Cassels, Beliefs, Jordan Rakei

Cassels

Es gibt Musik, die kann wohl nur in England entstehen, und meistens ist es eine, die sich ihrer Unvollkommenheit vollkommen bewusst ist, ohne es gleich so furchtbar raushängen zu lassen. Kein Wunder also, dass Punkrock von der Insel kommt und das, was man etwas amorph als DIY bezeichnet, ein Sound, der halbfertig klingt und zugleich kleinteilig, versiert, intensiv. Ein Sound wie der von den Cassels. Gitarre, Drums, ein Mikro – das reicht Loz und Jim Beck aus den Niederungen der britischen Provinz dicke aus, um damit eine Wucht zu erzeugen, die sprachlich, musikalisch, atmosphärisch einer Mischung aus Sleaford Mods, Billy Bragg und The Clash erinnert.

Mit grandioser Hingabe zerschreddern die neun Stücke des brüderlichen Debütalbums Epithet jede Art von Liedstruktur in vielfach fast mathematischem Spielwitz, enden dabei allerdings selten im Chaos und falls doch, ist es genauso gemeint, besonders in den finalen Phasen der Songs. Ein fantastischer, ebenso schwelgerischer wie sozialkritischer Track wie You Turn On Utopia zum Beispiel wechselt scheinbar wahllos und doch so klug zwischen Popfolkappeal und Punkbrett, Poesie und Hardcore, dass die Gesichtszüge beim Zuhören im schnellen Wechsel sämtliche Emotionen abklappern. Ein Album für Wut, Intellekt und Spaß in einem – das ist die kleine Sensation des Augenblicks.

Cassels – Epithet (Big Scary Monsters)

Beliefs

Shoegazing war schon immer ein Missverständnis. Wer dieser schwelgerischen Variante des Postrock seit den frühen Neunzigern zugerechnet wird, sieht ja nicht bloß wie vielfach kolportiert aus Schüchternheit auf die Füße statt ins Publikum, sondern weil die ausufernden Gitarrenteppiche größter Konzentration bedürfen. Beim kanadischen Shoegaze-Duo Beliefs ist die Scheu vor den Blicken der Zuhörer verglichen mit dem Konzentrationsbedürfnis sogar noch etwas nachrangiger. Auf dem neuen Album nämlich mischt sich weit mehr technoides Raunen ins analoge Klanggewebe als bei den zwei Vorgängern. Das macht Habitat experimenteller, expressionistischer, radikaler, trotz der verstörenden Noise-Elemente aber auch interessanter und dabei überaus hörbar.

Dennoch legen es Jesse Crow und Josh Korody im Grunde nicht mehr auf Hörbarkeit an. Der Popappeal früherer Tage wird so lang ins Stahlbad des Industrial getaucht, bis es nach einem Mix aus Sonic Youth und Aphex Twin klingt, den Jesse Crowes angenehmer Sopran regelmäßig zurück auf den Boden der Eingängigkeit holt. Sollte das der Plan gewesen sein, ist er gelungen. Dennoch: Habitat ist definitiv eher was Alternativefans als Shoegazer, besonders die scheuen.

Beliefs – Habitat (Dead Oceans)

Jordan Rakei

Nina Tune, eines der angesehensten Independent-Labels überhaupt, ist nicht grad bekannt für sein Soul-Portfolio. Von London aus geht ja gemeinhin eher elektronische Avantgarde um die Welt als sentimentale Geschmeidigkeit.  Es gibt also nur zwei Gründe, warum Jordan Rakei den Nachfolger des selbstveröffentlichten Debütalbums Cloak dort rausbringt: sein Soul ist weder sentimental noch geschmeidig oder digitaler als im vorwiegend analogen Genre üblich. Die Auflösung wirkt überraschend und einleuchtend zugleich: die Aura, vor allem aber der Gesang von Wallflower ist vielfach bis zur Rührseligkeit gefühlig.

Der Multiinstrumentalist aus Neuseeland unterfüttert allerdings fast jede seiner elf eigenhändig eingespielten Kompositionen mit einer so eleganten Portion elektronischer Spielereien, dass daraus – ergänzt durch Virtuosen von Rock bis Jazz – ein vielschichtiges Stück Synthsoul entsteht. Schon der Opener Eye to Eye wandelt sich nach etwas warmem Gitarrengeklimper über ein paar atonale Bridges hinweg zu einer Art Free-R’n’B mit unterschwelligem Bassraunen, der sein Heil spürbar nicht in Harmonie sondern Verstörung sucht. Rakeis Seelensound gleicht somit einer Psychoanalyse im Partykeller: Tiefgründig, aber elegant und tanzbar.

Jordan Rakei – Wallflower (Ninja Tune)

 

 

Advertisements

Martin Brambach: 1 Honecker & 4 Hitlers

Täter als Menschen zeigen

Martin Brambach hat sich zu einem der Stars des deutschen Films entwickelt. Warum, das zeigte er zuletzt am Einheitsfeiertag als Titelfigur der halbrealen Wende-Groteske Willkommen bei den Honeckers (zu sehen noch in der ARD-Medieathek). Ein Gespräch über Witzfiguren in der Tyrannei,  seine Jugend unterm Staatsratsvorsitzenden und wie er mal mit drei Adolf Hitlers im Raum saß.

Von Jan Freitag

Herr Brambach, als man Sie gefragt hat, den fast achtzigjährigen Erich Honecker zu spielen – was ist Ihnen da als Erstes durch den Kopf geschossen?

