Axel Milberg: Borowski & der Abschied

Bodenständig ist mir zu wenig

Nach 44 Fällen in 22 Jahren verlässt Axel Milberg den Tatort. Film & Fernsehen aber bleibt der 68-Jährige Münchner aus Kiel auch künftig erhalten. Ein Gespräch über seinen Abschlusseinsatz Borowski und das Haupt der Medusa, (Foto: Christine Schröder/NDR) neue Freiheiten, lebende Leichen, spirituelle Seiten und was er mit seinem Alter Ego Klaus Borowski gemeinsam hat – oder auch nicht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Die ARD hat das Ende von Borowskis letztem Fall vorab nicht gezeigt. Spricht das für einen Abgang mit Knalleffekt?

Axel Milberg: Kanonenschlag oder Tischfeuerwerk? Das ist hier die Frage. Ich darf natürlich nichts verraten, aber es ist sein letzter Arbeitstag vorm Renteneintritt – da stört ein größerer Fall, der sich so rasch nicht lösen lässt, die anstehende Feier gewaltig. Wobei Borowski überhaupt erst entdeckt, dass es einen gibt, als er seinen Reisepass verlängern will. Es soll für ihn ja irgendwie weitergehen. Aber noch ist die letzte Minute seines Lebens als Polizist nicht angebrochen…

Sind Sie vorab gefragt worden, welche Ihnen da vorschwebt?

Sehr früh sogar. Und dann saß ich da, hatte alle Freiheiten, aber was willst du nach 20 Jahren wirklich? Wie gut kenne ich Klaus Borowski und wie geht die Geschichte aus: Tod oder Abschiedsfeier, Segelboot oder Innenministerium, taucht die ferne Tochter aus Kanada auf oder die Exfrau? Da gäbe es 1000 Möglichkeiten.

Zu denen im „Tatort“ längst Zeitreisen und Zombies zählen. Wünschen Sie dem Format zum Abschied da mehr oder weniger Mut?

Es ist wunderbar und notwendig, neue Sachen auszuprobieren. Der Zuschauer wird auch hier entscheiden, was weitergeht. Aber nicht er allein. Denn ich denke, die Fälle müssen noch mutiger politische Gefährdungen aufgreifen und gegen die galoppierende Blödheit anerzählen.

Ihr Abschlussfall ist hingegen eher unpolitisch, dafür was für morbide Gothic-Fans…

Das hat der wunderbare Sascha Arango entwickelt, nachdem sein Exposé breite Zustimmung gefunden hatte. Und dann heißt es erst mal, ihn in Ruhe lassen. Arango ist Borowskis Head-Autor und kennt seinen Klaus am besten.

Kennt er denn auch seinen Axel oder mag der es eigentlich bodenständiger?

Bodenständig ist auch mir zu wenig. Es gibt märchenhafte Elemente, wenn man darunter versteht, tiefe Wahrheit in tückischer Idylle zu verbergen. Borowskis Gegenspieler ist der gepeinigte Sohn einer aggressiven Mutter, und er wird mit der Zeit immer auffälliger. Das kann gefährlich werden.


Borowski folgt dabei oft Gefühlen. Würden Sie ihn als Instinkt- oder Intellekt-Kommissar bezeichnen?

Er ist instinktiv, aber mit Mila als Co-Ermittlerin kommt das rationale Gespräch hinzu, denn am besten geht beides Hand in Hand. Borowski ist ja nicht sehr bürokratisch, er erklärt sich ungern, hört aber gerne zu und sagt irgendwann, was ihm zuvor klargeworden sein muss, bis er absolute Sicherheit hatte.

Was kennzeichnet ihn noch?

Cord und Volvo. Beides zeigt sein Bedürfnis nach etwas Häuslichem. Wer immer unterwegs ist, nimmt wie eine Weinbergschnecke sein Haus mit sich.

Teilt er das Verkapselte mit Ihnen?

Was ein Mensch über sich selbst sagt, ist in der Regel unbrauchbar, entweder macht er sich zu groß, zu klein, zu niedlich, zu lässig. Deswegen befrage ich zwar nicht häufig, aber manchmal meine Frau zu diesem Thema. Erfreulicherweise hält sie mich meist für offen, unkompliziert und heiter. Während Borowski nur für seinen Beruf zu leben scheint, genieße ich das Leben in seiner Vielfalt. Ich mache und habe Fehler, weise sie anderen aber ungern nach. Alles Lehrerhafte ist mir fremd.

Und das Spirituelle, von dem Borowskis Fälle ja oft geprägt waren?

Tatsächlich habe ich immer mehr Zugang dazu. Das Geheimnis liegt an der Oberfläche; man muss nur genau hinschauen. Und hinhören.

Was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn Klaus Borowski im Spin-Off von Stahlnetz 2022 erfolgreicher gewesen wäre?

Das Konzept war damals, für jeden Fall eine neue Ermittlerin oder einen neuen Kommissar zu nehmen. Einmal hieß der eben Klaus Borowski; ein sperriger, teamunfähiger Einzelgänger.

Im Grunde also gar nicht weit entfernt vom Tatort-Kommissar ein Jahr später – was 2003 noch als schauspielerische Endstation galt. Sie allerdings haben trotz zwei bis drei Fällen pro Jahr sogar mehr anderes gedreht. Sind Sie Workaholic oder können Sie einfach schlecht nein sagen?

Bei zwei Fällen pro Jahr ist das doch normal! An wie vielen der 365 Tage arbeitet denn ein Arzt oder Kfz-Mechaniker? Es ist sinnvoll, als Schauspieler wahrgenommen zu werden, der nicht nur Kommissar dieser starken Marke Tatort ist!

Haben Sie bei dieser Marke so was wie einen Lieblingsfall von den 44 in 22 Jahren?

Ich mag bestimmt ein knappes Dutzend richtig gerne. Welcher ist denn Ihrer?

Definitiv Der Himmel über Kiel.

Den die Konsumenten von Liquid Ecstasy über sich erblicken, oh ja. Studio Hamburg und der NDR haben mich in der Absicht, mit Regisseurinnen und Regisseuren zusammen zu kommen, die eine neue Sicht aufs Erzählen, aber auch die Welt hatten, stets unterstützt. So konnten wir mit Schwochow, Wnendt, Alvart, Tabak, Çatak unvergessliche Filme entwickeln. Aber auch Kraume, Rohde, Garde, Wagner und vor allem Andreas Kleinert waren Glücksfälle. Ich muss unbedingt zwischendurch mal kurz allen Produzentinnen, Producern und Redakteurinnen danken für ihren ungewöhnlich kämpferischen Einsatz! Danke. 

Wurmt es Sie angesichts dieser Fülle großer Regisseure manchmal, dass keiner Ihrer Tatorte einen Grimme-Preis bekommen hat?

Jetzt, wo Sie es abfragen, ja! 

Jetzt kommt Borowskis Finale, das im Viertel Ihrer eigenen Kindheit spielt. War es so düster, wie der Name Düsternbrook andeutet?

An manchen Stellen ja. Scheinbar unbewohnt, keine spielenden Kinder, viel Regen. Hinter den Fenstern angedeuteter Wohlstand, überaltert, die Paare verreist. Solche Viertel hat aber fast jede Stadt. Das Haus, in dem der letzte Fall spielt, steht allerdings gar nicht in Kiel, sondern im Osten Hamburgs, auf dem Weg zum Sachsenwald.

Bevor Borowski dort auftaucht, sitzt er im Reisebüro und sagt: Best-Ager klingt toll. Ist es toll, ein Best-Ager zu sein?

