Reeperbahn-Festival 2018

Von Altin Gün bis Whitney

Am 19. September startet das 13. Reeperbahn-Festival, die größte Club-Veranstaltung Europas. Auch dieses Jahr werden mehr als 40.000 Besucher bei den gut 600 Veranstaltungen von Konzert bis Debatte erwartet. Die freitagsmedien stellen ein paar der Highlights vor.

Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Mittwoch, 22.05 Uhr, Spielbude

DENA

Was ein Name doch alles bewirken kann. Mathangi Arulpragasam zum Beispiel, schwer auszusprechen, noch schwerer zu merken. Oder Denitzka Todorova, kein ganz so komplizierter Brecher deutscher Zungen, aber auch schon leicht sperrig. Da ist es nicht nur zuvorkommend, Spitznamen anzubieten, es hat auch aus Marketingsicht seine Vorteile. Weshalb Popfans das Kürzel M.I.A. ebenso geläufig ist, wie es das von Frau Todorova bald sein dürfte. Denn DENA macht nicht nur einen Electroclash, der verteufelt an den der eingangs erwähnten Londoner Trashpop-Queen mit srilankischen Wurzeln erinnert; er ist auch absolut massenkompatibel. Was der Masse diesmal allerdings durchaus zugute kommt.

Denn wie DENA, die vor knapp zehn Jahren zum Studieren aus Bulgarien nach Berlin kam und natürlich hängengeblieben ist, was also dieser Irrwisch aus dem Osten mit Flash für ein Debütalbum hinlegt, das ist schon ein ganz schönes Clubbrett. Allerdings kein berechenbar Gagamäßiges, prollig berechenbares, R’n’B-verpopptes, sondern ein ziemlich gelungenes. Schon das Auftaktstück Thin Rope, längst ein kleiner Berghain-Hit, so scheint es live, liefert wunderbaren Uptempo-Trash zu den Samples nebst E-Drums ihrer zwei Mitmusiker und kann gar nicht anders, als mit fluffigen Texten über Cheerleader, Party, solche Sachen ein Lachen auf tanzende Köpfer zu zaubern. So geht es neun Lieder weiter.  Kein Sound für die Ewigkeit, eher einer für den Moment. Einen sehr unterhaltsamen.

Mittwoch, 22.40 Uhr, Schmidts Tivoli

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

Mittwoch, 22.50 Uhr, Headcrash

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Donnerstag, 16.30 Uhr, Molotow

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Donnerstag, 20 Uhr, Molotow

Whitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Donnerstag, 20 Uhr und Freitag, 12.30 Uhr, Abaton

Soccer Mommy

Das Leben, so was muss man Jugendlichen und Künstlern nicht groß erklären, ist zu anstrengend, um früh aus den Federn zu kommen. Falls dieses Leben aber trotzdem künstlerisch ausgedrückt werden soll, klingen besonders jugendliche Künstler schon mal, als lägen sie noch im Bett. Auch Sophie Allisons Sound hört sich träge, fast schläfrig an, aber nie betrübt. Unterm Nom de Paix Soccer Mommy macht die Zwanzigjährige etwas, wofür das Englische den schönen Begriff Bedroom Pop hat, so als schlafwandle sie auf ausgeleierten Magnetbändern über den Abgrund ihrer emotionalen Selbstbehauptung. Nach einer halbgaren Kompilation ihrer Garagen-Werke zeigt das tolle Debütalbum Clean nun, welchen Sog das Aroma ausgestellter Unlust an der Leistungsgesellschaft erzeugt.

Als derangiertes Zerrbild des All-American-Girls kratzt sich die New Yorkerin aus Nashville in ihren Videos blutig, schminkt sich hässlich, gibt sich trostlos, singt sich zur unverzerrten Gitarre aber flugs wieder raus aus diesem Desaster und bläst der Oberflächlichkeit unserer Zeit mitsamt ihrem destruktiven Schönheitideal dadurch gehörig den Marsch. Clean ist passive Aggression ohne allzu viel Wut im Bauch: Zu entspannt, um zu revoltieren, geht Sophie Allison lieber noch mal ins Bett als auf die Barrikaden. Krafttanken beim Faulenzen: man möchte sich gern dazulegen.

Donnerstag, 22.30 Uhr, Nochtspeicher

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Freitag, 19.30 Uhr, Knust

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

Freitag, 20.30 Uhr, Thomas Read

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Freitag, 23 Uhr, Sankt Pauli Museum

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Samstag, 21.30 Uhr, Gruenspan

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Joachim Luger: Hansemann & Lindenstraße

Kunst kommt nach Brot

Nach 1685 Folgen in fast 33 Jahren hat mit Joachim Luger alias Hans Beimer (Foto: WDR/GFF) eines der letzten Gründungsmitglieder die Lindenstraße verlassen. Vorab gab er uns ein Interview über gute Zeiten, schlechte Zeiten in Deutschlands dienstältester Weekly-Soap, wie sein Abschied aussah und was danach noch so kommen kann.

Interview: Jan Freitag

Herr Luger, was genau machen Sie am 2. September gegen zehn vor sieben?

Joachim Luger: Ich werde mich im Funkhaus Köln einfinden, wo die Lindenstraße vor geladenen Gästen läuft, während das WDR-Orchester live die Filmmusik einspielt. Große Leinwand, großer Saal, danach große Party…

… großer Bahnhof!

Ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen überwältigt, welchen Abschied man mir bereitet.

Wie geht es dann um 19.20 Uhr in Ihnen vor, wenn nach 33 Jahren Ihr letzter Schlussakkord erklingt? (Wie fühlen Sie sich dann, müsste es heißen?)

Ganz ruhig, nehme ich an. Wenn überhaupt Anlass zur Wehmut bestanden hätte, dann Ende Mai, als wir die letzte Folge im Kasten hatten. Da ich ab Anfang Juni einen Theatervertrag in Dresden hatte, musste alles sehr schnell gehen. Hans Geissendörfer hielt im Studio eine sehr anrührende Rede, meine Kollegin Irene Fischer hat mir ein wunderbares Abschiedsgeschenk gemacht.

Nämlich?

Sie hat mir ein Theaterstück geschrieben. Aber weil ich unmittelbar danach nach Dresden gefahren wurde, hatte ich gar keine Zeit, um melancholisch zu werden. Das kam dann erst im Juli, als ich bei einigen Nachdrehs nochmals durch die Kulissen lief. Da wurde mir schon bewusst, welch großen Teil meines Lebens die Serie ausmacht.

Können Sie sich noch an deren Debüt erinnern, den 8. Dezember 1985 um 18.40 Uhr?

Genau sogar. Die Premiere habe ich gemeinsam mit allen Kollegen geschaut und in der Serie übrigens für den ersten Cliffhanger gesorgt. Es war nur ein Wort: „Marion!“, zu meiner Filmtochter, die plötzlich blutüberströmt in Flur stand.

