Isabell Sonnenfeld: Google & Gefahr im Netz

Quasi Hilfe zur Selbsthilfe

Nachdem sie mit 26 Jahren Twitter in Deutschland aufgebaut hat, wechselte Isabell Sonnenfeld 2015 zu Google und verantwortet dort mit Anfang 30 das News Lab, eine Art Schnittstelle zwischen Internet und Journalisten für eine – so sieht es zumindest ihr weltumspannender, mächtiger, hoch umstrittener Arbeitgeber – bessere Berichterstattung im digitalen Zeitalter. Ein Gespräch über Medien im Zeitalter von Populisten und Fake News, Herausforderungen statt Bedrohungen und wie man so jung schon so viel bewegen kann.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Sonnenfeld, ist Google ein Medium im Sinne eines Zwischenhändlers oder Lieferanten von Information und Wissen?

Isabelle Sonnenfeld: ​ Google ist ein Technologie-Unternehmen, das mit der Suchmaschine eine Plattform aufgebaut hat, um Informationen besser im Netz zu finden. Wir geben tagtäglich milliardenfach Antworten auf Fragen unserer Nutzerinnen und Nutzer, leiten aber auch Verlagsinhalte weiter – beispielsweise auf der Suche nach politischen News.

Aber greift die ​Google News Initiative​ mit dem von Ihnen geleiteten ​News Lab nicht aktiv in den Informationsbildungsprozess ein und wird so vom Vermittler zum Produzenten?

Nein, wir greifen inhaltlich nicht ein. Ich würde hier eher von “ermöglichen” sprechen. Die Google News Initiative will Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit geben, Technologien bei ihrer Arbeit zu nutzen. Dazu gehören Recherche und Storytelling, aber auch Erlös-Chancen. Es geht, abgesehen von einem Know-How zu nötigen Tools, vor allem um das Training. In den ersten drei Jahren der Initiative haben wir mehr als 50.000 Journalistinnen und Journalisten darin geschult, mit den passenden Werkzeugen richtig umzugehen, damit die Medienbranche optimal für das digitale Zeitalter gerüstet ist.

Das klingt jetzt durch und durch altruistisch. Welche Intention steht aus Sicht des Konzerns hinter solchen Projekten?

Es geht darum, Partner zu sein, aber auch Verantwortung wahrzunehmen. Google pflegt seit mehr als 15 Jahren den intensiven Austausch mit Verlagen und Medienunternehmen in der ganzen Welt und die Forderung, diesen Austausch zu institutionalisieren, kam von Seiten der Verlage. Deshalb haben wir in Europa die ​Digital News Initiative​, kurz DNI, mit dem ​News Lab ​ als Trainingseinheit für Redaktionen und redaktionelle Innovation aufgebaut und für drei Jahre mit 150 Millionen Euro ausgestattet. Im März dieses Jahres haben wir die DNI als globale Google News Initiative erweitert. Als eine der größten teamübergreifenden Google-Projekte, bei dem auch Strategie- oder Produkt-Units und Web-Anwendungen wie YouTube zusammenkommen, hat es sich zu einem Meilenstein entwickelt.

Auf welchen Feldern konkret?

Eine Rückmeldung, die wir immer wieder von Verlagen erhalten, bezieht sich auf die Ladegeschwindigkeit der Verlagswebseiten. Online-Leser springen von diesen Seiten ab, wenn der Ladevorgang eines Artikels zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir beobachten, dass 53 Prozent aller Nutzer das Laden einer mobilen Webseite abbrechen, wenn dies länger als drei Sekunden dauert. Um dieses Problem gemeinsam zu lösen, haben wir das Open-Source-Projekt ​Accelerated Mobile Pages (AMP) entwickelt. Wenn wir das Internet so beschleunigen, dass Inhalte schneller konsumiert werden können, verbessern wir auch den Journalismus insgesamt. Anfang diesen Jahres haben wir Google Subscribe auf den Markt gebracht um Verlagen weitere Erlösquellen zu ermöglichen.

Klingt immer noch selbstloser als von einem profitorientieren Konzern erwartet…

Das Geschäftsmodell dahinter ist simpel: Wir sind nur dann erfolgreich, wenn auch unsere Partner, in diesem Fall die Verlage, erfolgreich sind. Die Google-Suche basiert darauf, dass die gefundenen Inhalte dem qualitativen Anspruch der Anfrage entsprechen. Medienmarken erfolgreicher zu machen, ist auch für uns wirtschaftlich von Nutzen. Dabei dürfen wir aber nie vergessen, dass seriöser Journalismus – gerade in Zeiten des Populismus – eine der wichtigsten Säulen lebendiger Demokratie ist.

Sind das die „wichtigsten Herausforderungen“, bei denen sie Journalisten laut Selbstbeschreibung Ihres News Labs unterstützen wollen?

Auch. Denn für die freie Meinungsbildung ist der freie Zugang zu einer ausgewogenen Informationsbandbreite unerlässlich. Wenn wir die Verlage hochwertiger Medien darin fördern, zahlt sich das auch für uns aus. Mit der Weiterentwicklung entsprechender Tools und Instrumente fördern wir nicht nur die ausgewogene Berichterstattung, sondern auch unsere Erwerbsmöglichkeiten.

Google liefert aber nur die technische, nicht die inhaltliche Basis?

Richtig. Wir schulen Journalistinnen und Journalisten in den Trainings nicht inhaltlich, sondern erklären Ihnen, wie sie unsere Angebote langfristig nutzen können – über bekannte Tools wie Google Trends und ​User-generated Content ​ auf YouTube bis hin zu Google Earth. Es mir persönlich ein großes Anliegen, dass sie sich intensiv mit den erwähnten neuen Herausforderungen auseinander setzen. Ich bekomme viel Feedback von Daten-Journalisten, die den Online-Dienst ​Google Trends nutzen und uns Hinweise darauf geben, wie man bestimmte Features zum beiderseitigen Nutzen verbessert. Die GNI sieht sich ganz klar in der Vermittlerrolle.

Wenn wir als Journalisten Probleme bei oder Fragen zur Arbeit mit Ihren Werkzeugen haben, können wir uns also jederzeit kostenlos an Google wenden?

Ja. Wir erhalten zum Beispiel viele Anfragen aus Redaktionen, die wissen möchten, wie sie Informationen oder Videos mithilfe von Google Earth verifizieren können.

Haben Sie das Labor nach drei Jahren schon mal evaluiert?

Nicht im Sinne eines Zwischenfazits. Es gibt drei Dinge, die für mich von Relevanz sind: Zum einen haben wir den Austausch zwischen Verlagen und uns verstärkt. Zum anderen haben wir die Herausforderungen der Verlage und Redaktionen herausgearbeitet und Möglichkeiten, wie wir sie gemeinsam angehen können. Und zuletzt haben wir es geschafft, mit den Partnern der Medienbranche Innovation im Journalismus auf technologischer Ebene definieren zu können. Neben dem News Lab hat der Innovationsfonds vom April 2015 dazu geführt, dass in den Redaktionen über neue Technologien nachgedacht wird. Von dort wird mir berichtet, dass allein die Bewerbung für den DNI Fonds oder auch unsere Trainings eine Initialzündung für die spätere Entwicklung von journalistischen Formaten oder Produkten ist.

Quasi als Hilfe zur Selbsthilfe?

Wenn Sie so wollen, etwa um zu unterschiedlichen Themen journalistische Prototypen zu entwickeln, die sich mit Audio, Video oder Podcasts befassen, aber auch Virtual Reality und Data Journalism. Es geht vor allem um das Experimentieren.

Auffällig ist aber ja, dass Google diesbezüglich vor allem auf den Märkten aktiv ist, wo die Pressefreiheit zwar unter Druck gerät, aber noch nicht bestandsgefährdet ist.

Die Google News Initiative ist mit den drei Bereichen “Produkt”, “Partnerschaften” und “Programme” global angelegt.

Das News Lab ist also auch in einem Land wie China anwendbar?

Die ​Google News Initiative ​ ist zunächst ein globales Anliegen und arbeitet in den wenigsten Ländern allein, sondern mit Partnern vor Ort – zum Beispiel mit ​Code for Africa​, die Trainings oder Hackathons organisieren. Das ist allerdings erst der Startpunkt eines wirklich globalen Ansatzes und für alle Mitwirkenden einerseits ein moralischer, andererseits ein wirtschaftlicher Faktor.

Wie groß ist denn dieser wirtschaftliche Faktor?

Über die Google-Suche und Google News kommen Millionen von Leser auf die Webseiten der Verlage. Wir leiten monatlich über zehn Milliarden Klicks kostenlos zu den Verlagswebseiten weiter. Außerdem vermarkten wir Werbung auf diesen Webseiten. Rund zehn Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr an unsere Publishing-Partner ausgespielt. Die Google News Initiative wurde mit 300 Millionen Dollar über dreieinhalb Jahre aufgesetzt. DNI, im April 2015 gestartet und als Grundlage für die jetzige GNI, war mit 150 Millionen Dollar aufgesetzt worden.

Wird sich durch die Änderung des EU-Leistungsschutzrechts da etwas für Google News ändern?

Wie Richard Gingras dem Guardian erklärt hat, gibt es mehrere Varianten des Europäischen Leistungsschutzrechts, die diskutiert werden. Es ist zu früh, um zu spekulieren, welche Auswirkungen die finale Direktive auf unsere Produkte hat. Wir begrüßen die Möglichkeit, mit politischen Entscheidern und der Medienbranche an einer Lösung zu arbeiten, die für den Journalismus und die Verlage gewinnbringend ist.