Natürlich nicht! Ich liebe das Leben und finde, dieses beschönigende Wort macht sofort melancholisch. Wie „herbstblond“ oder „80 ist das neue 60“. Ich will damit nichts zu tun haben. Meine Schwiegermutter sagt, sie ist jetzt 87, das Alter ist mir scheißegal, aber man kann natürlich was gegen zu schnelles Altern tun: Nicht rauchen, Enkel, Quizsendungen, ohne dabei zu naschen, große Spaziergänge, weg mit dem Handy, Nachrichtendiät! Das hilft bestimmt im Moment. Humor soll übrigens auch nicht schädlich sein. Noch tut bei mir nix weh!

Wie wichtig ist Nähe zu den eigenen Wurzeln? Sie leben ja in München, also ziemlich weit weg von der Heimat des Nordlichts Milberg…

Als Schauspieler bin ich ja nun viel in Gedankenwelten unterwegs. Da braucht es drumherum – für mich zumindest – ein friedliches Leben, und das schenkt mir die Familie. Meine Frau Judith ist Münchnerin, die vier Söhne sind dort geboren, ich spüre viel Süden. An einem bayerischen See bei saurem Radler auf schneebedeckte Berge schauen: da ist nix verkehrt. 

Machen Sie trotzdem nach Borowskis Pensionierung wie er erstmal eine Weltreise oder arbeiten einfach weiter?

Beides zugleich. Reisen, aber nicht als Tourist, sondern mit Menschen in der Arbeit zusammenkommen wie voriges Jahr, als ich in Neumünster und Wiesbaden mit Lang Lang und seiner Frau Alice Karneval der Tiere aufgeführt, davor vier Monate in Budapest und danach zwei Monate in Brasilien gedreht habe, ich bin einfach sehr dankbar für alles.

Auch, dass dieser Aufwand mit Rundfunkgebühren finanziert wurde?

Den zahle ich selbstverständlich gern. Unabhängige Nachrichten, Vermittlung von Meinungsvielfalt und Wissen sollten durch den Verbraucher finanziert werden. Dass davon allerdings auch überzogene Pensionszahlungen finanziert werden, sollte rasch überprüft werden und aufhören.


CumEx: Banker-Serie & Banker-Buddy

Gefräßige Banken

Im Achtteiler Die Affäre Cum-Ex arbeitet das ZDF (in der Mediathek) den bislang größten Steuerraub der Geschichte fiktional auf. Und zwar trotz der Länge unbedingt sehenswert – schon, weil der vergessliche Banker-Buddy Olaf Scholz darin als einziger mit Klarnamen eine tragende Nebenrolle spielt.

Von Jan Freitag

Geld, geht ein kapitalismuskritisches Sprichwort, macht nicht satt, sondern hungrig. Wer sich in der Besitzmaximierungskonsumgesellschaft von heute aufhält, dürfte ihm kaum widersprechen. Wer Die Affäre Cum-Ex im Zweiten sieht, dürfte es sogar noch zuspitzen. Geld, das lehren ihre acht Folgen, macht den Homo Oeconomicus ja nicht hungrig, sondern verfressen. Und ein besonders gefräßiges Exemplar fasst den Appetit kurz vorm Finale kurz zusammen.

„Es gibt nur zwei Dinge, die einen wirklich frei machen“, sagt der betrugsverdächtige Investmentbanker Dr. Bernd Hausner bei Trüffelpasta zur ermittelnden Staatsanwältin Lena Birkwald: „Alles zu haben oder nichts.“ Denn so lange man danach strebe, irgendetwas zu besitzen, „sind Sie ein Sklave Ihres Begehrens“. Ob 20 Euro oder 20 Millionen. Wobei es in seinem Fall das Siebentausendfünfhundertfache ist.

Um 150 Milliarden Euro hat ein Netz internationaler Banken nämlich Staaten wie die USA oder Deutschland ab 2007 geprellt. Mindestens. Das Prinzip dahinter: Aktien mit (cum) oder ohne (ex) Dividendenanspruch so zu verschieben, bis einmal – zuweilen sogar keinmal – entrichtete Kapitalertragssteuer doppelt zurückverlangt werden kann. Klingt kompliziert? Ist kompliziert! Und zwar derart, dass trotz aller Versuche, Licht ins Dunkel der nimmersatten Finanzindustrie zu bringen, nur Fachleute verstehen, was genau CumEx bedeutet.

Wenn Showrunner Jan Schomburg Steuerkassen in aller Welt plündern lässt, verwendet sein Writers Room deshalb viel Mühe darauf, das Unerklärliche verständlich zu machen. Vorweg: es bleibt das Einzige, woran Die Affäre Cum-Ex in der ZDF-Mediathek scheitert. So oft Jäger wie Gejagte versuchen, das titelgebende Selbstbereicherungsprinzip mit Kindergeld, Flaschenpfand oder Flüssigkeiten plausibel zu machen – für eine Unterhaltungsserie ist die Materie einfach viel zu abstrakt. Umso beachtlicher, dass X-Filme und Beta im Auftrag des Ersten Dänischen und Zweiten Deutschen Fernsehens ebenso amüsantes wie relevantes Historytainment kreiert haben.

Kurz vorm Brexit baut der promovierte Jurist Hausner (Justus von Dohnányi) mit dem jungen Steueranwalt Sven Lebert (Nils Strunk) ein scheinlegales Profitmaximierungssystem auf, das Tausende Millionäre reicher macht und Dutzende Staatskassen ärmer – bis die Kölner Staatsanwältin Birkwald (Lisa Wagner) und die Kopenhagener Finanzbeamtin Brøgger (Karen-Lise Mynster) Wind davon kriegen. Als sich ihre Ermittlungen kreuzen, fragt sich kurz, ob es mehr als die üblichen sechsmal 45 Minuten braucht, um diese Wirklichkeit zu fiktionalisieren.

Antwort: unbedingt! Auf Grundlage der Recherchen eines europäischen Presse-Pools unter Leitung des Correctiv-Reporters Oliver Schröm alias Schromm (Fabian Hinrichs) hat Jan Schomburg Writers Room schließlich einen Wirtschaftsthriller der besonderen Art kreiert. Ästhetisch zwischen Philipp Käßbohrers Wirecard-Groteske King of Stonks und Raymond Leys Dokudrama Der große Fake, füllt das Regieduo Dustin Loose und Kaspar Munk neueren Wein mit einer Spur Ocean’s Eleven in ältere Schläuche.

Anders als beim „Wall Street“-Gangster Gordon Gecko beginnt das glitzernde Kartenhaus angeblich guter Gier ja bereits nach einer von sechs Stunden zu kollabieren. Und anders als in Lisa Blumenbergs Geniestreich Bad Banks malt Schomberg kein Sittengemälde hessischer Hochhausschluchten, sondern der ganzen Marktwirtschaft im Börsenrausch. Während Brokerserien oft der Faszination des Bösen erliegen, heftet sich das ZDF an die Fersen seiner exekutiven Feinde und geleitet sie durchs Wechselbad der Gefühle machtloser Institutionen.

Dank deutscher Beteiligung gerät dabei auch dieses internationale Reenactment mitunter arg didaktisch. Birkwalds Funktionsjacke zur Illustrierung ihrer Bodenständigkeit kramen bloß hiesige Kostümbildner noch aus dem Fundus. Und dass der neureiche Lebert nicht nur proletarische Eltern (klassenbewusst wie immer: Thorsten Merten) hat, sondern beim Erstbezug seines Luxusbüros über Mainhattans auf Obdachlose blickt, unterstellt seinem Publikum, für Understatement ungeeignet zu sein. Vieles leicht überinszeniert, alles kein Problem.

