L’Impératrice, Shana Cleveland, Ratso

L’Impératrice

Wer sich wirklich hingebungsvoll mit Musik beschäftigt, sei es als Fan, sei es als Experte, der träumt ja eigentlich immerzu von diesem einen Moment, in dem ein Debütalbum die allerersten Töne verbreitet und sofort im Herzen andockt, ohne melodramatisch zu sein, und im Hirn, ohne verkopft. Dem französischen Sextett L’Impératrice gelingt genau dies mit dem erstaunlichen Opener von Matahari, einem furiosen Erstlingswerk, das hoffentlich Zweit- bis Xlingswerke nach sich zieht.

Wie Regentropfen plöddert ein repititives Elektro-Geklimper darin über einen Air-artigen Bass, bevor hinterm Vorhang sphärischer Jarre-Avancen Todd Terje aus der Synthie-Disco blinzelt. Und auch die elf Stücke danach sind so hinreißende Avancen an den Frenchpop der frühen Neunziger mit funkigen Siebzigereinsprengseln, dass nicht mal die englischen Übersetzungen von Flore Benguiguis ursprünglich französischem Vanessa-Paradis-Gesang stört. L’Impératrice heißt übrigens Herrscherin. Wir sind bereit zur Unterwerfung!

L’Impératrice – Matahari (microqlima)

Shana Cleveland

Shana Cleveland dagegen will offenbar nichts und niemand beherrschen. Dafür verhallt ihr Gesang viel zu fragil im Wüstensand, den das Solodebüt des Gitarren-Genies aufwirbelt. Wer es nicht weiß, würde demnach kaum ahnen, dass die Kalifornierin nebenbei den rauen Ton der Surfpunkband La Luz angibt. Zwischen psychedelischen Lagerfeuerriffs und einem seltsam verträumten Grundraunen unterm irisierenden Westernsound scheint Shana Cleveland förmlich zu verschwinden.

Tatsächlich aber bleiben die schüchternen, leicht mondsüchtigen Berichte aus dem Innersten ihrer Seele und dem Äußeren der Welt ringsum von so unüberhörbarer Präsenz, dass selbst die vielen grandiosen Gastmusiker auf Night of the Worm Moon wie Will Sprott, Abbey Blackwell und Kristian Garrard scheinbar ergriffen in den Hintergrund treten, während sich im Vordergrund eine neue Welt im gleißenden Licht von Amerikas Süden eröffnet.

Shanna Cleveland – Night of the Worm Moon (Sub Pop)

Ratso

Kann es für den Durchbruch je zu spät sein, sagen wir – knietief im Rentenalter, also jenseits der 66? Wer sich das erstaunlicherweise wirklich allererste Solo-Album des erfahrenen Studiomusikers Larry Sloman anhört, dürfte seinen Jugendwahn diesbezüglich kurz überdenken. Mit stolzen 70 Jahren hat der frühere Kollaborateur großer Legenden von Bob Dylan über Leonard Cohen bis Lou Reed sein eigenes Debüt erstellt und durchaus altersgerecht Stubborn Heart genannt. Eine gewisse Sturheit im Herzen ist schließlich unerlässlich, wenn man sich vom Schaukelstuhl nochmals in den Pop-Zirkus wagt.

Doch was heißt hier Pop?! Weil juvenile Musik für einen Mann dieser Reife gewiss würdelos wäre, hat Ratso, wie er sich nennt, eine Art existenzialistischen Kaffeehaus-Soul entwickelt, der zwar durch und durch nostalgisch ist, aber nie rückwärtsgewandt. Ein bisschen im Stile von Nick Cave, der im wunderbar geschmeidigen Our Lady Of The Night die Vocals beisteuert, erzählt Sloman mit Märchenonkelstimme vom Leben der letzten sieben Jahrzehnte und unterlegt es mit dem reduzierten Großstadtfolk seiner New Yorker Heimat, in der sogar mal die E-Gitarre jault. Nicht modern, aber zeitlos schön.

