Ja, Panik – LUCI – J Mascis

Ja, Panik

Nicht singen zu können, war einst ein guter Grund, es – wenigstens außerhalb von Karaokebars und Duschen – zu lassen. Es ist daher ein Wink der Musikgeschichte, dass ein Großmeister des windschief Denglischen am schlechtesten singt, daraus aber das denkbar Beste macht. Wie Andreas Spechtl, Mastermind der Berlin-Wiener Artrock-Band Ja, Panik, und als solcher auf ewiger Mission, die Popkultur zu schreddern.

Das 7. Album Don’t play with the rich kids ist demnach Englisch betitelt, mehrheitlich Deutsch gesungen, aber sprachliche wie tonal ein disharmonisch poetisches Durcheinander, das zugleich überwältigend und verstörend ist. Wozu Textzeilen wie “Kleiner Dude auf der Strada / Nimmt einmal ein Naserl / Und greift nach den Stars dann / Aber nix” die passende Metrik liefern. Alles zu viel, alles zu wenig, alles lauter als zuvor, alles leiser auf der neuen Ja, Panik. Wie immer. Wie immer großartig.

Ja, Panik – Don’t play with the rich kids (Bureau B)

LUCI

LUCI dagegen kommt aus den USA, singt ausnahmslos englisch, tickt amerikanisch und liefert auf ihrem Debütalbum  They Say They Love You dennoch ein Panoptikum verschiedener Stile, das es mit Ja, Panik mangels Kenntnis vermutlich nicht aufnehmen will, aber kann. Geboren im republikanisch geprägten North Carolina ist sie für ihr Debütalbum ins liberale Los Angeles gezogen und hat dort zehn grandios verschiedene Tracks produziert.

Die nämlich passen auch horizontal selten zusammen, werden von Produzenten wie Louallday (Outkast) oder Edmund Irwingsinger (Glass Animals) aber so passend gemacht, das auf They Say They Love You alles aus einem Guss ist. Mehr noch. Mit ihrer wuchtigen, ja opernhaften Stimme durchdringt sie von HipHop bis TripHop und einer Prise Punk plus Pop alles, was sie durcheinander schleudert und neu verkleistert. Fast nichts daran ist eingängig, nahezu alles genial.

LUCI – Say They Love You (Don’t Sleep)

J Mascis

Joseph Donald Mascis Jr., besser bekannt als J Mascis, noch viel besser bekannt als Sänger der Melogrunge-Legende Dinosaur Jr. und hätte er vor bald 40 Jahren deren Angebot angenommen am bekanntesten als Drummer von Nirvana, ist ungefähr viermal so alt wie LUCI, hat sich aber auch auf Solopfaden die Inselbegabung bewahrt, beim Singen wie ein melancholischer Trotzkopf zu klingen.

Zweite Inselbegabung: Gitarren-Soli, die nicht breit-, sondern o-beinig klingen, also irgendwie eher nach kindlichem Überschwang als testosterongetränkter Selbstgerechtigkeit. Und so ist auch What Do We Do Now, sein fünftes Album ohne Dinos, ein liebevoll zerdeppertes Emorock-Sammelsurium altersloser Ergriffenheit, die uns J Mascis gern noch 50 Jahre mehr in die Fresse streicheln darf. Forever young!

J Mascis – What Do We Do Now (Sub Pop)


Frank Z: Abwärts, Krautrock, R.I.P.

Eins, zwei, drei, go

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Wie so viele von den Guten viel zu früh ist Abwärts-Sänger Frank “Z” Ziegert (Foto: Visions) am Mittwoch mit nur 66 Jahren gestorben. Als kleine Reminiszenz an einen grandiosen Punkrocker der ersten Stunde in Deutschland ist hier noch mal mein Interview mit ihm vor ziemlich exakt zehn Jahren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frank, ist es beabsichtigt, dass manche Stücke auf eurer neuen Platte ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern?

Frank Z: Ach, echt? Interessante Wahrnehmung, aber nicht beabsichtigt.

Ist die minimalistische Prägung dennoch so eine Art Altersintellektualismus oder eher logische Konsequenz aus dem, was ihr seit fast vier Jahrzehnten macht?

Weder noch, würde ich sagen. Sie ist ein Versuch, zu experimentieren. Unsere letzten Platten waren ja eher punkorientiert, gingen aber dabei fast in den Industrial hinein. Da wollten wir diesmal etwas machen, das wieder minimalistischer ist. Deshalb lautet der Name ja auch „Krautrock“, der zwischendurch zum Schimpfwort verkommen war, aber eigentlich für ziemlich innovative Musik stand.

Aber ist Krautrock mit seinen psychedelischen Gitarrenflächen nicht genau das Gegenteil vom kühlen Minimalismus, den ihr hier ausprobieren wollt?

Wenn du dir so Sachen wie Can anhörst, gab es da durchaus minimalistische Soundstrukturen.

Ist das Krautrock-Element denn auch eine Reminiszenz an die musikalischen Wurzeln von Rockmusikern über 50?

