7 Fragen an … RTL-Sprecher Christian Körner

Datei:RTL Logo.svg“Ein Hauch Arroganz”

RTL-Sprecher Christian Körner

Fragen: Jan Freitag

Herr Körner, wer sucht eigentlich Christian Rachs Hemden aus?

Christian Körner: …Er selbst.

Warum liegt die werberelevante Zielgruppe eigentlich zwischen 14 und 49 Jahren – kaufen über 50-Jährige nicht ein?

14/49 hat lange Zeit einen Großteil der rund 35 Millionen Fernsehhaushalte abgebildet und war damit eine gute Währung, um die Leistungen von Sendern beim etwas jüngeren Publikum vergleichbar zu machen. Aber die Bevölkerung wird bekanntlich immer älter, und mit ihr auch die TV-Zuschauer. Schon heute stellt 14/49 nur noch rund die Hälfte aller Zuschauer dar, Tendenz fallend. Deshalb erweitern wir die sogenannte Referenz-Zielgruppe für unsere Sender jetzt ab 1. März auf 14 bis 59 Jahre. Fürs Programmmachen selbst war 14/49 nie wirklich relevant ebenso wenig wie in der Vermarktung selbst. Es war und ist eine Währung, die vergleichbar machen soll, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ältere und jüngere Jahrgänge sind bei RTL also gar nicht weniger wert?

Im Gegenteil. Wir machen erfolgreich Programm für die ganze Familie, wie man gut erkennen kann, wenn man sich das Programm selbst und seine Protagonisten anschaut.

Warum gucken RTL-Zuschauer der Unterschicht nachmittags so gern ins Unterschichtenleben?

Ein Klassiker: Etwas dünne Recherche verbunden mit einem Hauch Arroganz. Menschen, die am Nachmittag Fernsehen schauen, als Unterschicht zu bezeichnen ist aus unserer Sicht nicht nur grenzwertig, sondern einfach falsch: Das RTL- Publikum entspricht am Nachmittag in Sachen Bildung oder Einkommen in etwa dem Schnitt der deutschen TV-Zuschauer. Hinzu kommt, dass die Geschichten am Nachmittag in unterschiedlichen Milieus spielen, also nicht nur in der „Unterschicht“, was auch immer das sein soll.

Warum ist Ihre Quote gegenüber 1993 eigentlich um fast ein Drittel gesunken?

Betrachtet man einzelne Formate geht die Entwicklung ja in beide Richtungen, einige gewinnen, andere verlieren. Die Gründe sind individuell. Pauschal bezogen auf die langfristige Entwicklung der Jahresmarktanteile ist die zuletzt oft strapazierte Fragmentierung des Marktes wesentlich: Seit 1993 hat sich allein das deutsche TV-Angebot ungefähr verfünffacht. Das probieren die Zuschauer nach und nach aus. So geben alle großen Sender ab, auch RTL. Kleinere wie RTL NITRO gewinnen.

Hand aufs Herz: Was war das größte Desaster, der mächtigste Flop, die gewaltigste Schande der Sendergeschichte?

Schande ist ein großes Wort in diesem Kontext, aber Programmmachen heißt unbedingt auch Flops produzieren – so ist das nun mal in einem kreativen Geschäft. Nur die wenigsten Ideen und Konzepte schaffen es überhaupt auf den Bildschirm. Wer nur Fehler vermeiden will, sollte besser woanders arbeiten – entscheidend bleibt, daraus zu lernen.

Und was macht eigentlich Harry Wijnvoord?

… er ist zum Beispiel am kommenden Sonntag Kandidat bei der Promi Koch Arena unserer Kollegen von VOX und soll ansonsten eine gut gepflegte Website haben, die dazu besser Auskunft geben kann als ich …


H.P. Baxxter al. Scooter, 2012 Hamburg

Vorm Kamin hör ich gern Enya

Von Jan Freitag

Ein fester Händedruck inmitten goldener Schallplatten, hallo, ich bin H.P. Englisch ausgesprochen klingen die Kürzel etwas weltläufiger als Hans-Peter. Und auch der Künstlername Baxxter hat mehr Sound als Geerdes. Aber die meisten assoziieren mit dem wasserstoffblonden Meister synthetischer Stampfrhythmen ohnehin seine Band Scooter und zuletzt sein Posten als Juror in der Casting-Show “X-Factor”. Wer weiß schon, dass der Frontmann von Deutschlands erfolgreichstem Musikexport Ostfriese ist, auf Hardrock steht und beim Reden oft scheu lacht, statt ständig „Make some Noise!“ zu brüllen.

Gar nicht so einfach, die richtige Anrede zu finden. Wie soll ich Sie nennen: H.P., Ice, Mr. Baxxter, Hans-Peter, Candyman, Herr Geerdes, die Auswahl ist riesig.

Ach, aus Spaß leg ich mir bei jeder zweiten Single ein neues Pseudonym zu. Aber das ist mehr so just for fun. Die meisten sagen H.P.

Also nicht Hans-Peter. Ist das die späte Rache an der Provinz?

Im Gegenteil. Der Name ist mal in der Schule entstanden durch meinen holländischen Chemielehrer. Der hat mich immer H.P. genannt.

Und Baxxter?

Das ist frei erfunden. Als damals während des Abis Listen rumgingen, wer was machen will, studieren oder so, hab ich Sänger hingeschrieben. Da meinte eine Mitschülerin: Und wie willst du dich nennen? Ich meinte, H.P. hab ich ja schon, fehlt nur noch ein Nachname. Und sie hat gesagt: Nenn dich doch Baxter. Frag mich jetzt nicht, wie die da drauf gekommen ist, aber ich bin dabei geblieben.

Wie ist sie darauf gekommen?

Gut. Ich hab 1985 Abi gemacht. Das war auch die Zeit von Dallas, mit J.R. Ewing, das war wohl die Idee mit dem H.P. Und Baxxter – es war zu der New Wave Zeit damals einfach üblich, dass man sich, wenn man aus Deutschland kommt, wenigstens einen möglichst abgefahrenen Künstlernamen zulegt.

