Arte-Doku: Die Beatles in Hamburg

Picklige Teenager im Sündenpfuhl

Beatles

In seiner mitreißenden Doku Die Beatles in Hamburg zeigt Arte, wie die Fab Four auf der Reeperbahn zwar noch keine Weltstars, aber erwachsen wurden.

Von Jan Freitag

Die Annalen jeder Großstadt mit popkulturellem Anspruch enthalten ein, zwei Musikclubs, in denen Blut, Schweiß und Drogen so dick von der Decke tropfen, dass es überregional danach riecht. Düsseldorf hat den Punkschuppen Ratinger Hof, München die Edeldisco P1, Frankfurt das Techno-Mekka Dorian Grey, Berlin mit KitKat, Tresor, Berghain Dutzende Partytempel. Aber das alles ist nichts gegen Hamburg. Einem seiner Viertel fehlt schließlich nur die Überdachung, um im Ganzen als Musikclub durchzugehen: St. Pauli.

Heute enthält das gentrifizierte Arbeiterviertel mit angeschlossener Amüsiermeile zwar deutlich mehr Touri-Kneipen als Tanzflächen. Kaiserkeller, Star Club, Indra haben aber schon deshalb unverändert kosmopolitischen Klang, weil sie etwas Unvergleichliches eint: auf jeder Bühne standen die Beatles bereits zu einer Zeit, als außerhalb Liverpools praktisch noch niemand von ihnen gehört hatte. Lange her, gewiss. Fast 65 Jahre, um genau zu sein.

Dennoch waren die deutschen Flegeljahre der englischen Band so prägend, dass ihnen Roger Appleton eine Dokumentation widmet. Intensive 52 Minuten blickt der britische Regisseur zurück in die Roaring Sixties, als Hamburg auch deshalb ein globaler Popkulturnabel ist, weil der lokale Konzertveranstalter Bruno Koschmider den Liverpooler Kollegen Allan Williams um Bands seiner Heimatstadt bittet. Zunächst kriegt er jedoch bloß fünf picklige Teenager, die buchstäblich fehl am Platze sind.

Bis dahin nämlich, sagt Paul McCartneys spätere Freundin Rosi im Interview, war St. Pauli zwar das weltgrößte Rotlichtviertel, „aber was für ältere Leute“. Erst, als 1959 der Kaiserkeller öffnet, blüht dem Kiez die Jugendkultur – obwohl Koschmieder die Fab Four, seinerzeit noch mit Pete Best statt Ringo Starr und fünf statt vier Mitgliedern, nach ihrer Ankunft erstmal zwei Eingänge weiter ins kleinere Indra schickt. Dort wechselt sich die Coverband Abend für Abend alle 30 Minuten mit einer Stripshow ab. Klingt wenig karrierefördernd.

Doch weil ihr räudiger Gossensound mit jedem Auftritt mehr Gäste anlockt, ziehen die Beatles sechs Wochen später in den Kaiserkeller, wo sie den Kiez, vor allem aber: sich selbst für immer verändern. „Wir sind in Liverpool geboren, aber in Hamburg groß geworden“, sagt John Lennon aus dem Off, und beschreibt damit ziemlich genau die Bedeutung ihrer Jugendherberge mit Elbblick. Denn musikalisch mögen sie erst andernorts ausgereift sein, habituell taten sie es im Takt vom Sex’n’Drugs’n’Gangkriminalität der Hafenstadt.

Als sie lediglich elf Tage vor ihrem ersten Tophit Please Please Me Anfang 1963 den letzten ihrer drei Hamburger Langzeitaufenthalte mit einem Silvesterkonzert im Star Club beendet hatten, „waren die Beatles zwar die Beatles“, gab Lennon mal zu Protokoll. „Aber unsere Kanten waren abgeschliffen.“ Verglichen mit ihrer Heimatstadt war das ausländische Exil schließlich ein Sündenpfuhl, dessen exzessives Nachtleben für Unerfahrene nur mithilfe einer Mischung aus Alkohol und Aufputschmitteln erträglich war – aber eben auch höllischen Spaß machte.

„Wir waren wie Kinder, die von der Leine gelassen wurden“, erzählt Paul McCartney vom Ausnahmezustand Reeperbahn. „In Liverpool kannten wir nur nette Mädchen“, fügt er noch fröhlich hinzu. „Aber wenn du in Hamburg eine Freundin hattest, war sie wahrscheinlich Stripperin.“ Diesen Sprung ins heiße Wasser stellt Appleton im bildgewaltigen Mix aus Familienalbum und Found Footage, Alten Krimis und Anime, Reenactment und einer beachtlichen Auswahl Zeitzeugen nach. Mitmusiker wie Pete Best oder Chas Newby zum Beispiel oder ein halbes Dutzend ortsansässiger Wegbereiter um Jürgen Vollmer und Klaus Voormann.

Mit ihrer Hilfe wird die Doku zur Milieustudie einer unwiederbringlichen Epoche, wie sie auch Ostberlin nach dem Mauerfall erleben durfte. Das macht ihn nebenbei zum Appell an Stadtplaner von heute, Subkultur nicht nur ökonomisch durchzukalkulieren, wie es selbst der rotgrüne Senat tut. Im Gegensatz zum Juni 1961, als die aufstrebende Band den fünften Beatle Stuart Sutcliffe an die progressive Hamburger Kunstszene verloren hat, ist die Hansestadt im Januar 2024 bei aller Restkreativität klinisch tot.

Umso intensiver fängt Appleton das Lebensgefühl der zweitgrößten Städte zweier Nationen ein, die kurz zuvor noch Todfeinde waren und sich dennoch über alle Grenzen hinweg befruchtet haben wie selten in der Musikgeschichte. „Es war ein guter, sauberer Spaß“, meint Paul McCartney zu Beginn bei Arte und korrigiert: „Ein guter dreckiger Spaß“. Wie diese Dokumentation.


Faktenchecks & Wahrheitssuchen

Die Gebrauchtwoche

TV

6. – 12. Januar

Falls noch irgendjemand den Hoffnungsschimmer hegte, die helle Seite der Macht sei stärker: Mark Zuckerberg hat angekündigt, Faktenchecks bei Facebook und Instagram auf zwei, drei nach rechtsaußen anschlussfähige Themen wie Kindesmissbrauch zu reduzieren, weil – tja: Meinungsfreiheit, schon klar. Damit schwenkt der nächste Tech-Milliardär auf Trump-Kurs um und bestätigt sämtliche Befürchtungen der Internet-Frühphase, Social Media öffne die Büchse der Pandora zur Hölle in dem Moment, wo ihre Plattformen von Diktatoren gekapert werden.

