Natalie Scharf: Frühling & Depeche Mode

Nennen sie mich Filmemacherin!

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Mit dem ZDF-Sechsteiler Gestern waren wir noch Kinder hat die schreibende Produzentin Natalie Scharf nicht nur ein fesselndes Familiendrama kreiert, sondern die Rolle der Frau im Thriller neu definiert. Ein Interview mit der Frühling-Autorin über Regisseurinnen, Soundtracks, Psychologie und was Drehbücher mit Mathe zu tun haben.

Von Jan Freitag

Frau Scharf, bezeichnen Sie sich eigentlich als Showrunnerin?

Natalie Scharf: Eher als schreibende Produzentin. Ein befreundeter Neurochirurg sagte mal zu mir, bei Operationen sei es das Beste, alles zu können. Das möchte ich auch, weshalb ich bei dieser Serie zum Beispiel komplett im Schnitt war und nachher in die Mischung der dritten Folge muss. Aber wenn Showrunnerin bedeutet, dass die Produzentin mit der Autorin direkt über bestimmte Einstellungen und deren Preis verhandeln kann, bin ich wohl doch eine. Am liebsten wäre mir aber, Sie nennen mich Filmemacherin.

Gehen beide da förmlich in den äußeren Dialog?

Das nicht, aber ein innerer Monolog ist es manchmal schon. Reden tue ich lieber mit anderen.

Falls Sie auch gern mit anderen feiern gehen: Wissen Sie schon, was Nina Wolfrum am 7. oder 9. Juli 2023 mit Ihnen machen könnte?

Huiuiui (lacht). Nein, wissen Sie es?

Das spielen Depeche Mode in Berlin. Wenn man sich „Gestern waren wir noch Kinder“ ansieht, besser: anhört, klingt die Serie nach deren Greatest Hits.

Wir sind tatsächlich beide Fans. Nina wollte Dave Gahan, zu dem wir wegen der Songrechte Kontakt aufnehmen wollten, sogar mal heiraten (lacht). Wenn ich an einem der beiden Tage in Berlin wäre, würde ich also vielleicht sogar hingehen. Aber dass viel Depeche Mode läuft, hat am Ende doch mehr mit dem Zeitgeist der Serie als uns zu tun. Bei der Hauptfigur verkörpert die Musik zum Beispiel den Freiheitsdrang, sich aus seiner reichen Bubble zu lösen und Schlagzeuger zu werden.

Music safed his life!

Nicht nur seins, das der meisten! Wer eine Serie macht, die Gestern waren wir noch Kinder heißt, erzählt ja automatisch von verwehter Jugend, die von Musik begleitet wird. Diese Emotionen soll der Soundtrack vermitteln.

Und war demnach schon im Drehbuch enthalten?

Ja! Sogar der Sound eines schwarzen Lochs, den wir für Folge 7 von der NASA angefragt haben, ist enthalten. Ich schreibe generell sehr detailliert, selbst Kameraeinstellungen sind schon enthalten.

Weil Sie so ein Kontrollfreak sind?

Weil es mein Anliegen ist, möglichst präzise aus komplexen Figuren heraus zu erzählen, also skandinavisch, hochwertig psychologisierend, ein bisschen – auch, wenn es vermessen klingt – wie Big Little Lies zu inszenieren.

Eine Serie um fünf weibliche Hauptfiguren, die allerdings von Männern stammt. Wie wichtig war es Ihnen, mit Nina Wolfrum eine Regisseurin an ihrer Seite zu haben?

Bis mich eine ihrer Kolleginnen darauf hingewiesen hat, war es mir gar nicht so bewusst; zumal ich bislang selten mit Regisseurinnen zu tun hatte, von denen es lange gar nicht so viele gab. Aber beim fertigen Format fiel mir auf, dass es mit Männern vermutlich ein anderes geworden wäre; was ich an Ninas Arbeit toll finde, ist zum Beispiel die Art, wie sie kleinste Details bis hin zur Weinflasche, die irgendwo rumliegt, mit ihrem Erfahrungsschatz abgleicht und entsprechend inszeniert. Ich arbeite wirklich unfassbar gern mit Männern zusammen.

Aber?

Dank Nina haben wir eine sehr weibliche Serie gemacht, und im Grunde will ich genau da hin, weil meine Vorbilder nun mal Reese Witherspoons Morningshow ist oder eben Big Little Lies.

Deren 2. Staffel dann auch eine Frau inszenierte.

Und vielleicht deshalb auch vor der Kamera praktisch männerfrei war, was ich auch wieder bisschen schwierig fand.

Bei „Gestern waren wir noch Kinder“ fällt dagegen auf, dass zwar in nahezu jeder Situation Frauen zentrale Figuren sind, aber fast immer Objekte männlicher Subjekte und damit irgendwie eher getrieben als eigenständig.

Sehr kluge Beobachtung, die psychologisch genauso geplant war. Obwohl sich Frauen von dieser Objektrolle stark emanzipieren, stellt sie noch immer eine gesellschaftliche Realität dar, die allerdings nun unterschwelliger ablaufen muss.

Weil der alleinverdienende Beschützer ausgedient hat?

Genau. So sehr der Plot aus Figuren heraus, von denen mir einige auch im wirklichen Leben begegnet sind, erzählt wird, vollzieht er sich eben entlang eines haudünnen Thrillerfadens, in dem der Mörder ein Mann ist.

Wie hoch ist denn der Anteil persönlicher Bezüge?

Hoch. 85 Prozent?

Was die Figuren betrifft oder auch die Handlung?

Beide, aber die Menschen sind mir vertrauter und den meisten Spaß bereitet mir die Kombination. Auch Hemmingway saß ja gerne in Kneipen herum und hat sich das Verhalten der Leute notiert. Oh Gott, erst Big Little Lies, jetzt Hemmingway – was für Vergleiche…

Entstammen Sie selbst eigentlich dem gehobenen Bürgertum ihrer Seriencharaktere?

Zum Teil. Meine Mutter war Malerin, mein Vater Neurologe mit eigener Psychiatrie und sein Vater wiederum Physik- und Mathematikprofessor. Wobei mein Vater als Sudetendeutscher Jahrgang 1928 auch eine Flüchtlingsgeschichte hat und noch vom Aberglauben seiner alten Heimat geprägt war.

Kunst, Psychologie, Logik, Mystizismus: Topvoraussetzungen für eine Thriller-Autorin!

(lacht) Drehbücher haben mehr mit Mathe zu tun, als man denkt. Hinzu kommt: mein Vater hatte ein extremes Arbeitsethos. Schon, weil man in München auch damals kaum genug Geld verdienen konnte, um sich den Wohnraum dort zu leisten. Das fließt alles zu 100 Prozent in meine Arbeit ein.

Aber so sachlich sie Ihre Arbeitsgrundlage im Allgemeinen ist und „Gestern waren wir noch Kinder“ im Besonderen: Am Ende ist die Serie larger then live – so viel passiert in so kurzer Zeit den wenigsten!

Ich glaube gar nicht, dass die Geschichte so viel größer als das Leben ist. Unter den 100 Drehbüchern, die ich geschrieben habe, kann ich mich mit diesem hier am meisten identifizieren. Schon, weil ich damit mehr Zeit denn je verbracht habe.

Wie nah ist Ihnen verglichen damit denn Ihre Frühling-Reihe mit Simone Thomalla als Dorfhelferin in einer vergleichsweise harmlosen ZDF-Welt?

Dazu muss ich vorweg eins sagen: Ich wollte Frühling nie machen, bis Nico Hofmann vor zwölf Jahren zu mir meinte, du musst! Deshalb war ich am Anfang eher reserviert, liebe die Reihe mittlerweile aber wirklich.

