Ferge X Fisherman, Love-Songs, K.v.Schleicher

Ferge X Fisherman

Rap-Jazz ist weder neu noch speziell, geschweige denn ungewöhnlich. Schon, als HipHop noch recht jung war, haben ihn Künstler von Gang Star über The Jungle Brothers bis hin zum Küchenkollektiv Jazzmatazz in die Ursuppe des Urban Pop gemischt, was einer wie Anderson .Paak gerade massentauglich nachwürzt. Ferge X Fisherman wäre demnach nur eine Schaumkrone der Welle, die schon lange geritten wird – käme das Duett nicht aus Nürnberg und würde dennoch Fusionjazz von Weltruf machen.

Produzent Luka (Ferge) und Rapper Kolja (Fisherman) sind ja nicht nur Virtuosen ihres Fachs, sie haben sich mit den Lakesideboys eine Liveband organisiert, dank deren musikstudierter Hilfe das Debütalbum Blinded by the Neon zu einer Perle des antiquierten Sounds für intellektuelle Hipster wird. Allein schon ein Stück wie Anna Nicole, das die schwülstige Clubeleganz mit Psychogitarren unterwandert, zeigt was HipHop aus dem Jazz kitzeln kann und umgekehrt.

Ferge X Fisherman – Blinded by the Neon (Eigenlabel)

Love-Songs

Weniger distinguiert und doch von großer Filigraneität, dabei national gesehen aus einer Metropole, im globalen Kontext aber doch Provinzgewächse, versucht sich das Hamburger Trio Love-Songs seit acht Jahren auf dem schwierigen Feld electroakustischer Beats und hat es dabei allenfalls zu lokaler Bekanntheit gebracht. Und nach ein paar EPs dürfte auch das Debütalbum diesen Dunstkreis kaum nennenswert erweitern, dafür ist ihr Sound schlicht zu hintergründig.

Dennoch ist Nicht Nicht ein Stück weit die Antithese des eigenen, nihilistischen Titels. Ihr flächiger Mix aus Electro, Percussion und Bass wirkt schließlich wie eine Art achäologischer Struktursuche, bei der Thomas Korf, Sebastian Kokus und Manuel Chittka tief im Boden des Pop wühlen und von Field Recordings über Improvisationen bis hin zu dadaistischen Vocals dauerhaft fündig werden. Es kostet auch beim Zuhören Mühe, in dieses Gespinst der Töne vorzudringen. Aber sie lohnt sich.

Love Songs – Nicht Nicht (Bureau B)

Hype der Woche

Katie von Schleicher

Wer Kate Bush zu verstiegen findet, sich jedoch gelegentlich gern in popferne Sphären träumt, wer Tori Amos zu esoterisch findet, ab und zu aber ein Bedürfnis nach bodenständiger Entrückung verspürt, wem (weiblicher) Folkpop also entweder zu verkopft oder gefühlig ist, manchmal aber auch von beidem unterversorgt, der/dem bietet bietet eine Songwriterin aus Brooklyn seit Jahren Stoff zur Versöhnung beider Pole: Katie von Schleicher. Ihr sedierter Gitarrenrock vollführt das Kunststück, abwesend und raumgreifend in einem zu sein. Auch das fünfte Album Consummation (Full Time Hobby) klingt demnach wie ein Kellerkind mit Platzangst, mittig zwischen Fern- und Heimweh, was jedes ihrer selbstgespielten Instrumente gleichermaßen opulent und schüchtern umschmeichelt. KvS liefert also nicht weniger als die Quintessenz urbanen Pops, nur eben im Feenwald aufgenommen.


Grafi, Sleaford Mods, Jerry Paper

Grafi

Auch und gerade als jemand, der die zeitgenössische Musik in ihrer ganzen Bandbreite auf dem Schirm zu haben glaubt, muss man oft einräumen, etwas wirklich Spannendes übersehen zu haben. In diesem Fall: Grafi. Der Berliner hat vor ein paar Jahren das Kunststück vollbracht, HipHop mit Black Metal zu kombinieren. Das Ergebnis war ein Hybrid, in dem brüllende Gitarrenbretter des Metelheads Nikita Kamprad auf mal ölige, mal brachiale Vocals von Grafi eindreschen, bis sie zwar manchmal wie etwas zu breit getretene Samples wirken, die Raps dabei aber eher auf- als abwerten.

Auch auf dem dritten Album Ektoplasma klingt das dann oft, als wären Bilderbuch am Set von Saw gelandet, in dessen Stahgefängnis Folterelemente wie überproportional eingesetzte Autotunes und selbstreferenzielle Doublebassgewitter um Fluchtwege kämpfen. Wenn erstere überwiegen, wird das dann zu einer etwas seifigen Trapvariante, wenn es letztere tun, ist das Produkt aus dem Studio von KCVS eines der unterhaltsamsten Mash-ups unserer mixfreundlichen Zeit.

Grafi – Ektoplasma (Geistermusik)

Sleaford Mods

Was willste machen: Du hörst Sleaford Mods und kriegst die übliche Drones ins Unterbewusstsein gedrückt. Du hörst Sleaford Mods und hast wie seit zwölf Jahren schon Jason Williamson skelettierte Übellaunigkeit vor Augen. Du hörst Sleaford Mods und kaufst dem Bierdosenmastermind Andrew Robert Lindsay Fearn am Kassettendeck die Langeweile nicht ab. Du hörst Sleaford Mods und verstehst mal wieder bestenfalls die Hälfte. Du hörst also Sleaford Mods und alles klingt bekannt, was beim Raritätensampler All That Glue auch kein Wunder ist. Nur: alles ist eben auch wieder absolut grandios.

