Benjamin Fredrich: Katapulte & Lokales

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Wir müssen immer die Guten sein

2015 hat Benjamin Fredrich (Foto: Peter van Heesen) in Greifswald Katapult gegründet und die Startauflage von einigen Hundert Heften auf zuletzt gut 150.000 gesteigert. Mit dem Mix aus Wissen und Journalismus, Texten und Tabellen, Buchverlag und Spin-offs erzielten die 48 Mitarbeiter*innen der gGmbH 2020 fast werbefrei 2,5 Millionen Euro Umsatz, seit Juni sogar mit eigener Regionalzeitung MV. Ein Interview über Lokaljournalismus, toxisches Wachstum, Genderdebatten und warum er gezielt um rechtsradikale Hater in den Kommentarspalten wirbt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Benjamin Fredrich, ist der Tageszeitungsjournalismus aus Ihrer Sicht noch zu retten?

Benjamin Fredrich: Puhh. Die Frage ist, was man sich unter Tageszeitungsjournalismus genau vorstellt. Wir probieren ja gerade, ihn zu retten und wachsen damit stark, wenn auch von geringem Anfangsniveau aus. Das passiert auch, weil wir anders als andere hier im Land und überall sonst hinnehmen, dass der Printbereich auf lange Sicht wohl nicht funktionieren wird. Verglichen mit Online-Journalismus ist der schließlich naturgemäß immer mindestens einige Stunden zu alt.

Wobei dieses Dilemma schon im Titel „Tageszeitung“ steckt.

Aber darüber hinausgeht. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel hat sich noch keine davon abgesehen von uns bei TikTok angemeldet. Ein Riesenfehler, denn egal, wie scheiße man ein Medium findet – du musst dahingehen, wo die Leute sind und es dadurch mitgestalten. Instagram war früher mal eine Plattform für Fotos von Essen und Körpern. Dadurch allerdings, dass immer mehr Medien dort veröffentlichen, wurde sie konstant um journalistischen Inhalt erweitert.

Und verbindet so nicht nur Menschen miteinander, sondern auch mit Nachrichten und Informationen.

Stimmt, aber noch wichtiger ist, dass man es aus innerer Überzeugung und keinem Pflichtgefühl raus tut wie die drei Zeitungen hier, deren Internetauftritte aussehen, als hätte das irgendjemand vor 20 Jahren notgedrungen in Auftrag gegeben, um es so nebenbei mit ein paar Spitzenmeldungen zu füllen. Dummerweise vergessen die Verantwortlichen im Zeitungsjournalismus dabei, wie viel größer das Interesse an lokalen Nachrichten ist als das an nationalen oder gar globalen.

Verwenden Sie Tageszeitungs- und Lokaljournalismus mittlerweile synonym?

Ich verwende eher Tageszeitungs- und Onlinejournalismus synonym, weil er nur in Echtzeit, also digital verbreitet ausreichend Interessent*innen findet, um rentabel und relevant zu sein. Anders verhält es sich dagegen mit tiefergehenden Analysen, langen Reportagen, Betrachtungen ohne frühes Verfallsdatum, die den Leuten Möglichkeiten gibt, im Wochen- oder Monatsrhythmus aus dem Internet aufs bedruckte, haptische Papier zu entkommen. Am Erfolg von Katapult als Magazin oder Lokalzeitschrift lässt sich gut ablesen, dass daran Bedarf besteht.

Das wäre dann eine Art Coffee-Table-Journalismus hübsch gestalteter Hochglanzprodukte fürs Wochenende, statt publizistischer Grundversorgung.

Wie das gestaltet ist, ist eigentlich egal. Hauptsache, die Leute lesen sich auch mal in tiefere Analysen und nicht nur Überschriften mit kurzen Teasern Ob es auch klappt, wissen wir heute trotz aller Anzeichen noch nicht, aber irgendwie muss und wird es klappen – besonders im Lokalen. Denn das Interesse an Informationen aus der eigenen Umgebung ist ungebrochen riesig. Wenn das Nachbargebäude brennt, ist das für die meisten maßgeblicher als jedes größere Feuer außer Sichtweite.

Wenn Katapult eine seiner Deutschlandkarten mit Tageszeitungen machen würde, die – egal ob online oder offline – eine Zukunft hätten: welche wären das?

Zunächst mal überregionale, weil die früher begriffen haben, alle Verbreitungswege gleichberechtigt zu bespielen, und in der Lage sind, tiefere Analysen des Geschehens zu erstellen. Seit Medien dank der Digitalisierung dahingehend demokratisiert wurden, dass jeder und jede Falschinformationen verbreiten kann, brauchen Leute wie Wendler oder Atilla Hildmann keine Schockblätter vom Boulevard mehr, um ihr Anliegen unters Volk zu kriegen. Meine Prognose lautet da, dass Inhalte abseits journalistischer Standards von der Personality-Story bis zur politischen Ideologie für große Publikationen an Relevanz verlieren, weil Influencer über Social Media und Messengerdienste wie Instagram oder Telegram mit jedem Mist Clicks kriegen.

Es sei denn, es handelt sich um Sinnfluencer.

Ein Rezo hat es in der Tat geschafft, als Quereinsteiger journalistischen, gut recherchierten Inhalt erfolgreich zu machen. Damit ist er zwar die absolute Ausnahme, könnte sich aber durchaus neben den so genannten Qualitätsmedien im Bereich seriöser Berichterstattung halten. Für weniger seriöse Berichterstattung dagegen braucht es eigentlich keine Redaktionen mehr; das liefern die Leute allein von zuhause oder dem Smartphone aus mit weniger Aufwand und machen den klassischen Boulevard damit langfristig überflüssig.

Wobei gerade Regenbogenblätter, deren Inhalt aus Mutmaßungen, Unterstellungen und blanken Lügen bestehen, noch immer solide Auflagen haben.

Die allerdings bei größeren Boulevardmedien wie Bild und Bunte steil bergabgehen, während die Kundschaft billiger Königshäuserhefte langsam ausstirbt. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Bild vor zehn Jahren ein relevantes Meinungsmedium mit dreieinhalb Millionen verkaufter Hefte pro Tag war. Heute dient sie nur noch als Skandal-Verstärker, und sogar der Postillon hat online mehr Fans. Ein Kanzler Schröder empfand die Bild noch als entscheidend, um in Deutschland Politik zu machen. Heute ist die Bild als Meinungsmacherin nicht mehr so relevant, alsdass die Politik besonders auf dieses Medium acht geben würde. Trotz enormer Reichweite haben Redakteure ihr Monopol auf mediale Meinungsbildung verloren. Aber darum werde ich als letztes trauern, denn das sorgt endlich für ein demokratisches Gleichgewicht.

Also nochmals – welche Medien finden auf Ihrer Landkarte langfristig Platz?

Die Süddeutsche, FAZ, das Handelsblatt vielleicht noch so was wie taz oder Frankfurter Rundschau und natürlich Die Zeit, wobei das ja schon wieder eine Wochenzeitung ist. Umso mehr warte ich sehnsüchtig auf eine überregionale Lokalzeitung mit mehr Niveau als Bild.

Wollen Sie diese Lücke mit der monatlichen Regionalausgabe der Katapult füllen?

Zunächst mal wollen wir diese Lücke auf Landesebene füllen, wo weder Ostsee-Zeitung noch Schweriner Volkszeitung geschweige denn der Nordkurier gelungene Online-Auftritte haben und ihre überregionalen Inhalte zudem von Zentralredaktionen und Agenturen beziehen. Falls wir weiter so stark wachsen wie bisher, möchten wir auf dieser Grundlage möglichst bald andere Bundesländer erschließen.

Mit haltungsgetriebenem Lokaljournalismus also?

Haltung und Lokales kann prima koexistieren, auch wenn sich das bei uns eher zufällig so ergeben hat, also keinem Masterplan folgt. Als Politologe kann ich Erkenntnis gar nicht von Haltung trennen, diese Wissenschaft ist schließlich schon deshalb als einzige nicht neutral, weil sie nach dem Dritten Reich gegründet wurde, um ein Viertes zu verhindern. Man könnte Politologie daher als Wissenschaft der Demokratie bezeichnen, die sie nie zur Debatte stellt, sondern mit Leben füllt. Und dazu zählen die drei Grundpfeiler von Katapult.

Die da wären?

Antifaschismus, also die Ablehnung von jeder rechtsradikalen, fremdenfeindlichen und menschenunwürdigen Politik. Gleichberechtigung, also im weitesten Sinne Feminismus und Diversität. Außerdem Ökologie, also Umwelt- und Klimaschutz. Obwohl dieser normative Ansatz unsere Fallhöhe steigert, darf daran bei uns nicht gerüttelt werden.

Spüren Sie diese Fallhöhe in der Resonanz auf Katapult-Berichte?

Klar. Unsere demokratischen Standards kommen in Echtzeit zu uns zurück, aber diesen Druck machen wir uns am Ende selbst. Wenn Recyclingpapier knapp wird, das mit 65.000 Euro Druckkosten pro Ausgabe ohnehin schon teuer ist, aber eben ungleich weniger Bäume verbraucht, können wir nicht einfach auf konventionelles Papier umsteigen. Das ist zwar anstrengend, sichert uns aber den Zuspruch unserer externen Kontrollinstanz: den Lesenden. Kennen Sie unseren Streit mit Hoffmann & Campe?

Über das Buch Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben, das aus Karten besteht, die schwer an jene von Katapult erinnern?

Eine Kopie, über die ich mich auch öffentlich aufgeregt habe. Allein das brachte uns zwar locker 20.000 Abos, aber kürzlich hat eine Redakteurin aus unserem News-Team den Tweet eines fremden Nutzers benutzt und so in ihre Recherche eingebunden, dass sie es für ein völlig eigenständiges Werk hielt. Als sich der Twitter-Nutzer darüber beklagte, hat er auf Kommentare von mir verwiesen, in denen ich mich über geklaute Ideen anderer beschwere. Da stand es völlig außer Frage, dass wir es sofort berichtigen, ein Honorar anbieten oder zumindest seinen Namen als Autor erwähnen. Wer hart austeilt, muss auch hart einstecken und vor allem fair bleiben.

