Ove, Bilderbuch, Soybomb

Ove

Wer es versteht, das verflogene Lebensgefühl längst vergangener, wehmütig verklärter Zeiten in gute Musik zu verwandeln, also weder nach Eskapismus der Achtziger noch Hedonismus der Neunziger, sondern nostalgisch und zugleich gegenwärtig klingt, wer also Musik von gestern für heute macht und dabei ein bisschen auch das Morgen im Blick hat – der kriegt dafür wahlweise einen Plattenvertrag bei Tapete Records oder Lob vom Feuilleton, aber ganz selten beides. Zuletzt hatten das Moritz Krämer und Friedrich Sunlight geschafft, während die wunderbaren Theodor Shitstorm zwar auf anderem Label veröffentlichen, aber ähnlich liebenswert sind. Ist allerdings alles schon etwas her. Weshalb es schwer Zeit wird für: Ove.

Ove, Nachname Thomsen, ist ein Junge aus Ostfriesland, der mit vier Freunden Pop macht, der so verschroben nach Sandstrand mit Blick aufs Industriegebiet klingt, als träfen sich Bilderbuch an Manfred Krugs Grab zum Kiffen. Der Opener ihres 3. Albums etwa erzählt von Anders & Annegret Andersen, die umweht von karibischen Samples und fuzzigen Riffs Aale auf Amrum verkaufen. Und auch sonst geht es um Belanglosigkeiten von solch hinreißender Eleganz, dass die Frage kurz in den Hintergrund rückt, ob man jetzt nicht eigentlich gegen den Klimawandel aufstehen müsste. Muss man. Und mit Zeilen wie “Ich muss raus, raus, raus, raus / wie’n wackelnder Milchzahn” gibt Ove sogar das Kommando. Vorher aber tanken wir zehn Stücke Kraft mit Abruzzo, dann scheint am Horizont auch wieder die Sonne.

Ove – Abruzzo (Tapete)

Bilderbuch

Ach, und wo wir grad beim Thema sind: die Geistesverwandten der schmissigen Wahlhamburger sind auch wieder so aktiv geworden, wie es eskapistischer Hedonismus gerade noch so gestattet. Bilderbuch bringen die Fortsetzung ihres fünften Albums Mea Culpa mit dem unfassbar grandiosen Titel Vernissage my Heart heraus und vorweg: Es ist nicht ganz so unfassbar grandios wie fast alles, was die vier Anti-Stil-Ikonen aus Wien zuvor gemacht haben. Dass bereits aus dem allerersten, gitarrensoloumtosten, inhaltsleer gehaltvollen Hallgesang von Maurice Ernst allerdings mehr Funken und Esprit strömen als sich in den weltweiten Charts derzeit zusammen findet, spricht da umso mehr für Bilderburch.

Einen Stil dafür zu benennen, fällt besonders am österreichischen Standort des musikalischen Aberwitzes wie immer schwer. Alles steckt darin und nichts, Heavy Rock und French-House, Schlager und Punk, Electronica und viel Funk natürlich, Achtziger und Siebziger, Neunziger und irgendwie auch längst die 2020er, aber alles so feindosiert aufgeblasen, dass jede Festlegung ein Vergehen am bedingungslosen Willen zum Mash-up wäre. Denn wenn vollsynthetische Fanfaren durch Mr. Supercool fegen und Prince-Gitarren über den Titeltrack, dann wissen wir: die wollen, die können, die machen alles so durcheinander, dass der Begriff “Struktur” einer neuen Definition bedarf. Sie heißt Bilderbuch.

Bilderbuch – Vernissage My Heart (Maschin Records)

Soybomb

Und die gute Nachricht gleich hinten dran: Bilderbuch, Ove, Friedrich Sunlight oder Manfred Krug R.I.P. und wie die futuristischen Nostalgiker des Pop alle heißen, sie sind nicht allein. Immer wieder blitzt etwas Neues auf im expandierenden Kosmos glamouröser Unterhaltungsmusik. Sterne zum Beispiel wie Soybomb. Die drei Schweizer, angeblich ausnahmsweise mal nicht in den bekannten Großstädten von Zürich bis Bern zuhause, sondern eher alpin umhügelt und ländlich, sie machen keyboardunterwanderten Balladenpop mit einer Lässigkeit, die jedes Felsmassiv ringsum zum Bröseln bringt. Ihr Debüt-Album Jonglage ist demnach die Platte der Woche.

Allein schon das mittige Soy el Bombo del Alma – Orchesterpunk mit so viel Witz und Leichtigkeit im Durcheinander, dass man beim Hören so aufgewühlt wird wie durch enodorphinaktive Partydrogen. Oder wahlweise dahin schmilzt wie das Softeis, mit dem sich das Trio im fantastischen Video zu Someone’s Got the Best of Me im Sommer auf einem Jahrmarkt stellt. Nichts an diesem Debüt ist dringlich, weil alles halt einfach so dahinfließt. Dennoch steckt darin der Kern einer spätjugendlichen Befreiungsstrategie, die in der vermeintlichen Substanzlosigkeit Erlösung sucht – und findet. Zum eigenen Nutzen – und unserem. Anhören, mittanzen, wegdösen, aufwachen, weitermachen. Das kann nur Pop, der den Moment feiert.

