High Quality Girls (live im Hafenklang)

High Quality Girls

Nein, die High Quality Girls muss man nicht unbedingt kennen. In der urbanen Clubkultur kursiert der Name vermutlich nur selten mal als Underground-Geheimtipp und dem Overground käme angesichts der verschrobenen Postpunkstrukturen wohl das kalte Grausen. 17 Jahre und ganze zwei Platten nach ihrer Gründung muss man jetzt aber doch mal kurz aufmerksam machen auf dieses Trio angenehm uneitel ergrauter Männer jenseits der 40. Ihr drittes Album ist nämlich ein wirklich ein gelungenes, ausnahmslos auf Vinyl gepresstes Manifest hedonistischen Missmuts, das perfekt in die Gegenwart überschwänglicher Selbstgefälligkeit passt. Die Stimmung ist nämlich tendenziell gedeckt, wenn die bittersüß gelaunten Michael, Alan und Kolja den zeitgenössischen Alltag filetieren.

“Endlich analog fernsehen” sprechsingt es da repetitiv über abgehackte Gitarrenriffs und breiige Bassläufe, denen die analogen Keyboards eine Art nostalgischen Futurismus aus jener Zeit verleihen, als der Synthesizer noch Zukunftsmusik machte. Wenn Palais Schaumburg oder Fehlfarben durch die sieben Stücke wabern und die drei netten Misanthropen aus Hamburg dazu wie bei der Release-Party im Hafenklang St. Pauli am 22. Dezember (Supp: Huffduff, Neopit Pilski, 20 Uhr) ihre absurden Strumpfmasken aufsetzen, reist man daher ein paar Jahrzehnte zurück in einen Alternativerock, der noch verstören statt gefallen wollte. Letzteres schafft er trotzdem ganz gut.

High Quality Girls – high quality girls (Hafenschlammrecords)

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Bilderbuch, Underworld

Bilderbuch

Die Antithese des Pop war schon immer die Antithese des Pop war schon immer die Antithese des Pop. Was alles immer nur aufsaugt, ohne etwas abzugeben wie ein Schwarzes Loch im Weltall, negiert sich als eigener Stil schließlich selbst. Wir sollten es also vermeiden, den Pop von Bilderbuch als Pop zu bezeichnen. Dieser Wiener Schwamm sämtlicher Einflüsse zeitgenössischer Musik ist nicht nur Pop in seiner reinsten, also verwaschensten Form; er ist ein eigenes Universum, das sich permanent ausweitet und noch ein paar Milliarden Jahre zu haben scheint, bis es wieder in sich zusammenfällt. Dafür muss man nur mal das fünfte Album hören.

Wenn Maurice Ernst auf Mea Culpa in schläfrig versoffener Falco-Arroganz singt, “ich glaube an Apps / an Safer Sex / ich glaube an Speed / ich glaube an Weed / ich glaub mir wird schlecht / ich glaub ich muss weg” und dazu die Gitarre slappt wie Nile Rodgers im Bällebad, wird alles drumherum für kurze Zeit so sanft in Watte gepackt, dass alles andere wichtiger erscheint, aber für den Moment völlig egal. Bilderbuchs Salonpunk zwischen Mozart, Prince, Modern Talking ist derart voll von sinnlosen, aber hinreißenden Accessoires – nebenan könnte der Gasherd explodieren: man würde einfach weiter vor sich hinsummen, bis die Nacht einbricht und danach der Tag und immer so weiter

Bilderbuch – Mea Culpa (Maschin Records)

Underworld

Wer hingegen bei Underworld so vor sich hinsummen kann, ist entweder taub oder flucht gerade zu laut über den nostalgischen Furor von Karl Hyde und Rick Smith. Seit Ende der 80er, als Techno schlicht Techno hieß und kaum Variationen kannte, stampfen die zwei Londoner unverdrossen im vollsynthetischen Stechschritt durch die Disco und haben dabei nie an Tempo, geschweige denn Druck verloren. Dass sie nun einen musikalischen Mehrteiler starten, klingt da zunächst mal wie die Fortsetzung des ewig Gleichen. Oberflächlich betrachtet ist Episode 1 von Drift denn auch der übliche Underworld-Hardcore zu Hydes hypnotischem Sprechgesang.

