Piers ProSieben & Rentnerdetektive

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. August

Weil Film- und Fernsehschaffende regelhaft sterblich sind, spielen Todesfälle bekannter TV-Figuren hier normalerweise nur Nebenrollen. Bei Rolf Seelmann-Eggebert machen wir allerdings mal eine Ausnahme. Jahrzehntelang Kopf und Stimme der öffentlich-rechtlichen Adelsberichterstattung, schaffte es der frühere Auslandskorrespondent, den Aberwitz aristokratischer Relikte im profanen Zeitalter mit exakt der richtigen Tonlage zu vermitteln.

Dafür gebührt dem Hamburger aus Berlin, der Freitag voriger Woche mit 88 Jahren von uns gegangen ist, ein kleiner Nachruf. Der Abschiedsgruß gilt schließlich auch einer Epoche berufsethischer Verbindlichkeit, die mit Journalisten wie ihm ins Grab gehen. Als Gegenbeweis könnte man jene Medienplayer anprangern, die Robert Habecks grünen Staatssekretär Patrick Graichen wochenlang öffentlich geschlachtet haben, über die Vetternwirtschaft der jetzigen Regierung aber höflich schweigen.

Oder man bohrt dickere Bretter und weist nochmal auf die anstehende Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Pier Berlusconis MFE hin. Schwer zu sagen, ob Silvios Sohn die umbenannte Mediaset glaubhaft zur Mitte führt, wie kürzlich angedeutet. Giorgia Melonis Regierung jedenfalls hält er für die „bestmögliche“. Um dem deutschen Fernseh-Konglomerat trotz stagnierender Umsätze und der Fusion von RTL mit Sky jährlich 400 Millionen Euro Gewinn abzutrotzen, droht da nicht nur ein radikaler Sparkurs, sondern der programmatische Rechtsruck.

Bessere Nachrichten gefällig? Der ZDF-Film In die Sonne schauen geht womöglich ins deutsche Oscar-Rennen. Und die ZDF Studios haben mit Disney+ eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet, Tausende Stunden regional produzierter Serien und Filme von Nord Nord Mord bis Marie Brand aufs Streamingportal zu stellen. Ein Stock, der bis Ende des Jahres auf über 3.000 Episoden und Filme wachsen könnte. Warum das gut ist? Weil es Reichweite und Erträge generiert, um Streamern die Stirn zu bieten.

Die Frischwoche

25. – 31. August

Netflix vor allem. Für seine Krimikomödie Thursday Murder Club ab Donnerstag stand so ein gewaltiges Budget zur Verfügung, dass mit Helen Mirren, Pierce Brosnan, Ben Kingsley ein halbes Altersheim voller Stars die Romanverfilmung um greise Hobby-Detektive bevölkern. Auch deshalb: nicht der Rede wert, aber durchaus unterhaltsam. Was wohl auch für die spanische Mystey-Serie Zwei Gräber tags drauf an gleicher Stelle gilt.

Und etwas weniger vermutlich fürs Serien-Prequel des Agenten-Blockbusters The Terminal List, ab Mittwoch bei Prime Video. Bleibt noch extrem viel ARD-Material der Woche. Heute zum Beispiel macht Ingo Zamperoni den Auftakt mit seiner Primetime-Doku Merkels Erbe – 10 Jahre Wir schaffen das, inklusive Interview mit der Ex-Bundeskanzlerin. Dienstag gefolgt von der dreiteiligen Küblböck-Story, denen die Beetz Brothers zum Glück noch deren Transidentität Lana Kaiser im Titel anhängen.

Donnerstag zeigt die Mediathek des Ersten dann noch den originellen kleinen Dokumentarfilm Der talentierte Mr. Felinton um einen Regisseur, der zwei deutschen Kollegen Idee und Film geklaut und damit sogar Preise gewonnen hat. Freitag dann geht das Erste mit Zwei Frauen für alle Felle in Reihe, die – Achtung, Kalauer – Veterinärinnen sind. Und zu guter Letzt noch eine Sportdokumentation, die wirklich bemerkenswert ist.

In 13 Steps porträtiert der deutsche Autor Michael Wech nämlich die unfassbare Karriere des amerikanischen Hürdenläufers Edwin Moses. Und das ist annähernd zwei Stunden auf eine Art und Weise fesselnd, die sich wohltuend von den Lobhudeleien anderer Sportdokumentarfilmer*innen absetzt. Und zum Schluss ein Schmankerl: am Freitag startet in der ARD-Mediathek die norwegische Tragikomödie Below um eine Norwegerin, die sich nach einem Autounfall querschnittsgelähmt sechs Teile lang nicht in ihr Schicksal fügen will.


Becoming Madonna: Virgin & Aktivistin

Madonna Mia

In 40 Jahren Weltkarriere hat sich Madonna ständig gehäutet und stand doch stets ganz oben. Eine ZDF-Doku zeigt, wie oft sie dafür den Mainstream einfach umgeleitet hat.

Von Jan Freitag

Um zu verstehen, was Skandale skandalös macht, muss man das Wort kurz aus dem Blitzlicht der Regenbogenpresse ins Dämmerlicht seiner sprachlichen Herkunft holen. Im Griechischen beschrieb skándalon einst den Stein des Anstoßes, der beim Aufprall für Ärger sorgen könnte. Ob sich jemand daran stößt, hing allerdings schon in der Antike schwer davon ab, was gesellschaftlich als allgemein anstößig galt. Und das kann sich bekanntlich permanent ändern.

1903 zum Beispiel taugte es zum Skandal, falls die Dame statt Rock Hosen trug. Rund 60 Jahre drauf war letztere zwar selbst an Frauenbeinen normal; dafür sorgte es verlässlich für bürgerliche Schnappatmung, wenn ersterer zu hoch übers Knie reichte. 1983 dagegen bestand der Skandal umgekehrt eher darin, dass CSU-Bundestagspräsident Richard Stücklen der Grünen Petra Kelly ihr Beinkleid im Plenarsaal verbieten wollte, während eine Geschlechtsgenossin nur Monate später durch den Fleischwolf des prüden Amerika gedreht wurde, weil sie ein Brautkleid getragen hatte, sich darin Like A Virgin auf der Bühne geräkelt und obendrein so hieß wie eine Marienstatue.

Madonna mia!

Es war der skandalumtose Kickstart einer Künstlerin, die das erregungsökonomische Konzert nicht nur mitspielen, sondern dirigieren wollte. Und wie ihr das gelang, zeigt eine Dokumentation, die das Kalkül gewaltiger Popkarrieren bereits im Titel trägt: Becoming Madonna. Denn dass sie mit respektablem Abstand zu Taylor Swift und Rihanna die kommerziell erfolgreichste Solokünstlerin der Welt geworden, vor allem jedoch: bis heute geblieben ist, war in erster Linie ihr eigenes Werk. Ein streng kalkuliertes, wie Regisseur Michael Ogden 90 Minuten lang glaubhaft macht. Aber aus tiefster Überzeugung.

Schon, als das Mädchen aus Michigan mit kaum 25 erstmals die Top 10 der amerikanischen Billboard-Charts stürmt, fragt es, wer „den größten Star Amerikas“ managt und verkündet: „Den will ich!“ Also kriegt Madonna Michael Jacksons Impresario Freddy Demann. Und nachdem sie zwei Jahre später bei den MTV Awards die amerikanische Prüderie im Brautkleid provoziert, springt Like A Virgin tags drauf auf die 1. Welch ein Kontrast zu den Anfängen.

