2 Bier – 1 Platte

Fayzen & Torch

Viele nennen Fayzeneinen Newcomer. Das ist falsch. Das gerade erschienene Gerne allein ist zwar erst sein zweites Album, Musik macht er aber schon seit seiner frühen Jugend. Da hat er einfach mit seiner Crew auf der Straße gerappt. Seine ersten 20.000 Mixtapes hat er dann auch genau da verkauft – in der Fußgängerzone. In seinem jetzigen Singer/Songwriter-Spoken-Word-Superpop hört man diese Wurzeln raus. Zum Glück! Denn seine Vorbilder waren die ganz Großen (und großartigen), wie er bei erkältungsbedingtem Ingwertee und Bier (für die Kolumnistin) erzählt.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Wie möchtest Du eigentlich angesprochen werden? Fayzen? Farsad?

Fayzen: Ich finde beide Namen cool. Die Leute nennen mich Farsad, Farsi, Fayzi, Fayzen – alles schon fast gleich oft. In so einem Interview ist es vielleicht eher irritierend, wenn du mich plötzlich Farsad nennst.

Dann bleiben wir doch einfach bei Fayzen. Es soll heute um deine Lieblingsplatte gehen. Welche hast du dir ausgesucht?

Es ist echt schwer sich für die eine Platte zu entscheiden. Aber ich werde Blauer Samt von Torch nehmen, denke ich.

Blauer Samt erschien 2000 als erstes und bislang einziges Torch-Album. Der 23-Tracks-Schinken gilt als eines der einflussreichsten deutschen Rap-Alben. Wer wissen will, wovon sich Torch bei der Entstehung seines Albums hat inspirieren lassen, dem sei der Mix The Torch With The Blue Flame empfohlen.

Warum?

Es war einfach das erste HipHop-Album, das mich voll erwischt hat und für mich bis heute viel mehr als nur ein Lebensgefühl verkörpert. Im Hip Hop geht es jaoft um einen gewissen Lifestyle. Ob das jetzt in Gangster-Rhymes oder Partytracks ist, es wird ein bestimmtes Gefühl verkauft. Für mich ist Blauer Samt das erste deutschsprachige Rap-Album gewesen, das dieses Verkaufen eines Gefühls durch richtig viel Persönlichkeit ersetzt. Es ist einfach so persönlich, dass man oft auch gar nicht genau versteht worüber er eigentlich gerade rappt. Und Torch gibt auch einen Fick drauf, das zu erklären.

Was hast Du denn so rausgehört?

Es geht viel um Liebe, aber auch um Politik. Das hat mich auch total geflasht. Ich habe es vorher noch nie erlebt, dass jemand es so unfassbar gut hinbekommt, so verschiedene Themen auf geile Art und Weise zu vereinen.

Die Themen sind eigentlich nicht besonders ungewöhnlich.

Nein, aber die Art, wie er beides so komplett persönlich und detailliert bearbeitet ist ungewöhnlich. Das hat es so vorher einfach noch nicht gegeben. Und obwohl oder vielleicht auch weil es so persönlich und speziell ist, kann man das hören und sich in die Geschichte reinversetzen. Ich meine, ich war damals 17 oder so. Ich habe gedacht, keiner versteht mich und alle anderen sind dumm, ich war total anti. Wie man halt so tickt mit 17. Und dann habe ich Torch gehört und gedacht: Krass, damit kann ich mich identifizieren! Vielleicht sind die Geschichten, die wir Menschen erleben, doch gar nicht so unterschiedlich.

Mit HipHop hat es bei dir ja angefangen. Kanntest du Torch deshalb schon vor Blauer Samt?

Wir haben ganz am Anfang ja nur gefreestyled. Wir waren der Meinung, dass wir mit Freestyle erstmal durch eine Schule gehen müssen, unseren Style finden und schleifen. Wir waren da wirklich sehr radikal. Es gab reale und wacke HipHopper. Torch war auch immer einer, der die „echte“ HipHop-Fahne hochgehalten hat, für uns auf jeden Fall. Er war auch durchs freestylen bekannt und für uns echt so eine Art Gott oder Meister.

Und dann kam das Album…

Und dann kam das Album raus und es war so: Boom! Krass! Allein das Intro ist ja schon total heftig, es heißt Kapitel 29.

Torch – Kapitel 29

“Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts!”
Kapitel 29. gewidmet an einen guten Freund
Frederik Hahn, wo immer du auch bist, dieser Track ist für dich…


Wie löse ich die Vergangenheit von der Gegenwart?
Vergesst die Zukunft,
das ist die Zeit in der ihr eben wart
Auf jeden Fall ist das Leben hart,
doch es wird erträglicher
Wenn man den Geist massiert,
deswegen les’ ich ja
Wenig zwar, aber die Quellen der Inspiration
Sind ausschlaggebend für meine Motivation.
Ich banne Phasen meines Lebens auf einen Beat,
Lass Musik dorthin gehen wohin mein Geist mich zieht
Schalt die Lichter auf mich alle Scheinwerfer an
Und lasst mich reden,
hier kommen 3 Minuten aus meinem Leben

