Snail Mail, Foè,

Snail Mail

Will man das eigentlich – weit, wirklich sehr weit jenseits der Volljährigkeit noch dabei zuhören, was eine Songwriterin, die gerade erst von der Highschool abgegangen ist, so von ihrer ausklingenden Jugend zu berichten hat? Ist es für den etwas älteren Geschmack nicht ein bisschen arg melodramatisch, drängend, unreif, hitzig und entrückt, wenn Teenager ihre Sorgen und Nöte mithilfe nölenden Indie-Pops schildern? Das ist es, klar. Und bei Lindsey Jordan ist es das sogar vom ersten bis zum zehnten Track ihres Debütalbums lang. Nur: es ist halt auch genauso genau richtig und gut.

Lush strotzt zwar in der Tat nur so vor Melodramatik, Drang, Unreife, Hitze und Entrückung. Gepaart mit einem erstaunlich ausgefuxten Instinkt für verstörende Harmonien wird es aber gerade dadurch zum charmantesten Karrierestart des Jahres. Wie kurz zuvor schon die ähnlich jungen Fazerdaze oder Soccer Mummy schafft es die Sängerin aus Baltimore mit der schlaffen Kraft ihrer beiläufig gelangweilten Stimme, emotional zu klingen, aber nicht pathetisch. Lindsey Jordan ist spürbar bewegt von allem, was sie hier über ihr kompliziertes Gefühlsleben zum Ausdruck bringt. Aber es mündet nicht in sülzigen Folk, sondern Indierock, der sich auch mal ein verschrobenes Gitarrensolo gönnt oder schredderige Drums. Wie alt war sie nochmal? Ach, egal…

Snail Mail – Lush (Matador Recordss)

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Foè – Îl (Embassy of Music)

 

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Roseannes Ende & Successions Anfang

Die Gebrauchtwoche

28. Mai – 3. Juni

Wenn sich Schauspieler selbst spielen, ist das dramaturgisch oft von untergeordneter Bedeutung, sorgt aber für eine seltsam wahrhaftige Form der Fiktionalität. Bastian Pastewka zum Beispiel spielt in Pastewka ohne Bastian davor eine Figur, die so ungeheuer authentisch wirkt, dass sie kaum etwas anderes als echt sein kann. Ist sie aber natürlich nicht. Im Gegenteil. Das Gleiche gilt für all die Larry Davids, Luke Mockridges, Sarah Silvermans der – meist komödiantischen – Fernsehwelt: Auch der Klarname täuscht nie darüber hinweg, das Fernsehcharaktere eben genau das sind.

Fernsehcharaktere.

Dummerweise ist das bei Roseanne Barr anders. Die unverstellt beleibte und deshalb unverschämt beliebte Darstellerin spielt ihren einfach gestrickten, spürbar populistischen Trump-Fan gleichen Namens nicht nur; sie ist auch im echten Leben einer. Und so kommt ihr Tweet, mit dem sie eine Beraterin Barack Obamas rassistisch beleidigt, keinesfalls unerwartet. Unerwartet kam hingegen, dass ABC die unlängst reanimierte Quotenkönigin sofort vom Sender nahm. Das ist letztlich konsequent, am Ende aber natürlich Futter für die Hass-Kanonen anderer Trump-Fans, Trump eingeschlossen.

Wobei der sich seine Realität ohnehin selber bastelt – wie 3000 Zitate zeigen, mit denen der US-Präsident laut einer dankenswerten Recherche der Washington Post die Realität seit seinem Amtsantritt wissentlich verbogen oder gar falsch wiedergeben, vulgo: gelogen hat. Wenn Journalisten wie der ukrainische Korrespondent Arkady Babchenko, der kurz nach seiner angeblichen Ermordung durch Putins Russen von den Toten auferstanden ist, jedoch weiterhin Trumps Märchen von der Lügen-Presse füttern, dann können seriöse Zeitungen noch so lange zählen…

Wir zählen derweil die Tage bis zur WM, und was uns dort von Reporterseite erwartet, legte das ZDF beim Testspiel am Samstag gegen Österreich nahe. Nach Abpfiff fragte Boris Büchler den Nationalspieler Marco Reus folgendes: Ob er sich nach zwei Jahren Länderspielpause über die Rückkehr gefreut habe und heiß aufs Turnier in Russland sei. Danke Boris, du investigativer Bluthund. Aber gut – it’s just football. Oder wie Bertie Vogts bei der WM 1978 in der argentinischen Folterdiktatur sagte: Ich hab keine politischen Gefangenen gesehen.

Die Frischwoche

4. – 10. Juni

Weil das vielen Fußballfans so geht, schenkt ihnen die ARD nach dem Testspiel gegen Saudi-Arabien am Freitag von 23.30 Uhr an fünf Stunden lang die Höhepunkte der Nationalmannschaft seit dem 30-jährigen Krieg. An der realen Wirklichkeit versucht sich indes ausgerechnet RTL2. Donnerstag um 20.15 Uhr beleuchtet die Reportage Hartes Deutschland fast zwei Stunden, wie es sich am Rande eines stinkreichen Landes lebt. Wie es sich an der Spitze eines gespaltenen Landes lebt, macht HBO ab heute auf Sky zu einer der besten Drama-Serien dieser Tage. Mit Wackelkamera und großer Intensität skizziert Succession, wie die Familie eines greisen Medien-Tycoons das Erbe aufteilt, während Logan Roy (Brian Cox) noch auf der Intensivstation liegt, und dabei mehr noch als bei Denver und Dallas im eigenen Machtsumpf versinkt.

