OK Kid: F4F & Drei

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Es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg

OK Kid machen seit ihrem Debüt vor neun Jahren alles Mögliche: HipHop, Indierock, Powerpop. Auf der fünften Platte Drei haben die drei Kölner aus Gießen das gefunden, was fehlte: den roten Faden. Worin der besteht, ob OK Kid eigentlich Musiker oder Aktivisten sind und wie man in Zeiten der Dauerkrise optimistisch bleibt, erzählen Sänger Jonas Schubert und Keyboarder Moritz Rech im Interview

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ihr habt vor diesem Interview live auf der Fridays for Future-Demo hier in Hamburg gespielt. War das der Grund, herzukommen?

Jonas Schubert: Genau, wir haben selber gestern Abend in Köln das erste Mal selbst vor 150 Leuten in unserer Stammkneipe das fertige Album durchgehört. Das war toll, aber auch ein bisschen ungewohnt, vor so vielen Leuten. Aber vorhin waren das nochmals viel mehr.

Moritz Rech: Wir haben schon öfter auf Demos wie diesen gespielt, weil es einfach geil ist, wenn Menschen für ihre Ideale auf die Straße gehen. Andererseits verbinden wir den Auftritt jetzt auch damit, über unser Album und die Tour zu sprechen, denn das haben wir seit 2019 schon nicht mehr gemacht.

Seid ihr auf einer Bühne wie der von Fridays for Future Aktivisten oder Musiker?

Jonas: In erster Linie sind und bleiben wir Musiker, deren Musik künstlerisch und ästhetisch im Vordergrund steht. Es gibt Bands, die findet man wegen der Haltung geil, aber die Musik scheiße. Und es gibt Bands wie The Smiths, deren Musik geil ist, die man aber nicht mehr hören kann, weil Morrissey mittlerweile ein nationalistischer Vollspacken ist. Wir probieren beides nicht zu sein, sondern gute Musik zu machen und damit auszudrücken, was uns bewegt.

Moritz: Weil das aber nun mal oft sehr politisch ist, drückt die Musik auch unsere Haltungen aus.

Jonas: Und in dem Sinne sind wir dann schon auch Aktivisten.

Und als was nimmt euch das Publikum denn eher wahr?

Moritz: Das hat eine Wendung genommen. Je mehr wir uns über gesellschaftliche Entwicklungen klar äußern, desto aktivistischer empfindet es vermutlich auch das Publikum. Am Anfang waren wir sogar explizit unpolitisch.

Jonas: Was auch damit zu tun hat, wie wir nach der Wende so aufgewachsen sind. Unsere Jugend war von Wohlstand und Privilegien geprägt, nicht von Politik oder Krisen wie heute. In dieser peacigen Zeit haben wir uns vor allem um uns selbst gedreht. Klar waren man gegen Nazis und auch mal auf Demos. Aber ich war nicht mal wählen! Und auf einmal: Klimakatastrophe, Rechtsruck, Wir-sind-das-Volk-Gegröle, Pandemie…

Moritz: Jetzt auch noch Krieg.

Jonas: Von daher haben nicht wir uns verändert, die Welt hat uns verändert.

Glaubt ihr denn im Umkehrschluss, die Welt mit eurer Musik und Haltung wieder zurückverändern zu können?

Moritz: Schön wär’s…

Jonas: Erstmal verändern wir uns mit der Welt, damit man sich nicht so sinnlos und ohnmächtig vorkommt. Denn so wichtig Bilder und Messages großer Demos wie der von vorhin sind: es geht dabei immer auch ein bisschen um einen selber, dieses Gefühl, Gleichgesinnte zu haben und zu treffen. Das ist beim Musikmachen generell gar nicht anders.

Moritz: Wenn ich von mir auf andere schließe, bewegt Musik unglaublich viel. Sie führt Menschen zusammen, kann auch heilsame Wirkung haben und sorgt dafür, sich mit seiner Sicht auf die Welt weniger allein zu fühlen. Trotzdem ist nach einem Konzert grundsätzlich selbst dann nichts besser, geschweige denn gut, wenn wie bei Fridays for Future schon mal 200.000 Leute da sind.

Moralisch legt ihr die Messlatte dabei – wie auf eurer neuen Platte – von Klimawandel über Konsumkritik bis toxische Männlichkeit mittlerweile extrem hoch. Kommt ihr da auch privat drüber?

Jonas: Drei ist in erster Linie eine Befindlichkeitsplatte, die in der Corona-Zeit sehr ich-bezogen, also aus persönlicher Perspektive heraus entstanden ist. Die Aussagen sind dadurch einerseits von der aktuellen Politik, aber auch von einer Art Weltschmerz geprägt, wie man es überhaupt hinkriegt, aus dem Bett zu kommen. Von daher war dieses Album mehr als jedes zuvor ein Stück Selbsttherapie, um mit der Situation klarzukommen.

