Henning Baum, Hamburg 2013

Das Bürgerliche ist ein guter Platz

Interview: Jan Freitag

Die wahre Würze liegt bekanntlich im Unerwarteten. Und von Henning Baum war bestenfalls Hausmannskost zu erwarten, als er über seine Paraderolle als stahlharte, unterschwellig zarte Hauptfigur der Sat1-Serie Der Letzte Bulle erzählen sollte. Dann aber wurde daraus ein Mehrgängemenü voll gediegener Zutaten eines Schauspielers um die 40, der exakt so männlich ist, wie seine Rollen, dem man das aber nicht recht übel nimmt, weil hinter Sechstagebart, Bikershirt und Riesenmuckis ein intellektueller, wacher, ja: emanzipierter (Frei-)geist steckt. Von einem lebhaften Interview mit Deutschlands größten Fernsehmacho über starke Kerle und starke Frauen, Machiavelli und Dorfrichter Adam.

Henning Baum: [bricht einem beim Händedruck fast die Finger] Oh, Handschuhe – Sie sind bei der Kälte mit dem Fahrrad hier? Respekt!

freitagsmedien: Aber Sie wären wahrscheinlich mit freiem Oberkörper gekommen.

[lacht] Das nicht, aber ich kann einiges vertragen.

Deshalb hab ich auch immer gedacht, Henning Baum sei ein Künstlername.

Nee, das ist schon der richtige Name. Passt aber oder?

So wie Leo Kraft.

Jetzt, wo Sie’s sagen: Steckt Löwe drin, steckt Power drin, stimmt, das war vielleicht Kalkül der Produzenten. Andererseits ist Leo in Mit Herz und Handschellen schwul, und als es vor zehn Jahren damit losging, hatte ich mein heutiges Image bestenfalls bei einigen Castern.

Was steht bei Castingagenturen in Ihrer Mappe – Raubein?

Kann schon sein. Kernig.

Einer, der halbnackt im Wildbach Fisch mit der bloßen Hand fängt.

Genau.

Haben Sie das schon mal selbst gemacht?

Natürlich. Zumindest mit der Harpune beim Tauchen.

Und so Männerzeugs wie als Letzter Bulle – allein in der Hütte zu sich selbst finden?

Klar, aber das ist doch kein Männerzeugs, das ist menschlich. Wenn man es in so einer Hütte etwas gemütlich macht, Kerze rein, warmes Wasser, ist das auch was für Frauen. Ich bräuchte das allerdings nicht, mir reicht es einfach.

Klingt alles so, als sei Mick von Henning gar nicht so weit entfernt.

Er raucht, das tue ich nicht. Nicht oft. Aber ich fülle die Figur so sehr mit mir aus, bringe so viel von mir ein, es gibt so viele Gemeinsamkeiten – das bin ich, das ist nicht nur eine Rolle, im Gegenteil. Wir hatten bislang nur noch nicht die Möglichkeit, meine Filmfigur in einer Komplexität zu erzählen, dass sie wirklich mir entspricht. Dem steht die Krimisituation im Weg. Sein wahres Naturell entwickelt sich am ehesten im Privaten.

Wo er zum Beispiel zeigt, was er sonst nicht zeigen darf: seine weichen Seiten?

Klar, sonst wäre er ja unvollständig. Anthropologisch hat die Evolution in der Tat dazu geführt, dass Männer ihre harten Seiten tendenziell verstecken. Aber was in Ihrer Frage mitschwingt, ist ja, dass Frauen keine harten Seiten hätten oder sie unterdrücken. [wird laut] Das bestreite ich energisch! Frauen können mittlerweile so knochenhart sein, dass die Unterschiede zum Mann verschwimmen. Dafür müssen sie nur nicht durch den Schlamm kriechen.

Sondern?

Frauen zeigen ihre Härte eher durch seelische Kälte, sprachlich, sozial. Giftmord ist weiblich.

Was für ein Männerbild transportiert aus Ihrer Sicht Der letzte Bulle?

Ein aufgeklärtes.

Ernsthaft bitte!

Ich bin ernst! Mick ist ein Mann, der sich nicht hinters Licht führen lässt. Er ist ein Mann, der die Dinge hinterfragt, bürokratische Strukturen, menschliche Vorgänge, einer, der es wissen will. Man dichtet ihm gern etwas Atavistisches an, aber das stimmt gar nicht. Er ist wertkonservativ, aber weil er das auch belegen kann und will, macht es ihn progressiv.