Also wird der Fonds neu aufgelegt?

Die sechste und letzte Bewerbungsrunde lief bis Anfang Dezember. Seither evaluieren wir den DNI-Fonds. Und noch ist der aktuelle nicht geleert worden. Bislang hat er mehr als 115 Millionen Euro für 559 Projekte im Bereich des digitalen Journalismus in 30 europäischen Ländern zur Verfügung gestellt.

Und welche Länder sind das?

Die üblichen, in denen sich die Verlagsbranche schon frühzeitig mit technologischer Innovation auseinandergesetzt hat, z.B. in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Es wurden aber auch Projekte aus Ländern gefördert, von denen man es weniger erwartet hätte, wie Dänemark, Polen und Ungarn.

Geht die Initiative allein von Ihnen, also dem Anbieter, oder den Verlagen also Nutzern aus?

Das ist immer wechselseitig. Die Verlage haben großes Interesse, auch im freien Raum Projekte zu entwickeln, für die die Routine des Produktionsalltags weder Zeit noch Ressourcen zulässt.

Aber Google spricht die Medien nicht von sich aus an und weist sie daraufhin, welche Defizite oder Verbesserungsmöglichkeiten deren Online-Auftritt noch haben?

Sicherlich diskutieren wir im engen Austausch Verbesserungsmöglichkeiten. Der DNI Fonds ist ein offener Call to Action, sich mit innovativen Ideen zu bewerben. Und auch bei unseren News Lab Trainings können wir Tipps geben, wie sich journalistische Werkzeuge einsetzen lassen können. Wir geben keine inhaltlichen Ratschläge, gelegentlich helfen wir aber dabei, den Fokus neu zu justieren. Die Ideen zu den verschiedenen Projekten kommen aus den Redaktionen.

Aber gibt es gerade aus kritischen Redaktionen nicht den Vorwurf des informationellen Greenwashings, also dass sich die Datenkrake Google, der gerade mal wieder vorgeworfen wird, sich der chinesischen Zensur zu unterwerfen, ein soziales Gewissen erkauft?

 

Wir arbeiten seit 15 Jahren intensiv mit der Medien- und Verlagsbranche zusammen. Diese Zusammenarbeit wurde durch die GNI nur institutionalisiert – und hat übrigens auch unsere eigene Arbeit nachhaltig verändert. Ohne die Initiative hätten wir ein Open-Source-Projekt wie AMP womöglich niemals in Kooperation mit den Verlagen realisieren können.

Die Antwort lautet also: Nein, kein Info-Greenwashing?

Bei einem Technologiekonzern der Größe von Google steht dieser Vorwurf immer im Raum, keine Frage. Umso mehr glaube ich, dass man ihm nur durch offenen Austausch aller Beteiligten eines qualitativ hochwertigen Journalismus konstruktiv begegnen kann. Allerdings immer als Partner, nicht als Content-Lieferant.

Aber wenn man sich ​YouTube Premium ​ oder ​YouTube Originals ​ ansieht, wo längst eigener Inhalt online geht – konkurriert Google da nicht auch inhaltlich mit Video-on-Demand-Portalen, Streamingdiensten, gar Fernsehsendern?

Nein, denn das beschränkt sich lediglich auf Entertainment – besonders, was YouTube Premium betrifft. Dass wir zum Beispiel eigene Nachrichten produzieren, halte ich für ausgeschlossen.

Es gibt da nicht mal Gedankenspiele?

Nein, derzeit nicht.

Besteht die Aufgabe der ​Google News Initiative ​ inklusive Ihres ​News Lab ​ trotzdem auch darin, das Renommee des Unternehmens zu verbessern?

Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. ​Zu erklären, was wir tun und wollen, ist Teil unserer Verantwortung – ob nun in der Zusammenarbeit mit Medien, Bildungseinrichtungen, anderen Unternehmen oder Nutzern. Um transparent zu zeigen, was im News Lab geschieht, suche ich deshalb den direkten, gerne auch kritischen Austausch. Voriges Wochenende war ich beim „Vocer Innovation Day“ von VOCER und ​Der ​ ​Spiegel ​ in Hamburg, wo genau solche Fragen erörtert werden. Dort Gesicht zu zeigen, beugt Sorgen besser vor als alle Verlautbarungen.

War das Bedürfnis, für Transparenz in der Medienbranche zu sorgen, mit ein Grund, warum Sie vor drei Jahren von Twitter zu Google gewechselt sind?

Die viereinhalb Jahre bei Twitter waren großartig – allein weil es so herausfordernd war, das Geschäft in Deutschland als damals erste Mitarbeiterin bei Null mit aufzubauen. Genau darin liegt auch mein Talent. Und als dann die Idee im Raum stand, das ​News Lab ​ im deutschsprachigen Raum zu entwickeln, empfand ich das als spannende Herausforderung.

Sie sind eine Herausforderungsnomadin?

Ich finde Herausforderungen spannend und wachse gerne an und mit ihnen. Aber eine Nomadin bin ich nicht.

Ziehen Sie dennoch nach dieser hier weiter zur nächsten?

Nein, nein! Ich bin mit meiner Rolle gerade sehr glücklich, suche aber im Kosmos des News Lab ständig neue Herausforderungen.

Als Sie die Herausforderung bei Twitter gesucht haben, waren Sie erst 26 und als ​Head of News, Governance & Politics für Medien und Politik verantwortlich. Woher rührt ihr frühes Interesse an harten Fakten?

Ich habe Europapolitik studiert und wollte eigentlich nach Brüssel. Von dem war ich schließlich aber doch nicht so fasziniert, wie zunächst gedacht. Deshalb habe ich im Masterstudium Politikmanagement mit Fokus auf das Zusammenspiel von Technologie, Politik und Medien studiert. Meine Abschlussarbeit habe ich über Twitter geschrieben, wofür ich unter anderem mehrere Tausend Tweets analysiert habe. Darüber hinaus bin ich von Kindesbeinen an News-Junkie.

Wie kam es dazu?

Schon meine Eltern hatten immer ​Zeit​Spiegel und den ​Bonner General-Anzeiger​ zuhause. Durch die Beschäftigung mit Twitter, habe ich mich dann mit dem Prozess der digitalen Transformation des Journalismus und dessen Geschwindigkeit auseinandergesetzt. Die technischen Möglichkeiten, Informationen zu produzieren und verbreiten, haben mich da besonders interessiert. Diese Interessen werden erst bei Twitter, dann im News Lab perfekt gebündelt. Ich hatte anfangs zwar keine Ahnung, ob ich das kann, bin aber einfach mal los gerannt.

Und haben beim Laufen festgestellt, welche Relevanz digitale Medien und soziale Netzwerke für politische Diskurse kriegen oder war Ihnen das beim Start schon bewusst?

Dadurch, dass ich mir beim Kanzler-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ein relativ kleines Spektrum der Twitter-Konversation angeschaut hatte und wie normale User in die Kommunikation der Journalisten und Politiker eingebunden waren – zunächst nämlich fast gar nicht –, war es hierzulande im Gegensatz zu den USA nur zu ahnen. Aber es war ungemein spannend zu beobachten, wie die neuen Kanäle den Journalismus beschleunigt, aber auch niedrigschwelliger gemacht haben. Plötzlich konnte jeder von jedem Ort berichten.

Niedrigschwellig klingt, wenn es um die Verfügbarkeit von Infos und Wissen geht, positiv. Negativer ist, wie sehr seriöse News im Meer unseriöser, oft falscher untergehen.

Das stimmt.

Haben Sie das damals schon kommen sehen?

Anfangs nicht, dafür war die Nutzergruppe in Deutschland zu klein.

Und jetzt?

Hat diese Entwicklung natürlich auch negative Aspekte. Die Verbreitung von Fake News und die Schwierigkeit, sie von richtigen zu unterscheiden – das hat uns im News Lab gerade im Zusammenhang mit Wahlen stark beschäftigt. Wie man damit umgeht, ist allerdings nicht nur technologisch eine Herausforderung. Das betrifft die Branche generell und beschleunigt sich weiter. Das Ausmaß der Manipulation im Netz ist allerdings erst ein paar Jahre so richtig spürbar. Wie sehr der Missbrauch gerade wächst, war damals noch nicht abzusehen.

Sehen Sie, was die Informations- und Debattenkultur betrifft, da optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich sehe die Größe der Herausforderungen. Umso wichtiger ist, dass Technologie- und Medienunternehmen mit NGOs und Experten zusammenarbeiten. Deshalb arbeiten wir im News Lab seit langem mit der internationalen Fact-Checking-Organisation ​First Draft ​ zusammen. Mit dem Fact-Check-Tag können Redaktionen ihre Artikel für die Google-Suche und Google News als zuverlässig kennzeichnen. User erkennen verifizierte Nachrichten dank des Tags sofort. Bei der Bundestagswahl haben wir mit dem Investigativ-Recherchebüro Correctiv zusammengearbeitet. Unsere Unterstützung bestand im technischen Versand eines täglichen Newsletters an deutsche Journalistinnen und Journalisten zum Thema Desinformation.

Sie sprechen konsequent von „Herausforderungen“, nicht „Bedrohungen“ – ist das eine Mentalitätsfrage oder gute PR?

Während man auf Bedrohungen eher reagiert, kann man bei Herausforderungen agieren. Ich benutze das Wort, weil es aus meiner Sicht etwas Aktives hat und den Raum öffnet, statt ihn zu schließen. Das liegt mir mehr.

Wie ist es um Ihren Ehrgeiz bestellt, damit im Unternehmen aufzusteigen?

