Sascha Hehn, Hamburg/München 2013

Ich wollte Geld verdienen

Ab Freitag ist Sascha Hehn Sascha Hehn und irgendwie auch wieder nicht. Unter seinem richtigen Namen intrigiert der 58-Jährige als alternder TV-Star zwei Doppelfolgen (5.+12. April, 23 Uhr) durch jene staubige Behörde am Mainzer Lerchenberg, die ihm in der Realität zum Durchbruch verhalf: Nachdem er 1959 in Hubertusjagd sein Kinodebüt gab und fortan vom Softporno über Literaturverfilmung bis Derrick wenig ausließ, machte ihn Chefsteward Victor im Traumschiff 1981 berühmt. Parallel spielte er  zwar erfolgreich Theater, Formate wie Schwarzwaldklinik oder Frauenarzt Dr. Markus Merthin legten ihn aber über Jahre auf den Sonnyboy vom Dienst fest. Ab 2014 kehrt der Familienvater als Kapitän zurück aufs Traumschiff.

freitagsmedien: Herr Hehn, reden Sie privat von sich selbst eigentlich auch manchmal in der dritten Person?

Sascha Hehn: (lacht) Nein nein, der Sascha in Lerchenberg ist ja doch ein anderer Sascha als ich es bin, auch wenn das am Ende jeder für sich selbst raus finden muss.

Ein echter Sascha Hehn entschuldigt sich also nicht bei niemandem, ein echter Sascha Hehn braucht schon einen Agenten.

Ganz genau. Für die Authentizität der Serie, ihren Wirklichkeitsbezug war nämlich zunächst mal kein vollständiger Charakter vonnöten, sondern nur ein bekannter Name. Und da kam das ZDF auf mich zu. Im ersten Moment dachte ich natürlich, die wollen mich verarschen (lacht). Als wir uns dann aber zusammengesetzt haben, fand ich die Idee, mich selber zu spielen, zusehends hochinteressant: Wann hat man dazu schon mal die Gelegenheit.

Es steckt also doch etwas von Ihnen in Lerchenberg.

Sobald es sympathisch wird schon. Ich vergleiche das ein wenig mit Charlie Sheen in „Two and a Half Men“: Der spielt sich da ja auch mit eigenem Namen, und viele Männer finden ihn darin cool, weil er ein bisschen ist, wie sie gern wären, während ihn viele Frauen schrecklich finden, weil er eben einfach ein Macho ist. In meinem Fall werden viele sagen: Was für ein Arsch! So benimmt man sich nicht in dem Beruf. Wer die Branche allerdings kennt, sagt wohl doch eher: ja, so benimmt man sich da durchaus – mit diesen Ellenbogen, mit diesem Überlebenswillen.

Haben Sie beides auch?

Eben nicht! Mir fehlt da der Ehrgeiz, weshalb ich auch nicht geneigt bin, mit Redakteurinnen ein Verhältnis einzugehen, nur um Karriere zu machen. Diese Art Unterhaltungswert beim Film-Hehn bleibt also fiktiv.

Zumal dessen Karriere feststeckt, während Ihre gerade nochmals Fahrt aufnimmt.

Vielleicht tut sie das, aber es gab nie richtig schmerzhafte Ruhephasen. Ich habe mir meine Auszeiten genommen, die auch mal halbjährig waren, hatte aber kontinuierlich Arbeit, auch wenn sie manchmal eher Backstage erfolgte – Formate entwickeln etwa. Wenn man mal am Vorabend eine Folge „SOKO“ macht, wird das halt öffentlich bloß nicht so breit getreten. Deswegen heißt es im Film so schön: Der Sascha Hehn ist ein Primetime-Schauspieler, der die Leute total verunsichern würde, käme er nachmittags. Solche Sätze eines übertriebenen Charakters gefallen der eigenen Eitelkeit, auch meiner.

Mal rein hypothetisch: wäre Ihnen dieser Charakter schwerer gefallen, wenn Ihre Karriere gerade wie sein stagnieren würde?

Das wäre er garantiert. Denn ich laufe nichts hinterher, sondern mache etwas anderes, wenn was nicht funktioniert. Deshalb rate ich allen Nachwuchsleuten dieser Branche: erlernt nebenbei noch ein richtiges Handwerk, das euch im Zweifel irgendwann ernähren kann. Denn dieses hier tut das nur in den seltensten Fällen. Schauspiel ist der unsicherste aller Berufe.

