Christoph Schneider: Amazon & Prime Video

Wir konkurrieren um Zeit

Nach teils hohen Positionen bei Kirch und Burda, ProSieben und Maxdome, baut der erfahrene Medienmanager Christoph Schneider (Foto: Prime Video) seit ein paar Jahren erfolgreich bei Amazon Prime Video das Geschäft mit digitalen Videos auf. Ein – vorab beim journalist veröffentlichtes – Interview mit dem 52-Jährigen über Streamingdienste und Linearkonkurrenz, Marktbereinigungen, Dokumentarfilme, Vollprogramme und wie er selbst als Kind ferngesehen hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schneider, haben Sie angesichts der Entwicklungen am Streamingmarkt eigentlich ein bisschen Bammel vorm nächsten Jahr?

Christoph Schneider: Nein, gar nicht. Ich weiß ja, was wir alles in der Pipeline haben, und bin daher zuversichtlich, damit auch erfolgreich zu sein. Wir sehen schließlich, dass unser Programm bei den Kunden gut ankommt. Die Entwicklung der vergangenen Jahre jedenfalls wart toll. Da bin ich mir sicher, dass es im nächsten Jahr ähnlich weitergehen wird.

Das angekündigte Auftreten neuer Big-Player im Video-on-Demand-Geschäft wie Disney und Warner bereiten Ihnen also kein Kopfzerbrechen?

Ach, angesichts der vielen Pläne, von denen andauernd zu hören ist, muss man erstmal sehen, was davon am Ende des Tages wirklich umgesetzt wird. Das meiste startet ohnehin zunächst in den USA, wo die Leute im Durchschnitt glaube ich 2,4 Dienste abonniert haben. Ungefähr zwei Jahre später dann kommt es zu uns, wo die Kunden erst langsam dazu übergehen, mehrere Dienste nebeneinander zu nutzen. Die Entwicklung wird mittelfristig auch in Deutschland immer stärker in die Nutzung mehrere Streamingdienste nebeneinander gehen.

Also keine Marktbereinigung?

Keine, aus der ein einziger Sieger hervorgeht. The winner takes it all– das gilt in unserem Segment nicht. Deshalb müssen wir uns umso mehr aufs eigene Geschäft konzentrieren und dafür sorgen, dass die Kunden zufrieden sind. Konkurrenz belebt das Geschäft, wie man so schön sagt;wir müssen deshalb daran arbeiten, jeden Tag ein Angebot zu kreieren, wegen dem die Menschen bei uns bleiben. Mein Wunsch wäre, dass wir in jedem Haushalt sind. Wenn Amazon Prime dabei ist, darf jeder gern noch ein, zwei Dienste mehr haben.

Heißt das, eine Sättigung des Segments ist bislang nicht absehbar?

Sogar noch lange nicht. Es wird garantiert eine Konsolidierung geben. Der Kunde wird also vermutlich nicht sechs verschiedene Anbieter haben, sondern ein bis drei, wo er alles findet, was er sucht. Auf diesem Niveau müssen sich die Neuen dann erstmal bewähren, denn viele davon haben ja mit B2C keine Erfahrungen, sondern nur mit B2B.

Also im Kundengeschäft.

Und das müssen viele Firmen, die es gewohnt sind unter ihres gleichen zu arbeiten, erst lernen. Dieses Kleinteilige unterschätzt man schnell.

Haben Sie als Teil des weltumspannenden, vom klassischen Wettbewerb längst entkoppelten Amazon-Konzerns überhaupt so etwas wie Konkurrenzdenken?

Ich müsste lügen, würde ich sagen, die anderen interessieren mich alle nicht; natürlich schauen wir uns genau an, was die Konkurrenz tut und kriegen von ihr oft wichtige Impulse. Am Ende des Tages konzentrieren wir uns aber auf unsere Kunden und deren Zufriedenheit – und die ist gemessen am Feedback, das wir täglich kriegen, sehr hoch. Unsere Rückkopplung zeigt uns aber auch, wo es Probleme gibt. Vom bloßen Blick auf die Wettbewerber wird Prime Video nicht besser, sondern nur vom Blick auf die Wünsche unserer Kunden.

Aber sehen Sie sich denn überhaupt als echter Wettbewerber genuiner Streamingdienste und Fernsehsender oder können Sie sich davon als Teil eines Handelskonzerns, der Amazon Prime unablässig mit Abonnenten füttert, frei machen?

Ersteres, denn wir konkurrieren vor allem um Zeit. Von der hat jeder Mensch nämlich nur ein begrenztes Kontingent, das sehe ich ja Tag für Tag an mir selbst. So gesehen steht Prime Video nicht nur mit Sendern und Streamingdiensten, sondern auch mit Theatern oderRestaurantbesuchen im Wettbewerb. Das hat mit dem Handelskonzern hinter uns zunächst wenig zu tun.

Ist messbar, wie viele Amazon-Kunden über Prime zum Versandhandel gelockt werden oder umgekehrt vom Versandhandel zu Prime?

Wir locken nicht, wir versuchen den Menschen attraktive Angebote zu machen. Dabei kommt es für uns weniger auf den einzelnen Dienst, als auf das komplette Paket an: Prime Video gibt es als eigenständige Mitgliedschaft unabhängig von Prime.

Ach, das geht mittlerweile?

Ja, es zwingt Sie keiner, bei Amazon einzukaufen. Aber es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, warum man auf das komplette Prime-Angebot inklusive Versandvorteilen oder Musikstreaming verzichten sollte. Viele Video-Kunden nehmen die Zugabe der Versandvorteile mit, andere sehen die Versandvorteile im Vordergrund und Prime Video als willkommene Zugabe. Wir wissen aber, dass Mitglieder, die Prime Video nutzen, die zufriedensten Prime-Mitglieder sind. Sie erneuern ihre Mitgliedschaft öfter. Und Serienfans, die noch nie von Prime Video gehört haben, sind vermutlich eher selten.

Gibt es eigentlich inhaltliche Verzahnungen zwischen Videoportal und Versandhandel?

Im Moment nicht. Ich könnte mir in absehbarer Zukunft durchaus sinnvolle Verzahnungen vorstellen. Aber dass der Kunde zum Beispiel spontan etwas haben will, was die Schauspielerin oder der Moderator in einer unserer Sendungen anhat, und wir ihm dafür eine Verkaufsplattform bieten – diese Art verstecktes Verkaufen kann ich mir nicht vorstellen. Mein Vater hat immer gesagt, man solle niemanden für dümmer halten, als man selbst ist. Die Leute zahlen uns dafür, beste Unterhaltung zu kriegen. Wir jubeln ihnen nichts unter.

Wäre es denn vorstellbar, dass Prime Video ein Format produziert oder lizensiert, in dem der Versandhandel kritisch unter die Lupe genommen wird, etwa die Verödung der Innenstädte oder die schlechten Arbeitsbedingungen, was beides regelmäßig mit Amazon in Verbindung gebracht wird?