Martin Brambach: Na welche älteren Kollegen haben denn da bitteschön abgesagt…

Und als Zweites?

Habe ich mich sehr gefreut über diese Aufgabe. Schon weil es so ungewöhnlich ist, eine solch bekannte Figur der Zeitgeschichte in ihrer Ambivalenz, also abseits all der Bilder zu spielen, die man von ihr im Kopf hat. Das war nicht nur wegen des Altersunterschiedes spannend.

Also gar nicht so sehr maskenbildnerisch?

Nee, die kriegen ja mittlerweile fast alles hin. Einen alten Mann dramaturgisch glaubhaft zu machen, den dazu auch noch jeder genau zu kennen glaubt – das ist herausfordernd.

Zumal er Sie selbst die ganze Jugend hindurch als Staats- und Parteichef begleitet hat.

Ich bin 1984 als Siebzehnjähriger in den Westen gekommen, aber bis dahin gab es seit ich denken konnte in der Tat nur Erich Honecker da oben.

Was war denn da ihr persönliches Bild von ihm?

Na ja, als er Mitte der Siebziger Staatsratsvorsitzender wurde, hieß es zunächst mal, jetzt gehe es wirtschaftlich aufwärts, und als ich so mit zehn Jahren kurz darauf bei den Jugendweltfestspielen in Berlin war, dachten Kinder wie wir halt schon, alles sei gut. Nachdem ich begonnen habe, mir eine eigene Meinung zu bilden, wurde er allerdings zügig zur Witzfigur, die man nicht richtig ernst nehmen kann.

Wenngleich eine mit teils tödlicher Wirkung…

Und trotzdem war es für die Beschäftigung mit der Rolle wichtig, ihn als jemanden darzustellen, der an das, was er getan, auch wirklich geglaubt hat. Dieser Dachdecker war ja aus tiefster Überzeugung Antifaschist. Das macht Schießbefehl, Umerziehungslager, den Mauerbau nicht besser, aber plausibler. Umso mehr ist bei mir hängengeblieben, dass in Wandlitz nach der Wende eine Pornosammlung gefunden wurde. Da verbietet er den Leuten unter Androhung des Todes, den dekadenten Westen zu sehen, und deckt sich zuhause mit allem daraus ein? Was für eine Pervertierung seiner eigenen Ideale…

Ist die Interpretation Ihres Film-Honeckers also auch persönlich geprägt?

Absolut, gerade die Worthülsen in dieser Stimmlage – das klingt mir noch im Ohr nach und fließt ins Spiel mit ein. Aber natürlich auch das Uneinsichtige, Starrköpfige am Täter Honecker, der Anfang der Neunziger in einem ARD-Interview zum Schießbefehl meinte, niemand sei zur Flucht gezwungen worden. Dennoch wollte ich ihn mit meiner Darstellung nicht denunzieren.

Wird der Film nach 60 eher ulkigen Minuten, in denen der Reporter seine Reise nach Chile vorbereitet, auch deshalb plötzlich so ernst, als Ihr Erich Honecker auftaucht?

Genau. Wir wollten halt keine Karikatur kreieren, sondern den Menschen, der auf der Zielgerade seines Lebens ebenso betrogen wird, wie er zuvor viele andere betrogen hat. Das macht die Komödie am Ende zur Tragödie.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass beim Publikum Mitleid mit diesem gebrochenen alten Mann übrigbleibt?

Die Frage, ob man solche Täter als Menschen zeigen muss, kam ja schon bei Bruno Ganz als Adolf Hitler im Führerbunker auf. Meine Antwort: Man muss! Es waren ja welche. Wenn mir gelingt, Erich Honecker in dieser Ambivalenz darzustellen, sehe ich das demnach als Kompliment. Andererseits geht es auch um einen Reporter, der für sein Ziel alle ethischen Prinzipien über Bord wirft. Mein Mitleid für die Honeckers hält sich zwar in Grenzen, aber da treffen doch zwei sehr fragwürdige Figuren aufeinander.

Können Sie sich an diesen real existierenden Medienscoop erinnern?

Nein. Und ich habe zuerst auch gar nicht geglaubt, dass die Story wahr ist. Dann hab ich aber sogar den Journalisten von damals getroffen. Irre Geschichte! Ich muss allerdings zu meiner Entschuldigung sagen, bis Ende der Neunzigerjahre in Österreich gelebt zu haben; da war es wohl weniger ein Thema, was ein deutsches Magazin abdruckt. Die Wende ist seltsamerweise ein bisschen an mir vorbeigegangen.

Vielleicht auch, weil Sie von der ganzen Sache DDR die Schnauze voll hatten?

Ich wollte die Phrasenhaftigkeit des Systems damals schon möglichst weit hinter mir lassen. Schließlich hat nicht nur Honecker so geredet, als ginge es selbst beim Altpapiersammeln um die Weltrevolution, sondern jeder Staatsbürgerkundelehrer, FDJ-Funktionär oder Volkspolizist. Mit dem heutigen Abstand jedoch finde ich all dies schon wieder spannend.

Wenn man Sie mit kaum 50 einen Mann spielt, der 30 Jahre älter ist – sind den Möglichkeiten als Schauspieler jetzt eigentlich überhaupt noch Grenzen gesetzt?

Nein, keine mehr (lacht laut). So ein Greis ist körperlich wie inhaltlich eine Riesenherausforderung, die aber auch ungemein Spaß macht. Ein echtes Geschenk. Da bleibt mir glaube ich keine Figur der Zeitgeschichte mehr verschlossen.