(lacht) Ich finde mein Arbeitsumfeld gerade sehr spannend, aber frau möchte doch immer über sich hinauswachsen bzw. sich weiterentwickeln, oder? Nach acht Monaten Elternzeit habe ich, bildlich gesprochen, erstmal ein Stück weißes Papier genommen und überlegt, welche Themen und Möglichkeiten sich für News Lab in Zukunft ergeben können. Die erste Woche habe ich deshalb damit verbracht, mich mit Kolleg*innen und meinen Verlags-Partnern zu treffen. Mit einer neuen Perspektive in die Rolle zurückzukommen, hilft auch, kreativer zu sein.

Möchten Sie denn grundsätzlich eher an der Basis bleiben, also im Arbeitsprozess, oder den doch eher von der Spitze weg dirigieren?

Mir gefällt beides. Ich bin gut darin, Neues aufzubauen, aber auch strategisch Dinge weiterzuentwickeln. Ich würde den Job nicht mit soviel Leidenschaft machen, hätte ich nicht den Ehrgeiz, weiter aufzusteigen.

Womöglich auch aus weiblicher Sicht, um den Frauenanteil im Führungspersonal, das besonders in der Tech-Branche extrem männlich ist, zu erhöhen

Ich würde es mal als positiven Beitrag betrachten, unseren Anteil zu erhöhen. Weil zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung sowohl in meiner Branche als auch in Medien, Politik und Wirtschaft allgemein weibliche Vorbilder fehlen, ist mir das wichtig. Ich habe vor drei Jahren abseits von Google und Twitter ein Projekt namens „Role Models“ gegründet, das in einem wöchentlichen Podcast und monatlicher Eventreihe weibliche Vorbilder in Spitzenpositionen jeder Art sichtbar macht. Wir hatten in diesem Zusammenhang kürzlich die Justizministerin Katarina Barley auf der Bühne. Sowas inspiriert auch mich selbst ungemein und ich versuche, es auch im Unternehmen voranzutreiben. Aber es ist noch ein langer Weg…

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Christian Friedel: Babylon & Parfum

Meine Musik ist persönlicher

Der Schauspieler Christian Friedel (Foto: Jakub Bejnarowicz/ZDF) brilliert nicht nur mit seiner leicht gehetzten Intensität, er ist auch als Musiker recht erfolgreich. Zuletzt (und weiterhin in der ZDF-Mediathek) war er in der ersten großen Eigenproduktion von Neo als Hauptfigur der Roman-Adaption Parfum zu sehen. Ein Gespräch mit dem 39-jährigen Magdeburger über Spätstarter, verschrobene Figuren und wofür er sogar in die Muckibude ginge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Friedel, wenn Sie sich aussuchen dürften, worum es im Interview geht – wäre das die neue Platte ihrer Band Woods of Birnam oder der ZDF-Mehrteiler Parfum?

Christian Friedel: Oh, böse Frage… Weil es vom künstlerischen Ausdruck her etwas äußerst Persönliches ist, würde ich dem Album kurz Vorrang geben. Seine Serienfigur über so lange Zeit entwickeln zu dürfen, macht natürlich auch Parfum zum tollen Gesprächsthema. Aber das Album liegt mir zurzeit noch mehr am Herzen.

Weil Sie es als Kopf der Band selber verantworten?

Schon. Aber obwohl ich die Songs meist mit meinem Gitarristen schreibe, sehe ich uns unbedingt als Kollektiv; sonst hießen wir ja Christian Friedel & Band oder so. Dennoch kann ich beim Film mehr Entscheidungen abgeben. Die Figur und wie ich sie spiele, ist abhängig davon, wie der Autor sie ins Buch geschrieben und der Regisseur sie umgesetzt sehen möchte. Meine Musik ist definitiv persönlicher.

Was soweit geht, dass Sie vor fünf Jahren ihr Engagement am Dresdner Staatstheater zugunsten der Musik beendet haben?

Schon. Aber die Bühne hat auch meine Filmarbeit beeinträchtigt. So sehr ich das Theater liebe, konnte ich mich im starren Konstrukt fester Spielpläne nicht so vielfältig ausdrücken, wie ich es wollte. Trotzdem mache ich damit weiter, zuletzt auch als Regisseurin Göttingen.

Hätte ein zeit- und kostenaufwändiges Projekt wie sechs Stunden Parfum denn den Vorzug erhalten, wenn es mit Theater oder Musik kollidiert wäre?

Wenn mich ein Projekt wirklich packt, krieg ich‘s im Zweifel irgendwie hin, es mit anderen zu koordinieren. Als ich Das weiße Band gedreht habe, war mir klar, bis zur Vertragsauflösung am Theater darum zu kämpfen. Ich setze daher manchmal Prioritäten gegen oder für das eine oder andere. Meine Jungs in der Band wissen das; wir haben sogar beim Abschlussfest der Dreharbeiten zu Parfum gespielt.

Was hat die mehrmonatige Arbeit daran so spannend gemacht?

Die Charaktere, ihre Vergangenheiten und Geheimnisse. Man merkt, dass sie jemand ersonnen hat, der sich mit der menschlichen Psyche auskennt. Das geht weit über die übliche Frage des whodunnit hinaus. Auch wenn ich einzelne Szenen beim Lesen schwach fand, hat mich das Gesamte immer mehr hineingezogen. Und Philipp Kadelbach hat das so umgesetzt, dass dieser Sog am Bildschirm erhalten bleibt.

Wenn Sie sich den Charakter darin selbst hätten aussuchen dürfen – wäre die Wahl auf den verschrobenen Außenseiter Daniel Sluiter gefallen?

Absolut! Ich verwandle mich lieber in skurrile Figurenwie diese mit den falschen Zähnen. August Diehls Rolle des Parfümeurs fand ich auch spannend, aber die arme Seele mit dem versteckten, unfreiwilligen Humor liegt mir definitiv mehr.

Ist es also eine Typfrage, dass sie oft so verhuschte, leicht fiebrige Figuren wie Georg Elser spielen, oder bietet man Ihnen auch gar nichts anderes an?

Ich bin sehr froh über das breite Spektrum was man mir anbietet und bislang kein Schauspieler, den man sofort mit einer bestimmten Sorte Film oder Figur verbindet. Bei Babylon Berlin wurde ich gleich für zwei Rollen gecastet. Man wollte mich dabeihaben, war sich aber noch nicht sicher für welchen Part. Es wurde der Fotograf und so wie es jetzt mit ihm weitergeht, regt es meine Spiellust ungeheuer an.

Sie sind relativ spät zum Film gekommen sind.

Definitiv. Wenn Michael Haneke nicht mit Das weiße Band auf mich zugekommen wäre, würde ich hier vermutlich nicht sitzen– zumindest nicht mit einer Hauptrollen wie jetzt. Das ich die nun bekomme, macht mich sehr dankbar. Umso mehr hoffe ich, dass die Produzenten und Caster den Blick weiter in die Branche schweifen lassen. Da gibt es so viele unentdeckte Perlen, die wegen der deutschen Krankheit, oftmals dieselben Gesichter zu besetzen, im Verborgenen bleiben.

Ist es eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, relativ wenige Filme zu drehen oder hat es damit zu tun, dass Sie trotz allem noch immer zu diesen Perlen im Verborgenen zählen?

Vermutlich beides. Ich war von der Qualität des Weißen Bands so verwöhnt, dass es mir schwerfiel, neue Rollen zu finden. Zum Glück meinten einige Kollegen zu mir, das sei eine Ausnahme gewesen, daran solle ich nicht alles messen. Ich bin weit weg von einem Star.

Könnte die erste Serie Ihrer Karriere daran etwas ändern?

Theoretisch schon – zumal im Fernsehen, dem ich lang kritisch gegenüberstand. Dann aber kam mein erster Fernsehfilm zur Odenwaldschule…

Die Auserwählten.

Mit Uli Tukur, Julia Jentsch, spannend umgesetzt von Christoph Röhl. Meine Rolle darin war zwar unangenehm, schauspielerisch aber ungemein herausfordernd. Da dachte ich mir: wenn so was kommt, bin ich auch künftig nicht abgeneigt. Und dass dem neuen Sehverhalten jetzt auch in Deutschland Rechnung getragen wird und hochwertige Serien entstehen, betrachte ich als große Chance.

Ist Parfum da noch Ausnahme oder schon Regel?

Irgendwas dazwischen, der Stoff lässt sich über eine Staffel hinweg weiterdenken. Bad Banks zum Beispiel ist auch großartig! Dark hat einen Sog auf internationalem Niveau entwickelt und Babylon Berlin ist sowieso unvergleichlich gut, ein Geschenk dabei sein zu können. Es gibt sehr ambitionierte Autoren, Regisseure und Projekte, die einen Fokus verdienen. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Mut.

Darf es demnach bei Ihrer nächsten Serie ein Charakter mit mehr Sexappeal sein?

Natürlich. Einen verkopften Romeo mit unterschwelligem Humor, also dafür geh ich sogar in die Muckibude.


ZDF-Weihnachtsmehrteiler: Timm & Anna

Patricks Werk und Josefs Beitrag

Ein kurzes, lange Jahrzehnt waren die Weihnachtsmehrteiler im Zweiten fester Bestandteil der Festtage vor Silvester. Ein halbes Menschenleben nach Timm Thaler, dessen Remake an den Feiertagen im ZDF lief, passt das Format schon längst nicht mehr zu den Sehgewohnheiten der Generation Internet. Doch warum nur? Eine Spurensuche. 