Denn Lisa Wagner dabei zu beobachten, wie sie Justiz, Behörden, Politik per Standleitung Belege strafbarer Umtriebe liefert und bestenfalls Ignoranz, schlimmstenfalls Widerstand erntet – das allein ist den doppelten Rundfunkbeitrag pro Stream wert. Birkwalds entgeistertes, aber zielstrebiges Gesicht verkörpert geradezu gespenstisch plausibel die Akribie ihrer realen Vorbilder. „Es sind mehr Menschen käuflich, als man denkt“, stellt eine Kollegin mal ernüchtert fest. „Sie nicht?“, fragt Birkwald. „Nö“, lautet die Antwort. Punkt.

Die Würze der Serie liegt also in ihrer kommunikativen Kürze. Etwa, wenn sich skrupellose Banker nach Hausdurchsuchungen über Rücksichtslosigkeit beklagen. Oder Birkwald vorm EU-Gremium für Justizkooperation 3:10 Minuten lang beteiligte Banken vorliest. Echte Banken von A wie ABN Amro bis W wie West LB, deren Manager mithilfe willfähriger Politiker – fast allesamt Männer – am größten Steuerraub der Geschichte beteiligt waren. Schade, dass die ZDF-Justiziare nur einen Klarnamen gebilligt haben: Olaf Scholz.

Dessen Karriere, sagt der Investigativ-Journalist Schromm vorm Erscheinen eines entlarvenden Artikels im Staffelfinale, sei damit vorbei. Na ja. Kurz darauf wird der vergessliche Banker-Buddy Bundeskanzler. Auch das erzählt Die Affäre Cum-Ex – und ist bei allem Fatalismus doch ein humorvolles Plädoyer für Fernsehen mit Haltung über Themen mit Bedeutung voller Menschen mit Prinzipien. Es macht von der ersten Serienminute an hungrig auf mehr.


Peter Kurth: Herbert & Totenfrau

Wir Mecklenburger reden ja nicht viel

Seit seinem Durchbruch als Preisboxer Herbert vor gerade mal zehn Jahren ist Peter Kurth (Foto: Netflix) der spätberufene Film- und Fernsehschauspieler Deutschlands Subkultur-Stoiker schlechthin. Ein Gespräch über rote Fäden, Markenbildung, stille Kämmerlein und seinen Gangster in Staffel 2 der Netflix-Groteske Totenfrau.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kurth, gibt es etwas, das Ihre Rollen miteinander verbindet, eine Art roter Faden?

Peter Kurth: Auf jeden Fall: Ich selbst. Trotz des Versuchs, mit jeder Rolle in andere Gedankenwelten unterschiedlicher Situationen vorzudringen, bleibt es am Ende ja meine Person, die ihn unternimmt. Als junger Mensch wollte ich so weit weg wie möglich von mir agieren, habe im Lauf der Zeit aber gelernt, dass die Zuschauer Kontinuität schätzen. Je weiter ich mich von mir als Darsteller wegbewege, desto eher haben sie das Gefühl, der spielt mir nur was vor.

Und das ginge zu Lasten der Glaubwürdigkeit?

Tendenziell ja. Dieses Austarieren von Nähe und Distanz bildet einen Wesenskern meines Berufes. Der rote Faden sind deshalb meine Erfahrungen, meine Geschichte, mein Gesicht. Was haben Sie denn für einen entdeckt?

Eine Art Stoizismus. Auch Ihr Gangster Badal Sarkissian hat sechs Folgen Totenfrau nicht nur nahezu den gleichen Gesichtsausdruck und Tonfall, sondern unverwüstlichen Gleichmut. Ist das nur seine Mentalität oder ein bisschen auch Ihre?

Wir Mecklenburger reden ja nicht so viel, und schon gar nicht zu viel. Unsere Mentalität besteht darin, so wenig wie möglich zu zeigen und dennoch genug auszusagen. Diese Form der Ausdrucksmöglichkeit suche ich auch für meine Figuren. Sarkissian ist da das beste Beispiel: seine Auftritte sind durchgehend sehr prononciert, nutzen aber nur das Nötigste an Worten. Das ist auch Ergebnis einer eigenen Suche, auf die ich zusehends bewusst gehe. Trotzdem ist jede Rolle dabei grundsätzlich neu.

Folgt diese Suche auch einer Form von Markenbildung, dass die Leute wissen, woran sie mit Ihnen sind?

(überlegt lange) Natürlich freut man sich über einen Wiedererkennungswert. Noch mehr aber will ich meine Rollen ausloten und füllen. Es geht um die Geschichte, nicht um mich. Und dabei versuche ich trotz Wiedererkennbarkeit meine Bandbreite zu vergrößern, um nicht nur Bösewichte oder Kriminalisten zu spielen, sondern relative normale Menschen mit relativ normalen Existenzen.

Sind letztere am Ende sogar spannender als exaltierte, extreme Persönlichkeiten?

Scheinbar schon. Fehlende Konturen zu spielen ist nicht ohne. Aber auch exponierte Persönlichkeiten wie Sarkissian erfordern es für mich beim Spielen, den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, hinter seine Fassade zu blicken, seine Ängste offenzulegen, seine Motive, seine Geschichte.

Dringen Sie dabei tiefer als das Drehbuch? Sind sie ein recherchierender Schauspieler, der seine Figuren bis ins kleinste Detail begreifen will, um sie begreiflich zu machen?

Das bin ich.

Nehmen Sie Ihre Rollen nach Drehschluss dann mit nach Hause oder legen Sie sie an der Garderobe ab?

Garderobe, ganz klar.

Selbst einen Charakter wie den abgewirtschafteten Preisboxer „Herbert“, der Sie vor zehn Jahren sicher mit Haut und Haaren einvernommen hat?

Da war es in der Tat schwierig – schon, weil ich mich für ihn auch körperlich stark verändern musste. Aber selbst da war es mir wichtig, mein privates Umfeld damit in Ruhe zu lassen und sich gegebenenfalls zu separieren und irgendwann klar zu sagen, der bleibt jetzt draußen. Was erzählt mir denn sonst meine Frau, wenn Sie nicht mich, sondern Herbert im Haus hat (lacht).

Ist das immer gleich leicht?

Schön wär’s… Beim zweiten Polizeiruf zum Beispiel, als es um die Tötung eines Mädchens ging, muss man als jemand wie ich, der nicht nur Vater, sondern Großvater ist, völlig klar im Kopf werden, um das abzustreifen.

Das Team vom ARD-Dreiteiler NSU-Komplex hat sich Tag für Tag nach Drehschluss angeblich zusammen ans Lagerfeuer gestellt und „Nazis raus“ gebrüllt…

Den einen helfen archaische Methoden, um Druck abzulassen, andere regeln das im stillen Kämmerlein. Da hat jeder seine Mechanismen.

Und Sie, als Mecklenburger Sturkopp?

Allein schon, um dieses Klischee zu bedienen: Eher stilles Kämmerlein. Zum Glück ist meine Frau aber nicht nur Partnerin, sondern auch meine Kollegin, die immer für einen Austausch zur Verfügung steht.

Susanne Böwe ist interessanterweise schon viel länger im Fernsehgeschäft, während Sie ein Spätberufener sind. Wie kam es dazu, erst mit Anfang 40, dann aber ohne Unterlass Filme zu machen?

Ich hatte 1988 gerade ein festes Engagement in Karl-Marx-Stadt angenommen, und als daraus Chemnitz wurde, wollte ich in dieser völlig neuen Zeit erst noch ganz neue Ausdrucksformen auf der Bühne finden. Das hat mich damals voll eingenommen, aber auch aus mir gemacht, was heute den roten Faden von vorhin bildet. Als mein „Liliom“ Anfang der Nuller am Hamburger Thalia große Aufmerksamkeit gefunden hatte, kamen dann aber nach langer Zeit plötzlich wieder Filmleute ans Theater, um Schauspieler zu finden.

