Wenn Männergruppen der 2020er aussehen wie Boygroups der 1990er, ist immer Obacht geboten: Ist das nur ein billiger Abguss hedonistischer Säuseligkeit am Ende der Geschichte, den Optimisten vor 30 Jahren mal proklamiert hatten? Im Fall der niederländischen Männergruppenboyband The Vice wird die Antwort zweigespalten. Einerseits sehen sie aus wie Ein-Euro-Shop-Versionen von Oasis, stellen deren Britpop aber ins Regel zeitgenössischer Designshops.
Ihr drittes Album Before It Might Be Gone klingt zwar manchmal leicht nostalgisch nach den Feel-Good-Oberflächen irgendwie ja unbestreitbar besserer Zeiten. Aber wenn sie fuzzige Offbeat-Riffs mit schrillen Grungebeats zerdeppern und engelsgleich Guess We’re All the Same singen, kriegt der Retrofuturismus irgendwie Substanz zwischen Beach Boys und Fountaines. Man kann das gut weghören. Wie damals. Auch mal schön.
The Vices – Before It Might Be Gone (V2 Records)
Alex Wilcox
Mindestens ebenso retrofuturistisch, ohne den allergeringsten Hauch öliger Nostalgie zu versprühen, ist und bleibt der amerikanische Exilberliner Alex Wilcox auf seiner neuen Platte Take Me to Lake Ta Ta. Wie deren aberwitziger Titel andeutet, mixt er technoiden House darin mit einer Dröhnung Punk der frühen Nuller, als hätte Fat Boy Slim mit den Chemical Brothers in einer Wanne Pep gebadet.
Das Tempo der sechs entfesselten Tracks überholt sich permanent selbst, wenn er Gaga-Lyrics unter fast schon gabberigen Big Beat mischt, bis die Sequencer glühen. Funky Dubstep gewissermaßen, den man sich besser nicht zuhause auf dem Sofa anhört. Davor allerdings macht diese Überdosis beats per minute Druck auf dem Dancefloor, der jeder Nacht den Trott gleichförmiger Tage aus den Poren quetscht.
Alex Wilcox – Take Me to Lake Ta Ta (Ufo Inc)
Arliston
Und damit man am Ende so einer Nacht auch wieder zu Kräften kommt, wären mehr Alben wie jenes von Arliston angebracht. Vom Instrumentarium her ist das britische Duo gar nicht so weit von Alex Wilcox entfernt. Was Sänger Jack Ratcliffe und sein Producer George Hasbury aus ihrer digital-analogen Paartherapie machen, bringt auf der ganzen Platte jedoch nicht mal die Beats eines halben Wilcox-Songs zusammen.
Disappointment Machine ist schließlich eher Kammerspiel-Electronica mit getupfter Gitarre und gesampeltem Piano, verwehenden Lyrics und einer Aura, die das Studio im Wald errichtet und sich darin verliert. Eher Singer/Songwriting also, aber mit pfiffiger Ironie voller Autotune im Celloregen. Nichts davon ist für die Ewigkeit, aber den Moment kann man damit wundervoll genießen.
Arliston – Disappointment Machine (Sob Story Records)
In der Apple-Serie Prime Target (Foto: AppleTV) wird dröge Mathematik zur Actionfigur. Das ist auch deshalb amüsant, weil die Macken fiktionaler Genies nicht nur originell sind. Sie haben auch den sympathischen Nebeneffekt, das Selbstwertgefühl ihres Publikums ein kleines bisschen aufzuwerten.
Von Jan Freitag
Das Actionkino liebt Archetypen. Agile Schmerzensmänner wie John McLane, virile Geheimagenten wie 007, introvertierte Zombiejäger wie Daryl Dixon oder smarte Haudegen wie Indiana Jones. Für Edward Brooks ist da eigentlich kein Platz im Blutschweißundpatronen-Fach. Dabei hat er ein singuläres Talent: Der Mathematiker erkennt Muster, wo andere Chaos sehen. Seine Waffen sind weder Fäuste noch Pistolen, sondern sein Verstand. Und Primzahlen, Endgegner zahlloser Gymnasiasten, nur durch 1 oder sich selbst teilbar und darum, tja – was eigentlich?
Für Normalbegabte hat Eds Fachgebiet in etwa die Relevanz sumerischer Keilschrifttraktate. Der Cambridge-Student hingegen versucht Tag und Nacht, Struktur ins algebraische Durcheinander zu bringen. Klingt arg trocken für eine Thrillerserie? Nicht, wenn Autor Steve Thompson ihr den Titel Prime Target gibt. Weil der sich sowohl mit „primäres Angriffsziel“ als auch „Forschungsobjekt Primzahl“ übersetzten ließe, tröpfelt er akademische Theorie in die physische Praxis explosiver Action.
Ein klischeeanfälliges Genre, das auch bei Apple mit Stereotypen wuchert. Zu Beginn nämlich erschüttert ein Terroranschlag Bagdad, bevor drei Schnitte weiter acht Ruderer 5000 Kilometer nordwestlich vor idyllischer College-Kulisse das tun, was man mit Cambridge halt assoziiert. Im Osten Chaos, im Westen Kultur: Brady Hooks Achtteiler scheint früh für eurozentristische Ordnung zu sorgen – würde sich die Explosion im Irak nicht als Unfall erweisen, der etwas zutage fördert, dem das Elite-College Teile ihrer Geschichte verdankt.
Denn unterm Bombenkrater tritt das sagenhafte Haus der Weisheit zutage. Ein Ort mittelalterlicher Gelehrigkeit, der die Cambridge-Ikone Isaac Newton widerlegen könnte. Womit genau, gehört wohl eher ins Wissensressort als das Feuilleton. Nur so viel: es hat mit Primzahlen zu tun, für die sich der Cambridge-Neuling Ed (Leo Woodall) so interessiert. Und wie wir seit Dan Browns Da Vinci Code wissen, sind Altertumsfunde in Blockbustern meist Symbole globaler Verschwörungen mit Thriller-Potenzial.
Wer das Prime Target dechiffriert, kann folglich jedes Computernetzwerk kapern. Um dieses Zerstörungspotenzial im Keim zu ersticken, überwacht ein US-Geheimdienst weltweit Primzahlen-Forscher. „Mathe-Nerds“, erklärt die NSA-Agentin Taylah (Quintessa Swindell) den Aufwand, „sind vermutlich die gefährlichsten Leute des Planeten“. Also auch Ed, dessen Professor (David Morrissey) wie seine Frau (Sidse Babett Knudsen) ebenfalls unter Beobachtung steht. Und damit zurück ins Action-Fach.