Das elfte Album seit der Gründung und Nummer 6 nach dem Durchbruch mit Austerity Dogs kriecht gewohntermaßen durch die Abgründe ihrer aufgewühlten Systemverachtung und knetet dabei den ewig gleichen Teig aus Bass, Beat, Industriesound ins Unterbewusstsein, bis man sich damit in irgendein sauerstoffloses Kellerloch wünschst, um darin kollektiv zu dehydrieren. Oder in diesem Fall: loslaufen, All That Glue kaufen, Vinyl auflegen, durch die Wohnung hüpfen, ins Regal stellen, aufs nächste Album warten und alles wieder von vorn. Es ist eine Sucht. Die beste unserer Tage.

Sleaford Mods – All That Glue (Rough Trade)

Jerry Paper

Weil die Welt in dieser verstörenden Zeit nicht nur verstörende Musik braucht, sei hier ausdrücklich auf Jerry Paper hingewiesen. Nicht dass sich der popmusikalische Avatar des Songwriters Lucas Nathan aus L.A. irgendeiner Form von vorgestanzter Harmonielehre verpflichtet fühlen würde, im Gegenteil. Aber das neue Album namens Abacadabra ist genau das, was der Titel verheißt: ein kleiner Zauberzylinder, aus dem Jerry Paper verschieden große Popstrukturen zieht, die seltsam vertraut klingen und doch völlig neu sind.

Textlich im Niemandsland elaborierten Wahnsinns zwischen Partherapie für Singles und Drogentrips ohne Rauschgift, wird man davon geschmeidig eingelullt. Wann immer Jerry Paper seine fünfköpfige LoFi-Bigband mit wattiertem Gesang über lässigen Bullshit sediert, entsteht eine Ballsaalatmosphäre, die alleine im Wohnzimmer ebenso gut funktioniert wie unter Leuten im Beachclub. Weil letzteres gerade schwieriger ist als ersteres, kann man Abracadabra also nur wärmstens empfehlen. Der nächste Shutdown kommt bestimmt. Machen wirs uns gemütlich.

Jerry Paper – Abacadabra (Stones Throw Records)


Sharratt/Kom, Car Seat Headrest, Joan Wasser

Ariel Sharratt & Mathias Kom

Ti-Ming is not a city in China. Klingt abgeschmackt, passt aber aufs neue Album des urbanen Folkduos Ariel Sharratt & Mathias Kom, das mit Never Work den Soundtrack zum 1. Mai liefert. Ihr betörend unspektualärer Doppelstimmengesang aus der Tiefe eleganter Ödnis klingt rein musikalisch zwar viel zu lieblich für die revolutionäre Erhebung am Kampftag. Inhaltlich aber stammen die dadaistischen Texte aus den Ecken siutationistischer Persiflage: wunderbar aufrüherisch, ohne Wut zu schnauben.

Wenn die zwei New Yorker in Rise up Alexa die Computerstimme der Ausbeutungskrake Amazon zur Selbstbefreiung auffordern oder ihrem Blockwart Bezos in Two Jeffs lyrisch die Leviten lesen, rieselt Goldstaub aus jedem der zehn Stücke. Und weil die Künstler*innen dahinter beschwingt vor sich hin plappern, als wären sie The Moldy Peaches, kann man sich mit seinem Hass auf die Verhältnisse herrlich dazu in die Hängematte legen und dem Untergangs mit Bier in der Hand entgegendösen.

Ariel Sharratt & Mathias Kom – Never Work (BB*Island)

Car Seat Headrest

Will Toledos Leben als Songwriter ist auch, wenn es gelegentich so scheint, kein richtiges im falschen, sondern ein verzögertes im zeitgemäßen. Knapp ein Dutzend Platten lang ackert sich der Solokünstler aus dem Grungedorado Seattle abseits großer Bühnen als heimliche Wiedergeburt von Peter Gabriel ab und hat dafür Songs kreiert, die besonders in der Bandformation Car Seat Headrest klingen, als krieche dessen Avantgardepop in einer defekten Zeitmaschine vorwärts.

Auch auf der neuen Platte Making A Door Less Open gießt Peter Toledo ein Dressing aus Beck’schem Sprechgesang über kafkaesken Radiohead-Salat, das für HipHop zu desinteressiert ist und für Rock offenbar zu faul. Weil das Album aber in zwei Schritten erst analog, dann digital erstellt und sodann wild verrührt wurde, ist die ausgestellte Anteilnahmslosigkeit der maximalste Minimalpop dieser Zeit, scheinbar schüchtern, schillernd schön.

Car Seat Headrest – Making A Door Less Open (Matator)

Joan As Police Woman

Alles Attribute, die nicht nur auf Joan Wasser zutreffen, sondern förmlich für sie gemacht zu sein scheinen. Nahezu alles, was sie seit ihrem Debüt als Joan As Police Woman vor 15 Jahren macht, ist schließlich in aller Zurückhaltung schillernd schön. Und das gilt sogar dann, wenn die gelernte Violinistin aus Maine auf eigenem Label die Stücke anderer interpretiert wie zuletzt 2009, auch das ein kleines Meisterwerk. Wie jetzt Cover Two.

