Karate, Pöbel MC, Donkey Kid
Posted: October 19, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentKarate
Wiedersehen macht Freude, Wiederhören erst recht, aber dieses Wiederhörensehen – das kramt viele (zugegeben persönliche) Emotionen aus dem Kellerloch unserer dystopischen Zeit: Karate sind zurück. In einer utopischen Zeit (1993) gegründet, stand das punkverwurzelte Trio aus Boston für eklektischen DIY-Jazzrock der Extraklasse: Virtuos, struppig, elegant, verwegen. Jetzt ist es nahezu in Originalbesetzung zurück.
Und nein: Die avantgardistische Wucht der ersten fünf Alben kriegt Geoff Farina schon deshalb nicht mehr hin, weil seine Überwältigungsstimme zum Dauerthema Beziehungen etwas ausgedünnt klingt. Doch die Riffs dahinter, der energische Hang zum kultivierten Gitarrensolo über den verstiegenen Drums von Gavin McCarthy – das ist immer noch so umwerfend, dass man kurz mal 20 Jahre rückwärts reist, als die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung schien.
Karate – Make It Fit (Cargo)
Pöbel MC
Und ob er’s glaubt oder nicht: Pöbel MC, wie sein Kollege Marteria aus der heimlichen HipHopHauptstadt Rostock, hat ganz schön viel Karate in den Adern. Sein Gossen-Rap atmet den Spirit der Bronx, klingt wie die testosterongesättigtsten Gangsta aus Aggroberlin, ist dabei aber von einer zerdepperten Virtuosität, dass man ihn glatt in der Elbphilharmonie spielen (und hinter ja schön die Wabenkonstruktion mit seiner Lyrik vollsprayen) könnte.
“Heute Dr. P / rappt mit Prädikatsexamen / ziemlich schwer / wie mit dem Flugzeug schwarzzufahren / Ihr macht auf Asis und wisst ihr seid verlogen / Umstürze nach oben und nicht Kinderrap auf Drogen” grollt Pöbel MC auf seiner zweiten Platte Dr. Pöbel und zeigt sich dabei erneut als Deutschlands wortreichster, brachialpoetischster, bester Reimakrobat mit Haltung (links), Wut (konstruktiv) und Wirkung (Aufdrehen, Abdrehen, Abgehen).
Pöbel MC – Dr. Pöbel (Audiolith)
Donkey Kid
Und damit wir jetzt alle mal kurz wieder runterkommen von Nostalgie und Gepöbel, quasi in der bildungsbürgerlich kultivierten Mitte von Boomer-Exzess und GenZ-Enthemmung, hier noch eine Empfehlung ohne allzu viel Metaebene. Es geht um das Debütalbum des Berliner Bigband-Solisten Donkey Kid. Blöder Name, Instagrammability, alles irgendwie schon tausendmal gehört.
Trotzdem strahlt Heavyweight Champion etwas aus, das leider viel zu selten ist in britisch angehauchter Electronica: Selbstironie, transportiert etwa durch newwavigen Discocountry, verschrobene Keyboards zu Waschbrett-Rhythmen, hier mal ein Nintendo-Gefrickel, dort etwas Club-Geballer, Uptempo-Beats und Downtempo-Flows, vieles drollig, oft infantil, aber einfach sehr, sehr unterhaltsam four-to-the-flour.
Donkey Kid – Heavyweight Champion (Euphorie Records)
Being Dead, Hamburg Spinners, Memorials
Posted: October 6, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBeing Dead
Übers Sterben und dem, was danach kommt, gibt es viele Theorien. Erstaunlich viele sind hoffnungsfroh, andere deprimierend, einigen kann man sich darauf, dass Leichen den Lebenden weniger zu geben haben als umgekehrt, aber wenn Tote ihren Zustand so schön besingen wie Being Dead aus Austin, ist das auch egal. Das Trio der subkulturellen Exklave des reaktionären Trump-Bistums Texas macht einfach die Nacht zum Tage und das Dunkel taghell.
Eeels heißt ihr versponnene Konglomerat psychedelischen Surf-Punks im Garagen-Stil. Und es klingt, als würde jemand die Beach Boys mit der Family of the Year auf einem kaputten Plattenspieler herumeiern lassen, bis der entstandene Sound Wüstensand hustet, was bei Falcon Bitch und Shmoofy allerdings klingt wie die durchgeknallten Texte: pumperlgesund und munter wie ein Festival-Opener unter Bäumen im Nachmittagssonnenschein.
Being Dead – Eels (Cargo)
Hamburg Spinners
Die Hamburg Spinners tragen Geisteszustand und Herkunft dagegen bereits im Namen. Das Quartett um den als Erobique szenekundigen Carsten Meyer verortet sein drittes Album zwar Im Schwarzwald, stammt aber trotz badischer Aufnahme aus dem Norden und frönt dort einer Form retrospektiver Nostalgie, die es Mod-Jazz nennt und so aus der Zeit gefallen ist, dass es fast schon wieder modern wirkt.