Gibt es eine, die Sie sich förmlich wünschen?

Ach, da gibt’s so viele, besonders von den widersprüchlichen. Für Deutsche ist es sicherlich am schwierigsten, Faschisten so zu spielen, dass auch Empathie mit ihnen möglich ist. Deshalb ist das – trotz der Masse an Schauspielern, die es bereits versucht haben – nur in den seltensten Fällen geglückt, Adolf Hitler glaubhaft zu machen. Tobias Moretti war mal in Speer und Er ganz toll darin.

Entfacht es da nicht umso mehr Ihren Ehrgeiz, es selber mal zu versuchen?

Ach nee. Aber immerhin hatte ich mal ein Casting, damals bei diesem Film über Rommel, auf dem seinerzeit noch der Heiner Lauterbach saß. Bei dem Termin waren vier Hitlers in Kostüm und Maske – alle völlig verschieden und ich dabei. Ich hatte also meinen Auftritt.


Bullbarts Werk & Honecker Beitrag

Die Gebrauchtwoche

25. September – 1. Oktober

Also gut: die, deren Namen man nicht aussprechen soll, sitzen in Fraktionsstärke an einem Ort, der seither seltsam entweiht zu sein scheint, weshalb all jene, die eigentlich zur dauernden Thematisierung verpflichtet sind, nicht mehr so recht wissen, ob sie mit ihrer Berichterstattung am Ende nicht all jene, deren Namen man wie gesagt nicht ausspricht, überhaupt erst dorthin gebracht hat, wo sie nichts zu suchen haben. Ach, es ist echt kompliziert mit der medialen Begleitung von Populisten, deren einziger Treibstoff nun mal diese Begleitung ist.

So gesehen muss man sogar froh sein, dass die Unaussprechlichen bislang keinen richtig echten Steve Bannon zur Seite haben, dessen rechtsextreme Plattform Breitbart vor fast einem Jahr Donald Trump ins Weiße Haus gehetzt hat. In Österreich allerdings wächst gerade die Sorge, dass Dietrich Matteschitz nun derart populistische Publizistik betreibt. Während sein Feelgood-Sender ServusTV bislang schon nicht durch Kritik an irgendwas aufgefallen ist, das dem Zuckerbrausedosenmüllmilliardär missliebig sein könnte, wird sein investigatives Online-Medium „Addendum“ bereits als „Bullbart“ verspottet.

Mit dem will Mateschitz nach eigener Aussage zwar vor allem vertieften Journalismus bieten; da sich Österreichs mächtigster Tycoon jedoch zuletzt bedenklich zur Flüchtlingsfrage geäußert hat und den Klimawandel seiner Planetenverheerung gemäß für ein Märchen halten dürfte, droht da eher Propaganda in eigener Sache. Und die wirkt dann gewiss auch auf unseren Markt, der für Red Bull ungemein bedeutend ist. Zum Tag der deutschen Einheit könnte die mediale Lage im Land also kaum zwiespältiger sein. Und dann verbannt das ZDF auch noch seine groß angekündigte, aber furchtbar missratene Journalismus-Serie Zarah mangels Erfolg auf den Spartenkanal Neo.

Die Frischwoche

2. – 8. Oktober

Beim Mutterschiff dagegen startet heute zur publikumsfreundlichen Mitternacht der Vierteiler Stunde des Bösen, in der Nachwuchsregisseure vier Montage zu nachtschlafender Zeit die menschlichen Abgründe erforschen. Den Anfang macht Astrid Schults Thriller Winterjagd mit Carolyn Genzkow als junge Frau, die sich einen Alt-Nazi zur Brust nimmt – den ausgerechnet der Holocaust-Überlebende Michael Degen spielt. Ebenfalls Neulingen gewidmet ist der SWR-Schwerpunkt Junger deutscher Dokumentarfilm. Ab Mittwoch bietet er bereits zum, 17. Mal Sachfilm-Rookies eine Plattform. Zum Auftakt nutzt sie Aslý Özarslan für ihr Porträt der deutschen Kurdin Leya, die am Ort ihrer Wurzeln zur jüngsten Bürgermeisterin der Region gewählt wird.

Tief gläubig, aber auch überaus bizarr wird es im Till Endemanns stillen, aber aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm So auf Erden. Das real existierende Ehepaar Edgar Selge und Franziska Walser spielt darin ein fiktionales Ehepaar evangelikaler Prediger, das im Gewitter weltlicher Versuchungen zu bestehen versucht. Eher ungläubig, aber keinen Deut weniger absurd ist Dietrich Brüggemanns Kino-Groteske Heil (Arte, 22.25 Uhr) um einen Afroamerikaner, der wegen einer Amnesie plötzlich Naziparolen faselt und so zum Medienstar der Rechten wird.

Tags zuvor, dem Namen nach der deutschen Einheit gewidmet, geht es aber von morgens bis abends um alles rund um die sogenannte Wende. Darunter sind so unterschiedliche Werke wie Ein Herz und eine Seele, wo Ekel Alfred um 16.25 Uhr im WDR passenderweise Besuch aus der Ostzone kriegt. Brandneu dagegen ist die Komödie Willkommen bei den Honeckers zur besten Sendezeit im Ersten. Nach realen Motiven kriegt die Titelfigur darin 1991 ungebetenen Besuch von einem Bild-Reporter, der sich 1991 unterm Vorwand, ein kommunistischer Fan zu sein, bei den zwei abgehalfterten Ex-Diktatoren einschleicht. Johanna Gastorf und Martin Brambach spielen Margot und Erich Honecker dabei so wahrhaftig, zugleich lustig, aber nie verächtlich, als seien sie es wirklich.