Dass sie nicht nur gut kopiert, sondern neu interpretiert, ohne den Wesenskern der Originale zu verleugnen, zeigt bereits der Opener Kiss. Als Cover vom Cover schimmert die flamboyante Version des seligen Prince zwar hindurch, gibt aber auch der Urversion von Tom Waits Raum und verbindet beides zu dekonstruktivem Postpop, der auch aus den Variationen von Blur über TalkTalk bis hin zu Outkast oder The Strokes spricht: Unverkennbares Rohmaterial, mit Frischwasser vermischt.

Joan As Police Woman – Cover Two (Sweet Police)


Hans Unstern: Kratzpop & Diven-Harfe

Für mich sind das Popsongs

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Beim Hans Unstern lässt sich das schwer beantworten. Vom poetischen Kammerspieltechno über die Band bis hin zum Geschlecht des Berliners Avantgardekünstlers bleibt alles im Ungefähren, seit er 2010 mit Kratz dich raus sein Debüt veröffentlicht hat. Jetzt kommt sein viertes Album Diven (staatsakt) heraus, in dem er wieder permanent mit Stil, Identität und einem Instrumentarium selbstgebauter Harfen spielt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Hans Unstern, wie viel hat Musik aus Ihrer Sicht mit westlich geprägter Harmonielehre zu tun und wie wenig mit dem Kosmos an Tonabfolgen, die sich jenseits davon abspielen?

Hans Unstern: Ich finde es schön, alle mich umgebenden Geräusche als Musik wahrzunehmen. Ich sitze im Hinterhof und höre das Konzert der Amsel im Rauschen der Silberpappel zu den Motoren-Sounds von der Straße und den Stimmen der Nachbar*innen am Balkon. Und plötzlich brummt eine Hummel an meiner Nase vorbei. Hier wird komponiert. Ich glaube in diesem Wahrnehmen spielen immer auch verinnerlichte Harmoniefolgen mit, aber auch Neue Musik und Improvisationserfahrungen. Gleichzeitig hat all das in solchen Momenten keine Bedeutung.

Heißt das bezogen auf Diven, die Musik widersetzt sich bewusst der formalistischen Sicht auf Kompositionen mit dem Ziel, das Strukturbedürfnis des Publikums, dessen Suche nach Halt in Abfolgen von Strophe, Chorus, Refrain zu unterwandern?

Für mich sind das Pop Songs, die wie ein Kunstlied oder eine Ballade eine Geschichte erzählen. Das Arrangement auf der Harfe ergibt sich aus diesem Storytelling und seiner Dramaturgie. Und aus der fortlaufenden Wucherung einer Klang-Sprache, bei der ich neben meinen eigenen auch immer an den losen Fäden anderer Musiker*innen weiter stricke, knüpfe, häkle.

Welche zum Beispiel?

Ich höre da ganz deutlich, wo Alice Coltrane, Joanna Newsom, Lana del Rey, Laurie Anderson oder Mykki Blanco mitklingen. Aus diesen Verwachsungen entsteht dann aber immer etwas, das für sich steht, mit einem eigenen Bogen. Aber ich versuche nichts zu unterwandern. Zuerst kommt bei mir immer ein Text, der dann nach einer Musik fragt. Und die Komposition und die Klänge sind die Antwort darauf. Die Texte können das immer ganz gut sagen, welcher Klang zu ihnen passt. Die Klänge und Abfolgen sind mir vollkommen einleuchtend, sie wurden von den Texten gerufen und sind ihre Gefährt*innen.

Sie sind also ein Poet, der letztlich Gedichte vertont?

Ich bin Dichter und Musikerin. Mich interessiert die Kombination.

Wenn Sie „ich“ sagen und dabei zwischen „Dichter“ und „Musikerin“ differenzieren – welche Identität, welches „Ich“ ist damit gemeint?

Ich bin Vielzahl. Ich dehne meine Identität. Ich brauche Selbstauslöser*innen um ein Selbst zu konstruieren. Hans Unstern puzzelt sich zusammen.

Heißt das, die irritierende Vielfältigkeit deiner Musik ist Ausdruck deiner vielfältigen Identitäten, in denen ja auch Geschlechterzuweisungen keine Rolle spielen?

Vielleicht hat das einen Zusammenhang. Einen Plan dazu gibt es jedenfalls nicht. Mich interessiert das Werden weit mehr als das Sein.

Erzogen wurden Sie aber als das, was heutzutage Cis-Gender genannt wird, also mit dem sozialen Geschlecht des Mannes?

Ich finde die Praxis, Geschlechter bei der Geburt eindeutig in eine der beiden Schubladen zu stecken, die der Mainstream erlaubt, eine gefährliche Vereinfachung. Ich will, dass die Unendlichkeit der Geschlechter ernst genommen wird.

Die Doppeldeutigkeit des letzten Diven-Titels Cis, den mal als soziales Geschlecht oder Musiknote deuten kann, ist aber schon gewünscht?

Es ist schön, dass Sie beides darin hören. Schon, weil ich mich immer freue, wenn die Leute sich ihren eigenen Reim auf meine Texte machen.

Was hat es dann mit dem Ticken auf sich, das den Song durchsetzt – ist damit die Zeitbombe toxischer Männlichkeit beschrieben, deren ablaufende Uhr oder interpretiere ich die Metaphorik Ihrer Kompositionen damit heillos über?

Auch ich entdecke in meinen Songs gelegentlich noch Seiten, die mir anfangs gar nicht bewusst waren. Das ist ja gerade das Spannende, oft Magische an Musik.

