Posted: May 5, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
28. April – 4. Mai
Wie herum die Welt rotiert, hängt von der Perspektive ab, aber weil es gegen den Uhrzeigersinn erfolgt, tendiert die Astronomie zum Linksdrall. Politisch dagegen hat sie seit geraumer Zeit definitiv Rechtsdrall, zuletzt auch in Deutschland. Hier gilt seit Freitag nicht nur die zweitstärkste Bundestagsfraktion als gesichert extremistisch; auch die erststärkste kippt weit nach rechts, in dem sie Wolfram Weimer zum Kulturstaatsminister ernennt.
Wer ihn nicht kennt: ausgebildet bei FAZ und Welt, hat der wertkonservative Publizist den nationalliberalen Cicero mit aufgebaut und wurde parallel als Blut-und-Boden-Ideologe verhaltensauffällig, der von biologischer Selbstaufgabe faselt und damit nur knapp vorm Umvolkungsvokabular verharrt. Als Opern-Fan ohne Feuilleton-Kenntnisse fehlt ihm allerdings vor allem jeder praktische oder auch nur theoretische Bezug zur Popkultur, von Alternativkultur ganz zu schweigen.
Kein Wunder also, dass der elitäre Zyniker Ulf Poschardt Wolfram Weimer als Heilsbringer feiert, der den „links-grün-versifften“ Kulturbetrieb mal ordentlich durchkärchert. Ob er das tut, bleibt jedoch abzuwarten. Als Journalist ist er zumindest auf dem medialen Standbein seines neuen Ressorts trittsicher. Und so, wie der Kulturbetrieb gegen ihn auf die Barrikaden geht, könnte er sich durchaus zur Kompromissfähigkeit genötigt fühlen.
Rechte Säuberungsaktionen à la Polen, Ungarn, USA stehen daher nicht zu befürchten, im Gegenteil: Weimer lobt pflichtschuldig die Vielfalt der Kulturlandschaft und setzt sich womöglich für publizistische Mehrwertsteuerbefreiung ein. Das wäre schon deshalb nötig, da der Jahresbericht der Reporters sans frontières Alarm schlägt: Erstmals seit Jahrzehnten lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Staaten mit ernsthaft bedrohter Pressefreiheit.
Die USA – deren Führer nun auch Filme mit Zöllen belegt – sind auf Platz 57 abgerutscht, Argentinien auf 87. Als 11. steht Deutschland zwar noch gut da, aber gehörig unter Druck. Und zwar nicht nur von rechts, sondern wirtschaftlich – grasen die (a)sozialen Netzwerke doch längst fast alle Anzeigen und Aufmerksamkeit redaktionell betreuter Medien ab.
Die Frischwoche
5. – 11. Mai
Im Licht dieser Art Fortschrittsbacklash lohnt sich ein Blick auf Sowjet Jeans, aber Donnerstag in der Arte-Mediathek. 1979 vertreibt der lettische Kostümbildner Renars illegal Westwaren und hält sich den KGB mit halbherziger Spitzelarbeit vom Leib – bis er eine Regisseurin seines Theaters auskundschaften soll, in die er sich verliebt hat. Als der systemkritische Filou daraufhin in der Psychiatrie landet, entspinnt sich eine achtteilige Politgroteske, die zugleich tonnenschwer und federleicht ist.
Das gilt auf zoologischer Ebene auch für die Prime-Doku Octopus! Aus dem Off präsentiert von der hinreißenden Phoebe Waller-Bridge, erzählt uns der Zweiteiler zeitgleich das bizarre Leben wandlungsfähiger Tintenfische – was einerseits zum Niederknien originell ist. Andererseits aber auch auf die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage durch die destruktivste aller Arten verweist: Der Mensch.
Teil einer Spezies, die unfassbare Zerstörungen betreibt wie den Zweiten Weltkrieg, dessen Ende sich ebenfalls am Donnerstag zum 80. Mal jährt. Und wie es sich gehört, ist das lineare Fernsehprogramm voller Gedenk… ach nee: ARD und ZDF ignorieren das historische Datum ebenso wie die großen Privatsender nahezu komplett und delegieren es in die Nische der Spartenkanäle. Heute immerhin stellt das Erste die vierteilige Tagebuch-Animation Hitlers Volk online. Insgesamt aber erinnert der vergessene Sendeauftrag schwer an den 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.
Man könnte also mutmaßen, der ÖRR würde sich dieser Tage halt eher um Fiktionen bemühen. Tut er aber nicht. Denn während die hochinteressante Horror-Psychose Insomnia um eine Frau, die wie ihre Mutter am 40. Geburtstag aufhört zu schlafen, am Freitag bei Paramount+ startet, läuft das originellste Format der Woche bei Amazon Prime. In Drunter und Drüber versucht die Belegschaft eines Wiener Friedhofs die drohende Schließung abzuwenden.
Das ist nach etwas zähem Auftakt am Freitag sieben Teile lang nicht nur auf morbide Art unterhaltsam; Nicolas Ofczareks Erbsenzähler, dem das Amt einen Freigeist (Julia Jentsch) als neue Chefin vorsetzt, ist auch ein drolliger Rollentausch ihrer Zusammenarbeit in Der Pass. Ein letzter Tipp noch: tags zuvor werden Max & Joy, also Herre & Denalane drei Teile lang in der ARD-Mediathek porträtiert.
Posted: April 28, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
21. – 27. April
Ein alter Mann ist gestorben. Ein greiser sogar. Gewählt wurde er von anderen greisen Männern, die Frauen nicht sonderlich mögen und auch mit Homosexuellen, Freizügigkeit, Demokratie und Moderne so ihre Probleme haben. Als dieser alte Mann Anfang voriger Woche gestorben ist, hat ihm das ZDF in seiner Hauptnachrichtensendung dennoch 18 von 20 Minuten Sendezeit gegeben und kein kritisches Wort über ihn verloren. In der Tagesschau widmete man ihm sogar mehr als die übliche Sendezeit, bevor das Wetter kam.
Nichts gegen Franziskus I.; für einen Papst war er fast schon liberal. Aber mit gutem Journalismus hat auch die öffentlich-rechtliche Berichterstattung darüber weit weniger zu tun als mit publizistischem Populismus. Davon abgesehen aber wünschen wir dem verstorbenen Pontifex, dass ihm ein Platz im Himmel vorbehalten wird, falls der existiert. Ein paar Stockwerke tiefer dürfte in diesem Fall Harvey Weinstein schmoren – unabhängig davon, ob ihn ein New Yorker Gericht wegen Formfehlern von mehreren Vergewaltigungsklagen freispricht.
Das Gute daran: zu 25 Jahren ist der sexuelle Gewalttäter rechtskräftig verurteilt, wird nach menschlichem Ermessen also in Haft sterben. Und falls er danach abwärtsfährt, trifft er ja vielleicht seine misogynen Gesinnungsgenossen Til Lindemann und Jerome Boateng, die für Frauen so viel Verachtung übrighaben, dass sie im Duett auf sie spucken, wie ein gemeinsamer Ostergruß belegt. Wie gut, dass es noch Männer wie Klaas Heufer-Umlauf gibt, der zwar keine Late-Night-Show mehr hat, aber auf ewig zu den Guten gehört und nun gar Experte für alles ist.
Die Frischwoche
28. April – 4. Mai
Die drollige DIY-Sendung ist seit voriger Woche bei ProSieben und joyn zu sehen, während es in dieser Woche wirklich nicht allzu viel Bedeutsames zu empfehlen gibt. Das Beste startet am Freitag in der ZDF-Mediathek: Die Dokumentation Nonkonform porträtiert den Hamburger Tausendsassa Dietrich Kuhlbrodt, der auch mit annähernd 90 Jahren überall in der Popkultur tiefe Stempel hinterlässt.
