Neonschwarz, Th. Shitstorm, Hallouminati

Neonschwarz

Fette Bläser – darunter sollte es fetter Sound mit fetter Botschaft heutzutage besser nicht machen, um im HipHop Aufmerksamkeit zu erregen. Bisschen Toasting obendrauf, etwas Autotune, na klar, dazu die übliche Selbstbeweihräucherung des eigenen Namens im Titel: Wäre N.E.O.N. der Opener irgendeines Crossover-Rap-Acts mit Mehrzweckhallenpotenzial und vier, fünf “e” im Namen, Kenner nähmen das zugehörige Album wohl eher schulterzuckend zur Kenntnis. Hieße das Kollektiv dahinter nicht Neonschwarz und wäre gemeinsam mit ähnlich gepolten Bands wie K.I.Z. die Stimme lässiger Vernunft im deutschen Sprechgesang, zu der man trotzdem prima abgehen kann, ja muss!

Clash heißt die dritte Platte von Captain Gips, Marie Curry und Johnny aus Hamburg, wo sie gemeinsam mit dem DJ Spion Y seit fünf, sechs Jahren wuchtig und verspielt gegen Nazis, Kapital, die Gemütlichkeit der Mitte anrappen und damit das unterhaltsamste Sprachrohr einer zusehends selbstgerechten Poplinken sind – musikalisch Betonung auf Pop, textlich Betonung auf den Rest. Die Raps sind nämlich bei aller poetischen Schärfe wie üblich eher Oldschool und die Reime nicht immer so ganz auf den Punkt. Aber was Neonschwarz unvergleichlich, unersetzlich, unwiderstehlich macht ist ohnehin die Kraft der Freude, in der das Quartett gegen die Dummheit vor der Haustür anfeiert.

Neonschwarz – Clash (Audiolith)

Theodor Shitstorm

Dietrich Brüggemann ist ein echtes Inszenierungsgenie. Mit 3 Zimmer/Küche/Bad hat er der Generation X/Y eine Liebeserklärung von entlarvender Leichtigkeit gemacht, das Glaubensdrama Kreuzweg eroberte 2014 gar die Berlinale und dem alten Tatort verlieh sein Stuttgarter Fall im Stau zuletzt neuen Glanz. Da überrascht es kaum, dass dieser Wirklichkeitsdichter die Gründungsstory seiner Band als verkorksten Roadtrip auf den Balkan erzählt. Mit der Songwriterin Desiree Klaeukens, so geht die Legende, bringt er dabei ein Baby namens Theodor Shitstorm zur Welt, das fortan den vielleicht besten Laber-Pop seit den Lassie Singers liefert.

Begleitet von Bass und Drums schildert Sie werden dich lieben das Leben unserer mulitoptional beengten Zeit mit beißendem, nie zynischem Spott, der unter die Haut durchs Zwerchfell zu Herzen geht. Wenn sie den Alltag ihrer Peergroup beschreiben, in dem Madenkolonien unterm Bett wohnen, Sex ein qualvolles Chaos ist und der Drogenmix sowieso, fragen Theodor Shitstorm daher süffisant: „Fühlst du dich so wohl?“, und antworten: „Du sagst Rock’n’Roll.“ Falls sich Thirtysomethings darin wiedererkennen: kein Wunder! Hier singt das neue Sprachrohr dieser verwirrten Alterskohorte.

Theodor Shitstorm – Sie werden dich lieben (staatsakt)

Hallouminati

Wer Bouzouki hört, hat vermutlich entweder Volksmusik aus dem letzten Korfu-Urlaub oder – bei älteren Semestern – womöglich Cindy & Bert im Kopf, aber nichts, das auch nur im Entferntesten an Hallouminati erinnern dürfte. Die Band von Emilios Georgiou-Pavli mag das Saiteninstrument seiner griechischen Herkunft schließlich als Nuance ihres multikulturellen Orchesterfolks nutzen; insgesamt aber stecken schlicht zu viele Einflüsse im Sextett aus London, um es auf den attischen Sound zu reduzieren. Reggea und Ska sind darin ebenso fest verwurzelt wie Afro-Beat, Balkan-Brass und jede Menge Funk.

