Uèle Lamore, The Simps, White Lies

Uèle Lamore

Ob Filme im Kopf nun instrumental begleitet werden oder vokalisiert, orchestral oder kammermusikalisch, strukturiert oder flächig, das wird vermutlich auch keine Traumdeutung ergründen. Aber falls das Unterbewusstsein einen Soundtrack verdient – Uèle Lamores Debütalbum wäre nicht die schlechteste Wahl. Mit Loom hat die franko-amerikanische Künstlerin schließlich ein Werk erschaffen, das zwischen Ambient, Klassik und Dreampop Gedanken vertont, ohne sie auszusprechen.

Gemeinsam mit dem London Contemporary Orchestra experimentiert die 27-Jährige so vielgestaltig mit synthetischer und modularer Electronika aus jeder Art von Computer-Terminal, dass die elf Stücke Road-Movies der Siebziger ebenso vertonen könnten wie zeitgenössische SciFi. Wenn dabei klavierbegleitete Geigenteppiche entspannt übers sphärische Rauschen futuristischer Visionen rollen, ist alles denkbar, alles drin, alles geschmeidig, ergreifend, virtuos und angenehm verstörend.

Uèle Lamore – Loom (XXIM)

The Simps

Schwer zu sagen, wen oder was The Simps vertont, aber The Simpsons sind es definitiv nicht, dafür ist das das kalifornische Duo zu düster und verstiegen. Vielleicht vertont es auch gar nichts. Vielleicht ist ihr Debütalbum Siblings einfach, wonach es klingt: eine düster verhallende, hintergründig eklektische, nostalgisch klingende Reminiszenz an den Future-Pop der Achtziger, wie Joy Division mit etwas besserer Laune.

Dabei ist der Old New Wave von Zzzahara and Eyedress, wie sich Zahara Jaime aus L.A. und Idris Vicuña von den Philippinen hier nennen, weder neu noch alt, weder gebraucht noch innovativ. Mit unverzerrter Funkgitarre, E-Drums und Schulterpolster-Keyboards suppt ihr Beach-Pop durch verrauchte Kellergewölbe und hellt sie auf, während sich der Gesang in den Ecken zu verstecken scheint, aber spürbar an die frische Luft will. Herausspaziert.

The Simps – Siblings (Lex Records)

White Lies

Und damit zu etwas Unverdruckstem, Selbstbewusstem, Exaltiertem, das in jeder Strophe, jeder Bridge, jedem Refrain ganz bei sich ist und nirgendwo anders hin will als unter richtig fette Scheinwerfer richtig fetter Bühnen: White Lies. Eine Band, die seit ihrem Debütalbum To Lose My Life vor zwölf Jahren zu den Abräumern des Brit-Rock zählt, und auch mit ihrer sechsten Platte ausgetretenes Terrain planiert, das aber sehr unterhaltsam.

Nicht also, dass As I Try Not To Fall Apart dem Bestand auch nur ansatzweise erweitern würde. Denn im anschwellenden Meer genresprengender Bands mit dem Anspruch, alles mit allem irgendwie unerhört zu verquirlen, macht die gemeinsam gereifte Schulkapelle aus London bloß das, was sie am besten kann: geradlinigen, massentauglichen, melodramatischen Postpunk, der niemals stört und dennoch stets ein bisschen eigensinnig bleibt.

White Lies – As I Try Not To Fall Apart (PIAS)


Jan Verstraeten, Los Bitchos, yeule

Jan Verstraeten

Der Teufel im Kopf muss dort nicht unbedingt gleich ein Fegefeuer entfachen, aber einheizen kann er ihm schon. Der Belgier Jan Verstraeten zum Beispiel singt zum Auftakt seines Debütalbums Violent Disco über seine inneren Dämonen, die anschließend auch in Gone Gone Gone ihr Unwesen treiben. Zum Glück für den Groove allerdings vermengt er all die Düsternis nicht mit Dark Wave, sondern einem orchestralen Neo-Funk, der frei schwingt, ohne zu flattern.

Als würden Junius Meyvant und The Last Shadow Puppets Pete Doherty im rosa Bademantel übers verschlammte Jazzfestivalgelände geleiten, vermengt Verstraeten lässige Streicher mit molligem Cello zu einer Art englischsprachigem Psychiatrie-Swing von Fans alter Filmmusiken, also der richtig fetten Scores fürs Crooner-Kino der Siebziger. Das ist von einer so seelenzerkratzten Erhabenheit – man möchte glatt die Leiche spielen.