Dürrer Junge, lockiges Haar
viel zu viel Energie

wusste nicht wie die Gesellschaft war
Es war nicht immer leicht,
welchen Weg soll ich gehen
Lauf ich links, lauf ich rechts, oder bleib ich stehen
Freunde waren auf Heroin
ich blieb meiner Droge treu
denn Texte schreiben befreit,
da bleibt jeder Trip wie neu,
im Leben bleibt nichts, aber auch nichts bestehen,
denn am Tag an dem wir gehen werden wir nichts mit uns nehmen

alles vergeht, alles verweht irgendwann hab ich erkannt
dass sich die Erde ohne mich noch weiterdreht
es weitergeht, seitdem sehe ich das Leben in nem anderen Licht
nenn es philosophisch, religiös, ich weiß es nicht
bring Manaras Skizzen und Eschers Zeichnungen
in Verbindungen mit musikalischen Gleichungen,
lausch dem Gesang von Farben und der Poesie von Pflanzen.
Schau wie die Schallwellen tanzen
haitianischer Reis, rote Bohnen und karibisches Huhn
inspirieren Torchmann zu akribischem Tun

ich mach das Ding nur für mich und für meinen Crew
für die Familie, für das Publikum genau wie du
Mein Leben lang hatt’ ich noch so viel vor,
aber mein Plattendeal kommt mir heute wie ‘n Spiel vor
Monopoly, mein Leben manipuliert,
Mal eben in 2 Stunden U-Haft den gesamten Staat studiert
Obwohl ich weiß das die Welt untergeht dass ist klar
Schreib ich diesen Text damit ihr versteht wer ich war
Obwohl ich weiß das die Welt untergeht dass ist klar
Schreib ich diesen Text

Das hat mich gleich einfach so gecatcht. Im HipHop wird einfach viel auf Welle gemacht, nicht nur im Battlerap. Auch beim Performen ist immer alles so cool und gestyled, ein bisschen auf schick und so. Ich feiere das Zitat am Anfang so hart: “Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts!”Das Album beginnt also damit, dass er sagt, dass er nicht wichtig ist. Das ist eine direkte Schelle, die dem Posen und Angeben einiger Rapper gilt. Er sagt später aber auch: „ Schalt die Lichter auf mich, alle Scheinwerfer an. Und lasst mich reden, hier kommen 3 Minuten aus meinem Leben.“ Er gibt also auch zu, dass er trotzdem eine Bedeutung haben will. Und so zeigt er in einem einzigen Track den menschlichen Widerspruch auf: Ich fühle mich unbedeutend, will aber auch gesehen werden. Das finde ich geil.

Torch ist ja schon so etwas wie eine HipHop-Legende, das Album hatte enormen Einfluss auf den deutschen HipHop. Da hast du Dir ein echt großes Vorbild ausgesucht.

Naja, Vorbild ist so eine Sache. Torch und Blauer Samt, beides hat mich einfach derbe geflasht. Vielleicht spricht man besser von Inspiration. Seine Ehrlichkeit und auch dass er in keinem einzigen Track so richtig auf Welle machen will, das hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert.

Wenn man dein neues Album hört, stößt man auch auf diese Ehrlichkeit.

Auf jeden Fall. Man könnte gute Musik auch am Reisbrett machen. Man nimmt einen Refrain, der auch eine Überschrift der Bildzeitung sein könnte und in den Strophen macht man den Aufbau, der das Thema dann ins richtige Licht stellt. Das ist dann ganz klar für die Leute, die es hören. Bei mir funktioniert das aber nicht. Und glaub mir, ich habe es versucht! Ich war aber nie zufrieden. Heute schreibe ich Lieder und lasse sie dann erst einmal zwei Monate liegen. Nach diesen zwei Monaten höre ich sie mir nochmal an und wenn ich dann nichts fühle, dann lasse ich sie liegen. Auch wenn sie theoretisch vielleicht gut sind. Aber es muss mich einfach kicken. Und das passiert einfach nur, wenn ich über etwas aus dem realen Leben schreibe, etwas das ich wirklich gefühlt habe. Meine Musik ist so eine Art Tagebuchmusik denke ich. Da schreibt man ja auch nichts rein, wenn nichts passiert ist.

Was mag bei Torch passiert sein, als er das Album geschrieben hat?

Zum einen spürt man seine derbe Enttäuschung von der HipHop-Szene. Es schien, als hätte er sehr an diese Community geglaubt. Für ihn war das wie eine politische Bewegung, wenn man so will. Und dann hat er vermutlich Enttäuschungen erlebt, gesehen dass vieles nur Fake ist und der politische Zweck zugunsten von Geld und Ruhm vernachlässigt wird. Ich glaube das hat ihn sehr nachdenklich gemacht und er hat sich vermutlich so Fragen gestellt wie: Wer bin ich? Was ist der Sinn? Und ich glaube verknallt war er auch.

Hast Du Torch mal kennengelernt?

Ich glaube nicht, höchstens mal die Hand geschüttelt.

Wenn Du ihn treffen würdest, was würdest Du ihm sagen oder ihn fragen.

Ich weiß gar nicht, was er grad so macht! Ich habe das eine Zeit lang mal richtig verfolgt, aber da kam dann einfach so lange nichts. Ich würde ihm einfach sagen, dass er unbedingt wieder Sachen rausbringen soll!

Fayzen ist gerade mit seinem Album Gerne allein auf Headliner-Tour durch Deutschland. Termine, Infos und jede Menge Videos gibt’s auf facebook oder fayzen.de.


Arte-Verwalter & ARD-Regisseure

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Juni

Wenn ausgerechnet das dauerlächelnde Alphatier Wladimir Putin der Welt in Gestalt eines berühmten Sommerliedes vom vorigen Jahrtausend rät, sich nicht zu sorgen, sondern fröhlich zu sein, kann man sich ziemlich sicher sein: Es besteht Anlass zum genauen Gegenteil. Sein digital verbreitetes „Don’t worry, be happy“ galt schließlich Donald Trumps Abkehr vom Klimaschutz, die buchstäblich noch viel mehr solcher Hitzköpfe produzieren dürfte.

Noch bemerkenswerter an Trumps Kündigung des Pariser Abkommens war allerdings zweierlei: Wie geschlossen die deutschen Medien Geschlossenheit anmahnten und dabei einen nie gekannten Optimismus an den Tag legten. Und wie sehr es die amerikanische Politik schafft, ein Desaster so vollumfänglich durchs nächste zu ersetzen, das vom vorigen schnell kaum die Rede mehr ist. Wer spricht zum Beispiel noch davon, dass der US-Präsident den männlichen Griff zwischen Frauenbeine zwecks Fremdermächtigung für absolut legitim hält?