Kein Wunder, dass Elon Musk kurz darauf bei X am Rande des digitalen Pettings mit Alice Weidel war. Man kommt dieser Tage halt auch beim Lesen über die Medien gar nicht mehr raus aus dem Doom Scrolling genannten Rabbit Hole niederschmetternder Nachrichten, die am Ende – danke, Algorithmus – einfach krasser performen als hoffnungsfrohe. Auf welcher Seite der Macht hier die Causa Thilo Mischke zu verorten ist, bleibt Auslegungssache.

Dass er titel, thesen, temperamente nun doch nicht moderiert, ist aus emanzipatorischer Sicht ja durchaus zu begrüßen. Was allerdings im Nachgang publik wurde, sorgt dennoch für Kopfschütteln: Offenbar haben nämlich nur zwei der sechs stimmberechtigten ARD-Sender für den mindestens mal leicht misogynen Mischke votiert, darunter auch der BR, mit dem parallel – hoppela – ein ttt-Podcast vereinbart war.

Sein Konkurrent dagegen erhielt doppelt so viele Stimmen, weil er zwar weniger jugendlich, aber kultivierter, seriöser, kompetenter gewesen sein soll. Eine Abstimmung dieser Art trotz Stimmenmehrheit zu verlieren, zeugt davon, wie rücksichtslos Deutschlands staatsvertraglich zu Qualität, nicht Quantität verpflichtete Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ebenso wie die ZDF-Konkurrenz mittlerweile auf Masse statt Klasse setzt, um ihren Bedeutungsverlust zu kompensieren.

Die Frischwoche

13. – 19. Januar

Fernsehsender, in denen der Sportmoderator Jochen Breyer – sein Vorname verrät es – mit 43 Jahren zwar selbst zu alt für die Jusos wäre, aber immer noch als irgendwie jugendlich durchgeht. Umso drolliger, dass er sich Dienstagabend zur immer noch besten Sendezeit im Zweiten auf die Suche nach der Wahrheit über unsere Rente begibt. Ein perfektes Doku-Match. Schließlich paart Breyer klassische Wissbegier so unterhaltsam mit zeitgenössischer Naivität, bis daraus sehr erhellendes Infotainment wird.

In diese Kategorie fällt irgendwie auch die Sky-Serie A Search for Truth, nur korrekt ausgedrückt mit unbestimmtem Artikel. Im Mittelpunkt des Fünfteilers über den terroristischen Abschuss einer Passagiermaschine überm schottischen Lockerbie Ende 1988 steht ab Freitag nämlich ein real existierender Arzt (Colin Firth), der den Verlust seiner Tochter beim Unglück damit kompensiert, bis zur Betriebsblindheit verbissen auf Wahrheitssuche zu gehen, die geschlagene 24 Jahre dauert und bis heute nicht vorüber ist.

Diese Mischung aus Politik-, Gesellschafts-, Familien- oder Courtroom-Drama ist ungeheuer fesselnd – auch und gerade, weil das Raunen über die Geheimdienstverstrickung gelegentlich ins Verschwörungstheoretische abgleitet. In der drolligen Superhelden-Sitcom Extraordinary aus England, die heute bei Neo startet, spielt all dies eher keine Rolle. Im Gengensatz zur Fortsetzung der grandiosen Workplace-Dystopie Severence.

Bei Apple TV+ schickt Regisseur Ben Stiller die Bürogemeinschaft um Mark (Adam Scott) ab Donnerstag erneut ins klaustrophobische Fegefeuer einer seelenlosen Versuchsanordnung, bei der das Erwerbsleben per Implantat vom Privatleben getrennt wird. Und wieder ist die Serie bis an den Rand des Erträglichen steril, aber gerade dadurch ergreifender als alles, was konventionell mit dem Thema Arbeitsalltag umgeht. Wer aber doch lieber doomscrollen möchte: ab Freitag porträtiert die ARD-Mediathek Donald Trump drei Teile lang unterm herrlich depperten Titel Schicksalsjahre eines Präsidenten.


Nachts im Paradies: Cyberpunk & Jürgen Vogel

Schmerzensmann mit Augenklappe

Die Comic-Adaption Nachts im Paradies (Foto: Magenta TV) schickt Jürgen Vogel ab heute bei Magenta TV in die Hölle einer nostalgischen Endzeitserie mit Vater-Tochter-Konflikt. Schade, dass die Form den Inhalt frisst.

Von Jan Freitag

Wer die Schublade mit Jürgen Vogel drauf öffnet, darf sich nicht wundern, wenn er Jürgen Vogel rauszieht. Es dauert deshalb auch Nachts im Paradies nur 300 Sekunden, bis der kernige Melancholiker vom TV-Dienst blutend zu Boden geht, aufsteht, hinfällt, aufsteht, hinfällt und wieder von vorn, bis der Arzt kommen müsste (aber nie kommt). Nach 30 Minuten dieser Magenta-Serie sehen wir ihn dann zum ersten (aber nicht letzten) Mal nackt. Doch erst, als sein Taxifahrer Vince Ende der Startfolge auf dem Motorrad ins Ungewisse eines fiebrig-düsteren Thrillers rast, ist sie komplett: die Kunstfigur, von der Jürgen Vogel kaum je abweichen darf, seit ihn Matthias Glasner zum Film- und Fernsehschmerzensmann machte.

Fast 20 Jahre nach Der freie Wille schickt der Regisseur seinen Leib- und Bauchgrubenschlagschauspieler also mal wieder als abgebrannten, frustrierten, seelenwunden Tunichtgut ins Stahlbad einer endlosen Katharsis. Wie zuletzt in Blochin, Jenseits der Spree oder Informant will Vogel dabei sechs Folgen lang entfremdete Töchter vor einer feindseligen Welt bewahren, bewirkt aber das Gegenteil. 270 Minuten quält er sich und seine Lieben, ihre Gegner und deren Publikum dabei durch den clankriminell versifften Partydrogensumpf einer ortslosen Großstadt, an der Glasner ihn schmerzverzerrt verzweifeln lässt.