Besonders letzterem ist es dabei zu verdanken, dass die Mischung vor acht Jahren aus der Nische des Ethnopops in die Clubs der Metropole befördert und dort zum schweißtreibenden Geheimtipp wurde. Nun erscheint ihr erstes Album Tonight, Is Heavy!, und weder wirkt daran alles neu noch makellos; dafür ist – wie so oft im Partyrocksegment – die Männerstimme bei einem Frauenanteil von 16,6 Prozent ein bisschen zu testosteronhaltig. Dennoch schaffen es Hallouminati, die Dynamik ihrer Konzerte ohne Energieverlust auf Platte zu bringen. Live sind sie trotzdem besser. Nehmen wir Tonight, Is Heavy! als Teaser…

Hallouminati – Tonight, Is Heavy! (Batov Records)

Advertisements

Chris Imler, Dissy, Peluché

Chris Imler

Wenn sich Schlagzeuger aus dem Hintergrund an die Bühnenkante wagen, fragt sich ja jedesmal, ob sie den Vordergrund eigentlich immer gesucht hatten, aber nicht hin durften, weil er halt besetzt war. Phil Collins ist da das berühmteste Beispiel, hat allerdings auch an den Drums schon gesungen. Dave Grohl ist das bessere Beispiel, muss aber auch bei den Foo Fighters eher schreiben. Bliebe noch Chris Imler, bei der Electropunkband Die Türen für den Takt verantwortlich und dort so unsichtbar, dass sein Solo-Ausflug Nervös vor vier Jahren viele schlicht umgehauen hat. Jetzt erscheint der Nachfolger dieses erstaunlichen Debüts und ist ernsthaft: umwerfend!

Auf Maschinen und Tiere macht der Berliner aus Augsburg abermals einen elektroalternativen Diskurs-Trash von nervenzerreißender Spannung, aber mehr noch als im Jahr vor der Flüchtlingskrise genannten Populismuskrise klingt er wie das Hintergrundrauschen einer disruptiven Gesellschaft auf der Suche nach Brücken über Gräben, die zertrümmert im Flussbett liegen. Das digitale Raunen und Grunzen und Fiepsen und Grummeln ist ganz ohne explizit politische Phrasen von so eindringlicher Aussagekraft, dass man überlegen sollte, AfD-Parteitage und Pegida-Demos fortan mit genau diesem Album in 120dB zu (zer)stören. Kein Album für den gemütlichen Sonntagskuchen, aber eines mit der Kraft, Gemüter aufzuwühlen.

Chris Imler – Maschinen und Tiere (staatsakt)

Dissy

Eine Jugend in Erfurt ist offenbar auch kein richtiges Zuckerschlecken. Die mittelgroße Stadt ist vielleicht nicht als Thüringer Chemnitz bekannt. Aber wenn Till Krücken in Rave On rappt, „seit der Pupertät befind ich mich im freien Fall / und feier‘ auf dem Parkplatz denn ich kam in die Disco nicht rein / mein inneres Kind ist verstoßen und im Heim / hier gibt’s Wodka und‘n Teil, um es wieder zu befreien“, dann klingt sein Debütalbum trotz fiebriger Beats nicht nach Clubkultur, sondern Bushaltestelle. Und genau da hat Dissy, wie er sich nennt, einen Hip-Hop kreiert, dessen Texte im Nebel düsterer Bässe und Drones dauernd nach provinzieller Ödnis klingen.

Langeweile reimt sich da schnell mal Steine oder Wald auf geil, und auch sonst rotzt Playlist 1 der Heimat von Catterfeld bis Clueso zehn Extraladungen Straßendreck ins Gesicht. Dass letzterer trotzdem zwei Tracks sein süßliches Gesangstimbre leiht, spricht allerdings dafür, wie gut man im Hinterland zusammenhält. Und wenn er in Die Welt Ist Bîse „Baby, ich glaube an das Glück“ beteuert, entdeckt Dissy selbst im kulturellen Nirwana Nischen der Selbstbehauptung. Ohne Hoffnungsschimmer ist die Provinz eben nicht nur öde, sondern schnell auch mal stockfinster.