War das der Ratschlag Ihrer Rechtsabteilung?

Das war vor allem der Ratschlag unserer Moralvorstellung. Ganz unabhängig von den wettbewerbs- oder urheberrechtlichen Kriterien, die man im Zweifel vor Gericht klären muss, sind wir von unserer Position aus dazu verpflichtet, ethisch einwandfrei zu sein und sympathisch rüberzukommen. Wir müssen immer die Guten sein.

Kann dieser Anspruch gepaart mit dem externen Korrektiv Ihrer Kundschaft auch dazu führen, dass Katapult seine Haltungen mal ändert?

Kommt auf die Haltungen an. Denn genauso, wie wir Dinge machen, die uns neue Abos bringen, machen wir auch viele, die uns alte Abos kosten, aber die drei Säulen unserer Berichterstattung bleiben unangetastet. Obwohl wir beim Thema Feminismus inhaltlich hyperprogressiv sind, hat Katapult erst auf Druck des Publikums damit begonnen, zu gendern. Wir haben damit wie jedes Verlagshaus zwar Abos verloren, aber auch neue gewonnen. Und wie in der ganzen Gesellschaft gab es darüber natürlich auch interne Auseinandersetzungen, aber wichtig ist doch, überhaupt konstruktiv zu streiten. Das ist schließlich nicht überall so. Als wir gemeinsam mit einem anderen Medium etwas über Greenwashing machen wollten, ist es daran gescheitert, dass die nur konstruktiven, statt kritischen Journalismus machen, um Anzeigenkunden nicht zu verschrecken. Aber der ist mir zu langweilig.

Sind konstruktiver und kritischer Journalismus denn unvereinbar?

Nicht grundsätzlich, aber wenn man einen deutschen Mega-Konzern als Dauer-Anzeigenkunden hat und darüber einige Mitarbeitende bezahlt, fällt es doch wohl sehr schwer, kritisch über diesen Konzern zu berichten.

Kritischer Journalismus scheint Ihnen ein bisschen lieber zu sein.

Schon. Denn kritischer Journalismus muss aus meiner Sicht stets wunde Punkte suchen, er besteht aber auch darin, dass sich beide Extreme aufeinander zubewegen. Angriff ohne Inhalt ist ebenso sinnlos wie Inhalt ohne Angriff, doch zurzeit überwiegt insgesamt, aber teils auch bei uns noch ein bisschen zu oft letzteres. Das sind dann so harmlose Artikel über die besten Freizeitaktivitäten am Strand oder so. Das langweilt. Brauche ich nicht. Generell wünsche ich mir, dass man für jede Recherche alle Beteiligten lieber den ganzen Tag mit Anrufen nervt und noch was rausbekommt, was über die langweilige Geschichte hinaus geht.

Nerven, bis alle Infos da sind, oder alle, die man sich erhofft hat?

Natürlich alle, die es gibt (lacht). Ich komme aus der Wissenschaft. Wer da nicht ergebnisoffen arbeitet, erzielt niemals Erkenntnisgewinne. Und das gilt auch für meine Art von Journalismus. Überparteilichkeit ist da – mal abgesehen von ultrarechten Partien wie der AfD – absolute Pflicht. Und manchmal ist es auch interessant, bei einer Recherche nichts Aufregendes zu finden.

Haben Sie ein Beispiel, wo Recherchen ins Leere liefen und dennoch ein guter Bericht draus geworden ist?

Manchmal veröffentlichen wir ergebnislose Recherchen einfach und fragen unser Publikum, ob es mehr weiß. Crowdsourcing. Man denkt zunächst, dass es einem etwas journalistische Glaubwürdigkeit nimmt, aber am Ende ist gibt es den Lesenden auch einen Einblick, wie wir arbeiten und woran wir scheitern und auch, dass sie mitmachen können. Wir haben über Crowdsourcing beispielsweise mal Daten über Praktikumsbezahlung gesammelt. Das hat geklappt.

Gibt es so etwas wie Streit-, wenn nicht gar Rauflust der Katapult, also die Suche nach Punchlines und Skandalen statt ergebnisoffenem, überparteilichem Journalismus?

Wenn man Punchlines oder Skandale durch Schwachstellen der Mächtigen oder Regierenden ersetzt, gibt es definitiv eine Streit- oder Rauflust bei Katapult. Aber wenn Ministerpräsidentin Schwesig den Vorpommern-Beauftragten Patrick Dahlemann zum Chef ihrer Staatskanzlei macht, der aber – was sehr ungewöhnlich ist – sein Landtagsmandat behält, prüfen wir natürlich eingehend, ob er die Gelder zuvor gleichmäßig verteilt hat oder zugunsten seiner Heimatregion. Wenn ersteres der Fall ist, schreiben wir das jedoch ebenso auf wie letzteres. Wir suchen nicht nach Skandalen, weil es Skandale werden sollen, sondern weil so eine Aufdeckung gesellschaftlich relevant ist.

Dennoch macht ein haltungsgetriebenes Magazin wie Katapult mit gecheckten und belegten Skandalen doch mehr Auflage als mit gecheckten und widerlegten?

Wichtig ist es, den fairen Mittelweg finden, aber ich freue mich natürlich über jeden Anfangsverdacht, den wir gewissermaßen ermitteln. Da ist die Redaktion eine Art Kommissariat, das möglichen Straftaten zwar nachgeht, aber nicht vorverurteilt. Dafür sind Gerichte da.

Die gerade auf hohem Recherche-Niveau mit aufwändigem Layout teuer ist. Wie genau finanziert sich das wachsende Portfolio von Katapult?

Jedenfalls nicht mit Werbung. Als wir noch klein waren, haben wir ein Anzeigenaustauschgeschäft mit der Titanic gemacht. Mittlerweile sind wir zwar ähnlich groß , behalten das aber bei, weil die uns geholfen haben, als uns am Tag vorm Andruck der einzige Anzeigenkunde abgesprungen ist. Das Problem war aber gar nicht so sehr das fehlende Geld, sondern zwei weiße Seiten, die wir plötzlich füllen mussten. Darüber hinaus haben wir eine Kooperation mit Fritz-Cola, aber die bringt uns eher endlos Getränke als Einnahmen.

Immerhin gut fürs Start-up-Feeling…

Kann man so sagen. Unsere Anzeigenpreise haben wir dagegen mit 30.000 Euro bewusst so hoch angesetzt, dass sie eh niemand zahlt; das sorgt sozusagen für marktgerechte Werbefreiheit. Unlängst hat das Hamburger Label Audiolith gefragt, ob wir Anzeigen von ihnen schalten wollen. Das fanden wir eigentlich schon deshalb super, weil es Feine Sahne Fischfilet unter Vertrag hat.

Eine Punkrockband aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich vehement gegen rechts positioniert und dafür sogar vom Landesverfassungsschutz beobachtet wurde.

Klar. Auf jeden Fall Respekt, dass die es da reingeschafft haben. Wir wissen ja heute, wie der Verfassungsschutz damals gearbeitet hat und dass der Verfassungsschutz wohl selbst auch in den Verfassungsschutzbericht gehört hätte. Mit Feine Sahne verbindet uns einiges, aber uns ist eine Kooperation über klassische Anzeigen hinaus lieber, vielleicht mal ein gemeinsames Festival oder so. Das Geld brauchen wir nicht. Unser Ziel ist es, das Heft weitestgehend reklamefrei zu halten.

Um finanziell oder auch politisch und moralisch unabhängig zu bleiben?

Von allem ein bisschen. Als wir noch zu dritt waren, haben wir tatsächlich rumtelefoniert, um Anzeigen zu kriegen, von Verlagen zum Beispiel. Es gab auch Interessenten, aber weil immer mehr Geld in soziale Medien floss, befand sich der Anzeigenmarkt im Printbereich bereits im freien Fall. Und weil unsere Abo-Zahlen parallel explodierten, war die Entscheidung gegen Reklame eher personeller Art: lieber alle Kraft in Abos stecken und unabhängig sein, als zu dritt nebenbei noch Anzeigen akquirieren. Mit 48 Mitarbeiter*innen können wir uns diesen Luxus mittlerweile auch finanziell leisten – merken am Beispiel der erwähnten Greenwashing-Kooperation aber auch, wie gut uns das journalistisch tut.

Inwiefern?

Weil Rewe ein Anzeigenkunde des geplanten Medienpartners ist, wollten die nicht kritisch über ihn berichten. Das kann uns nicht passieren, wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen.

Außer aufs eigene Publikum. Während werbefinanzierte Medien Rücksicht auf Anzeigenkunden nehmen, muss Katapult womöglich mehr Rücksicht auf Leserinnen und Leser nehmen, damit sie nicht in Scharen davonlaufen.

Das glaube ich auch. Die Frage ist, ob wir das aushalten oder nicht.

Und?

Jedes Heft bringt Hunderte Emails und Online-Kommentare von Lesenden, die sich oft heftig über uns aufregen. Da könnte man nun jeden Artikel auf mögliche Entfremdung von der zahlenden Kundschaft hin prüfen, aber das würde uns wahnsinnig machen. Außerdem kennen wir unsere Käufer*innen nicht und erheben auch null Daten über sie – weder Alter noch Einkommen geschweige denn Bildung oder Schicht. Uns interessiert nur die Anschrift und wie sie auf uns aufmerksam geworden sind. Alles andere braucht man nur, um Anzeigen zu verkaufen.

Warum ist es dann wichtig zu wissen, wie die Leute auf Katapult aufmerksam wurden?

Um zu erfahren, wo wir sichtbar sind und Verbreitung finden. Wobei da vor allem Instagram von Interesse ist; Facebook kann man so langsam mal auslaufen lassen. Darüber hinaus fühlen wir uns in dieser Datenarmut sauwohl; das entspricht auch dem hohen moralischen Anspruch unserer Lesenden. Darüber hinaus aber wollen wir ja gerade, dass bei uns in den Kommentarspalten die Hölle los ist. Dafür werben wir sogar gezielt bei Rechtsradikalen.