Wie es sich an den Konfliktherden lebt, zeigt an selber Stelle die Doku-Reihe Augenzeugen. Produziert von Michael Mann berichten vier Kriegsreporter ab morgen an gleicher Stelle von vier Schlachtfeldern. Starker Tobak ist auch das Drama Im Todestrakt (Donnerstag, 22.15 Uhr, Arte), mit dem der deutsche Regisseur Oliver Schmitz nach wahren Begebenheiten im südafrikanischen Apartheid-System ein Fanal gegen die Todesstrafe setzt. Kaum milder, aber schlichtweg genial ist der Mittwochsfilm im Ersten: Unterwerfung. Nach der umstrittenen Islamisierungsdystopie von Michel Houllebecq kompiliert Titus Selge den gefeierten Bühnen-Monolog seines Vaters Edgar zu einem furiosen Theaterfilm.

Bei so viel Härte ist es vielleicht mal an der Zeit für was Leichtes: Helena Hufnagels ARD-FilmDebüt etwa, das Dienstag um 22.45 die Nöte der Mittzwanzigerin Isi (Luise Heyer) ins Zentrum einer hinreißend flapsigen Komödie stellt. Und das ist noch gar nichts gegen die wunderbare Hipster-Abrechnung The Last O.G. über einen Ex-Gangster, der am Donnerstag auf TNT und Sky nach 15 Jahren Knast humorvoll ins gentrifizierte Brooklyn zurückkehrt. Noch ein Tipp vor den Wiederholungen der Woche: in seinem Biopic The Program entlarvt Stephen Frears den Radprofi Lance Armstrong (Ben Forster) am Dienstag um 20.15 auf 3sat als Teil eines verbrecherischen Doping-Syndikats. Jetzt aber: Die Hexen von Salem (Montag, 21. 55 Uhr, Arte), eine schwarzweiße französisch-ostdeutsche Koproduktion von 1958, ist nach einem Drehbuch von Jean-Paul Sartre auch 60 Jahre später noch ein verstörendes Werk über die Ursprünge des Puritanismus in den USA.

Das Regiedebüt Moon von David Bowies Sohn Duncan Jones (2009) brilliert demgegenüber heute um 0.05 im WDR farbig mit Sam Rockwell als vereinsamter Astronaut im Weltraum. Und der sächsische Tatort entführt uns am Mittwoch um 22.05 Uhr im MDR mit dem Gespann Sodann und Ehrlicher in Ein ehrenwertes Haus von 1995.


Nemec/Wachtveitl: BR-Tatort & Reichsbürger

Hast du grad Kollegen gesagt?

Fast 80 Fälle in 6541. Jahren – Miroslav Nemec & Udo Wachtveitl ermitteln schon so lange im Tatort, dass ihnen kaum noch etwas Neues widerfahren dürfte. Freies Land (Foto: Hendrik Heiden) allerdings führt sie dieses Wochenende ins Milieu der Reichsbürger. Ein Gespräch über ihr Odd-Couple Batic/Leitmayr, wie sie unter karnevalesken Nazis zurechtkommen und wie lange das Team noch beieinander bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nemec, ganz am Anfang von Freies Land korrigiert Kollege Wachtveitl ihren Satz, etwas mache Sinn grantig mit „ergibt Sinn“.

Udo Wachtveitl: Wenn Sie ein Tatort-Enzyklopädist wären, wüssten Sie, dass das schon ein paarmal vorgekommen ist.

Miroslav Nemec: Wir haben das irgendwann mal als eine Art Spiel eingeführt, deshalb macht der Franz das ständig.

Wachtveitl: Und zwar völlig zu Recht! Ich finde diese Verunstaltung auch privat furchtbar, aber im Film geht es ja nicht eigentlich um Grammatik. Es geht um darunterliegende Emotionen und Charakterzüge, Besserwisserei oder angespannte Stimmungen zwischen den beiden. Wenn es auch noch szenisch was hergibt, umso besser.

Nemec: Interessanterweise ertappe ich mich jetzt auch selber dabei, mich zu korrigieren, sobald ich etwas wie „macht Sinn“ sage. Ich leide also auch privat unterm Franz (lacht).

Wachtveitl: In unserem Tatort steckt zwar so wenig Privates und so viel Persönlichkeit wie möglich. Aber wenn es mal passt und den Figuren dient – warum nicht …

Dringt das Persönliche nach 78 Fällen in 27 Jahren organisch ins Spiel ein oder folgt es stets dem Drehbuch?

Nemec: Das Persönliche dringt durch uns ins Drehbuch ein, um dann bei der Umsetzung das organische Spiel zu ermöglichen.

Wachtveitl: In diesem präzise aufeinander abgezirkelten Apparat müssen sich bis hin zum Ton-Mann, der die Mikro-Angel hält, alle darauf verlassen können, dass wir wiederholbare Abläufe einhalten. Beim Proben wird schon mal improvisiert, aber dann wird „eingeglast“.

