Messer, Sons, Ätna

Messer

Miese Laune hat einen, besser: Dutzende Namen. Sie reichen von Dark Metal bis Gothic, von The Fall bis The XX, von Melodram bis Moll. Alles oft zu sperrig, öde, zu verkopft, um beim Hören nicht hirntot vom Grabstein zu fallen. Um aus dieser miesen Laune auch gute Musik zu machen, ist es daher ratsam, sie hübsch einzupacken, ohne sich dem hedonistischen Zwang zur guten Stimmung anzubiedern. Und das beherrscht hierzulande kaum eine Band besser als, sorry für den lustigen Reim: Messer. Seit ihrem Debütalbum vor acht Jahren schon.

Auch damals wirkte der elaborierte Schwermut des Quartetts aus Münster zwar aufrichtig ernüchtert, aber nie verzagt. Wenn Hendrik Otremba gleich zum Auftakt der vierten Platte nun haucht, “Es gibt kein Happy End” und von Wolken am Himmel singt, mag die Sonne dahinter also verborgen sein, aber nicht negiert. Denn mit schrillen NDW-Gitarren der Marke Ideal und proklamatischem Mehrfachgesang drüber, räumt No Future Days die Übellaunigkeit der untergründigen Übellaunigkeit resolut ab und macht daraus eine Art Wavefunk mit Orgelbegleitung. Das ist und bleibt die klügste Versuchung, seit es Postpunk gibt.

Messer – No Future Days (Trocadero)

 

Sons

Wie blendend die Laune im Kontext mieser Vibes sein kann, zeigen dagegen die Alternativerocker SONS, deren Bandname eigentlich so derart bescheuert ist, dass man den Eigensinn ihrer flächigen Klanggewitter darunter glatt vergessen könnte. Wer sich das Mackerhafte der Oberfläche allerdings kurz mal wegdenkt, erblickt im psychedelischen Noise des belgischen Männerquartetts eine Eleganz, die zwar ohne weiblichen Anteil auskommen muss, aber Null Raum für Geschlechterdebatten jeder Art lässt.

Daheim bereits vor knapp einem Jahr und nun endlich auch hierzulande erschienen, drischt Family Dinner zwar beherzt in die Saiten. Sie hängen allerdings nicht wie im Schweinrock üblich auf Eier-, sondern buchstäblich auf Herz- und Hirnhöhe. Es gibt also reichlich Adrenalin im brachial verzerrten Gitarrensound der Sons, was ihr potenzielles Publikum betrifft gewiss auch ein wenig THC, aber trotz allem kein Testosteron. Dafür ist das Psychosurfelement am Übergang zum Punkrock zu vordringlich. Und zu gut.

Sons – Familiy Dinner (Popup)

Ätna

Aus Dresden kommen bekanntlich vorwiegend Horrornachrichten. Wenn der Faschismus dort nicht gerade das nächste Ermächtigungsgesetzt vorbereitet, wird die Stadt wahlweise geflutet, verbaut oder sonstwie missbraucht. Schon deshalb ist es wichtigt, den vernunftbegabt Aufrechten vor Ort alle Aufmerksamkeit zu geben. Etwa in Gestalt des Popduos Ätna. Kurz, nachdem die spanisch-jüdische Schweizerin Inéz zum Studieren dorthin gezogen ist, hat sie nämlich das westdeutsche Landei Demian getroffen, um die lokale Partyszene mit einem kleinen Vulkanausbruch aufzumischen.

Das Ergebnis ist ein avantgardistischer Cocktail aus Synths und Drums, aufwühlendem Gesang und emanzipierten Lyrics, der stimmlich ein bisschen an M.I.A. erinnert und atmosphärisch an Atari Teenage Riot – nur sehr viel tanzbarer, strukturierter, weniger wütend. Manchmal ein wenig weltmusikalisch angehaucht, ist das Debütalbum Made by Desire demnach glaubhaft innerer Leidenschaft entsprungen, die in ihrer Vielschichtigkeit hingebungsvoll den Pop durchdekliniert, ohne beliebig zu werden. Kleiner Lichtblick aus der dunkelsten Ecke Deutschlands.