Und weil das offenbar noch immer nicht genug der Selbstkasteiung für den deutschen Bruce Willis ist, setzt er Vince nach eigenem Drehbuch obendrein eine Piratenklappe aufs Auge, das ihm bei seiner ersten Fahrt zu Brei gehauen wird. So steckt er viereinhalb Stunden mit halber Sicht bei vollem Einsatz im Morast von Frank Schmolkes gleichnamiger Graphic Novel. Dass er dabei wie John Carpenters Klapperschlange aussieht, ist aber keineswegs der einzig nostalgische Twist einer Comic-Adaption, deren Drama, Ästhetik, Sound und Pathos generell an 1981 erinnern.

Damals hatten Filmemacher wie John Carpenter, Luc Besson oder Ridley Scott einen Cyberpunk kreiert, der perfekt zur Eskalation des Kalten Krieges passte. Im sauren Regen der drohenden Atomkatastrophe waren die durchgeknallten Charaktere und Szenerien von Blade Runner über Subway bis Terminator dem dystopischen Wahnsinn ringsum absolut angemessen. Wenn Glasner die irr lachenden Freaks und Gangster von damals nun ins Digitalzeitalter allgegenwärtiger Smartphones überträgt, wirft das jedoch Fragen auf.

Etwa die, ob Nachts im Paradies Hommage oder Plagiat ist? Antiquiert oder zeitlos? Originell oder prätentiös? Furchtbar oder liebenswert? Alles davon oder nichts? Eine Antwort fällt schon dank der verschachtelten Story um Immobilienspekulation und Verschwörungsideologien, männliche Gewalt und weibliche Selbstermächtigung im Turbokapitalismus schwer, den Schmolkes Version am Beispiel des kriselnden Taxigewerbes kritisiert. Da Skript und Regie das schwarzweiße Original allerdings fast schon besessen mit magischem Realismus kolorieren, ist die Filmfassung von Anfang an heillos überfrachtet.

Jedes Bild von Belang, jeder Satz provokant, jede Regung gewichtig. Puhhhh… Kostüme und Kulissen, Licht und Ton, Personal und Charaktere, Aleksandar Jovanovics Zuhälter und Birgit Minichmayrs Edelhure – alles wird hier so hartnäckig auf Bedeutung gebürstet, bis vieles banal wirkt. Während es in ewiger Nacht ständig wie aus Kübeln (obgleich ausschließlich auf Vince‘ Windschutzscheibe) gießt, scheint ständig die Sonne durchs Fenster. Wenn Vater und Tochter (Lea Drinda) der Journalistin Elli (und damit uns) unabhängig voneinander im verwahrlosten Fabrikloft die Geschichte erzählen, raschelt zudem bei jedem Wort Drehbuchpapier.

Ohne zu zögern, stocken, stammeln sondern aber auch alle anderen unablässig Kalendersprüche à la „man hat die Wahl zwischen `ner bitteren Wahrheit und `ner süßen Legende“ oder „der Mensch ist weder Engel noch Bestie, sein Unglück ist, dass er umso bestialischer wird, je mehr er versucht, ein Engel zu sein“ ab. Angesichts dieser kommunikativen Künstlichkeit bleibt lange offen, was mehr nervt: Lea Drindas zappeliges Vergewaltigungsopfer auf Rachefeldzug oder Jürgen Vogels apathischer Passivitätstäter auf Wiedergutmachungstour. Umso erstaunlicher ist da, wie ergreifend viele Einzelschicksale abseits der zwei Hauptfiguren sind, was die oberflächliche Eskalationsspirale zwischenmenschlich bricht, welchen Sog Nachts im Paradies dadurch mitunter entwickelt.

Die Beziehung der Transperson Ursli (Nils Rovira-Muñoz) zum schwulen Cop Martin (Torben Liebrecht) etwa oder das Verhältnis des freigeistigen Hippies Lucia (Malaya Stern Takeda) zur karrieristischen Elli (Lea Zoe Voss) sind dank weiblicher Beteiligung an Buch (Hannah Schopf) und Regie (Bettina Oberli) anrührend, ohne rührselig zu sein. Überhaupt glitzert der viel zu laute, dunkelbunte Hochglanzstoff immer dann besonders, wenn er die leisen Töne anschlägt. Zu schade, dass sie in Glasners Eskalationsspirale oft erfollos um Aufmerksamkeit betteln. Aber wie gesagt: wer Jürgen bestellt, kriegt Jürgen Vogel. Den Schmerzensmann der Film- und Fernsehunterhaltung. Diesmal noch dramatischer mit Augenklappe.


Michkes Rückzug & Jürgens Paradies

Die Gebrauchtwoche

TV

30. Dezember – 5. Januar

Ob der Kampfbegriff Cancel Culture grundsätzlich falsch oder richtig ist, liegt natürlich am Cancelnden ebenso wie am Gecancelten. Aber dass die ARD dem misogynen Sprachgewalttäter Thilo Mischke Titel, Thesen, Temperamente wieder entzogen hat, ist ein gutes Zeichen für die Selbstheilungskräfte der pluralistisch-liberalen Gesellschaft. Ein weniger gutes Zeichen ist, dass Cancel Culture wie gewohnt nur unter den Wohlgesinnten wirkt.

Während die eigene Bubble den menschlich heiklen, aber politisch soliden Kindskopf bedenkenlos beiseiteschiebt, werden Fans ehelicher Vergewaltigungen mit Männerfimmel voraussichtlich Bundeskanzler und Geistesverwandte wie Dieter Nuhr oder Luke Mockridge weiter bestens für ihre Frauenverachtung bezahlt. Immerhin haben wir noch keine amerikanischen Verhältnisse, in denen die Verachtung aller ethischen Grundwerte Einstellungskriterium einflussreicher Posten ist.

Umso selbstbewusster wäre es, die internationale Einflussnahme auf deutsche Politik bei Springer oder X ein bisschen gelassener zu sehen. Dass Elon Musk oder J.D. Vance zur Wahl der AfD aufrufen, dürfte allenfalls die Überzeugten noch ein wenig mehr überzeugen. Wer Ratschlägen faschistoider Milliardäre und/oder Politiker folgt, ist für den politischen Diskurs vermutlich ohnehin längst verloren. Und damit zur unappetitlichen Ablenkung von derlei Unappetitlichkeiten: RTL hat das Dschungelcamp besetzt.