Schon, aber auch eine Reminiszenz an uns selbst. Wir haben ja zum Beispiel drei Abwärts-Songs neu aufgenommen und zitieren auch sonst musikalisch viel aus den Achtzigerjahren. Wer sich ein bisschen in der Pop- und Punkgeschichte auskennt, wird bei uns immer wieder fündig, solange er denn sucht.

Aber seid ihr das denn überhaupt noch – Punk?

Zumindest kommen wir ursprünglich aus der Ecke und haben das zuletzt auch sehr gepflegt. Aber wir ticken gar nicht so konzeptionell. Was allerdings auffällt ist, dass die Arbeit an Krautrock viel arbeitsintensiver war als an den Alben zuvor.

Für Punkrock reichen halt drei Akkorde.

Genau. Eins, zwei, drei, go.

Was unterscheidet den Punkrock eurer frühen Jahre von dem der Gegenwart?

Gar nicht so viel, weil wir auch 1979 nie den schlichten Punk jener Zeit gespielt haben, sondern immer eher zwischen den Stühlen saßen, also experimenteller waren. So gesehen waren die Sachen des 21. Jahrhunderts mehr Punkrock als das, was wir in den Achtzigern gemacht haben. Man muss halt aufpassen, dass das, was man macht, kein reines Verkaufsargument ist. Wenn die Toten Hosen plötzlich eine Platte wie wir aufnehmen würden, wären doch alle völlig vor den Kopf gestoßen. Deshalb machen die immer wieder das Gleiche.

Ist euer Sound 1979 aus Rebellion oder Verweigerung entstanden?

Wir hatten zu Beginn jedenfalls ganz klar das Bedürfnis, mit unserer Musik auch was verändern zu können. Aber so was erledigt sich dann doch ziemlich schnell, weil man schnell merkt, als Musiker doch sehr begrenzten Einfluss aufs Große und Ganze zu haben. Wir können da höchstens Denkanstöße geben. Trotzdem war unsere Musik wie Punkrock generell auch Ausdruck einer bestimmten Wut, der wir Ausdruck geben wollten.

Hast du noch was von dieser Wut in dir?

Ein bisschen davon hab‘ ich mir bewahrt, das zieht sich noch immer durch unsere Texte. Klassische Liebeslieder findest du bei mir eher selten (lacht).

Eher schon Parolen wie Stahlbeton & Blechlawinen. Ist das auch so ein Zitat aus früheren Zeiten?

Nicht unbedingt, unsere Zitate sind eher musikalischer Natur.

Dieses hier klingt aber schwer nach Zurück zum Beton von Syph.

Das stimmt, jetzt wo du’s sagst.

An wen richtet sich das – Nostalgiker, die euch von Beginn an begleiten, oder neue Fans, die man damit noch überraschen kann?

An beide, hoffe ich. Auf unseren Konzerten findet man die Alten ebenso wie 16-, 17-Jährige. Wenn man sich mit „Krautrock“ echt auseinandersetzt, ist da für alle was dabei.

Abwärts hat sich in 35 Jahren gefühlt fünfmal aufgelöst und neu zusammengesetzt. Gab es die Band zwischenzeitlich eigentlich immer weiter?

Es gab immer mal Zeiten, wo in den Pausen viel passiert ist und welche, in denen es nichts zu sagen gab. Und wenn du als Künstler nichts zu sagen hast, dann lässt man es lieber. Unterm Diktat dieses zwanghaften Zyklus Platte-Tour-Platte-Tour wird man am Ende bloß kommerziell, nicht kreativ. Deshalb habe ich auch längst aufgehört, die Band auch als solche zu bezeichnen, sondern eher als Kunstprojekt mit wechselnder Besetzung.

Und dir als roten Faden.

Das kann man so sehen, Frank Z., der rote Faden.

Jetzt gehst du langsam auf die 60 zu…

(lacht laut)

Spürt man das in den Knochen oder rockst du das einfach weg?

Ach, ich bin relativ fit. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich kipp von der Bühne, würde ich es lassen.  Wie das einige Altrocker durchziehen, finde ich eher absurd.

Du möchtest nicht als Rolling Stone enden.

Auf keinem Fall.


Culk: Hedonismus & Verzweiflung

Sollen wir uns um alles kümmern?!

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Die Wiener Shoegazer Culk erweitern das Pop-Spektrum Österreichs um einen Sound, der so politisch wie melancholisch die Bürden ihrer Gen/ zum Ausdruck bringt. Das zweite Album heißt daher nicht umsonst Generation Maximum und ist eine kraftvolle Mischung aus Trotz und Verzweiflung, über die Sängerin Sophie Löw und Gitarrist Johannes Blindhofer hier sprechen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Sophie, Johannes – eigentlich ganz schön, dass ihr beide hier sitzt und lächelt. Auf Bildern, die von euch online kursieren, tut ihr das praktisch nie. Hat das was mit dem Konstrukt der Band dahinter zu tun oder euren Mentalitäten?