Ich teile die Vorwürfe in ihrer Frage nicht, aber unabhängig davon: Sie werden auf Prime Video schon heute zahlreiche Dokumentationen finden, die sich mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen, warum auch nicht? Wir orientieren uns mit unserem Angebot daran, was die Menschen interessiert und bewegt. Momentan sind das Lizenzprodukte. Wenn ein Programm sich unvoreingenommen mit Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auseinandersetzt, dann kann das auch im Rahmen eines Prime Originals passieren.

Sie haben es ja gerade erwähnt, dass Prime Video demnächst sein Angebot um Dokumentarfilme erweitern könnte. Wie stellen sie sich im neuen Jahr inhaltlich auf?

Wir werden unsere Stärken weiter akzentuieren aber auch neue Dinge ausprobieren. Wir sind ja 2014 erfolgreich ausschließlich mit fiktionalem Programm gestartet; zunächst mit Filmen, die wir bald nach dem Kinostart zur Verfügung gestellt haben, danach mit Lizenz-Serien. Also Erstausstrahlungen von Formaten wie Vikings oder Lucifer, um nur die Bekanntesten zu nennen. Ziemlich bald kamen aber auch von Amazon Studios in den USA produzierte Prime Originals hinzu, die wir mit eigenen deutschen Prime Original Serien wie You Are Wanted, Beat, Pastewka oder Der Lack ist ab ergänzt haben. Generell wollen wir ein möglichst breites, werbefreies, jederzeit zugängliches Portfolio anbieten. Darüber hinaus sind wir sehr stolz auf unser zeitunabhängiges Kinderprogramm ohne lästige Reklame. Da drehen wir zum Beispiel nächstes Jahr ein Serien-Spinoff von Bibi & Tina.

Was gibt es darüber hinaus in deutscher Sprache?

Da sind weitere in Planung, worüber wir nur noch nicht sprechen wollen. Aber wir erkennen durchaus Interesse an nicht gescripteten Formaten, haben sehr gute Erfahrungen mit unserer Sport-Dokureihe All or Nothing gemacht, und die Auto-Show „The Grand Tour“ gehört zu Prime Videos erfolgreichsten Programmen weltweit. Auf dem Feld werden wir in absehbarer Zeit auch hierzulande aktiv. Und Sport bleibt interessant. In Großbritannien haben wir die US Open übertragen und Rechte für die Premier League gesichert.

Sie wollen DAZN Konkurrenz machen?

Nein, aber wir testen verschiedene Inhalte in verschiedenen Ländern. Fußball gibt es in Deutschland bisher über den Prime Video Channel Eurosport Player zu sehen, den Prime Kunden als Zusatz-Abo buchen können, um etwa die Freitagsspiele der Bundesliga live zu sehen. Wir testen und experimentieren gern, müssen dabei nicht überall alles machen, erweitern aber kontinuierlich unser Angebot.

Um letztlich ein Vollprogramm zu werden, das lineare Anbieter verdrängt?

Das ist nicht unser Ziel. Prime Video als echtes Vollprogramm? Das wage ich im Moment zu bezweifeln. Es geht nicht um Verdrängung, sondern Ergänzung. Ich höre mich immer öfter sagen, dass es die linearen Fernsehsender noch ewig geben wird. Die Frage ist nur, mit welcher Art von Formaten. Wir sehen doch, dass Zuschauer Serien heute lieber on demand als linear sehen und sich die Free-TV-Sender stärker auf Events wie Shows, Sport oder eben die täglichen Nachrichten konzentrieren.

Gibt es bei Prime Video denn redaktionelle Strukturen mit echten Journalisten, die daran etwas ändern könnten?

Wir haben derzeit keine solchen Strukturen. Meine Teammitglieder verstehen sich als Programmmacher, nicht Journalisten. Ähnlich wie Lizenzeinkäufer bei klassischen Fernsehsendern, die das Angebot sichten und entscheiden, was Sinn macht, und was nicht. Wir schauen sehr genau auf das, was anderswo funktioniert – vergleichbar mit Kuratoren, die dem Kunden bei der Auswahl aus der wachsenden Menge Filmen und Serien helfen. An Weihnachten stellen wir aus derzeit rund 30.000 Titeln daher andere Sachen in den Vordergrund als an Halloween und für jemanden, der Horrorfilme liebt, sicher etwas anderes als das Traumschiff.

Wie kam es da zur Entscheidung, die Sat1-Serie Pastewka unter eigener Regie fortzuführen?

Ganz ehrlich? Weil es meine Lieblingsserie war?

Ernsthaft – Entscheidung von oben?

Ein Stück weit vielleicht (lacht). Wir schauen immer nach Familien-Content, und da hatte ich nicht zuletzt meine eigene als Anschauungsobjekt vor Augen. Vom kleinsten bis zum größten Schneider fanden alle Pastewka toll. Bei Prime Video hatten wir die alten Staffeln ohnehin längst im Angebot und dadurch genug Daten um zu sehen, wie die Serie bei unseren Kunden ankommt. Da Sat.1 damit wohl mangels Halb-Stunden-Slots mit einer Verlängerung zögerte, ergab sich für uns die Chance, eine von Fans geliebte und Kritikern geschätzte Kultserie fortzusetzen. Das haben wir uns als Team nicht entgehen lassen.

Wie ist sie gelaufen?

Sehr gut. Pastewka hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen. Die erste Staffel legte den stärksten Start aller Zeiten einer Comedyserie bei Prime Video hin. Es ist uns gelungen die Fans aus dem Free-TV zu behalten und neue Fans hinzuzugewinnen.

Was heißt das in Zahlen ausgedrückt?

Die kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.

Diese Schweigsamkeit wäre noch etwas, das Prime Video von einem Vollprogramm unterscheidet…

Aus gutem Grund: wir treffen unsere Entscheidungen bei Prime Video nach dem, was unseren Kunden Vorteile bringt. Ob etwas von ein paar Tausend oder Millionen gesehen wird, hat für ihn weit weniger Bedeutung als unser Bewertungssystem, die Empfehlungen anderer Kunden zum Beispiel. Wer hat denn am Ende wirklich ein Interesse an Zuschauerzahlen? Fachjournalisten vielleicht und die Werbeindustrie. Wir verkaufen keine Werbung. Und wenn sich lineare TV-Sender nicht durch Gebühren oder Werbegelder finanzieren würden, bestünde garantiert wenig Interesse, Zuschauerzahlen aggressiv zu kommunizieren.

Sie finden das aggressiv?

Je mehr Wind um die Quoten gemacht wird, desto besser sind die Tausenderkontaktpreise gegenüber Werbekunden zu rechtfertigen.

Andererseits sind Einschaltquoten unabhängig von der dubiosen Erfassung durch 5000 Testseher der Gesellschaft für Konsumforschung auch ein Indikator für soziokulturelle Relevanz und zudem ein Ausdruck von Transparenz, die besonders einem umstrittenen Konzern wie Amazon gut zu Gesicht stünde oder?