Soybomb – Jonglage (recordJet)

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Rina Mushonga, Charlotte Brandi, Disarstar

Rina Mushonga

Was guten Pop ausmacht, also solchen, der einen nicht so mit schlechtem Geschmack unterwandert, dass man Scheiße für Schokopudding hält? Wer eine Antwort auf diese Fragen aller Musikfragen hat, könnte damit womöglich einen nicht unerheblichen Teil der Welt beherrschen, aber auf eins können sich vermutlich viele einigen: Guter Pop vereint alles mit einer Selbstverständlichkeit in sich, dass nichts darin die Oberhand gewinnt. Auf dem steinigen Weg dorthin hilft es da natürlich sehr, wenn man möglichst vieles in sich trägt. Zum Beispiel Kulturkreise. Rina Mushonga etwa hat vor ihrem Umzug nach London bereits in Holland, Zimbabwe, Indien gelebt, und das spürt man auch auf ihrer neuen Platte.

Nur: Sie macht bloß nicht so viel Wind darum! Fünf Jahre nach ihrem Debütalbum The Wild, The Wilderness nämlich klingt der Nachfolger In A Galaxy noch mehr nach kosmopolitischem Eklektizismus, der nicht überwältigen oder mit Weltgewandtheit prahlen, sondern einfach alles zeigen will, was in ihr und den Wurzeln dahinter steckt. Inspiriert durch Ovids Metamorphoses klingt das Ergebnis manchmal zwar etwas süffig, fast italopoppig in englischer Sprache. Aber wenn Rinas Stimme blechern aus dem Hallraum elektronischer Geigen und Samples durchdringt, wirkt alle Zerrüttung des Planeten für einen Moment irgendwie lösbar.

Rina Mushonga – In A Galaxy (PIAS)

Charlotte Brandi

Auch Pop, nicht annähernd so weit herum gekommen, aber auf seine Art auch sehr angenehm unaufdringlich stammt von Charlotte Brandi aus Dortmund. Schon als Sängerin, Gitarristin, Keyboarderin, also – wie man so sagt: Kopf des Indie-Duos Me And My Drummer betörte sie eine Weile durch gediegenen Pop mit selbstbewusst eigensinniger Stimme. Nach dem Umzug Richtung Berlin veröffentlicht sie nun ihr Solo-Debüt. Und das darf man sich gern mal von Anfang bis Ende durchhören. Erst so kommt ihr vierköpfiges Minimal-Orchester schließlich voll zur Geltung.

Im einzelnen ein bisschen wächsern, um haften zu bleiben, schaffen es die elf Stücke auf – leider, muss man angesichts ihres hörbar deutschen Zungenschlags sagen – Englisch, eine Stimmung zu erzeugen, die wirklich wunderbar zwischen analogen Siebzigern und digitaler Gegenwart wandelt. Mit Flöten und Geigen und Chorälen und ihrem autodidaktisch kreierten Klavier hört man The Magician ihren Hang zum Pathos an, der sich zum Glück nicht allzu ernst nimmt. So klingt die Platte ein bisschen, als würden sich The Last Shaddow Puppets mit Beyoncé Knowles in der Pianobar eines uralten Ausflugsdampfers auftreten, als die meisten Gäste schon schlafen.

Charlotte Brandi – The Magician (PIAS)

Hype der Woche

Disarstar

Im HipHop ist bekanntlich immer viel von Realness die Rede, mit der neben Glaubwürdigkeit immer auch Prinzipientreue gemeint ist. Einmal Gangsta, immer Gangsta, Respect Digga! So gesehen hat Gerrit Falius einen der bemerkenswertesten Wandlungsprozesse im deutschsprachigen Rap durchgemacht. Als er der Hamburger vor fünf Jahren von der Straße ins Studio wechselte und vom Freestyle zur Produktion, war er noch ein Kleinkrimineller mit gutem Flow, aber fatalem Hang zur Gewalt. Seit er seinem Sprechgesang als Disarstar musikalisch Struktur verliehen hat, wechselten aber auch die Inhalte von Selbstbeweihräucherungen zu einer fast philosophischen Sinnsuche, die bereits auf dem zweiten Album Minus x Minus = Plus prägte. Sein drittes Bohemien (Warner) wird nun sogar richtig politisch, wenn es Neoliberalismus und Rechtsruck kommentiert, aber auch jene Konsumgesellschaft, der er selbst lang huldigte. Klanglich oft reduziert und angenehm trapfrei, sind Zeilen wie “Alle wollen ein Haus am See, Kohle und gut aussehen / ich brauch nur Nikes und McDonalds” von so doppelbödiger Lust am Diskurs, dass Disarstar den Gangsta gern noch viel, viel weiter hinter sich lassen darf.