War damals denn denkbar, dass Stand heute 1677 Cliffhanger hinzukommen würden?

Absolut nicht! Als Hans Geissendörfer sagte, ich sei für ein Jahr engagiert, könne aber nebenher kein Theater spielen, kam mir schon das sehr, sehr lang vor. Und als der Vertrag verlängert werden sollte, wollte ich schon deshalb nicht abbrechen, weil die Presse uns so verrissen hatte, dass ein Ausstieg nach Flucht ausgesehen hätte. Zumal ich längst den Stempel Hans Beimer weghatte. Ich wurde schon fast von Beginn an auf der Straße mit meinem Filmnamen angeredet.

Und wann kam der Punkt, an dem klar wurde: die Serie hält womöglich ewig?

Ich war eigentlich alle fünf Jahre aufs Neue überrascht, dass es weiterging, und überzeugt, dass nach 30 Jahren endgültig Schluss sein würde. Schwer getäuscht! (lacht).

Die Quoten waren auch nicht mehr so besonders…

Das stimmt, da wird aber mit zweierlei Maß gemessen. Als wir anfingen, gab es nur ARD, ZDF, die Dritten und RTL. Der Kuchen wurde also noch in größere Stücke geschnitten und war Hauptnahrungsmittel für viel mehr Menschen. Mit den Jahren wurden die Stücke dünn und dünner, da ist es logisch, dass wir nicht mehr die Quoten von damals haben.

Hatten Sie persönlich denn je das Gefühl, jetzt sei aber mal Schluss.

Es gab eine Phase Anfang der Neunziger, als ich mit der damaligen Regie künstlerisch und menschlich überhaupt nicht zurechtkam. Ich stand vor die Wahl, deswegen aufzuhören, aber Hans Geissendörfer sagte zu mir: es gibt viele Regisseure, aber nur einen Hans Beimer. Damit war meine Treue besiegelt.

Die allerdings dazu geführt hat, nur noch selten etwas anderes zu spielen…

Ja, aber ich hatte durchaus meine kleinen Fluchten. In Bochum zum Beispiel habe ich schon früh erfolgreich musikalische, komödiantische Kleinkunst gemacht und ab 1999 auch Boulevardtheater in Düsseldorf und Köln – und das mit großem Vergnügen. Bei all den Problemen, die Hans Beimer Woche für Woche hatte, hätte er eigentlich beim Psychiater landen müssen. Da brauchte es schon einen heiteren Ausgleich. Mein erster Vertrag am Lübecker Stadttheater lautete übrigens: jugendlicher Charakterdarsteller und Komiker. Gut, Jugend war passé, aber die Komik nur in Vergessenheit geraten.

Zugleich war er 33 Jahre lang ein Fels in der Brandung des ständig wechselnden Personals, der selbst im Untergang noch die Ruhe bewahrt.

Bis auf kleine Ausrutscher wie ein kurzes Alkoholproblem stand ich fast bis zum Schluss stets fest auf dem Boden der Realität.

Fast?

Na ja, die Parkinson-Erkrankung war eine ziemliche Herausforderung. In einem Film würde einen die Krankheit für 90 Minuten beschränken, in einer Serie für immer. Die schauspielerischen Mittel auf Dauer mimisch, gestisch, sprachlich, auch inhaltlich so zu limitieren, war mir irgendwann zu wenig und im Grunde eine Reduzierung zu viel. Außerdem vollende ich genau einen Monat nach der letzten Folge mein 75. Lebensjahr; da darf man gern ein bisschen kürzer treten, und Hans Beimer ist meiner Meinung nach vielleicht auch auserzählt. Ich gehe im Frieden.

Aber wäre Ihre Schauspielerleben ohne diesen quasi verbeamteten Serienjob mit mehr Bildschirmpräsenz als jede andere Figur nicht vielleicht besser, reichhaltiger verlaufen?

So ein Gedanke kam tatsächlich mal – schon weil ich niemals beim Ergreifen dieses Berufes eine Festanstellung im Sinn hatte. Aber ich hatte mich nun mal entschieden und wusste die Sicherheit als Familienvater auch zu schätzen. Anfangs habe ich noch in anderen Produktionen gespielt, sogar einmal den Täter im Tatort: Blindekuh. Aber die Angebote blieben zusehends aus.

So funktioniert die Branche.

So funktioniert die Branche. Aber während anfangseinige Kollegen leicht die Nase gerümpft haben über solch eine Serienrolle, kamen im Laufe der Jahre immer mehr auf mich zu, ob ich Ihnen nicht zu einer Rolle in der Lindenstraße verhelfen könnte. Das zeigt mir: Kunst kommt nach Brot. Ich bin zufrieden, habe mich zuletzt aber in der Tat häufiger gefragt, was jetzt noch kommen soll. Es wird halt schwieriger, Dinge zu erzählen, die polarisieren.

Es ging ums polarisieren?

Nicht in erster Linie, aber Hans Geissendörfer wollte schon bewusst gegen den Strich bürsten. Als wir Homosexualität, Neonazis, Kindesmisshandlung, Drogensucht, Antiatombewegung zum Teil einer alltäglichen Serie gemacht haben, wurde darüber noch wochenlang heiß diskutiert, und ein Gauweiler hat uns verklagt, weil es in einer Folge hieß, er sei ein Faschist. Heute gibt es in jeder Vorabendserie Aufreger wie diese, vom Internet ganz zu schweigen.

Wobei die Lindenstraße weniger wegen der Skandale von Bedeutung ist, sondern als eine Art Glossar gesellschaftlicher Befindlichkeiten der vergangenen vier Jahrzehnte oder?

Das ist ihr Verdienst, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Was nie in der Lindenstraße vorkam, war auch in der Wirklichkeit nicht von Belang. Das hat sie sich bis heute bewahrt.

Ist das gewissermaßen ihre Lebensversicherung?

Ich gebe generell keine Prognosen ab, weil die meist danebenliegen, wie lange es die Lindenstraße noch geben wird. Aber soweit ich gehört habe, steigt die Zuschauerzahl gerade wieder. Guter Zeitpunkt für einen Abschied.

Hat man bei Ihnen eigentlich mal nachgefragt, welchen Sie gern hätten?

Als ich mit Hans und Hana Geissendörfer darüber geredet habe, hatte ich einen sehr konkreten Vorschlag, der teilweise sogar übernommen wurde. Dass ich sterbe, ist ja kein Geheimnis.

Aber in ihren Stiefeln, am besten im Sattel?

Im Gegenteil. Ich wollte heimlich, still und leise verschwinden, typisch Hans Beimer eben.