Dank der Multimedia-Künstlergruppe Tomato und einer Reihe alter Weggefährten der Frühphase digitaler Musik allerdings wird er mit viel Wut im Bauch in die Gegenwart teleportiert und auf der Plattform underworldlive erlebbar. Noch immer trampeln beide mit dem Programmierer Darren Price im basslastigen Uptempo oberhalb der 100bpm durch die Bauchhöhlen der Zuhörer. Wie anno 1996 – Born Slippy! – sorgen die aufgemöbelten Drones und Samples jedoch für wahrhaftigen Aufruhr im Innern, der sich eins-zu-eins auf die Tanzfläche überträgt. Ein fabelhaftes Album für Nostalgiker des Techno mit Zug in die Zukunft.

Underworld – Drift Episode 1 (Smith Hyde/Caroline)


Ex:Re, Farai, Daniel Romano

Ex: Re

Gescheiterte Beziehungen zu verarbeiten sind oftmals Akte tiefster Zerrüttung. Und während die einen dabei all den Schmerz in sich vergraben, kehren ihn andere radikal nach außen. Elena Tonra ist vom ersten zum Stadium gelangt und hat sich sogar entsprechend umbenannt. Ex:Re heißt das Soloprojekt der singenden Gitarristin des englischen Indiefolk-Trios Daughter. Und als singende Gitarristin arbeitet sie das Scheitern ihrer letzten Liebe nicht nur musikalisch auf, sie verarbeitet es zu einer Ode an den hoffnungsvollen Schmerz. Es ist ein Manifest der reflexiven Konfrontation, schonungslos offen, kompromisslos prosaisch, dennoch oft poetisch.

Mehr aber noch ist es ein musikalisches Werk von unvergleichlicher Emotionalität, dessen Stil an den femizistischen Songwriterpop der frühen Neunziger erinnert. Heather Nova, Alanis Morisette, K’s Choice, Sarah McLaughlin. die mit hingebungsvollem Selbstbewusstsein ihre Schwächen besungen haben und damit erst recht Stärke gezeigt. Auch Elena Tonras Stücke sind von dieser selbstentblößenden Wucht, mit der selbst große Krisen kreativ gemeistert werden. Gesanglich fragil, instrumentell aufmüpfig, geschmeidige Harmonien, durchsetzt von sägenden Samples, dass es in den Ohren schmerzt. Das perfekte Album für die missrate Weihnacht.

Ex:Re – Ex:Re (beggars)

Farai

Zum Auftakt eines Debütalbums gleich mal die Queen dissen, über Drogen, Elend, Armut in der Nähe von Lizzys Buckingham Palast pesten und düstere Drones drunter mixen, das ist ja schon mal ein Statement, wenn man in London lebt. Trotzdem ist die Musikerin mit Namen Farai meilenweit davon entfernt, nur mal einen möglichst provokanten Einstieg in den Nachfolger ihrer hochgelobten EP zu wählen. Um Aufmerksamkeit zu kriegen, Likes womöglich, wohlfeile PR im systemkritischen Underground. Rebirth will schließlich niemanden umwerben. Allein schon, weil Rebirth wirklich von Herzen wehtun will.