Ihre musikalischen Wurzeln liegen im New Wave?

Na ja, eigentlich fing das bei mir mit richtig harten Sachen an. So was wie Led Zeppelin, Deep Purple, später dann Rainbow, Motörhead und so. Das mit dem New Wave war dann ein totaler Umbruch. Ich hab plötzlich nur noch Soft Cell, Cure, Depeche Mode, frühe Simple Minds-Geschichten gehört und was so alles dazugehört.

Das war dann ja schon – mit etwas gutem Willen – eine Vorstufe zu dem, was Sie seit zehn Jahren machen.

Genau. Unsere erste Band, die ich damals mit Rick gegründet hab – Celebrate The Nun – war auch schon Elektronikpop mit Wave-Einschlüssen. Damals war ich ja auch noch eher Sänger, heute bin ich MC. Vorbilder waren so Dave Gahan oder Marc Almond. Wir waren nur – im Nachhinein betrachtet – für diese Musikrichtung ein wenig zu spät. Der große Wave Hype war schon vorüber, als wir unseren ersten Plattenvertrag gekriegt haben, das hat da nicht mehr funktioniert. In Deutschland gab’s zu der Zeit Camouflage, die waren super erfolgreich. Wir waren zufällig beim selben Label. Aber in den Jahren haben wir für später wichtige Erfahrungen gesammelt.

Die wichtigste?

Dass wir gelernt haben wie es ist, wenn es nicht läuft, was ja viele, die jetzt von Null auf Hundert durchstarten, nicht kennen.

Warum machen Sie da ausgerechnet bei einer Castingshow mit, deren Kerngedanke der schnelle Null-auf-100-Erfolg ist?

Wissen Sie, ich arbeite seit fast zwei Jahrzehnten mit Scooter, bin im Studio oder auf Tour, das ist oft ein sehr ähnlicher Ablauf. Da ist X Factor eine neue Herausforderung, mit anderen Leuten mal ganz andere Dinge zu machen.

Andere Leute heißt in diesem Fall Moses Pelham, Sarah Connor und Sandra Nasic, mit denen Sie nicht viel gemeinsam haben.

Wir kommen zwar aus verschiedenen, fast gegensätzlichen Musikrichtungen, aber sonst wäre es doch langweilig. In so einer Jury suche ich jedenfalls nicht nach glattgebügeltem Pop, sondern etwas Ungewöhnlichem, das hängenbleibt. Mit solchen Gegensätzen haben auch Scooter immer gearbeitet – dabei allerdings acht Jahre lang gemerkt, wie schwer es ist, Platten zu machen. Überhaupt in die Charts zu kommen, war ja ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber darum ging es auch Ihnen letztlich, um die Charts.

Es gibt sicher so Freaks, die nur um der Sache selbst Willen rumbasteln. Aber wir hatten wie fast jeder immer das Ziel, in die Charts zu kommen. Wir wollten so sein wie Depeche Mode oder irgendwann große Konzerte geben.

Waren Sie da noch in Ostfriesland, als der Traum von den Top Ten Gestalt annahm?

Es fing schon in Leer an, wo ich aufgewachsen bin. Da hatte ich ja auch schon meine ersten Bands, eher im Rockbereich. Aber ich wollte in die New Wave Richtung gehen und das ist einfach unmöglich in der Provinz. Die Leute hören da heute noch Pink Floyd, glaube ich. Das kann man da nicht machen, die Leute sind einfach nicht progressiv genug. Für mich war klar, dass ich gleich nach der Schule in die Stadt gehe. Durch Zufall, über die Studienplatzvergabe, bin ich dann in Hannover gelandet und hab inseriert: Sänger sucht Keyborder.

Wie war denn die Jugend des deutschen Technosuperstars in der friesischen Provinz. Auch damals immer Paady, Paady, Paady?

Ja, auch da gab es zwei Dorfdiscos. Eine richtige, so mit beleuchtetem Tanzboden. Und eine, die manchmal Rock und Wave gespielt hat. Da hat man sich halt mit Freunden getroffen. Aber mir war das schon damals zu eng. Es gab vielleicht vier Leute, die sich ein wenig verrückt angezogen haben, wenn’s hochkommt. Und ich hatte immer so die Vorstellung: In der Großstadt gibt’s davon ganz viele und alles wird besser. Aber gut, im Nachhinein hat es sich gezeigt, dass in der Großstadt dafür alles anonymer ist und nicht ganz so fröhlich wie in Leer ist. Ich muss sagen, dass ich ganz froh bin, da aufgewachsen zu sein.

Es war aber doch eine Flucht.

Auf jedem Fall. Ich glaub nach wie vor, das ist der einzige Weg, wenn man was wie ich machen will. In der Provinz bleibt immer alles Hobby, semiprofessionell, da gibt es zu wenig Leute mit den gleichen Interessen. Es ist sowieso schwer genug, jemanden zu finden, der genau das vor Augen hat wie du.

Trotzdem wird Ihre Art Techno gerade dort besonders gehört, von wo Sie wegen der Musik geflohen sind.

Kommt drauf an. Das ist glaub ich ein Vorurteil. Bei meinen letzten Tourneen war es in den Großstädten alles schon wochenlang ausverkauft, das war in den kleineren Städten nicht unbedingt so. Wobei du natürlich Recht hast: In der Metropole wie Hamburg sind die trendy Clubs und da läuft eben ganz andere Musik.

Wenn man irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern an der Ecke steht, komm jedenfalls aus vorbeifahrenden Wagen vor allem Stampftechno. Ist doch komisch, dass das, was in der Provinz gehört wird, nur in den Metropolen entstehen kann.

Gut das stimmt. Aber da musst du fragen: Was wird denn überhaupt in der Provinz produziert? Alles was mit Kultur, Kunst, Medien, Musik zu tun hat, haut doch ab vom Land.

Scooter klingt jedenfalls wie Autoscooter, nach der Landjugend, die sich beim Schützenfest auf dem Dorfplatz die Kante gibt. Ist das gewollt?

