Brezel Göring, Peter Thomas, Bright Eyes

Brezel Göring

Es ist immer schwierig, sich die Einzelteil eingespielter Duos isoliert vorzustellen. Und falls diese Duos auch noch für brillanten Dilettantismus stehen, fällt das umso schwerer, ist aber möglich – sofern es sich um Brezel Göring handelt, Mastermind von Stereo Total und damit gleichermaßen Nachlassverwalter der unfassbar früh verstorbenen Francoise Cactus und in eigener Sache. Wie gut, dass ein Solo-Album weder nach dem einen noch dem anderen klingt.

Friedhof der Moral wildert zwar eifrig im Trashpop des Berliner Underground-Projektes der hedonistischen Millennials. Die 13 Hardcore-LoFi-Tracks blasen Görings Sound allerdings so auf und specken ihn zugleich ab, dass daraus ein sehr eigensinniges, retrofuturistisches Kammerspielorchester für alle jene entsteht, denen Stereo Total am Ende doch zu poppig war. Auf dem Friedhof der Moral ruht daher auch das Cheezige von früher. Gut so.

Brezel Göring – Friedhof der Moral (Stereo Total Records)

Peter Thomas

Wer den Retrofuturismus musikalisch zur Perfektion brachte, ist einer von Brezel Görings heimlichen (weil womöglich unbekannten) Helden: Peter Thomas. Nie gehört? Nur dem Namen nach vermutlich. Denn als Komponist der Titelmelodie des SciFi-Trashs Raumpatrouille Orion und ähnlicher Absurditäten wie Edgar-Wallace-Soundtracks war er eine Weile in aller Ohren und hat dort ein imposantes Gesamtwerk orchestral verspleenter Sixties-Sinfonien hinterlassen.

Damit die wiederentdeckt werden können, hat Mocambo Records gemeinsam mit Backseat das Werk des deutschen Henry Mancini kurz vor dessen 100. Geburtstag zu einer fantastischen Platte gebündelt. The Tape Masters Vol. 1 – Library Music enthalten dabei alles, was Thomas’ Epoche kennzeichnet: schrille Beat-Gewitter, elegante Cocktailparty-Harmonien, existenzialistischer Souterrain-Jazz, Hammondorgel-Spektakel der Extraklasse. Unbedingt anhören, durchhören, weiterempfehlen.

Peter Thomas – The Tape Masters Vol. 1 – Library Music (Mocambo Records)

Bright Eyes

Um zum Schluss die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und doch daraus zu schöpfen, gibt es hier noch mal eine Art Supergroup, die seit bald 30 Jahren aus den Vollen ihrer vielen Mitglieder und Features schöpfen kann: Bright Eyes, das ewige Start-up des umtriebigen Conor Oberst, für das er auf seiner neuen Platte mal wieder das Who-is-Who alternativer Americana von Cat Power, The National, Matt Berninger oder Alex Orange Drink um sich schart.

Gemeinsam erschaffen sie ein Kompendium skurriler Pop-Texturen, die ebenso unfertig wie übersteuert klingen und damit größtenteils fantastisch. Das liebevoll verfrickelte, bläserlastig aufgeplusterte, jederzeit funkensprühende Five Dice, All Threes schafft es dabei vor allem dank Obersts proklamatorisch zerkratztem Gesang heiter und melancholisch, anrührend und ironisch, psychisch labil und dabei seltsam durchsetzungsstark zu wirken.

Conor Oberst – Five Dice, All Threes (Dead Oceans)


Stefan Raab: Schläge & Fragen

Schlaf den Raab

Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab

Es ist das Comeback des Jahres: Stefan Raab moderiert wieder Fernsehshows, jetzt bei RTL. Leider kommt ihm bei Du gewinnst hier nicht die Million!!! (Foto: RTL) der leidige Zeitgeist dazwischen – und sein unverwüstliches Ego.

Von Jan Freitag

Vor knapp neun Jahren, nein – da war die Welt natürlich auch schon längst nicht mehr in Ordnung. Banken, Klima, Staaten, selbst VW steckte dank Dieselskandalen tief in der Krise. Und dann geschah obendrein das Unfassbare: Stefan Raab trat von der Bühne, die er seit 1993 geprägt hatte wie kaum ein anderer vor ihm in Deutschland und gewiss keiner danach. Da war es buchstäblich ein Paukenschlag, als das ProSieben-Gewächs vorigen Samstag parallel zum Schlagabtausch mit Regina Halmich sein Comeback bei RTL verkündete.

Und gestern war es dann auch schon so weit: Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ging Du gewinnst hier nicht die Million!!! auf Sendung, raabgerecht nur echt mit den drei Ausrufezeichen plus Selbstbeschreibung, in den nächsten 90 Minuten nicht weniger als die „erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt“ abzuliefern. Große Worte eines großen Entertainers, die er mit dem Großmaul-Rocksong „Stefan Raab is back in town / jetzt gibt’s ‘n paar aufs Maul“ untermalte.

Fast wäre man geneigt zu sagen: als wäre er nie weg gewesen. War er aber. Und zwar für die Verhältnisse unserer rasenden Zeit lange. Zu lange. Lange genug jedenfalls, damit die einzige Innovation im Grunde darin bestand, dass der Buzzer, mit dem Raab seine merkwürdigen Einspielfilme abgespielt hatte, durch ein Tablet ersetzt wurde. Auf Fingerwisch sondert es nun Zitate von Florian Silbereisens Traumschiff-Kapitän ab. Schon lustig. Aber auch ziemlich gebraucht. Wie nahezu alles an der Sendung.

Nur der Form halber zur Erklärung von Du gewinnst hier nicht die Million, das erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt, kurz DGHNDMDEEQCSDW: Nach einer halben Stand-up-Stunde müssen fünf Kandidaten eine Frage aus eben der beantworten, um jenen Platz zu ergattern, auf dem der Sieger – zum Auftakt Oliver aus Karlsruhe – auf seinem Weg zum Millionengewinn eine Mischung aus Multiple-Choice-Fragen und Spieleaction bewältigen muss. Einige davon im direkten Duell mit dem Moderator.

Klingt schwer nach einer Kombination aus Schlag den Raab und Wer wird Millionär mit einer Auftaktprise TV total. Zumal er sich von ProSieben nicht nur Sebastian Pufpaffs Studioband Heavytones zurückgeholt hat, sondern als Schiedsrichter den unvermeidlichen Elton. Und so bittet der Ex-Praktikant seinen Ex-Ausbilder darum, sich durch Maschendrahtzäune zu schneiden oder Reifen zu wechseln.

Es sind Jungsdinge, die ihm einst den Ruf des ehrgeizigsten Showmasters aller Zeiten eingebracht hatten. Ein musikaffiner Kindskopf mit dem Geschäftssinn eines Investmentbankers, der früher als alle anderen seine eigenen Ideen produzierte und damit Einfluss, ja Macht erlangte. Der die Aufmerksamkeitsindustrie um Wok-Weltmeisterschaften, Böörti Vogts und Lena Meyer-Landrut bereicherte. Der Quotenerfolge am Fließband produzierte und dennoch stets aus voller Überzeugung handelte. Der also, mit zwei Worten, ein großartiger Entertainer war. Vergangenheitsform.

Denn von alledem ist praktisch nichts mehr geblieben. Mit fast 58 ist sein Körper zwar ähnlich intakt wie sein spektakuläres Gebiss; mit dem aber kann er nicht mehr so kraftvoll zubeißen wie in seiner Glanzzeit der Nullerjahre. Wenn Raab Witze über Peter Maffays Warze, Harald Glööklers Botoxunfälle und immer, immer, immer wieder Regina Halmichs Kampfwunden macht, wirken sie aus der Zeit gefallen wie sein altbackener Kampfbegriff „Tussi“, den niemand außer ihm mehr benutzt. Der Kameraschwenk ins Publikum landet da verlässlich auf einer Vielzahl Gäste mit versteinerter Miene, die während der endlosen Spiele vermutlich ebenso sanft weggedöst sind wie bei einer minutenlangen Reportage aus der Umkleidekabine vorm Halmich-Fight.

Dass RTL ihm dafür statt Gage ein Streamingabo zahlt, war demnach vielleicht ernster gemeint als all die selbstreferenziellen Flachwitze über Jürgen Milski, deutsche Schlager und Herzzeichen, die für ihn der neue Stinkefinger sind. Puhh. Als DGHNDMDEEQCSDW nach einer sagenhaft öden Autoreifenwechsel-Challenge (und natürlich ohne Millionen-Gewinner) endet, wirkt daher nicht mal Stefan Raab selbst sonderlich enttäuscht über die Abschlusssirene. Sie klingt ein wenig nach Erlösung. Leider nur bis nächsten Mittwoch.


Katia Saalfrank: Supper Nanny & Helft uns!

Es gibt keine kurzen Antworten

Nach langer Fernsehpause ist Super Nanny Katharina alias Katia Saalfrank zurück auf dem Bildschirm. Heft uns! Die Familienretter heißt ihr tägliches Hilfsformat (16.05 Uhr) bei RTLZwei. Ein Gespräch über Erziehungsprobleme, Fernsehzynismus und ihre eigene Kindheit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Saalfrank, Sie waren Anfang der Zehnerjahre das Aushängeschild, wenn nicht die Mitbegründerin der Reality-Sparte Help TV. Seit dem Ende der Super Nanny 2011 hat man aber wenig von Ihnen gehört und gesehen. Wo waren Sie bloß?