Welche Rolle spielen bei dieser Interpretationsoffenheit Instrumente, die Sie im Fall von Diven sogar selbst entworfen und gebaut haben?

Eine große. Das hat während der Produktion des zweiten Albums angefangen. Schon damals hat mich etwas an der Harfe magisch angezogen. So haben Simon Bauer und ich erste Harfen gebaut und das Instrumentarium erweitert. Gut sieben Jahre später, mit ausschließlich selbstgebauten Harfen auf der Bühne, fühle ich mich so wohl wie nie im Scheinwerferlicht. Wie anstrengend es war, sich zu verstecken! Mit Gitarre in der Hand war die Suche nach einem Versteck stets meine Reaktion. So wie die Kompositionen bei mir Resultat der Texte sind, sind sie es nun auch von der Beschaffenheit der Harfen, die teils mit Hubmagneten und Robotern ferngesteuert werden.

Kybernetischer Pop.

Nicht Kybernetik. Aber Aleatorik, also Kompositionsprinzipien, die auf Zufall basieren. Das Arrangement für den Song Keine Zeit zum Beispiel entstand bei einer Improvisation mit der akustischen Harfe, zu einem schmatzenden, meditativen Beat, der sich aus rhythmischen Figuren zusammensetzt, die im Sequenzer vom Zufallsgenerator aneinandergereiht werden. Für die Klangformung des Beats verstärkte Simon Bauer die mechanischen Geräusche der Relais, die die Impulse zum Auslösen der Hubmagnete an die Metallharfe schicken. Statt dieses Klicken als Störgeräusche wahrzunehmen und zu versteckten, betrachteten wir es als Ausgangspunkt für das Arrangement des Songs.

Das klingt fast, als spielen die Instrumente euch statt umgekehrt.

Als die V-Harfe zur Maschine wurde, wollten wir ihr zumindest viel Autonomie geben. Sie ist nicht nur befehlsempfangende Klangerzeugerin, wie wir es von anderen Orchester-Apparaturen kennen, sondern gibt uns gleichermaßen Befehle mit Arbeitsanweisungen zurück. Wir bedienen die Maschine also in zweierlei Hinsicht. Einmal in Gang gesetzt, werden wir zu Fließbandarbeiter*innen, gefangen im laufenden Produktionsband der Maschine.

Habt ihr das vor der Schließung sämtlicher Konzertsäle schon mal live erprobt?

Es gab letztes Jahr ein paar Testkonzerte. Und mit dem fertigen Album kriegen wir es hoffentlich an einen Punkt, damit auf Tour zu gehen. Wir versuchen immer die Instrumente fürs Publikum zugänglich zu machen. Bislang hat das Publikum mit interessierter Neugierde auf die Harfen reagiert. Aber das steht im Moment ja nicht so an…

Wobei wir es jetzt geschafft haben, im April 2020 ein ganzes Interview ohne das böse C-Wort zu führen.

Toll, ja. Belassen wir’s doch dabei.

Das Interview ist vorab beim Musikblog erschienen.

Malena Zavala, The Rhymes, Fiona Apple

Malena Zavala

Culture Clash ist ein Kampfbegriff, der die tendenzielle Unvereinbarkeit verschiedener Kulturkreise aus kulturpessimistischer Perspektive beschreibt. Bei zwei wie denen aus Argentinien und UK könnte der Zusammenprall da schon wegen der kriegerischen Vergangenheit um die Falkland-Inseln also kaum größer sein. Ach wie gut, dass es den Pop gibt, mit seiner enormen Saugfähigkeit samt der Eigenart, Differenzen gleichsam unsichtbar und präsentabel zu machen – schön vereint in Malena Zavala, der argentinischen Tochter italienischer Eltern aus dem ziemlich englischen Hertfordshire.

Ihr zweites Album La Yarará ist ein Mashup beider Biografien, und nein – sie vermischt darin weder Tango noch Britpop. Das Geheimnis dieser cremig gerührten Emulsion aus Südamerika und Nordeuropa ist, dass die Bestandteile eher atmosphärischer als formalistischer Natur sind. Klar, Malena Zavala singt abwechselnd Englisch und Spanisch. Aber die Einflüsse scheinen oftmals eher afrikanischer, karibischer, mittelwestlicher Natur zu sein. Das Auftaktstück What if I klingt daher ein bisschen, als habe sich Madonna mit Sade zum Früchtetee in der Cumbia-Disco verabredet.

Malena Zavala – La Yarará (Yucatan)

The Rhymes

Ob es am Mangel lateinamerikanischer Einflüsse liegt, dass ausgerechnet die winterdunkelheitsgeplagten Menschen in Schweden eine Art Britpopgen im Chromosomensatz haben? Tatsache ist: seit Abba den Pop einst endgültig zum Milliardenbiz machten, scheint er ohne skandinavischen Einfluss kaum vorstellbar – zumindest, solange er sich sein heimisches Ideom verkneift, mit dem selbst Abba anfangs nur lokalen Erfolg hatten. The Rhymes heißen demnach nicht nur so, sie singen auch auf Englisch, und das in einer Weise, die wie so vieles dort spielend britischen Ursprungs sein könnte. Sie kommen aber nun mal aus Uppsala.

