Johnny Rotten: Sex Pistols & Fish’n’Chips

Freier Wille, das ist Punk!

Der diesjährige Summer of zum Thema britische Popkultur wird noch bis Mitte August auf Arte von einem ihrer krassesten Vertreter moderiert: Johnny Rotten (Foto: Martin Ehleben), einst Sänger der Sex Pistols, heute Maskottchen der früh verstorbenen Bewegung. Ein Gespräch über James Last und Britney Spears, Rebellion unter Nonnen und warum er seinen Frieden mit Deutschland gemacht hat.

Von Jan Freitag

Johnny Rotten: (auf Deutsch) Guten Morgen Hamburg.

freitagsmedien: Guten Morgen Miami, wie spricht man Sie am besten an – John, Johnny, Mr. Lydon, Mr. Rotten?

Also auf John reagiere ich manchmal ganz gut.

Bei der Vorstellung des Summer of Fish’n‘Chips hat Arte Sie als Herr Rotten angekündigt.

Mit hartem deutschen R? Großartig.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Historisch betrachtet eher distanziert, aber meine Frau ist Deutsche, also doch recht eng.

Moderiert der vielleicht bekannteste lebende Punkrocker aus England deshalb eine deutsche Fernsehsendung?

Vielleicht. Aber erst in der Kombination „deutsch-französisch“ klingt es richtig gut. Ihr als Host zu dienen, empfinde ich gerade wegen dieser jahrhundertealten Feindschaft bis zum 2. Weltkrieg als angenehm europäisch. Da finde ich die Idee höchst unterhaltsam, ein wenig meines Wissens dabei zu teilen. Außerdem liebe ich visuelle Kunst.

Sie sehen also fern?

Ich höre praktisch nie damit auf! Soll ich Ihnen den die erste Erfahrung mit dem deutschem TV erzählen? Ein Auftritt von James Last und seinem Orchester vor ungefähr 45 Jahren, das mit geschwärzten Gesichtern New Orleans Jazz zu einer Art Umpaah-Techno parodiert hat. Entsetzlich! Ich habe gar nichts gegen ihn, er ist ein hervorragender Musiker, aber wenn es zu einem stilistischen Wettstreit mit der britischen Musik käme, James wäre last (lacht laut)…

Witzig. Sind Sie persönlich interessiert am Arte-Thema britischer Popkultur?

Sind Sie es?

Unbedingt.

Und was denken Sie, was das sein soll?

Musikalisch betrachtet der größtmögliche Einfluss auf alle anderen Popkulturen, größer selbst als der amerikanische.

Da bin ich mir nicht sicher. Pop heißt doch, das von allem etwas in allem steckt. Manchmal mag es da was vermeintlich Neues in einem Land früher geben als im nächsten, aber Popkultur hat weder visuell noch tonal eine Herkunft, allenfalls Orte gezielter Verdichtung. Britische Popkultur ist daher nichts als ein Label zum besseren Verständnis.

Wie fühlt es sich für Sie an, Teil davon zu sein?

Wenn man nie versucht hat, populär zu sein, sehr gut. Public Image Ltd. zum Beispiel…

Das Nachfolgeprojekt von den Sex Pistols, zugleich Firma und Band.

Der Ursprung von Pop ist doch immer die Kunst, allerdings nicht wie anderswo unterteilt in Bild, Wort oder Ton, sondern alles in einem. Wobei es mir dabei immer um Integrität ging; ich habe nie jemandem etwas vorgespielt, wie es der Pop oft tut.

Andererseits geht die Legende, die Sex Pistols seien eigentlich eine gecastete Boygroup gewesen.

Ach, der Neid ist und bleibt doch eines der mächtigsten Gefühle im Universum… Andererseits wäre die Sache mit der Boygroup ja ein wundervolles Kompliment an meinen Gesang, also danke dafür. Und als humorvoller Mensch akzeptiere ich sowieso jede Form der Herabsetzung. Vielleicht hat das was mit meiner Erziehung in einem katholischen Kloster zu tun. Sehr qualvoll, aber es hat mich duldsam gemacht.

Auch religiös?

Wenn man von einer Idee so indoktriniert wird wie ich damals, lehnt man sich entweder radikal dagegen auf oder fließt mit dem Strom. Und bei allem, was ich mir im Leben vorzuwerfen habe, gehört letzteres sicher nicht dazu. Aber die Nonnen haben es mir auch ziemlich leicht gemacht, gegen den Strom zu fließen. Weil Linkshänder wie ich seinerzeit als Gesandte Satans galten, wurde ich vom ersten Tag an misshandelt. Außerdem war ihnen verdächtig, dass ich schon mit vier lesen und schreiben konnte. Deshalb war ich wohl auch so ein schlechter Schüler.

Und schon frühzeitig ein Rebell?

Eher das, was ein Kind für rebellisch hält. Die Beatles zum Beispiel konnte ich anfangs musikalisch nicht leiden, was schon frühzeitig meinen Hang zur Anti-Musik gezeigt hat. Aber ihre Frisuren entsprachen exakt meiner Vorstellung von Aufsässigkeit. Und wo wir gerade davon sprachen: Ohne Deutschland, besonders Hamburg hätte es die Beatles nie gegeben und damit die wichtigste Band der Popkultur. So viel zur Bedeutung Englands.

Was halten Sie denn von den anderen Künstlern, die Sie im Summer of Fish’n‘Chips präsentieren?

Also die Rolling Stones hatten eine Reihe sehr inspirierender Platten, was ihre Karriere absolut rechtfertigt. Das Gleiche gilt für andere Bands, die bei Arte – und das sage ich nicht bloß, weil ich sie präsentiere: mit fantastischen Filmen gewürdigt werden. Depeche Mode zum Beispiel, und zwar schon wegen Personal Jesus. Für Opfer des Katholizismus ein saukomischer Song. Außerdem mag ich die Sleaford Mods mit ihrer rauen, verstörend unerbittlichen Art, die Verhältnisse zu kommentieren.

