Krankheit heißt Leiden

Was im Alltag zu Halsverstopfung führen würde, ist in Film und Fernsehen die Regel. Dort schluckt man Pillen stets ohne Wasser.

Von Jan Freitag

Angenommen, der Kopf pocht, das Herz ruckt, die Leber ruft, eine Pille muss her – welcher zivilisierte Mensch würde sie ohne Gleitmittel runterquälen? Keiner bei Verstand oder abseits der Wüste Gobi. Warum also nimmt im Film niemand je wie im Beipackzettel gefordert etwas Flüssigkeit zur Tablette – aus Kostengründen, Wassermangel, Doofheit? Klingt wenig stichhaltig. Und doch ist der ruckartig Richtung Nacken geworfene Kopf eine der zentralen „Was-bin-ich?“-Gesten des Fernsehens. Als hülfe der Trägheitssatz sperrigen Dingen beim Durchdringen enger Kanäle. Bleibt als Erklärung der küchenmedizinische Mythos, dass Schmerz per Ersatzschmerz verdrängbar ist. Deshalb beißt man sich beim Tätowierer ja gern die Lippe blutig, prügelt bei der Bleientfernung ohne Narkose auf den Saloontresen ein oder beißt – um die Pein auf den Verursacher zu übertragen – auf Zahnarztfinger. Selbstkasteiung könnte allerdings auch mitspielen, 20 Minuten Schluckkampf als Ablassleid für Alkohol und ähnliche Vortagssünden. Anderseits macht Schmerz, wie Christian Morgenstern dichtete „Menschen nicht groß, sondern klein“. Vielleicht hilft er ja auch beim Pillenschrumpfen. Darauf ein Glas Spülwasser.

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