Als Prof. Mallinders Student das Prime-Rätsel zu lösen droht, gehen Wissenschaft und Staat, die dubiose Spionageorganisation NSA und eine noch dubiosere namens Kaplar aufeinander los. Es gibt Verfolgungsjageden durch schicke Kulissen, Schießereien seltsam unpräziser Scharfschützen und konspirative Treffen im Kirchenschiff. Niemand traut niemandem, alle sind verdächtig, und mittendrin ein Zahlenfresser, den die zähe Taylah erst belauert, aber bald durch den Schlamassel lotst. Damit kombiniert Prime Target achtmal 45 Minuten zwei strikt getrennte Sujets.
Normalerweise haben brillante Geistesmenschen nicht die Vitalität physischer Thriller-Helden. Deshalb tut Apple gut daran, die unfreiwillige Action-Figur unheroisch auszustatten. Ed ist nicht nur leicht linkisch und soziophob. Er trägt hässliche Strickjacken, kritzelt ständig Notizblöcke voll und erklärt sein Büro ohne Computer damit, „die sind mir zu langsam“. Was zwei Nebenaspekte der Serie grundiert. Einerseits stellt sein selbstreferenzieller Wissensdrang auf derart vermintem Feld moralische Fragen danach, ob Erkenntnisgewinn per se erstrebenswert ist oder gegebenenfalls – Stichwort Kernspaltung – gefährlich.
Andererseits ziehen uns Macken Höchstbegabter, etwa der schizophrene Spieltheoretiker John Nash in Beautiful Mind aus dem Tal der Minderwertigkeitsgefühle. So ganz bei Trost sind die Klügsten der Klugen fiktional ja selten. Umgänglich schon gar nicht. Vom paranoiden Mathematiker im Experimentaldrama Pi über sozial verkrüppelte Kombinationsvirtuosen wie Sherlock und GoodWill Hunting bis zum depressiven Hacker Mr. Robot: Intellektuell mögen uns Film- und Seriengenies elfenbeinturmhoch überragen; menschlich will man mit keinem davon tauschen. Das sorgt für Nähe und Distanz, Missgunst und Mitleid. Gegensatzpaare, die auch Prime Target trotz aller Klischees auf buchstäblich schlaue Art unterhaltsam machen.
Prime Target, 8×45 Minuten, Mittwoch mit einer Doppelfolge bei AppleTV+, danach jeden Mittwoch
Ganz egal, ob die in Teilen rechtsextreme AfD unter der Kuppel des in Teilen bundespolitisch genutzten Reichstags mit der in Teilen reaktionären CDU/CSU fürs sprachlich in Teilen völkische Zustrombegrenzungsgesetz zur in Teilen fremdenfeindlichen Säuberung des in Teilen arischen Landes verhilft: RTL, wo ein saftiger Skandal letztlich noch immer ein bisschen wichtiger ist als die Demokratie, will das Kanzler-Duell zum Vierer-Disput mit Alice Weidel ausbauen.
Damit sinkt der Kölner Senderkeller ins dritte Untergeschoss einer in Teilen boulevardesken Bild-Zeitung, die vorigen Mittwoch und Freitag alles auf den Fall bröckelnder Brandmauern setzte, indem sie Friedrich Merz bedingungslos für seine AfD-Wahlkampfhilfe unterstützte. Kurze Frage dazu an die KI DeepSeek: Wird der CDU-Kanzlerkandidat „definitiv niemals mit der AfD koalieren“? Antwort: „The server is busy. Please try again later“. Dann was leichteres: Ist Bild eine völkische Zeitung?
Dem entgegnet der chinesische Chatbot, „die Grenze zwischen populistischer Sensationsberichterstattung und völkischem Gedankengut ist fließend, weshalb die Debatte über ihre Rolle in der Gesellschaft weiterhin kontrovers geführt wird“. Was vermutlich auch fürs „Massaker am Tian’anmen-Platz vom 4. Juni 1989“ gilt. Aber da ist dann leider, leider der Server wieder überlastet. Der hat aber auch echt viel zu tun… Denn dass CNN-Urgestein Jim Acosta gekündigt hat, weil er nicht noch mal vier Jahre mit Donald Trump streiten will, hat DeepSeek ebenfalls noch nicht mitbekommen.
Zu Pressekonferenzen lädt sich der US-Präsident allerdings künftig tollen Ersatz ins Weiße Haus: Erstmals erhalten Podcaster, Youtuber, Influencer Akkreditierungen, was zwar grundsätzlich ihrer wachsenden Bedeutung entspricht, aber – na ja: Trump eben, den man sich nirgendwo sehnlicher wünscht als im Dschungelcamp, das RTL vorigen Donnerstag allen Ernstes parallel zum Euroleague-Spiel von Eintracht Frankfurt bei AS Rom übertragen hat.
Die Frischwoche
3. – 9. Februar
Sportlich wird es ohnehin auch in dieser Woche, wenn ARD und ZDF ab Dienstag jedes Rennen der alpinen Ski-WM übertragen. Dazu passen so ein ganz klein wenig Die Åre Morde, ab Donnerstag bei Netflix – schwedisches Neo Noir um eine suspendierte Polizistin auf Mörder-Jagd im Wintersportresort. Ohne Schnee kommt dagegen die Serienversion von Ian Rankins Krimi-Bestseller Rebus um einen schottischen Cop mit Motivationsstörung, ab Donnerstag bei Magenta TV, aus.
Nach realem Vorbild ermittelt Nina Kunzendorf tags drauf vier Teile lang in der ZDF-Serie Spuren, die sie als Kriminalrätin Barbara Kramer in der baden-württembergischen Provinz verfolgt, wo zwei Frauenmorde miteinander verbunden sind und abermals belegen: Nina Kunzendorf würde man vermutlich auch beim Schafe-Hüten gerne zusehen. Ob das Gleiche für Serie Máxima gilt, ein sechsteiliges Biopic (Dienstag, 21.45, Neo) über die holländische Prinzessin an der Seite von König Willem? Na, ja…
Was indes unbedingt empfehlenswert wäre, ist parallel dazu die Near-Future-Dystopie Cassandra. Ab Donnerstag zieht ein Ehepaar aus Hamburg mit Kind und Kegel in ein Smart Home der Siebzigerjahre. Als dessen KI in Gestalt eines vernetzten Haushaltsroboters (Lavinia Wilson) zum Leben erwacht, beginnt ein Sechsteiler, der zwar durchaus Fragen nach Fortschritts- und Technologiegläubigkeit stellt. Er legt allerdings spürbar mehr Wert auf Thriller-Elemente als Ethik-Debatten.