 


Die Goldenen Zitronen: Schorsch & Gaier

Wir sind ja keine Misanthropen

Seit 35 Jahren agitieren Die Goldenen Zitronen (Foto: Frank Egel) erst mit, dann ohne Post vorm Punk gegen die herrschende Verhältnisse eines Systems, dass die vier bis sechs Wahlhamburger aus tiefster Seele verachten, aber nicht mit Gewalt zerdeppern, sondern lieber mit avantgardistischer Poesie entlarven wollen. Auf ihrem neuen, auch schon 13. Album More Than A Feeling tun sie das sogar mal mit wieder mit richtiger Wut im Bauch. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Gespräch mit den Gründungsmitgliedern Thomas Sehl alias Schorsch Kamerun und Ted Gaier alias Ted Gaier über Spaß im Proberaum, politische Nostalgie und Reife statt Altersmilde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Schorsch, Ted – macht es eigentlich Spaß, ein Album der Goldenen Zitronen aufzunehmen?

Ted Gaier: Ich finde schon.

Schorsch Kamerun: Ich finde teils, teils.

Herrscht im Studio eine freudvolle Atmosphäre?

Ted: (lacht) Nein.

Schorsch: Doch, mehr als sonst. Es erzeugt zwar Reibungssituationen, wenn du als Subjekt ins Studio kommst und dich im Kollektiv durchsetzen musst. Bis auf kleine Ausschläge sind wir darin allerdings schon ziemlich erfahren. Warum fragst du?

Weil das musikalische Resultat wie so oft von großer Schwere geprägt ist.

Ted: Was heißt denn Schwere?!

Dass ihr seit den frühen Neunzigern von Platte zu Platte ein bisschen missmutiger zu werden scheint, irgendwie bedrückter.

Schorsch: Witzig. Ein Kollege von dir meinte vorhin, wir seien anschmiegsamer geworden, zugänglicher. Es stimmt natürlich, More Than A Feeling ist eine Dystopie geworden, aber auch die kann ja ganz erhellend sein.

Ted: Entscheidend ist, dass unsere Musik seit 20 Jahren vor den Texten entsteht. Die Atmosphäre ist also nicht von ihnen bestimmt. Schon deshalb finde ich gar nicht, dass wir so missmutig sind, denn musikalisch ist zum Beispiel ein Stück wie Das war unsere BRD cheezy Disco. Und Gebt Doch Endlich Zu Euch Fällt Sonst Nichts Mehr Ein entfaltet fast kindliche Euphorie.

Schorsch: Außerdem muss auch Anti-Musik nicht missmutig sein. Katakombe ist gleich zu Beginn zwar wirklich düster, gibt aber auch Anlass zum Abheben durch Action, die da stattfindet.

Ted: Seit Joy Division wissen wir, dass es auch lustvolle Dystopie geben kann.

Schorsch: Und David Bowie oder selbst Death Metal haben sie endgültig zu Pop gemacht, das ist ja ihre Ausdrucksqualität.

Ted: Oder Wagner, kann ja auch Spaß machen, wenn man sich nicht davon einschüchtern lässt.

Aber führt dieser Zwiespalt nicht dazu, nach der dauernden Problematisierung eurer Texte etwas Leichtes, Unpolitisches, einfach mal Lala-Musik zu machen?

Ted: Ich finde Musiker toll, die das können, bin dafür aber nicht der Typ. Als Texter kann ich mich nur mit Sendungsbewusstsein denken.

Schorsch: Musikalisch reißt das schon mit, was wir machen, finde ich; zumal wir gerade live eine sehr physische Band sind. In Nützliche Katastrophen kommt ja sogar ein „Lalala“ vor. Und 20×20 ist straight rockender Betonpunk. Andererseits benutzen wir Pop- oder auch Balladenelemente eher zur Irritation, als das wir sie aus Überzeugung einbinden.

Ted: In der Schleife hat diesbezüglich fast Hit-Potenzial.

Schorsch: In mir steckt ein Stück weit auch Schlager, weil ich mit dem sozialisiert wurde und seine Einfachheit schätze – sofern es kranker, psychotischer Schlager ist. Schon im Funpunk, später dann bei Das bißchen Totschlag, oder auch im Turnschuhlied haben wir das bigotte im Schlager zur Fratze überhöht.

Täuscht dann der Eindruck, dass ihr euch auf dieser Platte deutlicher echauffiert als zuvor und den lyrischen Suspense gelegentlich durch Kraftausdrücke wie Scheiße ersetzt?

Ted: Ich glaube, Scheiße sagen wir nur im ersten Song.

Schorsch: Und im zweiten. Aber auch ohne Kraftausdrücke hat die Band als eine der wenigen, wenn ich das mal so sagen darf, immer klare Kante gezeigt. Vielleicht sind wir diesmal wirklich direkter, auf jeden Fall was die Themen betrifft. Wir dachten anfangs mal, oh nein – sechs Songs über Volk, Mauer, Rechte. Das könnte man als Indiz für Eindimensionalität verstehen.

Ted: Aber es geht ja nicht darum, was wir im authentischen Sinne denken, sondern wir versuchen über das Einnehmen von Rollen Zustände zu beschreiben. In Katakombe ist es eine Person, die Nazis aus einer eher unterkomplex linken Perspektive abwertet. In „Baut doch eure Scheiß-Mauer“ ist es eher so ein Tourette-Syndromhaftes Aussprechen einer Fantasie die wir Typen wie Seehofer oder Gauland unterstellen.