Ratso – Stubborn Heart (Lucky Number)

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Palina Rojinksi: Podkinski & Yo! MTV Raps

Wie eine Instagram-Story

Palina hier, Rojinski dort – die rothaarige Moderatorin russischer Herkunft mausert sich zur Allzweckwaffe gehobenen Trash-Entertainments. Und jetzt reanimiert der frühere Sidekick von Joko & Klaas auch noch eine Legende: Yo! MTV Raps. Ein Interview mit der Moderatorin übers Musikfernsehen von früher bis heute und was das HipHop-Magazin für ihr eigenes Leben bedeutet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Palina Rojinski, als 1995 nach sieben Jahren die letzte Ausgabe Yo! MTV Raps lief, waren Sie gerade mal ein Jahr älter als die Sendung und erst kurz zuvor aus Russland nach Deutschland gezogen.

Palin Rojinski: Drei Jahre, um genau zu sein.

Was verbinden Sie da mit einer Musiksendung, die bereits Geschichte war, bevor Sie sie sehen konnten?

Oh, einiges. Schon weil ich sehr jung begonnen habe, dieselbe Musik zu hören. Meine Jugend war HipHop, meine Gegenwart ist HipHop, mit HipHop verbinde ich demnach ein Lebensgefühl, das sich schon damals in der Sendung wiederfand und hoffentlich jetzt wiederfinden wird.

Sind Sie denn eher der Oldschool-Typ oder offen für neue Entwicklungen?

Ich bin vor allem alive, deshalb mag ich Oldschool, aber auch Neuausrichtungen wie Trap oder Cloud-Rap. Außerdem finde ich es toll, dass darin mittlerweile so viele Frauen mitmischen und sich das Genre langsam in eine ausbalanciertere Richtung entwickelt.

Ist das Ihre Kernqualifikation für die Neuauflage dieser Legende – ein weiblicher Fan zu sein, der Leidenschaft mitbringt und die weibliche Seite des HipHop repräsentiert?

Beides, aber nicht ausschließlich. Es ist ja nicht so, dass ich mir jeden Morgen mein Update auf nerdigen Rap-Seiten hole, um auf dem neuesten Stand zu sein. Und dass ich die Show mit MC Bogy in einer gemischten Doppelspitze moderiere, ist angemessen zeitgemäß.

Soll das nur zeitgemäß oder auch emanzipiert sein?

Ich nenne es nicht Emanzipation, sondern Balance. Ohne Frauen gibt’s keine Kinder, ohne Männer aber auch nicht.

Sie gehörten einst selbst zur MTV-Familie, in der Sie mit Joko & Klaas MTV Home moderiert haben. Fühlt es sich zehn Jahre später da wie eine Heimkehr an?

Weil sich beim Sender, aber auch im Fernsehen insgesamt so viel verändert hat, fühlt es sich eher nicht so an. Aber obwohl ich nicht nach Hause komme, freut es mich total, dass ich mit Anfang dreißig wieder in meinem Jugendzimmer herumspringen kann. Auch wenn HipHop genauso erwachsen geworden ist wie ich. Wenn man sich die Szene ansieht, sind viele Künstler, die auch schon über 40 sind und trotzdem Nummer-1-Alben produzieren.

Die stammen wie Yo! MTV Raps aus einer Zeit als – wie Oli Schulz zurückblickt – Musik noch richtig groß war, während das Musikfernsehen längst richtig klein ist. Welche Relevant hat die Neuauflage auf einem Kanal, von dessen Existenz die meisten vermutlich gar nichts mehr wissen, da für die Popkultur?