Bitte?!

Damit die auf uns aufmerksam werden, Streit entfachen und unsere Bubble nicht einfach nur sich selbst genügt. Vielleicht bekommt man ja manche auch irgendwann mal mit einem Argument überzeugt. So sehr unser Medium haltungsgetrieben ist, so wenig wollen wir bloß Zielgruppenjournalismus machen. Katapult steht allen offen, und je mehr sich darüber fetzen, umso besser. Von 48 Leuten hier machen drei deshalb nichts anderes als Moderation, diesen Prozentsatz am Personal hat sonst kein Medium.

Kriegen die dann Sonderzulagen, weil sie sich mit Nazis rumärgern, die Sie gezielt angelockt haben?

Das nicht, aber ab und an psychologische Hilfe. Die wissen aber auch, dass es dem wichtigen Zweck dient, Homogenität in der Zielgruppe vorzubeugen. Inhaltlich bin ich durchaus Fan der taz, aber die haben sich mit ihren Lesenden mittlerweile so homogenisiert, dass den Artikeln – so gut und wichtig ich sie oft finde – öfter mal das Überraschende fehlt, was Journalismus bedeutsam macht. Wir haben jetzt vier leitende Redakteure, und einer davon, Sebastian Haupt, der den Knicker macht…

Ein Spin-Off zum Ausklappen.

… der ist für jedes Thema offen, aber bitte nichts über die Armutsschere in Deutschland, von der wirklich alle berichten. Nur mit breiter Palette kannst du ein breites Publikum erreichen.

Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden aber gewiss nicht das gesamte Meinungsspektrum ab, oder?

Na ja. Menschenfeinde von rechts wollen wir nicht im Haus haben, ansonsten aber stehen wir politisch grundsätzlich allen offen, sofern sie nicht parteipolitisch gebunden sind. Darüber gab es grad eine Diskussion, weil zwei Redakteure Parteimitglieder sind. Eigentlich ist das okay, arbeitsrechtlich dürfen wir so was ja nicht mal abfragen, und ich persönlich hätte gern alle demokratischen Meinungen hier vertreten, aber nicht als aktive Parteimitglieder. Unsere Art der Berichterstattung macht Katapult eben extrem angreifbar. Politische Präferenzen werden da sehr genau beobachtet.

Wie verhindert man da, dass bei Katapult keine „waschechten Rassisten“ arbeiten, die Sie im Streit mit der Konkurrenz vom Nordkurier ja in deren Redaktion verortet haben – gibt es einen Fragekatalog, um das Wort „Gesinnungstest“ zu vermeiden?

Der Chefredakteur vom Nordkurier hat nach dem Rassismusvorwurf darauf hingewiesen, dass „nicht alle“ beim Nordkurier Rassisten sind, um damit meine Pauschalisierung zu kritisieren. Guter Punkt. Aber auch eine hochinteressante Aussage über den Rest von „alle“. Egal, wir haben in zwei Jahren 37 Leute eingestellt; deren gute Gesinnungen zu testen, schafft man auch ohne Fragekatalog, anhand der Bewerbungsunterlagen und kurzer Online-Recherche über das, was die vorher gemacht haben. Schwieriger ist es, falls Bewerber*innen von NGOs kommen.

Welche zum Beispiel?

Na ja, Greenpeace etwa oder Amnesty International. Die sind, was ich generell nicht falsch finde, missionsgetrieben. Ihnen fehlt das Ergebnisoffene. Da müssen wir mehr drauf achten, als ob einer mal in der Wiking-Jugend war, der bewirbt sich eh nicht bei uns. Wer dagegen bei Oxfam tätig ist, wird nie zur Erkenntnis gelangen, die Armutsschere wird kleiner; dann würde er seine NGO ja überflüssig machen.

Wie rekrutieren Sie überhaupt Mitarbeiter*innen in einer Region wie Vorpommern, wo junge, besonders weibliche Menschen nach Ausbildung oder Studium mehrheitlich das Weite suchen?

Durch unsere Reichweite in den sozialen Medien haben wir die luxuriöse Lage, weder Stepstone noch Xing zu nutzen oder sonst wie Geld und Zeit in Personalsuche zu stecken. Haben wir mal gemacht, aber schnell gemerkt, dass sich eh alle über social media bewerben. Wenn wir darüber eine Redakteursstelle ausschreiben, haben wir in kürzester Zeit 100 Bewerbungen, also echt keinerlei Nachwuchsprobleme. Am schwierigsten ist es, Köch*innen zu finden.

Die Sie sogar im Impressum ausweisen.

Und zwar völlig zu recht! Auch Programmierer*innen sind etwas schwieriger zu finden als Grafiker*innen und Redakteur*innen, gerade aus der Umgebung. Früher kamen die meisten bei uns aus MV, mittlerweile noch 25 Prozent. Wir haben sogar zwei Leute aus den USA, die unsere englischsprachige Ausgabe machen. War auch kein Problem, die von Alabama nach Greifswald zu kriegen. Problematisch war hier auch etwas anderes. Als wir unsere Abo-Zahlen 2020 verdreifacht hatten…

Trotz Pandemie?

Und wegen der Pandemie! Da bin ich dem Impuls gefolgt, jeden Überschuss sofort für neues Personal auszugeben; das ist bei mir intrinsisch, aber manchmal eben einfach zu viel. Auf 15 alte Mitarbeiterinnen kamen damals 20 neue, das war die Hölle.

Weil der redaktionelle Zusammenhalt gelitten hat?

Eher, weil mehr Personen zum Einarbeiten als zum Arbeiten vorhanden waren, und das geht zulasten von beidem. Manchmal ist langsameres Wachsen trotz voller Kassen sinnvoller. Dieses Jahr haben wir immer noch viel eingestellt, das Ganze aber trotz ähnlich guter Ausgangslage ein bisschen ruhiger angehen lassen.

Gibt es bei Medien grundsätzlich so was wie toxisches Wachstum in der Start-up-Phase?

Wenn es so exponentiell läuft wie bei uns, schadet es jedenfalls schnell mal der internen, also zwischenmenschlichen Kultur – wie wir alle miteinander umgehen also. Selbst unsere Artikel sind in der Zeit etwas schlechter geworden. Umso wichtiger ist der neue Ort, den wir uns hier mit Journalist*innenschule bauen; da kommen wir alle neu zusammen und haben dadurch die Möglichkeit, uns gemeinsam weiterzuentwickeln.

Und in welche Richtung?

Zum Beispiel ein Stück weg vom früheren, leicht anarchistischen Katapult-Humor, der etwas sachlicher wird und angesichts der Entwicklungen auch werden musste, ohne ihn ganz abzuschaffen. Der Verlust des Impulsiven zugunsten einer gewissen Professionalisierung, gepaart mit geregelten Arbeitszeiten, auf die unsere Angestellten ein Anrecht haben, passiert aber allen Start-ups irgendwann. Das tut gelegentlich weh, gehört aber dazu.

Schmerzhaft könnte es auch sein, dass Zeitungen wie die Süddeutsche Ihr Erfolgskonzept bisweilen stumpf kopieren. Oder ist diese Art der Respektsbekundung sogar ein bisschen schmeichelhaft?

Ach, es ist beides. Wenn das offen geschieht wie bei der Schweriner Volkszeitung, die uns auf einer Podiumsdiskussion gesagt hat, sie fänden unser Konzept mit den Karten so toll, dass sie da jetzt eigene machen, aber ersichtlich anders als unsere, finde ich das schmeichelhaft. Außerdem sind Karten jeder Art ja keine Neuerfindung von uns. Als die Süddeutschen Zeitung mehrfach unverkennbar von uns abgekupfert hat, ohne das zu kommunizieren oder kenntlich zu machen, fühlten wir uns dagegen schon veräppelt. Das ist zwar nicht urheber-, aber wettbewerbsrechtlich bedenklich.

Mit welcher wettbewerbsrechtlichen Konsequenz?

Dass eine Redaktion die andere systematisch ausbeutet. Eine sucht tagelang nach lustigen Vergleichen und die andere macht sich diese Arbeit nicht und nimmt sie einfach vom kleineren Medium. Das ist bei einer gewissen Wiederholung wettbewerbsrechtlich relevant und das war bei uns der der SZ leider der Fall.

Sie haben vorhin vom Verlust des früheren Katapult-Witzes gesprochen. Ist Humor mal abgesehen von klarer Haltung und analytischer Tiefe ein Faktor, der den Journalismus gerade in Konkurrenz zum schnelleren Internet zukunftsfähig machen könnte?

Empfehlen kann ich ihn jedenfalls niemandem, der dafür kein Händchen hat.

Ersetzen wir Humor durch Leichtigkeit, die Ihrem Magazin bei aller inhaltliche Tiefe zu eigen ist.

Auch die würde ich Lokalblättern wie Ostsee-Zeitung oder SVZ nur eingeschränkt empfehlen, aber für uns ist es – auch intern – perfekt, jenseits vom Grundton allgemeiner Krisenberichterstattung zu schreiben. Wichtig ist, die Seriosität der Recherche zwischen der Leichtigkeit erkennbar werden zu lassen.

Gute Beispiele für diese Mischung aus Humor und Journalismus wären amerikanische Late-Night-Shows von Jon Stewart, Trevor Noah oder John Oliver, die viele Zuschauer als Informationsmedien nutzen, hierzulande vergleichbar mit Böhmermanns ZDF Magazin Royal oder der heute-show.

Die sind in der Tat großartig und ziehen das Publikum aus dem Trott der Nachrichten heraus, in denen ironiefrei über Politik berichtet wird. Dass dieser Ansatz in MV komplett fehlte, war eine Motivation für uns, Katapult zu machen. Auch wenn Humor nicht deren Ansatz ist, gewinnen wir alle doch ein Stück Würde, wenn wir über uns selbst lachen können. Bei den Lokalblättern im Bundesland erschöpft sich die Selbstironie allerdings darin, es ab und zu Meck-Pomm, statt MV zu nennen. Wobei wir das superschicke Kürzel Meck-Vorp bevorzugen.

