Dispatches from Elsewhere: Norm & Wahnsinn

Wege aus dem Mittelmaß

Die bizarr schöne Mysteryserie Dispatches from Elsewhere schickt seit voriger Woche scheinbar mittelmäßige Menschen bei Prime-Video auf die Suche nach dem Glück und fragt nebenbei mit der gebotenen Portion Wahnsinn, was das denn überhaupt sein soll – Glück.

Von Jan Freitag

Nein, das Leben dieser Menschen aus der Mitte Amerikas verläuft alles andere als zufriedenstellend. Die betuliche Janice überspielt mit ihrer guten Laune ein nagendes Empty-Nest-Syndrom. Fredwynns Missmut entspringt seiner Furcht vor staatlicher Verschwörung. Simones Ängste werden durch die soziale Ächtung ihrer Transsexualität auch nicht besser. Und Peters Mangel an Selbstachtung macht ihn so langweilig, dass selbst seine Therapeutin beinahe einnickt.

Was also könnte ihn und seine Leidensgenossen aus dem Trott ihrer Alltagsneurosen holen? Die Antwort lautet: Dispatches from Elsewhere. Übersetzbar mit „Meldungen von anderswo“, pflastert der Kabelsender AMC den Weg dieses verhaltens(un)auffälligen Quartetts so lange mit Botschaften einer Geheimgesellschaft namens „Jejune-Society“, bis es sich gemeinsam auf einer Reise ins Wesen seiner Wünsche befindet. Heute nun holt (boykottiert!) Amazon das wundervolle US-Format nach Deutschland. Und bei aller anfänglichen Tristesse: Von Beginn an strömt ein Gefühl wohliger Wärme durchs Zuschauerherz, das zu keiner Zeit wirklich abkühlen mag.

Doch der Reihe nach.

Peter zum Beispiel, mit ihm beginnt die zehnteilige Anthology verwobener Einzelschicksale, fristet ein kleines Dasein von großer Gleichförmigkeit im riesigen Philadelphia. Morgen für Morgen läuft er zur selben Uhrzeit scheuklappengeschützt durchs selbe Getümmel derselben Route, um am selben Arbeitsplatz dieselben Computerhandgriffe zu tätigen, bevor er im selben Kiosk dasselbe Abendessen kauft und allein vorm Fernseher demselben Tag entgegendämmert. „Ein Dasein ohne Risiko, ohne Schmerz, ohne Freude“, beschreibt es ein gewisser Octavio Coleman Esq. in eloquenter Deutlichkeit aus dem Off. „Nur existieren, nicht leben.“ Eine Tragödie in endlos vielen Akten.

Um ihr zu entfliehen, lockt der charismatische Geheimgesellschaftsführer den spröden Peter auf eine Schnitzeljagd für Mystiker. Die flamboyante Transgenderschönheit Simone (Eve Lindley) hält sie für ein Spiel, der paranoide Fredwynn (André Benjamin) für ein Komplott und die harmoniesüchtige Janice für Schabernack. Peter hingegen will oft erfolglos, aber verbissen an dieses Fenster aus seiner mediokren Existenz glauben und kennzeichnet das mit einer Mimik zwischen Faszination, Panik und Zuversicht, die sein Darsteller Jason Segel bereits als Hauptfigur in How I Met Your Mother zur Perfektion getrieben hatte.

Und auf dem weiten Feld rauschhafter Gegenwartsfantasy, bittet der Regie-Debütant Segel nach eigenem Drehbuch auch sein Ensemble in ein Fernsehvarieté der Extraklasse. Dabei erinnert es zwar inhaltlich an die Abenteuerrallye The Game, optisch an den Retrofuturismus von Maniac, personell an das moderne Märchen Big Fish und dramaturgisch an den strukturierten Wahnsinn in Dirk Gentlys holistischer Detektei. Ungeachtet solcher Referenzen aber ist Dispatches from Elsewhere eine zutiefst eigensinnige Irrfahrt ins Glück, die sich den Anschein harmloser Feelgood-Movies zum Glück mit gehöriger Tiefe entledigt.

Denn natürlich lauert hinterm schönen Schein des selbsterklärten Glücksgurus Octavio (Richard E. Grant) das Rätsel, warum er so viele heillos entfesselten Jünger auf die Jagd nach dem „Geheimnis der göttlichen Nonchalance“ schickt und wer eine mythisch verklärte Heilsbringerin namens „Clara“ wohl ist. Wenn der hauptamtliche Rapper Benjamin aka André3000 aka Outkast das Panoptikum sprechender Fische, Yetis, Brillen, Häuser als „Ablenkung von irgendwas Größerem“ bezeichnet, dürfte das also nicht nur Fredwynns Verfolgungswahn geschuldet sein.