Johannes: Keine Sorge, es gibt Bilder von uns, auf denen wir lächeln.

Sophie: Besonders auf Instagram.

Johannes: Aber wenn das dein Eindruck war, ist er nicht Teil irgendeiner gewünschten Ästhetik, sondern schlicht Zufall.

Sophie: Andererseits passt dieser Ausdruck natürlich auch zu dem unserer Musik.

Spiegelt die daher gar nicht unbedingt euch als Personen wider?

Sophie: Doch, doch. Weil sich die meisten Musiker*innen mit ihrer Musik persönlich ausdrücken, ist sie entsprechend ja auch Teil ihrer Persönlichkeiten.

Schön wär’s, oder?

Sophie: Ich jedenfalls arbeite beim Schreiben eher aus dem Bauch als dem Kopf heraus, habe aber in Österreich Kunst studiert, insbesondere Fotografie und Grafik. Was mich betrifft, ist daher auch das Visuelle intuitiv, entspringt also ebenfalls meiner Persönlichkeit.

Johannes: Wir sind definitiv alle eher dem Grübeln zugeneigt, was allerdings überhaupt nicht ausschließt, uns nicht auch ironisieren zu können.

Sophie: Während man die Melancholie im Alltag gern von sich wegschiebt, um alles schaffen und dennoch Spaß dabei haben zu können, bietet die Musik Ventile dafür, was uns politisch oder gesellschaftlich ansonsten überwältigen würde.

Mit dem Ziel, auch eurem Publikum Ventile zu bieten?

Sophie: Ja.

Als Teil der Generation Z habt ihr es da mit zwei Polen zu tun: radikalem Aktivismus, etwa in Gestalt der Last Generation, und radikalem Hedonismus als Versuch, sich die Katastrophe schön zu feiern. Ist eure Melancholie da sozusagen ein vermittelndes Element zwischen Konfrontation und Verdrängung?

Johannes: Vor allem ein beobachtendes, würde ich sagen.

Sophie: In unserer Generation und der danach ist so oder so ein Gefühl von Ohnmacht verankert, einer Zukunft entgegenzusehen, die nicht bright ist und auch kaum noch beeinflussbar. Da ist es kein Wunder, dass ihr Humor zunehmend schwarz oder gar sarkastisch wird und die Stimmung melancholisch oder eskapistisch.

Aber was genau beschreibt darin denn dann euer Albumtitel Generation Maximums?

Sophie: Dass ein Zenit erreicht wurde, über den es nicht mehr hinausgeht.

Johannes: Und dass von unserer Generation dennoch zu viel verlangt wird, irgendwie darüber hinaus zu kommen. Als Frage formuliert: Sollen wir uns eigentlich um alles kümmern?

Also auch den Mist, den das bedingungslose Wachstum vorheriger Generationen euch jetzt hinterlassen?

Johannes: Genau. Zugleich werden wir damit komplett allein gelassen. Wir sollen den ganzen Mist aufräumen. Wir sollen materiellen Verzicht leisten. Wir sollen uns selbst um unsere psychische und physische Gesundheit kümmern. Dem kollektiven Versagen wird unser individuelles Handeln verordnet.

Sophie: Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Überforderung.

Johannes: Den man oft nur noch mit Galgenhumor erträgt.

Umso mehr fällt auf, dass die Platte eher trotzig als deprimiert klingt.

Johannes: Unbedingt. Resignation hilft auch nicht weiter, um ein solidarischeres Miteinander zu erreichen. Wir wollen uns ja aufbäumen, da ist Trotz angebrachter als Hedonie.

Ein Begriff, den ihr auch auf der Platte verwendet.

Sophie: Um dem des Hedonismus andere Dringlichkeit zu verleihen.

Gleich zu Beginn singst du in 2000 die Zeile „alles zu viel und alles zu wenig“.

Sophie: Die Idee dazu kam mir, als ich auf Tour eine Doku übers letzte Silvester vorm neuen Jahrtausend gesehen habe. Damals lag überall Hoffnung in der Luft. 23 Jahre später ist davon keine Spur.

Johannes: Die Vorfreude auf das, was kommt, ist vollständig verloren gegangen.

Sophie: Interessanterweise profitieren jüngere Generationen in Europa weiterhin vom Wohlstand, den ihre Eltern mit der massiven Ausbeutung des Planeten erzielt haben. Trotzdem haben gefühlt alle jungen Menschen das Gefühl, die Welt geht zugrunde, und zu wenig Zeit, noch was daran zu ändern.

Spielen Culk entsprechend für die?

Sophie: Das schon, aber umso schöner wäre es, Ältere würden mal reinhören und dadurch vielleicht Verständnis für Jüngere zu gewinnen. Am Ende bringt es aber doch nur zum Ausdruck, was ich fühle.

Was euch aber nicht zu einer unpolitischen Band macht.

Johannes: Nein.

Sophie: Wir sind eine politische Band. Geworden.

Johannes: Allerdings schnell geworden.