Gitarrist Dennis Rux pickt dabei so frickeligen Funk unter Erobiques Keyboardpeitschen, dass Bass (David Nesselhauf) und Drums (Lucas Kochbeck) fast mäßigend aufs Sammelsurium wattierter Sixties-Beats und Twenties-Adaptionen einwirken. Gelegentlich fehlt der Gesang, um die melodiöse Vielfalt richtig schätzen zu wissen. Aber auch so wünscht man sich einen Nierentisch mit quietschbuntem Longdrink am Pool, um sich dazu im Takt des Gestern zu wiegen.
Hamburg Spinners – Im Schwarzwald (Buback)
Memorials
Und um an diesem sonnigen Frühherbstspätsommertag ausnahmslos Musik zu feiern, die zeitgenössische Hörgewohnheiten mit antiquierter Verve umkurven, noch ein wirklich ganz fantastisches Debütalbum: Memorial Waterslide vom englischen Duett Memorials, ein retrofuturistischer Punkpop, der ein bisschen an Nico auf Speed erinnert, also seiner Zeit ziemlich voraus ist und zugleich atemlos hinterherhechelt.
Verity Susman und Matthew Simms, zuvor gemeinsam bei Electrelane und Wire aktiv, surfen irgendwie aufgeregt und nervös, zugleich aber zielstrebig durch übersteuerte Gitarren- und Orgelgewitter, dass die Ohren fiepsen. Aber es ist ein gutes, energisches Fiepsen. Ein disharmonisch-eleganter Tinnitus wie die Filmmusik knisternder C-Movies der 70er, regelmäßig gelindert durch zarte Balladen wie Name Me und deshalb: vielfältig gut.
Memorials – Memorial Waterslide (Cargo)
Brezel Göring, Peter Thomas, Bright Eyes
Posted: September 22, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBrezel Göring
Es ist immer schwierig, sich die Einzelteil eingespielter Duos isoliert vorzustellen. Und falls diese Duos auch noch für brillanten Dilettantismus stehen, fällt das umso schwerer, ist aber möglich – sofern es sich um Brezel Göring handelt, Mastermind von Stereo Total und damit gleichermaßen Nachlassverwalter der unfassbar früh verstorbenen Francoise Cactus und in eigener Sache. Wie gut, dass ein Solo-Album weder nach dem einen noch dem anderen klingt.
Friedhof der Moral wildert zwar eifrig im Trashpop des Berliner Underground-Projektes der hedonistischen Millennials. Die 13 Hardcore-LoFi-Tracks blasen Görings Sound allerdings so auf und specken ihn zugleich ab, dass daraus ein sehr eigensinniges, retrofuturistisches Kammerspielorchester für alle jene entsteht, denen Stereo Total am Ende doch zu poppig war. Auf dem Friedhof der Moral ruht daher auch das Cheezige von früher. Gut so.
Brezel Göring – Friedhof der Moral (Stereo Total Records)
Peter Thomas
Wer den Retrofuturismus musikalisch zur Perfektion brachte, ist einer von Brezel Görings heimlichen (weil womöglich unbekannten) Helden: Peter Thomas. Nie gehört? Nur dem Namen nach vermutlich. Denn als Komponist der Titelmelodie des SciFi-Trashs Raumpatrouille Orion und ähnlicher Absurditäten wie Edgar-Wallace-Soundtracks war er eine Weile in aller Ohren und hat dort ein imposantes Gesamtwerk orchestral verspleenter Sixties-Sinfonien hinterlassen.
Damit die wiederentdeckt werden können, hat Mocambo Records gemeinsam mit Backseat das Werk des deutschen Henry Mancini kurz vor dessen 100. Geburtstag zu einer fantastischen Platte gebündelt. The Tape Masters Vol. 1 – Library Music enthalten dabei alles, was Thomas’ Epoche kennzeichnet: schrille Beat-Gewitter, elegante Cocktailparty-Harmonien, existenzialistischer Souterrain-Jazz, Hammondorgel-Spektakel der Extraklasse. Unbedingt anhören, durchhören, weiterempfehlen.
Peter Thomas – The Tape Masters Vol. 1 – Library Music (Mocambo Records)
Bright Eyes
Um zum Schluss die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und doch daraus zu schöpfen, gibt es hier noch mal eine Art Supergroup, die seit bald 30 Jahren aus den Vollen ihrer vielen Mitglieder und Features schöpfen kann: Bright Eyes, das ewige Start-up des umtriebigen Conor Oberst, für das er auf seiner neuen Platte mal wieder das Who-is-Who alternativer Americana von Cat Power, The National, Matt Berninger oder Alex Orange Drink um sich schart.
Gemeinsam erschaffen sie ein Kompendium skurriler Pop-Texturen, die ebenso unfertig wie übersteuert klingen und damit größtenteils fantastisch. Das liebevoll verfrickelte, bläserlastig aufgeplusterte, jederzeit funkensprühende Five Dice, All Threes schafft es dabei vor allem dank Obersts proklamatorisch zerkratztem Gesang heiter und melancholisch, anrührend und ironisch, psychisch labil und dabei seltsam durchsetzungsstark zu wirken.