An gleicher Stelle wagt das Zweite am Mittwoch allerdings ein dubioses Experiment. Deepfake Diaries reanimiert fünf Teile lang historische Gestalten mit der umstrittenen KI-Technik, mit der bislang vor allem Revenge-Pornos erstellt werden. Das soll laut ZDF zwar ganz neue Möglichkeiten der Reanimation erschaffen, aber kleiner Tipp nach Mainz: Bislang haben Schauspieler und Schauspielerinnen das eigentlich ganz gut hinbekommen.
Gut, damit ist jetzt nicht die Bodyguard-Serie Paris has Fallen gemeint, ein stumpfer Action-Mumpitz, den man eigentlich eher bei Netflix erwarten würde. Dort also, wo die sehr, sehr schöne Jeanne Goursaud im Thriller Exterritorial eine Bundeswehr-Veteranin spielt, deren Sohn im amerikanischen Generalkonsulat von Frankfurt verschwindet. Weia… Ein wenig besser macht es dort parallel wohl die argentinische Mystery-Dystopie-Serie Eternauta. Interessant dürfte bei Apple TV+ zeitgleich Carême sein.
Das Biopic skizziert den gleichnamigen Starkoch im 19. Jahrhundert höchst originell – auch wenn Benjamin Voisin ihn acht Teile arg sexy spielt. Bei Netflix beginnt tags drauf das Serienremake des tragikomischen Ehedramas The Four Seasons von 1981. Gespannt sein darf man auf den Vierteiler Die Augenzeugen um zwei deutsche Teenager sein, die eine Hinrichtung beobachten und daraufhin ins Visier richtig fieser Krimineller geraten. Denn gespielt werden sie von den Newcomern Philipp Günsch und Marven Gabriel Suarez-Brinkert, die sich zwischen Stars wie Lucas Gregorowicz oder Nicolette Krebitz sehr gut schlagen.
Posted: April 21, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
14. – 20. April
Nein, es war wieder keine allzu gute Woche für Pressefreiheit, Pluralismus, kulturelle Vielfalt. Vollendete Diktaturen wie China verbannen im Zollstreit mit Trump Hollywoods Filme aus ihren Kinos und bringen die Branche damit ins Schlingern. Fortgeschrittene Tyranneien wie die Türkei schicken weiter Journalist*innen dafür ins Gefängnis, dass sie ihre Arbeit machen. Entstehende Autokratien wie die USA schneiden seriöse Medien vom exekutiven Informationsfluss ab, auch wenn der Supreme Court nun den Zugang der Nachrichtenagentur AP ins Weiße Haus höchstrichterlich angeordnet hat.
Und gestresste Demokratien wie Deutschland? Schärfen ihre Schwerter mit billigem Papier. Bild und B.Z. müssen wegen ihrer Rufmordkampagne gegen eine Berliner Polizisten, der sie ohne jeden Beleg über Wochen hinweg sexuellen Missbrauch betäubter Kollegen vorwarfen, am Donnerstag titelblattgroße Gegenanzeigen abdrucken. Aber selbst wenn Chefredakteurin Marion Horn kleinlaut einräumt, die Redaktion habe „versagt. Punkt“, tut sie die Lügen ihrer Redaktion als Betriebsunfälle ab, statt als das, was sie sind: Strukturprinzip des deutschen Boulevardjournalismus.
Ob der deutsche Qualitätsjournalismus gegen seine Finanz- und Meinungsmacht bestehen kann, wird sich zeigen. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag wird immerhin angekündigt, das Urheberrecht zu stärken, den Medienstandort zu schützen und digitale Plattformen zu kontrollieren. Die Abschaffung, pardon: Reform des Informationsfreiheitsgesetztes ist dagegen glücklicherweise vom Tisch einer Unionsfraktion, der kritische Medien naturgemäß Dornen im konservativen Auge ist.
Dornen im Auge von Harry-Potter-Ultras ist demgegenüber das Serien–Remake der legendären Filmreihe von HBO. Noch dieses Jahr beginnen die Dreharbeiten. Und als kürzlich erste Besetzungen publik geworden sind, hagelte es gleich mal Kritik am schwarzen Severus Snape, weil – tja. Veränderungen sind halt nicht so das Ding von Besitzstandsbewahrern. Umso mehr ist zu begrüßen, dass Elton seine Fernsehbühnenzeit mal radikal reduziert.
Die Frischwoche
21. – 27. April
Am Samstag verabschiedet er sich nach zehn Jahren von Wer weiß denn so was? im Ersten. Und das kann man angesichts vom eingeschränkten Unterhaltungsrepertoire des sicher sehr, sehr netten ARD-Maskottchens nur begrüßen. Zurückkehrt dagegen der gecancelte Maskendealer Fynn Kliemann, wenn er im Porträt Ich hoffe, ihr vermisst mich (ARD-Mediathek) 60 Minuten um Aufmerksamkeit für sich und seine Musik bettelt. Und nachträglich heißen wir zwei Neustarts der Vorwoche willkommen.
Die Glaskuppel bei Netflix, eine Skandi-Noir-Serie der düstersten, aber nicht schlechtesten Art um verschwundene Kinder im schwedischen Winter. Und natürlich die Fortsetzung von Last of Us bei Sky, in der wir uns – seit Game of Thrones nicht ungewöhnlich – von zentralem Personal verabschieden. Und da es die Woche neuer Staffeln ist, noch folgende: Stranger Things geht ab Dienstag ins Finale, so heißt es bei Netflix. Und Disney+ setzt zeitgleich den Star-Wars-Ableger Andor fort
Ganz neu im Programm: Am Mittwoch wagt sich die ZDF-Mediathek in morbides Gewässer und macht Edin Hasanović zum Bestatter der sehr anrührenden Tragikomödie Sterben für Beginner. Samstag dann startet bei Paramount+ die vorerst letzte Serie aus deutscher Produktion. Leider. Die Mystery-Serie Parallel Me ist ein absolut hinreißendes Gedankenexperiment darüber, was passieren könnte, wenn m/w/d sich mit magischer Hilfe in Alternativexistenzen beamen könnte.
Der Achtteiler ist nämlich nicht nur dank Jana Burbachs (Bad Banks) herausragendem Drehbuch so sehenswert, sondern weil sie mit Malaya Stern Takeda und Larissa Sirah Herden zwei Hauptdarstellerinnen zum Niederknien für ihre Multioptionsstudie gefunden hat. Unbedingt streamen! Das gilt trotz niederträchtig schlechter Synchronisation auf für die bosnische Drama-Serie I know Your Soul um eine Staatsanwältin, die ab Mittwoch in der Arte-Mediathek im kriegstraumatisierten Sarajewo um Gerechtigkeit und ihren kriminellen Sohn kämpft. Und zugleich auf ganz andere Art empfehlenswert: Georg Restles ARD-Doku Volk in Angst um die Verzerrungen der Polizeilichen Kriminalstatistik.
Posted: April 16, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Gernegroßes Kleinstvergnügen
Die bezaubernde kleine Arte-Serie Eingelocht handelt sechsmal 12-15 unscheinbar tiefgründige Minuten von einem Minigolfplatz irgendwo in Frankreich, auf dem wechselnde Figuren zwischen Loch 1 und 18 wahrhaftige Sorgen und Nöte der großen Gesellschaft im Kleinen durchspielen. Toll!
Von Jan Freitag
Und Größe zählt doch! Wer oder was warum auch immer geringere Abmessungen hat als andere, steht schließlich schnell im Ruf der Unvollkommenheit. Kleine Autos gelten als unfallgefährdet, kleine Ortschaften als provinziell, kleine Portionen als unzureichend, kleine Menschen als durchsetzungsschwach. Und da war noch nicht mal vom Minigolf die Rede. Verglichen mit Maxigolf auf kleinstadtgroßer Fläche, das muss sogar Marc einräumen, ist die Spielplatzversion „banal.“ Banal?
