Freddy Quinn, Hamburg 2006

Ich bin Artist

Freddy Quinn ist Deutscher, gar Hamburger, Seemann und überhaupt durch und durch maritim. So weit die Vorurteile über den Mann, der Manfred Nidl heißt, aus Wien stammt und eigentlich am liebsten Artist ist. Auch mit mehr als 80 Jahren ist er gut im Geschäft und verdient vor allem an seinen alten Hits mächtig. Sein wohl größter feiert diesen Monat 50. Geburtstag: Junge, komm bald wieder. Zum Jubiläum ein Interview, das schon etwas älter ist, aber gut zeigt, wie der Fast-Hamburger-Jung tickt, dem das Herz wie sonst kaum jemandem auf der Zunge liegt, der immer Tacheles redet, dabei aber nie seinen Charme verliert. Ein Meilenstein!

Interview: Jan Freitag

Freddy Quinn, Sie sind gebürtiger Wiener, werden aber immer wieder mit Hamburg…

Freddy Quinn: Moment, ich muss das mal klarstellen. Ich bin in Hamburg gezeugt, meine Mutter war dort Journalistin. Weil sie 1931 nicht legitim verheiratet war, wurde sie – wie sagt man heute: gemobbt und musste flüchten. Meine Großmutter war Tschechin, mein Vater wurde als Sohn eines Iren, der Quinn hieß, in Triest geboren – also ich bin als Kosmopolit aufgewachsen und habe in Hamburg meine Karriere begonnen. Der Stadt verdanke ich, den Beruf ausüben zu können, den ich immer wollte, nämlich die Kombination Sänger, Schauspieler, Tänzer. Nicht die Schubladen: Wie, der singt? Na, da darf er nicht spielen. Der spielt? Und jetzt singt der auch noch. Tanzen kann er auch? Nee, das gibt’s nicht. In Amerika ist das nur eine Schublade: Unterhalter.

An welchem Ort fühlt sich der Unterhalter denn am wohlsten?

Na, in meiner Haut.

Und wo sollte die sein?

An einem Menschen der Manfred Quinn heißt und sich auch im Alter noch gut darin fühlt.

Wer den Namen Freddy Quinn hört, denkt sofort an Hamburg.

Ich bin ja auch aus Hamburg. Ich bin da gezeugt, habe meine Karriere da begonnen, hatte meine große Zeit. Ich liebe Hamburg und habe nur sehr kurz in Wien gelebt, mit vier. Und dann vier Jahre in Amerika. Nach sechs Monaten konnte ich besser Englisch als mein Vater. Der: Well, I am American. Ich sagte ’hey man, what the hell are you talkin about. I’m from West Morgan Town, Virginia’.

Sounds like Albuquerque, New Mexico, Yeah!

Ja. Albuquerque, kenn’ ich auch. Aber ich habe immer und werde immer Hamburg und den Hafen im Herzen haben. Vielleicht spiele ich das deshalb so oft, wie im Film Erbin mit Herz. Da spiele ich einen Nachtwächter.

Lesen aber trotzdem perfekt die Seekarte.

Na ja, wer in Hamburg wohnt und mal mit Seeleuten zu tun hatte, der kann so was halt.

Und gerade Sie müssen das in einer Rolle beherrschen.

Ja sicher. Ich hab mich dazu bekannt. Aber der einzige Grund, dass ich die Rolle gespielt habe, war der gute Zweck zu zeigen, wie schrecklich und frevelhaft es ist, die Umwelt noch weiter durch illegale Verklappung zu zerstören. Sonst hat die Rolle mit Meer eigentlich nichts zu tun. Ich fand die Rolle gut, aber worüber ich nicht erfreut bin, ist dass sie mich überredet haben, am Ende dieses Lied zu singen.

Von der Großen Freiheit.

Mit der falschen Voraussetzung, dass sie es zu 80 Prozent nicht senden wollten. Das war also Scheiße. Verzeihen Sie das Wort, aber dazu steh ich.

Sie können das Lied nicht mehr hören?