Conor Oberst – Five Dice, All Threes (Dead Oceans)
Supersemppft, Pom Poko, Smashing Pumpkins
Posted: August 17, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentSupersempfft
Der popkulturelle Mainstream steckt in einer Zwickmühle. Seit langem schon. Man könnte ihn gut an der Diskrepanz zwischen Wave und Electronica oder Punk und Techno. Während erstere auf filigrane Art ihre Ernsthaftigkeit zelebrieren, sind letztere gern in schlichter Weise unernst. Zwischentöne? So selten, dass man in der Geschichte manchmal rückwärts reisen muss, um sie zu finden. Bei Supersempfft zum Beispiel.
Kennt hier niemand? Kann sich ändern. Denn Bureau B bringt das Debütalbum des hessischen Duos neu heraus und zeigt darin, wie verspielt technoid-waviger Electropunk 1979 war. Roboterwerke ist von vorne bis hinten ein so futuristischer Ritt durch die damals noch neue Welt analog-artifizieller Klänge, dass trotz Glamrock- und Retrofunk-Sequenzen praktisch kein Stück davon schlecht gealtert ist.
Supersempfft – Roboterwerke (Bureau B)
Pom Poko
Wenn jemand sagt, irgendwer sei erwachsen geworden, ist Vorsicht angeraten – impliziert es doch den Vorwurf, der oder die Erwachsene sei vorher für was auch immer noch nicht reif gewesen. Und das war bei der norwegischen Noisepop-Band Pom Poko definitiv nicht der Fall, als sie 2019 ihr erstes Album gemacht haben. Birthday – und mehr noch Cheater zwei Jahre später – sind zwar verworrene Krachsinfonien, in ihrer Absurdität aber ungemein clever und geistreich.
Trotzdem hat sich das Quartett auf Champion spürbar weiterentwickelt. Die 3:33-Minuten-Metrik ihrer scheppernd schönen Gitarrengespinste wirken konzentrierter, der dialektische Engelsgesang von Texterin Ragnhild Fangel Jamtveit kommt darin besser zur Geltung. Alles wirkt ein bisschen geerdeter, ohne an experimenteller Courage zu verlieren. Die elf Stücke daher, bei Musik nicht zu unterschätzen, kann man daher auch mal einfach nebenbei hören. Und sich sauwohl dabei fühlen. Toll!
Pom Poko – Champion (Bella Union)
Smashing Pumpkins
Man kann gar nicht oft genug betonen, welche überragende Bedeutung Smashing Pumpkins für die heutige Musik im Allgemeinen und ihr Publikum im Besonderen haben. Fragiles Gefühl in so brachialen Sound zu packen, hat Abermillionen ambivalente, geschlechterdiverse, unbehauste Persönlichkeiten vervollkommnet. Schön, dass sich die Grunge-Band 33 Jahre nach Gish und 24 seit der Reunion endlich wieder daran erinnert.
Bis auf Bassistin D’Arcy in Originalbesetzung, lassen es Billy Corgan, James Iha und Jimmy Chamberlin wieder sensibel krachen. Klar – Aghori Mhori Mei erreicht nie die elegische Wucht von Siamese Dream. Aber es verkneift sich die altersweisen Versuche, intellektueller zu klingen als nötig. Mit Gitarrengewittern wie Edin und Sighommi oder das metallische War Dreams of Itself bleiben sich Smashing Pumpkins treu, werden trotz des verstiegenen Titels aber auch endlich wieder wahrhaftig.
Aghori Mhori Mei (Martha’s Music)
Knarre, Angélica Garcia, Baby You Know
Posted: July 21, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentKnarre
Punkrock ist ja kein Punkrock, weil er von Punks gemacht wird. Punkrock ist Punkrock, weil er auf wohlige Weise wehtut. In den Ohren. In den Augen. Im Herz. Im Hirn. Weil er zugleich banal und politisch sein kann, betroffen und eskapistisch, bedeutungsschwanger und egal – alles ziemlich gut kompiliert in der Berliner Punkrockband mit dem berlinernden Punkrockbandnamen Knarre, die ein bisschen mehr als nur an Turbostaat erinnert.
https://www.youtube.com/watch?v=B81U2EJkOvs
Wenn Sänger Daniel P. im zweiten Album Hundeleben “Du bist die Alpen / und ich bin Brandenburg / Du bist das Meer / und ich bin der Baggersee” über scheppernde Gitarren und beckenlastige Drums brüllt, klingt er schon ganz schön nach Jan W., aber egal. Die acht Lieder über Liebe und ihre Dornen dengeln uns ihre ganz eigene Metrik ins Gemüt und wühlen es mit disruptiver Emotionalität auf. Live ist das ein Unwetter, aber auch konserviert noch gewittrig gut.
Knarre – Hundeleben (Through Love Rec.)