Und Sie haben ihn noch nicht mal richtig gelernt.

Zumindest war ich auf keiner Schauspielschule. Ich bin mit fünf Jahren auf dem Minigolfplatz entdeckt und fortan stets als Frontschwein ganz vorne vor die Kamera gesetzt worden. Dadurch habe ich am Ende auch alles von der Pieke auf gelernt, denn es gab ja doch immer Herausforderungen, fast Prüfungen, die einen da weiter gebracht haben: Shakespeares Orlando bei den Salzburger Festspielen 1980 oder Goethes Egmont, Improvisation zu erlernen, auf Theatertournee zu gehen – das hat mich weitergebracht. Denn nur an seinen Rollen kann man wachsen.

Auch an denen, die öffentlich keinen so guten Ruf hatten, etwa Schulmädchen-Report und Heimatfilme?

Selbst an denen. Und man wächst sogar an Filmen, die nicht funktionieren, weil man in völliges Unvermögen einer unprofessionellen Produktion hineinstolpert und sich fragt, wie in den riesigen öffentlich-rechtlichen Apparaten mit diesem Aufwand so etwas passieren kann. Aber es passiert halt, so ist das Leben, daran wird man geschult und ich sehe es heute auch gelassener als vor fünf Jahren, beim Musikhotel am Wolfgangsee.

Einem Heimatfilmremake, über dessen Beteiligung Sie im Anschluss sagten, künftig lieber für 15 Euro den Rasen zu mähen, als ihren Beruf nochmals so lächerlich zu machen.

Das war ein Hilfeschrei. Wir wollten ja eigentlich eine Hommage an den großen Peter Alexander machen, und dann ist das dabei raus gekommen – ohne richtiges Casting, fast ohne echte Schauspieler vor und Fachleute hinter der Kamera. Ich habe getan was ich konnte, hätte aber damals machen müssen, was jetzt zum Beispiel Til Schweiger im Hamburger Tatort getan hat: Mitspracherecht einfordern, um Unterhaltung innovativ zu gestalten.

Finden Sie seinen Nick Tschiller denn gut?

Er mag an einigen Stellen zu brutal gewesen sein und auch sonst durchaus mit Fehlern behaftet. Die lassen sich in unserer schnelllebigen Zeit ja kaum noch verhindern, aber was diesen Tatort darüber hinaus auszeichnet: Er ist einfach gut gemachtes Handwerk. Das muss man Filmen mit Schweiger – ob man sie mag oder nicht – generell zugute halten.

Die stellt auch niemand in Frage, Schweigers schauspielerische Bandbreite schon eher.

Wobei bemerkenswert ist, dass er im Ausland ausschließlich als Bösewicht gebucht wird, bei uns dagegen meist als Sympathieträger. Er muss selber wissen, wie er sich besetzen lässt, aber es funktioniert ja. Wissen Sie – Schauspieler nehmen sich gern sehr wichtig.

Sie auch?

Ich auch! Aber dann denke ich daran, was Robert Mitchum mal Treffendes darüber gesagt hat, was Schauspieler leisten sollten: Sei pünktlich, lern deinen Text, stoße nicht gegen die Kulissen! Der Rest ist Inszenierung, Bearbeitung, Produktion. In Hollywood schlagen dich selbst die größten Schauspieler vor Lachen auf die Schenkel, wenn sie auf der Leinwand sehen, was per Greenscreen aus ihnen gemacht wurde. Antonio Banderas hat mir mal gesagt, beim Drehen von Zorro wäre er völlig unsicher gewesen, was dabei rauskommt, aber als er den fertigen Film gesehen hat, dachte er: Wow! Das bin ich? Super! Das dürfte Til Schweiger nach seinem Tatort auch gedacht haben.

Denken Sie das hinterher auch?

Ach, ich kann mich generell nicht mehr gut am Bildschirm sehen. Zum einen, weil man da ständig seine Eitelkeit besiegen muss, zum anderen, weil ich mir gegenüber ziemlich kritisch bin.

Können Sie sich den die alten Sachen aus der Hochphase Ihrer Popularität in den Achtzigerjahren noch ansehen?