Weil?

Weil sie gar nicht so leicht ist, wie es in der traumhaftschönen Alpenkulisse scheint. Und weil „Frühling“ wie Stricken ist, um mich von noch schwereren Stoffen immer wieder runterzuholen. Der Auftrag, sich jährlich sechs Folgen von Frühling mit denselben 13, 14 Figuren auszudenken und damit sechs Millionen Zuschauer zu halten, ist überaus anspruchsvoll und hält mich in Übung.

Eine Hauptdarstellerin beider Formate ist Julia Beautx, eigentlich eher Influencerin als Schauspielerin. Ist das eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, um jüngere Zielgruppen anzusprechen?

Julia ist besser als manch ausgebildete Darstellerin und sowieso unfassbar; das fanden auch viele bei der Mipcom Cannes, wo Gestern waren wir noch Kinder gezeigt wurde. Als ich Julia vor sechs Jahren kennengelernt habe, hatte sie übrigens eine Million Follower, jetzt sind es dreieinhalb; hat sich also für alle gelohnt. Ich würde lügen, dass mir ihre vielen Fans egal sind, aber unabhängig davon hat sie sich in einem riesigen Casting gegen alle anderen durchgesetzt – auch Nina Wolfrum übrigens, die von der Idee am Anfang gar nicht überzeugt war.

Vorsicht vor Vorurteilen.

Hinzu kommt, dass Julia zwar Videos macht, seit sie 13 ist. Aber ich kenne niemanden, der bodenständiger und disziplinierter ist.

Apropos bodenständig: eine Szene in Gestern waren wir noch Kinder scheint in Brooklyn zu spielen.

Nicht scheint, die spielt dort.

Wie haben Sie diesen Etatposten denn bitte beim ZDF durchgekriegt?

Indem ich die Serie so liebe, dass es mir unerlässlich erschien, die Szene dort zu drehen. Aber weil man so was beim ZDF nicht durchkriegt, bin ich mit Milena Tscharnke dorthin geflogen, habe mir eine kleine Crew aufgebaut und alles für diese zwei Minuten privat bezahlt.

Ernsthaft?

Ernsthaft!

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Hoffnungsschimmer & Chippendales

Die Gebrauchtwoche

TV

2. – 8. Januar

Wenn ein Jahr wie 2022 zu Ende geht, müsste die Hoffnung aufs nächste doch eigentlich alle Schatten der Furcht überstrahlen. Der Furcht davor, dass alles nur noch viel schlimmer kommen könnte. Schön wär’s… Aufs Gute der anstehenden zwölf Monate zu blicken, ist nämlich leichter gesagt als getan, so wie sich die ersten zwölf Tage anlassen mit Krieg & Terror, Winterhitze & dem Skandal überteuerter PCR-Tests, für den vermutlich wieder niemand – schon gar nicht der mutmaßlich Hauptverantwortliche Jens Spahn – belangt werden dürfte.

Es begann ja schon damit, dass der RBB – Schreckensgarant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – 2023 bereits am 30. Dezember begrüßte. Medienpolitisch verhieß das kurz nach Meldungen darüber, wie RTL den ehrwürdigen G+J-Verlag ausschlachtet und Deutschlands Journalismus damit weiter Richtung Abgrund treibt, nichts allzu Hoffnungsvolles. Immerhin: Netflix gab bekannt, das überteuerte Mystery-Spektakel 1899 zu stoppen, während Pro7 daran arbeitet, bis zum Herbst eine Nachrichtenredaktion aufzubauen.

Von We love to entertain you zum Nukleus mit Public Value – wenn RTL schon am demokratischen Grundgerüst sägt, sorgt die Konkurrenz immerhin für etwas Licht im Dunkel (dass sie zuvor allerdings selber ausgeknipst hatte). Die Frage, ob es eine gute Nachricht ist, dass die Ufa ein Prequel vom Dinner for One in Auftrag gegeben hat, ist da ebenso schwer zu beantworten wie jene nach dem Abschied von Thomas Hermanns aus dem Quatsch Comedy Club, der vor 30 Jahren den TV-Humor, nun ja, verändert hatte.

Bleibt noch ein Ständchen für die Sesamstraße zum 50. Geburtstag, aber ausdrücklich keines für Stefan Aust, der angeblich mal Journalist war, als Chefredakteur der Welt-Gruppe jedoch alle Energie auf eine einstweilige Verfügung wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung gegen Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royal verwendet, weil es ihn auf dem – viele sagen: durchaus lustigen Fahndungsplakat nach einer Lindner-Lehfeld-Bande im RAF-Stil überm Bild des veganen Querdenkers Volker Bruch nennt. Nein, so was aber auch!

Die Frischwoche

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9. – 15. Januar

Die (garantiert volkerbruchfreien) Erstausstrahlungen daher in Kürze. Angelaufen ist das Serienremake des Neunziger-Melodrams Interview with the Vampire bei Sky, wo die Untoten endlich ihrer blutrünstigen Homophilie freien Lauf lassen. Netflix zeigt bereits Nicolas Winding Refns Noir-Experiment Copenhagen Cowboy parallel zum überraschenden Sechsteiler Totenfrau mit Anna-Maria Mühe als Witwe auf Rachefeldzug, was die achtteilige Reiterhof-True-Crime Riding in Darkness eher unter- als überbietet.

Heute dann zeigt die ARD zum 80. der dankenswerten Wehrmachtniederlage eine Dokumentation über Stalingrad, was zumindest nicht völlig frei von Parallelen zu Sabrina Tassels ZDF-Reportage Gun Nation zur Waffensucht der USA ist. Den Siebenteiler Gestern waren wir noch Kinder, ab heute liniear im Zweiten, hätte man sich allerdings eher im Mediatheken-Asyl gewünscht, so lausig wurde Natalie Scharfs ambitionierte Milieustudie wohlstandsverwahrloster Elitenzöglinge umgesetzt.

Bunt statt trist wird es Mittwoch bei Disney+ im Zehnteiler Welcome to Chippendales über die Anfänge der weltberühmten Stripper-Truppe Anfang der Achtziger. Blutig statt bunt gerät naturgemäß die Fortsetzung vom Spin-Off Vikings: Valhalla bei Netflix. Effektvoll statt blutig scheint die achtteilige Gewaltstudie Cry Wolf in der Arte-Mediathek zu werden. Geruhsam statt effektvoll wirkt dagegen Samuel Becketts deutsch-britische Bestseller-Verfilmung Chemie des Todes um einen Serienkiller bei Disney+ tags drauf, der anschließend auch in German Crime Story: Gefesselt auf Amazon wütet.

Und bevor Tobias Moretti mit Tochter Antonia in Der Gejagte mal wieder irgendwas mit Mafia macht, der Vollständigkeit halber: Das Dschungelcamp zurück in Australien, aber ohne Marco Schreyl, dafür mit Jan Köppen als Moderator und endlich, endlich: Martin Semmelrogge und Claudie Effenberg beim Perfekten Hodendinner.