Angélica Garcia
So ganz, also wirklich komplett was anderes ist das neue Album der Experimentalpop-Kuratorin Angélica Garcia. Auf dem Nachfolger ihres gefeierten Debütalbums Cha Cha Palace hat die Kalifornierin ihre mittelamerikanische Herkunft ein bisschen versteckt. Gemelo dagegen ist nahezu komplett auf Spanisch und thematisiert ihre Wurzeln in Mexico und El Salvador auch musikalisch. Manchmal klingt es daher fast folkloristisch, wenn sie metaphorisch zwischen Geist und Körper, Bauch und Seele mäandert.
https://www.youtube.com/watch?v=Ze_ZbtY7t3Y
Eine wirklich ergreifende Elektronica im hintergründigen Future-Soul aber umschmeichelt ihren Tori-Amos-haften Gesang mit Ideen, die für sich genommen schon großartig sind. Hier mal ein verschämtes Plöttern, dort ein waviger Bass, im verschwitzten Y Grito sogar Alternative Rap, der im anschließenden El Que fast nach Industrial klingt – bisschen Punkrock strahlt auch Gemelo aus, wenn es sich jeder Zuordnung verweigert, ohne beliebig zu sein.
Angélica Garcia – Gemelo (Partisan Records)
Baby You Know
Und weil der Sommer naturgemäß ein bisschen ärmer an Neuveröffentlichungen ist, hier der Tipp zweier Re-Issues derselben Band: Baby You Know aus Regensburg, die – ohne es zu wissen – Anfang der Neunziger einen Trend mitbegründet haben: alpiner Southern Rock mit Western-Elementen, den Epigonen à la G.Rag y los Hermanos Patchekos oder die Dead Brothers zur vollen Blüte gebracht haben.
https://www.youtube.com/watch?v=YV2AfgUxr24&t=1s
Baby You Know klingen dabei noch relativ roh, fast ein bisschen unbeholfen, noch eher nach Aneignung als Eigensinn. Aber wie die zwei neu aufgelegten, digital verfügbaren Platten To Live Is To Fly und Clear Water mit Fiddel, Americana und deutschem Akzent zeigen: da steckt schon viel Country-Appeal dring, der sich hierzulande seinerzeit noch durch ein Meer der Truck-Stop-Vorbehalte kämpfen musste.
Baby You Know – To Live Is To Fly/Clear Water (Tapete)
Halo, Aquaserge, Arnold Burk
Posted: May 25, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentHalo
Sprichworte sind nostalgischer Bullshit, der in einer disruptiven Welt Kontinuitäten sucht. Gilt also auch für “Gut Ding will Weile haben”. Das Debütalbum von Halo aber klingt, als hätten sich zwei Musikerinnen richtig Zeit gelassen, um Gutes zu erstellen, das nicht in die Falle ihrer Zusammenkunft von 2012 tappt. Als Masha Qrella und Julia Kliemann damals in Berlin zum Duo wurden, war der Hype um die Hamburger Boy schließlich noch in vollem Gange.
https://www.youtube.com/watch?v=0vIcjDQw3gk
Zwölf Jahre später haben sie ihr Material kompiliert und daraus In The Company of No One gemacht – ein neunteiliges Werk bittersüßer Popkultur, die so schön kratzt und hakt und kriecht und flattert und dabei dennoch ein Ohr am Puls der Harmonie behält, dass es einem mitunter kribbelnd den Rücken runterläuft. Wie im grandiosen Cups & Laps zum Beispiel, wo sich Fifties-Harps, Sixties-Chöre, Eigthies-Bässe elegant über den gehauchten Indie-Gesang legen. Boy waren gut, Halo sind besser.
Halo – The Company of No One (Edition Dur)
Aquaserge
Aquaserege dagegen sind nicht nur zehn Jahre älter und sechs Platten reicher. Das experimentelle Pop-Projekt aus Frankreich schreddert seine elektronisch angehauchte Eleganz auch ungleich radikaler als Halo. Ihr neues Album La fin de l’economie bildet da keine Ausnahme, wirkt aber noch verschrobener als einige der Vorgänger. Und damit nicht schlechter, sondern origineller. Gewiss, man muss sich manchmal ein wenig selber quälen, um hinter die Metrik zu kommen.
https://www.youtube.com/watch?v=moiLFLIN1mI
Wenn das klappt, entdeckt man allerdings eine Melange fantastischer Soundkaskaden zwischen Krautrock und Psychobeat, LoFi und Big Beat, Free Jazz und Filmmusik. In den eingängigeren Momenten (Le saut du tigre) Sommets) wirkt das wie ein guter Trip unter Freunden, in den komplizierteren (Sommets) wie ein ähnlich guter Trip unter Fremden. Immer jedoch regen Aquaserge zum Nachdenken beim Mitwippen ein.
