Christian Bau: Koch des Jahres & Japan-Fan

Ein Hauch von nix

Seit er sich 2005 im saarländischen Spitzenrestaurant Schloss Berg den dritten Stern erkocht (und bis heute gehalten) hat, verbindet Christian Bau französische Klassik meisterhaft mit japanischer Küche. Dafür wurde der Schwarzwälder nun zum “Koch des Jahres” gewählt. Im freitagsmedien-Interview berichtet er vom Einfluss der Region auf seinen Stil, warum es darin keine Butter gibt und warum der 47-Jährige gern mal eine Currywurst isst.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bau, beschreiben Sie für Unkundige doch bitte mal Ihre Küche im Schloss Berg.

Christian Bau: Die Küche lässt sich schwer beschreiben, aber wenn Sie mich nach drei starken Worten dafür fragen, wären es: Leicht, zeitgemäß und weltoffen. Ohne uns der absoluten Moderne zuzuschreiben, haben wir uns von der Klassik sowohl im Saal als auch auf dem Teller gelöst. Wir präsentieren eine eigene Stilistik, die ins Hier und Jetzt passt.

Mit leichte Hang zum Asiatischen.

Einer großen Vorliebe sogar. Meine Frau und ich haben eine klassisch französische Ausbildung genossen, mit allen Basics. Die wollen wir mit einem Brückenschlag ins Japanische ergänzen.

Werfen Sie die Traditionen mitteleuropäischen Kochens damit über den Haufen?

Das merkt man ganz sicher am Menü. Die Hochprodukte der europäischen Küche – Steinbutt, Gänseleber, Trüffel, Kaviar, Hummer, Langustine – sind durchaus vorhanden. Doch wie wir sie bearbeiten – oder eben auch nicht bearbeiten – und mit speziellen Flavours versehen, das liegt jenseits vieler Gewohnheiten. Wir werfen also nichts über den Haufen, befinden uns aber auch jenseits verkrusteter Strukturen. Das merkt man schon am Alter unserer Gäste: Es gibt Abende, da liegt der Schnitt an acht oder neun Tischen unter 40 Jahren.

Gibt es bei alldem Verbindungen in die örtliche Küche des Saarlands und Lothringens?

Nein, das ist am Ende nur der Standort. Meine Prämisse lautet: ich möchte die besten Produkte haben. Was es da regional gibt, kaufe ich natürlich hier ein, aber wenn es etwas qualitativ Hochwertigeres aus Paris oder Hamburg gibt, beziehe ich es von dort. Das sind die Vorteile der Globalisierung. Und bestimmte Algensorten kriege ich in Tokio gewiss besser als im Saarland.

Fühlen Sie sich dennoch gut aufgehoben hier?

Sagen wir mal so – meine Frau und ich kommen beide aus dem Schwarzwald, sind hier also nicht gerade fest verwurzelt. Das zeigt sich auch durchaus in einer unterschiedlichen Lebenskultur. Nur: wir sind wegen unseres Jobs hergekommen und haben zur richtigen Zeit am richtigen Ort unseren Chef, den Herrn Ostermann kennengelernt. Obwohl ich damals erst 26 war, hat er uns die Möglichkeit gegeben, uns kulinarisch zu verwirklichen. Dabei kam uns zugute, welch große Rolle die Kuliniarik in dieser Region spielt.

Schon Ende der Neunziger?

Absolut. Dennoch sind wir im Schloss Berg bei Nullkommanull gestartet, es gab keine Auszeichnungen, keine Werbung, 1998 standen hier noch Trockenblumen auf den Tischen. Da mussten wir alles auf den Kopf stellen. Innerhalb von zwei Monaten war das Restaurant gut frequentiert.

Hatten Sie damals schon die heutige Kochphilosophie des Brückenschlags nach Fernost?

Nein, bis zum dritten Stern 2005 haben wir sehr klassisch gekocht, das war überhaupt nicht vergleichbar mit heute. Wir hatten getrüffelte Presspoularde mit Kartoffelpüree oder Gänseleber mit glasierten Äpfelchen zur Brioche. Der Saarländer ist ja ein halber Franzose; dem haben wir uns schon durch die Nähe zu den Benelux-Staaten angepasst. Ich sag’s offen: Da wir damals schnell über die französisch orientierten Restaurantführer Gault-Millaut und Feinschmecker Reputation erlangen wollten, haben wir uns an den Standards orientiert.

Mit Erfolg, kann man sagen.

Es hat sich bewährt, in der Tat. Mit meiner heutigen Art asiatischer Küche hätten wir niemals so schnell Erfolg gehabt. Gerade bei den Einheimischen.

Die ja seit jeher – trotz der robusten Prägung durch den Bergbau – einen guten Bezug zu feiner Küche hatten.

Das stimmt, trotz aller Sättigungsbeilagen. Aber ganz ehrlich: Ich beschäftige mich als Koch kaum regionalen Befindlichkeiten beim Essen. Lokale Küchen sind ja eher von Rustikalität und Deftigkeit geprägt. An dem Punkt kommt das erste Schlagwort unserer Küche ins Spiel: Leicht im Sinne von bekömmlich. Wir kochen komplett ohne Sahne und Butter. Es gibt zwar Milchprodukte wie Milch oder auch mal ein Löffelchen Crème Fraiche. Aber die Soßen basieren gänzlich auf Fonds, die wir allenfalls mit Ölen ergänzen und aufschäumen. In der deutschen Küche sind Sie nach zwei Gängen in der Regel pappsatt, bei uns sind es 16, 18, 20 und sie sind zwar satt, aber nicht voll. Der Umami-Sud zum Steinbutt aus Bonitoflocken und Kombualgen mit eingemixter Auster – das ist ja ein Hauch von Nix und trotzdem präsent.