Chemnitzer Volkssturm & Pflegenotstand

Die Gebrauchtwoche

27. August – 2. September

Es wurde mal viel gefaselt auf den einschlägigen Kanälen der neuen Medien. Donald Trump zum Beispiel, fraglos der wildeste Reiter dieses hyperkommunikativen Weltrodeos, hat getwittert, 96 Prozent aller Suchergebnisse zu seinem Namen (den gewiss niemand häufiger googelt als er selbst) kämen von linksgerichteten Medien, was er „sehr gefährlich“ nannte und Google, Facebook, ja selbst sein geliebtes Twitter warnte, sie „bewegen sich auf sehr dünnem Eis“. Welch fürsorglicher Präsident.

Ebenso sorgsam zeigte sich die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis, als sie Medienvertreter jeder Art warnte, in Sachen Chemnitzer Volkssturm gefälligst im Sinne der guten, ergo: rechtsradikalen Sache zu berichten: „Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten. Bei allen uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt, ist es zu spät“.

Der besseren Lesbarkeit wegen wurde die ganz und gar undeutsche Rechtschreibung des zwischenzeitlich gelöschten Tweets korrigiert, aber so in etwa war halt der Tenor, als die Wahrheit im Netz so lange verbogen wurde, bis Karl-Marx-Stadt kurz eine national befreite Zone war, die am Samstag drauf schon mal vorrevolutionär gebt und viele der vermeintlichen Staatsberichterstatter, etwa des MDR, gewaltsam von der Demo vertrieben hat. Wer zu alldem leider – ob in gesprochenem Wort noch binären Codes – wenig und das auch noch zu spät oder unglaubwürdig gesagt hat, waren leider jene, von denen man wirklich mal etwas hören wollte. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer etwa oder Bundesinnenminister Seehofer.

Dafür hat eine andere News die Welt bewegt: „Die User der Erotik Plattform xHamster wünschen sich mehr von Katja Krasavice.“ Die Youtuberin hatte bei Promi Big Brother so sichtbar an sich rumgenestelt, dass der zugehörige Film zum Renner des Pornoportals wurde, weshalb sie „die junge Influencerin“ nun unter Vertrag nehmen möchte. Sage noch mal einer, RTL2 sei nur für Arbeitslose. Oder ZDF voller Pilcher. Nach Recherchen von DWDL nämlich entsteht dort demnächst eine Serien-Fassung von Frank Schätzings Der Schwarm.

Die Frischwoche

3. – 9. September

Was das deutsche Fernsehen bislang am besten beherrscht ist allerdings alles mit Kittel und Robe. Deshalb passt Die Heiland ab Dienstag zur besten Sendezeit auch so prima ins ARD-Programm. Es geht darin, schnarch, um eine Anwältin, die gähn, blind ist. Das ist zwar nach realen Motiven, dramaturgisch bleibt die Serie mit der klarsichtigen Lisa Martinek als sehbehinderte Verteidigerin so altbacken und öde, dass es, sorry für den Kalauer, schlicht zum Wegschauen ist. Hinschauen darf man hingegen gern beim ARD-Mittwochsfilm tags drauf. In Alles Isy brilliert Claudia Mehnert (Weissensee) als Mutter eines Vergewaltigungsopfers, was das Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen unter der Regie des Autoren-Duos Mark Monheim und Max Eipp sehr zurückhaltend, aber ungeheuer intensiv in Szene setzt.

Bis an den Rand des Erträglichen radikal ist das Arte-Drama Sieben Stunden am Freitag um 20.15 Uhr. Die Gefängnispsychologin Hanna wird dabei von einem Hochsicherheitshäftling als Geisel genommen und mehrmals vergewaltigt. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film von dieser unfassbaren Tat, mehr aber noch dem Versuch, das Trauma zu überwinden. Die Regie führt – frei nach Susanne Preuskers Tatsachenbericht Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben – der Grimmepreis-Träger Christian Görlitz (Freier Fall).

Auf ganz andere Art drastisch ist die heutige Story im Ersten um 22.45 Uhr namens Absturz. Autor Ralf Ulrich Schmidt zeigt darin sehr anschaulich, wie der Leipziger BWL-Student Thomas Wagner mit Reiseportalen wie Ab-in-den-Urlaub oder fluege.de zum gefeierten Star der Startup-Branche wird und dann so krachend scheitert, dass er am Ende beim Aushandeln eines waghalsigen Rettungsplans buchstäblich vom Himmel fällt und bei einem Flugzeug-Crash stirbt. Im Anschluss nimmt Uli Wendelmann in Allein auf Station die drohende Katastrophe der Krankenpflege unter die Lupe.

Und ja, schon klar, ist bekannt, man sollte die Serien des gewissenlos profitsüchtigen Amazon-Konzerns nicht empfehlen, aber für Six Dreams machen wir mal eine Ausnahme. Die Doku-Serie befasst sich ab Freitag mit sechs Einzelschicksalen der spanischen Primera División jenseits von Real oder Barcelona und wirft damit ein bedrückendes Schlaglicht auf den Profi-Fußball insgesamt. Und der Tatort-Tipp: Am Mittwoch wiederholt der MDR den gut abgehangenen Ost-Fall Nr. 283 von 1993, in dem es Sodann und Ehrlicher mit der organisierten Kriminalität in Sachsen zu tun kriegen, die damals noch keine Jagd auf Ausländer, sondern eher Drogen umfasste.


Anna Calvi, Ohmme, Justice, 1000 Gram

Anna Calvi

Ob Anna Calvi nun lesbisch oder sonstwie homoerotisch ist, wird nach den ersten zwei Platten der britischen Songwriterin zwar hitzig diskutiert. Davon abgesehen, dass Anna Calvis Liebesleben zunächst mal nur Anna Calvi etwas angeht, gibt ihre Musik aber auch auf der dritten Platte reichlich Auskunft darüber, woran sie emotional interessiert ist: An den Gefühlen von Menschen füreinander, besonders die ganz großen, alles umfassenden, herzzerreißenden, tief bewegenden, gern verschwitzten, Hauptsache gegenseitigen. Musikalisch ist Hunter daher der gewohnt elegante Rodeo-Ritt zwischen sehr großer Oper und sehr kleinem Kammerspiel, mit dem sie vor fünf Jahren auch schon auf One Breath brilliert hat.

Und inhaltlich packt sie all die gewaltigen Streicher-Arrangements, Metal-Sägen, Filmscore-Choräle und Orchester-Pauken in ein wallendes Gewand von so aufwühlender Emotionalität, dass man sich bei jedem der zehn im wahrsten Sinne des Wortes grandiosen Tracks zwischen Mailänder Scala, Hauptbühne Wacken und frühem Jamens Bond wähnt. Von dieser Spannkraft zeugt allein das Video zum Titelsong, dessen explizite Darstellung autoerotischer Zärtlichkeit schon wegen der expliziten Bilder kaum auf Facebook verlinkt werden dürfte. Pop klang selten so pathetisch, ohne peinlich zu sein. Großes Melodrama!