Und wie viel polizeilicher Naturalismus steckt in diesem Odd-Couple des Krimis?

Nemec: Wir informieren uns natürlich an zuständiger Stelle über Sachverhalte, aber wir setzen nicht den Polizei-Alltag um. Es bleibt Fiktion.

Wachtveitl: Unsere Ermittlungsarbeit muss ja ein bisschen interessanter anzuschauen sein als in der Realität. Wenn man 90 Minuten bei der echten Polizei am Tatort ist, sind vermutlich 80 davon  ohne den geringsten Schauwert.

Nemec: Im strammen Dienstplan der Polizei stehen nicht unbedingt die privaten Befindlichkeiten der Handelnden im Vordergrund.

Wachtveitl: Unser Realismus besteht darin, wie wir miteinander reden, streiten, interagieren. Man muss den Figuren glauben können, dann kauft man auch so manches, was nicht im dokumentarischen Sinne dem Polizeialltag entspricht.

Nemec: Der Rest ist größtmögliche Verdichtung, sowohl im Dialog, als auch im Szenischen.

Wachtveitl: Und für die richtige Prise Naturalismus sorgen oft auch Komparsen, da sind nämlich regelmäßig echte Polizisten zu sehen.

Nemec: Von den Kollegen …

Wachtveitl: Hast du grad Kollegen gesagt?

Nemec: War das jetzt Amtsanmaßung…? Also von denen lernt man echtes Handwerk. Wie man Verdächtige richtig ins Auto schiebt, wie man die Waffe hält, Zeugen korrekt anspricht, aber auch juristische Grenzen.

Meistens ist Batic dabei der Impulsivere, während Leitmayr zur Ruhe neigt. Wieso ist es im Fall renitenter Reichsbürger umgekehrt?

Nemec: Weil sich Leitmayr in seinem juristischen Rechtsempfinden angegriffen fühlt, während es bei mir oft ein impulsiver Gerechtigkeitssinn ist, den Batic in diesem Fall versucht, nicht hochkochen zu lassen.

Wachtveitl: Hier passt es ganz gut, weil Leitmayr einen idyllischen Landausflug erwartet und plötzlich mit Leuten konfrontiert wird, die sein gesamtes Staatsverständnis herausfordern. Da fühlt er sich persönlich angegriffen.

Nemec: Wobei wir nicht sicher waren, ob man seine Wut erst außerhalb oder noch innerhalb des Münchner S-Bahn-Bereichs ansetzen sollte. Wir haben uns dann entschieden, dass es an dieser Reichsbürgerfestung beginnt.

Wachtveitl: Da wird er wirklich missionarisch.

Hätten Sie diesen Eifer gegen den Staatsboykott der Reichsbürger auch privat?

Nemec: Vermutlich. Da wäre ich dann eben auch impulsiver, weil mir diese Leute so realitätsfern vorkommen.

Wachtveitl: Und zugleich gibt es ja auch den karnevalistisch absurden Aspekt, aber das hören die vermutlich nicht gern. Klar ist: Wo das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt wird, da gibt‘s kein Vertun, das muss sanktioniert werden.

Nemec: Mir macht der Gedanke dieser völligen Rechtsstaatsverweigerung auch Angst, weil Kriegsverbrecher wie Milosevic und Karadzic vorm Strafgerichtshof in Den Haag ganz real so vorgegangen sind.

Wachtveitl: Wobei deren juristische Munitionierung von anderer Qualität war als die der Reichsbürger.

Würden Sie persönlich mit solchen Totalverweigerern überhaupt noch reden?

Nemec: Nur, wenn’s was bringt. Und bei unseren Reichsbürgern im Film bringt’s eigentlich nix mehr.

Wachtveitl: Ich bin grundsätzlich immer für Gesprächsangebote. Aber wenn es um die Sanktionierung strafrechtlich relevanter Dinge geht, ist die Zeit des Redens vorbei.

Nemec: Das beginnt ja schon damit, Geldbußen nicht zu zahlen, weil man die StVO ablehnt.

Wachtveitl: Wehret den Anfängen. Unser Grundgesetz ruft seine Bürger aktiv dazu auf, das Gemeinwesen, die Rechtswirklichkeit kritisch zu verbessern, aber nur, wenn sie die Grundlage nicht infrage stellen. Wer an diesem Ast sägt, disqualifiziert sich für den Diskurs.

Werden die Reichsbürger im Film deshalb nicht wertfrei dargestellt?

Nemec: Werden sie das nicht?

Sie halten sich ständig im Umfeld steinalter, staubumnebelter Sperrmüllmöbel auf und gruppieren sich beim Essen zu einer Art christlichem Abendmahl …

Nemec: Das ist absolut gewollt, dieses Messianische, und eben auch verdichtet bis zur Kenntlichkeit.

Wachtveitl: Wir nehmen uns da die Freiheit, Partei zu ergreifen. Aber die haben die Reichsbürger ja auch und können mit uns das Gleiche tun.

Nemec: Machen sie ja!

Wachtveitl: Wobei es auch in diesem Spektrum unterschiedliche Leute gibt. Es gibt ja durchaus Beispiele, wo Staatsgründungen im Staate durchaus eine andere Note haben sind. Nehmen Sie Christiania in Kopenhagen oder Polit-Clownerien wie Staatsgründungen auf verlassenen Bohrinseln. Aber diese hier sind gefährlich!