Umso weniger muss man acht One-Two-Three-Four-Überwältigungsharmonien für die Neuerfindung des Gitarrenrocks halten. Dank der ergreifend zerriebenen Stimme des politisch aktiven Sängers Tomas Karlsson, der sich lange als Stadtrat für die Rechte seiner LGBTQ-Community einsetzte, durchweht das selbstbetitelte Debütalbum allerdings eine Androgynität, die sich auch im flamboyanten Bühnenoutfit jenseits genretypischer Breitbeinigkeiten widerspiegelt. Zusammen mit dem Stagedivepowerpop sorgt das für eine Indifferenz, in der selbst die saftigen Gute-Laune-Liebes-Lyrics nicht weiter stören.

The Rhymes – The Rhymes (The Rhymes REC.)

Hyle der Woche

Fiona Apple

Was, die gibt`s noch? Wer als Musiker*in so was zu hören kriegt, ist im besten Fall schon sehr lange im Geschäft, im schlechteren schon zu lange. Im Fall Fiona Apples kommt erschwerend die Frage hinzu: war die New Yorkerin nicht schon relativ bald nach ihrem Debüt als Teenager vor 25 Jahren leicht außer Mode? Mitte der Neunziger war ihr verschrobener Avantgardepop ja eher was für Feinschmecker als Schweinebratenfans, fiel aber in den Epochenbruch feministischer Infiltration des Rock’n’Roll, der im härten Segement von Riot Grrls betrieben wurde, im filigraneren von Heather Nova, Anni di Franco, eben Fiona Apple. Wer sich das neue Album anhört, merkt jedoch schnell: Es ist keinesfalls von gestern, im Gegenteil. Fetch The Bolt Cutters (Sony) klingt im Aufwind reaktionärer Populisten nach einem Sturm retrofuturistischer Selbstermächtigung, die nichts mehr braucht als den dekonstruktistisch jazzigen, hinreißend organischen Theaterpop von Kämpferinnen wie dieser.


Pigs, Everything is Recorded, Peel Dream Mag

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs

Wer in der Wohnung hockt, eingezwängt zwischen Corona, Klimakrise, beginnender Depression, möchte gewiss gern mal lauthals die Welt anschnauzen, so richtig nach Leibeskräften, übellaunig, vulgär und den Villenbesitzern und Klopapierhortern, Trumps und Orbans, den Adidas-CEOs und Fußballmillionären siebenmal zubrüllen, was für Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine sie sind, auf Englisch: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs. Der Name dieser britischen Hardocore-Band könnte zeitgenössischer kaum sein, vom Sound ganz zu schweigen.

Viscerals heißt ihr drittes Album, und wie die zwei ersten kommt es tief aus den Eingeweiden, wie sich ihr Titel ebenso übersetzen lässt wie mit “instinktiv” und “bauchgesteuert”. In ihrer Mischung aus Stoner, Punk und dronigem Doom verdunkeln sie ihren Gitarrenrock mit einem verwaschenen Metal, der manchmal an Kampfgeschrei, manchmal an Trauermärsche erinnert, aber immer schön angepisst und unversöhnlich klingt. Das macht PIGSx7 zur Band der pandemischen Kontaktlosigkeit. Wenn schon niemand mit mir mosht, moshe ich allein gegen die Wand.

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – Viscerals (Cargo)

Everything is Recorded

Weil brachiale Methoden manchmal aber auch brachiale Folgen nach sich ziehen, ist ein bisschen Harmonie im dystopischen Kopfsalat vielleicht auch nicht das schlechteste Krisendressing. Zumindest wenn sie wie beim britischen Indie-Label XL-Recordings nicht mit Belcanto gezuckert ist, sondern einer teils brillanten Mischung aus Eingang und Irrsinn, M.I.A. oder Prodigy. Mit ihr hat XLR-Chef Richard Russell voriges Jahr ein Studioprojekt initiiert, das von Kamasi Washington über Damon Albarn bis Syd und Giggs ein furioses Ensemble zusammenbrachte. Nun kommt der Nachfolger. Und auch oder wegen der geringern Prominenz ist er sogar noch besser.

Auf Friday Forever finden nämlich Stile zueinander, die zeitgleich auseinander driften und distanziert für Nähe sorgen. An der Seite von Stars wie Ghostface Killah oder Penny Rimbaud zelebrieren sie einen zerkratzt wütenden HipHop, der seinen Soul nicht aus dem Sahnetopf des R’n’B bezieht, sondern dem Bedürfnis alle Grenzen zu perforieren. Alternative Raps wie Walk Alone oder I Don’t Want This Feeling To Stop beziehen ihre angenehm aggressive Verspieltheit dabei jedoch nicht aus dem Bedürfnis, auf Teufel komm heraus zu mashen, sondern der Fähigkeit, dieses Verkleistern wie zufällig und doch versiert klingen zu lassen.

Everything is Recorded – Friday Forever (XL-Recordings)

Peel Dream Magazine

Es ist natürlich völlig verfrüht und schon logistisch unmöglich jetzt schon Durchhalteparolen auf Platte zu produzieren, aber das neue Album vom Peel Dream Magazine aus New York bringt die Stressresilienz dieser Stadt im Ausnahmezustand auch dann ganz gut auf den Punkt, wenn sie lange vorm Covid19-Ausbruch im Kasten war. Als wären Yo La Tengo und The Velvet Underground dem Friedhof der Popkultur entstiegen, um mit We Are Scientists und My Bloody Valentine auf dem Grabstein zu musizieren, zeugt Agitprop Alterna unablässlich von dieser unzerbrechlichen Kreativität einer unbeugsamen Stadt.

