Dallas 2013

Dallas, die Fortsetzung, ab 22. Februar 2013, 22.15 Uhr, RTL

„Dallas“ ist zurück – und auch wieder nicht. In den Achtzigern war die erfolgreichste Serie ihrer Zeit ein Stück Gegenwartskultur, die Fortsetzung (ab Dienstag, 22.15 Uhr, RTL) ist nur ein Versuch, damit Quote zu machen.

Wer früher fernsah, fand einen entspannten Kapitalismus vor: Unternehmer waren verantwortungsvolle Patriarchen im grauen Dreiteiler, denen Versorgung, Wettbewerb, sichere Preise und selbst das Wohl Ärmerer am Herzen lag. Das System war nicht der Fehler, es hatte zuweilen welche – Ölkrise hin, Flick-Affäre her. In den Siebzigerjahren bekam der zuständige Heimatfilm zwar Konkurrenz vom kritischen Disaster Movie doch im Großen und Ganzen war das Verhältnis zur Marktwirtschaft gut. Böse Kapitalisten waren daher überwiegend Nebenfiguren guter Kapitalisten. So weit, so kaptialismusfreundlich.

Und dann kam J.R.

John Ross Ewing, um genau zu sein, ältester Sohn eines texanischen Ölbarons, der seine ersten Quellen noch mit bloßer Hand gebohrt hatte. Mit Larry Hagman rückte der kapitalistische Exzess erstmals vom Sidekick zum Hauptdarsteller eines Massenprogramms auf und „Dallas“ ins Pantheon jener Formate, die den Zeitgeist zugleich verarbeitet und verändert haben. Mit ihr wurde der Kapitalismus zum Systemfehler selbst, und auch das macht die 357 Folgen zum erfolgreichsten Format der Ära des stagnierenden Aufbruchs, in dem die freie Marktwirtschaft an sich selbst berauscht zu implodieren begann. Damals, von 1978 bis 1991, eine bewegende, eine einmalige Zeit.

Und jetzt ist gestern heute, jetzt ist sie zurück und mit ihr die Bewohner der Southfork Ranch: Sue Ellen und Bobby, Cliff Barnes und Lucy, Ray Krebbs und natürlich er: J.R., allesamt gespielt von den alten Darstellern, allesamt synchronisiert von den alten Stimmen, allesamt versehen mit den alten Eigenschaften, alle irgendwie Achtziger: durchaus unterhaltsame Starthilfen des kollektiven Erinnerns, angenehm nostalgisch, ungemein überflüssig.

Denn Fernsehen, das Zuschauer nicht bloß zählen, sondern erreichen will, ist stets ein Fernsehen seiner Epoche. Es kennzeichnet deren Zeitgeist und wird von ihm gekennzeichnet. Es ist relevant, nicht redundant. „Dallas“ 1978 hat den Aufbruch des Unternehmertums ins Finanzkapital mit einer Dynastie im Ringen zwischen Familiensinn und Profitdenken versinnbildlicht; „Dallas“ 2012 dagegen versinnbildlicht gar nichts, außer dem durchschaubaren Ziel, tradierte Charaktere qua Fortsetzung – keinem Remake! – im neuen Look gegenwartstauglich zu machen.

Und so ist Bobby Ewing, der Gute, noch immer ein Guter, der alternative Energie fördert, was Christopher als Sohn mit warmen Augen unterstützt, während der Fiesling J.R. weiter ein Fiesling ist, dem nur sein Sohn John Ross mit harten Augen das Wasser reichen kann. Es geht um Öl auf Ewing-Grund, den Mama Miss Elli testamentarisch zur bohrfreien Zone erklärt hat, es geht um Intrigen zwischen Konkurrenten, die oft verwandt sind, es geht darum, dass Öl dicker ist als Blut dicker ist als Wasser, das man nur im Bourbon trinkt. All dies ist Braten mit dicker Soße wie früher, als Mutti mittags am Herd stand, und doch ist es leichte Kost ohne kreative Rezepte, ohne neue Gewürze, ohne Esprit, dafür mit Models Mitte zwanzig, die neben Schönheitspflege, Sprachkursen, Kampftraining noch eben ihr Geologiestudium absolvieren, bevor sie den Serienhelden heiraten.

Interessant in dieser Stangendramaturgie amerikanischen Stromlinienfernsehens ist allenfalls, dass der erste Serienheld überhaupt mit ausnahmslos negativen Wesenseigenschaften nahtlos an den Cliffhanger von 1991 anknüpft, wo J.R. gescheitert im Büro sitzt und einsam übers Leben sinniert. Zwei Jahrzehnte später sitzt er stark ergraut im Pflegeheim und sinniert depressiv über scheinbar gar nichts, bis ihm sein Filius um ein paar fiese Tricks bittet – und Zack: ist J.R. wieder da. Wie immer. Und eben nicht.

Denn es fehlt die Atmosphäre aus Größenwahn und Selbstreflexion von einst. Es fehlt die klar konturierte Freund-Feind-Perspektive des Kalten Krieges. Es fehlt vor allem das Alleinstellungsmerkmal grotesken Reichtums, der seinerzeit ein echtes Novum serieller Fiktion darstellte, heute aber Handlungsrahmen jeder zweiten Telenovela ist. Es fehlt also die Mixtur aus Voyeurismus und Fallhöhe, Ekel und Anziehungskraft, mit der „Dallas“ dienstags, Punkt 21.45 Uhr, Zuschauerzahlen erzielte, die es nur im dualen System gab. Kein Wunder, dass es nun bei RTL läuft.

Auf Southfork mögen also immer noch Cowboyhüte auf Köpfen thronen, deren Denken von dem robuster Kuhhirten weiter entfernt ist als Linda Grays Sue Ellen vom würdevollen Altern; als Fortsetzung zerstört die Ästhetik all die schönen Erinnerung an die eigene Sehvergangenheit, als man J.R. so herrlich hasslieben konnte wie niemanden zuvor. Dabei versprüht er als einziger das Charisma von einst. In der zweiten Staffel wird er sterben wie kürzlich sein Alter Ego Larry Hagman. Von Dallas bleibt dann nur noch der Waschbrettbauch seines Filmsohns.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s