Nemec: Grad weil sie so rechtskundig, manchmal gar gewitzt agieren. Die Sache mit dem „Personalausweis“ zum Beispiel, der uns zum „Personal“ einer BRD-GmbH macht.

Stimmt eigentlich der Eindruck, dass ihre Figuren dem durchschnittlichen Alterungsprozess widersprechen und nicht alterskonservativ werden, sondern altersprogressiv?

Nemec: (lacht) Nein, wir waren eigentlich immer schon so. Das hat auch damit zu tun, dass Franz aus kleinen Münchner Verhältnissen stammt und ich aus dem jugoslawischen Sozialismus.

Wachtveitl: Wir werden auch nicht unbedingt progressiver, sondern erkennen die Segnungen des Rechtsstaats. Ist eigentlich ein alter Hut, aber wenn Sie das inzwischen wieder als progressiv wahrnehmen… Ivo ist emotionaler, Franz analytischer.

Nemec: Es gab mal die Tendenz, dass ich laxer mit dem Recht umgehe und Franz buchstabengetreuer.

Wachtveitl: Trotzdem hab ich zuletzt schon mal jemanden eine verpasst.

Nemec: Und im Wüstensohn habe ich einen Araber im Affekt mal „Kameltreiber“ genannt, was ich privat nicht täte. Aber mit dem Alter hat all dies glaube ich nicht so viel zu tun.

Apropos – seit Sie im Dienst sind, spielt jeder 10. Tatort in München. Ist da ein Ende absehbar?

Wachtveitl: Vom Ende weiß man bisher nur, dass es kommen wird. Irgendwann.

Nemec: Unsere Redaktion hat schon Stoffideen für uns über das Tatort-Jubiläum im Jahr 2020 hinaus.

Sind Sie nach so langer Zeit eigentlich auch privat befreundet?

Wachtveitl: Na ja, alles andere wäre ein bisschen merkwürdig, oder? Andererseits haben sich unsere Lebensentwürfe auseinanderentwickelt. Miro lebt jetzt in einer langweiligen Vorortsiedlung mit Frau und Kind, ich bleibe ein wildes Großstadtkind.

Nemec: Urban und schmutzig. Wir waren allerdings schon bei meiner Familie in Istrien. Was ich wirklich vermisse, ist, dass wir mal zum Charles einen trinken gehen.

Wachtveitl: Aber keine Sorge, wir verbringen noch genug Zeit miteinander. Schon, weil wir, anders als viele Tatort-Kollegen am Set, im selben Wohnmobil hausen.

Nemec: Aber wir haben getrennte Betten.

Wachtveitl: Das kürzen die uns auch noch, wirst sehen.


Danger Dan, Moffat & Hubbert, McGowan

Danger Dan

Wenn man auf der richtigen Seite steht, also bei den Guten, den Klugen, den Reflektierten, dann darf man auch schon mal Blödsinn verzapfen. Kraftklub zum Beispiel haben der Ex eines Mitglieds auf ihrer letzten Platte kürzlich als “verdammte Hure” zur Hölle gewünscht, was von, sagen wir, fast jeder anderen Band schwer verachtenswert gewesen wäre. Jetzt haut der Berliner Conscious-Rapper Danger Dan auf seiner Solo-Platte erst jemandem aufs Maul (womöglich sich selbst) und glorifiziert danach (ein bisschen) Heroin – aber hey, wer mit der Antilopen Gang zuvor den deutschen HipHop gerettet hat und damit ein bisschen uns alle, der darf das.

Zumal der multiinstrumentell begabte Grenzgänger auch sonst ein Album von hinreißender Polarisationslyrik hingelegt hat, das dem Genre einen wirklich wunderbaren Crossover-Pop verpasst und uns allen dabei lebenslustig, aber durchaus ernst in die zivilisationsmüden Seelen blickt. Es heißt daher nicht umsonst Reflexionen aus dem beschönigten Leben. Ach, klänge klassenbewusster Rap doch immer so fröhlich verkopft, so sachlich enthemmt, so kraftvoll emanzipiert und dabei ulkig. “Es ist uns eine Ehre / mit euch verfeindet zu sein”. Love it!

Danger Dan – Reflexionen aus dem beschönigten Leben (Check Your Head)

Aidan Moffat & RM Hubbert

Was große Erfahrung, noch größere Gelassenheit und grandiose Virtuosität auch aus Stimmen heraus kitzelt, die weder singen noch rappen, sondern einfach so vor sich hin erzählen, belegt eine Band der betagteren Art: Aidan Moffat, allenfalls Nischenkundigen vom Slowcore-Duett Arab Strap bekannt, hat sich mit seinem schottischen Landsmann RM Hubbert zusammengetan, der zumindest daheim in Glasgow als einer der besten Indierock-Gitarristen unserer Zeit gilt. Gemeinsam machen die zwei Mittvierziger einen Sprechgesang, der in seiner musikalischen Verschwiegenheit ganz stumm macht – obwohl er einiges zu berichten hat.