Weil Pommern weiter östlich ist?

In Polen, um genau zu sein. Meck-Pomm klingt, ohne dass es so gemeint sein dürfte, unangenehm großdeutsch. Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr das viele hier im Land als Angriff auf Ihre Region empfinden. Auch wegen der Lokalzeitungslandschaft sind viele das gar nicht mehr gewohnt, augenzwinkernd auf ihre Region zu blicken.

Wollen sich die Leserinnen und Leser mit Katapult denn vor allem informieren oder unterhalten lassen?

Beides, und genau darin liegt, um zur Eingangsfrage über die Rettung des Lokaljournalismus, unsere Chance, das tradierte Spektrum gesellschaftspolitischer Zuschreibungen aufzubrechen und bedeutsame Unterhaltung zu machen. Im leichten Bereich, etwa über Bierbrauereien, sprechen wir daher alle ungeachtet ihrer Haltungen an, sind damit extrem demokratisch und bieten gerade damit die Gelegenheit, in härteren Beiträgen über den Tellerrand zu blicken.

Wird dieser Blick über den Tellerrand auch in der Journalistenschule gelehrt, der gerade auf dieser Großbaustelle, auf der wir uns unterhalten, entsteht?

Absolut. Wobei ein wichtiger Schwerpunkt unserer Schule darin bestehen wird, das klassische Journalistenschulen kaum lehren, für uns aber existenziell ist: alles mit Grafik, also Visualität, dazu Programmieren, Datenverarbeitung. Sowas sollten Journalist*innen aus meiner Sicht aber ohnehin in der Ausbildung lernen. Und vielleicht bringen wir ihnen hier auch noch Methodik und Statistik der Wissenschaft bei, was für Katapult im Besondern, aber den Journalismus im Allgemeinen hilfreich ist. Unsere Tendenz geht klar Richtung Wissenschaftsjournalismus.

Mit dem Namen Katapult-Journalistenschule?

Namen gibt’s noch nicht, könnte aber sein und muss auch bald sein. Denn im Frühjahr geht es ja schon los, und wir kriegen jetzt schon massenhaft Bewerbungen – witzigerweise ungefähr halb so viele als Dozierende wie als Studierende. Das wäre mal ein guter Bildungsschlüssel für 106 Leute auf 2000 Quadratmetern.

Die wie viel für die Ausbildung bezahlen?

Hoffentlich gar nichts. Wenn Katapult stark genug ist, bezahlen wir das.

Und werden Sie in der Lehre mitmachen?

Puhh, wenn mir was einfällt, was ich besonders gut kann, vielleicht. Im Grunde aber würde ich da lieber Profis ranlassen. Ich bin ja nicht mal Journalist, ich hab nur Bock drauf irgendwas relevantes zu machen und nirgendwo fühle mehr ich Relevanz als im Lokalen. Man spürt oft: Wenn ich hier heute nicht drüber berichte, dann macht es keiner. Das ist nur im Lokaljournalismus so. Deshalb ist er so befriedigend. Ob ich auch lehren werde, gute Frage. Ich bin Praktiker, kein Didaktiker. Vielleicht lehre ich am Ende das Fach „Peinliche aber virale Tiktok-Videos“!

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen

Suspicion: Überwachung & Entführung

Apple_TV_Suspicion_key_art_graphic_header_4_1_show_home.jpg.largeIm Fadenkreuz des liberalen Kontrollwahns

Der irritierende Apple-Thriller Suspicion mit Uma Thurman hetzt uns an der Seite scheinbar argloser Briten unter Entführungsverdacht acht Teile lang atemlos durch die Welt der Überwachungskameras und sozialen Medien.

Von Jan Freitag

1984, das muss man 73 Jahre nach der berühmten Dystopie anerkennen, blickte lang vorm digitalen Zeitalter furchtbar visionär in die Zukunft moderner Überwachungsstaaten. Das London von heute ist George Orwells Version von damals also alles andere als unähnlich. Mit einer Ausnahme: Es hält seine Bürger nicht in Beugehaft freudloser Alltagsroutinen und bei Zuwiderhandlung schon mal hungrige Ratten vor ihre Gesichter. Die gegenwärtige Gedankenpolizei hat bessere Methoden zur kollektiven Kontrolle. Feinere, geschicktere, smartere – garantiert durch Millionen Kameras.

Allein im öffentlichen Raum der britischen Hauptstadt kommen unfassbare 73,3 davon auf 1000 Einwohner – mehr als Peking und Moskau zusammen. Bei aktuell 8.961.989 Londonern, erfassen also gut 650.000 Objektive jeder Art alle, wirklich alle, die sich durch Straßen und Häuser, Geschäfte oder Parks bewegen. Auch Eddie, Tara, Aadesh und Natalie. Nachdem maskierte Kidnapper den Sohn der einflussreichen Unternehmerin Katherine Newman (Uma Thurman) aus einem New Yorker Luxushotel entführt haben, geraten sie schon darum ins Visier der Polizei, weil die vier Londoner zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Und so werden drei davon gleich am Anfang des achtteiligen Apple-Thrillers Suspicion nach ihrer Rückkehr aus den USA festgenommen. Die begüterte Finanzmanagerin Natalie Thompson (Georgina Campbell) bei der eigenen Traumhochzeit. Der mittellose IT-Experte Aadesh Chopra (Kunal Nayyar) im Teppichladen seiner Familie. Die kultivierte Uni-Dozentin Tara McAllister (Elizabeth Henstridge) vor den Augen ihrer Klasse. Als es den Studenten Eddie (Tom Rhys Harries) Ende der dritten Folge vorm Pup erwischt, sind seine Leidensgenossen also längst Teil einer Eskalationsspirale, wie sie die weltweite Paranoia im Jahr 20 nach 9/11 allerorten hervorruft.

Nach getrenntem Verhör des englischen Good Cops Vanessa Okoye (Angel Coulby) mit dem amerikanischen Bad Cop Scott Anderson (Noah Emmerich), wird das Trio tags drauf zwar gemeinsam entlassen. Scheinbar auf freiem Fuß aber lässt es Regisseur Chris Long nicht nur durch die Linsen seiner drei Kameraleute verfolgen; mindestens ebenso oft erscheinen sie auf dem CCTV genannten Arsenal omnipräsenter Monitore westlicher Konsumgesellschaften, die ihre Kundschaft pauschal zu Verdächtigen aller denkbaren Delikte erklären oder einfach süchtig nach Informationen sind.

Nur einer entkommt der allumfassenden Verfolgung filmender Drohnen, ausgerechnet: der Hauptverdächtige Sean Tilson (Elyes Gabel), den wir anfangs als Passagier Richtung Belfast kennengelernt haben, bevor er sich im Stil eines Doppelagenten mit der Lizenz zum kaltblütigen Töten nach London durchschlägt. Spätestens hier wird die stille Jagd der Staatsmacht auf ihre mutmaßlichen Gegner zur wilden Jagd aller gegen alle. Denn je mehr das Hollywood-Remake der israelischen Thriller-Serie „False Flag“ Fahrt aufnimmt, desto unlösbarer verknotet Showrunner Rob Williams ihre Fäden. Denn während die Tatbeteiligung des Quartetts im 400-minütigen Spannungsbogen denkbarer wird, geraten sie auch noch ins Fadenkreuz machtpolitischer Intrigen.

Wie Suspicion von einer klugen Sozialkritik am paranoiden Kontrollwahn liberaler Prägung zum Verschwörungsthriller anschwillt, behandelt er aber auch ein paar Randaspekte von 1984 Baujahr 2021. Soziale Medien etwa, die jedes digitale Raunen durch Links & Likes zur Tatsache aufblasen und Wahrheiten noch schneller zerstören als Existenzen. „Das Geschwätz hört auf, sobald jemand einen Hund beim Bellen eines Mariah-Carey-Songs filmt“, sagt Dozentin Tara zum Rektor, als er sie wegen des Sturms in der Hochschulblase entlassen will. Sie sollte sich irren. Zum Leidwesen der Demokratie, zur Freude des Entertainments.


Generation Heidi & Generation F

TV

Die Gebrauchtwoche

31. Januar – 6. Februar

Sie hat es getan. In der 17. Auflage von GNTM sprach Heidi Klum den zentralen Satz ihrer frühjährlichen Frauenverachtungsparade und benutzte dabei womöglich erstmals die grammatikalisch korrekte Form, es könne „nur eine Germany’s Topmodel“ werden, nicht einer, wie sie es seit 2006 zu sagen pflegte. Maskulinum. Und nicht nur das: Ihre Kandidatinnen, deren Alter bislang meistens weitaus höher war als ihr jeweiliger Body Mass Index, heißen nun nicht mehr Mädels, sondern Models, deren Alter obendrein teilweise dreimal so hoch ist wie der durchschnittliche BMI.

Fast könnte man meinen, Heidi Klum habe sich auf ihre etwas älteren Tage vom Sexismus emanzipiert. Das zwar nicht; ihr Frauenbild bleibt eines weiblicher Zuschaustellung jenseits innerer Werte. Aber es ist ein Anfang. Ein – zumindest vorläufiges – Ende hat dagegen die Deutsche Welle erlebt. Keine 24 Stunden, nachdem die deutsche Kommission für Zulassung und Aufsicht von Medienanstalten (ZAK) RT DE eine Sendelizenz verweigerte, um die sich der russische Staatspropagandakanal noch gar nicht beworben hatte, entzog Moskau der DW die Akkreditierung.

Mehr noch: ihre Journalist*innen dürfen nun gar nicht mehr aus Putins Zarenreich berichten. Womit er einmal mehr beweist, dass Diktaturen wie seine nicht mal mehr den Schein diplomatischer Regeln wahren. Dass China zeitgleich eine PR-Show aufführt, die nur olympisch singt und lacht, ist keine Ausnahme dieser Entwicklung, sondern ihr zynischster Ausdruck. Wir dürfen daher gespannt sein, wann chinakritische Sportkorrespondenten plötzlich – hoppela – positiv auf Corona getestet werden und – hoppela – mit kaputtem Netz in Isolationshaft geraten.