Transparenter als die direkten Meinungen von Kunden zur Qualität einer Serie in Form von Rezensionen geht es nicht. Daneben haben wir unzählige Parameter für Erfolg, die von Serie zu Serie verschieden sein können: Wie viele neue Kunden hat eine Serie für Prime Video gewonnen, welche bislang unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen konnten wir dadurch ansprechen, wie viele Zuschauer haben alle Folgen der Serie gesehen? Das sind zusätzlich zu den absoluten Zuschauern, Kritikerfeedback und Preisen nur einige unserer Erfolgsmaßstäbe. Und die soziokulturelle Relevanz drückt sich nicht in der Publikation von Zahlen aus, sondern wie viel über ein Programm gesprochen wird. Sei es in den sozialen Medien, der Presse, am Arbeitsplatz oder auf dem Schulhof.

Kann man denn sagen, dass das deutsche Publikum auch deutsche Serien goutiert?

Schwierig zu sagen. Jüngere Zuschauer stehen vermutlich eher auf amerikanische Produkte und ältere eher auf deutsche. Aber letztendlich ist es immer die Qualität, die zählt.

Und hilft diese Qualität Ihrer Meinung nach dabei mit, das angeschlagene Image von Amazon zu verbessern?

Ich sehe kein angeschlagenes Image von Amazon. Das Image besteht aus der Summe einzelner Interaktionen zwischen Konzern und Kunden. Sie nutzen die Angebote von Amazon gern und geben gutes Feedback zu ihrem Kontakt mit unserem Unternehmen. Wenn sie wissen wollen, welche Auswirkungen die Erfahrungen unserer Kunden mit Prime Video auf ihre Zufriedenheit mit Amazon als Ganzem haben: Wir haben über alle Konzernteile hinweg dieselben Standards: Große Auswahl, vernünftige Preise, schnelle Problemlösung, Konzentration auf den Kunden statt den Wettbewerb. Insofern sehe ich Prime Video als Bestandteil der positiven Kundenerfahrungen mit Amazon, also nicht als konzerneigenes Imageprogramm, sondern integralen Bestandteil von Prime.

Wird das hiesige Publikum wie das amerikanische irgendwann drei, vier Dienste gleichzeitig abonnieren oder widerspräche das deutschem Effizienzdenken?

Ich halte das für denkbar, schon weil die Streaming-Services ihr Programm gleichzeitig erweitern und spezifizieren. Linear schauen ja auch die wenigsten Zuschauer nur RTL oder ARD allein. Die Bereitschaft, für guten Inhalt zu bezahlen, wächst kontinuierlich, aber die Frage des Geldes bleibt auf dem freien Markt natürlich elementar.

Zurzeit bieten Sky und Netflix eine Doppelmitgliedschaft zum niedrigeren Preis an. Planen Sie da ähnliches?

Im Moment nicht. Aber was Sky und Netflix da machen, ist ja zunächst mal eine Marketingaktion. Mal sehen, ob das auf Dauer ist. Kooperationen werden generell wichtiger. Prime Video hat etwa für Deutschland86 mit Fremantle und  RTL kooperiert. Davon profitieren alle.

Profitieren Sie persönlich bei einem Video-Portal wie Prime Video davon, dass Sie zuvor für ProSiebenSat1 oder die Kirch-Gruppe, also auf verschiedenen Ebenen des Fernsehens gearbeitet haben?

Sicherlich. Es geht schließlich am Ende um die gleichen Kunden, die ihre Vorlieben und Sehgewohnheiten nicht von heute auf morgen ändern. Die Zahl derer, die ausnahmslos linear oder online fernsehen, ist ja doch noch immer begrenzt. Von daher waren meine früheren Arbeitgeber absolut hilfreich für meine jetzige Arbeit. Wobei ich bereits vor fast sieben Jahren hier angefangen habe. Da waren wir noch ein DVD-Versender.

Kann man die Arbeitsweisen analoger und digitaler Anbieter wegen der Zeitspanne zwischen Ihren Engagements überhaupt miteinander vergleichen?

Schon – soviel sich gerade im Bereich Technik und Infrastruktur auch gewandelt hat. Als ich vor etwa zehn Jahren im on-Demand-Geschäft begonnen habe, war noch nicht absehbar, wie umfassend der Durchbruch heute bereits sein würde. Das beginnt bei der Internetverbindung. Als ich bei maxdome beschäftigt war, waren die Voraussetzungen komplett andere. Wer erinnert sich nicht an das langatmige Ruckeln und Buffern früherer Übertragungsraten… Auch der verfügbare Content war nett, aber überschaubar. Und dass es auf der Playstation mal Videos gibt oder man via Smart TV mit einem Streamingdienst ins Wohnzimmer gelangen kann, hätte damals keiner gedacht.

Sie auch nicht?

Ich auch nicht. Und die Bereitschaft, dafür sogar noch zu bezahlen, war damals entsprechend gering. Aber wer heute einmal sechs Episoden einer Serie, die er wirklich schätzt, ohne Übertragungsprobleme am Stück gucken, aber auch unterbrechen kann, ohne auf die Werbepause zu warten, wenn das Kind schreit, die Schwiegermutter anruft oder Sie plötzlich Durst kriegen, der möchte das irgendwann nicht mehr missen und ist schneller bereit, dafür zu zahlen. Deshalb hat sich Video-on-Demand durchgesetzt.

Erzählen Sie da grad aus dem Nähkästchen, wie Ihre Leidenschaft für Streamingdienste entstanden ist?

(lacht) Ja, das ist mir alles oft passiert. Die Entwicklung hat aber auch schlicht mit veränderten Alltagsabläufen und Arbeitszeiten zu tun. Die Zeiten, wo mein Vater um sechs nach Hause kam, dann gab’s Abendessen und zur Tagesschau um 20 Uhr saß man gemeinsam vorm Fernseher und hinterher kam das Abendprogramm – diese Planung nach Programmzeitschrift, mit der auch ich aufgewachsen bin, um nur ja die Kinderstunde am Sonntagmittag nicht zu verpassen, ist doch schon länger vorbei als es Streamingdienste gibt. Wer ist denn heute immer um Punkt sieben bereit für den Feierabend?

Die Älteren.

Sehen Sie. Die Flexibilität der Berufswelt hat die Menschen dazu gebracht, sich ihre Freizeit was kosten zu lassen. Aber selbst mein Onkel, der demnächst 80 wird, meinte kürzlich zu mir, er sehe kaum noch fern, und falls doch, wolle er keine seiner Wanderungen unterbrechen, nur weil es um fünf oder sechs oder wann auch immer etwas in der ARD gibt.

Und dann haben Sie ihm Prime Video installiert?

Ich habe ihm einen Fire-TV-Stick geschenkt, wo natürlich wir drauf sind, aber auch andere Dienste und die Mediatheken von Arte, ARD, ZDF. Seitdem guckt er wieder begeistert fern, und zwar keineswegs nur Prime Video. Aber eben auch keine Gameshows oder Soaps, die ihn nicht die Bohne interessieren.

Wenn Sie diese Entwicklung so betrachten: Gibt es in Ihrer Persönlichkeit Platz für die Eitelkeit, stolz darauf zu sein, sie zumindest hierzulande mit angeschoben zu haben?

Wenn ich lügen wollte, würde ich jetzt empört „Nein“ sagen. Aber wenn ich mir den Amazon-Slogan „Work hard, have fun, make history“ ansehe, hätte es nur wenig Projekte gegeben, bei denen ich hätte mitarbeiten können, um wirklich was mit harter Arbeit und so viel Spaß zu verändern. Dass ich mit meinen Teams etwas dazu beigetragen habe, Streaming in Deutschland populär zu machen, macht mich daher schon ein Stück weit stolz.