Sind Sie mit über 60 Jahren denn noch so politisch wie als junger Punk?

Selbst wenn ich versuchen würde, es nicht zu sein, würde mich die Tagespolitik schlicht überrollen. Nehmen Sie den Brexit, den ich anders als mal kolportiert wurde, nie unterstützt habe. Die Menschen wurden da so lange desinformiert, dass sie entweder dafür waren oder nicht abgestimmt haben. Furchtbar. Ich habe vom Leben gelernt, sich immer in politische Entscheidungen einzubringen. Schließlich diktieren sie deine eigene Zukunft.

Haben Sie als bekannter Teil der Popkultur da mehr politischen Einfluss als andere?

Da ich in den meisten Ländern der Welt schon mal Einreiseverbot hatte und vom Parlament als Hochverräter eingestuft wurde, wohl schon. Sehr ehrenvoll, aber auch gefährlich. Damals stand darauf in England ja noch die Todesstrafe. Umso wichtiger war es für mich, den Mächtigen dabei zuzusehen, wie sie sich aus purer Angst lächerlich machen. Das hat meine Empathie für die Entrechteten der Welt nur geschärft. Für sie stehe ich bis heute auf. Und das tun neue Bands wie die Sleaford Mods mit ihren Mitteln auch.

Was halten Sie von dem Label, das man denen gibt.

Ein Label? Die Armen! Welches denn?

Spoken Punk.

Oh Gott.

Wie finden sie Ihr eigenes als Urvater des Punk?

Ich bevorzuge King of Punk, dieser Titel wurde mir quasi verliehen und irgendwie habe ich ihn mir ja auch verdient.

Wodurch?

Integrität. Den Menschen nichts vorzumachen. Freier Wille – das ist Punk! Und sich nie unterkriegen zu lassen. Jeder hat nämlich das Recht auf eine Karriere. Britney Spears zum Beispiel mag nicht die intelligenteste Lebensform des Planeten sein, aber für die einen hat sie einfach tolle Musik gemacht, für andere sah sie heiß aus in ihrem Schulmädchen-Outfit; jeder kann sich da etwas rausziehen. Wer den ungeheuren Aufwand betreibt, Musik oder welche Kunstform auch immer zu machen und sich damit der Öffentlichkeit zu stellen, verdient für diesen Mut Anerkennung. Mehr verlange ich auch nicht für das, was ich mein Leben lang getan habe.

Machen Sie noch immer Musik?

Ja. Ich nenne es Throat-Whistle. Nur die Stimme, sonst nichts. Es ist mein Ehrgeiz, in Regionen zu singen, die für mich bislang unerreichbar waren. Nachdem ich die Geschichte der Musik studiert habe, wurde mir klar, dass sie nichts ist als Imitation der Natur. Das erste, was der Mensch vor Urzeiten hatte, sich künstlerlisch auszudrücken, war seine Stimme. Obwohl – ein Instrument ist mir noch wichtiger: mein Gehirn. Ich versuche bewusst, meine Gefühle durch seine Kraft in Worte zu verwandeln.


Falschmeldungen & Crash-Comedy

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. Juli

Es ist schwer zu sagen, was beim G20-Gipfel in Hamburg nun verstörender war: Die politische Fehleinschätzung des Gewaltpotenzials beider Seiten? Das polizeiliche Null-Toleranz-Debakel? Der linke Mangel an Distanz zum brandschatzenden Mob? Event-Touristen, deren Handys meist besser liefen als ihr Verstand? Oder am Ende doch wir Medien beim gescheiterten Versuch, selbst in der Nachberichterstattung journalistische Distanz zu wahren?

Ebenso wie die unbescholtenen Einsatzkräfte hatte aber auch die Presse sehr zu kämpfen. Erst wurde sie gezielt Opfer von Angriffen in und ohne Uniform. Dann verloren 32 Reporter aus „Sicherheitsgründen“, die womöglich von der türkischen Regierung geäußert wurden, ihre Akkreditierungen. Schließlich ist da noch das Elend mit der Impulsivität des Boulevards. Der Faktenfinder der Tagesschau etwa listete reihenweise Falschmeldungen über vermeintliche Exzesse im Exzess auf, von denen überraschenderweise viele bei Bild erschienen sind. Die anschließende Kopfgeldjagd auf einen „Randalierer“, dessen Böllerwurf einem Einsatzbeamten angeblich fast das Augenlicht gekostet habe, wurde dann allerdings selbst der Polizei zu viel.

So wie sich Justizminister Maas gegen die Unterstellung wehrt, er habe analog zum Rock gegen rechts nun „Rock gegen links“ gefordert, was ihm ein Springer-Reporter nachweislich in den Mund gelegt hat. Weil sich aber auch seriöse Medien wie die „Tagesschau“ selbst keineswegs mit journalistischem Ruhm bekleckert haben, dürfte die Aufarbeitung der Ereignisse von Hamburg auch hier noch eine Weile brauchen. Dass Wolfgang Bosbach bei einer Diskussion darüber bei Sandra Maischberger vor Jutta Ditfurth floh, zählte dann schon zum heiteren Teil des Desasters, der durch die Ankündigung des türkischen Sultans Recep Tayyip Erdoğan, nun doch weiter gegen Böhmermanns Schmähgedicht vorzugehen, rasch ins Slapstickhafte überging.

Die Frischwoche

17. – 23. Juli

Scheinbar unfreiwillig komisch geht es auch in der neuen Woche los. Crashing, die neue Serie vom Komödienrevoluzzer Judd Apatow spielt ab Dienstag bei Sky in der New Yorker Stand-up-Branche, wo der amerikanische Branchenstar sich selbst spielt – allerdings in einer besonders bemitleidenswerten Fassung als Mann in den mittleren Jahren, der von seiner Frau erst betrogen, dann rausgeworfen und schließlich obdachlos wird, weshalb er – „Crashing“ genannt – in den Wohnungen befreundeter Comedians einfällt, die allesamt reale Stars sind wie Sarah Silverman. Und das ist wirklich nicht nur deshalb sehr wahrhaftig.