Macht aber nichts. Denn wie Showrunner Benjamin Gutsche beides ausbalanciert, ist für deutsche SciFi-Verhältnisse ausgesprochen pfiffig. Pfiffiger vermutlich als Freshtorges Reality-Persiflage Einsame Herzen, tags drauf in der ZDF-Mediathek. Mit ebenso vielen Klischees spielen zwei US-Formate: Bereits heute startet das zehnteilige FBI-Anime Common Side Effects um durchgeknallte Agenten bei Warner. Und ab Donnerstag struggelt ein Waschstraßen-Besitzer aus dem reaktionären Alabama in der Prime-Serie Clean Slate damit, dass sein Sohn als Trans-Person zurückkehrt.
Es fällt zusehends schwer, als Journalist herauszufiltern, was die Weltpolitik katastrophaler macht. Dass sie mit Donald Trumps Wahl und seiner Fanbase zur Broligarchie stinkreicher Männer wird? Dass längst auch Netflix und Prime den Ring des Diktators im Weißen Haus küssen und lieber Millionen für die Filmrechte an Melania Trumps Biografie als Faktenchecks ausgeben? Dass pluralistische Medien für pluralistische Berichterstattung künftig strafbar gemacht werden?
Die Liste ernüchterter Relativsätze ließe sich von Microsofts 500-Milliarden-Spritze in den Arbeitsplatzfresser KI über Elon Musks römischen Hitlergruß bis zur Einschränkung sämtlicher Medien, die AfD sei (wie dieser Logik folgend auch die kommunistische NSDAP) nur in Teilen rechtsextrem, endlos fortführen und sorgt unter Vernunftbegabten für stilles Entsetzen – oder auch mal verblüffend lautes. Etwa beim entnervten Phoenix-Dolmetscher Frank Deja.
Sein Zwischenruf bei der Übersetzung von Trumps Amtseinführungsgefasel, „wie lang bleiben wir noch bei diesem Scheiß?!“, ist schon jetzt legendär. Wobei man die Frageklage direkt an den rbb weiterleiten könnte. Wie lange schafft es der Hauptstadtsender noch, seine Inkompetenz zu kultivieren? Nachdem man zwischenzeitlich dachte, Katrin Vernau hätte den Laden vorm Wechsel zum WDR einigermaßen zukunftsfähig saniert, macht er sich mit einer Nicht-Recherche zum Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar unmöglich.
Fehler passieren, Fehler sind menschlich. Bei einer Verdachtsberichterstattung den Namen der Hauptbelastungszeugin Anne K. nicht mal pro forma zu googeln – das ist allerdings fast so verwerflich wie das Verhalten all derer, die Gelbhaar offenbar aus der eigenen Partei gemobbt haben. Wie schön, dass die Branche doch noch Zeit und Muße für die Thematisierung wirklich wesentlicher Dinge hat. Und dein, damit ist leider nicht der Klimawandel gemeint.
Dem messen derzeit schließlich weder Politik noch ihre Berichterstattung auch nur annähernd angemessene Bedeutung bei. Aber wenn Luise Neubauer ein sexy Abendkleid mit Hot Hotter Dead auf dem Berliner Presseball spazieren trägt, dann reagieren zumindest die notgeilen Sabberlappen der Bild-Redaktion erwartbar erregt und hören sogar ganz kurz mal auf, den Klimawandel zu leugnen.
Die Frischwoche
27. Januar – 2. Februar
Was beim Springer-Verlag (noch) noch niemand leugnet, ist die Shoah inklusive Existenz des Vernichtungslagers Auschwitz, dessen Befreiung sich heute zum 80. Mal jährt. Das findet sich natürlich auch im Fernsehen wieder. Zumindest partiell. Denn während die Öffentlich-Rechtlichen dem Tag zumindest außerhalb der Primetime gedenken, machen Sat1 und RTL, Kabel1 und RTLzwei, Vox, One und vier Dritte business as usual. Ein Wettstreit der Niedertracht, mit Sonderpreis für 3sat, das um 21.45 Uhr allen Ernstes die schönsten Bahnhöfe der Welt feiert.
Eine Übersicht liefert das montagsfernsehen hier. Hervorzuheben wäre aber das abgefilmte Theaterstück Die Ermittlung mit Rainer Bock als Richter im ersten Auschwitzprozesse und drei Dutzend prominenter Darsteller*innen als Opfer & Täter. Dieses vierstündige Echtzeitepos läuft sowohl bei Arte und Sky als auch in der ARD-Mediathek und ist der größtmögliche Kontrast zum Dschungelcamp, das 2024 bereits ab 20.15 Uhr ums Publikum kämpft – mit Methoden, die sich zusehends abnutzen, aber immer noch Höchstquoten erzielen.
Die dürfte auch das Erste bejubeln, wenn sein Donnerstags-Krimi aus Brandenburg tut, was alle Reihen mit regionalem Ermittlungsfokus tun: Voyeurismus und Angsttrigger mit Heimatgefühl verknüpfen. Wobei Alina Stiegler als supersensorischer Lausitz-Cop angenehm eigensinnig agiert. In Ostberlin siedelt Alexander Osang ab Freitag die ARD-Serie The Next Level um eine Reporterin (Lisa Vicari) an, die eine den Tod einer US-Touristin recherchiert und dabei ins Netz einer Stadt als Beute neoliberaler Profitinteressen gerät. Mehr darf man über den Plat nicht verraten.
Nahezu nichts darf man über alles, was morgen in der Disney-Serie Paradise passiert, sagen; dafür sind die Plot-Twists in Dan Fogelmans Achtteiler um den Sicherheitschef eines US-Präsidenten schlicht zu überraschend – was den Actionthriller aufs höhere Niveau kluger Milieu- und Gefühlsstudien hebt. Zu beachten wäre noch der Doku-Dreiteiler Die Derbys in der ARD-Mediathek (Samstag) über große Fußballduelle wie St. Pauli vs. HSV oder Spaniens Clásico. Und Liebes-Kind-Star Kim Riedle im ZDF-Fehlurteils-Drama Die Stille der Nacht.
Zum 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung (Foto: Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0) gibt es heute ein reichhaltiges Gedenkprogramm aller Sender und Portale. Nun ja: fast aller. Eine Übersicht des Erinnerns am Bildschirm.
