Döpfners DDR & Primes Maradona

Die Gebrauchtwoche

TV

18. – 24. Oktober

Die rechtspopulistische Welt ist voller Liebespaare, deren Trennung riesige Scherbenhaufen hinterlässt, an denen sich komischerweise nur einer der beiden schneidet. Als Hamburgs Bürgermeister den Rassen-Richter Ronald Schill aus der Koalition warf, gewann Ole von Beust haushoch die Wahlen. Als Österreichs Kanzler dasselbe mit dem Ibiza-Fan Heinz-Christian Strache tat, ging auch Sebastian Kurz gestärkt aus der Affäre hervor. Jetzt also trennt sich Mathias Döpfner vom „Sex-Monster“ Julian Reichelt, wie ähnlich übergriffige Männer in der Bild hießen, und was geschieht mit dem Springer-Boss?

Eben.

Trotz bizarrer Begleiterscheinungen führt der demokratiefeindlichste deutsche Publizist nach Götz Kubitschek und weiter Verlag und Branchenverband BDZV, die aus Döpfners Sicht bis auf sein Ziehkind ausnahmslos Gefälligkeitsjournalisten einer Corona-Diktatur im Stil der DDR beschäftigen. Statt den Skandal um Reichelts Misogynie wie verlautet aufzuarbeiten, kritisiert er lieber die NYT für ihre Enthüllung, strickt Verschwörungsideologien um Rachefeldzüge früherer Kollegen und zersetzt damit fortlaufend die Pressefreiheit.

Dass Friede Springers Liebster den brachialen Reichelt durch den feinsinnigen Johannes Boie ersetzt, dürfte da nur eine Interimslösung sein. Wahrscheinlich hat Döpfner bereits seine Fühler nach rechtspopulistischem Ersatz ausgestreckt. In Frage kämen neben Ken Jebsen und Xavier Naidoo vor allem Roland Tichy oder Jochen Kopp. Und frisch in der engeren Auswahl: Dirk Ippen, der sich durch die Unterschlagung der Reichelt-Recherchen seiner Reporterinnen mit nepotistischem Netzwerker-Schwung zu Döpfners Komplizen machte.

Fragt sich nur, wo Springer nach dem Kauf des amerikanischen Nachrichtenhändlers Politico noch überseeisch investieren könnte. Kleine Anregung: Donald Trump gründet gerade sein eigenes Netzwerk. Und eine Lügenplattform wie Truth Social müsste doch eigentlich so ganz nach dem Geschmack von Döpfners Ideal einer moralbefreiten Medien-Oligarchie nach Vorbild Ungarns mit dem Unterhaltungswert von RTLzwei sein.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

25. – 31. Oktober

Apropos Privatsender: Wer sich erhofft hatte, dass der Wechsel von Zervakis und Opdenhövel die Seriosität von ProSieben steigern würde, darf sich heute wieder getäuscht sehen, wenn ZOL statt seriösem Journalismus abermals nur Aufreger mit Sex, Crime, Kindern bietet. Darstellerisch dürfte die gespielte Entrüstung der beiden allerdings auf dem Niveau fiktionaler Serien sein, von denen es in dieser Woche ein paar bemerkenswerte gibt.

Da wäre zum Beispiel das Sportler-Biopic Maradona, eine Art fiktional-realer Nekrolog des Fußballgenies, das unlängst verstorben ist – und damit ab Freitag weniger Anlass zur humorigen Hommage bietet als die Sky-Persiflage über den römischen Superstart Totti vier Wochen zuvor. Ganz und gar humorlos ist ein weiterer Historiendreiteiler bei TV Now. Im Rahmen einer Kostümfestreihe startet dort heute das BBC-Liebesdrama Tod und Nachtigallen aus dem Irland der 1880er Jahre, was zwar ein bisschen glatt gebügelter Geschichtsunterricht ist, aber durchaus politisch grundiert.

Ganz und gar unpolitisch ist hingegen die SyFy-Zombieserie Day of the Dead, in der die Untoten ab Mittwoch eine kanadische Kleinstadt belagern und dabei zehn Teile lang verblüffend psychologisch agieren. Ganz und gar unpsychologisch ist demgegenüber die WDR-Horrorserie True Demon ab Freitag in der ARD-Mediathek, die zwar leicht an Blair Witch Project für die Generation Insta erinnert, aber wie die achtteilige Flugbegleiter-Dramedy The Flight Attendant ab Donnerstag bei Warner TV durchaus raffiniert inszeniert wurde.

Das genaue Gegenteil von raffiniert ist das größte Ärgernis der Woche: Schlecky Silbersteins Sitcom-Version seiner ganz großartigen Polit-Clipshow Browser Ballett tags zuvor an selber Stelle. Dann doch lieber Trash as Trash can wie Klaus Lembkes Kunstfälscher-Groteske Berlin Izza Bitch, morgen um 22.15 Uhr beim WDR. Oder noch besser: Freud, Marvin Krens international gefeiertes, weil komplett gegen den Strich gebürstetes Psychiater-Biopic, ab Samstag endlich auch im Free-TV, aka Neo.


Guido Marie Kretschmer: Shopping & Wedding

Erfahrung, Liebe, Energie

guidos-wedding-race-neu-bei-vox

Dank seiner endlosen Empathie ist der hilfsbereite Designer Guido Maria Kretschmer (Foto: Enver Hirsch/SpotOn) everybodys darling. In seiner Vox-Show Guidos Wedding Race hat er Linda nun Linda de Mols Traumhochzeit nun eine Frischzellenkur verpasst. Nach der ersten Folge wurde sie zwar vorübergehend abgesetzt, aber ein Interview (vorab auf DWDL) über Äußerlichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit, Homophobie und wo selbst der 55-jährige Harmoniefan wütend wird, ist dennoch immer ein Fest.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kretschmer, können Sie das Erfolgsgeheimnis Ihrer Fernsehkarriere in einem Satz zusammenfassen?f

Guido Maria Kretschmer: Eine schöne Verbindung aus Kreativität, Freude am Menschen und derjenigen, mit ihnen besondere Momente zu teilen. Was wäre denn Ihr Satz?

Ich kann Ihnen den meiner Frau nennen, ein großer Fan. Sie meint: Weil er uns, also Frauen, so aufrichtig liebt.

(lacht) Schön. Ich wurde ja vornehmlich von Frauen sozialisiert wie meinen äußerst speziellen Großmüttern – eine sehr intellektuell, eine sehr modeverdreht; sonst wäre ich heute ein anderer. Dass ich ihnen so viel zu verdanken habe, hängt aber auch damit zusammen, Frauen immer besonders zugehört zu haben. Das ging von meiner Schwester bis hin zu Lehrerinnen. Ich spürte einfach, dass von denen mehr zu holen war als von Männern.

Nämlich was genau?

Erfahrung, Liebe, Energie. Ich glaube bis heute, die Welt wäre ein entspannterer Ort, würden Männer Frauen mehr Raum lassen. Deshalb hat mir im Bundestagswahlkampf auch am meisten die Geschlechtergerechtigkeit gefehlt. Wir reden zwar viel übers Gendern, haben es aber noch immer nicht geschafft, für gleiche Arbeit gleiches Geld zu bezahlen. Dieser Irrsinn verleitet mich dazu, Frauen in meinen Sendungen viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auch wenn ich Männer, wie Sie sich denken können, sehr mag, feiere ich die Frauen, wo ich kann.

Wobei Sie, so scheint es zumindest in Ihren Shopping-Shows, dabei vor allem das Äußere der der Frauen feiern, um nicht die Oberfläche zu sagen.

Na ja, die Oberfläche ist eben Teil meines Berufes als Designer, aber anders als manch andere Kollegen dringe ich vom Äußeren möglichst schnell ins Innere vor. Schließlich sage ich immer, Mode ist die Haut der Seele. Wer das nicht glaubhaft machen würde, könnte doch nicht erfolgreich das einzige Frauenmagazin mit einem Männernamen machen.

Guido!

Das ist ein wunderbares Vehikel, um Frauen das Handwerkszeug für echte Selbstachtung zu vermitteln. Ich versuche ja auch bei Shopping Queen nicht nur, das Äußere zu optimieren, sondern damit neues Selbstbewusstsein zu erzeugen, das auch andere spüren.

Können Sie das Innere eines Menschen über sein oder ihr Äußeres erkennen?

