Rikas, Golden Dawn Arkestra, Kummer

Rikas

Wer würde nicht, Hand aufs Herz, auch gern mal die Katastrophenlage vor der Tür vergessen und sich einfach mit dem Langstreckenflieger first class auf die Bahamas verkrümeln, um – Pina Colada zur Linken, Lovetoy zur Rechten – dem karibischen Eskapismus deluxe zu frönen, statt freitags gegen die Apokalypse zu demonstrieren oder noch anstrengender: an der Siegessäule Haupverkehrsadern zu besetzen? Aber weil das natürlich nur die Dümmsten unter den Ignoranten unserer absurden Welt machen, muss man sich andere Wege zur kleinen Realitätspause suchen. Zum Beispiel die der Fluchthelfer Rikas.

Die ehemalige Schülerband aus der metabürgerlichen Feinstaubhölle Stuttgart kredenzt auf ihrem Debütalbum Showtime einen zuckrig süßen Popcocktail, der uns irgendwo zwischen Friedrich Sunlight und Paul Simon, Laid Back und Phoenix so unwiderstehlich in die Hängematte zieht, dass der PR-Slogan “Swabian Samba” Substanz erhält. Wenn wattierte Funkgitarren zu englischem Gaga-Nonsens durch die Feuchtgebiete ethnisch angedickter Strandpartysounds wehen, rutscht einem der nächste Terroranschlag kurz den Buckel runter und hinterlässt uns fröhlich sediert wie MDMA auf Sekt Mate. Tschüss Wirklichkeit, bin gleich wieder da.

Rikas – Showtime (Sony)

Golden Dawn Arkestra

Die Wirklichkeit unserer Gegenwart verabschiedet sich auch aus dem neuen Album des texanischen Golden Dawn Arkestra – wenngleich auf kantigere Art und Weise wie bei den Rikas. Für Darkness Falls on the Edge of Time hat sich das Kollektiv von bis zu 20 Musiker*inne*n aus Austin zwar ebenfalls auf Spurensuche im musikalischen Überall begeben, ist dabei jedoch weniger im Funk fündig geworden als auf dem staubigen Asphalt eines Roadmovies der späten Siebziger, das ein paar durchgeknallte Japaner scheinbar mit ein paar noch durchgeknallteren Hippies auf amerikanischen Highways eingespielt haben.

Schon die Single-Auskopplung Mama Se: Fiebrige Westernriffs tropfen über hypnotischen Chorgesang, als sei beides auf der Flucht voreinander und gleichsam auf der Jagd. Und der verschwitzte Dunst, den das Kleinorchester bei seinen viel umjubelten Live-Auftritten erzeugt, wabert auch aus der Box, wenn Allo Allo Boom im Anschluss den Postpunk der frühen Achtziger mit Bigbandpop vom Anfang dieses Jahrtausends, in die sich zwischendurch immer wieder peitschende Bläsersequenzen und afrikanische Rhythmen mischen. Nostalgie als Soundtrack des Wahnsinns. Herrlich!

Golden Dawn Arkestra – Darkness Falls on the Edge of Time (13 A Records)

Kummer

Was der deutsche HipHop braucht, um aus dem Klammergriff von gernegroß und gerneklein, Gangsta-Arroganz und Alternative-Gestus zu kommen? Die Antwort ist unterkomplex: Weniger Machismo und Autotune, mehr Bedeutung und Felix Brummer. Der – so sagt man das eben: charismatische Sänger der Chemnitzer Rockband Kraftklub hat nämlich ein Solo-Album aufgenommen, das allen Ernstes dazu geeignet ist, dem hiesigen Sprechgesang frische Luft in die diesigen Hallräume zu blasen.