Von Jan Freitag
In Momenten tiefster Dunkelheit sucht der Mensch bekanntlich nach Halt, Orientierung, nach Licht. Und ausgerechnet, als seine Nacht am dunkelsten war, gab es davon besonders wenig. Bis die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau aufstieß und die Finsternis erhellte. Genau 80 Jahre ist dieser Tag her, an dem das nationalsozialistische Terrorregime zwar noch kein Ende fand, aber das Fenster ins Grauen seiner Verbrechen öffnete. Eine Menschenverachtung von so epochalem Ausmaß, dass die Erinnerung daran auch und gerade dem Fernsehen ungemein schwerfällt. Einigen etwas zu schwer.
Denn wer das heutige TV-Programm durchstöbert, findet dort vielerorts nichts, was dem Gedenktag auch nur ansatzweise gerecht würde. Mehr noch: Sat1 und RTL, Kabel1 und RTLzwei, aber auch ein paar Dritte wie WDR, SWR, HR, rbb, ja selbst 3sat machen 80 Jahre nach dem denkbar größten Ausnahmezustand zumindest linear business as usual. Was darin gipfelt, dass Vox, wo schon mal Schindler’s Liste ohne Werbeunterbrechung zur Primetime läuft, Goodbye Deutschland mit dem rassistischen Richter Ronald Schill zeigt und Pro7 von morgens bis abends Comedy.
Falls Humor tatsächlich ist, wenn man trotzdem lacht, hätten empathische Programmplaner vielleicht die KZ-Komödie Das Leben ist schön, Charlie Chaplins Der große Diktator oder zumindest politisches Kabarett gezeigt, aber gut – es gibt ja Alternativen. Die ARD zum Beispiel startet den Tag um 15.55 Uhr mit der Übertragung des offiziellen Festaktes im Vernichtungslager und beendet ihn mit Verfolgt – Die sieben Leben des Dany Dattel, der erst Auschwitz überlebt und später an einem Bankencrash beteiligt war.
Das ZDF überträgt am Mittwoch die Gedenkstunde aus dem Bundestag und zeigt zwei Tage zuvor zwei erstaunliche Fiktionen zum Thema: um 22.15 Uhr die Erstausstrahlung One Life mit Anthony Hopkins als Judenretter im besetzten Prag, gefolgt vom Gegenwartsdrama Am Ende kommen Touristen um Hilfskräfte der polnischen Gedenkstätte aus Deutschland. Öffentlich-rechtliche Staatsauftragserfüllung eben, die in der Mediathek ihre Fortsetzung findet. Dort verhilft das Zweite Widerstandskämpfern (Nicht wie Lämmer zur Schlachtbank), Befreiern (Roadtrip 1945) oder Antisemiten (80 Jahre nach Auschwitz) zu Aufmerksamkeit.
Während sogar die Sendung mit der Maus beim Kinderkanal (Thema Stolpersteine) mehr Erinnerungsvermögen beweist als alle kommerziellen Sender zusammen, läuft der vielleicht wichtigste Beitrag (natürlich) bei Arte. Abseits vom Themenschwerpunkt, den der Kulturkanal bereits seit sechs Tagen online streamt, stellt das gefilmte Theaterstück Die Ermittlung heute (22.45 Uhr) den ersten Auschwitzprozess von 1962 nach. Damit sorgt er vier Stunden lang mit einer Vielzahl prominenter Darstellerinnen und Darsteller um Rainer Bock als Richter für ein ebenso bedrückendes, wie furioses Mahnmal der Schande deutscher Nachkriegsverdrängung.
Interessant dabei ist, dass dieses Meisterwerk im Stil von Eric Friedlers Geschichtsexperiments Aghet, wo der NDR den Völkermord der Türkei an ihrer armenischen Minderheit erzählen lässt, auch bei Wow zu sehen ist. Abgesehen vom History Channel, der Dokumentationen wie das bewegende Dachau-Porträt Heute ist das Gestern von morgen aus Überzeugung zeigt, betreibt ansonsten kein Streamingdienst sichtbares Erinnern. Der des Bezahlsenders Sky dagegen hat ein ganzes Paket geschnürt. Darunter die Erstausstrahlung Der Schatten des Kommandanten, wo Hans Jürgen Höß versucht, sich seinem Vater Rudolf anzunähern.
Als halbfiktionale Version steht der Auschwitz-Leiter (Christian Friedl) neben Gattin Hedwig (Sandra Hüller) auch im Mittelpunkt der oscarprämierten Alltagsstudie „Zone of Interest“ und spielt im Sky-Original The Tattooist of Auschwitz oder Spielbergs Schindlers Liste zumindest Nebenrollen. Im Rahmen eines erweiterten NDR-Kultur-Journals nennt ihn das Kinodrama Aus einem deutschen Leben um 22.45 Uhr zwar Franz Lang. Der Weg des Weltkriegsveteranen zum Massenmörder mit Götz George war 1977 allerdings fast körperlich spürbar. Zeitgleich weicht der BR leicht ab vom üblichen Erinnerungspfad und zeigt die Doku Kunst im Todeslager, während der MDR 35 Minuten zuvor in alter DDR-Tradition das tragikomische Ghetto-Märchen Jakob, der Lügner (CSSR, 1975) zeigt.
Und zum Abschluss noch ein Abschied: Die ZDFinfo-Reihe Auschwitz. Überleben in der Hölle sammelt Geschichten von Opfern und Tätern, deren Wege sich im Vernichtungslager kreuzen. Darunter Häftlinge, ein heimliches Liebespaar, Josef Mengele – und womöglich zum letzten Mal am Bildschirm: die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch. Auch mit fast 100 Jahren noch ein strahlendes Licht im Dunkel der Menschheit.
Nun ist es also amtlich. So amtlich zumindest, wie es in den USA aktuell sein kann: weil der Supreme Court chinesische Infiltration befürchtet, ließ er TikTok am Sonntag sperrt. Eigentlich unbefristet, faktisch aber nur bis heute, wo Donald Trump das Verbot gleich nach seiner Inauguration als Teil einer immensen Zahl präsidentieller Erlasse wieder zurücknehmen und damit weiteres Öl ins Feuer der gesellschaftlichen Zerrüttung schütten will.