Ich glaube schon. An ihrem Auto zum Beispiel kann man sich sowohl anhand der Marke als auch der Aufkleber, des Nummernschilds oder dem Zeugs auf der Rückbank ein erstes Bild von Ihnen machen. Das Gleiche gilt fürs Zuhause, wo schon ein Blick durch den Flur reicht, um die Bewohner grob einschätzen zu können. Auch das gehört ja zum Beruf des Designers. Der ist nämlich idealerweise ein enger Vertrauter seiner Kundinnen – was mir als schwulem Designer nochmals leichter fällt. Wenn ich mit ihnen auf der Bettkante sitze, müssen sie sich keine Sorgen machen, dass ich mit ihnen hineinspringen will. So kann eine unvoreingenommene Art von Nähe entstehen. Für mich war Mode daher auch immer eine Möglichkeit, Menschen näher als andere zu kommen, fast wie ein Psychologe. Von daher bin ich im Grunde der letzte, der nur an Äußerlichkeiten interessiert wäre.

Bei Ihrer neuen Vox-Show Guidos Wedding Race geht es also auch ums Innere der Teilnehmer?

Natürlich ist so eine Show zunächst mal visuell; ich bin schließlich Fan von Linda de Mols Traumhochzeit aus den Neunzigern, an der sich das Wedding Race orientiert. Ich versuche darin besonders Frauen zu helfen, sich klarzumachen, was genau sie von Hochzeit und Ehe eigentlich wollen, warum sie ihre Auserwählten so lieben, dass sie es aller Welt mitteilen. Dafür blicke ich hinter die Kulissen, lerne ihre Verwandtschaft kennen, aber auch die Budgets – denn heutzutage verschulden sich viele für dieses besondere Ereignis im Leben.

Und darum kämpfen die Paare der Sendung daher im harten Wettstreit?

Eher Rennen als Wettstreit, daher der Name Wedding Race. Jeweils drei Paare fahren im E-Auto von Süd nach Nord und kriegen übers Navi Aufgaben zum Erledigen. Die Sieger erhalten gewissermaßen ihre Traumhochzeit 3.0, bei der ich dann die Traurede halte. Aber auch die Verlierer bekommen etwas. Von mir kreierte Eheringe zum Beispiel, das Brautkleid, auch nicht schlecht. Bei mir sind alle Gewinner.

Sie sind also wie immer auf der Seite von allen?

Absolut. Mein Anspruch ist, allen Paaren – so unterschiedlich sie auch sind – die Hochzeit zu ermöglichen, bei der ich gerne als Gast dabei wäre.

Wenn man betrachtet, wie Sie auch in dieser Sendung also auf Seiten aller sind: Können Sie eigentlich auch mal richtig konfrontativ und sauer werden?

Sauer schon, aber es ist nicht in meiner DNA kodiert, auf andere draufzuhauen. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch das gleiche Recht, mit größtmöglichem Respekt behandelt zu werden. Versagen abzufeiern, liegt mir nicht. Ich bin als Christ stets darum bemüht, ein anständiger Mensch zu bleiben. Es gibt im Fernsehen viele, die provozieren wollen und das auf ihre Art auch sehr unterhaltsam tun. Die müssen sich dann aber auch fragen, was das bei den Menschen hinterlässt, die es abkriegen. Ich glaube ans Prinzip der Subsidiarität.

Inwiefern?

Wenn jemand Hilfe braucht, nehme ich ihn wie einen Vogel auf den Finger und füttere ihn durch.

Aber wann werden Sie denn dann mal richtig sauer?

Wenn Leute dumm, radikal, intolerant daherreden. Aber selbst da werde ich mit Anstand und Würde wütend. Ich würde auch keine Mitarbeiter zusammenstauchen und bin selbst im Straßenverkehr die Ruhe selbst.

Wie reagieren Sie denn zum Beispiel auf Homophobie?

Schon auch mal wütend, aber wenn mich Leute fragen, was die beste Reaktion ist, antworte ich gerne: Homosexualität ist kein Ausbildungsberuf. Den Umgang anderer damit muss jeder auf seine Art selber erlernen, mit dem Einmaleins des Lebens an sich.

Wie viel Homophobie erfahren Sie denn am eigenen Leib?

Wenig. Und ich habe in meinem Leben generell nie Ausgrenzung erlebt – vielleicht, weil ich mich noch nicht mal öffentlich outen musste und seit jeher offensiv damit umgehe, schwul zu sein, ohne andere damit zu verängstigen. Natürlich bekomme ich auch mal homophobe Post, aber die meiste beinhaltet eher Danksagungen von Leuten, denen mein Umgang mit Homosexualität Mut gemacht hat. Umso trauriger ist es natürlich, wie die Emanzipation in Ländern wie Polen oder Russland gerade zurückgedreht wird.

Macht der Grad an Prominenz, wie Sie ihn haben, anfälliger für Homophobie oder im Gegenteil gefeiter davor?

Gute Frage, ich glaube beides. Ich bin zwar exponierter, aber womöglich auch abwehrfähiger als weniger prominente Personen. Umso wichtiger ist es, mit Offenheit, Toleranz und Bildung für Normalität zu sorgen. Am Ende wär’s mir am liebsten, das Thema wäre viel zu gewöhnlich, um darüber ständig zu reden.

Wie wir jetzt.

Wie wir jetzt.


J.T. Kirks Allflug & H.C. Straches Abflug

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. Oktober

Das Fernsehen ist selbst im Bereich der prophetischen Science-Fiction nur so hellsichtig wie die Fantasie der Verantwortlichen, aber diesen Twist futuristischer Formate könnten sich auch die kreativsten Köpfe kaum ausdenken: 55 Jahre nach seinem Jungfernflug auf dem Raumschiff Enterprise ist Captain James T. Kirk tatsächlich ins Weltall geflogen, genauer: sein Darsteller William Shatner, den der Selbstdarsteller Jeff Bezos vorigen Mittwoch zum ältesten Astronauten der realen Welt machte.

So viel Weitblick wie dem legendären Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry hingegen wünscht man dem südkoreanischen Filmemacher Hwang Dong-hyuk nicht. Seine Netflix-Serie Squid Game zeichnet schließlich das Bild einer dystopischen Gesellschaft, die verzweifelte Schuldner in Wettkämpfe lockt, deren Verlierer erst getötet und dann ausgeweidet werden. Die blutrünstige Brutalität des gewaltpornografischen Gemetzels allein ist allerdings noch nicht mal das Verstörendste. Wirklich verrückt wird es erst, weil Squid Game mit 111 Millionen Abo-Abrufen in vier Wochen der bislang erfolgreichste Netflix-Start war. Weit vor Blockbustern von Bridgerton bis The Crown.

Das könnte auch der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz als Beispiel dafür dienen, womit man heutzutage Quoten macht: je blutiger, desto bämmmm. ARD-Programmdirektorin Christine Strobl aber geht erstaunlicherweise doch den entgegengesetzten Weg und hat in ihrer großangekündigten Strukturreform gerade die Informationssparte gestärkt. Zyniker könnten da anmerken, die Wirklichkeit sei mittlerweile schließlich auch drastischer als selbst die derbste Fiktion.

Aber den legendären Weltspiegel, dessen noch viel legendärerer Erfinder Gerd Ruge gerade im biblischen Reporter-Alter von 94 Jahren gestorben ist und ab sofort von der schönsten Wolke im Journalismus-Himmel aus über uns wacht, sonntags vor der Tagesschau zu belassen und den Montag parallel mit Reportagen oder Dokus aufzuwerten – das ist mindestens so anachronistisch niveauvoll wie die angekündigte Rückkehr des auch sehr legendärer Jon Stewart bei Apple+, wo er demnächst eine Talkshow moderiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

18. – 24. Oktober

Legendär – das trifft definitiv auch aufs grundlegende Ereignis vom Fernsehformat der kommenden Woche zu: Die Ibiza-Affäre. Nach dem gleichnamigen Sachbuch der investigativen SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier zeichnet Sky ab Donnerstag den größten Skandal des an Skandalen bekanntlich überreichen Österreichs nach und hat dafür mit Nicholas Ofczarek als schmierigem Privatdetektiv Julian H., der Andreas Lust als korruptem Vize-Premier Heinz-Christian Strache zur Strecke bringt, grandiose Darsteller gefunden.