Best & worst-of: Fernsehjahr 2022

Hochstapler, Western, Frauen für alles

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Von Jan Freitag

Das Feuilleton ist ständig auf der Suche nach Trends, auch und gerade im Fernsehen. Aber ob Telenovela, Dreiecksbeziehung, Dokudrama, Scripted Reality, Real Crime: die reine Häufung macht kein Genre modisch. Wer dieses Jahr vorm inneren Flatscreen sieht, erkennt allerdings so viele Serien ähnlicher Stoffe, dass auch 2022 Tendenzen hat – wie Platz 1-3 einer Liste zeigen, die kein Ranking darstellt, aber belegen will, was im Guten wie Schlechten wichtig war. Nämlich folgendes:

Platz 11

1899, Netflix

Am Ende die Nr. 1 – zumindest in Sachen Budget. Mit dem Achtteiler um einen Passagierdampfer, der im Bermuda-Dreieck zur Bühne eines düsteren Kostümfestes wird, hat das Dark-Duo Jantje Friese und Baran bo Odar zwar die teuerste deutsche Serie gemacht, wie üblich im Boom-Metier Mystery aber so viele Nebelkerzen gezündet, dass übersinnliche Effekthascherei unablässig aus jedem Bullauge quillt.

Platz 10

Normaloland, ZDF-Mediathek

Mockumentary um ein fiktives Neustadt, durch das Regisseur und Autor Matthias Thönnissen sich und sechs weitere Hauptdarsteller schickt, um Deutschlands Spießbürgerlichkeit zu verdichten. Fünf Viertelstunden hält uns die Realsatire aber nicht nur wahrhaftige Spiegel vor; sie verkörpert den Trend 2022, unsere Wirklichkeit kostengünstig zu übertreiben, um sie gleichsam abstrakt und ergreifend zu machen.

Platz 9

Rottet die Bestien aus, Arte

Dokus haben’s schwer im Sog fiktionaler Serien, weshalb sie sich besser bemerkbar machen. Der Fifa-Studie Uncovered gelang das mit Recherche, dem Terror-Rückblick „Die Schüsse von München“ mit Aura. Und als Raoul Peck Rassismus oder Nationalismus autobiografisch unterfüttert mit der Geschichte des Kolonialismus verband, setzte er am Weg des Erfolgsmetiers Historytainment Meilensteine.

Platz 8

The Old Man, Disney+

Wie sehr sich die alternde Gesellschaft am Bildschirm zeigt, belegen ZDF-Vorabende voller Harndrangpillenreklame. Ein Mittel, das auch Jeff Bridges den Ruhestand erleichtert, bevor er als Ex-Agent dem CIA-Nachwuchs in der siebenteiligen Gewaltorgie zeigt, was Senioren draufhaben. Klingt bieder, ist aber auf so sinfonische Art modern, dass Robert Levine und Jonathan E. Steinberg Action neu definieren.

Platz 7

Der Kaiser, Sky

Wer Heilige verehrt, droht ihnen zu huldigen. Wie Tim Trageser, der dem windigen Beckenbauer Franz ein so devotes Biopic geschenkt hat, dass nur die karnevaleske Ausstattung peinlicher ist – und somit Historytainment von Dahmer (Netflix) über Winning Time (HBO) bis Pam & Tommy oder Gaslit (Starzplay) noch sehenswerter macht, weil sie anders als Der Kaiser real statt museal wirken.

Platz 6

Landkrimi: Vier (ZDF)

Es gibt Labels, die sind fast böswillig irreführend. Dass Marie Kreutzers Milieustudie Vier unter Landkrimi lief, hat das ORF-Drama um Ursache & Wirkung eines grausigen Leichenfundes nicht verdient. Die Darstellung dörflicher Verhaltensmuster ist so intensiv, dass sie sogar Matti Geschonnecks Rekapitulation faschistischer Verhaltensmuster der Wannseekonferenz an gleicher Stelle übertraf.

Platz 5

Summer of Schlesinger, RBB

Als Arte Mitte 2016 seinen Summer of Scandals feierte, war Patricia Schlesinger zwei Wochen RBB-Intendantin. 2022 feierte der Kulturkanal den Summer of Passion, und zwei Wochen später kollabierte ihr Feudalsystem so hingebungsvoll, dass es die Klima-, Kriegs- und Energiekrise tagelang auf hintere Schlagzeilenplätze verdrängte. Natürlich auch bei Bild TV – der schönsten Pleite des Jahres!

Platz 4

Safe, Neo

In der Ruhe liegt die Kraft – nach dem Grundsatz hat Kino-Regisseurin Caroline Link ihr kinderpsychiatrisches Kammerspiel Safe nach eigenem Buch in aller Stille zum lautstarken Fanal für wahrhaftiges Fernsehen gemacht. Selten zuvor war Kommunikation ohne inszenatorischen Ballast auf schlichtere Art unterhaltsamer, was vier Heranwachsende im Cast acht Teile lang zur Höchstleistung animiert.

Platz 3

The English, Magenta TV

Seit mehr als 100 Jahren gibt es schon Western und so ganz weg war das, was einst „Cowboy & Indianer“ hieß, ja nie. Aber 1883 (Paramount+) und besonders The English haben ihn nun neu definiert. Wie Hugo Blick Emily Blunts blutigen Weg als adlige Rächerin westwärts schildert, ist von der Bildsprache über die Darstellung Eingeborener bis hin zur Tiefenpsychologie fast schon revolutionär.

Platz 2

Der Scheich, Paramount+

Alle Welt will betrogen werden. Daher heißt der Fernsehtrend 2022: „Hochstapler“, die in Serien von WeCrashed über The Dropout oder Inventing Anna bis King of Stonks das Kunststück schaffen, abstoßend und anziehend zu sein. Wobei Dani Levys Version nur letzteres war – schon, weil er den leibhaftigen Loser, der als falscher Scheich die Schweizer Oberschicht blendet, so spürbar liebt.

Platz 1

Oh Hell, Magenta TV

Der schönste Trend zum Schluss: Frauen dürfen auch seriell alles! Im Neo-Drama Becoming Charlie grandios (Lea Drinda) ihr Geschlecht variieren, im Netflix-Feuerwerk Kleo (grandioser: Jella Haase) alte Stasi-Genossen exekutieren, in der Magenta-Groteske Oh Hell (am grandiosesten: Mala Emde) sich und andere heiter bis wolkig betrügen. Auch Hochstapler gibt es nun mit -innen. Toll!


Dani Levy: Alles auf Zucker & Der Scheich

Ich bin ein bipolarer Dienstleister

Dani Levy beim Paramount+ Launch Event im UCI Luxe Mercedes Platz. Berlin, 07.12.2022 *** Dani Levy at the Paramount La

Dani Levy (Foto: Sebastian Gabsch/IMAGO/Future Image) hat seit jeher ein Faible für Betrüger. Im Zehnteiler Der Scheich porträtiert hat er einen für Paramount+, der real existiert und doch unglaublich ist. Ein DWDL-Gespräch über Schein, Sein, menschliche Gier und die Achillesferse des Kapitalismus.

Von Jan Freitag

Herr Levy, wenn man sich Ihre Filme wie Alles auf Zucker oder Die Känguru-Chroniken und jetzt Der Scheich anschaut – haben Sie ein Faible für Dampfplauderer mit der Tendenz zum Blender?

Dani Levy: Meine Liebe für solche Figuren hat aber weniger mit ihren Taten als mit den Persönlichkeiten dahinter zu tun. Viele Blender täuschen aus inneren oder äußeren Zwängen heraus, nicht aus Freude am Betrug. Für die Getäuschten wiederum wird die Lüge zu einer gewünschten Wahrheit. Das faszinierende an dem Thema ist das Spiel mit Schein und Sein.

Eine der Kernfragen des Filmemachens.

Film als solches ist auch eher Schein als Sein. Im Kinofilm Das Leben ist zu lang habe ich mit der Idee experimentiert, dass er sich selbst demontiert. Nachdem die Hauptfigur erkennt, dass sie nur meine Hauptfigur ist, fängt er an, den eigenen Film zu sabotieren. Film will immer geglaubt werden, aber da war die Message an den Zuschauer: du solltest gar nichts glauben. Die Scheinhaftigkeit des Daseins mit seiner Fülle an Möglichkeiten uns unsere eigene Existenz zu erfinden, interessiert mich aber noch aus einem anderen Grund.