Moritz: Und gerade deshalb darf man die Haltungen darauf nicht mit erhobenen Zeigefingern verwechseln. So sehr wir versuchen, uns und damit Dinge zu ändern: wir sind Teil der Krise, also Teil des Problems.

Sind die Texte demnach allesamt autobiografisch?

Jonas: Die Geschichten sind nicht immer autobiografisch, die Emotionen dahinter schon. Und alles hängt auch immer noch davon ab, wie ich sie nach welchem Reimschema singe. Handwerk, Lyrik, Rhythmus, Duktus – alles nimmt Einfluss auf die Geschichten.

Eine gute Punchline ist also manchmal wichtiger als der passende Inhalt?

Jonas: Ich liebe Punchlines und schreibe immer noch wie ein Rapper, obwohl wir Pop machen.

Ist eine Story vom Polizisten Dennis in Hausboot am See zum Beispiel real?

Jonas: Den gibt es wirklich. Die Geschichte ist aber so persönlich, dass ich Namen geändert und eigentlich auch nicht darüber reden möchte. Es gab das Hausboot, es gab den Junggesellenabschied und danach keinen Kontakt mehr.

Wie authentisch sind Zeilen wie „ich bin Halbtagsmisanthrop und Quartalstrinker“?

Jonas: Auch da ist was Wahres dran. Ich liebe Menschen und finde sie gleichsam so bescheuert, dass diese Punchline nicht nur reinmusste, weil ich sie mochte. Wobei sich das Misanthropische eher auf Männer als Menschen bezieht. Klimakrise ist männlich, Kriege sind männlich, Kapitalismus ist männlich. Da hilft als Mann manchmal nur Quartalstrinken.

Sowohl Halbtagsmisanthrop als auch Quartalstrinker klingt so ein bisschen verzagt und larmoyant. Ist Drei ein optimistisches oder pessimistisches Album?

Jonas: Weder noch. Wenn ich singe, es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg, habe ich damit schon vor einem Jahr keinen Gemütszustand beschrieben, sondern die Realität. Die Platte ist komplett frei von Selbstmitleid, denn es ist total nachvollziehbar, sich schlecht zu fühlen. Weil mir die Filter für schlechte Nachrichten fehlen, war ich in all den Krisen zuletzt wie gelähmt, habe mich aber trotzdem aufgerafft.

Moritz: Geht mir genauso, ich finde einfach keine Lösungen in mir und schiebe die Realität beiseite. Wie soll man das sonst alles ertragen.

Jonas: Da wären wir wieder bei der Frage, was Musik verändern kann. Denn zumindest zeigt sie den Leuten, die sie hören, dass Leute da draußen genauso denken. Daraus kann, besonders auf Konzerten, was Positives entstehen.

Zumal ihr die tragischen Texte an bedingungslos gutgelaunten Sound, manchmal sogar mit Schulterpolster-Saxofon und Eurodance, koppelt.

Moritz: Es gibt schon Stücke, in denen Text und Musik eins zu eins übereinander passen. Bei einigen lassen wir es aber tatsächlich bewusst eskalieren.

Jonas: Deshalb haben wir nicht nur das erste Saxofon-Solo auf einer Platte von OK Kid, sondern auch das erste Gitarrensolo. Dafür hätten wir uns vor fünf Jahren noch geschämt.

Moritz: Wobei wir schon immer einiges zugelassen haben, aber auf der Suche nach einem roten Faden waren. Den haben wir diesmal gefunden: Keine Schranken mehr, Begrenzung nur durchs Equipment, alles rein!

Das Interview lief zuvor bei Musikblog.de
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Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)


Bilderbuch, Kae Tempest, Sophia Bel

Bilderbuch

Rosen, besonders rosarote, haben zu Recht nicht den allerbesten Ruf. Als Ausdruck antiquierter Ansichten von Romantik, sind sie eher was für die Generationen Schlager als Pop. Es sei denn, letzterer okkupiert ersteren und steht auch noch dazu – dann darf die beste Popband der Welt gern die kitschigste Rose der Welt aufs Cover nehmen und dazu “unten am Ende der Straße lebt ein süßes Girl / aber ich weiß nicht wie sie heißt” singen”. Ist auch egal. Wenn man Bilderbuch ist.

Den vier Österreichern um Schmusezyniker Maurice Schmidt vergibt man ja alles: die öligen Gitarrensoli von Michael Krammer, den wattierten Bass von Peter Horazdovsky, das schulterpolsterige  Schlagzeug von Philipp Scheibl und vier Platten, die all das zum geschmeidigsten Lowfi-Bigbeat der Welt vereinen. Jetzt gibt es Gelb ist das Feld mit rosaroter Rose und es beschreitet den Weg gediegener Selbstverseifung konsequent weiter. Wenngleich so brillant, dass die Schlagerhaftigkeit darauf betört, nicht verkleistert.