Jan Verstraeten – Violent Disco (Popup Records)

Los Bitchos

Leichen, so scheint es, pflastern auch den Weg jenes Soundtracks, den die vier Londonerinnen mit dem wenig woken, aber weil selbst verliehen doch irgendwie emanzipativen Band-Namen Los Bitchos auf ihr grandioses Erstlingswerk gestempelt haben. Tarantinos Leichen. Let The Festivities Begin! klingt nämlich wie eine Wüstensafari im schrottreifen Chevrolet, voll besetzt mit kosmopolitischen Musikgenres, die Los Bitchos auch personell repräsentieren.

Keytar-Spielerin Agustina Ruiz aus Uruguay sorgt für südamerikanische Rhythmik und Bassistin Josefine Jonsson für schwedischen Popappeal, Drummerin Nic Crawshaw bringt britischen Punkrock mit ein und die australische Gitarristin Serra Petale Orientalistik. Diese PR-Zuschreibung mag so stimmen, ist aber auch egal. Denn im Ensemble erzeugen sie ein wortloses Instrumentalfeuerwerk, das sehnsüchtig auf die Eröffnung der Festivalsaison erwartet. Und wir auch.

Los Bitchos – Let The Festivities Begin! (City Slang)

yeule

Schwer zu sagen, für welches Festival Nat Ćmiel alias yeule aus Singapur wohl geeignet sein könnte. Das Jahrestreffen der Tinnitus-und Psychose-Geheilten? Ein Rave für Rave-Geschädigte? Die Abschiedsparty vom halbjährlichen Winter oder wahlweise Sommer am Nordkap? Das neue Album der Künstlerin aus London lässt viele Verbreitungswege offen, aber kein einziger davon führt durch annähernd zugängliches Terrain.

Glitch Princess heißt es, übersetzbar mit Pannenprinzessin. Dabei klingen die sägenden Harmoniebrüche und Disharmonien auf dem Experimentierfeld digitaler Flächen nicht zufällig fehlerhaft. Im Gegenteil: alles ganz gezielt knapp am eben noch Eingängigen vorbei, alles aber regelmäßig auch wieder von linearer Verspieltheit. Ein psychotischer Tinnitus der Möglichkeiten, die elektronisches Sampling bieten, wenn man nicht nur in Strophe, Bridge, Refrain denkt, sondern Emotion, Variation, Rezeption.

yeule – Glitch Princess (Bayonet Records)


Saitün, Eels, Kreidler

Saitün

Orient – ist das ein kolonialistischer Begriff aus Zeiten, als sich Europa die Welt Untertan machte und falls nicht, zumindest kulturelle Aneignung, sofern ihn jene verwenden, die ihm gar nicht entsprungen sind? Solche Sprachfragen sind heutzutage (zum Glück) die Regel und müssen daher auch auf die Baseler Band Saitün angewendet. Ihr melodramatischer Psych-Rock wird nämlich nicht nur mit dem angedickt, was landläufig als orientalisch gilt; er spielt auch inhaltlich mit arabischen Codes und Chiffren.

Das machen sie hervorragend. Sinfonisch wälzen sich die Klangteppiche über englischsprachige Kritik am Kapitalismus, als hätten Faith No More Sauerkraut vergoren. Vom 1. bis zum 10. Track ist das Debütalbum Al’ Azif fesselnd wie ein vertonter Tsunami. Zugleich aber fragt sich, was die Assoziationsketten offenbar sehr weißer Protagonisten sollen – alles nur Spaß, alles sehr ernst, alles kulturell diffus, wie uns das Label versichert? Alles Auslegungssache, für die man Al’ Azif halt durchhören und selber urteilen sollte.

Altün – Al’ Azif (mon petit canard)

Eels

Mit Eels hingegen kann man seit einem Vierteljahrhundert eigentlich nie was falsch machen – was weniger deshalb überrascht, weil das Quartett aus Washington D.C. jemals irgendwas politisch auch nur ansatzweise Unkorrektes getan hätte. Erstaunlicher ist die Tatsache, dass Alternative-Fans der Stimme des Quantenphysiker-Sohns Mark Oliver Everett vermutlich auch auf dem 14. Album nicht überdrüssig werden. Und das hat schon echt was Magisches.

Denn es ist ja nun wirklich nicht so, als klänge Extreme Witchcraft grundlegend anders als das brillante Debüt Beautiful Freak von 1996. Im Gegenteil: die lässige Eastcoast-Americana, gepaart mit countryeskem Surfersound suppt exakt so schläfrig schön aus Boomboxen wie einst vom Kassettendeck. Aber genau dieses Grundgefühl der Wiedererkennbarkeit im Tonfall völligen Desinteresses an Erfolgen, Geld, Karriere macht auch das Album beiläufige Art einzigartig.