Als Madonna Louise Ciccone aus dem verträumten Bay City ins schlaflose New York zieht, will die junge Tänzerin zwar bereits ganz nach oben; ihre Vorbilder heißen jedoch noch Blondie oder Lou Reed. Um im Indiepop jener kulturell richtungsweisenden Tage Fuß zu fassen, lernt die Minderjährige daher Schlagzeug und Gitarre. Neben unbekanntem Archivmaterial einer ganz gewöhnlichen Provinzjugend, das Michael Ogden zusammengetragen hat, zählen solche frühen Live-Auftritte zum Faszinierendsten, was Bandbiografien bislang gezeigt haben. Sie bleiben allerdings Episode.

Mithilfe zahlloser Zeitzeugen und Wegbegleiter vom ersten Labelchef Seymour Stein über Ex-Managerin Camille Barbone oder Videoregisseurin Mary Lambert bis hin zur ihrem Entdecker Michael Rosenblatt erleben wir den Werdegang einer globalen Ikone bis in die Niederungen unaufgeräumter Kinderzimmer und Backstagebereiche. Wirklich Fahrt nimmt das Porträt aber erst auf, als der Regisseur tonnenweise Klatsch und Tratsch hinein kippt. Allein die PR-taugliche Hochzeit vom Bad Girl Madonna mit dem Bad Boy Sean Penn belegt fast ein Fünftel der knappen Sendezeit.

Dieser boulevardeske Zuschnitt könnte ebenso wie das Dreschen billiger Phrasen („Sie hat das gewisse Etwas“), ein überhasteter Ritt durch die letzten 25 Jahre ihrer epischen Laufbahn (mit sechs weiteren Top-1-Alben bis 2019) oder der Umstand, dass Madonna selbst leider nicht persönlich zu Wort kommt (dafür in Dutzenden älterer Interviews) ein Makel dieser gutrecherchierten Fernanalyse sein – würde die als Showmance diskreditierte Liaison zweier Superstars ihrer Zeit weniger Wissenswertes übers Showgeschäft, seine handelnden Akteure und vor allem Madonna selbst aussagen. Die ist schließlich nicht nur das Role Model weiblichen Empowerments ihrer patriarchalen Branche schlechthin, sondern ein dezidiert politischer Popstar, ohne den mehrere Fortschrittsbewegungen weitaus träger flössen.

Egal, ob sich das „Material Girl“ 1984 wie zuvor bereits Cindy Lauper mit hedonistischer Lebensfreude dazu bekennt, dass Mädchen mitunter halt auch einfach nur Spaß wollen, zwei Jahre später für Penthouse und Playboy auszieht oder im millionenfach verkauften Bildband Sex zur LP Erotica das Selbstbestimmungsrecht weiblicher Erotik propagiert: Durch die Wirkmacht ihrer Popularität macht Madonna in jeder Karrierephase alle eigenständiger, deren Gefühlshaushalt unter Kuratel der herrschenden, meist männlichen Moral steht. Und das sind beileibe nicht nur Frauen, sondern andersartige Menschen jeder Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Identität.

Spätestens, als ihr schwuler Freund und Vertrauter Martin Burgoyne mit 23 Jahren an AIDS stirbt, engagiert sich Madonna auch auf offener Bühne für die Rechte Homosexueller. 1989 dann folgt der Affront, im Video zum nachdenklichen Like A Prayer einen schwarzen Jesus zu küssen. Beides macht sie zwar mehr denn je zur Zielscheibe evangelikaler Rechtspopulisten, die unter Präsident Reagan nicht weniger als unter Donald Trump jede Abweichung vom heteronormativen Mainstream verteufeln. Vor allem aber wird Madonna so zur Ikone nahezu sämtlicher Zuflüsse, die heutzutage unterm Sammelbegriff LGBTQA+ firmieren.

Kurz, bevor die renitenten Riot Grrrls der späten Achtziger im Folgejahrzehnt zu Spice Girls werden, die Repräsentation und Selbstermächtigung eher materialistisch als emanzipatorisch auffassen, macht die Blond Ambition Tour Madonna 1990 also endgültig zur antirassistischen Queer-Aktivistin. Oder wie sie selber es ausdrückt: „Ich habe mich mit den Augen eines heterosexuellen Machos angeschaut habe und gemerkt: Ich kann auch ganz anders.“

Ihre Häutungsprozesse, die auch danach noch Moden und Stile in aller Welt beeinflussen, frühstückt Michael Ogdens Porträt zwar etwas zu fix ab. Am Ende seiner Zeitreise aber blickt man klarer auf ein Selbstvermarktungsgenie, das die Grenzen seiner Prinzipien zur PR und umgekehrt seit jeher selber zieht und sich damit länger als jedes andere im Aufsichtsrat der Aufmerksamkeitsindustrie hält. Nur eines braucht Madonna Louise Ciccone, geboren am 16. August 1958 in Bay City, längst nicht mehr, um 41 Jahre nach Like A Virgin wohl auch ihr 16. Album in die Top-3 der US-Charts zu bringen: Skandale.

Becoming Madonna, 90 Minuten, ab 9. August in der ZDF-Mediathek und am 23. August in 3sat


Jörgs Julia & Svenjas Theo

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. August

Es gibt weniger relevante und wirklich relevante Nachrichten. Wohin jene gehört, dass Israel offenbar planmäßig vier palästinensische al-DschazīraJournalisten als angebliche Terroristen getötet hat, scheint da ebenso wie jene von der bevorstehenden Übernahme des deutschen TV-Konzerns ProSiebenSat1 durch die italienische MFE im Berlusconi-Besitz zur zweiten Kategorie zu gehören. Allerdings nicht im Vergleich zur Breaking News der Woche: Jörg Pilawa und Julia Klöckner sind ein Paar!

Wichtigste Konsequenz: Nach dem die Bundestagspräsidentin Julian Reichelts rechtsradikales Online-Portal Nius auf einer CDU-Veranstaltung mit der linksliberalen taz gleichgesetzt hat, dürfte ihr Lover sein Abo gekündigt und durch eines der Jungen Freiheit ersetzt haben – vermutlich Klöckners Blut-, Leib- und Boden-Format, zu dem sich im Unterhaltungssegment womöglich Sex and the City gesellt.

Sollte der Nestlé-Fan mit Gender-Fimmel die heteronormative Konsumgören-Serie geschaut haben, ist damit seit Freitag Schluss. Da endete nach 27 Jahren die lausige Fortsetzung And Just Like That und damit eine Ära antiemanzipativen Entertainments. Was unumwunden zu dessen König führt: Kurz, nachdem der Medienkonzern Skydance zum Preis von Stephen Colberts Entlassung Paramount kaufte, hat letzteres die Rechte an Donald Trumps Prügelorgie UFC für sieben Jahre à 1,07 Milliarden Dollar erworben.

Democracy dies in the darkness einer Nation, deren Pressefreiheit im Gleichschritt mit dem Realitätssinn verschwindet – besonders deutlich beim Rauswurf der US-Chefstatistikerin Erika McEntarfer, die Trump durch den MAGA-Propagandisten E.J. Antoni ersetzt. Warum es der Tagesschau keine Spitzenmeldung wert war, dass Trumps wirtschaftlicher Misserfolg nun nicht mehr offiziell kommuniziert wird, bleibt das Geheimnis ihrer Redaktion.