Es heißt KIOX, ist angeblich zunächst nur im gleichnamigen Pop-up-Store seiner gespaltenen Heimastadt zu kriegen und von einer empathischen, selbstreflexiven, konsumkritischen, aufwühlenden Wut, mit der man wirklich noch Herzen und Hirne bewegen kann. Umringt von minimalistischen Samples, dunklen Drones, bisschen Trap, bisschen R’n’B lautet das Versprechen des Openers Nicht die Musik, “ich mach Rap wieder weich / ich mach Rap wieder traurig”. Das tut er mit vielschichtig präziser Poesie und viel Gefühl für inneren Aufruhr mit Außenwirkung.

Kummer – KIOX (Beat the Rich)


O.T.T.O., Velvet Volume, D I I V

O.T.T.O.

Kennt noch irgendwer Franz Lambert? Mehr als 100 Platten hat er in mittlerweile 50 Jahren eingespielt, und jede davon ist ein kleines Wundwerk wortloser Redseligkeit. Legendar, wie der Hesse allein mit sich und seiner Hammondorgel Klangteppiche wob, die zu mit dem Publikum zu sprechen scheinen. Ebenso legendär ist es allerdings, wie biedermeierblöde sie dabei meist klangen. Als Messlatte für gediegen verstiegenen Instrumentalpop taugt Franz Lambert also nur bedingt. Es sei denn, er rührt noch The Alan Parsons Project mit einer Prise Air unter.

Dann nämlich klingt der Sound verstaubter Heimmorgeln mit Synthybegleitung, die unwesentlich jünger sind als Franz Lamberts Karriere, ungefähr wie das Over The Top Orchestra, kurz: O.T.T.O. Denn auf ihrem elektrisierend pulsierenden Debütalbum gleichen Namens zaubern die zwei süddeutschen Nostalgiker Alexander Arpeggio und Cid Hohner Soundgespinste aus dem Vintagepark, der schwer nach klassischer Retromusik aus der Zukunft klingt oder noch treffender: dem Soundtrack eines SciFi-B-Movies der Siebziger, zu dem sich 2019 famos swingen lässt.

O.T.T.O. – Over The Top Orchestra (bureau-b)

Velvet Volume

Von den drei Schwestern Velvet Volume gibt es dagegen von Anfang an ziemlich aufs Mett. Und das auf eine Art, die zwar ebenso wie O.T.T.O. sehr nostalgisch klingt, aber doch zwei, drei Jahrzehnte jünger. Schließlich wurzelt das Debütalbum des dänischen Trios spürbar in den Neunzigern, als Postpunk mit Grunge zu einer rabiaten Form des Alternative-Rock verschwammen, den die Riot Grrrls jener Tage um viel feministische Sozialkritik erweitert haben.

Die Special Edition von Look Look Look! inklusive zweier Bonustracks ist zwar etwas weniger politisch als ihre Vorfahrinnen von Sleater-Kinney bis Team Dresch; ihr Furor allerdings klingt ebenso virtuos wütend. Dass sich Velvet Volume dank der bauchgrummelnd verzerrten Gitarre von Sängerin Noa zu Natajas grungig verzögerten Drums spielend an den Bühnenmackern jener Tage messen lassen können, ist da schon keiner Erwähnung mehr wert. Ein virtuos ruppiges Hardcore-Album.

Velvet Volume – Look Look Look! (Network Music)

D I I V

Gleiches Zeitalter, ähnlicher Ansatz, nur von männlicher Seite: Auf ihrem mittlerweile dritten Longplayer mischen die Kalifornier D I I V flächig aufgerauten Rock mit Engelsstimmen und taugen damit exakt so zur Verstörung tradierter Stereotypen von Geschlecht und Zuschreibung wie Velvet Volume, nur halt mit mutiertem Chromosmensatz. Im Geschredder zweier Gitarren erinnert Zachary Cole Smiths Gesang schwer an Teenage Fanclub. Doch mit Referenzen allein ist D I I V nicht ausreichend beschrieben.

Dafür verschwimmen die zehn monochromen Tracks von Deceiver zu oft im Durcheinander dissonanter Töne, die bisweilen einfach nicht recht zueinander passen wollen und gerade dadurch oft hypnotische Kraft entfalten. In Stücken wie Lorelei oder Blankenship driftet der Sound dann manchmal fast ins Noisige ab, bis die Saiten schreien. Alles in allem ein Album von schiefer Geradlinigkeit, die gleichermaßen mitreißt und sediert.