Bilderbuch – Gelb ist das Feld (Maschin Records)

Kae Tempest

Kae (fka Kate) Tempest ist jemand, der/die/das mit jeder Äußerung Aufsehen im alternativen Kunstbetrieb erregt. Seit einiger Zeit nonbinär definiert, hat er/sie/es schon alles publiziert, was Publikum findet: Lieder, Platten, Stücke, Bücher, Romane, Essays und dummerweise auch Sympathiebekundungen für den latent antisemitischen Israel-Boykott BDS. Mindestens heikel, aber bei aller Kritik: nicht annähernd ausreichend, um ein musikalisches Werk zu ignorieren, das in jeder Hinsicht herausragend ist und bleibt.

Als Rapperin gestartet, haben all ihre Alben eine Kraft des elektronisch ummantelten Sprechgesangs, der kaum noch zu steigern war – in Gestalt von The Line Is A Curve aber doch übertroffen wird. Die zwölf Tracks der realen Kunstfigur aus London sind von einer selbstentblößenden Emotionalität, die mit dem dronigen Triphop ringsum nicht nur korrespondiert, sondern verschmilzt. HipHop aus der Tiefe einer streitbaren, fragilen, trotzigen, lebenswunden Seele, wie er selten zu hören war. BDS ist scheiße, aber Kae Tempest das Beste, was dem Musikbusiness passieren konnte.

Kae Tempest – The Line Is A Curve (Fiction)

Sophia Bel

Als Cindy Lauper Anfang der Achtziger den Musikzirkus aufmischte, war die Zeit reif für feministischen Powerpop, der Gender, nicht Sexus negieren wollte. Fast 40 Jahre später ist die Zeit kaum weniger reif dafür, aber feministische Powerpop-Künstler*innen erregen längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, was für sich genommen ja schon mal für ihre Verbreitung spricht. Theoretisch. Praktisch sind weibliche Selbstbehauptungen, wie sie Sophia Bel in wunderbaren Powerpop verwandelt, weiter die Ausnahme.

Anxious Avoidant heißt das Debütalbum der amerikanischen Songwriterin kanadisch-holländischer Herkunft, aufgewachsen in Michigan, gemobbt als Kind, als Erwachsene umso robuster im Umgang mit Verletzungen. Und es klingt wie einst Cindy Lauper so eigensinnig verspielt nach dem richtigen Leben im Falschen, dass man ihrem postpunkigen Alternative sogar ein paar Banjos, gar Country-Sequenzen nachsieht. Empowerment darf einen auch mal billig um den Finger wickeln.

Sophia Bel – Anxious Avoidant (Bonsound)


ÄTNA, Warmduscher, Confidence Man

ÄTNA

Wäre M.I.A. nicht sehr lebendig, man könnte meinen: der lipstickfeministische Antistar ist zurück, dieser migrationshintergründige Sturm, der den Mainstream digitaler Tanzmusik mit triphoppigem Cockney-Trashpop verwirbelte. ÄTNA allerdings klingen zwar sehr wie die Londoner Stilikone, sind aber aus Dresden und werden von dort aus eher eskapistisch als sozialkritisch, aber maximal schweißtreibend den Dancefloor erobern, sobald er sich wieder füllen darf.

Inéz und Demian jedenfalls dürften die Sogwirkung dorthin noch verstärken. Was sie auf ihrer zweiten Platte produzieren, verleiht dem Titel schließlich Flügel: Push Life. Mehr noch als beim Debüt 2020 wühlt ihr ekklektischer Electroclash zwischen vulgär und debil im Discofundus, sprengt mit narzisstischer Verspieltheit die Grenzen des politisch Unkorrekten und liefert damit das perfekte Album für die Monate zwischen zwei Lockdowns. Darauf einen Hummer im Gucci-Fummel.

ÄTNAPush Life (Humming Records)

Warmduscher

Warmduscher klingt zunächst behaglich. Als der Begriff in postheroischer Zeit aufkam, bezeichnete er schließlich Menschen, die lieber kuscheln als eisbaden. Wenn eine Band Warmduscher heißt, kann das in postpostheroischer Zeit also nur ironisch sein – obwohl sie aus London kommt und womöglich gar nicht weiß, was Warmduscher eigentlich heißt. Dann aber sieht, vor allem: hört man das Sextett mit Namen wie Lightnin’ Jack Everett oder Mr. Salt Fingers Lovecraft und spürt, Ironie ist hier keine Kategorie.