Die Frischwoche

18. – 24. August

Aus Gründen die Frischwoche in Stichworten

Montag, ARD-Mediathek: The Klimperclown, ein Porträt von und mit Helge Schneider zum 70. Geburtstag, das ungefähr so aberwitzig ist wie Jubilar und Verfasser

Dienstag, ZDF-Mediathek: AfD – Aufstieg in der Flüchtlingskrise, Dokumentation einer erschreckenden Allianz aus Machtkalkül, Rassismus und Ressentiment

Mittwoch, Disney+: The Twisted Tale, beeindruckende Biopic-Serie über den bizarren Justizirrtum an der vermeintlichen Mörderin Amanda Knox

Donnerstag, Netflix: Fall vor Me, deutscher Erotikthriller mit Svenja Jung auf Theo Trebs, der sich keines Erotikthriller-Klischees zu schade ist

Freitag, Sky: Boyzone, dreiteilige Doku übers aberwitzige Milliardengeschäft der Boygroups in den Neunzigern am Beispiel einer der erfolgreichsten

Freitag, ZDF-Mediathek: Always Hamburg, sechsteilige Doku übers aberwitzige Minusgeschäft des HSV, der trotzdem Millionen Herzen bewegt

Sonntag, Neo: Chabos, achtteilige Dramaserie um vier deutsche Jungs, die 2006  in einer Nacht ihre Zukunft vergeigen und 20 Jahre später danach suchen


Nastassja Kinski: Männermacht & Befreiung

Vom Lustobjekt zum Filmsubjekt

Das Arte-Porträt Geschichte einer Befreiung zeigt, wie sich Nastassja Kinski (Foto: arte) aus dem Griff allmächtiger Männer befreien konnte. Aber auch, wie fest er vor 50 Jahren war – und wieder zu werden droht.

Von Jan Freitag

Wer einem Gefängnis entfliehen will, muss dafür oft keine Mauern aus Steinen, Stahl und Stacheldraht erklimmen. Mindestens ebenso scher überwindlich sind die Mauern aus Brauchtum, Klischees und Schränken voller Schubladen. Schubladen, in denen einst kaum jemand so tief steckte wie Nastassja Aglaia Nakszynski. Die Tochter des deutschen Weltstars Klaus Kinski war schließlich noch ein Kind, als sie ihr Filmdebüt feierte und dabei tat, was die Gesellschaft 1975 selbst dann von Frauen erwartete, wenn sie erwachsen waren: zu schweigen.

In Wim Wenders‘ Kino-Drama Falsche Bewegung tat es die 13-Jährige zwar vor allem, weil sie ein stummes Mädchen spielte. Aber auch danach wurde ihr der Mund verboten, sobald Nastassja Kinski als Objekt männlicher Machtgelüste besetzt wurde. Szene für Szene, Affäre für Affäre, Film für Film geriet der Teenager in die übergriffigen Hände doppelt so alter Herren von Richard Widmark über Christian Quadflieg bis Malcom McDowell. Und stets wurde die Schublade, in der sie saß, ein Stück tiefer. Aufschrift: Lolita. Opfer. Femme Fatale.

Es war ein Gefängnis der unüberwindlichen Art. So schien es jedenfalls zu Beginn ihrer beispiellosen Karriere – und sollte sich als ebenso großer Trugschluss wie die Aussage des Produzenten von Falsche Bewegung erweisen, „das Mädchen“ sei „nicht fürs Filmgeschäft gemacht“. Denn was Anfang der Achtziger folgte, steht im Untertitel einer ebenso beispiellosen Dokumentation: Die „Geschichte einer Befreiung“. Und die französische Regisseurin Marie-Gabrielle Fabre beginnt mit dem Befreiungsschlag schlechthin: Paris, Texas.

Gerade mal 21, verfügte sie 1984 zwar über die Erfahrung aus gut einem Dutzend internationaler Werke unterschiedlicher Regisseure. Doch erst ihre zweite (nicht letzte) Zusammenarbeit mit Wim Wenders sprengte die Ketten der ewigen Kindfrau. Es waren bleischwere, lukrative, scheinbar unvermeidbare Fesseln einer Impulsschauspielerin in Beugehaft patriarchaler Herrschaft. Als zweites Kind des Set-Berserkers Klaus Kinski war Nastassja schließlich von Hause aus Gewalt in ihrer niederträchtigsten Form gewöhnt.

Anders als ihre Geschwister wurde sie nach eigener Aussage zwar nie vom leiblichen Vater vergewaltigt. Missbräuchlich war sein Verhalten allerdings schon – durch Abwesenheit, Machtdemonstrationen, passive Aggressivität. „Wenn er uns mal in den Arm genommen hat, hat man keine Luft mehr bekommen“, sagt sie aus dem Off eines der seltenen Familienfotos in trauter Atmosphäre. „Wir hatten alle Angst vor ihm.“ Ein Gefühl, das sich wie Blutspuren durch säftelnde Fiktionen zieht, die selbst im Schatten von #MeToo unglaublich sind.

Ein Jahr, nachdem Wolfgang Petersen die 15-Jährige dazu nötigen durfte, sich für den öffentlich-rechtlichen Tatort: Reifeprüfung vor der Kamera auszuziehen, spielt sie im italienischen Inzest-Drama Bleib wie du bist die Geliebte des dreimal so alten Marcello Mastroianni. Doch was 1978 unterm Emanzipationsbegriff der sexuellen Revolution firmierte, war nichts anderes als struktureller Machtmissbrauch eines männerdominierten Metiers. Die Filmbeziehungen basierten folglich „nicht auf Liebe“, wie Sprecherin Marit Beyer kommentiert, „sondern erotisierenden Dominanzverhältnissen“.

Handgezählte 18 Missbrauchsszenen der Minderjährigen schneidet Fabres fabelhafte Cutterin Anna Brunstein dafür einmal am Stück ineinander. Es sind kaum erträgliche, überaus anschauliche Filmausschnitte, in denen Nastassja Kinski ihre Vergewaltigung mal ausdruckslos, mal angewidert über sich ergehen lässt – bis sie sich mit einem Stein befreit. Dass er ihr vom verurteilten Sexualstraftäter Roman Polanski gereicht wird, mit dem sie anschließend ein fruchtbares, aber toxisches Abhängigkeitsverhältnis eingeht, passt ins Bild einer Epoche kreativer Alphatiere, die Frauen als Mischung aus Muse, Spielzeug, Trophäe betrachtet haben.

In ihrer großartig geschnittenen Kompilation aus Filmsequenzen, Talkshowbesuchen und Archivmaterial, wo ihr der graumelierte Studio-Choleriker Rudi Carrell schon mal aufs Meerjungfrauenkostüm sabbert, werden die Zwangsmechanismen dahinter körperlich spürbar – und sagen meist zweierlei aus: Wie lange das Patriarchat seine Herrschaft noch über Schutzbefohlene ausüben konnte. Und wie stark eine davon war, um sich eigenhändig daraus zu befreien. Für aktuelle O-Töne war Nastassja Kinski zwar offenbar nicht zu haben. Auch ältere Interviews geben allerdings Auskunft darüber, mit welcher Energieleistung sie insgesamt vier, fünf Karrieren aufnahm und in jeder davon tiefe Spuren hinterließ.

Zuletzt 2022 an Martina Gedecks Seite der Roman-Verfilmung Die stillen Trabanten – ein intensives Porträt weiblicher Selbstermächtigung im reiferen Alter. Damals dachten vermutlich viele, der Male Gaze genannte Männerblick auf Frauen sei langsam Geschichte. Fast 50 Jahre nach ihrem Debüt als Lustobjekt aber wurden grad die misogynen Gewalttäter Sean Combs und Harvey Weinstein teils vom Vorwurf sexuellen Missbrauchs freigesprochen, während ein anderer im Oval Office sitzt. Nastassja Kinskis Geschichte einer Befreiung ist da nicht nur sehenswert, sondern hochaktuell. Die Gefängnismauer bröckelt, aber sie fällt nicht.