Regisseur Christopher Schier bettet beide allerdings auch in ein höchst originelles Szenario zwischen dokumentarischer Präzision und übersteuerter Fiktion ein, dass es bei allem Entsetzen über die kriminelle Energie der politisch Verantwortlichen zum Fest aller Sinne wird, dem Vierteiler beizuwohnen. Ähnliches würde man nun gern auch über öffentlich-rechtliche Unterhaltung sagen. Die aber lässt doch wieder nur das Übliche vom Fließband laufen und sediert sein Stammpublikum über 66 ab Mittwoch mit dem Breisgau-Krimi im ZDF, bei dem es um chzpühhh…

Der bemerkenswerte Rest in stichwortartiger Kürze: bei Netflix kriegt der frühverrentete Youtuber Julien Bam eine eigene Sitcom namens Life’s A Glitch, in der es allem Anschein nach um Julien Bam beim Julien-Bam-Sein geht. Und mit Infiltration schießt uns Apple+ ab Freitag über zehn fett produzierte Folgen hinweg in eine sciencefiktionale Zukunft, deren Aliens erst heimlich, dann offen die Erde erobern wollen.


Bastis Rücktritt & Schüttes Kranitz

Die Gebrauchtwoche

TV

4 – 10. Oktober

Es ist zwar ein bisschen wohlfeil, auf Facebook rumzuhacken, aber die Gründe dafür werden halt Tag für Tag triftiger. Amoralisch und geldgeil, niederträchtig und korrupt, würdelos und dann auch noch zusehends irrelevant: die Gründe, sich über den sechsstündigen Blackout diverser Messenger-Dienste, Milliardenverlust inklusive, sind so mannigfaltig, dass selbst die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen vorm US-Kongress kaum überraschen – daran kann auch die Sperrung der russischen Propaganda-Plattform RT Deutsch nichts mehr ändern.

Was allerdings viel ändern könnte, ist der Rücktritt von Sebastian Kurz. Perfider als sein rechtsradikaler Ex-Spezl Heinz-Christian Strache, hat der rechtspopulistischen Bundeskanzler versucht, die Pressefreiheit auszuhöhlen – für diese Erkenntnis muss ihm niemand Bestechlichkeit nachweisen, das ist Teil seiner neoliberal-völkischen Agenda, die er mit oder ohne Nazis als Vizekanzler verfolgt. Ach, wäre Volker Bruch doch Österreicher, er würde den Basti und seinen Geistesbruder HC gewiss wählen.

So aber muss der schauspielerisch begabte, menschlich talentfreie Querdenken-Superstar mit Geistesbrüdern wie Wotan Wilke Möhring eben hierzulande Demokratie und Rechtstaat mit verschwörungstheoretischem Bullshit wie #allesaufdentisch destabilisieren. Frage an die staatsvertraglich organisierte, immerhin gebührenfinanzierte ARD: wieso schmeißt ihr den QAnon Fan Xaver Naidoo eigentlich beim ESC raus, lasst seine Buddies Bruch und Möhring aber fröhlich Tatort oder Babylon Berlin für euch drehen?

Würde die schauspielerisch limitierte, menschlich qualifizierte Maria Furtwängler männliche Menschenverachtung ebenso hingebungsvoll anprangern wie weibliche Benachteiligung – öffentlich-rechtlich gäbe es für beide weit weniger zu verdienen. Dennoch war die neue Studie der Malisa-Stiftung zur Benachteiligung von Frauen im Fernsehen bedeutsam. Und bietet Anlass, die aktuellen TV-Tipps unterm Aspekt der Frauenpräsenz zu betrachten.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. Oktober

In der deutschen Netflix-Serie The Billion Dollar Code um zwei realexistierende Hacker, die Anfang der 90er Jahre den Algorithmus des späteren Milliardenprogramms Google Earth programmiert haben, hat zum Beispiel gleich sieben Hauptdarsteller, während mit ihrer Film-Anwältin (Lavinia Wilson) nur ein Charakter doppelte X-Chromosomen trägt. Im etwas langen, aber famosen ARD-Porträt Kevin Kühnert und die SPD dagegen ist der Protagonist naturgemäß genetisch mutiert.

Wenn sich Daniel Cohn-Bendit ab heute (23.35 Uhr) in der Doku Wir sind alle deutsche Juden an gleicher Stelle in Frankreich und Israel auf die Suche nach Glaubensgenossen begibt, herrscht auch fast unvermeidlich Frauenmangel. Weniger unvermeidlich war es hingegen, dass der fesselnde Thriller Blackout ab Mittwoch Moritz Bleibtreu sechs Teile lang auf die Jagd nach den Ursachen eines europaweiten Stromausfalls bei Joyn+ schickt.

Der Rest ist abgesehen der neuen Sat1-Show Halbpension Schmitz ab Donnerstag allerdings paritätisch, was der deutsche Netflix-Partnertauschfilm Du, Sie, Er & Wir tags drauf sogar im Titel trägt. Gehen wir mal durch: das achtteilige Mädchenhandelsdrama Box 21 aus Schweden? Männer sind Schweine, Frauen wehrhaft. Die Influencerinnen-Nabelschau The D’Amelio Show ab Mittwoch bei Disney+? Sexistisch, aber immerhin von weiblicher Seite. Die dortige Coming-of-Age-Serie Reservation Dogs um fiktive native americans beim Großwerden? Nicht sexistisch, beiderseits.

Der Dänemark Krimi parallel im Ersten? Konventionell, aber gemischt. Die Sky-Mockumentary Wellington Paranormal ab morgen? Unkonventionell. Punkt. Die Neo-Milieustudie Wir um ein halbes Dutzend sinnsuchender Mitglieder der Generation Y im Berliner Speckgürtel? Aufdringlich, aber angenehm beiläufig divers. Der neue Geniestreich von und mit Jan Georg Schütte als Paartherapeut Kranitz, Donnerstag in der ARD-Mediathek? Sechsmal höchste Improvisationskunst für alle. Zu guter Letzt die britische Dramaserie The Drowning um eine Mutter, die neun Jahre nach dessen Verschwinden (Freitag, 13th Street) glaubt, ihren Sohn zu sehen und ihn zu stalken beginnt? Mutter, Sohn, Liebe – noch Fragen?


Ferienbreak

Die freitagsmedien machen mal Pause – Herbstferien! Am 18. Oktober geht es weiter mit dem montagsfernsehen.


Elefantendiebstahl & Ekelpakete

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. September

Selbstversuche sind manchmal die einzige Chance, bahnbrechende Erkenntnisgewinne zu erzielen. Mit ihrer Bereitschaft, sich mit Leib und Leben der Wissenschaft zu verschreiben, haben unzählige Forscher*innen der Menschheit Riesendienste erwiesen. Okay, ein so riesiger Dienst war es vielleicht nicht, den ganzen Wahlabend RTL, statt ARD zu schauen. Während der fünfstündigen Privatfernsehdruckbetankung waren ja weder Leib noch Leben in Gefahr – sind Peter Kloeppel und Pinar Atalay doch mediale Politikhasen, die selbst hier für Qualität bürgen. Aber wer sich über die Zusammensetzung des künftigen Bundestags in Echtzeit informieren will, sollte diesen Selbstversuch besser nicht nachmachen.

Mangels Meinungsforschung schaffte es RTL nicht mal, Punkt 18 Uhr eine Prognose zu zeigen, sondern schrieb hastig (und mit 240 Prozent der SPD auch noch falsch) beim ZDF ab. Mangels Relevanz kam abgesehen von Alice Weidel, der Peter Kloeppel ein hitziges, abrupt abgebrochenes Streitgespräch abrang, eher B-Prominenz ins Studio. Als ARZDF zur Elefantenrunde baten, unterhielt sich Frauke Ludowig mangels A-Prominenz entsprechend mit dem hauseigenen Hundecoach Martin Rütter über den Wahlausgang. Immerhin.

Denn Bild TV klaute derweil einfach dreist den öffentlich-rechtlichen Spitzentalk und verdeckte deren Logo einfach mit dem eigenen. Vielleicht meinte die Springer AG ja das mit der vollmundigen Ankündigung, 600 Journalistinnen und Journalisten einzukaufen, nachdem sie kurz zuvor das internationale News-Portal Politico für 1,5 Milliarden Dollar übernommen hatte. Vielleicht macht der Sonntag also abschließend deutlich, wie rechtschaffen in der Regel gebührenfinanziertes Fernsehen ist und wie schamlos zuweilen das werbefinanzierte.