Eine große. Denn Yo! MTV Raps bietet der Musik mal wieder eine prominente Plattform, auf der jene Rapper, die man sonst nur von Spotify oder Deezer kennt, live spielen. Pro Sendung gibt es zwei solcher Auftritte. Außerdem sollen bei uns Musikvideos laufen, die einem nicht nur von Youtube empfohlen werden. Ansonsten kennen Fernsehen und Internet entweder Videos oder Konzerte oder Interviews. Bei uns ist alles kompakt beisammen, in einer ausgewogen schönen Mischung. Wie eine Instagram-Story, bloß als Fernsehendung.

Das heißt, Yo! MTV Raps orientiert sich am Ursprung Ende der Achtziger, nicht dem Ende Mitte der Neunziger, als die Show bloß Clips kompiliert hat?

Ja eher. Es ist eine neue eigene Show mit altem Namen, die sich an der Musik orientiert und an sonst nichts.

Könnte sie das einst wirklich weltbewegende Musikfernsehen damit reanimieren und in Konkurrenz zu Spotify oder Deezer für die Jugendkultur wieder bedeutsam werden?

In Konkurrenz zu irgendwas definitiv nicht, nein. Eher ergänzend. Man darf nicht vergessen, dass nahezu alle Rekorde, die im Bereich der Videozugriffe grad gesprengt werden, irgendwie mit HipHop zu tun haben – und obwohl weder von den Machern noch den Nutzern womöglich allzu viele MTV gesehen haben, wollen wir auch für jene da sein, die damit aufgewachsen sind. Ich sehe uns als eine Art Jugendzentrum, dessen Angebot gleichermaßen für die Jugendlichen und die Sozialarbeiter gemacht ist.

Erweitern Sie mit dieser Sendung auch ein wenig Ihr Portfolio?

Inwiefern?

Voriges Jahr haben Sie eine Reportage-Reihe zur Fußball-WM in Russland gemacht, jetzt ein eigenes Musik-Magazin, dazu einen Podcast…

Schön, dass Sie den erwähnen. Er heißt Podkinski und ist eine Spielwiese mit Prominenten, die so gut zu mir passen, dass ich eine Stunde auf Spotify mit denen quatschen, aber auch spielen kann.

Spielen heißt?

Eine Art Seelenstrippoker. Ich glaube, es war Platon, der gesagt hat, man lerne den Menschen durch eine Stunde Spielen besser kennen als in einem Jahr Gespräche. Das nehme ich als Inspiration und meine Gäste sehr intim und spielerisch unter die Lupe. Das sind dann Leute wie Fahri Yardim, Guido Maria Kretschmer, Stefanie Giesinger, Nura oder Oli Schulz. Sehr bunte Mischung. So wie ich.

Eine Mischung, die abgesehen von Guido Maria Kretschmer nach Freundeskreis klingt.

Lustigerweise ist das mein ältester Bekannter.

Zurück zur Portfolio-Erweiterung. Gibt es so was wie eine Kernkompetenz, die sich bei Ihren Tätigkeiten herausschält oder sind Sie für alles zu haben?

Sagen wir so: Ich bin für alles zu haben, was auch mich unterhält; nur dann steckt genügend Neugier und Interesse dahinter, um die Zuschauer mit auf diese kleine Reise nehmen zu können. Meine Kernkompetenz ist demnach, dass man an meiner Seite die Welt entdecken kann.

Bislang hatten Sie das allerdings häufig als Sidekick anderer getan.

Ich bin ein Teamplayer, muss also nicht zwingend alleine im Rampenlicht stehen. Ich würde mich aber auch nicht als ständigen Sidekick bezeichnen; das war ich vor vielen Jahren bei MTV Home. Oder worauf zielt die Frage ab?

Die Branche sucht händeringend nach jungen, aber erfahrenen Showmastern, die die ganz große Fernsehbühne bespielen können. Kämen Sie dafür infrage?