Aquaserge – La fin de l’economie (Crammed Discs)
Arnold Burk
Ein bisschen eingängiger, ohne gleich geschmeidig zu sein, ist Arnold Burk, der eigentlich anders heißt und weder aus Berlin noch Wien, sondern Heidelberg stammt, aber an den ersten zwei Standorten eine Art von Singer/Songwriter-Trashpop macht, der mit eklektisch noch kongruent beschrieben wäre. Als studierter Jazz-Kontrabassist gibt sich der angehende Musiktherapeut halt nie mit der nächstbesten Idee zufrieden.
https://www.youtube.com/watch?v=3Tabc9gsgV8
Im Netz seiner avantgardistischen Punkdisco Elf Stücke mit Text hat daher alles Platz, was lustig durch die Pfützen seiner geistigen Gewitter stiefeln möchte – dadaistisch-wahrhaftige Psychogramme wie “Komm mit mir aufs Parkhausdeck / da sind die Sterne nicht so weit weg” inklusive, in denen Arnold Burk woke Großstadt-Bohémiens seziert, also ein bisschen sich selber. Das zugleich zynisch und liebevoll mit einer Spur Wahnsinn zu tun, ist fast ein Alleinstellungsmerkmal.
Arnold Burk – Elf Stücke mit Text (asdfghjkRECORDS)
Bernd Begemann: Ziegenbart & Sophia Thiel
Posted: April 20, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentAuftreten ist wie Atmen

Gut 20 Platten in fast 40 Jahren, Hamburger Schulgründer, Inspiration kommerziell erfolgreicherer Bands: Bernd Begemann ist der unbekannteste Weltstar der deutschen Popmusik und doch ein Rätsel. Mit seiner Begleitband Die Befreiung (Foto: Miguel Ferraz Araujo) bringt das 61-jährige Waisenkind nun sein Album Milieu heraus. Ein küchenphilosopisch funkensprühendes Interview.
Von Jan Freitag
Freitagsmedien: Wer, bitteschön, ist Patrizia Dembrovski, der du auf deiner neuen Platte Milieu ein ganzes Lied widmest?
Bernd Begemann: Niemand, der Name ist erfunden. Ich bin komplett antiesoterisch, glaube aber, dass Namen eine Auswirkung auf den Charakter haben. Und bei einer Patrizia Dembrovski stelle ich mir vor, dass sie Ärger macht, wenn es nicht sein muss.
Wegen Patrizia oder Dembrovski?
Patrizia klingt nach Eltern, die viel mit ihrem Kind vorhatten, wozu der Nachname aber nicht passt, weshalb sie ihr Leben lang leicht sauer war und jetzt mir als Sänger Probleme bereitet.
Und was haben „Bernd“ und „Begemann“ aus dir als Mensch gemacht?
Nichts Besonderes. Aber dadurch, dass Bernds über 40 sind, also aus einem anderen Zeitalter, existiere ich in der aktuellen Pop-Gegenwart nicht mehr. Trotzdem werde ich mir keinen Künstlernamen mehr zulegen.
Zumal die sanfte Alliteration auf B schon künstlich klingt, wie Bernhard Brink.
Aber eher so ein Bauernkünstler. Ähnlich wie Jan übrigens. Dabei denke ich an jemandem mit Kombi, den jeder anhauen kann, wenn man was vom Baumarkt braucht. Als Jan und Bern gäben wir ein prima volkstümliches Schlagerduo ab.
Heißen die Baumarkt-Jungs nicht eher Holger oder Jochen
Ich sehe schon – meine Namenswissenschaft ist nicht fehlerlos (lacht).
Nehmen wir den nächsten Namen auf der Platte: Sophia Thiel.
Die gibt’s wirklich! Ich sehe gern fern, habe einen Bildschirm mit 77-Zoll-Diagonale und 100.000 Programmen, die ich manchmal durchzappe. Und einmal bin ich dabei auf einen Konsumkanal gestoßen, der nicht Kauf dies oder Happy das heißt, sondern Sophia Thiel, die rund um die Uhr Workouts macht, gut aussieht, gesund kocht oder mit anderen Coaches oder alleine Menschen coacht und dabei immer positiv wirkt.
Oh Gott!
Wer dabei allerdings in ihre Augen sah, der spürte, wie kurz sie vorm Zusammenbruch stand. Und siehe da: Vier Monate später zog sie sich mit einem Burnout zurück. Angesichts all der ausgebrannten Influencer, die 24 Stunden gut gelaunt und topfit geliefert haben, war da mein erster Gedanke: Man kann einfach nicht immer nur so tun, als ob.
Hast du selber Menschen in deinem Milieu, wie euer neues Album heißt, die so sind, also nur tun als ob?
Bestimmt. Aber sie machen es so gut, dass ich es nicht merke. Im schönen Lied The only time I’m really me singt Tammy Wynette, für die Nachbarn ist sie diejenige, die immer Wäsche aufhängt, für die Bank ist sie diejenige, die ständig das Konto überzieht und so weiter. Für sich aber ist sie diejenige, die nur einmal am Tag sie selbst sei – im Moment zwischen Augenschließen und Einschlafen.
Deprimierend.
Aber im fluffigen Country-Sound auch ein poetisches Statement über die vielen Gesichter, mit denen wir uns und andere was vormachen. Schlimmer finde ich allerdings Leute, die uns wie Sophia Thiel dabei ständig etwas verkaufen wollen. Nahrungsergänzungsmittel, Schönheitsprodukte, Lügen wie im CSU-Konservatismus der Adenauer-Jahre, wo hinter der heilen Welt makelloser Fassaden ebenfalls das Dunkel lauerte.