Nastassja Kinski – Geschichte einer Befreiung, 54 Minuten, ab 9. August in der Arte-Mediathek


Weimers Dialektik & Disneys Alien

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. August

Geizige Wasser sind freigiebig, oder wie hieß das Sprichwort doch gleich? Egal, Staatsminister Wolfram Weimer stand früh im Verdacht, sein Ressort als das für Regierungskultur zu begreifen, die entweder entbehrlich ist oder nationale Sitten und Werte widerspiegelt. Auch deshalb verbietet er ihr nun das Gendern, vulgo: sprachliche Gleichberechtigung, weil es – pure Dialektik, bevormundend sei. Zugleich aber will Weimer 250 Millionen Euro Filmförderung lockermachen, den Topf also verdreifachen. Irgendwer nannte das mal Wumms.

Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen wäre. Denn was Weimer wirklich fördern will, sind deutsche Blockbuster. Massentaugliche Überwältigungsformate, die US-Streamern Paroli bieten. Ob dieser Filmpatriotismus (unions)wertegeleitet wäre, bleibt vorerst so offen wie unsere Augen auf konservative Kulturpolitik. Die nämlich hat ja erst kürzlich bewiesen, mit wem sie sich im Zweifel gemein macht.

Als Friedrich Merz die Bromance der Bosse namens Made for Germany, kurz M4G, mit exakt einer Frau unter 61 Männern präsentierte, haben die Journalismus-Attrappen der Unionspressestelle von Bild bis Welt Mathias Döpfners Initiative mit geldwertem Agenda-Populismus gefeiert. In den Deutschlandradio-Podcast Tech Bro Topia übers unheimliche Machtkonzentrat der Tech-Milliardäre schafft es der Presse-Krösus Döpfner damit zwar noch nicht, aber von Peter Thiel trennt ihn eigentlich nur noch der globale Einfluss.

Den exekutiert Donald Trump gerade mal wieder auf dem Rücken der pluralistischen Demokratie. Beim Treffen mit KI-Vertretern in Washington hat er im Vorbeigehen das weltweite Urheberrecht beerdigt. Dagegen trauert Christian Lindner vergangenem Einfluss so hinterher, dass der frühere Minister des… äh, was war noch sein Ressort? Egal… Er verklagt das Satiremagazin Titanic für irgendeinen Witz über den Nachwuchs mit seiner Frau Franca Lehfeldt, die – Dialektik Part 2 – für Springer arbeitet, wo rücksichtslose Enthüllungen ohne Rücksicht auf Menschen zum Ertragsmodell zählen.

Liberale, das lehrt dieses Beispiel, werden halt dünnhäutig, wenn man ihnen liberal kommt. Und Konservative sowieso. Deshalb haben Teile der Unionsfraktion eine Lügenkampagne von Julian Reichelts AfD-Fanzine NIUS gegen Frauke Brosius-Gersdorf genutzt die normal liberale Verfassungsrichterin in spe abzusägen. Ach, wie sehr sehnen sich da selbst Linke doch mittlerweile nach Helmut Kohls geistig-moralischer Wende von 1983, als Konservative noch keine Trumpisten waren …

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. August

Im selben Jahr übrigens, als ein Mädchen aus Michigan zum Weltstar himmelwärts stieg und nie mehr zur Erde herabstieg. Diesen Prozess beschreibt das ZDF-Porträt Becoming Madonna in ihrer Mediathek. Und versprochen: Es gibt handfeste Überraschungen zu bestaunen. Drei, vier Popularitätslevel tiefer, aber noch immer eine Celebrity ist Nastassja Kinski. Die Tochter des legendären Cholerikers Klaus wurde Anfang der Siebzigerjahre zum Megastar des frauenverachtenden Kinos jener Tage.

In seiner Dokumentation zeigt uns Arte ab Montag Kinskis Geschichte einer Befreiung aus dem Würgegriff einer Männermachtgesellschaft, die selbst Minderjährige sexuell ausbeuten ließ. Weitaus gegenwärtiger ist Mittwoch an gleicher Stelle das Porträt der Trashpop-Band Gossip mit der mehrgewichtigen Stilikone Beth Ditto am Mikro. Und auch in der ZDF-Serie Lady Parts geht es tags zuvor um weibliche Hauptfiguren im Kernschatten des Male Gaze.

Wenn die gleichnamige Punkband unterschiedlich marginalisierter Musikerinnen sechs Teile lang britische Bühnen erobert, ist das allerdings viel lustiger als das reale Empowerment ihrer Geschlechtsgenossinnen aus Deutschland und Amerika. Und noch eine emanzipatorische Selbstbehauptungsstudie: Ab Mittwoch ist eine Handwerkerin in der ARD-Mediathek Auf der Walz, erobert sich also fiktional die Männerdomäne Gesellenwanderung. Längst online und kaum zu umgehen: die 2. Staffel der schwarzen Trauerkloßkomödie Wednesday bei Netflix, flankiert vom neuen Anlauf der ebenso großartigen, ungleich bunteren Apple-Serie Platonic.

Irgendwo zwischen Sequel und Prequel rangiert dagegen die FX-Serie Alien: Earth, in der das gefräßige Schleimwesen ab Mittwoch bei Disney+ erstmals am Bildschirm wütet. Wenn es darin gemeinsam mit anderen Außerirdischen die Erde erreicht, wird es allerdings von einer Kinderarmee bewusstseinstransferierter KI-Soldaten im Auftrag interstellarer Konzerne erwartet. Das ist zwar maximal effekthascherisch, aber ziemlich originell.


Weidels Schönheit & Momoas Krieger

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Juli

Die ARD-Sommerinterviews waren mal das, was ihre Jahreszeit dramaturgisch anzudeuten schien: durchaus diskursives, aber irgendwie entspanntes Politikgeplauder im Sonnenschein des Berliner Spreebogens. Eine Open-Air-Veranstaltung unter Open-Air-Bedingungen. Meistens zu heiß und mitunter verregnet, blieb die Hauptstadt akustisch allerdings außen vor. Bis vor acht Tagen, als Alice Weidel ihr eigenes Wort kaum verstand – so laut sang ein Chor des Zentrums für politische Schönheit gegen den Wahnsinn an, mit Nazis zu reden.

Schlimmer, als ihrem Postergirl abermals eine so prominente PR-Plattform zu bieten, war allerdings, was das Erste während und nach der Kunstaktion tat: Denn erst half Moderator Markus Preiss der AfD-Chefin dabei, sich als Opfer zu gerieren. Dann warf die ARD nicht etwa der Demokratiefeindin, sondern ihrer zivilgesellschaftlichen Opposition ein Fehlverhalten vor. Klingt seltsam schwefelig nach Donald Trump, der diese Schubumkehr gerade perfektioniert.

Kaum dass der renitente Stephen Colbert rausgeworfen wurde, rutscht Paramount Global auf Trumps Speichel zur Fusion mit Skydance Media, wo fürderhin kein kritisches Wort mehr über den König von Amerika zu hören sein dürfte. Das wiederum könnte künftig ausgerechnet Rupert Murdochs Fox News tun, nachdem Donald Trump dessen Wall Street Journal wegen eines veröffentlichten Briefs an Jeffrey Epstein erst aus der Air Force One geschmissen hat und nun auf zehn Milliarden Dollar verklagt.

Angesichts solcher Summen rutscht ein kleinerer Medienskandal fast aus dem Rampenlicht: Als die Kiss-Cam beim Coldplay-Konzert einen CEO mit seiner Geliebten entlarvte, lief dem Boulevard der Sabber aus Augen, Mund und Nase. Darunter, da wird es nun heikel, der ZDF-Sommergarten, wo ebenfalls ein Pranger für die zwei Privatpersonen errichtet wurde. Für ein öffentlich-rechtliches Medium mehr als peinlich. Ob Wolfram Weimer das missbilligt, ist nicht überliefert.

