Die Samstagsreise: Freeride, Tirol

Der Berg rast

Wer Radfahren sagt, meint meist, von A nach B zu kommen. Beim Freeride in Leogang heißt es eher: von einem Adrenalinschub zum nächsten. Eine gepanzerte Testfahrt ins Glück

Von Jan Freitag

Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, nicht bei klarem Verstand. Fassadenklettern, Stiere reizen, Komasaufen, Gesichts-Tattoos, solche Dinge. Oder Steilhänge mit 20 Prozent Gefälle im Schuss abwärts rasen, über dicke Baumwurzeln und schmale Holzstege, durch enge Baumgruppen, noch engere Kurven und das Ganze: mit dem Fahrrad! Es gibt also eine ganze Reihe innerer Blockaden, die einrasten, wenn Sabine Enzinger ihr argloses Lächeln zeigt und dazu rät: „Einfach laufen lassen.“ Einfach. Laufen. Lassen. Leichter gesagt als getan.

Wenn Sabine Enzinger in ihrer Hochgeschwindigkeitswelt zum Einfachlaufenlassen bittet, öffnet sich schließlich nicht nur Anfängern ein Tor in Abgründe, vor denen vorsichtige Eltern schon immer gewarnt haben. Abfahrten, die schwarz gekennzeichnet würden, wären sie weiß beschneit. Doch es ist Frühling und gefahren wird im österreichischen Leogang auf zwei Rädern. Acht Parcours schlängeln sich im Bikepark die Nordwand des Asitz Richtung Talstation hinab, mal einige Hundert Meter lang, mal mehrere Tausend. Mit Namen von „Bongo Bongo“ bis „Terminator“ durchziehen sie Hanglagen, in denen vernunftbegabte Menschen ihr Rad normalerweise schöben. Doch was ist schon normal beim „Freeride“, einer radikalen Spielart des Querfeldeinrasens, deren Radikalität nur vom „Downhill“ übertroffen wird. Beides mag zusammen eine Funsportart auf zwei Pedalen bilden – mit Radeln hat sie so viel zu tun wie die bemannte Raumfahrt mit Propellerantrieb.

Seit Skigebiete weltweit ihre Pisten zur ganzjährigen Nutzung für Mountainbikes freigeben, schießen solche Anlagen aus dem Bergboden wie einst Schlepplifte. Allein im Alpenraum konkurrieren mehr als 60 Bikeparks um Adrenalinfans. Doch keiner garantiert die Ausschüttung wie Leogang. Wer im Salzburger Land nahe der Deutschen Grenze aufs Rad steigt, panzert sich wie Eishockeytorwarte. Wer oben losfährt, tut es tendenziell ungebremst. Wer trotzdem sicher unten ankommen will, sollte zunächst mal ein paar Takte mit Sabine Enzinger reden. Die ziemlich zierliche Tirolerin mit dem flachsblonden Haar mag auf den ersten Blick nicht so wirken – als Leiterin der Bikeschule Leogang ist sie „DIE Freeriderin überhaupt“, wie das Szeneblatt „World of Mountain Biking“ in seinem Parktest feststellt. Und eben das ist Sabine Enzinger nur, weil ihr Lächeln auch mal kippen kann. „Einfach laufen lassen“, wiederholt sie am Eingangstor des „Flying Gangster“. Ein schwerer Kurs, Freeride für Fortgeschrittene, aber durchaus Laientauglich. Dann guckt sie plötzlich streng: „Aber bloß nicht selbst überschätzen!“ Es ist keine Bitte.