Du selbst bist noch in Adenauers Kanzlerschaft zur Welt gekommen. Wie kongruent sind denn deine Außenwirkung und die Persönlichkeit dahinter?
Auch ich habe eine Art Benutzeroberfläche, die auf der Bühne zum Vorschein kommt und alle umarmt. Privat komme ich dagegen auch gut mit mir alleine klar, treffe tagelang niemanden und bin dennoch glücklich oder fühle mich zumindest wohl. Ein glücklicher Asozialer oder um es mit Walt Whitman zu sagen: ich enthalte viel Leiden.
Aber bei dir sind privater Rückzug und öffentlicher Exzess einfach zwei Komponenten derselben Materie, kein vorgegaukeltes Trugbild zu Verkaufszwecken?
Ying und Yang, innen einatmen, draußen ausatmen. Beides macht mich glücklich.
Wo bist du als Entertainer denn glücklicher: vor 20.000 Leute in der Arena oder vor 20 im Club?
Je weniger, desto schwieriger. 20.000 hatte ich noch nicht, aber auch vor der Hälfte zu spielen ist einfach, da muss man bloß schlicht bleiben. Zehn misstrauische Leute in Vorarlberg fordern dagegen die volle Aufmerksamkeit. Tougher Gig!
Wie definierst du da Erfolg?
Einige Rapper halten sich für erfolgreich, weil sie 40 Lamborghinis haben. Ich glaube, damit stopfen sie nur das Loch in ihren kalten Herzen. Ich definiere Erfolg anders. Als Waisenkind aus einem Heim der Sechziger, über das es vermutlich schreckliche Dokus gibt, war ich dank meiner Adoptiveltern mit vier Monaten ein Gewinner. Ich bin daher, auch wenn es nach evangelischem Kirchentag klingt, für jeden Tag dankbar.
Amen.
Und dabei fällt mir auf, wie viele Leute ihr Leben so organisieren, dass sie es gerade so aushalten und ständig auf der Suche nach Sorgen sind, die ihr Leben beeinträchtigen. Ich bin mir dagegen oft selbst genug. Auch, weil ich mir bewusst bin, 60 der 80 friedlichsten und, wohlhabendsten Jahre unserer Weltregion erlebt zu haben. Deshalb riskieren Leute außerhalb davon ihr Leben, um meine Nachbarn zu sein. Das hält mir mein unverdientes Glück vor Augen, aus dem man aber auch was machen sollte. Freude empfangen, Freude verteilen – sorry, dass ich in Kalendersprüchen rede.
Hatte dieses Denken nur Einfluss auf dein Leben oder auch die Kunst dazu?
Insofern, als es mein Temperament beeinflusst. Weil ich mich zugleich von innen und von außen betrachten kann, schreibe ich als Reporter meines eigenen Lebens besser darüber, ohne ständig Groll zu hegen. Selbst Leuten, die mir Böses wollten, kann ich nicht richtig böse sein.
Du empfindest generell niemals Wut?
(überlegt lange) Menschen machen gemeine Sachen, aber wenn ich das jetzt länger vertiefe, fordere ich womöglich das Schicksal heraus. Ich bin ja nicht mal auf mich richtig wütend. Nur häufig enttäuscht, nicht besser zu sein, als ich bin.
Kennst du das Gefühl der Scham für Dinge, die du getan hast oder gewesen bist?
Scham ist unkonstruktiv. Ich habe bestimmt schon gesagt, die ich heute nicht mehr sagen würde. Aber was man durch Worte vermasselt, kann man auch durch Worte gutmachen.
Musst du die Worte in Du wirst dich schämen für deinen Ziegenbart von 1996 wieder gutmachen?
Da rede ich ja von der Scham anderer. Und Ziegenbärte sahen schon damals furchtbar aus. Wenn ich darüber nachdenke, was mir jemals peinlich war, hätte ich gern meinen Körper von früher zurück und meine Fähigkeiten von heute früher entwickelt. Es ärgert mich, die ersten 100 Konzerte vermasselt zu haben. Aber ich vergebe mir!
Sind noch 100 weitere Konzerte im älteren Körper drin oder spürst du den Zahn der Zeit?
Auftreten ist wie Atmen. Ich habe eine Rente plus Zusatzrente und selbst für den Ausnahmefall des vorigen Winters, in dem ich mir den Ellbogen gebrochen hatte und dachte, nie mehr Gitarre spielen zu können, eine Arbeitsausfallversicherung. Aber warum auf Spaß verzichten? Wenn ich unfähig werde, mich auszudrücken, und zu gebrechlich, um die Leute mitzunehmen, wenn sie sich bei den Konzerten Sorgen um mich machen, höre ich vielleicht auf. Vorher nicht.