Zum Beispiel?

… schaltet er sein Handy gern ab, weil er die modernen Kommunikationsstrukturen als unkommunikativ betrachtet. Statt jeden Trend mitzumachen, entlarvt er ihn als Firlefanz, als Unsitte, als schlechtes Benehmen.

Reflektierte Machismo ist progressiver Machismo?

Das ist mir zu plakativ. Wichtig ist die Ironie dahinter. Er kann über sich selbst lachen und stellt sein Verhalten gegenüber seinen Kollegen zur Disposition. Darin ähnelt er mir besonders: Er provoziert gerne. Er mag Interaktion, will sie aber spielerisch.

Und da bedient sich Sat1 eines Tricks: Weil der Der letzte Bulle aus der Vergangenheit kommt, ist sein unmodernes Verhalten in der Gegenwart quasi entschuldigt.

Worin besteht da der Trick?

Darin, dass der Sender überkommene, aber massentaugliche Klischees gegenwartstauglich macht.

Das ist ein wenig überinterpretiert. Es geht nicht um trojanische Pferde, sondern die Lust am unmittelbaren Gegenüberstellen von damals und jetzt, damit sich das Gestern ein wenig übers Heute lustig machen kann und umgekehrt. Seit Mick ins Koma gefallen ist, kurz vorm Fall der Mauer, sind die Männer in unseren Breitengraden eben nicht nur emanzipierter geworden, sondern vor allem immer verwirrter. Das hat großes Unterhaltungspotenzial. Aber wenn Sie heute einen im Jemen fragen, was er vom neuen Mann hält, würde er schulterzuckend sein Quat kauen. Oder Niederbayern; da liest doch keiner Men’s Health und denkt, oh Gott, ich muss an meinem Waschbrettbauch arbeiten.

Aber die Moderne führt den Mann ja gerade weg von der Kraft, hin zum Femininen. Shoegazer, Hipster und Slacker gibt es längst sogar auf dem Land.

Was ist das denn alles?

Junge, dürre Männer mit Röhrenjeans, die trotz Vollbart ihre weiblichen Seiten pflegen.

Geile Begriffe, merke ich mir. Durch schwule Modemacher wie Tom Ford, den ich sehr verehre, ist da ist ein mehrheitsfähiger Stil entstanden, für den Männer früher für verprügelt wurden, aber so ist eben die Mode. Selbst harte Burschen wie Mick und ich dürfen sich bisweilen emanzipiert geben. Wobei Mich im Grunde mehr den frühen Sechzigern als den späten Achtzigern entstammt wie ich, als viele Geschlechterklischees längst aufgebrochen waren.

Wo standen Sie damals, Ende der Achtziger?

Da wo ich heute stehe. Ich bin vielleicht älter geworden, aber eigentlich immer gleich geblieben. Nicht mehr so ein Heißsporn, bisschen gelassener vielleicht. Wobei sich diese Gelassenheit auch aus der Ernüchterung speist, die Welt wohl doch nicht verändern zu können. Man vermag höchstens in seinem unmittelbaren Umfeld zu wirken, das ist ein Trost. Als junger Mensch möchte man an der Ungerechtigkeit in der Welt schier verzweifeln, als älterer lernt man sie, hinzunehmen.

Ist das Resignation oder Weisheit.

Weder noch. Ich würde mir wünschen, dass es Weisheit wäre. Am Ende ist es die Erkenntnis, dass sich Machtverhältnisse potenzieren, aber selten zum Nutzen aller. Wer Machiavelli liest, lernt, dass das Streben nach Macht immer eine Triebfeder menschlichen Handelns war.

Sie lesen Machiavelli?

Hab ich schon vor 20 Jahren getan.

Klingt nach einem bildungsbürgerlichen Ansatz.

Ansatz ist das richtige Wort [lacht]. Wie vertieft das ist, müssen andere beurteilen, aber ich bin schon bürgerlich groß geworden. Mein Vater war Arzt, so sah auch das Umfeld aus und ähnlich ist mein heutiges. Dieses Milieu ist mir vertraut, auch wenn ich gern mal daraus ausbreche. Und es ist mir auch wichtig. Damit unsere Gesellschaft nicht auseinander fällt. Das Bürgerliche ist ein guter Platz, um darin zu leben. Ein verlässlicher.