Dafür kritisiert der Kulturstaatsminister den geringen Anteil deutscher Fiktionen internationaler Streamingdienste, die er gerne zur Erhöhung verdonnern würde. Wohl auch, weil rechtskonservative Politiker seit jeher alles dafür tun, ARZDF ihr Publikum abspenstig zu machen. Jene Sender also, denen der Flugzeugabsturz in Bangladesch Meldungen der Hauptnachrichten wert war, weil es bekanntlich die einzigen 16 Opfer des asiatischen Landes war, in dem ansonsten niemand eines unnatürlichen Todes stirbt.

Die Frischwoche

28. Juli – 3. August

Nirgendwo wird allerdings häufiger eines unnatürlichen Todes gestorben als im Actionblockbuster. Und je weiter er in der Zeit rückwärts reist, desto grausamer. In der Apple-Serie Chief of War braucht es zwar geschlagene 45 von insgesamt rund 500 Minuten, bis die Figuren zur ersten Schlacht ziehen. Dann aber werden in 180 Sekunden derart viele Hawaiianer und ein paar Hawaiianerinnen dahingemetzelt, dass man ahnt, worauf Jason Momoa mit seinem Achtteiler hinauswill.

Das Nation Building seiner Heimat, teilt uns der Showrunner mit seiner Hauptrolle als real existierender Stammesführer im Krieg der Inseln vor 250 Jahren mit, war hart und brutal. Aber weil es abseits wesensböser Fieslinge genügend edle Ritter wie Ka’iana gab, erleben wir zwar ein achtteiliges Schlachtfest der grausamsten Art. Es hat aber ein Happyend mit fortsetzungstauglichem Cliffhanger. Was es nicht hat: Unterhaltungswert über spektakuläre Schlachtengemälde hinaus.

Den muss man in dieser Woche reanimieren, wenn Arte ab Freitag sämtliche Staffeln Mad Men online stellt. Oder auf gleichem Kanal die niederländische Dramaserie Don’t Fall, Dance schauen, in der sich eine Krebspatientin absolut sehenswert über ihre Krankheit hinwegtanzt. Parallel startet Paramount+ mit Back Horror und Cold Meat zwei Gruselthriller. Tags zuvor zeigt Netflix die südafrikanische Heist-Serie Marked, in der weit mehr schiefgeht als bei Ocean’s Eleven. Und zum Wochenabschluss stellt das Erste die deutsche Culture-Clash-Komödie Nicht ganz koscher online.

Ab Samstag verschlägt es einen ultraorthodoxen Juden aus Brooklyn und einen Beduinen vom Sinai auf dem Weg nach Alexandria versehentlich in die Wüste, wo sie auf langer Irrfahrt ihre wechselseitigen Vorurteile überwinden. Dass dieses preisgekrönte FilmDebüt von jemandem mit Namen (Stefan) Sarazin stammt, ist da bei weitem nicht der beste Witz…


Richterschelte & Katzenaugen

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juli

Was unsere Medienlandschaft so komplex, Tendenz kompliziert macht, ist nicht allein die Unmenge an Medien und Landschaften. Es sind auch ihre Marken und Bewohner. Kaum haben wir uns Ferda Ataman oder Thomas Haldenwang gemerkt, werden sie von Frauke Brosius-Gersdorf verdrängt. Seit fast zwei Wochen besetzt die Verfassungsrichterin in spe nahezu jedes publizistische Forum, Markus Lanz Talksessel. Dort erklärte sie was Vernunftbegabten links hinlänglich bekannt war.

Auf dem glatten Weg ins höchste deutsche Gericht sind demnach nicht mal mehr untadelige Juristinnen vorm Diffamierungsfeuer populistischer Demagogen gefeit, mit dem neben AfD und Bild längst auch die Scharfmacher aus CDU/CSU spielen. Wie sie damit Demokratie und Pluralismus gefährdet, ist die Union einem Donald Trump, der wegen seiner Weigerung, sämtliche Akten zu Jeffrey Epstein freizugeben, selbst unter MAGA-Jüngern kritisiert wird, längst näher als sie denkt.

Noch nutzen Jens Spahn und Friedrich Merz ihre Macht und Millionen zwar nicht dafür, kritische Medien unter Druck zu setzen. Im Klima, das sie grad vergiften, ist es aber zusehends denkbar, dass Jan Böhmermann demnächst Stephan Colberts Schicksal ereilt. Weil Paramount Trumps Zustimmung für einen Besitzerwechsel braucht, hat die Sendertochter CBS offenbar dem erfolgreichsten US-Talkhost trotz steigender Quoten gekündigt.

Vielleicht wird er ja bald schon von Grok ersetzt. Schließlich hält Elon Musk seine KI, die sich selbst mal MechaHitler nannte, für „intelligenter als alle Doktoranden der Welt“. Anhand solcher Aussagen könnte die EU-Kommission im Zoll-Streit mit den USA nun wirklich mal energisch auf eine Besteuerung sozialer Medien und Messenger wie die Propaganda-Plattform X dringen. Was allerdings geschehen wird? Außer der Aufweichung europäischer Standards: Nichts. Was geschehen ist? Sebastian Hotz alias El Hotzo wurde jetzt für seine Freude über sterbende Faschisten angeklagt.

Wie gut, dass deutsche Gerichte vor 80 Jahren nicht über die alliierten Todesurteile für NS-Verbrecher geurteilt haben… Was noch war die Woche? Apple TV bemüht sich um die Rechte an der Formel 1. Und Patricia Schlesinger kriegt zwar einen Monat Ruhegelde vom RBB, könnte aber für ihr Versagen in punkto digitales Medienhaus haftbar gemacht werden. Es bleibt spannend in Berlin.

Die Frischwoche

21. – 27. Juli

Spannender jedenfalls als im Sommerloch, dass dank der Streamingdienste doch eigentlich der Vergangenheit angehören sollte. Hervorzuheben wäre darin noch Das Attentat auf Arte. Acht hochinteressante Folgen lang geht es darin um die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić. Vor 22 Jahren führte sein Tod zum Ende der Aufarbeitung des Jugoslawien-Kriegs und damit schnurstracks in die nächste Tyrannei des Balkans.

Ganz so folgenschwer ist The German zwar nicht. Mit dem Deutschen Oliver Masucci als Mossad-Spion, begibt sich die israelische Thriller Donnerstag bei Magenta TV allerdings tief in die Abgründe des Nahostkonflikts. Dagegen sind vier aktuelle Serienstarts eher harmlos. Bereits gestartet ist die südafrikanische ARD-Serie The Morning After, in der das Party Girl Nina nach ihrem One-Night-Stand in seinen meist dramatischen, mitunter komischen Abwärtsstrudel gerissen wird.

Komisch möchte auch die Actionserie Cat’s Eyes sein, in der drei bildschöne Schwestern den Tod ihres Vaters rächen. Wie sie dafür in die Pariser Kunst-Szene abtauchen, ist jedoch auf so depperte Art oberflächlich, dass man sich stattdessen auch acht Stunden durch Lifestyle-Videos bezahlter Insta-Influencerinnen scrollen kann. Dann doch lieber die Abenteuer-Serie Washington Black ab Mittwoch bei Disney+; die macht uns wenigstens nicht vor, in der Realität zu spielen.