Die abofinanzierten Portale zeigten dem Rest währenddessen bei den Emmy Awards, was eine Streamingharke ist. Abgeräumt hat zum Beispiel die tolle Comedy-Serie Ted Lasso von Apple+ mit vier Preisen, Kate Winslets Mare of Easttown (HBO/Sky) lag mit drei knapp dahinter. Und ganz vorne wie immer: das fünffach prämierte Netflix-Drama The Crown. 2022 dürfte dagegen die intergalaktische Serien-Dystopie Foundation nach Isaac Asimovs wegweisendem SciFi-Roman von 1940, seit Freitag bei Apple+, alles allein abräumen – und zwar völlig zu Recht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. September – 3. Oktober

Angesichts dieser fiktionalen Güte fällt es schwer, das aktuelle Programm anzupreisen – zumal es noch voll im Schatten der Bundestagswahl steht. Bei ZOL muss man heute Abend befürchten, dass Linda Zervakis den Verlierer Armin Laschet zum Show-Wrestling mit Matthias Opdenhövel bittet oder der umgekehrt seine Kollegin zum Schlamm-Catchen mit Annalena Baerbock. Danach aber reist Thilo Mischke Uncovered an die Front in der Ukraine, was eigentlich immer für Anspruch mit Emotionen bürgt.

Anspruch mit Humor verspricht die BR-Serie 3 Frauen, 1 Auto, ein zwanzigmal fünfminütiges, crossmediales Mediathekenmobilitätskammerspiel um eine bayerische Zwangsfahrgemeinschaft. Für Humor ohne Anspruch sorgt hingegen das Serien-Sequel der sensationell erfolgreichen Tragikomödie Mein Freund, das Ekel mit Dieter Hallervorden als Pensionär im heiteren Clinch mit einer alleinerziehenden Mutter (Alware Höfels) ab Donnerstag im ZDF. Zugleich beschreitet Sky neue Biopic-Wege, indem es das Fußballerleben der italienischen Legende Francesco Totti im Sechsteiler Il Capitano mal nicht dokumentarisch abfeiert, sondern fiktional durcheinanderwürfelt. Auf originelle Art lustig.

Heute schon zeigt TVNow die sehr, sehr britische Aufarbeitung des Profumo-Skandals der Sechzigerjahre, wobei Die skandalösen Affären der Christine Keeler das Ganze glücklicherweise aus Sicht der Geliebten des gestürzten Kriegsministers erzählt. Freitag dann starten schwedische Serienwochen in der Arte-Mediathek, zum Auftakt die Tourismusgroteske 30° im Februar plus RomCom Einfach Liebe. Weder romantisch noch komisch geht es dagegen zu, wenn Kommissar Borowski am Sonntag im Tatort Kiel ein Wiedersehen mit Lars Eidinger als durchgeknalltem Frauenmörder Korthals feiert.


Lea Lu, The OhOhOhs, Childcare

21lea

Lea Lu

Die weibliche Popkultur bietet bis heute vor allem oft Projektionsflächen. Ewigkeiten zur Dekoration am Bühnenrand drapiert, trat sie im Jazz oder Soul zwar früher aus dem Schatten der Männer, wurde jedoch weiter ständig fremdbewertet. Lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant – die Attribute kleiner Mädchen blieben auch jene erwachsener Künstlerinnen. Wenn man(n) Lea Lu als lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant bezeichnet, steht also ein Misogynie-Verdacht im Raum. Dummerweise ist ihr neues Album I Call You genau genau das: lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant.

Allerdings ist es eben auch raffiniert, eigensinnig, virtuos, facettenreich, feministisch und überhaupt ein famoses Pop-Album mit der Kraft zur Unterwanderung. Die ausgefuchsten Bläsersequenzen soulpoppier Arrangements müssen sich schließlich ständig am engelsgleichen Gesang übers vertrackte Liebesleben der Schweizer Multi-Instrumentalistin vorbeischummeln, um die musikalische Deutungshoheit darüber zu gewinnen. Das aber gelingt ihnen hervorragend. Und sorgen somit für ein Album, das man zwar dreimal hören muss, um überzeugt zu sein. Aber dann ist man gläubig.

Lea Lu – I Call You

The OhOhOhs

Der Glaube ist übrigens auch ein Wesenselement des Frankfurter Duos The OhOhOhs. Der Glaube daran, mit einer Kombination aus Konzertflügel und Schlagzeug die eskalative Stimmung digitaler Raves zu simulieren. Anfangs womöglich von sich selbst noch belächelt, mixen der ausgebildete Pianist Florian Wäldele und sein Drummer Florian Dreßler seit nunmehr 20 Jahren treibende Beats und meisterhafte Klassik zu einer fiebrigen Form analogen Technos, dem die verkapselten Genres U und E gleichermaßen Anerkennung zollt.

Warum genau – das belegt ihr neues Album Sturm & Drang, auf dem die zwei Flos gewissermaßen ein Zwischenresümee ihrer unbändigen Schaffenskraft präsentieren. Hochbeschleunigte Sonaten wie das Titelstück zum Auftakt gehen darauf fließend über in konzertanten Pop mit Flamenco- (Rondoh) und Opern-Elementen (Der Tod und das Mädchen), bevor sich Get up! oder Marimba mit digitalen Keyboards ins Clubgetümmel werfen. Selten zuvor war eine Platte so getragen und gleichsam tanzbar – schon, weil Klassik selten zuvor so herrlich impulsiv und durcheinander war.

The OhOhOhs – Sturm & Drang (Galileo)

Childcare

Und weil im Durcheinander die Kraft liegt, weil für viele erst das Chaos echte Ordnung entfaltet und überhaupt aufgeräumte Kinderzimmer die unkreativsten sind, betreten wir hiermit eines im zauberhaften Mehrgenerationenhaus von Childcare, deren Debütalbum Wabi-Sabi 2019 für ein wenig Aufruhr im Indiefach sorgte. Jetzt bringt das Quartett mit Busy Busy People den Nachfolger raus und er ist, ganz dem Titel entsprechend ein popkulturelles Manifest künstlerischer Hyperaktivität, das seinesgleichen sucht.

Mit großer Freude am Verschrobenen streunt das Quartett um den Frontmann (was für ein Kackwort) Ian durch ein grell beleuchtetes Dickicht aus Psychopop, Elektroclash und zittrigem Alternativerock – stets auf der Suche nach Rausch ohne Drogen. “Feeling kinda wonky / Stood up, like a lump of jam / Feeling kinda shaky, oh I’m / shook up, like a fanta can”, singen alle irgendwie gleichzeitig in Rhubarb und geben damit den Takt einer außergewöhnlichen Platte für jeden Geschmack und keinen vor.

Childcare – Busy Busy People (eOne)


ARD-Programmdirektorin Christine Strobl

Ich bin keine Zukunftsforscherin

christine-strobl-100~_v-standard644_902033

Seit Mai ist Christine Strobl (Foto: ARD/Laurence Chaperon), Tochter von Wolfgang Schäuble und Frau des baden-württembergischen CDU-Innenministers Thomas Strobl, Programmdirektorin der ARD. Ein Interview mit der 50-jährigen Medienmanagerin über gläserne Decken, föderale Strukturen, die Konkurrenz amerikanischer Konzerne und was wichtdiger ist: Information oder Entertainment.

Von Jan Freitag

Frau Strobl, Sie sind jetzt schon eine Weile Leiterin der ARD-Programmdirektion. Lassen Sie sich eigentlich als Frau Direktorin anreden?

Christine Strobl: Quatsch (lacht). Leute, die ich noch nicht so gut kenne, siezen mich, alle anderen duzen mich. Und ich bin hier ja auch keine Unbekannte.

Verläuft man sich dennoch gelegentlich in den Fluren dieses Verwaltungsapparates?

Wenn ich mich hier manchmal verlaufe, liegt das vor allem daran, dass ich über ein schlechtes räumliches Orientierungsvermögen verfüge. Schon in meiner Funktion bei der Degeto war ich in enger Abstimmung mit meinem Vorgänger Volker Herres, also alle paar Wochen vor Ort. Und auch sonst sind ja oft Sitzungen der ARD beim Bayerischen Rundfunk. Die Degeto war immer als wichtige Programmzulieferin im fiktionalen Bereich eng mit der Programmdirektion verzahnt.

