Portmeirion/Wales – Drehort von The Prisoner

„Urlaub in Gefangenschaft“

Frankfurter Rundschau Nr. 30/2012

Von Jan Freitag

Das nordwalisische Dorf Portmeirion ist ein irrealer Ort. So irreal, dass die psychedelischste Serie aller Zeiten darin stattfand und nichts verändern musste. „Nummer 6“ lebt hier noch heute.

Langeweile kann ein kreativer Quell sein. Clough Williams-Ellis langweilte sich. „Furchtbar sogar“, erinnert sich sein Enkel. Im Original klingt es noch gelangweilter, wie sein Großvater empfand, vor bald einem Jahrhundert auf der Architekturakademie: „He was terribly bored“, sagt Robin Llywelyn und ist dabei so schwer zu verstehen wie sein Name, wie der Ort seiner Arbeit, seiner ganzen Existenz: Portmeirion. Einer, den es im Grunde gar nicht gibt.

Und auch nicht gäbe, hätte Clough, wie ihn jeder nennt, das Studium nicht abgebrochen, um seinen Traum vom lebenden Handwerk an der walisischen Nordküste umzusetzen. Dort wo die Menschen seltsamen Dialekt sprechen, noch seltsamere Namen tragen, sogar ein wenig merkwürdig aussehen wie Robin, mit den drei gegenläufigen Streifemustern unter der Dirigentenfrisur. Vor allem aber: seltsame Häuser errichten. „Architectural Mongrels eines Jägers und Sammlers“, nennt er sie, gebastelt aus Fenstern der Bank of England, Steinen des zerbombten Bristols, Quadern der benachbarten Burgruine, Pflanzen vom ganzen Globus. Nur wer das Mosaik mit eigenen Augen sieht, kann dieses Dorf an diesem Ort verstehen. Beinahe.

Denn Portmeirion ist nicht bloß eine Häufung irdener Domizile, sondern Kunst. Eher Objekt als Siedlung, mehr erschaffen als gebaut. Wer den Triumphal Arch am Nordwestrand oder das Gate House weiter südlich durchläuft, erreicht eine verwunschene Welt. Den mäandernden Weg Richtung Bucht entlang passiert man begehbare Landschaftsgemälde in Technicolor, gesäumt von Treppen, Mauern, Arkaden, Kolonnaden im Filmkulissenstil, überragt von Fassaden, die in ihrer bonbonbunten Verspieltheit Alices Wunderland entsprungen scheinen. Geträumt, entworfen, realisiert von einem Mann wie aus Romanen von Charles Dickens.

Im Jahr 1925 kaufte sich Clough eine Schmiede nebst Schieferhafen und gestaltete die Einöde am Rande des Snowdonia-Nationalparks um. Stein für Stein, Beet für Beet, Cottage für Cottage schuf der visuelle Visionär an der süßen Steilküste sein Nachhaltigkeitsideal. Im Jahr drauf taufte er das erste von zwei Dutzend Gebäuden Neptune, und als der Pastorensohn sah, dass sich sein Modell nicht von allein finanziert, „hat er eben ein Hotel draus gemacht“, wie Enkel Robin erzählt. Auf 50 Hektar wuchs es fortan zum Ensemble – jedes Jahr größer, jedes Jahr bizarrer, jedes Jahr mediterraner und dabei very britisch.

Licht und Luft, Symmetrie und Vielfalt, ein Hauch von Mittelmeer am Nordseestrand im hermetischen Ambiente mit Perspektive – das war es, was Clough wollte. Das war es auch, was Patrick McGoohan suchte für das Skurrilste, was Fernsehen je geschaffen hat: The Prisoner. In der psychedelischen Atmosphäre Portmeirion fand der Hauptdarsteller und Regisseur das perfekte Ambiente für seine klaustrophobische Serie um einen grundlos entführten Agenten. Bis zu 13 Millionen BBC-Zuschauer sagen zu, als „Nummer 6“, wie das Format hierzulande hieß, 17 Folgen lang versuchte, seinem Freiluftgefängnisses mit allem Komfort zu entfliehen.