Ätna – Made by Desire (Humming Records)


HMLTD, La Roux, Bambera

HMLTD

Nein, man soll neue Bands nicht dauernd mit alten vergleichen, womöglich gar wertend. Neue Bands sind neue Bands und alte sind alte, aber wenn eine neue sehenden Auges so vertraut klingt wie HMLTD, dann kommt man ohne ein paar Analogien kaum aus. Das Londoner Quintett um den Sänger Henry Spychalski klingt also leicht nach The Scientist auf einer Überdosis Human League oder besser noch: Joe Jackson im Folterkeller von Marilyn Manson. Darüber hinaus allerdings ist ihr Debütalbum West of Eden absolut einmalig.

Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es angeblich über fünf Jahre daran getüftelt hat, bis der experimentelle Kunstrock in all seinem überfrachteten Facettenreichtum aufgebläht genug für die Platte der Woche war. Alles daran – vom stimmlichen Pathos über die griechisch-mythologischen Lyrics bis hin zur instrumentellen Vielfalt – wirkt wie absurdes Poptheater mit einem Hauch von Alternative Country und Psychobeat. Grandios aufgeplustert. Und beispiellos gut.

HMLTD – West of Eden (Luke Number Music)

La Roux

Ein bisschen aufgeplustert ist auch die rundum wunderbare Elly Jackson, seit sie gemeinsam mit dem Produzenten Ben Langmaid 2009 als La Roux aus dem Schatten kleiner Clubs ins Rampenlicht der Charts trat. Anfangs hatte ihr funkiger Synthiepop allerdigs noch eine Grundmelancholie, die zwar nie in Schwermut mündete, aber diesen Hauch getragener Eleganz enthielt, der schon dem selbstbetitelten Debütalbum Zeitlosigkeit verlieht. Drei Platten später nun haben sich die Achtzigerjahre endgültig aus ihrem Post-Wave verabschiedet. Man könnte das nun beklagen, man kann es aber auch einfach feiern.

So etwa, wie sich der Operner 21st Century mit einer nostalgischen Orgelpeitsche feiert, die den Doppelgesang der Britin ähnlich zerteilt wie ein paar slappige Gitarrensamples das Schlüsselstück International Woman of Leisure, in dem sie mit etwas mehr Wucht als Wut, aber angemessen trotzig die männlich geprägten Machtstrukturen des Entertainments zerlegt. Und so bleibt Supervision trotz aller Leichtigkeit im Sound das, was La Roux seit jeher liefern: Effektvoller Selbstbehauptungspop für eine Welt jenseits tradierter Geschlechterklischees.

La Roux – Supervision (Supercolour Records)

Bambara

Nicht ganz so genderneutral, aber dadurch kaum weniger eindrücklich sind Bambara aus New York, die seit ihrem Debütalbum vor sieben Jahren vom gesamten Feuillton jenseits mainstreamaffiner Bewertungskriterien konequent gefeiert werden. Ihr Postpunk ist aber auch echt maximal invasiv. Denn so wenig Struktur er auch auf der neuen Platte Stray offenbart, so tief dringt sein psychedelischer Noise ins Gemüt ein und irrt dort auf der Suche nach Halt ein bisschen wie die Swans mit weniger Bombast herum, ohne je fündig zu werden.

Und vielleicht zieht der Barition des schwarzgekleideten, schwarzbeseelten Sängers Reid Bateh den Trübsinn dabei weniger aus Avancen an den Avantgarderock der späten Siebziger, vielleicht findet er sie stattdessen auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs seiner Heimat Georgia, die vor fast 160 Jahren ähnlich verwüstet wurde wie es die polarisierte Kommunikation der USA heute wieder einzuleiten scheint. Vielleicht sind die dunkeldüsteren Klanggewittert aber auch nur Ausdruck dunkeldüsterer Stimmungsschwankungen, die zum Glück nicht im Suizid enden, sondern herausragendem Artrock.

Bambera – Stray (Cargo)


Dan Deacon, Squarepusher, Squirrel Flower

Dan Deacon

Als Robert Moog den Synthesizer vor gut 50 Jahren zu dem gemacht hat, was er bis heute ist, hatte er vermutlich nicht den analogsten Schimmer, wer damit bis tief in unsere Gegenwart hinein was genau machen würde. Aber falls Moog eine Art emblematischen Sound im Sinn hatte, dürfte er dem von Dan Deacon nah sein. Der Alleinunterhalter aus Baltimore kreiert schließlich nicht nur, aber vor allem per Synthie elektronphone Klangkaskaden, die alles aus ihm heraus holen, was er zu zaubern vermag.