Könnte man meinen, ist aber einen Schritt zu weit gedacht. Als wir anfingen hat das wie gesagt ja alles nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben. Da hatten wir dann die Überlegung: Wollen wir noch acht Jahre als Band im Keller sitzen oder doch besser als Produzenten, als Remixteam Projekte an den Start zu bringen. Vor Hyper Hyper hatten wir ein ähnliches Stück produziert, für das wir so auf die Schnelle einen Projektnamen gesucht haben. Diese Melodie hat an einen Jahrmarkt erinnert, an eine alte Karussellmelodie aus den Zwanzigerjahren, nur eben auf Dance. Da hat irgendeiner in den Raum geworfen: Dann nennen wir uns doch dafür Scooter. Als Produzenten hatten wir uns damals Loop genannt und gedacht, das heben wir uns auf für was ganz Anspruchsvolles. Bei Scooter hatten wir nichts Großartiges im Sinn und plötzlich ging das ganz gut ab in den Dancecharts und die ersten Anfragen kamen, ob wir das live performen könnten. Aber wir wollten eigentlich gar nicht unbedingt auf die Bühne, da sind wir eher zu überredet worden. Für unseren ersten Gig in Hamburg haben wir dann extra noch ein Lied gemacht; was heißt hier Lied: einen Track, und das war so die Urversion von Hyper Hyper. Da hab ich erst beim Soundcheck überlegt, mir mal ein Mikro in die Hand zu nehmen und den MC zu machen, wie man das von den Raves her kannte. Und plötzlich gab es uns. Wir sind da wie die Jungfrau zum Kind gekommen, das hat sich alles verselbständigt, da war überhaupt nichts so geplant.

Also ist es ein Unfall, dass Sie da hängen geblieben sind?

Ja. Die Nummer ging im Club richtig gut ab. Da haben wir eine Woche später im Studio die ganze Geschichte ausproduziert und schwupp war Hyper Hyper fertig. Und man merkte schon: Da ist irgendwas in der Luft. Erst waren wir das Projekt Scooter und eine Woche später eine richtige Band. Obwohl wir das erst gar nicht wollten. Aber so ist das ja oft: Man will was mit Gewalt wie mit der ersten Band, das klappt dann nicht und wenn du mit gar nichts rechnest, klappt auf einmal alles wie von selbst.

Geboren war der Kirmestechno. Der Begriff wird ja fast synonym mit Scooter verwendet.

Ja, das stimmt wohl.

Nervt das?

Na gut, natürlich ist der Begriff negativ behaftet. Auch wenn es irgendwo nicht ganz falsch ist. Weil: die Musik hat einen hohen Wiedererkennungswert. Sie ist sehr kompakt, das heißt, wenn wir eine Single rausbringen, ist das nicht so ein seelenloses Technostück, das man nicht als eigenen Track identifizieren kann, sondern es ist aufgebaut nach Popmaßstäben: Mit Strophen, Chorus, C-Part, aber von der Musik her eher technoid. Von daher kann man das den Leuten, die das so nennen, nicht verübeln, weil so was eben aufm Rummel oder in großen Discotheken gut läuft. Da wo gefeiert wird, da wo was los ist.

Da können Sie mit leben.

Da kann ich mit leben, obwohl es den Kern nicht ganz trifft. Wenn man das Gesamtwerk von Scooter betrachtet, also auch die alten Sachen, da sind auch viele Trancenummern drauf, wo man gar nicht unbedingt merkt, dass das von Scooter ist. Und wenn du dann noch siehst, wie wir das live transportieren, ist der Begriff Kirmestechno ein wenig zu banal. Darunter verstehe ich auch eine Insel mit zwei Bergen und das ist nicht Scooter.

Ist der Begriff durch Sie entstanden oder sind Sie nur sein Sinnbild?

Doch, der ist vermutlich schon durch uns entstanden. Am Anfang waren wir vielen ein Dorn im Auge. Die Leute dachten, wir sind so ein Retortenprojekt, von irgendeinem Produzenten im Hintergrund und wurden nur da vorne hingestellt. Das ist ja nur so Ballaballakram – also Kirmestechno. Das ist natürlich Quatsch. Da wollten uns auch welche eins auswischen.

Was ist denn aus Ihrer Sicht gute Musik?

Die Idee muss einen anmachen, auch bei Coverversionen. Es darf nicht zu offensichtlich sein. Manchmal sind gerade im Dancebereich Nummern dabei, da hört man richtig raus: Ah ja, das Thema hat funktioniert, also lutschen wir das noch aus. Ich finde es immer gut, wenn man ein Thema ausgrätscht, mit dem keiner rechnet, was in unserem Fall vielleicht gar nicht mit Techno in Zusammenhang gebracht werden kann. So wie die Miss Marple-Melodie oder „Was wollen wir trinken“, diese Ökohymne aus den Siebzigern, woraus wir dann „How much ist The Fish“ gemacht haben.

Aus alter Hymne mach neue Hymne…

Okay, aber ich finde es gut wenn Musik in Anführungszeichen gut gemacht, gut produziert wird. Ich mag nicht, wenn eine Nummer so dahingepfuscht wird. Da unterschätzen die Leute unsere Arbeit. Wenn wir hier produzieren, dann ist das wirklich mit Nachtschichten und Schweiß verbunden, mit wochenlangem Getüftel, bis ich dann mal sag, jetzt bin ich zufrieden.

Also ist gute Musik nur eine Frage des Arbeitsaufwands?

Denk ich schon. Zum anderen natürlich auch einer gewissen Kreativität oder Genialität. So was aus dem Arm schütteln zu können, dieses Talent hat man oder nicht. Und dann eben auch das Handwerkliche, die Ideen gut umsetzen zu können. Das funktioniert im Team sehr gut. Bei mir ist es so, dass ich eine sehr blühende Fantasie habe und dadurch auch viele Ideen. Und Rick, mit dem ich jetzt seit 18 Jahren zusammenarbeite, kann die Sachen blind umsetzen.