Katia Saalfrank: Seit 2009, parallel zur öffentlichen Arbeit für RTL, habe ich meine private Praxis für Eltern- und Familienberatung gegründet. Im Mittelpunkt der Beratung und der therapeutischen Arbeit steht immer die Beziehung zum Kind.

Die Sie auch in mehreren Büchern zum Ausdruck bringen.

Kindheit ohne Strafen etwa, was mir sehr am Herzen liegt und großen Zuspruch gefunden hat. Außerdem ist mir die Aus- und Weiterbildung von Eltern und Fachleuten in meiner Kursreihe Kinder Besser Verstehen wichtig. Ich habe eine Ausbildung zum Bindungs- und Beziehungsorientierten Eltern- und Familienberater konzipiert. Auch mein Podcast Familienrat mit Katia Saalfrank macht mir ebenso viel Freude wie Helft uns! Die Familienretter.

Hatten Sie dem Reality-Genre nicht auch deshalb den Rücken gekehrt, weil es auch bei Ihnen zusehends gescripted war und selten ohne den Zusatz „zynisch“ auskam?

Helft uns! ist sicher nicht zynisch! In der Sendung werden alltägliche Konflikte zahlreicher Familien in Deutschland gezeigt. Ich versuche dahinterliegende Strukturen zu analysieren und ihre Dynamiken besser zu verstehen. Hierbei fließen Aspekte und Informationen aus der Wissenschaft ebenso ein wie allgemeine Impulse für die Zuschauer, die aus jeder Sendung etwas mitnehmen können, auch wenn sie sich nicht selbst in der Situation befinden.

Aber was machen Sie denn anders als in anderen Ratgeber-Formaten?

Ich reagiere von außen aufs Geschehen, ordne pädagogisch und psychologisch ein, kommentiere, fühle mit, versuche für alle Seiten Verständnis aufzubringen und nehme den Zuschauer mit auf eine kleine emotionale Reise von Verstehen, statt Empörung. Und weil die Geschichten von Schauspielern und Komparsen nach- und dargestellt werden, kann ich komplexe Familiensituationen beleuchten und Dynamiken nachvollziehbar machen.

Helft uns! drohen also nicht dieselben Vorwürfe wie der Super Nanny, das Elend anderer bloßzustellen und strenge Erziehungsmittel zu propagieren?

Nein, die Konflikte sind an die Wirklichkeit angelehnt, werden aber dramaturgisch zugespitzt und machen so meine Erklärungen, die Wissensaspekte, die Hinweise und Impulse für den Zuschauenden nachvollziehbar. Wir versuchten, authentisch aktuelle Familienkonstellationen und gesellschaftliche Themen aufzugreifen.

Zum Beispiel?

Was ist, wenn die Eltern den Freund der Tochter nicht mögen? Wie gehen sie damit um, wenn der Sohn sich in Frauenkleidung wohler fühlt? Wie wird verantwortungsvoller Umgang mit viel Social-Media begleitet? Die Welt für Familien hat sich verändert, Eltern sind im Wandel, aber die größte Veränderung ist der Perspektivwechsel, den viele von ihnen zu machen bereit sind. Eltern fragen heute seltener „was kann ich tun, wenn mein Kind sich auf den Boden schmeißt“ als „warum macht mein Kind das?“. Sie wollen besser verstehen.

Und verstehen sie besser?

Leider sind verhaltensorientierte Maßnahmen und Sanktionen im veralteten Schulsystem aber auch in der Kita noch sehr weit verbreitet. Ich wünsche mir auch in staatlichen Systemen Perspektivwechsel im Sinne von Kindern. Für mich hat das, was die tun, immer einen Sinn und wird wie jedes menschliche Verhalten von Freude, Scham, Wut, Ärger, Schmerz oder Angst motiviert und von emotionalen Basis-Grundbedürfnissen nach Verbindung, Sicherheit, Autonomie, Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit gespeist.

Auf all dies zu achten, kann für Eltern ganz schön anstrengend sein.

Ja, denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine der größten Herausforderungen. Der Umgang mit dauerhafter Gleichzeitigkeit von Einflüssen und ständige Erreichbarkeit macht es Eltern schwer, im Hier und Jetzt Priorität auf die Beziehung zu ihren Kindern zu legen. Auch der Umgang mit den vielfältigen Medien ist immer wieder ein großes Thema in Familien. Ich freue mich über die Möglichkeit, meine Gedanken und wissenschaftliche Erkenntnisse durch Bewegtbilder und Formate in die Welt zu senden.

Bieten Reality und Help TV dafür heute andere Voraussetzungen als vor 13 Jahren?

Das könnten Medienwissenschaftlicher besser beantworten, aber ich wünsche mir mehr Familie im Fernsehen. Schließlich kommen alle aus einer, viele haben Kinder und die, die keine haben, waren mal welche. Zu reflektieren, was sie ausmacht und an Bindung, an Beziehung brauchen, erzählt uns die Wissenschaft seit Jahrzehnten zunehmend dezidierter und differenzierter. Wir habe also kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsthema. Mit diesem Format wünsche ich mir daher, dass die Frage, wie wir Beziehung gestalten können mehr in den Mittelpunkt rückt und so auch hilfreich für alle Zuschauer sein kann.

Würden Sie selbst denn Formate wie Helft uns! zur Hilfestellung nutzen oder bleibt es reine Unterhaltung?

Das Interessante an dem Format ist ja, dass es Aufklärung, Einordnung und Dimensionen hinter dem Gesehenen einordnet, also Hilfestellung sein kann und gleichzeitig Unterhaltung. Ich freue mich sehr, dass die Mischung so gelungen ist. Es sind nachgestellte Szenen und Konstellationen, angelehnt an echte Familiensituationen, aber für mich gibt es keine Vorgaben; ich ordne das ein, was ich sehe.

Dennoch fragt sich, warum Sie das 13 Jahre nach der Super Nanny nochmals machen?

Zum einen hatte ich Lust, wieder in eine Produktion einzusteigen, zum anderen nutze ich einfach immer gern alle Möglichkeiten und Sendekanäle in die Öffentlichkeit, um familiäre Mechanismen zu analysieren und aufzuklären, was Kinder brauchen, um psychisch und physisch gesund aufzuwachsen – ob durch Bücher, Artikel, Podcasts oder das Fernsehen. Ich bin dankbar, dass es wieder eine Sendung gibt, die Familie und Kinder in den Mittelpunkt stellt.

Ihre eigenen vier Kinder sind inzwischen alle erwachsen…

Stimmt. Wobei ich den Vorteil habe, dass die Ablösung bei vier Kindern ein längerer Prozess ist. Da ich nach wie vor eine nahe und warme Beziehung zu allen habe, bin ich gut damit klargekommen, dass sie ihre eigenen Wege ins Leben gefunden haben.

Erkennt man Sie eigentlich noch auf der Straße?

Es gab Zeiten, da war es schwierig, sich privat in der Öffentlichkeit zu bewegen. In den letzten Jahren ist das mehr möglich gewesen. Dennoch werde ich immer noch ab und zu erkannt – etwa neulich, als ein älteres Paar mein Praxisschild studiert hat. Wir haben kurz gesprochen und ein Selfie gemacht. Das freut mich, weil es ja heißt, dass gute Botschaften in Erinnerung bleiben und mit mir verknüpft werden. Auch ohne große Fernsehpräsenz kommen Menschen weiterhin auf mich zu und erzählen, welche Bedeutung für Sie Die Super Nanny hatte und wir kommen schnell in persönliche Gespräche.

Auch mit der Bitte um ein bisschen familientherapeutischer Hilfe?

Manchmal kommt die Bitte um einen schnellen Blick aufs Familiensystem und das beschriebene Symptom. Aber wenn man sich das anschaut, gibt es keine kurzen Antworten, denn es ist wichtig, sich das gesamte Beziehungsgeflecht anzusehen und in alle Beteiligten einzufühlen. Trotzdem kann ich Impulse zur Frage geben oder auch einen kleinen Wissensaspekt aus dem, was die Wissenschaft uns zu dem Thema sagt. Die Begegnungen sind oft kurz und dann doch intensiv.

Als Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Sprachheilpädagogik und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sind Sie beruflich bestens fürs Help TV geschult. Waren ein Pfarrer und eine Lehrerin als Eltern ebenso gute Coaches fürs Coaching?

Ich war als Kind oft an der Nordsee und wir haben am Strand gebuddelt, Sandburgen gebaut, im Meer gebadet und im Strandkorb gepicknickt. Es war ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit, an das ich mich gern erinnere. Als ich älter war, bin ich bei Wanderungen mit meinem Vater dann über mehrere Tage von Hütte zu Hütte gelaufen; auch das sind Erinnerungen, die ich als glücklich und erfüllend in mir gespeichert habe. In meiner Arbeit heute, ist mir auch wichtig, dass Eltern vor allem viele gute und neue Erfahrungen in der Beziehung zu ihren Kindern machen können.