Denn nach allerlei Filmscores und Kooperationen bis hin zu den L.A. Philharmonics, kehrt der 40-jährige Supernerd auf seiner sechsten Soloplatte zum Ein-Personen-Orchester zurück, das sein virales Spiel mit Samples, Footage, Harmonien und endlich mal einer Stimme unterfüttert, die zwar nicht singt, aber wie ein Instrument funktioniert. Das Ergebnis von Mystic Familiar ist eine Art sinfonisch aufgeblasener Jean-Michel Jarre im Whirlpool des Dadapop. Anders ausgedrückt: Klangvoller Irrsinn für Weltraumreisende mit Stil.

Dan Deacon – Mystic Familiar (Domino)

Squarepusher

Dass auch gestandene Techno-Wizzards zuweilen den Weg vom binären Code zurück zum analogen Signal gehen, zeigt der britische Produzent und DJ Thomas Jenkinson alias Squarepusher. Nach fast 25 Jahren  elaboriertem Hochgeschwindigkeitskrach auf einschlägigen Festivals und Clubbühnen, kehrt er nun zu den Wurzeln elektronischer Musik zurück und schafft es seinen Drill’n’Bass dabei sogar noch zu beschleunigen – nur klingt es nicht schneller, sondern klüger.

Während sich die ersten zwei Tracks seines 18. (!) Studioalbums Be Up A Hello dabei noch ein wenig in die eigene Vielfalt verlieben, hämmert der Mittvierziger fortan einen Cyberpunk aus den Reglern, der beim Hören alle Synapsen durcheinander bringt und gerade darin für Ordnung sorgt. Das Ergebnis ist eine Art Acid-Math, als würde ein Wissenschaftler komplexe Formeln nicht schreiben, sondern drummen. Kein Album für daheim, aber eins für Connaisseure des technoiden Wahnsinns.

Squarepusher – Be Up A Hello (Warp)

Squirrel Flower

Betrachten wir es mal nüchtern: Die Lücke, die Bands wie Velvet Underground oder Sonic Youth im Alternativerock gerissen haben, ließ und lässt sich wohl niemals ganz schließen. Ihre filigran geschredderte Weltverachtung, eingehüllt im Glanzpapier nihilistischer Arroganz: als daraus erst Protopunk, dann Punk, zuletzt Postpunk wurde, geriet die gediegene Langeweile der Gitarrenmusik meistens nur langweiliger, nicht gediegener. Und ehrlich: auch Ella O’Connor wird daran nichts ändern.

Unterm Projektnamen Squirrel Flower ist die Songwriterin aus Boston allerdings immerhin ein trübes Licht am dunklen Horizont. Der musikalische Missing Link zwischen 1960ern und 2020ern, dass man auch heutzutage ganz ohne Pathos melodramatisch sein kann und dabei doch nicht weinerlich klingt. Mit ihrem distanziert blechernem Gesang und einer Gitarre wie eiskalter Sprühregen ist das Debütalbum I Was Born Swimming die perfekte Anleitung zum Weltschmerz mit Lebensfreude.

Squirrel Flower – I Was Born Swimming (Full Time Hobby)


Kefeider, Bareley Autumn, Antilopen Gang

Kefeider

Ja, ja, ja – die Pet Shop Boys haben ein neues Album gemacht, und es soll so gelungen wie das von Eminem, der wie immer ebenso polarisiert, wie entertaint. Der Pop ist eben ständig voller Großprojekte, die alle Aufmerksamkeit ansaugen – und damit das verdecken, was es erst zu entdecken gilt. Keifelder zum Beispiel oder Vetle Løvgaard, die außerhalb Norwegens keine Sau kennt, aber das soll sich jetzt ändern, denn letzterer ist ersteres mithilfe von Øyvind Blomstrøm und Chris Holm, also zwei Dritteln von Orions Belte, deren sämig-süßer Buttermilchpop auch durch Keifelders Debütalbum kriecht.