Warmduscher sehen aus wie Gigolos im Trailerpark und machen eine Art Shoegazer-Darkwave, als hocke Peter Gabriel in einem Schrank verbrannter Karnevalskostüme. Wenn Warmduscher ihren Postpunk mit Garagenfunk mischen, klingt das entsprechend nach Bigband im Abflussrohr – wobei Strophen wie “Hot Shot, King of the streets / aint sleeping for days / Live wire, dripping with attitude / nothing to prove” nahelegen, dass es ihnen dort ziemlich gut geht. Und uns beim Hören damit sogar noch viel, viel besser.

Warmduscher – Live at the Hotspot (Bella Union)

Confidence Man

Wo wir grad beim Überwältigungspotenzial schrägen Glamours sind: Confidence Man ist zurück im Strobonebel, und wer nach dem präpandemischen Debütalbum von 2018 glaubte, four to the floor könne unmöglich voller auf die Zwölf hauen, sieht sich dank Tilt getäuscht: dem polytoxikoman metrosexuell teilverhülltem Discoquartett aus Brisbane ist abermals kein Stil zu heilig für ihren Mash-up aus allem, was schillert, scheppert, geschmacksverstärkerwürzt.

Und so klingen die zwölf neuen Stücke von Janet, Sugar, Reggie und Clarence abermals nach renoviertem Eurodance für die Generation Dauerkrise. Mit Busshittexten in Bullshitkostümen zu Bullshitchorälen über Bullshitrhythmen voller Bullshitsamples und Bullshitynths scheißen Confidence Man auf jedes Gejammer über die Verhältnisse und eröffnen den Dancefloor für vorbehaltloses Abgehen. Snap meets Kylie meets Lady Gaga meets Barbie Girl und alle zusammen so all the boys say all the girls say uhhh? Leider geil!

Confidence Man – Tilt (Heavenly Recordings!)


Ibibio Sound Machine, Get Well Soon, Bodi Bill

Ibibio Sound Machine

Kennt irgendwer noch Amanda Lear oder Grace Jones? Als androgyn-feministische Stilikonen haben sie den männerdominierten Pop der Siebzigerjahre mit einer diffusen Sexualität variiert, deren Bedeutung heute kaum zu überschätzen ist. Oberflächlich betrachtet sind beide zwar nur marginal mit Ibibio Sound Machine vergleichbar. Aber nur mal rein hypothetisch: hätte Grace Lear auch nur einige der musikalischen Mittel des Londoner Disco-Kollektivs besessen – ihr Dancefloor stünde noch immer in Flammen.

Mit seiner virilen Mixtur aus Afrobeat und Electroclash dampft das neue Album Electricity förmlich aus den Boxen und verbietet sich störende Nostalgie. Zappelige Drums, Synths und Fanfaren wie im heillos überfrachteten, aber gut strukturierten 17 18 19 treiben den eklektischen Futurefunk der siebenköpfigen Band um Sängerin Eno Williams zwar zuweilen leicht hektisch vor sich her. Sie bleiben aber angenehm frei von störendem Folklorismus – und herrlich dick aufgetragen. Wie einst bei Amanda Jones.

Ibibio Sound Machine – Electricity (Merge Records)

Get Well Soon

Und wo wir grad bei dick aufgetragener Opulenz sind: Get Well Soon haben ihr, besser: hat sein neues Album rausgebracht. Mit Glockengeläut, das zum Himmel weist, Bläsersequenzen der Bigband-Ära, Chorälen am Rande des Sakralen und Geigenteppichen flauschig wie Flokatis zur Jarvis-Jocker-Gedächtnis Stimme, platzt Konstantin Gropper aus der Isolation seines Mannheimer Studiokellers und bläst Pandemie oder Kriege in sinfonischer Orchesterstärke aus den Köpfen. Was ein bisschen seltsam ist.

Denn Amen, so heißt die sechste Götterdämmung aus Groppers Multiinstrumentarium, ist katastrophal im Sinne einer Antwort auf all jene Weltkrisen, die er akribisch auflistet, dann aber mit misanthropischem Optimismus zum Schweigen bringt. Verglichen mit The Horror von 2018 ist unsere Zivilisation zwar noch näher am Abgrund. Doch was macht Get Well Soon? Feuert aus allen Rohren seines Überwältigungspops auf beginnende Resignationen und schafft damit nicht weniger als die Platte des Frühlings schlechthin.

Get Well Soon – Amen (Virgin)

Bodi Bill

Und damit hier nicht alles nur auf die elektroeklektizistische Zwölf drischt, noch etwas digitaler Sound ohne den Anspruch größtmöglicher Selbstüberfrachtung: Bodi Bill sind zurück. Drei Jahre, nachdem das Berliner Lowtech-Trio zur absoluten Unzeit seine Reunion feierte, kommt das fünfte Album raus. I Love U I Do klingt zwar bescheuert, ist aber Ausdruck wechselseitiger Sehnsüchte von Band und Fans, die viel zu lange unerfüllt geblieben sind.