Wie Spukgeschichten düster und rau brummt Moffat verschrobene Poesie über die Narben des Lebens und die Liebe als Balsam über die Inselgruppen seines meisterhaften Pickings. Oberflächlich gehört ist das – schon wegen des ortsüblichen Idioms – so unzugänglich, dass man die Texte eher als Grundraunen wahrnimmt. Dank der eindrücklichen Aura aus Geigen, Drones, Percussion und dem feenhaften Gastgesang von Siobhan Wilson, wird Here Lies The Body jedoch zum Manifest der maximalen Wirkung durch minimalen Einsatz. Ein Album zum Absinken.

Aidan Moffat & RM Hubbert – Here Lies The Body (Rock Action)

Seán McGowan

Wer es als Erfüllung eines ganz großen Traumes bezeichnet, den unverzagten Klassenkämpfer Billy Bragg auf Tour begleitet zu haben, der offenbart zwei Dinge von sich: Offenbar steht er noch am Anfang seiner Karriere. Und er trägt das Herz am linken, also rechten Fleck. Die Rede ist von Seàn McGowan, ein Mittzwanziger aus dem südenglischen Southampton, der seinem bald dreimal so alten Idol in vielerlei Hinsicht ähnelt, ohne ihm zu gleichen. Schon der Titel seines Plattendebüts Son of the Smith verströmt eine proletarisch geprägte Streitlust, die anders als hierzulande eher durch galligen Folkrock Gehör verschafft als im artigen Bergmannschor.

Doch wie ihr Mentor beschränkt sich Seán McGowans Band nicht darauf, parolenhaft die Verhältnisse anzuprangern. Mit Fiddel und Krach und Melancholie und, ja, gehöriger Wut macht sie daraus eine Art folkloristischen Spaßpunk, der nicht nur wegen des breiten Cockney-Slangs an Jamie T und die Levellers erinnert. Liebeskummer hat darin ebenso viel Raum wie Gerechtigkeitsfuror. Und zu beidem kann man Arm in Arm von einer besseren Welt träumen oder entfesselt durch den Club hüpfen. Billy wäre entzückt.

Seán McGowan – Son of the Smith (Xtra Mile Recordings)


Datenschutz & Cumbersnob

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Mai

Sehen wir’s doch mal pragmatisch: Die Europäische Datenschutzgrundverordnung, nicht grad kurz, aber doch abgekürzt EUDSGVO, ist ein bürokratisches Papiermonster, das seit Tagen alle Medien in Atem hält, um ja keine Persönlichkeitsrechte anzutasten. Mails mit neuen, alten, überarbeiteten Geschäfts- oder Nutzungsbedingungen fluten den digitalen Raum. Es ist ein gigantisches Zeit- und Ressourcenverbrennungsprogramm. Was ihm aber innewohnt, ist die Chance, endlich mal sämtliche Push-Nachrichten und Newsletter abzubestellen, die Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr die Kanäle verstopfen. Betrachten wir die DSGVO also nicht nur als Recht auf informationelle Selbstbestimmung, wie es das Verfassungsgericht vorsieht, sondern ein echter Reinigungsprozess.

Bei Internetgiganten wie Facebook hagelt es seit Freitag jedenfalls schon Beschwerden. Und die bereiten ihren Inhabern wie Mark Zuckerberg gewiss mehr Kopfzerbrechen als die dubiose Fragestunde vorm EU-Parlament. Die war nämlich kein expertenbesetzter Untersuchungsausschuss, sondern ein fraktionsführerbesetztes Schmierentheater, in dem keinerlei Nachfragen erlaubt waren, geschweige denn ein echter Dialog. Gegrillt wurden also allenfalls Rechtstaatlichkeit und Parlamentarismus. Mark Zuckerburg indes kehrte nicht mal leicht angesengt aus Straßburg heim ins Valley.

Wer amtlich gegrillt werden dürfte, ist dagegen der gefallene Harvey Weinstein, dem seit Freitag in New York der Prozess wegen hundertfachen Missbrauchs gemacht wird. Schon jetzt soll es mehrere Film- und Serienprojekte geben, die sich mit dem bislang spektakulärsten Fall der anhalten #MeToo-Debatte befassen. Ob Netflix darunter ist, das mit Barack & Michelle Obama gerade ein umfangreiches, hochdotiertes Kooperationsprojekt beschlossen hat, bleibt bislang im Dunkeln. Aber auch Amazon wäre ein Kandidat. Und Sky.

Die Frischwoche

28. Mai – 3. Juni

Dort startet Dienstag aber zunächst mal ein Fünfteiler, dessen Hauptdarsteller allein schon für herausragendes Fernsehen bürgt: Bendidict Cumberbatch. In der britischen Romanverfilmung Patrick Melrose spielt er wie zuvor bereits in Sherlock einen exzentrischen Snob mit massivem Drogenproblem – das allerdings nicht bloß Cumberbatchs großes Talent zur darstellerischen Grenzüberschreitung offenlegt, sondern einen Fall von Missbrauch, der demütig macht und stumm, zugleich aber über die Maßen tragikomisch ist. Besser kann Fernsehen schlichtweg nicht sein.