Nämlich?

Ob Sie jetzt soziale Medien, Werbung, oder die Politik betrachten: es gibt ja nicht nur die, die täuschen, es gibt vor allem auch die, die getäuscht werden wollen.

Wie in Matrix, wo den Leuten ein schöner Traum lieber ist als die hässliche Realität?

Wer von uns ist davon frei? Der Hochstapler ist lediglich ein begnadeter Wunscherfüller, ein Menschenkenner, der die Opfer mit der richtigen Lüge glücklich machen kann. Die Filmgeschichte ist ja voll legendärer Figuren, die sich verstellen und lügen mussten, um zu überleben. Schon im Stummfilm. Nehmen Sie Buster Keaton oder Charly Chaplin, die haben viele Figuren gespielt, die irgendwo hineingeraten und auf geradem Weg nicht mehr herausgekommen sind. Solche Dilemmata haben mich schon immer fasziniert.

Empfinden Sie sich da als Dienstleister am Publikum, dieses Bedürfnis nach Täuschung gefahrlos zu befriedigen?

Interessanter Gedanke. Wahrscheinlich bin ich ein bipolarer Dienstleister, der die Zuschauerinnen und Zuschauer mit großem Spaß täuscht, ihnen aber umgekehrt klar machen will, wie konkret die Gefahr der Täuschung ist. Ringo, unser Scheich, ist der gutherzigste, ehrlichste, mitfühlendste Betrüger und Lügner, den man sich vorstellen kann. Sozusagen der radikalste Gegenentwurf zu Hochstaplern, die gerade durch Serien geistern. Er will sich nicht mal bereichern, sondern kann niemanden enttäuschen. Als ihn eine Sozialarbeiterin fragt, ob das nicht alles nur in seiner Fantasie geschehe, antwortet er…

Fantasie ist Realität!

Ja. Filmschaffenden erfinden Geschichten und lassen sie die Zuschauer glauben. Das ist unser Beruf. Der Schnitt baut Momente zusammen, die so nicht stattgefunden haben. Drehorte, die Tausende Kilometer auseinander liegen, werden als ein Ort verkauft. Film bedient sich ständig der Lüge, aus Liebe zur Geschichte, die wir erzählen. Das ist das Paradoxe und gleichzeitig das Faszinierende. Aber Film hat eben auch die Kraft, sich selber zu sprengen, sich ständig neu zu erfinden. Das mag die Zuschauer*innen kurz irritieren, macht aber auch großen Spaß.

Ist ihr unterprivilegierter Analphabet Ringo, der sich als Scheich in die Kreise der Superreichen lügt, demnach ein Zerstörer des hyperkapitalistischen Systems, das ihn hofiert, obwohl er nicht dazugehört, oder hält er es mit seinem Betrug sogar am Leben?

Wir haben uns auch gefragt, was ihn eigentlich motiviert, wenn nicht materieller Gewinn. Der Film basiert zwar auf einer wahren Geschichte, aber die Motivation der Originalfigur bleibt bei allem, was wir über sie wissen, unklar. Er hat nicht nur Kontoauszüge mit Milliardentransfers gefälscht, sondern rechtschaffende Menschen aus bürgerlichen Stellen abgeworben, für unglaubliche Gehälter in seine Scheinfirma übernommen und skrupellos an den Abgrund gezogen. Das hat pathologische Züge, die wir Ringo nicht geben wollten. Für mich ist er ein anarchischer Clown, der einen Milliardenbetrug in Gang setzt, aber er hat einen starken moralischen Kompass.

Um ihn als Zuschauer lieben zu können?

Um mit ihm zu leiden und über ihn zu lachen. Er ist ein tragisch-komischer Held in einer tragisch-komischen Serie. Mein Humor entsteht aus der Liebe zu den Figuren. Zudem kenne ich das Problem, nicht nein sagen zu können.

Sie wären betrugsanfällig, wenn Ihnen ein Scheich Millionen dafür böte, sein Palast-Regisseur zu werden?

Ich befürchte, ja. Ich bin ein pathologischer Euphoriker, den man extrem schnell für etwas entzünden kann.

Sind Sie auch ein Zocker, der sich von einer risikolosen Profitaussicht blenden ließe?

Auch da: leider ja.

Rührt Ihre Filmliebe zu Blendern und Dampfplauderern auch daher?

Ich würde Menschen, die sich in einer Zeit, in der wir uns alle gern optimieren oder das Image frisieren, neu erfinden, wie gesagt nicht so nennen. Wenn wir von X Filme Paramount+ eine Serie verkaufen, nehme ich auch die Rolle des Traumerfüllers ein. Sie haben sich eine starke deutsche Serie gewünscht, um ihre Plattform zu eröffnen, und ich habe sie ihnen versprochen. In Momenten von Selbstzweifeln, die ich danach natürlich auch manchmal hatte, komme ich mir dann auch wie ein Hochstapler vor. Aber die Geschichte hat mich schon Jahre begleitet, auch wegen ihrer politischen Sprengkraft, und ich wollte sie einfach erzählen.

Welche politische Sprengkraft?

Der Scheich agiert zutiefst subversiv, weil er die Gier des Kapitalismus vorführt, die pure Behauptung von viel Geld öffnet alle Schleusen. Auch in ihrem Schwarzwald-Dorf sind Ringo und seine Frau Carla Outlaws, die sich gegen die patriarchale Macht ihrer Familie gestellt haben und deshalb vertrieben werden sollen.

Könnte man Ihre Haltung mit der Serie antikapitalistisch nennen?

Gegen den Kapitalismus können wir nichts mehr tun, der Zug ist seit langem abgefahren, aber er hat seine Achillesfersen, und eine davon ist die Gier, sein religiöser Fanatismus. Ringo und Carla kämpfen mit Fantasie und allen Tricks gegen ihre Versklavung; dafür haben sie meine volle Liebe und Solidarität. Im besten Fall ist eine Serie wie Der Scheich ein Störfeuer im System.

Hätte dieses Störfeuer auch ein Film werden können oder war es stets als Serie geplant?

Ich wollte ursprünglich daraus einen Kinofilm machen, das stimmt, aber es hat sich schnell rauskristallisiert, dass der Stoff besser als Serie taugt. Zudem liebe ich Serien seit Jahrzehnten und es war nur eine Frage der Zeit, selber eine zu machen.

Und wie war’s?

Viel Arbeit, aber auch großer Reichtum an Möglichkeiten. Ich mag ja, wenn’s schwierig wird, ich mag auch, wenn’s chaotisch ist, vor allem aber mag ich’s komplex. Denn während man im Film oft Entscheidungen für Einzelaspekte treffen muss, kann man in Serien mehr reinpacken, muss also weniger weglassen. Meinem Gefühl nach ist in Serien mehr erlaubt. Als Kind von Arthouse-Filmen versuche ich diese zerfledderte Fahne zwar weiter hochzuhalten, aber die Befreiung vom kommerziellen Druck gelingt in Serien, insbesondere auf Streamingportalen, gerade besser.

Ist da nicht der Wunsch Vater des Gedankens?

Nein, aus meiner Sicht wird in Serien zurzeit so viel experimentiert wie einst im Arthaus. Und zwar mit Rückkopplungseffekten auf Filme, die stilistisch, inhaltlich, philosophisch lang stagniert hatten und sich im Sog der Serien nun fortentwickeln. Die Psychologisierung einer Mafiafamilie wie bei den Sopranos bis tief ins Komödiantische: von dieser Experimentierfreude profitiert auch das Kino, das ist eine Wechselwirkung, die man zuletzt bei Fargo als Serie bewundern konnte.