Auf Ihrer Homepage steht über die Coverversion von Rebel Yell, das sei der erste Rocksong ohne jeden Gitarrenriff. Klingt ein wenig nach erfüllter Mission: Stirb, Rock’n’Roll, Stirb!

Nein, das stimmt nicht. Das wurde ja nachträglich dazu geschrieben und war nicht die Zielsetzung. Für uns war nur klar, dass wir mit elektronischer Musik arbeiten und wenn ’ne Gitarre, dann als Sample. Das finde ich aber gar nicht so wichtig. Ich höre immer noch gerne harte Rockmusik.

Nämlich?

Also Backstage läuft bei uns oft auch mal Judas Priest, Limb Biscuit, Linkin’ Park oder so.

Beschreiben Sie doch mal Ihr Plattenregal.

Bei mir gilt: Wenn es zu einseitig ist, wird es langweilig. Deswegen habe ich alles querbeet und auch alle Epochen. Früher war ich eingefleischter Ritchie Blackmore-Fan, das war so mein Vorbild als Gitarrist. Und immer mal wieder hört man sich so eine alte Scheibe an. Oder auch stimmungsabhängig – wenn ich vorm Kamin sitze, dann hör ich auch mal irische Volksweisen oder Enya oder einfach Akustikgitarre. Und wenn ich gute Laune habe und im Auto rumfahre, hör ich meistens Trance. Für ganz harten Techno, da muss man schon entsprechend mit Nebel und Monsteranlage und viel Licht arbeiten.

Und unter Leuten sein.

Genau. Einfach so zum Hören, da hab ich meine Trancesachen und natürlich Wave. Ich hör natürlich immer noch gern The Cure.

Steckt da die eigene kleine Retrowelle des Über-30-Jährigen drin?

Nein, das war immer so.

Ich frag mal ab – haben Sie AC/DC im Schrank?

Ja auch, wobei mir das damals – dass gerade ich das sage (lacht) – einen Tick zu kommerziell war. Bei uns in Leer waren früher alle Heavy-Rocker AC/DC-Kuttenträger. Ich hab immer andere Sachen gehört. Led Zeppelin oder Van Halen, die alten Sachen, bis Jump.

Blümchen?

Nein, nein.

Billy Idol?

Logo.

Marusha?

Ja, die ersten Sachen fand ich gut. Ich kaufe halt immer, was mir grad gefällt. Ich bin immer noch Singles-Käufer, weniger Alben.

Richtige Vinyl-Singles?

Früher ja, da hatte ich noch nicht so viel Kohle, jetzt eher Maxi-CDs. Aber ich hab noch jede Menge richtige Schallplatten. In meinem Musikzimmer, mit richtigen PA-Systemen, 1400 Watt, wenn man sich mal abreagieren will oder die Nachbarn ärgern, reiß ich gern mal auf.

Was darf in keiner Plattensammlung fehlen? Und sagen Sie jetzt nicht Scooter.

Das ist geschmacksabhängig. Es gibt ein paar Nummern, die sind bei mir in den letzten drei Jahrzehnten hängen geblieben. Das ist mit Sicherheit „Blue Monday“ von New Order, dann Cure: „A Forest“, Anne Clark, find ich noch immer super, „Sleeper in Metropolis“, Humanoids aus der Acid-Zeit, das war auch so ’ne Bombe.

Sind Sie Mitte, Ende der 80er gleich auf den Acid-Zug gesprungen?

Ja. Da war ich grad in Hannover und hab mit Celebrate The Nun noch dieses Synthiewave-Programm gemacht, privat aber gerne Acid-House gehört. Das war so eine Übergangszeit für mich und die hat man auch gehört. Die wenigen Kritiker, die über uns geschrieben haben, meinten damals, wir müssten uns jetzt mal entscheiden, ob wir Dance und Acid wollen oder eben Wave. Und irgendwann hab ich nur noch Acid gehört und hatte dann auch keine Lust mehr auf das andere. Das ist jahrelang bei mir in der Versenkung verschwunden.

Nicht nur bei Ihnen. Sie haben ja tatkräftig daran mitgewirkt, dass der junge Techno aus dem Underground nach oben gezogen und chartskompatibel wurde.

Das ist so passiert, ohne dass wir das forcieren wollten. Wir waren ganz normale Raver, sind überall hingefahren wo am Wochenende was los war. Wenn was in Mannheim lief, sind wir da mit einer Kolonne hin, oder nach Berlin. Damals musste man danach ja noch richtig suchen. Aber weil wir schon jahrelang Songs produziert hatten, hat sich das bei uns automatisch entwickelt, dass die Sachen kompakter waren, singletauglich. Wir waren ja keine DJs mit acht-Minuten-Tranceschleifen, sondern gehörten in die Popstruktur.

Und damit saßen Sie von Anfang an zwischen den Stühlen. Selbst in der Technoszene ist Scooter ja häufig Teil von Beschimpfungen im Sinne von: wenigstens hör ich nicht den…

Wir hatten schon insgeheim immer den Traum einer Band, auch live, mit allem was dazu gehört. Und da keiner von uns richtiger DJ war, kamen wir eben aus einer anderen Ecke. Das ist für einige bis heute nicht nachzuvollziehen. So wie bei Prodigy in England.

Nur dass die nicht nur kommerziell erfolgreich sind, sondern auch als Musiker akzeptiert. Der musikalische Respekt hält sich bei Ihnen dagegen oft in Grenzen.

Ach, das sehe ich eigentlich ganz entspannt. Zu Anfang, als man sich noch wirklich zur Raveszene zugehörig fühlte und dann plötzlich von allen gedisst wurde, da war es noch so ein bisschen schmerzlich. Aber mit der Zeit geht man über das meiste, über das man früher noch geseufzt hat, hinweg. Auf der anderen Seite kommt auch viel Bestätigung; es gibt ja noch genug, die es toll finden. Und irgendwie ist es auch immer wieder lustig, wenn man mal einen Verriss liest. Das ist sehr unterhaltsam.

Besser, es wird schlecht über einen gesprochen als gar nicht.

Ja, wirklich. Und ich kann das auch verstehen, wenn da einige nicht mit klar kommen. Man kann es auch nicht allen recht machen, das ist schon okay.