Wohl bekomm’s, Alessia Herren, Maurice Dziwak, Edith Stehfest, Yeliz Koç, Anna-Carina Woitschack, Sam Dylan, Timur Ülker, Nina Bott, Lilly Becker, Pierre Sanoussi-Bliss, Jörg Dahlmann und Jürgen Hingsen, von denen gut die Hälfte dem eigenen Reality-Saft entstammt. Knapp die Hälfte der Golden Globes gingen gestern an Shōgun und Hacks, aber warum mit Disclaimer, Ripley oder Mr. & Mrs. Smith die drei originellsten Serien des Jahres leer ausgehen, weiß nur die Jury.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. Januar

Von den Neuerscheinungen dieser Woche werden wir bei der Preisverleihung 2026 vermutlich aber nichts wiedersehen – auch wenn das aufgeblasenste Format der Woche viel dafür tut. In der Magenta-Serie Nachts im Paradies kämpft Jürgen Vogels Taxifahrer Vince auf Grundlage einer gleichnamigen Graphic Novel mit allem, was CGI und Kulisse hergeben ums Wohlergehen seiner Tochter (Lea Drinda). Beide zelebrieren jedoch so aufdringliches Overacting, dass die konsumkritisch-feministische Kernaussage ab Mittwoch leider verloren geht.

Das nervt fast so sehr, dass man sich den Sechsteiler glatt schön saufen würde – wovor einen parallel dazu allerdings die ARD-Doku Warum wir immer weiter trinken bewahrt, in der unsere toxischer Alkoholmissbrauch mithilfe einer illustren Talkrunde entlarvt wird. Zwei Tage später dann entlarvt sich das ZDF erneut als PR-Nebenabteilung der Fußball-Cashcow Bayern München – diesmal mit einer fünfteiligen Gossipserie zum FC Hollywood der 90er.

Was ebenfalls Freitag startet: Die ziemlich lustige, originell besetzte Prime-Mockumentary Gerry Star aus dem Bowling-Zirkus deutscher Mittelstädte. Zeitgleich blickt Arte zurück auf Die Beatles in Hamburg – und räumt hoffentlich mit dem selbstverliebten Mythos auf, ein paar Wochen der Band an Alster und Elbe hätten irgendeine Relevanz für ihr Werk gehabt. Tags zuvor kehrt allen Ernstes Peter Illmanns Musiklegende Formel1 zu Kabel1 zurück. Samstag dann begleitet das RTL-Porträt Unser Team die Nationalmannschaft durch 2024.

Das Schmuckstück der Woche läuft aber in der ARD-Mediathek. Dort startet zum Wochenende das Sozialexperiment A Better Place, in der 300 Häftlinge einer fiktiven Großstadt freigelassen werden, um eine Gesellschaft ohne den Zwang geschlossener Knäste auszutesten. Das könnte populistisch werden, ist dank des dezenten Drehbuchs von Headwriter Alexander Lindh und seines sensationellen Ensembles um Katharina Schüttler aber schon jetzt eine der besten Drama-Serien des Frühjahrs.


Fernsehrückblick: Best- und Worst-of 2024

Blutsauger, Früchte, jüdischer Alltag

Wenn die Welt dem Abgrund entgegentaumelt, ist das Fernsehen wahlweise Flucht oder Konfrontation, also relevant oder eskapistisch und selten gar beides. 2023 vor allem mit Mystery, Coming-of-Age, Empowerment oder Fake-Dokus. Und 2024? Ebenso mit Mystery, Coming-of-Age, Empowerment oder Fake-Dokus, aber zuzüglich Vampiren, die Zombies als TV-Beißer ablösen, allerdings längst nicht so zubeißen wie empowerte Frauen. Das zeigen die elf bemerkenswertesten Fernsehereignisse.

Platz 11: Ripley, Netflix

Ein probates Mittel eskapistischer Ästhetik ist zu Farbfilmzeiten schwarzweiß. In dieser Grauschattierung hat Steven Zaillian zuletzt Patricia Highsmiths talentierten Mr. Ripley auf Serienformat gebracht, und siehe da – Andrew Scotts mordender Hochstapler ist so hinreißendes Fluchtentertainment, dass die Welt ringsum acht Folgen lang zum Stillstand kommt.

Platz 10: Becoming Karl Lagerfeld, Disney+

Wer erzählerische Funktionen ihrer Form unterordnen will, findet kaum besseren Stoff als die Haute Couture. Gleich drei Serien haben sich deshalb Modemachern gewidmet. Neben Diors The New Look und Cristóbal Balenciaga auch Karl Lagerfeld, den Daniel Brühl als profilneurotisches Genie mit einer Grandezza spielt, als wäre sie vom Meister selbst kreiert.

Platz 9: Carsten Sostmeier, ARD

„Tänzerisch leicht wie das Lichtspiel einer Kerze, welches sich in einer sanften Brise elegant hin- und herbewegt“ – so hat der ARD-Reporter Carsten Sostmeier keinen Lyrik-Wettbewerb kommentiert, sondern das olympische Dressur-Reiten in Paris – und dem Sport anmutige Augenblicke der vielleicht letzten sorglosen Sommerspiele geschenkt.

Platz 8: Maxton Hall, Prime Video

Dark, Barbaren, Liebes Kind, Die Kaiserin: Serien made in germany sind auch global gefragt, stehen aber im Schatten von Maxton Hall – einer geistig schlichten, physisch saftigen New-Adult-Schmonzette, die Amazons Click-Rekorde bricht. Immerhin müssen deutsche Darsteller dank solcher Erfolge im Ausland nicht mehr ständig NS-Uniform tragen.

Platz 7: Shōgun, Disney+

Als Richard Chamberlains Kapitän Blackthorne 1982 im ZDF anno 1600 Japan ansegelte, war es ein einziges Rätsel. Daran hat sich weder 42 noch 424 Jahre später was geändert. Wie groß die Faszination der fernöstlichen Hochkultur ist, zeigt jedoch Rachel Kondos Serien-Remake von Shōgun – ein bildgewaltiges Meisterwerk, das völlig zu Recht 18 Emmys gewann.