Noch was? Ach ja: 7 Tage 7 Köpfe ist zurück, und zwar leider mit dem unerträglich selbstversessenen Guido Cantz, aber zum Glück auch einigen jener Momente, die das Promi-Panel auf RTL einst trotz erbärmlicher Frauenquote so unterhaltsam gemacht hatten. Kurzfristig ausgeladen: Woopie Goldberg – aber nicht, weil sie gerade mit Antisemitismus-Vorwürfen zu tun hat, sondern weil Promi-Panels in den USA einfach viel besser besetzt werden.

Die Frischwoche

7. – 13. Februar

Dass Prominenz nicht alles sein muss, belegt die sehenswerte WDR-Doku Generation F in der ARD-Mediathek. Jeden ersten Dienstag im Monat werden dort Sportlerinnen porträtiert, die wie Weitspringerin Maryse Luzolo zum Auftakt aus der 2. Reihe starten, dabei aber sehr viel zu erzählen haben. Immer in der 1. Reihe, wenn auch ohne dorthin zu gehören, war die realexistierende Anna Sorokin alias Delvey, der Showrunnerin Shonda Rhimes ein fiktionales Porträt auf Netflix widmet.

Inventing Anna bietet dabei alles, was Biopics bedeutsam macht: Realismus und Entertainment, ganz große Show und noch größere Emotionen, alles ohne Pathos, also grenzenlos unterhaltsam. Zumindest letzteres dürfte auch für den deutschen Netflix-Horror Das Privileg (Mittwoch) um einen Teenager (Max Schimmelpfennig) gelten, dessen innere Dämonen sich nach dem Tod seiner Schwester irgendwann als fürchterlich real erweisen.

Nach realer Vorlage zeichnet die Sky-Serie Landscapers ab Donnerstag die Ehe von Susan (Olivia Colman) und Christopher (David Thewlis) nach, deren scheinbar heile Welt von zwei Toten in ihrem Garten zerstört zu werden droht. Vollständig mord- und totschlagfrei, aber auch weitestgehend ecken- und kantenfrei sind dagegen die Amazon-Romedy I Want You Back und das Apple-Beziehungsdrama Über mir der Himmel, beide ab Freitag online.

Für alle anderen, deren Sportbegeisterung nicht zu groß oder aktiv oder einfach übermächtig ist für völlige Abstinenz vom diktatorischen Eigen-PR-Event dieser Tage: Bitte Finger weg von den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking!


Jan Verstraeten, Los Bitchos, yeule

Jan Verstraeten

Der Teufel im Kopf muss dort nicht unbedingt gleich ein Fegefeuer entfachen, aber einheizen kann er ihm schon. Der Belgier Jan Verstraeten zum Beispiel singt zum Auftakt seines Debütalbums Violent Disco über seine inneren Dämonen, die anschließend auch in Gone Gone Gone ihr Unwesen treiben. Zum Glück für den Groove allerdings vermengt er all die Düsternis nicht mit Dark Wave, sondern einem orchestralen Neo-Funk, der frei schwingt, ohne zu flattern.

Als würden Junius Meyvant und The Last Shadow Puppets Pete Doherty im rosa Bademantel übers verschlammte Jazzfestivalgelände geleiten, vermengt Verstraeten lässige Streicher mit molligem Cello zu einer Art englischsprachigem Psychiatrie-Swing von Fans alter Filmmusiken, also der richtig fetten Scores fürs Crooner-Kino der Siebziger. Das ist von einer so seelenzerkratzten Erhabenheit – man möchte glatt die Leiche spielen.

Jan Verstraeten – Violent Disco (Popup Records)

Los Bitchos

Leichen, so scheint es, pflastern auch den Weg jenes Soundtracks, den die vier Londonerinnen mit dem wenig woken, aber weil selbst verliehen doch irgendwie emanzipativen Band-Namen Los Bitchos auf ihr grandioses Erstlingswerk gestempelt haben. Tarantinos Leichen. Let The Festivities Begin! klingt nämlich wie eine Wüstensafari im schrottreifen Chevrolet, voll besetzt mit kosmopolitischen Musikgenres, die Los Bitchos auch personell repräsentieren.

Keytar-Spielerin Agustina Ruiz aus Uruguay sorgt für südamerikanische Rhythmik und Bassistin Josefine Jonsson für schwedischen Popappeal, Drummerin Nic Crawshaw bringt britischen Punkrock mit ein und die australische Gitarristin Serra Petale Orientalistik. Diese PR-Zuschreibung mag so stimmen, ist aber auch egal. Denn im Ensemble erzeugen sie ein wortloses Instrumentalfeuerwerk, das sehnsüchtig auf die Eröffnung der Festivalsaison erwartet. Und wir auch.

Los Bitchos – Let The Festivities Begin! (City Slang)

yeule

Schwer zu sagen, für welches Festival Nat Ćmiel alias yeule aus Singapur wohl geeignet sein könnte. Das Jahrestreffen der Tinnitus-und Psychose-Geheilten? Ein Rave für Rave-Geschädigte? Die Abschiedsparty vom halbjährlichen Winter oder wahlweise Sommer am Nordkap? Das neue Album der Künstlerin aus London lässt viele Verbreitungswege offen, aber kein einziger davon führt durch annähernd zugängliches Terrain.

Glitch Princess heißt es, übersetzbar mit Pannenprinzessin. Dabei klingen die sägenden Harmoniebrüche und Disharmonien auf dem Experimentierfeld digitaler Flächen nicht zufällig fehlerhaft. Im Gegenteil: alles ganz gezielt knapp am eben noch Eingängigen vorbei, alles aber regelmäßig auch wieder von linearer Verspieltheit. Ein psychotischer Tinnitus der Möglichkeiten, die elektronisches Sampling bieten, wenn man nicht nur in Strophe, Bridge, Refrain denkt, sondern Emotion, Variation, Rezeption.

yeule – Glitch Princess (Bayonet Records)


30 x Marie Brand: Millowitsch & Schönemann

brand

Meine Schauspielgene waren stärker

Mariele Millowitsch und Hinnerk Schönemann ermitteln seit stolzen 14 Jahren gemeinsam im ZDF. Ein Gespräch zum 30. Fall von Marie Brand über merkwürdige Kleider und coole Anzüge, Mathe-Sechsen und Siez-Freunde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Millowitsch, Herr Schönemann – erinnern Sie sich noch an Marie Brands ersten Fall vor 14 Jahren?

Hinnerk Schönemann: Ich kann mich vor allem an die Begegnung mit Mariele erinnern. Wir hatten uns zwar vorher schon einmal getroffen, hier aber erstmals intensiv zusammengearbeitet. Und ich erinnere mich noch gut, wie merkwürdig Maries Kostüm aussah.

Mariele Millowitsch: (lacht) Merkwürdig?!

Schönemann: So ein langes blaues Kleid. Das hat sich bei mir ebenso eingebrannt wie dieses Gefühl, auf jeden Fall noch mehr Fälle drehen zu wollen.

Millowitsch: Stimmt. Den Film hab‘ ich seither aber nicht mehr gesehen, warum fragen Sie?

Weil auffällt, dass sich die Ästhetik seit damals anders als in vielen anderen Krimreihen gar nichts so sehr verändert hat. Liegt das an Ihnen oder dem Format?

Millowitsch: Eher an uns, denn wir haben uns ja schon verändert. Ich habe deutlich mehr Falten, Hinnerk ist verglichen mit damals ein richtiger Kerl geworden. Inhaltlich allerdings sind wir uns in der Tat treu geblieben.

Schönemann: Als mir die Rolle angeboten wurde, wollte ich was anderes machen als die Anzugträger von damals, so mit Jeans und Hoodie, eher cooler New Yorker als normaler Kölner. Der Kostümbildner war aber irgendwie anderer Meinung und gab mir einen Satz Anzüge. Ich verstehe dieses Kleidungsstück bis heute nicht, habe es aber anprobiert und gemerkt: funktioniert. Nur in einem Punkt nicht: Die waren damals so schmal geschnitten.

Mariele Millowitsch: Sind sie heute ja wieder.

Schönemann: Aber weil meine Figur so sportlich ist und ständig laufen muss, waren die Hosen einfach zu eng. Deshalb wurden mir so elastische Streifen eingenäht. Ich hatte bis dahin weder beruflich noch privat je Anzüge getragen, privat mach ich das bis heute nicht. Aber als Simmel kann ich mir mittlerweile gar nichts anderes mehr vorstellen. Das ist sozusagen der Teil von mir, dem Klamotten wichtig sind.

Millowitsch: Das schafft auf jeden Fall großen Wiedererkennungswert, der ist den Zuschauern wichtig.

Dafür haben seit 2008 handgezählte 19 Autorinnen und Autoren sowie 15 Regisseure gesorgt. Kriegen die alle einen Werkzeugkasten mit Standards zur Hand, die erfüllt werden müssen, oder kommt der Wiedererkennungswert durch Sie beide automatisch?

Schönemann: Sowohl als auch. Es gibt uns als wiederkehrende Figuren, aber auch Wiedererkennbares in der Erzählung unserer Fälle. Dazu zählt zum Beispiel, dass ich vor jeder Verfolgung in jeder Folge einmal mein Jackett ausziehe und Marie gebe, die dafür schon ihre Hand aufhält. Solche Running Gags sollten alle Regisseure berücksichtigen. Ebenso wie die Art, in der Marie und Simmel kommunizieren, dieses leicht neckische. Gehört einfach dazu.

Millowitsch: Ich glaube auch nicht, dass es so einen Werkzeugkasten gibt, lege aber schon Wert darauf, dass sich neue Regisseure zuvor intensiv mit den Figuren befassen – und sei es bei YouTube. Das gehört zu den Hausaufgaben einer Regisseurin oder eines Regisseurs, die eine solche langlaufende Reihe übernehmen. Ich hätte keine Lust, ihnen das erstmal mühselig zu erklären.

Aber drohen die Running Gags nicht nach mittlerweile 30 Einsätzen, sich irgendwann totzulaufen und das Publikum eher zu nerven?