Watteweich mäandert der zerkratzte Dreampop von Joe Stevens und seiner Gastmusiker*innen durch den modernisierten Sixtiessound und macht ihn gleichsam gefällig und herbe. Fuzziger Gitarrenbrei vom Opener Pill mischt sich da fröhlich mit Psychowaveorgeln von Emotional Dvotion Kreator im Anschluss, während überall ein Easy Listening durch den gemischtgeschlechtlichen Gesang wabert, der niemals mühsam von Misstönen aus Keyboards und Saiten zersägt wird. Im Gegensatz zu den ersten zwei Plattentipps, kann man diesen hier also einfach so in sich reinlaufen lassen – und die Einsamkeit daheim ganz entspannt genießen.

Peel Dream Magazine – Agitprop Alterna (Cargo)


Chapelier Fou, Nova Twins, Peter Piek

Chapelier Fou

Im Zeitalter künstlicher Intelligenzen wirkt es fast konservativ, digitale Musik analog zu unterfüttern. Wer seinen Sound vorwiegend synthetisch kreiert, kann das schließlich auch mit klassischem Instrumentarium. Kann. Konjunktiv. Denn im Indikativ gewinnt die haptisch unterfütterte Elektronica von Chapelier Fou jene Wärme, jene Tiefe, jene Brillanz, die ihn von vielen seiner Koleg*inn*en unterscheidet und gleichsam ein Megatrend des Genres ist.

Mithilfe eines halben Orchesters von Mandoline übers Cello bis hin zur guten alten Gitarre, modeliert der verrückte Kapellmeisters aus Frankreich einen Sound, der trotz einer wahren Flut drumbegleiterter DJs seinesgleichen sucht. Auf der fünften Platte Mériediens vermengt der 36-Jährige somit technoide Klassik mit orientaliasch angehauchtem Synthpop zu einem Noisefolk, der übers Gehirn die Seele berührt und dort hängenbleibt. Wie ein Liebesrausch auf Drogen.

Chapelier Fou – Méridiens (Ici,d’ailleurs)

Nova Twins

So ganz ohne Umweg durchs Gemüt macht sich der brachiale Electropunk von Nova Twins am gesträubten Nackenhaar vorbei auf den Weg in die Magengrube und räumt darin mal kräftig auf. Wenn das Debütalbum des Londoner Duos im Titel Who Are The Girls? fragt, geben sie die Antwort zehn Stücke lang eindeutig jenseits aller Harmonielehren und -bedürfnisse. Denn Georgia South und Amy Love sind jene Mädchen, die uns die Nüchternheit aus dem Gehirn blasen.

Mit Bass und Gitarre machen die beiden nachdrücklich zertrümmert von namenlosen Drums eine Art Noiserap, der irgendwo zwischen The Prodigy oder Skunk Anansie lärmt und dabei herumbrüllt wie HipHop im Technokellerclub. Das Energetische daran besteht allerdings nicht allein im Sägewerk wütender Akkorde; es ist Amy Loves dissonanter Gesang, der mal apokalyptisch, mal engelsgleich die analogen Breakbeats zerschreddert. Das Album der Woche für die Laune des Jahres: mies, aber kraftvoll.

Nova Twins – Who Are The Girls? (Fever 333’s)

Peter Piek

Weniger Gitarre ist mehr – was bei den Nova Twins nicht mal die Pausen zwischen den Tracks korrekt umschriebe, ist bei Peter Piek seit neuesten Programm. Auf den ersten vier Platten nämlich standen die vielschichtigen Riffs des Leipziger Alleinunterhalters aus der Popdiaspora Chemnitz klar im Vordergrund seiner avantgardistischen Electronica. Nummer fünf dagegen nutzt sie allenfalls noch zur Randbespaßung eines Sounds, der wie üblich fern aller Eingängigkeitskriterien aus dem Synthesizer quillt.

Der Produktionslegende nach begibt sich The Time Travelling dabei auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Peking, was man glauben mag oder nicht. Glaubhaft ist wie zuvor die Atmosphäre unbedingter Bewegungsfreude, mit der sich Piek durch die Landstriche des künstlichen Mashups wühlt. Während die Singleauskopplung Summer Holiday fast schon westcoasfolkig ihr Handtuch am Urlaubsstrand drapiert, erinnert 1989 zuvor mit halligem Gesang und Wave-Elementen an den Fempunk der Neunziger. Alles nicht neu, alles schick anzuhören.

Peter Piek – The Time Travelling (What We Call)


Messer, Sons, Ätna

Messer

Miese Laune hat einen, besser: Dutzende Namen. Sie reichen von Dark Metal bis Gothic, von The Fall bis The XX, von Melodram bis Moll. Alles oft zu sperrig, öde, zu verkopft, um beim Hören nicht hirntot vom Grabstein zu fallen. Um aus dieser miesen Laune auch gute Musik zu machen, ist es daher ratsam, sie hübsch einzupacken, ohne sich dem hedonistischen Zwang zur guten Stimmung anzubiedern. Und das beherrscht hierzulande kaum eine Band besser als, sorry für den lustigen Reim: Messer. Seit ihrem Debütalbum vor acht Jahren schon.