Dabei bedarf es wirklich keines Befehls, um Neulingen Achtung vor dem zu verschaffen, was sich da talwärts windet. Nach ein paar vertrauensbildenden Maßnahmen – Slalom, Bremsen, Körperbeherrschung, ein Crashtest – an der Talstation jener Bergbahn, die im Sekundentakt Biker hoch zur Mittelstation bringt, nach drei vorsichtigen Abfahrten den anfängerfreundlichen „Hangman“ hinab, steht man nun also vorm „Flying Gangster“ und stellt kurz seine Zurechnungsfähigkeit in Frage. „Das sieht nur so steil aus“, flötet Sabine, „wenn du mal drauf bist, geht’s“. In der Tat – es geht. Es geht rasant über regenweiche Sandrinnen von einer Armlänge Breite und „Roller“ genannte Hügel, die zwei kräftige Federgabeln am Vorderrad schlucken, als sei der Weg plan. Es geht nach einer Weile zusehends selbstsicherer über schmale Bretterstege und hölzerne Steilkurven, von Kennern – wir sind hier in der Skaterszene – als „Wallrides“ bekannt, in die man sich wider jede Vernunft mit vollem Gewicht hineindrückt, um aus der Kehre förmlich herauszuschießen. Es geht dies alles ohnehin mit der durchschnittlichen Fliehkraft von 20 Prozent und mehr, zurückhaltend ausgebremst – um die Stabilität zu halten. Die geht dann doch jäh flöten, als unverhofft ein Satz Bodenwurzeln auftaucht. Was Könnern kein Wimpernzucken wert wäre, wirbelt den Anfänger auf dem stabilen Leihrad mit anderthalb Saltos durch die Luft und verdeutlicht gleich mal den Sinn all der Protektoren bis hin zu Rückenpanzer und Integralhelm. Denn danach geht es: sofort weiter.

Kurz abklopfen, Rad checken, Matsch von der Skibrille. „Lebsch noch?“, fragt Sabine lässig und steigt nicht mal ab. Mit 40 Jahren Lebenserfahrung, der Hälfte davon im Gelände, weiß sie: Das Material hält, die Endorphine fluten, der gibt nicht auf! Es braucht halt „Guts“, wird sie nach der sechsten (oder siebten?) Abfahrt sagen, wenn alle Muskeln brennen und die Handballen pochen, als parke darauf ein Kleinwagen. „Eier“, würde Oli Kahn sagen. Aber das trifft es nicht, nicht nur. Man braucht die exakte Mischung aus Kühnheit und Kontrolle, Ratio und Bauch. Deshalb sind Sabine Enzinger sportliche Thirtysomethings mit Familie lieber im Debütantenkurs als manch heißblütiger Teenager. „Die haben Angst, als zu alt für so was zu gelten, aber noch mehr, dass was dabei passiert“. Sie nennt das Respekt vorm Berg und den eigenen Grenzen. Rasen soll schließlich nur der Puls, kein Krankenwagen.

Da überlassen wir „Speedster“ doch lieber den jungen Desperados im Wald nebenan. Auf dem Downhillkurs, wo das Gefälle noch größer ist, der Untergrund noch ruppiger, die Wege noch enger, die Steilkurven noch höher. Wo zu alledem alles voller Bäume ist und schon mal reihenhaushohe Holzrampen im Wege stehen. Wer da runter fährt, ohne Zögern und mit Spaß dabei, der kann im Gelände alles, der packt auch die „Big 5 Bike Challenge“, 5000 Höhenmeter abwärts durch fünf Skiorte. An einem Tag. Nach dem allerersten im Bikepark packt der Neuling aber erstmal seine geschundenen Glieder in die Badewanne. „Nie hinsetzen. Spannung halten. Ein Finger an die Bremse. Pedale parallel. Augen in Fahrtrichtung. Keep focused!“ Sabine Enzingers Appelle hallen noch im heißen Wasser nach, wenn der Körper so langsam regeneriert. Morgen muss er wieder funktionieren. Der Berg ruft. Und übermorgen? Ist man ein besserer Radfahrer. Versprochen.

Bikepark Leogang, c/o Leoganger Bergbahnen, Hütten 39, A-5771 Leogang, Tel.: 0043(0)6583-8219; info@bikepark-leogang.com, www.bikepark-leogang.com



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