Eels – Extreme Witchcraft (PIAS)

Kreidler

Und wo wir grad beim Zauber der Beständigkeit an sich sind, konzentriert allerdings in einer Gruppe musizierender Menschen, die damit einst unerforschtes Gelände betraten: Kreidler haben ein neues Album gemacht, das 15. in ungefähr ebenso vielen Jahren wie Eels, was aber auch schon die einzige Parallele beider Klanguniversen ist. Denn das der vier Eketroavantgardisten um den Drummer Thomas Klein schießt über die bekannten Sonnensysteme abermals weit hinaus.

Spells and Daubs nämlich erforscht die unendlichen Weiten der eigenen Originalität mit exakt jener Experimentierfreude, die den Pop-Standort Düsseldorf seit Jahrzehnten zur sprudelnden Quelle erst abseitiger, dann massentauglicher Ideen macht. Gleichermaßen vertrackt und eingängig, sedierend und tanzbar, meditativ und weltlich zieht das Album in einen Bann, der sich heute so wenig erklären lässt wie 1994, aber damals wie für alle Zeiten eines ist: auf eingeborene Art angenehm undeutsch.

Kreidler – Spells and Daubs (Bureau B)


Arca, Haiyti, Karwendel

Arca

Stellen wir uns mal vor, rein hypothetisch, die Länder Afrikas, Asiens, Amerikas hätten Europas Kultur kolonisiert statt umgekehrt – Referenzgrößen massentauglicher Sounds wären demnach nicht Bach, Beatles oder Bohlen, sondern rhythmusbasierte Klangkompositionen jenseits von Viervierteltakt und klassischer Metrik: niemand würde eine eklektische Künstlerin wie Arca wohl für kompliziert, verschroben, durcheinander halten, sondern das Nonplusultra harmonischer Musik. Was sie, auch wenn es anders klingt, fraglos ist.

Das neue Album der venezolanischen Multifunktionsartistin mit Skills von Malerei über Performancekunst bis Pop mag für chartserprobte Ohren also unzusammenhängend klingen und auf fiebrige Art konfus. Doch wer ein wenig in den lateinamerikanisch angestachelten Noise-Skulpturen herumwühlt, findet darin eine Vielfalt, als hätte man Bach, Beatles, Bohlen im Thermomixer verquirlt und zu kantigen kleinen Glückspillen gepresst. Wer das versteht, versteht alles, wer das nicht mag, ist selber schuld.

Acra – Kick ii (XL Recordings)

Haiyti

Und damit wäre auch das Wirkprinzip der aktuell irritierendsten Rapperin der deutschsprachigen Welt hinreichend beschrieben. 30 Sekunden Haiyti und die Ohren sausen so verlässlich wie nach einer frühmorgentlichen Weckaktion vom Presslufthammer. Den aber hat Ronja Zschoche, so ihr Passname, auf ihrem dritten Album in 12 Monaten wieder so schrill per Autotune verquarkt, dass der Lärm darauf wie ein Stalschaumbad klingt.

Mit Features wie Money Boy, Dr. Sterben, Kaisa Natron oder Kid Trash rauscht die Hamburgerin vom Kiez wieder durchs Klangspektakel wattierter Drones und Trap-Kaskaden, die ihr wort-, bild-, zeichen- und gestengewaltiger HipHop mit allerlei Geschwafel über Drogen, Straße, Liebe, so Zeugs andickt. Das Besondere an Speed Date: es nervt von der ersten bis zur letzten Sekunde, es kratzt und brodelt und schmerzt und knarzt. Es lässt uns aber vom 1. bis zum 25. Track auch nicht los.

Haiyti – Speed Date (Haiyti Records)

Karwendel

Aber damit hier nicht alles auf fesselnde Disharmonie zugeschrieben ist, gibt es doch noch einen Tipp fürs Gemüt, etwas um Ausgleich und Eleganz bemühtes, etwas Schönes, bei dem sogar Geigen und Saxofone zerschmelzen, ohne kultiviert anzustrengen, etwas Hübsches, bei dem ein sehr weißer Junge von nebenan sehr weiße Jungssvonnebenansachen singt:  Der Klang der Vergänglichkeit, das Debütalbum vom Hamburger Singer/Songwriter Sebastian Król, der dafür praktischerweise sein eigenes Label betreibt.

Stimmlich in Gisbert zu Knyphausens Couchecke angesiedelt, erzählt der Doppelkämpfer von Backseat Records über alles, was Großstadtgemüter emotional bewegt und lässt ein analoges Instrumentarium von Piano über Gitarre, Bass, Schlagzeug bis hin zu einer folkloristischen Klarinette dazu flattern, dass man im Geiste hüftabwärts schaut, ob Król Schuhe trägt. Tut er. Und macht damit harmlosen, aber ergreifenden Urban-Pop für alle, die mal Pause brauchen vom Anspruch, alles müsse fett, groß und besonders sein.