Wie gut es selbst aus Deutschland bisweilen wird, zeigt sich wie jedes Jahr um diese Zeit auf der ARD-Plattform FilmDebüt im Ersten. Den Auftakt der Reihe für Regieneulinge bildet am Dienstag um 22.45 Uhr Peter Stubers grandioses Melodram Herbert, mit dem der kantige Peter Kurth als Ex-Boxer mit ALS einen Geniestreich lebensechter Milieu-Studien liefert. Jonas Rothlaenders Beziehungsdrama Fado im Anspruch zeigt allerdings, mit welch schwierigen Sendezeiten Erstlingswerke im öffentlich-rechtlichen Programm oft zu kämpfen haben. Manchmal allerdings verdient sich selbst leichte Kost ihre Primetime. Zum Beispiel am bedeutsamen ARD-Mittwoch.

Im Gegenwartswestern 13 Uhr mittags zeigt Jörg Schüttauf als norddeutscher Gary Cooper, dass sich Hollywood-Historie durchaus auf die hiesige Küstenregion übertragen lässt. Sein Einsatz als stinkfeiger Landpolizist, der bei jeder sich Gelegenheit vorm Showdown mit einer leidlich fiesen Verbrechergang zu fliehen versucht, ist wirklich sehenswert. Und auch der Tatort ist dieses Mal am Sonntag um 20.15 Uhr bestens aufgehoben. In Freies Land kriegt es das Münchner Odd-Couple Batic/Leitmayr mit einem Mord im Umfeld der Reichsbürger-Bewegung zu tun, die hier als Rudel staubbedeckter, selbstgerechter, durchgeknallter Waldschrate dargestellt wird – was sie größtenteils ja auch sind.

Mit denen hätte einst auch Kommissar Stoever sein Vergnügen gehabt. Dessen Darsteller Manfred Krug widmet ZDF-Info heute um 20.15 Uhr ein sehr schönes Porträt. Ein Tatort jüngeren Datums, der kaum drei Jahre nach seiner Erstausstrahlung schon legendär ist, leitet hiermit die Wiederholungen der Woche ein: In Das Haus am Ende der Straße (Dienstag, 22 Uhr, NDR) verabschiedete sich Joachim Król 2015 per furiosem Rededuell mit Armin Rohde von seinem Frankfurter Morddezernat und wanderte am Ende in die untergehende Sonne der Frühverrentung. Wahnsinn! Gespenstisch hingegen sind drei Gruselfilme, mit denen ZDFneo den Samstagabend füllt.

Den Auftakt macht um 20.15 Uhr Nick Murphys Geisterparabel The Awakening (2011), gefolgt von den weniger subtilen, doch unverwüstlich spannenden Carpenter-Klassikern Das Ding und Halloween. Ganz ohne Mystik kommt am Sonntag um 20.15 Uhr Arte das oscarprämierte Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer von 1978 mit Dustin Hoffman vs. Meryl Streep aus. Und heute um 22.30 Uhr beschließt das italienische Meisterwerk Fahrraddiebe um einen Plakatkleber, der sich durchs schwarzweiße Nachkriegsjahr 1948 wurschtelt, die Wiederholungen.


H.Schwarz, Tom Wu, Lauren Ward, Pressyes

Henrik Schwarz

Wenn elektronischer Dance auf klassische Orchestermusik trifft oder umgekehrt, hängt das Bild vom Soundtrack per se nicht so ganz schief. Henrik Schwarz aus dem oberschwäbischen Ravensburg, einer der weltweit angesehensten Producer digital erzeugter Klänge, hat sich mit dem womöglich letzten richtigen Rundfunk-Tanzorchester zusammengetan, der niederländischen Big Band Metropol Orkest, und das Ergebnis klingt irgendwie automatisch, als würde auf ihrem Projekt-Debüt ein Film von ungeheurer Wucht vertont, großes Hollywood aus einer Zeit, als noch Heist-Movies gemacht wurden.

Scripted Orkestra ist also richtig fettes Kino. Als säße sie live vor einer mächtigen Leinwand, kippt ihre Bläser-Sektion einen so grandiosen Sound übers digitale Beat-Gespinst von Henrik Schwarz, dass man beim Zuhören sofort im alten Mustang durchs noch ältere Nevada rast, das Verdeck offen, die Haare im Gegenwind. Käsige Vocals wie im eleganten Counter Culture könnte sich das Album zwar schenken. Aber spätestens dann, wenn sich hauchzarte Klarinetten übers klangfeine Xylophon legen, ist das Mash-up aus Pop und Klassik, Funk und Elektro perfekt.

Henrik Schwarz & Metropol Orkest – Scripted Orkestra (7K!)

Tom Wu

Wenn man sich vorstellt, nur mal so, Franz Ferdinand wären keine Salon-Löwen der Hollywoodglampopdisco von heute, sondern noch immer das, was sie zu Beginn ihrer Karriere waren, nämlich konstruktive Glamrockzerstörer, wenn eine Zeitreise in den Übungsraum von Franz Ferdinand demnach möglich wäre, als sie noch nicht so groß und berühmt waren – vielleicht klängen sie wie Tom Wu. Gut, der Schlagzeuger tritt meist solo auf und kommt auch nicht aus Schottland, sondern Bayern. Andererseits schafft er es spielend, Hände und Füße so zu vervielfältigen, dass sein analoger Elektropunk auch auf dem zweiten Album klingt, als sei da eine ganzes Orchester im Studio.