Auf jeden Fall. Aber ehrlich gesagt sind in dem Moment in dem ich das mache mein eigener Podcast oder Yo! MTV Raps für mich richtig schöne große Bühnen und ich gebe alles von mir. Da fühle ich mich wohl und weiß auch keine andere Show, die ich jetzt unbedingt machen wollen würde. Die Branche hat sich gefühlt auch verändert, ein Podcast der früher vielleicht unter ferner liefen irgendwo versauert ist, hat jetzt mehr Zuhörer als je zuvor und wird super aufwändig und qualitativ hochwertig produziert. Die Kanäle sind mehr geworden es gibt nicht mehr nur die eine Samstag-Abendshow. Es macht nur Sinn sich da breiter aufzustellen und ich liebe diese Diversität sehr.

Die Größe einer Bühne bemisst sich bei Ihnen also nicht in Quadratmetern oder Quote, sondern?

Dass ich darauf bereit bin, alles, was von mir dazu gehört und innovativ ist, hineinzugeben.


Lafawndah, Jayda G

Lafawndah

Wer mythisch irgendwie aufgewühlt ist und seine Erregung zu Kunst verarbeitet, neigt gemeinhin dazu, die eigene Überwältigung auf andere zu übertragen. Von den Religionsschinken des Mittelalters bis zum Gospel der Gegenwart erwächst aus Spiritualität verlässlich großes Melodrama. Auch die amerikanische Musikerin Lafawndah ist von irgendeinem Geist beseelt und bläst es mit dem emotionalen Klangmobiliar ihrer persisch-ägyptischen Ursprünge auch noch vollmundig raus.

Zum Glück jedoch macht ihr wunderbares Debütalbum Ancestor Boy dabei nicht den Fehler irgendwen zu irgendwas bekehren zu wollen. Die folkloristisch angehauchte, großstädtisch durchproduzierte Ethno-Electronica ihrer 13 abwechslungsreichen Stücke nimmt uns lieber ohne viel Überzeugungsfuror mit in ihre Welt großspuriger Pop-Arrangements, die sie mit kraftvoll-verstörendem Gesang im M.I.A.-Stil unterwandert. So hinreißend also kann Kirchenmusik sein, wenn ihr Altar die Disco ist.

Lafawndah – Ancestor Boy (Concordia)

Jayda G

In der Disco hat sich zweifelsohne auch der weibliche DJ Jayda G einen Schrein errichtet. Sie ist davon allerdings nicht spirituell erbaut oder sonst wie entrückt, sondern ärgert sich darüber, dass auf dem Dancefloor ringsum die Männer so intensiv manspreaden, bis alle Frauen an den Rand einer Tanzfläche verschwunden sind, die zudem kaum noch den freiheitlichen Geist früherer Epochen atmet, sondern nur noch der Selbstdarstellung dient. Nach dreijährigem Aufenthalt in Berlin hat die Kanadierin aus ihrem Ärger nun ein Manifest in Plattenform gemacht, das manchmal leicht gemächlich, bei genauerem Hinhören aber energisch um Aufmerksamkeit bittet.

Passenderweise heißt ihr Debütalbum denn auch Significant Changes. Es ist eine Sammlung sorgsam reduzierter, beizeiten minimaler, aber meistens recht tiefgründig groovender House-Tracks, die von Jaydas Stimme mal feengleich unterwandert, mal neunzigerfunky überlagert werden. Und weil das Ganze bei Ninja Tune erscheint, darf man sich sicher sein, dass all die eingerührten Beats und Samples dem Mainstream mindestens so fern sind wie viele der Texte. Schon cheezy manchmal, aber sehr, sehr schön.

Jayda G – Significant Changes (Ninja Tune)


Night Laser, Scarlxrd

Scarlxrd

Wenn man als Musiker so richtig wütend ist und dies unbedingt rausbrüllen muss, gibt es von Death Metal über HipHop bis Screamo und Punk eine Unzahl an Genres, es zu tun. Weil Marius Lucas-Antonio Listhrop offenbar so richtig wütend ist, aber zugleich etwas entscheidungsschwach, um sich für eines der angesprochenen Genres zu entscheiden, hat er einfach den Mittelweg gewählt und alles ineinandergekippt, bis daraus Scarlxrd geworden ist – ein ungeheuer vielschichtiges, sensationell grimmiges Solo-Projekt des Mittzwanzigers aus dem englischen Wolverhampton, der nicht ohne Grund nebenbei noch Frontman der Nu-Metal-Band Myth City ist.