Das Interview ist vorab bei MusikBlog erschienen
AUGN, oh alien, Khruangbin
Posted: April 6, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentAUGN
Das Prinzip Sleaford Mods ist auf komplizierte Art simpel: Rotzige Beats auf die Ohren, rotzigere Lyrics an die Nieren, das Ganze mit 3000 Litern Adrenalin, Testosteron und Schweiß in einen Kellerclub gekippt – fertig ist eine der erstaunlichsten Alternative-Karrieren, die natürlich Nachahmer findet. AUGN zum Beispiel. Wobei es viel zu kurz gedacht ist, das Kreuzköllner Duo als puren Abklatsch der englischen Vorbilder zu nehmen.
Auch auf ihrem neuen Doppelalbum Fata Morgana/Gerstenkorn nämlich klingen die technoiden Bässe im vorderen Hintergrund zwar verteufelt nach Andrew Fearns Dosenbier-Kakophonie. Aber wenn der unerkannte Strumpfmaskensänger dem Hass auf Berlin, Beyoncé, Habibibullshit und alles rechts der Linken dystopisch verzerrt seinen Lauf lässt, klingt Jason Williamson geradezu versöhnlich. AUGN tun richtig weh. Aber es ist ein guter Schmerz.
AUGN – Fata Morgana/Gerstenkorn (Dioptrien)
oh alien
Das Gewöhnliche ungewöhnlich zu machen oder wenigstens klingen zu lassen, ist eine der ganz großen Kunstgriffe. Dem Wiener Trio oh alien gelingt er buchstäblich spielend. Sein Elektropop wurde in den vergangenen 20 Jahren schließlich rauf und runter dekliniert. Gelangweilte Frauenkopfstimme, eher gehaucht als gesungen. Dazu analoge Synthetik zwischen TripHop und Wave – Billie Eilish hat das zuletzt abermillionenfach verkauft.
Wie es da neu erscheinen kann, ist ein Geheimnis aus Österreich, dem man nördlich der Alpen schwer habhaft wird. Auf ihrem Debütalbum kreieren oh alien nämlich popkulturelle Lückenbebauung, die ihren Überfluss als Originalität verschleiert und umgekehrt. Das cheezy Shining wird so zum Beispiel mit einer öligen Gitarre verfüllt, die andernorts nach Ricky King klänge. Hier macht sie daraus große Kleinkunst für nebenbei. Man kann sich an ihr kaum satthören.
oh alien – What We Grow (Assim Records)
Khruangbin
Und wo wir schon bei Musik mit Milchprodukten sind: Das texanische Trio Khruangbin ist zurück und tunkt uns auch auf der vierten Platte in ein käsiges Quarkgemisch aus Psychopop, Americana und LoFi-Funk, als wäre Beck in einen Topf Laid Back gefallen. Unter Marko Speers Gitarrentupfern schleichen DJ Johnsons Schlagzeug und Laura Lee Ochoas Bass hindurch wie Kiffer auf Ketamin – als wäre selbst ihr Downbeat zu schnell für heiße Sommernächte.
Das Besondere an A La Sala – Spanisch für “zum Zimmer”: Es ist dabei ziemlich gut gelüftet, also frisch genug, um wach zu bleiben. Man möchte sich einfach in warme Chai-Latte legen, Ochoas hauchzartem Gesang lauschen und leicht wegdösen, ohne einzuschlafen. Was schon deshalb gut gelingt, weil die Klangteppiche Aufmerksamkeit erfordern, um darin Takte zu erkennen. Bedroom-Pop für Aufgeweckte gewissermaßen.
Khruangbin – A La Sala (Dead Oceans)
Omni, Theodor Shitstorm, Pet Needs
Posted: February 17, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentOmni
Muss das wirklich sein: noch eine retrofuturistische Indieband, die im Stil der Neunziger den Achtzigern Referenzen erweist und dabei ein bisschen nach Zwanzigern klingt, die irgendwer als Siebziger verkleidet? Muss eigentlich fast schon seit Franz Ferdinand und Art Brut nicht mehr sein – es sei denn, sie heißt Omni und zaubert einen Sound aufs vierte Album , der vier Popdekaden zerkaut, ausspuckt und fröhlich darauf rumtritt.
Wenn über Phil Frobos Gagatexten à la “Are you hydrated, baby? / What are you, a tall drink of water? / Would you go away with me? / Well, we could but why bother / When you know / When you know / When you know” hochgepitchte Gitarren New Wave simulieren und dabei gelangweilt im Postpunk-Quark rühren, kann man abseits vom Duo aus Atlanta unter “öde” abheften: Hier spielt die Musik. Es ist eine verschroben schöne.
Omni – Souvenir (Sub Pop)
Pet Needs
In dieselbe Kerbe schlagen bereits zum dritten Mal die südenglischen Highspeed-Shoegazer Pet Needs: alles schon mal irgendwie so gehört, alles also nicht neu, alles aber trotzdem auf beschleunigte Art toll und mitreißend. Vergleiche stinken, schon klar. Aber sich beim zum Quartett gewachsenen Brüderduo aus Essex an Jamie T auf Speed, Koks und drei Hektoliter Red Bull erinnert zu fühlen, muss schon mal erlaubt sein.