Gab es dennoch einst den Forscherdrang, zu erkunden, was hier gibt?

Den gab es. Und die Soßen zum Hefekloß mit Speck im Saarland sind gewiss lecker, aber auch viel mächtiger, dazu fehlt mir jeder Bezug. Ich möchte, dass die Leute viel probieren und beim Aufstehen sagen, dass sie sich nicht nur satt, sondern auch wohl fühlen.

Mögen Sie privat ein saarländisches Bergmannsfrühstück mit Lyoner Wurst auf Brot?

Wenn Sie jeden Tag so feine Sachen wie wir verarbeiten, fällt der Zugang zur Hausmannskost naturgemäß schwerer – auch wenn wir in der Küche natürlich nicht löffelweise Kaviar aus der Dose essen; schon weil er dem Unternehmen gehört. Aber wenn ich montags mal mit meiner Frau essen gehe, suchen wir in der Tat eher einfache Kost. Und schon wegen unserer Kinder ist das Essen Nr. 1 zuhause natürlich Spaghetti Bolognese oder Geschnetzeltes  mit Pilzrahmsoße. Erst vorigen Dienstag war ich mit meiner im Dreisterne-Restaurant in Paris essen, aber wenn ich hier in der Stadt bin, ganz ehrlich, esse ich auch mal ‘ne gute Currywurst.

Wie groß ist der Anteil jener Gäste im Schloss Berg, für die das der Regelfall ist und Ihr 18-Gänge-Menü die absolute Ausnahme?

Hoch. Es gibt gewiss auch Stammgäste, die alle vier Wochen kommen. Aber wenn die ungewöhnliche Zubereitung edelster Produkte gewöhnlich wird, verliert sie ihren Reiz. Deftig ist halt manchmal auch lecker, das wissen selbst Feinschmecker.

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freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Stille Nacht – Die Nachkriegszeit

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen bereits auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: Die Nachkriegszeit.

Von Jan Freitag

„Wo man singt, da lass dich nieder“, schrieb einst der Dichter Johann Gottfried Seume und erklärte sogleich, warum: „Böse Menschen haben keine Lieder.“ Ach, wenn das doch so einfach wäre… Schon als die Bilder auch am Bildschirm laufen lernten, kündigte die zeitgemäß blondgewellte Ansagerin des nationalsozialistischen „Fernsehenders Paul Nipkow“ dem Publikum „zum Ausklang des Abends Marschmusik“ an und beendete das Tagesprogramm mit einem zünftigen „Heil Hitler!“ So dunkel die Zeit, so wuchtig die Töne.

Zwölf Jahre, einen Krieg und Abermillionen Tote später sang die blutjunge Film- und Fernsehrepublik zwar weit weniger boshaft als gäbe es nach Vorhang oder Sendeschluss kein Morgen, geschweige denn ein Gestern. Doch leider war das Land wie sein neuestes Medium noch immer noch voll von den Menschen, deren Bosheit kurz zuvor den halben Globus in Brand gesteckt hat. Rein musikalisch also hätte es – träfe Seumes kleines Gedicht zu – totenstill sein müssen in den Trümmern des untergegangenen Reiches. War‘s aber nicht. Besonders am Bildschirm, der noch aus einer Röhre bestand.

Auf ihm wird schließlich seit jeher musiziert bis der Landarzt kommt oder wahlweise der Bergdoktor. Schon als die ARD-Keimzelle NWDR am 1. Weihnachtstag 1952 von einem Hochbunker in Hamburg aus ihr zweistündiges Regelprogramm startet, kündigt die Ansagerin Irene Koss ein TV-Spiel zum Festlied Stille Nacht, heilige Nacht an, dicht gefolgt vom lokalen Rundfunkorchester mit dem Tanzstück Max & Moritz. Fernsehen heißt zum Auftakt vor allem viel Erbauung bei wenig Belastung. Willy Millowitsch singt Kölsch, Heidi Kabel Platt, der ESC Chansons. Erst als die Tageschau 1956 ihre Fanfare erhält, wird sie zum Soundtrack der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Die Melodik des Fernsehens allerdings bleibt abgesehen von der schweren Klassik, die regelmäßig live übertragen wird, vorwiegend heiter. Während das Massenkino seine Besucher bis tief in die Sechziger hinein vornehmlich Heimatfilmsoße auf den Feierabendbraten kippt, sedieren sich auch die Besitzer der anfangs kaum 5000 Apparate gerne mit klingender Hausmannskost. Kein Wunder. Bevor Peter Frankenfeld der beliebteste TV-Conférencier im Wirtschaftswunderland wird, hat er die Moral seiner Wehrmachtskameraden hochoffiziell mit lustigem Liedgut gestärkt. Fürs kampfesmüde, erinnerungsfaule, entspannungswillige Nachkriegspublikum setzt die Frohnatur im Grobkarojackett das dann nur mit neuen Texten fort.

Doch anders als viele Künstler von Goebbels Gnaden hatte der erste Topstar des Leitmediums in spe stets Distanz zum Teufel gewahrt. Sein ulkiger Eskapismus klingt daher argloser als jener von Johannes Heesters, der schon unter Hitler weit besser singen als hinsehen konnte. Eher umgekehrt verhält es sich nun mit Frankenfelds Kollegen der Adenauer-Ära: Heinz Erhardt, Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Schenk, der besonders. Der pfälzische Gemütsmensch übernimmt 1966 neun Jahre nach der Premiere vom Blauen Bock die Blaupause sketchbasierter Fernsehmusik und chiffriert den Showbegriff so nachhaltig mit vergnüglicher Naivität, dass Florian Silbereisen damit bis heute Topfquoten scheffelt.