Schorsch: Ginge man da akademisch ran, variieren wir im Grunde nur verschiedene Sichtweisen und abstrahieren sie. Das sind Haltungen, Charaktere. Als einer der ersten – jetzt komm ich schon wieder mit dem – hat das Bowie überzeugend gemacht, wenn auch nie so politisch. Und endgültig dann die zahllosen HipHop-Characters, die eigentlich alles können.

Ted: Oder Theater. Das wechselt auf unseren Platten ständig. Orientiert habe ich mich Anfang der 90er stark an den Franz Josef Degenhardt Stücken, die Haltungen durchspielen. Der hat sich auch in andere Figuren versetzt, um als Kapitalist oder Spießer sprachgewandt und detailliert über die Verhältnisse zu berichten.

Schorsch: Wir mussten früh nach Platzhaltern unserer Wut suchen, weil es uns nicht mehr gereicht hat, Stimmungen und Zustände nur in Slogans zu verhandeln. Vielleicht sind wir auch deshalb am Theater gelandet. John Lydons hysterisches Spottgemecker finde ich aber bis heute wunderbar – der hat uns als junge Punker bereits tief beeindruckt. Die Texte der Sex Pistols waren beinahe übereindeutig, aber durch seine zickige Überhöhung hat er sie aushaltbar gemacht.

MusikBlog: Was deinen Gesang unüberhörbar geprägt hat.

Schorsch: Total. Ich mochte es schon immer, Dinge schwer in alle Richtungen zu überziehen.

Ted: Das gilt für uns alle.

Wo ihr die Künstler eurer musikalischen Früherziehung ansprecht: seit 35 Jahren singt ihr gegen Verhältnisse an, die immer nur noch beschissener werden – ist das auf Dauer nicht ungemein ermüdend?

Ted: Ich finde gar nicht, dass alles nur beschissener wird.

Schorsch: Es gibt genug Wertvolles, das es festzuhalten lohnt. Wir sind auch nie kulturpessimistisch. Auch wenn man Deprimierendes aus der Platte heraushören möchte, sind wir begeistert dabei, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen, nirgends festzuhaken, frische Haltungen zu finden. Diese Band lebt davon, wach im Jetzt sein zu wollen.

Ted: Ich sehe die Goldenen Zitronen da als Medium. Unseren Text zum G20-Gipfel in Hamburg werden Leute womöglich in 30 Jahren noch hören und darin eine geschichtliche Quelle sehen, während die Fahndungsaufrufe in der Morgenpost längst vergessen sind. Den Ansatz haben wir seit 80 Millionen Hooligans, als wir nach Rostock-Lichtenhagen bewusst in öffentliche Diskurse interveniert haben. Auch beim G20-Text hatte ich das Bedürfnis den ritualisierten, ideologischen Deutungen der Ereignisse, Beobachtungen entgegen zu setzten, die in den Debatten in solchen Fällen nie vorkommen. Das fängt an bei der Beschreibung der Akteure. Es macht ja einen Unterschied aus welcher Motivation heraus ein italienischer Autonomer eine deutsche Bankscheibe einhaut, oder ein unterprivilegiertes Vorstadt-Kid.

Schorsch: Was man als kritische Band dringend austarieren muss, ist die Verschiebung der Diskurs- und Begriffsebenen – wie sehr sich Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Kommunikation seit den späten 60ern gewandelt, in den Definitionen teils völlig umgedreht haben. Weil es uns aber auch Spaß macht, all dies zu kommentieren, werden wir darin nicht müde. Wir sind ja keine Misanthropen.

Ted: Dafür steckt viel zu viel Humor und Selbstironie in unseren Texten.

Wenn man sich Das War Unsere BRD anhört, aber auch ein Stück nostalgische Wehmut.

Schorsch: Ambivalenter, rückblickender Schmerz (lacht)

Ted: Als wir das Album überblickt haben, fiel auf, wie viel darin von Mauern, Heimat, Rassismus die Rede ist. Deshalb war das dann ein Versuch weg zu kommen von dieser Gegenwärtigkeit. Es ist ja ein Stück über Nostalgie, das durch den Rückblick auch nostalgisch machen kann. Wobei mein romantisches Gefühl zur alten BRD auch in meiner Abneigung besteht. Ich liebe sozusagen meinen Hass auf die BRD, der ist ebenso Teil meiner Identität wie Boney M., die ich damals zwar scheiße fand, nun aber ein warmes Gefühl in mir erzeugen, wenn ich sie im Oldie Radio höre.

Verklärt man automatisch seine Vergangenheit, wenn man sie mit großem Abstand neu betrachtet?

Ted: Ich glaube schon.

Schorsch: Absolut sogar. Man darf bei der Rückschau nur nicht außer Acht lassen, warum es so war, wie es war, und welche Kräfte darauf eingewirkt haben. Wir sind eine Band, die sich permanent von allem Möglichen abgrenzt. Weil das so anstrengend ist, geht es mir mittlerweile auch schon mal auf die Nerven.