Umso mehr fasziniert es, wie die Serie ihr Publikum zwischen all dem unterhaltsamen Aberwitz permanent mit der Frage konfrontiert, was die Mittelmäßigkeit mit uns allen, dem Publikum, so macht. Ob wir damit glücklich sind. Was das überhaupt sein soll – Glück. Nach 450 Minuten voller Mitteilungen von irgendwo fällt sie ein bisschen leichter, versprochen.


Infodemiker & Bundesligaspieltage

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Mai

Nachdem auf Demos gegen staatliche Corona-Beschränkungen zuletzt bereits das Personal eines Online-Portals und der heute-show attackiert wurden, erwischte es am Donnerstag ein Team der ARD. Ungeachtet der Frage, ob die Angreifer links oder rechts sind, zählen Überfälle auf die Pressefreiheit also längst zur Normalität. Deshalb ist es auch bemerkenswerter, dass Videos, die den folgenden Polizeieinsatz ohne kausalen Angriff zeigen, häufiger geklickt werden als Ursache und Wirkung im Original.

Die Infodemie machtgeblendeter Biedermänner von Xavier Naidoo bis Attila Hildmann gewinnt also an Einfluss in einer Krise, die von verblüffender Rationalität, ja fast schon wissenschaftlicher Expertise geprägt schien. Ein Klima, in dem die Umfragewerte der obrigkeitsstaatlichen CDU ähnlich aufwärts schossen wie jene der führerstaatlichen AfD abwärts. Die Attacke von Berlin aber zeigt, wie das Pendel wieder in Richtung Irrationalität und Filterblase ausschlägt.

Da hätte man sich gewünscht, dass Joko & Klaas die 15 Minuten ihres Duells gegen Pro7 am Mittwoch für was Besseres genutzt hätten, als die freche Übertragung einer RTL-Sendung – aber gut, die Wünsche der Wohlmeinenden zerplatzen zurzeit wie die Träume von einer postpandemischen Entwirrung des präpandemischen Irrsinns. Anschauungsmaterial dafür lieferte der Bundesligist Hertha BSC. Dessen Profi namens Kalou drehte ein Kabinenfilmchen, das nachhaltig belegt, wie blauäugig die Annahme ist, ausgerechnet frühreiche Kindsköpfe wie er taugen als Versuchskaninchen eigenverantwortlichen Normalbetriebs.

Die Frischwoche

11. – 17. Mai

Entlarvender als die Einfalt infantiler Millionäre war aber, dass mal wieder der Bote schlechter Botschaften bestraft wurde, weshalb die Hertha ab Samstag ungeachtet der Quarantäne von Dynamo Dresden zwar ohne Zuschauer und Kalou, aber mit Körperkontakt seiner Kollegen zu sehen ist. Um Public-Viewing zu vermeiden, zeigt Sky die ersten zwei Erstligaspieltage kostenlos; weil dafür nur das Clubpersonal, aber nicht die Presse vor Ort getestet wird, die dafür im engen Ü-Wagen Kontaktverbot halten soll, bleibt das gesellschaftliche Signal fatal.

Es hätte also gepasst, wenn Arte den Schwerpunkt zum Thema Drogen am Dienstag um die DFL als Dealer der Volksdroge Fußball erweitert hätte. So aber geht es um Alkohol (20.15) und Amazon (21.45), bevor die lange Nacht des legalen Rausches mit der US-Doku Süchtig nach Schmerzmitteln endet. Schon interessant, dass ausgerechnet der erbarmungslose Konsumdealer (boykottiert!) Amazon ab Freitag in The Last Narc vier Teile lang einen Drogenkrieg von 1985 dokumentiert, während beim hauseigenen Nischenkanal Starzplay tags drauf die sehenswerte Opioid-Fiktion Hightown anläuft.

Immerhin artverwandt ist da die sechsteilige Real-Crime-Serie Gerichtsverfahren in den Medien, wo Netflix legendäre Strafverfahren aufrollt, bei denen die Presse mittendrin, statt nur dabei war. Eine Konstellation, mit der sich auf anderer Ebene heute Abend (22.45 Uhr) die ARD-Reportage Infokrieger über neurechte Medienmacher befasst. Für etwas Ablenkung vom zusehends zerrütteten Alltag sorgt da heute Abend das ZDF mit dem Familiendrama Ich brauche euch.

Mavie Hörbiger spielt darin eine beruflich erfolgreiche Unternehmerin, die plötzlich für zwei halbwüchsige Kinder ihrer toten Schwester verantwortlich ist – und macht das absolut glaubhaft. Während Sat1 mit der Maulwurfsuche The Mole mittwochs weiter beweist, mit wie wenig Liebe Fernsehen machbar ist, feiern ARD und Pro7 den ESC Samstag einfach ohne ESC und das ZDF den 70. Geburtstag ihres Quotenkönigs Thomas Gottschalk 24 Stunden später ohne Thomas Gottschalk. Was irgendwie gut zu den Wiederholungen der Woche passt.