Am Freitag dann zieht Netflix mit einer nicht linear gesendeten Serie nach, die zudem alles andere als lustig ist. In Ozark flieht ein Finanzjongleur, der jahrelang für ein mexikanisches Drogenkartell Geld gewaschen hat, in die gleichnamige Pampa nach Missouri, die sich als ebenso verrucht zeigt wie jener Flüchtige (gespielt von Regisseur und Produzent Jason Bateman), der dort weiter für die Mafia tätig bleibt. Und das ist ohne Übertreibung fast auf dem Niveau von Breaking Bad. Eine Doku ist noch zu empfehlen: Die Liebenden und der Diktator (Montag, 23.10 Uhr, Arte) über zwei südkoreanische Filmkünstler, die 1978 angeblich nach Nordkorea entführt wurden, um das dortige Kino aufzuwerten. Absolut irre.

Ansonsten klingt die Woche sehr musikalisch aus. Freitag setzt Arte seinen Summer of Fish’n’Chips um 22.10 Uhr mit dem berühmten 101-Konzert von Depeche Mode von 1989 fort, bevor 24 Hour Party People den Mythos der Britpop-Metropole Manchester des anschließenden Jahrzehnts zu einem halbfiktionalen Biopic macht. In der Nacht auf Sonntag dann feiert die ARD um 0.40 Uhr mit der WDR-Doku 40 Jahre Rockpalast-Nacht – I’ve lost my mind in Essen jene Konzertreihe, die vor genau 40 Jahren Fernsehgeschichte schrieb: am 23. Juli 1977 nämlich fand in der Grugahalle die erste der europaweit ausgestrahlten Rockpalast-Nächte mit Rory Gallagher, Little Feat und Roger McGuinn¿s Thunderbyrd statt. Im Rückblick ist kaum zu glauben, dass die ARD damals gleich nach dem Wort zum Sonntag stundenlang Musik sendete – ohne Konzept, ohne Quotendruck, ohne Volks- davor.

Heute kann allenfalls mal Fußball dafür sorgen, dass die Öffentlich-Rechtlichen von ihrer massengefälligen Programmstruktur abweichen. Immerhin sind es am Dienstag Frauen, die dank der Übertragung ihres EM-Spiels dafür sorgen, dass das ZDF um 20.15 Uhr nur eine Krimi-Wiederholung zeigt; früher liefen selbst Endspiele mit deutscher Beteiligung allenfalls am Nachmittag. Apropos früher: Die Wiederholungen der Woche sind diesmal Nicolas Roegs Horrorlegende ohne Horroreffekte von 1973 Wenn die Gondeln Trauer tragen (Mittwoch, 23.30 Uhr, HR) und die Lange Nacht mit Manfred Krug am Donnerstag im SWR (ab 22.45 Uhr), in der nicht nur sieben frühe Folgen der Trucker-Serie Auf Achse am Stück gezeigt werden, sondern auch der Tatort Schüsse auf der Autobahn mit dem Odd-Couple Stoever/Brockmöller von 1998.


Waxahatchee, Olli Banjo, Lucy Rose

Waxahatchee

Rrriot, das war Anfang der Neunziger mal die musikalische Ausdrucksform, mit der feministische Frauen ihrer Wut über Menschen im Besonderen und Männer in Allgemeinen Ausdruck verliehen haben, als der Feminismus im Mainstream gerade Pause zu machen schien. Ein halbes Jahrhundert später ist selbst die westliche Gesellschaft von Gleichberechtigung zwar immer noch weit entfernt, aber der richtig flammende Zorn von damals ist schon ein wenig verraucht. Vielleicht muss man Katie Crutchfield in diesem Kontext betrachten.

Mit ihrem Projekt Waxahatchee hat die Gitarristin aus Alabama gerade ihr viertes seit 2010 fertiggestellt, und ihre drei bis vier Mitmusikerinnen machen damit abermals einen Rrriotrock, der viel Aufruhr in sich trägt, dabei aber nie zornig klingt. Im Gegenteil. Jeder der zehn Tracks verströmt die gelassene Selbstsicherheit, das sich frau auch ohne Furor unaufhaltsam auf dem Weg in ein besseres Leben befindet, für das es sich zu kämpfen lohnt. Out In The Storm ist sorgsam zerschredderter Indiepop mit Engelsstimme und Folkelementen, der ganz bei sich ist. Und sehr, sehr unterhaltsam.

Waxahatchee – Out In The Storm (Merge Records)

Olli Banjo

Um sich vom Mainstream abzuheben, gibt es kein effektiveres Mittel als Gesichtstattoos. Wer so rumläuft, ist gewiss ein harter Kerl, knasterfahren und gewaltaffin. Olli Banjo mag Gewalt auch ohne Knasterfahrung nicht fremd sein. Aber Gesichtstattoos? Die muss sich der fränkische Rapper schon aufmalen, um der Aggro-Attitüde seiner neuen Platte Ausdruck zu verleihen. Trotzdem ist Großstadtschungel eher Neukölln als Mannheim. Meist grollt ein dumpfer Bass unter den Lyrics übers Leben am Brennpunkt hindurch, das Olli Banjo gleichermaßen zu lieben und zu hassen scheint. Sein gereizter Tonfall täuscht allerdings ebenso wenig wie das ganze Ghettogehabe darüber hinweg, wie sensibel der 40-Jährige nun sein Umfeld analysiert.