Als Schenk 30 Jahre darauf nach 208 Samstagen abtritt, lernt der lustige Erstklässler wohl gerade Akkordeon. Ansonsten hätte ihm sein Urahn gewiss die Bühne für Größeres bereitet wie einst für Vico Torriani, Caterina Valente, Chris Howland, Peter Alexander, große Kaliber mit klingenden Namen. All diese Importkünstler bekamen schließlich bald eigene Shows und brachten darin nicht nur ein wenig Glamour und Exotik zwischen Käse-Igel und Eichen-Anrichte. Sie prägten auch das Fernsehen als gut geschmierter Durchlauferhitzer jenes Saftes, in dem es schwimmt.

Sein Tonfall entwickelte sich dabei im Gleichschritt von der Begleitmusik zum Wesenskern des Gezeigten. War die Grenze zwischen Spielfilm und Musical bis Ende der Fünfzigerjahre noch so fließend wie die zwischen Show und Revue, werden Melodien für Millionen nun zügig zum Inhalt des Ganzen. In der Nachkriegsluft liegt also nicht nur Pulverdampf, sondern auch reichlich Musik.


Medienmogule & Trash Detektive

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. November

Ach ProSiebenSat1, du aufmüpfiges Gör mit Flausen im Kopf und Dollarzeichen im Auge, du ergrauter Paradiesvogel des dualen Zeitalters, der sich als Platzhirsch langsam wundliegt im gemachten Bett früherer Bedeutsamkeit, du lustiger, launischer, latent langweiliger, aber immer noch irgendwie kreativer Gernegroß aus dem Münchner Speckgürtel – ist dein Ende etwa nahe? Das dachte man ja schon, als dich der Medienmogul Haim Saban vor einst an ein paar geldgierige Heuschrecken verscherbelt hat. Nun stößt du Thomas Ebeling wegen aufrichtiger Abfälligkeiten übers eigene Publikum vom Thron und wunderst dich, dass es mit und ohne den Chemielaboranten an der Spitze gleichermaßen bergab geht. Man müsste fast Mitleid mit dem Mischkonzern haben, der uns Pastewka oder die Simpsons, Stromberg und Christian Ulmen geschenkt hat.

Hat man aber irgendwie nicht.

Genauswenig wie mit Ebelings früherem Gehaltsklassenbuddy Thomas Middelhoff, der gerade aus dem Knast freigekommen ist, aber selbst dort offenbar alle Fäden in der Hand gehalten hatte. Wie anders ist zu erklären, dass er fürs Porträt Absturz eines Topmanagers der WDR-Reihe Menschen hautnah offenbar einen Vertrag aushandeln konnte, der dem gefallenen Bertelsmann-Boss ein Mitspracherecht im journalistischen Produkt einräumte, das deshalb vorigen Donnerstag nicht gezeigt werden durfte? Um derlei Umtriebe selbst hinter Gittern durchzusetzen, war Thomas Middelhoff womöglich beim ausdauernd fiesesten Serienbösewicht des deutschen Fernsehens in der Lehre: Jo Gerner.

Seit genau 25 Jahren wird der GSZS-Strippenzieher von Wolfgang Bahro gespielt, der nie was anderes von Belang machen musste. Warum auch? RTL schenkt ihm zum Jubiläum ja sogar eine Web-Serie, in der all seine Gemeinheiten auf 30 Minuten verdichtet werden. Bei so viel Beharrlichkeit des Abgründigen kann man eigentlich nur eins hoffen: Dass die klischeetriefend saftige Historienschnulze Charité nur noch dieses eine Mal fortgesetzt wird und nicht ebenfalls bis in alle Ewigkeit. Die Ankündigung, derzeit entstünden neue Folgen, war ja für alle, die sich vom Fernsehen mehr Eigensinn und Mut erhoffen, überaus ernüchternd.

Die Frischwoche

27. November – 3. Dezember

Wie schön wäre es doch demgegenüber, wenn Serien wie die herausragende Milieustudie 4 Blocks des Spartensenders TNT nicht wie bei der morgigen Free-TV-Premiere ins Nachtprogramm des Spartensender ZDFneo verschoben würde, sondern dorthin, wo man es auch findet. Na gut – freuen wir uns dennoch über die Doppelfolgen vor Mitternacht. Gibt ja noch Mediatheken. Dort sollte sich vorm zweiten Teil des ARD-Dramas Brüder am Mittwoch über den Werdegang eines deutschen Salafisten unbedingt den ersten ansehen, wer ihn vorige Woche verpasst hat. Es lohnt sich!

Ungefähr so sehr wie eine kleine Perle alternativen Entertainments, das am gleichen Abend um 23 Uhr im SWR läuft: Trash Detective ist eine Krimi-Groteske mit geringem Budget und schwäbischem Akzent, die mit davidlynchiger Absurdität glänzt, ohne gänzlich ins Mysteriöse abzugleiten. Lohnt sich also auch. Ungefähr so natürlich auch wie die erste deutsche Netflix-Serie Dark, die am Freitag feierlich Eröffnung feiert. Das Thema zweier verschwundener Kinder in der Provinz mag plakativ klingen, doch wie Baran bo Odar daraus ein Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten montiert, das ist schon unheimlich sehenswert. Apropos unheimlich: In Das Nebelhaus kriegt es Felicitas Woll am Dienstag, 20.15 Uhr, auf Sat1 nach Eric Bergs gleichnamigem Bestseller als Journalistin auf einer Ostseeinsel mit der eigenen Vergangenheit zu tun, die so geheimnisvoll ist, dass die Nebelmaschine glüht. Lohnt sich gar nicht.