Die bieten Dienstag (22 Uhr, ServusTV) mit Außer Atem ein Paradebeispiel cineastischer Selbstbefreiung von Jean-Luc Godard mit Belmondo und Jean Seberg als Gangsterpaar im schwarzweißen Cool der Sechziger. Ähnlich bekannt, aber deutlich jünger, ist Tom Hanks als Forrest Gump von 1994 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Und zwei Stunden später beim MDR immerhin hierzulande von Bedeutung: Der Irre Iwan, zweiter Tatort mit Tschirner/Ulmen als Dorn/Lessing in Weimar von 2014.


Struktursexismus & Gedenkmarathon

Die Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Julia Jäkel ist eine Frau an der Spitze eines deutschen Verlags, die den Weg dorthin kaum mit ihrem Geschlecht in Verbindung bringt. G+J hat halt eine Geschäftsführerin – das fand sie selber. Bis SAP mit Jennifer Morgan die einzige Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns mangels „klarer Führungsstärke“ gefeuert und mit dieser männlichen Parade bewiesen hat, wie Corona die Emanzipation zurückdreht. Nicht nur, dass Frauen im Homeoffice viel Home bei wenig Office erledigen oder eben alles alleine; bei Telefonkonferenzen, schreibt Jäkel in einem Gastbeitrag der ZEIT, höre sie nun wieder „ausschließlich dunkle Männerstimmen“.

Ihr deprimierend deprimiertes Fazit: „Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten.“ Wenn Chefredakteur Steffen Klusmann den neoliberalen Medienmacho Nikolaus Blome als „starke liberal-konservative Stimme“ zurück zum gewohnt führungsfrauenreduzierten Spiegel holt, zeigt sich das jedoch für Jäkels Branche insgesamt. Wobei sie trotz und wegen Corona nicht nur unterm Druck marktradikaler, sondern demokratiefeindlicher Kräfte steht. Dass gut 20 Vermummte, die ein Team der heute-show am 1. Mai in Berlin aus einer rechten Demo heraus krankenhausreif geprügelt haben, wie kolportiert dem linken Milieu entspringen, darf angesichts des migrationshintergründigen Komikers Abdelkarim unter den Opfern jedenfalls als, nun ja, unwahrscheinlich gelten.

Auch die gehässige Reaktion der AfD belegt schließlich, dass die neuen Nazis physische Diskursverschärfungen mal mindestens mit Genugtuung betrachten. Und in dieser Eskalationsspirale steckt letztlich ja auch die struktur sexistische Castingshow Promis unter Palmen, in der eine Teilnehmerin so gemobbt wurde, dass Sat1 die Folge aus der Mediathek genommen hat. Besser wäre es zwar gewesen, das Format zu beerdigen. Aber Deutschland ist halt nicht Dänemark und Sat1 nicht DR1, der die strukturemanzipierte Politserie Borgen 2022 mit der 4. Staffel fortsetzen will.

Die Frischwoche

4. – 10. Mai

Bleibt zu hoffen, dass wir uns dann nicht mehr den Lockdown beim Bingen toller Serien vertreiben müssen. Oder Dokus mit Quarantäneschwerpunkt wie Kontaktsperre, mit der die preisgekrönten Hamburger Timo Großpietsch und Christian von Brockhausen heute (23.15 Uhr) im NDR die ersten Monate der Krise dokumentieren. Während das Erste deshalb sogar seinen ESC in zwei Sondersendungsimprovisationen an diesem und dem nächsten Samstag ersetzen muss, sorgen die Streamingdienste derweil für Ablenkung.

Ab Freitag (boykottiert!) Amazon mit der grandiosen Fantasy-Serie Dispatches from Elsewhere. Nach eigener Idee spielt Showrunner Jason Segel (How I Met Your Mother) darin den lebensmüden Peter, der mithilfe einer Geheimorganisation auf funkensprühende Glücksjagd geht. Ähnlich bizarr geht es für die Puppen der Stop-Motion-Serie The Shivering Truth zu, die vor zwei Jahren in den USA für Aufsehen sorgte und ab Donnerstag bei TNT zu sehen ist.

Weniger crazy ist da der Vierteiler I Know This Much Is True mit Mark Ruffalo in einer Doppelrolle als Zwillingspaar, dessen Existenz ab Sonntag auf Sky nach Jahren der Trennung schicksalhaft ineinander kracht. Aber tags drauf sorgt ja die französische Netflix-Serie The Eddy um einen Pariser Technoclub und seine Nachtgestalten für Entlastung mit Musik. Entlastung womöglich auch vom Gedenkmarathon zum 75. Jahrestag der Kapitulation, die heute mit der ARD-Doku Kinder des Krieges beginnt und Dienatag der 180-minütigen Archivstudie Berlin 1945 auf Arte weitergeht, der vielleicht besten Doku zum Thema seit Jahren. Während der 8. Mai seltsam frei von Erinnerung ist, gibt es dazu aber auch viele Wiederholungen der Woche.