Das gilt auch für die deutsche Frechheit der Woche: Rembetis. Ab Freitag mutiert ein griechischer Gastronom und seine Kinder darin achtmal 25 Minuten in der ZDF-Mediathek zu Geisterjägern. So löblich es ist, ihre zahlenmäßig starken, popkulturell ausgegrenzten Landsleute ins Rampenlicht einer Seriengroteske zu rücken: Vielleicht hätte man dafür doch jemanden vom Fach gesucht, als amateurhafte Quereinsteiger auf Fanta-Korn.


ZDF-Doku: #looksmaxxing

Misogyner Schönheitswahn

Auch Männer wollen gut aussehen. Um nahezu jeden Preis. Die ZDF-Doku #Looksmaxxing zeigt allerdings auf bedrückende Art, wie sie aus dem Wunsch nach Attraktivität ein misogynes Unterdrückungsinstrument der Manosphere machen. Und die ist auf dem Vormarsch.

Von Jan Freitag

Es war einmal, dieser Zustand scheint in Zeiten gestapelter Krisen ganze Epochen her zu sein, das Ende der Geschichte. Als westliche Demokratien östliche Diktaturen 1989 besiegt hatten, wurde die Menschheit angeblich in alle Ewigkeit freier, gleicher, geschwisterlicher. Das Patriarchat mündete seinerzeit in einen Postheroismus, der mit Geschlechterbildern brach wie einst nur wenige Blumenkinder in Kalifornien. Lange her. Heute nämlich kehrt der alte Männlichkeitswahn zurück, obgleich in neuen Gewändern.

Ihr Name: #looksmaxxing. Cooles Wort, toxische Bedeutung. Denn es bezeichnet den Trend, sein Äußeres derart kompromisslos, mitunter brachial zu „optimieren“, dass keine Frau ihm widerstehen könne. So lautet zumindest das Ziel einer Sekte, der die ZDF-Mediathek eine Dokumentation von bedrohlicher Dringlichkeit widmet. Zwölf Monate ist der britische Regisseur Ben Zand tief in die Lookmaxxer-Szene eingetaucht und hat dabei verblüffende Männer getroffen.

Den Engländer Austin Wayne zum Beispiel, der seine Kieferlinie früher mit Hammerschlägen auskonturierte und nun auf ein Repertoire sanfterer Mittel umgestiegen ist. Oder den Polen L.T., der sich für acht Zentimeter Körpergröße die Beine brechen lässt, weil „Charisma, Größe, gutes Aussehen“ karrierefördernd sei. Oder ein Pseudonym namens Adonis, der nach Bestätigung sucht und sich dafür sein Sixpack im Netz bewerten lässt. Es sind die Pole einer Selbstoptimierungsgesellschaft, deren Schönheitsimperativ längst nicht mehr nur Frauen versklavt, sondern auch Männer. Was für ein Rückschritt!

Galt es in den Siebzigern als progressiv, dass sich die Gatten adretter Hausfrauen nicht mehr bei Wirtschaftswunderbraten mit Soße gehenließen, führte die Gleichberechtigung beide Geschlechter bald in eine Perfektionierungsspirale. Statt, wie vom Feminismus gefordert, Damen und Herren Hand in Hand vom Schönheitswahn zu befreien, haben pharmazeutische PR-Abteilungen letztere davon überzeugt, ersteren nachzueifern. Ergebnis: Neben drei Regalmetern medizinisch sinnloser Collagen-Cremes für weibliche Haut, gibt es jetzt auch deren zwei für die maskuline.

Kein Wunder, dass Heidi Klum nun auch große Jungen zu Zuchthengstgen ihrer Ausbeutungsmaschinerie drillt. „Der Körper wird zum Projekt“, hatte Andreas Reckwitz bereits 2017 in seinem Standardwerk Die Gesellschaft der Singularitäten geschrieben. „Ein Material, das immer weiter geformt, gestaltet, perfektioniert werden soll“. Lange Zeit rein weibliches Terrain, ergänzt seine Kollegin Paula-Irene Villa von der LMU München, sei die Gestaltung des Äußerlichen nun „Teil des neuen männlichen Selbstverständnisses. Auch die Herren der Schöpfung wollen halt „schön sein, jung sein, gesund aussehen“.

Verstärkt durchs permanente Vergleichen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, ist aus diesem Trend eine Bewegung geworden. Sie nennt sich „Blackpill“ und suggeriert, dass nur attraktive Männer Erfolg im Job, Bett, Alltag haben. Ben Zands Beobachtungsobjekte füllen dafür ein umfangreiches Arsenal minimal bis maximal invasiver Pillen, Cremes, chirurgischer Eingriffe. Ob UEE (Upper Eyelid Exposure), Mewing (Jawline-Optimierung) oder aufwändige Zahnengstandkorrekturen: Um ihren SMB (Sexueller Marktwert) zu steigern, investieren Lookmaxxer Unsummen für Dinge, die ihnen Influencer empfehlen.

Bis zu acht Stunden täglich verbringt Zands Zeitzeuge Finn dafür mit Austin Wayne, der Hunderttausende Follower um Millionen Euro und zahlreiche Nuancen ihrer angeborenen Persönlichkeit erleichtert. Wäre das alles, könnte man dem Film mit einer Mischung aus Faszination, Fremdscham, Schadenfreude folgen. Im Verlauf dieser 45-minütigen Reise ins Herz der algorithmischen Finsternis allerdings entlarvt #looksmaxxing das, was ebenso dahintersteckt: die Misogynie der „Manosphere“ genannten Zone frauenverachtender Männer.

Für die gab es zwar schon immer Stattlichkeitsideale. Um Damen, Höfe, Länder zu erobern, besetzen, verteidigen, sollten sie seit der Antike breitschultrig, hochgewachsen, maskulin sein. Mit jedem Erkenntnisgewinn der Spätaufklärung jedoch wurde das Ideal männlicher Maße mehr zum Selbstzweck einer wachsenden Gruppe westlicher, weißer, heterosexueller Relikte vormoderner Zeiten. Und auf der Suche nach Schuldigen für den Verlust jahrtausendealter Privilegien, stößt ein Teil von ihnen auf Frauen im Allgemeinen und den Feminismus im Besonderen.

Ein Phänomen, dass die postheroische Gesellschaft am Ende der Geschichte nicht hervorgebracht, aber verstärkt hat. Aus gewöhnlicher Unsicherheit, so erklärt es der Social-Media-Experte Callum Hood vom Zentrum gegen digitalen Hass in Zands Doku, „kann toxische Besessenheit werden.“ Schließlich ist körperliche Optimierung in unserer hochkomplexen Gegenwart barrierefreier zu haben als intellektuelle. „Das ganze Shrek-Märchen ist eben nicht real“, sagt der Looksmaxxer Felix zu Zands, „schöne Mädchen verlieben sich nicht in dicke grüne Männer“.

Damit bringt er das Businessmodell geschäftstüchtiger Blackpill-Influencer, die besonders unter Incels auf offene Ohren und PayPal-Accounts stoßen, auf den Punkt. Ihre Selbstzweifel projizieren Paarungsmarktverlierer ja nicht auf erfolgreiche Konkurrenten, sondern das knappe Gut gemeinsamer Anstrengungen um Interesse, Respekt, Liebe. Wenn Felix Teilnehmerinnen einer Straßenumfrage Lügen unterstellt, weil sie innere Werte höher gewichten als äußere, diskreditiert er Weiblichkeit im Ganzen als unehrlich. Und wenn Austin seinen 200.000 Followern bei Instagram weismacht, „Frauen wollen immer noch starke Männer, die sie beschützen“, macht er diese Lügen zum reichweitestarken Machtinstrument.