Aber wer Spannung mit dem Holzhammer mag – nur zu. Wer Tatort mag, wird am Sonntag vom norddeutschen BKA-Duo Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring ebenfalls gut bedient. Schon weil das Drehbuch von Sabine Bernardi (Club der roten Bänder) stammt – eine der ganz wenigen Frauen im Fach. Einer der ganz wenigen Regisseure, die ihre Homosexualität nicht nur offenlegen, sondern filmisch verarbeiten, ist Rosa von Praunheim. Zu seinem 70. Geburtstag am vorigen Samstag schenkt ihm der WDR heute (23.50 Uhr) die Eloge Rosakinder, in der ihm Kollegen von Tom Tykwer über Chris Kraus bis Robert Thalheim die Ehre erweisen.

Da will Arte natürlich nicht hintanstehen und zeigt am Mittwoch gleich nach dem oscarprämierten Drama Das Piano“ von 1994 mit Holly Hunter als zwangsverheiratete, stumme Pianistin Praunheims Porträt Der Einstein des Sex über den schwulen jüdischen Arzt Magnus Hirschfeld von 1999. Womit wir mitten in den Wiederholungen der Woche sind, die aber noch kurz warten müssen, um eine Dokumentation anzupreisen. Montag um 22.45 Uhr zerlegt die ARD das Das System Amazon, also ein Unternehmen, dessen Ziel es ist, alles zu zerstören, was Gesellschaften beisammen hält, um auf den Trümmern die eigene Allmacht zu feiern. Hoffentlich dürfen wir an dieser Stelle irgendwann mal Amazon – das Ende eines Weltkonzerns vorstellen.

Bis dahin feiern wir, dass Arte am Donnerstag ab 23.10 Uhr die erste Staffel der unfassbar guten Serie Top of the Lake mit Elisabeth Moss als Polizistin, die in der neuseeländischen Provinz ein verschwundenes Mädchen sucht, am Stück wiederholt. In Schwarzweiß empfehlenswert: Der zweite Atem, Jean-Pierre Melvilles Film Noir von 1966 (Montag, 20.15 Uhr, Arte) mit Lino Ventura als alternder Gangster bei seinem letzten Coup. Und der Tatort-Tipp (Mittwoch, 21 Uhr, HR) führt uns zurück zum ersten Einsatz von Felix Murot, der in Wie einst Lilly atmosphärisch ausgefuchst erklärt, was es mit dem Anagramm seines Nachnamens auf sich hat.


Bambiboulevard & Glaubensbrüder

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. November

So, so. Fett, arm, faul und wer weiß, vielleicht auch noch blöde findet der auch keineswegs drahtige, aber reiche, rührige und wer weiß, vielleicht auch noch kluge Thomas Ebeling also sein Publikum, wie der Mediendienst DWDL aus einer Telefonkonferenz mit Analysten zitiert. Damit versucht der Vorstandsvorsitzende zu erklären, warum das verfettende, armselige, denkfaule, allzu oft saublöde Programm der ProSiebenSat1 Media SE auf längere Sicht das Millionengehalt seines CEO finanziert. Wenn die verunglimpften Zuschauer sich da mal nicht klüger zeigen als vom früheren Versicherungsmanager erhofft und dessen TV-Angebot fortan abschalten…

Für diese Art Offenheit trennt sich der Konzern einvernehmlich (also gewiss mit fürstlicher Abfindung) vom Chef, obwohl er im Grunde nur gesagt hat, was das zynische Programm Tag für Tag in die Wohnzimmer brüllt: Weil es bequemer, vor allem billiger ist als kostenpflichtige Streamingdienste, verbringt das wenig solvente Publikum den Feierabend vielfach mit dem größten Mist, anstatt besseres zu tun. Nichts zum Beispiel. Wobei es hierzulande selbst das Nichts mitunter schafft, ins Rampenlicht zu treten. Nur so ist zu erklären, dass vor acht Tagen bei Anne Will ständig die Beine von Verona Pooth im Bild waren, wie es öffentlich-rechtliche Kameramänner bereits bei Katja Suding (FDP) und Frauke Petri (äh…) getan hatten.

Nur so ist aber auch zu erklären, dass vorigen Donnerstag neben Glitzergestalten wie Tom Jones, Helene Fischer oder Arnold Schwarzenegger für eigens auf sie zugeschnittene Kategorien wie “Mut” auch Heino Ferch und Alicia von Rittberg den Bambi als beste Schauspieler*in/National erhalten haben. Zugegeben: In der unterhaltsamen Suter-Verfilmung Allmen gab der geradeste Rücken des deutschen Heldenfernsehens eine prima Figur ab. Und die hinreißende Nachwuchsschauspielerin von Adel verlieh dem Klinikschinken Charité im Ersten zumindest einen kleinen Rest an Würde. Dennoch: Beste Schauspielerei, lieber Burda-Boulevard, hat nix damit zu tun, bei einer promisüchtigen Preisverleihung Glanz auf die ARD-Bühne zu bringen, sondern mit bester Schauspielerei. Und davon gibt es 2017 gefühlt 200 Filme, die davon weit mehr zu bieten haben.

Die Frischwoche

20. – 26. November

Einer davon läuft diesen Mittwoch. Im ARD-Zweiteiler Brüder spielt der hochtalentierte Edin Hasanovic einen Wohlstandsverlierer, den das verpatzte Leben in die Arme radikaler Islamisten treibt. Ein herausragendes Psychogramm von Zülid Aladag, das über den zweiten Teil am Mittwoch drauf nachhallen dürfte. Wenn auch nicht bei der Bambi-Verleihung 2018, versteht sich. Auch ein anderer Schauspieler mit großem Potenzial, aber geringem Glitzerfaktor dürfte dort wieder fehlen: Aljosha Stadelmann. Erst kürzlich hat der Rheinländer einen Tatort mit Maria Furtwängler zum Ereignis gemacht, Samstag spielt er zum zweiten Mal den Harzer Dorfpolizisten Frank Koops, ein Harter Brocken, an dem fiese Verbrecher im furiosen Westernfinale abermals abprallen wie Niveau an der Regenbogenpresse.