Vulgäre Beschimpfung der Ex wie Arschloch Dumme Sau gibt es ja auch bei Kraftklub. Und wenn er in Wir sind das Volk die AfD attackiert, ist das für den Afrodeutschen Oliver Olusegun Otubanjo womöglich weniger politisch als ein Stück Selbstbehauptung. Dennoch ist sein achtes Album das sachlichste, klügste, bedächtigste. Ohne ganz fette Punchlines, dafür voller Konsumkritik. Olli Banjos Hip-Hop hat sich von der Akklamation seines Zorns auf fast alles zur vielschichtigen Poesie der Straße entwickelt. Ein altersweiser Fortschritt.

Olli Banjo – Großstadtdschungel (Bassukah)

Lucy Rose

Mithilfe der Harfe den Eindruck himmlischer Kräfte zu erzeugen, ist nicht gerade subtil, aber schon ziemlich wirkungsvoll. Und im Fall von Lucy Rose ist es auch irgendwie naheliegend. Existierte nämlich ein dingliches Pendent zu ihrer göttlichen Stimme – es wäre zweifellos das Instrument der Engel, mit dem die Sängerin ihr neues, drittes Album einläutet. Was auf das Intro folgt, ist allerdings mehr als emotionale Effekthascherei zur Verstärkung ihrer ätherischen Aura. Auf Something’s Changing ändert die 28-Jährige aus dem südenglischen Surrey kaum etwas am erfolgreichen Konzept ihrer ersten zwei Alben.

Es ist wie gehabt gefühlvoll fließender Indie Folk, der Lucy Rose Partons Gesang gern mal mit wuchtigem Pop unterfüttert. Selbst Abstecher in Country oder Rock sind ihr dabei nicht zu profan. Dass sie wie in No Good At All sogar richtig funky klingen kann oder in der Albumtitel-Vertiefung Can’t Change It All fast orchestral, liegt der Legendenbildung zufolge allerdings an einem Roadtrip durch Südamerika, der ihr angeblich die Schüchternheit ausgetrieben habe. Veränderung ohne Wandel – bei Lucy Rose klingt das vertraut und neu in einem (der Text ist vorab auf Zeit-Online erschienen).

Lucy Rose – Something’s Changing (Communion Records)


Andreas Dorau: Jupiterfred & Chartsträume

Zumindest mal Platz 98 oder so

Zwei Drittel seiner 53 Jahre ist Andreas Dorau (Foto: Gabriele Summen) nun bereits im Musikgeschäft. Nach seinem Hit Fred vom Jupiter als Teenager hat der Hamburger Pastorensohn neun Platten, mehrere Kompilationen und diverse Singles herausgebracht. Eines aber ist ihm noch immer nicht gelungen: Ein Album in die Charts zu bringen. Mit Nr. 10 Die Liebe und der Ärger der anderen soll sich das nun endlich ändern. Ein MusikBlog-Gespräch über Ehrgeiz, Hierarchie, Punchlines, Lego-Musik und wo er eine Goldene Schallplatte aufhängen würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas, nach neun Alben in bald 40 Jahren willst du endlich mal in die Charts.

Andreas Dorau: Album-Charts, wohlgemerkt. Meine Singles waren ja schon drin. Wenn man den Gesamtverkauf betrachtet, wären meine Platten zuvor wohl auch schon mal eingestiegen, er hat sich aber stets über einen zu großen Zeitraum erstreckt. Deshalb wollen wir den Leuten diesmal klarmachen, dass sie das Album frühzeitig kaufen, damit wir in der ersten Woche zumindest mal Platz 98 oder so schaffen.

Was ist dieses Vorhaben – ernster Plan oder eher ein Spaß?

Schon ersteres. Es wurmt mich einfach, in so langer Zeit kein Album in die Top 100 gekriegt zu haben. Das ist mein Ehrgeiz, so wie andere Leute irgendwann in ihrem Leben mal einen Marathon laufen wollen.

Den hast du schon geschafft?

Um Gottes willen, nein! Ich hasse es, so lang zu laufen. Wobei die Hitparade ja auch längst was wie ein Langstreckenlauf ist. Früher hat sie den Erfolg eines Künstlers gut in Zahlen ausgedrückt; heute promotet jeder zweitklassiger Rapper sein Album ein Jahr massiv im Voraus, um dann auf den Punkt genug zu verkaufen, damit er auf Platz 1 geht.

Dafür brauchte man früher Hunderttausende von Platten, jetzt gibt’s für weit weniger bereits die Goldene Schallplatte.

Und da kann ich mich noch gut an Fred vom Jupiter erinnern. Kurz, nachdem das aus den Charts gerutscht ist, wurde die Zahl dafür gesenkt. Sonst hätte ich jetzt auch eine hängen.

Wo genau?

Vermutlich bei meiner Mutter. Oder auf dem Klo, so als verachtende Geste.

Scooter hat sie dicht an dicht in den Flur zu seinem Studio gehängt. Ein sehr langer Flur…

Kann ich mir gut vorstellen. Und das hat er auch verdient, wie ich finde. Umso mehr will ich wenigstens die Charts mal schaffen. Dafür mache ich sogar ein Doppelalbum, obwohl ich so was eigentlich nicht mag. Doppelalbum zählt halt doppelt für die Charts.

Was hast du inhaltlich geändert, um es endlich zu schaffen?

Nichts. Bei den Stücken aufs Radio zu schielen – so weit geht es dann doch nicht.

Kommerziell erfolgreich zu sein, muss ja nicht gleich Anpassung heißen, sondern kann auch einfach die Bedürfnisse der Fans gezielt bedienen.

Schrecklich! Zumal ich nicht glaube, dass man Bedürfnisse berechnen kann. Es sei denn, man heißt eben Scooter; der macht wirklich Lego-Musik und das sehr gut, wie ich finde. Aber wenn ich das täte, käme ich mir blöd vor und würde mich umso mehr ärgern, wenn nicht mal das funktioniert. Musik mache ich zunächst mal für mich.