Denn darum, das macht die Dokumentation in aller Kürze klar, geht es. Darum zahlt L.T. für seine schmerzhafte Oberschenkelknochen-Verlängerung 75.000 Euro. Darum hat sich die Mitgliederzahl der größten Looksmaxxing-Plattform seit 2021 vervierfacht. Darum legt der Umsatz mit Anti-Aging-Produkten für Männer jedes Jahr um vier bis acht Prozent und damit doppelt so schnell zu, wie bei Frauen. Darum hat sich die Zahl der Schönheitsoperationen auch dank männlicher Eingriffe seit 2010 nahezu verdreifacht.

„Die Imperative der Schönheit, Gesundheit und Jugendlichkeit“, meint der angesehene Kulturwissenschaftler Thomas Macho, „sind zu moralischen Geboten geworden“. Sie haben somit den Weg vom Äußeren ins Innere geschafft. Das Ende der Geschichte: auf dem Feld äußerlich optimierter Männer steht es gerade mal in den Startblöcken.


Doku: 50 Jahre Der weiße Hai

Knorpelfisch und Kinokasse

Vor genau 50 Jahren feierte Der weiße Hai Premiere. Er wurde zum einflussreichsten Film seiner ohnehin schon wirkmächtigen Kino-Epoche. Mit ihm erfand der junge Steven Spielberg nicht nur den Blockbuster moderner Prägung, sondern auch das Merchandising. Eine Disney-Doku erklärt, warum.

Von Jan Freitag

Es soll ja angeblich Leute geben, die Filme doppelt, ja dreifach schauen. Aber gleich einunddreißigmal, in Worten: 31? So oft hat Steven Soderbergh nach eigener Aussage ein, ach was: das Meisterwerk seines Vornamensvetters allein auf Leinwand gesehen, als es 1975 das Dunkel der Lichtspielhäuser in aller Welt erhellte. Kein Wunder, sagt der ähnlich berühmte Regisseur meisterlicher Werke wie Oceans’s Eleven oder Traffic: Mit damals ganzen zwölf Jahren habe es Steven Soderbergh „dazu gebracht, über eine Karriere als Filmemacher nachzudenken“. Und nicht nur ihn.

Zum 50. Geburtstag von Der weiße Hai hat Laurent Bouzereau im Auftrag von National Geographic ein halbes Kino voll berühmter Kollegen des erfolgreichsten Regisseurs aller Zeiten eingeladen. Und einerlei, ob James Cameron oder Cameron Crowe, Guillermo del Torro oder Robert Zemeckis: jeder von ihnen huldigt Steven Spielbergs endgültigem Durchbruch, den kein Geringerer als Quentin Tarantino als „perfekten Film“ bezeichnet. Nur warum eigentlich?

Dieser Frage geht der französische Cineast Bouzereau sagenhaft interessante 90 Minuten lang nach und findet dafür nicht nur massenhaft prominente Zeitzeugen, sondern auch schlüssige Antworten. Die wichtigste liefert das Publikum. Grisselige Nachrichtenbilder von damals zeigen, wie es sich noch Wochen nach der Premiere am 20. Juni 1975 kilometerlang vor den Kinos staut. Dieser Kassenerfolg hat Jaws, wie Der weiße Hai in Peter Benchleys gleichnamigen Verfilmung seines eigenen Bestsellers nur hieß, buchstäblich zum ersten Blockbuster gemacht.

Dicht gefolgt von einer PR-Offensive sondergleichen, die bereits zwei Jahre vor „Star Wars“ mit Merchandising Abermillionen einnahm und das Filmgeschäft endgültig zur Industrie aufblies. Bouzereaus „Definitive Inside-Story“ geht ihr ab heute bei Disney+ allerdings auch filmästhetisch auf den Grund. Oder wie es Spielbergs Epigone J. J. Abrams ausdrückt: „Jaws hat die Sprache des Kinos verändert, seine gesamte Mechanik, alles.“ In der Tat. Das acht Meter lange Modell eines mechanischen Carcharodon carcharias zum Beispiel: Der Ozeanologe Dr. Austin Gallagher zeigt sich „bis heute fasziniert davon, wie authentisch es ist.“

Noch imposanter waren allerdings die Dreharbeiten dreier Superstars auf offener See. Mit Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss wurden völlig unterschiedliche Schauspieler an verschiedenen Stellen ihrer Karrieren auf ein winziges Fischerboot in den Kampf mit einem Knorpelfisch gigantischen Ausmaßes gezwängt. Und das, erzählt Steven Spielberg höchstpersönlich, habe nicht nur sämtliche Geld- und Zeitkontingente gesprengt. Es schuf auch ein Kammerspiel der Extraklasse, das völlig neue Helden kreierte und auch dafür mit Preisen überhäuft wurde.

Ausgerechnet jener Film also, von dem Spielberg noch kurz vorm Schnittraum dachte, „er würde meine Karriere beenden“, habe sie „erst richtig gestartet“. Schon dank seiner dramaturgischen Intensität. Der Cast zum Beispiel bestand bis auf acht Hauptdarsteller komplett aus Bewohnern der Insel Marthas Vineyard vor Massachusetts, wo zu Lande gedreht wurde. Dieser Naturalismus eingeborener Laien habe die Hollywood-Profis aus Sicht aller Fachleute zu Höchstleistungen animiert. Damit sticht „Der weiße Hai“ sogar aus seiner Epoche heraus. Und das will was heißen.

Respektlose, aber geschäftstüchtige Bilderstürmer um Martin Scorsese, Robert Altman oder Francis Ford Coppola, aber auch Ingmar Bergmann und Werner Herzog, Federico Fellini oder Rainer Werner Fassbinder haben das behäbige Nachkriegskino im Sog sozialer, sexueller, politischer Emanzipationsbewegungen damals umgewälzt. Erdbeben hat Katastrophenfilme verändert und Hallowen Horrorfilme, Apokalypse Now hat Kriegsfilme verändert und Dirty Harry Actionfilme, Einer flog übers Kuckucksnest hat Komödien verändert und Alien Science-Fiction, Taxi Driver hat Gesellschaftsdramen verändert und Kramer gegen Kramer Ehedramen.

Kein massenwirksames Werk allerdings definierte Moral und Geschichten, Sympathieträger und Antagonisten, Bildsprache und Drehtechniken, mithin also die gesamte Filmästhetik richtungsweisender als Jaws. Im Gedenken an Alfred Hitchcocks Suspense, würfelte Steven Spielberg Freund und Feind, Gut und Böse so virtuos durcheinander, dass nur schlichte Gemüter seinen Weißhai für den Endgegner halten. Während ihn wachere Geister im Kapitalismus und seinem Anwalt erkennen, dem profitgierigen Bürgermeister Vaughn, ist es letztlich nur John Williams epischer Soundtrack, der das Meeresraubtier als größte Gefahr ausweist.

Es hat ihm, das lässt sich Laurent Bouzereau im letzten Drittel von einem Dutzend Naturwissenschaftlern erklären, wenig genützt. Im Gegenteil. Jaws, sagt die Meeresbiologin Wendy Benchley seufzend, „hat unsere Sicht auf Haie komplett geändert“. Wie Fledermäuse dank Graf Dracula zum allgemeinen Hass- und Jagdobjekt wurden, hat „Der weiße Hai“ zur weltweiten Jagd aufs bedrohliche, aber unverzichtbare Raubtier geführt. Obwohl es unlängst den ersten tödlichen Angriff Amerikas seit 80 Jahren gab, wie Bouzereau schildert, hat die fiktional entfesselte Furcht vorm vermeintlichen Monster seine Population an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.