D I I V – Deceiver (Cargo Records)


Moon Duo, Stefanie Schrank

Moon Duo

Und wenn das Leben da draußen mal wieder ruckelt und rumpelt, wenn die Welt aus den Fugen und alles durcheinander geraten ist, wenn Katastrophe auf Katastrophe folgt, von der jede für sich schon alles umzustürzen droht, was gewohnt und lieb gewonnen schien – dann hilft es womöglich, sich in ein abgelegenes Flussbett zu legen, gen Himmel zu blicken und vom Wasser umspült der Seele zuzuhören, ob darin noch ein wenig Platz für Besinnung ist. Falls allerdings gerade kein Fluss zur Hand ist: einfach in den Sessel setzen, zurücklehnen und das neue Album vom Moon Duo hören.

Zum siebten Mal nämlich hat die Psychoanalytikerin Sanae Yamada aus Portland mit Ripley Johnson aus Tönen Flüsse gemacht und aus Geräuschen eine Art von Rhythmus, der dank flächiger Synths und krautiger Gitarren zum hintergründig verwehenden Gesang eher nach Studio als Natur klingt. Zugleich ist er jedoch von einer beschwingt organischen Tiefe, als würden Pink Floyd in einer Waldhütte 70s-Funk interpretieren. Sicher – für den urbanen Zeitgeist klingt Stars Are The Light nicht nur vom Titel her arg esoterisch; dieses Gefühl kontern die acht percussionumschmeichelten Tracks aber mit viel Groove im Ethnopop. Fließpop deluxe.

Moon Duo – Stars Are The Light (Cargo)

Stefanie Schrank

Nicht erst seit Jennifer Rostock wissen Fans von geschmeidigem Indiepop mit politisch korrekter Attitüde: ein bescheuerter Bandname schützt nicht vor kluger Musik. Wenn die Bassistin Stefanie Schrank nun also aus dem Schatten der Kölner Kapelle Locas in Love an den Bühnenrand tritt, mag man erstmal kurz aufstöhnen vor diesem kollektivvergessenen Alleingang. Dann allerdings fliegt ein elektroalternatives Geplucker und Gesummse aus der Box, über das sich Stefanie Schrank als “Mutter von Luke Skywalker und Vater von Norman Bates” vorstellt, und ihr Debütalbum Unter der Haut eine überhitzte Fabrik kriegt sofort spürbar Gewicht.

“Don’t take the money / es ist nicht, was du brauchst / don’t go for the gold / bleib lieber zu Haus” singt sie mit butterweich kratzender Kneipengesprächsstimme in Nothing is Lost, bezeichnet sich sodann schon mal als Katze von Jesus – und die verspielte Welt durcheinanderwirbelnder Sounds und Samples erzeugt sogar dann eigensinnigen Wohlklang, wenn dazu plötzlich ein Saxofon-Solo übers geschmeidige Chaos poltert. Mithilfe des Düsseldorfer Synthiebastlers Lucas Croon von Stabil Elite hat Stefanie S. damit ein Stück der Neunziger in die Gegenwart geholt, ohne damit nostalgisch oder selbstreferenziell zu wirken. Ein Debüt von kunstvoller Eleganz.

Stefanie Schrank – Unter der Haut eine überhitzte Fabrik (staatsakt)


Thees Uhlmann: Junkies & Scientologen

Mir geht es nicht um Nostalgie

Aufgewachsen in Hemmoor, großgeworden in Hamburg, angekommen in Kreuzberg: Thees Uhlmann (Foto: Ingo Pertramer) hat sich zu einem der einflussreichsten Songwriter der Generation X bis entwickelt. Nach fünf Jahren bringt er jetzt sein Soloalbum Junkies und Scientologen heraus, ergänzt um eine Coversammlung deutscher Songwriterinnen. Der 45-Jährige über Stadionpop, Scorpions, Telespiele und warum ihn seine Tochter menschlich mit erzieht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thees Uhlmann, was bitteschön verbindet dich mit Avicii?