Karwendel – Der Klang der Vergänglichkeit (Backseat)


Aesop Rock, Enfant Sauvage, Philip Bradatsch

Aesop Rock

Quantität allein ist kein Qualitätsmerkmal – schon gar nicht in der Poesie, wo die Zahl der Worte nichts über deren Güte sagt. Aber wenn das Vokabular eines Rappers mit bald 8000 verschiedenen Wörtern doppelt so groß ist wie das von Oberflächensurfern wie 50 Cent oder Kanye West, sagt das schon was über Inhalte aus. Auf seiner neuen Platte Garbology jedenfalls erweitert der New Yorker sein Textrepertoire abermals um ein paar Dutzend persönliche Neologismen, aber das ist längst noch nicht alles.

Denn das Besonderes an seiner neunten Platte in 24 Jahren, die er erneut mit dem Produzenten Blockhead aufgenommen hat, sind wie so oft ihre dystopisch dämmerigen Sounds, die sich mit der Dynamik fließenden Quarks vor Abertausend Worte quetschen, aber das Durchsetzungsvermögen einstürzender Wände haben. Aesop Rocks Gedanken über den gedanklichen, kommunikativen, sozialen Müll unserer Zeit sind aber gerade dadurch von so großer Wucht. Qualität durch Quantität – geht doch.

Aesop Rock – Garbology (Rhymesayers Entertainment)

Enfant Sauvage

In der elektronischen Musik ist es ja so, dass Quantität allein schon wegen der Abwesenheit strenger Metriken von Strophe über Bridge bis Refrain schwerer zu messen ist als in der analogen Musik – das ging schon mit Donna Summers I Feel Love los, wo der Pop sein Instrumentarium erstmal vollständig abstrahierte und in seiner repetitiven Flächigkeit trotz der Liebesschwüre aseptisch klang. Guillaume Alric, 50 Prozent des französischen House-Duos The Blaze, macht es knapp 45 Jahre später umgekehrt: unterm Künstlernamen Enfant Sauvage wirken seine Digitalflächen seltsam organisch.

Ein bisschen so, als würde Jean Michel Jarre mit Daft Punk im Kellerclub kiffen, wattiert er die zappeligen Beats seines wundervollen Solodebüts Petrichor mit wachsweichem Phrasengesang, kippt hier mal schrille Industrial-Samples drüber wie in Louve, rührt dort mal plätscherndes Piano drunter wie in It’s All Over, bleibt dabei aber stets auf auf elegante Art so bewegungsfreudig, als würde er einen Sack wirklich guter Drogen mischen. 

Enfant Sauvage – Petrichor (Animal 63)

Philip Bradatsch

Vorschusslorbeeren können auch toxisch sein. Als “deutscher Bob Dylan” bezeichnet zu werden wie es ein Radiosender vor zwei Jahren beim Debütalbum Jesus von Haidhausen des bayerischen Songwriters Philip Bradatsch tat, legt die Messlatte ja gleichermaßen hoch und tief. Wer will, wer kann schon so klingen wie der weltberühmteste Folk-Nuschler mit Nobelpreis und Hut? Philip Bradatsch offenbar nicht, deshalb hat er den Nachfolger nicht nur Die Bar zur guten Hoffnung betitelt, sondern auch ein wenig aufgemöbelt.

Noch immer spielt er mit den Cola Rum Boys zwar steppentaugliche Eckkneipenmusik für melancholische Exiltexaner, die in den besseren Momenten an Voodoo Jürgens erinnert und in den schlechteren an Udo Lindenberg. Sein fröhlicher Schwermut klingt allerdings frischer als früher und wühlt sich dennoch durch traurige Klaviaturen von herzzerreißender Tiefe. Wenn dann allerdings wieder die unverzerrte Westcoast-Gitarre scheppert, ist alles wieder bisschen besoffen, bisschen pathetisch. Musik wie Tresengespräche.

Philip Bradatsch – Die Bar zur guten Hoffnung (Trikont)


Mala Oreen, Geese, Richard Ashcroft

Mala Oreen

Die Schweiz – Gletscher, Alphörner und Kühe. Kennt man. Die Schweiz – Prärien, Steelguitars und Cowboyromantik? Kennt man eher nicht so. Umso überraschender ist es, einer Schweizerin zu hören, die amerikanischen Country in ihr europäisches Heimatland (re)importiert und daraus ein Album zaubert, das offenbar tiefster Überzeugung entsprungen ist, nicht Ironie oder gar kultureller Aneignung. Kein Karneval also auf Awake, nur Empathie. Schließlich hat Mala Oreen aus Luzern verwandtschaftliche Links in die USA.