Immerhin sind Sie so der zweitbekannteste Ostfriese geworden.

Nach Otto Waalkes, ja.

Dann noch Karl Dall und das war’s auch schon. Ist Ihr Erfolg zuhause spürbar? Gibt es schon Baxxter-Plätze, -Straßen, -Denkmäler?

Nein, nein. Noch nicht (lacht). Das ist ja auch solange her, ich hab da meine Kindheit und Jugend verbracht. Wenn du überlegst: Mit 21 nach Hannover, dann nach Hamburg. Klar fährt man gern mal hin, Verwandtschaft besuchen. Aber sonst bin ich eben in Hamburg.

Ist ja auch eine Weile her… Und mit annähernd 50 sind Sie in einem Alter, wo MTV-Moderatoren schon 15 Jahre draußen sind. Ist man für Techno irgendwann zu alt?

Ach Gott, das ist doch nun wirklich relativ. Wie viele sind schon mit 20 steinalt … Und es gibt Leute – wenn die Gene gut sind, sieht man eben auch noch länger jünger aus. Also wir sind ja nun wirklich gerade mitten drin, haben eine Tour hinter uns, haben immer wieder junge Fans. Ich glaub, man merkt es rechtzeitig an der Resonanz – wenn die fehlt, wenn einem nichts mehr einfällt, wenn man keine Lust mehr hat, dann wird es Zeit, was anderes zu machen. Und unsere Tour jetzt, die war härter als sonst. 27 Shows, je zwei Stunden, da hatte ich vorher schon meine Bedenken, aber es hat alles echt gut funktioniert.

Woran merken Sie, keine 25 mehr zu sein?

Na ja, damals wollte mich ja keiner hören. Da fehlt mir der Vergleich. Doch durch die jahrelange Routine, durch eine Art Training klappt das eigentlich immer besser. Ich weiß gar nicht, wie ich das vor acht Jahren so hingekriegt hab. Bis jetzt fühl ich mich jedenfalls noch ganz fit.

Und die Leute im Publikum sind ja auch gar nicht so weit von Ihnen entfernt wie bei anderen Techno-Acts. Da sind doch erstaunlich viele um die 30.

Einige sind einfach mitgewachsen, wie haben eine große Fanbase.

Sie kennen aber noch nicht die Gesichter der ersten Reihe.

Doch, es gibt ein paar Leute, die reisen einem hinterher. So einen Hardcorefankreis sieht man immer wieder, erste Reihe, Bühnenmitte.

Und die werden Sie auch weiterhin anschreien oder lernen Sie noch mal ordentlich singen?

Wir haben ja schon ein paar Tracks mit richtigen Gesang …

Tatsächlich?

… sicher. Aber eigentlich arbeiten wir drauf los im Studio, gucken so, was passiert, aber haben nicht die Zielsetzung, beim nächsten Stück muss jetzt Gesang rein. Dieses MCing hat sich eben so entwickelt, wie ein Markenzeichen, irgendwie automatisch.

Sie können also singen?

Sagen wir mal so, ich glaube ich habe schon eine ganz ordentliche Stimme, aber Intonation war nicht immer meine Hauptstärke. Ich bin auf gar keinem Fall der Sänger, der jeden Ton trifft. Aber wenn mir ein Stück gut gefällt – wir haben ja auch mal „Eyes Without a Face“ gecovert –, das fand ich dann auch gut. Aber als MC bin ich doch besser.

Und Sie haben auch nicht im Kirchenchor gesungen?

Nein.

Wie steht’s mit Gitarre spielen?

Ich hab früher jahrelang gespielt, auch E-Gitarre, Hardrock. Nur, das ist in der letzten Zeit echt ganz selten geworden. Aber gut, das vergisst man ja nicht. Wie Fahrradfahren.

Stehen Sie denn mit 50 noch auf der Bühne wie die Stones?

Langfristig werden wir uns sicherlich mehr ins Studio zurückziehen und Sachen machen, zu denen man bis jetzt nicht gekommen ist. Aber dass ich immer Musik mache, glaub ich schon. Vielleicht nicht mehr ständig live unterwegs, sondern zu Hause.

Du willst nicht auf der Bühne sterben?

Nein, das muss nicht sein. Obwohl – einen besseren Ort könnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Man weiß ja nie.


Schaumschläger

fragezeichen_1_Wer im Fernsehen badet, fügt nicht bloß einen Deckel Badezusatz hinzu, sondern Unmengen. Anders sind drei Kubikmeter Schaum nicht zu erklären. Oder doch?

Von Jan Freitag

Es fängt schon beim Namen an: Wie heißt eigentlich dieses Gel, das man in die Wanne kippt: Badeschaum? Schaumbad? Badezusatz? Waschaktive Tenside? Sei’s drum: was dem Wasser da immer Volumen verleiht – im Fernsehen kommt nie weniger als eine Flache hinein. Wenn man die Schaumgebirge auf vermeintlich nackten Schauspielern so betrachtet, könnte man gar denken: der Jahresverbrauch eines europäischen Zwergstaats.

Dafür könnte man nun profane Gründe ins Feld führen. Sittlichkeit etwa, um die Szene auch vor 22 Uhr zeigen zu können (Wasseroberflächen wirken ohne Schaum, rein optisch, vergrößernd…). Oder Praktikabilität, schließlich tragen Darsteller, kein Witz, selbstredend Kleidung beim Baden, um nicht auszukühlen, nach der 18. Klappe. Was zum dritten Motiv führt: schaumbedeckt bleibt Badewasser länger warm. Da klingt der wahre Grund spannender: Schaumbäder sind Geheimbotschaften, ein von Arte, 3sat oder Roger Willemsen lancierter Hinweis auf die Verfüllung des Mediums mit einer Substanz, die alles abglitschen lässt wie ein See flache Steine. Es ist eine Warnung, das Schaumbad als Code der Seifigkeit im TV: Soap ins Programm, Inhalt raus, fertig ist die Lauge, äh: Laube.