Thees Uhlmann: Ich mochte die Songs von ihm, so wie ich ein riesiger Abba-Fan oder Pink Floyds The Wall bin. Ob das nun EDM-Music ist oder nicht – anders als David Guetta haben mich die Hit-Singles von Avicii einfach geplättet.

Und das verarbeitest du im Song über ihn ganz unironisch, obwohl Stadionpopstars wie er aus der Sicht kultivierter Großstadtkünstler ja eher ein bisschen peinlich sind?

Seine Lieder haben mich einfach berührt. Und dann kam noch die dunkle Geschichte hinter Aviciis Suizid hinzu, die ich auch als Familienvater unendlich traurig finde. Als ich mit dem Universal-Manager Daniel Lieberberg mal darüber geredet hatte, wie schlecht es Avicii geht, hätte ich ihn gern mal zu mir nach Kreuzberg eingeladen, ohne Entourage und Konfettikanonen, einfach zwei Akustikgitarren und los. Deshalb kann ich ironiefrei über ihn singen.

Aber du bist dir des Ironie-Verdachts schon bewusst, wenn du kurz darauf auch noch was Nettes über die Scorpions singst!

Bewusst schon, aber ich bin ja Künstler, da muss es mir doch egal sein, ob die Leute was Falsches in meine Kunst hineininterpretieren. Das ist wie bei Jackson Pollock, der bestimmt oft zu hören kriegt, was du da hinkleckst, kann meine kleine Tochter auch.

But I did – wie Damien Hirst auf diesen Vorwurf mal geantwortet hat.

Beide haben ungeachtet der Resonanz souveräne Entscheidungen über ihre Kunstwerke gefällt. Und wenn jemand denkt, ich sei moralisch so kaputt, ironische Lieder über Kollegen zu schreiben, die sich umgebracht haben, setzt er sich offenbar nicht mit mir auseinander. Meine Fans schnallen es relativ gut, wann ich ironisch bin – und das gilt auch für die Scorpions, die ungeheuer wichtig für die Gegend sind, aus der sie kommen.

Niedersachsen, deine Heimat, wenngleich nicht Hannover, sondern Hemmoor. Steckt in Liedern wie dem über die Scorpions bereits nostalgische Wehmut des Mittvierzigers beim Blick zurück?

Glaub ich nicht. Mit 45 hat man einfach schon so viel erlebt, dass man darüber singen kann, während ich bei Tomte die meiste Zeit damit verbracht habe, über mich selber zu singen. Damals hatte ich einen Traum, nur wahnsinnig wenig Geld. Jetzt habe ich meine Gedanken über die Scorpions und was sie für Hannover bedeuten. Das find ich schon deshalb interessant, weil in der Netflix-Serie Stranger Things die Achtziger vertont werden und dafür ein Song der Scorpions läuft, den ein Protagonist im Camaro hört, als er bei eine Daddelhalle vorfährt, die es damals überall gab. Telespiele!

Frogger!

Geil. Und dann laufen die Scorpions aus Hannover.

Hat deine Begeisterung dafür auch mit Lokalpatriotismus zu tun?

Nein, nichts. Als Punk hatte ich allerdings eine besondere Beziehung zu Hannover, mit den Chaostagen, Besuche im Landtag als Schüler, Gefühle, die ich beim Songschreiben abrufen kann. Mir geht es dabei weder um Nostalgie noch Lokalpatriotismus, sondern die Freude am künstlerischen Schürfen. Aber merkst du was? Wir reden grad über diese zwei Songs meiner Platte. Wenn ich sie über Arcade Fire gemacht hätte, die ich großartig finde, oder Berlin, wo ich seit vielen Jahren lebe, hätte dich das nicht interessiert, weil es mich nicht interessiert.

Warum?