Pro Quote! Wobei der Verein keinesfalls nur gegen die richtig fiesen Feinde der Gleichberechtigung protestiert, sondern gern auch mal gegen überraschende. Zum Beispiel Arte. Zum 25. Geburtstag, den der Kulturkanal gerade mit viel Programm, aber wenig Tamtam feiert, hat Pro Quote „das Bild einer Anstalt aus den 50er Jahren“ angeprangert“. Grund ist die Tatsache, dass es seit der Gründung Ende Mai 1992 nicht eine einzige Programmdirektorin  gab, in der neunköpfigen Programmkonferenz nur die acht Männer stimmberechtigt sind und die Intendanten dem Verwaltungsrat in Personalfragen partout keinerlei Rechenschaft ablegen.

Das allerdings ist vielleicht auch nicht ungewöhnlich, wenn Formate wie Global Gladiators auf RTL mal wieder das Testosteron als Göttertrank glorifizieren (und Oliver Pocher damit intellektuell einem weiteren Höhepunkt seiner hochwertigen Karriere zuführen) und ein Nachwuchsformat wie FilmDebüt im Ersten die ungewöhnliche Leistung vollbringt, dass zwölf der zwölf gezeigten Filme von Männern stammen. Regisseurinnen? Fehlanzeige. Nichtsdestotrotz ist natürlich wie jedes Jahr um diese Zeit ebenso mutig wie kreativ und spannend, was der Nachwuchs fortan wieder dienstags im Nachtprogramm der ARD so zeigen darf.

Die Frischwoche

12. – 18. Juni

Morgen beginnt die Reihe mit Katja Riemann als Krebspatientin, die sich in Ohne dich einer Therapie widersetzt und dabei überall auf Unverständnis stößt. Gefolgt wird das Familiendrama vom Studentendrama „Agonie“, in dem es um das Thema alltäglicher Gewalt geht. Beides gute Filme, beides gar nicht mal weibliche Filme, beides am Ende aber doch unter männlicher Leitung wie das gesamte Medium. Schade. Aber auch kein Grund, Filmemacher wegen ihres Geschlechts vorzuverurteilen. Schließlich zeigen Daniel Nocke und Stefan Krohmer seit Jahren in fast jedem ihrer gemeinsamen Projekte, wie präzise und zugleich empathisch Männer das Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen beschreiben können.

Ihr nächster Geniestreich heißt Neu in unserer Familie: Zwei Eltern zu viel im ARD-Mittwochsfilm, dessen Fortsetzung am Freitag läuft. Die Entscheidung von Benno Fürmann und Maja Schöne, eine offene Ehe zu führen, ruft dabei herrlich lakonische Beziehungskatastrophen hervor. Die gibt es im selbstproduzierten Sechsteiler Blaumacher um zwei Lebensmüde (Marc B. Puch, Laura Berlin) eigentlich unablässig, wenn sich beide ab Mittwoch um 21.35 Uhr nach gescheitertem Suizidversuch mühen, ihr bizarres Leben in den Griff zu kriegen.

Leben im wahrhaftigsten Sinne zeigt ab heute um 6 Uhr einen ganzen Tag lang der BR. Wie es Arte einst mit seiner vielfach preisgekrönten Langzeitbeobachtung der Hauptstadt vormachte, haben 104 Kamerateams vor einem Jahr den bayerischen Alltag festgehalten. Ob „24h Bayern“ die dramaturgische Wucht von „24h Berlin“ erreicht, bleibt offen. Als zeithistorisches Dokument dürfte es dennoch durchaus Ewigkeitswert erreichen. Einzig für den Moment unterhaltsam ist dagegen Helene Fischer, der die ARD am Donnerstag mal wieder eine Extraportion Werbung zur besten Sendezeit schenkt. Dabei ist indes kaum zu erwarten, dass das Pausengirl vom Berliner Pokal-Finale im Münchner Kesselhaus ausgebuht wird, wenn sie dort Die neuen Lieder ihrer Platte präsentieren darf.

Für Fans toll, für Verächter furchtbar – das gilt für die Wiederholungen der Woche generell selten. Kabel1 holt heute ab 20.15 Uhr mal wieder Miss Marple aus der Mottenkiste, angefangen mit Mörder Ahoi von 1964, abgeschlossen mit dem drei Jahren jüngeren Krimiklassiker 16.50 ab Paddington. Zeitgleich auf Arte: Der Mann, der Liberty Vance erschoss, John Fords schwarzweiße Westernlegende von 1962, als die Zeit des Genres eigentlich bereits dem Ende entgegenging. Ein Trend, den Terence Hill Anfang der Siebziger mit „Mein Name ist Nobody“ (Dienstag, 20.15 Uhr, P7Maxx) allerdings schon wieder umgedreht hatte. Und zum Schluss der Tatort-Tipp: Til Schweigers Debüt Willkommen in Hamburg (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR), mit dem er die Krimireihe 2013 zum Spielball seiner Eitelkeit gemacht hat.


Beach Fossils, Kraftklub, Roger Waters

Beach Fossils

Es ist bekanntlich der größte Spaß, fast schon ein Sport all jener, die intensiver über Musik nachdenken, ihr lustige Label zu verpassen. Psycho-Boogy, Instant-Classic, Postpunkscreamo – solche Sachen. Das ist zwar manchmal ein bisschen selbstgefällig. Doch dann hört man die Beach Fossils, denkt über deren Musik nach, möchte partout ein Label dafür finden und versucht intuitiv die Elemente Easy Listening, Folk, Glamour, Pop, Power, Flower, Singer/Songwriter zu vereinen, dass eine Name daraus wird. Heraus kommt also eine Art Ealifoglapopoflosiso. Das ist natürlich totaler Quatsch.