Dissy – Playlist 1 (Corn Dawg Records)

Peluché

Welch emotionale Kraft Musik hat, zeigt sich am eindrücklichsten, wenn die Instrumente unserer Stimme besonders nah kommen. Das Plattendebüt des englischen Indiepoptrios Peluché etwa wird gleich zu Beginn von Saxofon-Fetzen zersägt, als seien es Hilfeschreie im EBM-Club. Nur ein Stück später erwecken Hi-Hat und Klarinette den Eindruck, jemand bitte zaghaft um Struktur im jazzigen Wirrwarr von Scared After All (Touch My Body). Bass und Gitarre hecheln anschließend wie Schnappatmung dem karibischen To Be A Bird hinterher. Und bei all der redseligen Gerätschaft ist vom ergreifenden, vielfach sirenenhaften Gesang der drei Londonerinnen noch gar nicht die Rede.

Auf Unforgettable zelebrieren Rhapsody Gonzales, Amy Maskell und Sophie Lowe einen orchestral aufgebrezelten Trip-Hop, dessen Bestandteile fortwährend miteinander kommunizieren. Meist klingt das dann, als wäre ihr Album kein Studioprodukt, sondern eine Art eskalierender Dinnerparty, auf der analoge Percussion mit digitalen Loops spricht und der Synthesizer gelegentlich ein wisperndes Piano über funkige Grooves tropfen lässt. Selten zuvor war derart rätselhafter Pop so mitteilsam und hörenswert.

Peluché – Unforgettable (One Little Indian)

 


Agar Agar, alt-j, Cher

Agar Agar

Wer in der elektronischen Musik nostalgisch klingen will und zugleich modern, ist gut beraten, sich entsprechendes Equipment zu besorgen. Weder zu analog noch zu digital – da schlägt dann unweigerlich die Stunde gebrauchter Synthesizer der Marke Korg oder Yamaha, monophone Keyboards, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre ebenso futuristisch klangen wie die legendäre Drummachine Roland TR-606 noch heute irgendwie unverwüstlich. Mit alldem und etwas Effektgerät jüngeren Datums hat sich das Duo Agar Agar nun an die französische Atlantikküste verzogen, um ein Album einzuspielen.

Dass es bei aller Vergangenheit nicht gestrig klingt, liegt auch am Instrumentarium. Vor allem aber liegt es an den Pariser Kunststudenten Armand und Clara, beide Mitte 20, die daraus ein wunderbares Plattendebüt gemacht haben. The Dog & The Future vereinigt zehn synthetische Tracks mit Claras melancholischem, amerikanisch vokalisiertem Gesang zu etwas, das in den Neunzigern mal ungemein dringlich klang und offenbar nur Pause gemacht hat: Ein jeanmicheljarriger Elektropop, den etwas Trashpop von Le Tigre bis Ms John Soda zum radiotauglichen Konzentrat einer Art Warp-Philosophie erhebt: experimentell, eingängig, elegant, wavig und schön, aber nicht gefällig.

Agar Agar – The Dog & The Future (Cracki Records)

 

alt-j

Das Mysterium der erstaunlich populären Indiefolk-Band alt-j kreist bekanntlich auch um den Namen. Als die Sprache vor elf Jahren noch am Anfang ihrer grundlegenden Überarbeitung zu Kürzeln, Codes, Symbolen stand, benannte sich das Quartett nach Apples Tastenkombination fürs griechische „Delta“, in der Wissenschaft ein Platzhalter für Differenz. Das vierte Album der Band aus Leeds dreht dieses Namensspiel nun gewissermaßen um. Eher mehr als weniger verschiedene Kollegen wie der Hardrap-Wizzard Danny Brown, Jimi Charles Moodey aus dem leichteren Pop-Fach, Synth-Bastler wie Twin Shadow, ja sogar ein Kontra K aus Deutschland erweisen alt-J ihre Referenz.