Was flimmert, was rauschte: 4.-17. Februar

Rücksichtnahme

Die Fernsehwoche die war, 4.-10. Februar 2013

Die gute News der 6. Woche vorweg: Nach 18 Jahren schließt Hani Hinterseer sein volksmusikalisches Fernsehhospiz und wird Friseur in Schladming, wo grad die unbewaffnete zweier Weltmeisterschaften auf Skiern stattfindet, deren Übertragung höchstens mal von Breaking News wie Annette Schavans Rücktritt via Tagesschau extra und an Umfang nur von Fußball übertroffen wird, der uns bei aller Gewöhnung mit einer Neuigkeit versorgte: Mehmet Scholl, verriet er vorm Länderspiel gegen Frankreich, ist erst mit 12 in die 1. Klasse gekommen. Das setzt die Einstellungskriterien für ARD-Moderatoren doch in ein völlig anderes Licht. Darauf n’ Narrhallamarsch. Der wird mittlerweile ja auch auf der Großen TV Total Prunksitzung geblasen, mit der Stefan Raab den Faschingsoverkill Samstag um satte drei Stunden erweitert hat. Zeitgleich lief zwar noch eine brillante Dokumentation von 1927. Doch Berlin, die Sinfonie einer Großstadt dürfte auf Arte weniger Publikum gehabt haben, als DGTVTPS Zuschauer mit Literatur im Regal – oder Arte auf der Fernbedienung. Und so dürften sie dort Donnerstag die einzig nennenswerte Innovation der Woche verpasst haben: Injustice, eine britische Anwaltsserie, die nicht bloß Krimi + Gesetzbuch ist, sondern die Fehlbarkeit der Justiz am Beispiel eines mitschuldigen Strafverteidigers skizziert.

Aussichtsplattform

Die Fernsehwoche, die wird, 11.-17. Februar 2013

Während Injustice Donnerstag zum Finale recht reale Gerichtsbarkeit mit eher fiktiven Mitteln bietet, bittet Alexander Hold seit zwölf Jahren fast täglich zu sehr fiktiver Gerichtsbarkeit mit, nun ja: realen Mitteln. Alexander wer?, dürfte da fragen, wer sonst nur Arte sieht. Richter Alexander Hold, letzter Vertreter einer Spezies, die Ende den Bildschirm Ende der 90er mit Barbara Saleschs in Reihe geflutet hat. Dienstag fällt der echte Amtsrichter sein letztes Fernsehurteil, das nach 60 Minuten kollektiven Gekeifes wie üblich per Überraschungszeuge zustande kommen wird. Danach gibt’s nur noch Wiederholungen. Um den Übergang Richtung rechtsfreier Raum zu erleichtern, kann man aber noch bis Mittwoch Karneval kucken. Oder Biathlon, diese kleinbürgerliche Großsause, deren Bengalos im Publikum von schlichten Reportern nicht wie im Fußball zu Massenvernichtungswaffen erklärt werden, sondern zu Freudenfeuern. Im Fasching ist halt alles erlaubt. Alles erlaubt ist längst auch Jan Fedder, der nicht mehr nur als schnodderiger Streifenbulle geht, sondern als selbstgerechter Startalker wie im ARD-Drama „Stille“ (Mittwoch), der allerdings so lausig ist, dass man Fedder flink ins Großstadtrevier wünscht. Oder zum Vorentscheid des ESC vulgo Grand Prix, dessen Vorentscheid Donnerstag läuft. Nichts für akustische Ästheten, aber vielleicht gewinnt ja La Brass Banda… Und für Ästheten jeder Sensorik gibt’s am selben Abend ja auf ZDFneo gleich nach Sarah Kuttners wunderbarem Magazin Bambule das noch wunderbarere Reportageformat Wild Germany mit dem nun wirklich allerwunderbarsten Moderator Manuel Möglich, der sich zum Auftakt der 4. Staffel dem Thema Schamanismus widmet, ohne zu werten.


Kreuzfahrt – AIDA Rostock-St.Petersburg

Kein Albtraumschiff

Aus: Traumreisen 4/2012

Von Jan Freitag

Mit dem Clubschiff zu verreisen, ist für Individualreisende der Horror. Wer es dennoch auf einem Linienkreuzer wie der AIDA versucht, erlebt sein knallbuntes, sehr lautes, aber auch unvergleichliches Wunder. Ein Frontbericht.

Melodie aus jeder Ritze. Von überhall, so scheint es, kommt Musik. Kein Ort an Bord, der ohne Soundtrack bliebe. Selbst bei der idyllischen Schäreneinfahrt im Morgengrauen, die Stockholmer Inselwelt auf halber Kraft durchmessend, suppt seichter Pop über die Reling. Stille, Schweigen, innere Einkehr? Nirgends, nicht hier, an Bord eines Clubschiffs. Wer so übers Meer fährt, sollte sich schon an Land von der Idee verabschieden, die 14 Decks duldeten irgendwo je Ruhe. Auf diesem Pott von der Länge dreier Fußballfelder sind einzig die 1097 Kabinen schallreduzierte Zonen. Kreuzfahrt – im Jahr 2012 heißt das vor allem: Samba Samba die ganze Nacht. Klingt furchtbar? Ist es auch. Und wunderbar. Je nach Perspektive. Und die ist bei 2000 Passagieren auf derlei Giganten aus grauem Stahl und greller Farbe durchaus einheitlich: Nur her mit den Eindrücken pro Sekunde! Unterhaltet, beschallt, berieselt uns! Dazu ein Schiff wie ein Refrain: Let me entertain you!. Die zugehörige Strophe läuft lange vorm Zustieg.