Und klingst dabei nach Aus der Bibliotheque wieder sehr viel danciger.

Mag schon sein. Das hat aber auch mit dem Zustandekommen zu tun. Aus der Bibliotheque war für mich ja insofern ungewöhnlich, als es mit Band eingespielt wurde. Das wollte ich nicht noch mal machen. Ich will jetzt nicht mehr irgendwo hin mit meiner Musik, sondern lasse sie sich entwickeln. In den drei Jahren, in denen ich an dieser Platte gebastelt habe, ist es also von allein elektronischer und damit auch danciger geworden. Es ist so ein Hybrid aus Pop und Dance, das aber niemals im Club funktionieren würde; viel zu viel Text.

Wo liegen denn die Vorteile der Arbeit mit Band?

Dass ich in der Sixties-Musik, die ich sehr mag, mehr zum Ausdruck bringen konnte. Aber da ist aus meiner Sicht jetzt alles gesagt. Und vor Gruppendynamik hatte ich ohnehin immer ein bisschen Schiss. Da schauen immer andere dabei zu, wie du arbeitest. Ich lösche gern viel, probiere rum, das möchte ich anderen nicht zumuten. Und ich will mich auf keinen Fall wiederholen.

Hat dein Hang zur Einzelarbeit auch damit zu tun, dass du dich nicht gern unter oder über ordnest?

Das könnte man so sagen. Ich mag keine Hierarchien, sondern demokratische Prozesse, und die sind ungeheuer schwer in Band-Situationen. Da arbeite ich lieber für mich.

Andererseits arbeitest du mit einem Dutzend Produzenten zusammen?

Stimmt. Aber die Ursprungsidee rührt noch aus der Lesereise meines Buches Ärger mit der Unsterblichkeit, dass ich mit Sven Regener gemacht habe, als ich meiner eigenen Person überdrüssig war und lieber über andere erzählen wollte. Eigentlich sollte das Album nämlich „Der Ärger der anderen“ heißen. Bei der Suche wurde ich allerdings mehrfach mit dem Thema Liebe konfrontiert. Das wollte ich in möglichst verschiedenen Klangkosmen durchdeklinieren.

Hört man einem Stück ohne Vorkenntnis an, ob da zum Beispiel Ja, Panik oder Snap mitgewirkt haben?

Nicht unbedingt, weil wir uns bei jedem Stück in der Mitte getroffen haben. Wenn ein Künstler so ein unverwechselbares, stets erkennbares Trademark im Sound hätte, fände ich es auch langweilig. Und würde mich da auch nicht mit deren Sängern messen wollen, die das bestimmt besser machen. Ein heiteres Produzentenraten würde daher nicht funktionieren.

Aber was genau bringen Francoise Cactus, T.Raumschmiere oder Snap! denn dann ein?

Da waren mir drei Faktoren wichtig: Haltung zur Musik, ideologische  Wellenlänge und normal großes Ego. Ich hasse Hahnenkämpfe. Und den Sound muss ich natürlich auch mögen.

Hast du von jedem deiner Mitspieler Platten im Schrank?

Eher auf dem Rechner.

Kein Vinyl mehr?

Doch, hab ich noch. Aber neues kaufe ich mir nur, wenn ein Download-Code dabei ist.

Wie viele der Lieder deiner neuen Platte genau handeln denn nun von Liebe?

Warte [kramt einen Stoß zerknitterte Zettel aus der Tasche]. Werden wir mal genau: Von 20 Stücken handeln – eins, zwei, drei, vier von der Liebe. Ich mag eigentlich keine Liebeslieder, aber 80 Prozent aller Songs sind welche, die seit Shakespeare von vier, fünf emotionalen Grundsituationen handeln. Dem ist nichts hinzuzufügen, schon gar nicht von mir. Deshalb befassen sich meine Liebeslieder auch sehr abstrakt mit ihrem Thema. Es geht zum Beispiel nie um zwei Personen.

Dein erster Track heißt Liebe ergibt keinen Sinn. Ist das so?

Abgesehen davon, dass der Text nicht von mir ist, hat er nichts mit Abgesang auf die Liebe zu tun, sondern mit einem jungen Mann, der versucht, dieses Begriffs habhaft zu werden. Ich konstruiere meine Songs gern aus Fragmenten, die ich wahllos zusammentrage.

Stehen da eher Punchlines wie „Ich habe ein Radio-Gesicht, meine Stimme ist aber nicht so gut“ am Anfang oder ein Liedkonzept?

In dem Fall hatte ich einfach seit fünf Jahren das Wort „Radiogesicht“ auf dem Zettel stehen, wusste aber nicht, ob das vielleicht zu klamaukig ist und Applaus aus der falschen Ecke kriegt, so Malle-mäßig. Ich versuche generell eher genrefreie Musik zu machen.

Ist es das, was Gereon Klug meint, wenn er dich im Text zu deiner Platte „musikalischer Wolpertinger“ nennt?

Genau. Auf dem Cover umarme ich daher auch ein Tier, halb Hyäne, halb Schwan. Ich möchte einfach so wenig linear wie möglich sein. Wenn meine Musik fröhlich klingt, ist der Text oft getragen und umgekehrt. Wobei ich mit meiner Stimme eher wenig machen kann. Ihr Tonumfang ist relativ gering und fängt unten schnell an zu schnarren. Ich habe keine feste Tonart.

Ist das womöglich dein Erfolgsgeheimnis – nicht festlegbar zu sein?

Es könnte aber auch mein Manko sein, das einem breiteren Erfolg im Wege steht. Bis jetzt. Hoffe ich.

Auf einer Skala von 1 bis 10 die Chance, dass es mit den Charts klappt diesmal?

Hmm, ich sag mal 6, bisschen besser als 50:50.