Und nicht nur das. Auch dessen Folk hat sie von Kindesbeinen an aufgesogen, frühzeitig das Fiddeln gelernt und war zuletzt so lange in Texas, dass daraus in Nashville/Tennessee (wo sonst) zehn Tracks entstanden sind, die sich nur als hingebungsvolle Hommage an die ursprüngliche, nicht popverwaschene Americana hören und sehen lassen. Klar, man muss die Melodramatik ihrer Musik schon grundsätzlich mögen. Aber spätestens dann vergisst man die Schweiz dahinter und sitzt mit am Prärielagerfeuer.

Mala Oreen – Awake (TOURBOmusic)

Geese

Wenn Britrock noch klänge, wie Britrock mal klang, wenn er noch das verwaschen Postpunkige im Popgewand besäße, dieses alte Gespür für kakophone Spielerei im harmonischen Proklamationsgesang, das Bands wie Franz Ferdinand nach New York klingen ließ und solche wie The Strokes nach Manchester, wenn wir also an den Rand der Jahrtausendwende zeitreisen würden, wo Oasis und Suede dringend zu den Akten gelegt werden müssten – dann wäre eine Band wie Geese perfekt für diesen Neustart.

Zum dumm, dass Geese ungefähr 20 Jahre zu spät für eine Revolte kommen, aber es ist ungeheuer schön zu hören, dass Rafinesse und Wahnsinn noch immer zusammenpassen, wenn man beide lässt. Das blutjunge Quintett aus Brooklyn, Durchschnittsalter diesseits der Volljährigkeit, wurde gelassen, woraus das wirklich fabelhafte Debütalbum Projector hervorgegangen ist, auf dem die Gitarren so unverzerrt psychedelisch über geschmeidige Keyboardteppiche fegen, dass es die pure Freude ist.

Geese – Projector” (Partisan Records)

Richard Ashcroft

Um hier aber nicht mal ansatzweise den Eindruck zu erwecken, die wegweisend nostalgische Cool-Britannia-Bewegung vor einem Vierteljahrhundert überflüssig gewesen, zollen wir hiermit jemandem Tribut, der damals wirklich Großartiges geleistet hat: Richard Ashcroft. Und weil der frühere Frontmann, so hieß das in maskulinerer Zeit, von (The) Verve vor lauter Selbstliebe kaum lauen kann, hat er uns passend zur reflexiven Heldenverehrung ein Tributalbum in eigener Sache produziert. Klingt eitel. Ist eitel.

Aber auch herausragendes Zeitzeugnis einer Epoche, die dem Pop Tiefe von einer Oberflächlichkeit verliehen hat, dank der die 1990er trotz Eurodance und Tony Blair ein Sehnsuchtsort sind und bleiben. Acustic Hymns Vol. 1 heißt die geigengesättigte Sammlung von zwölf Stücken seiner frühen Jahre, die er mit Freunden akustisch in den berühmten Abbey Road Studios reanimiet und maximal remastered hat und auch wenn das Resultat zuweilen ganz schön überkommen klingt: Was für ein Zeugnis, was für eine Zeit!

Richard Ashcroft – Acustic Hymns Vol. 1 (RPA)


Lea Lu, The OhOhOhs, Childcare

21lea

Lea Lu

Die weibliche Popkultur bietet bis heute vor allem oft Projektionsflächen. Ewigkeiten zur Dekoration am Bühnenrand drapiert, trat sie im Jazz oder Soul zwar früher aus dem Schatten der Männer, wurde jedoch weiter ständig fremdbewertet. Lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant – die Attribute kleiner Mädchen blieben auch jene erwachsener Künstlerinnen. Wenn man(n) Lea Lu als lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant bezeichnet, steht also ein Misogynie-Verdacht im Raum. Dummerweise ist ihr neues Album I Call You genau genau das: lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant.

Allerdings ist es eben auch raffiniert, eigensinnig, virtuos, facettenreich, feministisch und überhaupt ein famoses Pop-Album mit der Kraft zur Unterwanderung. Die ausgefuchsten Bläsersequenzen soulpoppier Arrangements müssen sich schließlich ständig am engelsgleichen Gesang übers vertrackte Liebesleben der Schweizer Multi-Instrumentalistin vorbeischummeln, um die musikalische Deutungshoheit darüber zu gewinnen. Das aber gelingt ihnen hervorragend. Und sorgen somit für ein Album, das man zwar dreimal hören muss, um überzeugt zu sein. Aber dann ist man gläubig.