Weil mir da die Fallhöhe fehlt, kein Fleisch am Knochen. Mich interessiert an meiner Kunst das, was nicht einfach so leicht konsumierbar ist, sondern zum Nachdenken und Nachfragen anregt. Ob das mit der Vergangenheit zu tun hat, ist mir da erstmal egal.

Passiert es dir trotzdem manchmal, dass du sagst oder zumindest denkst, früher sei vieles besser gewesen?

Die längere Version?

Gern.

Als ich 13, 14 war ist, ist die Mauer gefallen – per se erstmal ‘ne verrückte Idee, dass die Deutschen politisch etwas umwälzen, ohne dass zigtausend Menschen sterben. Und dann kam kurz darauf Nirvana, PJ Harvey, Riot Grrrls um die Ecke, und das war für die Welt, aber auch für uns auf dem Dorf unglaublich, wie sie den gigantomanischen Rock, dieses Macker-machen-Mucke-für-richtige-Männer-Metal in einem Frühjahr weggewischt haben. Als dann irgendwann auch noch Obama gewählt wurde, dachte ich, jetzt geht alles immer nur weiter zum liberalen schönen Leben für alle. Aber wenn man jetzt sieht, wie all dies im männlichen Dominanzgebaren zwischen Brexit, Trump und Afd zusammenkracht, darf man durchaus mit warmen Gefühlen auf die Zeit von damals blicken.

Denkst du da linear, dass alles nur schlimmer wird, oder in Wellen, dass es auch wieder aufwärts geht?

Wellenbewegung, definitiv. Die Frage ist halt bloß, ob wir die Welle Richtung Trump in zehn Jahren hinter uns haben, wenn sich noch was reparieren lässt, oder in 40 Jahren, die es ja auch gedauert hat, bis sich die Gedanken der 68er durchgesetzt haben. Wenn letzteres der Fall ist, sehe ich einer dunklen Zeit entgegen.

Und deine Prognose?

Meine Tochter ist zwölf und hat mir erlaubt, auch über sie im Interview zu reden. Da sage ich: Als Vater eines Kindes kann man nicht pessimistisch sein.

Kann im Sinne von „geht gar nicht“ oder von „sollte man sich verbieten“?

Sollte man sich verbieten.

Hat es eigentlich mit deiner Tochter zu tun, dass neben Junkies und Scientologen noch ein Album namens Gold rauskommt, auf dem du Songwriterinnen coverst?

Vielleicht. Wenn du als Mann Töchter hast, wirst du auf eine Art Bestandteil dieser Geschlechtergang, die mit Söhnen unmöglich ist. Wenn es um männliche Selbstherrlichkeit oder Sexismus geht, machen Mädchen im Haushalt auf jedem Fall wachsamer. Aber ich will das bezogen auf Gold jetzt auch nicht zu hoch hängen.

Was hängt da denn höher?

Dass wir einen Song von Haiyti so wahnsinnig toll fanden, dass wir erst den gecovert haben und dann der Meinung waren, eine CD-Box könne statt irgendeinem T-Shirt eher ein Album mit Coverversionen deutscher Interpretinnen vertragen. Das hat aber keine politische Stoßrichtung, auch wenn es politisch wahrgenommen werden könnte. Es geht um Respekt und Ehrerbietung.

Auch um eine Art Solidaritätsadresse in einer Branche, die Frauen immer noch schlechter behandelt als Männer?

Natürlich bin ich solidarisch mit Frauen und hab auch noch keiner vom Gerüst hinterher gepfiffen. Aber es ändert sich ja was. In meiner Jugend hat ein Mädchen, wenn es musizieren wollte, noch die Querflöte gekriegt und ich die E-Gitarre. Da hat der Computer echt für eine Liberalisierung gesorgt. Der ist geschlechtslos.

Was spielt deine Tochter?

Ukulele. Die ist gut für kleinere Finger, mit der kannst du aber auch schon ganz schön Randale machen.

Will sie in deine Fußstapfen treten?