Von Jan Freitag

Man muss sich Patrick Bach als glücklichen Mann vorstellen. 25 Jahre nach seiner allergrößten Rolle, sitzt er in einem Luxushotel am Rande seiner Heimatstadt Hamburg und blickt mit fideler Gelassenheit auf das zurück, was gleichsam Bonus und Ballast jeder Schauspielkarriere sein kann: den Weihnachtsmehrteiler im ZDF, ein bundesrepublikanisches Lagerfeuer von maximaler Behaglichkeit. Die Frohnatur mit der markanten Zahnlücke hat es zwar nicht entzündet; doch als der kleine Patrick 1981 den Zirkusjungen Silas spielte und im Jahr darauf die Vollwaise Jack Holborn, befand sich das Leitmedium auf dem Höhepunkt gesellschaftlicher Bindungskraft.

Und nun also, es ist die Zeit des Sommermärchens, erzählt der Familienvater von seinem Durchbruch und was danach noch kam. Obwohl das meiste davon eher leichte Kost war, er selbst sagt offenherzig „sogar seicht“, obwohl seine Anschlusskarriere eher „Traumschiffe“ als „Tatorte“ aufweist, obwohl es beruflich gesehen bis heute leicht, aber stetig bergab geht, analysiert der große Bach ein Lebenswerk in fast meditativer Seelenruhe. Warum auch nicht? Der Familienvater zeigt sein junges altes Silas-Lächeln: „Ich hab ja kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein.“

Gewesen, grammatikalisch Perfekt, irgendwie von gestern: Patrick Bachs Erinnerung an eine Institution des Kinderprogramms sagt viel aus übers Leitmedium früherer Tage. Denn wenn das ZDF am Mittwoch zur besten Lagerfeuerzeit ein Remake der ersten Weihnachtsserie zeigt, fährt nicht nur Fortysomethings Nostalgie ins Gemüt. 1979 – Telefone hatten noch Wählscheiben und Bundeskanzler Schmidts Schnauze – verkaufte der herzliche Timm Thaler dem herzlosen Baron Lefeut nach James Krüss‘ Jugendroman sein ansteckendes Lachen. Dafür gewann er vom 25. Dezember bis Ferienende täglich im ZDF jede Wette, bis ihm nach zwölf Folgen Kampf ums alte Glück am 5. Januar der Gedanke kam, ums alte Gelächter zu wetten. Kluger Junge.

So ähnlich endet auch Andreas Dresens Neuverfilmung. Bis dahin jedoch ist alles ein wenig anders als im Original der öffentlich-rechtlichen Monopolphase. Bunter, schriller, ulkiger, eben zeitgemäßer. Tims Gegner ist kein beigegrauer Horst Frank, sondern der karnevalistische Justus von Dohnányi, es gibt von Król und Uhl bis Hübner und Haberlandt ein Dutzend Superstars, dazu sprechende Ratten und reichlich Brimborium, also wenig, was Timm 37 Jahre zuvor ausgemacht hat: eine ruhige, ja träge Ereignislosigkeit, mit der man heute kein Kind mehr hinter der Spielkonsole hervorlockt.

Und so ging es weiter. Reihe für Reihe, Jahr für Jahr. In der anschließenden Lindgren-Adaption, die zehn Teile von wenig mehr als der kleinen Schwedin Madita (Jonna Liljendahl) beim Spielen handelt, bis Else Urys Nesthäkchen, das die Geschichte des bürgerlich-preußischen Fin de Siècle 1983 sechs Episoden lang in Weichzeichner tauchen durfte. Zwischendurch sorgten Patrick Bachs nostalgische Zeitreisen zwar bei (wilden) Jungs wie (verliebten) Mädchen für Hormon-Schübe.

Wer sich die Serien allerdings periodisch bei ZDFneo oder ständig auf YouTube ansieht, muss zugeben: Für superRTL-, gar internetgeschulte Sehgewohnheiten der Zielgruppe unter 16 wirken Inhalt, Tempo, Tonfall, Ausstattung eher sedierend als unterhaltsam. Und weil sich mit dem Anspruchsdenken das Freizeitverhalten gewandelt hat, passt die lineare Programmierung auch strukturell nicht mehr zur digital eingeborenen Generation Y bis Z. Jeden Tag zur selben Zeit vorm Fernseher sitzen, der womöglich nicht mal smart ist – what the…?!

Dass Weihnachtsmehrteiler so anachronistisch sind, ist aber trotzdem kein Phänomen des neuen Jahrtausends. Von 17 Ausgaben haben es schließlich nur einige der ersten Hälfte ins kollektive Gedächtnis geschafft – allen voran der sanft beschleunigte Biotechagententhriller Patrik Pacard. Dessen Darsteller Hendrik Martz war 1984 allerdings schon ausgewachsene 16 Jahre alt. Auch deshalb konnte der blonde Hamburger von den Wicherts von nebenan über den Woyzeck an der Berliner Vaganten Bühne bis hin zum Dozenten diverser Schauspielschulen eine respektable Anschlusskarriere hinlegen.

Davon konnten seine Nachfolger allenfalls träumen. Der Violinist Josef Gröbmayr (Oliver Maas) blieb ebenso wie der Italiener Guido Cella (Mino) ein One-Hit-Wonder des Massenfernsehens – von Alexandra Henkel, Leandro Blanco, Coco Winkelmann oder Norman Nitzel ganz zu schweigen, dessen Abschlussreihe namens Frankie 1995 bereits weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Feuilletons lief. Nur eine Titelheldin brachte es wirklich noch zu nachhaltiger Berühmtheit: Silvia Seidel.

Ihre Nachwuchsballerina Anna erreichte 1987 – mit Patrick Bach als gehbehinderter Kumpel Rainer – geradezu Kultstatus. Ihretwegen, meint der Shootingstar Alicia von Rittberg (Charité), „wollte ich Balletttänzerin werden“. Ihretwegen gab es aber auch Homestorys in der Bravo, Märchenstunden in der Regenbogen-Presse und ein erfolgreiches Kino-Spinoff. Was es nicht gab: nachhaltigen Erfolg. Denn wie so viele ihrer Ahnen im Pantheon der Weihnachtsserien, endete auch die Münchnerin im Flachwasser von Seifenopern, Boulevardtheater und Panelshows.

Silvia Seidels Suizid mit gerade mal 42 Jahren mag privatere Gründe haben; dass nach ihrer Paraderolle auch der ZDF-Mehrteiler zum Christfest verging, fügt sich auf tragische Art ins Bild eines Formats, das in der Vergangenheit stecken geblieben ist. Patrick Bach war übrigens zuletzt bei Cobra 11 im Einsatz. Könnte schlimmer kommen. Besser aber auch.


Nadine Bilke: ZDFneo & Digitalkonkurrenz

Natürlich mag ich Böhmermann

Fürs Fernsehen ist Nadine Bilke (Foto: Dirk Ueberle/ZDF) vergleichsweise jung. So jung sogar, dass die wichtigste Onlinerin des ZDF nun als Senderchefin den liebenswerten Spartenkanal Neo verantwortet. Ein Gespräch über die ersten drei Monate im Amt, Lebensanstellungen, Experimentierfreude, Stammzuschauer und wie man für alle Generationen gutes Fernsehprogramm im Kampf mit Streamingdiensten macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Bilke, wenn Sie die Zahl von 370.000 Zuschauern betrachten – sind das aus Ihrer Sicht viele oder wenige?

Nadine Bilke: So pauschal lässt sich das unmöglich sagen. Da kommt es ganz darauf an, von welchen Formaten wir reden, weil die im Zweifel sehr unterschiedlich mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen sind. Außerdem kenne ich meist eher prozentuelle Anteile als absolute Zahlen. Wer hatte denn die 370.000 Zuschauer?

Laut offizieller Quotenmessung der mutmaßlich kreativste, witzigste, klügste, wichtigste, also beste Moderator des deutschen Fernsehens: Jan Böhmermann.

Schön, dass Sie Fan sind. Wichtig an dieser Zahl ist allerdings, dass seine gestrige Sendung eine Sonderausgabe mit sehr persönlichem Angang war. Die reguläre Ausgabe vom Neo Magazin Royale schafft es ja schon oft über die drei-Prozent-Marke, also deutlich mehr als die 370.000 von gestern.

Warum waren die dennoch nur ein Bruchteil jener 5,2 Millionen Zuschauer, die zwei Stunden zuvor bei der Seifenoper Lena Lorenz im Hauptprogramm des ZDF dabei waren?

Da vergleichen Sie jetzt Dinge miteinander, die ich gar nicht so in Gegensatz zueinander stellen würde, sondern in Ergänzung. Noch vor drei Monaten habe ich ja für die Mediathek gearbeitet; da lernt man ein starkes Portfolio-Denken fürs gesamte ZDF, also verschiedene Zielgruppen in verschiedenen Formten mit unterschiedlichen Köpfen auf unterschiedlichen Plattformen mit unterschiedlichen Logiken zu betrachten. Das Neo Magazin Royale ist eine dezidiert crossmediale Marke, wohingegen Lena Lorenz eine genuine Primetime-Entwicklung ist. Das ZDF braucht beides.

Sie schauen also gar nicht neidisch auf die Topquoten von Sendungen, die aus feuilletonistischer Sicht nicht das Niveau von Jan Böhmermann erreichen?

Nein, zumal ich keine Qualitätsdiskussion führen möchte in einer Senderfamilie, die so verschiedenartige Geschmäcker und Bedürfnisse bedient. Auch Lena Lorenz behandelt durchaus moderne Familiensettings, nur in einer anderen Tonalität und Erzählweise. Natürlich mag ich Jan Böhmermann total gern, das war quasi die Einstellungsvoraussetzung für meinen Job bei ZDFneo. Aber ich finde es auch mehr als okay, sich unseren gesellschaftlich relevanten Themen auf leichter unterhaltsamere Art ansprechen zu lassen. Fernsehen darf ruhig auch einen Entspannungsmoment haben, und ich kriege trotzdem was mit übers richtige Leben.