Das Gespräch ist vorab auf Musikblog.eu erschienen

Polizeigeplapper & Punkpresenter

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juli

Wer Björn Staschen bereits vor fünf Tagen kannte, war vermutlich ein Kollege beim NDR, aus seiner oldenburgischen Heimat oder absoluter Nachrichtenjunkie. Seit Donnerstag dürfte der Tagesschau-Reporter auch darüber hinaus vielen ein Begriff sein. Da nämlich stürzte er sich voll ins Getümmel der Ausschreitungen rings um den G20-Gipfel in Hamburg, plapperte jedoch anders als viele Verlautbarungsjournalisten nicht nach, was die Polizei verlautbaren ließ, sondern machte sich sein eigenes Bild vom Chaos. Die „angeblich 1000 Vermummten im schwarzen Block“ hat er zum Beispiel einfach mal nachgezählt und ist dabei „auf weit weniger gekommen“, wie er Donnerstag live von den Landungsbrücken berichtete.

Da selbst sein Chefredakteur Andreas Cichowicz zugleich – hüstel – vergessen hatte, Hamburgs Polizeipräsidenten im Interview nach so sperrigem Zeugs wie exekutiver Verhältnismäßigkeit zu fragen, blieb am Ende dieses bürgerkriegsartigen Wochenendes vor allem eines hängen: ausgewogener Journalismus wurde von ZDF über RTL bis n-tv oft nur vor Ort geliefert; die Studios waren in beklemmender Art und Weise staatstragend. Sollte das im Angesicht vermeintlich linker Gewaltexzesse kein falscher Eindruck sein, könnte Pro7Sat1-Vorstand Conrad Albert demnächst recht bekommen mit seiner Aussage, „nur fünf Prozent der Zuschauer von ARD und ZDF sind unter 30 Jahre alt“. Das ist zwar nachweislich falsch, aber vielleicht hat der Cheflobbyist“, wie ihn das Öffentlich-Rechtliche indigniert nannte, ja nur in die nähere Zukunft geschaut.

Die übrigens hält eine Sensation bereit: In der ersten DFB-Pokalrunde am 14. August zeigt die ARD nicht, wir wiederholen: NICHT das Spiel des FC Bayern München in Chemnitz live, sondern irgendwas anderes mit Hansa und Hertha. Das grenzt fast an Palastrevolution. Und könnte um ein paar Ecken damit zu tun haben, dass die Münchner Haus- und Hofberichterstatter der Springer AG gerade mit Constantin über den Kauf des Spartenkanals Sport1 verhandeln, um daraus womöglich einen FCB-Kanal zu machen, wer weiß.

Die Frischwoche

10. – 16. Juli

Bevor die ARD Anfang August allerdings wieder den Audi Cup überträgt, eine weitere Dauerwerbesendung für den Rekordmeister ohne sportlichen, aber mit viel kommerziellem Reiz, ist aber ohnehin fußballfreie Zeit im Fernsehen. Zeit also für den Summer of Fish’n’Chips, mit dem Arte ab Freitag seine Tradition fortsetzt, den Sommer mit einem musikalischen Schwerpunkt zu füllen. 2017 dreht er sich ums Vereinigte Königreich. Zum Auftakt zeigt der Kulturkanal um 21.50 Uhr die Dokumentation United Kingdom of Pop, dicht gefolgt von der Wiedervereinigungstour der legendären Monty Pythons vor drei Jahren, alles präsentiert von niemand geringerem als der Punk-Ikone Johnny Rotten. Tags drauf gibt es um 22.40 Uhr eine Dokumentation über die Britpop-Pioniere Pulp, dazu das letztjährige Konzert von Radiohead in Berlin, bevor am Sonntag (23.25 Uhr) der unvergessene Peter Sellers mit einem Biopic gefeiert wird.

So unterhaltsam kann es sein, wenn sich ein Sender mal ausgiebig mit einem Thema beschäftigt, das nicht nur den Mainstream befährt, sondern dessen Zuflüsse. Das wagt am Dienstag auch die ARD, wenn sie ihre dreieinhalbstündige Kurzfilmnacht zeigt. Dummerweise erst ab 2.05 Uhr, was Zuschauerzahlen im niedrigen vierstelligen Bereich nach sich ziehen dürfte. Nicht, dass irgendjemand aus dem öffentlich-rechtlichen Stammpublikum auf die Idee kommt, sich für was anderes als Show oder Krimi zu interessieren… Eine Mischung daraus ist ab Freitag um 21.15 Uhr zu sehen: Mit dem True-Crime-Format Morddeutschland spielt der NDR vier Folgen lang RTL2, indem wahre Verbrechen unterhaltungstauglich gemacht werden.

Für echten Thrill sei daher doch lieber Arte empfohlen, das am Dienstag den ganzen Abend lang an den türkischen Putsch vor einem Jahr erinnert, was die ARD tags zuvor wiederum erst um 23.10 Uhr mit einer dreiviertelstündigen Doku macht. Und bevor wie zu den Wiederholungen der Woche kommen, gibt es da noch den unerlässlichen Netflix-Tipp: Friends from Collage, eine Serie über die Tücken des Wiedersehens alter Studienfreunde ab Freitag. Schon gesehen, aber unverändert fantastisch: Marvin Krens deutscher Zombiefilm Rammbock (Montag, 23.50 Uhr, ZDF), der bereits 2010 bewiesen hat, wie viel sozialkritisches Potenzial in den Untoten schlummert. Ein Jahr zuvor ist die schwarzweiße Wiederholung vom Montag (0.20 Uhr) entstanden: Michael Hanekes weltweit gefeiertes Vorkriegsepos Das weiße Band. Und der Tatort-Tipp kommt mal wieder aus Köln: Manila von 1997 (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR), einer der frühen Fälle des amtierenden Teams Ballauf und Schenk ums Thema Kindesmissbrauch, als es noch nicht zum Standardrepertoire des Krimis gehörte.