Wäre es für Sie da denn denkbar, nochmals zurückzugehen und den alten Sendern auf dem Weg in die digitale Zukunft ein bisschen frischen Schwung zu verleihen?

Das ist keine Frage, die ich mir stelle. Ich bin hier sehr glücklich.

Andererseits weist ihr beruflicher Lebenslauf so viele Stationen auf, dass ein Wechsel in absehbarer Zeit jetzt auch nicht völlig unrealistisch klänge…

Das mag sein, aber die Zeiten, in denen man als Azubi bei Siemens angefangen und mit der Rente wieder verlassen hat, sind ja nun für uns alle längst passé. Ich habe meine Passion bei vielen Medienkonzernen ausgelebt, und man soll ja auch niemals nie sagen, aber im Moment habe ich hier meine Berufung gefunden. Und die bleibt garantiert noch eine Weile spannend.

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Karnevalswitze & Kostüm-Kitsch

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 3. März

Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.

Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.

Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.

All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.

Die Frischwoche

4. – 10. März

Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.

Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.

Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.

Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.


Káryyyn, Louis Jucker, Quentin Sauvé

Káryyyn

Wenn einer Musik die innere Zerrissenheit der Komponistin anzuhören ist, ohne melodramatisch zu sein, muss schon etwas dran sein an dieser Wirrnis. Die Kalifornierin KÁRYYYN mit drei Y in Großbuchstaben und Wurzeln in Syrien, war nach einer Reise ins Heimatland ihrer Ahnen innerlich so zerrissen, dass sie nach der Sterbebegleitung zweier Familienmitglieder im schwer umkämpften Aleppo förmlich in Fetzen lag. Umso verblüffender ist es da, wie akkurat dieser Scherbenhaufen nach Káryyyns Umzug übers Cherry Valley nach Berlin vor zwei Jahren plötzlich klingt.

Ihr irritierend schönes Debütalbum The Quanta Series, das sie dort mit Frank Wiedemann produziert hat, ist ein so aufgeräumtes Durcheinander elektronischen Dreampops, dass man sich glatt darin verlieren könnte – wäre das scheinbare Chaos verhallender Flächen und sägender Samples nicht viel zu aufregend, um sich vollends fallen zu lassen. Ein bisschen wie einst Kate Bush auf einer Überdosis David Lynch reist Káryyyn durch ihr verborgenes Selbst und hilft uns mit elf verschroben disharmonischen Traumabewältigungen dabei, ins eigene vorzudringen. Und das ist ebenso tröstlich wie aufwühlend.

KÁRYYYN – The Quanta Series (PIAS)

Louis Jucker

Und weil ohnehin nichts langweiliger ist als die Gewohnheit entlang begradigter Asphaltstraßen, feiern wir hier gleich mal den nächsten großen Wurf kakophonischer Schönheit. Der Deutsch-Schweizer Louis Jucker, ehemals Schlagzeuger der Mathrock-Band The Ocean, hat sich dem Vernehmen nach in eine Hütte am Nordrand der norwegischen Zivilisation begeben und dort im Alleingang sein fünftes Solo-Album aufgenommen, das unglaublicherweise noch ein bisschen unzugänglicher ist als alle vorigen dieses Popzerstörers.

Denn Kråkeslottet  wie der Untertitel The Crow’s Castle im ortsüblichen Idiom heißt, klingt in der Tat wie Musik aus dem Krähenschloss. Mit unfassbar viel Gefühl fürs Unerwartbare, verknüpft Jucker seine Field Recordings mit folkloristischen Instrumenten bis hin zur skandinavischen Zither zu einer poetischen Sinfonie, über die sich sein zurückgenommenes Gitarrenspiel ebenso wie der blechern verhallende Gesang wie eine warme Decke im polaren Winter legt. Das ist fast immer zutiefst ergreifend und dennoch robust genug, um weiterhin als Alternative durchzugehen.

Louis Jucker – Kråkeslottet (The Crow’s Castle) (Hummus Records)

Quentin Sauvé

Ach, weißer Mann, du arme Wurst. Wenn dir weiße Frauen nicht grad die jahrtausendealte Alleinherrschaft mit so was Dreistem wie Gleichberechtigung oder dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit vermiesen, stellst du dich gern mal mit deiner allein Gitarre an den Rand riesiger Bühnen und singst davon, als Eremit deiner Gefühle vom Meer des Kummers umgeben zu sein und Einsamkeit zu trinken, bis du ersäufst in dieser Sackgasse. Auch Quentin Sauvé berichtet im Opener seines Debütalbums aus einer Dead End, die ihn zum Wahnsinn treibt, und man denkt instinktiv: herrje, noch so ein larmoyanter weißer Folkpoet. Wie Instinkte doch täuschen können!

Denn so viel er seinen Weltschmerz auch mit Leichenbitterstimmte intoniert: Whatever It Takes ist ein Werk von hinreißend glaubhafter Emotionalität. Und die zerfließt allein schon schon deshalb nicht im Selbstmitleid, weil der 30-jährige Franzose sie wie zuvor in seiner Hardcore-Band Birds in Row begleitet nur von dieser unverzerrt schrillen Gitarre und ein paar Effektgeräten zersägt, als sei er die Wiedergeburt des wesensverwandten Billy Bragg und seiner gefühligen Wut aufs Schweinesystem. Im neunten Stück Disapper zum Beispiel begleitet sie den herzzerreißenden Gesang nicht, sie schreddert ihn in einer noisigen Kakophonie. Nur: das klingt weder aggressiv noch pathetisch, sondern einfach nur traumhaft trotzig und wunderschön.

Quentin Sauvé – Whatever It Takes (icorruptrecords)


Sprachgeschütze & Profitprüfer

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 4. März

Kultur, wer wüsste das besser als Linguisten, ist Sprache und Sprache Kultur. Da verwundert es wenig, dass die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling von der kalifornischen Berkeley University Worte findet, mit denen sich das Erste im Kampf um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wappnen sollte oder besser: mit welchen nicht. Auf 89 Seiten riet Wehling der ARD, populistische Wortgeschütze wie „Staatsfunk“ bis „Lügenpresse“ nicht dadurch aufzuwerten, dass man sie selber verwende. Gewiss, das Prinzip des Framing ist keinesfalls unumstritten. Noch unumstrittener jedoch ist, dass jemand, der von Lügenpresse faselt, damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekämpfen will. Das gilt dann natürlich auch für jene, die Wehlings Studie mit „Umerziehung“ à la Orwell kommentiern – obwohl das, um den Wettstreit der Wahrheitsfeinde nicht mitzuspielen, an dieser Stelle ja eigentlich gar nicht erwähnt werden sollte.