Denn auch den Messenger wird der globale Rechtsruck mindestens so weit nach rechts rücken wie aktuell X oder Facebook, denen Trump-Fans wie Elon Musk und Mark Zuckerberg die Faktenchecks verbieten. Dafür sind in der Regel computerisierte Prüfverfahren zuständig, die in der Tat zuweilen mindestens ebenso bedenklich sind wie der Kniefall praktisch sämtlicher Medien- und Tech-Akteure vorm neuen Herrscher im Weißen Haus.
Nach Zeit-Recherchen, also durch Reporter*innen aus Fleisch und Blut, haben Facebook und Instagram allein zwischen Oktober 2023 und 2024 in Europa 168 Millionen Posts gelöscht, weil sie angeblich Hate Speech aller Art enthielten. Zu dumm, dass 161 Millionen davon mit vielfach absurder Begründung durch KI auf den Index kamen, weil der Mutterkonzern Meta die Arbeit echter Menschen massenhaft ersetzen ließ.
Aber gut – wie das Beispiel Katapult zeigt, sind auch die nicht vor Fehleinschätzungen gefeit. Das mecklenburgische Magazin hatte den pfiffigen Einfall, Hunderttausende von AfD-Wahlprogrammen voll volksverhetzender, demokratiefeindlicher Zitate zu verteilen. Zu dumm, dass bereits ein oberflächlicher Faktencheck diverse Fehler aufdeckte der originellen Aktion aufdeckte. Damit schoss Katapult ein ähnliches Eigentor wie die Kommission zur Ernennung vom Unwort des Jahres.
Eigentlich ein lobenswertes Ranking, gewann dieses Jahr Biodeutsch, weil der Begriff angeblich rassistisch sei. Falsch! Denn wie sein Vorvorgänger Herdpremieist er nicht diskriminierend, sondern prangert Diskriminierung an. Und damit zur einzig irgendwie angenehmen Nachricht der Medienwoche: Die sachkundig-sympathische Sportmoderatorin Esther Sedlaczek bleibt der Sportschau bis 2029 erhalten.
Die Frischwoche
20. – 26. Januar
In der ARD darüber hinaus aktuell sehenswert, ist etwa die Fortsetzung von Tokyo Vice über einen US-Amerikaner, der es nach realem Vorbild zum Reporter der größten Zeitung Japans brachte und uns in einer herausragenden Serie die Lebensart des fernöstlichen Landes näherbringt. Neu ist dagegen der sechsteilige Mediatheken-Thriller The Next Level, in dem es ab Freitag um den mysteriösen Tod einer US-Touristin in Berlin geht. Und eine Serie müssen wir hier noch nachholen, weil Netflix nichts darüber verlauten ließ: American Primeval.
Regisseur Peter Berg reist darin nach Mark L. Smiths Drehbuch ins Jahr 1857, als die US-Regierung radikale Mormonen mit Waffengewalt davon abhielt, Utah zum Gottesstaat zu machen. Die Geschichte um eine Siedlerin, die mit Sohn und Scout vorm Gesetz westwärts flieht, mag in ihrer endlosen Abfolge bestialischer Zivilisationsbrüche zwar fast schon surreal brutal sein. Weil sie inklusive mehrerer Protagonisten historisch verbürgt ist, versteht man darin ein bisschen besser, warum die USA den Faschisten Donald Trump erneut wählen konnte.
Komplett fiktionale und dennoch tief in der Realität verwurzelt ist dagegen die Apple-Serie Prime Target. Ab Mittwoch versuchen Geheimdienste einen Cambridge-Studenten davon abzuhalten, das Rätsel der Primzahlen zu entschlüsseln, weil er – Obacht Verschwörungsmythos – damit die Sicherungsprogramme sämtlicher Computer knacken könnte. Das ist zwar manchmal ein bisschen plakativ, aber ungeheuer fesselnd und trotz aller Abstraktion ein bisschen realistischer als die Disney-Serie Whiskey on the Rocks.
Die persifliert parallel dazu nämlich den Kalten Krieg in einer wilden Satire und ist eher drollig als wahrhaftig. Um die Wahrheit geht es der neuen Folge 37° Leben Freitag in der ZDF-Mediathek, wo Nachkommen den Nazi in meiner Familie suchen. Bliebe noch die Disney-Serie High Potential um eine alleinerziehende Ermittlerin ab Donnerstag, und damit alles Gute für die nächsten vier Jahre Donald Trump.
In seiner mitreißenden Doku Die Beatles in Hamburg zeigt Arte, wie die Fab Four auf der Reeperbahn zwar noch keine Weltstars, aber erwachsen wurden.
Von Jan Freitag
Die Annalen jeder Großstadt mit popkulturellem Anspruch enthalten ein, zwei Musikclubs, in denen Blut, Schweiß und Drogen so dick von der Decke tropfen, dass es überregional danach riecht. Düsseldorf hat den Punkschuppen Ratinger Hof, München die Edeldisco P1, Frankfurt das Techno-Mekka Dorian Grey, Berlin mit KitKat, Tresor, Berghain Dutzende Partytempel. Aber das alles ist nichts gegen Hamburg. Einem seiner Viertel fehlt schließlich nur die Überdachung, um im Ganzen als Musikclub durchzugehen: St. Pauli.
Heute enthält das gentrifizierte Arbeiterviertel mit angeschlossener Amüsiermeile zwar deutlich mehr Touri-Kneipen als Tanzflächen. Kaiserkeller, Star Club, Indra haben aber schon deshalb unverändert kosmopolitischen Klang, weil sie etwas Unvergleichliches eint: auf jeder Bühne standen die Beatles bereits zu einer Zeit, als außerhalb Liverpools praktisch noch niemand von ihnen gehört hatte. Lange her, gewiss. Fast 65 Jahre, um genau zu sein.
Dennoch waren die deutschen Flegeljahre der englischen Band so prägend, dass ihnen Roger Appleton eine Dokumentation widmet. Intensive 52 Minuten blickt der britische Regisseur zurück in die Roaring Sixties, als Hamburg auch deshalb ein globaler Popkulturnabel ist, weil der lokale Konzertveranstalter Bruno Koschmider den Liverpooler Kollegen Allan Williams um Bands seiner Heimatstadt bittet. Zunächst kriegt er jedoch bloß fünf picklige Teenager, die buchstäblich fehl am Platze sind.