Auch deshalb klingt Podium ein wenig wie die Beatles auf dem Holodeck. Manchmal mit Krautrockgitarren beschleunigt, meist von Løvgaards verträumten Beck-meets-Beachboys-Gesang gebremst, sind die 13 Songs überwiegend so uneitel in sich versunken, dass man auch beim fünften Hören gar nicht merkt, wie die Zeit vergangen ist. Was unter anderen daran liegt, dass jedes Instrument dem anderen eine Achtelnote hinterherzuhinken scheint. Und so findet man sich dank dieses Wunderwerks der Entschleunigung in einer musikalischen Hängematte, aus der leider kein Weg mehr hinausführt. Warum auch…

Kefeider – Podium (Blance Records)

Barely Autumn

Und wo wir schon bei bemerkenswertem Indierock unterhalb der Wahrnehmungsschwelle sind: die belgische Band Barely Autumn hat ihr zweites Album fertig gestellt. Es heißt Day Trip To The Petting Zoo und ist so herzzerreißend melodramatisch, dass man den Eindruck gewinnen könnte, der singende Songwriter Nico Kennes aus Brüssel steht kurz vorm Freitod. Auch die Texte handeln schließlich gern von seiner erfolglosen Suche nach Glück, besser noch: dem Gegenteil von Unglück, in dem er sich zehn Stücke lang nach Herzenslust suhlt.

Dabei darf man die Grundstimmung aber auch nicht missverstehen. Denn dieser synthieschwangere Pop Noir findet in der Dunkelheit seiner eigenen Melancholie immer wieder Momente großer musikalischer Dringlichkeit. So emotional aufgeladen Songs wie Abortion Coffee schon dem Titel nach klingen: im tränennassen Pathos lauert eine Kraft breit ausgewalzter Gitarrarrenriffs und pittoresker Sample-Gespinste, die ihre Lebenslust nicht ganz verleugnen. Ist eben gar nicht so traurig im Streichelzoo, bloß eben nicht immer lustig.

Barley Autumn – Day Trip To The Petting Zoo (Popup Records)

Hype der Woche

Antilopen Gang

Wer Gangstarap mag, diesen melodramatisch simplizifizierten Bauchgruben-HipHop mit ghettoeskem Kopfstimmengefasel, aber nichts mit Sexismus, Eigenlob und Kampfansagen am Hut hat, wer also ein Gehirn zum Musikgeschmack hat und es auch einzusetzen weiß, wird seit zehn Jahren von der Antilopen Gang bestens versorgt. Gesanglich testosteronrau, aber textlich klassenbewusst, genderneutral und lebensklug, schaffen es Koljah, Panik Panzer und Danger Dan bis zur Chromfelgenpolitur prollig zu klingen, aber intellektuell zu rappen. Auch das 4. Album Abbruch Abbruch ist für Klangästheten daher schlicht zu schlicht für Lyrik. Aber die Lyrics sind halt einfach geil! “Sogar von der Punkerkneipe angezeigt / Trommelfell kann platzen, wenn man DJs in den Teller greift” – schlauer als in Ist der Ruf erst ruiniert kann HipHop kaum zur linken Selbstreflexion blasen.


Holy Fuck, Kinderzimmer Productions, AJJ

Holy Fuck

Falls irgendwer meint, die Achtziger kämen zurück: Keine Chance! Zeitreisen hat Albert Einstein eine Strich durch den Flux Kompensator gemacht und überhaupt kommt nie irgendwas wieder, es wird nur mal mehr, mal weniger gut kopiert. High-Waist-Hosen zum Beispiel eher weniger, New Wave eher besser. Sofern er so interpretiert wird wie von der kanadischen Experimentalkrautband Holy Fuck. Seit 15 Jahren bereits reist ihr elegischer Keyboardrock durch die Epochen und landet nun mal wieder an der Grenze vom Postpunk zum Techno.

Mit analogem Bass und digitalen Drones zappelt Deleter, das fünfte Album seit 2004, hingebungsvoll in der Gegenwart nostalgischer Rückbesinnung herum und klingt dabei manchmal wie Depeche Mode auf Amphetamin – ein bisschen breiig und überdreht, aber hochkonzentriert und präzise. Repetitive Dada-Fetzen à la “I know, it’s not fortune / Come through,  Ooooooo” fläzen sich dabei im Sitzsack getragener Synths. Eine Ode an die Achtziger, gewiss. Aber kein Retrozeugs, sondern gelungene Wiederbelebung.