Denn schon beim Check-In umgibt die euphorisierten Menschenschlangen eine Kakophonie hektischer Betriebsamkeit. Die gibt’s auch beim Desinfizieren am Kai, wo falsche Matrosen ekstatisch Einstiegsfotos befehlen (und kriegen). Drinnen geht es weiter, wo echte Asiaten das Gepäck durchleuchten (und den Alkohol behalten). Und es endet auch nicht im das turmhohe Treppenhaus seine lebende Fracht in die Gangfluchten entlädt mit ihrer bunten Eintönigkeit. Dieses Gewitter klingt ab sofort nicht mehr ab, zehn Tage auf der Ostsee, eine Überdosis Aido. Auf so einem Dampfer, besser: Hochhaus mit Dieselantrieb, eher Kleinstadt als Kreuzfahrer – auf diese Art zu reisen ist wie ein stilles Abkommen, lärmend bespaßt zu werden. Und da ist von Landausflügen, der Quintessenz des Linienfahrens, noch gar nicht die Rede. Erstmal ist Seetag.

Von Rostock zum ersten Halt Estland ist es eine mächtige Strecke. Erst 37 Stunden nach Ablegen küsst der gepinselte Mund am Bug die Hauptstadt Tallinn, ein hanseatischer Ausflugstraum, bezaubernd und spannend wie alle Stationen: Petersburg, Helsinki, Stockholm, Danzig, Kopenhagen. Doch bis zum ersten Stopp herrscht Aufbruchsstimmung. Die Vielfahrer belegen ihre Vertrautheit durch ostentative Verweise auf alles, was unverändert sei („guck mal, gibt wieder Oktoberfest“) ab. Anfänger staunen leiser über alles („die ham hier ja’n Blumenladen!“). Gemeinsam stromert alles aufgeregt durch einen Irrgarten, der sich den meisten nie vollends erschließt. Abfahrt ist Landvermessung auf See: das Heim auf Zeit wird sondiert, ein Anbändeln ohne Verzug, denn so wild die Dekors auch an allen Wänden sprießen, so geschmeidig sich das Leitmotiv Siebzigerjahre mit modernen Materialien und uniformem Mobiliar vermischt, so psychedelisch das Interieur anfangs flimmert: Am Ende ist alles eins und nichts dem Zufall überlassen, ein Saal wie der nächste. Leitmotiv nennt sich das: Orangebraunrot mit Lindgrünlila, alles etwas kräftig, alles sehr einprägsam, keinesfalls hässlich, doch nichts, was in der Natur vorkäme.

Das macht ein Clubschiff zur Antithese jener Bodenständigkeit, die Clubschiffen wie ein Makel anhaftet. Alles daran, darin, darauf ist artifiziell, eine Art einvernehmlicher Betrug. Wie der, Orte nach fünf Stunden organisiertem Landgang auch nur grob zu kennen. Oder dass täglich vier Fütterungen Essen sind statt Mast, die Tischweine gut, nicht bloß gratis, 1000 Hummer zum Abschied Luxus statt Gag und die Cocktails an zwölf Bars mehr als nur Metapher für eine Exotik, die diese Art Schiff- der Kreuzfahrt so rentabel ausgetrieben hat. Vor allem aber ist es eine Illusion, dass dieser Freizeitstress Fun ist. Fun Fun Fun. Allein: wer will’s hier anders? Keiner! Nicht die Orgelpfeifensippe aus dem Rheingau, deren edler SUV für 165 Euro Gebühr am Ufer parkt; nicht das Goldene Hochzeitspaar bei ihrem elften Törn auf gleicher Route, diesmal zwei Enkel im Schlepptau; nicht die kolumbianische Botschaftsangehörige, deren Mann auf dem Oberdeck im Golfkäfig trainiert. Nicht die alleinerziehende Mutter mit drei Teenagern, nicht das Kölner Single-Pärchen in der Innenkabine, ja nicht mal der Autor, der trotz unisono bestätigter Vorurteile glücklich, ach: selig zurückkehrt. Das macht ihn zum Teil eines Organismus. Was Fremde als kollektives Wachkoma verhöhnen, verschweißt Besatzung und Gäste zur Notgemeinschaft. Mag auf den Kabinenpreis zweier Bruttodurchschnittslöhne noch die vierstellige Summe für Trips, Drinks und Tralala hinzukommen, mag man von alledem zwei Monate gediegen durch Südamerika reisen können, mag man nach zehn Abenden auf ewig genug haben von Roulette und Flipper, Showtanz und Artisten, Bord-TV und Dauergedudel – hier Ferien machen, heißt, Abstand zu nehmen von allem, denn so wie auf dem Clubschiff ist es nirgends sonst.

Obwohl: Wenn Wüstenwandern dem Freejazz des Urlaubs entspräche und Bildungsreisen Beethoven, wenn Backpacking Punkrock wäre und Strandurlaub Kuschelrock – dann ist Clubschiff gleich Musical. Die Menschen lieben das. Warum auch nicht.


Wie bitter!

fragezeichen_1_Das Sportinterview kennt eine eherne Regel: Da der Interviewer ohnehin weiß, wie es dem Interviewten geht, fragt er bloß noch Stichworte ab.

Von Jan Freitag

Dafür, dass Sport eine emotional eher berechenbare Sache ist, wird seine emotionale Unberechenbarkeit sehr gepflegt. Was in Sportlern vor sich geht, die gerade gesiegt/vergeigt haben, dürfte selbst Küchenpsychologen klar sein. Trotzdem fragen die unbedarftesten davon, vulgo: Sportreporter, immer das Gleiche: „Mario Gomez: 0:5 verloren, keinen Zweikampf gewonnen und dazu noch verletzt – wie bitter ist das?“. Dass sich der Befragte auf derlei Dialoge einlässt und die Bitternis bloß adverbial variiert (sehr/schon/schon sehr), überrascht da fast mehr als die Blödheit des Abpfiffverhörs. Dabei sollte er, statt zu antworten, doch gegenfragen: Wie bitter, Herr Antwerpes/Réthy/Simon, es denn sei, so miserable Interviews zu führen…

Doch die haben gute Gründe. Der eine steht vor ihnen und heißt: Schlichtheit. Wer, wie von Felix Magath gefordert, ohne Schulabschluss Fußballprofi wird, soll gefälligst nicht auch noch denken für seine Millionen. Der andere steht hinterm Mikro und lautet: Kontrollsucht. Wenn man schon live vor die Kamera bittet, muss man ja nicht noch unerwartete Antworten fürchten. Das Fernsehen von heute duldet nämlich einiges, Überraschungen sicher nicht. Bitter. Aber wie bitter genau?