Aber auch kein größerer, als das dritte Album der drei New Yorker auf einen Begriff bringen zu wollen. Summersault schafft es nämlich, ins vielschichtige Konglomerat unterschiedlichster Stile ab und zu auch noch Country, Rock, gar Jazz einzustreuen. Saint Ivy zum Beispiel, das dritte Stück, klingt zunächst wie eine fröhlich schwingende Zeitreise zurück in den Sommer der Liebe, bevor eine Klarinette die Uhr noch zwei Jahrzehnte früher rückt und später ein paar schreiende Riffs wieder Richtung Zukunft zappeln. Alles durcheinander, alles miteinander, ein Sound zum Zurücklehnen und Wohlfühlen.

Beach Fossils – Sommersault (Bayonet Records)

Kraftklub

Erfolg ist schon auch schwierig manchmal. Wenn man dem verrauchten Kellerclub gerade erst entwachsen ist und plötzlich Headliner gewaltiger Festivals ist, um statt einer Handvoll zigtausend Menschen im Moshpit zum Hüpfen zu bringen, gibt es ungefähr zwei Möglichkeiten. Man dreht ein bisschen durch. Oder man dreht so richtig durch. Kraftklub haben sich für ersteres entschieden und ein bisschen auch für letzteres. Ihr drittes Album in fünf Jahren, betitelt frei nach dem politisch durchaus ähnlich tickenden Vorbild Rio Reiser, schafft nämlich beides: Am Boden zu bleiben und abzuheben.

Ganz im Sinne ihres frischen Status als Megastars des deutschsprachigen Alternative-Vollaufsmettrocks wimmelt es auf Keine Nacht für niemand nämlich wie gewohnt nur so von Pogo-Hymnen mit Gruppengröl-Potenzial. Dafür steht zum Beispiel der selbstironische Opener Band mit K. Zugleich aber ist das Chemnitzer Quintett um den Sänger Felix Brummer, wie sagt man so schön: reifer geworden. Vor allem ruhiger, ohne dabei gesetzt zu werden. Dafür steht mehr als jeder Song Dein Lied, der mit fetten Streichern und saftigem Pathos die Trennung von einer Frau in fröhlichem Hass ertränkt, bei dem sogar ein böses Wort mit “H” fällt, ohne dass es peinlich wird.

Kraftklub – Keine Nacht für niemand (Vertigo)

Roger Waters

Normalerweise wäre an dieser Stelle kein Platz für das Comeback eines Altrockers, der mit 73 Jahren die Klampfe aus dem Schrank holt um a) sich nicht mehr so schrecklich zu langweilen im Ruhestand, b) noch mal richtig Geld zu machen mit seinem klangvollen Namen, c) dem Werk eine völlig neue Richtung zu geben oder d) dem millionenfach geäußerten Wunsch seiner Fans nachzukommen. Bei Roger Waters muss man da aber eine Ausnahme machen, weil er e) sauer ist, richtig sauer und zwar auf die richtigen: Donald Trump und sein Populistenzirkus rings um den Erdball. Darüber hat der frühere Frontmann von Pink Floyd ein Album gemacht. Und was für eins.

Abgemischt vom Radiohead-Produzenten Nigel Godrich ist Is This The Life You Really Want? 25 Jahre nach Waters letzter Solo-Platte genau das, wonach der Titel klingt: Eine wütende Abrechnung mit den herrschenden Verhältnissen, die überhaupt nicht nach Altersweisheit klingt, sondern einer ähnlichen Wut wie damals in The Wall: sinfonisch verwobene Dissonanzen, die ineinander gefügt düstere Harmonien ergeben, die bei jedem der zwölf Stücke aufhorchen lassen. Keines davon lässt sich einfach so nebenbei hören, jedes erfordert volle Aufmerksamkeit, die ihm nicht nur Nostalgiker schenken sollten, sondern auch alle Nachgeborenen. Denn so und nur so gehen gute Protestsongs.

Roger Waters – Is This The Life You Really Want? (Sony)


Marteria/Marsimoto: Plattenbau & Punchlines

Ich war echt ein Alien

Mit 34 hat Marten Laciny einiges erlebt: aufgewachsen im Rostocker Plattenbau spielt der Fußballprofi für die Jugendnationalmannschaft, als ihn eine New Yorker Modelagentur entdeckt und zum Shooting um die halbe Welt schickt. Seit 2010 jedoch kennt man ihn hierzulande vor allem unter seinem HipHop-Namen Marteria. Er steht für Conscious-Rap mit Kampfkraft und Sprachwitz. Auch sein neues Album Roswell kommentiert den Irrsinn da draußen aus entspannt linker Perspektive. Ein Interview über Aliens im eigenen Land, politische Musik und was Lego einst aus ihm gemacht hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Marten, wer sich dein neues Albums anhört, könnte meinen, du glaubst an Außerirdische.

Marten/Marteria: Nein, ich bin eher Fan von Real Life als Science Fiction. Ein guter Indikator dafür ist zum Beispiel, was ich am Kind am liebsten aus Lego gebastelt hab. Damals gab es zwar noch nicht diese megakrassen Fantasiewelten von heute. Aber auf der riesigen Platte, die mein Vater mir gebaut hat, stand eine stinknormale Stadt mit Polizei, Feuerwehr, Wohnhäusern. Es gab sogar einen Vorort, wo man viel Fahrrad fuhr. Mein bester Freund hingegen, der damals schon diese komplizierten Sachen von Lego-Technics hatte, ist DJ geworden.

Lego hat aus dir den Rapper gemacht, der du bist?