Das war zuvor anders?

Seit den Siebzigern, als Regisseure den Bühnensound vom Bildschirm verbannt haben – was ich seinerzeit gut fand. Im neuen Jahrtausend herrschte aber auch am Theater ein Tonfall, der sich für Film und Fernsehen eignet, wo wieder mehr traditionelles Schauspielhandwerk gesucht wurde.

Auf der Bühne stehen Sie seither aber kaum noch, oder?

Selten. Ich wollte mich wirklich ganz bewusst aufs Filmen konzentrieren.

Gibt es bei dieser Konzentration noch Genres oder Figuren, die sie nie oder zu selten verkörpern?

Nein, bei mir ist nie das Genre oder meine Rolle darin vordringlich. So rot auch mein Faden ist, versuche ich mich als Person immer auch ein bisschen zurückzunehmen. Das bestimmt dann doch die Regel die Ausnahme.

Und einen Piratenfilm haben Sie ja auch schon mal gespielt.

Störtebeker, genau. Ich habe sogar Western gemacht und bin darüber selbst zum Reiter geworden.

Totenfrau 2, alle sechs Folgen ab 19. März bei Netflix


Pressefreiheit & CumEx-Betrug

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. März

Das mediale Netz fängt gerade unablässig Daten, die wohl einst als Wendepunkte einer anderen Welt betrachtet werden. Donald Trumps Rede war definitiv eine davon. Falls sich die USA, wie vielerorts befürchtet, wirklich auf dem Weg in eine Präsidial-Diktatur befinden, dürfte der vergangene Freitag das Tor weiter geöffnet haben. Denn sah er unbotmäßige Medien seit jeher als korrupte Fake News an, nannte Trump sie nun „illegal“.

Das war schon deshalb der öffentliche Auftakt eines exekutiven Großangriffs auf die Pressefreiheit, weil er ihn dort kundtat, wo US-Präsidenten normalerweise niemals reden: im Justizministerium. Dass der Angriff auf die Gewaltenteilung kurz vorm Beschluss erfolgte, dem US-Auslandsradio Voice of America sämtliche Mittel zu streichen und 1.300 Angestellte freizustellen, passt dabei ins Bild, das auch global gezeichnet wird.

Die öffentlich-rechtliche Plattform funk hat mal nachgerechnet und dabei auch die eigenen Auftraggeber von ARDZDF nicht unverschont gelassen: Zur Amokfahrt von Magdeburg gab es 4312 Berichte, zu der von München ganze 37 mehr, während das jüngste Ereignis in Mannheim nur gut auf die Hälfte der Texte und Beiträge kam. Tatverdächtig war halt nur ein Biodeutscher. Nicht so schlimm also…

Und klar würde man an dieser Stelle gern auch mal Fortschritte, also Positives darstellen. Aber wenn Prof. Thomas Hestermann von der Macromedia Hochschule im Interview mit Zeit-Online über seine Forschung zur Gewaltberichterstattung sagt, die Presse sei so weit von der AfD korrumpiert, dass sie deren Narrativ oft 1:1 übernimmt, ist aktuell eben wenig Gutes zu berichten. Es sei denn, auf dem Markt neuer Serien und Filme.

Die Frischwoche

17. – 23. März

Dort hat Netflix – wie fast immer, ohne Medien vorab darüber zu informieren – die großartige One-Shot-Drama-Serie Adoloscence über einen 13-Jährigen unter Mordverdacht gestartet. Was besonders der Hauptdarsteller Owen Cooper leistet, ist auf gespenstische Art ergreifend – und wirft ein fesselndes Schlaglicht auf digitales Mobbing und toxische Männlichkeit unserer enthemmten Gesellschaft.

Ansonsten ist das Angebot diese Woche relativ überschaubar. An gleicher Stelle geht Anna Maria Mühe ab Mittwoch als Totenfrau in die 2. Staffel – was durch den Aufstieg des Nebendarstellers Peter Kurth zur Hauptfigur nochmals gewinnt, aber jetzt auch nicht die Neuerfindung der Krimigroteske ist. Und ebenfalls bei Netflix gibt es mit The Residence Neues aus Shonda Rhimes Shondaland.

Uzo Aduba – bekannt als durchgeknallte Crazy Eyes in Orange is the New Black – soll darin ab Donnerstag acht Teile lang einen Mord im Weißen Haus auflösen und nebenbei verrückte Sachen machen, weil – Uzo Aduba eben… Bei Paramount+ kommt tags drauf dann Dennis Quaid als Serienmörder-Jäger in Happy Face zu seinem Seriendebüt, bevor am Samstag gleich zwei deutsche Prestigeprojekte im ZDF starten.

Erst holt Florian Lukas die Showlegende Hans Rosenthal für ein bubblegumbuntes Biopic aus den Siebzigern in die Mediathek – verpasst seiner Figur allerdings den nötigen Ernst eines Shoah-Überlebenden im Wirtschaftswunderland. Und parallel geht Die Affäre Cum-Ex online. Angemessen starbesetzt zeichnet der deutsch-dänische Achtteiler von Showrunner Jan Schomburg (Regie: Dustin Loose und Kaspar Munk) nach, wie Banken seit 20 Jahren Staaten plündern.

Das ist zwar manchmal ein bisschen didaktisch. Es zeigt jedoch mit einer Spur dokufiktionalen Humors, wie die Finanzindustrie mithilfe von Justiz und Politik der Demokratie den Garaus macht. Herausragend: Lisa Wagner als trotzig sachliche Staatsanwältin, deren entgeistertes Gesicht manchmal mehr über die Gier der Privilegierten – nahezu durchweg Männer – sagt als jeder noch so feine Dialog.


KRANK Berlin: Medical & Realität

Wenn’s brennt, brennt’s richtig

Krankenhausserien gibt es viele, aber zumindest hierzulande war noch keine so wie KRANK Berlin – eine Realfiktion von AppleTV+ am Rande der Erträglichen, die gerade deshalb herausragendes Fernsehen ist.

Von Jan Freitag

Triage ist ein vergifteter Begriff. Während das medizinische Fachpersonal im angloamerikanischen Raum damit zunächst mal nur die Behandlungsdringlichkeit zeitgleich eintreffender Patienten vorsortiert, gilt er hierzulande seit Corona als inhumane Selektion nach Leistungsprinzip – auch und gerade bei denen, die sie vornehmen. Wenn Dr. Parker das Personal ihrer Notaufnahme zur Triage bittet, macht sich deshalb zügig Unmut breit. Allerdings weniger wegen humanistischer als pragmatischer Gründe.

Bei aller Hilfsbereitschaft bringt sie fürs überlastete Personal schließlich vor allem Bürokratieaufwand mit sich. Und den kann im KRANK, wie die namenlose Großklinik am Berliner Brennpunkt nur heißt, echt niemand gebrauchen. KRANK sind darin ja nicht nur 250 Patienten auf einmal, „wenn’s brennt“, und 300, „wenn’s richtig brennt“, wie Parkers Vorgesetzter die Neue begrüßt. KRANK ist der gesamte Organismus, von dem sie versorgt werden. Wie krank das, sehen wir von Beginn einer Serie an, die nach langer Odyssee bei Apple gelandet ist. Vor sechs Jahren hatte der englische Notarzt Samuel Jefferson mit dem deutschen Autor Viktor Jakovleski das Treatment bei Sky vorgelegt. Jetzt geht sie bei der Konkurrenz aus Cupertino als Achtteiler online.