Ted: Ich finde Abgrenzung als Geste ist was für Zwanzigjährige, nicht für Fünfzigjährige.

Ihr seid aber auch noch nicht 70 – schwingt anders als eingangs vermutet dennoch eine Art Altersmilde bei euch mit?

Ted: Nein.

Schorsch: Vielleicht passt „Reife“ besser. Wir versuchen tatterig, aber unter voller Fahrt, auf das Heute zu schauen.

Ted: Zwischen verknöchert und Milde ist die Spanne ja riesig. Wir sind ungefähr in der Mitte.


Maurice Summen: Die Türen & Twittern

Im Kern noch Rock’n’Roll

Als Die Türen Anfang des Jahrhunderts ein Label suchen, will keines die avantgardistische Popband aus Berlin verlegen. Also gründet Sänger Maurice Summen (Foto: Roland Owsnitzki) mit Gunther Osburg sein eigenes Label, nennt es staatsakt und wird zum Inbegriff kreativen Postpunks. Das – je nach Zählung – fünfte bis achte Album Exoterik bewegt sich nun mehr denn je fort vom Mainstream und macht ihn gerade deshalb auch für den Massengeschmack schiffbar. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Interview mit dem 44-jährigen Wahlberliner.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Maurice, ich habe Schorsch Kamerun und Ted Gaier gerade gefragt, ob es bei den Aufnahmen zum neuen, extrem missmutigen Album der Goldenen Zitronen eigentlich auch mal was zu lachen gibt.

Maurice Summen: Gute Frage, und?

Gibt es. Bei euch hingegen würde die Frage eher lauten, ob es im Studio der Türen eigentlich dauerndes Gelächter gibt.

(lacht tatsächlich) Manchmal schon, wieso?

Weil Exoterik mehr noch als die Alben zuvor klingt wie Krautrock gewordener Dadaismus, der sich scheinbar überhaupt nicht ernst nimmt.

Für mich ist dAdA eine ernstzunehmende literarische und künstlerische Bewegung, kein Karnevalsverein! Aber klar, manchmal ist Humor ein Mittel zum Überleben. Bei uns würde ich ihn aber gern durch den Begriff der Spielfreude ersetzen. Die entstehende künstlerische Freiheit hilft dabei, nicht nur andre zu überraschen, sondern immer wieder auch uns selber.

Diese Freiheit war schließlich der Gründungsimpuls deines Labels staatsakt.

Für die Türen gibt es kein Business-Modell, keinen Erfolgsdruck, kein Management im Nacken. Nach dem letzten Album Wir sind der Mann für fünf Jahren haben wir uns aber dennoch darauf geeinigt, beim nächsten Mal unbedingt an einen Ort außerhalb von Berlin zu fahren, um uns voll aufeinander zu fokussieren.

Disziplinierung durch Kasernierung.

Vor allem ohne vorgefertigte Kompositionen! Wir wollten die Platte unbedingt im Kollektiv entstehen lassen. Dafür ist so ein Genre wie das, was die Britten einst Krautrock nannten, perfekt; die Musik kann man nicht am Schreibtisch notieren, der muss als Gruppe im mäandernden Prozess entstehen. Einfach laufen lassen…

Ähneln die repetitiven Textfragmente deshalb eher Bassläufen als Refrains?

So hat es sich ergeben. Der Platz für mehr Text wäre ja da gewesen, aber wir hatten überhaupt kein Bedürfnis nach dem Narrativ klassischer Pop- oder Rocksongs. Eine Idee war es, den Raum der Musik nicht durch dauernde Vorträge des Sängers zu beschränken. Obwohl wir ja eine Gruppe von Songwritern sind.

Wenn der Raum dann aber nur noch durch Dreiklänge wie Miete, Strom, Gas gefüllt wird, gerät es doch arg kryptisch…

Zumindest in Ballungsräumen ist die gentrifizierte Lebenswirklichkeit mit diesen drei Worten doch ausreichend beschrieben.  Da finde ich mich im Cloud Rap wieder, wo in Künstler wie Yung Hurn zuletzt auch mit extrem wenig Text auskommen und doch sehr viel zu sagen haben. Die hohe Kunst des Weglassens! Trotzdem hat der fleißige Liedermacher mit seinen 83 Strophen natürlich nach wie vor die gleiche Existenzberechtigung wie wir.

War es denn eine bewusste Entscheidung, sprachlich so reduziert zu sein?

Schon, aber dann ist alles so aus mir heraus geflossen. Ich weiß zum Beispiel gar nicht mehr genau, was mit der Phrase „Bildungsbürgerliche Ideale“ gemeint ist, die ich in BBI Mantra-artig wiederhole; das kam einfach hoch und passt.

Klingt ein bisschen beliebig.

Würde ich nicht sagen. Alles was auf der Platte zu hören ist, wurde von allen Beteiligten noch redigiert, editiert, von Nonsens befreit und dabei von sieben auf zwei Stunden eingekocht. Das war schon ein ganzes Stück Arbeit!

Bewegt ihr euch dabei überhaupt noch strikt entlang der Harmonielehre oder landet ihr irgendwann auf dem Ultraschall-Festival, wo Musik nur noch am Rande wie Musik klingt?