Sophie: Als ich das erste Mal gespürt habe, welche Resonanz unsere explizit politischen Lieder kriegen, wurde mir schnell bewusst, dass wir strukturelle Themen ansprechen, aber auf eine persönliche, individuelle Ebene bringen wollen.

Kanntet ihr euch denn schon aus politischen Zusammenhängen?

Johannes: Nein, wir waren einfach befreundet.

Und wurdet dabei von der fast schon gespenstisch kreativen, einflussreichen Musikszene Österreichs geprägt?

Johannes: Definitiv. Es gab schon bedeutend schlechtere Zeiten, um in Wien mit Musik anzufangen. Da wird von außen zwar vieles hineinprojiziert, aber die Fülle toller Musiker*innen ist einerseits groß, andererseits so überschaubar und familiär, dass alle davon inspiriert werden.

Sophie: Gerade in Wien allerdings – correct me if I’m wrong – geht es weniger ums richtige Vermarkten als darum, sein eigenes Ding zu machen.

Johannes: Wenn du in Deutschland Musik machst, kann es dir relativ schnell passieren, dass du in den großen Studierendenstädten vor ein paar Hundert, wenn nicht gar Tausend Leuten spielst und eine Weile ganz gut davon leben kannst. Das gibt der markt einfach her. Der österreichische tut das nicht, weshalb es vielen von Beginn an um Inhalte geht, nicht deren Rentabilität.

Mit der Konsequenz, dass sich österreichische Musiker*innen eher als Community verstehen?

Sophie: Man kennt sich untereinander schon schnell und häufig.

Johannes: Gerade in Wien, die zwar eine Riesenstadt ist. Aber man trifft sich trotzdem ständig an denselben Spots. Und weil es einen auf Dauer auch nicht weiterbringt, sich an den immer gleichen Wiener Orten totzuspielen, waren wir von Beginn an viel in Deutschland auf Tour. Kleine Städte in Deutschland sind anders als österreichische immer noch groß genug für alternative Szenen.

Es geht also auch mit der neuen Platte auf Deutschland-Tour.

Beide: Ja.


Os Barbapapas, MMHT, Danny Brown

Os Barbapapas

Man fragt sich ja gelegentlich, etwa beim Zappen durch Kulturradios, warum klassische Musik immer und immer und immer noch wiedergekäut wird, hundertjähriges Zeug, tausendfach interpretiert, Beethovens 9. zum 9999. Mal. Oder Jazz, für Eingeweihte vielschichtig, für Außenstehende eintönig, für Os Barbapapas ein Quell vielschichtiger Klassik, die alles andere als wiedergekäut klingt. Im Gegenteil.

https://www.youtube.com/watch?v=FwmdAqfSpng

Denn das selbsternannte “Tropicalia-Space Age-Jazz-Quartett” aus São Paulo entlockt seinem Fachgebiet Harmonien und Töne, die nostalgisch und futuristisch klingen, ohne jetzt gleich Spinett mit Techno zu unterlegen. Enigma ist eher afrikanisch angehauchter Spelunken-Soul mit Marimba und Glasharfe, der nach Schwarzweißfilmmusik klingt, aber nicht zuletzt dank Barbara Mucciollos fantastischem Schlagzeug auf jede Festivalnebenbühne passt.

Os Barbapapas – Enigma (Fun in the Church)

MMTH

Ostfriesland ist nicht grad die Keimzelle kultivierter Kunst. Scooter kommt von der Nordsee oder Otto, ansonsten Krabbenpuler, Nutzvieh, Sturmböen, aber flächenbasierter Garagenrock, der es spielend mit den bayerischen Vorbildern Slut oder Instrument aufnehmen kann? Genau das schaffen MMTH und wirken dabei zu keiner Zeit so bemüht wie viele Provinzkapellen, die es partout aus dem Schatten der Großstadt schaffen wollen.

Das zweite Album Infinite Heights, das englische Texte andeutet, aber strikt instrumental bleibt, scheppert sich durchs Labyrinth krautumwucherter Endlosgänge und legt es mit Gitarrenteppichen von virtuos breiiger Knotendichte aus. Kein Wunder, dass die Platte nur sechs Stücke enthält, denn jedes davon walzt so kraftstrotzend um sich selbst, dass die 31 Minuten wie drei Stunden klingen und dabei kurzweilig sind.

MMHT – Infinite Heights (Poly Unique)

Danny Brown

Kurzweilig, das trifft es auch für Danny Brown. Zehn Jahre nach seiner ersten Platte, seinerzeit zu einem der besten HipHop-Debüts ever gewählt, versagt sich der Rapper aus Michigan zugunsten unbedingter Kreativität noch immer jedem Mainstream-Appeal. Und das ist auch auf dem siebten Album Quaranta oft hart an der Grenze des Erträglichen, bleibt aber dennoch so furios, dass man den Mund kaum zukriegt.