Ein bisschen schon. Vermutlich kann man an jeder Biografie ablesen, von welchem Spielzeug sie in der Kindheit geprägt wurde. Und wenn mich jetzt Dinge mit einem Hauch von Science Fiction interessieren, sind sie wie E.T. voll in der Realität verwurzelt.

Wie kommt es dann, dass nicht nur der Albumtitel Roswell an die berühmte UFO-Sichtung vor 70 Jahren erinnert, sondern die ersten drei, vier Tracks alle von Aliens handeln?

Weil ich doppelte Böden mag. Im Englischen sind Aliens ja auch ganz allgemein Fremde oder wie ich es auf der Platte ausdrücken möchte: Außenseiter. Das kenne ich gut aus meiner eigenen Jugend in Rostock; als Teil einer HipHop-Szene wie ich da echt ein Alien, so wie man es als 17-jähriger Deutscher in New York war. Da geht es gar nicht um grundsätzliches Anderssein, sondern auch Andersfühlen.

Geschieht dir das heutzutage noch im vertrauten Umfeld oder nur in der Ferne?

Als krasser Außenseiter sehe ich mich eher selten, aber wenn ich international auf Reisen bin, bin ich das halbe Jahr lang ein Ausländer. Als ich im Dezember in Angola war, fast direkt vom Flugzeug aus auf einen Jeep gesprungen bin, um mit drei Einheimischen zu angeln, war das ein echter Alien-Moment. Da muss man sich akklimatisieren und wenn möglich verbrüdern, um nicht außen vor, sondern Teil von etwas zu sein. Auch darum geht es in Songs wie Roswell oder Scotty, beam mich hoch.

Macht es die dadurch zu politischen Songs?

Absolut. Ich finde Musik ohne Message langweilig. Jeder Mensch hat eine Meinung, und die kann man als Musiker selbst in tanzbaren Songs wie Alien unterbringen. Umgekehrt sollte man zu politischen Liedern aber auch ein bisschen abfeiern, sonst wird es schnell öde. So gesehen glaube ich, dass Rapper für junge Fans oft die besseren Politiker sind.

Wie vermeidet man da, belehrend zu werden?

Indem ich den Zeigefinger unten lasse und einfach aufschreibe, was ich empfindet, was meiner Situation entspricht. Das beste Beispiel ist Links. Das ist kein Song für Linke, sondern für solche, die den Weg dorthin suchen und glauben, es gebe da nur einen richtigen. Ich biete Optionen an. Mein Appell geht da eher an den gesunden Menschenverstand als irgendwelche Dogmen, denn auf jeder Seite gibt es welche, die Ahnung haben und es gibt die anderen.

Zu welcher Seite zählst du dich?

Schwer zu sagen (lacht). Ich komme aus dem Neubaublock eines Landes, aus dem man nicht raus durfte, jetzt reise ich viel und entdecke die Welt – das ist eine gute Voraussetzung, sich Ahnung zu verschaffen.

Hast du das Gefühl, der deutsche HipHop schafft sich durch Rapper wie Sookee, Disarstar oder dir eine Flanke von links, die es jenseits von Spaß und Gangsta nicht gab?

Ich möchte mich da mit niemandem in eine Reihe stellen, schon weil du politisch auf der richtigen Seite stehen und trotzdem unfassbar nervig sein kannst. Das ist halt auch Geschmackssache. Ich finde, Musik muss und sollte manchmal anstrengend sein, aber trotzdem immer cool bleiben. Was mich am meisten nervt, ist herum zu heulen.

Was ist dir, wenn du wählen müsstest, bei einem Song wichtiger: Die Lyrics oder der Sound?

Was glaubst du denn?

Die Lyrics.

Daran sieht man, dass der Zugang zu Musik immer auch eine Frage der persönlichen Betrachtungsweise ist. Für mich ist ein Marteria-Song stets eine komplette Symbiose von Beats und Text, wobei es auf der vorherigen Platte sogar textlastiger, deeper war. Das entsprach damals halt meiner Lebenssituation, die ich mithilfe der Musik auch abschließen konnte.

Wenn deine Musik derart Stimmungen wiedergibt – zu welcher Art von Musik dürfte deine derzeitige Laune führen?

(lacht) Wenn sich das so exakt benennen ließe, dürfte es eine stressige Platte werden.

Auch eine wütende – angesichts der weltpolitischen Situation, die uns gerade im Griff hat?

Kommt drauf an. Wut kann ganz schön peinlich werden, deshalb sollte man sie wohldosieren. Ich hatte auf der vorigen Platte mit Bengalische Tiger daher einen sehr wütenden Song, auf dieser ist es Elfenbein, ein echter Schlüsselsong fürs ganze Album. Mir ist vor allem eins wichtig: Nichts wiederholen.

Was dir noch besonders wichtig erscheint, sind griffige Punchlines oder?

Kann man so sagen.

Zeilen wie „Ich bin Julius C & A / ich kam, sah und kaufte“…

Gute Punchline!

… poppen die so auf und werden dann in den Rest des Textes integriert oder entwickeln die sich organisch aus dem Rest der Lyrics?

(lacht) Na ja – beides ein bisschen. Marteria-Musik steht seit 2010 auch dafür, Spaß dabei zu haben, mit Wörtern rumzuspielen. So ein bisschen ist das schon unser Branding. Das geht so weit, das die Hälfte meiner Punchlines keiner versteht. Vielleicht mache ich irgendwann mal eine Lesereise, wo ich sie erkläre.

Könnte das soweit gehen, dass du die Ebenen wechselst und Bücher schreibst?