Doch der Star war nicht „Nummer 6“, wie das Format hierzulande hieß, weder die paradoxen Dialoge, Kostüme, Bräuche im Village, noch ein riesiger Gummiball, der als Strafinstanz durchs Dorf waberte. Es war Portmeirion. Das ist auch 45 Jahre nach Drehbeginn zu spüren. Erst recht, seit 2009 ein Remake entstand – in Namibia statt in Portmeirion. Doch grad das hat dem alten Spielort einen Popularitätsschub verschafft. Von 250.000 Besuchern kämen die meisten wegen der Serie, weiß Robin, den Regisseur McGoohan einst aus den Büschen verjagte, wenn der Achtjährige die Arbeit störte. Wer jetzt eins der 33 Appartements diesseits der 20 ruhigeren Zimmer und Suiten im Strandhotel mietet, wohnt nicht nur im Flair früherer Tage samt Messingarmatur, Samtvorhänge und 24 Stunden Prisoner im Fernseher, sondern über, unter, neben den Besuchern die sich durchs Filmset staunen. Das Hotel ist der Drehort ist Portmeirion ist sein Publikum ist das Hotel. Und seit dem Remake trifft man noch mehr Kenner, die inmitten der Kulisse „I’m not a number, I’m a free man“ murmeln wie die grauhaarige Frau in der Townhall, wo der berühmteste Seriensatz fiel.

Man trifft Japaner, die sich an der Piazza mit Pool fotografieren. Man trifft Pepitahüte und Basecaps, britische Spleens und amerikanische Großspur. Man trifft sogar eine pfälzische Reisegruppe, der die Serie fremd ist. Nur Margot Rieschmann hat sie gesehen. Erinnern kann sich die damals 13-Jährge aber nur noch an „diesen ekligen Gummiball“. Den gibt’s für 14,99 Pfund. Im Prisoner-Shop, wo der entführte Agent einst erwachte. Sonst trifft man hier kaum Deutsche, aber Liz und Paul aus Liverpool, die allein 2011 zum dritten Mal Nostalgie tanken. Das täte auch Not, sagt Paul. Denn das Remake sei furchtbar: „Zu düster, zu grau, zu wenig Portmeirion.“ Das Verschrobene, dem George Harrison verfallen war; das Surreale, Grundlage vieler Musikvideos; eine Britishness, die den ersten Prince of Wales 1930, die Symbiose aus Natur und Wohnen, Rhododendren und Landhausstil, der sein Nachfolger Charles folgte – alles verweht vom Wüstensand.

Vor allem aber fehlt der Neuverfilmung die Aura der Fluchten und Bauten, die Kupferkuppel des Green Dome, das eingemauerte Schiff, auf dem Nr. 6 zu fliehen versucht, all die optischen Scheinriesen, die durch falsche Fenster, kleine Türen, dürre Säulen wachsen. Und der Glockenturm natürlich, dem ein Sturm die Zeiger abriss. Vielleicht will Meurig Jones, der Manager, sie mal ersetzen. „Vielleicht aber auch nicht“, sagt er. „Es ist ja ein zeitloser Ort.“

PORTMEIRION, Gwynedd, LL48 6ER, Wales, Tel: +44(0)1766-770000

www.portmeirion-village.com

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One Comment on “Portmeirion/Wales – Drehort von The Prisoner”

  1. nr6de says:

    “Wir sehen uns” oder L’année dernière au Village”. Seltsam, kann mich nicht an diesen Artikel erinnern. Herr Freitag, wunderbar, danke! Hoffentlich lesen Sie’s. Dieses Jahr, wir schreiben Ende Februar 2013, werden nicht weniger als 12 Germanen zur Prisoner-Convention Mitte März reisen. Vielleicht schreiben Sie uns mal oder, besser, kommen uns besuchen!? Sie wissen ja: Wir sehen uns!


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