Nein, nein. Wir arbeiten viel mit modularen Systemen, um die sich Andreas Spechtl, der diesmal keine Gitarre spielt, gekümmert hat, und interagieren dadurch viel mit Maschinen. Trotzdem sind Die Türen im Kern noch eine Rock’n’Roll-Band, die sich gerade nur nicht am Dreiminutendreißig-Song orientiert. Für uns sind Can genauso wichtig wie die Beatles! Aber wichtiger ist, dass es uns wie beim Jazz um eine Gruppendynamik ging, die im Alltag seltener wird; darum geht es ja auch in sozialen Medien. Aber gemeinsam mit guten Freunden einen Raum zu betreten, macht dann am Ende eben doch einen entscheidenden Unterschied… Aber zurück zu deiner Frage: Das Album ist am Ende für mich keine Avantgarde, sondern eine Pop-Platte!

Dafür wird sie zur Mitte hin ja auch viel zu rhythmisch, fast tanzbar.

Wir haben mit Chris Imler einen der tollsten Drummer des Landes! Er allein weiß eine Party zu bewegen! Was mich an der Gesellschaft grade generell stört, ist dieser Drang, immer nur pointiert und super zugespitzt zu kommunizieren und alles, was man im Kopf hat, sofort raus lassen zu müssen! Eine Kommentar- und Affektkultur! Schweigen ist überhaupt nicht angesagt!  In dieser affektiven Aufmerksamkeitsindustrie, die dank Clickbaiting und Streamingdiensten bald nur noch Songs von 1:40 Länge zulässt, muss man sich mal wieder den Raum zur undifferenzierten Fläche geben. Wie toll fand ich es früher, sich einfach mal ohne Ziel treiben zu lassen!

Als Produzent oder Konsument?

Beides! Man kann sich voll auf unser Album konzentrieren, darf aber nebenbei auch gern ein bisschen bei Twitter klugscheißen. Wir sind bewusst mehrdeutig und wenn wir „lass uns Rasenmähen“ singen auch gerne mal dadaistisch! „Lass uns Rasen mähen“ ist ja nicht gerade das religiöseste aller Mantren! Und um nochmal auf den Humor zurückzukommen: Er ist manchmal ein Bindeglied, das besonders deutschen Bands gut zu Gesicht steht. Wenn ich mich bei euch in Hamburg auf der Diskurs-Ebene umsehe, finden ich mich am ehesten bei Knarf Rellöm wieder, bei dem oft auch niemand weiß, wie ernst es ihm eigentlich ist: Fehler ist King!

Er würde es sich allerdings schwer verbitten, unpolitisch zu sein…

Garantiert, auch er jubelt einem das Politische eher mal unter.

Wenn du dir nach dem organischen Entstehungsprozess dieser Platte vorstellst, die nächste zu machen – ginge das überhaupt noch so strukturiert wie üblich im Songwriting?

Da bin ich mir ganz sicher! In zwei Monaten erscheint zum Beispiel Baked Beans von Ramin Bijan, Johannes von Weizsäcker und mir, eine astreine Kinderplatte, nur Songs Songs Songs. Das Gleiche gilt für meine Band Maurice & die Familie Summen. Wir arbeiten ja alle auf so vielen verschiedenen Baustellen, dass unser Herz für Songs wegen so einem Konzept-Album ja nicht verloren geht. Ganz im Gegenteil!  Ich kann mich ja auch privat gut und gerne stundenlang von Rappern zutexten lassen, muss dann allerdings auch irgendwann wieder was wie Jazz oder Noise hören, der mich auf textlicher Ebene in Ruhe lässt. Oder ein herzerwärmendes Soul-Stück. Pop ist gelebte Diversität!


Júníus Meyvant, Special-K, Dendemann

Júníus Meyvant

Guðmundur Kristinn Jónsson, Hljóðriti, Unnar Gísli Sigurmundsson – wer im Kosmos des Northernsouthernsonstwoclassicsoul zuhause ist, der seinen Fetisch rarer Seveninches im weißen Cover pflegt wie Metalheads ihre Kutten, dürfte damit wenig anfangen. Noch! Denn ersterer ist ein isländischer Produzent, der im zweitgenannten Studio für letzteren ein Album aufgenommen hat, das die Nostalgie des Stils mit skandinavischer Verschrobenheit garniert und daher alle Aufmerksamkeit der Platzhirsche verdient. Vor zwei Jahren hatte der orgelsynthetisierte Orchesterpop von Sigurdmundssons Band Júníus Meyvant den Soul noch so aufgeblasen, dass er sein Plattendebüt Floating Harmonies auf maximal gewaltiger Weltbühne uraufführen durfte.

Als die Hamburger Elbphilharmonie noch jung und hip und cool war, flatterte sein kratziges Engelsfalsett durch den großen Saal, dass es die Zuschauer von den Sitzen risse. Auf dem neuen Album Across The Borders (Record Records) nun legt sich der feenhafte Vollbartgesang vom verblüffenden Popkulturstandort Reykjavik zwar nicht mehr über so unglaublich epische Arrangements wie noch 2016. Der eklektisch aufgepoppte Retro-Nu-Funk schafft es aber auch mit etwas weniger Grandezza, selbst Soul-Puristen zu überwältigen. Nicht schlecht für einen Fjordschrat von Westmännerinseln.