Geboren in Zimbabwe, aber schon lange auf der Insel zuhause, drischt die ausdrucksstarke Sängerin eine Art von PolitHop unter die technoiden Flächen ihres Produzenten TONE, dass man schon genau nach Harmonie und Gefälligkeit suchen muss. Dennoch wollen ihre Hymnen an die Heldinnen ihrer feministischen Biografie, die Klagen über Ungerechtigkeit und Armut, die indiegitarrebegleiteten Liebeshasslieder aus dem Abgrund ihrer Wut nicht nur verstören. Sie wollen wachmachen und machen das grandios. Eine furioses Erstlingswerk von der Straße für den Club, drittes Untergeschoss, keine Luftzufuhr, Schweiß von der Decke. Großartig.

Farai – Rebirth (Ninjatune)

Hype der Woche

Daniel Romano

Und wenn man schon ins Obergeschoss will, Saloon-Atmosphäre, viel Licht, höchstens Achselschweiß – dann doch bitte mit einem Sound, wie ihn Daniel Romano in höchster Frequenz produziert. Das achte Album des Kanadiers in acht Jahren macht zum wiederholten Male einen Alternative-Country, der oberflächlich schmeichelt, aber tief darunter gehörig kratzt. Sein ausgesprochen merkwürdiger Gesang in einer Tonhöhe, die der Mittdreißiger eigentlich nicht beherrscht, ist von so entzückender Brüchigkeit, dass man mit ihm danach sofort in die Prärie reiten und am Lagerfeuer weitermachen will. Trotz seiner absurden Cowboy-Outfits ist Finally Free (New West Records) am Ende aber doch eher was für die Kiezbar auf St. Pauli mit schlechtem Bier, aber exzellentem Rausch.


Pranke, Jacco Gardner, Art Brut

Pranke

Es war kein guter Tag für die zeitgenössische Musik, als sich das kanadische Posthardcore-Trio Nomeansno 2016 nach fast 40 Jahren aufgelöst hat – allein schon, weil es ohnehin kaum Bands gibt, die es so virtuos verstehen, Jazz und Punk miteinander zu verbinden, ohne das eins von beiden dabei peinlich wirkt. Jetzt aber gibt es ein Duo, dass – nein; keine würdigen Nachfolger sind, aber der Leerstelle ein wenig anspruchsvollen Füllstoff verpassen. Es heißt mit großem Gespür für gute Namen Pranke und verbindet experimentellen Synthierock so unterhaltsam mit jazzigem Avantgardepop, dass man sich fast schon bei Nomeansno wähnt.

Kennengelernt haben sich der isländische Gitarrist Daniel Bödvarsson und der deutsche Drummer Max Andrzejewski nicht so wahnsinnig überraschend in Berlin, wo kein Geringerer als der unverwüstliche Moses Schneider das Debütalbum produziert hat. Unfassbar gut ausgesteuert zappelt Monkey Business putzmunter, also gar nicht genretypisch verkopft zwischen Mouse on Mars, Retro Stefson, Frank Zappa hin und her, dass man sich unwillkürlich auf einer Karibikkreuzfahrt durch die Plattenbausiedlung wähnt. Das Ergebnis: Pseudodigitaler Krauttechno der allerfeinsten Sorte.

Pranke – Monkey Business (staatsakt)

Jacco Gardner

Kleine Preisfrage: Wer hat wann den ersten Science-Fiction-Roman verfasst und wie hieß er? Die Antwort muss nun wirklich niemand kennen, aber gut: der legendäre Universalgelehrte Johannes Kepler schrieb bereits im Jahr 1608 eine Zukunftsvision mit Namen Somnium, in der er selbst Ende des 16. Jahrhunderts auf dem Mond flog, um damit seine astronomischen Erkenntnisse literarisch zu untermalen. Kein Wunder also, dass Jacco Gardners neues Album mit demselben Titel oberflächlich ein bisschen barock klingt, unterschwellig jedoch leicht futuristisch. Wie immer testet der holländische Multiinstrumentalist mit Wohnsitz Lissabon schließlich die Grenzen der Widersprüche aus.