Trumps Katzen & Fahris Upir

Die Gebrauchtwoche

TV

9. – 15. September

Der Aufmerksamkeitsökonomie sind Schlagworte bekanntlich lieber als Inhalte. Söders Bart krieg aktuell daher mehr mediale Aufmerksamkeit als Wind und Wetter, während über die Krise der deutschen Autoindustrie ungleich mehr berichtet wird als über das, was sie befeuert: ein Klimawandel, dem wir am Wochenende gefühlt die fünften Jahrhundertregenfälle seit Januar verdanken. Sogar das Versagen bei VW steht allerdings im Schatten des dominierenden Dauerthemas: Ausländer rau… Pardon: Migration.

Der Tipp bis tief in liberale Kreise und Medien lautet: Grenzen eher mehr als weniger dicht, dann gibt’s auch keinen Terror mehr. Das klingt zwar, als hätte man der sozialdemokratischen Vorwärts 1933 empfohlen, mit dem antisemitischen Stürmer im Chor zu hetzen, dann wäre schon kein SPD-Mitglied ins KZ gekommen, aber gut – Politik hat ja bekanntlich nichts mit Überzeugungen, sondern Umfragen zu tun. Und seit neuestem: Katzen.

Seit Donald Trump sie in der presidental debate voriger Woche zur Leibspeise haitianischer Flüchtlinge erklärte, sind Messenger und Portale voller Memes. Allerdings nicht halb so unterhaltsame wie seine anderthalbstündige Demütigung durch Kamala Harris, die sodann auch noch offizielle Unterstützung von Taylor Swift erhielt. Gut 60 Millionen Clicks’n‘Views in den USA beweisen übrigens, welchen Sog das alte Fernsehen noch immer entfalten kann.

Gar so viele sahen Samstag zwar nicht zu, als Regina Halmich Stefan Raab beim Final Fight verdroschen hat. Der Vorgeschmack auf seinen Fünfjahresdeal mit Raab Entertainment brachte RTL mit acht Millionen aber gleich mal einen Tagessieg auf Länderspielniveau ein. Exakt das Achtmillionenfache dessen übrigens, was Luke Mockridge zurzeit bei Sat1 erreichen kann. Für seine Behindertenfeindlichkeit leistet er nun ein wenig Abbitte, hat jedoch von Dieter Nuhr gelernt, dass Zuspruch von rechts am billigsten ist.

Der toxische Lümmel wird also bald auch bei Sat1 wieder gegen alles pesten, was seiner privilegiert weißen Alphamännerwelt zuwider ist. Sein Sender braucht ja alles, was Quote bringt, und wird auch deshalb beim Deutschen Fernsehpreis (hoffentlich) so leerausgehen wie Maxton Hall (während Baby Reindeer, Shogun und The Bear völlig zu Recht bei den Emmys abgeräumt haben) von der nur die Jury weiß, warum sie die Seifenoper neben Deutsches Haus, Zweiflers, Liebes Kind und Push als beste Dramaserie nominiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

16. – 22. September

Auch die 51. Folge des Sende- und Streamingpodcasts Och eine noch ist da ratlos, aber nicht verstummt. Lieber diskutiert sie über zwei neue Serien, und zwar mit Schaudern. Beim ARD-Zweiteiler Wäldern hat das am Mittwoch allerdings weniger mit dem Gruselstoff des Cold-Case-Gefuchtels mit Rosalie Thomass zu tun, sondern der unfreiwilligen Komik, die das lachhafte Klischeegewitter entfaltet. Richtig zum Fürchten ist parallel auch das zweite Spukformat der Woche nicht, wirkt aber immerhin gewollt komisch – und das mit großer Hingabe.

Als Der Upir spielt schließlich Fahri Yardim bei joyn das gebissene Opfer des Berliner Vampirs Igor (Rocko Schamoni), dem er 30 Tage, verteilt auf acht Folgen à 22 Minuten, zu Diensten sein muss, um wieder ein Mensch zu werden. Peter Meisters Buch und Regie dahinter sind von so dilettantischer Absurdität, dass nahezu alles daran irre ist. Irre komisch vor allem. Das sollte auch die Superduper Show beim Mutterkanal ProSieben sein.

Wer jedoch Edin Hasanovic oder die Kaulitz-Brüder zu Hosts einer gelungenen Idee – Kinder denken sich ulkige Fernsehspielchen für Erwachsene aus – macht, kriegt dienstags zur Primetime eben viel zu laute Selbstbefriedigung eitler Rampensäue zu sehen. Schade eigentlich, aber gut – gibt ja noch genug bessere Unterhaltung ohne Childwashing zu sehen. Die kulinarische ARD-Rundreise durch deutsche Küchen ausländischer Herkunft Alles außer Kartoffeln zum Beispiel, dienstags um 23.30 Uhr (WDR/BR/HR/SR).

Was sonst noch passiert? Die Fortsetzung der Monster-Reihe, mit der Netflix außergewöhnliche Killer porträtiert. Ab Donnerstag: Der unfassbare Elternmord von Lyle und Erik Menendez. Ausnahmsweise ohne reales Vorbild startet Freitag das zehnteilige Modebranchendrama La Maison bei Apple, während So long, Marianne ab Sonntag sehr anrührend und wahrhaftig die Lovestory des Sängers mit der Norwegerin nacherzählt – und deshalb natürlich Lichtjahre vom Batman-Ableger The Penguin mit Colin Farrell zwischendurch bei Sky ist.


Pochers Mockridge & Saalfranks Hilfe

Die Gebrauchtwoche

TV

2. – 8. September

Und wenn man denkt, das Niveau könne nicht mehr sinken, wenn man denkt, unsere Selbstgerechtigkeit sei bodenlos genug, wenn man denkt, sogar männliche Alphahammel würden sich irgendwann mal in einer frühen Vorform von Reflexion und Demut üben, dann kommt Luke Mockridge um die Ecke und gewinnt den Oliver-Pocher-Preis für besonders schäbiges Abwärtstreten.

Kurz vorm Start wurde bekannt, dass sich der Comedian mit offenbar ohnehin bedenklicher Gewaltaffinität zum Start der Paralympics abfällig über behinderte Athlet*innen geäußert hatte. Und weil Sat1 ihm daraufhin eine dieser völlig egalen Fernsehshows entzog, hat er sich zwar halbgar entschuldigt. Aber es geht für den Grüßaugust deutscher Fans von Frauenfeinden wie dem – irrsinnigerweise frisch freigesprochenen Harvey Weinstein – ja auch um geldwerte Aufmerksamkeit.

Andererseits haben die Paralympics kurz vor der gestrigen Abschlussfeier wenigstens mal ein wenig medialer Aufmerksamkeit erhalten. Ansonsten nämlich mussten Sportinteressierte die meisten Wettkämpfe mit der Lupe suchen – auch, wenn ARD und ZDF ihre verblüffend konsequente Nicht-Berichterstattung aus Paris mit spärlichen Weltbildern erklären. Was wohl Lutz Hachmeister darüber geschrieben hätte…

Leider ist der frühere Leiter des Grimme-Instituts und begnadete Medienanalytiker kurz vorm 65. Geburtstag gestorben und lässt uns mit Hasserfüllungsgehilfen digitaler Portale allein. Wobei ihnen ja ein paar Aufrechte entgegentreten, etwa der brasilianische Richter Alexandre de Moraes. Dass dessen Sperrung von Elon Musks Giftschleuder X richtig war, zeigt dabei nicht zuletzt eine Demo des faschistischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro dagegen.

War noch was? Ach ja – der rbb ist und bleibt on fire. Vorigen Dienstag ist der Verwaltungsrat Benjamin Ehlers wegen eines „eklatanten Vertrauensbruchs“ im Sendergremium zurückgetreten und zeigt damit erneut, wie weit der öffentlich-rechtliche Weg zur moralisch-betriebswirtschaftlichen Konsolidierung des Skandalsenders noch ist.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

9. – 15. September

Apropos Skandalsender: Als RTL sein übelstes Trash-Fernsehen noch nicht so konsequent auf der eigenen Abraumhalde mit II/2/Zwei am Ende verklappt hatte, stand Katharina Saalfrank ein paar Jahre lang für relativ seriöses Help-TV. Zuletzt wurde der Super Nanny vornehmlich menschenverachtendes Zeug in die Geschichten geskriptet. Aber so erbärmlich, wie ihr neues Format Helft uns! Die Familienretterin ab heute werktäglich um vier Realität simuliert, war es in den Nullern eigentlich nie.

Damals gab es aber auch noch keine Streamer, die den Sendern Beine machten. Apple zum Beispiel, wo Mittwoch die Thriller-Serie Disclaimer des fünffachen Oscar-Gewinners Alfonso Cuarón mit Kate Blanchett als Journalistin auf der Suche nach dunklen Geheimnissen rund um Kevin Kline startet. Oder Netflix, dessen RomCom Romance in the House ab Sonntag reihenweise die nächste Runde K-Pop eröffnet, nachdem kurz zuvor schon die Dramaserie Ein neuer Sommer mit Nicole Kidman als furchterregende Geldadels-Mum angelaufen war.