Wobei sich solche Stromgitarrengewitter im Cockney-Style sonst nicht mal Jimi Tenor traut. Alles immer auf 380 bei Johnny und George Marriott, alles zwar oft auf dubiose Art funpunkrockig, komische Choräle inklusive. Aber weil alles nebenbei so scheppernd nach DIY klingt, im Opener How Are You sogar Geigen unter A Capella schnürt, nur um das anschließende Seperation Anxiety dreifach hochzutouren, ist dieser Retrosound von vorne bis hinten – sorry: geil.
Pet Needs – Intermittant Fast Living (Xtra Mile Recordings)
Theodor Shitstorm
Dass Österreich popkulturell berlinert, liegt an Ja, Panik. Wenn Berlin dagegen österreichisch klingen soll, liegt es an Theodor Shitstorm. Das Quartett um die singende Schauspielerin Desiree Klaeukens und den mitsingenden Drehbuchautor Dietrich Brüggemann steht für leicht sarkastischen, textbasierten Orchester-Pop, wie es ihn sonst nur aus Wien gibt. Auf der neuen Platte zeigt es nun Gefühle und heißt auch so.
Wobei Zeigt Gefühle dieselben natürlich nicht allzu ernst nimmt, weshalb das Album eher wirkt, als würde Stefanie Sargnagel besoffen über Sven Regener in Wandas Proberaum stolpern. Es bringt mittelbrandenburger Emocore wie “Ich bring dich ins Bett / aber schlafen musst du selber / ich geb’ dir Feuer / aber rauchen muss du selber” hervor. Und gegen Nazis sind sie natürlich auch. Selten klang die Adoleszenzverweigerer der GenZ orchestraler, klüger, deeper, lustiger, österreichischer.
Theodor Shitstorm – Zeigt Gefühle (Tonfisch)
Theodor Shitstorm spielen am 6. April live in der Molotow SkyBar in Hamburg und am 9. April im Dresdener OstPol
Aggregat, The Dead South, Brittany Howard
Posted: February 11, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentAggregat
Basislager und Bergankunft der Musik liegen womöglich Jahrmillionen auseinander, aber auch letzter ist ein Weilchen her. Der steinzeitliche Ursprung war rhythmischer Art, sein barocker Gipfel klassischer Natur. Grenzgänger wie Hauschka, Den Sorte Skole oder OhOhOhs klettern zwar schon länger zwischen den Steilwänden umher, aber niemand tut es verschwitzter als Aggregat. Der analoge Techno des Hamburger Trios fusioniert den ältesten Musikstil schließlich nicht nur mit dem sinfonischsten.
Es kombiniert physische Drums so mit Elektrobeats und Kontrabass, bis daraus etwas Unerhörtes und zugleich Vertrautes wird. Ein Kammerclubsound für Herz, Hirn, Bauch, Beine, der manchmal trancig ist, oft housig, gelegentlich ein bisschen Jazz einstreut und dabei mit etwas Fantasie an den hypnotischen Realismus Sergei Rachmaninoffs erinnert. So weit die Theorie. Die Praxis: einfach geiles Tanzzeug.
Aggregat – Origins (Poly Unique/Aggregat)
The Dead South
Um die Blue-Grass-Band The Dead South geil zu finden, hätte man früher Amerikas rostig-reaktionären Westerngürtel bewohnen, Trump wählen und Kohle statt Hirn im Kopf haben müssen. Ein günstiger Umstand der Popgeschichte allerdings hat das kanadische Quartett auf der Welle von Mumford & Sons vor Jahren bereits in den Mainstream befördert. Jetzt sind seine Traditionals nicht nur grenzübergreifend erfolgreich.
Sie bleiben auch auf dem vierten Album Chains & Stakes von einer filigranen Vielgestalt, dass Banjowirbel und Gesangsmelanchole mit so epischer Wucht an den Alternative-Country eines Mojo Nixon – R.I.P.! – docken, als läge Texas in Brooklyn. Augenscheinlich konservativ, schafft es der Hochgeschwindigkeits-Country von Dead South somit abermals, ein paar Gräben dieser zerklüfteten Nation kurz mal zuzuschütten.
The Dead South – Chains & Stakes (DevilDuck)
Brittany Howard
Diese Brückenbautätigkeit ist aber noch gar nichts gegen die ausgestreckte Hand von Brittany Howard – eine Universalkünstlerin, deren angebots- und nachfrageentkoppelter Multilayer-R’n’B praktisch jeder einzelnen Anspruchshaltung widerspricht und dennoch (oder deshalb) selbst Grammy-Bühnen rockt. Schon als schwarze Gitarristin der Garage-Band Alabama Shakes war sie einfach zu divers um wahr zu sein.
Ihr zweites Soloalbum ist hingegen eine so neugierige Expedition ins Dickicht von Fusion-Funk, Neo-Soul und Glam-Rock – da könnte es passieren, dass sie Kollegen wie Anderson .Paak am Wegesrand findet, der nach dem richtigen Abzweig in die echt spannenden Areale fragt und bei Brittany fündig wird. Fast alles an What Now beschreitet schließlich Umwege, die direkter als jeder Highway ins Herz der Musik führen.
Brittany Howard – What Now (Island/Universal)