Millowitsch: Ich denke, die Leute lieben solche sich wiederholende Gags, das merkt man schon auch an den Einschaltquoten. Als Simmel mir sein Jackett mal nicht in die Hand gedrückt hatte, sind sie jedenfalls nicht eingebrochen.

Schönemann: Wenn man eine Krimireihe wie diese macht, wäre es einfach unachtsam und damit respektlos gegenüber Format und Publikum, alte Gewohnheiten grundlos wegzulassen.

Darf man eigentlich davon ausgehen, dass Sie sich privat duzen?

Schönemann: Selbstverständlich.

Wieso siezen sich ihre Figuren dann beharrlich, obwohl sie seit 14 Jahren eng miteinander zusammenarbeiten und ständig in höchster Gefahr aufeinander angewiesen sind?

Millowitsch: (lacht) Also bei mir zuhause um die Ecke gibt es einen Polizisten, der hat mich das Gleiche fragt und meint, das würde er mit Kollegen definitiv nicht machen.

Schönemann: In Notsituationen rutscht Simmel schon mal der Vorname raus. Aber wenn man sich die Persönlichkeitsstrukturen ansieht, würde es ihnen einfach nicht entsprechen, sich das Du anzubieten.

Millowitsch: Ich finde das Sie auch deshalb gut, weil es für Respekt voreinander steht und für berufliche Distanz und damit für eine Grundhaltung der beiden.

Wie einst die erklärten Siez-Freunde Gerhard Delling und Günter Netzer als ARD-Moderatoren…

Schönemann: Aber wer weiß, ob die sich privat nicht doch geduzt haben.

Nach eigener Aussage nicht. Färben die Eigenschaften oft gespielter Figuren eigentlich irgendwann auf ihre Darsteller ab?

Millowitsch: Außer, dass ich privat viel mehr gestikuliere als Marie und viel weniger analytisch bin, sind wir gar nicht so unterschiedlich. Aber es färbt definitiv mehr von mir auf sie ab als umgekehrt.

Schönemann: Also der Simmel ist ja nicht nur vom Kleidungsstil her weit weg von mir. Vielleicht spiele ich ihn deshalb auch so gern. Zugleich hole ich einen Teil von ihm aber natürlich aus mir raus und vergrößere es. Deshalb erkennt man sich in seinen Rollen immer mal wieder, aber nicht mal annähernd zu 100 Prozent.

Millowitsch: Ich sammele jedenfalls keine Primzahlen wie Marie das macht. Im Abitur hatte ich in Mathe ‘ne 6.

Schönemann: Ernsthaft?

Millowitsch: Das war noch vor dem Punktesystem, ich bin ja schon ganz schön alt (lacht) und war damals mit 5 vorbenotet. Es gab noch nicht mal Leistungskurse.

Schönemann: Ich musste mich auch eher durch die Schule quälen, obwohl – Biologie mochte ich sehr, das wollte ich ja auch mal studieren und später eher was Handwerkliches machen als Schauspieler werden. In den Beruf bin ich eher reingeschubst worden.

Das kann man von Ihnen definitiv nicht behaupten, Frau Millowitsch…

Millowitsch: Ich habe eher versucht, vom Beruf meiner Ahnen wegzukommen und vermute mal, es geht fast jedem Kind einer solchen Familie so, Distanz zu suchen. Immerhin habe ich dadurch Tiermedizin studiert und hatte mit normalen Menschen zu tun. Aber meine Schauspielgene waren offenbar stärker.

Ist Tierärztin eine Exit-Option, wenn es mit dem Schauspiel nicht mehr funktioniert?

Millowitsch: Nee, das ist zu lange her. Ich möchte spielen, bis ich umfalle.

Auch noch im Millowitsch-Theater?

Millowitsch: Nein. Theater reizt mich gar nicht mehr.

Schönemann: Geht mir genauso, ich habe ein paar Jahre Theater gespielt, aber gemerkt, das ist nicht meine Ausdrucksform. Ich mag das Schnelle des Films, statt dieser langen Vorbereitung auf jedes Stück, das dann auch noch häufiger aufgeführt wird.

Wie häufig kann Marie Brand denn noch aufgeführt werden, bevor es sich abnutzt?

Schönemann: Solange wir dürfen

Millowitsch: Und solange ich mich noch ohne Hilfe zur Leiche runterhocken kann und auch wieder hochkomme. Wenn Hinnerk mir hochhelfen muss, ist es vorbei.

Warum heißt es eigentlich Marie Brand, obwohl sie von Anfang an gleichberechtigte Partner darin sind?

Schönemann: Weil es für Mariele geschrieben wurde und sie auch früher als Besetzung feststand als ich. Damit kann ich gut leben.

Millowitsch: Na ja, du sagst beim Drehen schon öfter, pass auf, die Reihe heißt bald „Simmel ermittelt“ (lacht).

Schönemann: Auch so’n Running Gag.


Arte-Doku: Rottet die Bestien aus!

bestien

Der endlose Kreislauf des Rassismus

Die vierteilige Arte-Doku Rottet die Bestien aus vom preisgekrönten Filmemacher Raoul Peck (online in der Mediathek) zieht erschreckend gerade Linien von der Inquisition über den Kolonialismus Richtung Holocaust und weiter zum Alltagsrassismus von heute.

Von Jan Freitag

Florida, fast 200 Jahre vor unserer Zeit. Friedlich sirrt der Dschungel, als die stolze Frau vom unbeugsamen Volk der Seminolen im Dezember 1836 mit einer Gruppe entflohener Sklaven den Kampf gegen rücksichtslose Invasoren beschließt, die sich Siedler nennen. „Gebt uns unser Eigentum zurück“, sagt ein US-Soldat, sonst drohe ein Blutvergießen. „Ihr stehlt Land, ihr stehlt Leben, ihr stehlt Menschen“, entgegnet die Eingeborene und fragt: „Welche Spezies tut so was?“ Diese hier, sagt der Angehörige einer Zivilisation, die sich für zivilisierter hält als ihre. Dann schießt er ihr ins Gesicht.

So beginnt ein Arte-Essay, das beim Blick aufs Äußere der amerikanischen Eroberung ins Innere einer ganzen Gattung sieht. Unserer Gattung. Homo Sapiens. Krone der Schöpfung, so loben sich viele Schriftreligionen. Ausgeburt der Hölle, so korrigiert sie Raoul Peck in seiner vierteiligen Dokumentation Rottet die Bestien aus!. Nach einem Zitat aus Joseph Conrads berühmter Novelle Herz der Finsternis, zeichnet der Filmemacher aus eigener Perspektive ein Menschenbild, dessen Titel offenlässt, ob er vollzogene Ausrottungen unserer Spezies beschreibt oder den Aufruf zur eigenen. Beides wäre schlüssig.

Denn Peck, der nahezu zeitlebens die Abgründe gewöhnlicher Gesellschaften und Geschöpfe erforscht und für sein Rassismus-Essay I Am Not Your Negro 2018 fast den Oscar gewann, zeichnet ein fürchterliches Bild der Bestie Mensch. Aus Sicht seiner eigenen Biografie, die den Haitianer Ende der Fünfzigerjahre von Port-au-Prince übers kolonialistisch ausgeschlachtete Belgisch-Kongo oder das amerikanische Schwarzen-Ghetto Brooklyn zum Filmstudium nach Berlin führte, macht er die Unterdrückung aller Nichtweißen zu seiner und umgekehrt.

Viermal 60 Minuten reist er damit durch die kolonisierte Welt entrechteter, geknechteter, vernichteter Bevölkerungen der letzten 600 Jahre und findet Belege destruktiver Energie, die selbst das Mittelalter in den Schatten stellen, aber keineswegs nur finster sind. Während die Siedler genannten Eroberer von Komparsen gespielt noch wehrlose Seminolen niedermetzeln, schneidet Peck zwar Finsterlinge von heute dazwischen wie hitlergrüßende Neonazihorden oder Donald Trump. Mittendrin allerdings poppt ein Musical von 1949 auf, in dem Gene Kelly debil grinsend durch ein zeitgenössisches Völkerkundemuseum tanzt, das Ethnien aller Herren Länder abseits der Weißen ausnahmslos als Wilde zeigt.

Ziel dieser Gegenüberstellung: Klarheit. Anders als es der herrschende, also westliche, also weiße, also männliche Diskurs suggeriert, bleibt der Holocaust in seiner industriellen Effizienz zwar singulär, nicht aber die Basis aller Vernichtungsexzesse. Sie nämlich verortet der schwedische Literaturhistoriker Sven Lindquist, auf dessen Werk Pecks Serie beruht, in Europas Expansionsdrang der Neuzeit. „Zivilisation, Kolonisation, Vernichtung“, sagt der Ich-Erzähler aus dem Off – „diese drei Worte reißen eine gewaltsame Spur in die westliche Weltgeschichte.“

Wer der popkulturellen Collage aus gezieltem Reenactment und kreativem Archivmaterial fast ohne Talking Heads, die deutsches Zeitgeschichtsfernsehen Art gern überfrachten, vier Stunden lang schadlos folgen kann, blickt fortan anders auf Gewissheiten westlichen Perspektiven. Die „Entdeckung“ Amerikas zum Beispiel, die einen der elendsten Völkermorde der an Völkermorden so reichen Menschheitsgeschichte nach sich zog. Die „Missionierung“ der neuen Welt, die den Katholizismus endgültig als rassistische Doktrin entlarvte. Oder die „Inquisition“ des 13. Jahrhunderts, die einen Grundstein fürs hartnäckige Selbstbild Weißer Überlegenheit legte. Was Pecks Serie so beispiellos macht, ist seine Bereitschaft, auch dort nach Ursachen rassistischer Handlungsmuster zu suchen, wo andere nicht mal hinsehen.