Wobei ihr Weg nicht halb so steinig war wie der, den alle Beteiligten solcher medizinischen Durchlauferhitzer von Einlieferung und Triage bis Erstversorgung und Abschied nehmen. Im Drehbuch des achtköpfigem Writers Room wechselt Suzanna Parker (Haley Louise Jones) aus ihrer gemütlichen Münchner Geriatrie ins rastlose Krank(enhaus) nach Neukölln. Und das mag ein „fiktionales Amalgam unterschiedlichster Recherchen, Orte, Erfahrungen, Träume, Visionen“ sein, wie Producer Henning Kamm den Drehort eines verwahrlosten Ostberliner Sport- und Erholungszentrums der Achtzigerjahre beschreibt. Ähnlichkeiten mit dem Alltagswahnsinn der Charité dürften dennoch eingepreist sein.

Gleich nach ihrer Ankunft befindet sich Dr. Parker inmitten chaotischer Zustände, denen Slavko Popadićs Dr. Weber ein angemessen verwüstetes Gesicht gibt. Nach durchfeierter Nacht müsste der Unfallchirurg eigentlich seinen Rausch ausschlafen. Auch auf Partydrogen jedoch wirft er sich in einen Dienst ohne Vorschrift, der die komplette Klaviatur stationärer Krisenbewältigung zwischen Professionalität und Improvisation spielt. Zunächst bleibt somit offen, was in der Serie nun dysfunktionaler ist: das KRANK, sein Personal, dessen Kundschaft oder die Gesundheitspolitik im Ganzen.

Früher geklärt ist hingegen, dass die Regisseure Alex Schaad und Fabian Möhrke Protogonisten plus Publikum alles abverlangen. Wie 2016 in der dokufiktionalen Rettungsstelle des CBS-Blutbads Code Black oder dem gynäkologischen BBC-Realitycheck This Is Going to Hurt sechs Jahre später, könnte KRANK Berlin vom Medical wirtschaftswundervoller Bauart folglich kaum weiter entfernt sein. Eine Fernseharztgeneration, nachdem die weißen Halbgötter in George Clooneys Emergency Room erstmals blutige Kittel bekamen, haben sich Klinik- und Praxisfiktionen der Wirklichkeit zwar angenähert.

So unverblümt wie bei Apple aber hat zumindest aus deutscher Produktion nicht mal das großartige Hebammen-Porträt Push am offenen Herzen der medizinischen Mängelverwaltung operiert. Kein Wunder, dass sich Dr. Parker bereits in Minute 33 zum Schreien in eine Abstellkammer verzieht und kurz darauf zum Heulen vor die Tür. Schließlich muss sie nicht nur pausenlos den Ausnahmezustand bis hin zum Bauchschuss betreuen; ebenso schlimm ist ein Kollegium, das der Neuen mit abgebrühter Geringschätzung entgegentritt.

„Ich geb‘ ihr drei Tage“, sagt Dr. Ertan (Şafak Şengül) am Ende der Premierenschicht und weiß die Statistik von vier verschlissenen Chefärzten in zwölf Monaten hinter sich. Weil sich Kollegin Parker als stressresilienter erweist, werden es jedoch – obwohl im Neonlicht nur zu ahnen ist, ob Tage oder Jahre vergehen – volle acht Folgen. Was darin passiert, wirkt mitunter dick mit stereotyper Tinte aufgetragen. Wie üblich im Fernsehentertainment ist Suzanna Parker (Haley Louise Jones) vor etwas Privatem nordostwärts geflohen, wo Klinikchef Beck (Peter Lohmeyer) trotz dünner Personaldecke nichts Besseres zu tun hat, als ihr den Einstieg mit einer betriebsinternen Ermittlung zum Tod einer Patientin schwer zu machen, für die der schwerstabhängige Ben verantwortlich zu sein scheint.

Dass er irgendwann Müllcontainer nach Drogen durchwühlt und darin zudröhnt wegdämmert, erfolgt ebenfalls eher im Spätdienst krasser Figurenzeichnung als inhaltlicher Stringenz – vom Dauereinsatz der glaubhaften Rettungswagen-Besatzung Olivia (Samirah Breuer) und Olaf (Bernhard Schütz) auf Swinger- und Technopartys oder einem Staffelfinale im 9/11-Stil ganz zu schweigen. Für Producer Kamm indes agiert sein Team „in der gesunden Mitte aus larger than life und such is life“. Zugleich real und fiktional, plausibel und kurzweilig.

All dies ist KRANK von der ersten bis zur letzten Szene einer Serie voller Gefühl, aber ohne Sentimentalitäten. Beides machen Schaad und Möhrke mal mit halluzinierender Schnittfolge, mal mit quecksilbriger Zeitlupe, hier in fiebriger Hektik, dort in routinierter Ruhe fast körperlich spürbar. „Surreal ist nur“, sagt Henning Kamm, dass Dr. Parker „im Emergency Room gendert“. Nicht aus Konservatismus, sondern Zeitmangel. Man fühlt ihn in jedem Moment einer grandiosen Milieustudie aus dem Fegefeuer der Hölle namens Gesundheitssystem.


ARDs Alex & Apples Ray

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. März

Es waren, wie so oft, bewegte Wochen zuletzt, in denen alte Weltordnungen fast noch schneller kollabiert sind als alte Gewissheiten. Bemerkenswert wirkte aber auch die Erkenntnis, wie unerschütterlich mediale Reaktionsmuster darauf bleiben. Stellen wir uns kurz vor, der aktuelle Amokfahrer von Mannheim, er hieße nicht Alexander, sondern Ahmed: die Berichterstattung wäre explodiert. So aber haben nicht nur AfD und Springer leicht gelangweilt abgewunken. Auch seriöse Medien von ARD bis FAZ waren eher desinteressiert.

Deutsche Attentäter befinden sich halt außerhalb des öffentlichen Meinungskorridors, Sie verstehen? Wir nicht! Würde der entscheiden, stünden nämlich Mehrheitsbedürfnisse wie Tempolimit (63 % dafür) oder Mietendeckel (6 % dagegen) neben Migration und Aufrüstung weit oben auf der Agenda. Was nach nachfrageorientiertem Journalismus klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung also als populistische Karikatur der 4. Gewalt, die sich ihr Grab damit noch tiefer schaufelt. Und da kommt Thilo Mischke ins Spiel.

Der durfte sich und seinen Rauswurf vom ARD-Magazin ttt lang und breit in der Zeit erklären. Vorweg: es ist ihm ganz gut gelungen. Bisschen wohlfeiles Bashing des ÖRR vielleicht, dem der Gonzo-Journalist quasi Gonzo-Journalismus vorwirft, aber fair enough. Aber kleiner Disclaimer: Mischke klagt, keine zehn Medien hätten ihn persönlich angefragt. Dann check mal bitte deinen Posteingang, Thilo! Der Autor dieses Blogs hat dich im Auftrag des Branchenmagazins journalist/in um ein Gespräch gebeten. Reaktion? Keine!

So oder so taugt der kurz (wenngleich wohl weiche) Sturz vermutlich nicht für ein Biopic, das mal für einen Grimme-Preis infrage kommt. Den kriegen diesmal wundervolle Fiktionen wie Die Zweiflers oder Angemessen Angry und Players of Ibiza. Wieder nicht dabei: Axel Milberg. Auch dessen 44. und letzter Tatort geht leider leer aus. Ein Grund ist Sonntag sichtbar: Zu schräg, zu weird, zu Borwoski, vielleicht aber auch einfach nur zu nonkonform.

Die Frischwoche

10. – 16. März

Das wollte offenkundig auch ein aussichtsreicher Netflix-Film sein. Auf dem blühenden Feld Rear Future kreiert er eine vergangene Zukunftsvision wie zuletzt Cassandra oder Black Mirror. Inhaltlich lose orientiert an Terminator haben sich Dienst- und Spielzeugroboter der Fünfziger in The Electric State gegen ihre Sklaverei erhoben, allerdings gegen die KI eines dubiosen Tech-Milliardärs verloren, der sie in ein Ghetto stecken lässt.