Aber wenn selbst die Bild mal wieder ihren Kampagnen-Journalismus aus der Epoche Kai Diekmanns betreibt… Was allerdings fraglos auch damit zu tun hat, dass die relativ moderate Ex-Chefredakteurin Tanit Koch vom absolut rauflustigen Kettenhund Julian Reichelt abgelöst wurde, der das Balkenblatt wieder gen Pegida rückt. Nachdem sie an dieser meterdicken Wand aus Testosteron, Moschus und Männerstolz abgeprallt ist, wechselt sie nun jedoch zur RTL-Gruppe und wird Geschäftsführerin des „Nachrichtensenders“ n-tv. Klingt nach gutem Kompromiss.

Derweil dreht das Personalkarussell auch anderswo, und gewiss nicht immer zum Besten der Sender. Thomas Hitzlsperger etwas verlässt „voller Dankbarkeit“, wie er es ausdrückt, die ARD zum VfB, womit dem Ersten fortan ein beispiellos kompetenter, vor allem: sympathischer Fußballexperte fehlt. Derweil kündigt der BR an, Hindafing fortzusetzen, was eine mindestens ebenso gute Nachricht ist, wie das geplante Sequel von Der Pass auf Sky, denn beides belegt eindrucksvoll, wie grandios deutsche Serien sind, wenn sie sich was trauen.

Die Frischwoche

5. – 11. März

Das hatte sich zweifellos auch ZDFneo vorgenommen, als man die Serie Dead End um Antje Traue als sperrige Forensikerin zu drehen begann. Morbide Leichenfledderei hatte schließlich auch bei Six Feet Under gut geklappt. Was Regisseur Christopher Schier aus dieser Vorlage am Standort brandenburgische Provinz macht, spottet den Vorbildern jedoch so sehr, dass man besser die DVDs der Originale aus dem Keller holt. Besser machen es mal wieder die Streamingdienste, namentlich: Sky. Dort startet am Freitag die deutsche Katastrophendystopie 8 Tage. So lange dauert es darin, bis ein Meteorit ebenfalls in Brandenburg die Erde trifft. Nach Peter Kocylas Idee machen die Regisseure Stefan Ruzkowitzky und Michael Kummenacher daraus ein starbesetztes Panoptikum menschlicher Überlebensstrategien zwischen Empathie und Anarchie, die das Publikum acht Teile in seinen Bann zieht. Richtig gelungen. Und mit einem Preis für die umweltschonende Dreharbeiten ausgezeichnet, was man ja auch mal erwähnen darf.

Viel zu selten erwähnt wird hingegen die Tatsache, wie die Welt so von vier Firmen unter sich aufgeteilt wird, dass ein Meteoriteneinschlag kaum verheerender sein könnte. Nachdem am Wochenende bereits die Süddeutsche große darüber berichtet hatte, klärt die Recherche-Gemeinschaft aus WDR und NDR heute um 22.45 Uhr im Ersten über Die unheimliche Macht der Berater auf. Sie heißen pwc, KPMG, Deloitte Ernst & Young und firmieren bei nahezu allen Konzernen und Regierungen als Wirtschaftsprüfer und -berater, was in etwa so ist, als würde ein Anwalt im Prozess auch Richter sein. Das macht diese vier Gesellschaften mithilfe der Bundesregierung und sämtlicher DAX-Unternehmen für nahezu alles mitverantwortlich, was Staat und Menschen in aller Welt für den Profit weniger spaltet.

Wiedervereint sind dagegen zweieinhalb Stunden früher im ZDF Petra Schmidt-Schaller und Ulrike C. Tscharre als Ex-Paar, das sich in Maris Pfeifers Psychokrimi Getrieben durch zwei Morde näherkommt und dabei entfremdet. Noch spannender wäre es aus indes gewesen, wenn das Zweite die Sendezeit mit dem Kleinen Fernsehspiel Onkel Wanja getauscht hätte, das vier Stunden später an gleicher Stelle läuft. Anna Martinetz verlegt Tschechows Gesellschaftsstück über die Frage nach Tun und Lassen vom Fin de Siècle in die krisenhafte Gegenwart und ersetzt Gutsbesitzer durch Finanzmarktjongleure. Gewagt, aber interessant. Ebenso interessant wie der Umstand, dass die Montagsfilme diesmal ganz in der Hand von Frauen sind – was gut zum Themenschwerpunkt Unabhängig, weiblich, stark passt, mit dem Arte ab Sonntag bemerkenswerte Frauen feiert.

Den Anfang macht Coco Chanel im Biopic Der Beginn einer Leidenschaft von 2009 mit Audrey Tautou als Modezarin, gefolgt vom Dokumentar-Porträt Die Revolution der Eleganz. Auf ganz andere Art stilsicher ist hingegen der unvergleichliche Humphrey Bogart in der schwarzweißen Wiederholung der Woche. Wie immer formvollendet nimmt die Hauptfigur des Krimidramas An einem Tag wie jeder andere (Montag, 22.05 Uhr, Arte) von 1955 eine gewöhnliche Familie als Geisel und stößt dabei selbst an seine Grenzen. Exakt 32 Jahre später kam vor 32 Jahren Brian De Palmas Mafia-Epos Die Unbestechlichen (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat) mit Kevin Kostner und Sean Connery auf der Jagd nach Al Capone ins Kino. Erst 2015 landete dort Andreas Dresens fabelhafte Literaturverfilmung Als wir träumten (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) um ostdeutsche Jugendliche, die fatal an der Wiedervereinigung scheitern. Und aus demselben Jahr stammt auch der heutige Tatort: Grenzfall (22 Uhr, RBB), den Bibi und Moritz teilweise in Tschechien lösen.


Ove, Bilderbuch, Soybomb

Ove

Wer es versteht, das verflogene Lebensgefühl längst vergangener, wehmütig verklärter Zeiten in gute Musik zu verwandeln, also weder nach Eskapismus der Achtziger noch Hedonismus der Neunziger, sondern nostalgisch und zugleich gegenwärtig klingt, wer also Musik von gestern für heute macht und dabei ein bisschen auch das Morgen im Blick hat – der kriegt dafür wahlweise einen Plattenvertrag bei Tapete Records oder Lob vom Feuilleton, aber ganz selten beides. Zuletzt hatten das Moritz Krämer und Friedrich Sunlight geschafft, während die wunderbaren Theodor Shitstorm zwar auf anderem Label veröffentlichen, aber ähnlich liebenswert sind. Ist allerdings alles schon etwas her. Weshalb es schwer Zeit wird für: Ove.

Ove, Nachname Thomsen, ist ein Junge aus Ostfriesland, der mit vier Freunden Pop macht, der so verschroben nach Sandstrand mit Blick aufs Industriegebiet klingt, als träfen sich Bilderbuch an Manfred Krugs Grab zum Kiffen. Der Opener ihres 3. Albums etwa erzählt von Anders & Annegret Andersen, die umweht von karibischen Samples und fuzzigen Riffs Aale auf Amrum verkaufen. Und auch sonst geht es um Belanglosigkeiten von solch hinreißender Eleganz, dass die Frage kurz in den Hintergrund rückt, ob man jetzt nicht eigentlich gegen den Klimawandel aufstehen müsste. Muss man. Und mit Zeilen wie “Ich muss raus, raus, raus, raus / wie’n wackelnder Milchzahn” gibt Ove sogar das Kommando. Vorher aber tanken wir zehn Stücke Kraft mit Abruzzo, dann scheint am Horizont auch wieder die Sonne.