Anna Calvi – Hunter (Domino)

Justice

Big Beat, das war doch diese weltumspannende, hochenergetische Elektronikzentrifuge, in der von Techno über Funk, Rap, Klassik hin zu Punkrock alle Sounds so lang durcheinandergewirbelt wurden, bis daraus die denkbar wildeste Tanzmusik entstand. Abgesehen vom unsäglichen Eurodance galt Big Beat demnach als ein Inbegriff der eklektischen 90er, die der Disco kaum Neues geschenkt haben, das aber mit Nachdruck. 20 Jahre, 200 Krisen und ähnlich viele Stilwechsel von Daft Punk später scheint das Zeitalter der boxenturmstürzenden Mashup-Würfe also vorbei.

Doch dann erklingen die ersten Stücke der neuen Platte von Justice und jenseits aller Nostalgie wird spürbar: Das Prinzip alles auf einmal mit viel Bass und Trash funktioniert noch immer. Wenn Xavier de Rosnay und Gaspard Augé etwa ein Spinett unters industrielle Raunen von Heavy Metal montieren, wirkt es wie Slayer auf Jean Michel Jarre, in einem Wort: famos. Vom geschmeidigen, leicht süffigen French House der beiden Freunde sind auf den Neuinterpretationen von Woman Worldwide also nur die inhaltlich gewohnt sinnlosen House-Vocals geblieben. Der Rest ist ein Brett, das den Mainstream des Pop zünftig mit seinen eigenen Waffen vermöbelt.

Justice – Woman Wordlwide (Ed Banger)

Ohmme

Die konsumgeile Spaßgesellschaft ist vielleicht der traurigste Ort unseres lustig verlotterten Planeten. Im Bällebad des Überflusses glotzen adulte Kinder so debil aus der Wäsche, dass Erwachsenen bei Verstand das Lachen vergeht. Sima Cunningham und Macie Stewart zählen definitiv zu letzteren. Unterm Bandnamen Ohmme lassen sie sich jedoch glücklicherweise auf erstere ein und machen daraus Independent von derart sarkastischer Lässigkeit, dass die Ignoranz der konsumgeilen Spaßgesellschaft für neun Tracks ihres Plattendebüts ein wenig erträglicher wird.

Der heilsame Stoff zur Magenentsäuerung heißt Parts und hat das heimische Chicago live verabreicht bereits wie eine gut verträgliche Designerdroge erobert. Sie besteht aus einer Vielzahl von Samples, Instrumenten, Fieldrecordings, die oft hinten und vorne nicht zum dadaistischen Doppelgesang der beiden Endzwanzigerinnen passen, aber klingen wie die Andrew Sisters im heillosen Durcheinander von Weens Garage. Und die Percussions vom vogelwilden Drummer Matt Carroll sorgen auch nicht für Ordnung. Eingängig ist daran wenig, aber vieles auf spöttische Art ergreifend. Der perfekte Soundtrack zum anstehenden Weihnachtseinkauf.

Ohmme – Parts (Joyful Noise)

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

1000 Gram – By all dreams nessecary (staatsakt)


Dunja Hayali: Politik, Talk & Sportstudio

Schweigen liegt mir einfach nicht

Seit Samstag moderiert Dunja Hayali (Foto: Jana Kay/ZDF) Das Aktuelle Sportstudio, nachdem ihr selbstbetiteltes Talkmagazin zuvor bereits einen festen Sendeplatz gekriegt hat. Und zwischendurch macht sie auch noch das MorgenMagazin und politische Reportagen – die Journalistin ist zusehends unersetzlich im ZDF. Und steht dafür konstant im Shitstorm des Internets. Ein Gespräch in ihrem Kreuzberger Heimatkiez über leichte Fernsehkost, ihre Rauflust, Andersartigkeit am Bildschirm und warum sie im Stadion 90 Minuten lang alle Krisen vergisst.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hayali, wenn eine Fußballweltmeisterschaft wie in Russland läuft – was bewegt Sie währenddessen mehr: Sport oder Politik?

Dunja Hayali: Also mit Anpfiff jedes Spiels, das ich mir ansehe, bewegt mich für 90 Minuten ausschließlich die Fußball-WM. Dazwischen ist es dann auch wieder der ganze Rest. Ich habe zwar mit der Vergabe nach Russland als Fan, Journalistin und erst recht als Sportreporterin noch immer meine Schwierigkeiten, aber sobald ich als Fan im Fußballfieber vorm Fernseher sitze, sind die zweitrangig.

Sie erwarten also auch vom Kommentator nicht, dass er während des Spiels permanent die politischen Begleitumstände erörtert?

Im Gegenteil. Wenn ich Fußball gucke, will ich Fußball gucken. Abgesehen vom Surfen ist dieser Zeitraum fast der einzige im wachen Zustand, wo ich alle Aufgaben, Probleme, Sorgen, Shitstorms vergessen kann. Wenn Mönchengladbach verliert, bin ich kurz sauer, aber dann ist auch wieder gut. Fußball, ich schmeiß mal virtuell fünf Euro ins Phrasenschwein, ist einfach die schönste Nebensache der Welt.

Und da bleibt dann sogar das Handy kalt?

Ja, es sei denn ich muss dringend ein Tor bejubeln. Wenn Gladbach wie letztes Jahr gegen Bayern gewinnt, poste ich natürlich sofort darüber.

Kann, darf, muss man diese Hingabe als Moderatorin einer bedeutenden Sportsendung ausschalten?

Kommt drauf an, wer mir gegenübersitzt. Aber niemand, der was vom Fußball versteht, fordert von jemandem, der wie ich seit 40 Jahren Fan eines Vereins ist, absolute Neutralität. Der offene Umgang damit ist wichtig. Transparenz. Zudem war ich ja schon mal zehn Jahre lang Sportreporterin; das war für Gladbach kein Vergnügen. Als Journalistin ist man ja erst recht versucht, Distanz zu seinem Lieblingsclub aufzubauen.

Das ist wie die Lehrerin des eigenen Kindes…

Härter noch! Und schließlich mache ich auch bei jeder Wahl brav mein Kreuz, obwohl ich Journalistin bin. Mein Vorteil ist allerdings, dass ich Wechselwählerin bin. Politisch bin ich flexibel, da geht es mir um Inhalte, nicht um die Partei, beim Fußball bin ich dem Verein gegenüber extrem treu.

Ändert es etwas an Ihrem Verhältnis zum Fußball, dass sie nun die zweitwichtigste Sportsendung des deutschen Fernsehens moderieren?