Ihr verschroben feiner Alternative House tänzelt wie früher durch drollige Samples und öligen Gesang, der nichts weiter sein will als ein zusätzliches Instrument zur klanglichen Vielfalt, dabei aber die Grenzen zum Po überwinden möchte – und damit sogar erfolgreich ist. Stücke wie Self Improvement oder Loophole Traveling schaffen es schließlich spielend, Glitzerdisco und Kellerclub zu versöhnen. Cheezy manchmal, zugegeben. Aber auf sehr würzige Art käsig.

Bodi Bill – I Love U I Do (Sinnbus)


Uèle Lamore, The Simps, White Lies

Uèle Lamore

Ob Filme im Kopf nun instrumental begleitet werden oder vokalisiert, orchestral oder kammermusikalisch, strukturiert oder flächig, das wird vermutlich auch keine Traumdeutung ergründen. Aber falls das Unterbewusstsein einen Soundtrack verdient – Uèle Lamores Debütalbum wäre nicht die schlechteste Wahl. Mit Loom hat die franko-amerikanische Künstlerin schließlich ein Werk erschaffen, das zwischen Ambient, Klassik und Dreampop Gedanken vertont, ohne sie auszusprechen.

Gemeinsam mit dem London Contemporary Orchestra experimentiert die 27-Jährige so vielgestaltig mit synthetischer und modularer Electronika aus jeder Art von Computer-Terminal, dass die elf Stücke Road-Movies der Siebziger ebenso vertonen könnten wie zeitgenössische SciFi. Wenn dabei klavierbegleitete Geigenteppiche entspannt übers sphärische Rauschen futuristischer Visionen rollen, ist alles denkbar, alles drin, alles geschmeidig, ergreifend, virtuos und angenehm verstörend.

Uèle Lamore – Loom (XXIM)

The Simps

Schwer zu sagen, wen oder was The Simps vertont, aber The Simpsons sind es definitiv nicht, dafür ist das das kalifornische Duo zu düster und verstiegen. Vielleicht vertont es auch gar nichts. Vielleicht ist ihr Debütalbum Siblings einfach, wonach es klingt: eine düster verhallende, hintergründig eklektische, nostalgisch klingende Reminiszenz an den Future-Pop der Achtziger, wie Joy Division mit etwas besserer Laune.

Dabei ist der Old New Wave von Zzzahara and Eyedress, wie sich Zahara Jaime aus L.A. und Idris Vicuña von den Philippinen hier nennen, weder neu noch alt, weder gebraucht noch innovativ. Mit unverzerrter Funkgitarre, E-Drums und Schulterpolster-Keyboards suppt ihr Beach-Pop durch verrauchte Kellergewölbe und hellt sie auf, während sich der Gesang in den Ecken zu verstecken scheint, aber spürbar an die frische Luft will. Herausspaziert.

The Simps – Siblings (Lex Records)

White Lies

Und damit zu etwas Unverdruckstem, Selbstbewusstem, Exaltiertem, das in jeder Strophe, jeder Bridge, jedem Refrain ganz bei sich ist und nirgendwo anders hin will als unter richtig fette Scheinwerfer richtig fetter Bühnen: White Lies. Eine Band, die seit ihrem Debütalbum To Lose My Life vor zwölf Jahren zu den Abräumern des Brit-Rock zählt, und auch mit ihrer sechsten Platte ausgetretenes Terrain planiert, das aber sehr unterhaltsam.

Nicht also, dass As I Try Not To Fall Apart dem Bestand auch nur ansatzweise erweitern würde. Denn im anschwellenden Meer genresprengender Bands mit dem Anspruch, alles mit allem irgendwie unerhört zu verquirlen, macht die gemeinsam gereifte Schulkapelle aus London bloß das, was sie am besten kann: geradlinigen, massentauglichen, melodramatischen Postpunk, der niemals stört und dennoch stets ein bisschen eigensinnig bleibt.

White Lies – As I Try Not To Fall Apart (PIAS)


Jan Verstraeten, Los Bitchos, yeule

Jan Verstraeten

Der Teufel im Kopf muss dort nicht unbedingt gleich ein Fegefeuer entfachen, aber einheizen kann er ihm schon. Der Belgier Jan Verstraeten zum Beispiel singt zum Auftakt seines Debütalbums Violent Disco über seine inneren Dämonen, die anschließend auch in Gone Gone Gone ihr Unwesen treiben. Zum Glück für den Groove allerdings vermengt er all die Düsternis nicht mit Dark Wave, sondern einem orchestralen Neo-Funk, der frei schwingt, ohne zu flattern.