Auch Netflix zeigt diese Woche, welche Relevanz Fernsehen haben kann, wenn alle Beteiligten ernsthaft Interesse daran zeigen. Produziert von Steven Soderbergh brilliert die Western-Reihe Godless ab Mittwoch sechs Folgen mit Jeff Bridges als Rächer im Reich des Unrechts, der es mit einem Dorf schießwütiger Cowgirls zu tun kriegt, was mindestens so irre ist, wie es klingt, vor allem aber ganz großes Kino. Ein Ort, den im übertragenen Sinne auch Boris Becker bewohnt. Was immer von ihm zu berichten ist, wirkt wie von Hollywood inszeniert. Derlei A-Promis mit C-Promi-Allüren lassen sich gemeinhin bestens porträtieren – was Michael Wech und Hanns-Bruno Kammertöns in ihrem Psychogramm Der Spieler Montag um 20.15 Uhr im Ersten auch mit der gebotenen Distanz zum schlingernden Tennisstar tun, der am Mittwosch 50 Jahre alt wird.

Gänzlich distanzlos ist dagegen Kuschelmoderator Kai P., wenn er Donnerstag (23.30 Uhr) an gleicher Stelle seinem Idol huldigt, was schon der Titel auf den Punkt bringt: Pflaume feiert Dieter Hallervorden. Vor so viel Lobhudelei könnte einem glatt die Milch im Kaffee sauer werden. Womit wir, sorry für die plumpe Überleitung, bei einem wichtigen Themenabend auf Arte sind. Angefangen mit der Doku Das System Milch, beleuchtet der Kulturkanal am Dienstag ab 20.15 Uhr die Machenschaften der Ernährungsindustrie, dicht gefolgt von Bananen und Republiken übers System der United Fruit Company alias Chiquita.

Die Machtlosigkeit der Menschheit vor so viel legaler Kriminalität ist derart deprimierend, dass jetzt sofort die Wiederholungen der Woche zur Entspannung folgen. Am Sonntag zeigt Arte zur besten Sendezeit den französisch-italienischen Juwelenraubklassiker Vier im roten Kreis von 1970 mit Yves Montand, dem im Anschluss ein schönes Porträt gewidmet wird. Montag zuvor zeigt Arte ebenfalls ein ansehnliches Doppelprogramm: Norman Jewisons Südstaatenepos In der Hitze der Nacht (1966), in dem Sidney Poitier als Virgil Tibbs an die Seite von Rod Steiger als rassistischer Bulle gerät (Montag, 20.15 Uhr). Im Anschluss läuft die schwarzweiße Provinzstudie Der Rabe aus dem besetzten Frankreich von 1943, in dem der Weltkrieg nur am Rande vorkommt. Und im Tatort-Tipp Der Fall Schimanski (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) rutscht der 1991 noch immer recht unkonventionelle Ermittler in eine Politaffäre.


Fußballfanrivalitäten: HSV & St. Pauli

HSt.Vauli

HSV-Fans brauchen seit vielen Jahren vor allem eines, davon aber mehr als reichlich: Leidensfähigkeit. Umso erstaunlicher, dass die im Volksparkstadion schier nicht zu versiegen scheint. Und weil das fast die einzige Gemeinsamkeit mit Anhängern des FC St. Pauli ist, scheint es nahezu unmöglich, beide Clubs gleichermaßen zu mögen. Oder? Unser Autor versucht es dennoch. Heimlich. Bis jetzt.

Von Jan Freitag

Die Hamburger Morgenpost hat ihre Leser vor Urzeiten, als der HSV und St. Pauli kurz in derselben, also ersten Bundesliga spielten, mal irritierend sachlich in den April geschickt. Beide Clubs, titelte das Boulevardblatt, sollen zum FC St. Hamburg fusionieren. Nette Idee, große Wirkung: Das Publikum reagierte so geschockt auf die Ente, dass man sich kaum vorstellen mag, wie es im Zeitalter des digitalen Shitstorms ausgerastet wäre. Womöglich hätten Geschäftsstellen gebrannt. Mindestens.

Mir jedenfalls spritzte im Glauben an die publizistische Seriosität meiner Morgenlektüre fast der Kaffee aus dem Mund. Allerdings weniger, weil die beiden Erbfeinde unvereinbarer sind als Schampus mit Astra. Nein, mir wären gleich zwei Objekte meiner Zuneigung abhanden gekommen. Denn hiermit erkläre ich feierlich: Seit der FC St. Pauli von 1910 e.V. 78 Jahre nach seiner Gründung mit wehenden Piratenfahnen mehrheitlich linker Fans in die Beletage des mehrheitlich von rechts angefeuerten Nationalsports aufgestiegen ist, bin ich ihm verfallen. Da ich den vorherigen Teil meiner Jugend jedoch eng an der Seite des HSV verbracht hatte, mag mein Herz noch so braunweiß sein; ein schwarweißblaues Eckchen darin lässt sich partout nicht umfärben.

Für Menschen ohne Fußballsachverstand muss man dazu sagen: Solche Zuneigungsemulsionen sind auf diesem Ersatzschlachtfeld der postheroischen Gesellschaft nicht vorgesehen. Zwei so ungleichen Clubs auf engstem Raum anzuhängen, erscheint da noch absurder als ein FDP-Senator im Vorstand der Grünen. Und damit sind auch die Stadtrivalen akkurat umschrieben: Hier das aristokratische Handelskonsortium, dessen notorischer Abstiegskampf zur elitären DNA passt wie Altöl ins Watt, also Null. Dort der basisdemokratische Weltladen, dessen notorischer Abstiegskampf zur alternativen DNA passt wie Zahnärzte nach Pöseldorf, also prima.