(lacht empört) Zweitwichtigste?! Na ja, dazu kann ich nur das wiederholen, was ich auf solche Fragen im Freundeskreis geantwortet habe: Ich werde genauso sein, wie ich immer bin, immer schon war. Das schönste Kompliment einiger Schulkameraden, die ich grade wiedergetroffen habe, war: du hast dich in 38 Jahren kaum verändert. Voll im Leben, auf dem Boden – diese Authentizität werde ich auch im Aktuellen Sportstudio beibehalten. Worin genau die besteht, kann ich immer dann, wenn mich junge Journalisten danach fragen, gar nicht sagen. Vieles kommt da aus dem Bauch. Von daher werde ich meine Interviews im Sportstudio nicht anders führen als im MoMa.

Dennoch erwartet man von Ihnen als ausgebildete Sportjournalistin, die zwischendurch viele Jahre im politischen Fach gearbeitet hat, doch sicher, dass Sie mehr noch als Ihre Kollegen über den Tellerrand des Sports blicken oder?

Womöglich. Wobei ich bei aller Freude über diesen Schritt nicht daherkomme und das Sportstudio revolutionieren will. Erstens hat es das nicht nötig, zweitens wäre es gegenüber den Kollegen arrogant und vermessen, drittens kann ich ja nicht machen was ich will. Es gibt einen Chef. Es gibt ein Team. Es gibt Richtlinien.

Und wie werden Sie die im Rahmen Ihrer Möglichkeiten individuell prägen?

Mein Anspruch ist jedenfalls nicht, nach dem Schlusspfiff nur abzufragen, wer wie wo warum gewonnen oder verloren hat. Themen wie Rassismus, Ausgrenzung, Korruption, Doping, dreckige Deals spielen allerdings nicht erst jetzt eine Rolle im Sport. Obwohl ich nicht alles auf den Kopf stellen werde, erwartet mein neuer Chef Thomas Fuhrmann – den ich noch als Redaktionsleiter des MoMa kennengelernt habe – die politische Einordnung sportlicher Themen. Nur: das erwartet er auch jetzt schon. Und zwar mehr denn je. Er wollte ein neues Mitglied, idealerweise weiblich, hier bin ich und sehr froh darüber.

Das klingt, als hätten Sie ein langfristiges Ziel erreicht…

Na ja, ich hab Sport studiert, lang darüber berichtet und seit Kindesbeinen Interesse an allem, was mit Bällen gespielt wird. Da war es als Neuling beim ZDF selbstverständlich, das Sportstudio im Blick zu haben. Wenn man dann allerdings zehn Jahre lang nur noch Fan ist, verabschiedet man sich von solchen Kindheitsträumen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Umso spannender finde ich es, wie sich die Stränge meiner journalistischen Arbeit nun aufeinander zu bewegen.

Wenn man ihr aktuelles Portfolio mal aufklappt, gibt es da weiterhin das MoMa

Aber reduziert.

Ab August dann die Sportmoderation, zwischendurch einen regelmäßigen Sendeplatz für Ihre Talkshow dunja hayali

„Talk-Magazin“ bitte, auch wenn das kleinlich klingt. Wir wollen den Anteil der Filmbeiträge mit dem der Gespräche mindestens gleichwertig halten. Und auch wichtig: wechselnde Talkrunden, in den wir auch „Entscheider“ mit Bürgern zusammenbringen wollen.

Darüber hinaus machen Sie weiter Berichte, Reportagen, Vorträge – unterscheiden Sie all diese Spielwiesen nach leichter, schwerer, mittlerer Kost?

Nein, allenfalls in aktuelle, relevante, interessante Kost. Und all dies kommt immer auch auf Gesprächspartner und Zielrichtung an. Man kann mit einem Fußballer ebenso gut über Politik reden wie mit einem Politiker über Fußball. Ich denke generell nicht so gern in Kategorien.

Gibt es dennoch Themen, die Sie von der Härte des politischen Tagesgeschäfts entlasten?

Außer meinem Hund? Nein. Davor bewahren mich allein schon die sozialen Netzwerke, in denen jedes beiläufige Wort, jeder noch so belanglose Fehler ausgeschlachtet wird, als hänge das Schicksal der Menschheit davon ab.

Kommen Sie Druck gut zurecht?

Wenn es ein fairer Druck ist, fördert er sogar meine Konzentration. Ich habe ja weder Angst noch falschen Respekt, aber auch keine Abneigung gegenüber dem sogenannten Elfenbeinturm vermeintlicher Eliten – so sehr ich Menschen mit größerer Distanz dazu verstehe. Von daher kenne ich unter Druck zwar eine Grundanspannung, bin aber selten aufgeregt. Im Gegenteil – ich freue mich auf jedes Gespräch, besonders das konfrontative.

Ist das manchmal sogar Rauflust?

Total, aber nur, wenn es um die Sache geht, nicht um den Krawall an sich. Ohne Erkenntnisgewinn ist mir der völlig egal. Streit oberhalb der Gürtellinie macht unglaublich Spaß und der Druck darin treibt mich an.

Als Sie auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise vor drei Jahren selbst ins Kreuzfeuer des Internets geraten sind, haben Sie dieser Zeitung gesagt, Sie nähmen den Druck gern auf sich, wenn andere, womöglich Schwächere so von ihm entlastet werden. Sehen Sie das 300 Shitstorms später genauso?

Wenn es sein muss, stelle ich mich immer noch bereitwillig in jeden dieser Stürme. Und da hilft es sehr, sie zunächst mal möglichst wertfrei als Feedback von Menschen zu betrachten, denen feinere, diskursivere Plattformen zur Meinungsäußerung fehlen. Ich muss dabei allerdings höllisch aufpassen, wessen Mitteilungsbedürfnis durch mich sogar noch bestärkt wird, wenn ich mich etwa auf Facebook in Diskussionen einmische. Manchmal muss man die Leute auch schlicht ignorieren, das musste ich erst mühsam lernen.

Es ist eine Gratwanderung.

Die alle Seiten betrifft. Verbal aufrüsten tun ja nicht nur jene, die mich beschimpfen, sondern auch jene, die mich verteidigen. Wir brauchen da dringend Diskussionsabrüstungsverhandlungen. Wobei auch meine Nerven manchmal blanker liegen als hilfreich. Das ist auch bei mir tagesformabhängig.

Insgesamt neigen Sie aber auch unter Beschuss zur Dialogbereitschaft?

Schon. Zumal mir Zuschreibungen von „besorgte“ über „frustrierte“ bis „abgehängte“ Bürger missfallen. Das sind unzulässige Zuspitzungen ganzer Persönlichkeiten auf einzelne Zustände. Wenn einer den Holocaust leugnet, ist für mich jede Diskursbereitschaft beendet, da gibt es Null Toleranz. Aber über einige Hardcore-Rassisten hinaus verdient jeder, der bei Pegida mitläuft, ein Mindestmaß an objektiver Aufmerksamkeit für sein Anliegen.