Welchen Einfluss haben Sie denn nach den ersten 100 Tagen im Amt darauf, wie entspannend die Unterhaltung bei Neo sein darf?

Ich habe mir parallel zum Einstieg ins laufende Geschäft natürlich von Beginn an Gedanken über Strategien und Inhalte gemacht, um genreübergreifend alles einschätzen und von Show über Factual bis Fiction Einfluss nehmen zu können. Was wir jetzt gemeinsam anschieben, braucht natürlich oft noch ein bisschen. Aber währenddessen beschäftige ich mich die ganze Zeit auch damit, was Neo in den nächsten drei Jahren erreichen will.

Und das wäre?

Wenn ich mir ansehe, dass die europäische Koproduktion Greyzone zurzeit stolze 2,7 Millionen Sichtungen hat, erhoffe ich mir davon, dass es möglichst viele davon neugierig macht auf das, was Neo sonst noch so Cooles für jene Altersgruppen bietet, die wir innerhalb der Sendergruppe erreichen wollen. Ohne andere abzuschrecken, zielen fast alle Eigenentwicklungen, aber auch viele Lizenzprodukte von Neo auf die Zielgruppe 25 bis 49 Jahre.

Bislang unterscheidet sich das Durchschnittsalter der Neo-Zuschauer allerdings weitaus geringer von dem des überalterten ZDF-Publikums als ursprünglich geplant, und eher traditionelles Fernsehen wie Inspector Barneby erzielt verlässlich die besten Einschaltquoten…

Da muss man stark zwischen linear, etwa Wilsberg, und digital, zum Beispiel den Blockbustaz unterscheiden. Aber selbst ein Format wie Bares für Rares, wo die Leute häufig „Trödel“ mit „alt“ assoziieren, hat viele Fans unter 05, sogar 30 Jahren, erreicht also durchaus auch Jüngere. Meine Hoffnung ist die permanente Wechselwirkung zwischen traditionellem und experimentellem Programm.

Gibt es dennoch auch den Bedarf nach echten Kurskorrekturen ihrer beiden Vorgänger Norbert Himmler und Simone Emmelius?

Neo spielt innerhalb der Senderfamilie von Beginn an die Rolle des Innovators, der bislang rund 100 Formate eigenproduziert hat. Da gibt es naturgemäß welche, die nicht funktioniert haben. Fiction dagegen, wo Neo erst seit rund einem Jahr richtig aktiv ist, probiert enorm viel aus und ist damit teils sehr erfolgreich. Das zu vertiefen, nenne ich aber nicht Kurskorrektur, sondern Fokussierung. Gleiches gilt für Shows oder Social Factual, wo wir mit No More Boys And Girls gerade ein gesellschaftlich relevantes Format über Geschlechterstereotype im Kinderzimmer gestartet haben. Ein Strang wie die Musik hingegen ist schon vor meiner Zeit ins Leere gelaufen, den werde ich nicht wiederbeleben.

Schade eigentlich. Ihre Kernzielgruppe, die ja noch mit Viva und MTV aufgewachsen ist, hatte sich genau das von Neo erhofft. Woran ist das Genre gescheitert?

Gescheitert ist es nicht. Auf ZDFkultur behält Musik zumindest online weiter seinen Raum. Und einzelne Farbe wie HipHop werden im Neo Magazin Royale oder bei den Blockbustaz weiter gut bedient, was besonders in der Mediathek goutiert wird. Der Strang ist also nicht abgeschnitten, geht aber in seiner Reinform eines Musik-Magazins auf Neo erst mal nicht weiter.

Weil die Quote nicht stimmte oder der Inhalt?

Am Ende ist es natürlich so, dass sich Neo fokussieren muss. Und glauben Sie mir: wir sind hier alle mit so viel Spaß und Leidenschaft bei der Sache, dass wir 1000 andere Ideen noch hätten, um andere Stränge weiter zu verfolgen. Aber wir können nicht alles machen. Leider.

Aber nochmals: Macht der Sender quantitative Vorgaben gewünschter Zuschauerzahlen?

Ach, die machen wir uns doch schon selber. Denn die große Strategische Antwort lautet immer, dass man sich von dem, was unsere Zuschauer wollen, nicht komplett freimachen kann und will. Wir wollen die Menschen erreichen, schon weil sie auch für unser Angebot Rundfunkgebühr bezahlen. Sicherlich lösen eigenproduzierte Sitcoms wie Tanken kein Massenphänomen aus, sprechen aber eine kleine, spannende Zielgruppe an und sorgen so für Bindekraft in alle Schichten. Es geht darum, wo wir auch in Ergänzung des gesamten ZDF-Portfolios qualitativ ansprechend die Zuspitzung auf bestimmte Zuschauer vornehmen.

Und qualitativ?

Erwartet das ZDF von uns ganz gewiss einen crossmedialen Ansatz, also Show in Verbindung mit Information, gern in Erstentwicklung zu Themenkomplexen wie Familie und Kindern mit den entsprechenden Moderatoren wie Collien Ulmen-Fernandes. Das betrifft unsere Zielgruppe ja sehr unmittelbar.

Einer Generation, die zwar noch nicht richtig zu den digital natives zählt, aber schon sehr natürlich mit dem Internet umgeht.

Absolut.

Sie haben zuvor 16 Jahre in der Hauptredaktion Neue Medien gearbeitet, davon acht Jahre als Chefin vom Dienst. Kann man also davon ausgehen, dass Ihnen die Digitalstrategie ihres Senders besonders am Herzen liegt?

Unbedingt sogar.

Worin äußert sich das?

Das ich bei jeder, wirklich jeder strategischen Überlegung die Online-Ebene mit im Kopf habe. Jetzt muss man dazu sagen, dass ich auch schon in meiner alten Funktion – oft in Zusammenarbeit mit Neo – viel mit dem digitalen Bereich zu tun hatte und muss daher jetzt ebenso wenig das strategische Online-Denken erfinden wie Neo umgekehrt durch mich. Das Internet und insbesondere Social Media gehören hier seit jeher zur DNA.

Worin äußert sich das?

Unter anderem darin, dass Neo seine Serien seit jeher zum Binge-Watching bereitstellt, um sie – abgesehen von Jugendschutzgrenzen – gucken kann, wann und wo man will. Neo heißt Freiheit beim Medienkonsum. Das zeigt sich dann auch darin, dass wir bei jedem Show- oder Factual-Format vorab genau drüber nachdenken, wie und wo es die Leute zum Diskutieren bringt. Eignet es sich für Instagram oder Facebook? Spricht es Jugendliche an? All so was. Und natürlich blicke ich sehr genau auf die medienrechtlichen Veränderungen im kommenden Jahr und was das für Medien heißt.

Aber wie schafft es das Fernsehen bei dieser multimedialen Ausspielung, dass sich lineares und abrufbares Programm nicht gegenseitig kannibalisiert?

Diese Diskussion haben wir auch in meinem alten Job schon mit dem Ergebnis geführt: Es passiert einfach nicht. Um zu wissen, in welche Richtung sich diese extrem dynamische Branche entwickelt, bräuchte man zwar den Blick Glaskugel. Bislang aber deutet nichts auf diese Kannibalisierung hin. Meiner Meinung nach bleibt das lineare Nutzungsverhalten langfristig relevant für ein Publikum, das sich zwischen mehreren kuratierten Angeboten entscheiden will und kann. Momentan herrscht eher gegenseitige Aufmerksamkeit beider Sphären füreinander.

Kann es dennoch sein, dass ein Sender wie Neo, dessen Publikum sehr selbstverständlich mit Neuen Medien umgeht, irgendwann mal komplett ins Netz geht, also das starre Programmschema aufgibt?

Legen Sie mich bitte nicht auf die Ewigkeit fest, aber ich vermute sehr, dass die rocket science der Medienlandschaft künftig sein wird, mit allerlei Mischmodellen zu spielen, die einander ergänzen, nicht ersetzen. Denn Streaming-Portale haben aus meiner Sicht einen strukturellen Nachteil: Die ZDF-Familie hat ebenso wie andere Sender nämlich die Möglichkeit, smarte Publikationspläne für alle Zielgruppen zu erdenken; das können Netflix und Amazon mangels linearer Plattform nicht.

Dann gehen wir in der Eskalationsspirale einen Schritt zurück und fragen, ob Mediatheken-Zugriffe die Einschaltquote mittelfristig als Leitwährung ablösen?

Will ich nicht ausschließen, deutet sich aber nicht an.

Gab es bei Neo schon mal eine Sendung mit höherer Click-Zahl als Quote?

Wenn wir nur die Erstausstrahlung des Neo Magazin Royale auf Neo betrachten, kann das mal sein; aber die Sendung wird ja linear wiederholt und läuft zusätzlich noch im ZDF. Zusammengenommen liegt linear da immer noch vorn. Und daran wird sich unter meiner Führung jetzt auch nichts Gravierendes ändern.

Als Sie diese Führung übernommen haben, waren Sie mit 43 zehn Jahre jünger als Ihre Vorgängerin Simone Emmelius bei Amtsantritt. Kann man da von einem Generationenwechsel sprechen?