Die nächste Auswirkung eines der wirkmächtigsten Filme aller Zeiten im Weltmaßstab also. Und keinesfalls die letzte. Auch 50 Jahre nach der Premiere bleibt er schließlich in aller Munde. Von Emily Blunt zum Beispiel, die ihn „bis heute immer wieder schauen könnte“, wie die beteuert. Dass die Schauspielerin neben Lorraine Garry – einst Gattin von Roy Scheiders Hauptfigur Chief Brody – als einzige Frau unter den Filmschaffenden zu Wort kommt, hat vermutlich damit zu tun, dass Hollywood hinter der Kamera seinerzeit Männerzone Zone war.

Aber auch das sagt ja einiges über die Epoche und ihren Jubilar aus, den James Cameron mit dessen Titelfigur vergleicht. „Manchmal werden Filme eben zu Haien“, sagt der (ähnlich legendäre) Titanic-Regisseur: „Perfekte Maschinen.“ Und 1975 liefen sie so heiß, dass sich vor Kinos kilometerlange Schlangen gebildet haben, in denen globaler Diskussionsstoff aller Gruppen, Schichten, Altersklassen lief. Dass 50 Jahre später jemand wie Steven Soderbergh 31-mal denselben Film sieht und dafür Eintritt zahlt, scheint da ausgeschlossen. Aber Jaws @ 50: Die Geschichte hinter dem Blockbuster erklärt ab heute bei Disney+ gut, warum es 1975 so war.


Sky: The Narrow Road to the Deep North

Vom Erniedrigen und Ertragen

The Narrow Road to the Deep North erzählt fünf fesselnde Episoden lang von alliierten Soldaten, die in japanischer Kriegsgefangenschaft versklavt, geschlagen, gedemütigt und getötet werden. Ein furioses, philosophisches, ungeheuer eindringliches Seriendrama – trotz und wegen der drastischen Gewalt.

Von Jan Freitag

Wie unverblümt der Krieg künstlerisch dargestellt werden sollte, um weder in Voyeurismus noch Eskapismus zu verfallen, hat die Malerei von Otto Dix über de Goya bis Käthe Kollwitz mitunter eindeutig beantwortet. Das Fernsehen ist dagegen trotz aller Gewaltaffinität noch unschlüssig. Selbst Steven Spielbergs Invasionsgemetzel Saving Private Ryan hat die blutige Landung in der Normandie vor 27 Jahren nach einer knappen Stunde ja angewidert abgebrochen und als Melodram fortgesetzt.

Der australische Regisseur Justin Kurzel macht es da gewissermaßen umgekehrt. Nach Drehbüchern seines Landsmanns Shaun Grant startet er die Adaption von Richard Flanagans Tatsachenroman The Narrow Road to the Deep North in Friedenszeiten, also nicht gerade melodramatisch, aber noch relativ verblümt. Nach einer knappen Stunde allerdings geht sie derart nahtlos zum Wesenskern menschlicher Barbarei über, dass es beim Zuschauen wehtut. Nahezu pausenlos. Fünf Dreiviertelstunden lang. Und das, obwohl von der ersten bis zur 225 Minute kaum ein hörbarer Schuss fällt.

Es geht um den australischen Sanitätsoffizier Dorrigo Evans (Jacob Elordi), der sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in die junge Frau seines Onkels (Simon Baker) verliebt und kurz darauf an die südostasiatische Front berufen wird. Während der Fünfteiler also vergleichsweise glimpflich, teilweise gar romantisch beginnt, gerät Dorrigos Einheit kurz darauf in Gefangenschaft des Hitler-Verbündeten Japan und wird dort gemeinsam mit Abertausenden alliierter Soldaten zum Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn abkommandiert.

Als „Death Railway“ berüchtigt, wird im Lauf dieser eindrucksvollen Serie mit jeder Szene klarer, warum sie auch „Todesstrecke“ heißt. Weil der japanische Ehrenkodex Kriegsgefangenen nicht nur die Freiheit, sondern Achtung, Rang und Würde vorenthält, gelten Dorrigos Männer als wertlos – und werden für den Bau der Zugverbindung durch den Dschungel unbarmherzig verheizt. Während Die Brücke am Kwai, 1958 erste von mittlerweile fünf Fiktionalisierungen dieses Menschheitsverbrechens, noch eine Heldenreise aus dem Herz der Finsternis ins Licht war, gibt es hier keine Heroen. Nur Opfer.

Entsprechend dichotomisch erzählt Curio Pictures in Kooperation mit Amazon MGM und Sony Pictures Television dieses bestialische Stück Geschichte. Unterm zerkratzten Cello von Komponist Jed Kurzel, hält Kameramann Sam Chiplin unerbittlich drauf, wenn die Aufseher ihre Arbeitssklaven weit über den Rand der Belastbarkeit hinaus schinden. Minutenlang wohnen wir einer Beinamputation ohne Narkose bei. Es gibt Enthauptungen in Nahaufnahme. Szene für Szene skelettierter, erdulden die Häftlinge Demütigungen jenseits des Zumutbaren. Es wäre kaum zu ertragen, würden Kurzel und Grant die Grausamkeit nicht in ein Vorher und Nachher einbetten.

Sie erzählen die Story nämlich aus Sicht des greisen Dorrigo – intensiv verkörpert von Ciaran Hinds, den Fans als Widerstandskämpfer Mance Rayder aus „Game of Thrones“ kennen. Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende hat der renommierte Chirurg ein Buch über sein Martyrium geschrieben, wofür er widerwillig Werbung machen soll. In einer zweiten Perspektive bereitet sich sein junges Ich auf den Einsatz in Südostasien vor. Und die dreifachen Zeitsprünge sorgen dafür, tief ins Seelenleben vom Krieg und seiner Akteure – Täter wie Opfer, Beteiligte oder Außenstehende – zu blicken.

Es sind Individuen, die zugleich inner- und außerhalb ihrer Systeme agieren. Soldaten wie Rabbit (William Lodder) zum Beispiel, der selbst ab tiefsten Abgrund seinen Optimismus bewahrt und doch hineinstürzt. Heimgebliebene wie Dorrigos Geliebte Amy (Odessa Young), die in Rückblicken emanzipierter wirkt als ihre Zeit. Offiziere wie Colonel Kota (Taki Abe), der sich zwischen Empathie und Pflichterfüllung stets für letzteres entscheidet und darüber philosophische Debatten mit dem ranghöchsten Offizier führt.

Dieses hierarchische Rededuell weit unter Augenhöhe zeigt, was The Narrow Road to the Deep North kennzeichnet: der völlig unsentimentale, am Ende aber auch deshalb leidenschaftliche Umgang mit allem, was sich rings um den Krieg und seine Konsequenzen abspielt. Genau deshalb geht die Serie über Schlachtengemälde wie The Pacific hinaus, womit Tom Hanks und Steven Spielberg die Mechanik des Krieges am selben Schauplatz erkundet haben. Hier geht es um die Machtmechanismen dahinter und was sie mit Überlebenden anstellen. Oft ein Leben lang anstellen.

Was ihm aus seiner Leidenszeit beim Bau der Bahnlinie am meisten in Erinnerung geblieben sei, will eine Reporterin 1989 vom alten Dorrigo wissen. „Die seltsame, schreckliche Unvergänglichkeit des Menschen“, antwortet er nüchtern. Das bringt sein Leben ebenso auf den Punkt wie die Serie. Schon merkwürdig, was unsere Spezies ihresgleichen zuzufügen fähig ist. Und fast noch merkwürdiger, wie wir es mitunter ertragen. Beides hochkonzentriert in der besten Kriegserzählung seit langem.

The Narrow Road to the Deep North, 5 x 45 Minuten, bei Sky und Wow