Klingt originell – hätten die Russo-Brothers nicht bloß ihr Erfolgsrezept diverser Marvel-Blockbuster kopiert und die Star-Wars-artige Waisenkind-sucht-mit-Desperado-ihren-Bruder-Story im Ambiente der Neunzigerjahre auf Pixar-Drolligkeit reduziert. Resultat ab Freitag: Schickes Eye-Candy, dem trotz Millie Bobby Brown keinerlei Tiefgang gelingt. Das genaue Gegenteil davon: die parallel startende, fast brillante Apple-Serie Dope Thief.

Im stressresilient verwahrlosten Philadelphia erleichtern zwei Fortschrittsverlierer als DEA-Cops verkleidet Drogendealer um Geld und Ware. Was auch gutgeht – bis sie an die Falschen geraten. Denn zwischen den Fronten echter Cops und Gangster laden Ray (Bryan Tyree Henry) und Manny (Wagner Moura) das Leid einer tief gespaltenen Nation auf ihre Schultern. Unter der Leitung von Ridley Scott machen sie daraus ein Plädoyer für Rückgrat und Solidarität in amoralischer Zeit, die alle acht Teile lang emotional fesselt.

Interessanterweise sind das auch Zutaten, die ein deutsches ARD-Juwel zum Glänzen bringt: Marzahn Mon Amour. Zweiflers-Regisseurin Clara von Arnim verpflanzt die alleinerziehende Kathi (Jördis Triebel) ab Freitag (Mediathek) sechs Folgen lang in einen Ostberliner Beauty Salon und lässt sie am prekären Dasein ihrer armen, aber aufrechten Kundschaft wachsen. Echt schön! Echt interessant ist dagegen tags drauf die dezent verschwörungstheoretische, aber gut recherchierte Real-Crime-Doku Gemanwings.

Dreimal 40 Minuten sät Sky (denkbare) Zweifel am erweiterten Suizid des deutschen Piloten, der vor zehn Jahren 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Noch mehr Raunen enthält zeitgleich der Doku-Vierteiler Die Stewardessen-Morde um Flugbegleiterinnen im England der 70er Jahre. Und schon heute porträtiert das ZDF in seiner Mediathek zwei Teile lang vergleichsweise bodenständige Typen, nämlich: Türsteher, was wirklich spannend ist.


Putins Analplug & Mälzers Pensionäre

Die Gebrauchtwoche

24. Februar – 2. März

Die Pressefreiheit war trotz ihrer Verankerung in jeder ernstzunehmenden Verfassung nie ein allzu resilientes Gut. Schließlich sind nur acht Prozent aller Nationen sattelfeste Demokratien. Und mit den USA schmiert davon die größte grad ab. Dass Donald Trump der Korrespondenten-Vereinigung die Besetzung der Pressekonferenz im Weißen Haus entrissen hat und zugunsten rechtspopulistischer Medien ausmistet, ist Teil seiner Agenda und kaum noch der Rede wert.

Besorgniserregender wirkt dagegen, wenn Jeff Bezos die Meinungsredaktion seiner Washington Post auf Trump-Kurs bringt und nur noch libertäre Kommentare duldet. Damit greift er nicht nur in die redaktionelle Unabhängigkeit ein, sondern vollzieht, was jeder radikalen Machtübernahme vorausgeht: die Gleichschaltung der Medien. Dass Angestellte dutzendfach Stellen kündigen und Tausende Abos abbestellt werden, ist Teil der Strategie, kritische Stimmen links der Rechten mundtot zu machen.

Dazu passt, wie deutsche Parteien zurzeit agieren, und nein – damit ist ausnahmsweise nicht die AfD gemeint. Erst erweiset sich Putins Analplug Sahra Wagenknecht als Trumpistin und schiebt ihre Wahlniederlage den Medien oder der Demoskopie (die das Bundestagswahl-Ergebnis mit einer Abweichung von durchschnittlich 0,33 Prozent prognostiziert haben) in die Schuhe. Dann attackiert Friedrich Merz Deutschlands Zivilgesellschaft mit 551 kleinen Anfragen, hat aber zufällig vergessen, wie die Süddeutsche Zeitung empfiehlt, Bauern- und Vertriebenenverbände zu erwähnen, die seit Jahren nahezu deckungsgleich mit CDU/CSU sind.

Ganz kleines Caro, kann man sagen. Anders als das „großartige Fernsehen“, von dem sein Merzens Stichwortgeber Donald Trump am Ende des größtmöglichen diplomatischen Eklats seit Jahrzehnten sprach, als er der westlichen Wertegemeinschaft in Gestalt des verdatterten Wolodymyr Selenskyi bei einer inszenierten Pressekonferenz im Oval Office offiziell den Krieg erklärte. And the Oscar for the best male actor goes…

… trotzdem to Adrian Brody. Wobei die Gewinner der heutigen Nacht ein bisschen im Schatten des nächsten Tabubruchs stehen: Denn mit The Brutalist und Emilia Pérez haben zwei Filme Oscars erhalten, deren Score nachweislich mit KI nachbearbeitet wurde – was im Abspann allerdings nicht zu sehen war.

Die Frischwoche

3. – 9. März

Wie von künstlicher Intelligenz gemacht, ist auch die Schleichwerbung der Woche: Thomas Müller – Einer wie keiner. Ein arschkriecherischer PR-Beitrag im Dienst des Bundesligatyrannen FC Bayern, den Amazon Prime ab Dienstag als neunzigminütiges Porträt seines drolligsten Multimillionärs feilbietet. Noch wütender macht Fans aller anderen Fußballvereine da womöglich nur noch die Comedy-Serie Ghosts.

Ab Freitag schafft es die ARD dabei in ihrer Mediathek, das englische Netflix-Original um ein Spukschloss 1:1 zu kopieren und dabei jedem Witz die Pointe zu nehmen. Lausiger hat das deutsche Fernsehen selten vom internationalen geklaut. Letzteres beschert uns deshalb die interessanteren Formate der nächsten sieben Tage. Das Historienmelodram Der Leopard zum Beispiel, ein sechsteiliges Remake des gleichnamigen Klassikers von 1963 um sizilianische Aristokraten der 1860er Jahre im Kampf mit der bürgerlichen Moderne.

Durchaus ansehnlich ist auch der dänische Politthriller Fatal Crossing, ab Donnerstag in der Arte-Mediathek. Oder parallel bei MagentaTV die Serienkillerjagd Krähenmädchen, in der es zwar durchaus mystische Stereotypen hagelt, aber dank des Drehorts Bristol einfach sehr viel glaubhaftere als in, sagen wir: Kreta, wohin uns der nächste Auslandseinsatz deutscher Krimis zeitgleich im Ersten entführt, bevor Hans Sigl in Flucht aus Lissabon zwei Tage später westwärts reist.

Das originellste Format made in germany ist demnach – abgesehen von der hochinteressanten Zoonosen-Doku Spillover (Mittwoch, ARD-Mediathek) Tim Mälzers neue Dokusoap. Nach dem Restaurant Zum Schwarzwälder Hirsch versucht er in Herbstresidenz nun ein Altersheim mithilfe intellektuell beeinträchtigter Menschen aufzumöbeln. Und das ist ab Mittwoch bei Vox und RTL+ wie immer im Privatfernsehen emotional unangenehm manipulativ, aber ziemlich anrührend – und vielleicht ja wirklich wegweisend.