Angefangen mit Bernhard Wickis Meisterwerk Die Brücke (Montag, 0.00 Uhr, HR), der es wie Wolfgang Staudtes Rosen für den Staatsanwalt schon 1959 schaffte, Deutschland mal nicht als Ort der Widerstandskämpfer zu zeigen. Gleiches galt für Frank Beyers Defa-Klassiker Nackt unter Wölfen von 1963, den Philipp Kadelbach 48 Jahre später (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) nochmals radikalisierte. Zwischen revisionistisch und modern steht Oliver Hirschbiegels Der Untergang (Donnerstag, 20.15 Uhr, Kabel1), während Schindlers Liste zwei Tage zuvor an gleicher Stelle ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist.


Sharratt/Kom, Car Seat Headrest, Joan Wasser

Ariel Sharratt & Mathias Kom

Ti-Ming is not a city in China. Klingt abgeschmackt, passt aber aufs neue Album des urbanen Folkduos Ariel Sharratt & Mathias Kom, das mit Never Work den Soundtrack zum 1. Mai liefert. Ihr betörend unspektualärer Doppelstimmengesang aus der Tiefe eleganter Ödnis klingt rein musikalisch zwar viel zu lieblich für die revolutionäre Erhebung am Kampftag. Inhaltlich aber stammen die dadaistischen Texte aus den Ecken siutationistischer Persiflage: wunderbar aufrüherisch, ohne Wut zu schnauben.

Wenn die zwei New Yorker in Rise up Alexa die Computerstimme der Ausbeutungskrake Amazon zur Selbstbefreiung auffordern oder ihrem Blockwart Bezos in Two Jeffs lyrisch die Leviten lesen, rieselt Goldstaub aus jedem der zehn Stücke. Und weil die Künstler*innen dahinter beschwingt vor sich hin plappern, als wären sie The Moldy Peaches, kann man sich mit seinem Hass auf die Verhältnisse herrlich dazu in die Hängematte legen und dem Untergangs mit Bier in der Hand entgegendösen.

Ariel Sharratt & Mathias Kom – Never Work (BB*Island)

Car Seat Headrest

Will Toledos Leben als Songwriter ist auch, wenn es gelegentich so scheint, kein richtiges im falschen, sondern ein verzögertes im zeitgemäßen. Knapp ein Dutzend Platten lang ackert sich der Solokünstler aus dem Grungedorado Seattle abseits großer Bühnen als heimliche Wiedergeburt von Peter Gabriel ab und hat dafür Songs kreiert, die besonders in der Bandformation Car Seat Headrest klingen, als krieche dessen Avantgardepop in einer defekten Zeitmaschine vorwärts.

Auch auf der neuen Platte Making A Door Less Open gießt Peter Toledo ein Dressing aus Beck’schem Sprechgesang über kafkaesken Radiohead-Salat, das für HipHop zu desinteressiert ist und für Rock offenbar zu faul. Weil das Album aber in zwei Schritten erst analog, dann digital erstellt und sodann wild verrührt wurde, ist die ausgestellte Anteilnahmslosigkeit der maximalste Minimalpop dieser Zeit, scheinbar schüchtern, schillernd schön.

Car Seat Headrest – Making A Door Less Open (Matator)

Joan As Police Woman

Alles Attribute, die nicht nur auf Joan Wasser zutreffen, sondern förmlich für sie gemacht zu sein scheinen. Nahezu alles, was sie seit ihrem Debüt als Joan As Police Woman vor 15 Jahren macht, ist schließlich in aller Zurückhaltung schillernd schön. Und das gilt sogar dann, wenn die gelernte Violinistin aus Maine auf eigenem Label die Stücke anderer interpretiert wie zuletzt 2009, auch das ein kleines Meisterwerk. Wie jetzt Cover Two.

Dass sie nicht nur gut kopiert, sondern neu interpretiert, ohne den Wesenskern der Originale zu verleugnen, zeigt bereits der Opener Kiss. Als Cover vom Cover schimmert die flamboyante Version des seligen Prince zwar hindurch, gibt aber auch der Urversion von Tom Waits Raum und verbindet beides zu dekonstruktivem Postpop, der auch aus den Variationen von Blur über TalkTalk bis hin zu Outkast oder The Strokes spricht: Unverkennbares Rohmaterial, mit Frischwasser vermischt.

Joan As Police Woman – Cover Two (Sweet Police)


Natalia Belitski: Liebe.Jetzt! & Jürgen Vogel

Sonst sieht es echt düster aus

Trotz und wegen ihrer Optik, zählt die russische Berlinerin Natalia Belitski (34) zu den aktuell erfolgreichsten Schauspielerinnen. In Liebe.Jetzt! (Foto: Sarmiento/ZDF) überbrückt sie ab Sonntag um 21.45 Uhr auf Neo (Mediathek ab 1. Mai) die Krise mit einer Homevideo-Serie, die sie zwar an der Seite ihres echten Freundes Jürgen Vogel zeigt, aber fiktionales Fernsehen bleibt. Ein Gespräch über Arbeit, Leben, Privatsphäre und ihre Branche im Zeichen von Corona.

