außen vor, aber unser Ansatz immer zuerst ein kreativer.

Hellwig: Wir kennen Anke Engelke schon durch andere Projekte, was erste Schritte erleichtert. Aber selbst, wenn man sich nicht kennen würde, zeigt die Freundlichkeit in der Kommunikation auch bei anderen bekannten Namen seitens der Managements oder Agenturen, wie respektvoll der Umgang insgesamt ist.

Kann man den Casting-Prozess von Drehbuch bis Drehschluss in einen Satz fassen?

Dayanir: Nach Bewerbung, Drehbuch, Kennenlernen, vergleicht man gemeinsame Visionen, recherchiert, recherchiert, recherchiert, sichtet und kombiniert aufgrund intensiver Gespräche die Favoriten nach E- und Live-Castings zum Ensemble.

Hellwig: Das bei Chabos aus circa 60 Sprechrollen bestand.

Oha!

Beide (lachend): Oh ja!

Ist Ihre Arbeit mit dem ersten Drehtag dann beendet?

Hellwig: Im besten Fall sogar ein paar Wochen vorher, um Regie, Maske, Kostüm die Gelegenheit zu geben, genügend Zeit für ihre Vorbereitung mit den Schauspieler*innen zu haben. Weil es immer mal zu Umbesetzungen kommen kann, sind wir aber auch während des Drehs on hold. Präsent zu sein ist für uns einfach wichtig.

Dayanir: Wir befinden uns auch sonst später immer wieder im Austausch mit Regie und Produktion, Set-Besuche inklusive.

Unterscheidet sich all das eigentlich zwischen Pilcher, Tatort oder Chabos?

Dayanir: Leidenschaft und Intensität in der Besetzung sind überall gleich groß. Was sich unterscheidet, ist der Rahmen: Manche Prozesse sind komplexer oder nehmen mehr Zeit in Anspruch, doch das Herzblut bleibt überall dasselbe.

Hellwig: Projekte unterscheiden sich generell durch ihre Besetzungen hinter der Kamera. Jede Regie, jede Produktion, jeder Sendeplatz, Sender, Streamer, Kinorelease und Stoff, hat andere Anforderungen, auf die man sich neu einlassen muss. Aber genau das ist schön, spannend und fordernd an unserem Beruf.

Wie oft gibt es zwischen Standard und Abweichung da Perfect Matches?

Hellwig: Der Anspruch ist zunächst natürlich immer das absolute Perfect Match, der Wunsch so nah wie möglich ranzukommen ist immer da. Und wenn’s klappt – geil!

Dayanir: Für mich führt der Magic Moment zum Perfect Match, eine Energie im Raum, die Verbindungen zwischen den Spieler*innen, die Impulse durch die Regie. Wer das spüren will, sollte unbedingt Chabos streamen, solche Augenblicke sind das Herz unserer Arbeit.