Chris Imler, Vono, bdrmm

Chris Imler

Chris Imler gehört zu der Sorte Künstler, die schon immer da waren und doch woanders. Der 152-jährige Schlagzeuger hat bei den Türen gespielt, Peaches, Jens Friebe und Maximilian Hecker, stets im Hintergrund und doch vordergründig unüberhörbar. Optisch von gestern, aber klanglich von morgen, ist sein elektroexperimenteller Stil ungeheuer schwer einzuordnen – schon gar nicht als Solist, den er seit zehn Jahren parallel gibt.

Am ehesten lässt sich auch sein neues Album The Internet Will Break My Heart vielleicht als digitaler Darkpop bezeichnen, der als Goth-NDW verkleidet den Kellerclub unterwandert. Die Beats sind trist, die Samples bedrohlich, sein rollendes Augsburger rrr verleiht den Texten transsilvanisches Timbre. Das ist definitiv kein Wohlfühlsound, aber einen zum Fallenlassen auf halbleeren Dancefloors, die man mit Imlers Hilfe (und ein paar Drogen) stundenlang nicht verlässt.

Chris Imler – The Internet Will Break My Heart (Fun in the Church)

Vono

Ebenfalls aus Berlin, aber nochmals älter als Chris Imler sind Volker und Norbert Schultze, deren Vornamen andeuten, dass sie einem völlig anderen Jahrhundert entstammen. Angeblich Beteiligte nennen es rückblickend “Achtziger”. Damals hatten die blutsverwandten Keyboarder zwei zeitgenössische Platten produziert, deren New Wave sich der Neuen Deutschen Welle beharrlich widersetzen konnte, eher Nichts als Nena also.

42 Jahre später haben Sie sich ins Studio von Bureau B gesetzt und 13 vergessene Minimal-Tracks von damals nicht nur digitalisiert, sondern maximalisiert. Das Ergebnis von Modern Leben 2025 ist ein fett aufgebrezeltes Modern Leben 1983. Es öffnet Spätgeborenen ein großes Fenster in die vielleicht kreativste Epoche deutschsprachiger Popmusik und könnte schon deshalb 2035 auf jeder Eighties-Party laufen.

Vono – Modern Leben (Bureau B)

bdrmm

Und damit aber endlich mal zu etwas viel Jüngerem, was allerdings auch wiederum frühreif klingt, Tendenz altmodisch, dabei aber durchaus frisch: bdrmm, vier englische Shoegazer, deren gitarrenlastiger Emopop auf ihrer dritten Platte ein bisschen Richtung Alternativepop abschweift, und das ist auch gut so. Stimmlich gehabt cheezy, ist der Sound endlich ein bisschen sperriger, kantiger, bisweilen verschrobener.

Ein wirklich origineller Kontrast, den Stücke wie John on the Ceiling oder Snares mit fast schon breakbeat-beschleunigter, synthiegesättigter, flächig zerfasernder Diskodynamik über Ryan und Jordan Smiths Britpop-Gesang legen, der dadurch zum Glück viel seiner Käsigkeit verliert. Auf Microtonic zeigen bdrmm endgültig, wie gut man sich verändern und dennoch treu bleiben kann.

bdrmm – Microtonic (Rock Action)


Wolfgang Stumph: Stubbe & Ruhestand

Man wird mich so leicht nicht los

Mit dem allerletztern Fall Familie in Gefahr geht Wolfgang Stumphs Stubbe (Foto: Christoph Assmann/ZDF) nach 30 Jahren endgültig in Rente – anders als sein Darsteller. Ein Gespräch mit dem 79-jährigen Dresdner über den letzten Film der ZDF-Reihe, Sehnsüchte nach früher, Unruhe von heute und seinen Hang zum Stumph-Sinn.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stumph, wenn Sie vor 30 Jahren geahnt hätten, dass Wilfried Stubbe erst 2025 seinen letzten Fall löst, welchen Abgang hätten Sie sich da gewünscht: Knalleffekt im Morgengrauen oder Tanz ins Abendrot?

Wolfgang Stumph: Letzteres, unbedingt letzteres. Als Cliff fürs Publikum, um Stubbe, seine Tochter, ihr Kind, die Familie und den Stumph-Sinn der Reihe mitzunehmen.

Stumph-Sinn mit ph nicht pf!

Er bezeichnet die Familie als Mittelpunkt von allem und die Vermittlung zwischen hüben und drüben, von Dresden die Elbe hoch nach Hamburg als Achse, die alles verbindet. Das ging ja bereits mit der ersten Folge los, als der Kriminalist Stubbe als Leihbeamter in den Westen ging, wo seine Frau ein Haus geerbt hatte.

Meistens lief das damals umgekehrt…

Mit dem Strom der Elbe hoch gegen den Strom der Zeit und wieder zurück – das war immer mein ganzes Streben. Als humanistischer Kabarettist ging es mir schon 1991 bei „Go Trabi Go“ oder zwei Jahre später im Salto Postale als sächsischer Postbeamter Stankoweit in Brandenburg, also keine Science-Fiction, sondern Versöhnung am Boden der Tatsachen. Sitcom im Zeitgeist des Hier und Heute.

Haben Sie dennoch manchmal Sehnsucht nach damals?

Ach, Sehnsucht… nach was?

Der Einfachheit vieler Dinge zum Beispiel. Im letzten Stubbe streicheln Sie über eine uralte Schreibmaschine „ohne elektronischen Mumpitz“. Klingt ziemlich nostalgisch.

Diese Nostalgie steckt ja mitten in der Gegenwart. Aber natürlich gibt es eine Sehnsucht nach der Harmonie und dem Zusammenhalt von früher. Denn nur er hat die Kraft zur Veränderung. Wir können es nur gemeinsam schaffen, etwas verändern…

Und dabei positiv auf alte Zeiten zurückblicken, ohne sie zu verklären?

Genau. Ich kann natürlich erzählen, dass ein Schauspieler bei mir schon im Jugendclub mein Interesse an Theater geweckt und mich auf die Bühne gebracht hatte, schön und gut. Das habe ich als Kind ohne Vater mit aufopferungsvoller Mutter gelernt, die mich in den 50ern dazu erzogen hat, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Aber da passiert es schnell, dass Jüngere abwinken und sagen, jetzt spricht der Opa wieder von damals (lacht).

Und wenn Sie es jetzt doch mal tun?

Hatte ich an den richtigen Stellen zur richtigen Zeit das Glück, richtige Entscheidungen zu treffen. Beim Gedanken an früher habe ich besonders im Hinblick auf Beruf und Familie also ein warmes Gefühl. Gerade deshalb benötigt man aber ein wenig Selbstkontrolle, um es beim Erinnern mit der Temperatur nicht zu übertreiben und Fehler einzugestehen, die man natürlich gemacht hat. Irren ist ja nicht nur menschlich, sondern notwendig. Niemand macht immer alles richtig – das zu erkennen, bewahrt einen davor, in Herrlichkeit zu scheitern.

Überwiegen bei Ihnen denn richtige oder falsche Entscheidungen?

Ich hoffe doch, ersteres. Sonst würde ich mich hier nicht mit Ihnen in der Sächsischen Vertretung in Berlin über die letzte Folge Stubbe nach 30 Jahren unterhalten.

Können Sie sich noch an Stubbes ersten Satz erinnern, den er 1995 nach seinem Umzug in Hamburg sagte?

Hmmm. „Der Himmel ist der gleiche Himmel“?

Fast. Auf die Frage seiner Frau, was Stubbe denn noch in Dresden wolle, sagt er: „Ruhe, zuallererst Ruhe“. War das im Grunde genommen die Essenz von dem, was Ihre Figur mittlerweile 54 Filme kennzeichnen würde?