Bis dahin nämlich, sagt Paul McCartneys spätere Freundin Rosi im Interview, war St. Pauli zwar das weltgrößte Rotlichtviertel, „aber was für ältere Leute“. Erst, als 1959 der Kaiserkeller öffnet, blüht dem Kiez die Jugendkultur – obwohl Koschmieder die Fab Four, seinerzeit noch mit Pete Best statt Ringo Starr und fünf statt vier Mitgliedern, nach ihrer Ankunft erstmal zwei Eingänge weiter ins kleinere Indra schickt. Dort wechselt sich die Coverband Abend für Abend alle 30 Minuten mit einer Stripshow ab. Klingt wenig karrierefördernd.
Doch weil ihr räudiger Gossensound mit jedem Auftritt mehr Gäste anlockt, ziehen die Beatles sechs Wochen später in den Kaiserkeller, wo sie den Kiez, vor allem aber: sich selbst für immer verändern. „Wir sind in Liverpool geboren, aber in Hamburg groß geworden“, sagt John Lennon aus dem Off, und beschreibt damit ziemlich genau die Bedeutung ihrer Jugendherberge mit Elbblick. Denn musikalisch mögen sie erst andernorts ausgereift sein, habituell taten sie es im Takt vom Sex’n’Drugs’n’Gangkriminalität der Hafenstadt.
Als sie lediglich elf Tage vor ihrem ersten Tophit Please Please Me Anfang 1963 den letzten ihrer drei Hamburger Langzeitaufenthalte mit einem Silvesterkonzert im Star Club beendet hatten, „waren die Beatles zwar die Beatles“, gab Lennon mal zu Protokoll. „Aber unsere Kanten waren abgeschliffen.“ Verglichen mit ihrer Heimatstadt war das ausländische Exil schließlich ein Sündenpfuhl, dessen exzessives Nachtleben für Unerfahrene nur mithilfe einer Mischung aus Alkohol und Aufputschmitteln erträglich war – aber eben auch höllischen Spaß machte.
„Wir waren wie Kinder, die von der Leine gelassen wurden“, erzählt Paul McCartney vom Ausnahmezustand Reeperbahn. „In Liverpool kannten wir nur nette Mädchen“, fügt er noch fröhlich hinzu. „Aber wenn du in Hamburg eine Freundin hattest, war sie wahrscheinlich Stripperin.“ Diesen Sprung ins heiße Wasser stellt Appleton im bildgewaltigen Mix aus Familienalbum und Found Footage, Alten Krimis und Anime, Reenactment und einer beachtlichen Auswahl Zeitzeugen nach. Mitmusiker wie Pete Best oder Chas Newby zum Beispiel oder ein halbes Dutzend ortsansässiger Wegbereiter um Jürgen Vollmer und Klaus Voormann.
Mit ihrer Hilfe wird die Doku zur Milieustudie einer unwiederbringlichen Epoche, wie sie auch Ostberlin nach dem Mauerfall erleben durfte. Das macht ihn nebenbei zum Appell an Stadtplaner von heute, Subkultur nicht nur ökonomisch durchzukalkulieren, wie es selbst der rotgrüne Senat tut. Im Gegensatz zum Juni 1961, als die aufstrebende Band den fünften Beatle Stuart Sutcliffe an die progressive Hamburger Kunstszene verloren hat, ist die Hansestadt im Januar 2024 bei aller Restkreativität klinisch tot.
Umso intensiver fängt Appleton das Lebensgefühl der zweitgrößten Städte zweier Nationen ein, die kurz zuvor noch Todfeinde waren und sich dennoch über alle Grenzen hinweg befruchtet haben wie selten in der Musikgeschichte. „Es war ein guter, sauberer Spaß“, meint Paul McCartney zu Beginn bei Arte und korrigiert: „Ein guter dreckiger Spaß“. Wie diese Dokumentation.
Falls noch irgendjemand den Hoffnungsschimmer hegte, die helle Seite der Macht sei stärker: Mark Zuckerberg hat angekündigt, Faktenchecks bei Facebook und Instagram auf zwei, drei nach rechtsaußen anschlussfähige Themen wie Kindesmissbrauch zu reduzieren, weil – tja: Meinungsfreiheit, schon klar. Damit schwenkt der nächste Tech-Milliardär auf Trump-Kurs um und bestätigt sämtliche Befürchtungen der Internet-Frühphase, Social Media öffne die Büchse der Pandora zur Hölle in dem Moment, wo ihre Plattformen von Diktatoren gekapert werden.
Kein Wunder, dass Elon Musk kurz darauf bei X am Rande des digitalen Pettings mit Alice Weidel war. Man kommt dieser Tage halt auch beim Lesen über die Medien gar nicht mehr raus aus dem Doom Scrolling genannten Rabbit Hole niederschmetternder Nachrichten, die am Ende – danke, Algorithmus – einfach krasser performen als hoffnungsfrohe. Auf welcher Seite der Macht hier die Causa Thilo Mischke zu verorten ist, bleibt Auslegungssache.
Dass er titel, thesen, temperamente nun doch nicht moderiert, ist aus emanzipatorischer Sicht ja durchaus zu begrüßen. Was allerdings im Nachgang publik wurde, sorgt dennoch für Kopfschütteln: Offenbar haben nämlich nur zwei der sechs stimmberechtigten ARD-Sender für den mindestens mal leicht misogynen Mischke votiert, darunter auch der BR, mit dem parallel – hoppela – ein ttt-Podcast vereinbart war.
Sein Konkurrent dagegen erhielt doppelt so viele Stimmen, weil er zwar weniger jugendlich, aber kultivierter, seriöser, kompetenter gewesen sein soll. Eine Abstimmung dieser Art trotz Stimmenmehrheit zu verlieren, zeugt davon, wie rücksichtslos Deutschlands staatsvertraglich zu Qualität, nicht Quantität verpflichtete Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ebenso wie die ZDF-Konkurrenz mittlerweile auf Masse statt Klasse setzt, um ihren Bedeutungsverlust zu kompensieren.
Die Frischwoche
13. – 19. Januar
Fernsehsender, in denen der Sportmoderator Jochen Breyer – sein Vorname verrät es – mit 43 Jahren zwar selbst zu alt für die Jusos wäre, aber immer noch als irgendwie jugendlich durchgeht. Umso drolliger, dass er sich Dienstagabend zur immer noch besten Sendezeit im Zweiten auf die Suche nach der Wahrheit über unsere Rente begibt. Ein perfektes Doku-Match. Schließlich paart Breyer klassische Wissbegier so unterhaltsam mit zeitgenössischer Naivität, bis daraus sehr erhellendes Infotainment wird.