Platz 6: Stefan Raab, RTL+

Als Stefan Raab Mitte September gegen Regina Halmich Dresche bezog, war unklar, dass es nur ein Vorgeschmack auf viel härtere Prügel war. Schon das zweite Comeback Du gewinnst hier nicht die Million bekam von Kritik und Quote konsequent aufs Maul und zeigt eindrücklich: Alter schützt vor Langeweile nicht. Dass es vor Dummheit nicht schützt, zeigte Thomas Gottschalk allerdings deutlicher.

Platz 5: Der Upir, joyn

Jahrelang waren die Bildschirme voller Zombies und gaben der Apokalypse ein zerfleddertes Antlitz. 2024 wurden sie von Vampiren verdrängt, die meist heiß waren wie im ZDF-Theater Love Sucks. Manchmal aber auch skurrile Loser wie Der Upir mit Rocko Schamoni und Fahri Yardim als Blutsauger, die jede Filmregel brechen, aber gerade deshalb glänzen.

Platz 4: Zeit Verbrechen, RTL+

Wie traurig Paramounts Rückzug von deutscher Fiktion ist, zeigt kein Format mehr als Zeit Verbrechen. Vier Regisseure haben dafür Episoden des erfolgreichen Podcast verfilmt. Und allein schon Helene Hegemanns Milieustudie jugendlicher Gewalt wäre jeden Fernsehpreis wert gewesen. Gemeinsam liefern sie den Beweis: Krimi geht auch ohne Klischees.

Platz 3: Schwarze Früchte, ARD-Mediathek

Um marginalisierte Gruppen sichtbar zu machen, der schwule Schwarze Lamin Leroy Gibba seine Coming-of-Age-Serie zwar selbst produzieren. Auch deshalb dürfen seine Schwarzen Früchte jedoch voller Abgründe sein – und dennoch ungeheuer liebevolle, liebenswerte Seriencharaktere, wie sie sonst nur die herausragende ARD-Serie 30 Tage Lust ersonnen hat.

Platz 2: Angemessen Angry, RTL+

Was macht frau in einer Gesellschaft, die sexuellen Missbrauch ächtet, aber nicht ahndet, mit Tätern? Marie Blochings Zimmermädchen Amelie schreitet dank magischer Kräfte blutig zur Selbstjustiz. Damit reiht sie sich nicht nur angemessen angry in weibliche Selbstermächtigungen wie Sexuell verfügbar (ARD) ein, sondern ist trotz aller Brutalität brüllend komisch.

Platz 1: Die Zweiflers, ARD-Mediathek

Jüdisches Leben wird meist nur auf zwei Arten erzählt: Ganz ohne Holocaust („Alles auf Zucker“) oder unbedingt mit (alles andere). David Haddas Porträt der fiktiven Frankfurter Feinkostsippe Die Zweiflers schafft es, historischen Ausnahmezustand und aktuellen Alltag so zu vereinbaren, dass daraus die lustigste, ernsteste, tiefste, leichteste Serie 2024 wurde.


Mischkes Männlichkeit & Matsutanis Hameln

Die Gebrauchtwoche

TV

23. – 29. Dezember

Wann ist ein Mann ein Mann? Das hat Thilo Mischke 2010 In 80 Frauen um die Welt beantwortet. Ein Buch, für das er möglichst viele Frauen flachlegen wollte; und sei es mit einer sexuellen Überzeugungstechnik, die er an anderer Stelle „urmännlich“ nannte: Vergewaltigung. Wie infantil, toxisch, misogyn der Endzwanziger war, wirft neue Fragen auf. Die wichtigste: Wann ist ein Moderator ein Moderator?

Da Mischke Mitte Februar Titel, Thesen, Temperamente von Dieter Moor übernimmt, wird er von seiner schmutzigen Vergangenheit eingeholt und zum Deckhengst der Grundsatzdebatte, wie viel Vergebung Menschen zusteht, die sich läutern. Zumal der Guerilla-Journalist seit Jahren solide Brücken über gewaltige Krater zwischen U und E, Jung und Alt, Hoch- und Popkultur baut. Unser Tipp: ein richtiges Mea Culpa würde viel Druck vom Debattenkessel nehmen, lieber Thilo. Und immer schön nach oben treten.

Dorthin also, wo Gegenwehr zu erwarten ist. Das zeigte sich zuletzt am Beispiel Arne Schönbohms, der genügend Zeit, Geld, Kontakte hat, um gegen die Vorwürfe von Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royal vorzugehen, als Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik habe er die Sicherheit in der Bundesrepublik Deutschland gefährdet. Das Landgericht München hat Böhmermann dafür zwar nicht zu Schadenersatzzahlungen verurteilt, aber die Verwendung von vier der fünf Vorwürfe gegen Schönbohm verboten.

Ein Sieg für den Beklagten, der die Sicherheit seines früheren Sicherheitsobjektes allerdings doch gefährdet, indem er sagte, „das ZDF hat Fakenews verbreitet“ und den Rücktritt von Intendant Norbert Himmler fordert. Einen Sender mit AfD-Vokabular für Fehler eines Einzelnen in Sippenhaft zu nehmen: das ist Wasser auf die Mühlen der Demokratiefeinde und damit ein Sicherheitsrisiko. Schade, dass er von nichts Wichtigem mehr zurücktreten kann.

Deshalb richten wir diese Forderung hier lieber an Ulf Poschardt und Jan Phillipp Burgard. Der neofeudale Welt-Chef mit Porsche und sein designierter Nachfolger mit #MeToo-Historie haben Elon Musk zum Gastkommentar gebeten, in dem er – hoppla – zur AfD-Wahl aufruft. Damit erweist sich Springer erneut als demokratiefeindlicher Steigbügelhalter, der sogar Eva Marie Kogel zu weit rechts steht. Die stockkonservative Welt-Meinungschefin hat ihre Kündigung eingereicht. Hut ab!

Die Frischwoche

0-Frischwoche

30. Dezember -5. Januar

Hut drauf bleibt bei Stefan und Bully gegen irgendson Schnulli. Die RTL-Show war kurz vor Weihnachten nicht mal mehr ein billiger Abklatsch von Schlag den Raab, dauerte dafür aber fünfeinhalb bauschaumzähe Stunden und blieb zu Recht wenige Quotenmillimeter über der Messbarkeitsschwelle. Welten darüber lag einst ein Komiker, dem Prime am Montag das sehenswerte Porträt Mein Name ist Otto widmet. Und auch die zwei Folgen der ARD-Reihe Kurzschluss hatten bessere Quoten.