Als würden Junius Meyvant und The Last Shadow Puppets Pete Doherty im rosa Bademantel übers verschlammte Jazzfestivalgelände geleiten, vermengt Verstraeten lässige Streicher mit molligem Cello zu einer Art englischsprachigem Psychiatrie-Swing von Fans alter Filmmusiken, also der richtig fetten Scores fürs Crooner-Kino der Siebziger. Das ist von einer so seelenzerkratzten Erhabenheit – man möchte glatt die Leiche spielen.

Jan Verstraeten – Violent Disco (Popup Records)

Los Bitchos

Leichen, so scheint es, pflastern auch den Weg jenes Soundtracks, den die vier Londonerinnen mit dem wenig woken, aber weil selbst verliehen doch irgendwie emanzipativen Band-Namen Los Bitchos auf ihr grandioses Erstlingswerk gestempelt haben. Tarantinos Leichen. Let The Festivities Begin! klingt nämlich wie eine Wüstensafari im schrottreifen Chevrolet, voll besetzt mit kosmopolitischen Musikgenres, die Los Bitchos auch personell repräsentieren.

Keytar-Spielerin Agustina Ruiz aus Uruguay sorgt für südamerikanische Rhythmik und Bassistin Josefine Jonsson für schwedischen Popappeal, Drummerin Nic Crawshaw bringt britischen Punkrock mit ein und die australische Gitarristin Serra Petale Orientalistik. Diese PR-Zuschreibung mag so stimmen, ist aber auch egal. Denn im Ensemble erzeugen sie ein wortloses Instrumentalfeuerwerk, das sehnsüchtig auf die Eröffnung der Festivalsaison erwartet. Und wir auch.

Los Bitchos – Let The Festivities Begin! (City Slang)

yeule

Schwer zu sagen, für welches Festival Nat Ćmiel alias yeule aus Singapur wohl geeignet sein könnte. Das Jahrestreffen der Tinnitus-und Psychose-Geheilten? Ein Rave für Rave-Geschädigte? Die Abschiedsparty vom halbjährlichen Winter oder wahlweise Sommer am Nordkap? Das neue Album der Künstlerin aus London lässt viele Verbreitungswege offen, aber kein einziger davon führt durch annähernd zugängliches Terrain.

Glitch Princess heißt es, übersetzbar mit Pannenprinzessin. Dabei klingen die sägenden Harmoniebrüche und Disharmonien auf dem Experimentierfeld digitaler Flächen nicht zufällig fehlerhaft. Im Gegenteil: alles ganz gezielt knapp am eben noch Eingängigen vorbei, alles aber regelmäßig auch wieder von linearer Verspieltheit. Ein psychotischer Tinnitus der Möglichkeiten, die elektronisches Sampling bieten, wenn man nicht nur in Strophe, Bridge, Refrain denkt, sondern Emotion, Variation, Rezeption.

yeule – Glitch Princess (Bayonet Records)


Saitün, Eels, Kreidler

Saitün

Orient – ist das ein kolonialistischer Begriff aus Zeiten, als sich Europa die Welt Untertan machte und falls nicht, zumindest kulturelle Aneignung, sofern ihn jene verwenden, die ihm gar nicht entsprungen sind? Solche Sprachfragen sind heutzutage (zum Glück) die Regel und müssen daher auch auf die Baseler Band Saitün angewendet. Ihr melodramatischer Psych-Rock wird nämlich nicht nur mit dem angedickt, was landläufig als orientalisch gilt; er spielt auch inhaltlich mit arabischen Codes und Chiffren.

Das machen sie hervorragend. Sinfonisch wälzen sich die Klangteppiche über englischsprachige Kritik am Kapitalismus, als hätten Faith No More Sauerkraut vergoren. Vom 1. bis zum 10. Track ist das Debütalbum Al’ Azif fesselnd wie ein vertonter Tsunami. Zugleich aber fragt sich, was die Assoziationsketten offenbar sehr weißer Protagonisten sollen – alles nur Spaß, alles sehr ernst, alles kulturell diffus, wie uns das Label versichert? Alles Auslegungssache, für die man Al’ Azif halt durchhören und selber urteilen sollte.

Altün – Al’ Azif (mon petit canard)

Eels

Mit Eels hingegen kann man seit einem Vierteljahrhundert eigentlich nie was falsch machen – was weniger deshalb überrascht, weil das Quartett aus Washington D.C. jemals irgendwas politisch auch nur ansatzweise Unkorrektes getan hätte. Erstaunlicher ist die Tatsache, dass Alternative-Fans der Stimme des Quantenphysiker-Sohns Mark Oliver Everett vermutlich auch auf dem 14. Album nicht überdrüssig werden. Und das hat schon echt was Magisches.