Gemeinsam machen sie aus deren dritter Platte Relaxer das Tributalbum Reduxer, auf dem Differenz als Gemeinsamkeit gefeiert wird und umgekehrt. Fast nichts erinnert darauf ans Original, fast alles verströmt den verlockenden Duft der Grenzüberschreitung. Das ist so variabel und spannend, dass selbst Puristen dürften darauf eher Herausforderungen als Gräben erkennen, also keinen Affront, sondern – trotz heftiger Entstellungen und einiger Autotune-Frechheiten – nur Experimente zur gegenseitigen Horizonterweiterung.

alt-j – Reduxer (Infectious Music)

Hype der Woche

Cher

Liebe Cherilyn Sarkisian, es ist natürlich nicht verboten, auch mit 72 noch seiner beruflichen Leidenschaft nachzugehen – selbst und besonders dann, wenn es die Musik ist. Fünf Jahrzehnte Popbiz sorgen schließlich für genug Erfahrung, ja Weisheit, um abschätzen zu können, was man der Welt noch zu geben hat und was nicht. Warum aber, bitteschön, nutzt die alterslos modellierte Cher nichts davon, um im Spätherbst ihrer Karriere resümierend süffisant aufs eigene Werk zu blicken, sondern macht ein Tribut-Album mit Liedern von Abba. Abba? Abba! Und nicht nur das: Dancing Queen trällert ausnahmslos Superhits nach und zwar so inspirationsfrei berechnend, dass man ihr doch ein warmes Plätzchen im Seniorenstift wünscht. Nicht eine Idee, kein Funke, statt Eigensinn nur Ödnis. Wenn jetzt nicht ganz schnell ein Chanson- oder Jazzalbum kommt, kann das nur heißen: Tschö Cher, war nett mit dir, aber jetzt wird’s peinlich.


Alligatoah: Rotwein & Rap

Ich bin kein Impuls-Rapper

Mit Kollegen wie Casper, Käptn Peng oder Marteria macht Lukas Strobel alias Alligatoah eine Art von HipHop, dessen Poesie sozialkritisch, gelegentlich gar politisch, aber zugleich äußerst unterhaltsam ist, ohne Parolen zu dreschen. Für eine gute Punchline gibt auch das Nordseeküstengewächs (fast) alles – wie er im Interview zu seiner fünften Platte Schlaftabletten, Rotwein V erzählt. Die Erwartungshaltung ist jedoch nicht nur inhaltlich groß; nach zwei Top-3-Alben zählt der 28-jährige Verwandlungskünstler schließlich auch wirtschaftlich zu den Großen des HipHop. Ein Gespräch über Mitteilungsbedürfnis, Zweckreime, Metaebenen und warum er gern ein Märchenerzähler wäre.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Lukas, es ist nicht ganz leicht, sich durch dein neues Album zu hören.

Lukas „Alligatoah“ Strobel: Warum?

Weil es unfassbar viel Text auf engstem Raum enthält. Ist das dein natürliches Mitteilungsbedürfnis oder steckt alles im HipHop, was du privat nicht ausdrücken kannst?

Interessanter Ansatz. Ich rede tatsächlich im Alltag sehr viel weniger als auf Alben. Aber genau diese Möglichkeit, so viel Text in der Musik unterzubringen, hat mich zum Rap gebracht. Lange Geschichten mit Beats, Musik, Melodien zu erzählen, interessiert mich seit jeher und war Motivation, die Album-Reihe Schlaftabletten, Rotwein so mit Text vollzuballern, dass es meine Liebe zum Rap zelebriert. Aus dem haben mich viele Leute ja bereits weggestrichen, weil sie meinen, der rappt doch gar nicht und hat auch noch eine Gitarre umhängen…

Für Puristen reichen ein paar echte Gitarren-Riffs für den Ausschluss?

In der Tat, das erstaunt mich selber auch. Dabei hatten die Platten zuvor zwar weniger Text als dieses, die Rap-Dichte darauf war aber trotz gesungener Hooks und melodiöser Refrains hoch. Interessanterweise gilt zeitgenössischer Sprechgesang, der nur noch aus Autotune besteht, dennoch eher als Rap.

Stört dich das?

Nein, meine Liebe zu ihm ist groß und die wollte ich mit diesem Album untermauern.

Benutzt du ihn dabei wie einst das „CNN der Schwarzen“ als Medium oder bloß als Mittel deines Mitteilungsbedürfnisses?

Was heißt nur? Ich spiele gern mit Worten, Formulieren und Ideen, die manchmal abwegig sind, manchmal radikal, vor allem aber anders. Wenn ich damit den einen oder anderen Gedanken anstoße – umso besser. Aber ich habe mich nun mal dazu entschieden, Musiker zu werden, kein Meinungsmacher, der seine Zuhörer zum Entschlüsseln möglichst kryptischer Botschaften bringt. Verglichen mit einem Buch oder Blog wäre das ja ein riesiger Umweg.