Geschichte des Menschen, 1./2. Februar Vox

BBC Exklusiv - Die Geschichte des Menschen - 70.000 Jahre Überleben, EroHistory of the WorldMärchenhafte Relevanz

Vox wollte wichtig sein, wurde belanglos und hatte Erfolg. Den setzt der Sender seit drei Jahren mit der „Großen Samstags-Dokumentation“ aufs Spiel. Freitag und Samstag ab 20.15 Uhr sorgen jeweils vier Stunden Die Geschichte des Menschen sicher nicht für Quote, aber Bedeutung.

Von Jan Freitag

Wie im Märchen: Es war einmal ein kleiner Fernsehsender namens Vox, der wollte nicht nur der beste, wichtigste, unterhaltsamste sein im Land, sondern unter der Sonne. Da baute er sich ein Programm, relevant wie das öffentlich-rechtliche. Doch weil es so relevant war, schaltete das Publikum ab, auf dass niemand mehr zusah. Und da Vox nicht gestorben ist, sondern mit Billigfilmen, Softporno und Kochshows über Wasser trieb, beginnt hier das gute Ende.

Denn seit einem Jahr volljährig, hat sich Vox zum erwachsenen Kanal gemacht. Die RTL-Tochter sondert neben allerlei US-Serien zwar weiter viel Trash à la Katzenberger ab, ist aber gleichsam der einzige Anbieter von etwas, das im Aussterben begriffen ist: kommerzielles Sachfernsehen von Belang. Seit fast vier Jahren zeigt ausgerechnet jener Sender, der als einziges Vollprogramm zwischen 12 und 24 Uhr so nachrichtenfrei ist wie das gesamte Wochenende danach, unfassbar lange Dokumentationen. mehrstündige Schwerpunkte zur besten Sendezeit, produziert meist von Alexander Kluges Info-Fabrik dctp.

Ob Beerdigungs- oder Schönheitskultur, Norm- oder Transsexualität, 200 Jahre Oktoberfest oder fünf Jahre Tsunami, das Ende der DDR, von Soldaten im Krieg oder Michael Jackson – wo andere Sender zur Primetime ihre Großshows und Blockbuster bringen, kontert Vox jährlich 25 Mal mit der Aufarbeitung zeitgemäßer Themen. Und die können durchaus mal halbe Tage gehen. Hitlers Suizid zum Beispiel oder zehn Jahre 9/11 wurden über zwölf Stunden förmlich seziert. An diesem Wochenende nun geht es zur besten Sendezeit um die Geschichte der Menschheit, eine aufwändige Coproduktion mit der BBC, die auf 70.000 Jahre Zivilisationsgeschichte blickt.

Sicher – „Das große Doku-Event“, wie so was im Kommerzkosmos heißt, ist nicht immer gelungen, bedient bisweilen arg aufdringlich die selbst geförderten Sehgewohnheiten und lässt es ständig dräuen, krachen, übertreiben und vor allem sterben. Dennoch bleibt es erhellendes Aufklärungsfernsehen in epischer Breite. „Mehr Qualität dank Quantität“, so umschreibt Senderchef Frank Hoffmann sein Konzept. Es entstehe ein neues Bild in einem neuen Licht, denn „durch die lange Sendezeit haben wir mehr Raum für Zwischentöne und Details“.

Qualität, Zwischentöne, Details – solche Begriffe sollte man laut wiederholen bei einem Kanal, den Hoffmann vor sieben Jahren als Karikatur seiner eigenen Träume übernahm. Gestartet im Jahr 1993 als dualer Mittelweg zwischen privater Verflachung und staatlichem Trott, hatte der „Ereignissender“ sein Programm nur Monate nach dem ambitionierten Start im Quotentief total umgekrempelt. Der Markt für Niveau war öffentlich-rechtlich blockiert, also ersetzte Vox den Info-Cocktail durch jene Kommerzware, die der erste Senderchef Ruprecht Eser auch im werbefinanzierten Rundfunk überwinden wollte.

Was folgte war eifriges Stühlerücken. Die alten Betreiber von „Süddeutsche“ bis Bertelsmann stiegen aus, dafür 1994 Rupert Murdoch und fünf Jahre später RTL ein. Ökonomisch durchaus sinnvoll, wurde es inhaltlich desaströs. Unter der Ägide des späteren Marktführers klang das Angebot des Senders mit dem lateinischen Wort für „Stimme“ zusehends dünner. Wie im Leitmedium war Verflachung allerdings gleichbedeutend mit: Erfolg. Und der lag weniger an den seltenen Perlen wie „Six Feet Under“ oder „Ally McBeal“, als an Tim Mälzer, hundkatzemaus und Auswanderermagazinen

Denn Hoffmanns Vorgängerin, die jetzige RTL-Chefin Anke Schäferkordt, hatte den neuen Unterhaltungssender zum noch neueren Tier-/Koch-/Reise-Kanal geformt, damit manchen TV-Trend gesetzt und begonnen, Mitbewerber der 2. Generation – Kabel 1 und RTL 2 – in der Zuschauergunst zu überholen. Dass Vox bei der virtuellen Zielgruppe 14- 49 nun gar vor ARD und ZDF rangiert, geschah eher trotz als wegen der Info-Offensive zur besten Sendezeit.

„Die Große Samstagdokumentation“ erreicht nämlich nur in Ausnahmefällen auch die Durchschnittsquote: Wenn’s um Sex geht zum Beispiel (Beruf: Hure!). Oder um Hitler. Der geht bekanntlich immer. Frank Hoffmann jedenfalls geht es angeblich gar nicht so ums Manna der Branche, die Sehbeteiligung, sondern eine „Alternative zum stark unterhaltungsgeprägten Konkurrenzprogramm am Wochenende“. Das mag in der verlustreichen Materialschlacht mit Stefan Raab, „Wetten, dass…?“ oder Volksmusik ein bisschen hilflos klingen; dem Fernsehen tut es allemal gut.