Um all dies abzüglich des Humors ging es Veronica Ferres vor zehn Jahren zweifellos auch in ihrer Rolle als Die Frau vom Checkpoint Charlie (ARD, 1.00 Uhr). Dass das Melodram am Ende doch oft unfreiwillig komisch geriet, liegt dann halt an der Hauptdarstellerin, die von Understatement und Augenzwinkern vermutlich weniger versteht als von Spiralgalaxien. Dann doch lieber echter Humor mit Hintersinn wie Good Bye, Lenin! um 20.15 Uhr auf 3sat oder zur Abwechslung mal etwas, das seinerzeit durchaus heiter sein wollte, obwohl es um Mord und Totschlag ging: in der schwarzweißen Wiederholung der Woche zeigt Kabel1 am Dienstag ab 16.30 Uhr gleich vier der legendären Wallace-Verfilmungen aus den Sechzigern Mit Käuzchen, Kunstnebel und Frauengeschrei lässt sich der Feiertag mit Der Fälscher von London, dann Das Indische Tuch, zwischendurch Der Frosch mit der Maske und zum Finale Der grüne Bogenschütze ganz gut überstehen.

Dagegen wirkt der erste Tatort von Ballauf/Schenk trotz seiner 20 Jahre auf dem Buckel fast modern. Aber eben nur fast. Eingeleitet wird Willkommen in Köln am Dienstag im WDR (22.30 Uhr) übrigens eine Dreiviertelstunde zuvor mit einer kleinen Geburtstagsdoku an die zweitdienstältesten Ermittler. Happy Birthday! Gefolgt von einem tieftraurigen Nachruf: Andreas Schmidt, einer der überraschendsten, vielschichtigsten, besten Schauspieler im Land ist nach schwerer Krankheit mit nur 53 Jahren gestorben. Fairwell, liebste Bohnenstange!


Otherkin, Primus, Tricky, Phoebe Bridgers

Otherkin

One-Two-Three-Four-Rotz and Go – es ist nicht unbedingt so, dass im Bereich des vermeintlichen Alternativerocks, der seine Distanz zu Majorlabels oft ja bloß in der Gattungsbezeichnung trägt, irgendwie Nachwuchsmangel herrschte. Seit die Libertines den Britpop zum Britrock gemacht haben und die Arctic Monkeys daraus wiederum Britsmosh, hagelt es fast wöchentlich neue Bands ins Segement harter Gitarren mit weicher Stimme. Und nun also Otherkin. Vier Männer, vier Akkorde, Vierviertel und ab die Post. Nichts Neues. Nichts Neues? Ein bisschen doch.

Die Stimme von Luke Reilly ist ein bisschen rauer als der Rest des Genres, das Schlagzeug von Rob Summons ein wenig wilder, der Bass von David Anthony etwas verwaschener und Conor Wynnes Gitarre sägt dazu Riffs in Fetzen, die stets eine Spur verwegener herumfliegen als andernorts üblich. Referenzen an Rancid oder Pennywise verfestigen dabei die Glaubhaftigkeit der Attitüde, es ernst zu meinen mit einer Distanz zum Mainstream, die jeder im Independent für sich reklamiert. Otherkin erfinden den Britrock nicht neu, bieten ihm aber ein neues Speedquartett, das noch manches Stadion zum Kochen bringen dürfte. Freuen wir uns drauf.

Otherkin – OK (Rubyworks)

Primus

Die Begegnung mit Primus, so viel persönliches Erleben ist an dieser Stelle durchaus mal angebracht, kann Leben verändern. Wer Les Claypool Anfang der Neunziger live beobachten durfte, wie er den Bass zugleich funky slappt, rockig pickt und metallisch drischt, während Tim Alexander Dinge am Schlagzeug vollführt, die selbst bei noch so viel eigener Übung unnachahmlich sind. Wenn Larry LaLondes Gitarre dazu tritonale Kryptik verbreitet und Claypool bizarrste Sachen über erschossene Hundebabys singt. Dann war das in seiner Komplexität so überwältigend, dass Musik danach nie wieder dieselbe sein konnte. Lange her.

Und doch sehr präsent, sobald man die neue, neunte Platte hört. In Originalbesetzung zeigt das Trio aus San Franzsico, was es schon 1990 beim legendären Debüt Frizzle Fry zelebriert hat: jazzigen Mathcore mit der Kraft elaborierten Unsinns. Und diese psychedelic polka, wie sie es selbst nennen, hat nichts von ihrer Sokraft verlorgen. Die Stücke mit konzeptionellen Titeln von The Valley bis The Ends? baden im gediegenen Aberwitz, tun es aber wie gewohnt mit einer an Genialität grenzenden Virtuosität, die man immer noch nicht so recht begreift. Kein Album für den entspannten Fünf-Uhr-Tee, eher eine Eigentherapie eleganter Überforderung.