Holy Fuck – Deleter (Holy EF Music)

Kinderzimmer Productions

Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln politisch haltungsstarken, unbedingt spaßorientierten HipHops begibt, landet eher früher als später in Hamburg – bei Deluxe, Delay, Beginner, zuletzt sogar bei Deichkind, die dem Concious Rap lustige Drogen in die Großhirnrinde blasen. Sie alle aber sind undenkbar ohne das, was ihnen seit einem Vierteljahrundert von Ulm aus zugeflüstert wird. Damals machten Textor und Quasi Modo als Kinderzimmer Productions einen derart lebensklugen Sprechgesang salonfähig, dass er vom Aggro genervt 2007 die Segel streichen musste.

Zwölf Jahre später ist das Duo zurück – und zeigt uns mit irritierenden Beats über philosophischem Gaga, wie viel Leben im Deutschrap steckt. “Ich hab die Fakten gekaut / und die Wahrheit ausgespuckt / sie ist klein, hart und rund / wie ein Eishockeypuck” textet Textor auf Todesverachtung to Go und lässt dazu “alle toten Augen sind auf Solingen gerichtet / alle deine Freunde sind mit Folien beschichtet” folgen. Kann man sinnig finden oder nicht, bleibt aber mit das Beste, was hierzulande gesangsgesprochen Haltung zeigt.

Kinderzimmer Productions – Todesverachtung to Go (Grönland)

Hype der Woche

AJJ

Wenn man das australische Dadapopduo Flight of the Concords mit den psychotischen Alleinunterhalter Daniel Johnston – R.I.P. – ein eine Kiste packt und durch den Kakao von Jello Biafras Alternative Tentacles zieht – was kommt dabei ungefähr heraus? Genau: das sensationell durchgeknallte Folkpunkensemple AJJ aus Phoenix/Arizona, das man ohnehin nur mit einer gehörigen Portion Wahnsinn überlebt. Auch das siebte Album Good Luck Everybody (Specialist Subject Records) vom singenden Skateboarder Sean Bonnette ist voll von einer eleganten Sinnlosigkeit und überspannten Coolness – da möchte man glatt mit ihm in die Wüste zum Skifahren.


Aiming for Enrike, The Chap, Mint Mind

The Chap

Warum ein Krümel, wenn man das ganze Brot haben kann, warum ein Keks, wenn man die ganze Konditorei haben kann, warum ein Äffchen, wenn man den ganzen Zoo haben kann, und warum ein Plattenregal, wenn man The Chap haben kann. Wer es in den letzten 20 Jahren nicht bemerkt hat, weil das englische Quintett mittlerweile acht Platten lang unterm Radar allgemeiner Aufmerksamkeit feinen Radau macht: The Chap ist gar keine Band, sondern Dutzende davon. Und jede geiler als die andere.

Da wäre in Bring Your Dolphin, Opener der neuen Platte Digital Technology, ein irisierender Minimal Wave. Da wäre kurz darauf der zauberhafte Noisepop Pea Shore, gefolgt vom experimentellen Inditronic I Am The Emotion, bevor I Recommend You Do The Same in dronigen Psychobeat abdriftet, den das schrille Merch in die Abgründe des Digital Hardcore überführt, wo der Ethno-Alternative Toothless Fuckface den Weg zurück ins Licht weist. Was für ein tolles Krümeläffchenplattenregal.

The Chap – Digital Technology (staatsakt)

Aiming For Enrike

Da ist es nur schwer zu glauben, dass es sogar noch vogelwilder geht. Aber es geht. Etwa beim digitalanalogen Dadapop-Ensemble Aiming For Enrike. Im Kern erinnert das Quartett aus Norwegen zwar ein wenig an das Berlin-Londoner Pendent The Chap, nur dass die Tracks allesamt so wirken, als wären es im Studio ungefähr doppelt so viele gewesen, die man – um kein Doppelalbum machen zu müssen – einfach übereinander gestapelt und leicht hochgepitcht hat.

Was insofern erstaunlich ist, als der Vorgänger von Music For Working Out angeblich noch chaotischer war. Einerseits. Andererseits ist der hochenergetische Elektromathrock strukturiert genug für kontrollierte Bewegungsabläufe im Club und erinnert dabei an den französischen Gitarrenfreak Matthieu “M” Chedid. Auch das geordnete Durcheinander der technonostalgischen Keyboardkanonaden von Erlend Mokkelbost und Simen Følstad Nilsen, denen die Drums von Tobias Ørnes Andersen gehörig Feuer unterm Hintern machen, ist vielleicht wirr, aber nie verwirrend. Ein fabelhaftes Album zum Durchdrehen.