Von Jan Freitag

Frau Belitski, weil es von Liebe.Jetzt! vor diesem Gespräch noch nichts zu sehen gab, ist mir der Inhalt noch ein wenig schleierhaft…

Natalia Belitski: Mir auch, ich habe ebenfalls noch nichts davon gesehen! Soweit ich weiß, spielen sechs Paare in sechs Episoden, wie sie auf engstem Raum mit der Pandemie umgehen – in unserem Fall ist es eins, das erst kurz zusammen ist, schon ein Kind erwartet und nun früher als üblich so mit Beziehungsalltag konfrontiert wird, dass sie eine Paartherapie via Skype machen.

Also pro Folge ein Paar?

Davon gehe ich schon deshalb aus, weil in der Corona-Krise nur Leute eng miteinander umgehen, also drehen dürfen, die auch im selben Haushalt leben.

Heißt das, Jürgen Vogel und Sie spielen dabei auch ein Stück weit sich selbst?

Nein, denn über die Tatsache hinaus, dass wir privat ein Paar sind, ist alles Fiction. Es stand zwar mal im Raum, bei Jürgen und mir zu drehen, am besten mit unserer Tochter. Das haben wir aber von Anfang an klar verneint.

Weil es Ihnen zu intim gewesen wäre?

Absolut. So halte ich es generell mit meinem Privatleben. Wir haben das deshalb in einer angemieteten Wohnung gedreht, ohne Maske, für die man mehr oder weniger selbst gesorgt hat. Im Raum waren nur Kamera- und Tonleute, der Rest hat sich mit Mundschutz und Abstand in der Wohnung verteilt.

Hat es sich da überhaupt angefühlt, als würden normal Sie ihrem Beruf nachgehen?

Doch, doch, ich hatte schon ein Arbeitsgefühlt. Die Rahmenbedingungen waren ja im Großen und Ganzen wie immer. Es gab mehrere Kameraeinstellungen und Takes, Regiebesprechungen, alles fast wie immer.

Hat Ihnen diese Art Routine ein Gefühl gegeben, etwas tun zu dürfen, was praktisch ihrem gesamten Metier zurzeit verboten ist?

Ich weiß das Glück, anders als andere arbeiten zu dürfen, absolut wertzuschätzen, hatte aber umso mehr auch ein eher beklommenes Gefühl. Mir war schließlich weiterhin bewusst, dass praktisch alle Kulturschaffenden im Land und weltweit gerade von ihrem Beruf abgeschnitten sind. Umso erschreckender ist es da, wie die Politik angesichts der drohenden Katastrophe für den gesamten Kulturbetrieb wegschaut. Vom Lockdown sind nicht nur große, subventionierte Theater betroffen, sondern mehr noch freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die durch alle Auffangraster rutschen und vorm Ende ihrer Existenz stehen. Das macht mich traurig und wütend.

Gibt es innerhalb der Branche Solidarität, rückt sie durch die Krise enger zusammen?

Das ist schon rein physisch zurzeit schwer möglich. Und es existieren auch keine bestehenden Netzwerke, die man nutzen könnte. Dennoch geben viele von denen, die mehr haben, was davon ab, damit sich andere mit weniger die Miete noch leisten können.

Sie auch?

Über Spenden redet man nicht, aber klar, ich helfe, wo ich kann, und sei es, indem ich wie jetzt meine Stimme erhebe. Aber das kann die staatliche Unterstützung nicht ersetzen. Sonst sieht es echt düster aus.

Können Sie sich dennoch vorstellen, dass die Branche und die Menschen darin etwas Positives aus der Krise mitnehmen?

Für die Branche sehe ich da gerade überhaupt keinen Lichtblick, weil fast niemand arbeitet. Als Gesellschaft und einen Schritt größer gedacht: als Menschheit würde es uns hingegen unbedingt guttun, die Entschleunigung der Zeit in die Zukunft mitzunehmen und den kapitalistischen Göttern nach dem Ende der Krise nicht genauso bedingungslos wie vorher nachzuhecheln. Wenn man sieht, wie schnell sich alleine die Umwelt nach zwei Monaten Runterfahren erholt, sehe ich durchaus einen Hoffnungsschimmer, dass die Menschheit ein wenig zusammenrückt.

Reicht der Hoffnungsschimmer für handfesten Optimismus?

Leider nein. Wobei ich überhaupt keine Pessimistin bin, ehr so eine optimistische Realistin.

Gilt das auch für Sie persönlich und Ihren Weg durch die Krise?