Haben Sie demnach Serienblut geleckt oder sagen jetzt erst recht: Kino!

Momentan möchte ich schon deshalb wieder was fürs Kino machen, weil es der schönste Ort ist, einen Film zu sehen, und weil ich helfen will, es am Leben zu erhalten. Trotzdem habe ich Serienblut geleckt. Für mich ist Der Scheich ein exzessiver sechsstündiger Film.


Führerkult & Emirglaube

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. Dezember

Die WM ist aus und während viele wohl na endlich sagen, sagen andere Gott sei Dank, während der Rest ohnehin verdrängt, dass es je eine gab. Schließlich war Katar aus medienpolitischer Sicht ein Ort, an dem aus Starkult (Mbappé) ein Führerkult (Messi), Bildmacht zur handfesten Zensur und der Fußball damit unwiderruflich feudal geworden ist. Feudal war allerdings auch ein eurozentristischer Blick auf den arabischen Raum, der dabei gelegentlich romantisiert (Marokko) wurde, aber noch häufiger (Katar) verteufelt.

Für Differenzierungen, etwa die sichtbaren Entwicklungsschritte verglichen mit der ungeschorenen WM im (schon 2018 faschistoiden) Vorgänger-Ausrichter Russland, waren beim Gros der Begleittöne ebenso wenig Platz wie für (nicht grundsätzlich verwerflichen) Whataboutism historischer Verfehlungen, die insbesondere Europa mitschuldig machen an Despotien wie der katarischen. All das haben deutsche Dokus wie die von Jochen Breyer bei aller Erkenntnis zu wenig beleuchtet. Und damit zum zweiten Abschied der letzten WM-Woche.

Béla Réthy hat sein letztes Spiel kommentiert. Und obwohl viele nach 15 Großturnieren nun sicher na endlich sagen oder andere Gott sei Dank, dürfte es der Rest im Nachhinein zu schätzen wissen, wie wohldosiert der frischgebackene Pensionär 30 Jahre lang Sport und Politik ins richtige Verhältnis gesetzt hatte. Denn während sein Kollegium noch über Homophobie, Arbeitsbedingungen, Überfluss und Korruption in Katar klagten, hat das ZDF allen Ernstes Werbespots fürs totalitäre Saudi-Arabien geschaltet.

Der totalitäre Elon Musk hat unterdessen Werbung für Qanon getwittert und acht Journalist:innen von CNN bis NYT gesperrt. Angeblich, weil sie ihn gedoxxt hätten, tatsächlich, da sein kommunikativer Liberalismus vor der eigenen Haustür endet. Deutsche Mediennews sind hingegen von drolliger Arglosigkeit. Frank Plasbergs Nachfolger Louis Klamroth zum Beispiel ist mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer liiert, was flugs Vorwürfe der Voreingenommenheit nach sich zog. Und die Paramount-Plattform Pluto eröffnet einen Kanal nur für alte Folgen von TV total.

Die Frischwoche

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19. – 25. Dezember

Was aber nicht heißt, dass Paramount+ nicht auch Streaming von Belang machen kann. Allem voran: Der Scheich, eine zehnteilige Seriengroteske die – wie das Portal schreibt – auf „wahren Lügen“ basiert. Nach eigenem Buch porträtiert Dani Levy einen real existierenden Betrüger, der sich als milliardenschwerer Sohn eines Emirs ausgegeben und das Schweizer Finanzsystem damit in Existenznot gebracht hatte.

Die Version des Hochstapelfans Levy (Alles auf Zucker) ist ab Donnerstag um einiges absurder als die Wirklichkeit – schon, weil sie die Titelfigur zum analphabetischen Impulstäter mit attraktiver Frau (Petra Schmidt-Schaller) macht. Trotzdem verleiht ihr Björn Meyer eine Wahrhaftigkeit, die bei aller Heiterkeit zu Hirn und Herzen geht. Auf ähnlich unglaubliche Art ergreifend ist die siebenteilige Real-Crime-Fiktion Under the Banner of Heaven, die Disney+ hierzulande deppert zu Mord im Auftrag Gottes macht.

Obwohl Gott (schon mangels nachweisbarer Existenz) keine Direktiven erteil, gibt es hier religiös motivierte Tötungsdelikte unter Mormonen der Achtziger, die ausgerechnet ihr uniformierter Glaubensbruder (Andrew Garfield) ermittelt. Das Resultat ist eine fundamental-christliche Version von True Detective, die Amerikas aktuelle Spaltung erklärt und trotz einiger Längen ungeheuer fesselt.

Das gilt wohl auch für den Netflix-Krimi Glass Onion mit Daniel Craig als Superdetektiv, der Freitag nach kurzer Kinoauswertung aufs Portal kommt. Sicher gilt es auch für Billy the Kid, mit dem Paramount+ tags zuvor die ewig schäumende Westernwelle weiter reitet. Und zumindest für alte weiße Incels und Klimawandelleugner, für Genderwahn-Schreihälse und überhaupt all jene, denen mitteleuropäische Männerprivilegien wichtiger sind als Gleichberechtigung oder Nachhaltigkeit, zeigt die ARD am Donnerstag den Jahresrückblick von Dieter Nuhr, wichtigstes Comedy-Ziel: Greta und die Klimakleber. Bruhaahaaaahhh.


Nina Hagen, Shitney Beers, Isafjørd

Nina Hagen

Es ist ja nicht so, dass Boomer leicht überhörbar wären. Ständig erheben sie ungefragt ihre Stimmen, ständig klingen die dabei ein bisschen lauter als nötig, ständig wollen sie den Generationen XY,Z damit eine Welt erklären, aus der sie längst rausgeschrumpelt sind. Ist es im Lichtkegel dieser geriatrischen Selbstbeweihräucherung also ratsam, ausgerechnet Nina Hagen beim wilden Ritt durchs Panoptikum fremder Musikstile zu folgen? Antwort, so aus Nach-Boomer-Sicht: Unbedingt.

Auf ihrer neuen Platte Unity, der ersten seit 2011, grabbelt Nina Hagen gierig im Wühltisch diverser Genres. Fischt hier mal ein Stück Future-Funk aus dem Haufen, dort ein paar Fetzen Space-Dub, macht aus der sozialistischen Country-Hymne 16 Tons Big Beat, aus dem Atomwaffensperrvertrag Electrotrash, und immer pöbelt sich ihr Punkbariton durch gediegene Disharmonien, als hätte sie alle Nachkriegsgenerationen in sich. Das Resultat: feministischer Experimentalpop, von dem die sich Jüngere noch was abgucken können.

Nina Hagen – Unity (Grönland Records)

Shitney Beers

Und damit zum musikalischen Feminismus jüngerer, viel viel jüngerer Herkunft. Das Hamburger ungefähr Quin- bis Sextett Shitney Bears macht seit ein paar Jahren schon brachialharmonischen, genderfluiden, befreiungssexualisierten, hinreißend unzusammenhängenden Noise-Pop, der sich unablässig selbst überholt, nur um einen Track weiter schon wieder auf der Bremse zu stehen, als würden Mouldy Peaches alle paar Minuten Upper auf Downer klinken oder umgekehrt. Und apropos Peaches Style.