Mit blecherner Angriffsstimme peitscht der 42-Jährige seine Verachtung für alles Gewöhnliche durch elf Tracks von ausgesuchter Unzugänglichkeit, die den Gesang wie sonst selten heutzutage ins Zentrum stellt und dennoch Rundreisen durch Musikstile aller Art unternehmen. Jazz vor allem, der sich nicht zu ernst nimmt und dennoch filigran ist. Bisschen wenig Bass manchmal vielleicht, aber das gleicht Quaranta durch Frickelei aus.

Danny Brown – Quaranta (Warp)


Sparkling, Duran Duran, Botticelli Baby

Sparkling

Größenwahn ist nicht die schlechteste Voraussetzung für großartige Musik, und wenn er dann noch unter der Dachzeile “Funkeln” läuft, sowieso. “We’re here to make you feel good / we’re here to make you feel bad” singt die Kölner Powerpop-Brigade Sparkling und fügt unbescheiden “we’re here to make you feel love / we’re here to make you feel sad” hinzu. Das kann man peinlich finden – oder einfach so grandios wie ihr neues Album.

We Are Here To Make You Feel heißt es zusammenfassend, nimmt sich Eighties-Bands wie Boytronic zum Vorbild, beschleunigt sie ein bisschen auf Twenties-Tempo und macht aus traditionellen Synth-Sounds Überwältigungswave der Gegenwart, der spielend Brücken baut und Gräben füllt. Wenn sich das deutsche Trio jetzt noch sein preußisch intoniertes Dictionary-Englisch verkneift, macht es richtig Spaß.

Sparkling We Are Here To Make You Feel (Moshi Moshi)

Duran Duran

Aber wenn wir hier schon in die 80er zurückkehren, dann bitte richtig. Mit einem der damaligen Abräumer schlechthin: Duran Duran. Wer die vier Briten seither etwas aus den Augen verloren hat: Sie machen seit jeher sporadisch, aber regelmäßig neue Platten, spielen noch immer und abermals in Originalbesetzung, garnieren ihr Werk auch auf der sechsten im neuen Jahrtausend damit, was die Birmingham-Boys groß gehalten hat.

Glam-Wave der eleganten Sorte, so schweißtreibend wie intellektuell. Auf Danse Macabre unterstützt von Fans wie Nile Rodgers, die gemeinsam mit den Old Romantics Simon Le Bon, Nick Rhodes, Rodger Taylor und trackweise dessen Namensvetter Andy Altes aufmöbeln, Neues auf alt machen und dafür auch mal Billie Eilish covern. Resolut: dunkel funkelnde Retronostalgie, die auch 2023 wenig von ihrer Anziehungskraft verliert.

Duran Duran – Danse Macabre (Tape Modern)

Botticelli Baby

Und damit zurück in die sogenannte Gegenwart, in der sich Botticelli Baby eher retrospektiv wohlfühlen und daher tief durch die sogenannte Vergangenheit auf der Suche nach Erlösung wühlen. Dass dieses Septett sinfonischer Virtuosen aus Essen stammt, liegt dabei zwar nicht unbedingt auf der Hand, zeugt aber davon, dass Jazz keine Grenzen kennt, wenn er sich genreübergreifend mit Punk, Funk, Balkan paart.

Und genau das tut aber tun Boticelli Baby mit ihrer wuchtigen Horn-Section überm Standardrock-Instrumentarium von Gitarre bis Keyboards. Der Gesang ist dabei durchaus ausbaufähig. Manchmal zu dünn für die raumgreifenden Arrangements, zu schüchtern fast. Im Gegensatz zum Albumtitel Boah, der perfekt zum Ausdruck bringt, was rappelvolle Clubs beim Durchdrehen vermutlich kollektiv brüllen.

Boticelli Baby – Boah (Unique Records)


The Screenshots, Allah-Las, Smile

The Screenshots

Auf der Suche nach den besten Bandnamen der Welt, erlebt man ja selten so tolle Überraschungen wie Postmodern Talking oder Voodoo Jürgens, und Wunderwerk Mensch hätte es da bestimmt auch in die Top 500 geschafft, ist aber leider nur der Name des neuen Albums von The Screenshots, was definitiv ein öder Bandname ist – ganz im Gegensatz zu ihrer zweiten Platte mit dem anthroposophen Label.

Der Titelsong allein schon erklärt da einiges: “Mach’s dir gemütlich / im Wunderwerk Mensch”. Irgendwie, als hätten zwei, drei Kreativpole des Austropop eine Zeitreise zur NDW-Hochphase der frühen Achtziger nach Köln gemacht, schrägscheppert sich das Trio durch den Dadaismus ihrer Funpunk-Attitüde, die sich nicht allzu ernst nimmt, aber dennoch ganz schön filigran klingt für so viel Selbstironie.

The Screenshots – Wunderwerk Mensch (Musikbetrieb R.O.C.K.)