Können Sie für Außenstehende schildern, was eine Programmdirektorin genau macht?

Die ARD ist ein einzigartiges föderales Gebilde von neun Landesrundfunkanstalten, die alle ein eigenständiges Angebot von Filmen und Serien über Dokumentationen und Nachrichten bis hin zu Quiz, Sport oder Shows redaktionell verantworten und produzieren. Wir hier in München sind für das zuständig, was diese neun Häuser gemeinschaftlich machen, also das Erste Deutsche Fernsehen und die ARD-Mediathek. Wir entscheiden zusammen mit den Redaktionen der Häuser und unseren Koordinationen, was gesendet und eingestellt wird, vernetzen die Inhalte, gewichten sie, sorgen für Präsenz in Presse und Social Media, für die Kommunikation mit den Zuschauern und sind für die für strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung zuständig. 

Klingt volkwirtschaftlich ausgedrückt wie Nachfragepolitik, die das Angebot am Abnehmer ausrichtet.

Unsere Arbeit orientiert sich an den Vorgaben unseres Auftrags, und der lautet ganz klar: Angebote für alle Bevölkerungsschichten anzubieten und dabei zu bilden, zu unterhalten, Orientierung zu geben, einzuordnen und damit Meinungsbildung zu fördern, also zum demokratischen Prozess beizutragen. Am Ende tragen wir die Verantwortung für die Gemeinschaftsangebote der ARD.

Ist eine ARD-Programmdirektorin dennoch anders als die Degeto-Geschäftsführerin kein gestalterischer, sondern koordinierender Posten?

Auch wenn ich hier anders als bei der Degeto keine Drehbücher mehr lese, ist mein Anspruch natürlich, gemeinsam mit den Redaktionen vor Ort Programm, also Inhalte zu gestalten. Verantwortung ohne Gestaltungsmöglichkeit ist substanzlos. Verschiedene Haltungen zu programmatischen Fragen zu diskutieren und am Ende zusammenzubringen, ist allerdings jetzt für mich noch wichtiger geworden.

Haben Sie wie die Bundeskanzlerin demnach so etwas wie eine Richtlinienkompetenz?

Lustiger Vergleich. Und nein: Die Redaktionen sind – nicht nur, aber besonders in der politischen Berichterstattung – unabhängig, unterstehen also allenfalls disziplinarisch den Direktorinnen und Direktoren. Die redaktionelle Hoheit für die Tagesschau und Tagesthemen liegt bei den Kollegen von ARD aktuell und damit beim NDR. Richtlinienkompetenz gehört auch aber dort nicht zum öffentlich-rechtlichen Sprachgebrauch. Wenn etwas schiefläuft, tragen wir aber zusammen die Verantwortung, insofern auch, wenn etwas gut läuft.

Erhofft sich die ARD durch die doppelte Erneuerung in Gestalt einer jüngeren Frau als Nachfolgerin älterer Herren diesbezüglich eine grundlegende Veränderung, um nicht gar Revolution zu sagen?

Ach, meine Person ist dabei nicht so wichtig. Wir verstehen unsere Verantwortung ohnehin als Teamarbeit. Meine Kollegen, Florian Hager, der auch für die ARD-Mediathek verantwortlich ist, und Oliver Köhr als Chefredakteur, sind männlich, aber jünger als ich. Die grundlegende Veränderung betrifft ja vor allem unser Angebot und hier geht es um unser Kernthema – das deutlich veränderte Nutzungsverhalten.

Also die massive Wanderungsbewegung vom linearen zum digitalen Angebot.

Genau. Wobei die Sehdauer im Fernsehen zwar weiterhin steigt, aber eben vor allem bei eher Älteren. Das führt dazu, dass wir in bestimmten Zielgruppen mit dem klassischen Fernsehen nicht mehr relevant sein können, weil dieses Medium nicht mehr genutzt wird. Wenn ich mit 25-Jährigen übers Fernsehen rede, ist klar, dass sie darauf noch zurückgreifen, wenn Fußball läuft, die Tagesschau, der ESC und der Tatort. Ansonsten nutzen sie ihr Medienangebot zeitunabhängig über Smartphone oder Tablet. Wenn sich die Welt so verändert, müssen auch wir unsere Angebote danach ausrichten.

Und in welche Richtung?

Na ja, der schönste Zustand für uns Fernsehmacher war doch, als es exakt ein Bewegtbildangebot gab, nämlich die ARD. Das mussten alle schauen (lacht).

Und es wollten jahrzehntelang auch alle schauen.

Die meisten unserer Zuschauer zeigen sich in Umfragen sehr zufrieden mit unserem Angebot, das sie in seiner gesamten Bandbreite als hohes Gut betrachten. Demgegenüber gibt es allerdings wachsende Bevölkerungsgruppen, die diesen Schatz nicht mal kennen, geschweige denn, schätzen. Weil auch diese Gruppen uns über die Rundfunkbeiträge finanzieren, lautet unsere Grundprämisse, auch für sie Inhalte zu liefern. Unser Anspruch ist ein Angebot für alle – und das im Angesicht des sich verändernden Nutzungsverhalten.

Vor allem die auch nicht mehr ganz neue Konkurrenz der Unterhaltungskonzerne und Streamingdienste.

Mit der völlig selbstverständlichen Nutzung fast aller Zuschauergruppen von Netflix bis Amazon müssen wir uns auseinandersetzen und messen. Nicht im Nachrichten- und Informationsbereich, da stehen wir auch im Vergleich mit den Privatsendern nach wie vor gut da. Aber es muss und wird unser Anspruch sein, mit unserem fiktionalen und dokumentarischen Angebot konkurrenzfähig zu bleiben, ebenso wie zum Beispiel in der Comedy. Unsere Gesellschaftsbilder, Meinungsvielfalt, Emanzipation werden ja nicht nur durch die Vermittlung von Information und harten Fakten geprägt, sondern eben auch durch das Erzählen von Geschichten.

Also was genau heißt dann Angebot für alle?

Angebot für alle, heißt ein Angebot für alle. Grundsätzlich müssen wir unseren Auftrag für alle Gesellschaftsschichten und Milieus erfüllen.

Aber wie wollen Sie denn Leute zur ARD holen, die nicht mal mehr genau wissen, wie ein Fernseher aussieht?

Weil die nicht mehr zum guten alten Fernsehgerät zurückkehren, müssen wir dorthin, wo sich ihr Nutzungsverhalten abspielt. Dafür ist es unerlässlich, on demand Angebote wie die ARD-Mediathek so zu positionieren, dass sie mit ihrem Angebot auch auf anderen Plattformen gefunden wird. Im Ergebnis heißt das auch, dass wir in das „Produkt“ Mediathek investieren müssen und dies auch tun. Nur, wenn sie nutzerfreundlich ist und die Inhalte auffindbar sind, die die jeweiligen Nutzer interessiert, sind wir attraktiv für diese Zielgruppen. Es reicht eben nicht mehr, zu einer bestimmten Zeit Programm abzuspielen und darauf zu warten, dass viele Zuschauer dazu stoßen. Wir müssen dort sein, wo die Nutzung stattfindet und in der Qualität, die dort State of the Art ist, also auf den Smartphones mit Apps und so weiter. Das kostet natürlich Geld.

Von dem die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht wenig haben…

Das stimmt, aber Sie wissen ja auch, welche Millionenbudgets im Zweifel hinter jeder Netflix-Dokumentation stehen, von fiktionalen Serien ganz zu schweigen! Da bereiten uns die Zusammenschlüsse großer amerikanischer Konzerne schon Sorge.

AT&T kauft TimeWarner, Disney kauft FOX, Amazon kauft MGM.

Und da weiß man doch, mit welcher Marktmacht die auch den deutschen Markt überschwemmen können. Das ist für nationale Anbieter wie uns natürlich herausfordernd.

Begegnet die ARD der Gefahr, indem sie Angebote für den deutschsprachigen DACH-Raum macht oder mit international anschlussfähigen Formaten wie Babylon Berlin die Welt im Blick behält?