Welch ein Affront! Vor allem aber: welch ein Irrtum! Findet zumindest Chacha (Rosa Bursztein), die sich mit ihrem Mann (Nicolas Bernot) gerade auf der Tour de France de Minigolf zwischen Nordsee und Mittelmeer, Alpen und Atlantik befindet. Bislang 1486 Plätze in zwei Jahren, also zwei pro Tag. Bei Wind und Wetter. Dafür haben die zwei Finanzbeamten nicht nur unbezahlten Urlaub genommen, sondern praktisch „alles geopfert“, wie Chacha den Banalitätsvorwurf abbügelt. Und zwar aus gutem Grund.
Denn Minigolfplätze, erzählt sie dem Lokalreporter Hadrien (Édouard Sulpice) auf ihrer Schlussetappe, „sind wie Menschen“. Jeder sei anders. Auch Nummer 1487 also, auf den wir das Paar ab heute zu Beginn der Arte-Serie Eingelocht begleiten. Zwischen Bahn 1 und 18 einer grünen Betonoase irgendwo im Nirgendwo Frankreichs, erzählt es jedoch nicht nur vom gernegroßen Kleinstvernügen ganz gewöhnlicher Leute. Maximal knackige 15 Minuten pro Folge malen Maxime Chamoux und Sylvain Gouverneur ein Fernsehgemälde auf Kinoformat.
Vor vier Jahren haben die beiden Filmemacher ähnlich alltägliches Serienpersonal 50 erfolgreiche Episoden lang Tag für Tag für Tag Punkt 18:30 auf dem Heimweg vom Büro zur Bushaltestelle begleitet. Jetzt suchen sie erneut nach dem Ganzen im Halben und werden auf der leicht angejahrten Anlage von Managerin Sylvie (Jeanne Arènes) ebenso bezaubernd fündig. Zum Auftakt etwa bittet der Personalchef Gilles (Nicolas Lumbreras) die alleinerziehende Faïza (Saffiya Laabab) zum Bewerbungsgespräch, wo sie zwischen Abschlag und Loch zugleich Siegeswillen und Teamgeist beweisen soll.
Später lädt der unsichere Single Gautier (Théo Navarro-Mussy) seine alleinerziehende Internet-Bekanntschaft Claire (Agnès Miguras) zum ersten Date hierher und kriegt es nebenbei mit ihrem Sohn sowie einem Hund zu tun. Davor spielt Cécile (Chloé Stefani) gegen ihre Schwester (Bérengère McNeese) darum, wer von beiden dem kranken Bruder ein Organ spendet. Und wenn diverse Figuren im Staffelfinale nach Art einer Mockumentary erklären, warum der greise Jacques an jedem 14. Juli pausenlos Bahn 7 spielt, wird „Eingelocht“ endgültig zur federleichten Gesellschaftsstudie von fast philosophischer Tiefe.
Das Besondere an diesem Kleinod mikrosozialer TV-Unterhaltung besteht dabei darin, dass der Minigolfplatz nicht bloß ein drolliger Drehort ist, dem sechs Folgen lang wahllos Geschichten übergestülpt werden. Wie Amazon Primes Discounter im Hamburger Vorstadtsupermarkt, wie der Brandenburger Bäckereiwagen Tina Mobil, wie das Bestattungsinstitut von Six Feet Under oder zuletzt ein Marzahner Nagelstudio als Refugium widerstandsfähiger Wohlstandsverlierer: Auf Sylvies Minigolfplatz verbinden sich kleine bis große Dramen organisch mit dem Belag darunter und umgekehrt.
Alle sechs Episoden sind daher abgeschlossen, aber lose verzahnt. Die Hasenfigur aus Folge 6 schaut acht Zehntelsekunden aus dem Bildschirmrand von Folge 2 vorbei. In Folge 5 hört man die Schwestern aus Folge 2 streiten. Durch Folge 4 fliegt ein Gegenstand aus Folge 3. Alles ganz lustig, alles zu unscheinbar, um dem Wesen echter Probleme wahrhaftiger Menschen Aufmerksamkeit zu entziehen. Denn wenn der blinde Domi (Guillaume Muller) beim Einlochen ohne Sicht auch seinen Liebeskummer zu besiegen, könnte es in billigen Slapstick münden. Tut es aber nicht.
Dafür sorgen schon fabelhafte Darstellerinnen und Darsteller, denen man ihre Figuren jederzeit abkauft. Was wiederum an Drehbüchern liegt, in denen Chamoux und Gouverneur eine Komödiengrundregel beherzigen: Nimm die Handlung und ihre Pointen nicht wichtiger als die Figuren und ihre Persönlichkeiten. Eingelocht ist daher mal lustig, mal traurig, meist beides in einem, aber selten selbstgefällig, gar berechnend. Faïzas angehender Arbeitgeber ist folglich ein Paradebeispiel des toxischen Mannes, der sich für unwiderstehlich hält und davon selbst dann noch redet, wenn ihm seine Inkompetenz um die Ohren fliegt.
Trotz des lächerlichen Profioutfits inklusive Golftasche und Handschuh, führen ihn die beiden Regisseure aber nicht vor, sondern lassen ihn in aller Seelenruhe an seiner Selbstüberschätzung scheitern. Dafür brauchen sie keine schnellen Schnitte, lustigen Twists oder gefährlichen Querschläger. Es reicht, Individuen dabei zuzusehen, Anspruch und Wirklichkeit ihrer Existenzen bei einer kindlichen Freizeitbeschäftigung in Einklang zu bringen, die einfach aussieht, aber so kompliziert ist wie das Leben. Auf dem Minigolfplatz kommt es erst richtig zur Geltung. Banal ist das nie. Aber sehr amüsant.
„Eingelocht“, 6 x 12-15 Minuten, ab 8. April bei Arte.tv
Posted: April 11, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Schlussstrich unters Horrorszenario
Mit der sechsten Staffel in fast acht Jahren endet die verstörende Zukunftsdystopie The Handmaid’s Tale bei MagentaTV. Und zwar ausgerechnet in einer Zeit, wo ihre Fiktion Realität zu werden droht. Fazit einer Serie, die anfangs zu schrecklich war, um wahr zu sein. Lange her…
Von Jan Freitag
Kanada ist, wer würde dies bestreiten, eine topografisch spektakuläre, international geachtete, politisch selbstbewusste, allem Anschein nach standhafte Nation. Sie lässt sich daher von niemandem so leicht unterkriegen. Auch nicht unterm Druck der weltgrößten Militär- und Wirtschaftsmacht, die das Rückgrat des zweitgrößten Landes grad einem Belastungstest aussetzt, dem beileibe nicht jedes widerstehen würde. Wer ihm dabei aus sicherer Entfernung zusieht, hält es da durchaus für denkbar, wie Kanada sich ab heute zum letzten Mal bei MagentaTV zeigt.
Als Hort liberaler Ideale nämlich, der dem aufkeimenden Faschismus im Süden trotzt. Und nein, damit ist nicht Donald Trumps Zoll-Regime gemeint. Es geht um Gilead. Benannt nach einem Reich biblischen Ursprungs, haben christliche Fundamentalisten die USA in dieses postapokalyptische Patriarchat verwandelt, das den letzten Rest fruchtbarer Frauen zu Gebärmaschinen degradiert. Ein misogynes Horrorszenario, das bei der Premiere 2017 ähnlich undenkbar schien wie die Rückkehr der Taliban oder fünf Jahre später Trumps Rückkehr.