Disney+, damals für riesige Vergnügungsparks und noch größere Vergnügungsblockbuster zuständig, stellt Freitag das dokumentarische Filmporträt In Vogue über die Chefin des gleichnamigen Modemagazins, Anna Wintour, online. Sky, wo ab Freitag ein bemerkenswertes Klitschko-Porträt läuft, hatte seinerzeit statt eigener Serien nur Kino-Filme oder Fußball gezeigt. Und das Öffentlich-Rechtliche fand natürlich noch ausnahmslos linear statt.

Also nicht in der ARD-Mediathek, wo Mittwoch ein paar seifenfiktionale Feuerwehrfrauen abrufbar sind und tags drauf Charlotte Links Psychothriller Ohne Schuld, bevor sich der Weltspiegel dort am Sonntag Deutschen in Ungarn widmet, die vor unserer Diktatur ausgerechnet zum Demokratie-Verächter Viktor Orbán geflohen sind. Und zwischendurch versammelt die ZDF-Mediathek Vertreter dreier Religionen in einer WG namens Against all Gods.


Höcke-Medien & Großstadt-Jugend

Die Gebrauchtwoche

TV

26. August – 1. September

Da standen sie also, Berichterstattende seriöser bis weniger seriöser Medien und kommentierten das gestrige Thüringer Wahlgeschehen vorm Völkischen Hof… Moment, nee – HopfenBerg, so heißt das „Traditions-Gasthaus seit 1866“, deutsch-dänischer Krieg, AfD-Fans erinnern sich noch persönlich. Denn rein durfte ja offenbar nur das rechtsextreme Compact-Magazin, um Björn Höckes historischen Sieg publizistisch zu begleiten.

Nun ließe sich natürlich einwenden, dass sich kein Mensch bei klarem Verstand gern in die Jubeltraube geifernder Neonazis und ihrer Steigbügelhalter stellt. Aber es war mindestens mal eine Andeutung kommender Zeiten, dass die rechtsextreme Partei zuletzt sämtliche Medien von der Wahlparty ausgeladen hatte, weil – Platzprobleme, Zwinkersmiley. Auch die Absage von Höckes finalem TV-Duell, weil – Gesundheitsprobleme, Fieber-Emoji – zeugt vom Verhältnis der politisch stärksten Kraft des Ostens zur Pressefreiheit.

Aber gut, nichts davon ist überraschend. Inklusive der verbissenen Sachlichkeit, die ARD und ZDF, RTL oder N-TV im Umgang mit ihr an den Tag gelegt hatten. Ob das Sternstunde oder Götterdämmerung der pluralistischen Demokratie war, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Rechte auch hierzulande öffentlich-rechtliche Sender abschaffen oder die Redaktionen aufgekaufter Zeitungen austauschen. Bis dahin ist es, zugegeben noch ein sehr, sehr weiter Weg.

Öffentliche Debatten über verschärfte Abschiebungen bis hin zur verfassungswidrigen Aussetzung des Asylrechts deuten aber ebenso wie bis zu 38 Prozent AfD-Wähler (und weitaus seltener Wählerinnen) unter 24 an, dass die mediale Hegemonie solcher Gedanken nicht nur von rechtsaußen vorbereitet wird. Dieses Meinungsklima rückt dann auch die Festnahme des Telegram-Chefs Durow ein fahles Licht. Denn natürlich ist er mitverantwortlich, dass antidemokratische, ja offen faschistische Kräfte weltweit auf dem Vormarsch sind.

Auch denen erlegt sein Messanger schließlich keinerlei Schranken auf. Zugleich aber zählen Dienste wie seiner – mal abgesehen vielleicht von Elon Musks Propaganda-Plattform X – ja gerade wegen ihrer Liberalität zu den Ankern der Meinungsvielfalt. Ach, wäre die Gegenwart doch nur so übersichtlich wie im Dschungelcamp, das mit identischem Personal wie im Winter nun auch im Sommer wochenlange Topquoten erzielt und Fernsehen mit mehr Originalität zeigt, wo der retrospektive Hammer hängt. Wobei sich RTL dieses Phänomen selbstredend mit Vox teilt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

2. – 8. September

Dort wagen sich Gründerinnen und Gründer heute Abend zum 16. Mal in Die Höhle der Löwen. Und weil es manchmal zwei Staffeln pro Monat gibt, feiert das weltweit verbreitete Factual Entertainment 23 Jahre nach der Erfindung in Japan nun auch hierzulande 10. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch – auch wenn sich sein Publikum mittlerweile gedrittelt hat und alles irgendwie berechenbarer geworden ist.

Das würde üblicherweise auch für eine Sitcom gelten, die den Titel Jugend – es ist kompliziert trägt und ab Freitag in der ZDF-Mediathek von vier Großstadt-Hipstern bei der Adoleszenzverweigerung handelt. Eigentlich alles schon allzu oft gesehen. Doch dank grandioser Darsteller (Thomas Schubert) und Darstellerinnen (Sarah Gailer), famoser Bücher (Stefan Stuckmann) und liebevoller Regie (Simon Ostermann), ist der Achtteiler mit das lustigste Stück Realsatire seit gefühlt Encurb your Enthusiasm.

Ähnlich klischeeanfällig wirkt die Neo-Serie A Good Girl’s Guide to Murder mit Emma Meyers als investigativer Teenager in der englischen Provinz – und ist es ab Sonntag auch, aber dennoch (oder deshalb) für die Zielgruppe unter 30 unterhaltsam. Das gilt ebenso für die It-Girl-Serie Call Me Bae, Freitag bei Prime. Der Netflix-Sechsteiler Ein neuer Sommer mit Nicole Kidman als manipulative Schwiegermutter einer unstandesgemäßen Braut eines reichen Mannes ist dagegen tags zuvor eher was für die Generation Y abwärts.

Dort also, wo die Thriller-Serie Seconds um Schuld und Sühne einer finnischen Zugkatastrophe (Freitag, ARD-Mediathek) am meisten Fans finden dürfte. Was noch läuft: Der dokumentarische Blick auf Secrets of the Hells Angels (Montag, Crime), LOLLA, eine Reportage des weltbewegenden Lollapalooza-Festivals (Dienstag, Paramount+), der sechsteilige belgisch-französische Crime-Stoff Tödliche Ahnung. Und nicht zuletzt Philipp Hochmair als neuer ZDF-Ermittler Der Geier, ab Freitag in der Mediathek.


Louis Klamroth: Konter & Fairness

Wahre Objektivität gibt es nicht

Klamroth-Artikel

Vor anderthalb Jahren hat Louis Klamroth (Foto: Nikita Teryoshin) Hart aber fair von Frank Plasberg übernommen. Im journalist*in-Interview spricht der 34-Jährige über seinen Quereinstieg als Moderator, den holprigen Umbau der Sendung – und warum er Lkw-Fahrer mitdiskutieren lässt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Klamroth, Sie stehen seit anderthalb Jahren montags auf einer der größten und damit anstrengendsten Fernsehbühnen. Haben Sie noch dieselbe Energie wie am Anfang oder zermürbt Sie die Aufmerksamkeit?

Louis Klamroth: Ersteres, seit knapp einem halben Jahr macht es mir besonders großen Spaß.

Der Zeitpunkt, als Sie Hart aber fair endgültig von Frank Plasbergs Produktionsfirma Ansager & Schnipselmann übernommen haben und mit Florida Factual eigenverantwortlich betreiben?

Ja. Da konnte ich das Format verändern und damit zu „meinem” Format machen. Es steht anders da, sieht anders aus und hat nach 22 Jahren neuen Schwung erhalten. Der Modernisierungsprozess ist noch längst nicht vorbei, aber die doch leicht angestaubte Marke ist wiederbelebt. Die Arbeit ist anstrengend, klar, aber ich empfinde es als großes Privileg, montags zusammen mit meinem Team vor einem Millionenpublikum Debatten zu kuratieren.

Waren Sie mit der Situation vorher unzufrieden oder ist ein Renovierungsprozess einfach notwendig, wenn man ein bestehendes Produkt übernimmt?

Ganz genau, ein normaler, am Ende eher unspektakulärer Prozess – auch wenn das in der Berichterstattung gelegentlich anders klingt. Dass die Sendung 22 Jahre lineares Fernsehen nachhaltig geprägt und ihr Metier verändert hat, ist ja das Eine. Aber wenn die Moderation wechselt, muss es halt auch ein bisschen zur neuen Person passen. Dieser Prozess wurde vor anderthalb Jahren nicht konsequent genug angegangen; das holen wir nun nach. Und es funktioniert ja auch.

In Zuschauerzahlen ausgedrückt?

Ja, auch in den Zahlen sind wir in der linearen Quote und vor allem bei den digitalen Abrufzahlen besser als zuvor. Das ist nur ein Kriterium von vielen. Mindestens genauso wichtig ist, dass wir die Sendung inhaltlich und konzeptionell neu aufgestellt haben.

Offenbar sind viele in der ARD vom Erfolg nicht überzeugt. Bei einer Programmkonferenz Mitte Juli sollte über ihre Zukunft und die von Hart aber fair verhandelt werden, schreibt der Spiegel. Sind Sie nervös?

Die Produktionsfirma und ich haben zwei Jahre Vertrag. Insofern bin ich auch nicht nervös. Ich bin zufrieden, was die Bilanz des letzten halben Jahres angeht. So höre ich es auch von den Senderverantwortlichen. Mindestens genauso wichtig: Wir haben die Sendung weiterentwickelt und werden diesen Weg konsequent weiter beschreiten. Dass wir in diesem Sommer darüber sprechen, wie die Zukunft von Hart aber fair aussieht, stand ja schon lange fest und ist keine Überraschung.