Puh. Es ist natürlich immer was dran, weil die Medienentwicklung so rasant verläuft, dass ein paar Jahre Altersunterschied in der Nutzung schon viel ausmachen können. Ich tue mich allerdings deshalb ein wenig schwer mit dem Begriff Generationenwechsel, weil ich mit Simone Emmelius auch vorher schon oft zusammengearbeitet habe und weiß, dass sie auch ohne meinen sehr digitalen Berufshintergrund voll drinsteckte in dem Thema. Dass die Online-Frau von der ZDF-Mediathek nun Senderchefin wird, ist aber schon ein Statement.

Wie viel hat Veränderung denn überhaupt mit dem Alter zu tun?

Sie hat damit zu tun, aber nur dann, wenn sich alle Lebenswelten der Zuschauer auch in den Altersgruppen der Verantwortlichen wiederspiegeln. Weil man diverse Fähigkeiten an verschiedenen Punkten der eigenen Entwicklung erwirbt, halte ich Homogenität hier eher für kontraproduktiv. Und Souveränität, Gelassenheit, Erfahrung sind bei aller Freude über jugendliche Leidenschaft vorsichtig ausgedrückt auch nicht zu verachten. Erst die Mischung bringt das Ganze zum Fliegen.

Wo liegt denn Ihr Jahrgang 1976 im innerredaktionellen Vergleich – angemessen mittig?

Vermutlich. Ich glaube, wir haben den Altersschnitt der Neo-Redaktion noch nie ausgerechnet, was unbedingt dafür spricht, wie relativ Alter bei uns ist. Es gibt definitiv viele sehr junge Kollegen, die in ihrer Lebensplanung noch völlig woanders stehen als meine Generation, aber eben auch ältere, die ihr wiederum 20 Jahre voraus sind. Umso mehr schätze ich an unserem Team, dass es eine Spreizung gibt. Sie drückt sich allerdings eher in Social Scills als Vorurteilen aus.

Achten Sie dessen ungeachtet darauf, dass die alten Hasen im Team durch das buchstäbliche Beamtenverhältnis öffentlich-rechtlicher Lebensanstellungen nicht an Esprit und Feuer verlieren?

Mir ist es jedenfalls ungeheuer wichtig, dass das nicht passiert. Aber weil die Leute bei uns ganz gleich welchen Alters alle so riesige Lust haben, den Prozess permanenter Veränderung in Gang zu halten, sehe ich diese Gefahr gerade nicht. Hier ist alles viel zu sehr in Bewegung für Stillstand – und um auf den neuen Feldern der Branche voran zu kommen, brauchen wir definitiv auch die Expertise der Älteren.

Haben Sie zu deren Unterstützung denn schon neue eingestellt?

Noch nicht, aber das könnte möglicherweise demnächst anstehen. Altersunabhängig, versteht sich.

Sie selbst wurden ja, wie die meisten in der Branche über 40, noch sehr klassisch, also analog in Ihrer Heimatregion ausgebildet.

Bei den Ruhr-Nachrichten, ganz genau. Ich hatte allerdings schon in diesem sehr klassischen Zeitungsvolontariat frühzeitig Kontakt zur Online-Redaktion, die es dort bereits gab.

Haben Sie da bereits Ihre Präferenz fürs Digitale entwickelt?

Ach, das kam eigentlich sogar schon in der Orientierungswoche am Institut für Journalistik an der Uni Dortmund. Da gab’s einen Computerraum, in dem – wie damals noch mehr als heute üblich in der Tech-Branche – zwei Männer saßen. Die Frauenquote hab ich da also gleich mal radikal nach oben getrieben und gemeinsam mit den beiden die Online-Campus-Zeitung gemacht. Das war 1995 wohlgemerkt, wir haben da echt noch HTML gecodet und war meine Online-Erweckung, die ich aus meiner Faszination für Technik heraus im Volontariat fortgesetzt habe.

Und haben den analogen Platzhirschen der Ruhr-Nachrichten mal gezeigt, wo die digitalen Frischlinge hinwollen?

Nö, das hatten ein paar Junge vor mir schon erledigt, ich hab das nur mit großem Spaß weitergeführt.

Wenn man wie Sie beide Sphären der Medienlandschaft kennt – welchen Blick darauf bringt das mit sich: Einen leicht verklärten?

Schwierig zu beantworten. Was ich dadurch zu schätzen gelernt habe, ist vor allem die Vielfalt. Natürlich prägt so ein Print-Volontariat, selbst wenn man wie ich im Anschluss fast nur Fernsehen gemacht hat und jetzt sogar einen ganzen Sender. Mein Blick auf alte Medien ist aber auf jeden Fall ein liebenswerter, respektvoller.

Würden Sie sich demnach als Nostalgikerin oder Pragmatikerin bezeichnen?

Für eine Nostalgikerin habe ich viel zu viel Lust auf Erneuerung, für eine Pragmatikerin bin ich zu begeisterungsfähig für Experimente.

Zu welcher Art ZDFneo führt Ihrer Ansicht nach diese erneuerungsfreudige Experimentierlust in, sagen wir: zehn Jahren?

Was ich fürs Fernsehen im Allgemeinen und Neo im Besonderen in Hinblick auf die mittleren Jahrgänge unter 50 fest glaube, ist eine starke Verschiebung in Richtung Online, die wir hoffentlich auf allen Plattformen qualitativ anspruchsvoll mit Diskussionsgrundlagen vornehmen können. Das ist mir angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen besonders im Bereich Information ungeheuer wichtig.

Und dämpft die Experimentierfreude um ihrer selbst willen?

Womöglich. Weil man Plattform und Inhalt stets zusammen denken muss, glaube ich, dass die entsprechenden Nutzungsszenarien von Social Media bis Mediathek auf die Art zurückspiegeln, wie wir welchen Content produzieren.

Glauben Sie, dass sich der Medien-Markt in diesem Szenario noch weiter diversifizieren oder eher konzentrieren wird?

Weil bei aller Diversifikation Marken noch immer wichtige Orientierungshilfen der Mediennutzer sind, glaube ich nicht, dass ihre Zahl unglaublich viel gigantischer wird als jetzt bereits. Trotzdem werden sich die Player dahinter sehr verändern.

Sie selbst sind dann Anfang 50. Glauben Sie, das könnte dann das Durchschnittsalter des Stammpublikums von ZDFneo sein?

Wie die Kohorten wandern, ist schlicht nicht absehbar, aber auch das digitale Publikum wird in einer alternden Gesellschaft natürlich älter. Fürs lineare Angebot würde ich daher mal sagen: Ja.


Collien Ulmen-Fernandes: Boys & Girls

Im  Backmischungswerbespot

Collien Ulmen-Fernandes (Foto: ZDF) ist wunderschön und mit einem A-Promi verheiratet. Umso verbissener löst sich die Moderatorin 20 Jahre nach Bravo-TV vom süßen Image. In der Neo-Reportage No More Boys and Girls kämpft sie – noch in der Mediathek – nun darum, dass auch Kinder den Klischeefallen ihres Geschlechts entkommen. Ein Gespräch über reaktionäre Weltbilder, die frühere Macht des Fernsehens und welche Serien-Figur ihr Vorbild war.

Von Jan Freitag

Frau Ulmen-Fernandes, in der Neo-Reportage No More Boys and Girls machen Sie einen Streifzug durch die Geschlechterwelten unserer Kinder. Wie rosa ist das Leben Ihrer sechsjährigen Tochter?

Collien Ulmen-Fernandes: Für die Antwort würde ich gern etwas weiter ausholen. Es geht weder mir noch der Sendung darum, Kinderzimmer umzugestalten. Mädchen dürfen rosa tragen, genauso wie Jungs mit Autos spielen dürfen. Wir wollen ja nicht den Zeigefinger heben, sondern Horizonte erweitern. Es geht darum, Kindern jenseits tradierter Rollenbilder die Vielfalt der Welt zu zeigen.

Umso schockierender muss es da doch gewesen sein, welch reaktionäre Weltbilder die Kinder der Klasse hatten, die Sie besucht haben?

Absolut. Dass Frauen Flugzeuge fliegen und Männer Floristen sein können, war unvorstellbar. Aber wir dürfen uns als Eltern keine Illusionen über unseren Einfluss machen. Weit wichtiger ist der der Medien, des Fernsehens vor allem, ihrer Freunde und Vorbilder.

Also – wie rosa ist das Zimmer ihrer Tochter?

Sehr! (lacht). Meine Tochter ist zum Beispiel sehr mutig und wild, findet aber, dass Mädchen beim Sprung ins Schwimmbad kreischen müssen und große Autos oder HipHop für Jungs sind. Das hat sie von den Stereotypen ihrer Filme und Bücher. Deshalb appelliere ich mit meinem Buch dafür, im Bücherregal für Diversifikation zu sorgen, um Kinder selbst entscheiden zu lassen, wie sie sein wollen. Rollenbilder sind ein riesiges Puzzlespiel, sie setzen sich aus vielen Teilen und Einflüssen zusammen. Wir Eltern sind nur ein Teil des Puzzles.

Das klingt ganz schön fatalistisch.

Eher realistisch. Die Peer-Group ist halt schon früh wichtiger als Eltern. Ich hab meiner Tochter eine Werkbank geschenkt, aber als sie merkte, dass ihre Freundinnen das blöd fanden, meinte sie, Mama, das ist nichts für mich. Andererseits erleben wir in der Sendung auch, dass Eltern vierjähriger Jungs, die sich T-Shirts aussuchen sollen und welche mit Blumen nehmen, sagen, leg‘ das weg, das ist für Mädchen.

Angesichts der Fortschritte in der Gleichberechtigung ist das doch zum Haareraufen!