Ist kritischer Journalismus, wie Sie ihn betreiben…

… wie wir ihn ja wohl hoffentlich alle betreiben bzw. betreiben wollen!

Ist der nur anstrengender geworden oder auch aufregender?

Beides. Seit der Journalismus in die anhaltende Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise geraten ist, eröffnen sich für uns alle doch auch enorme Chancen zur Reflexion. All die Diskussionsforen und Rechercheplattformen hätte es ohne diese Entwicklung nie gegeben. Es geht mir nicht darum, Schulterklopfen zu ernten, aber ich kriege auch auf meinen Vorträgen viel positive Resonanz für diese Spiegelung. Andererseits ist unser Job dadurch auch anstrengender geworden. Er besteht ja nicht nur darin, ihn zu erklären, sondern vor allem auch zu machen. Immerhin lernt man dabei jedoch, seine Kräfte neu einzuschätzen und genauer abzuwägen, wie viel Zeit auf Facebook zum Beispiel machbar und sinnvoll ist. Also: Shitstorms und die damit verbundene Ungerechtigkeit sind anstrengend, führen aber zu einer neuen Kommunikation mit denjenigen, für die wir das Ganze machen: Unserer Leser, Zuschauer, User.

Läuft man beim Bedürfnis, es dem Publikum recht zu machen, nicht Gefahr, vor allem das zu thematisieren, was die Leute hören wollen?

Absolut. Wir als Medien müssen aufpassen, diese Diskursverschiebung nicht auch noch anzufachen. Pflegenotstand, Altersarmut, Wohnungsmangel, Verteilungsungerechtigkeit sind mindestens genauso wichtige und teilweise viel akutere Themen als Geflüchtete und Migration, auf die wir unverhältnismäßig viel Zeit und Energie verwenden. Ohne von Schuld reden zu wollen, tragen wir als Medien da eine Mitverantwortung, dieses Thema ungeachtet seiner objektiven Relevanz zuzuspitzen. Der Fall der ermordeten Susanna ist dafür ein besonders einprägsames Beispiel: Sicher haben Behörden, Polizei, der Staat da in gewisser Weise versagt. Aber hätten wir darüber in ähnlicher Form berichtet, wenn der Täter nicht aus dem Irak stammen würde?

Ist es hierzulande mittlerweile auch gefährlich, seiner journalistischen Arbeit nachzugehen?

Ja. Noch nicht wie in der Türkei oder Russland, wo sich die Kollegen ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Aber Hatespeech, Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen bis hin zur Veröffentlichung privater Adressen – das sind völlig neue Eskalationsstufen. Mittlerweile bin ich ziemlich abgehärtet, so dass ich Hass-Posts, bei denen anderen die Kinnlade runterklappt, fast gelassen zur Kenntnis nehme. Es gibt aber genügend Beispiele, die mein Leben ungleich komplizierter gemacht haben. Besonders wenn die virtuelle Welt auf meine reale trifft.

Zumal Sie als Frau mit Migrationshintergrund abseits vom heteronormativen Mainstreams an allen Fronten Angriffsflächen bieten…

Vordergrund. Dafür habe ich jetzt mal keine Fakten, sondern nur ein Gefühl, aber es stimmt. Anja Reschke vom NDR kriegt den Hass im Netz als Frau auch doppelt ab. Weil ich wie sie jedoch nicht nur öffentlich-rechtlich arbeite, sondern auch noch anders aussehe, sexuell flexibel bin und tätowiert, kommt da bei mir allerdings schon einiges zusammen.

Verändert es die Arbeitsweise, wenn man sowohl Berichtssubjekt als auch -objekt ist.

Ja. Ich finde es zwar jedes Mal wieder aufs Neue befremdlich, mich auf die andere Seite des Mikrofons zu setzen, statt das Interview zu führen. Aber ich habe hier wie dort das Bedürfnis, dem Grundgesetz und unserem Staatsvertrag genüge zu leisten. Beide tragen mir auf, gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Sexismus, aber für Humanismus, Pluralismus, Rechtstaatlichkeit einzutreten. Das ist mehr als eine Haltung, es ist unser inneres Geländer, wie es Hans Leyendecker gesagt hat. Wenn ich mich an dem nicht festhalten würde, hätte ich gewiss mehr Ruhe und Freizeit, aber es geht hier ums Ganze.

Klingt das fast schon ein wenig Trotz durch?

Nein. Schweigen liegt mir einfach nicht. Und wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Es soll ja später niemand sagen, wir hätten es nicht kommen sehen. Und als Journalistin ist mir daran gelegen, ein Gespür für den Mittelweg zu erzeugen. Im öffentlichen Diskurs scheinen derzeit nur Freund oder Feind, Schwarz und Weiß zu existieren, die Grautöne verschwinden ebenso wie die Bereitschaft, andere Meinungen zuzulassen. Ich plädiere da für mehr sowohl-als-auch, statt immer nur entweder-oder. Wir müssen versuchen, auch über polarisierende Themen wie Heimat einen Konsens zu finden.

Und was kann der Journalismus dazu beitragen?

Weil uns Teile der Bevölkerung als Akteur dieser Polarisierung ansehen, wird es durch reine Berichterstattung zusehends schwer, mäßigend Einfluss zu nehmen. Ich versuche das zwar regelmäßig im direkten Gespräch und biete unter anderem Hassmail-Schreibern auch mal an, dass ich sie anrufe; das führt dann manchmal für beide Seiten zu überraschenden Erkenntnissen. Andererseits ist es nicht unsere Aufgabe, den Menschen in diesem Land Wertschätzung zu zeigen oder den Weg zurück in die Mitte zu weisen. Das ist Aufgabe der Politik. Unsere besteht darin, die Welt in ihrer Gesamtheit abzubilden.

Also auch den guten Seiten?

Unbedingt. Wenn wir nur negativ berichten, rücken die Menschen immer weiter von den Medien ab. Bei unseren Zuschauern gibt es ein Bedürfnis nach der Ganzheit und zu der gehört auch, dass wir das Gelungene, das Positive zeigen.

Dann sind Sie ja trotz aller negativen Begleiterscheinungen im Sportstudio bestens aufgehoben, wo im Kern ja die Lebensfreude im Mittelpunkt steht.

Sind Sie eigentlich Fußball-Fan?

Unbedingt sogar.

Welcher Verein?

FC St. Pauli.