Vermutlich schon und jetzt erst recht. Ich dachte häufiger, wenn wir wieder mal aktuelle gesellschaftspolitische Themen wie Rechtsradikalismus oder familiäre Gewalt in der Serie verarbeitet haben, das reicht jetzt aber auch mal. Später, als ich angefangen habe, Dokumentarfilme zu machen, habe ich dann ja wieder über den Tellerrand der Unterhaltung geblickt und wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Welche zum Beispiel?

Mein Stumph-Sinn ist hat doch eine gesamtdeutsche Sicht in meiner Arbeit. Als ich vor drei Jahren die fünfteilige Dokumentarreihe ZusammenHalten für den MDR gedreht hatte, bin ich deshalb persönlich zum NDR gegangen und habe dort gefragt, warum sie denn am 3. Oktober nicht auch dort laufen könnte.

Und?

Hat funktioniert! Das hat mir Freude gemacht. Positiv zu provozieren, gegen den Mainstream zu schwimmen.

Bisschen dickköpfig zu sein…

Ja, ich bin schon ein bisschen unbequem. Nur wer aneckt bringt etwas in Bewegung.

Als wir vor 18 Jahren über den Film Heimweh nach drüben geredet haben, meinten Sie, eine Klette zu sein und penetrant treu. Woran kleben Sie heute?

An meiner Moral und Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Der Regisseur Peter Kahane zum Beispiel, mit dem ich 2006 „Eine Liebe in Königsberg“ gedreht habe und über 35 Stubbe. Wir arbeiten zwar längst nicht mehr zusammen, haben aber noch immer regelmäßig Kontakt. Das Gleiche gilt für Achim Wolff, lange Zeit mein Partner im „Salto Postale“, oder viele Kollegen aus der aktiven Kabarettzeit. Dabei ist nicht wichtig, wie man beruflich voneinander profitiert. Man wird mich so leicht nicht los.

Gilt das auch fürs Fernsehen oder tritt Wolfgang Stumph gemeinsam mit Wilfried Stubbe von der Bühne?

Nee, ich freue mich zum Beispiel schon jetzt auf die nächste Spielzeit in der Semperoper, wo ich in der kommenden Spielzeit zum 120. Mal den Gefängniswerter Frosch in der „Fledermaus“ spielen darf.

Können Sie sich auch noch eine neue Krimi-Reihe vorstellen?

Das nicht. Vielleicht gibt es noch ein paar für mich wichtige Rollen. Gern ernste Themen mit Humor, die Treuhandaffäre als Komödie zum Beispiel oder das Wärmepumpen-Drama. Uns den Spiegel vorzuhalten, macht mir halt immer noch großen Spaß. Ich habe bestimmt noch einiges mitzuteilen.

Klingt eher nach Unruhestand als Ruhestand.

Genau. Wobei ich mich schon etwas zurücknehmen werde. Ich will zum Beispiel nicht mehr wie früher Co-Produzent meiner eigenen Filme sein, sondern einfach nur meinen Beruf ausüben, meinen persönlichen Anteil für einen Film leisten, ins Glied eines Ensembles zurücktreten. Familie genießen.

Das zweieinhalbjährige Kind ihrer Kollegin und Tochter Stephanie.

Das werde ich mit großer Freude und Verantwortung genießen, aber bestimmt noch nicht aufhören zu arbeiten. Wer rastet der rostet.


Kranke Wahl & KRANK Berlin

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Februar

Die AfD hat gestern, fear fact, zwar zwei Prozent weniger, aber 43 Sitze mehr erzielt als ihre Ahnen der NSDAP, als sie am 13. September 1931 letztmals nur zweitstärkste Reichstagspartei geworden war. Die einzigen Gewinner der Bundestagswahl sind da abseits der ganz Linken und ganz Rechten zwei Überraschungssieger: Die Demoskopie, die das amtliche Endergebnis analog zur 18-Uhr-Prognose mit gespenstischer Präzision vorhergesagt hatte. Und der sachorientierte Journalismus, mit dem ARD und ZDF Goebbels Wiedergänger behandeln.

Selbst in der Elefantenrunde, dank offener Mehrheitsverhältnisse auf absurde acht Parteien angeschwollen, sind Bettina Schausten und Oliver Köhr entwaffnend nüchtern mit Alice Weidel umgegangen. Der publizistischen Objektivitätspflicht haben auch Markus Preiss im Ersten und Shakuntala Banerjee im Zweiten damit zwar einen Dienst erwiesen. Weil die Normalisierung rechtsextremer Kräfte in Gesellschaft, Medien, Politik zur Abschaffung der pluralistischen Demokratie führen könnte, war es allerdings ein Bärendienst.

Nach gefühlt 239 millionenfach eingeschalteten Duellen und Quadrellen, Kreuzverhören und Fragerunden – zuletzt mit Olaf Scholz und Friedrich Merz bei den Springer-Propagandisten Marion Horn und Philipp Burgard – ohne Thematisierung relevanter Themen abseits von Migration, Militär und Wirtschaft, gibt es demnach zwei Fernsehwahlkampferkenntnisse: Privatsender sollten die Finger von lassen. Und nächstes Mal vielleicht doch auch mal jemandem unter 40, sagen wir Rezo, damit beauftragen.

Was ansonsten noch haftenbleibt von dieser epochalen Wahlkampfperiode mit Urnenschock? Jan Böhmermanns fatalistisch-heitere Replik auf Elon Musks Einmischung in der digitalen New York Times. Und vielleicht noch, dass ProSiebenSat1 bereits fleißig am eigenen Grab schaufelt und kurz vor der Wahl massive Stellenstreichungen verkündet hat, weil man auch in Unterföhring künftig lieber auf Social Media als Redaktionen setzt.

Die Frischwoche

24. Februar – 2. März

Manchmal könnte man meinen, unsere Medien sind mindestens so KRANK wie die Notaufnahme der gleichnamigen Neuköllner Klinik, in der AppleTV+ Mittwoch Fernsehgeschichte schreibt. Unter der Regie von Alex Schaad und Fabian Möhrke ersteht aus den Trümmern des deutschen Gesundheitssystems nämlich ein Emergency Room auf, der acht Teile auf derart plausible Art unterhaltsam und umgekehrt ist, dass es bei allem Entertainment noch mehr schmerzt als die Dresche einer großartigen Dramaserie bei Disney+.

A Thousand Blows schildert zwölf Teile lang Boxerinnen im London der 1880er Jahre und schafft damit ein antipatriarchales Action-Format, das alle Aufmerksamkeit verdient. Deutlich mehr jedenfalls als die Blockbuster der Woche. Allen voran die Prunksitzungen des anbrechenden Karnevals, den das ZDF am Donnerstag zur besten Sendezeit aus Köln überträgt und die ARD 24 Stunden später aus Mainz. Was allerdings alles nicht halb so jeck ist wie die neue Staffel Big Brother.

Vor 25 Jahren bei RTL2 gestartet und anfangs ein Quotengarant, interessieren sich ab heute allerdings nicht mal besoffene Faschingsfans fürs Gossen-TV von Sat1. Ob für Amazon Prime etwas anderes gilt, bleibt abzuwarten. Donnerstag startet dort die wuchtige Bibel-Fiktion House of David über den israelitischen Religionsgründer, während der unvermeidliche Gamer Knossi tags drauf an gleicher Stelle zur Mission Unknown bittet – eine Art Dschungelcamp auf dem Atlantic.

Parallel startet bei Paramount+ das RomComRoadMovie Drive Me Crazy, während Arte tags zuvor Philippe Faucons vierteiliges Empowerment-Drama Nismet über eine junge Frau (Emma Boulanour) im Kampf mit dem Patriarchat zeigt. Und als sachliches Schmankerl macht die ARD-Mediathek Fans gesundheitsfördernder Drogennutzung mit der Doku Magic Mushrooms gegen Depressionen Mut.