Andererseits haben Songs wie Füttern verboten oder Meine Hoe doch politisch eine Metaebene zu Themen wie Aufmerksamkeitsindustrie oder Gangsta-Machismo?

Schon, aber nichts liegt mir ferner als marktschreirisch Parolen zu brüllen. Schon weil ich zu vielem, was ich thematisiere, überaus ambivalente Ansichten habe. Als betroffener Beobachter bin ich schließlich nicht unschuldig daran, worüber ich singe. Wenn ich etwa kritisch übers Reisen singe, kann ich mich und meine Mobilität davon ja nicht ausnehmen. Meine Eindrücke in aller Welt haben Abdrücke hinterlassen. Weil jede kritische Auseinandersetzung mit anderen auch mit sich selbst ist, sollte man sich mit Empfehlungen zurückhalten.

Aber heißt es nicht, deine Texte seien gar nicht autobiografisch?

Trotzdem sind es doch meine Beobachtungen aus meiner Perspektive auf meine Welt, die damit auch mich betreffen. Insofern, hat dieses Album mehr Verbindungen zu mir als die anderen. Ich verrate aber natürlich nicht wo.

Fühlst du dich als jemand, dessen Stimme nicht nur von vielen gehört, sondern auch ernst genommen wird, verantwortlich für die Stimmungslage da draußen?

Verantwortung hat doch verschiedene Richtungen. Viele raten mir, mich für junge Zuhörer verantwortlich zu fühlen, die meine Ironie womöglich nicht verstehen. Andere erwarten, dass ich mich mit klaren Statements zur politischen Lage positioniere. Genauso gut könnte ich mich aber denjenigen verpflichtet fühlen, die halt einfach auf derben Humor stehen und nicht auch noch auf Platte von den Nachrichten belästigt werden wollen. Weil man es nie allen recht machen kann, hab ich für mich entschieden, nur mir selbst gegenüber Verantwortung zu übernehmen. Das kann zwar auch kontrovers werden, muss es aber nicht.

Du entwickelst also kein automatisches Bedürfnis, deine Position als Medium zu nutzen, um beispielsweise die Ereignisse in Chemnitz zu kommentieren?

Klar entwickle ich so was. Aber die Reaktionszeit, Dinge, die auf mich einwirken und inspirieren, in Songs umzusetzen, ist bei mir extrem lang. Ich bin kein Impulsrapper, der sich bei einem Ereignis sofort hinsetzt und was dazu aufschreibt. Ich handle generell selten im Affekt, sondern beobachte sehr abwartend und entwickle daraus ausgewogene Bilder, die in alle Richtungen blicken. Das war mir schon immer wichtig.

Im Opener von Schlaftabletten, Rotwein V heißt es, „Rap braucht wieder einen Märchenerzähler“. Bist du das?

Vielleicht ja. Ich erzähle zwar recht derbe Märchen, die thematisch durchaus politische Komponenten enthalten. Aber schon, weil man zu ihrer Zeit vieles nicht offen aussprechen durfte, sind ja auch die der Gebrüder Grimm keineswegs unpolitisch. Vorausgesetzt, dass es nicht nur süße Prinzessinnen-Geschichten sind, wäre ich gerne Märchenerzähler.

Was wäre dir dabei wichtiger: Metaphorik und Zusammenhang oder Poesie und Punchlines?

Ich bin ein großer Fan von Zweckreimen, damit kann man mich also nicht bloßstellen. Ich liebe es, die Sprache zu verbiegen und grammatikalisch zu entfremden, um sie klangvoller zu machen. Ich folge dem Wortklang manchmal mehr als dessen tieferer Bedeutung oder andersrum – erst durch Wortklänge stoße ich oftmals auf Bedeutungen. All dies in eine stimmige Struktur bringen zu wollen, ist der Grund, warum ich solange an Texten knabber.

Hast du dafür, wenn schon keine Vorbilder, dann doch Referenzgrößen?

Ich werde oft damit konfrontiert, in der Tradition von Künstlern zu stehen, die ich selbst kaum kenne. Meine Songs sollen zum Beispiel manchmal klingen wie die Ärzte. Oder Fettes Brot. Kann sein, hab ich aber beides nie wirklich gehört. Umso mehr freue ich mich immer, Bands kennenzulernen, von denen ich angeblich inspiriert wurde. Hast du noch eine?