Das mag vielleicht für die rechtliche Situation gelten, aber gesellschaftlich sind wir doch nicht wesentlich weiter als in diesem Backmischungswerbespot der 50er, wo es heißt, die Frau habe zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was kochen? Faktisch schmeißen 80 Prozent allein den Haushalt. Wenn die Kinder in unserem Film zu 100 Prozent ankreuzen, Putzen sei Frauen- und Geldverdienen Männersache, ist das also nicht reaktionär, sondern deren Realität.

Was hätte Ihre Tochter denn angekreuzt?

Interessanterweise hat sie ihren Vater schon vor der Doku mal gefragt, warum eigentlich immer Mama kocht und den Tisch deckt – kannst du das etwa nicht? Ich finde cool, dass sie sich ohne unser Zutun damit auseinandergesetzt hat.

Können Fernsehsendungen wir diese dafür sorgen, dass das mehr Kinder tun?

Ich glaube schon. Weil die Politik in Fragen nach der gleichberechtigten Aufgabenteilung im Haushalt nicht eingreifen kann und sollte, müssen wir anders in die Köpfe der Menschen. Die Kinder selbst sind häufig ja viel offener für Veränderungen als ihre Eltern. Ich selbst habe es in meiner Kindheit erlebt, dass man mir vor allem technische Fähigkeiten nicht zugetraut hat, also versucht man gar nicht erst, gewisse Dinge zu verstehen.

Wurden Sie klassisch als Mädchen erzogen?

Es gab in dem Spielzeugladen, wo meine Eltern eingekauft haben, keine verschiedenen Abteilungen für Jungs und Mädchen wie heute. Deshalb hatte ich neben Puppen auch Roboter und Dinosaurier. Andererseits war mein Vater gut in handwerklichen Dingen, hat mir aber nie gezeigt, wie das geht. Als ich dann aber meinen ersten Freund mit nachhause brachte, kriegte der sofort einen Werkzeugkoffer in die Hand gedrückt. Das ist mir jedoch erst viel später aufgefallen.

Wann genau?

Als Christian mit zu mir nachhause kam und sofort einen Werkzeugkoffer von meinem Vater kriegte. Und das, obwohl er sich dafür überhaupt nicht interessiert (lacht). Also hab ich angefangen, damit Möbel zu bauen.

Würden Sie sich da als emanzipiert oder gar feministisch bezeichnen?

Weil ich die exakte Definition dafür nicht kenne, lieber nicht.

Emanzipiert ist schon, wer das eigene Handeln verändert, feministisch hingegen, wer auch gesellschaftlich für Gleichberechtigung sorgen will.

Aha. Trotzdem möchte ich mich lieber nicht so bezeichnen. Die Debatten zu der Frage sind mir zu aufgeheizt.

Welches Role Model bieten Sie der Gesellschaft da an – gerade wenn man sich den Anfang Ihrer Karriere vor Augen hält, wo das Fernsehen sie stark auf Ihre Oberfläche reduzieren wollte?

Typisch für den Umgang mit Frauen oder? Andererseits habe ich schon sehr früh damit begonnen, mich gegen schlechte Moderationstexte zu wehren und meine eigenen zu schreiben.

Bucht ein Sender wie Neo dennoch eher die „Sexiest Woman in the World“ des FHM-Magazins 2010 oder doch die Familienkolumnistin der Süddeutsche Zeitung.

Also nach dem, was ich weiß, waren die Redakteure Fans der Kolumne. Trotzdem finde ich, dass Frauen ihre Weiblichkeit sehr wohl zeigen dürfen, ohne dass ihnen gleich jegliche Intelligenz abgesprochen wird.

Dafür gibt es diesen schönen neuen Begriff des Femizissmus.

Und was ist das?

Eine Mischung aus Feminismus und Narzissmus, die Eitelkeit und Geschlechterkampf nicht gegenseitig ausschließt.

Klingt interessant.

Was wollten Sie denn eigentlich mit sechs Jahren werden?

In dem Alter ist die Vorstellung von Beruf noch diffus, aber ich war stark durch die Fernsehserie „Anna“ beeinflusst.

Ende der Achtziger mit Silvia Seidel als Ballerina.

Genau. Das wollte ich damals auch werden. Ich habe später tatsächlich eine Berufsausbildung zur klassischen Tänzerin gemacht und bin dafür schon sehr früh von zuhause ausgezogen.

Was Fernsehen doch mal für einen Einfluss hatte…

Wahnsinn oder?


August Diehl: Süskinds Parfum & Neos Serie

Alles riecht, alles!

Im Neo-Sechsteiler Parfum, der mit Abstand aufwändigsten Eigenproduktion des ZDF-Ablegers, spielt August Diehl (Foto: ZDF) derzeit die Figur mit der größten Nähe zu Patrick Süskinds Romanvorlage. Ein Interview mit dem Berliner Film- und Bühnenstar über Einsamkeit vorm Fernseher, das Gemeinschaftserlebnis Kino und warum ihm der Geruchssinn so wichtig ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diehl, Ihre Filmliste ist lang, eine Serie findet sich darin allerdings bislang nicht.

August Diehl:Das stimmt fast. Ich habe mal eine BBC-Serie gedreht, aber hierzulande in der Tat noch keine. Was auch daran liegt, wie neu der Serien-Boom ist. Früher hat man sich vieles nur in 90-Minütern getraut, die man heute kaum noch finanziert bekommt, um bestimmte Geschichten zu erzählen. Dieser Bewusstseinswandel hat zu mehr Quantität, aber auch Qualität geführt.

Wurde Ihnen vorm Parfum also einfach noch nichts auf dem Niveau angeboten?

Vermutlich. Als Schauspieler denkt man allenfalls am Rande über Format und Umfang nach. Wichtig ist, welche Figur mir in welcher Geschichte zufällt und mit wem ich sie unter welcher Regie spielen darf. Da waren meine Begegnungen mit Philipp Kadelbach absolut ausschlaggebend. Außerdem durfte ich mit tollen Kollegen zusammenarbeiten, mit denen ich das zuvor vielfach noch nicht getan hatte.

Aber was hat sie an der Figur des Parfümeurs Moritz interessiert, dass Sie sie sechs statt üblicherweise maximal zwei Stunden verkörpern wollten?

Ganz banal, also gar nicht mal sonderlich intellektuell: die Lust darauf, ihr bei der Entwicklung zuzusehen. Das hat mir einen Heidenspaß gemacht.

Welche Rolle hat dabei Patricks Süskinds Romanvorlage genommen, die ja weltweit zu den erfolgreichsten unserer Zeit gehört?

Gar keine so große. Am Ende ist unsere Geschichte ja so weit davon entfernt, dass mir erst im Gespräch darüber so richtig auffällt, dass sie dennoch die Grundlage bildet. Beim Drehen fiel das gar nicht auf. Da habe ich mich ganz gegenwärtig vorbereitet, etwa Parfümeure getroffen und dabei gemerkt, was für ein ungeheuer aufregender, sehr handwerklicher, also bodenständiger, aber kosmopolitischer, weitgereister Beruf das ist. Ihn umweht etwas sehr Mystisches.

Stehen Sie Patrick Süskinds Grenouille damit von allen Charakteren am nächsten?

Das kann man vielleicht so sagen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, dass Moritz wie Grenouille kaum Eigengeruch hat, was seine Diabolik im Roman schon als Baby kennzeichnet. Tolle Idee, auch wenn sie der Wirklichkeit natürlich nicht standhält. Alles riecht, alles!

Sind sie ein olfaktorischer Typ, der seine Umgebung stark über die Nase wahrnimmt?

Absolut. Falls ein Hotelzimmer zum Beispiel schlecht aussieht, stört es mich weit weniger als wenn es schlecht riecht. Dann kann ich darin nicht wohnen. Wenn die Chemie zwischen zwei Menschen nicht stimmt, heißt es ja nicht umsonst, man könne sich nicht riechen. In dem Fall, kommt man selbst mit den wunderbarsten Menschen nur schwer klar. Insofern sind Parfümeure wie Moritz Meister der Manipulation des Unterbewusstseins. Dennoch finde ich andere Rollen im Film nicht unspannender. Trystan Pütters Butsche zum Beispiel oder Ken Dukens Roman.

Inwiefern?

Sie haben einfach klarere Problematiken. Moritz dagegen ist schwer zu definieren und damit zu greifen. Wie ein diffuser Geruch. Natürlich macht es Riesenspaß, einen Manipulator, vor denen alle Angst haben, zu spielen, aber es ist auch ein wenig dankbar. Dennoch finde ich alle Figuren und damit die Geschichte auf ihre Art herausfordernd.

Hebt es das Parfum somit auf jenes angloamerikanische oder skandinavische Niveau, von dem das deutsche Fernsehen seit langem träumt?

Zu solchen Gedanken muss ich mich manchmal ein bisschen zwingen. Ich finde uns gar nicht so schlecht. Weil die Bedeutung und Akzeptanz der Serie als Genre auch hierzulande wächst, kommt das dem Handwerk früherer Tage fast zwangsläufig näher, bei dem man sich halt viel mehr Zeit gelassen hat, bis ein Produkt vollendet war. Wie im klassischen Roman ermöglicht es diese Zeit, erst in der dritten Folge eine Hauptfigur einzuführen oder drei Folgen vorm Ende zu verabschieden. Welchen Suchtfaktor Serie da ausübt, merke ich ja an mir selbst. Er hat allerdings auch damit zu tun, wie sehr wir mittlerweile vereinsamen.

Und uns die Zeit allein gern mit Serien vertreiben?