Im dritten Teil sind Anke Engelke und Matthias Brandt heute um 20.15 Uhr im Ersten auf einem Hochhausdach gefangen, während ihnen das Feuerwerkt einer eiskalten Silvesternacht um die Ohren fliegt. Das ist wie immer so irrsinnig gut geskripted, gespielt und gedreht, dass man sich fragt, warum Bjarne Mädel partout nicht mehr als Regisseur dieser öffentlich-rechtlichen Fernsehperle erscheinen möchte.

Vielleicht eine Art personal cancel culture, mit der sich das ZDF am Neujahrstag weit weniger belastet, wenn es eine Filmreihe mit Klassikern von Edgar Wallace bis zum Edelwilden Winnetou startet. Nominell neu, aber noch staubiger ist das Historytainment, mit dem die ARD traditionell ins Frühjahr startet. Levi Strauss und der Stoff der Träume stellt den Werdegang des bayerischen Tuchhändlers zum Jeans-Verkäufer vierteilig nach, was aber nicht nur konventionell, sondern sterbenslangweilig ist.

Aufregender ist Rainer Matsutanis ZDF-Serie Hameln. Wie man ein Gruselmärchen derart lächerlich in den Sand setzt, bleibt aber das schmutzige ZDF-Geheimnis des deutsch-japanischen Horrorfans. Besser macht es ein Format, das bereits kurz vor Weihnachten gestartet ist. Wenn Netflix die Vulkan-Insel La Palma explodieren lässt, wird vom Wüstenrufer bis zur Familienzusammenführung zwar jeder Katastrophenfilm-Twist rekapituliert. Trotzdem ist die Serie aus Norwegen auf feinfühlige Art fesselnd.


Merzens Anstand & Ronja Räubertochter

Die Gebrauchtwoche

TV

9. – 15. Dezember

Für 38 Cent kriegt man vielleicht noch ein Ei, aber längst schon kein Appel mehr. Dennoch verwenden konservative Politiker, die Mietpreisbremsen und Bürgergeld als Stalinismus verteufeln, enorme Energie darauf, sie dem ÖRR mit dem Hinweis zu versagen, ein Drittel Euro stürze Deutschland ins Chaos. Weshalb unionsgeführte Länder gegen die Anhebung gestimmt haben und der Ministerpräsidentenkonferenz in derlei Fragen das Widerspruchs-, statt Mehrheitsprinzip verordnet.

Klingt clever, ist ein Feigenblatt, das weiterhin jede KEF-Empfehlung verlässlich vors Verfassungsgericht delegiert, wo ihr dann ebenso verlässlich stattgegeben wird. Kein Wunder, dass Friedrich Merz seine fünf Minuten, die ihm Joko & Klaas am Mittwoch wie Robert Habeck und Olaf Scholz für ein Statement zum Thema Anstand gewährte, mit „Sie werden überrascht sein, mich hier zu sehen“ eingeleitet hat.

Aber es war ohnehin nicht wirklich die Woche anständiger Aktionen. Der stinkreiche FC Bayern zum Beispiel streitet verbissen um höhere Rationen aus dem Fernsehgeldtopf, damit die Bundesliga noch öder wird als ohnehin. Parallel wurde publik, dass ZDF-Programmdirektorin Nadine Bilke Anfang November eine Sendung des ZDF Magazin Royale verhindert haben soll, in der es um Verschwörungstheorien ging.

Parallel dazu schob Gianni Infantino dem absolutistischen Folter-Regime Saudi-Arabien mit willfähriger DFB-Unterstützung die WM 2034 zu. Und dann haben sich nicht nur angeblich bürgerliche Parteien, sondern auch ihre Begleitmedien mit Forderungen überboten, nach Assads Sturz müssten nun aber wirklich sofort alle, alle, alle Geflüchteten zurück nach Syrien, aka Remigration. Dabei sind ohnehin erstmals seit zehn Jahren mehr Menschen nach als aus Syrien eingereist, wobei eine Berufsgruppe besonders hervorstach: Journalist*innen.

Die Frischwochen

0-Frischwoche

16. – 29. Dezember

Und damit in aller Kürze dazu, was im Jahresfinale neues am Flatscreen läuft, nämlich echt nicht viel. Heute (Montag) beginnt in der ZDF-Mediathek der hochatmosphärische Verschwörungsthriller Gletschergrab aus Island. Und das, kein Scherz, ist wirklich der einzig empfehlenswerte Neustart vor Heiligabend. Gleich danach zeigt die ARD Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter als fünfteiliges Fantasy-Serie ohne allzu viel Modernsierungsfirlefanz.

Am 2. Weihnachtsfeiertag nutzt Netflix die besinnliche Stimmung für die zweite Staffel der Gewaltorgie Squid Game. Am Freitag drauf feiern die Pfefferkörner 25. Geburtstag mit einer Reihe Jubiläumszeug in der Mediathek. Und am 28. Dezember steigt die gefeierte Liebes Kind-Hauptdarstellerin Kim Riedle in die ARD-Krimireihe Kommissar van der Valk ein, was ihr vermutlich nicht schaden dürfte.

Außerdem im Festtagsprogramm: Ein Abend zum 90. Geburtstag von UDO! Jürgens am 21. Dezember (linear: 23.12.) mit ausgiebigem Psychogramm und reichlich Found Footage. Und zwischendurch, ebenfalls im Ersten, eine wirklich hochinteressante, in den Doku-Teilen lustig besetzte Hassliebeserklärung an die Lebensader Autobahn (22. Dezember, 18.30 Uhr)


Cafe Türk, Milk Carton Kids, Innocence Mission

Cafe Türk

Was lange währt – nein, das wird weder endlich noch unendlich gut. Aber manchmal braucht es halt Jahrzehnte, bis Dinge aus dem Untergrund an die Oberfläche geraten. Cafe Türk zum Beispiel. Ein Quartett aus Schaffhausen, das im Sog des jungen HipHop und älteren Funk Anfang der Achtziger einen ganz eigenen Sound kreierte. Orientalisch angehauchten Schweizer Ethnopop zwischen Kreuzberg, Bronx und Istanbul.