Irlands Eroberung durch England etwa im 16. Jahrhundert, die nicht nur Abertausende angeblich minderwertiger Iren vorsätzlich das Leben kostete, sondern weitere Abermillionen infolge von Plünderung und Misswirtschaft westwärts drängte – nach Amerika, dessen Ureinwohner aus Sicht der Neuankömmlinge ihrerseits minderwertig waren und beinahe ausgerottet wurden. Bestien halt. Wie Wölfe. Oder Ratten. Der Todesschütze vom Anfang, Angehöriger einer Zivilisation, die sich für zivilisierter hält als andere, war womöglich Nachfahre verachteter Ahnen aus Irland und schloss den Kreis des Rassismus. Er dreht sich immer weiter.


Big Busch & Bestien

Die Gebrauchtwoche

TV

24. – 30. Januar

Man muss sie nicht kennen, nein wirklich nicht – all diese Taras und Erics, die Filips und Jasmins aus dem Abklingbecken exhibitionistischer Privatfernsehreaktoren. Aber wenn sie wie (fast) jeden Januar seit 2004 im Dschungel ihre Popularitätsakkus aufladen dürfen, geschieht das trotz aller Belobigungen selbst seriöser Feuilletons eher selten durch Esprit, Anspruch, gar Intellekt, sondern mithilfe brachialer Aufmerksamkeitsbetteleien. Brachialer als die Südafrika-Reisende Janina Youssefian in der 15. Staffel Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! aber waren sie selten.

Das Model mit Big-Brother-Besuch war schon mehrfach ins Model mit Bachelor-Biografie gerasselt, da bat sie die Schwarze Frau aus Hanau „in den Busch“ zurück, „wo du hingehörst“. Das war dann selbst dem Fernsehboulevard zu rassistisch. Nachdem die Dschungelmitcamper*innen protestiert hatten, schickte RTL Janina heim in Reich und bewies damit etwas, das dem Sender sonst so fremd ist wie gute Unterhaltung: Haltung.

Die bewies auch der österreichische, nun ja: „Journalist“ Richard Schmitt, als er das verstörend wahrhaftige ZDF-Kammerspiel Die Wannseekonferenz beim konservativen Online-Medium Exxpress mit den Worten kommentierte, die beteiligten Kader aus NSDAP, SS und Ministerialbürokratie vom 20. Januar 1942 „waren nicht nur Mörder, sondern durch und durch Sozialisten“. Okay, falsche Haltung. Aber auch die führte zur Entlassung. Was ist denn bitteschön bloß mit den Ballermannmedien vom rechtspopulistischen Rand los?!

Fehlt nur noch, dass Erdogan dem Welt-Reporter Deniz Yücel 12.500 Euro Schadenersatz zahlt, die ihm der europäische Gerichtshof für Menschenrechte für ein Jahr unberechtigter Untersuchungshaft zugesprochen hat. Aber gut, das wird natürlich nie geschehen. Eher schon verdoppelt DAZN seinen Abo-Preis auf 30 Euro. Obwohl – hat das Sport-Portal gerade gemacht und damit vorherige Ankündigungen widerlegt. Ist halt die Woche wackelnder Gewissheiten…

Die Frischwoche

0-Frischwoche

31. Januar – 6. Februar

Zum Beispiel die, dass der Kolonialismus nichts mit dem Faschismus zu tun hat oder umgekehrt. Hat er nämlich. Und wie viel genau, erfahren wir heute Abend in der herausragenden Arte-Dokumentation Rottet die Bestien aus, womit der vielfach preisgekrönte Filmemacher Raoul Peck (I Am Not Your Negro) die regelmäßigen Genozide unserer Spezies unter anderem genau damit erklärt: unserer Spezies. Und das Besondere: damit wird die Shoah nicht relativiert, sondern nur leichter verständlich. Starker Tobak, der Vierteiler.

Und damit ein Kontrastprogramm zur beeindruckendsten Serie der Woche: Pam and Tommy. Darin zeichnet Disney+ ab morgen das wilde Leben des Glamourpaars Pamela Anderson & Tommy Lee in den Neunzigerjahren nach. Trotz expliziter Sexszenen, die das Portal sogar zur Installation einer Altersbarriere veranlasste, ist der Zehnteiler jedoch aus mehr als Sex-and-Drugs-and-Rock’n’Roll. Wenn er die Erpressung der beiden mit einem Porno-Video übersteuert, geht es auch um Konsumwahn und Misogynie kurz vor 9/11.

Zwei von gut 300 Gründen, die Olympischen Winterspiele in der effizientesten Diktatur aller Zeiten ab Donnerstag zu boykottieren und stattdessen heute Abend zwei ARD-Dokus nebst Debatte bei Frank Plasberg über diesen Irrsinn zu sehen. Was allerdings auch kein einziges Opfer des chinesischen Regimes wieder lebendig machen würde. Es ist kompliziert, mit der Haltung. Also einfach leutselig fernsehen? Wäre eine Möglichkeit. Zum Beispiel den zehnteiligen SyFy-Grusel Surreal Estate über amerikanische Spukhausmakler ab Dienstag.

Oder parallel dazu die 30. Folge von Marie Brand im ZDF. Oder die Schwarze Kammerspielserie Sacha ab Mittwoch auf Arte. Oder das Thriller-Highlight der Woche tags drauf: Suspicion, ein dramaturgisch verschachteltes Entführungsdrama mit Uma Thurman. Oder der Vollständigkeit halber: Power Book IV, ein maximal männerlastiger, ebenfalls zehnteiliger Starzplay-Krimi aus Chicago mit einer ziemlich interessanten Hauptfigur.


Saitün, Eels, Kreidler

Saitün

Orient – ist das ein kolonialistischer Begriff aus Zeiten, als sich Europa die Welt Untertan machte und falls nicht, zumindest kulturelle Aneignung, sofern ihn jene verwenden, die ihm gar nicht entsprungen sind? Solche Sprachfragen sind heutzutage (zum Glück) die Regel und müssen daher auch auf die Baseler Band Saitün angewendet. Ihr melodramatischer Psych-Rock wird nämlich nicht nur mit dem angedickt, was landläufig als orientalisch gilt; er spielt auch inhaltlich mit arabischen Codes und Chiffren.

Das machen sie hervorragend. Sinfonisch wälzen sich die Klangteppiche über englischsprachige Kritik am Kapitalismus, als hätten Faith No More Sauerkraut vergoren. Vom 1. bis zum 10. Track ist das Debütalbum Al’ Azif fesselnd wie ein vertonter Tsunami. Zugleich aber fragt sich, was die Assoziationsketten offenbar sehr weißer Protagonisten sollen – alles nur Spaß, alles sehr ernst, alles kulturell diffus, wie uns das Label versichert? Alles Auslegungssache, für die man Al’ Azif halt durchhören und selber urteilen sollte.

Altün – Al’ Azif (mon petit canard)

Eels

Mit Eels hingegen kann man seit einem Vierteljahrhundert eigentlich nie was falsch machen – was weniger deshalb überrascht, weil das Quartett aus Washington D.C. jemals irgendwas politisch auch nur ansatzweise Unkorrektes getan hätte. Erstaunlicher ist die Tatsache, dass Alternative-Fans der Stimme des Quantenphysiker-Sohns Mark Oliver Everett vermutlich auch auf dem 14. Album nicht überdrüssig werden. Und das hat schon echt was Magisches.

Denn es ist ja nun wirklich nicht so, als klänge Extreme Witchcraft grundlegend anders als das brillante Debüt Beautiful Freak von 1996. Im Gegenteil: die lässige Eastcoast-Americana, gepaart mit countryeskem Surfersound suppt exakt so schläfrig schön aus Boomboxen wie einst vom Kassettendeck. Aber genau dieses Grundgefühl der Wiedererkennbarkeit im Tonfall völligen Desinteresses an Erfolgen, Geld, Karriere macht auch das Album beiläufige Art einzigartig.

Eels – Extreme Witchcraft (PIAS)

Kreidler

Und wo wir grad beim Zauber der Beständigkeit an sich sind, konzentriert allerdings in einer Gruppe musizierender Menschen, die damit einst unerforschtes Gelände betraten: Kreidler haben ein neues Album gemacht, das 15. in ungefähr ebenso vielen Jahren wie Eels, was aber auch schon die einzige Parallele beider Klanguniversen ist. Denn das der vier Eketroavantgardisten um den Drummer Thomas Klein schießt über die bekannten Sonnensysteme abermals weit hinaus.

Spells and Daubs nämlich erforscht die unendlichen Weiten der eigenen Originalität mit exakt jener Experimentierfreude, die den Pop-Standort Düsseldorf seit Jahrzehnten zur sprudelnden Quelle erst abseitiger, dann massentauglicher Ideen macht. Gleichermaßen vertrackt und eingängig, sedierend und tanzbar, meditativ und weltlich zieht das Album in einen Bann, der sich heute so wenig erklären lässt wie 1994, aber damals wie für alle Zeiten eines ist: auf eingeborene Art angenehm undeutsch.

Kreidler – Spells and Daubs (Bureau B)


Wannseekonferenz: ZDF-Fiktion & Wahrheit

wannsee

Aber wird das nicht sehr teuer?

Die dritte Verfilmung der Wannseekonferenz-Protokolle ist ein Kammerspiel, von fürchterlicher Anziehungskraft – gerade, weil das ZDF (in seiner Mediathek) zeigt, wer den Holocaust damals organisierte: ganz gewöhnliche Männer mit ganz gewöhnlichem Vernichtungswillen.

Von Jan Freitag

„Was nützen die besten Worte“, schrieb Kurt Tucholsky lange, bevor die Nazis erst seine Bücher verbrannt, dann seine Staatsbürgerschaft annulliert hatten, „wenn sie über die Wirklichkeit hinwegtäuschen“. Wäre der sprachgewaltige Schriftsteller nicht kurz darauf im schwedischen Exil gestorben, er hätte diesen Satz womöglich am 20. Januar ergänzt, als sich in anderthalb Stunden zeigte: die schlechtesten Worte können durchaus über die Wirklichkeit hinwegtäuschen – zuweilen sogar die Wirklichkeit derer, von denen sie stammen.