Júníus Meyvant – Accross The Boarders (Record Records)

Special-K

Und wo wir uns gerade auf Island befinden. Und wo wir gerade bei flatterhaft durchscheinenden Gesangsstimmen sind. Und wo es hier um zurückhaltenden Pop von autosuggestiver Strahlkraft geht: Neben all den irren, tollen, einzigartig verschrobenen Bands von der präpolaren Insel gibt es jetzt gleich die nächste, besser – ein Soloprojekt, vor dem man nach einer Weile der Gewöhnung instinktiv niederkniet und gar nicht mehr hochkommen will. Es heißt Special-K, und dass der Name ein wenig nach Cornflakes klingt, ist vielleicht ebenso wenig ein Zufall, wie der aktuelle Lebensmittelpunkt Berlin.

Dort nämlich lebt die isländische Künstlerin Katrín Helga Andrésdóttir seit ein paar Monaten, nachdem sie sich daheim bereits im feministischen Rap-Kollektiv Reykjavíkurdætur einen Namen gemacht hatte. Von dort aus hat sie allerdings nicht den HipHop, sondern einen zuckrig süßen, melodramatischen Dreampop mitgebracht, der einzig keyboardbegleitet im Ohr verweht wie entspanntes Atmen und sich dennoch im Gemüt verfängt, als hätte er Widerhaken. Dabei hilft es ungemein, das Special-K ihr Debütalbum I Thought I’d Be More Famous By Now vollumfänglich visualisiert und als Video-Sammlung erstellt hat. Musik zum Fühlen, Gucken, Wirkenlassen.

Special-K – I Thought I’d Be More Famous By Now (Teto Records)

Hype der Woche

Dendemann

Nicht elfenhaft, sondern raubeinig, nicht aus Island, sondern Hamburg, kein Feen-, sondern Sprechgesang – Willkommen zurück im  Plattenbau, hochverehrter Dendemann; was haben wir dich vermisst. Mit seinem ersten Solo-Album seit beun Jahren, das dem besten Titel aller Zeiten von Fettes Brot (Außen Top-Hits, innen Geschmack) ein hinreißendes Vom Vintage verweht vor den Latz geknallt hatte, tritt der nette Daniel Ebel mit da nich für! (Universal) wieder ins Rampenlicht, das er nach dem Abgang aus Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale verlassen hatte, und nein – sein Kratzbürstenrap liegt musikalisch betrachtet noch immer nicht im oberen Drittel der Niveauskala. Aber seine Reime, dieses Gefühl für Punchlines, ach, das ganze grandiose Konstrukt: auch ohne Eins, Zwo ist und bleibt Dendemann mit Mitte 40 der Toppoet unter den Poppoeten!


De Staat, Frances Cone, Scarabæusdream

De Staat

Wer der alternativen Rockmusik jenseits tradierter Anti-Riffs und -Gesten noch wirklich Neues abgewinnen will, muss sich schon was einfallen lassen. De Staat haben sich dafür zweierlei erwählt: Einen aufgeweckt dystopischen Kunstpunk voller Sprachwitz, Spielfreude, Drones und Samples, gern visualisiert in Videos von ikonografischer Wucht. Mit Witch Doctor zum Beispiel hat die holländische Band um den charismatischen Sänger Torre Florim dabei fast, hüstel, Kultstatus erreicht. Und jetzt also KITTY KITTY.

Stilistisch angelehnt an Maximo Parks Meisterwerk Our Velocity zoomt die Kamera beim Opener ihres sechsten Albums Bubble Gum immer wieder auf das Quintett aus Nijmegen, das sich dabei permanent vervielfältigt. Dazu schleicht ein hypnotischer Bass unterm proklamatorischen Gesang über die Welt im Griff Donald Trumps hindurch, dass man sich in Film und Song verlieren kann. Wie in fast jedem der elf  variabel sägenden Stücke, die selbst für Autotune, R’n’B und Nu Metal nie zu monochrom sind. Ein irres, aber eingängiges Album.

De Staat – Bubble Gum (Caroline)

Frances Cone

Das neue Video von Frances Cone Arizona dagegen sticht mit wenig hervor, das sich nicht durchs Genre des Duos aus Nashville/Tennessee erklären ließe: gleißend trüber, leicht zerkratzter Indie-Pop, visuell in Zeitlupenbildern von Hedonisten mit Haltung vermittelt, die sich zwischen Lagerfeuer und Landstraße zwar mit der der hinreißenden Natur des amerikanischen Bible Belt, nicht aber dem reaktionären Konservatismus darin gemein machen. Obwohl – so funktioniert Neo Folk ja fast immer…

Und doch ist das Duo der gelernten Pianistin Christina Cone, die mit ihrem Bassisten und Freund Andrew Doherty eine Gemeinschaft fürs Leben bildet, weit mehr als der alternative Mainstream des zugkräftigen Metiers. Manchmal leicht schwulstig, meist angenehm rau erzählt die Tochter einer Opernsängerin wenige Millimeter unterm Rand nostalgischer Verklärung vom Gestern im Heute und erzielt damit eine Wirkung, die nicht ohne Grund millionenfach gestreamt wird, ohne Starrummel zu erzeugen. Die Nische für die Masse.