Wäre es einfacher gewesen, eine neue Sendung zu starten?

Der WDR hat mich gebeten, diese sehr erfolgreiche, eingespielte Marke zu übernehmen und eben keine neue zu erfinden. Eine Kopie der Sendung mit anderem Label hätte aus meiner Sicht nicht funktioniert und wäre auch nicht mein konzeptioneller Anspruch. Es stand auch nie zur Diskussion.

Auch dann nicht, als es eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Frank Plasberg um das Format gegeben hat?

Das ist mir zu viel Was-wäre-wenn. Das Produkt hat nun mal viele Millionen Fans und damit ein Vertrauensverhältnis zwischen Sender und Publikum. Ganz ohne Reibung funktioniert kein Übergang und im Fernsehen schon gar nicht.

Außerdem erzeugt Reibung – fünf Euro ins Phrasenschwein – Wärme, also Energie!

Und beides kann jedes Format gut vertragen.

Fühlen Sie sich unter Feuer besonders wohl?

(lacht) Als Mensch nicht, nein. Anders ist es beruflich. Bei Diskussionen inhaltlicher Natur gehe ich keinem Streit aus dem Weg. Wobei der Begriff bei mir überhaupt nicht negativ besetzt ist, im Gegenteil. In der Demokratie ebenso wie im Journalismus müssen wir streiten, und zwar gerne auch mal lauter, härter, energischer – sofern der Streit respektvoll vonstattengeht.

Das haben Sie vor Hart aber fair geübt, ab 2016 in Klamroths Konter bei n-tv. Haben Sie sich als Quereinsteiger damals eigentlich „Journalist“ genannt?

(überlegt lange) Mit der Bezeichnung habe ich – und das ist jetzt echt keine Koketterie – anfangs gehadert. Ich habe einen Master in VWL und Politik gemacht – sprich weder Journalismus studiert noch ein Volontariat gemacht. Das meiste habe ich mir durch Praktika und Praxis angeeignet. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben den Beruf von der Pike auf gelernt. Ich habe großen Respekt vor denen, die kluge Essays für den Spiegel, Leitartikel in der Zeit oder Analysen in der Wirtschaftswoche schreiben.

Die klugen Texte auf Seite 23 von Dithmarscher Landeszeitung oder Südkurier nicht zu vergessen.

Selbstverständlich! Die vielen Reporterinnen und Reporter, die tagtäglich rausgehen, und unter großem Druck eine informierte Öffentlichkeit im Lokalen schaffen. Damals habe ich gedacht: Ich mach doch nur Fernsehen. Heute weiß ich, dass auch wir Fernsehmacher guten Journalismus können.

Alles andere klänge auch nach Impostersyndrom, als dachten Sie, Sie hätten sich irgendwo reingeschlichen, wo Sie nicht hingehörten.

Nein, eher Respekt vor denen, die sämtliche Stationen der Berufsbildung absolviert haben. Ich wusste schon früh, dass mir mein Beruf nicht nur Spaß macht, sondern auch liegt und ein Handwerk dahintersteckt, das ich langsam beherrsche. Erst da wurde mir klar, wie viele Facetten Journalismus hat – und wie viele Ausbildungen. Wäre ja auch schlimm, wenn nur Absolventen der Journalistenschulen was mit Medien machen.

Was qualifiziert Journalist*innen zur Moderation?

Vor dem ersten Interview bei Klamroths Konter hatte ich kaum Moderationserfahrung, nicht mal echtes Interviewtraining. Ich hatte Praktika gemacht bei erfahrenen Journalisten wie Günther Jauch und Friedrich Küppersbusch, der meine Sendung produziert hat. Denen konnte ich zwar auf die Finger schauen und ungeheuer viel lernen, aber eher theoretisch als praktisch. Super Anschauungsmaterial und eine gute Vorbereitung darauf, zu moderieren, zu fragen, nachzuhaken. Ich empfinde es als Vorteil, mir viel über learning by doing angeeignet zu haben.

Warum ist das ein Vorteil?

Weil ich unvoreingenommener, ohne Erwartung irgendeines Schulterklopfens reingegangen bin. Ich konnte völlig angstfrei fragen, was mir durch den Kopf ging. Meine Gesprächspartner haben das als erfrischend wahrgenommen, das glaube ich zumindest. Vielleicht auch, weil sie mich zunächst fürs Lichtdouble gehalten haben, das sie dann mit Hartnäckigkeit überrascht hat. Aber dieser Vorteil hat sich natürlich relativ schnell abgenutzt. Mit wachsender Aufmerksamkeit fürs Format kannten die mich irgendwann halt einfach.

Was sind die Kernkompetenzen?

Ein dickes Fell vielleicht. Spaß an der Sache. Neugier für Leute und Themen. Und bei aller Härte in der Debatte auch Empathie für meinen Gegenüber.

Wie ist es mit der Fähigkeit zur Objektivität?

Wahre Objektivität gibt es sowieso nicht, aber guter Journalismus beherrscht idealerweise das Handwerk, so nah wie möglich an ein Ideal davon heranzukommen. Journalismus allerdings als reines Handwerk zu verstehen, ist mir zu technokratisch – in Zeiten, da die Demokratie und ihr Journalismus weltweit so unter Druck stehen. Das Wort Haltungsjournalismus ist mittlerweile zu einem Kampfbegriff der extremen Rechte geworden. Deshalb spreche ich lieber von Verantwortung – die gehört für mich zum Journalismus auch dazu.

Steht diese Verantwortung der gebotenen Neutralität im Journalismus nicht im Weg?

Nein. Journalismus findet immer in einem Kontext statt. Neutralität heißt ja eben nicht, diesen Kontext zu ignorieren, sondern ihn bewusst wahrzunehmen und transparent zu machen. Bei einem Pro und Contra würde das bedeuten, nicht aus scheinbarer Neutralität heraus in eine False Balance zu rutschen.

Muss man eine Rampensau sein?

Man darf zumindest keine Angst vor Aufmerksamkeit haben.

Und vor Öffentlichkeit?

Das sind zwei Paar Schuhe. Man muss keine Rampensau sein, um Gespräche vor Publikum zu führen, darf aber keine Angst davor haben, dass einem wie zuletzt bei Hart aber fair dabei 2,7 Millionen Menschen live zusehen. Bei der Arbeit! Völlig absurde Situation eigentlich. Damit muss man umgehen, allerdings ohne dabei – wie Rampensäue – im Mittelpunkt stehen zu wollen. In einer politischen Talkshow sitzen dort die Gäste, nie der Moderator.

Als Moderator muss man die Situation permanent unter Kontrolle haben. Braucht man da Autorität?

Fürs Publikum ist es jedenfalls weitaus entspannter, wenn ich als Moderator das Gefühl gebe, alles im Griff zu haben. Wobei es vermessen wäre, zu behaupten, dass dies immer gelingt – schon gar nicht in einer Live-Sendung wie meiner, wo angespannte Dynamiken nicht einfach rausgeschnitten werden können. Was bei uns 75 Minuten lang passiert, wird ungefiltert gesendet. Und wenn von den fünf, sechs Teilnehmenden jemand das Steuer übernehmen will, muss ich es mir eben zurückholen. Ich lasse unruhige Situationen auch mal laufen, aber ich bleibe derjenige, der die Diskussion leitet.

Was war mit der vielkritisierten Ausgabe vor der Europawahl? Da haben Ihre Gäste zum Thema Rechtspopulismus irgendwann nur noch durcheinander gebrüllt. Haben Sie das laufen lassen oder das Heft aus der Hand gegeben?

(lacht) Ach, das war eine Runde voller Alphatiere im Wahlkampf, die den Stand der aktuellen Polarisierung ganz gut abgebildet hat. Wenn die so wie damals wild durcheinanderreden, ist zwar weder dem Panel noch dem Publikum geholfen, aber zwischendurch finde ich so etwas ganz okay.

Weil es die Enthemmung gesellschaftlicher Diskurse zeigt?

Genau. Das ist die Realität. Ob ich die Diskussion zu lange laufen gelassen habe, kann man diskutieren. Aber da halte ich es mit Armin Wolf, der meinte, er habe noch nie ein Interview geführt, mit dem er voll zufrieden war. Das war ich auch noch nie. Ich lerne ständig dazu.

Vielleicht kokettiert die legendär hartnäckige Interview-Ikone vom ORF da ein bisschen. Haben Sie Vorbilder wie ihn?

Nicht einzelne Personen. Aber bei Ikonen wie Armin Wolf oder auch etwas weniger berühmten Kolleginnen und Kollegen schaue ich mir gern an, was die gut machen, und nehme es für meine Arbeit mit. Dabei geht es nicht ums Kopieren, sondern ums Reflektieren. Anderen gezielt nachzueifern, hilft nicht dabei, seinen eigenen Stil zu finden.

Der WDR hat sich sicher von Ihnen erhofft, dass Sie den Stil eines Millennials mitbringen, der sowohl analog als auch digital sozialisiert wurde.

Vermutlich.