Auch damals wirkte der elaborierte Schwermut des Quartetts aus Münster zwar aufrichtig ernüchtert, aber nie verzagt. Wenn Hendrik Otremba gleich zum Auftakt der vierten Platte nun haucht, “Es gibt kein Happy End” und von Wolken am Himmel singt, mag die Sonne dahinter also verborgen sein, aber nicht negiert. Denn mit schrillen NDW-Gitarren der Marke Ideal und proklamatischem Mehrfachgesang drüber, räumt No Future Days die Übellaunigkeit der untergründigen Übellaunigkeit resolut ab und macht daraus eine Art Wavefunk mit Orgelbegleitung. Das ist und bleibt die klügste Versuchung, seit es Postpunk gibt.

Messer – No Future Days (Trocadero)

 

Sons

Wie blendend die Laune im Kontext mieser Vibes sein kann, zeigen dagegen die Alternativerocker SONS, deren Bandname eigentlich so derart bescheuert ist, dass man den Eigensinn ihrer flächigen Klanggewitter darunter glatt vergessen könnte. Wer sich das Mackerhafte der Oberfläche allerdings kurz mal wegdenkt, erblickt im psychedelischen Noise des belgischen Männerquartetts eine Eleganz, die zwar ohne weiblichen Anteil auskommen muss, aber Null Raum für Geschlechterdebatten jeder Art lässt.

Daheim bereits vor knapp einem Jahr und nun endlich auch hierzulande erschienen, drischt Family Dinner zwar beherzt in die Saiten. Sie hängen allerdings nicht wie im Schweinrock üblich auf Eier-, sondern buchstäblich auf Herz- und Hirnhöhe. Es gibt also reichlich Adrenalin im brachial verzerrten Gitarrensound der Sons, was ihr potenzielles Publikum betrifft gewiss auch ein wenig THC, aber trotz allem kein Testosteron. Dafür ist das Psychosurfelement am Übergang zum Punkrock zu vordringlich. Und zu gut.

Sons – Familiy Dinner (Popup)

Ätna

Aus Dresden kommen bekanntlich vorwiegend Horrornachrichten. Wenn der Faschismus dort nicht gerade das nächste Ermächtigungsgesetzt vorbereitet, wird die Stadt wahlweise geflutet, verbaut oder sonstwie missbraucht. Schon deshalb ist es wichtigt, den vernunftbegabt Aufrechten vor Ort alle Aufmerksamkeit zu geben. Etwa in Gestalt des Popduos Ätna. Kurz, nachdem die spanisch-jüdische Schweizerin Inéz zum Studieren dorthin gezogen ist, hat sie nämlich das westdeutsche Landei Demian getroffen, um die lokale Partyszene mit einem kleinen Vulkanausbruch aufzumischen.

Das Ergebnis ist ein avantgardistischer Cocktail aus Synths und Drums, aufwühlendem Gesang und emanzipierten Lyrics, der stimmlich ein bisschen an M.I.A. erinnert und atmosphärisch an Atari Teenage Riot – nur sehr viel tanzbarer, strukturierter, weniger wütend. Manchmal ein wenig weltmusikalisch angehaucht, ist das Debütalbum Made by Desire demnach glaubhaft innerer Leidenschaft entsprungen, die in ihrer Vielschichtigkeit hingebungsvoll den Pop durchdekliniert, ohne beliebig zu werden. Kleiner Lichtblick aus der dunkelsten Ecke Deutschlands.

Ätna – Made by Desire (Humming Records)


HMLTD, La Roux, Bambera

HMLTD

Nein, man soll neue Bands nicht dauernd mit alten vergleichen, womöglich gar wertend. Neue Bands sind neue Bands und alte sind alte, aber wenn eine neue sehenden Auges so vertraut klingt wie HMLTD, dann kommt man ohne ein paar Analogien kaum aus. Das Londoner Quintett um den Sänger Henry Spychalski klingt also leicht nach The Scientist auf einer Überdosis Human League oder besser noch: Joe Jackson im Folterkeller von Marilyn Manson. Darüber hinaus allerdings ist ihr Debütalbum West of Eden absolut einmalig.

Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es angeblich über fünf Jahre daran getüftelt hat, bis der experimentelle Kunstrock in all seinem überfrachteten Facettenreichtum aufgebläht genug für die Platte der Woche war. Alles daran – vom stimmlichen Pathos über die griechisch-mythologischen Lyrics bis hin zur instrumentellen Vielfalt – wirkt wie absurdes Poptheater mit einem Hauch von Alternative Country und Psychobeat. Grandios aufgeplustert. Und beispiellos gut.

HMLTD – West of Eden (Luke Number Music)

La Roux

Ein bisschen aufgeplustert ist auch die rundum wunderbare Elly Jackson, seit sie gemeinsam mit dem Produzenten Ben Langmaid 2009 als La Roux aus dem Schatten kleiner Clubs ins Rampenlicht der Charts trat. Anfangs hatte ihr funkiger Synthiepop allerdigs noch eine Grundmelancholie, die zwar nie in Schwermut mündete, aber diesen Hauch getragener Eleganz enthielt, der schon dem selbstbetitelten Debütalbum Zeitlosigkeit verlieht. Drei Platten später nun haben sich die Achtzigerjahre endgültig aus ihrem Post-Wave verabschiedet. Man könnte das nun beklagen, man kann es aber auch einfach feiern.