HSV und St. Pauli, das sind folglich nicht nur verschiedene Ligen, sondern Sportarten, ach was: Aggregatszustände. So weit die Theorie. Praktisch jedoch gibt es etwas, das die Antipoden am Ende eint, eine Art emotionaler Kern, den Liebhaber beider Clubs unwissentlich teilen. Außenstehende könnten ihn als Masochismus missverstehen, ich nenne es: Leidensfähigkeit. Diese Art autoempathischer Gemütsregung kommt dem Wesen nach nicht erst zum Einsatz, wenn sein Adressat (z.B. Bayern) zwei Punkte verliert oder (z.B. Stuttgart) drei Fehlpässe spielt, sondern wenn beides zum Markenkern der Mannschaft zählt.

Der HSV etwa wartet seit 1987 auf Titel von Belang. Stets waren 19 der 20 Bedingungen von Nachwuchs bis Führung für Schalen oder Pötte weiter vom Tabellendritten der ewigen Bundesligatabelle entfernt als RB Leipzig vom financial fair play. Bis auf eine: Obwohl der Verein allein in diesem Jahrzehnt 13 Trainer verheizt hat, um dafür den Relegationsplatz zu abonnieren, sind die 57.000 Plätze des Volksparkstadions meist vollständig mit Menschen besetzt, die selbst dann bis zur Selbstaufgabe treu sind, wenn der megaloman kalkulierte Kader versagt. Dabei ist der Ex-Europapokalsieger so zum Peinlichkeitssynonym  mutiert, dass kaum ein Bericht über die Peinlichkeiten anderer noch ohne Verweis auf den HSV auskommt.

Umso erstaunlicher, mit welcher Opferbereitschaft seine Fans im Feindesland St. Pauli am Tresen meiner Stammkneipe namens Otzentreff hocken und den Spott der Exilkölner erdulden. Während die bei der Sky-Konferenz ihren FC auf großer Leinwand feiern, kriecht der Fanclub „Braunweiße Raute“ still ins Eck, wo ihr HSV auf halber Größe läuft. Ohne Ton. Diese Demut zeigt mir: Ich bin nicht allein. Wobei mir das Rückgrat fehlt, dazu zu stehen. Das aber hätten seine echten Anhänger schon verdient, weil die Saison nach dem Pokal-Aus in der Provinz nach einem Punkt aus neun Spielen längst die gewohnte Richtung einschlägt, begleitet von landesweiter Häme. Doch die Fans? Kommen wieder, hoffen weiter, leiden weiter, kommen wieder.

Von so viel kritischer Duldsamkeit können Hertha, Hannover, Hoffenheim nur träumen, von Wolfsburg ganz zu schweigen. Das VW-Mündel bekam seine Arena ja selbst im Meisterjahr 2009 selten voll. Die Mietbesucher in Leipzig möchte ich mal erleben, wenn ihr Dosenteam drei Spiele am Stück verliert. Und hat einer das Pfeifkonzert auf Schalke im Ohr, falls auch nur eine Halbzeit missrät? Womit wir auf St. Pauli wären. Nach 11 Punkten hätte nirgendwo sonst ein Trainer die Winterpause erlebt. Ewald Lienen aber erntete so lückenlos Zuspruch, dass er sein Team zur besten Rückrunde ever trieb. Wer dagegen diese Saison das Gastspiel in Nürnberg sah, durfte erleben, wie das Heimpublikum beim völlig unverdienten 0:1 für technisch unterlegene, hingebungsvoll kämpfende Hamburger erst verstummte, dann klagte, bald pfiff, also das Gegenteil dessen tat, was Liebe ausmacht. In guten wie in schlechten Zeiten oder wie hieß das noch?

Im atheistischen Hamburg hält man offenbar mehr von Sakramenten als im deutschen Bibelgürtel. Dieser metaphysische Ansatz ist es auch, der viele Anhänger des kleinen Gernegroß HSV nach zwei Siegen von Champions League faseln lässt, während der große Gerneklein St. Pauli das Kapital auch dann zur Hölle wünscht, wenn es dem Verein die fünfthöchsten Merchandising-Einkünfte aller Bundesligisten beschert. Dazu passt es, dass sein ablösefreier Neuzugang Allagui unlängst randalierenden Kieler Fans vorm Anpfiff eine geklaute Fahne des eigenen Vereins entriss. So viel Empathie wird der Söldnergruppe HSV von Angestelltenseite eher selten zuteil. Doch immerhin deren Fans sind hingebungsvoll, fast wie Kinder: voller Flausen und Träume, himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, in trotziger Liebe an ihre Eltern gekettet. Die lassen ihre Schützlinge ja auch mehr mitregieren als branchenüblich.

Umso gradliniger war es, was sich 2014 beim HSV ereignete. Als die „Chosen Few“ vom Feldzug des milliardenschweren Mäzens Kühne gegen ihre Mitbestimmung genug und in Erinnerung an die Keimzelle des Vereins den HFC Falke gründet hat, bewies die größte Ultra-Gruppe, was es heißt, echter Fan zu sein: Um jeden Preis – sofern er sich nicht ausschließlich in Geld bemisst. Wie bei St. Pauli. Na ja, fast…


Manfred Groove, Sequoyah Tiger, Morrissey

Manfred Groove

Wäre die Welt ein gerechter Ort, dann gäbe es nirgendwo Hunger, Donald Trump würde Gebrauchtautos verkaufen, Nestlé gar nichts und im HipHop stünden nicht biedere BlingBling-Rapper mit Gangstafassade ganz oben auf der Einkommensskala, sondern Manfred Groove. Hättewärewenngelaber. Vor zwei Jahren nämlich eroberte das Duo aus Berlin die Nische des Sprechgesangs mit einem Album, das vor Witz und Herz und schnodderigem Charme schier überlief; so richtig durchgebrochen ist es damit freilich nicht. Und das ist auch mit dem Nachfolger kaum zu erwarten. Wie gesagt – gerecht geht anders. Denn Blumen aus Wachs ist wie Ton, Scheine, Sterben so vielschichtig, dass man von keinem der 20 Stücke genug kriegt.