(überlegt lange) Da ich grad kein Ensemblemitglied am Theater bin, also zwischen zwei Filmprojekten ohnehin längere Pausen der Entschleunigung kenne, ändert sich für mich beruflich weit weniger als für andere. Trotzdem nutze ich die neue Zeit natürlich für mich und meine Familie oder auch mal ein paar Renovierungen im Haus. Darin unterscheiden wir uns dann doch gar nicht so sehr von den Paaren in Liebe.Jetzt!

Was könnte denn der Mehrwehrt dieser Serie fürs Publikum sein – die Selbstvergewisserung, dass es anderen genauso geht oder womöglich eher schlimmer?

Also letzteres definitiv nicht. Im besten Fall ist es eine Identifikationsfläche mit eher heiterem Blick darauf, welche Konflikte bei anderen möglich sind. Obwohl es mit viel Witz geschrieben und gespielt ist, hat es aber dennoch viel Tiefe – auch wenn es weit von dem entfernt ist, was sich in vielen realen Wohnungen gerade abspielt.

Sie sprechen von häuslicher Gewalt.

Genau. Ich bin Mitglied im Kinderschutzbund, und der weist gerade nachdrücklich darauf hin, welche Verhältnisse vielfach herrschen, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekommt. Verglichen damit ist die Serie ist da einfach Unterhaltung.


Öffnungsdiskussionsorgien & Biohackers

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. April

In ihrer 14-jährigen Amtszeit war Angela Merkel selten eine Frau großer Worte. Die Medienrepublik lechzte zwar nach gesprochenen Headlines. Stattdessen bekam sie ihr „Wir schaffen das!“, was 2015 nur deshalb im Gedächtnis haften bliebt, weil es die Neonazis von Pegida bis AfD aufbläht hatten. Jetzt aber sorgte doch mal ein Satz der ewigen Kanzlerin auch links der völkischen Ecke für Wirbel: Öffnungsdiskussionsorgien.

Vor acht Tagen im Koalitionsausschuss geäußert, ist es der umstrittenste Kampfbegriff dieser Krisentage. Betrifft er doch das Wesen demokratischer Kompromissbildung: den Streit. Ihn mit einer solch unglücklichen Formulierung zu diskreditieren, unterhöhlt die Demokratie womöglich mehr als jedes Ausgehverbot. Merkel hier Kalkül vorzuwerfen, springt aber trotzdem auf den Zug populistischer Medien, die sich nichts sehnlicher wünschen als a) kompromisslose Führungskraft, solange sie b) nicht rational, sondern national handelt.

Diesbezüglich kann man der Bild bekanntlich viel vorwerfen: dass sie bis zur Selbstverleugnung rückgratlos ist und für ein bisschen mehr Auflage die Mütter der Chefredaktion an den IS verkaufen würde, dass sie ihr Publikum ähnlich verachtet wie ihre Gegner, dass sie im Grunde nicht mal Journalismus betreibt. Eins aber darf man der Papier und Pixel gewordenen Hölle moralischer Verwahrlosung nie unterstellen: dass sie sich nicht geldwert in Szene zu setzen versteht und dafür stets willfährige Komplizen gewinnt.

Nur so ist zu erklären, dass Armin Laschet und Markus Söder vorigen Dienstag mit den Chefs ihrer rentabelsten Heimclubs Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke die Fortsetzung der Bundesliga exklusiv bei Bild.TV verbreitet haben. Andererseits: wenn der Fußballkapitalismus sein hässlichstes Gesicht zeigt, ist es auch einfach angemessen, dies unterm Logo des menschenverachtenden Mediums werbewirksam ins Bild zu rücken.

Die Frischwoche

27. April – 3. Mai

Im Gegensatz zur deutschen Thriller-Serie Biohackers, die Netflix wegen pandemischer Anspielungen vom Donnerstag genommen hat, könnten im Mai also tatsächlich Geisterspiele bei Sky, DAZN und Telekom zu sehen sein. Dinge, die die Welt im Ausnahmezustand so wenig braucht wie einen Fernsehsamstag, an dem die ARD (Frag doch mal die Maus) und das ZDF (Andrea Berg), dazu RTL (Denn sie wissen nicht, was passiert) und Pro7 (Schlag den Star) simulieren, die Welt sei weiter im Normalzustand.

Andererseits ist es legitim, in Krisen nicht nur über Krisen zu reden, wie es ZDFinfo heute um 20.15 Uhr etwa mit den Sieben größten Verschwörungstheorien der Geschichte tut, sondern ein bisschen davon abzulenken. Es muss ja nicht gleich durchschaubar sein wie Christina Athenstädt anstelle der verstorbenen Lisa Martinek als blinde Anwältin Die Heiland, ab Dienstag im Ersten. Besser ist tags drauf an selber Stelle Hannelore Elsners letzter Film Lang lebe die Königin, wo sie sich in Gestalt einer verblassenden Diva ein wenig selber spielt.