(lacht) Na, dann wissen Sie ja, wie viel Leid bei aller Freude im Fußball steckt. Als es mit Gladbach um die Nullerjahre herum ständig abwärts ging, waren das die beschissensten Fußball-Jahre meines Lebens. Das ist natürlich Leiden auf hohem Niveau, aber auch im Sport geht es längst nicht mehr nur um Sieg oder Niederlage, sondern viel Geld, Macht und wie Donald Trumps Sanktionsdrohung für Gegner der WM-Vergabe 2026 an die USA, Kanada und Mexiko zeigt, auch um handfeste Politik. All dies macht meine Aufgabe im Aktuellen Sportstudio gewiss nicht zur reinen Spaßveranstaltung.

Wird eine Frau in dieser Position noch mit anderen Augen betrachtet als Männer oder haben wir diese Stufe der Emanzipation hinter uns gelassen?

Schön wär’s… Sehen Sie sich die Abneigung an, mit der Claudia Neumann zu kämpfen hat.

Die kommentiert allerdings als bislang erste Frau Männer-Fußball. Sie hingegen folgen einer ganzen Reihe von Moderatorinnen.

Das stimmt. Als ich vor 20 Jahren Sportmoderatorin wurde, bekam ich meine Sonderstellung vom Publikum über Kollegen bis hin zu Sportlern noch deutlich zu spüren. Da hat sich spätestens mit Monica Lierhaus viel geändert. Sky hat hervorragende Sportreporterinnen, Jessy Wellmer macht das großartig Dennoch scheinen Frauen in diesem Genre immer noch als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. En Fehler und die Nation dreht hohl.

Werden Sie das im Sportstudio inhaltlich oder ästhetisch kommentieren?

Auf keinem Fall. Wenn ich versuchen würde, da Bedürfnisse zu befriedigen oder konterkarieren, würde ich durchdrehen. Das Feedback ein paar enger Vertrauter wie meine Schwester oder zwei, drei enge Kollegen ist mir wichtig. Ansonsten agiere ich weiter aus dem Bauch heraus. Vielleicht falle ich damit irgendwann mal auf die Schnauze, aber bislang ist es gut gegangen.

Verzweifeln Sie als Journalistin, die auf fast allen Ebenen an vorderster Front mitkriegt, wie viel schief läuft, nicht manchmal an der Welt?

Klar, auch ich schlage abends manchmal die Hände vors Gesicht und denke, hier fährt gerade alles gegen die Wand. Aber dann stehe ich am nächsten Morgen im MoMa und spüre: genau darüber zu berichten ist mein Job, und  ich will nichts anderes machen. Und Niederlagen gehören zum Leben; man muss halt, noch fünf Euro ins Phrasenschwein, einmal mehr aufstehen als hinfallen.

Eine kürzere Version des Textes ist vorab im journalist erschienen

Sharp Objects: Mädchenmorde & Dämonen

Kleinstadt Amerika

In der fabelhaften HBO-Serie Sharp Objects recherchiert ab morgen auf Sky eine Reporterin nun auch in deutscher Übersetzung am Ort ihrer Kindheit zwei Mädchen-Morde. Dabei trifft sie nicht nur alte Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit, sondern ein zerrüttetes Land auf der Suche nach seiner Mitte.

Von Jan Freitag

Wenn Eltern bei Kindern für Ordnung sorgen, sind die Rollen verteilt. Mutter meckert, Mädchen schweigt – so ist es auch bei Camille Preaker, als Mama Adora ihr für Frevel der vorigen Nacht die Leviten liest. „Blamier‘ mich nicht noch mal!“, fordert sie von der Tochter und legt wütend „das fällt bloß auf mich zurück“ nach. Was Erziehungsberechtigte halt so sagen, wenn sich Heranwachsende voll daneben benehmen. Nur: Adora ist seit locker 15 Jahren nicht mehr erziehungsberechtigt, weshalb Camille allein entscheiden darf, wie sie sich nach welcher Alkoholmenge benimmt. Zumindest im großen St. Louis.

Im kleinen Wind Gap dagegen hat Adora das Sagen. Und die findet es gar nicht lustig, dass ihr Kind nach Jahren der Abwesenheit als Reporterin ins ländliche Missouri zurückkehrt, um bei der Recherche zweier Mädchenmorde besoffen im schrottreifen Volvo zu pennen. Die neue HBO-Serie Sharp Objects handelt also nur an der Oberfläche von einem Kriminalfall in der amerikanischen Provinz. Darunter geht es nach der Originalfassung ab heute auch in deutscher Übersetzung auf Sky um viel, viel mehr. Mit jeder Flasche Schnaps aus der Hotelbar nämlich, mit jeder Rückblende in die Zeit ihrer Jugend, mit jeder Selbstausbeutung im Dienst der Wahrheit über sich und die alte Kleinstadtwelt wird klarer: Am Beispiel der unfreiwillig heimgereisten Camille leuchtet der Achtteiler die amerikanische Gesellschaft im Ganzen aus.

Wie schon in seiner grandiosen Speckgürtel-Studie „Big Little Lies“, gelingt es Jean-Marc Vallées Adaption von Gilbert Flynns Bestseller Gone Girl eindrucksvoll, Orte durch seine Menschen zu erzählen. Und das stockkonservative, alkoholvernebelte, schweißtriefende, irgendwie diffuse Wind Gap ist dabei die uramerikanische Mischung aus unreflektiertem Traditionalismus und dem unverwüstlichen Glauben der Eingeborenen, ihrer Zeit weit voraus zu sein, nicht weit hinterher.

Dank Hauptdarstellern wie der kontrollsüchtigen Patricia Clarkson als Adora und Nebenfiguren wie dem ewig verschwitzten Polizeichef Vickery (Matt Craven), erzählt Vallée folglich weniger die Geschichte einer trostlosen Existenz auf der Suche nach den Abgründen ihrer Biografie; er zeigt uns ein gekränktes Amerika der selbstbewussten Loser, die einen Reaktionär ins Weiße Haus gewählt haben und nun ausdauernd verwechseln, was Vergangenheit ist, was Gegenwart.

Dass die psychisch labile Alkoholikerin Camille – wunderbar lebenswund gespielt von der unvergleichlichen Amy Adams (American Hustle) – ständig als eigensinniger Teeny der Achtziger aufwacht, ist demnach nicht nur ein dramaturgischer Kniff zur Erklärung aktueller Zusammenhänge; die dauernden Flashbacks in ihre Jugend beschreiben vielmehr ein Land auf der Suche nach seiner verschwundenen Mitte. Die Serie hat deshalb auch keine Zeitsprünge, sondern Zeitströme, in denen Charaktere scheinbar hilflos herumschwimmen wie Treibholz. So wie es all jene tun, für die Amerika und Wind Gap langsam deckungsgleich werden.