Schon das Intro Kunstgewordenes Tresengeschwätz überwältigt exakt mit dem, was der Titel verheißt, durch ein Feuerwerk getoasteten Tempos. Im anschließenden Runner’s High sorgen die Lyrics von Bottom Lip für Southeast L.A.-Appeal, Und der Wettermann folgt trashig, Humphrey Bogart raucht derbe, Mannimachen funky, alles zusammen bildet ein schillerndes Panoptikum getragener Beats, die YellowCookies unter die proklamatorischen Raps von Milf Anderson legt. “Zu viel Kardeshian, zu viel Youporn / ich bin völlig abgenutzt” klagt er zu nostalgischem eins, zwo-Geplödder und rät: “Komm wir reißen alles ein und bauen alles neu”. Danke dafür, Manfred Groove, bitte weitermachen.

Manfred Groove – Blumen aus Wachs (Rummelplatz Musik)

Sequoyah Tiger

Kennt irgendjemand noch die unvergesslich süffige Goombay Dance Band? Das karibisch angehauchte Schlagerpop-Orchester aus dem kühlen Hamburg blies Anfang der Achtziger ja eine schwül-warme Urlaubsbrise durchs Traumschiff-Land. Und verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Denn Sequoyah Tiger mögen nach dem westdeutschen Wohlfühlsound klingen, wenn Steeldrum und Marimba durchs Debütalbum von Leila Gharib aus Verona hallen; und dann schwingen auch noch ihre Landsleute Oliver Onions mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben.

Aber natürlich ist da noch etwas mehr an Parabolabandit, das all dies auf hochinteressante Art und Weise kontrastiert. Ein zappeliger Breakbeatsteppich zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen LoFi-Pop dieser kleinen Albumperle legt. Und weil Gharibs verhuschter Gesang in ihrer sympathischen Nuscheligkeit einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn aneinandergereihten Stücke trotz der mitunter fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.

Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Morrissey

Darf man, muss man womöglich die Kunst an der politischen Attitüde des Künstlers bemessen? Ist ein Werk schon deshalb kritikwürdig, weil der Verantwortliche dahinter rechtspopulistisches Gefasel von sich gibt? Bei brachialen Knallchargen wie Böhse Onkelz oder Frei.Wild stellt sich die Frage nicht, da sie ungeachtet ihrer geistigen Reife einfach miese Musik machen. Bei einem Ausnahmetalent wie Steven Patrick Morrissey hingegen führt der Versuch, sie zu beantworten, zielsicher ins Jammertal des Sowohlalsauch. Seit Jahren schon äußert sich der Godfather des Britpop bedenklich positiv zum neoliberal-nationalistischen Mainstream seiner Heimat und gibt sich als Fan von Margaret Thatcher bis Nigel Farage. Was das mit seiner neuen Platte zu tun hat? Alles. Und nichts.

Denn sein 16. Soloalbum Low In Highschool ist wie immer ohne die legendären Smiths zur Seite von grandioser Nonchalance. Mit nöliger Stimme seziert er alles, was die Welt von Brexit bis Bürgerkriege, von Armut bis Reichtum bewegt. Und die meisten der zwölf Songs klingen dabei gewohnt souverän, mit dieser unvergleichlichen Dringlichkeit im Ausdruck und herausragenden Indie-Arrangements ringsum. Nur: Jedes Stück atmet eben auch den Alterskonservatismus eines 58-Jährigen, dessen Sozialkritik schon immer im Schatten seiner Ansichten stand. Die frühe Singleauskopplung Spend The Day In Bed zum Beispiel klingt oberflächlich nach einer eleganten Kritik am Hamsterrad Kapitalismus, ist aber eine Suada gegen Lügenpresse und Systemparteien. Die Empfehlung lautet daher: Wem die Sicht eines Künstlers egal ist: unbedingt anhören! Alle anderen: Finger weg!

Morrissey – Low in Highschool (BMG)


2 Bier – 1 Platte

Meute & Miles Davis

Meute aus Hamburg spielen analogen Techno. Die elfköpfige Marching Band bedient sich dafür altbekanntem Liedgut, zum Beispiel von Trentemøller oder Âme. Nach zwei Jahren auf großen Festivals und Guerillakonzerten auf Europas Straßen, haben sie im Oktober ihr Debutalbum Tumult veröffentlicht. Die große Tour beginnt Mitte November. Thomas Burhorn, Kopf und Trompeter vom Meute, erzählt im Interview von seinem musikalischen Vorbild: Miles Davis. Heute bei Wasser statt Bier – Medium Sprudel.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Miles Davis als musikalische Inspiration überrascht bei dir ja wenig. Bist du über die Trompete zu seiner Musik gekommen?

Thomas Burhorn: Ich spiele Trompete seit ich acht oder neun bin, aber es dauert ja immer ein bisschen, bis sich der eigene musikalische Horizont erweitert und man herausfindet, wofür man sich wirklich interessiert.  Wenn man Trompete spielt, landet man automatisch irgendwann auch bei Miles Davis. Kurz vor seinem Tod Anfang der Neunziger hat er dann eine Biografie rausgebracht, da war ich ungefähr 16. Ich habe die Biografie verschlungen, weil sie total spannend war.