Ich halte es sogar für zwingend notwendig, auch international ausgerichtet zu sein. Andernfalls berauben wir uns wichtiger Kooperationsmöglichkeiten. Babylon Berlin zum Beispiel war nicht nur eine Zusammenarbeit mit Sky, sondern Firmen wie Beta Film, die daran glaubten, dass sich eine deutsche Serie in deutscher Sprache aus deutscher Produktion in über 100 Ländern verkaufen lässt. Dadurch hatten wir Geld zur Verfügung, das im heimischen Markt gar nicht vorhanden war – mit dem Ziel vor Augen, Geschichten auf Deutsch in die Welt zu tragen und damit deutsche Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen. Denn es macht schon einen Unterschied, ob wir mit unseren Kreativen, unseren Produzentinnen und Produzenten und unserer Schauspielerriege das Berlin der 1920er Jahre zum Leben erwecken oder amerikanische, gar russische Produzenten.

Weil sich die ARD diesbezüglich für historisch verantwortungsvoller hält?

Naja, ich glaube, weil wir historisch zuständiger, also näher dran sind. Der Anspruch als überzeugte Europäer sollte es sein, unsere Geschichte, aber auch unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Demokratie selbstbewusst zu verkaufen.

Aber können Gebührenzahler nicht erwarten, dass sie im Mittelpunkt Ihrer Programmplanung stehen und nicht der globale Markt?

Absolut! Unsere Aufgabe ist es nicht, Programm fürs Ausland zu produzieren. Das schließt aber doch nicht aus, Look and Feel deutscher Koproduktionen auf internationalem Niveau zu machen und unsere Geschichten, die wir für das deutsche Publikum erzählen, auch in die Welt zu schicken.

Heißt das im Umkehrschluss, unter Ihrer Führung macht die ARD mehr Babylon Berlin und weniger Um Himmels Willen?

Ganz unabhängig vom anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags müssen wir uns da ehrlich machen: Die Mittel, die uns für Programm zur Verfügung steht, sind endlich. Es gilt einerseits, durch internationale Kooperationen wie Babylon Berlin mit dem Produktionsniveau von Netflix konkurrenzfähig zu sein, wir brauchen aber andererseits genauso Unterhaltungsserien wie Um Himmels Willen oder auch Charité. Wir wollen für alle Zielgruppen relevant bleiben.

Während meine Eltern den klassischen Fernsehkonsum der Achtzigerjahre an mich vererbt haben, haben meine Kinder keinerlei Bezug mehr zum linearen Programmangebot. Ohne pietätlos wirken zu wollen: Stirbt mit der Generation Um Himmels Willen irgendwann nicht das Fernsehen als Ganzes aus?

Ich bin keine Zukunftsforscherin, glaube aber, dass der Bedarf nach klassischem Fernsehangebot länger überleben wird als vielerorts befürchtet. Zugleich ist mir allerdings bewusst, dass die Zahl derer, die woanders nach Unterhaltung und Information suchen, langfristig immer weiter ansteigt. Um das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, braucht die ARD-Mediathek also ein eigenständiges, ein anderes Angebot. Sie mit 90 Prozent des linearen Angebots zu füllen, wird langfristig nicht reichen, um jüngere Zielgruppen an uns zu binden.

Heißt das auch, mehr Informations- und Nachrichtenformate eigens fürs Internet zu produzieren?

Wir haben ja schon heute mit der ARD-Mediathek und hier dem Angebot der Tagesschau aktuelles Informationsprogramm bewusst in den Vordergrund gestellt, das unterscheidet uns von den Streamern und anderen Anbietern. Im Übrigen natürlich auch über die App. Und es gibt schon heute Informationsprogramme bei funk, die ausschließlich fürs Internet entstehen. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen, und am Ende wird es auch Nachrichtenformate eigens fürs Internet geben. Entsprechendes Informationsprogramm wie Dokumentationen, die für die ARD-Mediathek entstehen, soll es zeitnah geben.

Welche lizenzrechtlichen Belange müssen Sie bei der Erstellung eigener Inhalte fürs digitale Programm berücksichtigen?

Lizenzen müssen sie erwerben, und die sind im Zweifel teuer, denken Sie an Serien und Sport. Der Gesetzgeber hat uns zudem weitere Beschränkungen auferlegt; amerikanische Serien dürfen wir gar nicht und europäische nur für eine beschränkte Verweildauer einstellen.

Wie gehen Sie angesichts dieser Entwicklung zur Mediathek als zentrale Abspielplattform mit Kritik von der FDP um, dass sich ARD und ZDF ganz aus der Unterhaltung zurückziehen sollten?

Unsere Kritiker vergessen dabei gerne, dass unser Auftrag explizit Unterhaltung beinhaltet. Davon abgesehen hat jeder das Recht, sich gut unterhalten zu lassen. Auch bei der Unterhaltung kann ich im Übrigen klare Unterscheidungen zu den Privaten erkennen. Wir setzen auf Sendungen wie „Klein gegen Groß“ und lassen dort die Protagonisten selbst im Wettkampf mit Respekt und Wertschätzung für die Leistung begegnen. Wir setzen niemanden herab oder wollen ihn auch nicht bloßstellen, wie ich es bei einigen Angeboten der Privaten durchaus beobachte. Als jemand, der ursprünglich vom Kinderfernsehen kommt und dort gelernt hat, wie früh Menschen durch Bewegtbilder geprägt werden, ist mir dieser respektvolle Umgang sehr wichtig. Soziale Kompetenzvermittlung ist auch etwas, dem wir verpflichtet sind.

Und wie wird die idealerweise vermittelt?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sehr klar, wie sehr es Kinder, aber auch Erwachsene beeinflusst, wenn sämtliche Helden Männer sind oder selbst geschlechtsneutrale Figuren maskuline Stimmen haben. Oder nehmen Sie die Biene Maja…

Früher eine geruhsame Comicfigur.

Heute vor allem nicht mehr mit dickem Bauch, sondern Wespentaille. Fernsehen muss sich an dieser Stelle seiner Verantwortung bewusst sein, und ich bin froh, dass wir den KiKa an dieser Stelle haben. Aber auch darüber hinaus müssen wir darauf achten, das Thema Diversität in all seinen Facetten ernst zu nehmen; Frauen in Führungspositionen oder Handwerksberufen etwa müssen bei uns genauso selbstverständlich vorkommen wie Moderatorinnen im Fußball. Da haben wir ja gerade mit Esther Sedlaczek eine neue tolle Kollegin hinzugewonnen, die ihren Einstand bei der ARD direkt bei der EM feiert. Dem Thema Diversität insgesamt gerecht zu werden, ist öffentlich-rechtlicher Anspruch.

Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Absolut, der hilft niemandem.

Wie erklären Sie da, dass das Image öffentlich-rechtlicher Information hervorragend sein mag, das der eigenen Fiktion aber trotz einiger Leuchtturmprojekte miserabel?

Diese Einschätzung teile ich weder noch kenne ich sie. Wo ich Ihnen recht gebe, ist, dass wir gerade für jüngere Zielgruppen noch zu wenig fiktionale Angebote haben. Aber zum Beispiel mit All you need ist ein Anfang gemacht.

Eine Serie über Homosexueller in Berlin, die sich mal weniger um Diskriminierung und Emanzipation dreht als um Freundschaft und Spaß.

Die Serie ist speziell auf die Mediathek zugeschnitten. Wir sind zwar in den Hauptsendezeiten klar vor den Privatsendern, aber wir müssen auch für Jüngere im Netz erkennbar bleiben.

Aber warum nutzen Sie diesen Vertrauensvorschuss nicht dafür, All you need mal in der Donnerstagsprimetime zu zeigen, anstatt es in der Mediathek zu verstecken?

Weil die Mediathek in meiner Vorstellung nichts versteckt, sondern im Gegenteil gleichberechtigt ist und wie die lineare Primetime Highlights braucht. Deshalb wird die Mediathek unter der gemeinsamen Leitung von Florian Hager und Oliver Köhr Mittel erhalten, um dem veränderten Anforderungen noch gerechter zu werden.

Trotzdem bleibt die Frage nach dem mangelnden Mut, auch die Kernzielgruppe über 60 mal mit so etwas zu fordern.

Wir wollen niemanden erziehen, niemandem etwas abfordern. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir machen Angebote und mit der Mediathek können diese zielgruppenspezifischer ausfallen. Im Übrigen: Unterschätzen Sie mir das ältere Publikum nicht. Auch Ältere suchen und finden ihre Inhalte in der Mediathek heute völlig selbstverständlich.