Fishmob zum Beispiel.

Sagt mir nur vom Namen her was.

Eine der ersten deutschen Rap-Bands, die HipHop mit Rock und Techno verbunden haben.

Dann muss ich mir die unbedingt mal anhören, danke schön. Man nimmt am Ende oft mehr mit nach Hause als erwartet…

Was erwarten deine Fans denn nun vornehmlich von dir – Diskurs oder Spaß?

Meine Hörerschaft erwartet glaube ich vor allem, sich mit Bleistift und Zettel vor meine Texte zu setzen und Zeile für Zeile zu enträtseln. Auf Seiten wie Genius entdecke ich dann manchmal Zusammenhänge eigener Gedanken, die mir selbst gar nicht bewusst waren. Leute, die schnellverständlichen Pop erwarten, hab ich so vermutlich von meinen Konzerten vergrault – dafür muss ich noch nicht mal zu Beginn 30 Minuten Flachwitze über Kot reißen.

Abgesehen vom Inhalt ist aber auch die Show eher großes Theater als kleiner Rap…

Die logische Fortführung davon, textlich in verschiedene Rollen zu schlüpfen, ist es, auch auf der Bühne kostümiert zu sein. Aber das absurde Theater wird durch die Songs zusammengehalten.

Nach zwei Top-3-Alben infolge gibt es zu deiner Musik längst auch wirtschaftliche Erwartungshaltungen. Kriegst du die beim neuen Album zu spüren?

Der Vertrieb möchte sicher gute Zahlen sehen, aber gottseidank bin ich bei einem Independent-Label. Künstlerisch habe ich sämtliche Freiheiten und Leute hinter mir, die wissen, dass ich nur dann abliefern kann. Ich kümmer‘ mich um Worte, nicht um Zahlen.


Reeperbahn-Festival 2018: Bild & Ton

Feminist Beat Revue

Das Reeperbahn-Festival wächst seit 2006 kontinuierlich zum wichtigsten Ereignis zeitgenössischer Independent-Musik und -Kultur Europas, das weltweit eigentlich nur noch vom texanischen SXSW an Bedeutung übertroffen wird.  Unter den rund 1500 Veranstaltungen in 90 Clubs in, auf, um St. Pauli herum befinden sich allerdings nicht nur gut 600 Konzerte, sondern auch diverse Panels, Diskussionen, Vorträge und Ausstellungen wie diese: Die Hamburger Fotografin Christiane Stephan zeigt am 22. September im Centro Sociale ihre Fotoausstellung Feminist Beat Revue, in der sich geschlechterkampfbewusste Künstlerinnen wie Bernadette la Hengst, Francoise Cactus oder Sookee in zwölf großformatigen Porträts selbstbestimmt in Szene setzen.

FEMINIST BEAT REVUE
22. September 
14 Uhr – 24 Uhr 
Centro Sociale
Sternstraße 2


Orions Belte, Jungle, BC Camplight

Orions Belte

Jedes Zeitalter, jeder Musikstil, jede Band hat Untiefen der scheinbaren Belanglosigkeit, in denen nicht mal CDs von Ricky King ganz versinken. Kuschelrock, Eurodance, Chartspop – es gibt wenig, was aus nichts nicht rein gar nichts machen könnte. Selbst die famosen Beach Boys haben Ende der Achtziger ja ein Lied von so debiler Saftigkeit an die Spitze der Hitparaden gesülzt, dass man beim Hören statt Hirn nur Wachs im Kopf noch spürte. Da ist es schwer zu sagen, ob Orions Belt dieses Wachs nun weiter schmelzen oder nur neu verformen wollte, als das norwegische Duo ins Studio ging, um ein Instrumental-Album aufzunehmen. Es klingt schließlich ein bisschen wie Kokomo auf Ritalin und Koks. Vor allem aber klingt es: Fantastisch.