An Haut, Haar und Kleidung so dunkel, wie seine Seele zu sein scheint, brüllt er auf dem zweiten Album seinen Hass aufs Dasein bürgerlicher, biederer, beliebiger, anteilnahmsloser Existenzen auf Platte, dass man beim Hören unvermeidbar aufgekratzt wird. Umwabert von düsterem Trap und Elementen aus Metal, Hardcore, TripHop gibt es zwölf Stücke lang nicht den leisesten Versuch, der Harmonielehre zu gehorchen. Alles an Infinity ist Furor, alles daran ist aber auch ein sensibles Gespür für Struktur im Chaos. Keine Album zum Entspannen, im Gegenteil. Aber wer will das schon, in Zeiten wie dieser…

Scarlxrd – Infinity (Universal)

Gig der Woche

Night Laser

Heavy Metal, sagen Außenstehende übers geschrammelte Pathos in Nietenleder, Heavy Metal is more fun doing than listening. Selbst für Außenstehende stellt sich jedoch gehöriger Spaß ein, wenn Heavy Metal auch optisch so richtig die Sau rauslässt. Und genau das haben die Lokalmatadoren Night Laser am Mittwoch mit drei artverwandten Bands im Hamburger Logo gemacht. Mit Cowboystiefeln und Röhrenjeans, Augenkajal und Tropfensonnenbrillen, Wind in den Matten und Groupies am Bühnenrand trieb das Quartett den heiligen Unernst des thrashigen Glamrock auf die Spitze, ohne ihn lächerlich zu machen. Textzeilen von “trouble in the neigbourhood” bis “boys are running wild” legen zwischen all den Gitarrensoli um Benno Hankers’ Opernfalsett zwar das Gegenteil nah. Aber dafür sind Max Behrs Drums viel zu virtuos, Hannes Vollraths Riffs zu unprätentiös. Und der Rest? Eine gigantische Show. Nicht nur für Metalfans. Aber für die besonders.


Sasami Ashworth, Alice Phoebe Lou

Sasami

Sasami Ashworth ist gar nicht da. Rein physisch mag die Songwriterin aus Los Angeles zwar anwesend gewesen sein, als ihr fabelhaftes Debütalbum nahezu im Alleingang entstanden ist. Psychisch jedoch, also geistig und mental, hat sie beim Einspielen der zehn Stücke offenbar kurz mal ihren Körper verlassen, ist hoch in Kaliforniens strahlend blauen Himmel entschwebt und sich dort im Palmenhain ihrer angenehm aufgewühlten, aber watteweichen Arrangements verflüchtigt. Umschwurbelt von fuzzigen Gitarrenriffs, leicht bekifften Keyboards und einer Portion Aberwitz in Drums und Samples, schildert sie ihr Seelenleben, als sei es das einer anderen.

Dieses Seelenleben ist zum Glück zwar ein bisschen liebeswund, aber niemals larmoyant. Das Tollste aber: SASAMI, so heißt dieses bezaubernde Wunderwerk des Alternative-Pop, kommt nie entrückt, geschweige denn esoterisch daher. Stattdessen lädt es uns ein, knappe 45 Minuten lang mit ihr auf derselben Wolke zu sitzen und herunterzuschauen auf eine Welt, in der es längst so irre zugeht, dass man seinen Fluchtimpulsen ruhig mal ein Weilchen folgen darf. Diese Zeit da oben mit dieser Multiinstrumentalistin mit Flügelhorn ist wie in der Lieblingsbar beim Lieblingsdrink mit Lieblingsbarflies zu sitzen und nichts zu tun außer – sein.