Primus – The Desaturating Seven (ATO Records)

Tricky

Stockdunkel ist das neue Album von Tricky, stockdunkel ist auch dessen Cover, vom Künstler am Rand ganz zu schweigen. Stockdunkel ist schließlich alles am Pseudonym von Adrian Nicholas Matthews Thaws, der dem freudlosen Trip-Hop einst eine Extraportion Trübsinn verpasst hat. Jetzt aber scheint Tricky Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Eher ein zartes Schimmern als gleißenden Sonnenschein, aber keine Frage: das 12. Album ist von allen am luzidesten. Noch immer besingt das Waisenkind aus Bristol zwar alles, was es 45 seiner fast 50 Jahre nach dem Suizid der Mutter das Leben verhagelt hat. Doch mithilfe einer Riege russischer Produzenten und Rapper, die bei der Herstellung in Moskau am Werk waren, wirkt Ununiform geradezu gelöst.

Blood on my Blood zum Beispiel oder Dark Days mögen wie so viele seiner Songs eher rhythmisiertes Hintergrundrauschen sein als Melodien für Millionen; stets herrscht darin minimalistisches Nichts in Moll, ständig flehen vereinsamte Tonfetzen um Gesellschaft. Doch all die Worte über Familiendramen und den Tod darin wirken, als blicke er diesmal nach vorn und ließe seine Dämonen zurück. Tricky macht seinen Frieden mit sich. Und wir können dabei zuhören, ohne in uns zusammenzufallen. Endlich.

Tricky – Ununiform (False Idos)

Phoebe Bridgers

Hell ist das erste Album von Phoebe Bridgers, hell ist auch dessen Cover, selbst das handgemalte Geisterkostüm am Rand glänzt im Sonnenlicht. Hell ist schließlich fast alles an der platinblonden Sängerin mit der glockenklaren Stimme. Den Alternativefolk ihres Debüts als unbedingt lebensbejahend zu bezeichnen, wäre dann aber doch zu oberflächlich. Phoebe Bridges war noch ein Teenager, als Ryan Adams vor zwei Jahren auf die erste Single Killer aufmerksam wurde und begann, Stranger in the Alps mit ihr aufzunehmen. Und Melodramatik ist ja kein allzu fernes Gefühl von Menschen dieses Alters.

Melodramatik ist es daher auch, die ihre Lyrik hauchzart durchwirkt, mit Worten voller Sehnsucht, Selbstzweifel und Schwermut. Alles gern garniert mit tröpfelndem Hintergrundpiano oder einer Geige, die im Opener Smoke Signals den dünnen Gitarrenvorhang gleich mal wie ein laues Lüftchen aufwirbelt. Trotzdem klingt die Platte nie getragen, geschweige denn pathetisch, dafür selbstbewusst, aber nie abgebrüht. Damit hat sie es immerhin zum Support von Conor Oberst gebracht und in mehrere Soundtracks bekannter Fernsehformate. Da wächst was heran im Sommersonnenschein.

Phoebe Bridgers – Stranger in the Alps (Dead Oceans)

 


Eva Löbau: Graue Maus & Tatort-Star

Der Weltstar des Studentenfilms

Eva Löbau ist nicht schön, sie hat auch keinen Glamour, sie spielt ihre Rollen einfach mit so geradliniger Wahrhaftigkeit, dass es die Schwäbin mittlerweile zu einer festen Größe des deutschen Films gebracht hat. Dafür spricht zum Beispiel, dass sie ab Sonntag die neue Ermittlerin des Schwarzwald-Tatorts ist. Und dabei gemeinsam mit ihrem Kollegen Hans-Jochen Wagner (Foto: Alexander Kluge/SWR) entscheidend zur grandiosen Atmosphäre des Auftaktfalles Goldbach beiträgt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Löbau, gleich Ihr erster Tatort macht kriminologisch mit Kindsmord und Waffenhandel ein großes Fass auf. Ging’s zum Auftakt nicht ein bisschen kleiner?

Eva Löbau: Ach, es gab mal eine Phase, wo der Waffenhandel noch weiter im Vordergrund des Drehbuchs stand. Daraus ist erst im Verlaufe der Entstehungsgeschichte ein Worst-Case-Szenario dreier Familien geworden. Mir ist es allerdings sehr recht, dass unser Tatort so schwer, ernst und melancholisch einsteigt.

Warum?

Für mich als Ermittlerin gerät die Einführung dadurch sogar sanfter, weil wir unsere Arbeit in einem Umfeld erledigen, dem mehr Raum gegeben wird als uns. Also, ist mir natürlich bewusst, dass Krimis in Deutschland die Realität verdichten. So ein Fall kommt im Schwarzwald sicher nicht häufig vor.

Wirken Ihre beiden Kommissare deshalb so wenig abgebrüht oder legt es die Messlatte gleich mal auf ein Niveau ganz gewöhnlicher Ermittler?

Schon, aber es hat auch mit unseren Gesprächen mit der Freiburger Polizei zu tun, wie Kommissare in so einer Situation normalerweise reagieren. Daran schließt sich ja die Frage an, wie viel Routine im Polizeialltag realistisch ist, wie viel man psychisch aushält. Es war mein Wunsch, dass die Polizeiarbeit mehr im Vordergrund steht als meine Figur; die sollte nicht so exaltiert sein.

Das entspricht durchaus dem Rollentypus, den Sie öfter mal spielen oder?

Inwiefern?

Da sind schon öfter eher graue Mäuse wie damals in Lerchenberg und jetzt hier beim Tatort auch.