Øyvind Blomstrøm und Chris Holm, die sonst eher Live-Bands auf Tour begleiten, legen hier ein Debüt von so seifiger Verschrobenheit hin, dass sich die artverwandten Laid Back dagegen anhören wie Garagenpunk im Kellerclub. Mint, so heißt die Platte, vermischt (meist) wortlose Sounds aus den Hintergründen der Musikwelt zu einer umwerfenden Melange schmissiger Melodien. Mal schimmert darin bekiffter Krautrock durch, mal hawaiianischer Strandschlager, oft der Score drittklassiger Actionfilme, alles im Unterton der Ironie, der das analog Dargebotene allerdings nie verächtlich macht, weil stets die Liebe zum Aberwitz im Detail durchblinzelt. Ein irres Erstlingswerk, dem gerne mehr, viel mehr noch folgen dürfen.

Orions Belt – Mint (Jansen Records)

Jungle

Es ist ja nicht so, dass Funk und Soul zwingend der Repertoire-Erweiterung bedürfen. Die Bibliothek ist von der Epochengeburt vor gut 50 Jahren bis tief in die Achtziger hinein so gut sortiert, dass es vermutlich mehr hörbare 7′-Singles aus Motown und Kalifornien gibt als Silben in HipHop und Folkrock zusammen. Dennoch entstehen immer wieder Bands, die dem Genre Innovation abringen. Es begann bei Terence Trent D’Arby, nahm mit Jamiroquai Schwung auf, endete noch lange nicht bei Amy Winehouse und findet gerade im Londoner Kollektiv Jungle seine Fortsetzung – eine schillernde, schlicht unwiderstehliche, seitdem es 2014 half, klassischen Funk und Soul wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Gegründet von den Schulfreunden Tom McFarland and Josh Lloyd-Watson schafft es nun auch der Nachfolger des weltweit gefeierten, selbstbetitelten Debüts vor vier Jahren ab Takt eins ins Gemüt der Zuhörer. Wie damals ist Four Ever allerdings kein bloßes Aufwärmen tradierter One-Two-Eleganz früherer Zeiten. Die achtköpfige Band entwickelt erneut einen sehr modernen Stil nostalgischer Disco. Mit hoher Kopfstimme mäandert sie geschickt zwischen Earth Wind & Fire und Pharrell Williams, Soul II Soul oder Kendrick Lamar und schüttet dem Rhythmus schwarzer Musik mit elektronischer Beilage garniert etwas wunderbar Jetziges ins Gestrige.

Jungle – Four Ever (XL Recordings)

BC Camplight

In der Popmusik sollte man Texte meist nicht allzu sehr überbewerten. Falls darin von Liebe, Leid, dem Leben und allem Drumherum die Rede ist, geht es meist weniger um Liebe, Leid, das Leben und allem Drumherum als vielmehr die akkurate Begleitung möglichst eingängiger Melodien. Bei BC Camplight indes lohnt sich ein Blick zwischen die Zeilen ihrer zweiten Platte. Scheinbar ein strukturloses Soundsammelsurium, würfelt Deportation Blues von Swing über New Romantic und Progrock bis modernem Synthiepop acht Jahrzehnte wild durcheinander.

Wenn Brian Christinzio dazu jedoch schmuseweich „Welcome a stranger in you world“ fleht und sodann fragt, wo seine Fröhlichkeit geblieben sei. Wenn er fragend Am I Dead? titelt oder feststellend I’m Desperate. Wenn selbst Sehnsuchtsgewäsch im Kreise disharmonischer Drones seltsam existenziell klingt. Dann vertont das sehr bewusst die Biografie eines depressiven US-Italieners mit Hang zur Drogensucht, der kurz vorm Brexit aus England verwiesen wurde und seither zwischen einer ganzen Reihe halber Heimaten herumirrt. All dies macht Deportation Blues zum Konzeptalbum der inneren Zerrüttung, das mal wie ein Tinnitus klingt, mal wie Brian Ferry auf Ritalin, doch stets betörend und originell.

BC Camplight – Deportation Blues (PIAS)


Anna Calvi, Ohmme, Justice, 1000 Gram

Anna Calvi

Ob Anna Calvi nun lesbisch oder sonstwie homoerotisch ist, wird nach den ersten zwei Platten der britischen Songwriterin zwar hitzig diskutiert. Davon abgesehen, dass Anna Calvis Liebesleben zunächst mal nur Anna Calvi etwas angeht, gibt ihre Musik aber auch auf der dritten Platte reichlich Auskunft darüber, woran sie emotional interessiert ist: An den Gefühlen von Menschen füreinander, besonders die ganz großen, alles umfassenden, herzzerreißenden, tief bewegenden, gern verschwitzten, Hauptsache gegenseitigen. Musikalisch ist Hunter daher der gewohnt elegante Rodeo-Ritt zwischen sehr großer Oper und sehr kleinem Kammerspiel, mit dem sie vor fünf Jahren auch schon auf One Breath brilliert hat.