Auf ihrer gleichnamigen Singleauskopplung kombinieren sie den hypersexualisierten Discotechno der kanadischen Berlinerin mit einer Art countryfolkigem Bedroom-Punk, um einen manisch-depressiven Schmerz wegzuficken, den offenbar andere haben – so heiter, statt wolkig klingen selbst ihre Balladen. Geht aber nicht nur um Sex, geht beim benachbarten Label Grand Hotel van Cleef zwölf Stücke lang auch noch um alles und gar nichts, was der Albumtitel This Is Pop perfekt in drei Worte fasst.

Shitney Beers – This Is Pop (Grand Hotel van Cleef)

Isafjørd

Und damit zum Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, und nein – zumindest im Verhältnis Bevölkerungsgröße zum popkulturellen Output ist das nicht die USA, sondern Island, dieser heißen Quelle verschrobener Electronica-Variationen. Benannt nach einem Nest in den windumtosten Westfjorden namens Ísafjörður machen Isafjørd eine Form von schwelgerisch orchestralem Alternativerock zwischen Schüchternheit und Selbstüberwältigung, der fast zu schön ist, um wahr zu sein.

Auf Hjartastjak unterfüttern Aðalbjörn Addi Tryggvason und Ragnar Zolberg ihre Flächen so melancholisch mit verhallendem Piano oder stilisierten Geigenteppichen, dass der emotional zerzauste Gesang darüber fast schon zu viel Pathos enthält fürs Anspruchsdenken an isländischen Sound. Der Gitarren-Tinnitus aber, dieses psychotische Hintergrundrauschen, holt die meisten der acht Stücke wieder auf den Boden Reykjaviks zurück und liefert uns krautrockigen Emocore von seltener Vielschichtigkeit.

IsafjørdHjartastjak (Svart Records)


Fernehwesternwelle: 1883 & The English

Totgesagte töten länger

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Western gibt es seit 120 Jahren und wurden seither ständig rituell beerdigt. Gleich zwei opulente Serien – 1883 bei Paramount+ und The English auf MagentaTV – aber belegen eindrucksvoll: „Cowboys und Indianer“, wie man früher sagte, sind mediale Überlebenskünstler.

Von Jan Freitag

Es gibt kein Film- und Fernsehgenre, das öfter totgesagt und wiederbelebt wurde als der Western. Zu schwarzweißer bis technicolorbunter Zeit die Essenz einsamer Überlebenskämpfe in feindseliger Umgebung, kamen Cowboys und (damals noch statthaft) Indianer Ende der Fünfziger außer Mode, wurden Mitte der Sechziger von Sergio Leone reanimiert und fielen Ende der Siebziger ins Koma, aus dem sie 1990 Costners Der mit dem Wolf tanzt holte.

Es war das Anschwellen weiterer Wellen, auf denen vor Jarmusch (Dead Man) oder Tarantino (Django Unchained) ein Fernsehformat nach Westen ritt, mit dem sich 2003 auch am Bildschirm alles änderte. 100 Jahre nach Der große Eisenbahnraub stellte das real existierende Deadwood die US-Zivilisation von 1877 dar, wie sie mit jedem Kilometer landeinwärts wirklich wurde: gesetzlos, dreckig, darwinistisch, also tödlich wie jenes Fort Worth, wo gerade die neuste Westernwoge brandet.

Mit Frau (Faith Hill) und Kind (Isabel May) führt James Dutton (Tim MacGraw) deutsche Immigranten aus der texanischen Wüste ins fruchtbare Montana, und wem der Name bekannt vorkommt: es ist ein Urahn jenes Patriarchen, den Kevin Costner im Neowestern „Yellowstone“ einige Generationen später zum Welterfolg machte. Zum Start von Paramount+ erzählt 1883 nun die Vorgeschichte der Großgrunddynastie. Und wie in den vier Staffeln von heute, tut es Showrunner Taylor Sheridan in der zehn Folgen von gestern mit einer Bild- und Tonsprache, die sich nicht meilenweit, sondern kontinentbreit vom früheren Genre entfernt.

Schon zu Beginn zoomt Regisseur Ben Richardson nicht auf frisch rasierte Cowboys in gebügelter Weste; minutenlang filmt er die junge Elsa Dutton im Staub der „Great Plains“. Solche Bezeichnungen, sagt sie im Staub der endlosen Steppe, hätten sich „Professoren umgeben von Ideen der Ordnung“ ausgedacht, „aber um sie zu verstehen, muss man sie durchqueren, in ihren Dreck bluten“. Und das machen nahezu alle Charaktere fast pausenlos. Auf dem Treck gen Norden herrscht bestenfalls Faust-, meist aber Standrecht, das Beteiligte wie Unbeteiligte noch schneller unter die Erde bringt als Hunger, Kojoten, Unfälle und Schlangen.

Der Tod, lautet die Botschaft des neuesten Revivals, ist das einzige, worauf sich europäische Siedler und ihre Begleiter auf dem Weg durchs gelobte Land verlassen dürfen. Und wer sich nicht bewaffnet, zweite Message, hat schon verloren – was beiläufig einiges über die schießwütigen USA der Trump-Ära sagt. Das in dieser Drastik zu zeigen, animiert Superstars wie Tom Hanks (2020 mit dem Netflix-Film News of the World in derselben Zeit tätig) zur winzigen Nebenrolle und steckt auch in der zweiten großen Serie des neuen Kinos Fernsehen.

Zwei Wochen früher (und vier vorm Start der Paramount-Version von „Billy the Kid“) ist bei Magenta ein wahres Meisterwerk angelaufen. The English schildert das Los der englischen Aristokratin Cornelia Locke (Emily Blunt), die dem angeblichen Mörder ihres Sohnes nach Amerika folgt. Finanziell sorglos, aber ohne Prärie-Erfahrung, begleitet sie der indigene Armeescout Eli (Chaske Spencer) ins Ungewisse und erlebt dort dieselben Gewaltexzesse wie ein Portal weiter Familie Dutton.

Wildnis, Rache, Lagerfeuer: die Konstellation erinnert verteufelt an John Fords Kavallerieexpeditionen im Monument Valley – würde Showrunner Hugo Bick nicht aus jeder Szene ein sprechendes Gemälde machen, das Kameramann Arnau Valls Colomer in die originellsten Töne, Bilder, Perspektiven taucht und nebenbei das Leben der Ureinwohner authentischer erzählt als alle alten Western zusammen. Und das wie bei 1883 in einer Langsamkeit, die mit dem zurückhaltenden Soundtrack um Deutungshoheit ringt. Gewinner ist das Publikum. Und ihr beharrlichstes Genre.

The English – 6 x 45 Minuten, seit 26. November, Magenta TV

1883 – 10 x 60 Minuten, ab 14. Dezember, Paramount+


Harry & Meghan: Porträt & Publicity

Feudale Selbstbelagerung

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In der sechsteiligen Netflix-Doku Harry & Meghan (Foto: Netflix) beklagen die verstoßenen Windsors ihr Leben im Lichtkegel der Kamerass – und nutzen für ihre Generalabrechnung, genau zu Eigenreklamezwecken: das die Lichtkegel der Kameras

Von Jan Freitag

Wer hoch fliegt, kann tief fallen, oder um es mit dem buchstäblich großen Boulevardsophisten Mathias Döpfner zu sagen: Wer mit irgendwem irgendwomit aufwärtsfährt, fährt irgendwann wieder abwärts, und nur, weil er/sie/es dort oben alles hatten, schön und reich waren, womöglich gar mächtig, muss es unten nicht besser sein als für all jene, die dort endemisch sind. Das gilt also auch „Harry & Meghan“. Nur dass es bei den Titelfiguren der gleichnamigen Netfix-Serie Auslegungssache bleibt, wo sie drei Jahre nach ihrem Rückzug aus der schrecklichsten Familie neben den Trumps gerade heimisch sind: im Himmel, auf Erden, darunter?