Sasami – Sasami (Domino)

Alice Phoebe Lou

Die Grenze zur Esoterik ist, seien wir ehrlich, bei Alice Phoebe Lou hingegen schon ein wenig näher gerückt als bei der äußerst weltlichen Sasami Ashworth vom anderen Kontinent. Schon wie die Wahlberlinerin aus Südafrika aussieht – ein bisschen wie aus dem Elbenwald von Mittelerde oder einem isländischen Vulkan entsprungen, leicht anämisch, seltsam entrückt, nicht ganz von dieser Welt jedenfalls. Und so klingt dann auch ihr zweites Album mit dem sprechenden Titel Paper Castles. Zu Anfang jedenfalls. Stück für Stück jedoch entfacht es einen versteckten Schwung, der klingt wie eine Big Band in einem Pool voller Wackelpudding.

Die meisten der zehn Lieder scheinen sich ihrer hintergründigen Kraft fast ein wenig zu schämen, so verträumt haucht Alice Phoebe Lou ihren Inhalt in die Welt. Leicht windschief, aber ausdrucksstark und schön zittert sie sich durch karibische Klangfragmente im jazzigen Swing-Gewand, kiekst dazu wie in Galaxie schon mal wie auf einer Überdosis Absinth und singt überhaupt so hinreißend schräg, ohne schräg klingen zu wollen, dass man spontan in den Wackelpuddingpool dazu springen möchte. Kreativ, verschroben, verträumt und virtuos – der perfekte Sound zum Weltfrauentag.

Alice Phoebe Lou – Paper Castles (Motor)


Káryyyn, Louis Jucker, Quentin Sauvé

Káryyyn

Wenn einer Musik die innere Zerrissenheit der Komponistin anzuhören ist, ohne melodramatisch zu sein, muss schon etwas dran sein an dieser Wirrnis. Die Kalifornierin KÁRYYYN mit drei Y in Großbuchstaben und Wurzeln in Syrien, war nach einer Reise ins Heimatland ihrer Ahnen innerlich so zerrissen, dass sie nach der Sterbebegleitung zweier Familienmitglieder im schwer umkämpften Aleppo förmlich in Fetzen lag. Umso verblüffender ist es da, wie akkurat dieser Scherbenhaufen nach Káryyyns Umzug übers Cherry Valley nach Berlin vor zwei Jahren plötzlich klingt.

Ihr irritierend schönes Debütalbum The Quanta Series, das sie dort mit Frank Wiedemann produziert hat, ist ein so aufgeräumtes Durcheinander elektronischen Dreampops, dass man sich glatt darin verlieren könnte – wäre das scheinbare Chaos verhallender Flächen und sägender Samples nicht viel zu aufregend, um sich vollends fallen zu lassen. Ein bisschen wie einst Kate Bush auf einer Überdosis David Lynch reist Káryyyn durch ihr verborgenes Selbst und hilft uns mit elf verschroben disharmonischen Traumabewältigungen dabei, ins eigene vorzudringen. Und das ist ebenso tröstlich wie aufwühlend.

KÁRYYYN – The Quanta Series (PIAS)

Louis Jucker

Und weil ohnehin nichts langweiliger ist als die Gewohnheit entlang begradigter Asphaltstraßen, feiern wir hier gleich mal den nächsten großen Wurf kakophonischer Schönheit. Der Deutsch-Schweizer Louis Jucker, ehemals Schlagzeuger der Mathrock-Band The Ocean, hat sich dem Vernehmen nach in eine Hütte am Nordrand der norwegischen Zivilisation begeben und dort im Alleingang sein fünftes Solo-Album aufgenommen, das unglaublicherweise noch ein bisschen unzugänglicher ist als alle vorigen dieses Popzerstörers.