Denn es ist ja nun wirklich nicht so, als klänge Extreme Witchcraft grundlegend anders als das brillante Debüt Beautiful Freak von 1996. Im Gegenteil: die lässige Eastcoast-Americana, gepaart mit countryeskem Surfersound suppt exakt so schläfrig schön aus Boomboxen wie einst vom Kassettendeck. Aber genau dieses Grundgefühl der Wiedererkennbarkeit im Tonfall völligen Desinteresses an Erfolgen, Geld, Karriere macht auch das Album beiläufige Art einzigartig.

Eels – Extreme Witchcraft (PIAS)

Kreidler

Und wo wir grad beim Zauber der Beständigkeit an sich sind, konzentriert allerdings in einer Gruppe musizierender Menschen, die damit einst unerforschtes Gelände betraten: Kreidler haben ein neues Album gemacht, das 15. in ungefähr ebenso vielen Jahren wie Eels, was aber auch schon die einzige Parallele beider Klanguniversen ist. Denn das der vier Eketroavantgardisten um den Drummer Thomas Klein schießt über die bekannten Sonnensysteme abermals weit hinaus.

Spells and Daubs nämlich erforscht die unendlichen Weiten der eigenen Originalität mit exakt jener Experimentierfreude, die den Pop-Standort Düsseldorf seit Jahrzehnten zur sprudelnden Quelle erst abseitiger, dann massentauglicher Ideen macht. Gleichermaßen vertrackt und eingängig, sedierend und tanzbar, meditativ und weltlich zieht das Album in einen Bann, der sich heute so wenig erklären lässt wie 1994, aber damals wie für alle Zeiten eines ist: auf eingeborene Art angenehm undeutsch.

Kreidler – Spells and Daubs (Bureau B)


Arca, Haiyti, Karwendel

Arca

Stellen wir uns mal vor, rein hypothetisch, die Länder Afrikas, Asiens, Amerikas hätten Europas Kultur kolonisiert statt umgekehrt – Referenzgrößen massentauglicher Sounds wären demnach nicht Bach, Beatles oder Bohlen, sondern rhythmusbasierte Klangkompositionen jenseits von Viervierteltakt und klassischer Metrik: niemand würde eine eklektische Künstlerin wie Arca wohl für kompliziert, verschroben, durcheinander halten, sondern das Nonplusultra harmonischer Musik. Was sie, auch wenn es anders klingt, fraglos ist.

Das neue Album der venezolanischen Multifunktionsartistin mit Skills von Malerei über Performancekunst bis Pop mag für chartserprobte Ohren also unzusammenhängend klingen und auf fiebrige Art konfus. Doch wer ein wenig in den lateinamerikanisch angestachelten Noise-Skulpturen herumwühlt, findet darin eine Vielfalt, als hätte man Bach, Beatles, Bohlen im Thermomixer verquirlt und zu kantigen kleinen Glückspillen gepresst. Wer das versteht, versteht alles, wer das nicht mag, ist selber schuld.

Acra – Kick ii (XL Recordings)

Haiyti

Und damit wäre auch das Wirkprinzip der aktuell irritierendsten Rapperin der deutschsprachigen Welt hinreichend beschrieben. 30 Sekunden Haiyti und die Ohren sausen so verlässlich wie nach einer frühmorgentlichen Weckaktion vom Presslufthammer. Den aber hat Ronja Zschoche, so ihr Passname, auf ihrem dritten Album in 12 Monaten wieder so schrill per Autotune verquarkt, dass der Lärm darauf wie ein Stalschaumbad klingt.

Mit Features wie Money Boy, Dr. Sterben, Kaisa Natron oder Kid Trash rauscht die Hamburgerin vom Kiez wieder durchs Klangspektakel wattierter Drones und Trap-Kaskaden, die ihr wort-, bild-, zeichen- und gestengewaltiger HipHop mit allerlei Geschwafel über Drogen, Straße, Liebe, so Zeugs andickt. Das Besondere an Speed Date: es nervt von der ersten bis zur letzten Sekunde, es kratzt und brodelt und schmerzt und knarzt. Es lässt uns aber vom 1. bis zum 25. Track auch nicht los.

Haiyti – Speed Date (Haiyti Records)

Karwendel

Aber damit hier nicht alles auf fesselnde Disharmonie zugeschrieben ist, gibt es doch noch einen Tipp fürs Gemüt, etwas um Ausgleich und Eleganz bemühtes, etwas Schönes, bei dem sogar Geigen und Saxofone zerschmelzen, ohne kultiviert anzustrengen, etwas Hübsches, bei dem ein sehr weißer Junge von nebenan sehr weiße Jungssvonnebenansachen singt:  Der Klang der Vergänglichkeit, das Debütalbum vom Hamburger Singer/Songwriter Sebastian Król, der dafür praktischerweise sein eigenes Label betreibt.