Ove – Abruzzo (Tapete)

Bilderbuch

Ach, und wo wir grad beim Thema sind: die Geistesverwandten der schmissigen Wahlhamburger sind auch wieder so aktiv geworden, wie es eskapistischer Hedonismus gerade noch so gestattet. Bilderbuch bringen die Fortsetzung ihres fünften Albums Mea Culpa mit dem unfassbar grandiosen Titel Vernissage my Heart heraus und vorweg: Es ist nicht ganz so unfassbar grandios wie fast alles, was die vier Anti-Stil-Ikonen aus Wien zuvor gemacht haben. Dass bereits aus dem allerersten, gitarrensoloumtosten, inhaltsleer gehaltvollen Hallgesang von Maurice Ernst allerdings mehr Funken und Esprit strömen als sich in den weltweiten Charts derzeit zusammen findet, spricht da umso mehr für Bilderburch.

Einen Stil dafür zu benennen, fällt besonders am österreichischen Standort des musikalischen Aberwitzes wie immer schwer. Alles steckt darin und nichts, Heavy Rock und French-House, Schlager und Punk, Electronica und viel Funk natürlich, Achtziger und Siebziger, Neunziger und irgendwie auch längst die 2020er, aber alles so feindosiert aufgeblasen, dass jede Festlegung ein Vergehen am bedingungslosen Willen zum Mash-up wäre. Denn wenn vollsynthetische Fanfaren durch Mr. Supercool fegen und Prince-Gitarren über den Titeltrack, dann wissen wir: die wollen, die können, die machen alles so durcheinander, dass der Begriff “Struktur” einer neuen Definition bedarf. Sie heißt Bilderbuch.

Bilderbuch – Vernissage My Heart (Maschin Records)

Soybomb

Und die gute Nachricht gleich hinten dran: Bilderbuch, Ove, Friedrich Sunlight oder Manfred Krug R.I.P. und wie die futuristischen Nostalgiker des Pop alle heißen, sie sind nicht allein. Immer wieder blitzt etwas Neues auf im expandierenden Kosmos glamouröser Unterhaltungsmusik. Sterne zum Beispiel wie Soybomb. Die drei Schweizer, angeblich ausnahmsweise mal nicht in den bekannten Großstädten von Zürich bis Bern zuhause, sondern eher alpin umhügelt und ländlich, sie machen keyboardunterwanderten Balladenpop mit einer Lässigkeit, die jedes Felsmassiv ringsum zum Bröseln bringt. Ihr Debüt-Album Jonglage ist demnach die Platte der Woche.

Allein schon das mittige Soy el Bombo del Alma – Orchesterpunk mit so viel Witz und Leichtigkeit im Durcheinander, dass man beim Hören so aufgewühlt wird wie durch enodorphinaktive Partydrogen. Oder wahlweise dahin schmilzt wie das Softeis, mit dem sich das Trio im fantastischen Video zu Someone’s Got the Best of Me im Sommer auf einem Jahrmarkt stellt. Nichts an diesem Debüt ist dringlich, weil alles halt einfach so dahinfließt. Dennoch steckt darin der Kern einer spätjugendlichen Befreiungsstrategie, die in der vermeintlichen Substanzlosigkeit Erlösung sucht – und findet. Zum eigenen Nutzen – und unserem. Anhören, mittanzen, wegdösen, aufwachen, weitermachen. Das kann nur Pop, der den Moment feiert.

Soybomb – Jonglage (recordJet)


Charité: Dorothee Schön & Thor-Wiedemann

Zwei-Personen-Writers-Room

Nach dem Erfolg der 1. Staffel, verlagern Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann (Foto: Ufa) die ARD-Serie Charité ab heute (19. Januar, 20.15 Uhr) von 1888 ans Ende des 2. Weltkriegs. Ein vorab bei DWDL erschienenes Interview mit den Autorinnen über sympathische Nazis, Professor Sauerbruch, weibliche Filmteams und welche Ärztin für Staffel 3 in Frage kommt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schön, Frau Thor-Wiedemann, wenn Filme früher im Nationalsozialismus gespielt haben, gab es unter aufrechten Normalbürgern maximal zwei, drei echte Nazis. In der 2. Staffel Charité sind es nicht nur mehr, sondern teils echte Sympathieträger.

Sabine Thor-Wiedemann: Aber ihre Weltanschauung wie die der anfangs überzeugten Nationalsozialistin Anni ist ja keineswegs sympathisch. Wer Nazis nur als eindimensionale Unmenschen zeigt, macht es sich zu leicht.

Dorothee Schön: Edle Widerstandskämpfer gegen fiese Nazis – eine solche Erzählung birgt die Gefahr, stereotyp zu sein.

Thor-Wiedemann: Und wie das System von ganz gewöhnlichen Menschen getragen wurde, ist eine Realität, die das Fernsehen inzwischen durchaus differenziert erzählen kann. Was uns daran interessiert, ist der Entwicklungsprozess unserer oft jungen Figuren. Den macht jede in den sechs Folgen durch – zum Guten wie zum Schlechten.

Schön: Im Krieg haben die Menschen zuallererst damit gekämpft, ihren Alltag zu bewältigen. Die überwiegende Mehrheit hatte weder den Willen zum Heldentum noch zur Täterschaft.

Aber das war vor 15 Jahren ja nicht anders, als Täter in Die Flucht oder Dresden vor lauter Opfern die Ausnahme blieben. Gibt es einen Bewusstseinswandel, der sich auch in der Fiktionalisierung des NS ausdrückt?

Schön: Heute interessieren uns mehr die Grautöne, weniger das Schwarzweiße. Dafür ist Ferdinand Sauerbruch ein gutes Beispiel. 1954 war er Held eines Kinofilms, der ihn erfolgreich als väterlichen Halbgott in Weiß zeichnet – unberührt vom Dritten Reich. Verdrängung war den Deutschen damals ein kollektives Bedürfnis.

Thor-Wiedemann: Weil die Schuld damals auf möglichst wenige Schultern verteilt werden sollte, war die Mehrheit der Figuren im Film hochanständig.

Schön: Erst seit den Sechzigern hat man diese Art Schuldverteilung hinterfragt, doch irgendwann ist das Pendel in Belastungseifer umgeschlagen. So wie man anfangs nur das Gute in Sauerbruch gesehen hatte, wollte man plötzlich nur noch das Schlechte sehen. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Was in Charité allerdings dahingehend kippt, dass er weniger als regimetreuer Opportunist, sondern zweifelnder Moralist dargestellt wird.

Thor-Wiedemann: Die Serie spielt nach 1943, als Sauerbruch innerlich längst mit dem Regime gebrochen hatte. Als Deutschnationaler hatte er deren Machtübernahme 1933 zwar in einem offenen Brief begrüßt; anders als 45 Prozent der Ärzteschaft war er aber nie Parteimitglied. Als ihm bewusst wurde, was mit den Juden geschieht, hat er dagegen opponiert, ebenso gegen die systematische Tötung Behinderter. Mit den Attentätern des 20. Juli war er befreundet, seine Familie entsprechend gefährdet. Wahr ist aber auch, dass die Ehrungen und Ämter, die ihm die Nazis verliehen haben, seiner Eitelkeit schmeichelten.