Als sich nationalsozialistische Spitzenfunktionäre aus Regierung, Partei, SS heute vor 80 Jahren in einer prächtigen Villa am Südwestrand Berlins trafen, um die „Endlösung der Judenfrage“ voranzutreiben, fiel daher kaum ein konkretes Wort zur geplanten Vernichtungsoffensive. Über 90 Sitzungsminuten hinweg haben die 15 Teilnehmer ihre elf Millionen Opfer schließlich nur „ausgekämmt“, dann „einwaggoniert“, mit „Abschubmitteln“ in „Zielräume“ mal „evakuiert“, mal „deportiert“, um sie nach Kriterien der „Nützlichkeit“ einer „Sonderbehandlung“ zu unterziehen, wie die „Vorgänge im Osten“ weiter westlich hier heißen.

Wer sich die neueste Verfilmung des akribisch stenografierten Protokolls der „Wannseekonferenz“ anhört, könnte folglich meinen, es gehe gar nicht um den Holocaust, sondern jene Umstrukturierung des Postwesens, zu der Ministerialdirektor Friedrich Kritzinger im Anschluss aufbricht. „Sie ham ja ‘ne Kondition“, gibt ihm NSDAP-Kanzleivize Gerhard Klopfer noch lächelnd mit auf den Weg, worauf der Beamte nüchtern „man muss Opfer bringen“ entgegnet – dann ist die folgenschwerste Sitzung der Menschheitsgeschichte beendet, ohne dass Worte wie Tod oder Vergasen, Konzentrationslager und Vernichtung fallen.

Der verharmlosende Duktus allein aber macht die Neuverfilmung der Zusammenkunft gar nicht so faszinierend; es ist die Banalität des Bösen, mit der sie Matti Geschonneck nach Drehbüchern von Magnus Vattrodt unter Begleitung des Vorlagengebers Paul Mommertz sie in Szene setzt. Kurz vor der Konferenz mit Seeblick hat Deutschland Amerika den Krieg erklärt, die russische Gegenoffensive rollt, doch als von der Etsch bis an die Memel bereits Bomben aufs Reich hageln, verteilt Genozid-Verwalter Adolf Eichmann (Johannes Allmayer) Platzkärtchen auf dem Verhandlungstisch, zu denen seine Sekretärin Ingeborg Werlemann (Lilli Fichtner) penibel Block und Bleistift legt. Ordnung muss sein.

Schon wegen des Durcheinanders. Wie Dietrich Mattausch im baugleichen Kammerspiel von 1984 (dem auch Paul Mommertz die Skripte schrieb), wie Kenneth Branagh in der BBC-Version 17 Jahre später, muss nun also auch Philipp Hochmairs Reichssicherheitsleiter Heydrich bei Kaffee und Cognac Profilneurosen und Machtkalküle ausbalancieren. Während NSDAP-Bevollmächtige der Art von Alfred Meyer (Peter Jordan) aufs Endlösungstempo drücken, das ein Regierungsbeamter à la Wilhelm Stuckart (Godehard Giese) juristisch bremst, würden SS-Aktivisten wie Rudolf Lange (Frederic Linkemann) schon zu Beginn der Sitzung gern symbolisch das Gas aufdrehen, von dem erst später die Rede sein wird.

Die resolute Nonchalance, mit der Hochmair den Zeremonienmeister gibt, grenzt da ans Genialische. Aber auch alle anderen Darsteller spielen das zynische Feilschen um Halb- und Vierteljuden, die geplanten Alterslager für Weltkriegsveteranen, den beklagten Arbeitskraftverlust durch massenhafte Deportationen mit einer opportunistischen Nüchternheit, die gleichermaßen fasziniert und abstößt. „Donnerwetter“, schwärmt Außenpolitiker Martin Luther (Simon Schwarz) über die Ablaufpläne der Massenvernichtung, „wenn ich als Spediteur einen gehabt hätte wie Eichmann, hätte ich auch so ‘ne Villa“, worauf der spätere Blutrichter Roland Freisler fragt: „Aber wird das nicht sehr teuer?“

Dieses selbstgefällige Kompetenz- und Kostengerangel zieht sich von der ersten bis zur 104. Minute durch die unerträglich sehenswerten Realfiktion einer unbegreiflichen Versammlung. Es verbirgt aber nie, dass wirklich jeder am Konferenztisch schuldig im Sinne sämtlicher Anklagepunkte von Nürnberg war. Anders, als es der reaktionäre Kollektivschuld-Leugner Guido Knopp vor 20 Jahren beim gleichen Sender getan hätte, wird bei dieser Wannseekonferenz also niemand entlastet. Dennoch verbietet sich Geschonneck überflüssige Interpretationsspielräume des Bösen und belässt es bei der Faktenlage, die den Holocaust als Werk gewöhnlicher Menschen überliefert.

Das unscheinbare Wörtchen „Gas“ fällt dabei übrigens erst am Ende, als die Sitzordnung schon aufgelöst wurde, gefolgt vom Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B. „Na, das passt doch“, meint Eberhard Schöngarth (Maximilian Brückner) süffisant. Vier Jahre später wurde der Sicherheitschef der SS im Generalgouvernement von den Alliierten hingerichtet – abgesehen von Adolf Eichmann als einziger der 15 Beteiligten, von denen viele weitgehend unbehelligt in der Bundesrepublik weiterlebten, als wäre nichts gewesen.


Lauer Stuhl & Konferenzen

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Januar

Manche Rückkehr ist gar keine Rückkehr, sondern reanimierter Ist-Zustand. Dass der Bild-gestählte RTL-Politikchef Nikolaus Blome mit der Gossip-Beauftragen Frauke Ludowig den Heißen Stuhl aus der Asservatenkammer geholt, bei Stern TV einen Querdenker draufgesetzt und seine Lügen dort größtenteils unwidersprochen erduldet hat, ist ja ebenso wenig ein Revival wie die fortgesetzte Wiederbelebung von Wetten, dass…? im Zweiten.

Schließlich gehört mangelnde Originalität im Kampf um die Überreste linearen Publikums zum Wesenskern beider Kanäle – den jedoch niemand inniger bewahrt als Sat1, wo seit gefühlt 25 Jahren nichts Innovatives mehr lief. Als Jörg Pilawa nach seinem Wechsel dorthin sein erstes Format präsentierte, war damit klar, was es wird. Nämlich – Surprise – ein Quiz. Und zwar, nächste Überraschung: mit Prominenten für Charity-Zwecke nach einer Idee von John de Mol. Crazy Sat1!

Nach einer Idee von Margaret Thatcher möchte Boris Johnson derweil die BBC zerlegen. Das versucht er zwar ersichtlich, um von seiner desaströsen Führung der vergangenen, na ja, eher der kompletten Regierungsmonate abzulenken. Nichtsdestotrotz ist sein Plan, die Gebührenfinanzierung bis 2027 abzubauen und dann in ein Abo-Modell zu überführen, der bislang größte Angriff auf die Pressefreiheit der britischen Nachkriegszeit. Und damit eine ähnlich schlechte Nachricht wie jene, dass Julian Reichelt „was eigenes machen“ will, wie er in einer Talkshow seines rechtspopulistischen Mitverschwörers Dietrich Mateschitz sagte.

Dafür, sagte das SEXMONSTER, wie er seinesgleichen in der Bild betitelt hätte, rede er „mit sehr vielen, sehr spannenden jungen Kolleginnen und Kollegen“. Wobei erstere wohl vor allem willig sein dürften und letztere reaktionär. Währenddessen beschied das OLG Hamburg, der Spiegel dürfe sein Reichelt-Porträt „Vögeln, fordern, feuern“ wieder online stellen, während die #MeToo-Kanonade gegen Luke Mockridge in weiten Teilen verboten bleibt. Anders als im RTL-Urwald herrscht im Mediendschungel offenbar doch nicht immer nur das Recht der Stärkeren.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Januar

IBIS läuft also wieder. Und wieder. Und wieder. Diesmal in Südafrika statt Australien, aber mit denselben D-Promis von der Bachelor-Kandidatin Linda Nobat bis zum Bachelorette-Kandidaten Filip Pavlovic. Was noch in der freitagsmedien-Pause anlief: die großartige HipHop-Dramaserie Queens (Disney+). Die großartigere Mafia-Realfiktion L’Ora (Sky). Oder die großgroßartige Tierschützer-Doku Animals Army (joyn+). Und die großgroßartige Fortsetzung vom Ritualmord-Thriller Der Pass (Sky).

Auf andere Art überragend sind dagegen zwei Spielfilme aus und über Deutschland: Matthi Geschonnecks brillante ZDF-Rekonstruktion der Wannseekonferenz, begleitet vom Netflix-Drama München, das jenes Gipfeltreffen zum Politthriller macht, bei dem Hitler (Ulrich Matthes) und Chamberlain (Jeremy Irons) die Annexion des Sudetenlands und damit den 2. Weltkrieg beschlossen haben. Beides ist in seiner wahrhaftigen Spannung fast unerträglich.

Diese Woche neu wäre folgendes: Heute zeigt die ARD um 22.50 Uhr Hajo Seppelts Doku Wie Gott uns schuf über Homosexuelle in der katholischen Kirche. Morgen skizziert Jud Süß 2.0 ab 22.40 Uhr auf Art den neuen Antisemitismus und seine sozialen Netzwerke genannten Verbreitungsportale. Parallel dazu startet die ARD das nächste Improvisationsexperiment von Jan Georg Schütte, bei dem er sechs Teile lang Das Begräbnis einer Provinzpersönlichkeit eskalieren lässt. Und ab Donnerstag porträtiert das Erste Die Gewählten wie den frühvergreisten CDU-Jungen Tilman Kuban oder den alterslosen SPD-Chef Klingbeil.

Zeitgleich importiert Arte die Mystery-Serie Das Seil aus Norwegen, bevor tags drauf der amerikanische Comedycrime-Achtteiler The Afterparty bei Apple+ beginnt. Höhepunkt der nächsten sieben Tage aber ist aus Unterhaltungssicht die Katastrophenserie Station Eleven, in der 99 Prozent aller Menschen einer Grippe zum Opfer fallen. Umso verblüffender, dass der Zehnteiler ab Sonntag bei Starzplay dennoch nicht dystopisch ist.