Wenn The Handmaid’s Tale nun mit Staffel 6 endet, zeigt sich also das prophetische Potenzial der Hauptverantwortlichen dieser aufsehenerregenden Serie. Kurz, nachdem Margaret Atwood 1985 den zugehörigen Roman geschrieben hatte, versprach Francis Fukuyama im Licht des Mauerfalls das Ende der Geschichte und meinte damit auch Gegner von Liberalismus, Marktwirtschaft, Demokratie. Als Bruce Miller den Besteller dann 2016 zur Serie aufbereiten ließ, schien der schwarze US-Präsident Barack Obama dem Showrunner trotz aller Finanz- und Staatskrisen sogar Recht zu geben.
Leider hat sich dieser Optimismus vorm Start der letzten acht von 68 Folgen in Luft auflöst. Schließlich wird nicht nur das Gilead-Territorium gerade von einer Clique antipluralistischer Frauenfeinde regiert. In aller Welt befinden sich die Errungenschaften jahrhundertelanger Befreiungskämpfe auf dem Rückzug. Nur Teile Europas halten dem rechtspopulistischen Sturm noch Stand. Und Kanada, versteht sich, das nächstgelegene Refugium. Dorthin zog es folglich auch die Hauptfigur June (Elisabeth Moss), nachdem sie ihr Dasein zwei Staffeln lang als lebender Brutkasten gefristet hatte.
Nach furchtbarer Irrfahrt durch Herrenhäuser und Frauenkäfige Gileads, verhalf sie 86 Kindern zur Flucht ins gelobte Land nordwärts. Mehr noch: mit Ehemann Luke (Olatunde Fagbenle), der Verbündeten Moira (Samira Wiley) und dem Kollaborateur Tuello (Sam Jaeger) baute June in Kanada eine Form feministischer Widerstandsbewegung entflohener Mägde gegen das alttestamentarische Regime im Süden auf. Ein Gottesstaat, dessen Religiosität nur als Feigenblatt männlicher Machtgelüste dient. Doch zu Beginn der finalen Staffel ist auch dieser Rückzugsort bedroht.
Da Kanada Flüchtlinge wie sie wieder ausweist, sitzt June mit Baby und gebrochenem Arm plötzlich neben der verhassten Witwe (Yvonne Strahovski) ihres alten Besitzers im Zug nach Süden, wo der Kampf gegen die Unterdrückung weitergeht. Wie genau, wird hier nicht verraten. Was die Serie in den ersten vier Staffeln allerdings faszinierend machte, findet auch jetzt seine Fortsetzung. Denn abgesehen von der grundbösen Aufseherin Lydia (Anne Dowd), leiden Opfer und Täter, Sklavinnen wie Halter gleichermaßen an der retrofuturistischen Steinzeittyrannei.
Selbst Profiteuren gewährt sie wenig Freude an ihrer schönen neuen Welt. Und genau darin besteht die Faszination einer zeitlosen Near-Future-Serie, deren Ästhetik zugleich anzieht und abstößt. Beides perfekt verkörpert von Elisabeth Moss, die Junes Achterbahnfahrt von untertäniger Demut über aufkeimende Renitenz bis zur entfesselten, aber kontrollierten Wut mit ihrer Mimik allein Ausdruck verleihen kann wie kaum eine Schauspielerin sonst. Wenn ihr Ringen um Selbstbehauptung für sich und ihre Schicksalsgenossinnen im Rachefeldzug gipfelt, haben sich einige der Eskalationsspiralen zwar abgenutzt.
Sie entfalten allerdings auch weiterhin einen Sog, dem man sich anders als bei der auserzählten Referenzgröße The Walking Dead schwer entziehen kann. Das liegt wohl auch an der bedrückenden Atmosphäre und ihrer fabelhaften Ausstattung. Zwischen Darth Vaders tiefschwarzem Helm (Star Wars) und Uma Thurmans dottergelbem Overall (Kill Bill) zieren die blutroten Kutten unter schneeweißen Hauben schließlich längst das Museum ikonischer Filmaccessoires. Ihre Wirkung lässt sich bestens im Showdown von Handmaid’s Tale bestaunen.
Wenn die unverwüstliche Hauptfigur darin mit ihrer kleinen Armee aufsässiger Mägde während einer hochherrschaftlichen Hochzeit in retrofuturistischer Cyberpunk-Ästhetik aufmarschiert und dabei „lieber Gott, gib uns die Kraft diese gottverdammten Motherfucker zu töten“ zischt, schaltet das Format ein letztes Mal in jenen Überwältigungsmodus, der es so unvergleichlich macht. Und zieht – was zusehends kritische Bewertungen auf Portalen wie Metacritics oder Rotten Tomatos unterstreichen – rechtzeitig einen Schlussstrich. Möge er den machtversessenen Missbrauch der Religion bei aller guten Unterhaltung niemals so weit kommen lassen wie in dieser wegweisenden Serie.
Posted: April 7, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
31. März – 6. April
Es wäre mal einen Versuch wert, das montagsfernsehen komplett ohne den Gottseibeiuns zu schreiben. Keine Namensnennung, thematisches Aussparen, einfach nur Stillschweigen über, tja… Das böte dann auch Raum für anderes. Die Pläne von CDU/CSU zum Beispiel, das Informationsfreiheitsgesetz still und leise abzuschaffen, pardon: zu reformieren natürlich, wie der zuständige Abrissbeauftragte Philipp Amthor, dem das IFG einst Feuer unterm Lobbyisten-Hintern machte, beruhigt.
Vorweg: damit will er natürlich nicht Pluralismus und Pressefreiheit beerdigen. Sonst würde sich die künftige Koalition vermutlich nicht um eine Mehrwertsteuer-Befreiung für redaktionelle Medienprodukte bemühen. Aber ein Geschmäckle hat es schon, wenn ausgerechnet die intransparente Allianz angeblich christlicher Parteien gegen ein Paragrafenwerk agitiert, das besonders ihnen besser mal genau auf die wirtschaftsfreundlichen Finger schaut – und bisweilen haut.
Andernorts kann man derweil erleben, wie die Politik – sofern sie nicht von konservativen Männern allein verantwortet wird – gesellschaftliche Modernisierung aufnimmt und in Gesetze überführt. Kurz nachdem Netflix das Manosphere genannte Gewaltsystem toxischer Männlichkeit ins Zentrum der weltweit beachteten Dramaserie Adolescence gerückt hat, legt die britische Labour-Party Gesetzesentwürfe vor, um ihr Einhalt zu gebieten. Bei uns würde wäre das dann womöglich ein Heilmittel gegen Morbus Hallervorden.
Der grumpy old racist dümmlicher Altherrenwitze hat in der Jubiläumsshow 75 Jahre ARD am Samstag so innig N***– und Z***–Worte abgefeuert, dass man sich von den Gästen Widerworte gewünscht hätte. Doch die kamen weder von Iris Berben noch Ingo Zamperoni, geschweige denn Didis Bruder im Geiste, Jürgen von der Lippe. Während beiden vermutlich längst AfD-Ehrenmitglieder sind, hagelt es aber immerhin Proteste der Vernunftbegabten
Jene Spezies, die in den USA auszusterben droht, seit ein antiakademischer Kreuzzug stattfindet. Der denkbare Brain Drain, den ein gewisser Fan irrationaler Zölle damit womöglich auslösen wird, könnte Europa (und damit Deutschland) einen Brain Gain sondergleichen bescheren. Aber wie hieß der Mann mit den großen Charts im Rosengarten des Weißen Hauses noch gleich? Ach, egal…
Die Frischwoche
7. – 13. März
Aber in Gilead dürfte er sich ungeheuer wohlfühlen. Dort endet die vielleicht bedrückendste Near-Future-Dystopien unserer Tage mit der sechsten Staffel: The Handmaid’s Tale. Brillant verkörpert (und längst auch verantwortet) von Elisabeth Moss, blasen entrechtete Gebärmaschinen ab Dienstag bei MagentaTV zum letzten Gefecht gegen das misogyne Ausbeutungssystem eines faschistoiden Amerikas – und das war selten aktueller als jetzt.