Miles Davis gilt als einer der einflussreichsten Jazzmusiker aller Zeiten. Er brachte mehr als einhundert Alben heraus. Sein Schaffen in wenigen Sätzen zusammen zu fassen, ist unmöglich. Eine Biografie könnte da helfen, es gibt so einige. Davis selbst hat kurz vor seinem Tod eine Autobiografie veröffentlicht.

Was unterscheidet Davis von anderen Jazzmusiker*innen?

Miles Davis war ein ganz besonderer Typ, der auffiel. Er hatte Rückgrat und hat sich nicht verbiegen lassen. Trotzdem hatte er einen Sinn dafür, seine Musik an den Mann zu bringen. Manche Musiker, auch im Jazz, sind sehr idealistisch, da kommt dann am Ende nicht viel bei rum. Er hat irgendwie beides geschafft: verkaufen und sich selbst dabei nicht verkaufen. Deshalb war er und ist er nach wie vor auch ein persönliches Vorbild. Und dann ist da natürlich noch das Musikalische.

Inwiefern?

Miles Davis ist ja einfach ein roter Faden, der sich durch die ganze Jazzgeschichte zieht. Er hat mehrmals in seinem Leben Meilensteine gesetzt und stilprägende Alben heraus gebracht. Er hat die wahnsinnigsten, hervorragendsten Musiker zusammen gebracht und es geschafft mit ihnen Musik zu machen, in der es nicht um bloße Virtuosität geht. Wenn du dir die Namen anschaust – Wayne Shorter, Herbie Hancock und so weiter – die könnten ganz andere Dinge spielen. Miles Davis hat mit seinen Liedern immer den Kern der Musikqualität aus den Leuten geholt.

Die Auswahl an Lieblingsalben wäre bei Miles Davis groß gewesen. Du hast dich für A Silent Way entschieden. Warum?

Klar, es gibt auch andere tolle Alben von ihm. In der Musik von A Silent Way ist eine Magie, die mich besonders berührt hat. Mit diesem Album hat Davis den Grundstein für elektronische Musik gelegt und die hat mich schon immer interessiert. Ich meine eine ganz andere Art und Weise als beispielsweise Kraftwerk elektronische Musik beeinflusst haben. Davis hat Jazz und elektronische Musik auf eine ganz freigeistige Art zusammen gebracht. Musik ohne Gesang, die etwas sehr Hypnotisches, Repetitives hat und der Vorreiter für elektronische Musik war. Er hat eine Musik kreiert, die Tiefe hat und einen in eine ganz andere Welt zieht.

A Silent Way erschien 1969 und besteht aus genau zwei – jeweils 18 bzw. 19 Minuten langen – Songs. Bei den Aufnahmen wurde Davis von zahlreichen namhaften Musikern unterstützt, so zum Beispiel Chick Corea und Herbie Hancock.

Du hast gesagt, Davis ist auch ein persönliches Vorbild. Er galt allerdings nicht gerade als einfacher Mensch…

Klar, Davis hatte seine persönlichen Probleme. Viele Drogengeschichten, er war eine Zeit lang Zuhälter. In seiner Biografie geht er damit sehr selbstreflektiert um und gibt sich auch selbstkritisch. Ich glaube, er war trotzdem ein Typ, bei dem man immer wusste, woran man ist, nicht so unberechenbar wie Klaus Kinski. Im musikalischen Bereich war er nicht unangenehm, eher rigoros. Ich kannte ihn ja nicht, aber so schätze ich ihn ein. Er hat sich einfach vieles nicht gefallen lassen. Deshalb glaube ich: Wenn er persönlich wurde, dann war auch immer klar warum. Und wenn nicht, dann gab es da halt auch noch dieses Drogenproblem. Es gibt doch aber keine Person, die zu 100 Prozent ein Vorbild für jemanden ist. Man kann sich aber die Scheiben abschneiden, die für einen selbst beeindruckend sind. Und die Seiten, die man doof findet, die muss man akzeptieren oder sich eben überlegen, wie man damit umgeht. Ich bin ja aber auch nicht der totale Miles Davis-Sektenjünger.

Davis wird zum Teil nachgesagt, Stilkrisen durchlitten zu haben. In Folge dessen habe er sich dann neu erfunden und neue Stile geprägt. Hast du so etwas auch schon mal erlebt?

Ich würde das niemals als Stilkrisen bezeichnen, ganz im Gegenteil. Ich finde es eine bewundernswerte Gabe, immer wieder neue Dinge zu machen und zu erfinden. Selbst wenn das aus einer Krise heraus geschieht. Ich selbst habe eigentlich schon vor langer Zeit beschlossen, keine Band mehr zu haben. Ich hatte schon damit abgeschlossen – zu viel Arbeit. Insgeheim hatte ich aber immer für mich in Klammern gesetzt: Es sei denn, es entsteht eine Sache, mit der wir neue Maßstäbe setzen könnten. Und das zum einen aus der schöpferischen Leidenschaft heraus. Zum anderen will man ja aber auch, dass die Leute interessiert, was man macht. Und das ist nun mal meistens bei neuen Sachen so. Ich glaube, das haben auch die Künstler gemeinsam, die immer viel auf Tour sind: Sie haben ihr eigenes Genre kreiert. Rammstein oder Deichkind beispielsweise, die haben etwas ganz Neues geschaffen.

Wäre Miles Davis ein Mitglied Deiner Wunschband?

Meine jetzige Band ist eigentlich meine Wunschband. Wirklich.

Burhorn’s Wunschband startet am 16. November ihre große Tour in Bremen. Am 24. November haben sie Heimspiel in Hamburg, das Konzert ist allerdings bereits ausverkauft. Alle Infos zu weiteren Terminen und dem Album gibt’s auf den klassischen sozialen Kanälen und hier.