Wenn man wie ich in erster Linie schreibt, ist der Horizont offen. Aber geplant ist da nix.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen

98 Prozent Trump-Kritik & sechs Thatchers

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Mai

So kann’s kommen: Netflix, dem die exklusive Ausstrahlung von Brad Pitts Kriegssatire War Machine seit Freitag offenbar 60 Millionen Dollar wert ist, setzt die hochglänzende HipHop-Serie The Get Down aus Kostengründen nicht fort. Das ZDF hingegen gibt währenddessen die 2. Staffel der mattglänzenden Politsatire MdB Eichwald mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Altabgeordneten in Auftrag, obwohl die 1. Staffel beim Ableger Neo quasi unter Ausschluss des Publikums lief. Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk etwa unerwartetes Beharrungsvermögen im Kampf mit Streamingdiensten? Rein journalistisch betrachtet ist ihm dies ja ohnehin zu Eigen.

Das legt eine Harvard-Studie nahe, die den Umgang der Presse mit Donald Trump untersucht. Ergebnis: Vier Fünftel aller Beiträge bewerten den US-Präsidenten weltweit persönlich oder inhaltlich negativ. Am meisten aber missbilligt die ARD, was derzeit im Weißen Haus vor sich geht: Stolze 98 Prozent aller Berichte, also praktisch jeder einzelne, kritisiert Donald Trump für das, was er tut, sagt, twittert. Da wäre es erhellend, wenn jemand auch noch ermitteln würde, wie das Erste mit Putin oder Macron, AfD und FDP, Infantino oder sagen wir: Heidi Klum umspringt.

Letztere hat am Donnerstag auf ProSieben erneut irgendein anorektisches Ding im biegsamen Alter zum neuen Autohauseröffnungssupermodel gekürt und dürfte weiterhin behaupten, ihr vorwiegend minderjähriges Publikum nehme daran keinerlei Schaden. Dazu jedoch hat Die Zeit nun eine aufschlussreiche Studie von 1995 ausgegraben. Sie untersucht den TV-Konsum auf der Fidschi-Hauptinsel Nadroga und setzt ihn mit deren (eher rundlichen) Schönheitsideal ins Verhältnis. Ergebnis: Drei Jahre nach Einführung des Fernsehens verzeichneten Haushalte mit Apparat dreimal mehr Mädchen mit Essstörung als solche ohne. Jedes zehnte erbrach sich sogar regelmäßig zur Gewichtskontrolle. Es war halt die Zeit, als wohlgeformte Models durch knochige abgelöst wurden und normale Moderatorinnen durch bauchfreie Girlies.

Zum Kotzen!

Die Frischwoche

29. Mai – 4. Juni

Ganz im Gegensatz zur 4. Staffel von Sherlock. Ab Sonntag um 21.45 Uhr geht Benedict Cumberbatch wieder auf die Jagd nach den äußeren und inneren Dämonen seines Detektivs, also dessen Widersacher Moriarty und der eigenen Soziopathie. Beides wird zwar auch in den neuen drei Fällen bis zur Abnutzung ausgewalzt. Dennoch zählen auch sie zum Besten, was Krimi derzeit hergibt – und das will angesichts der Synchronisation, die alle Stimmen entweder eine Oktave zu hoch oder zu tief ansetzt, was heißen.

In Die sechs Thatchers zum Auftakt wirkt Holmes zusehends gelangweilt vom Leben. Ihm fehlt der angeblich tote Todfeind – daran kann auch die Geburt von Watsons Tochter nichts ändern, geschweige denn eine Reihe simpler Aufträge. Dann aber holt ihn ein mysteriöser Leichenfund aus der Lethargie. Dabei spielen nicht nur Steinbüsten der Premierministerin eine Rolle, sondern Watsons Frau Mary, internationale Verbrecher und natürlich Moriarty, der partout nicht totzukriegen ist. Wie diese Filmreihe.

Ob Sky am gleichen Tag dasselbe mit Dying Up Here gelingt, bleibt abzuwarten. Aber die sorgsam kostümierte Drama-Serie um die wilde Stand-up-Comedy-Szene im New York der Siebzigerjahre macht nach ersten Bildern zumindest den Eindruck, es würde seine Zeit unterhaltsam nachstellen statt effektvoll ausschlachten. Die Sechzigerjahre, genauer: der 2. Juni 1967 erstehen am Montag (23.45 Uhr) im Ersten wieder auf. Ohne lästiges Reenactment, sondern mit der Kraft authentischer Bilder rekonstruiert die Dokumentation Wie starb Benno Ohnesorg? den Tod des Studenten vor genau 50 Jahren, ohne den RAF und Grüne kaum denkbar wären.

Wie man dereinst wohl über den 8. November 2016 urteilen wird, steht zwar noch in den Sternen. Doch die Tatsache, dass damals Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, dürfte global weitreichende Folgen haben. Umso wichtiger ist es, sich dieser Figur über seine Anhänger zu nähern, wie es Arte in Trump, mein neuer Präsident am Dienstag (20.15 Uhr) unvoreingenommener tut, als es sein diabolischen Chefberater Steve Bannon bei aller Neutralität zulässt. Das Filmporträt Der Trump-Flüsterer versucht es im Anschluss dennoch. Um Voreingenommenheit der harmloseren Art geht es ab heute auf gleichem Kanal fünf Montage lang um 16.15 Uhr: Sterotyp listet Vorurteile über nationale Klischees auf – und versucht damit aufzuräumen, soweit das möglich ist.

Film gewordenes Klischee ist die Wiederholung der Woche in Farbe Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Montag, 20.15 Uhr, MDR) mit den Nazi-Lieblingen Willy Fritsch und Magda Schneider. Dramaturgisch kompletter Bullshit steht er nach wie vor in den Top 3 der meistbesuchten deutschen Kinofilme. Auf über 20 Millionen Zuschauer kamen die drei ersten Erfolge von Quentin Tarantino der Neunziger hingegen nicht mal zusammen. RTL II zeigt sie am Freitag um 20.15 Uhr in umgekehrter Reihenfolge: Erst Jackie Brown (1997), dann Pulp Fiction (1994), zuletzt Reservoir Dogs (1991). Zwischendurch (1995) ist unser Tatort-Tipp entstanden: Falsches Alibi mit Kain und Ehrlicher (Mittwoch, 22.05 Uhr, MDR), dessen Sohn hier unter Mordverdacht gerät.