Echt?  Oh, das war hier nicht meine Absicht. Graue Maus ist generell nicht mein Interesse. Mir geht‘s immer um die jeweilige Funktion einer Figur im ganzen System. Und hier in der Reihe vielleicht um einen  gewissen Pragmatismus. Ich gebe da doch auch Anweisungen, und die werden sogar befolgt Hahaha. Auch in Lerchenberg steigt die graue Maus, wenn Sie das so nennen wollen, letztlich aus Sascha Hehns Schatten und lässt sich Haifischzähne wachsen.

Wird der Tatort auch für Sie selbst was ändern, einen Schwung aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht?

Das weiß ich jetzt natürlich noch nicht, aber davon abgesehen, dass ich auch Hauptrollen spiele, meinte eine befreundete Regisseurin zu mir, der deutsche Film interessiert sich jetzt nicht sooo sehr für dich, da gibt dir der Tatort vielleicht mal einen Aufmerksamkeitsschub. Ich komme ja eher aus dem Autorenkino und nenne mich manchmal scherzhaft einen Weltstar des internationalen Studentenfilms. In Theaterstücken spiele ich oft Leute, die dominieren und sagen wo‘s lang geht. Andererseits stimmt es schon – im Film kommt das bislang eher seltener vor.

Sie sind in Waiblingen aufgewachsen oder?

Geboren. Aufgewachsen bin ich in Plochingen. Beides ist in der Nähe von Stuttgart.

Kennen Sie die Gegend, in der der Tatort spielt?

Ich wohne zum Teil in Karlsruhe und bin dann oft im Schwarzwald wandern. Ich kenne die Gegend also ganz gut.

Ist sie wirklich so düster wie der Film es suggeriert?

Er hat natürlich auch eine liebliche Seite. Aber durch die tiefen Taleinschnitte unter den hohen Plateaus mit ihren Mooren ist er vielfach schon auch schroff und abweisend.

Welche Reaktionen erwarten Sie von Schwarzwäldern auf den ersten Fall? Richtig gut kommen ja weder Wald noch Mensch, die als ziemliche Waffennarren dargestellt werden, weg.

Ach, das ist halt der Blickwinkel dieses Falles. Manche Leute werden gewiss auf korrekte Dialekte achten, und enttäuscht sein. Aber die Waffenszene wird ja als sehr vielfältig dargestellt: vom Schützenverein bis zum Freak. Und den Global Player der Waffenindustrie gibt’s dort wirklich. Ich finde die Gegend sehr nachvollziehbar.

Sind Sie selbst ein urbaner Typ?

(lacht) Ja. Aber einer mit großer Sehnsucht nach dem Land. Ich habe gemeinsam mit meinen Geschwistern kürzlich die Hütte meines Großvaters an einem See bei Salzburg zurückgekauft. Aus nostalgischen Gründen. Ansonsten wohne ich meistens in Berlin.

Werden Sie dort auf der Straße erkannt?

Kaum. Ich kann mich unbehelligt bewegen. Als ich neulich vorm Geldautomat stand, meinte aber mal ein anderer Kunde zu mir, ah, Sie sind doch die Schauspielerin? Aber das war ein positives Erlebnis, weil er Filme mit mir gesehen hatte, die er mochte.

Sind Sie denn Zuhause bei Stuttgart bekannt?

Das wüsste ich, wenn es dieses Zuhause dort noch gäbe. Meine Eltern wohnen nicht mehr da, wo ich aufgewachsen bin, sondern teilweise auf Sardinien, teilweise bei Salzburg. Ich komme daher nicht in mein „Dorf“ zurück und jeder sagt, ach guck mal, die Eva! Mit meiner Verwandtschaft hatte teilweise in den letzten Jahren nicht so viel Kontakt; aber jetzt, wo der Tatort kommt, führt uns das wieder ein bisschen zusammen. Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen. Erst kürzlich haben sich meine Eltern einen gekauft. Nur um mich im Fernsehen zu sehen. Sagen sie zumindest. Also, Tatort sorgt bei mir zu Familienzusammenführung.

Setzen Sie sich ein Limit, wie lange Sie ihn machen wollen, ohne darin festzuhängen?

Ich hab mir im Voraus natürlich Gedanken gemacht, inwieweit er eine berufliche Weiterentwicklung ist oder inwieweit mich das schädigen könnte. Dadurch, dass es schon so viele Tatort- Kommissarinnen gibt, empfinde ich mich jetzt auch nicht nur darauf festgelegt. Ich freu ich mich auch, dass ich mich längere Zeit mit dieser Figur in diesem Umfeld auseinander setzen kann. Aber ich werd schon weiter auch anderen Arbeiten und Interessen nachgehen.

Denken Sie bezogen auf Ihre Arbeit strategisch?

Gar nicht. Im Gegenteil. Ich bin sehr unstrategisch und habe schon Entscheidungen getroffen, die eher nicht karriereförderlich waren.

Zum Beispiel?

Etwas Größeres abzusagen, weil ich noch mit etwas Kleinerem beschäftigt war, das mir allerdings am Herzen lag.

Wie viel Zeit und Arbeit nehmen zwei Tatorte pro Jahr in Anspruch?

Je einen Monat drehen plus Vor- und Nachbereitung. Ist schon eine Weile. Mitte Oktober drehen wir ja auch schon den nächsten. Da geht es speziell um Heimatverbundenheit.

Und kriegt Franziska Tobler ein bisschen mehr Privatleben als bislang?

Klar, nach und nach.