Allah-Las

Ein bisschen, aber nicht allzu viel ernster ist das neue Album der kalifornischen Großstadttropenrocker Allah-Las, die einer mehr sind als The Screenshots und keine Frau am Bass haben, aber nur unwesentlich weniger Augenzwinkern im Gitarrensound. Obwohl auch der auf ihrer neuen Platte mit dem schönen Titel Zuma 85 wie in den 15 Jahren zuvor wieder mal sehr durchdacht und kompetent dargeboten wird

Erneut klingt das Quartett um Sänger Miles Michaud, als hätten die Beach Boys seinerzeit ähnliche Skills, aber besseres Gras gehabt. Alles fuzzig verwaschen, alles dadurch angenehm unaufgeregt, uneitel, trotz selbstreferenzieller Gitarren-Soli also überhaupt nicht so maskulin, wie dieser Westcoast zwischenzeitlich mal war. Man wünscht sich einfach mit Marimba und Daiquiri an den Strand von L.A. – relaxen, zuhören, wegnicken, reicht schon.

Allah-Las – Zuma 85 (Innovative Leisure)

Smile

Und damit das hier nicht zu drollig wird, sondern den Zeichen der Zeit angemessen zumindest ein wenig dystopisch, schenken wir an dieser Stelle dem Debütalbum der Postpunker Smile unsere Aufmerksamkeit und danken ihr dafür, schlechte Laune mit Niveau zu verbreiten. Price Of Progress heißt sie und manchmal scheint es, als entsteige da ein aufgemöbelter Geist von Anne Clark aus der Gluthitze von Albuquerque.

Latent übellaunig, aber experimentierfreudig patzt Sängerin Rubee True Fegan ihren Sprechgesang – nicht Rap! – durch atonale Gitarren ihrer rechtsrheinischen Band und zerkratzt beides zu melodischem Noise, bei dem man ständig aufmerksam bleiben sollte, wo sich originelle Riff oder vertrackte Breaks verstecken, um aus dieser deutsch-amerikanischen Freundschaft mehr zu machen als missmutige Twentysomethings, sondern “optimistic traitors”, wie Fegan in Stalemate singt.

Smile – Price of Progress (Siluh Records)


Get Jealous, Spilif, A. Savage

Get Jealous

Neid ist bekanntlich kein konstruktives Gefühl, geht anders als die Missgunst aber nicht zulasten anderer. Man darf den Namen einer ziemlich neuen Band daher als Aufforderung verstehen, es einfach nach- oder vorerst wenigstens mitzumachen. Get Jealous zaubern sich nämlich das, was sie selber Riot Pop nennen, ein wenig wie Moldy Peaches auf Speedkoksesprosso für die LGTBTQA+++-Community und alle anderen.

Kreuz und quer durch den unbedingt lebensbejahenden Gesang von Frontmensch Otto ohne Pronomen, brettert das Debüt des niederländischen Trios mit Sitz Hamburg ein Pogo-Empowerment ins Gemüt, das Mareks Schlagzeug und Marikes Bass allen Ernstes noch beschleunigen, als gäbe es in 13 bedingungslos diversen Tracks weder gestern noch morgen, nur Hier und Jetzt. Musikalische Selbstermächtigung war selten kämpferischer fröhlich.

Get Jealous – Casually Causing Heartbreaks (corner.company)Heartbreaks

Spilif

Rap ist bekanntlich ein selektives Genre. Ob Sprechgesang nun emo ist, aggro oder was dazwischen: viel Bass, viel Beat, meistens digital, selten instrumentiert – darauf kann man sich als Grundkonsens einigen. Und dann kommt da die Innsbruckerin Spilif, rührt wie Käptn Peng echte Musik unter den HipHop und was kommt heraus? Grandioses Pop-Empowerment für alle, LGBTQA+++-Community inklusive.

Auf ihrer neuen Platte Irgendetwas, das du liebst, erklärt sie sogar selbst, warum der Titel stimmt: “Rap ist broke as fuck / oder scheiße viel verdien’ / Rap ist Idiotie, Utopie und Wahnsinn / doch das Klügste und Genialste, wenn die echten Heads am Start sind”. Und die echten Heads sind definitiv am Start, wenn Spilifs DJ Rudi Montaire Analogie zu einer Art hochbeschleunigtem Voodoo Jürgens simuliert. Selten war HipHop entspannter variabel.

Spilif – Irgendwas, das du liebst (unserallereins)

A. Savage

Und dann wäre diese Woche noch ein Wilder im Angebot, der sich A. Savage nennt, womöglich Andrew oder Ahmed mit Vornamen heißt und sich ohnehin jeder Kategorie ungefähr so entzieht, wie er sich der hyperkultivierten Musikszene New Yorks durch Flucht nach Europa entzogen hat. Hier hätte er nun weniger verschrobenes Zeug machen können wie mit seiner langjährigen Band Parquet Courts.

Macht er aber nicht. Stattdessen tingelt sein zweites Soloalbum Several Songs About Fire angenehm ziellos durch Americana und Alternative, Urban und Classic Folk, Pop und Popartigem, bis sein schiefer Gesang über seine Gemütsbrüche und die passenden Klebstoffe klingt, als sei das alles genauso gewollt, ihn aber dennoch bloß irgendwie widerfahren. Das Ergebnis: retrofuturistischer Garagenfunk für Lagerfeuerfans.