Schön: Da wir es uns mit der Ambivalenz dieser Figur nie leicht gemacht haben, fordern wir auch das Publikum dazu heraus abzuwägen – etwa durch Oberarzt Adolphe Jung, der Sauerbruch im 2. Teil stellt all jene kritischen Fragen zum Regime stellt, für die er sich auch später rechtfertigen muss.

Thor-Wiedemann: Sauerbruch war ein echtes Alphatier, das sich gern mit Orden und Titeln geschmückt und es genossen hat, ein weltbekannter medizinischer Star zu sein.

Schön: Aber er hatte eben auch andere Seiten: Mut, Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Patienten, egal wer sie waren. All dies ist Teil der Serie.

Haben Sie sich die Arbeit daran insofern geteilt, als Frau Schön fürs Historische zuständig war, weil Ihnen die medizinische Expertise von Frau Thor-Wiedemann fehlt?

Schön: Die hab ich leider nicht, aber weil wir alles zusammen entwickelt haben, bin ich eine Art Medizinerin honoris causa (lacht). Und weil mein Französisch zu schlecht ist, hat Sabine im Alleingang die Geschichte von Professor Jung im Elsass recherchiert.

Thor-Wiedemann: Wir waren ein Zwei-Personen-Writers-Room.

Welches Narrativ spielt darin die Hauptrolle: das medizinische, menschliche oder politische?

Schön: Das kann man nicht trennen. Die Charité mitten in Berlin kann man nicht ohne Politik erzählen und Medizingeschichte nicht ohne Menschen.

Thor-Wiedemann: Rudolf Virchow sagte sinngemäß, Politik sei Medizin im Großen. Das durchzieht auch die Serie.

Schön: Oberflächlich mag ein Blinddarm in jeder Epoche ein Blinddarm sein, tiefgründiger betrachtet entzündet er sich auch durch die Lebensbedingungen der jeweiligen Zeit. Die Geschichten unserer Protagonisten spielen nicht einfach vor beliebiger historischer Tapete. Die sozialen und politischen Zustände prägen jede Figur.

Spielt die Liebe deshalb in den ersten zwei Folgen eine eher untergeordnete Rolle?

Schön: Das kommt noch, keine Sorge!

Thor-Wiedemann: Und wir erzählen dazu noch eine sehr starke Geschwistergeschichte, die ja am Ende auch mit Familie und Zuneigung in der jeweiligen Zeit zu tun hat.

Warum schließt diese Zeit eigentlich nicht unmittelbar ans Geschehen der ersten Staffel Ende des 19. Jahrhunderts an?

Schön: Virchow, Koch, Behring, Ehrlich aber auch erfundene Figuren wie Ida, Hedwig, Oberin Martha und Therese haben allesamt die Klinik verlassen oder sind tot. Wir hätten uns also fragen müssen, wie man mit neuem, erfundenem Personal nahtlos ans alte anschließt und andere Themen erzählt. Nochmals Kaiser, Burschen, Nobelpreisträger, Diakonissen? Das wäre redundant geworden…

Durch den Sprung ins Jahr 1943 denkt man dagegen: och nö, schon wieder Nazis…

Thor-Wiedemann: Wir sind überzeugt, im Bereich Medizin Aspekte dieser Zeit zu erzählen, die einem breiten Publikum bisher nicht bekannt sind.

Schön: Und zwischen den Nobelpreisträgern 1888 und Sauerbruch zur NS-Zeit gibt es keine Mediziner an der Charité, die so bekannte Namen tragen. Die Redaktion wollte dem Erzählprinzip der ersten Staffel, berühmte historische Figuren mit erfundenen Figuren zu kombinieren, aber treu bleiben nach dem sensationellen Quotenerfolg.

Thor-Wiedemann: Wir hatten auf fünf Millionen Zuschauer gehofft. Mit durchschnittlich siebeneinhalb Millionen hat niemand gerechnet.

Schön: Wer das geahnt hätte, hätte vielleicht den Mut gehabt, mit kleinerem Zeitsprung jenseits großer Namen weiter zu erzählen. Aber wer sagt denn, dass man die Serie chronologisch entwickeln muss? Die Charité ist 309 Jahre alt; da ist von Friedrich dem Großen über die Napoleonischen Kriege bis in die Charité anno 2080 jeder Zeitsprung möglich.

Bleiben Sie dem Projekt denn in jeder Epoche als Zwei-Personen-Writers-Room erhalten?

Thor-Wiedemann & Schön: Leider nein.

Gab es Überlegungen, das Buch zweier Frauen von einer Regisseurin drehen zu lassen?

Schön: Von uns aus spräche nichts dagegen, aber für diese Staffel war Anno Saul von Beginn an unser Wunschregisseur. Er hat ein großartiges Gespür für Grautöne der Geschichte, und als Arztsohn bringt er Verständnis für medizinische Fragen mit. Die Zusammenarbeit hat großen Spaß gemacht.

Thor-Wiedemann: Und er war von Anfang an Feuer und Flamme für unsere Bücher. Bessere Voraussetzungen gibt es kaum, unabhängig vom Geschlecht.

Schön: Andererseits haben mich die Zahlen der MaLisa-Stiftung über weibliche Unterrepräsentation in der Branche schon erschreckt. Auch ich saß ja in meiner Bubble und dachte, alles sei doch auf bestem Wege. Wenn man dann liest, dass Frauen seit langem 50 Prozent der Studierenden an den Filmhochschulen ausmachen, aber nur 15 Prozent der Regie- und Buchaufträge bekommen, ist noch viel zu tun. Das heißt nicht, dass ich einen hervorragenden Regisseur wie Anno nicht will, weil er ein Mann ist. Aber es gibt eben auch talentierte Frauen, die nicht zum Zuge kommen. Deshalb unterstütze ich ProQuoteFilm. Wir müssen uns alle selbst fragen, inwiefern wir Teil des Problems oder der Lösung sind.

Und die Antwort?

Schön: Wir alle reproduzieren unbewusst Stereotype. Beim Stichwort „Chef“ denkt jeder an einen weißen älteren Mann, nicht an eine junge schwarze Frau. Ich habe zum Beispiel früher in meinen Tatort-Büchern meist intuitiv von „Arzt“ und „Krankenschwester“ geschrieben, die der Kommissar im Krankenhaus befragt – keine Ärztin, kein Krankenpfleger. Von meiner Tochter, selbst Ärztin, weiß ich, dass das Geschlechterverhältnis in der Ärzteschaft vieler Kliniken mittlerweile ausgeglichen ist. Die Darstellung im Fernsehen hinkt in vielen Bereichen der Realität hinterher.

Thor-Wiedemann: Ziel sollte sein, dass Filme mit einer gewissen Beiläufigkeit eine größere Bandbreite an Rollenmöglichkeiten abbilden und nicht immer Stereotypen reproduzieren, die längst überholt sind.