Doch, aber nicht in diesem Zusammenhang. Und jetzt kommt der Punkt: Ich habe in der Arztserie In aller Freundschaft eine wunderbare Rolle gespielt, einen alten Zirkusartisten, der natürlich nicht mehr arbeitet, nach 40 Jahren seine Jugendliebe wiederfindet, die er hat sitzen lassen, weil der Zirkus weitergezogen war. Da haben sie mich nicht genötigt, zu singen. So zur Sicherheit: Wenn er nicht ankommt als Schauspieler, vielleicht kann er mit diesem blöden Lied die Sache noch retten.

Liegt das nicht daran, dass man von Freddy einfach ein Seemannslied erwartet?

Nein, das ist Verlade. Aber ich hab’s geschluckt und wurde so genötigt, dass ich nicht noch mehr Krach machen wollte. Widerwillig.

Wenn Sie schon den Film werten: was ist Ihre Lieblingsszene?

Oh Gott. Also, als ich mitten am Tag im Pyjama verschlafen aus der Koje komme und mich keiner erkennt.

Haben Sie selber mal auf einem Schiff gewohnt?

Um Gottes Willen, nein!

Aber ihre Beziehung zum Wasser ist intakt?

Ja, hervorragend, aber nicht als Seemann. Das bin ich nie gewesen. Wenn Sie das glauben, können Sie auch zu Dr. Brinkmann gehen und sich den Blinddarm rausnehmen lassen.

Wie kam es dann zu dieser Symbiose mit dem Meer?

Das ist ein Scheiß von den Medien. Weil ich in Hamburg wohne und das liegt für die meisten Menschen im Süden direkt an der Nordsee. Gut, nun habe ich 600 Mal sehr erfolgreich das Musical Heimweh nach St. Pauli gespielt. Aber meine Lieblingsrolle war der Zirkusdirektor Obolski. Die hat mir weitaus mehr gelegen, weil ich Artist bin. Und er sagt ja auch „von der Pike auf hab ich gedient, habe Schwerter geschluckt und Feuer gefressen. Heute seht mich an: Direktor, eines erstklassigen Unternehmens. Obolski, der Name hat Klang in der Welt.“ Das ist die Rolle, die mir Spaß macht. Ich hab mir von Loge zu Loge im Theater des Westens ein Seil spannen lassen, bin mit der Stange rüber gelaufen, ohne Lounge, ohne Sicherheit, und hab „Oh mein Papa“ gesungen. Dann bin ich der einzige Deutschsprachige, der in London acht Monate ein Stück gespielt hat. In Englisch. Wo zuerst 50 Leute in einem Saal für 2000 waren. Als ich zur ersten Probe auf die Bühne ging, kommt der Regisseur und sagt „Oh dear, could you stop your terrible American accent“. Dann musste ich den ganzen Scheiß Tag und Nacht bis vier Uhr morgens studieren und um zehn war schon die nächste Probe. Als ich wegging, waren 1800 Leute im Saal. Ohne Reklame, ohne Annoncen, ohne nix. Oh, sehen Sie, wenn ich mal anfange zu erzählen. Warum stoppen Sie mich nicht?

Also Stopp! Welches Etikett stört Sie am meisten – Schlagerstar?

Ich bin kein Schlagerstar! Es gibt doch gar keine Berufsbezeichnung Schlager, es gibt die Berufsbezeichnung Sänger. Ich habe zwei Jahre Gesang studiert und zwei Schauspiel. Das Etikett kommt nicht von mir, das kommt auch nicht vom Publikum. Wenn Sie jeden fragen: der ist Sänger, Schauspieler, hat Filme gemacht, Fernsehen gemacht, Zirkusartist, alles. Das weiß das Publikum. Wenn Sie jetzt Schlagersänger schreiben, bin ich schon mit Herpes behaftet. Ein blöder Ausdruck. Wissen Sie, warum ich keine Prüfung gemacht habe? Scheiße, ich hätte die Prüfung leicht gemacht, ich war ja kurz davor.

Worin jetzt?

Na für Gesang und Schauspiel. Da kam etwas Blödes dazwischen: Mein Erfolg.

Als was kennt man Sie eigentlich in Österreich?

Da kennt mich niemand, da bin ich garnix.

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