Wie kommt es, dass Ihre Medienkarriere bislang nahezu vollständig im linearen Fernsehen stattfindet?

Als ich Hart aber fair übernommen habe, wurde ich vom eigenen Umfeld oft gefragt, warum ich denn bitte Fernsehen mache (lacht). Aber damit bin ich nun mal aufgewachsen. Für mich übt es nach wie vor riesige Faszination aus. Ich will das nicht zu soziologisch deuten, aber in Zeiten, in denen Diskursräume zusehends fragmentieren und in Sozialen Medien ausfransen, ist die Zahl an medialen Orten überschaubar, wo Politik seriös und kontinuierlich verhandelt werden kann. Einer dieser Orte ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Gerade in sozialen Netzwerken erlebe ich häufig einen Austausch von Affekten statt von Argumenten. Da können gute Talkformate ein Gegenmodell sein. Wobei die Trennlinien verschwimmen.

In den Mediatheken zum Beispiel.

Genau. Deshalb war es von Beginn an unser Bestreben, parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung im Ersten ein digitales Publikum aufzubauen. Da haben wir die Aufrufzahlen von Hart aber fair extrem gesteigert und versuchen, Digitales und Lineares zur verbinden – was wahnsinnig schwer ist.

Sie meinen den Mediathek-Ableger Hart aber fair to go.

Zum Beispiel. Aber auch, dass wir Diskurse auf anderen Plattformen lostreten. Unsere Sendung zum Thema Investoren-Einstieg in der Fußball-Bundesliga hat glaube ich mehr Tweets als jede Fernsehsendung zuvor nach sich gezogen. Das Lineare ist und bleibt auf längere Sicht Sprungbrett und Werbefenster für Inhalte aller Verbreitungswege. Insofern begreife ich mich schon als Moderator, der den Spagat zwischen linear und digital versucht.

Würde Hart aber fair mit Ihnen als Moderator auch nur linear funktionieren?

Gute Inhalte finden immer ihren Weg zu den Leuten. Das lineare Fernsehen ist deshalb so stark, weil bei uns rund zweieinhalb Millionen Menschen zeitgleich, nicht zeitversetzt dabei sind, also im gleichen Moment dasselbe Erlebnis haben. Danach wird dann viel mehr darüber geredet, geschrieben, gepostet. Ich sehe aber, wie oft diese Formate in ihren Möglichkeiten überhöht werden.

Stichwort Ersatzparlamente.

Über Talksendungen wird oftmals mehr berichtet als über wichtige Bundestagsdebatten. Auch die beste Talkshow wird nicht eigenständig wettmachen können, was an Vertrauen in unserer Demokratie in den letzten Jahren verloren gegangen ist. Im besten Falle kann ein guter Politik-Talk einen kleinen Teil dazu leisten, Vertrauen in Demokratie und Medien wiederherzustellen. Wenn beim Zuschauer das Gefühl entsteht, ein Problem und die Lösungen nun besser zu verstehen. Das ist es, wofür ich diesen Job mache.

Es klingt etwas platt, aber: Wollen Sie mit Ihrer Arbeit etwas bewegen?

Offensichtlich will Journalismus etwas bewegen. Journalismus will Transparenz herstellen, Erkenntnisgewinn schaffen, Macht hinterfragen und Missstände aufdecken. Das hat für mich etwas mit meinem Berufsverständnis eines Journalisten zu tun. Was mich wirklich umtreibt: Das Vertrauen in demokratische Institutionen und Qualitätsmedien bröckelt. Das ist eine Repräsentationskrise. Ich meine das durchaus selbstkritisch.

Inwiefern?

Wie unsere Demokratie funktioniert, nehmen Menschen über die Medien wahr. Aber die medialen Debatten entfremden die Menschen zunehmend von Politik und Parteien, der Demokratie und ihren Institutionen. Im Fernsehen oder anderswo haben Menschen das Gefühl, dass ihre Lebensrealität häufig nicht vorkommt. Die Themen fühlen sich oft weit weg von ihrer eigenen Wirklichkeit an. Meine Befürchtung ist, dass Talkshows diesen Vertrauensverlust nicht eindämmen, vielleicht tragen sie sogar ihren Teil dazu bei.

Sie laden auch Menschen ohne öffentliche Funktionen in Ihre Sendung ein und lesen Social-Media-Kommentare vor. Ist das der Versuch, dem entgegenzuwirken?

Das ist zumindest ein Hebel. Diskussionen unter Entscheidern über das Bürgergeld zum Beispiel verändern sich sofort, wenn jemand dazwischen sitzt, der oder die es bezieht oder vergibt. Pauschalisierungen und Allgemeinplätze funktionieren dann gleich viel, viel schlechter. Ein anderer Hebel sind Faktenchecks bereits während der Sendung oder Ergänzungen wie Hart aber fair to go, womit wir Transparenz über unsere Entscheidungen als Talkshowmacher schaffen. Warum laden wir bestimmte Leute ein? Warum wählen wir das eine, aber nicht das andere Thema? Transparenter in der eigenen Arbeit zu werden, mehr zu erklären, das ist für mich vertrauensbildend und im positiven Sinne öffentlich-rechtlich.

Während Vertreter*innen aus Parteien, Verbänden, Institutionen oder Fakultäten für relativ kleine Gruppen stehen, steht Lkw-Fahrer Jan aus der vergangenen Sendung für 80 Millionen. Wenn Sie Leute aus der Bevölkerung einladen, stimmen die Verhältnisse bei der Repräsentation nicht mehr.

Mhm.

Ist so ein Mensch aus dem sogenannten Volk nicht eher Feigenblatt als Repräsentation?

Das sehe ich anders. In meiner Sendung wird nicht unter hundert Polit-Profis mal einer eingeladen, der dann „für die Menschen” sprechen soll. Jede Sendung integriert Perspektiven aus verschiedensten Lebensrealitäten. Jemand wie Lkw-Fahrer Jan Labrenz ist dann dezidiert nicht da, um für 80 Millionen zu sprechen. Er muss gerade nicht für eine Partei oder Organisation sprechen. Er steht für sich. Das Schöne dabei: Gerade dann stellt sich oft heraus, wie viele sich mit dieser persönlichen und nahbaren Perspektive identifizieren können.

Die Süddeutsche kritisiert, Sie hätten ihn „degradiert“, weil er nicht bei den Profis Lamya Kaddor, Konstantin Kuhle, Wolfgang Niedecken oder Juli Zeh auf der Bühne saß, sondern im Publikum.

Hach, die Süddeutsche (lacht). Im Publikum sitzen ist keine Degradierung. Ich bin einen Tag lang mit Jan Labrenz in seinem LKW mitgefahren. Den Film haben wir in der Sendung gezeigt. Er hatte also eine herausgehobene Stellung. Wir hatten in der Sendung ja mehrere Themen und Jan Labrenz wollte, verständlicherweise, weder bei der Europawahl-Analyse noch bei der Debatte über Abschiebungen nach Afghanistan mitdiskutieren. Bei uns kommen Bürgerinnen und Bürger in unterschiedlichen Konstellationen zu Wort. Mal sitzen sie 75 Minuten mit am Panel. Mal kommen sie für kurze Impulse aus dem Publikum dazu. Je nachdem, was inhaltlich Sinn ergibt. Wobei wir nie behaupten, dass dann eine für alle spricht. Aber was mir bei dieser Frage wirklich wichtig ist: Ich verstehe Bürgerinnen und Bürger nicht in erster Linie als Betroffene.

Betroffene im Sinne von Opfern?

Ja. Mit die beste Expertise über einen Missstand haben doch diejenigen, die ihm ausgesetzt sind. Sie sind also nicht nur Betroffene, sondern vor allem Experten. Andererseits müssen Bürgergäste nicht zwangsläufig betroffen sein, sie können auch andere Expertise einbringen, etwa durch ihre Arbeit in Vereinen und Interessensgemeinschaften.

Um der Gefahr des Tokenism entgegenzuwirken, könnten Sie mehrere Normalbürger*innen einladen, die entgegengesetzte Positionen einnehmen.

Ganz wichtig. Finde ich super, haben wir ja auch schon oft getan und hat gut funktioniert. Es muss aber auch passen. Ein Gast wie der besagte Jan Labrenz hat die demoskopischen Erkenntnisse übers Rumoren in der Bevölkerung alleine gut auf den Punkt gebracht, als er meinte, er gehe auf dem Zahnfleisch. Andere Sendungen könnten womöglich mehr Leute vertragen. In der Runde zum Bürgergeld sagte ein Gast, es reiche nicht zum Leben, und ein anderer, die Erhöhung würde Arbeitswillige vom Arbeiten abhalten. Wichtig ist aber vor allem, dass wir nicht den Gegensatz die Politik gegen die Menschen aufbauen. Diese Vereinfachung ist im Panel ebenso wie beim Publikum denkfaul.

In einer Welt, wo selbsterklärte Expert*innen überall Fakenews verbreiten, sehnt sich das Publikum doch eher nach fundierter Expertise.

Vielleicht, aber das können auch ungeübte Talkshow-Gäste liefern. Darüber hinaus ist es fast unmöglich zu sagen, was das Publikum will. Dafür ist es viel zu heterogen und divers, und das ist gut so. Umso mehr empfinde ich es als Bereicherung, wenn jemand mal die Kommunikationsmuster von Politikprofis durchbricht.