Ich hoffe nicht! Im Moment findet die mich dafür viel zu peinlich, und ich bin eher der Typ für den Vatermord als den Ödipuskomplex.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

Gruff Rhys, (Sandy) Alex G

Gruff Rhys

Was Südafrika und Wales gemeinsam haben? Kühle, aber selten allzu frostige Winter zum Beispiel. Dazu warme, nie siedende Sommer. Und in sprachlicher Hinsicht außerdem eine Art englisches Grundverständnis, sofern Waliser nicht grad Walisisch reden. Weil der Waliser Gruff Rhys genau das auf seiner neuen Platte tut, verstehen Südafrikaner demnach wohl kein einziges dieses seltsam mediterran klingenden Kolorits. Was Südafrikaner indes bestens verstehen, ist der musikalische Grundton von Pang. Der nämlich stammt vom Kap und klingt kombiniert mit den Vocals mindestens so verschroben wie Ryes’ Vorname im Original.

Nach zuletzt drei englischsprachigen Alben und einer endlosen Reihe von Kollaborationen mit Künstler*innen jeder Art hat sich Gruffudd Maredudd Bowen Rhys nämlich mit dem südafrikanischen Electro-Frickler Muzi zusammengetan und singt begleitet von ein paar Fetzen Zulu im Hintergrund auf Walisisch über, tja, was auch immer… Ein bläserflankierter Ethnosound, der zum Glück nur sehr unterschwellig nach afrikanischer Folklore klingt, bettet die wattig verhallende Stimme des fast 50-Jährigen, bei der man dauernd an Sam Genders von Tunng denkt, dabei so unterhaltsam ein, dass man Pang nur schwer wieder aus dem Kopf kriegt. Gut so.

Gruff Rhys – Pang (Rough Trade Records)

(Sandy) Alex G

Wenn Alexander Giannascoli alias (Sandy) Alex G Musik macht, ist sie hingegen musikalisch wie sprachlich relativ gut verständlich. Auch auf seinem mittlerweile achten Album in nur neun Jahren heißt das allerdings nicht, sie sei je irgendwie gefällig oder gar seicht. Gesang und Sound verströmen zwar stets eine Art von Beachboyshaftigkeit, die mit entspannter Kneipenstimme vom Alltag erzählt und darüber eingängige Dur-Melodien von bezaubernder Leichtigkeit legt. Zugleich jedoch unterwandert der Mittzwanziger aus Philadelphia jeden seiner vielschichtigen Songs mit Klangfacetten, die niemand dort erwarten würde.

Mal huschen – wie in Near – verklimperte Lo-Fi-Riffs unter hippiesken Backvocals hindurch, mal verstört – wie in Taking – ein Kinderchor den alternativen Indie-Pop, mal durchwirken – wie in Walk Away – seltsame Country-Fäden aus dem Rustbelt den Westküsten-Altenative. Und überall wird es immer dann garantiert abseitig, sobald der Mastermind hinter all dem mal kurz in den Mainstream abbiegt. Dafür nennt ihn der Fader nicht nur Ausnahmetalent, sondern heftet ihm – völlig zu recht das Attribut an, ein moderner Neill Young mit Game-Boy-Attitüde zu sein. Dafür fehlt zwar noch die politische Wucht, aber dramaturgisch ist da was dran.

Sandy Alex G – House of Sugar (Domino)


Frankie Cosmos, girl in red, 5K HD

Frankie Cosmos

Das Wesentliche ist manchmal mehr als genug. Greta Simone Kline zum Beispiel, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Frankie Cosmos, macht gar nicht viel, um ihrem Bedroom Pop ein Sammelsurium sprühender Ideen beizufügen. Ein paar unverzerrte Gitarrenriffs, leicht verschlepptes Schlagzeug, der Bass eher sedierend als treibend – fertig ist das vierte Album namens Close it Quietly der ziemlich jungen New Yorkerin, mit dem sie abermals ein bisschen an die seligen Moldy Peaches mit ein wenig mehr Drive und ein wenig weniger Adam Green erinnert.