Marteria, Anneli Drecker, LIFE

Marteria

Der Unterschied zwischen “conscious” und “politisch” ist im Bereich populärer Musik ziemlich simpel: Wenn HipHop zum Beispiel ersteres ist, denkt er kritisch über die Verhältnisse nach, ist er eher letzteres, dann mit ideologischer Stoßrichtung. Die feministische Rapperin Sookee aus Berlin ist demnach bei aller Kampfkraft eher nachdenklich, der antideutsche Rapper Disarstar aus Hamburg bei aller Nachdenklichkeit eher ideologisch. Und dazwischen? Gibt es vor allem einen: Marten Laciny, genannt Marteria. Auf dem traditionell eher dünn besiedelten Terrain dezidiert linken Sprechgesangs füllt der Rostocker die Leerstelle zwischen Poesie und Politik. Und sein neues Album hat sich dafür ein ziemlich interessantes Objekt ausgesucht: Aliens.

Wobei Aliens auf Roswell nicht für Außerirdische, sondern Außenseiter stehen wie er selbst oft einer war in seinen 34 Jahren – als HipHopper unter Glatzen, als Model in Amerika, als Fußballer mit Profi-Ambitionen, jetzt als großes Tier im alten Hood. Zwölf Stücke lang rappt sich Marteria mit düsterem Bass und wenig Chichi durch ein Leben zwischen Plattenbau, Laufsteg, Nationalmannschaft und Starkult. Dabei kritisiert er die Verhältnisse, ohne draufzuhauen. Er singt an gegen Konsumwahn und Bling Bling, aber nicht von oben herab, sondern von innen heraus. Er zieht dabei wie immer hinreißende Punchlines aus dem Ärmel, aber nicht nur um der Punchline Willen. Er ist halt ein Poet unter den Kämpfern des politisch bewussten Rap.

Marteria – Roswell (Four Music)

Anneli Drecker

Ach, ihr Feenwesen des Pop! Ihr Traumtänzerinnen wie Kate Bush! Ihr Folksirenen wie Tori Amos! Mit eurer esoterischen Gefühlsduselei macht ihr es Menschen mit rationalerem Geschmack schon ganz schön schwer, euch ernstzunehmen. All diese Geigen und Zimbeln und Waldgesänge im Pianogeplödder – fraglos harmonisch, aber eben auch ein bisschen nervig. Da tut es ungeheuer gut, wenn der wallende Faltenrock da mal ein bisschen auf dicke Hose macht, wenn etwas Glamour in die Erdverbundenheit hineinrauscht. Wie bei Anneli Drecker.

Schon in den 80ern war der damalige Teenager im Biotop des New Romantic gelandet und über ihre Heimat Norwegen hinaus wahrgenommen worden. Vor zwei Jahren dann folgte das Comeback und jetzt also Revelation For Personal Use, ein Feenwesenfolkpoptraumtanz wie er im Buche steht – wäre da nicht dieser orchestrale Ansatz, den Dreckers Dutzend versierter Mitmusiker über die Emotionalität ihrer Stimme kippen. Das klingt fast nach Big Band, ein Swing-Element im Grünen, gewürzt mit kleinen Electronica-Einsprengseln. Wenn schon Gefühlsduselei – dann so!

Anneli Drecker – Revelation For Personal Use (Rune Grammofon)

LIFE

Mit Gefühlsduselei hat eine neues Quartett aus England so gar nichts am Hut. LIFE, so heißt es proklamatorisch, machen politisch (selbst)bewussten Noiserock aus dem verarmten Industriegürtel rings um Manchester, der recht emotionslos gegen die Verhältnisse angrölt. Wobei Grölen jetzt plumper klingt, als es ist. Mit etwas Hall zerkratzt, klingt Mez Sanders-Greens Stimme wunderbar nach dem Wavepunk der späten Siebziger, wenn er auf dem Debütalbum Popular Music von links gegen rechts anschreit – Donald Trump, Nazis, die Eliten, solche Sachen.

Was die vier Freunde mit den engen Hosen und den tiefhängenden Gitarren dabei allerdings angenehm von vergleichbarem Alternative unterscheidet: Sanders-Green, Mick Sanders, Loz Etheridge und Stewart Baxter definieren ihn strikt als Partysound, der zwar auch schon zum Nachdenken anregen, aber nicht unterwandern soll. Das One-Two-Three-Four-Go-Konzept macht nie Kompromisse, immer volles Rohr. Das erinnert manchmal ein wenig an die jungen Arctic Monkeys, eine schöne Erinnerung.

LIFE – Popular Music (Cargo)

 


Maximilian Brückner: Mundart & Amigos

Ich vermeide Wohlfühlzonen

Maximilian Brückner sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Umso erstaunlicher ist, dass er ständig abgründige Rolle spielt wie Alfons Zischl, der sich als korrupter Bürgermeister des Provinznestes Hindafing mittwochs im BR und vollständig in der Mediathek abrufbar von Folge zu Folge näher an den Abgrund stößt. Ein Gespräch über Lokalpolitik, Heimatdialekt und die Schönheit des Scheiterns.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brückner, wenn Sie wählen müssen – was wäre der bislang wichtigste und wegweisendste Film Ihrer Karriere?