Erwartet das Publikum eine gewisse Reife von einem Moderator?

(lacht) Reife?

Anders gefragt: Blicken Publikum, Gäste und Kritik skeptisch auf einen Mann Anfang 30, der es ohne entsprechende Ausbildung mit altgedienten Debattenprofis aufnimmt?

Wenn ich auf der Straße angesprochen werde, kommt nach „anfangs hätte ich Ihnen das gar nicht zugetraut“ oft „aber jetzt finde ich das gut, wie Sie das machen“. Kompetenz braucht nicht nur Erfahrung, sondern auch Gewohnheit. Und nach 22 Jahren Frank Plasberg brauchten die Leute ein bisschen, um sich an Louis Klamroth zu gewöhnen. Deshalb fand ich die Entscheidung des WDR, im angestrebten Verjüngungsprozess eine Generation zu überspringen und mich diese Sendung moderieren zu lassen, mutig.

Fast schon verwegen!

Aber es hat funktioniert, weil die Zuschauer und Zuschaurinnen sehen, dass ich thematisch gut vorbereitet und ehrlich interessiert bin. Ich will meine Sendung auf keinen Fall irgendwann routiniert runtermoderieren, ohne mich davon berühren zu lassen. Wir machen eine der meistgesehenen Politiksendungen im deutschen Fernsehen, während jede Woche eine Krise die nächste jagt. Es ist wichtig, dass wir uns fragen: Werden wir der Komplexität dieser Zeit gerecht und lassen wir genug Nuancen zu? Mir ist es ein Anliegen, nicht damit aufzuhören, solche Fragen zu stellen. Sollte mir das irgendwann nicht mehr gelingen, höre ich auf.

Wie gehen Sie damit um, dass jeder falsche Satz einen Shitstorm entfachen kann?

Für mich ist es bedeutend leichter damit umzugehen als für Politikerinnen und Politiker. Fehler passieren, damit kann ich umgehen – und tue es auch. Es ist in meinen Augen ein systemischer Widerspruch, dass wir von Politikern einerseits Fehlerfreiheit erwarten und auf der anderen Seite fordern, dass sie menschlich, spontan und lebensnah sprechen.

Haben Sie es eigentlich je bereut, sich so in der Öffentlichkeit zu exponieren und damit zum potenziellen Ziel von Hass und Hetze zu machen?

Nein. Ich habe meine Mechanismen mit Hass umzugehen.

Welche genau?

Jeder Hate-Post wird kategorisch verfolgt, sofern er juristisch angreifbar ist. Aber als weißer Mann habe ich damit auch weniger Probleme als weibliche Kolleginnen, die weitaus mehr im Feuer stehen.

Es folgt – Ehrenwort – die einzige Frage zu Ihrer Freundin Luisa Neubauer: Sie haben sich dazu entschieden, Ihre Beziehung selbst öffentlich zu machen und haben mit dem Medienmagazin DWDL darüber gesprochen. Warum?

Ich spreche grundsätzlich nicht über mein Privatleben. Und das bleibt auch in diesem Interview so.

Okay. Dann der Vollständigkeit halber noch die Frage aller Fragen: Sollte man die AfD einladen oder nicht?

Ich hatte die AfD bei n-tv zu Gast, ich hatte sie bei ProSieben zu Gast und ich hatte sie bei Hart aber fair zu Gast. Die Partei wird von vielen Menschen gewählt, das sehen wir in der Redaktion natürlich. Aber sie ist eben keine normale demokratische Partei. Sie wird in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft und wird bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet. Es stellt sich die Frage, ob die Partei oder Teile von ihr unser Grundgesetz aushebeln wollen. Das unterscheidet die AfD grundlegend von allen anderen demokratischen Parteien.

Mit welcher Konsequenz für Sie und Ihre Talkshow?

Dass wir von Sendung zu Sendung und Thema zu Thema entscheiden, wen wir einladen oder nicht. Eine Talkshow muss, was viele missverstehen, ja keinem Parteien- oder Meinungsproporz genügen. Gleichzeitig versucht sie in der Regel demokratische Debatten zu ermöglichen. Und da stellen wir uns gerade im Zuge der Rechercheergebnisse von Correctiv oder des Vorwurfs der Bestechlichkeit ranghoher AfD-Europapolitiker die Frage, wie wir mit einer teils undemokratischen Partei umgehen.

Die AfD würde in Ihrer Runde grundsätzlich alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Nicht zwangsläufig. Ich erinnere mich zum Beispiel an unsere Sendung, in der der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD, Leif-Erik Holm, mit der Autoindustrie-Lobbyistin Hildegard Müller diskutierte. Das hat gut funktioniert. Aber es bleibt schwierig und kompliziert. Will man die Demokratiefeindlichkeit dieser Partei zum Thema machen, zieht das automatisch Aufmerksamkeit von anderen Themen.

Persönlich hätten Sie aber keine Angst vor dem Streit mit Alice Weidel oder Maximilian Krah?

Ich gehe nie mit Angst in irgendein Gespräch. Aber die Frage hat sich mir bisher auch nicht gestellt. Wir haben weder Maximilian Krah noch Alice Weidel in die Sendung eingeladen


Kloeppels Abschied & Amazons Ringe

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. August

Schwer zu sagen, was an unserer dystopisch-disruptiven Epoche deprimierender ist: Dass die rechte Wut-Bubble den Täter des Solinger Attentats mit einem Dutzend Toten und Schwerverletzten reflexhaft unter Geflüchteten ausmacht oder dass sie damit offenbar sogar recht behält. Tatsache bleibt: Der mediale Diskurs büßt seine Funktion als verlässlicher Realitätskurtor ein, die ordnende Wirkung seriöser Berichterstattung verblasst. Information ist Krieg.

Kein Wunder, dass nach der Landtagswahl in Thüringen – die Zivilgesellschaft und Medien am kommenden Sonntag zumindest östlich der Elbe den Garaus machen dürfte – ein Kriegsberichterstatter beim früheren Kanzler-Kanal Sat1 sein eigenes Fernsehformat erhält: Ronzheimer. Im publizistischen Irrenhaus Bild-Zeitung gilt der krisenerprobte Reporter namens Paul zwar bereits als relativ vernünftig. Auch er allerdings betrachtet Auseinandersetzungen per se als Schlachtfelder.

Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse, wir gegen die – so handhaben es auch die User von Pawel Durow Fakenews-Inkubator Telegram, der für mangelnde Administration nun in Frankreich festgenommen wurde. Zu Recht? Zwischentöne jedenfalls fehlen bei Messengern oft ebenso wie auf AfD-Wahlpartys. Vor Björn Höckes erwartetem Sieg hat die Thüringer Parteizentrale daher mehrere Leitmedien vom Spiegel über die Welt bis zur Süddeutschen Zeitung die Akkreditierung versagt.

Wegen der Präsenz großer Fernsehsender habe der Saal angeblich Kapazitätsprobleme – wenngleich keine so großen, dass die Junge Freiheit nicht hineinpassen würde. Ob die Dokusoap-Granate Melanie Sieg Heil Müller nach ihrer Verurteilung fürs Hitlergrüßen vor mutmaßlichen AfD-Fans Zutritt erhält, ist ungeklärt. Aber wer definitiv draußen bleibt, sind Peter Kloeppel und Ulrike von der Groeben. Nach 4850 Sendungen in mehr als 32 Jahren hat das Nachrichtenduo vorigen Freitag zum letzten Mal RTL aktuell moderiert.

Neben dem Rekordeintrag ins Guinness-Buch als Longest Serving National News Anchor Duo hinterlassen sie dem Genre damit eine Seriositätslücke, die im aufmerksamkeitsheischenden Privatfunk womöglich niemand so schnell wieder füllen wird – obwohl wir den zwei Neuen Andreas von Thien und Roberta Bieling natürlich nur das Beste wünschen. So wie der RTL-Daily Alles was zählt, die Donnerstag volljährig wird.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

26. August – 1. September

Sieben Jahre jünger ist das liebevoll zynische Filmgemetzel SchleFaZ, in dem Oliver Kalkofe und Peter Rütten ab Freitag bei Nitro statt Tele5 B- bis D-Movies erst zeigen, dann zerlegen. Wobei der fetteste Neustart bei Amazon Prime läuft. Tags zuvor gehen die Ringe der Macht in Staffel 2, was ähnlich wie die Fortsetzung vom House of the Dragon zwar ein wenig unter der anschwellenden Komplexität leidet, aber grandios in Szene gesetzt wurde. Terminator Zero wiederum leidet parallel dagegen unterm Format.

Netflix vermengt die bislang acht Sequels, Prequels, Reboots, Spin-Offs mit oder ohne Arnold Schwarzeneggers Ur-Cyborg schließlich zehnmal 30 Minuten zur Anime-Serie im Manga-Stil. Den Vorgängern fügt das inhaltlich zwar nichts hinzu, verliert sich aber in genretypischer Melancholie. Ist also das Gegenteil der HBO-Serie Peacemaker, die ab Sonntag bei Prime das Superhelden-Fach mit einer großen Portion Selbstironie aufs Korn nimmt.