Schön: Als der BR Ende der Achtziger den Nachfolger vom Tatort-Kommissar Sedlmayr suchte, hab ich ein Team aus altem Grantler und junger Kollegin vorgeschlagen. Der Fernsehspielchef meinte nur: Eine Frau als Kommissarin? In Bayern? Für unser Publikum unvorstellbar! Als bald nach Ulrike Folkerts eine Kommissarin nach der anderen kam, dachte ich, jetzt muss man langsam um die Männer fürchten. Doch dann habe ich mal durchgezählt und siehe da: Der Frauenanteil lag nie über einem Drittel! Das gab mir zu denken.

Welcher reale Charité-Akteur jenseits vom sozialen und geschlechtlichen Mainstream eignet sich daher theoretisch für eine Fortsetzung?

Schön: Etwa die Jüdin Rahel Hirsch. Als erste Professorin bekam sie in den Zwanzigern nur unter der Bedingung einen Lehrstuhl, dass sie auf Honorar verzichtet. Sie lebte von ihren Privatpatienten.

Thor-Wiedemann: Oder Ingeborg Rapoport, die als jüdische Kommunistin erst vor den Nazis in die USA geflohen war, dann vor McCarthy in die DDR. Spannende Frauenfiguren gibt es also.


Personalkarussell & Kliniknazis

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Februar

Die marktbeherrschende Stellung von Netflix lässt sich unabhängig davon, ob der Streamingdienst je schwarze Zahlen schreibt, mittlerweile gut beziffern. Mindestens 15 Milliarden Dollar Umsatz bei einem zehnmal höheren Börsenwert sind noch einschüchternder als weltweit 139 Millionen zahlende Kunden, von denen – ließ der Konzern erstmals verlauten – gut jeder Dritte die Psychothriller-Serie You eingeschaltet hat. Gut, ob zehn Sekunden oder alle zehn Teile: darüber hüllt sich Reed Hastings weiter in Stillschweigen. Aber dass er mit dem sperrigem Afrika-Porträt The Boy Who Harnessed the World die Berlinale entzückt und zugleich verkündet hat, anstelle von HBO Breaking Bad fortzusetzen, sollte der Konkurrenz durchaus Sorge bereiten.

Einer Konkurrenz übrigens, die den Zuwachs beworbener Erfindungen in der zweiten Staffel von Das Ding des Jahres ab Dienstag auf zehn so irre findet, dass Pro7 es in einer mehrwöchigen Plakat-Kampagne feiert. Beim anderen Konkurrenten RTL rotiert derweil das Personalkarussell. Während der langjährige Unterhaltungschef Tom Sänger die Sendergruppe aus bislang ungeklärtem Grund verlässt, wechselt Vox-Chefredakteur Kai Sturm zum Mutterkanal und wird Marcel Amruschkewitz ersetzt, an dessen Seite mit Kirsten Petersen künftig sogar eine Frau sitzt, während Oliver Schablitzki neben Nitro demnächst auch noch RTLplus verantwortet.

Im Ersten dagegen bleibt alles beim Alten: Der fraglos wichtigste Abnehmer und Lieferant für Sachfilme jeder Art, feierte sich vorigen Dienstag wie jedes Jahr während der Berlinale im prunkvollen Meistersaal selbst. Diesmal erlebten die Top of the Docs allerdings ein paar Misstöne. Der preisgekrönte Regisseur Arne Birkenstock attestierte der ARD zwar, „mit uns die besten Dokumentarfilme der Welt“ zu machen, fragte aber mit fröhlichem Zorn, warum das Erste seinen Markenkern ständig im Nachtprogramm verstecke. Tja. Da klang selbst das Lachen des Programmdirektors ein wenig schuldbewusst.

Die Frischwoche

18. – 24. Februar

Der nämlich setzt zur besten Sendezeit lieber auf opulentes Historytainment wie Charité, statt dem Nonfiktionalen wie einstige Vorgänger regelmäßige Anstoßzeiten um 20.15 Uhr zu gewähren. Dabei ist die zweite Staffel der Klinik-Serie keinesfalls so seicht wie die erste. Kurz vorm Ende des Zweiten Weltkriegs gönnen die Autorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann ihren Hauptfiguren nämlich einen Eigensinn, der nicht nur im Dreikaiserjahr 1888 zuvor fehlte, sondern generell, sobald es um Spielfilm-Faschisten geht. Anders als üblich besteht das wichtigste Liebespaar in Charité 2 aus arischen Vorzeige-Nazis, die wie der anfängliche Hitler-Fan Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) erst im Laufe der sechs Teile Zweifel an Führer und Endsieg kriegen.

Auch das ZDF hat Besonderes im Angebot. Der Zweiteiler Walpurgisnacht erzählt heute und Mittwoch eine deutsch-deutsche Mordermittlung im Ost-Harz vorm Mauerfall. Mit einem – gähn – Ritualkiller als Handlungsfaden macht er atmosphärisch zwar oft zu dick auf Mystery-Hose, erzählt dabei aber auch einiges über zwei Bürokratien vorm politischen Wendepunkt und wartet überdies mit einem echt schicken Finale auf. Weil sogar der auserzählte Matthias Koeberlin ab Donnerstag als ARD-Privatdetektiv Hartwig Seeler zumindest nicht nervt und der schwedische ZDF-Import Hanna Svensson (Marie Richardson) fünf Sonntage um 22 Uhr überzeugt, belegen die Öffentlich-Rechtlichen wenigstens im Kerngeschäft Krimi Kompetenz.

Das Highlight der Woche läuft dann aber doch da, wo man es nicht erwartet: die RTL-Plattform TVNow zeigt ab Freitag ihr Remake von Fritz Langs Ufa-Legende M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Davon abgesehen, dass David Schalko mit Lars Eidinger, Sophie Rois, Moritz Bleibtreu, Brigitte Hobmeier oder Udo Kier ein grandioses Ensemble beisammen hat, bietet sein eigenes Drehbuch die famose Idee, den Kindsmörder nicht wie einst im Zwischenkriegs-Berlin nur von Polizei und Unterwelt jagen zu lassen, sondern zudem einem rechtsradikalen Innenminister, wie er auch jetzt grad in Österreichs Regierung sitzt.

Das Original Herbert Kickl dürfte übrigens von einem Freikorps wie OMON träumen, mit dem der russische Präsident im Filmporträt Putins Männer fürs Grobe (Mittwoch, 21 Uhr, Info) Regimegegner niederknüppelt. Noch ‘ne Doku: Queercore geht Freitag (23.25 Uhr) auf Arte der homosexuellen Seite des Punk auf den Grund. Zwei Tage später zeigt Pro7 – als Vorspiel zur Oscar-Verleihung live ab Mitternacht – den Abräumer 2017 La La Land. Womit wir bei den Wiederholungen der Woche sind. Heute um 20.15 Uhr: Claude Chabrols mörderische Amour Fou Der Schlachter von 1969. Fast 40 Jahre älter, also schwarzweiß ist Kästners Emil und die Detektive (Donnerstag, 0.00 Uhr, MDR). Und als Tatort-Tipp tauglich Bienzle und der Traum vom Glück (Mittwoch, 22 Uhr, SWR), ein Fall von illegaler Müllentsorgung der Neunziger.