Ebenfalls von toxischer Männlichkeit handelt der ZDF-Film Ewig Dein mit Manuel Rubey als Mr. Perfect, der heute in der Mediathek zum schleichenden Gift einer österreichischen Lampenverkäuferin (Julia Koschitz) wird. Eher dumm als giftig ist die Aschenputtel-Romanze Crystal Wall ab Donnerstag an gleicher Stelle, in der sich eine Käfigkämpferin ins Rich Kid Nicolas verliebt.
Eher dumm als politisch ist zeitgleich der Action-Schrott G 20 bei Amazon Prime mit Viola Davis und sehr banaler Handlung. Dafür überrascht RTL parallel dazu mit einer durchaus sehenswerten Neuschöpfung für den Krimi-Dienstag namens Morden auf Öd. Weniger überraschend ist gleichzeitig der Liebreiz einer Arte-Serie namens Eingelocht, in der ein französischer Minigolfplatz als Bühne kleiner großer Dramen ganz gewöhnlicher Leute dient – ein absoluter Geheimtipp.
Das ist die 4. Staffel der Netflix-Serie How to sell drugs online (fast) natürlich nicht mehr, aber immer noch und jedes Mal aufs Neue ungeheuer charmant. Eine Chance verdient überdies das Seriendrama Your Friends & Neighbours mit Jon Hamm als Hedgefonds-Manager, der ab Freitag bei AppleTV+ alles verliert und wiederkriegen möchte. Fehlt noch was? Ach ja: Trumptrumptrumptrumptrumptrump. Das musste noch schnell mal raus!
Posted: April 4, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Fototapetenverschwörung
Die Story des deutschen Ingenieurs arabischer Herkunft, der George W. Bushs Irak-Invasion mit einer Reihe von Lügen über Saddams Giftgaslabore herbeiführen half, ist schlicht zu gut, um daraus kein Historytainment zu machen. Leider wurde es Das zweite Attentat (Foto: ARD Degeto/Thomas Kost) im Ersten.
Von Jan Freitag
Die größten Skandale eignen sich naturgemäß auch für großes Historytainment. NSU-Morde, Gladbeck-Drama, RAF-Terror, Wirecard-Pleite, das CumEx-System krimineller Banken – alles teilweise mehrfach fiktionalisiert, gern mit den Klarnamen zentraler Figuren wie Zschäpe, Rösner, Meinhof, Marsalek, Olaf Scholz und jetzt bereits zum zweiten Mal: Rafid Ahmed Alwan. Nie gehört? Na, dann vielleicht sein Pseudonym. Als Curveball wurde der deutsche Ingenieur irakischen Ursprungs schließlich 2017 ein bisschen weltberühmt.
Damals kam raus, dass er den BND so beharrlich mit Falschformationen über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen gefüttert hatte, bis George W. Bush wider besseres Wissen einen Angriffskrieg begann, der zum Flächenbrand wuchs. Wahnsinnige Wissenschaftler und angriffslustige Präsidenten, alternative Fakten und intrigante Agenten – es war eine Frage der Zeit, bis die Räuberpistole als Reenactment im Fernsehen landet. Dumm nur, dass es das deutsche ist…
Während sich Johannes Naber (Der Albaner) in seiner bitterbösen Satire Curveball – Wir machen die Wahrheit bereits 2020 über den Stoff lustig gemacht hatte, versuchen es Barbara Eder und Philipp Osthus nun auf die ernste Tour. Gute Idee eigentlich. Und bestens besetzt. Die Hauptrolle des ARD-Sechsteilers Das zweite Attentat spielt der talentierte Noah Saavedra. 20 Jahre, nachdem er den Racheakt serbischer Nationalisten an seinem Vater knapp überlebt hatte, lebt sein Sohn des Elitesoldaten Frank Jaromin als Fotograf Patrick Schneider im Athener Zeugenschutzprogramm.
Dann aber stirbt dessen Mutter und hinterlässt ihm seltsame Bilder, auf denen er Papas Mörder entdeckt. Damit werden verblasste Erinnerungen wach und bringen Franks Filius auf die Spur einer Verschwörung verschiedener Geheimdienste, die eher mit dem Irak-, als dem Bosnien-Krieg zu tun haben: In Mamas Nachlass befindet sich nämlich eine CD mit Informationen, die Curveballs Giftgaslabor-Lüge widerlegen und damit die Basis für Bushs Angriff.
Sie enthalten also das, was man politischen Sprengstoff nennt. Zu Schade, dass der erfahrene Schriftsteller Oliver Bottini die Lunte legt. Als Drehbuchautor ein Anfänger, verzapft sein Writers Room nämlich Skripte, aus denen Barbara Eder das macht, was sie in Serien wie Concordia oder Barbaren und besonders der missratenen Adaption von Frank Schätzings Schwarm angedroht hatte: oberflächlich reizvolle, inhaltlich kraftlose Fiktionen, deren Dramaturgie Fragen aufwirft, was schlimmer ist: die Effekthascherei, ihre Küchenpsychologie, deren Didaktik?
Eine Antwort erfolgt wie immer entlang individueller Geschmacksgrenzen und Erwartungshaltungen, die sich jeder Wertung entziehen. Während für verschwörungsaffine Actionfans mit Faible für bildhübsche, vorgestanzte, exaltierte Figuren reichlich Eye-Candy enthalten ist, werden differenzierungsfreudige Dialogkinofans mit Schwäche für lebensechte, ambivalente, gewöhnliche Figuren eher unterversorgt. Beides hat seine Existenzberechtigung, beides kann auf unterschiedliche Art gut unterhalten. Falls die Verantwortlichen ihre Story ernstnehmen.
Handwerklich kann Das zweite Attentat da durchaus überzeugen. Sein Sounddesign ist weniger aufdringlich als im Thriller-Genre üblich, die ständigen Zeitsprünge von 2023 bis 2003 und zurück wirken nicht überinszeniert und wirken besonders im arabischen Raum verblüffend authentisch. Leider sind der Homeland-Kopie, die den Faden verbündeter Agenten im Kampf gegeneinander von Zero Dark Thirty bis The Looming Tower zum Irak-Krieg knüpft, dramaturgische Befindlichkeiten herzlich egal. Hauptsache, Schwarzweißcharaktere triggern vor Fototapeten gut erreichbare Hirnareale.
Wenn der moralisch makellose Sympathieträger des nebenamtlichen Models Saavedra die (natürlich) bildhübsche Frauenrechtsaktivistin Simin (Delaila Piasko) trifft, blicken sie daher (natürlich) auf die Akropolis, weil – Athen eben. Ein Strippenzieher des Bösen muss seine Bosheit damit belegen, dass er zu Mozarts Requiem im Kimono rotbeleuchtet Bonsaibäume gießt, bevor sein noch fieserer BND-Kollege (Jakob Diehl) missliebige Akten verbrennt. Ihre Auftragskiller können sich Eikon Media und Deal Productions im Degeto-Auftrag derweil nur im Cyberpunk-Blutrausch à la Luc Besson vorstellen.
Wieso der Grundschüler Alex bis heute zwar deutlich sichtbar zum Endzwanziger Patrick reifen durfte, Desirée Nosbuschs BKA-Agentin Lay die 20 Jahre seit 2003 dagegen ohne jeden Alterungsprozess durchlaufen hat, bleibt da das Geheimnis einer Serie, die viel Energie auf Optik, Action, Attraktivität verwendet, aber wenig auf Logik, Tiefgang, Originalität. Autobiografische Flashbacks handlungsrelevanter Charaktere zeugen deshalb – wie Zeitreisen oder Amnesie – von erzählerischer Faulheit. Weshalb sie ihre Funktion auch ständig verlautbaren.