Woran das liegt? Einer schier unglaublichen Leichtigkeit, mit der die Songwriterin im Kreise einer leider namen- und gesichtlosen Band den Alltag in Gefühl ohne Pathos verwandelt. “I am so blue / I make everything blue / my friends, my enemies / you” singt sie in einem der 21 (!) selten mehr als zwei Minuten langen Stücke mit einer Stimme, die wie nach einer durchmachten Nacht in einem Frühhstückscafé von Brooklyn klingt – nicht mehr ganz wach, leicht verstrahlt, emotional voll da, wunderbar für den Sonnenaufgang.

Frankie Cosmos – Close It Quietly (Sup Pop)

girl in red

Eher red als blue, also weniger wehmütig als aufgekratzt scheint hingegen – zumindest dem Bandnamen nach – die junge Norwegerin Marie Ulven zu sein. Seit zwei Jahren erst macht sie überhaupt Musik vor Publikum und bringt nun nach einer EP im Vorjahr ihr Debütalbum heraus; passenderweise mit beginnings betitel, klingt es allerdings erstaunlich versiert und selbstbewesst – wovon auch zeugt, dass die Person, der sie im Opener I Wanna Be Your Girlfriend zuhaucht, eine Frau namens Hanna ist.

Für die NYT macht sie das gleich mal zur neuen LGBTQ-Ikone. Mit etwas weniger Erwartungsdruck reicht es zunächst mal, dass girl in red ihren verträumt schönen Selbstbehauptungspop ohne viel Politik und Pathos mit betörendem Shoegaze anreichert, aus dem die ganze wilde wunde Weisheit der Jugend spricht – etwa wenn sie zu verwehenden Fuzz-Klängen “fuck my thoughts / I think too much” schmachtet, aber nicht in Larmoyanz verfällt. Nein, da möchte man nicht noch mal 18 sein, aber 18-Jährigen mit mehr Respekt begegnen. Marie Ulven hat ihn allemal verdient.

girl in red – beginnings (Marie Ulven)

5K HD

Es gibt nicht viel und doch so einiges, woraum man sich im musikalischen Mainstream heute einigen kann: Autotune sucks zum Beispiel, wer zu oft fuck rappt, hat damit vermutlich ein kleines Praxisdefizit, Rock ist tot, Rock is alive und ganz wichtig: was immer von alldem aus Österreich über die Alpen in die (zumindest deutschsprachige Welt) suppt, ist unbedingt und vollumfänglich abzufeiern – darüber durften sich grad mal wieder die heillos überschätzten Wanda freuen.

Mit ähnlichen (Vorschuss-)Lorbeeren bedacht wurden auch 5K HD um die irrisierende Sängerin Mira Lu Kovacs. Kein Wunder. Vor zwei Jahren schien das gitarrenlose Gefrickel der fünf Wiener*innen den Missing Link zwischen avantgardistischer Electronica und dem Future Pop von Bilderbuch zu liefern. Was irgendwie auch gelungen ist, auf dem zweiten Album High Performer mit all dem Keyboard-, Samples-, Zitatestreuen aber bereits ein wenig berechnend klingt. Elegant ist es dennoch und sehr, genau: poppig.

5K HD – High Performer (fiveK Records)


The Bland, The Modern Times, Whitney

The Bland

Ach, noch einmal süße 17 sein – ist aus mehr als doppelt bis nahezu dreimal so alter Sicht natürlich ebenso unattraktiv wie, sagen wir: Pupertätspickel und Führerscheinprüfungen, aber wenn The Bland davon singen, klingt es irgendwie selbst aus erwachsener Sicht gar nicht so furchtbar. Mit funkigen Streichern und Marimba-Samples unterlegt erzählt Sänger Axel Öbergs Wattewachsstimme, wie schön grün der Schnee für Teenager selbst dann noch leuchtet, wenn der Vater deiner Sommerliebe mit dem Gewehr hinter dir her ist und prompt möchte man eine Line dieser ulkigen Droge Sorglosigkeit ziehen, mit der das schwedische Quintett sein Debütalbum erschaffen hat.