Es ist aber, wie gesagt, nur dieser Tom Wu, der sich auf All You Want zwar gelegentlich von Michi Achers (The Notwist) Trompete oder – da schließt sich der Kreis – dem früheren Franz-Ferdinand-Gitarristen Nick McCarthy unterstützen lässt. Ansonsten aber macht dieses musikalische Koordinationsgenie alles allein – den englischen Gesang, die vogelwilden Drums, das bizarre Synthie-Geflimmer – und mischt es zu einer Art Varieté-Techno, der so voll von sprühender Fantasie und dabei zum Abdrehen tanzbar ist, dass man sich die 75 Euro fürs nächste FF-Konzert leicht schenken kann. Als verschwitztes Kellerclubgewächs der aberwitzigsten Sorte, bringt er selbst Abstellkammern zum Kochen!

Tom Wu – All You Want (Echochamber)

Lauren Ruth Ward

Wer sich zeitgenössischen Pop genauer anhört, dem fällt darin schnell ein chronischer Mangel auf: Dringlichkeit. Oft fehlt ihm jener herzensgetriebene Eifer, der Musik vom Zeitvertreib und schlimmer noch: rein kommerziellem Interesse daran unterscheidet. Lauren Ruth Wards wunderbares Debütalbum Well, Hell als dringlich zu umschreiben, wäre hingegen noch stark untertrieben. Ihr Gesang durchströmt den fiebrigen Sound ringsum wie heißes Wasser. Seit sie 2015 in Los Angeles heimisch wurde, hat die gelernte Friseurin aus Baltimore nach jahrelangem Schlingerkurs in Stil- und Soundfragen offenbar endlich ihre Mitte gefunden – so flatterhaft und entfesselt die auch klingt.

Begleitet von klassischer Bandbesetzung scheppert ihr hippiesker Glamrock mit in einer Innbrunst aus der Box, als ginge es um alles. Immer. Jedes Gefühl in jedem Lied. Gitarre, Bass, Schlagzeug stets am Rand der Ekstase. Die Siebziger auf Hochtouren, als hätte Janis Joplin sie noch erlebt. Das dauernde Tremolo in Wards dunklem Timbre muss man zwar ebenso wie das gelegentliche Pathos in den neun Selbstverortungen zwar schon mögen. Doc wer es tut, erlebt hier das dringlichste Debüt des Plattensommers.

Lauren Ruth Ward – Well, Hell (Weekday Records)

Pressyes

Und als wäre Nostalgie das Postulat des Sommers, der dem Winter gerade ohne Umweg über den Frühling entspringt, suhlt sich auch René Mühlberger genüsslich in den Ausläufern des Flowerpower. Hatte sich der Gitarrist aus Wien mit seiner alten Band Velojet noch strikt am Sound der Sixties orientiert, reist sein Soloprojekt nun ein Jahrzehnt weiter Richtung Gegenwart und landet im teilsynthetischen Progrock der späten 70er. Von dort stammen schließlich auch sämtliche analogen Maschinen und Instrumente, mit denen er On The Run quasi im Alleingang eingespielt hat. Das Ergebnis ist ein fröhlich mäanderndes, lustig fiepsendes, luftig besungenes Potpourri der gut gelaunten Gestrigkeit.

Meist klingt es als träfe Beck die Beach Boys am Düsseldorfer Rheinufer, um dort leicht bekifft in Erinnerungen zu schwelgen, wie nah sich Melancholie und Frohsinn sein können, ohne gleich selbstgefällig zu wirken. Dass die zehn Stücke dann auch noch Namen wie Summertime oder California tragen, wäre dabei ebenso unnötig gewesen wie das ein oder andere Gitarrensolo. Der Summer of Love tanzt hier auch ohne Holzpfahlwinken sehr unterhaltsam im Stroboskoplicht von Disko und Pop weiter.

Pressyes – On The Run (Ink Music)


You Are Wanted: Highheels & McGyver

Vin Bond Schweighöfer

In der zweiten Staffel von You Are Wanted kämpft Showrunner Matthias Schweighöfer auf Amazon Prime wieder liebenswert, aber schwer zerschunden fast allein gegen alle und wächst dabei weit über sich hinaus. Das ist wie in der ersten Staffel perfekt inszeniert, ungemein fesselnd, aber gewohnt klischeehaft und schlicht.

Von Jan Freitag

Der Mensch, er wächst bekanntlich an seinen Aufgaben. Lukas Franke zum Beispiel lebt als Manager eines Berliner Hotels zwar im Saus und Braus einer Designervilla mit Designmobiliar und Designehefrau, ansonsten aber recht gewöhnlich: Job, Familie, Freizeit, etwas Alltag, bisschen Spaß – von James Bond unterscheidet den arglosen Mann daher nicht nur der leutselige Dackelblick, sondern alles. Bis er zum Teil eines verwirrend vielschichtigen Komplotts wird und in Echtzeit über sich hinauswächst. Denn auf der Flucht vor BND und NSA, Gangstern und Gangsterjägern hackt Lukas Franke plötzlich die vertracktesten Computerprogramme, befreit sich aus jeder noch so prekären Notlage und haut bisweilen zu, als werde er von Til Schweiger gespielt. Es ist aber nur sein Bruder im Geiste.

Matthias Schweighöfer.