„Ihr Vater war als Soldat für die Bundeswehr für Auslandseinsätze zuständig“, sagt Patricks Psychologin bei der geschätzt 306. Therapiesitzung. „Ja“, bestätigt ihr Patient. „Beim Einsatz in Bosnien hat er einen Kriegsverbrecher erschießen müssen, und seine Anhänger haben sich dafür gerächt“, worauf sie ihm (also uns) erklärt: „Es waren keine Deutschen, es waren Serben, deswegen sind Sie auch im Zeugenschutzprogramm“. Gut, dass wir mal drüber geredet haben. Weniger gut jedenfalls als die Serie und ihr öliges Happyend mit Fortsetzungspotenzial im Ganzen. Zumindest für Fans feinsinniger Spionagethriller.
Posted: March 31, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
31. März – 6. April
Es war zuletzt, wie ja eigentlich unablässig, die Zeit der Abschiede. Vergleichsweise leicht zu verkraften ist da zum Beispiel der von Elton nach zehn Jahren Wer weiß denn sowas. Ein wenig schwerer fällt dagegen jener von Klaas Heufer-Umlauf im siebten Jahr seiner Late Night Show bei Pro7. Kaum zu ertragen ist demgegenüber das endgültige Aus der türkischen Demokratie – zumal die Verhaftung von Recep Erdoğans Gegner Ekrem İmamoğlu mit einer ungeklärten Zahl weggesperrter Journalist*innen und Fernsehkanäle einhergeht.
Wovon wir uns wohl ebenfalls verabschieden müssen, ist das vielbesungene Vertrauen in die Checks and Balances der amerikanischen Demokratie. Nachdem Donald Trumps sogenannter Sicherheitsstab inklusive mehrerer Ressortchefs hochsensible Informationen über Angriffspläne auf die Huthi-Miliz nicht nur auf einem leicht zugänglichen Messengerdienst ausgetauscht haben, sondern den Chefredakteur des Atlantic-Magazins Jeffrey Goldberg eingeladen, wurde es wirklich haarig.
Denn auch, wenn Signal-Gate tagelang in nahezu aller Munde war: Harte Konsequenzen wird es kaum geben. Dafür müsste die Trump-Administration nämlich Gerichte respektieren, kommunikative Mindeststandards einhalten und zumindest grob einräumen, etwas falsch gemacht zu haben. Bei allem allerdings: Fehlanzeige. Und so gewinnt ein deutscher Appell medial involvierter Menschen mit oder ohne erhöhten Bekanntheitsgrad weiter an Gewicht.
Auf Initiative des Känguru-Flüsterers Mark Uwe Kling plädierten mehr als 100 Erstunterzeichnende von Bulli Herbig bis Karoline Herfurth dafür, Deep Fakes nicht nur einzudämmen, sondern ganz zu verbieten. Mithin eine Manipulationstechnik, die das Vertrauen in Bild und Ton, Fakten und Wahrheit unterminierten hilft. Also genau das tut, was den Rechtslibertären bei der Machtübernahme hilft. Die Konsequenz kann man aktuell in der ARD-Mediathek bestaunen.
Die Frischwoche
25. – 31. März
Dort läuft Volker Heises Langzeit-Analyse Masterplan, die 90 Minuten lang den völkischen Plan zur Remigration eines gehörigen Teils zugewanderter Menschen mit und ohne deutschen Pass beleuchtet. Als Beistellstück gewissermaßen eignet sich da die Aufbereitung Trump – Ein US-Präsident vor Gericht, ab Dienstag bei Sky und Wow. Ansonsten aber steht die Woche ganz im Zeichen eines Dreivierteljahrhunderts Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland.
Wie sich die ARD – präsentiert von Susanne Daubner – heute zur besten Sendezeit mit der zeithistorischen Doku 75 Jahre. Fürs Erste! feiert, ist mit 60 Minuten zwar viel zu kurz und überdies nur bedingt lustig; es eröffnet allerdings Feiertage, die eine Jubiläumsshow am Samstagabend mit – wem sonst! – Kai Pflaume krönt. Was die ARD so schrecklich und schön zugleich macht, kann man aber auch am Mittwoch schon begutachten.
Dann nämlich startet Barbara Eders Agententhriller Das zweite Attentat in der Mediathek. Ein sechstteiliges Raunen über die Beteiligung des deutsch-irakischen Whistleblowers „Curveball“ an George W. Bushs herbeigelogenem Überfall auf den Irak 2003. Optisch absolut ansehnlich, ist die Geschichte ein so kruder Mix verschwörungstheoretischer Stereotypen, dass man allenfalls eingefleischten Actionfans dazu raten kann. Für eingefleischte Promifans ist hingegen die ZDF-Serie Späti gedacht.
Der Creative Producer Wilson Gonzalez Ochsenknecht besetzt sich darin selbst als Kiosk-Verkäufer im Sog der Gentrifizierung. Und zumindest sich das hätte er uns besser erspart. Denn der Rest ist ganz okay. Was ungefähr auch für ein Sequel der unerwarteten Art gilt. Sky schickt den Wiedergänger von Bud Spencers Plattfuß der Siebziger zurück auf Neapels Straßen – diesmal ohne ständige Kneipen-Keilereien, dafür mit Salvatore Esposito (Gomrrha), viel Ernst und einem Abstecher nach Hamburg.
Der Rest in Stichworten: Apple schickt ab Dienstag Seth Rogan zehn Teile lang in die komödiantische Hollywood-Nabelschau The Studio. Parallel begleitet der Sechsteiler Dead Still einen Fotografen des 19. Jahrhunderts durch Mordsfälle bei Sky. Bei Prime Video feiert Kevin Bacon sein Seriendebüt als The Bondsman. Disney+ überrascht sein Publikum mit der achtteiligen Tragikomödie Dying vor Sex um eine krebskranke Frau, die es vorm Exitus noch mal krachen lässt. Und als Goodie für Nostalgiker stellt der BR Monaco Franze in die ARD-Mediathek.
Posted: March 27, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Bodenständig ist mir zu wenig
Nach 44 Fällen in 22 Jahren verlässt Axel Milberg den Tatort. Film & Fernsehen aber bleibt der 68-Jährige Münchner aus Kiel auch künftig erhalten. Ein Gespräch über seinen Abschlusseinsatz Borowski und das Haupt der Medusa, (Foto: Christine Schröder/NDR) neue Freiheiten, lebende Leichen, spirituelle Seiten und was er mit seinem Alter Ego Klaus Borowski gemeinsam hat – oder auch nicht.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Die ARD hat das Ende von Borowskis letztem Fall vorab nicht gezeigt. Spricht das für einen Abgang mit Knalleffekt?
Axel Milberg: Kanonenschlag oder Tischfeuerwerk? Das ist hier die Frage. Ich darf natürlich nichts verraten, aber es ist sein letzter Arbeitstag vorm Renteneintritt – da stört ein größerer Fall, der sich so rasch nicht lösen lässt, die anstehende Feier gewaltig. Wobei Borowski überhaupt erst entdeckt, dass es einen gibt, als er seinen Reisepass verlängern will. Es soll für ihn ja irgendwie weitergehen. Aber noch ist die letzte Minute seines Lebens als Polizist nicht angebrochen…
Sind Sie vorab gefragt worden, welche Ihnen da vorschwebt?