Aiming For Enrike – Music For Working Out (Pekula Records)

Mint Mind

Dagegen wirken Mint Mind fast schon geerdet – was einiges heißen will. Auch das Nebenprojekt des rührigen Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail ist ja weiter von gewöhnlich entfernt als Helene Fischer von kreativ. Dennoch wirkt der oberflächlich konfuse Psychorock auch auf dem zweiten Album seiner Drittband untergründig vielfach sorgsam ausgefeilt. Tief in der Geschichte des DIY-Garagensounds zwischen Seattle und New York verwurzelt, gibt es von Thoughtsicles demnach satt aufs Trommelfell.

Geschreddert von McPhails halligen Alltagserzählungen aus dem Hallraum urbaner Disruptionen von zu viel Schnaps (Alcoholicity) bis zu wenig Verbindlichkeit (Love A Good Queue) und noch viel zu viel weniger politische Kultur (A Road Best Traveled), sägt sich das Tio aus Hamburg zurück in den Surfrock der Sixties und über den Punk der Siebziger zurück zur Gegenwart, wo das alles ungemein frisch, aber angemessen angepisst klingt.

Mint Mind – Thoughtsicles (Upper Rooms)


Moon Bros, Dirty Projectors, Throbbing Gristle

Moon Bros.

Es gibt Gründe, kurz vor Weihnachten kein Album rauszubringen. Die wichtigsten: Das Publikum ist auch musikalisch in Feststimmung und legt in der Regel, zweitens, nur dann mal Schallplatten auf den Gabentisch, wenn es sich um Mainstreamsuperstars handelt. Für Moon Bros. gilt weder das eine noch das andere – und doch irgendwie beide zugleich. Denn das Lagerfeuerprojekt von Matthew Schneider mag zwar alternative sein, klingt in seiner warmen Westernhaftigkeit aber so massenkompatibel, dass es prima unter jeden Weihnachtsbaum Arizonas passt.

 

Mit vielschichtigem Folkpicking, gelegentlich hindurchwehender Steelguitar und einer Mundharmonika, die sich immer wieder wie ein Schwarm Vögel auf die Stromleitung darüber hockt, klingt der begleitete Solist aus Chicago genau, wie der Titel seiner neuen Platte: The Easy Way Is Hard Enough. Die verschrobene Leichtfüßigkeit seiner Arrangements wirkt zwar, als habe Neil Young ein bisschen am Soundtrack von Löwenzahn gefeilt; zugleich aber sind die sieben meist instrumentalen Stücke so virtuos und dabei gefühlvoll, dass sie auch unterm Christbaum funktionieren. So als alternative Alternative.

Moon Bros. – The Easy Way Is Hard Enough (Cargo)

Dirty Projectors

Und weil die Tage vor Weihnachten so arm an Neuveröffentlichungen sind, kann man ausnahmsweise mal ein Live-Album empfehlen. Wobei “Live” hier nicht im Sinne von “Konzertmitschnitt vor Publikum” zu verstehen ist. Denn im Rahmen der Domino Documents Sessions hat sich der Singer/Songwriter Dave Longstreth mit einer Reihe befreundeter Musiker*innen ins Manhattener Studio PowerStation gestellt und die Songs der letzten Tournee seines Hauptprojektes Dirty Projectors live-on-tape eingespielt.

Das Ergebnis ist ein akrobatischer Kopfstand mit Bodenhaftung. Sind karibisch angehauchte Funk- und Pop-Elemente sonst eher Teilaspekte des rockigen Sounds der Dirty Projectors, dreht sich das Verhältnis in Sing The Melody um. Schon das ulkig kratzende Right Now klingt mit viel Soul und etwas Kazoo zum Auftakt, als würde Pharrell Williams mit Ween den alten James Brown covern. Spätestens, wenn überm Motown-Gesang von That’s A Lifestyle plötzlich die Prince-Gedächtnis-Gitarre jault, sind wir allerdings zurück in Longstreths Independent – und gehen mit einem Lächeln ins neue Jahr.