Maximilian Brückner: Wenn man’s genau nimmt, war das 2003 mein erster: Männer wie wir. Ich kam damals frisch von der Schauspielschule, durfte sofort die Hauptrolle eines großen Kinofilms spielen – und dann auch noch einen schwulen Fußballer. Das war mein Entrée, ich hatte sofort einen Namen, eine Agentur. Ich war drin. Drin zu bleiben ist zwar manchmal schwieriger, als drin zu sein, aber der Start war schon mal perfekt – obwohl es oberflächlich betrachtet nur eine Komödie ist.

Welchen Stellenwert hat im Vergleich da Ihr Räuber Kneißl fünf Jahre später?

Warum der?

Weil Sie darin nicht nur einen Schurken mit reiner Seele spielen, sondern auch noch in Ihrer Mundart.

Stimmt schon; witzig, dass Sie das sagen. Zuletzt hatte ich mit Pregau eine ganz ähnliche Figur in der Gegenwart, die ohne es zu wollen immer tiefer in eine kriminelle Spirale gerät. Vorm Kneißl dagegen war ich tatsächlich viel öfter die Unschuld vom Lande. Trotzdem verlaufen auch Schauspielerleben in Phasen. Vorige Woche erst stand ich als Ibsens Baumeister Solness auf der Bühne, ein älterer Herr um die 60 mit schwerer Midlife  Crisis, den jetzt halt mal ein jüngerer wie ich spielt. Meine Rollenauswahl lässt sich vermutlich darauf reduzieren, dass ich Wohlfühlzonen vermeide.

Wie jetzt, in Hindafing.

Ganz genau. Wobei der Alfons Zischl zwar wie der Räuber Kneißl Mundart spricht, aber alles andere als eine reine Seele hat. Er ist zwar kein waschechtes Arschloch, aber es ist völlig offen, wohin es ihn im Strudel aus Korruption und Vetternwirtschaft in der Provinzpolitik treiben wird.

Die kennen Sie als Dorfbewohner ja auch aus eigener Erfahrung.

Grundsätzlich wird es die in viel schlimmerer Form geben. Es ist verglichen mit meiner eigenen realen Umgebung eine heillose Überspitzung.

In der Sie selbst sogar mal kommunalpolitisch aktiv waren.

Aber wirklich nur ganz kurz und ganz pragmatisch, weil ich die Leute dort halt kannte, wie es auf dem Dorf eben so ist.

Die berüchtigte Amigo-Wirtschaft der CSU haben Sie nicht erlebt?

Nein! Deshalb hat meine Realität da draußen mit der dieser Serie auch wirklich überhaupt nix zu tun. Zumal dieser Alfons Zischl im Grunde auch gar nicht am System scheitert, sondern an all den selbst gestellten Fallen, in die er permanent hineintappt. Fernsehen kann natürlich auch in aller Ruhe funktionieren, aber die permanente Eskalation einer heillos überforderten Figur finde ich fesselnd. Zumal man ihn ständig packen, durchschütteln und da raus holen möchte.

Sie empfinden scheinbar große Sympathie für diese Figur?

Es ist ja das Geheimnis jeder schlüssigen Filmfigur, dass das Publikum selbst dann Empathie empfindet, wenn sie abgründig ist. Nehmen Sie Francis Underwood in House of Cards, bei dem das Publikum mit fiebert, ob er es ganz nach oben schafft, obwohl das ein skrupelloser Zyniker ist, der für sein Ziel sogar tötet. Da ist es doch kein Wunder, wenn man den kleinen Zischlaus Hindafingmag. Wobei mir anders als Kevin Spacey bei dessen Figur auch wichtig war, das Menschliche an meiner herauszuarbeiten. Eigentlich will er das Gute, aber die Gier ist stärker und der Drang, aus dem Schatten des übermächtigen Vaters herauszutreten.

Kennen Sie das als ältestes von acht Geschwistern, sich behaupten zu müssen?

Nein. Wir sind zwar alles andere als stets harmonisch; das schafft man ja nicht mal in Zweierbeziehungen. Aber die Grundlage ist solide genug, um bei allen notwendigen Auseinandersetzungen am Ende immer gut miteinander klarzukommen.

Sie wohnen immer noch mit zwei Brüdern auf dem Bauernhof?

Brüder ja, Bauernhof klingt jetzt zu sehr nach Landwirtschaft. Wir haben ein bisschen Kleinvieh, das war’s.

Apropos Kleinvieh: Warum läuft Hindafing eigentlich im kleinen Dritten, nicht im großen Ersten Programm?

Weil es in seiner Besonderheit hervorragend auf diesen Sendeplatz passt. Am Anfang geht es ja noch gemächlich los, aber mit jeder weiteren Folge nimmt alles so absurd Fahrt auf, dass es für die ARD vielleicht etwas zu wild ist.

Suchen Sie als Hauptrollenschauspieler manchmal gezielt nach solchen Abseiten?

Ich suche weder das eine noch das andere, schließe aber auch nichts aus. Nachdem ich zum Beispiel Martin Luther gespielt habe, mache ich jetzt ein Low-Budget-Projekt fürs Kino. Dabei bin ich mir allerdings auch des riesigen Glückes bewusst, diese Wahl zu haben.

Nutzen Sie die auch, um Ihre Bandbreite zu erweitern?

Ich drehe jedenfalls ganz bestimmt keine schlecht geschriebene Komödie, weil ich jetzt grad was mit Humor zur Primetime brauche. Dann mach ich lieber weiter gute Krimis, danach besteht hierzulande ohnehin ständig Bedarf, gerade in meinem Alter. Oder ich spiele Theater, um mich wieder mehr der Gefahr auszusetzen, auf die Schnauze zu fallen. Das ist mir mal mit Schillers Die Räuber passiert, hat mich aber eher angestachelt, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Solange dich die Niederlage nicht zerstört, macht sie dich im Gegensatz zum Erfolg nur stärker.

Lesen Sie Kritiken?

Manchmal ja, besonders die schlechten. Auch wenn mir Lob natürlich gut tut.