Genau daraus hat Gründer Metin Demirel ein halbes Leben später sein Debütalbum gemacht. Und auf Doğu Ekspresi gewartet zu haben, war absolut lohnenswert. Schon der Opener Çakmağı Çak, Cover eines Sixties-Schlagers, stiefelt zeitlos durch aseptischen New Wave und verschwitzten Club. Auch der Rest klingt hinreißend gegenwärtig, achtet allerdings zugleich seine Wurzeln und bietet damit ein zeitgeistiges Porträt dessen, was früher Mal Weltmusik hieß.

Cafe TürkDoğu Ekspresi (Sound Concept)

Milk Carton Kids

Die Quintessenz der Weltmusik findet sich übrigens, je nach Definition, in dem, was die christianisierte Welt sich Weihnachten um die Ohren haut. Der Stock hat sich da seit Jahrhunderten kaum verändert. Alle trällern dasselbe. Und schlimmer noch: alle trällern es irgendwann nach, um dem überkommenden Genre ein paar Tonträger abzutrotzen. Deshalb hier mal ein kleiner Tipp, der das uralte Liedgut ein bisschen erträglicher macht.

The Milk Carton Kids, ein amerikanisches Folkduo in der Grassroots-Tradition eines Woody Guthrie, haben zehn Klassiker von Silent Night bis I’ll Be Home For Christmas neu interpretiert. Und neu heißt hier, ihrer leicht schroffen Harmonielehre unterzogen, die nichts rocken oder funken oder schlagern oder metaln will, sondern einfach nur ein bisschen Besinnlichkeit verbreiten. Christmas in a Minor Key kann das – Ruhe stiften.

The Milk Carton Kids – Christmas in a Minor Key (Far Cry Records)

The Innocence Mission

Und wo die Stimmung gerade so ein bisschen andächtig wird, unterfüttern wir sie doch mal mit noch mehr andächtiger Musik ohne Spiritualität und Konsumismus. The Innocence Mission haben erstmals seit vier Jahren ein Album gemacht, und Midwinter Swimmers enthält alles, was das Trio aus Pennsylvania kennzeichnet: elegische Folk-Harmonien vor allem, die Karen Peris’ filterlos angeraute Engelsstimme Eigensinn verleiht.

Er klingt weder angestrengt lieblich noch angestrengter robust, sondern nach der perfekten Untermalung von Don Peris und Mike Bitts, die den Schwermut dunkler Winternächte in beschwingte Melancholie zwischen Hippie und Alternative verwandeln. Dafür muss man sich nur mal an zehn Popcorn-Picks vorbei unter die Geigen von The Camera Divides the Coast of Maine wühlen. Klingt wie der Soundtrack eines Lieblingsfilms der Sixties, an den man sich partout nicht mehr erinnert.

The Innocence Mission – Midwinter Swimming (Bella Union)


Vice: Aufstieg & Fall

Friedhof popkultureller Träume

Vice

In 30 Jahren wurde das radikale Hipster-Magazin Vice vom journalistischen Revoluzzer zum Verräter. Eine ARD-Doku schildert Aufstieg und Fall der popkulturellen Legende.

Von Jan Freitag

Ein Kernprinzip der Publizistik besteht darin, über Berichtenswertes möglichst objektiv zu berichten, also kein subjektiver Bestandteil der Berichterstattung zu werden. Die Spiegel-Affäre von 1962, Hitlers angebliche Tagebücher im Stern 21 Jahre später, zuletzt Enthüllungen des Recherchekollektivs correctiv! über rechtsextreme Remigrationspläne oder Julian Reichelts sexualisiertes Machtsystem bei der Bild – weil solche Ausnahmen nur die Regel bestätigen, lassen sie sich an einer Hand abzählen.

Es sei denn, diese Hand gehört zu einem Magazin, das sein Metier verändern, viele sagen sogar: revolutionieren durfte wie kein zweites: VICE, nur echt in Großbuchstaben, buchstäblich breitbeinig. Seit drei arbeitslose Skater die Zeitschrift Anfang 1994 mit wenig Sachkenntnis, aber viel Ehrgeiz aus dem Boden der kanadischen Millionenmetropole Montreal gestampft haben, hat ihr kostenloses, fein werbefinanziertes Produkt mit praktisch jeder Branchenregel gebrochen – und gerade damit sensationelle Reichweiten erzielt.

Eine ARD-Dokumentation erzählt ab heute in der Mediathek die Erfolgsgeschichte einer gedruckten Rebellion. Das allein wäre aber keine drei Folgen à 30 Minuten wert – würde dem steilen Aufstieg nicht ein schleichender Abstieg folgen. Auf Reportagen über Heavy Metal in Kabul oder Alltag auf Lesbos folgten Anbiederungen an Diktatoren, Islamisten, Werbekunden. Auch diese Revolution hat also ihre Kinder gefressen. Und wer da auf wessen Speiseplan stand – dafür ist The Vice Story der Berliner Filmemacherin Peta Jenkin überm Untertitel Gosse, Gonzo. Größenwahn in die Abgründe einer publizistischen Anmaßung hinabgestiegen.

Alles begann schließlich mit einem Credo, dass der spürbar selbstverliebte Mitgründer Gavin McInnes 30 Jahre später in Jenkins Kamera spricht: „Tue Dummes auf schlaue Weise, tue Schlaues auf dumme Weise“. So funktionierte das Prinzip gedruckten Lifestyles, der keiner Richtlinie, keiner Maxime, keinem noch so dürren Wertekodex außer jenem folgte, mit Tabubrüchen Erfolg zu haben. „Wir hatten diese Scheißdrauf-Mentalität wie beim Punk“, erinnert sich der Berliner Fotograf Christoph Voy an die frühen Nullerjahre, als Vice auch auf Deutsch erschien, „aber sehr ehrgeizig“.

Dieses anarchistische Ertragskonzept hatte sein Auftraggeber McInnes mit den gleichgesinnten Shane Smith und Suroosh Alvi im Gonzo-Journalismus der Siebziger entdeckt, als Popliteraten wie Hunter S. Thompson oder Norman Mailer die Subjektivität der Autoren zum Prinzip erhoben. Vice ging allerdings noch ein Stück weiter und machte dieses Prinzip zum einzigen. Alles andere war erlaubt, und das heißt auch alles. „Ich habe Gott interviewt, eine Kartoffel, den Buchstaben Q“, erklärt McIness seinen grundsatzlosen Grundsatz. Er machte den Verlag dahinter zum Global Player mit Millionenauflage und Milliardenumsatz.