Dorau, London Grammar, Kamikaze Girls

Andreas Dorau

Es gibt Popstars, die waren schon immer da und sind doch kaum greifbar. Einer von ihnen ist Andreas Dorau. Als Teenager hat er sein Schul-Video um einen Außerirdischen namens Fred gegen den Willen seiner Lehrkräfte veröffentlicht und seither in 35 Jahren neun Schallplatten gemacht. So richtig abgegangen ist davon allerdings trotz des frühen Superhits keine. Und genau das will der gebürtige Hamburger im stolzen Popalter von 53 nun ändern. Sein zehntes Album Die Liebe und der Ärger der Anderen soll unbedingt in die Charts. Dafür hat er nicht nur 20 Tracks auf zwei Tonträgern kompiliert, sondern auch einen – nun ja – mehr oder weniger erlesenen Kreis Produzenten verpflichtet.

Klangtüftler von Zwanie Jonson über Moses Schneider, Mense Reents, Andreas Spechtl bis hin zu T.Raumschmiere oder dem Eurodance-Gott Luka Anzilotti von SNAP! haben das Werk begleitet und tatsächlich: Es ist absolut chartskompatibel. Also jetzt nicht für oberere Regionen, aber die Top 100. Kluger Dance mischt sich da mit schmissiger LoFi-Electronika und Disco-Schlager zu einer wirklich unterhaltsamen Melange, die ein bisschen nach Gesamtretrospektive eines der ausdauerndsten, zugleich aber unbekanntesten Stars des hiesigen Pop klingt. Wünschen wir ihm dafür mindestens mal Platz 99.

Andreas Dorau – Die Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt)

London Grammar

Nahe am Trip-Hop, fern dem R’n’B und dabei alles andere als unvollkommen sind London Grammar. Seit ihrem vielbeachteten Debütalbum If You Wait hat sich das Indiepop-Trio aus dem englischen Nottingham zu einer der beliebtesten Festivalbands gemausert, Einsatzort Hauptbühne, dort wo die ganz große Show mit ganz großer Geste gefordert ist. Wenn London Grammar vier Jahre später nun mit ihrem Nachfolger genau dorthin zurückkehren, wirft das daher erneut die Frage auf, warum so ausdrucksstarker, so getragener Electro-Wave ohne jedes Dance-Element derart massenwirksam ist. Die Antwort gibt Hannah Reid.

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frontfrauen des Indie-Pop, sondern konterkariert ihre optische Makellosigkeit mit einem Gesang von ergreifender Tiefe. Dass die Melodramatik nie in Pathos abgleitet, dafür sorgen dann schon Dan Rothman und Dominic Major. Wie einst bei U2 huschen ihre Riffs und Synths flächig unter Hannah Reids dunklem Timbre hinweg und hellen es damit angenehm auf. Ein bisschen klingt Truth Is A Beautiful Thing daher wie Birdie nach Erreichen der Volljährigkeit – ungemein vollmundig und bei aller Düsternis sehr hoffnungsfroh.

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing (Universal)

Kamikaze Girls

Man sagt, Musik ohne Bass fehle das Skelett, sie sei konturlos und amorph, ein einziger Brei. Das stimmt. Und ist manchmal nicht weiter schlimm. Dann zum Beispiel, wenn die Kamikaze Girls aus der alten Weberstadt Leeds ihren DIY-Punk allein mit Gitarre und Schlagzeug durch die Garage hetzen. Von den Hochgeschwindigkeitsdrums ihres Kumpels Conor Dawson angetrieben, füllt Sängerin Lucinda Livingstone die zehn Tracks ihres Debütalbums mit so verzerrtem Geschepper, dass der fehlende Bass kaum noch auffällt. Damit dieses Gitarrengemetzel allerdings nicht hoffnungslos in den höheren Tonlagen zerbirst, holt es Lucindas Gesang übers sinnentleerte Leben ihrer Generation regelmäßig auf den Boden der Harmonielehre zurück.

Atmosphärisch meistens dicht an der Achtzigerwave-Ikone Anne Clark, nur ohne deren notorisches Phlegma, verleiht dieser Gesang den Kamikaze Girls somit exakt jene wohl austarierte Ruhe, die den Begleitinstrumenten eher wesensfremd zu sein scheint. So ist Seafoam am Ende dem Emo- doch ein wenig näher als dem Noiserock. Von Gefühlsduselei kann dennoch nirgends die Rede sein. Seafoam liefert reinsten Abgehrrriotkrach, wenngleich – und das nicht nur für Feminist*inn*en mit Hintersinn.

Kamikaze Girls – Seafoam (Big Scary Monsters)


Angela Merkel: Ehe für alle & Brigitte Live

Merkels Bühnenhomestory

Seit vier Jahren lädt das Frauenmagazin Brigitte Politikerinnen zum Live-Austausch über die Grenzen von Privatem und Beruf. Gerade zum zweiten Mal dabei, nachdem zuvor bereits ihr Herausforderer Martin Schulz auf dem Podium gesessen hatte: Angela Merkel (Foto: Alexander Körner/Getty Images). freitagsmedien hat zugesehen, als die Kanzlerin mehr oder weniger gewollt die Ehe für alle auf den Weg gebracht hat, ansonsten aber in Ruhe gelassen wurde.

Von Jan Freitag

Wenn Angela Merkel tatenlos zuhören muss, entgleiten ihr gern die Gesichtszüge, bis man sie lesen kann wie ein offenes Buch. Anfang Juli zum Beispiel im Maxim-Gorki-Theater, da dauert es keine fünf Minuten, bis ihr Lächeln Bände spricht. Ende September sei Bundestagswahl, hatte ihr die Chefredakteurin der Brigitte auf einer Berliner Bühne gerade in Erinnerung gerufen und hinzugefügt, „aber Sie, liebe Frau Merkel, dürfen wie vor vier Jahren auch jetzt schon wählen.“ Als Brigitte Huber fortfuhr, diese Wahl bestünde „zwischen zwei Begriffspaaren“, entglitt Merkels Mimik bereits ins Ironische, was beim ersten Begriffspaar „zuhause oder unterwegs“ fast spöttisch wurde. Damit war nicht nur die Stimmungslage des Gastes für gut 90 Minuten festgelegt, sondern auch der Veranstaltung insgesamt.