Weil seine Hauptdarstellerin während der Dreharbeiten starb, hatte Regisseur Richard Huber die Idee, fehlende Szenen mit Kolleginnen von Iris Berben über Judy Winter bis Eva Mattes zu besetzen, was wider Erwarten weder manieriert noch peinlich ist. Diese Gefahr hat auch Deutscher (Dienstag/Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) knapp umschifft. Der vierteilige Nachbarschaftsstreit nach dem Wahlsieg einer rechtsextremen Partei ist zwar plakativ, aber ohne Pathos eindringlich. Und wer weiß – vielleicht gibt’s 2095 eine ZDF-Doku wie Wir im Krieg (Dienstag, 20.15 Uhr) mit Homevideos faschistischer Volksgenossen vorm Untergang.

Doch damit zurück zur Ablenkung vom Irrsinn überall, etwa mit Familie Willoughby, einer animierten Netflix-Komödie um vier Kinder, die so vernachlässigt werden, dass sie ihren Eltern eine Reise ohne Wiederkehr organisieren. Oder der britischen Medical Temple um ein Untergrundkrankenhaus für Ausgestoßene, ab Donnerstag auf Sky. Dann wäre da noch die (kauft nicht bei!) Amazon-Serie Upload vom Office-Erfinder Greg Daniels, in der man sich ab Freitag postmortal digitalisieren lässt. Und die Info-Doku White Boy Rich über den FBI-Dealer Richard Wershe ist ab Samstag real, aber vor allem ähnlich unterhaltsam wie die Wiederholungen der Woche.

Zum Beispiel Fred Zinnemanns schwarzweißer Kriegsfilmklassiker Verdammt in alle Ewigkeit über die letzten Tage vor Pearl Harbour von 1953 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) oder kunterbunt: Unternehmen Petticoat (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Blake Edwards‘ Antikriegsgroteske mit freundlich misogynem Unterton, der 1959 state of the art war, dank Cary Grant als Kommandeur eines rosa U-Bootes aber auch sehr lustig.


Hans Unstern: Kratzpop & Diven-Harfe

Für mich sind das Popsongs

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Beim Hans Unstern lässt sich das schwer beantworten. Vom poetischen Kammerspieltechno über die Band bis hin zum Geschlecht des Berliners Avantgardekünstlers bleibt alles im Ungefähren, seit er 2010 mit Kratz dich raus sein Debüt veröffentlicht hat. Jetzt kommt sein viertes Album Diven (staatsakt) heraus, in dem er wieder permanent mit Stil, Identität und einem Instrumentarium selbstgebauter Harfen spielt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Hans Unstern, wie viel hat Musik aus Ihrer Sicht mit westlich geprägter Harmonielehre zu tun und wie wenig mit dem Kosmos an Tonabfolgen, die sich jenseits davon abspielen?

Hans Unstern: Ich finde es schön, alle mich umgebenden Geräusche als Musik wahrzunehmen. Ich sitze im Hinterhof und höre das Konzert der Amsel im Rauschen der Silberpappel zu den Motoren-Sounds von der Straße und den Stimmen der Nachbar*innen am Balkon. Und plötzlich brummt eine Hummel an meiner Nase vorbei. Hier wird komponiert. Ich glaube in diesem Wahrnehmen spielen immer auch verinnerlichte Harmoniefolgen mit, aber auch Neue Musik und Improvisationserfahrungen. Gleichzeitig hat all das in solchen Momenten keine Bedeutung.

Heißt das bezogen auf Diven, die Musik widersetzt sich bewusst der formalistischen Sicht auf Kompositionen mit dem Ziel, das Strukturbedürfnis des Publikums, dessen Suche nach Halt in Abfolgen von Strophe, Chorus, Refrain zu unterwandern?

Für mich sind das Pop Songs, die wie ein Kunstlied oder eine Ballade eine Geschichte erzählen. Das Arrangement auf der Harfe ergibt sich aus diesem Storytelling und seiner Dramaturgie. Und aus der fortlaufenden Wucherung einer Klang-Sprache, bei der ich neben meinen eigenen auch immer an den losen Fäden anderer Musiker*innen weiter stricke, knüpfe, häkle.

Welche zum Beispiel?

Ich höre da ganz deutlich, wo Alice Coltrane, Joanna Newsom, Lana del Rey, Laurie Anderson oder Mykki Blanco mitklingen. Aus diesen Verwachsungen entsteht dann aber immer etwas, das für sich steht, mit einem eigenen Bogen. Aber ich versuche nichts zu unterwandern. Zuerst kommt bei mir immer ein Text, der dann nach einer Musik fragt. Und die Komposition und die Klänge sind die Antwort darauf. Die Texte können das immer ganz gut sagen, welcher Klang zu ihnen passt. Die Klänge und Abfolgen sind mir vollkommen einleuchtend, sie wurden von den Texten gerufen und sind ihre Gefährt*innen.

Sie sind also ein Poet, der letztlich Gedichte vertont?

Ich bin Dichter und Musikerin. Mich interessiert die Kombination.