Sehr früh sogar. Und dann saß ich da, hatte alle Freiheiten, aber was willst du nach 20 Jahren wirklich? Wie gut kenne ich Klaus Borowski und wie geht die Geschichte aus: Tod oder Abschiedsfeier, Segelboot oder Innenministerium, taucht die ferne Tochter aus Kanada auf oder die Exfrau? Da gäbe es 1000 Möglichkeiten.
Zu denen im „Tatort“ längst Zeitreisen und Zombies zählen. Wünschen Sie dem Format zum Abschied da mehr oder weniger Mut?
Es ist wunderbar und notwendig, neue Sachen auszuprobieren. Der Zuschauer wird auch hier entscheiden, was weitergeht. Aber nicht er allein. Denn ich denke, die Fälle müssen noch mutiger politische Gefährdungen aufgreifen und gegen die galoppierende Blödheit anerzählen.
Ihr Abschlussfall ist hingegen eher unpolitisch, dafür was für morbide Gothic-Fans…
Das hat der wunderbare Sascha Arango entwickelt, nachdem sein Exposé breite Zustimmung gefunden hatte. Und dann heißt es erst mal, ihn in Ruhe lassen. Arango ist Borowskis Head-Autor und kennt seinen Klaus am besten.
Kennt er denn auch seinen Axel oder mag der es eigentlich bodenständiger?
Bodenständig ist auch mir zu wenig. Es gibt märchenhafte Elemente, wenn man darunter versteht, tiefe Wahrheit in tückischer Idylle zu verbergen. Borowskis Gegenspieler ist der gepeinigte Sohn einer aggressiven Mutter, und er wird mit der Zeit immer auffälliger. Das kann gefährlich werden.
Borowski folgt dabei oft Gefühlen. Würden Sie ihn als Instinkt- oder Intellekt-Kommissar bezeichnen?
Er ist instinktiv, aber mit Mila als Co-Ermittlerin kommt das rationale Gespräch hinzu, denn am besten geht beides Hand in Hand. Borowski ist ja nicht sehr bürokratisch, er erklärt sich ungern, hört aber gerne zu und sagt irgendwann, was ihm zuvor klargeworden sein muss, bis er absolute Sicherheit hatte.
Was kennzeichnet ihn noch?
Cord und Volvo. Beides zeigt sein Bedürfnis nach etwas Häuslichem. Wer immer unterwegs ist, nimmt wie eine Weinbergschnecke sein Haus mit sich.
Teilt er das Verkapselte mit Ihnen?
Was ein Mensch über sich selbst sagt, ist in der Regel unbrauchbar, entweder macht er sich zu groß, zu klein, zu niedlich, zu lässig. Deswegen befrage ich zwar nicht häufig, aber manchmal meine Frau zu diesem Thema. Erfreulicherweise hält sie mich meist für offen, unkompliziert und heiter. Während Borowski nur für seinen Beruf zu leben scheint, genieße ich das Leben in seiner Vielfalt. Ich mache und habe Fehler, weise sie anderen aber ungern nach. Alles Lehrerhafte ist mir fremd.
Und das Spirituelle, von dem Borowskis Fälle ja oft geprägt waren?
Tatsächlich habe ich immer mehr Zugang dazu. Das Geheimnis liegt an der Oberfläche; man muss nur genau hinschauen. Und hinhören.
Was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn Klaus Borowski im Spin-Off von Stahlnetz 2022 erfolgreicher gewesen wäre?
Das Konzept war damals, für jeden Fall eine neue Ermittlerin oder einen neuen Kommissar zu nehmen. Einmal hieß der eben Klaus Borowski; ein sperriger, teamunfähiger Einzelgänger.
Im Grunde also gar nicht weit entfernt vom Tatort-Kommissar ein Jahr später – was 2003 noch als schauspielerische Endstation galt. Sie allerdings haben trotz zwei bis drei Fällen pro Jahr sogar mehr anderes gedreht. Sind Sie Workaholic oder können Sie einfach schlecht nein sagen?
Bei zwei Fällen pro Jahr ist das doch normal! An wie vielen der 365 Tage arbeitet denn ein Arzt oder Kfz-Mechaniker? Es ist sinnvoll, als Schauspieler wahrgenommen zu werden, der nicht nur Kommissar dieser starken Marke Tatort ist!
Haben Sie bei dieser Marke so was wie einen Lieblingsfall von den 44 in 22 Jahren?
Ich mag bestimmt ein knappes Dutzend richtig gerne. Welcher ist denn Ihrer?
Definitiv Der Himmel über Kiel.
Den die Konsumenten von Liquid Ecstasy über sich erblicken, oh ja. Studio Hamburg und der NDR haben mich in der Absicht, mit Regisseurinnen und Regisseuren zusammen zu kommen, die eine neue Sicht aufs Erzählen, aber auch die Welt hatten, stets unterstützt. So konnten wir mit Schwochow, Wnendt, Alvart, Tabak, Çatak unvergessliche Filme entwickeln. Aber auch Kraume, Rohde, Garde, Wagner und vor allem Andreas Kleinert waren Glücksfälle. Ich muss unbedingt zwischendurch mal kurz allen Produzentinnen, Producern und Redakteurinnen danken für ihren ungewöhnlich kämpferischen Einsatz! Danke.
Wurmt es Sie angesichts dieser Fülle großer Regisseure manchmal, dass keiner Ihrer Tatorte einen Grimme-Preis bekommen hat?
Jetzt, wo Sie es abfragen, ja!
Jetzt kommt Borowskis Finale, das im Viertel Ihrer eigenen Kindheit spielt. War es so düster, wie der Name Düsternbrook andeutet?
An manchen Stellen ja. Scheinbar unbewohnt, keine spielenden Kinder, viel Regen. Hinter den Fenstern angedeuteter Wohlstand, überaltert, die Paare verreist. Solche Viertel hat aber fast jede Stadt. Das Haus, in dem der letzte Fall spielt, steht allerdings gar nicht in Kiel, sondern im Osten Hamburgs, auf dem Weg zum Sachsenwald.
Bevor Borowski dort auftaucht, sitzt er im Reisebüro und sagt: Best-Ager klingt toll. Ist es toll, ein Best-Ager zu sein?
Natürlich nicht! Ich liebe das Leben und finde, dieses beschönigende Wort macht sofort melancholisch. Wie „herbstblond“ oder „80 ist das neue 60“. Ich will damit nichts zu tun haben. Meine Schwiegermutter sagt, sie ist jetzt 87, das Alter ist mir scheißegal, aber man kann natürlich was gegen zu schnelles Altern tun: Nicht rauchen, Enkel, Quizsendungen, ohne dabei zu naschen, große Spaziergänge, weg mit dem Handy, Nachrichtendiät! Das hilft bestimmt im Moment. Humor soll übrigens auch nicht schädlich sein. Noch tut bei mir nix weh!
Wie wichtig ist Nähe zu den eigenen Wurzeln? Sie leben ja in München, also ziemlich weit weg von der Heimat des Nordlichts Milberg…
Als Schauspieler bin ich ja nun viel in Gedankenwelten unterwegs. Da braucht es drumherum – für mich zumindest – ein friedliches Leben, und das schenkt mir die Familie. Meine Frau Judith ist Münchnerin, die vier Söhne sind dort geboren, ich spüre viel Süden. An einem bayerischen See bei saurem Radler auf schneebedeckte Berge schauen: da ist nix verkehrt.
Machen Sie trotzdem nach Borowskis Pensionierung wie er erstmal eine Weltreise oder arbeiten einfach weiter?
Beides zugleich. Reisen, aber nicht als Tourist, sondern mit Menschen in der Arbeit zusammenkommen wie voriges Jahr, als ich in Neumünster und Wiesbaden mit Lang Lang und seiner Frau Alice Karneval der Tiere aufgeführt, davor vier Monate in Budapest und danach zwei Monate in Brasilien gedreht habe, ich bin einfach sehr dankbar für alles.