Lea Lu – I Call You

The OhOhOhs

Der Glaube ist übrigens auch ein Wesenselement des Frankfurter Duos The OhOhOhs. Der Glaube daran, mit einer Kombination aus Konzertflügel und Schlagzeug die eskalative Stimmung digitaler Raves zu simulieren. Anfangs womöglich von sich selbst noch belächelt, mixen der ausgebildete Pianist Florian Wäldele und sein Drummer Florian Dreßler seit nunmehr 20 Jahren treibende Beats und meisterhafte Klassik zu einer fiebrigen Form analogen Technos, dem die verkapselten Genres U und E gleichermaßen Anerkennung zollt.

Warum genau – das belegt ihr neues Album Sturm & Drang, auf dem die zwei Flos gewissermaßen ein Zwischenresümee ihrer unbändigen Schaffenskraft präsentieren. Hochbeschleunigte Sonaten wie das Titelstück zum Auftakt gehen darauf fließend über in konzertanten Pop mit Flamenco- (Rondoh) und Opern-Elementen (Der Tod und das Mädchen), bevor sich Get up! oder Marimba mit digitalen Keyboards ins Clubgetümmel werfen. Selten zuvor war eine Platte so getragen und gleichsam tanzbar – schon, weil Klassik selten zuvor so herrlich impulsiv und durcheinander war.

The OhOhOhs – Sturm & Drang (Galileo)

Childcare

Und weil im Durcheinander die Kraft liegt, weil für viele erst das Chaos echte Ordnung entfaltet und überhaupt aufgeräumte Kinderzimmer die unkreativsten sind, betreten wir hiermit eines im zauberhaften Mehrgenerationenhaus von Childcare, deren Debütalbum Wabi-Sabi 2019 für ein wenig Aufruhr im Indiefach sorgte. Jetzt bringt das Quartett mit Busy Busy People den Nachfolger raus und er ist, ganz dem Titel entsprechend ein popkulturelles Manifest künstlerischer Hyperaktivität, das seinesgleichen sucht.

Mit großer Freude am Verschrobenen streunt das Quartett um den Frontmann (was für ein Kackwort) Ian durch ein grell beleuchtetes Dickicht aus Psychopop, Elektroclash und zittrigem Alternativerock – stets auf der Suche nach Rausch ohne Drogen. “Feeling kinda wonky / Stood up, like a lump of jam / Feeling kinda shaky, oh I’m / shook up, like a fanta can”, singen alle irgendwie gleichzeitig in Rhubarb und geben damit den Takt einer außergewöhnlichen Platte für jeden Geschmack und keinen vor.

Childcare – Busy Busy People (eOne)


BĘÃTFÓØT, Dÿse, Weil

BĘÃTFÓØT

Das Einfrieren der vergangenen 18 Monate, dieses sedierte Warten auf Tauwetter, unterbrochen nur vom Gebrüll halb- bis hartrechter Realitätsverweigerer und gelegentlichem Startkregengewitter, der anderthalbjährige Stillstand also hat den Vernunft- und Empathiebegabten von uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig Eskalation ist. Ausrasten, Selbstentfesslung, am besten bei der passenden Party – die ein Plattendebüt nun mit dem zugehörigen Soundtrack versorgt: BĘÃTFÓØT. Was genau das israelische Trio aus Tel Aviv macht?

Alles! Etikettiert mit Garagenacidpunk und bei Bedarf noch einer ganzen Reihe weiterer Attribute von Big Beat über Triphop bis Elektrotrash. Als hätten Alec Empire, The Prodigy und Skrillex ihr gesamtes Equipment auf ein Hochhaus geschleppt und von dort auf einen Plattenbausiedlungsrave gekippt, beschleunigen Udio Naor, Adi Bronicki, Nimrod Goldfarb ihr selbstbetiteltes Debüt vom ersten bis 13. Track mit irren Samples, wirren Synths und androgynisiertem Scooter-Geshoute, bis/dass es scheppert. Bruder Puder – was für ein Fanal!

BĘÃTFÓØT – Beatfoot (Life & Death)

Dÿse

Und weil sich Stillstand zuletzt wie Sterben anfühlte, weil Unruhe grad die Lösung vieler Probleme zu sein scheint, weil wir alle jetzt echt einfach mal genug Monotonie, Gleichklang, Eintönigkeit hinter uns haben, geht es an dieser Stelle um das musikalische Gegenteil von alledem und damit die beste DIY-Noise-Band aller Zeiten, mindestens. Schlagzeuger Jarii und Gitarrist Andrej, die gelegentlich klingen wie sechs Gitarristen und zwölf Schlagzeuger, veröffentlichen heute ihr erstes Album seit vorvorvorpandemischer Zeit und wir sagen an dieser Stelle einfach mal Danke Dÿse.