Dirty Projectors – Sing The Melody (Domino)

Reissue der Woche

Throbbing Gristle

Damit dieses Lächeln nicht zu weihnachtlich wird, unterwandern wir jeden Anflug von Festtagslaune mal mit der Unterwanderung tradierter Hörgewohnheiten schlechthin: einer digital überarbeiteten Fassung dreier Spätwerke des dystopischen Antipopkollektivs Throbbing Gristle, für die sich Chris Carter, Peter Christopherson, Genesis P-Orridge und Cosey Fanni Tutti 23 Jahre nach dem Ende ihres legendären Projektes nochmals ins Studio begeben. Nun würden viele gewiss sagen, Part Two: The Endless Not, TG Now und A Souvenir of Camber Sands waren doch schon 2004 zu krank, um aufs Publikum losgelassen zu werden. Stimmt ja auch. Trotzdem sind solche Reissues (PIAS) die perfekte Antwort auf weihnachtliche Hirnsedierung und mindestens als Wachmacher schwer zu empfehlen.


Stereolab, Drive Moya, Speedy Wunderground

Stereolab

Wenn etwas klingt, wie es klingt, weil es irgendwie schon immer so klingt, zugleich aber nie klang, wie es den Anschein erweckte, also irgendwie Klangbetrug war, dann sind wir ziemlich schnell bei Sterolab. Tim Gane und Lætitia Sadier machen schließlich seit 1990 einen Sound, der auch damals schon seltsam aus der Zeit gefallen, aber zugleich hypermodern war. Und ihn zu beschreiben, fällt heute, wo das Indiepop-Duo längst zur mehrköpfigen Band angewachsen ist, kaum leichter.

Das erst Album seit neun Jahren, insgesamt Nummer 11, ist nostalgisch wie eh und je. Mit seinen Syntie-Flächen und Spinett-Samples, dem lässigen Sixties-Appeal plus wirre Dada-Attitüge, erinnert Margerine Eclipse zu Sadiers windschiefem Engelsgesang jedoch flattert es hinreißend zwischen futuristischem Barock und antiquierter Electronica hin und her, überzuckert mit swingender Eleganz, untergraben von existenzialistischer Harmonieabkehr.  Stereolab werden halt immer ins Ohr laufen wie Honig und sich dort leicht verkanten.

Stereolab – Margerine Eclipse (Warp Records)

Drive Moya

Ach nee, schon wieder Österreich? Das Seltsame an der schier endlosen Schwemme flamboyanter bis vogelwilder Musik aus der Alpenrepublik, ist ja gar nicht so sehr die hohe Qualität, sondern deren Unermesslichkeit – als sei jeder dritte Österreicher bereits ein Popstar. Auf dem Weg dorthin ist nun das nächste Konglomerat kreativer Jungs um den Gitarristen und Sänger Christian “Juro” Jurasovich entstanden, der zuvor in Gruppen wie Mimi Secue tätig war.

Sein Wiener Trio Drive Moya macht im Hochgebirge der Kreativität aber was Neues: Krautgaze, einen getragenen Postrock im Stile der Neunziger, der seine Fuzzgitarren so flächig auswalzt, dass hinter der Kurve zum Emocore Sonic Youth und Teenage Fanclub Richtung Noise spazieren. Zum Beispiel, wenn Stücke wie The End nicht frei von Doors-Avancen Töne zersägen wie im Tortureporn-Keller und dabei doch manchmal geschmeidig sind wie Chartsgedudel. Muss Bergluft gut tun!

Drive Moya – The Light We Lost (Noise Appeal)

Speedy Wunderground

Kompilationen sind immer ein bisschen schwierig zu empfehlen, weil sie ja kein genuin kreiertes Werk einzelner Bands oder Künstler*innen sind, sondern eben einfach bunte Tüten. Aber was heißt “einfach” – die vierte Kompilation des Londoner Indie-Labels Speedy Wunderground ist mit bunt fast schon farblos umschrieben. Auf Year 4 flicht Gründer Dan Carey nämlich einen Blumenstrauß britischer Newcomer, deren Beiträge allesamt bislang nur auf 7# erschienen sind und fast schon zu schön, um wahr zu sein.