Denn Kråkeslottet  wie der Untertitel The Crow’s Castle im ortsüblichen Idiom heißt, klingt in der Tat wie Musik aus dem Krähenschloss. Mit unfassbar viel Gefühl fürs Unerwartbare, verknüpft Jucker seine Field Recordings mit folkloristischen Instrumenten bis hin zur skandinavischen Zither zu einer poetischen Sinfonie, über die sich sein zurückgenommenes Gitarrenspiel ebenso wie der blechern verhallende Gesang wie eine warme Decke im polaren Winter legt. Das ist fast immer zutiefst ergreifend und dennoch robust genug, um weiterhin als Alternative durchzugehen.

Louis Jucker – Kråkeslottet (The Crow’s Castle) (Hummus Records)

Quentin Sauvé

Ach, weißer Mann, du arme Wurst. Wenn dir weiße Frauen nicht grad die jahrtausendealte Alleinherrschaft mit so was Dreistem wie Gleichberechtigung oder dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit vermiesen, stellst du dich gern mal mit deiner allein Gitarre an den Rand riesiger Bühnen und singst davon, als Eremit deiner Gefühle vom Meer des Kummers umgeben zu sein und Einsamkeit zu trinken, bis du ersäufst in dieser Sackgasse. Auch Quentin Sauvé berichtet im Opener seines Debütalbums aus einer Dead End, die ihn zum Wahnsinn treibt, und man denkt instinktiv: herrje, noch so ein larmoyanter weißer Folkpoet. Wie Instinkte doch täuschen können!

Denn so viel er seinen Weltschmerz auch mit Leichenbitterstimmte intoniert: Whatever It Takes ist ein Werk von hinreißend glaubhafter Emotionalität. Und die zerfließt allein schon schon deshalb nicht im Selbstmitleid, weil der 30-jährige Franzose sie wie zuvor in seiner Hardcore-Band Birds in Row begleitet nur von dieser unverzerrt schrillen Gitarre und ein paar Effektgeräten zersägt, als sei er die Wiedergeburt des wesensverwandten Billy Bragg und seiner gefühligen Wut aufs Schweinesystem. Im neunten Stück Disapper zum Beispiel begleitet sie den herzzerreißenden Gesang nicht, sie schreddert ihn in einer noisigen Kakophonie. Nur: das klingt weder aggressiv noch pathetisch, sondern einfach nur traumhaft trotzig und wunderschön.

Quentin Sauvé – Whatever It Takes (icorruptrecords)


Ove, Bilderbuch, Soybomb

Ove

Wer es versteht, das verflogene Lebensgefühl längst vergangener, wehmütig verklärter Zeiten in gute Musik zu verwandeln, also weder nach Eskapismus der Achtziger noch Hedonismus der Neunziger, sondern nostalgisch und zugleich gegenwärtig klingt, wer also Musik von gestern für heute macht und dabei ein bisschen auch das Morgen im Blick hat – der kriegt dafür wahlweise einen Plattenvertrag bei Tapete Records oder Lob vom Feuilleton, aber ganz selten beides. Zuletzt hatten das Moritz Krämer und Friedrich Sunlight geschafft, während die wunderbaren Theodor Shitstorm zwar auf anderem Label veröffentlichen, aber ähnlich liebenswert sind. Ist allerdings alles schon etwas her. Weshalb es schwer Zeit wird für: Ove.

Ove, Nachname Thomsen, ist ein Junge aus Ostfriesland, der mit vier Freunden Pop macht, der so verschroben nach Sandstrand mit Blick aufs Industriegebiet klingt, als träfen sich Bilderbuch an Manfred Krugs Grab zum Kiffen. Der Opener ihres 3. Albums etwa erzählt von Anders & Annegret Andersen, die umweht von karibischen Samples und fuzzigen Riffs Aale auf Amrum verkaufen. Und auch sonst geht es um Belanglosigkeiten von solch hinreißender Eleganz, dass die Frage kurz in den Hintergrund rückt, ob man jetzt nicht eigentlich gegen den Klimawandel aufstehen müsste. Muss man. Und mit Zeilen wie “Ich muss raus, raus, raus, raus / wie’n wackelnder Milchzahn” gibt Ove sogar das Kommando. Vorher aber tanken wir zehn Stücke Kraft mit Abruzzo, dann scheint am Horizont auch wieder die Sonne.