Mehr noch: abends zu bekannten Gesichtern zurückzukehren, die uns im realen Alltag zusehends fehlen. Nach dem Motto: Ach, da sind ja all meine Freunde wieder, machen wir’s uns zusammen auf dem Sofa gemütlich. Trotzdem hoffe und glaube ich, dass der Spielfilm Zukunft hat. Eine Geschichte auf diesen Zeitraum zu verdichten, hat auch seinen Reiz. Wie im Theater.

Oder im Kino.

Wo dieses gemeinschaftliche Erlebnislangsam ausstirbt, dass sich Wildfremde nach dem Abspann, wenn das Licht angeht, in die Augen blicken und ohne viele Worte über die vergangenen zwei Stunden austauschen. Das macht das neue Kino Serie allein am Fernseher daheim ein bisschen einsam. Für meinen Beruf hingegen ist die Komplexität der Serie ein Geschenk.

Interessanterweise sind Sie unter den Hauptdarstellern am längsten im Geschäft.

Rund 20 Jahre, das stimmt.

Parallel zu ihrem Durchbruch in 23 waren Sie ein gefeierter Bühnenstar. Gab es je den Punkt, sich zwischen Bühne und Film entscheiden zu müssen?

Nie, nein. Ich konnte immer beides machen – obwohl Film eher bildende Kunst ist und Theater darstellende, ist ersterer für mich am Ende fotografiertes Theater ohne Publikum vor Ort. Aber im Schauspiel ist ohnehin alles miteinander verwandt. Filmen finde ich allerdings schon deshalb so fantastisch, weil man so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern trifft.

Dennoch haftet Ihren Rollen dabei oft etwas Melancholisches, fast Trauriges an.

Mhmm.

Ist das eine Typ-, womöglich gar Persönlichkeitsfrage oder liegt es nur am Angebot?

Das ist sehr kompliziert zu beantworten. Einerseits bringe ich diesen Typ, diese Persönlichkeit natürlich mit, andererseits legen bestimmte Rollen immer bestimmte Charakterarten fest. Ich habe zwar auch fröhliche Figuren gespielt, würde aber gern mal eine richtig waschechte Komödie machen, sofern der Humor da hintergründig abläuft, nicht nur auf Pointen-Niveau. Mit Gewinnern lacht man weit weniger herzlich als mit Verlierern. Gut gemachte Komödien (lacht laut) sind voll melancholischer, fast trauriger Figuren. Voila!

Gibt’s da schon ein Angebot?

(zögert kurz) Ich warte noch…


Marco Kreuzpaintner: Clubkulturkrimi & BEAT

Ich hatte sehr wenig Schlaf

Mit Filmen wie Trade oder Krabat hatte Marco Kreuzpaintner (2.v.li; Foto: Wolf Lux/Amazon) schon sehr jung sehr viel Erfolg. Durch sein Seriendebüt BEAT dürfte der bayerische Regisseur nun endgültig zum Star werden: Sein Amazon-Thriller spielt ab Freitag in jener Clubkultur, die der 40-Jährige noch selbst hautnah erlebt hat. Ein Gespräch über biografische Filme, feiernde Komparsen und liberale Streamingdienste.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Marco Kreuzpaintner, ist BEAT ein klassischer Thriller, der das Berliner Nachtleben nur als Kulisse nutzt, oder ein Film über die Clubkultur mit Krimi-Elementen?

Marco Kreuzpaintner: Zunächst mal ist es ein Thriller, aber so ein Genre-Thema kann immer nur vor einem bestimmten, prägenden Hintergrund stattfinden. Und dieser Backdrop ist in diesem Fall die Clubkultur.

Die also doch vornehmlich Kulisse ist?

Nein, viel mehr als das. Selbst wenn die Rahmenhandlung ein Thriller ist, erfahren wir enorm viel über die Systematik der Parallelwelt Clubkultur und ihrer Protagonisten. Die tanzen darin nicht nur vor sich hin, sie sind zentrales Element. Sämtliche Komparsen leben dieses Gefühl so, wie ich und meine Kumpels es über acht, neun Jahre hinweg als Ausdruck eines intensiven Lebensgefühls selber getan haben.

Mit allen Exzessen, die der Film zum wummernden Technobeat inszeniert?

Na ja. Ein Großteil meiner damaligen Freunde hatte ein intensives Nachtleben, das den Tag eigentlich nur zum Erholen davon brauchte. Ich hatte im Gegensatz dazu auch noch ein sehr intensives Tagleben, war also auch ohne die szenetypischen Exzesse viel auf den Beinen und hatte dementsprechend sehr wenig Schlaf. Darum sehe ich in meinem Alte so alt aus (lacht).

Ist BEAT so gesehen wie ihr bayerischer Coming-Out-Film Sommersturm vor 14 Jahren autobiografisch geprägt?

Absolut. Aber eigentlich fließt in jeden meiner Filme, den Plot, die Figuren, viel Autobiografisches ein. So gesehen entspricht auch der Charakter von Beat zumindest in Teilen dem, was ich selbst mal gelebt habe. Noch wichtiger ist jedoch meine persönliche Haltung. Sie wird in allem spürbar, was ich mache. Umso mehr natürlich, wenn es darin um Musik geht. Dennoch müssen wir vorsichtig sein, falsche Erwartungen gewisser Zielgruppen zu wecken. Aber weil wir stark mit dem darkem Techno arbeiten, der im Berghain läuft, ansonsten aber viel zu wenig vorkommt im Film, ist der Sound in etwa so zentral wie die Handlung.

Ist es da eine Reminiszenz ans deutsche Publikum, dass der Musik ein kriminologisches Thema übergestülpt wird, anstatt sich voll auf die Clubkultur zu konzentrieren?

Nein, es gibt ja kein Whodunnit oder Mordermittlungen, sondern Thriller-Elemente. Natürlich haben Filme wie Berlin Calling Kultstatus…

Der den DJ Paul Kalkbrenner in einer Art Mockumentary porträtiert…

Aber ich weiß nicht, ob das auf sieben Stunden ausgedehnt tragfähig wäre. Abgesehen vom Lebensgefühl des unbedingten Hedonismus muss anders als auf Spielfilmlänge irgendwann noch mehr passieren, Dramen und Konflikte. Bei uns bestehen sie darin, dass Beat aus seiner nächtlichen Subkultur abrupt in den Tag gerissen wird und dort mit dem international organisierten Verbrechen zu tun kriegt.

Wurde Ihnen das Thema vorgeschrieben?

Nein. Warner ist nur mit den Ansinnen auf mich zugekommen, eine deutsche Serie für Amazon Prime machen zu wollen. Das Thema habe ich mir selbst in nächtelanger Arbeit ausgedacht.

Und bei der Umsetzung die legendäre Narrenfreiheit der Streamingdienste genossen?

Narrenfreiheit würde ich nicht sagen. Aber ich war wirklich überrascht, wie viel Vertrauen mir geschenkt wurde. Wo man schwere See anderswo gern umschifft, durfte ich hier mitten hinein steuern, alle Risiken inklusive. Das waren schon deshalb ungewöhnlich große Freiräume, weil ich zuvor noch keine Serie gemacht hatte. Im deutschsprachigen Raum braucht man normalerweise schon sehr viel Glück, Talent und Geld, um mal einen Arthaus-Film wie „Toni Erdmann“ zustande zu bringen, der dann in der Regel nur einige zehntausend Zuschauer erreicht. Hier ist das Kräfteverhältnis zwischen Kreativität und Investment ein völlig anderes.

Auch, weil es neue Zielgruppen erreichen kann?

BEAT ist definitiv für jüngere Zuschauer als bei den Öffentlich-Rechtlichen üblich geeignet. Aber auch die älteren werden von dieser Subkultur mit ihrer sexuell extrem befreiten, drogenschwangeren Atmosphäre angesprochen.

Mussten Sie die künstlich erzeugen oder wächst so was in einem authentisch nachgebauten Technoclub organisch?

Letzteres. Als Regisseur stellt man ohnehin nur Weichen. Es ist ein Irrglaube, wir könnten die Darsteller wie Marionetten durch den Set bewegen. Für mich wäre es daher ein Alptraum gewesen, diesen Raum mit Menschen zu füllen und zum Tanzen animieren zu müssen. Weil die Serie auch daran gemessen wird, wie glaubhaft die Clubszenen sind, habe ich von Anfang an gesagt: wir machen eine Party und drehen dabei, nicht umgekehrt.

Wie darf man sich das vorstellen?

Wir haben rund 500 Komparsen einzeln aus der Techno- oder Fetisch-Szene und einfach feiern lassen, die Musik permanent am Anschlag. Die haben deshalb wirklich gefeiert – mit allem, was dazu gehört. Als wir ihnen erklärt haben, dass wir den Sound in den Drehpausen nicht abdrehen, gab es frenetischen Jubel. Am Ende haben die uns applaudiert, nicht wir denen. Bevor wir Bild und Spiel für einen sauberen Ton trennen, lasse ich lieber die 20 Sätze während der Party synchronisieren.

Haben Sie das erste Mal so realistisch gedreht?

Ja.

Werden Sie jetzt immer…

Ja!

Darf ich für dieses Format noch um ein Versprechen bitten?

Gern.

Als Alexander Fehling einem Mafiosi kurz vorm Zusammenstoß Kaffee kocht, bleibt die Kamera ohne Schnitt, ohne Ereignis, ohne Sound minutenlang auf ihm haften. Versprechen Sie, dass diese Ruhe in der Post-Produktion nicht dem üblichen Zappelschnitt zum Opfer fällt?

So arbeite ich seit meinem Polizeiruf vor zwei Jahren immer, weil ich seither noch mehr an die starke Einstellung glaube. Von daher ja – ich verspreche es!