Auf Platte 3 allerdings kreiert er dabei etwas wirklich Bemerkenswertes: Somnium klingt zugleich nostalgisch und modern, psychedelisch und nüchtern, irgendwie gefühlvoll kopflastig. Ein wenig nach Air, ein wenig nach Jarre, ein wenig aber auch nach analogen Digitaldaddlern wie Matthieu Chedid oder Chapelier Fou, die ebenfalls klassizistischen Pop kreieren, der zwar ulkig ist, aber nie albern, wenn drolliges Vogelgezwitscher zur Lagerfeuergitarre über Rechnersequenzen huscht. Selten zuvor konnte man ein hochkonzentriertes Album so wunderbar nebenbei hören.

Jacco Gardner – Somnium (Full Time Hobby)

Hyper der Woche

Art Brut

Eddie Argos ist der Typ. mit dem man sich schon immer mal gemeinsam die Lichter ausschießen wollte. Am besten mit Absinth oder richtig gutem Gin, in rauer Menge genossen und dann über Liebe, Freundschaft, Hass, den Alltag faseln und wie man alles in richtig existenziellen Pop packt. Genau das machen Art Brut ja seit 15 Jahren. Und auch wenn ihr Debüt Bang Bang Rock’n’Roll unerreicht ist, haben die fünf Nachfolger mindestens so viele Ausrufezeichen verdient wie der Titel des (nach sieben Jahren Pause) 7. Albums Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out (Alcopop! Records). Wie immer nämlich hat das britische Quartett mit inhaltlichem Hang zu den deutschen Indiehotspots Hamburg/Berlin ein Punk-Album für HipHop-Fans mit Bigband-Attitüde gemacht. Alles daran ist Lebenskraft, jeder Track ein Fanal für retrofuturistische Rockexzentrik. Und wenn Argos im aufsässig-nasalen Sprechmodus “I hope your’re very happy together / and if you’re not that’s even better” singt, weiß man, dass ihn auch das geplante Besäufnis nie aus der Ruhe bringt.


Ryley Walker, audiobooks, Moonface

Ryley Walker

Songs zu covern ist relativ einfach. Mit ein wenig handwerklichem Geschick und musikalischem Gespür verwandelt man das Original in Kopien, die sich nicht allzu sehr vom Ursprung entfernen, aber dennoch Eigensinn entfalten. Ein Album zu interpretieren, dass kaum jemand kennt, stellt da eine besondere Herausforderung dar. Und weil er die mag, hat sich der Experimentalmusiker Ryley Walker aus Chicago The Lillywhite Sessions vorgenommen, die die seinerzeit stadionfüllende Dave Matthews Band 2001 offenbar nicht so richtig wichtig genommen hatten. Ryley Walker hat. Und daraus ein wirklich erstaunliches Cover-Album gemacht.

Mit seiner instrumentell extrem virtuosen Vielschichtigkeit verwandelt er den Jamrock seiner amerikanischen Superstar-Landsleute in ein jazziges Fusionfolk-Album, das in seiner Filigranität fast zu hintergründig und klug ist, um dem Durchschnittsgeschmack einigermaßen gerecht zu werden, also kein Nerdzeugs zu sein. Für den nötigen Kitt in den Mainstream sorgt dabei nicht nur Walkes hintergründige verwaschener, leicht Eddy Vedderiger Gesang, sondern ein Link in den Postrock, der die Absurditäten kontrollierter Improvisation ein bisschen abpuffert. Ein starkes Stück für musikalische Persönlichkeit.

Ryley Walker – The Lillywhite Sessions (Dead Oceans)

audiobooks

Die ewige Frage nach dem richtigen Leben im Falschen, ob man den Tiger also lieber reiten oder meiden sollte, ist für Menschen auf der Suche nach Systemalternativen schwer zu beantworten. Das englische Indie-Duo audiobooks dagegen springt einfach auf und knallt den autotunesüchtigen Charts der Gegenwart ein Stück wie It Get Be So Swansea vor den Rechner. Die Kunststudentin Evangeline Ling krächzt darin ein so heillos verzerrtes Durcheinander von Lyrics über den aufgemotzten Retrowave ihres Mixers David Wrench, dass selbst die Autotune-Pionierin Cher vor Schreck wohl das Botox ausliefe.