A. Savage – Several Songs About Fire (Rough Trade)


Sirens of Lesbos, Chai, Cherry Glazerr

Sirens of Lesbos

Ach, Popmusik – mal räuberisch, mal respektvoll, selten originell, immer immer renditefixiert geht dein eklektisches Harmoniegehabe Klangkreativen schon deshalb auf die Nerven, weil dir Umwege zuwider sind und Abzweige ein Graus. Auch Sirens of Lesbos schlängeln sich routiniert durchs Zentrum diverser Stile, um darin Sounds zu suchen, die das Schweizer Quintett auch noch “groovigen Wordbeat” nennt. Au weia.

Dann aber, beginnt das zweite Album Peace staubgrau zu funkeln. Dann stehen sich die Genres von Soul über Jazz bis HipHop, Disco, Breakbeats, gar Southern Rock im Weg und machen sich doch Platz. Dann klingen die Sängerinnen Jasmina und Nabyla Serag nicht mehr ölig, sondern variabel. Dann kreieren sie einen Mash-up, der neugierig durchs Dickicht der Gefälligkeit tapst und sogar John-Farnham-Samples duldet. Dann werden die Sirens of Lesbos: Besonders.

Sirens of Lesbos – Peace (Sirens of Lesbos)

Chai

Es gab mal, lange vorm K-Pop koreanischer Herkunft, eine Gattung namens J-Pop japanischer Provenienz, dem wir Bands wie Pizzicato Five, Flipper’s Guitar oder The 5.6.7.8’s verdanken. Verspielter Trash wie eine Nacht auf Speed in den Spielhallen Tokios, den auch das lipstickfeministische pinkschwarzbunte Quartett Chai auf seinem vierten Album ins Publikum feuert wie mit Konfettikanonen auf Papageien.

Das Team um Sängerin MANA (Keyboards), das analog zum funkensprühenden Selbstbewusstsein nur Großbuchstaben wie KANA (Gitarre), YUNA (Drums) und YUUKI (Bass) hat, badet mit Engelsstimmen, Sixties-Soul und Future-Funk im Schaumbad der Stile, bis absolut jedes Klischee japanischen Irrsinns erfüllt ist – und dennoch keinerlei Fremdscham erzeugt. Geiles Zeug, dass sie vorher geklinkt haben. Will man auch.

Chai – Chai (Sub Pop)

Cherry Glazerr

Und weil Trashpop ganz ohne J oder K oder sonst was vorweg am schönsten ist, wenn er sich und andere mit Seriosität überrascht, feiern wir an dieser Stelle abermals Cherry Glazerr, dieses verschroben-schöne Projekt der Gitarristin Clementine Creevy, die seit zehn Jahren wechselnde Besetzungen sammelt, um auf ihre Art den Männerbühnenprollrock zu zerstören. Und das gelingt ihr auch auf I Don’t Love You Anymore hervorragend.

Im Signature-Move einer Art Discogrungepunk im Gedenken an die große Elektroclash-Schule der Neunziger um Kapellen wie Le Tigre, scheppert die Gitarre der Kalifornierin hier abermals zu Creevys politisch bewusstem Kopfgesang aus der Höhle ihrer Wut Richtung Bauch ungebremster Lebensfreude. Das Ergebnis ist der perfekte Soundtrack zum Reflektieren und Vergessen zugleich.

Cherry Glazerr – I Don’t Love You Anymore (Secretly Canadian)


Bombino, Captain Planet, Fieh

Bombino

Schwer zu sagen, was an – einst eurozentristisch als Weltmusik etikettiertem – Ethnosounds aus nordwestlicher Sicht interessanter ist: wenn sie auf vertraute Art fremd klingen, auf fremde Art vertraut oder vielleicht weder fremd noch vertraut, sondern einfach nur irritierend eingängig, ohne aufzuklären, warum. Exakt so vereinigt Bombino aus Niger die Klangwurzeln seiner Heimat mit globalem Rock.

Und wie! Inhaltlich ist Sahel für Menschen ohne deren Sprachkenntnisse zwar ebenso unverständlich wie der arabische Albumtitel ساحل. Klanglich hingegen erschließt sich der krautige Soul sofort. Ein treibender African Folk, der überall und nirgendwo zuhause ist, obwohl der Gitarrenvirtuose mehrheitlich von den Belangen der Tuareg am Wüstenrand erzählt. Das allerdings mit einer Herzenswärme, die eklektisch überwältigt.

Bombino – Sahel (Partisan Records)

Captain Planet

Wenn allerdings irgendwer irgendwas von herzenswarmer Überwältigung im Rockspektrum weiß, dann die Hamburger Emopunk-Band Captain Planet. Seit ihrem, nun ja, Durchbruch mit dem Wechsel zum Label Zeitstrafe und der fabelhaften Großstadtstudie Treibeis, schreit niemand so melodisch schief über die Einsamkeit unter Leuten wie Gitarrist Jan Arne von Twistern. Jetzt ist das fünfte Album raus. Und es macht alles wie immer, nur besser.