Die schon, klar. Aber aus nostalgischen Gründen. Dann zappt man im Hotel mal durch die Kanäle, sieht zufällig eine alte Fernsehfolge und sagt sich, Mensch, das waren noch Zeiten…

Als Sie noch der Sonnyboy vom Dienst waren. Hat Sie dieses Image je gestört?

Nö. Ich fand es in der Schublade eigentlich ganz gut, weil man auch diese Sparten füllen sollte. Vielleicht wäre mir außerhalb davon mehr möglich gewesen, aber es war meine eigene Entscheidung; ich wollte Geld verdienen, sonst wäre ich am Ende vielleicht als großer Theaterschauspieler in Wien versauert, wer weiß. Darüber denke ich nicht nach, denn so wie es gelaufen ist, ist es gut gelaufen; ich habe allen Grund zur Zufriedenheit.

Klingt nach einem guten Verhältnis zur Masse.

Im anspruchsvollen, öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon, im kommerziellen Privatfernsehen dagegen nicht. Es gibt dort Formate, für die Menschen ihre Selbstachtung ad acta legen, um sich für ein paar Kröten in den Busch fliegen zu lassen; da würde ich lieber bei McDonalds arbeiten… Die Gefahr ist allerdings, dass solche Sendungen Vorbildfunktion fürs gesamte Medium haben. Da sind längst Tendenzen spürbar, wenn ARD und ZDF die Protagonisten derart leichter Privatunterhaltung einladen, anstatt sich unter den Zigtausenden ernstzunehmender Künstler zu bedienen. Für jemanden vom alten Schlag wie mich ist das schon bedenklich. Da sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen mal grundsätzlich Gedanken machen, wie man sich davon abgrenzen will in Zukunft. Oft mangelt es da jedoch an Kritikfähigkeit.

Bei Ihnen nicht?

Nein, die hatte ich immer, denn so funktioniert Demokratie. Wichtig dabei ist aber, auch im Umgang mit sich selbst nie den Humor zu verlieren. Da ist Lerchenberg ein guter Weg, wie ich finde. Darin steckt ein gutes Stück humorvolle Selbstkritik.

Anfang 2014 übernehmen Sie die Kommandobrücke vom Traumschiff. War damit für den früheren Chefsteward Victor zu rechnen?

Irgendwie schon. Wenn sich die ursprüngliche Besatzung getroffen hat, wurden immer wieder Scherze darüber gemacht, ob ich als alter Kapitän an Bord zurückkehre. Als dann tatsächlich die Anfrage kam, habe ich zwar um ein paar Tage Bedenkzeit gebeten, ob das überhaupt Sinn macht, bin aber mit meiner Familie doch schnell übereingekommen, dass es doch was Positives wäre, was man da macht: Weil es darin weder Mord noch Totschlag gibt, nur schöne Bilder netter Menschen in guten Geschichten, können die Zuschauer hinterher mit einem Lächeln auf den Lippen zu Bett gehen. Das ergibt Sinn. Deshalb hab ich ja gesagt.

Und es gibt schlechtere Arbeitsbedingungen.

Absolut, auch wenn sich die Arbeitsbedingungen im Vergleich zu früher verändert haben, wo man nach zwei, drei Drehtagen erst mal eine Woche Pause hatte. Jetzt geht alles zackzack, time is money, es muss gespart werden und das ist ja auch gut so. Jetzt machen wir’s eben alles ein bisschen zügiger, aber es sind ja auch nur je zwei Folgen Traumschiff und Kreuzfahrt ins Glück pro Jahr.

Da droht Ihnen also nicht bereits das Altersteil an Deck.

Ach was, nein, da wird es immer wieder kleine Ausbrüche geben. Erstmal hab ich einen Dreijahresvertrag, in dem wir schauen, ob es ankommt, ob die Bücher stimmen, ob wir das Schiff überhaupt dauerhaft kriegen; früher fuhr es ja dorthin, wo wir wollten, jetzt fahren wir hin, wo das Schiff hin will. Aber ich arbeite generell nicht mehr so viel.

Sie werden ja nächstes Jahr auch schon 60. Macht Ihnen diese Zahl ein wenig Angst?

Nein (lacht), bis jetzt nicht. Wenn man ein entspanntes, gutes Leben hat, läuft man heute mit 60 nichts mehr hinterher. Ich habe, glaube ich, wenig versäumt und nehme die Dinge deshalb sehr gelassen.

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