Regisseurin Liz Garbus scheint in den ersten drei der 300 Minuten Doppelporträt eine Antwort zu liefern: am Höllenschlund – so wie das hochgestiegene, tiefgefallene Prinzenpaar aus seiner maßgeschneiderten Wäsche blickt. In groben Smartphonevideos sieht man den Königssohn in der Windsor-Suite eines Londoner Flughafens klagen, wie schrecklich die Monate vorm Entzug königlicher Privilegien für ihn waren, bevor seine Frau im kanadischen Luxusexil mit Meerblick und tränenerstickter Stimme hinzufügt, weil „ihnen nichts heilig ist, zerstören sie uns“.

Soweit der Einstieg einer Doku, die schon lang vor ihrer Ausstrahlung turmhohe Wellen schlug. Und nun, da sie einem Tsunami gleich um den Globus rollen, da statt werbewirksamer Trailer die ersten drei von sechs Teilen zu sehen sind, kann man sich ein eigenes Bild vom Standort des tiefgestiegenen, hochgefallenen PR-Produkts aus der himmlischen Hölle ihres Wolkenkuckucksheimes im Säurebad der Boulevardpresse machen. Und das ist trotz nerviger Pianotupfen, die uns von Anfang an melodramatisch infiltrieren, nicht nur sehenswert, sondern erhellend.

Schließlich erleben wir Harry & Meghan dabei, sich kennen, lieben und ängstigen zu lernen. Wir folgen dem dackelsüßen Duke of Essex in die Vergangenheit seiner ebenso behüteten wie beäugten Kindheit. Wir sehen seine afroamerikanische Prinzessin beim Weg aus ihrer ebenso bürgerlichen wie elitären Hollywoodblase in den rassistischen Buckingham Palace. Wir begleiten beide zwischen Safari und Charity-Gala auf der Flucht vor Paparazzi, was sie Liz Garbus in lässiger Sofa-Atmosphäre schildern, als wären es gewöhnliche Erinnerungen.

Dabei sind es Zeugnisse eines fortwährenden Ausnahmezustandes, den die Emmy-dekorierte Filmemacherin mit einer halben Armada Co-Regisseure routiniert zur Gesellschaftsstudie montiert. Schuld an der Misere einer klassen- wie rassenübergreifenden Lovestory, daran lässt das Format keinen Zweifel, sind schließlich wir, die Medien, ein Beruf also, dem die vielen Talking Heads der Serie nur gelegentlich das englische „Tabloid“ für „Boulevard“ voranstellen. Ansonsten steht Journalismus hier pauschal für das Böse.

In Zeiten royalistischer bis reichsdeutscher „Lügenpresse“-Krakeeler ist das allerdings nur der gefährlichste Makel dieser vielbeachteten Serie. Flankiert wird er vom unreflektierten Blickwinkel zweier Objekte, die sich als Subjekte öffentlicher Aufdringlichkeit geben, um ihren Teufel sodann mit dem Beelzebub auszutreiben. Denn während das (höchst sympathische) Dreamteam seine Belagerung durch Schundblätter von „Sun“ bis „Daily Telegraph“, pardon: „die Medien“ beklagt, bläst es mit einem Videoblog zur Gegenoffensive, in dem sich H&M – genau – für alle ständig selbst beobachten.

Weil ihnen die Selbstbelagerung angeblich „Kontrolle über unser Leben“ zurückgeben soll, klingt das Löschen des Feuers mit Feuer sogar recht glaubhaft – wäre es nicht Teil einer PR-Kampagne inklusive Autobiografie im Januar, die angesichts gekürzter Apanage einen ordinär luxuriösen Lebensstil finanzieren hilft. Und auch das röche weniger streng, würde(n) „Harry & Meghan“ auch nur ein einziges annähernd kritisches Wort über den unverdienten Reichtum des antidemokratischen Feudalsystems Erbadel verlieren, der beiden bis heute ein Leben im Überfluss finanziert.

Stattdessen erleben wir zwei Boulevardmedientäteropfer beim Wehklagen über ein parasitäres Biotop, das hiermit keinesfalls verteidigt werden soll. Aber wer sechs beispiellos unterhaltsame, virtuos geschnittene, über die Maße auskunftsfreudige Episoden Insider-Wissen sieht, sollte sich klarmachen: unter all den Problemen dieser krisengeschüttelten Welt, haben „Harry & Meghan“ eines, das geschätzte 7,95 Milliarden Erdbewohner nur zu gerne hätten.


Krömers Abschied & Kaisers Unschuld

Die Gebrauchtwoche

TV

5. – 11. Dezember

Bob ist tot, Bob, der mir – sorry, für den Ausflug ins Autobiografische – erklärte, dass Schönheit relativ ist und Anderssein bereichernd. Bob, der mit Monstern in Mülltonnen genauso gut konnte wie mit Kindern jeder Art. Bob, ein Erwachsener mit Geduld, aber ohne hohen Zeigefinger. Bob, der vor Herrn Hubers Krämerladen einer Straße aus Sesam durch die Welt reiste und doch auf dem Teppich blieb. Bob McGraw ist tot und hat mich nochmals zu Tränen gerührt – nicht, weil er gestorben ist, sondern weil er gelebt hat.

Dass Christiane Hörbiger zeitgleich mit 85 fünf Jahre jünger als Bob von uns gegangen ist, ging mir zwar nicht so nahe, hat aber eine ähnlich prägende Zeit beerdigt: Die 80er, als der Spross einer großen Schauspielsippe mit den Guldenburgs ebenfalls Fernsehgeschichte schrieb. Und wo wir grad bei Nachrufen mit privater Note sind: Dass der einzig bekennende Trump-Fan im seriösen Hollywood – Kirstie Alley – mit Anfang 70 gestorben ist, nehmen die freitagsmedien eher gelassen zur Kenntnis.

Viel Gelassenheit hätte man auch Chez Kurt Krömer gewünscht, der ein Verhör von Faisal Kawusi erst abbrach und dann versprach, sein Sendungskonzept nochmals zu überdenken, was in der Entscheidung mündete, es ganz zu lassen. Hätte er das mal früher getan, denn Krömers Art Interview hat dem Journalismus vielleicht mehr geschadet als all diese Arschlöcher, denen er Bühnen bot, um darauf häufig das größte zu sein. Also: Tschüss Kurt, du brauchst nicht wiederkommen.

Darauf scheint es derweil auch Donald Trump anzulegen, wo wie er auf seiner eigenen Plattform zum offenen Verfassungsbruch aufrief, was womöglich selbst der treuen Fan-Base Bild zu radikal ist, wo dem schlingernden Chefredakteur Johannes Boie gerade Robert Schneider vom, wie hieß dieses Corporate-Publishing-Blatt der Medizinbranche noch – ach ja: Focus, zur Seite gestellt wird, vorher aber, kein Witz, zum Drogentest muss.

Den mussten Führungskräfte öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten nie machen, sondern hätten sich ARZDF wohl das ein oder andere Nero-Syndrom an der Spitze erspart. Dessen ungeachtet hat ein externer Untersuchungsbericht den NDR vom Vorwurf politischer Einflussnahme entlastet, während der RBB mit Susann Lange das nächste Direktionsmitglied – offenbar mit üppiger Pension – freistellen musste. Apropos Abgang: dass die Kameras nach dem sensationellen Halbfinaleinzug Marokkos zwei Minuten ausschließlich Cristiano Ronaldo statt jubelnder Fans und Spieler zeigte, zeugt davon, wie egal der FIFA Fußball ist.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

12. – 18. Dezember

Und damit zurück zur Realität, obwohl – nee, doch nur zu ihrer Simulation: Vorigen Freitag ist die sechsteilige Doku Harry & Meghan gestartet, von der Netflix wie so oft vorab keine Bilder zur journalistischen Kritik bereitstellte. Vielleicht ja deshalb, weil es gar keine Doku ist, sondern ein mehr als fünfstündiger Werbeclip für zwei wohlstandsverwahrloste Subjekte eines undemokratischen Feudalsystems beim Versuch, sich als Opfer zu präsentieren.