Frances Cone – Late Riser (Living Daylight Records)

Scarabæusdream

Dass Rockbands im Schnitt drei bis fünf Mitglieder und mindestens ein Saiteninstrument haben, hat die Digitalisierung des Pop zwar hinlänglich widerlegt. Trotzdem bleibt es bemerkenswert, wenn Rockbands ohne größere Unterstützung elektronischer Hilfsmittel auf Bass und Gitarre verzichten. Falls das allerdings doch gelingt und dann auch noch so grandios klingt wie Scarabæusdream, ist es kein Wunder, dass dieser ungemein gelungene Versuch der Reduktion mit größtmöglicher Opulenz aus dem Wunderpopland Österreich kommt, wo die Kulturszene seit langem schon auf engstem Raum ein Mehrfaches der Kreativität ihres nördlichen Nachbarlandes generiert.

 

Mit nichts als Schlagzeug und Piano erzeugen Hannes Moser und Bernd Supper eine Wall of Sound, als habe ein ganzkörpertätowiertes Symphonieorchester in Johannes Caps Studio gesessen, um sein drittes Album aufzunehmen. Zwischen Mathrock und Kammermusik, Postpunk und Neoklassik füllen allerdings nur zwei hagere Virtuosen den Raum mit einem Klangkonvolut, das dem Publikum alles, echt alles abverlangt. Aber es es lohnt sich! Suppers Stimme wechselt zwar bis an die Schmerzgrenze von Screamcore über Countertenor zum Hairmetal und zurück; doch jedes der zehn Stücke lotet die Bandbreite des Noise-Spektrums so ergreifend aus, dass man von Ideenreichtum und Leidenschaft schlicht mitgerissen wird. Hypnosemusik.

Scarabæusdream – crescendo (Noise Appeal Records)


Ouzo Bazooka, Rhonda

Ouzo Bazooka

Die Siebziger sind die Achtziger sind die Neunziger sind die Nuller sind die Gegenwart ist Europa ist Asien ist Afrika ist Amerika ist die ganze Welt ist Licht ist Luft ist Sound ist ein einziges großes zeitlos wirrtes Durcheinander. Wer diese Küchenweisheit der Postpostpostmoderne nicht nur lesen, sondern auch hören will, derdie sollte es vielleicht mal mit Ouzo Bazooka versuchen. Ohne je dem Fetisch des digitalen Baukastenpop zu verfallen, macht die Band aus Israel seit fünf Jahren einen zutiefst analogen Baukastenpop, der danach gar nicht klingt und gerade deshalb so umfassend, vor allem aber: überwältigend ist.

Mit flatternder Orgel, psychoaktiver Gitarre und einem drollig blechernen Gesang zelebriert das dreiviertelmännliche Quartett um den Späthippie Uri Brauner Kinrot eine Nostalgie, die zwar oft altmodisch nach psychedelischen Krautrock klingt, aber die Grenze der selbstreferenziellen Kiffermucke dabei um Tausend Orte, Zeiten, Zustände erweitert. Auch ins vierte Album Transporter fließt daher Balkanfolklore ebenso ein wie Surfrock, Britpop, Oriental, Postpunk und vor allem eine gehörige Ladung Live-Energie, die all dies mit viel Tanzflächenschweiß schmiert. Enthemmend!

Ouzo Bazooka – Transporter (Stolen Body Records)

Rhonda

Auch ein bisschen psychedelisch, auch unverfroren nostalgisch, dabei jedoch weder grenz- noch genre- oder gar länderübergreifend klingt dagegen das dritte Album von Rhonda. Zur gleichen Zeit wie die seelenverwandten Ouzo Bazooka aus den Trümmern der lokal erfolgreichen Neo-Mods Trashmonkeys in Hamburg hervorgegangen, ist die norddeutsche Band auf den regional überaus angesagten Soul-Train gesprungen, fühlt sich dort seither ersichtlich wohl – und lässt ihr wachsendes Publikum mit großer Eleganz daran teilhaben.

Irgendwo zwischen Shirley-Bassey-Klassizismus und Amy-Winhouse-Adaption flaniert You Could Be Home Now über den Boulevard der Sixties und pickt dabei alles vom Asphalt auf, was für die Retro-Disco so taugt: basslastige Filmscores, gefällige Bläsersequenzen, verkopfte Jazz-Passagen und vor allem viel Gefühl für die zeitgenössische Mischung aus Ironie und reiner Lehre. Und dank der wuchtigen, aber nie aufdringlichen Stimme von Milo Milone kann man Rhonda zum Glück auch jenseits der vielen hanseatischen Soul-Clubs gut hören – und so ganz ohne politischen Input genießen. Auch mal schön.

Rhonda – You Could Be Home Now (popup records)