So etwa, wie sich der Operner 21st Century mit einer nostalgischen Orgelpeitsche feiert, die den Doppelgesang der Britin ähnlich zerteilt wie ein paar slappige Gitarrensamples das Schlüsselstück International Woman of Leisure, in dem sie mit etwas mehr Wucht als Wut, aber angemessen trotzig die männlich geprägten Machtstrukturen des Entertainments zerlegt. Und so bleibt Supervision trotz aller Leichtigkeit im Sound das, was La Roux seit jeher liefern: Effektvoller Selbstbehauptungspop für eine Welt jenseits tradierter Geschlechterklischees.

La Roux – Supervision (Supercolour Records)

Bambara

Nicht ganz so genderneutral, aber dadurch kaum weniger eindrücklich sind Bambara aus New York, die seit ihrem Debütalbum vor sieben Jahren vom gesamten Feuillton jenseits mainstreamaffiner Bewertungskriterien konequent gefeiert werden. Ihr Postpunk ist aber auch echt maximal invasiv. Denn so wenig Struktur er auch auf der neuen Platte Stray offenbart, so tief dringt sein psychedelischer Noise ins Gemüt ein und irrt dort auf der Suche nach Halt ein bisschen wie die Swans mit weniger Bombast herum, ohne je fündig zu werden.

Und vielleicht zieht der Barition des schwarzgekleideten, schwarzbeseelten Sängers Reid Bateh den Trübsinn dabei weniger aus Avancen an den Avantgarderock der späten Siebziger, vielleicht findet er sie stattdessen auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs seiner Heimat Georgia, die vor fast 160 Jahren ähnlich verwüstet wurde wie es die polarisierte Kommunikation der USA heute wieder einzuleiten scheint. Vielleicht sind die dunkeldüsteren Klanggewittert aber auch nur Ausdruck dunkeldüsterer Stimmungsschwankungen, die zum Glück nicht im Suizid enden, sondern herausragendem Artrock.

Bambera – Stray (Cargo)


Dan Deacon, Squarepusher, Squirrel Flower

Dan Deacon

Als Robert Moog den Synthesizer vor gut 50 Jahren zu dem gemacht hat, was er bis heute ist, hatte er vermutlich nicht den analogsten Schimmer, wer damit bis tief in unsere Gegenwart hinein was genau machen würde. Aber falls Moog eine Art emblematischen Sound im Sinn hatte, dürfte er dem von Dan Deacon nah sein. Der Alleinunterhalter aus Baltimore kreiert schließlich nicht nur, aber vor allem per Synthie elektronphone Klangkaskaden, die alles aus ihm heraus holen, was er zu zaubern vermag.

Denn nach allerlei Filmscores und Kooperationen bis hin zu den L.A. Philharmonics, kehrt der 40-jährige Supernerd auf seiner sechsten Soloplatte zum Ein-Personen-Orchester zurück, das sein virales Spiel mit Samples, Footage, Harmonien und endlich mal einer Stimme unterfüttert, die zwar nicht singt, aber wie ein Instrument funktioniert. Das Ergebnis von Mystic Familiar ist eine Art sinfonisch aufgeblasener Jean-Michel Jarre im Whirlpool des Dadapop. Anders ausgedrückt: Klangvoller Irrsinn für Weltraumreisende mit Stil.

Dan Deacon – Mystic Familiar (Domino)

Squarepusher

Dass auch gestandene Techno-Wizzards zuweilen den Weg vom binären Code zurück zum analogen Signal gehen, zeigt der britische Produzent und DJ Thomas Jenkinson alias Squarepusher. Nach fast 25 Jahren  elaboriertem Hochgeschwindigkeitskrach auf einschlägigen Festivals und Clubbühnen, kehrt er nun zu den Wurzeln elektronischer Musik zurück und schafft es seinen Drill’n’Bass dabei sogar noch zu beschleunigen – nur klingt es nicht schneller, sondern klüger.

Während sich die ersten zwei Tracks seines 18. (!) Studioalbums Be Up A Hello dabei noch ein wenig in die eigene Vielfalt verlieben, hämmert der Mittvierziger fortan einen Cyberpunk aus den Reglern, der beim Hören alle Synapsen durcheinander bringt und gerade darin für Ordnung sorgt. Das Ergebnis ist eine Art Acid-Math, als würde ein Wissenschaftler komplexe Formeln nicht schreiben, sondern drummen. Kein Album für daheim, aber eins für Connaisseure des technoiden Wahnsinns.

Squarepusher – Be Up A Hello (Warp)

Squirrel Flower

Betrachten wir es mal nüchtern: Die Lücke, die Bands wie Velvet Underground oder Sonic Youth im Alternativerock gerissen haben, ließ und lässt sich wohl niemals ganz schließen. Ihre filigran geschredderte Weltverachtung, eingehüllt im Glanzpapier nihilistischer Arroganz: als daraus erst Protopunk, dann Punk, zuletzt Postpunk wurde, geriet die gediegene Langeweile der Gitarrenmusik meistens nur langweiliger, nicht gediegener. Und ehrlich: auch Ella O’Connor wird daran nichts ändern.

Unterm Projektnamen Squirrel Flower ist die Songwriterin aus Boston allerdings immerhin ein trübes Licht am dunklen Horizont. Der musikalische Missing Link zwischen 1960ern und 2020ern, dass man auch heutzutage ganz ohne Pathos melodramatisch sein kann und dabei doch nicht weinerlich klingt. Mit ihrem distanziert blechernem Gesang und einer Gitarre wie eiskalter Sprühregen ist das Debütalbum I Was Born Swimming die perfekte Anleitung zum Weltschmerz mit Lebensfreude.

Squirrel Flower – I Was Born Swimming (Full Time Hobby)