Beides wurde aber nicht nur durch thematische Grenzüberschreitungen möglich. Noch wichtiger als Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll war die interaktive Gemeinschaftsbildung. Auf ihrer rasant geschnittenen, visuell ekstatischen, musikalisch scheppernden Zeitreise landet Peta Jenkin nämlich in einer Jugendkultur, die sich gestapelte Krisen von Dotcom-Blase über 9/11 bis Bankencrash mit hedonistischem Konsumterror erträglich feiert. Teil einer Marke zu sein erschien der Gemeinde da nicht als Mangel, sondern Mehrwert. Oder wie es die kanadische Sängerin Peaches ausdrückt: „Vice war kein Magazin, es war eine Szene.“

Und dort eskalierten auch in ihrer Wahlheimat Berlin alle bis zur Besinnungslosigkeit mit. Zumindest, bis die ewige Party zum Selbstzweck verkam. Spätestens in der 2. Folge wird die Marke nämlich wichtiger als ihr Inhalt, während die Grenze zwischen Publizistik und PR, Journalismus und Werbung verschwimmt – befeuert vom Internet, versteht sich. Als die Vice Ende der Nullerjahre mehr Videos als Artikel produziert, konkurrieren sie zusehends radikal um Clicks, Likes, Daumen und nehmen die Erregungsspiralen sozialer Medien vorweg. Der frühere Redakteur Thilo Mischke, heute ein gefeierter Gonzo-Journalist bei ProSieben, spricht von einer „Pimmelhaftigkeit“, die sich auch in der Vice durchgesetzt habe.

Weil Süddeutsche, Spiegel oder Zeit mit Jetzt, Bento und Ze.tt ähnliche Guerilla-Portale geöffnet haben, verschärfte sich der Wettkampf um Aufmerksamkeit weiter. Und den bestritt naturgemäß niemand radikaler als der „Hass-Hipster“ McInnes, wie ihn die „Frankfurter Rundschau“ wegen antisemitischer, frauenfeindlicher, rechtsradikaler Tiraden mal nannte. Verloren hat er ihn auch deshalb. Voriges Jahr meldete Vice Media Insolvenz an. Kurz darauf wurde das Magazin auch in Deutschland eingestellt. Die letzten Online-Beiträge über Drogen im Erzgebirge oder Tierfell-Fetische datieren vom März. Vice ist tot. Sie liegt neben dem Hedonismus der Neunzigerjahre auf dem Friedhof popkultureller Träume.

„The Vice Story – Gosse. Gonzo. Größenwahn“, 3×30 Minuten, ab 12. Dezember, ARD-Mediathek


Gottschalks Body & Kerkelings Alter

Die Gebrauchtwoche

TV

2. – 8. Dezember

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Thomas Gottschalk, emanzionspraktisch ungefähr auf dem Niveau eines AfD-Kreisvorsitzenden im Gau Gera, betreibt gewohnt misogynes Bodyshaming zu Lasten der Sängerin Maite Kelly und nein, er klagt nicht über linksgrüne Diskriminierung weißer Männer, sondern beendet seinen Podcast Supernasen. Kurz darauf wird Syriens Diktator Assad, tyranneitheoretisch nahezu unstürzbar, von Islamisten bedrängt und nein – er steckt nicht auch sein restliches Land in Folterkeller, sondern flieht.

Viel Bewegung unter den ewig Gestrigen der Weltbühne, weshalb Christian Lindner jetzt ebenfalls seinen Rücktritt … ach nee. Der hockt weiter im Sattel einer klientelpolitischen Partei, die das wahlberechtigte Volk nach Strich und Faden belügt, zur Rettung ihrer liberalen Haut allerdings lieber demokratietragende Medien wie Zeit und Süddeutsche diskreditiert, anstatt eigene Fehler auch nur anzudeuten. So geht Antipluralismus von oben, liebe AfD!

Die Entscheidung, ob man Tino Krupalla zum Interview bittet oder nicht, ist von Redaktion zu Redaktion dabei unterschiedlich. Aber wenn man es tut wie am Sonntagabend im Bericht aus Berlin, dann doch bitte, bitte mit einer Moderatorin, die etwas weniger stammelt als Anna Engelke. In dem Fall fiele es der seriösen (also nicht rechten) Kritik vielleicht auch leichter, die exorbitanten Preise einschlägiger Sportrechte hinzunehmen.

Für Bilder der Fußballbundesliga sind sie nämlich anders als auf Deutschlands Nachbarmärkten gestiegen. Bis 2029 aufs Rekordniveau von 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. In neun Einzelpaketen verliert Sky zwar die Samstagskonferenz an DAZN, während die DFL den Privatsendern Sat1 und RTL ein Live-Brocken zuwirft. Ansonsten bleibt allerdings – inklusive Zweitverwertung für Sportschau und sportstudio – alles beim Alten, nur teurer.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

9. – 15. Dezember

Was es dagegen Neues gibt in der laufenden Woche ist einigermaßen schnell erzählt. Montagabend feiert die ARD den 60. Geburtstag von Hape Kerkeling mit der grandiosen Lebenserzählung Total normal. Dienstag gibt es ein Spin-Off der fabelhaften Disney-Animation Alles steht Kopf auf dem hauseigenen Streamingdienst. Am Freitag porträtiert dieselbe Plattform das bewegte Leben von Elton John. Und bereits Mittwoch erinnert die ARD-Mediathek in einer dreiteiligen Doku an The Vice Story.

Wer sich die anarchistische Lifestylemagazin-Legende der Jahrtausendwende nicht kaputt machen lassen will: bloß nicht einschalten. Es werden reihenweise Mythen geschreddert, was nicht nur wegen der tatkräftigen Beteiligung handfester Neonazis und Trump-Fans echt verstörend ist. Eher ermüdend ist dagegen das nächste Biopic über einen großen Deutschen, nämlich Johann Sebastian Bach. Verkörpert von Devid Striesow geht es am Freitag an gleicher Stelle um ein Weihnachtswunder.

Und parallel dazu holt Jan Böhmermann dann auch noch ein weiteres Fossil aus der Grube: In Hallo Spencer – Der Film lässt die ZDF-Mediathek das respektlose Plüschwesen der Siebziger mitsamt seiner pelzigen Studio-Crew auferstehen. Das ist nicht immer wirklich gelungen, aber ungeheuer liebenswert. Und aufrichtig nostalgisch.