Stimmlich in Gisbert zu Knyphausens Couchecke angesiedelt, erzählt der Doppelkämpfer von Backseat Records über alles, was Großstadtgemüter emotional bewegt und lässt ein analoges Instrumentarium von Piano über Gitarre, Bass, Schlagzeug bis hin zu einer folkloristischen Klarinette dazu flattern, dass man im Geiste hüftabwärts schaut, ob Król Schuhe trägt. Tut er. Und macht damit harmlosen, aber ergreifenden Urban-Pop für alle, die mal Pause brauchen vom Anspruch, alles müsse fett, groß und besonders sein.

Karwendel – Der Klang der Vergänglichkeit (Backseat)


Aesop Rock, Enfant Sauvage, Philip Bradatsch

Aesop Rock

Quantität allein ist kein Qualitätsmerkmal – schon gar nicht in der Poesie, wo die Zahl der Worte nichts über deren Güte sagt. Aber wenn das Vokabular eines Rappers mit bald 8000 verschiedenen Wörtern doppelt so groß ist wie das von Oberflächensurfern wie 50 Cent oder Kanye West, sagt das schon was über Inhalte aus. Auf seiner neuen Platte Garbology jedenfalls erweitert der New Yorker sein Textrepertoire abermals um ein paar Dutzend persönliche Neologismen, aber das ist längst noch nicht alles.

Denn das Besonderes an seiner neunten Platte in 24 Jahren, die er erneut mit dem Produzenten Blockhead aufgenommen hat, sind wie so oft ihre dystopisch dämmerigen Sounds, die sich mit der Dynamik fließenden Quarks vor Abertausend Worte quetschen, aber das Durchsetzungsvermögen einstürzender Wände haben. Aesop Rocks Gedanken über den gedanklichen, kommunikativen, sozialen Müll unserer Zeit sind aber gerade dadurch von so großer Wucht. Qualität durch Quantität – geht doch.

Aesop Rock – Garbology (Rhymesayers Entertainment)

Enfant Sauvage

In der elektronischen Musik ist es ja so, dass Quantität allein schon wegen der Abwesenheit strenger Metriken von Strophe über Bridge bis Refrain schwerer zu messen ist als in der analogen Musik – das ging schon mit Donna Summers I Feel Love los, wo der Pop sein Instrumentarium erstmal vollständig abstrahierte und in seiner repetitiven Flächigkeit trotz der Liebesschwüre aseptisch klang. Guillaume Alric, 50 Prozent des französischen House-Duos The Blaze, macht es knapp 45 Jahre später umgekehrt: unterm Künstlernamen Enfant Sauvage wirken seine Digitalflächen seltsam organisch.

Ein bisschen so, als würde Jean Michel Jarre mit Daft Punk im Kellerclub kiffen, wattiert er die zappeligen Beats seines wundervollen Solodebüts Petrichor mit wachsweichem Phrasengesang, kippt hier mal schrille Industrial-Samples drüber wie in Louve, rührt dort mal plätscherndes Piano drunter wie in It’s All Over, bleibt dabei aber stets auf auf elegante Art so bewegungsfreudig, als würde er einen Sack wirklich guter Drogen mischen. 

Enfant Sauvage – Petrichor (Animal 63)

Philip Bradatsch

Vorschusslorbeeren können auch toxisch sein. Als “deutscher Bob Dylan” bezeichnet zu werden wie es ein Radiosender vor zwei Jahren beim Debütalbum Jesus von Haidhausen des bayerischen Songwriters Philip Bradatsch tat, legt die Messlatte ja gleichermaßen hoch und tief. Wer will, wer kann schon so klingen wie der weltberühmteste Folk-Nuschler mit Nobelpreis und Hut? Philip Bradatsch offenbar nicht, deshalb hat er den Nachfolger nicht nur Die Bar zur guten Hoffnung betitelt, sondern auch ein wenig aufgemöbelt.

Noch immer spielt er mit den Cola Rum Boys zwar steppentaugliche Eckkneipenmusik für melancholische Exiltexaner, die in den besseren Momenten an Voodoo Jürgens erinnert und in den schlechteren an Udo Lindenberg. Sein fröhlicher Schwermut klingt allerdings frischer als früher und wühlt sich dennoch durch traurige Klaviaturen von herzzerreißender Tiefe. Wenn dann allerdings wieder die unverzerrte Westcoast-Gitarre scheppert, ist alles wieder bisschen besoffen, bisschen pathetisch. Musik wie Tresengespräche.

Philip Bradatsch – Die Bar zur guten Hoffnung (Trikont)