Dafür muss Jean-Marc Vallée keine Landeier mit Pick-up-Truck und Make-America-Great-Again-Kappe zeigen; ihm reicht es, Ronald Reagans Neokonservatismus so in Donald Trumps Neodilettantismus einsickern zu lassen, als hätte die liberale Ära zwischendurch nie stattgefunden. Klingt politisch, dröge, verkopft? Keine Sorge – die Jagd nach dem Mädchenmörder ist zugleich bestes Krimi-Entertainment, Camilles Suche nach ihren inneren Dämonen feinstes Melodramenfernsehen und alles zusammen ein herausragendes Filmzeugnis der quälenden Hatz nach Halt im Gestern, wenn das Heute zerbröselt.


Luger 1985 & Mekka 1979

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. August

Gut, Journalisten in Polen, Russland, Ungarn, der Türkei und mittlerweile ja sogar den USA würden angesichts der Festsetzung eines ZDF-Teams durch die Polizei wohl allenfalls mitleidig lächeln. Doch was da am Rande einer Pegida-Demo in Dresden passiert ist, könnte sich im Nachhinein als Dammbruch erweisen: Ein LKA-Beamter auf Urlaub, der seine Kollegen bei einer rechtsradikalen Kundgebung dazu drängt, die Pressefreiheit außer Kraft zu setzen; ein exekutiver Korpsgeist, der dies bis hoch in die Polizeispitze verteidigt; ein Ministerpräsident, der sich sodann hinters verfassungswidrige Treiben stellt: der Irrwitz, mit dem dieser Populismus sächsischer Art an der deutschen Demokratie nagt, deutet darauf hin, dass polnische, russische, ungarische, türkische, amerikanische Verhältnisse auch hierzulande denkbar scheinen.

Es sind Verhältnisse, in denen Grundgesetzartikel 5 zum machtpolitischen Spielstein wird und Journalisten irgendwann nicht mehr nur festgesetzt, sondern verhaftet werden, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, um – wie Deniz Yücel oder zuletzt Mesale Tolu in Ankara – von der Exekutive, nicht der Judikative freigelassen zu werden sofern das machtpolitisch geboten scheint. Wie freie Medien zum Gegenstand eines Real-Crime-Formats werden, wirkt in seinem realistischen Aberwitz so fiktional, als hätte es der große TV-Macher Gunther Witte ersonnen.

Fast 50 Jahre, nachdem der frühere WDR-Fernsehspielchef 1970 den Tatort erfunden hatte, ist er vorige Woche mit 82 gestorben und hinterlässt dem Programm somit das letzte echte lineare Lagerfeuer, vor dem sich nicht nur Rentner vereinen. Es stammt noch aus einer Epoche, als die ZDF-Hitparade des ebenfalls verblichenen Dieter-Thomas Heck 27 Millionen Zuschauer vorm Bildschirm vereinte. Eine Generation, die nahezu ausschließlich Männer in Machtpositionen kannte, hinterlässt uns allerdings auch eine Medienlandschaft, in der die Machtpositionen noch immer nahezu ausschließlich unter Männern aufgeteilt werden. So wie jetzt gerade wieder die Chefsessel von Blättern wie dem Spiegel.

Die Frischwoche

27. August – 2. September

Da wünscht man sich doch umso mehr, dass der neue Film des alten Klaus Lemke kein C-Movie, sondern nichts als die Wahrheit wäre. Im Kleinen Fernsehspiel Bad Girls Avenue übernehmen die Frauen testosteronübersäuerter Kerle heute um Mitternacht nämlich das Kommando und zeigen radebrechen, aber radikal, wie hart es fürs angeblich starke Geschlecht werden könnte, wenn das vermeintlich zarte mal andere Seiten aufzieht. Gar nicht erst den Anschein einer zarten statt starken Frau erweckt dagegen Amy Adams in der großartigen HBO-Serie Sharp Objects, wenn sie als Reporterin in ihr Südstaatennest zurückkehrt, um dort alkoholumnebelt in der eigenen Vergangenheit herumzustochern, dass es zum Niederknien ist. Ab Donnerstag zeigt Sky den Achtteiler auch auf Deutsch.

Über die deutsch-amerikanische Comedy-Crime Take Two um einen bildhübschen Ermittler, dessen bildhübsche Kollegin nur deshalb ein bisschen glaubhafter ist als die bildhübschen Bullen des Fernsehens sonst, weil Rachel Bilson eine Hollywoodschönheit auf kriminalistischem Abweg darstellt, hüllen wir dagegen ab Mittwoch um 20.15 Uhr elf Folgen lang auf Vox den Mangel des Schweigens – und verweisen stattdessen lieber auf die Zeichentrickserie Paradise PD. Auch auf Netflix geht es dort tags drauf ums Verbrechen. Allerdings bekämpft sie das Personal einer Polizeistation im verschwitzten Süden der USA mit saukomischem Sarkasmus.

Aber das war es noch lange nicht mit den Krimi-Formaten dieser Woche. Ab Sonntag ermittelt die sensationelle Almila Bagriacik in Kiel an der Seite des ergrauten Tatort-Wolfs Axel Milberg. Schon heute übernimmt die neue ARD-Allzweckwaffe Judith Rakers zur besten Sendezeit das neue Allzweck-Thema Real Crime und moderiert den vierteiligen Aktenzeichen XY-Abklatsch Kriminalreport, was zwar voll im Trend liegt, aber gerade deshalb schon vorab leicht langweilt. Ganz im Gegensatz zur Dokumentation der Woche. Heute um 22.45 Uhr blickt das Erste zurück auf die Besetzung der Großen Moschee von Mekka durch radikale Islamisten 1979, was Regisseur Dirk van den Berg als Urknall des Terrors analysiert, ohne den weder der 11. September noch der IS denkbar seien.

Vor den Wiederholungen der Woche gibt es aber auch noch mal was zu lachen: In Familie Lotzmann auf den Barrikaden lässt Axel Ranisch am Dienstag um 22.45 Uhr (ZDF) eine Schar Spießer so hingebungsvoll ins Chaos schlittern, dass Loriot aus jeder zweiten Szene grüßt. Seine letzte Szene nach 33 Jahren Lindenstraße hat Sonntag dann noch Joachim Luger als Hans Beimer, dessen erster Auftritt ein Jahr vorm Alt-Tatort stattfand: Freunde mit dem damals noch jungen Götz George als Horst Schimanski (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR). In Schwarzweiß wurde 1963 das Drehbuch des Nobelpreisträgers Harold Pinter verfilmt, dessen Der Diener heute um 20.15 Uhr auf Arte ein famoses Psychogramm umgedrehter Hierarchien im Spätherbst der Aristokratie war. Und in Farbe zeigt der MDR um 23.05 Uhr ein Frühwerk von Katrin Sass als vermeintlich unfähige Mutter im DDR-Drama Bürgschaft für ein Jahr, nämlich 1981.