Und auch sonst umweht das Debütalbum Now! (In a Minute) ein Hauch von Irrsinn, der sich nicht nur aus exaltierten Alltagsgeschichten speist, sondern der Fähigkeit, gleichermaßen lässig und albern zu sein – also ungefähr so zu klingen wie die beiden Londoner aussehen. Hot Salt zum Beispiel bringt diesen Spagat prima zum Ausdruck. Zwischen dem Elektroclash der Neunziger und dem Synthiepop der Achtziger, führt Wrenchs Keyboardsprengsel ein wirres Gefecht mit Lings Gesang aus, bei dem es am Ende drei Sieger gibt: Spaß, Kreativität und Tanzwut.

audiobooks  – Now!(In a Minute) (PIAS)

Moonface

Auf seiner neuen Platte hört sich Spencer Krug demgegenüber vielfach so an, als hätte er den audiobooks heimlich Brian Ferry ins Studio geschmuggelt und ihren Sound danach leicht beschleunigt in eine Art weltmusikalisches Bällebad geworfen. Während seine vielen Hauptformationen von Swan Lake bis Wolf Parade oft eher getragen sind, manchmal sogar leicht melodramatisch, bringt Spencer Krugs Solo Moonface seit ein paar Jahren bereits die experimentelle, gelegentlich fast glamouröse Persönlichkeit des kanadischen Soundbastlers zum Schwingen.

Die Stimme gewohnt warm und dunkel, mischt er Steeldrums, Marimba, Xylophon und fröhliche Fanfaren jeder Art in ein Album, das mit This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet nicht nur ausgesprochen feierlich betitelt ist, sondern angeblich auch sein letztes als Einzelkünstler sein soll. Schade eigentlich. Denn wie er die Erzählungen griechischer Mythologie darauf mit brummenden Synths und orchestralem Pop kombiniert, das zeugt von einer Kreativität, die jede noch so triste Mollsequenz mit Begeisterungsfähigkeit aufhellt. Polyglotter Darkwave zum Jubeln, souverän verabreicht von einem Riesen der Nische.

Moonface  – This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet (Jagjaguwar)


Prodigy, Anoraque, Orchestra of Spheres

The Prodigy

Als The Prodigy vor 20 Jahren im Grunde nicht weniger taten, als die elektronische Musik zu revolutionieren, wirkte ihre brachiale Vorform des Brostep noch seltsam deplatziert. Die Dot-Com-Blase blähte sich noch hoffnungsvoll, Demokratie und Wohlstand schienen den Planeten endgültig zu erobern, trotz anhaltender Kriege in entlegeneren Winkeln der Welt waren Staatskrisen und Terror zumindest aus mitteleuropäischer Sicht fern. Warum also zersägten die drei Briten mit den absurden Tattoos und Frisuren das beginnende Zeitalter himmlischer Harmonie da bloß mit so infernalischem Krach? Vielleicht weil sie ihrer Zeit damals voraus waren.

Und es bis heute noch sind! Nicht, dass die verbliebenen Bandmitglieder Keith Flint und Liam Howlett auf der siebten Platte signifikant anders randalierten als auf dem legendären The Fat Of The Land; wie damals zertrümmert ihr Electropunk jedes Wohlklangbedürfnis mit Dauersalven brutaler Breakbeats, die nur unwesentlich digital verfeinert wurden. Im Jahr 2018 jedoch ist No Tourists der passgenaue Soundtrack einer Zeit zertrümmerter Werte und Gewissheiten. Dass die heile Welt total kaputt ist, haben The Prodigy schließlich schon immer gewusst.