Und inhaltlich packt sie all die gewaltigen Streicher-Arrangements, Metal-Sägen, Filmscore-Choräle und Orchester-Pauken in ein wallendes Gewand von so aufwühlender Emotionalität, dass man sich bei jedem der zehn im wahrsten Sinne des Wortes grandiosen Tracks zwischen Mailänder Scala, Hauptbühne Wacken und frühem Jamens Bond wähnt. Von dieser Spannkraft zeugt allein das Video zum Titelsong, dessen explizite Darstellung autoerotischer Zärtlichkeit schon wegen der expliziten Bilder kaum auf Facebook verlinkt werden dürfte. Pop klang selten so pathetisch, ohne peinlich zu sein. Großes Melodrama!

Anna Calvi – Hunter (Domino)

Justice

Big Beat, das war doch diese weltumspannende, hochenergetische Elektronikzentrifuge, in der von Techno über Funk, Rap, Klassik hin zu Punkrock alle Sounds so lang durcheinandergewirbelt wurden, bis daraus die denkbar wildeste Tanzmusik entstand. Abgesehen vom unsäglichen Eurodance galt Big Beat demnach als ein Inbegriff der eklektischen 90er, die der Disco kaum Neues geschenkt haben, das aber mit Nachdruck. 20 Jahre, 200 Krisen und ähnlich viele Stilwechsel von Daft Punk später scheint das Zeitalter der boxenturmstürzenden Mashup-Würfe also vorbei.

Doch dann erklingen die ersten Stücke der neuen Platte von Justice und jenseits aller Nostalgie wird spürbar: Das Prinzip alles auf einmal mit viel Bass und Trash funktioniert noch immer. Wenn Xavier de Rosnay und Gaspard Augé etwa ein Spinett unters industrielle Raunen von Heavy Metal montieren, wirkt es wie Slayer auf Jean Michel Jarre, in einem Wort: famos. Vom geschmeidigen, leicht süffigen French House der beiden Freunde sind auf den Neuinterpretationen von Woman Worldwide also nur die inhaltlich gewohnt sinnlosen House-Vocals geblieben. Der Rest ist ein Brett, das den Mainstream des Pop zünftig mit seinen eigenen Waffen vermöbelt.

Justice – Woman Wordlwide (Ed Banger)

Ohmme

Die konsumgeile Spaßgesellschaft ist vielleicht der traurigste Ort unseres lustig verlotterten Planeten. Im Bällebad des Überflusses glotzen adulte Kinder so debil aus der Wäsche, dass Erwachsenen bei Verstand das Lachen vergeht. Sima Cunningham und Macie Stewart zählen definitiv zu letzteren. Unterm Bandnamen Ohmme lassen sie sich jedoch glücklicherweise auf erstere ein und machen daraus Independent von derart sarkastischer Lässigkeit, dass die Ignoranz der konsumgeilen Spaßgesellschaft für neun Tracks ihres Plattendebüts ein wenig erträglicher wird.

Der heilsame Stoff zur Magenentsäuerung heißt Parts und hat das heimische Chicago live verabreicht bereits wie eine gut verträgliche Designerdroge erobert. Sie besteht aus einer Vielzahl von Samples, Instrumenten, Fieldrecordings, die oft hinten und vorne nicht zum dadaistischen Doppelgesang der beiden Endzwanzigerinnen passen, aber klingen wie die Andrew Sisters im heillosen Durcheinander von Weens Garage. Und die Percussions vom vogelwilden Drummer Matt Carroll sorgen auch nicht für Ordnung. Eingängig ist daran wenig, aber vieles auf spöttische Art ergreifend. Der perfekte Soundtrack zum anstehenden Weihnachtseinkauf.

Ohmme – Parts (Joyful Noise)

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

1000 Gram – By all dreams nessecary (staatsakt)