Danke für eure jazzig verschrobenen Mathrock-Sinfonien, die den hirninternen Rechner verlässlich runter- und wieder rauffahren. Danke für euer selbstironisches Pathos, das alle Virtuosität mit Gaga-Poesie erdet. Danke für euren Humor, der die zugehörige Tour hoffentlich bald wieder zur Punkrockcomedysauna macht. Danke für den Tinnitus, den man sich beim nächsten Konzert im Hafenklang redlich verdient haben wird. Danke, so dermaßen hochkomplexe Musik im Mitgefühl heiterer Gelassenheit verabreicht zu kriegen. Danke für die Widergeburt.

Dÿse – Widergeburt (Cargo)

Weil

Mit dem singenden Schauspieler Anton Weil könnte man sich abgesehen vom Standort Berlin nun wirklich nicht weiter von Dÿse und BĘÃTFÓØT entfernen. Wenigstens wenn sich die Oberfläche des neuen Sterns am regenverhangenen Düsterpophimmel über den Hintergrund seines Debütalbums schiebt. Durchweg angedickt mit kleckerndem Autotune und melodramatischem Trap, klingt Groll seltsam berechenbar nach Chartsattitüde, ein bisschen Gangsterrap ohne Knarre, Sexismus und Mackergehabe. Wären da nicht die Texte.

Mit Zeilen wie “auf jeden ersten Mai folgt ein weiterer zweiter Mai / an dem es gleich scheiße bleibt”, also: “egal, viel Steine ich auch schmeiß / alles bleibt hier gleich” bringt Weil das Lebensgefühl seines Kreuzberger Heimatkiezes zum Ausdruck, zumindest all jener, die sich vom Bundestagswahlkampf wenige Kilometer und doch Lichtjahre entfernt nicht einlullen lassen. Groll ist das, wonach es klingt: unzureichend betäubte Wut über die Verhältnisse, angemessen vertont mit kriechenden Beats und zähfließender Poesie. Zum Runterkommen, zum Aufbrausen.

Weil – Groll (Broken Hearts Club)


Martin Gore, Tropical Fuck Storm, Villagers

Martin Gore

Wenn Bandlegenden fremdgehen, gibt es meist nur zwei Durchbruchsvarianten: maximale oder minimale Distanz zum Hauptwerk. Mike Patton macht seit vielen Jahren ersteres und klingt in keinem seiner Sideprojekte ansatzweise nach Faith No More. Karl Barthos macht ähnlich lang letzteres und klingt dabei genau wie Kraftwerk. Martin Gore wählt dann doch den Zwischenweg. Schon mit seiner Kollaboration MCMG hat der Keyboarder den Sound von Depeche Mode auf Minimal House gebürstet. Jetzt bringt er sein drittes Soloalbum heraus, und es klingt ein bisschen, als hätte man Dave Gahan geknebelt in heißes Wachs geworfen und beim Zappeln aufgenommen.

 

Zu nostalgischem Kellerclub-Industrial der späten Achtzigerjahre, schwitzt Martin Gore rustikalen Techno aus, als sei er auf einer der ersten Love-Parades hängengeblieben. Es muss allerdings gutes Zeugs gewesen sein, denn besonders die reduzierten Hallsequenzen überm treibenden Beat entfalten ungeheure Sogwirkung. Ursächlich sind dafür Elektroniker von JakoJako über Jlin bis Chris Liebing, denen er Remixe widmet, die mit Depeche Mode alles und nichts zu tun haben. Deren Ideenreichtum ist spürbar, mangels Gesang aber leicht vereinsamt – und dennoch tanzbar.

Martin Gore – The Third Chimpanzee (Mute)

Tropical Fuck Storm

Ob man den Namen eines Musiklabels buchstäblich auf dessen Bands anwenden sollte, sei mal dahingestellt, aber dass die australischen Harmonie-Zerstörer Tropical Fuck Storm ihr neues, viertes Album nun ausgerechnet bei Joyful Noise veröffentlichen, ist schon bemerkenswert. Dabei passt der zweite Namensteil noch wie Eisenträger auf Wellblech. Das Quartett aus Melbourne mit dem Drones-Gründer Garreth Liddiard an der Gitarre, macht ja seit Jahren schon eine Art Noise, der bis zum Tinnitus Schmerzgrenzen auslotet. Aber freudebringend?