Seit der Bundestagswahl 2013 lädt dieses Frauenmagazin aus Zeiten, da sein Name für Mädchen noch schwer en vogue war, Politikerinnen zum Kammerplaudern in die Hauptstadt. BRIGITTE LIVE ist dabei trotz der Buchstabengröße ein lockeres Beisammensein jenseits der harten Realität. Zu Beginn dieser Gesprächsreihe durfte die Kanzlerin bereits über den Tellerrand tagesaktueller Berichterstattung blicken und ihre Handhaltung erklären oder was sie an Männern attraktiv finde. Im ernsten Nachrichtengeschäft wäre das unschicklich, im Kosmos der Regenbogen-Presse ist es allenfalls das Aufwärmprogramm für die Homestory. Zu der es dann aber nicht kommt.

Angela Merkel wählt „unterwegs“.

Dumm aber auch. Aber eine prima Gelegenheit, dem World Wide Web zu zeigen, dass die mächtigste Frau der Welt mehr ist als eine jener Phrasenmaschinen, den ihr Beruf in Massen erzeugt. Merkel ist witzig, Merkel ist schlagfertig, Merkel fühle sich wohler, „seit nicht mehr so über meine Haare gelästert wird“, und wünsche sich, dass Männer ohne Elternzeit „in Erklärungsnot geraten“. Merkel ist alles, was man stets zu ahnen glaubte, aber nicht recht glauben wollte. Sie spricht von den Tücken der Hotel-Fernseher und was sie mit dem Alter zu tun haben, das selbst dieses Alphatier mit Sorgen erfülle, „ob ich die ganze moderne Entwicklung noch hinkriege“.

Kriegt sie. Bei aller Koketterie. So viel darf man voraussetzen. Was man, bei aller Güte, besser nicht voraussetzen sollte, ist das naturgegebene Talent einer Chefredakteurin zum Interview maximal prominenter Gäste. „Ja, vor allem nachts, wenn man sonst wie“ stammelt Brigitte Huber zurück und spätestens jetzt wird klar: Sie sitzt wohl doch eher fürs Protokoll hier mit ihren diagonal drapierten Beinen im Audienzstil. Das Substanzielle regelt schon Meike Dinklage. „Unser nächstes Begriffspaar lautet bergauf, bergab“, sagt Hubers Chefreporterin und zielt zwar auf Urlaubsziele ab. Doch dann entlockt sie Angela Merkel etwas von Belang. Thema Entscheidungen. Die nämlich „dauern bei mir oft sehr, sehr lang“. Wie einst in der Griechenland-Krise. Aber dann, fügt sie später hinzu, „hadere ich eigentlich nie damit“.

Es sind starke Passagen im heiteren Begriffe-Teilen, das auf der Homepage des Blattes allen Ernstes zwischen den Rubriken „Ernährung umstellen? Das passiert im Körper“ und „6 Sätze, die du niemals zu deinem Ex sagen solltest“ zu klicken ist. „Also deine neue Freundin … was willst du denn mit DER???“, solle man sich im Beisein des früheren Partners verkneifen. Darf man das im Brigitte-Kosmos bereits als Abrechnung mit Jamaika vorm dritten Treffen in vier Jahren werten? Jedenfalls wird es nun politisch – auch wenn das duale Themensystem nicht immer ganz hinhaut. Mit „80 oder 120 Prozent“ tarnt Brigitte Huber die Frage nach weiblichem Perfektionismus und erntet dafür nicht nur ein Gesichtsentgleiten der markanteren Art, sondern das Bekenntnis, bei Merkels daheim klappe es nicht so mit dem Wäscheaufhängen, „oder was meinen Sie?“

Ja, was meinen die, wenn Teilzeitarbeit angeschnitten, aber durch Wortpärchenspiele verbrämt wird? Was soll der Gegensatz von SMS und Twitter oder die Wahl zwischen Macho und Feministin? So mäandert das Podiumsgespräch warm, aber drückend wie föniger Wind durch den vollen Saal, der artig lacht, wenn Merkel scherzt, und sittsam schweigt, wenn der Journalismus versagt. Aus „Wut oder Mut“ wählt erstere jedenfalls letzteres, schwadroniert über eigene Leistungen beim Umweltschutz. Und die Reporter? Schweigen so huldvoll wie nach Merkels Satz, ihre bislang mutigste Entscheidung sei der Atomausstieg, wobei sie selbst darauf hinweisen muss, kurz zuvor noch die Laufzeit verlängert zu haben. Erst aus dem Publikum gibt es am Ende so was wie Widerspruch, der ihr beim Thema Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sogar eine Art Bekenntnis zur Ehe für alle abrang, die nur Tage später Gesetzeskraft erlangte. Auf der Bühne blieb es derweil artig.

Und das ist nicht mal tragisch. BRIGITTE LIVE will ja nur die menschliche Seite des Politischen präsentieren und ein bisschen die politische des Menschlichen. der Kanzlerin hat diese Wohlfühlatmosphäre unter Geschlechtsgenossinnen erstaunliche Offenheit abgetrotzt. Trotzdem darf man dem Charme des Gegenübers ruhig mehr entgegensetzen als „Lächeln oder Zähnezeigen“, worauf die Kanzlerin antwortet, sie „träume davon, auch dann interessiert auszusehen, wenn ich schweige“. An diesem Abend gelingt ihr das fast immer. Man lässt sie ja auch reden. Am Schluss noch mal über Ehe oder Liebe. Schön.