The Prodigy  – No Tourists (BMG)

Anoraque

Den Schlagzeuger einer neuen Band in den Vordergrund zu rücken ist nicht unbedingt das gängigste Stilmittel der Musikkritik, und die Drums sind im Grunde auch gar nicht das Hervorragendste am Debütalbum des Postcore-Quartetts mit dem angenehm bilingualen Namen Anoraque. Trotzdem wird D A R E von wenig mehr geprägt als Jan Schwinning. Wie seine Hi-hat gleich den Auftakttrack Peaks vor sich hertreibt, wie sein Kesselrand das zartbesaitete Outside Us untermalt, wie seine Becken das schrille Uh-Oh schreddern, wie seine Snare den flatternden Bass von Using You zerdrischt – das stellt den Rest der Band manchmal schon leicht in den Schatten.

Und das will was heißen. Denn nach zwei EPs rauscht ein Instrumentarium durch den ersten Longplayer der schweizerisch-deutschen Formation, das weit mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Jazzige Gitarren-Stakkati mischen sich da mit dronigen Bassflächen, verschrobene Synths mit nervöser Irrenhauselektronika. Und über allem schwebt geisterhaft schwebend der Gesang von Lorraine Dinkel, die mal klingt wie gerade aus dem Tiefschlaf erwacht, mal wie auf Drogenmix im Kellerclub. Ein Album von gleißender Dunkelheit, also ganz  gewiss nichts für gewöhnliche Ohren.

Anoraque – D A R E (Radicalis Music)

Orchestra of Spheres

Wenn ein Album schon so losgeht: ein didgeridooartiges Raunen, überlappt von fiebrig an- und abschwellender Percussion, orientalischem Getröte und seltsam tonlosen Mantras. Wer diese Kakophonie offenbar unversöhnlicher Töne knappe zehn Minuten durchhält, ist entweder stocktaub, masochistisch veranlagt oder belastbar genug, um sich den Rest eines durch und durch erstaunlichen Werkes zu verdienen. Mehr noch als auf den drei Platten zuvor nämlich verlieren sich die neuseeländischen Neokrautrocker Orchestra of Spheres nicht in ihren teils absurden Klangkonstrukten.

Kurz vorm Hörsturz biegt Mirror auf afrikanisch angehauchten Future-Funk ab, der oft mitunter klingt, als seien The Mamas and the Papas in einer Science-Fiction-Bigband gelandet. Begleitet von einem halben Dutzend klassisch ausgebildeter Virtuosen wirbelt das Kammerquintett voller Kunstnamen wie Baba Rossa durch tropische Ethnosounds und wird mit jedem der zehn Stücke ein bisschen bekömmlicher, ohne den Mainstream auch nur zu streifen. Oboe und Drums, Harfe und Bass, E-Gitarre und Geschrei, Klarinetten und Synths – erstaunlich, was hier am Ende alles harmoniert. Wer soweit kommt, wird fürstlich belohnt.

Orchestra of Spheres – Mirror (Fire Records)


Dead Can Dance, Mt. Joy, Spiral Deluxe,

Dead Can Dance

Der Soundtrack zum Weltuntergang stammt aus einer Zeit, als sein Anfang noch vergleichsweise unbestimmt war. Der “Club of Rome” hatte ein paar Jahre zuvor erstmals Die Grenzen des Wachstums vermessen und der Konsumgesellschaft damit den Ratschlag gegeben, ihren Verbrauch doch vielleicht mal ein wenig zu drosseln – da setzten sich Brendan Perry und Lisa Gerrard in ihre tausendteilige Orchesterlandschaft und gossen den Kulturpessimismus jener Tage in Weltmusik von melodramatischer Dringlichkeit. Gut, seither hat die Konsumgesellschaft ihren Konsum locker verzehnfacht, aber das macht die die Mission von Dead Can Dance ja nur noch dringlicher.