Zum wiederholten Mal gibt Deutschlands beliebtester Antiheld die aufrechte Unschuld vom Großstadtkiez mit Herz und Schnauze und Hang zum kontrollierten Chaos. In der zweiten Staffel von We Are Wanted allerdings kommt mehr noch als in der ersten etwas hinzu, was dem treudoofen Herzensbrecher bislang fremd war: Action um der Action um der Action Willen. Schweighöfer wird sein eigener Bürgerkriegsschauplatz, eine Art Berliner Bruce Bond für die Generation Y. Schon bei der Premiere vor Jahresfrist durfte der Ottonormal-McGyver die Welt quasi im Alleingang gegen Geheimdienste, Digitalterroristen und dem Friendly Fire seiner Verbündeten erretten. Doch jetzt kommt es richtig dicke.

Mit dekorativen Cuts im Gesicht, rast Lukas Franke von Beginn an dem Unglück entgegen. Nach Ansicht der ersten vier Teile wird es – kein Spoiler! – wohl mit einem Cliffhanger enden, der wie im Finale des Vorgängers Zuversicht weckt und Fortsetzungen ermöglicht. Im März 2017 nämlich hatte er den Armeen seiner hochgerüsteten Feinde den Laptop mit der faustischen Software „Burning Man“ entrissen, die ihrem Besitzer zur Weltherrschaft verhelfen könnte. Der nette Lukas indes will doch nur den Weltfrieden und scheint ihn zu Beginn des neuen Sechsteilers sogar gefunden zu haben. Doch nur Sekunden, nachdem er mit seiner Kleinfamilie im Badesee planscht, taucht der unfreiwillige Held beim Waterboarding fieser Folterknechte auf und entkommt ihnen fünf Minuten später gefesselt, betäubt, eingesperrt aus dem Heck eines rasenden Kleinbusses.

Das also ist die Geschwindigkeit, mit der Amazon Prime den globalen Erfolg von You Are Wanted reproduzieren will. Damals stellte die blutleere, aber spannende Hochglanzproduktion einen Abrufrekord des Streamingdienstes auf. Und damit dieser Wert nicht unterlaufen wird, ziehen Brutalität, Tempo und Drama nochmals gehörig an. Schon in der ersten von 300 Minuten also versucht Lukas alten wie neuen Gegnern zu enteilen, wozu seine Frau Hanna (Alexandra Maria Lara) im Kampf um ihr süßes Kind wieder unablässig dreinblickt wie ein verschrecktes Reh. Totgeglaubte wie der undurchsichtige Cop Siebert (Edin Hasanovic) erwachen – wenngleich schwer entstellt – zum Leben. Als seine Kollegin Jansen wirkt Catrin Striebeck hingegen noch ein wenig untoter als vor 14 Monaten. Und in Gestalt der Hackerin Angel (Hannah Hoekstra) oder der Journalistin Nelly (Jessica Schwarz) kriegt sie es mit zwei Femme Fatales wie vom Laufsteg zu tun.

Überhaupt sind die Protagonisten dieser Serie wie ihr Koproduzent, Koregisseur, Koautor und Alleinhauptdarsteller Matthias Schweighöfer selbst dann makellos fotogen, wenn sie zuvor ein paar Stunden lang Dresche von Bösewichtern gekriegt haben, die wie Alexander Radszun als gemeiner BND-Mann im Gestapomantel dann aber schon auch mal hässlich sein dürfen. Womit wir bei der Optik wären. Mit dem alten Kameramann Bernhard Jasper schaffen es die drei neuen Regisseure präzise, Licht und Kulisse mit Ton und Musik in einer herausragenden Ästhetik zu vereinen. Keine Einstellung, kein Schnitt, nicht der kleinste Blutstropfen an Schweighöfers Alabasterkörper bleibt dem Zufall überlassen. Alles ist im Dienste der oberflächlichen Thriller-Story angemessen artifiziell. Zwischen dem Waschbeton der Koolhaas-Architektur und dem Ghettobeton der Plattenbau-Siedlungen gibt es keinen Werkstoff. Hässlichkeit oder Haarausfall existieren in dieser Zweiklassengesellschaft nur situativ. Und bevor selbst Polizistinnen die Highheels gegen Turnschuhe tauschen, brechen sie sich bei der Verfolgungsjagd lieber die Knöchel.

All dies fällt umso mehr auf, als der Inhalt des neuen Autorenstamms von einer derart schlichten Klischeehaftigkeit ist, dass der 142. Teil von The Fast And The Furious verglichen damit dokumentarisch wirkt. Dabei ist das Thema soziokulturell durchaus bedeutsam. Big Data, Internetkriminalität, das zivilisatorische Dilemma technischer Revolutionen, die der Zivilisation in falscher Hand schnell mal ein Ende bereiten – darum geht es bei der permanenter Hatz auf die richtige Hand (Lukas Franke). Dummerweise ist sie seinem Darsteller und Showrunner herzlich egal.

Denn Matthias Schweighöfer geht es ersichtlich um steile Erregungskurven mit billiger Effekthascherei. Die aber ist so versiert inszeniert, dass die Zugriffszahlen wieder enorm sein werden. Freunde anspruchsvollen Fernsehens ist You Are Wanted daher ein beidfüßiger Vin-Diesel-Tritt aufs Großhirn. Für Fans rasanter Action rauscht die zweite Staffel hingegen direkt in den Magen und macht dort spürbar Laune. Wie gut, dass wir als Zuschauer die Wahl haben.