Oder der englischen Netflix-Serie Kaos, in der Jeff Goldblums paranoider Göttervater Zeus drei Normalsterbliche nutzt, um den Olymp zu retten – und dabei mit Widerständen wie Gleichberechtigung und Wokeness ringt. Warum die Roman-Adaption A Good Girls Guide to Murder ab Freitag nur hierzulande nicht bei Netflix, sondern Neo läuft, unterliegt womöglich der Vertragsschweigepflicht beider Parteien.

Für Fans emotional verworrener Highschool-Krimis ist der Sechsteiler um die 17-jährige Britin Pip (Emma Myers) beim Versuch, einen Cold Case an ihrer Schule zu lösen, hier wie dort perfekte Young-Adult-Kost. Souveräne Crime-Kost ist das Spin-Off der Karibik-Serie Death in Paradise. Für Beyond Paradise kehrt Inspector Goodman (Kris Marshall) Samstag sechs Folgen lang in der ZDF-Mediathek nach England zurück.

Außerdem im Angebot: Ein zweistündiges Paramount-Porträt von Bob Marley (Freitag) und eine sechsteilige Sketch-Reihe der ARD-Mediathek (Donnerstag) von und mit Jakob Leube, Freddy Radeke, Lea Finn sowie einer verblüffenden Zahl ziemlich prominenter Episodenstars wie Negah Amiri, Jan Josef Liefers, Linda Zervakis, Kostja Ullmann, die den dümmlichen Titel Gags – Comedy Deluxe echt nicht verdient hat.


Musks Buddy & Kebekus Kids

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. August

Die Medienbranche muss sich seit vorigem Dienstag um ihre Vormachtstellung innerhalb der Informationsbranche sorgen, und nein – dass lag nicht daran, dass mit Richard Mörtel Lugner ein jahrzehntelanger Lieferant leicht bekömmlicher, clicksicherer News weggestorben ist. Es lag natürlich an Elon Musk. In seinem rund zweistündigen Gespräch mit Donald Trump hat er vor 1,3 Millionen X-Usern schließlich vielerlei bewiesen.

Er ist der weltbeste Journalist auf der weltreichweitenstärksten Plattform mit der weltfehlerfreiesten Technik für weltanspruchsvolle Werbekunden. Wer die vier hier enthaltenen Fehler entdeckt, darf beim Wiener Opernball 2025 am Mörtel-Lugner-Lookalike-Wettbewerb teilnehmen oder wahlweise in der Kommentarspalte einer geplanten ZDF-Sendung mit dem Focus-Populisten Jan Fleischhauer zwei Stunden lang über linksgrünversiffte Genderideologie herziehen.

Die Auflösung: Elon Musks „Interview“ war ungefähr so faktenbasiert, also journalistische wie ein AfD-Plakat im sächsischen Wahlkampf. Seiner heruntergewirtschafteten Twitter-Ruine X läuft die lesende (also hetzende) Kundschaft auch deshalb in Scharen weg, weil die 40-minütige Verspätung der Trump-Show gewiss keine Cyberattacke, sondern veraltete Technik zugrunde lag, auf der immer weniger seriöse Unternehmen im Umfeld rechtsextremer Hetze werben wollen.

Außer solche wie Jürgen Elsässers rechtsextremes Verschwörungsfanzine Compact, das einen fiesen kleinen Sieg über die Vernunft eingefahren hat. Das Bundesverwaltungsgericht hat Nancy Faesers schlampig formuliertes Verbot der Wirtschaftseinheit dahinter kassiert. Aus Formgründen zwar, weshalb ihr Verdikt in nächster Instanz Bestand haben könnte. Bis dahin aber knallen in Elsässers blaubraunem Sumpf die Sektkorken. Ein Sound, der beim Online-Buchhändler (und damit Amazon-Vorgänger) Weltbild nicht zu hören war.

Nach fast 80 Jahren am Printmarkt und vergeblicher Investorensuche sind Verlag und Versand endgültig pleite. Schwere Zeiten überall. Die Promis aller Art, sofern sie karitativ tätig werden, vor allem kulleräugig angehen. So wie Carolin Kebekus gutgemeinte, aber wohlfeile Hilfsaktion #KINDERstören für die Rechte der Kleinsten. Für derlei Empathie-Trigger verschiebt das Erste sogar seine Premium-Fiktion, den Tatort.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. August

Die Premium-Fiktion auf Prime heißt dagegen: Perfekt verpasst. Das Team von How To Sell Drugs Online (Fast) lässt darin Bastian Pastewka und Anke Engelke gerade donnerstags achtmal 30 Minuten auf engstem Raum der Mittelstadt Marburg aneinander vorbeileben. Von der Idee her witzig, erschöpft sich die Titelstory zwar gelegentlich in arg kindischem Humor. Die Zwickmühle der zivilisationsmüden Generation X zwischen Nostalgie und Digitalisierung allerdings wird mit feiner Klinge seziert.

Richtig in die Hose geht hingegen die japanische Version der anarchistischen Warner-Serie Rick and Morty. Während das US-Anime seit Jahren verlässlich für absurden Aberwitz mit hohem Tempo und origineller Punchline glänzt, verliert sich der Ableger in melodramatischer Manga-Ästhetik, die alle außer Cosplay-Fans vermutlich langweilt. Dann doch lieber täglich zur besten Sendezeit bei RTL die Dschungel-Allstars beim Dschungel-Allstars-Sein beobachten.

Alter Wein in neuen Schläuchen, popkulturell aufgeblasen und dadurch auf belanglose Art unterhaltsam also – wie das, was die ARD ab heute in der 3069. Staffel Sturm der Liebe verbreitet, wo ab November kein Geringerer als Bruce Darnell ein paar Gastauftritte hat. Was im kratertief klaffenden Sommerloch wirklich neu ist demgegenüber Carl Hiassen’s Bad Monkey bei Apple TV+, wo sich Vince Vaughn zehn Teile lang als Ex-Cop auf Exil-Ermittlungstour in Amerikas Provinz befindet.


Supersemppft, Pom Poko, Smashing Pumpkins

Supersempfft

Der popkulturelle Mainstream steckt in einer Zwickmühle. Seit langem schon. Man könnte ihn gut an der Diskrepanz zwischen Wave und Electronica oder Punk und Techno. Während erstere auf filigrane Art ihre Ernsthaftigkeit zelebrieren, sind letztere gern in schlichter Weise unernst. Zwischentöne? So selten, dass man in der Geschichte manchmal rückwärts reisen muss, um sie zu finden. Bei Supersempfft zum Beispiel.

Kennt hier niemand? Kann sich ändern. Denn Bureau B bringt das Debütalbum des hessischen Duos neu heraus und zeigt darin, wie verspielt technoid-waviger Electropunk 1979 war. Roboterwerke ist von vorne bis hinten ein so futuristischer Ritt durch die damals noch neue Welt analog-artifizieller Klänge, dass trotz Glamrock- und Retrofunk-Sequenzen praktisch kein Stück davon schlecht gealtert ist.

Supersempfft – Roboterwerke (Bureau B)

Pom Poko

Wenn jemand sagt, irgendwer sei erwachsen geworden, ist Vorsicht angeraten – impliziert es doch den Vorwurf, der oder die Erwachsene sei vorher für was auch immer noch nicht reif gewesen. Und das war bei der norwegischen Noisepop-Band Pom Poko definitiv nicht der Fall, als sie 2019 ihr erstes Album gemacht haben. Birthday – und mehr noch Cheater zwei Jahre später – sind zwar verworrene Krachsinfonien, in ihrer Absurdität aber ungemein clever und geistreich.

Trotzdem hat sich das Quartett auf Champion spürbar weiterentwickelt. Die 3:33-Minuten-Metrik ihrer scheppernd schönen Gitarrengespinste wirken konzentrierter, der dialektische Engelsgesang von Texterin Ragnhild Fangel Jamtveit kommt darin besser zur Geltung. Alles wirkt ein bisschen geerdeter, ohne an experimenteller Courage zu verlieren. Die elf Stücke daher, bei Musik nicht zu unterschätzen, kann man daher auch mal einfach nebenbei hören. Und sich sauwohl dabei fühlen. Toll!

Pom Poko – Champion (Bella Union)

Smashing Pumpkins

Man kann gar nicht oft genug betonen, welche überragende Bedeutung Smashing Pumpkins für die heutige Musik im Allgemeinen und ihr Publikum im Besonderen haben. Fragiles Gefühl in so brachialen Sound zu packen, hat Abermillionen ambivalente, geschlechterdiverse, unbehauste Persönlichkeiten vervollkommnet. Schön, dass sich die Grunge-Band 33 Jahre nach Gish und 24 seit der Reunion endlich wieder daran erinnert.

Bis auf Bassistin D’Arcy in Originalbesetzung, lassen es Billy Corgan, James Iha und Jimmy Chamberlin wieder sensibel krachen. Klar – Aghori Mhori Mei erreicht nie die elegische Wucht von Siamese Dream. Aber es verkneift sich die altersweisen Versuche, intellektueller zu klingen als nötig. Mit Gitarrengewittern wie Edin und Sighommi oder das metallische War Dreams of Itself bleiben sich Smashing Pumpkins treu, werden trotz des verstiegenen Titels aber auch endlich wieder wahrhaftig.

Aghori Mhori Mei (Martha’s Music)