Come on, Cat versteht es spielend, Gefühle zu beschleunigen, bis sie in sich ruhen und komplett bei sich bleiben. Die Snare gehetzt, die Vocals gerotzt, die Riffs gescheppert, liefern Captain Planet für alle, die sich – wie es im ergreifenden Halley heißt – “auch nicht mehr ertragen”, weil “wir alle sind doch angezählt seit Jahren”, seelische Erbauung im Moshpit-Modus. Sie belagert das Gemüt wie ein richtig guter Liebesfilm ohne Happyend.

Captain Planet – Come on, Cat (Zeitstrafe)

Fieh

Weil Überwältigung aber kein Selbstzweck ist und Understatement am Ende doch nachhaltiger, wollen wir an dieser Stelle mal eine Band feiern, die beides miteinander verbindet wie jahrelang getrennte Zwillinge. Fieh heißt sie, stammt aus Norwegen und wildert musikalisch in Gehegen, die zwar seltener Menschen aus Skandinavien beherbergen, aber wer den Isländer Junius Meyvant kennt weiß, wie egal das ist.

Auf dem dritten Album stromert das Oktett um Sängerin Sofie Tollefsbøl durch Käfige von HipHop über Jazz bis Psychobeat, kabbelt sich darin mit Anderson .Paak und Todd Terje um den Zugang zur Gittertür und bricht sie mit so wenig Respekt vor den Wächtern abgeriegelter Genres auf, dass der Schlüssel Future-Funk auch wieder eines dieser Quatsch-Label ist, das III zwar nicht gerecht wird. Aber das gilt ja für jede Umschreibung. Fieh sind Fieh und machen auf lässige Art glücklich.

Fieh – III (Jansen Records)


Birdy, Genesis Owusu, Jungle

Birdy

Groß ist sie geworden. Laut ist sie geworden. Reif ist sie geworden. Schnell ist sie geworden. Fresh ist sie geworden. Nur eines ist das ewige Riesentalent Birdy nicht: schlechter als damals, zarte 15 Jahre jung, bei ihrem selbstbetitelten Debüt mit einer exzellent kuratierten Sammlung frei interpretierter Songs anderer, die das selbsterklärte Vögelchen Jasmin van de Bogaerde 2011 zum Shootingstar des Dreampop machte.

Mit Portraits ist jetzt ihr fünftes Album erschienen, und auch auf den drei zuvor hatte sie sich zwar vom Covern emanzipiert. Erst jetzt allerdings gelingt ihr wirklich, jene Art von Eigensinn massentauglich zu machen, der Birdys Werk seit jeher prägt. Und so klingen die elf neuen Stücke zwar bisweilen nach einer Mischung aus Weeknd und Tori Amos, aber sie tun es im Brustton ihrer gehaltvollen Stimme ungeheuer gut und kräftig.

Birdy – Portraits (Warner)

Genesis Owusu

Wie ein Album beginnen sollte, ist seit jeher Anlass lebhafter Diskussionen. Langsam aufwallen oder fix auf die Zwölf, Hits voran oder zum Abschluss, erst fördern oder fordern? Nobody knows, also auch Genesis Owusu nicht, weshalb das Auftaktstück seiner zweiten Platte Struggler eine ebenso komplexe wie simple Antwort gibt: Zu Beginn einfach alles, was dieser abwechslungsreichste aller Avantgarde-Rapper in petto hat.

Eleganz und Tempo, Poesie und Punk, Techno und HipHop: Leaving the Light semmelt sofort das halbe Repertoire des australischen Grenzgängers durchs Repertoire und hält auch danach ein Potpourri verschiedenster Stile bereit, die selbst im experimentierfreudigen Sprechgesang ihresgleichen sucht. Bisschen durcheinander das Ganze vielleicht, aber ehrlich: man kriegt davon auch beim fünften Durchhören in Folge nie genug.

Genesis Owusu – Struggler (Ourness)

Jungle

Das dies auch für Jungle gilt, darf einem ruhig etwas peinlich sein. Mit mehr als einer Milliarde, in Zahlen 1.000.000.000 Streams zählt das englische Duo aus dem wirkmächtigen Bereich des elektronischen Pops zu den absoluten Abräumern im seelenlosen Musiknetz. Jedes Sample präzise berechnet, jeder Groove exakt auf den Punkt, jeder Track gezielt ins Kleinhirn, dort also, wo das Tanzbein mit oder ohne Drogen zu schwingen beginnt.

Und was soll man sagen: Motown Soul so virtuos mit Future Funk zu mixen – dazu bedarf es am Ende zwar vor allem guter Algorithmen, aber ebenso richtig Lust auf Party, die Jungle auch auf der vierten Platte seit 2014 perfekt bedienen. Volcano ist nicht nur auf zeitgenössische Art nostalgisch, sondern besser noch – auf traditionelle Art so zukunftsweisend, dass es mehrere Generationen Musikgeschmack verbindet. Masse muss man nicht immer madig machen.

Jungle – Volcano (Caiola Records)