Wahlkonsequenzen & Schwarzwaldtote

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. September

So, die Wahl ist gelaufen, und obwohl nun Neonazis im Bundestag sitzen, ist die Erde noch immer keine Scheibe, das Leben weiterhin lebenswert, und der Pro7-Moderator Thore Schölermann hat mit seiner vorab gesendeten Empfehlung gegen die AfD aus journalistischer, menschlicher, rationaler Sicht zwar alles richtig gemacht, musste aber dennoch Abbitte leisten für eine Art Subjektivität, die bei Licht und Abwägung aller Fakten betrachtet objektiv kaum gewissenhafter sein kann. Aber gut – Schluss mit Politik an dieser Stelle. Kommen wir zum Glamour der Fiktion. Auch wenn sie zuletzt wieder politisch war wie lange nicht.

Die Emmys wurden verliehen.

Da war es im aufgewühlten Amerika natürlich kein Wunder, dass sie voll und ganz im Zeichen ihres vogelwilden Präsi…, besser: Pfaus Donald Trump standen. Doch obwohl etwa Saturday Night Life auch wegen der heiteren Kritik am Berserker im Weißen Haus Preise wie die der besten Sketch Serie abgeräumt hat, ging es natürlich vor allem ums Fernsehen als Unterhaltungsmedium. Und darin zeigt sich, dass Netflix zwar die meisten Nominierungen verzeichnet hatte, aber keineswegs zu den großen Siegern des Abends im Microsoft Theater zu L.A. zählte. Von denen war einer die Internetplattform Hulu mit der Ungleichberechtigungsdystopie The Handmaid’s Tale, zum drittenmal die HBO-Komödie Veep und an gleicher Stelle (also hierzulande Sky) das fabelhafte Gesellschaftsdrama Big Little Lies. Auch die Feier des Netflix-Erfolgs Stranger Things änderte also wenig daran, dass der Streamingdienst sein Bärenfell besser noch nicht verteilen sollte.

Denn auch das alte Fernsehen ist noch immer nicht so richtig totzukriegen. Das zeigt hierzulande zum Beispiel die ARD-Serie Babylon Berlin, die kurz vorm Vorabstart im Oktober auf Sky bereits für Furore sorgt. Andererseits ist es am Ende doch zusehends der Sport, mit dem im Regelprogramm Quote gemacht werden kann; sofern es darin überhaupt um Sport geht. RTL Nitro hingegen verdient für sein weitestgehend fußballloses Dauergelaber 100% Bundesliga am Montag schon deshalb Missachtung, weil es den schwer erträglichen Tritt ins Gesicht eines Stuttgarters vom vorangegangenen Wochenende siebenmal gezeigt hat. Sie! Ben! Mal! Teils in Zeitlupe und voll Geifer für die geilen Bilder.

Abschalten, bitte!

Die Frischwoche

25. September – 1. Oktober

Zuschalten kann man dann spätestens wieder kommenden Sonntag. Gar nicht unbedingt (aber durchaus auch), weil Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau das 1763. Tatort-Team bilden, das allen Ernstes im Schwarzwald zwischen Waffenhändlern und Kindermördern ermittelt. Nein, empfehlenswert ist endlich mal ein Stück Historytainment aus vordemokratischer Zeit. Im Dreiteiler Maximilian beleuchtet Regisseur Andreas Prochaska ab Sonntag drei Abende in Folge um 22 Uhr den Aufstieg des frühen Habsburgers im späten Mittelalter zur Keimzelle dieser mächtigen Dynastie. Und das tut Jannis Niewöhner als Nachwuchskaiser in sehr eindrücklichen Bildern. Gewiss, wie der junge Autodidakt um Christa Théret als Maria von Burgund kämpft, ist trotz historisch verbürgter Sachlage heutigen Sehgewohnheiten angepasst. Trotz aller Anpassungen bleibt Maximilian aber ziemlich glaubhaft.

Wenngleich nicht annähernd so wie Nicole Weegmanns fantastische Fiktionalisierung vom Unglück auf der Duisburger Love Parade vor sieben Jahren. Besonders Jella Haase zeigt in Das Leben danach als schwer traumatisiertes Opfer, dass sie weit mehr kann als die Ulknudel bei Fack yu Göhte. Vom grandiosen Carlo Ljubek als Taxifahrer, der mit Antonia ein Bündnis unter Leidensgenossen eingeht, ganz zu schweigen. Ein typischer ARD-Mittwochsfilm und doch etwas Unvergleichliches. Schade, dass er sich parallel mit der Champions League im ZDF messen muss… Im dritten Teil von Schuld dann beweist am Freitag (21.15 Uhr, ZDF) auch  Josefine Preuß im besten der vier Filme, dass sie nicht nur Mittelalterfeministinnen kann.

Ob Maria Furtwängler so wahnsinnig viel mehr kann als Charlotte Lindholm ist angesichts ihrer seltenen Auftritte außerhalb vom niedersächsischen Tatort hingegen schwer zu sagen. Aber dass sie zumindest dort gut aufgehoben ist, bewies die erschütternde Doppelfolge Wegwerfmädchen 2012, die der NDR uns am Samstag ab 20.15 Uhr nochmals zumutet. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche spielt im Jahre 1932, als Ryan O’Neal mit Töchterchen Tatum durchs Weltwirtschaftskrisenland USA reist und dort das Glück sucht. Besonders die Intensität des Kinderstars in spe machte Peter Bogdanovichs Paper Moon 40 Jahre später zu einem Evergreen des Kinos (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Ebenfalls farblos ist Ulrich Plenzdorfs lange Zeit verbotenes DEFA-Drama von 1965 um die systemkritische Lehrerin Karla am gleichen Tag (23.05 Uhr) im MDR. In Farbe, aber ganze acht Jahre älter: Das wilde Schaf (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit Romy Schneider, die den schüchternen Nicolas (Jean-Louis Trintignant) das Feuer der Leidenschaft entlockt, wie es nur Romy Schneider konnte, die dafür oft nicht mehr tun musste, als vor der Kamera zu sein. Ein Meisterwerk.