Wenn Sie „ich“ sagen und dabei zwischen „Dichter“ und „Musikerin“ differenzieren – welche Identität, welches „Ich“ ist damit gemeint?

Ich bin Vielzahl. Ich dehne meine Identität. Ich brauche Selbstauslöser*innen um ein Selbst zu konstruieren. Hans Unstern puzzelt sich zusammen.

Heißt das, die irritierende Vielfältigkeit deiner Musik ist Ausdruck deiner vielfältigen Identitäten, in denen ja auch Geschlechterzuweisungen keine Rolle spielen?

Vielleicht hat das einen Zusammenhang. Einen Plan dazu gibt es jedenfalls nicht. Mich interessiert das Werden weit mehr als das Sein.

Erzogen wurden Sie aber als das, was heutzutage Cis-Gender genannt wird, also mit dem sozialen Geschlecht des Mannes?

Ich finde die Praxis, Geschlechter bei der Geburt eindeutig in eine der beiden Schubladen zu stecken, die der Mainstream erlaubt, eine gefährliche Vereinfachung. Ich will, dass die Unendlichkeit der Geschlechter ernst genommen wird.

Die Doppeldeutigkeit des letzten Diven-Titels Cis, den mal als soziales Geschlecht oder Musiknote deuten kann, ist aber schon gewünscht?

Es ist schön, dass Sie beides darin hören. Schon, weil ich mich immer freue, wenn die Leute sich ihren eigenen Reim auf meine Texte machen.

Was hat es dann mit dem Ticken auf sich, das den Song durchsetzt – ist damit die Zeitbombe toxischer Männlichkeit beschrieben, deren ablaufende Uhr oder interpretiere ich die Metaphorik Ihrer Kompositionen damit heillos über?

Auch ich entdecke in meinen Songs gelegentlich noch Seiten, die mir anfangs gar nicht bewusst waren. Das ist ja gerade das Spannende, oft Magische an Musik.

Welche Rolle spielen bei dieser Interpretationsoffenheit Instrumente, die Sie im Fall von Diven sogar selbst entworfen und gebaut haben?

Eine große. Das hat während der Produktion des zweiten Albums angefangen. Schon damals hat mich etwas an der Harfe magisch angezogen. So haben Simon Bauer und ich erste Harfen gebaut und das Instrumentarium erweitert. Gut sieben Jahre später, mit ausschließlich selbstgebauten Harfen auf der Bühne, fühle ich mich so wohl wie nie im Scheinwerferlicht. Wie anstrengend es war, sich zu verstecken! Mit Gitarre in der Hand war die Suche nach einem Versteck stets meine Reaktion. So wie die Kompositionen bei mir Resultat der Texte sind, sind sie es nun auch von der Beschaffenheit der Harfen, die teils mit Hubmagneten und Robotern ferngesteuert werden.

Kybernetischer Pop.

Nicht Kybernetik. Aber Aleatorik, also Kompositionsprinzipien, die auf Zufall basieren. Das Arrangement für den Song Keine Zeit zum Beispiel entstand bei einer Improvisation mit der akustischen Harfe, zu einem schmatzenden, meditativen Beat, der sich aus rhythmischen Figuren zusammensetzt, die im Sequenzer vom Zufallsgenerator aneinandergereiht werden. Für die Klangformung des Beats verstärkte Simon Bauer die mechanischen Geräusche der Relais, die die Impulse zum Auslösen der Hubmagnete an die Metallharfe schicken. Statt dieses Klicken als Störgeräusche wahrzunehmen und zu versteckten, betrachteten wir es als Ausgangspunkt für das Arrangement des Songs.

Das klingt fast, als spielen die Instrumente euch statt umgekehrt.

Als die V-Harfe zur Maschine wurde, wollten wir ihr zumindest viel Autonomie geben. Sie ist nicht nur befehlsempfangende Klangerzeugerin, wie wir es von anderen Orchester-Apparaturen kennen, sondern gibt uns gleichermaßen Befehle mit Arbeitsanweisungen zurück. Wir bedienen die Maschine also in zweierlei Hinsicht. Einmal in Gang gesetzt, werden wir zu Fließbandarbeiter*innen, gefangen im laufenden Produktionsband der Maschine.

Habt ihr das vor der Schließung sämtlicher Konzertsäle schon mal live erprobt?

Es gab letztes Jahr ein paar Testkonzerte. Und mit dem fertigen Album kriegen wir es hoffentlich an einen Punkt, damit auf Tour zu gehen. Wir versuchen immer die Instrumente fürs Publikum zugänglich zu machen. Bislang hat das Publikum mit interessierter Neugierde auf die Harfen reagiert. Aber das steht im Moment ja nicht so an…

Wobei wir es jetzt geschafft haben, im April 2020 ein ganzes Interview ohne das böse C-Wort zu führen.

Toll, ja. Belassen wir’s doch dabei.

Das Interview ist vorab beim Musikblog erschienen.