Klingt, als hätte Ihr Vorgänger Volker Herres am falschen Ende gespart…

Nein. Er hat ja die Entwicklung bereits eingeleitet und wichtige Strukturen geschaffen. Die möchten wir nun mit Leben füllen. Das dauert eben. Daneben müssen sich die Kolleginnen und Kollegen in Mainz, die bei ARD online für das Produkt zuständig sind, auch um die Usibility der Plattform, ihre Bedienungsfreundlichkeit, kümmern. Ich bin mir sicher, wenn wir uns in zwei Jahren hier zum Gespräch treffen, werden Ihre Fragen nicht mehr unterstellen, die Mediathek sei ein Versteck.

Na ja – Volker Herres hatte zwar gebetsmühlenartig wiederholt, Dokumentarfilmern sei es egal, zu welcher Zeit sie wo laufen. Aber wann immer man die fragte: jeder, wirklich jeder versicherte, liebend gern in der ARD-Primetime laufen zu wollen, aber die sei nun mal mit Krimis verstopft. So egal scheint 20.15 Uhr im Ersten nicht zu sein…

Das Fernsehen wird bekanntermaßen am Abend am intensivsten genutzt, im Radio ist es anders, dort wird die Morgenstrecke am meisten genutzt und in der Mediathek finden die Inhalte die größte Beachtung, die wir beim Seitenaufruf ganz oben, auf der sogenannten „Stage“, haben. Volker Herres‘ Ansatz war der, wenn fünf Millionen Zuschauer die Krimireihe nach der Tagesschau sehen wollen…

Genau da sind wir wieder beim Thema Angebots- oder Nachfragepolitik: vorm Entstehen der Mediatheken gab es um 20.15 Uhr im Ersten soziokulturell relevante Dokumentationen ohne Tiere, aber mit Millionenpublikum! Heute starrt die ARD wie das Kaninchen vor der Schlange auf Sehgewohnheiten und programmiert lieber erfolgreiches als anspruchsvolles Programm.

Da unterstellen Sie, Anspruch und Erfolg beim Publikum seien Gegensätze. Das ist mir zu hypothetisch. Da reden wir eher über Geschmack und Macharten: Ich will nicht einfach nur zeigen, was gefällt, sondern auch anspruchsvolle Themen so erzählen, dass wir damit möglichst viele ansprechen und gewinnen, sich damit auseinanderzusetzen.  Ich wurde bei der Degeto oft gefragt, ob man Freitagabend den Tod erzählen darf. Klar darf man das, kommt nur drauf an, wie. Komödie ohne Fallhöhe funktioniert auch nicht. Lineares Fernsehen bedeutet, zu einer bestimmten Zeit eine Verabredung mit dem Zuschauer einzugehen, und natürlich müssen wir die Bedürfnisse dieser um diese Uhrzeit ernst nehmen. Alle anderen können zeitunabhängig aus einem bunten Angebotsreigen auswählen. Aber an der Unterscheidbarkeit des Angebots gegenüber dem klassisch linearen Programmangebot müssen wir noch massiv arbeiten.

Heißt dieses massive Arbeiten auch, die Mediatheken von ARD und ZDF mit Arte, 3sat, One und Neo zusammenzulegen?

Arte-Inhalte sind seit einigen Wochen bereits in der ARD-Mediathek integriert, aber weiterhin klar als Produktionen von Arte erkennbar. Wir wollen einerseits eine möglichst barrierefreie Navigation durch das öffentlich-rechtliche Angebot, aber auch die Pluralität und die eigenständigen Programmangebote erhalten. Wenn ich den Intendanten des ZDF, Herrn Thomas Bellut, richtig verstanden habe, geht es auch ihm darum, die „User Journey“ technisch zu vereinfachen, ohne die inhaltliche Unterschiedlichkeit zwischen ARD und ZDF zu verwischen.

Bereitet es Ihnen da Sorge, dass Privatsender wie ProSieben gestandenes ARD-Personal wie Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel abwerben, um ihr Nachrichtenportfolio zu stärken?

Konkurrenz finde ich immer gut, sonst droht die Gefahr, träge zu werden. Deshalb schätze ich auch die des ZDF besonders im journalistischen Bereich sehr. Und wenn Sender wie ProSieben oder RTL jetzt mit ARD-Leuten auf Informationskompetenz setzen, spricht das zunächst mal für uns und unsere Leute, die hier Glaubwürdigkeit und Expertise erhalten haben. Aber natürlich geht ein Sender wie ProSieben die Themen völlig anders an als wir. Ich würde nie so weit gehen, einer politischen Führungskraft nach dem Interview Beifall zu klatschen. Aber wir blicken neugierig auf die Nachrichtenoffensive der Privatsender und sind selbstbewusst genug, das einordnen zu können. Über 40 Prozent Informationsanteil bei uns im Vergleich zu knapp 20 bei den Privaten können sich, glaube ich, sehen lassen. Aber da, wo wir was lernen können, sollten wir es auch tun.

Was zum Beispiel?

Auch hier: die Ansprache junger Menschen. Wie nähert man sich Erstwählern? Wie sieht das Rahmenprogramm dieser Berichterstattung aus? Arbeitet man vielleicht mal mehr mit Musik oder anderem Schnitt? Ganz grundsätzlich gilt aber auch, dass ProSieben überrascht, wenn dort die grüne Spitzenkandidatin interviewt wird, von ARD und ZDF erwartet man das. Mit unserer Informationskompetenz können wir niemanden überraschen.

Aber sollte ProSieben seine Nachrichtenkompetenz verstetigen und state of the news art werden – ist die ARD in der Lage und bereit, sich diesem Zeitgeist anzupassen?

Bei allem Respekt vor den Privaten und ihrer Arbeit: ob ProSieben seinen aktuellen Kurs verstetigt oder das Ganze doch eher ein Marketing-Instrument bleibt, warten wir mal ab. Erstens. Zweitens sehe ich bei allem Respekt die großen amerikanischen Medienkonzerne, die mit sehr viel Geld und internationalem Einfluss in den deutschen Markt drängen, als Hauptkonkurrenz im Kampf um Aufmerksamkeit – weniger RTL oder ProSieben. Und drittens finde ich es absolut erstrebenswert, im Bereich harter Fakten tendenziell eher seriös als lässig rüberzukommen – auch wenn das eine das andere nicht ausschließen muss. Aber das machen wir schon seit Jahren.

Womit genau?

Mit Townhall-Meetings zum Beispiel, in denen wir vor Wahlen als Erste im deutschen Fernsehen Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern und ihren Fragen konfrontiert haben. Wir haben für diese Wahl auch für die Mediathek ganz neue Angebote, mit denen wir speziell Erstwählern ein spannendes Angebot bieten wollen. Stimmst du? ist so ein multimediales Angebot, ein Instagram-Format mit einer Staffel von Bewegtbild-Content in der ARD-Mediathek. Die Protagonisten greifen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands jede Woche ein politisches Thema auf, sammeln Erfahrungsberichte und zeigen Lösungsansätze der zur Wahl stehenden Parteien auf. Sound of Germany ist ein Roadmovie für die ARD-Mediathek. Olli Schulz nutzt die Musik, um mit Menschen an unterschiedlichsten Orten ins Gespräch zu kommen. Er spricht mit Rappern über ihre Texte, geht auf ein Techno-Event und trifft Klaus Meine. Die Frage der dreiteiligen Reihe: Wie klingt Deutschland?

Wie ist es mit denjenigen, die sie nicht wegen ihres Alters, sondern der Ansichten verloren haben – Querdenker zum Beispiel oder AfD-Wähler?

Das ist eine extrem schwierige Herausforderung. Die Ablehnung sogenannter Systemmedien ist ja nicht Teil einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern hat zum Teil einen Kampagnencharakter, den einige Medien sogar unterstützen. Als beitragsfinanzierte Sender haben wir den Vorteil, aber auch die Verantwortung, uns auch offensiv gegen populistische Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Wir müssen aber eigene Fehler explizit auch im Bereich Social Media vermeiden und falsche Vorhaltungen per Faktencheck widerlegen. Wir müssen uns nicht alles bieten lassen, dafür aber auch wehrhaft in Debatten einsteigen.

Heißt das auch, Rechtspopulisten in Talkshows einzuladen?