Ove – Abruzzo (Tapete)

Bilderbuch

Ach, und wo wir grad beim Thema sind: die Geistesverwandten der schmissigen Wahlhamburger sind auch wieder so aktiv geworden, wie es eskapistischer Hedonismus gerade noch so gestattet. Bilderbuch bringen die Fortsetzung ihres fünften Albums Mea Culpa mit dem unfassbar grandiosen Titel Vernissage my Heart heraus und vorweg: Es ist nicht ganz so unfassbar grandios wie fast alles, was die vier Anti-Stil-Ikonen aus Wien zuvor gemacht haben. Dass bereits aus dem allerersten, gitarrensoloumtosten, inhaltsleer gehaltvollen Hallgesang von Maurice Ernst allerdings mehr Funken und Esprit strömen als sich in den weltweiten Charts derzeit zusammen findet, spricht da umso mehr für Bilderburch.

Einen Stil dafür zu benennen, fällt besonders am österreichischen Standort des musikalischen Aberwitzes wie immer schwer. Alles steckt darin und nichts, Heavy Rock und French-House, Schlager und Punk, Electronica und viel Funk natürlich, Achtziger und Siebziger, Neunziger und irgendwie auch längst die 2020er, aber alles so feindosiert aufgeblasen, dass jede Festlegung ein Vergehen am bedingungslosen Willen zum Mash-up wäre. Denn wenn vollsynthetische Fanfaren durch Mr. Supercool fegen und Prince-Gitarren über den Titeltrack, dann wissen wir: die wollen, die können, die machen alles so durcheinander, dass der Begriff “Struktur” einer neuen Definition bedarf. Sie heißt Bilderbuch.

Bilderbuch – Vernissage My Heart (Maschin Records)

Soybomb

Und die gute Nachricht gleich hinten dran: Bilderbuch, Ove, Friedrich Sunlight oder Manfred Krug R.I.P. und wie die futuristischen Nostalgiker des Pop alle heißen, sie sind nicht allein. Immer wieder blitzt etwas Neues auf im expandierenden Kosmos glamouröser Unterhaltungsmusik. Sterne zum Beispiel wie Soybomb. Die drei Schweizer, angeblich ausnahmsweise mal nicht in den bekannten Großstädten von Zürich bis Bern zuhause, sondern eher alpin umhügelt und ländlich, sie machen keyboardunterwanderten Balladenpop mit einer Lässigkeit, die jedes Felsmassiv ringsum zum Bröseln bringt. Ihr Debüt-Album Jonglage ist demnach die Platte der Woche.

Allein schon das mittige Soy el Bombo del Alma – Orchesterpunk mit so viel Witz und Leichtigkeit im Durcheinander, dass man beim Hören so aufgewühlt wird wie durch enodorphinaktive Partydrogen. Oder wahlweise dahin schmilzt wie das Softeis, mit dem sich das Trio im fantastischen Video zu Someone’s Got the Best of Me im Sommer auf einem Jahrmarkt stellt. Nichts an diesem Debüt ist dringlich, weil alles halt einfach so dahinfließt. Dennoch steckt darin der Kern einer spätjugendlichen Befreiungsstrategie, die in der vermeintlichen Substanzlosigkeit Erlösung sucht – und findet. Zum eigenen Nutzen – und unserem. Anhören, mittanzen, wegdösen, aufwachen, weitermachen. Das kann nur Pop, der den Moment feiert.

Soybomb – Jonglage (recordJet)