Sollten Sie was Verlässliches wie Ihr Vater?

Das nicht, aber als Rettungssanitäter hab ich damit geliebäugelt. Dann wollte ich aber doch lieber herausfinden, ob mein Talent zum Schauspielen hinreichend genug ist, um daraus einen Beruf zu machen. Das hab ich an der Schauspielschule Bochum getan. Aber ich finde es immer noch komisch zu sagen, ich sei Schauspieler. Ich kann mich damit nicht richtig identifizieren. Ich spiele gern, entspreche aber nicht dem Typus dieses Berufs im Ganzen.

Inwiefern?

Mir fehlt die Ganzheitlichkeit, Schauspieler durch und durch zu sein, immer in Pose, großer Künstler, vor allem am Theater. Ich bin diesem Typus schon 1995 begegnet, als ich meine erste Hauptrolle hatte. Marivaux, Der Streit, eine Geschichte aus der Aufklärung, wo vier Jugendliche isoliert voneinander in einem adligen Garten aufgezogen werden, bis er den Zaun wegnimmt und alles seinen Lauf nimmt und total aus dem Ruder läuft, bis bei uns in Bochum am Ende alle in Zwangsjacken gelandet sind.

Welche Rolle hatten Sie darin?

Eine sehr archaische, etwas wilder als die anderen. Meine Figur war noch eher am Affen angelegt. Das Stück war sehr physisch und wurde komplett nackt gespielt.

Sie veräppeln mich grad…

Nein, nein. Das ist nachzulesen.

Hat das die Körperlichkeit Ihres späteren Spiels geprägt?

Ich glaube jedenfalls, dass uns der Körper ungeheuer beeinflusst. Je nachdem, welchen wir haben, gibt er uns eine Grunddynamik vor. Hinter der Lokomotive des Körpers hängen wir die Haltung, die wir darin einnehmen, gewissermaßen an wie Waggons. Es ist nicht der Verstand, der spielt, sondern der Körper, der daraus Gefühle macht.

Äh…

Der Verstand leistet zwar die Vorarbeit, indem er den Text so weit durchdringt, dass er begreifbar wird. Doch erst der Körper macht daraus Stimmungen, die das Publikum spürt. Text alleine ist blutleer. Sie können einen Kleist ohne Verstand nicht begreifen, aber erst der Körper gibt ihm Dynamik. Wenn Sie den Zerbrochenen Krug spielen [springt auf] und Ruprecht steht vor Richter Adam, kann man ihn so spielen [druckst leise und gebeugt herum] oder so [rezitiert lautstark und aufrecht]. Der Text ist der Gleiche, die Haltung steuert den Sinn. Mein Ansatz ist es da, nach Brüchen zu suchen, ob im Fernsehen oder auf der Bühne. Das mache ich manchmal auch beim Letzten Bullen. Wenn das Drehbuch sagt, er regt sich auf und kriegt so’n Hals, dann bleibe ich manchmal erst recht ganz ruhig und kontrolliert. Das ist viel spannender.

Aber Ihr breites Kreuz wird dadurch ja nicht schmaler.

Kriegt aber eine andere Präsenz. Das hab ich von Kleist gelernt.

Sind Sie heute überhaupt noch für ein Kleist besetzbar oder als Star kommerzieller TV-Ware fürs Theater verbrannt?

Na ja, rein pyhsisch komme ich langsam ins Dorfrichter-Adam-Alter, aber warum nicht? Spannender fände ich allerdings Macbeth, einen liebenswerten, loyalen Menschen, der plötzlich in Machstrudel gerät und zum Mörder wird. Einer, der sich um 180 Grad dreht. Oder ein Hamlet. Super!

Schön, dass Sie es sich selbst zutrauen, aber wie ist es mit den anderen – Regisseuren, Produzenten, dem Feuilleton?

Fragen Sie die! Aber gerade das Theater ist bereit und in der Lage, ums Eck zu denken. Dafür bringe ich eine Physis mit, dessen Versprechen sich irgendwann einlösen wird, ganz sicher. Ich hatte gerade ein Angebot vom Theater, bin aber zu sehr vom Fernsehen eingebunden. Man kann nicht überall zugleich sein, selbst mit meinen Schultern.

Der Letzte Bulle, montags, 20.15 Uhr, Sat.1
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