In diese Kategorie fällt irgendwie auch die Sky-Serie A Search for Truth, nur korrekt ausgedrückt mit unbestimmtem Artikel. Im Mittelpunkt des Fünfteilers über den terroristischen Abschuss einer Passagiermaschine überm schottischen Lockerbie Ende 1988 steht ab Freitag nämlich ein real existierender Arzt (Colin Firth), der den Verlust seiner Tochter beim Unglück damit kompensiert, bis zur Betriebsblindheit verbissen auf Wahrheitssuche zu gehen, die geschlagene 24 Jahre dauert und bis heute nicht vorüber ist.
Diese Mischung aus Politik-, Gesellschafts-, Familien- oder Courtroom-Drama ist ungeheuer fesselnd – auch und gerade, weil das Raunen über die Geheimdienstverstrickung gelegentlich ins Verschwörungstheoretische abgleitet. In der drolligen Superhelden-Sitcom Extraordinary aus England, die heute bei Neo startet, spielt all dies eher keine Rolle. Im Gengensatz zur Fortsetzung der grandiosen Workplace-Dystopie Severence.
Bei Apple TV+ schickt Regisseur Ben Stiller die Bürogemeinschaft um Mark (Adam Scott) ab Donnerstag erneut ins klaustrophobische Fegefeuer einer seelenlosen Versuchsanordnung, bei der das Erwerbsleben per Implantat vom Privatleben getrennt wird. Und wieder ist die Serie bis an den Rand des Erträglichen steril, aber gerade dadurch ergreifender als alles, was konventionell mit dem Thema Arbeitsalltag umgeht. Wer aber doch lieber doomscrollen möchte: ab Freitag porträtiert die ARD-Mediathek Donald Trump drei Teile lang unterm herrlich depperten Titel Schicksalsjahre eines Präsidenten.
Die Comic-Adaption Nachts im Paradies (Foto: Magenta TV) schickt Jürgen Vogel ab heute bei Magenta TV in die Hölle einer nostalgischen Endzeitserie mit Vater-Tochter-Konflikt. Schade, dass die Form den Inhalt frisst.
Von Jan Freitag
Wer die Schublade mit Jürgen Vogel drauf öffnet, darf sich nicht wundern, wenn er Jürgen Vogel rauszieht. Es dauert deshalb auch Nachts im Paradies nur 300 Sekunden, bis der kernige Melancholiker vom TV-Dienst blutend zu Boden geht, aufsteht, hinfällt, aufsteht, hinfällt und wieder von vorn, bis der Arzt kommen müsste (aber nie kommt). Nach 30 Minuten dieser Magenta-Serie sehen wir ihn dann zum ersten (aber nicht letzten) Mal nackt. Doch erst, als sein Taxifahrer Vince Ende der Startfolge auf dem Motorrad ins Ungewisse eines fiebrig-düsteren Thrillers rast, ist sie komplett: die Kunstfigur, von der Jürgen Vogel kaum je abweichen darf, seit ihn Matthias Glasner zum Film- und Fernsehschmerzensmann machte.
Fast 20 Jahre nach Der freie Wille schickt der Regisseur seinen Leib- und Bauchgrubenschlagschauspieler also mal wieder als abgebrannten, frustrierten, seelenwunden Tunichtgut ins Stahlbad einer endlosen Katharsis. Wie zuletzt in Blochin, Jenseits der Spree oder Informant will Vogel dabei sechs Folgen lang entfremdete Töchter vor einer feindseligen Welt bewahren, bewirkt aber das Gegenteil. 270 Minuten quält er sich und seine Lieben, ihre Gegner und deren Publikum dabei durch den clankriminell versifften Partydrogensumpf einer ortslosen Großstadt, an der Glasner ihn schmerzverzerrt verzweifeln lässt.
Und weil das offenbar noch immer nicht genug der Selbstkasteiung für den deutschen Bruce Willis ist, setzt er Vince nach eigenem Drehbuch obendrein eine Piratenklappe aufs Auge, das ihm bei seiner ersten Fahrt zu Brei gehauen wird. So steckt er viereinhalb Stunden mit halber Sicht bei vollem Einsatz im Morast von Frank Schmolkes gleichnamiger Graphic Novel. Dass er dabei wie John Carpenters Klapperschlange aussieht, ist aber keineswegs der einzig nostalgische Twist einer Comic-Adaption, deren Drama, Ästhetik, Sound und Pathos generell an 1981 erinnern.
Damals hatten Filmemacher wie John Carpenter, Luc Besson oder Ridley Scott einen Cyberpunk kreiert, der perfekt zur Eskalation des Kalten Krieges passte. Im sauren Regen der drohenden Atomkatastrophe waren die durchgeknallten Charaktere und Szenerien von Blade Runner über Subway bis Terminator dem dystopischen Wahnsinn ringsum absolut angemessen. Wenn Glasner die irr lachenden Freaks und Gangster von damals nun ins Digitalzeitalter allgegenwärtiger Smartphones überträgt, wirft das jedoch Fragen auf.
Etwa die, ob Nachts im Paradies Hommage oder Plagiat ist? Antiquiert oder zeitlos? Originell oder prätentiös? Furchtbar oder liebenswert? Alles davon oder nichts? Eine Antwort fällt schon dank der verschachtelten Story um Immobilienspekulation und Verschwörungsideologien, männliche Gewalt und weibliche Selbstermächtigung im Turbokapitalismus schwer, den Schmolkes Version am Beispiel des kriselnden Taxigewerbes kritisiert. Da Skript und Regie das schwarzweiße Original allerdings fast schon besessen mit magischem Realismus kolorieren, ist die Filmfassung von Anfang an heillos überfrachtet.
Jedes Bild von Belang, jeder Satz provokant, jede Regung gewichtig. Puhhhh… Kostüme und Kulissen, Licht und Ton, Personal und Charaktere, Aleksandar Jovanovics Zuhälter und Birgit Minichmayrs Edelhure – alles wird hier so hartnäckig auf Bedeutung gebürstet, bis vieles banal wirkt. Während es in ewiger Nacht ständig wie aus Kübeln (obgleich ausschließlich auf Vince‘ Windschutzscheibe) gießt, scheint ständig die Sonne durchs Fenster. Wenn Vater und Tochter (Lea Drinda) der Journalistin Elli (und damit uns) unabhängig voneinander im verwahrlosten Fabrikloft die Geschichte erzählen, raschelt zudem bei jedem Wort Drehbuchpapier.