Für Fans dystopischen Antipops auf jeden Fall! Der zottelige Hahn im Drahtkorb der Soundforscherinnen Fiona Kitschin, Lauren Hammel und Erica Dunn schreibt schließlich Stücke von so überfrachteter Gerissenheit, dass krasser Krautrock perfekt mit Punk Blues und Alternative Jazz disharmoniert. Deep States, das sich inhaltlich ziemlich originell mit den Abgründen zeitgenössicher Politik und Kultur befasst, mag zwar nichts für den Sommernachmittag im Schrebergarten sein. Nur – wer will das auch schon…

Tropical Fuck Storm – Deep States (Joyful Noise)

Villagers

Stichwort Sommernachmittag, Stichwort Schrebergarten, Stichworte Disharmonie und Abgründe: Wenn an einer Platte nichts zusammenzupassen scheint und doch alles ineinander übergeht wie Emulisionen aus Saft und Sahne – dann sind wir schnell beim irischen Singer/Songwriter Conar O’Brian und seiner absolut hinreißenden Folkpopband Villagers. Als würde er mit einer Kreuzfahrtschiff-Kapelle Zappa interpretieren, planscht die Band im Flachwasser des Easy Listening und wühlt es dennoch gehörig auf.

Schließlich fläzt sich das halbe Dutzend Bandmitglieder auf einer Bläserluftmatratze voller Saxofon-Kissen aus dem Höllenpfuhl der Achtzigerjahre, schmiert quietschbunte Keyboard-Cocktails mit öligen Orgeltupfen ein und fettet sogar noch den kratzigen Schmusegesang des Taktgebers so nach, dass Sommernachtmittage im Schrebergarten plötzlich sehr erstrebenswert scheinen. Mit dem richtigen Soundtrack. Diesem hier: Fever Dreams.

Vilagers – Fever Dreams (Domino)


Sølyst, Genetikk

Sølyst

21-solyst

Anfang der Neunziger, selbst Postpunk war seinerzeit schon wieder Retro, half Thomas Klein dabei, die elektronische Musik auf ein noch vertrackteres Niveau als am Kraftwerk-Standort Düsseldorf üblich. Man muss das wissen, um zu verstehen, wie der Schlagzeuger sein epochales Trio Kreidler an strukturierter Sperrigkeit noch überbieten konnte. Sølyst heißt sein Solo-Projekt, mit dem der Pionier bereits auf drei Alben Hörgewohnheiten strapazierte. Jetzt kommt mit Spring das vierte, und es ist der perfekte Soundtrack einer gleichsam dystopischen wie lethargischen Welt radikaler Veränderungen.

Durchdrungen von Drones und Bässen, verklebt von Synths und Samples, betrieben von Sequencer und Drumpatterns schichtet Thomas Klein Klangflächen in Moll übereinander und verdichtet sie mit hektischem Downbeat zu einer Welle schlechter Prognosen, aus denen man irgendwie Optimismus herauszuhören glaubt. Ständig hämmert jemand auf kaputtes Blech, dengelt es damit aber scheinbar glatt. Mit einer Portion gesunder Misanthropie im Gepäck wird daraus zukunftstauglicher Pop für die Nische und damit perfekt fürs abgesagte Regenfestival.

Sølyst – Spring (Buereau B)

Genetikk

21-gen

Dazu passt – unbewusst, versteht sich – der Titel des neuen Albums von Genetikk: Mass Destruction New Age, kurz MDNA, was natürlich nur zufällig an illegalisierte Aufhellungsdrogen erinnert. Anonyme Avatare ihrer selbst, pflegt das HipHop-Duo aus Saarbrücken seit zehn Jahren schon ein übellauniges Inkognito, rappen über die dampfende Kacke der Mehrheitsgesellschaft und entziehen sich damit Kategorisierungen von Gangsta bis Conscious. Wenn sie auf ihrer ungefähr zehnten Platte “Ich hab so viel Flow / ich lass Deutschrapper ertrinken” sprechsingen, ist das also auch eine Isolationsgeste.

Und was für eine. Denn auf Great Adventure MDMA mischen Kappa und Sikk wie immer vollverschleiert mit so furiosem Leck-mich-Gestus Harmonien in Schutt und Asche, dass selbst die vielen Streichersamples klingen wie ein Tinnitus – wenngleich ein sehr rhythmischer. Ungefähr so, als säßen Freundeskreis seit Jahren in der Gummizelle, scheppert das Album vor technoider Eleganz und klingt dabei gern so wie Industrial im Kiffermodus. Wem AggroB und Hamburger Politrap zu berechnend sind, findet im Saarland Bauchhöhlen-HipHop vom Feinsten.

Genetikk – MDMA (Outta This World)