Sofern sich Rechtspopulisten diesseits der Brandmauern menschenverachtender, strafrechtlich relevanter Aussagen und Taten bewegen, schon. Natürlich müssen wir da aufpassen, wem wir eine Plattform zur Verbreitung kruder Thesen geben. Aber da vertraue ich unseren Redaktionen.  Es ist aber sicher ein ständiger Abwägungsprozess, der nicht einfach ist.

Der auch in den Gremien dieses föderalen Organismus ARD entschieden wird. Wissen Sie, wie viele Menschen darin arbeiten und von Ihren Entscheidungen abhängig sind?

Es gibt natürlich viele Gremien der Landesrundfunkanstalten. Für die Gemeinschaftsprogramme der ARD ist der Programmbeirat zuständig, der uns inhaltlich kontrolliert. Die sogenannte Gremienvorsitzendenkonferenz ist zudem für die grundsätzliche und strukturelle Ausrichtung aller gemeinsamen Programminitiativen der ARD zuständig. Das sind in der Summe knapp vierzig Personen.

Und wie hoch ist der Frauenanteil?

Das schwankt immer wieder, weil ja die Verbände, Gewerkschaften, Kirchen, Regierungen ihre Mitglieder entsenden. Aber es sind meines Erachtens keine 50%.

Gibt es bei der ARD noch Männerbünde und gläserne Decken?

Allein die Tatsache, dass wir beide darüber reden, zeigt – wie die Tatsache, dass ich als erste Frau auf dieser Position bin – ja, dass es noch ein Weg bis zur Gleichberechtigung ist. Aber wir haben jetzt vier Intendantinnen, so viele wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der ARD – und ab 2022 mit Frau Schlesinger eine starke ARD-Vorsitzende. Ich glaube fest daran, dass das etwas bewirkt. Mir persönlich macht es ja auch mehr Freude, wenn in den Sitzungen mehr als eine Frau mit am Tisch ist. Wir halten da auch ganz gut zusammen, das tut wirklich gut. Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten, und ich empfinde das explizit als meine Aufgabe, daran weiterzuarbeiten – besonders natürlich im unmittelbaren Einflussbereich.

Sind Sie diesbezüglich eine Netzwerkerin?

Ja.

Auch ein Quoten-Fan?

Wenn weibliches Netzwerken – übrigens gern gemeinsam mit Männern – nichts bringt und die gläserne Decke hält, bin ich am Ende auch für die Frauenquote. Aber lieber wäre mir, wir würden es ohne schaffen.

Hatten Sie selber je das Gefühl, benachteiligt zu sein?

Nein. Umso mehr habe ich in der Verantwortung gelernt, wie selten das für viele Kolleginnen gilt. Deshalb sehe ich mich in meiner Position auch in der Pflicht, das zu verändern – etwa durch die noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Führungskräfte, aber auch durch die gezielte Förderung von Frauen. Da haben wir als Öffentlich-Rechtliche eigentlich gute Möglichkeiten, müssen sie aber auch nutzen.

War Ihr familiärer Hintergrund als Wolfgang Schäubles Tochter und Mann des Baden-Württembergischen CDU-Landesvorsitzenden mit eigenem Parteibuch dabei je hinderlich oder förderlich?

(lacht) Darum kann es ja nicht gehen. Familiärer Hintergrund oder die Mitgliedschaft in einer Partei darf in meinem Job nie eine Rolle spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das immer, wenn ich in der Vergangenheit meinen Job gewechselt habe, auch durchaus kritisch kommentiert wurde. Es ist mir am Ende der jeweiligen Aufgabe dann, glaube ich, aber auch immer gelungen, dass das niemand mehr thematisiert hat. Ich habe bei der Degeto in neun Jahren 1900 Filme verantwortet, da steht die Arbeit am Ende für sich und ist auch überprüfbar.

Aber eben auch für Haltungen, Meinungen, Sichtweisen.

Die habe ich wie jeder Mensch, bin aber nicht nur in der CDU oder in der katholischen Kirche, sondern beim DJV, im Museumsverein oder in Umweltverbänden. Wichtig ist, dass meine private Haltung nicht meine Arbeit beeinflusst – so ist mein Verständnis journalistischer Standards, die für alle gelten müssen. Dass ich dennoch einer besonderen Aufmerksamkeit unterliege, finde ich nachvollziehbar undvöllig in Ordnung. Ich fühle mich dadurch aber eher herausgefordert als gestresst.


Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.


BĘÃTFÓØT, Dÿse, Weil

BĘÃTFÓØT

Das Einfrieren der vergangenen 18 Monate, dieses sedierte Warten auf Tauwetter, unterbrochen nur vom Gebrüll halb- bis hartrechter Realitätsverweigerer und gelegentlichem Startkregengewitter, der anderthalbjährige Stillstand also hat den Vernunft- und Empathiebegabten von uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig Eskalation ist. Ausrasten, Selbstentfesslung, am besten bei der passenden Party – die ein Plattendebüt nun mit dem zugehörigen Soundtrack versorgt: BĘÃTFÓØT. Was genau das israelische Trio aus Tel Aviv macht?

Alles! Etikettiert mit Garagenacidpunk und bei Bedarf noch einer ganzen Reihe weiterer Attribute von Big Beat über Triphop bis Elektrotrash. Als hätten Alec Empire, The Prodigy und Skrillex ihr gesamtes Equipment auf ein Hochhaus geschleppt und von dort auf einen Plattenbausiedlungsrave gekippt, beschleunigen Udio Naor, Adi Bronicki, Nimrod Goldfarb ihr selbstbetiteltes Debüt vom ersten bis 13. Track mit irren Samples, wirren Synths und androgynisiertem Scooter-Geshoute, bis/dass es scheppert. Bruder Puder – was für ein Fanal!

BĘÃTFÓØT – Beatfoot (Life & Death)

Dÿse

Und weil sich Stillstand zuletzt wie Sterben anfühlte, weil Unruhe grad die Lösung vieler Probleme zu sein scheint, weil wir alle jetzt echt einfach mal genug Monotonie, Gleichklang, Eintönigkeit hinter uns haben, geht es an dieser Stelle um das musikalische Gegenteil von alledem und damit die beste DIY-Noise-Band aller Zeiten, mindestens. Schlagzeuger Jarii und Gitarrist Andrej, die gelegentlich klingen wie sechs Gitarristen und zwölf Schlagzeuger, veröffentlichen heute ihr erstes Album seit vorvorvorpandemischer Zeit und wir sagen an dieser Stelle einfach mal Danke Dÿse.

Danke für eure jazzig verschrobenen Mathrock-Sinfonien, die den hirninternen Rechner verlässlich runter- und wieder rauffahren. Danke für euer selbstironisches Pathos, das alle Virtuosität mit Gaga-Poesie erdet. Danke für euren Humor, der die zugehörige Tour hoffentlich bald wieder zur Punkrockcomedysauna macht. Danke für den Tinnitus, den man sich beim nächsten Konzert im Hafenklang redlich verdient haben wird. Danke, so dermaßen hochkomplexe Musik im Mitgefühl heiterer Gelassenheit verabreicht zu kriegen. Danke für die Widergeburt.

Dÿse – Widergeburt (Cargo)

Weil

Mit dem singenden Schauspieler Anton Weil könnte man sich abgesehen vom Standort Berlin nun wirklich nicht weiter von Dÿse und BĘÃTFÓØT entfernen. Wenigstens wenn sich die Oberfläche des neuen Sterns am regenverhangenen Düsterpophimmel über den Hintergrund seines Debütalbums schiebt. Durchweg angedickt mit kleckerndem Autotune und melodramatischem Trap, klingt Groll seltsam berechenbar nach Chartsattitüde, ein bisschen Gangsterrap ohne Knarre, Sexismus und Mackergehabe. Wären da nicht die Texte.

Mit Zeilen wie “auf jeden ersten Mai folgt ein weiterer zweiter Mai / an dem es gleich scheiße bleibt”, also: “egal, viel Steine ich auch schmeiß / alles bleibt hier gleich” bringt Weil das Lebensgefühl seines Kreuzberger Heimatkiezes zum Ausdruck, zumindest all jener, die sich vom Bundestagswahlkampf wenige Kilometer und doch Lichtjahre entfernt nicht einlullen lassen. Groll ist das, wonach es klingt: unzureichend betäubte Wut über die Verhältnisse, angemessen vertont mit kriechenden Beats und zähfließender Poesie. Zum Runterkommen, zum Aufbrausen.

Weil – Groll (Broken Hearts Club)