Auch, dass dieser Aufwand mit Rundfunkgebühren finanziert wurde?
Den zahle ich selbstverständlich gern. Unabhängige Nachrichten, Vermittlung von Meinungsvielfalt und Wissen sollten durch den Verbraucher finanziert werden. Dass davon allerdings auch überzogene Pensionszahlungen finanziert werden, sollte rasch überprüft werden und aufhören.
Posted: March 24, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Gefräßige Banken
Im Achtteiler Die Affäre Cum-Ex arbeitet das ZDF (in der Mediathek) den bislang größten Steuerraub der Geschichte fiktional auf. Und zwar trotz der Länge unbedingt sehenswert – schon, weil der vergessliche Banker-Buddy Olaf Scholz darin als einziger mit Klarnamen eine tragende Nebenrolle spielt.
Von Jan Freitag
Geld, geht ein kapitalismuskritisches Sprichwort, macht nicht satt, sondern hungrig. Wer sich in der Besitzmaximierungskonsumgesellschaft von heute aufhält, dürfte ihm kaum widersprechen. Wer Die Affäre Cum-Ex im Zweiten sieht, dürfte es sogar noch zuspitzen. Geld, das lehren ihre acht Folgen, macht den Homo Oeconomicus ja nicht hungrig, sondern verfressen. Und ein besonders gefräßiges Exemplar fasst den Appetit kurz vorm Finale kurz zusammen.
„Es gibt nur zwei Dinge, die einen wirklich frei machen“, sagt der betrugsverdächtige Investmentbanker Dr. Bernd Hausner bei Trüffelpasta zur ermittelnden Staatsanwältin Lena Birkwald: „Alles zu haben oder nichts.“ Denn so lange man danach strebe, irgendetwas zu besitzen, „sind Sie ein Sklave Ihres Begehrens“. Ob 20 Euro oder 20 Millionen. Wobei es in seinem Fall das Siebentausendfünfhundertfache ist.
Um 150 Milliarden Euro hat ein Netz internationaler Banken nämlich Staaten wie die USA oder Deutschland ab 2007 geprellt. Mindestens. Das Prinzip dahinter: Aktien mit (cum) oder ohne (ex) Dividendenanspruch so zu verschieben, bis einmal – zuweilen sogar keinmal – entrichtete Kapitalertragssteuer doppelt zurückverlangt werden kann. Klingt kompliziert? Ist kompliziert! Und zwar derart, dass trotz aller Versuche, Licht ins Dunkel der nimmersatten Finanzindustrie zu bringen, nur Fachleute verstehen, was genau CumEx bedeutet.
Wenn Showrunner Jan Schomburg Steuerkassen in aller Welt plündern lässt, verwendet sein Writers Room deshalb viel Mühe darauf, das Unerklärliche verständlich zu machen. Vorweg: es bleibt das Einzige, woran Die Affäre Cum-Ex in der ZDF-Mediathek scheitert. So oft Jäger wie Gejagte versuchen, das titelgebende Selbstbereicherungsprinzip mit Kindergeld, Flaschenpfand oder Flüssigkeiten plausibel zu machen – für eine Unterhaltungsserie ist die Materie einfach viel zu abstrakt. Umso beachtlicher, dass X-Filme und Beta im Auftrag des Ersten Dänischen und Zweiten Deutschen Fernsehens ebenso amüsantes wie relevantes Historytainment kreiert haben.
Kurz vorm Brexit baut der promovierte Jurist Hausner (Justus von Dohnányi) mit dem jungen Steueranwalt Sven Lebert (Nils Strunk) ein scheinlegales Profitmaximierungssystem auf, das Tausende Millionäre reicher macht und Dutzende Staatskassen ärmer – bis die Kölner Staatsanwältin Birkwald (Lisa Wagner) und die Kopenhagener Finanzbeamtin Brøgger (Karen-Lise Mynster) Wind davon kriegen. Als sich ihre Ermittlungen kreuzen, fragt sich kurz, ob es mehr als die üblichen sechsmal 45 Minuten braucht, um diese Wirklichkeit zu fiktionalisieren.
Antwort: unbedingt! Auf Grundlage der Recherchen eines europäischen Presse-Pools unter Leitung des Correctiv-Reporters Oliver Schröm alias Schromm (Fabian Hinrichs) hat Jan Schomburg Writers Room schließlich einen Wirtschaftsthriller der besonderen Art kreiert. Ästhetisch zwischen Philipp Käßbohrers Wirecard-Groteske King of Stonks und Raymond Leys Dokudrama Der große Fake, füllt das Regieduo Dustin Loose und Kaspar Munk neueren Wein mit einer Spur Ocean’s Eleven in ältere Schläuche.
Anders als beim „Wall Street“-Gangster Gordon Gecko beginnt das glitzernde Kartenhaus angeblich guter Gier ja bereits nach einer von sechs Stunden zu kollabieren. Und anders als in Lisa Blumenbergs Geniestreich Bad Banks malt Schomberg kein Sittengemälde hessischer Hochhausschluchten, sondern der ganzen Marktwirtschaft im Börsenrausch. Während Brokerserien oft der Faszination des Bösen erliegen, heftet sich das ZDF an die Fersen seiner exekutiven Feinde und geleitet sie durchs Wechselbad der Gefühle machtloser Institutionen.
Dank deutscher Beteiligung gerät dabei auch dieses internationale Reenactment mitunter arg didaktisch. Birkwalds Funktionsjacke zur Illustrierung ihrer Bodenständigkeit kramen bloß hiesige Kostümbildner noch aus dem Fundus. Und dass der neureiche Lebert nicht nur proletarische Eltern (klassenbewusst wie immer: Thorsten Merten) hat, sondern beim Erstbezug seines Luxusbüros über Mainhattans auf Obdachlose blickt, unterstellt seinem Publikum, für Understatement ungeeignet zu sein. Vieles leicht überinszeniert, alles kein Problem.
Denn Lisa Wagner dabei zu beobachten, wie sie Justiz, Behörden, Politik per Standleitung Belege strafbarer Umtriebe liefert und bestenfalls Ignoranz, schlimmstenfalls Widerstand erntet – das allein ist den doppelten Rundfunkbeitrag pro Stream wert. Birkwalds entgeistertes, aber zielstrebiges Gesicht verkörpert geradezu gespenstisch plausibel die Akribie ihrer realen Vorbilder. „Es sind mehr Menschen käuflich, als man denkt“, stellt eine Kollegin mal ernüchtert fest. „Sie nicht?“, fragt Birkwald. „Nö“, lautet die Antwort. Punkt.
Die Würze der Serie liegt also in ihrer kommunikativen Kürze. Etwa, wenn sich skrupellose Banker nach Hausdurchsuchungen über Rücksichtslosigkeit beklagen. Oder Birkwald vorm EU-Gremium für Justizkooperation 3:10 Minuten lang beteiligte Banken vorliest. Echte Banken von A wie ABN Amro bis W wie West LB, deren Manager mithilfe willfähriger Politiker – fast allesamt Männer – am größten Steuerraub der Geschichte beteiligt waren. Schade, dass die ZDF-Justiziare nur einen Klarnamen gebilligt haben: Olaf Scholz.
Dessen Karriere, sagt der Investigativ-Journalist Schromm vorm Erscheinen eines entlarvenden Artikels im Staffelfinale, sei damit vorbei. Na ja. Kurz darauf wird der vergessliche Banker-Buddy Bundeskanzler. Auch das erzählt Die Affäre Cum-Ex – und ist bei allem Fatalismus doch ein humorvolles Plädoyer für Fernsehen mit Haltung über Themen mit Bedeutung voller Menschen mit Prinzipien. Es macht von der ersten Serienminute an hungrig auf mehr.