Nazi-Tappert und Inzest-Willem

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 22.-28. April

Reporter sind die Pest. Besonders in Film, Funk, Fernsehen kommen sie daher vorwiegend als sensationslüsterne Schmierfinken weg, die „für eine gute Story“ über Leichen gehen, mindestens aber knietief durch Blut und Sperma waten. Doch auch sonst lässt kaum jemand ein gutes Wort an der Presse: “Journaille” ist da noch der freundlichste Ausdruck für eine Spezies, die im öffentlichen Bewusstsein vor allem niedere Instinkte hat und bedient. Da ist also Vorsicht geboten, wenn mal einer warme Worte für die vierte Gewalt findet. Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel. „Kompliment an den Journalisten“, sagte der Bayern-Boss nach dem Halbfinale der Champions League zum publik gewordenen Transfer des besten Dortmunder Spielers namens Götze zur Münchner Konkurrenz und wiederholte auch in den Tagen drauf mehrfach: „Das hat er sehr, sehr gut recherchiert“. Hat er das, Herr Rummenigge? Hat der mächtige, machtbewusste FCB den Infotank nicht doch selbst kurz leck geschlagen und sodann die Presse dazu genutzt, den aufmüpfigen Ruhrpottrivalen zur Unzeit zu verunsichern?

Darüber hätte man nach dem Hinspiel in der Sky-Expertenrunde schön reden könnten, wären die Herren Beckenbauer, Gulitt, Polster nicht fortwährend abgelenkt gewesen von zwei vollbusigen Kellnerinnen in nahezu textilfreier Pornouniform auf 24-cm-Killerheels, die komischerweise nur dann reinen Wein einschenken, wenn die Kamera läuft. Dann doch lieber die Hotpants von Petra Schmidt-Schaller, die an der neuen Assistentin des neuen Tatort-Kommissars Wotan Wilke Möhring zwar auch keinen tieferen Sinn erfüllten, als männlichen Zuschauern Zugang zum neuen Hamburger Team zu gewähren und nebenbei ein paar Blondinenklischees zu bedienen, aber gut: Ihr erster Fall Feuerteufel war auch sonst eher konstruierte Kost.

Konstruiert wie (Pardon für den konstruierten Übergang) die Biografie von Horst Tappert, der seine SS-Mitgliedschaft mit einer Sanitäter-Legende kaschiert hatte, die Samstag aufflog. Als wäre das nötig gewesen… Im männerreduzierten Nachkriegsdeutschland waren Nazikarrieren bekanntlich selten ein Aufstiegshindernis. Das zeigten alle Eliten aus Politik, Wirtschaft, Justiz und Militär mit ihren dicht gewobenen Seilschaften bis in die höchsten Ränge von NSDAP und BRD, das zeigte aber auch ein Kulturbetrieb, der mit NS-Höflingen von Heesters über Rühmann bis hin zu Herbert Reinecker, der aus seiner Vergangenheit als SS-Propagandist nie einen Hehl machte und Tappert trotzdem 281 Folgen Derrick schreiben durfte. Tja, ging halt irgendwie einfach – sorry, echt blöd gelaufen – nicht ohne Nazis…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 29. April – 5. Mai

Geht ja auch nicht (ja, noch so ein Übergangskonstrukt) ohne den Adel. Deshalb bläst das Fernsehen im Zusammenspiel mit dem Restboulevard Dienstag auch zum aristokratischen Overkill, wenn Hollands Königin Beatrix die Krone an ihren Inzestzögling Willem-Alexander übergibt, was in demokratischen Zeiten eigentlich keine Sau interessieren sollte, der ARD aber fast 12 Stunden Thematisierung ab 9 Uhr wert ist und immerhin noch deren 5 bei RTL. Dort geht es ansonsten selten ohne Titten, Spoiler, harte Jungs. Deshalb startet der Sender auf dem konsequenten Weg programmatischer Selbst- wie Fremddebilisierung sein neues Action-Krimi-Hochglanzformat Medcrimes gleich mal mit einem kernigen Einsatz im Stripclub, wo dem sabbernden Pennälerkernpublikum, kurz bevor der „knallharte Polizist Alex Steiner“ lächelnd ein paar Ganoven vermöbelt, noch flugs ein paar Hochglanzbrüste vor die Nase gehalten werden. Ansonsten geht’s um irgendwas mit Verbrechen und Medizin und Bullen mit alten Sportwagen und flapsigen Sprüchen und ist ja eigentlich auch egal, bei so viel – schon wieder! – konstruierter Dummheit. Wichtiger ist ohnehin die Drohung, das soundsoßenertränkte Machwerk sei ein Pilot, also Auftakt einer Serie.

Ach Privatfernsehen.

Dabei kannst du es besser, das zeigst du ja bisweilen. Sat1 etwa, heute um 23 Uhr, mit der Spiegel-TV-Reportage Zeugen des Untergangs, wo Überlebende von den letzten Tagen im Führerbunker berichten. Oder der Gummibärchenbrausesender Servus TV, auf dem Dienstag die bemerkenswerte BBC-Serie Call the Midwife über Hebammen in den 50er Jahren anläuft. Oder – nee, das war’s auch schon, danach regiert kommerziell wieder RTL-Geprolle wie Teenage Boss, bei dem Jugendliche mit Namen wie Jaqueline ab Mittwoch zur besten Sendezeit je vier Wochen lang die Haushaltskasse ihrer Familien verwalten sollen. Also doch wieder zurück zum öffentlich-rechtlichen Programm, wo es zwar auch nicht viel innovativer zugeht, aber wenigstens weniger voyeuristisch. Heute Abend zum Beispiel, wo ZDFkultur ab 19.20 Uhr Queens of Pop porträtiert, zunächst Aretha Franklin, Diana Ross, Donna Summer und Kate Bush. Oder beim RBB, wo Rosa von Praunheim dem Sender zum 10, Geburtstag zehn Lebensgemälde aus diversen Metropolen namens Rosen haben Dornen widmet. Perlen zwar, schwer zu finden, aber wer nicht sucht…

… findet auf den besten Sendeplätzen nun mal entweder Fußball, der Montag/Dienstag dank deutscher Bayerisch-Dortmunder Finalhoffnungen in der Champions League das kollektive Sehverhalten dominieren wird. Oder Stromlinienware wie Die Kinder meiner Tochter, wo Jürgen Prochnow einen „Richter Eisenhart“ spielt, der nicht zufällig an „Richter Gnadenlos“ Schill aus Hamburg erinnert und den intellektuell ausgedörrten Zuschauerstamm des ZDF am Sonntagabend mal mit einem komplizierten Rezept fordern will, am Ende aber doch nur Hausmannskost serviert. Apropos Servieren: Zurück zu Servus TV, das den TV-Tipp der Woche liefert: Ab morgen, 21.15 Uhr, läuft dort die Wiederholung der famosen 30-teiligen Krimiserie Anna Pihl aus dem famosen Krimiland Dänemark.

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