Da steckt ja mehr Realismus in 1883, Serienprequel von Kevin Costners Farmer-Saga Yellowstone, mit dem Paramount+ ab Mittwoch das 38. Westernrevival fortsetzt und fiktional diskutiert, wie die USA ein so waffenstarrendes, gewaltverliebtes Land wurden. Sehr frei legt Sky zwei Tage später auch die Existenz Franz Beckenbauers aus. Im Biopic Der Kaiser darf er sich schließlich mit Charme & Chuzpe durch die ersten 27 Karrierejahre schlawinern, ohne Korruption oder Menschenverachtung im Anschluss zu erwähnen.

Ob die Serienfortsetzung von Sisi bei RTL+ dem kaiserlichen Original zeitgleich näherkommt als die Filme der Fifties bleibt dagegen Spekulation, aber aufregender ist sie schon. So wie die zweite Staffel der Agentenserie Hamilton, ab heute bei ZDFneo. So wie der Real-Crime-Fünfteiler Mord im Auftrag Gottes ab Mittwoch bei Disney+. So wie der KI-Roadtrip All die ungesagten Worte tags drauf bei Lionsgate aka. Starzplay. Und so wie die Fortsetzung der hinreißenden Sky-Serie Die Wespe mit Florian Lukas als Dartspieler sowieso.

Ob das auch für beiden Fitzek-Verfilmungen Auris ab morgen bei RTL+ gilt, darf hingegen bezweifelt werden, denn der Bestseller-Fabrikant sorgt ja doch eher für aufdringliches Fernsehentertainment. Also zum Schluss noch ein Realtipp: Alles ist Eins, außer der 0 (0.20 Uhr ARD), das Porträt vom Chaos Computer Club, vor fast 40 Jahren gegründet in Hamburg.


Widerstand 2022 & Western 1883

Die Gebrauchtwoche

TV

28. November – 4. Dezember

Endlich Frieden, endlich Freiheit, endlich Ruhe, Recht und Ordnung: kaum hat sich die deutsche Fußballnationalmannschaft mit ihrer selbstmörderischen Hand-vor-Mund-Geste und der anschließenden Abreise aus Katar revolutionäre Zeichen gesetzt gegen das fundamentalreligiöse Regime, wurden dort alle homophoben Gesetze aufgehoben, Frauen gleichgestellt und sämtliche Fifa-Funktionäre in Haft genommen, um sie wegen Korruption zu belangen.

Wären das die Schlagzeilen der vergangenen Woche, würden wir in der laufenden womöglich Bilder wie jene vom aufgeheizten Spiel der USA gegen Iran sehen, wo es politische Rangeleien und Parolen auf den Rängen gab, die dem Fernsehpublikum schon deshalb verborgen bleiben, weil Katar und Fifa sie zensiert haben. Ein Flitzer mit Regenbogenfahne blieb dem Weltbild da ebenso verborgen wie leere, leise, öde Tribünen einer Veranstaltung, die Gianni Infantino dennoch zur besten ever erklären wird.

Bei Twitter zum Beispiel, das sich gerade in Windeseile zum Sprachrohr rechtspopulistischer Extremisten wie Elon Musk selber entwickelt, der darauf nun Apple den Krieg erklärt. Angeblicher Grund: weil das Tech-Unternehmen keine Werbung mehr bei Twitter lancieren will und – faselt der reichste Mann der Welt – die zugehörige App vom iPhone verbannen. Interessant, dass Jan Böhmermanns Hashtag der Woche immer noch auf Musks totalitärer Plattform läuft.

#rafdp hieß jener von vorvoriger Woche, der wieder mal wilde Debatten nach sich gezogen hat. Diesmal, weil sein ZDF Magazin Royal die FDP satirisch mit der RAF gleichgesetzt hatte. Kann, aber muss man nicht witzig finden, ist allerdings exakt derselbe Vergleich, den CSU/AfD zur blutrünstigen Terrorbande Letzte Generation zieht – und zwar ohne zu lachen… Selbst Die Zeit gönnte dem Streit daher ein ganzseitiges Pro & Contra von Martin Hagen und Hendrik Streeck.

Für & Wider vom RBB-Medienhaus haben sich dagegen erledigt: Kurz, nachdem der schwer machtmissbrauchsverdächtige Programmchef Jan Schulte-Kellinghaus in aller Stille zurückgetreten ist, wurde das Ende des völlig überteuerten Prachtbaus bekanntgegeben. Und das kurz, bevor dem Funkhaus mit Paramount+ am Donnerstag ein weiterer Streamingdienst Zuschauer*innen abspenstig macht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

5. – 11. Dezember

Zum Sendeauftakt zeigt das Portal, auf dem sich künftig auch Formate von CBS, Showtime, Nickelodeon oder Pluto TV zählen, Halo, Strange New World oder The Man Who Fell to Earth gleich mal einen SciFi-Block, begleitet von einem Mystery-Block (From, Evil, Yellowjackets). Maßgeblicher jedoch ist die Fortsetzung des 24. Western-Booms, den Magenta-TV vor acht Tagen mit The English eingeleitet hatte.

Paramount+ setzt es nun mit dem sensationell erfolgreichen Prequel der US-Saga Yellowstone fort, in der Kevin Costner eine Art Montana-JR spielt. 1883 begibt sich nun auf die Spur seiner Ahnen, die im titelgebenden Jahr nordwestwärts ziehen und dabei eine Spur der Verwüstung nach sich ziehen. Mit Gaststars von Tom Hanks bis Billy Bob Thornton ist die Serie zwar verblüffend konventionell ausgestattet, diskutiert aber auf interessante Art, warum die USA zum waffenstarrend egoistischen Land von heute werden konnte.

Aber auch, welches Unrecht es auf dem Weg dorthin begleitet hat. Das Menschheitsverbrechen der Leibeigenschaft zum Beispiel, dem Apple TV+ ab Freitag ein opulentes Filmdrama namens Emancipation mit Will Smith als entflohener Sklave widmet. In Deutschland beginnt derweil die Phase der vorweihnachtlichen Feel-Good-Movies. Angefangen mit dem nächsten ARD-Auftritt von Armin Rohde und Ludger Pistor als Fleischbäcker Günther Kuballa und Wolfgang Krettek, diesmal im Mittwochsfilm Die Weihnachtsschnitzel, gefolgt von der Amazon-Serie Friedliche Weihnachten ab Freitag.

Eine sehr reiche Sippe Snobs verbringt die Festtage darin mit einer eher armen Sippe Asis, was nur hierzulande jemand witzig findet. Ebenfalls nur hierzulande denkbar: dass ein Windei wie Johann Theodor von und zu und auf und im Guttenberg nach seiner missratenen Karriere als klassenbewusster Politclown am Sonntag mit Thomas Gottschalk den RTL-Jahresrückblick moderiert. Liebes Christkind: wir wünschen Privatsendern Hirn mit Rückgrat.

Und dann ist natürlich noch der neue Podcast Och eine noch online, mit Wissenswertem zu einigen der oben besprochenen Themen wie 1883 oder Friedliche Weihnachten