Vom düsteren Wave-Noise der Scottibrains über Squids harmonisches Britrockgeschrammel The Dial bis All We Are, einem Seitenprojekt von Alex Kapranos, dem sein Hauptprojekt Franz Ferdinand zumindest in den Vocals aus jeder Zeile springt, hat alles darauf Eigenständigkeit und fügt sich doch im Umfeld acht verschiedener Bands zu einem Panorama, das abermals aufzeigt, was alternative Musik von der Insel dem westlich gelegenen Festland voraus hat: komplett unangestrengte Nonchalance selbst dann, wenn es ruppig wird. Ach UK…

Speedy Wunderground – Year 4 (Speedy Wunderground)


JPD, Goldroger, Robbie Williams

JPD

Ist ja immer klein bisschen peinlich, wenn Debütalben als lang ersehnt angekündigt werden, weil ja niemand als Label, Künstler, Mutti und ein paar Kumpel ein Erstlingswerk wirklich ersehnen, aber auf das von Julian Philipp David alias JPD durfte man schon mit angemessener Sehnsucht warten. Jetzt ist es nach reichlich Digitalgeraune, zwei EPs und ziemlich gefeierten Festivals raus, heißt Auf den großen Knall und ernsthaft – der ist es auch geworden.

Der HipHopster aus Mannheim kreiert einen nahezu perfekten Mix aus melodischen Raps und Soundideen, die in Stücken wie Striche münden, das von Gitarrenpicks zerstochen an Tinnitus im Whirlpool erinnert, während durch Der Wald im Anschluss philosophische Earcatcher wie “Spieglein, Spieglein an der Wand / sag, wer hat das meiste Flaschenpfand im Land” fließen, denen JPDs warmer Sprechgesang Tiefe und Kraft verleiht. Klar, Vergleiche sind oft so blöd wie die Phrase vom ersehnten Debütalbum, aber hiert trifft Casper auf AnnenMayKantereit und doch klingt es unvergleichlich.

JPD – Auf den ganz großen Knall (Popup Records)

Goldroger

Ach, was wäre der HipHop für ein wunderbares Biotop, wenn doch nur der HipHop nicht wäre. Dieser Gestus, diese Selbstverliebtheit, das ganze Getue um Skills und Realness und Blingbling oder auch mal Blingblingscheißefinden – wäre es nicht schön, wenn sich der Rap mal wieder mehr um Sprechgesang und weniger die Stilistik drumherum drehen würde? Vielleicht hilft es da ja, ein Quereinsteiger zu sein. Wie Goldroger. Vor ein paar Jahren aus Fremdgenres wie Ska, Punk, Dancehall in den lukrativeren Musikstil gepoppt, macht er dort denkbar unlukrativen Rap für Leute mit Geschmack, aber ohne Hand im Schritt.

Gut, ein paar handelsübliche Gesten kann sich auch der Junge aus Köln, bürgerlich Sebastian, nicht verkneifen. Aber die dezent, fast trancig instrumentierten Stücke seiner halben zweiten Platte Diskman Antishok, deren zweiter Teil Anfang nächsten Jahres folgt, erinnern angenehm an die Popdandys Bilderbuch, während sein Flow viel von T der Bär hat, also einem Deutschrapper, der gar kein Deutschrapper sein will, sondern Songwriter ohne Gesang. “Ja ich weiß, doch / manche tätowieren sich ihren eigenen Namen, um zu beweisen / sie sind da, ja um sich zu zeigen, dass es sie einst einmal gab” – so uneitel ist Goldroger auch musikalisch.

Goldroger – Diskman Antishok (Irrsinn)

Hype der Woche

Robbie Williams

Ach Robbie, du alte Rampensau! Normalerweise kriegt man bei jedem Weihnachtsalbum im Regal berechnender Publikumsverarschung das kalte Kommerzkotzen – besonders, wenn Helene Fischer daran beteiligt ist. Doch nicht mal die schafft es mit ihrem lausig lasziven Duett Santa Baby, Williams’ The Christmas Present (Sony) in die Liste festlicher Selbstbereicherung zu bringen – dafür versprüht Robbies Weihnachtskompendium viel zu viel Esprit. Dabei besteht ungefähr die Hälfte der 27 Lieder aus Eigenkompositionen, mit denen schon ganz andere Kaliber als dieser gescheitert sind; wie die Klassiker von Let It Snow bis Winter Wonderland jedoch, sind auch viele der neuen Stücke irgendwie – nun ja: Robbie: dick aufgeblasen, aber leidenschaftlich und inspiriert. Ob es dafür Gaststars wie Jamie Cullum, Rod Stewart oder gar den Boxer Tyson Fury gebraucht hätte? Tja, geht halt auch um Geld. Davon abgesehen ist dieses Weihnachtsalbum echt mal hörenswert.


Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)