Schließlich ist es vom jugendsehnsüchtigen Opener bis zum minimalistischen Wanderer, in dem fröhlich die Vögel flöten, am Rande der Selbstverblödung arglos. Klimakrise und Rechtsradikalismus, Bolsonara und Trump, überhitzte Sommer und nahende Winter? Mit einer transzendierend unernsten Platte drauf gepfiffen, die zehn Stücke lang im sedierten Yeahsayer-Modus das Leben kurz mal auf gemütliches Abhängen reduziert und dabei mit karibischem Skandinavismus zum bekifften Kichern einlädt. Gut, im Video zu 17 endet die Sorglosigkeit im Chaos, aber hey – wer hat in der Hängematte zwischen zwei Palmen schon geöffnete Augen…

The Bland – Beautiful Distance (Backseat)

The Modern Times

Ebenfalls skandinavisch und ein Gegenteil von verkopft ist das neue Album der norwegischen Britrockband The Modern Times. Mit ihrer sensationellen Mischung aus rotzigem Punk ohne Post davor und dem besten aus der jüngeren Alternative-Phase des Indierock, klingt es so herzerfrischend nach Scheißegal, dass man aus dem Schulterzucken gar nicht mehr raus kommt. “It’s the best time in history / to be openly gay” knarzt Sänger Magnus Vold Jensen in It Sure Is Fun To Party durch rüpelhafte Gitarren, reduziert es branchenüblich auf den Standort Berlin und grölt zur Sicherheit noch kurz ein paarmal “we’re having so much fuuuuun”, damit auch ja niemand auf die kommt, nun folge ein politischer Anflug von gesellschaftskritischen gay-pride oder gar politische Parolen.

Nee, nee – Algorithmic Dance Music klingt dem Titel nach zwar ein wenig berechnend. Aber wenn der Rock hier und da von einer irren Ladung Saxofon zersägt wird, zeigt sich: das ist hier alles aus der Magengrube für die Magengrube. Stücke wie Everything is Going to be Fine oder The World Needs More Parties lutschen zuweilen zwar ein bisschen ostentativ auf dem Drops allenfalls halbsatirischer Harmlosigkeit herum, was gerade in den Restbeständen des Punkrock ein wenig irritiert. Zwischen unverzerrt fröhlichen Fuzz-Riffs und einem Schlagzeug ohne jedes männliche Selbstbeweihräucherungspathos macht das aber einfach nur gut gelaunt. Auch mal schön.

The Modern Times – Algorithmic Dance Music (Black Pop)

Whitney

Wäre die Welt ein schöner, guter, gerechter Ort – das neue Album von Whitney würde hier in der Rubrik Hype der Woche gefeiert werden, weil das erste nicht nur 2016, sondern für alle Ewigkeit zum Besten zählt, das jemals mit so viel Eleganz Rockmusik verpoppt hat. Damals schien es, niemals wieder könne ein Werk wie Light Upon The Lake mit solcher Hingabe gleichsam gelassen und wuchtig klingen. Bis jetzt. Denn der späte Nachfolger Forever Turned Around ist – zugegeben – keine allzu große Fortentwicklung des Vorgängers; aber warum auch, wenn es mit ähnlichen Mitteln so schnell vom Kopf über alle Sinnesorgane zu Herzen geht.

Denn wie damals mogeln sich Dutzende virtueller Jazzkapellen ins Westcoast-Orchester von Gitarrist Max Kakacek und Drummer Julien Ehrlich, deren Falsett-Stimmen dazu den Soundtrack maximaler Leichtigkeit liefern. Mit einem halben Dutzend Freunden auf Bigbandgröße angeschwollen, sorgt das Duett aus Chicago damit abermals für eine Art Kammerstrandsoulrevival der Beach Boys, dem man nur mit größter Hartherzigkeit oder unverbrüchlichem Wacken-Appeal nicht verfällt. Ein weiterer Meilenstein des Musizierens für Millionen, ohne im Mainstream zu landen.

Whitney – Forever Turnde Around (Secretly Canadian)