Auch auf Dionysos, dem zehnten Studioalbum seit 1984, klingen die orientalisch durchwirkten Ethnoklangteppiche der beiden Australier wie Hilfeschreie von mindestens 15 Minuten Länge, in denen sich das Elend der ganzen Erde Luft verschafft. Zwischen Zimbeln und Tröten und Pauken und polyglotten Kultgesängen reisen die beiden Tracks ACTI und ACTII in alle Regionen des Folk. Und wie einst in Philip Glass’ Score zur Zivilisationsdystopie Koyaanisqutsi ist das Ergebnis von so spiritueller Energie, ohne esoterisch zu klingen, dass man seinen ökologischen Fußabdruck spontan aufforsten möchte. Man nennt das Überwältigungsmusik.

Dead Can Dance – Dionysos (PIAS)

Mt. Joy

Mit Überwältigungsmusik fast noch zögerlich umschrieben ist eine Band aus Philadelphia, wenngleich ihr jede Art von Kulturpessimismus wohl ähnlich fremd ist wie Dead Can Dance ein Langstreckenflug im Bumsbomber nach Bangkok. Schon der Name klingt schließlich nach purer Lebensfreude – Mt. Joy ist schließlich das drollige Kürzel eines Berggipfels im Valley Forge National Park, an dessen Hang Gitarrist Sam Cooper aufgewachsen ist, bevor er mit seinem Schulfreund Matt Quinn auf die Erfolgswelle von Mumford & Sons sprang und an der Seite von Multiinstrumentalist Michael Byrnes in den perligen Ozean des modernen Indie-Folk surfte.

Klingt bisschen abgeschmackt? Ist es aber gar nicht! Unterstützt von Sotiris Eliopoulos an den Drums und dem Keyboarder Jackie Miclau schaffen es Mt. Joy auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum nämlich spielend, ein bisschen ungemähter Rasenfläche zwischen sich und dem ondulierten Mainstream eines Passenger zu legen. Besonders Quinns Stimme sorgt für unterhaltsamen Eigensinn, während die Arrangements drumherum oft eher fröhlich zittern als warm berechnen. Mt. Joy ist gewiss kein Werk für Alternative-Ästheten, aber vom ersten Ton an überwältigend, ohne zu überrumpeln.

Mt. Joy – Mt. Joy (Dualtone)

Spiral Deluxe

Wenn elektronische Musik nicht daheim am Rechner oder im digitalen Ambiente zugehöriger Labels entsteht, sondern dort, wo schon Serge Gainsbourg, Juliette Gréco, Manu Chao Platten auf Vinyl produziert haben, kann elektronische Musik kaum rein elektronisch klingen. Es ist daher gewiss auch den legendären, elegant holzgetäfelten, akustisch unvergleichlichen Studios Ferber in Paris geschuldet, dass ein Projekt namens Spiral Deluxe die Grenzen zwischen House, Funk und Jazz gerade neu definiert. Verantwortlich dafür ist jedoch vor allem einer der Köpfe hinterm Quartett: Jeff Mills.

Bekannt als Gründungslegende des Detroit Techno, kehrt der DJ auf Voodoo Magic zu seinen Wurzeln als Drummer zurück und macht das Debütalbum dank seiner virtuosen Percussions, Jino Hinos groovendem Bass und schmissigem Vintage-Sound von Yumiko Ohno und Gerad Mitchell an Moog oder Keyboards zum Manifest des Crossovers moderner Prägung. Aufgenommen in nur zwei Tagen, atmen die fünf teilweise breit ausgewalzten Stücke einerseits den Duft bauchgesteuerter Improvisation; andererseits sind sie bis in den letzten Beat hinein ausgefuchst und berechnet. Eine Ader für Jazz kann beim Hören da nicht schaden, zwingend nötig ist sie nicht.

Spiral Deluxe – Voodoo Magic (Axis Records)