Ohne zu zögern, stocken, stammeln sondern aber auch alle anderen unablässig Kalendersprüche à la „man hat die Wahl zwischen `ner bitteren Wahrheit und `ner süßen Legende“ oder „der Mensch ist weder Engel noch Bestie, sein Unglück ist, dass er umso bestialischer wird, je mehr er versucht, ein Engel zu sein“ ab. Angesichts dieser kommunikativen Künstlichkeit bleibt lange offen, was mehr nervt: Lea Drindas zappeliges Vergewaltigungsopfer auf Rachefeldzug oder Jürgen Vogels apathischer Passivitätstäter auf Wiedergutmachungstour. Umso erstaunlicher ist da, wie ergreifend viele Einzelschicksale abseits der zwei Hauptfiguren sind, was die oberflächliche Eskalationsspirale zwischenmenschlich bricht, welchen Sog Nachts im Paradies dadurch mitunter entwickelt.
Die Beziehung der Transperson Ursli (Nils Rovira-Muñoz) zum schwulen Cop Martin (Torben Liebrecht) etwa oder das Verhältnis des freigeistigen Hippies Lucia (Malaya Stern Takeda) zur karrieristischen Elli (Lea Zoe Voss) sind dank weiblicher Beteiligung an Buch (Hannah Schopf) und Regie (Bettina Oberli) anrührend, ohne rührselig zu sein. Überhaupt glitzert der viel zu laute, dunkelbunte Hochglanzstoff immer dann besonders, wenn er die leisen Töne anschlägt. Zu schade, dass sie in Glasners Eskalationsspirale oft erfollos um Aufmerksamkeit betteln. Aber wie gesagt: wer Jürgen bestellt, kriegt Jürgen Vogel. Den Schmerzensmann der Film- und Fernsehunterhaltung. Diesmal noch dramatischer mit Augenklappe.
Ob der Kampfbegriff Cancel Culture grundsätzlich falsch oder richtig ist, liegt natürlich am Cancelnden ebenso wie am Gecancelten. Aber dass die ARD dem misogynen Sprachgewalttäter Thilo MischkeTitel, Thesen, Temperamente wieder entzogen hat, ist ein gutes Zeichen für die Selbstheilungskräfte der pluralistisch-liberalen Gesellschaft. Ein weniger gutes Zeichen ist, dass Cancel Culture wie gewohnt nur unter den Wohlgesinnten wirkt.
Während die eigene Bubble den menschlich heiklen, aber politisch soliden Kindskopf bedenkenlos beiseiteschiebt, werden Fans ehelicher Vergewaltigungen mit Männerfimmel voraussichtlich Bundeskanzler und Geistesverwandte wie Dieter Nuhr oder Luke Mockridge weiter bestens für ihre Frauenverachtung bezahlt. Immerhin haben wir noch keine amerikanischen Verhältnisse, in denen die Verachtung aller ethischen Grundwerte Einstellungskriterium einflussreicher Posten ist.
Umso selbstbewusster wäre es, die internationale Einflussnahme auf deutsche Politik bei Springer oder X ein bisschen gelassener zu sehen. Dass Elon Musk oder J.D. Vance zur Wahl der AfD aufrufen, dürfte allenfalls die Überzeugten noch ein wenig mehr überzeugen. Wer Ratschlägen faschistoider Milliardäre und/oder Politiker folgt, ist für den politischen Diskurs vermutlich ohnehin längst verloren. Und damit zur unappetitlichen Ablenkung von derlei Unappetitlichkeiten: RTL hat das Dschungelcamp besetzt.
Wohl bekomm’s, Alessia Herren, Maurice Dziwak, Edith Stehfest, Yeliz Koç, Anna-Carina Woitschack, Sam Dylan, Timur Ülker, Nina Bott, Lilly Becker, Pierre Sanoussi-Bliss, Jörg Dahlmann und Jürgen Hingsen, von denen gut die Hälfte dem eigenen Reality-Saft entstammt. Knapp die Hälfte der Golden Globes gingen gestern an Shōgun und Hacks, aber warum mit Disclaimer, Ripley oder Mr. & Mrs. Smith die drei originellsten Serien des Jahres leer ausgehen, weiß nur die Jury.
Die Frischwoche
6. – 12. Januar
Von den Neuerscheinungen dieser Woche werden wir bei der Preisverleihung 2026 vermutlich aber nichts wiedersehen – auch wenn das aufgeblasenste Format der Woche viel dafür tut. In der Magenta-Serie Nachts im Paradies kämpft Jürgen Vogels Taxifahrer Vince auf Grundlage einer gleichnamigen Graphic Novel mit allem, was CGI und Kulisse hergeben ums Wohlergehen seiner Tochter (Lea Drinda). Beide zelebrieren jedoch so aufdringliches Overacting, dass die konsumkritisch-feministische Kernaussage ab Mittwoch leider verloren geht.
Das nervt fast so sehr, dass man sich den Sechsteiler glatt schön saufen würde – wovor einen parallel dazu allerdings die ARD-Doku Warum wir immer weiter trinken bewahrt, in der unsere toxischer Alkoholmissbrauch mithilfe einer illustren Talkrunde entlarvt wird. Zwei Tage später dann entlarvt sich das ZDF erneut als PR-Nebenabteilung der Fußball-Cashcow Bayern München – diesmal mit einer fünfteiligen Gossipserie zum FC Hollywood der 90er.
Was ebenfalls Freitag startet: Die ziemlich lustige, originell besetzte Prime-Mockumentary Gerry Star aus dem Bowling-Zirkus deutscher Mittelstädte. Zeitgleich blickt Arte zurück auf Die Beatles in Hamburg – und räumt hoffentlich mit dem selbstverliebten Mythos auf, ein paar Wochen der Band an Alster und Elbe hätten irgendeine Relevanz für ihr Werk gehabt. Tags zuvor kehrt allen Ernstes Peter Illmanns Musiklegende Formel1 zu Kabel1 zurück. Samstag dann begleitet das RTL-Porträt Unser Team die Nationalmannschaft durch 2024.
Das Schmuckstück der Woche läuft aber in der ARD-Mediathek. Dort startet zum Wochenende das Sozialexperiment A Better Place, in der 300 Häftlinge einer fiktiven Großstadt freigelassen werden, um eine Gesellschaft ohne den Zwang geschlossener Knäste auszutesten. Das könnte populistisch werden, ist dank des dezenten Drehbuchs von Headwriter Alexander Lindh und seines sensationellen Ensembles um Katharina Schüttler aber schon jetzt eine der besten Drama-Serien des Frühjahrs.