Moses Sumney, Marc Almond, Cold Specks

Moses Sumney

Wer in der breiten Masse Spuren von Eigensinn entdecken will, muss manchmal sehr, sehr genau lauschen. Wenn zum Beispiel Moses Sumney singt, ist er nur mit ein wenig Mühe gut zu hören. Wie durch Watte scheint sich der schimmernde Falsettgesang aus dem dürren Körper des Kaliforniers heraus zu quälen und verweht dann auch noch in geheimnisumwitterten Synthesizerflächen, die von einem Tinnitus mit viel basslastigem Hall manchmal kaum zu unterscheiden sind. Schon mit der selbst veröffentlichten EP Mid City Island hat er damit 2014 in aller Stille die Musikwelt aufgewühlt, was deren Nachfolger Lamentations voriges Jahr noch verstärkt hat, bevor sein fantastisches Debütalbum Aromanticism nun den Rest erledigt.

Denn selten zuvor wurde mit so wenig Effekthascherei so viel Wirkung erzielt. Tracks wie Lonely World oder Plastic, vor allem aber das fabelhafte Doomed wühlen unter der anämischen Oberfläche einen Minimalismus auf, der dem überhängenden Folk eine verspielte Popnote verleiht und dennoch zutiefst anmutig wirkt. Permanent sucht man darin nach Halt und findet doch nur die Hilferufe des gefeierten Indiestars mit ghanaischen Wurzeln, den der Erfolg eher noch in sich gekehrter erscheinen lässt. Da ist es ein kleines Wunder, dass sein Durchbruch mit solcher Wucht wirkt.

Moses Sumney – Aromanticism (Jagjaguwar)

Marc Almond

Es gibt genau zwei Wege, Klischees über Homosexuelle einigermaßen erfolgreich zu begegnen: Man negiert sie, gern mit etwas Lässigkeit. Oder man überhöht sie, auch das am besten nicht allzu verbissen. Als Marc Almond 1979 mit seiner Band Soft Cell die Bühne des Wavepop betrat und zwei Jahre darauf mit dem Cover des Motown-Klassikers Tainted Love den vielleicht unverwüstlichsten Superhit der Achtziger entwarf, wählte er den Mittelweg und feierte sich als offensiv schwul, aber ohne jedes Augenzwinkern. Mehr als drei Jahrzehnte später ist Marc Almond immer noch da. Nur ein bisschen leichter scheint ihm jetzt zumute, wenn er sich im Klischee schwuler Musik suhlt. Und das ist wirklich schön.

Auf Shadows and Reflections interpretiert der Sechzigjährige den glamourösen Pop der Sechzigerjahre. Da flattern die Trombone, da jubeln die Geigen, da zappeln die Keyboards, da liegt über allem Marc Almonds unverkennbarer Gesang, der es so hinreißend versteht, sehnsüchtig und zugleich selbstbewusst zu klingen. Und dann erweist er den Vorbildern von den Yardbirds bis Julie Driscoll, von The Herd bis The Action auch noch kühn die Referenz zweier Eigenkompositionen namens Overture und Interlude, die dem melodramatischen Glamour in nichts nachstehen. Ein Album voller Zuversicht, dass alles, alles gut wird, selbst und besonders dann, wenn man immer zu dem steht, was man ist.

Marc Almond – Shadows and Reflections (BMG)

Cold Specks

Als Ladan Hussein unterm Namen Cold Specks ihr Debütalbum veröffentlicht hat, grenzte es an ein medizinisches Phänomen, dass die Kritik so geschlossen euphorisiert war vom Sound der Kanadierin. Normalerweise hätte das hauchzarte Gespinst aus TripHop und Wavepop im Lärm seiner Zeit verhallen müssen wie die Synthieflächen unterm Klagegesang. Tat es aber nicht – und sorgte für einen der wärmsten Schauder des Frühlings 2012. Fünf Jahre später bringt Al Spx, wie sie sich auch nennt, ihr drittes Album raus. Auch Fool’s Paradise verliert sich bisweilen in schwelgerischer Entrücktheit, als flüchte Cold Specks vorm eigenen Mut, ins Rampenlicht zu treten.

Kraftvolle Songs wie das leichtfüßige Wild Card oder der sonore Soul von New Moon stehen aber für neue Energie im Schaffen von Ladan Hussein. Grund dafür, so ist zu hören, sei die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte im Bürgerkriegsland Somalia, wo ihr Vater dem Elend ringsum mit selbstbewusster, aufsässiger Musik getrotzt hat. Für Cold Specks war diese Begegnung offenbar Erinnerung und Auftrag zugleich – um ein Album zu machen, dass vom Suchen und Finden der eigenen Identität zeugt. Ladin Hussein ist fündig geworden. Sie scheint darüber nicht ganz unglücklich zu sein.

Cold Specks – Fool’s Paradise (Arts & Crafts)

Ein Teil der freitagsmusik ist zuvor auf ZEIT-Online erschienen