Nordkarelien: Millionen Bäume und 1 Tatort

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Nordkarelien am Ostrand Finnlands ist ein kontemplatives Erlebnis in der Stille des Waldes, durchbrochen nur von sehr lauten, sehr lustigen Bewohnern. Ein ideales Terrain für den Kieler Tatort, der zwar diesen Sonntag wieder an der Förde spielt, vier Jahre zuvor allerdings für ein paar Drehtage am Ostrand Finnlands Station machte. Ein Setbericht in der Mitternachtssonne.

Von Jan Freitag

Es hat etwas Beruhigendes, fast Kontemplatives durch Nordkarelien zu fahren. Bäume, sagt Jan Turunen, der Fahrer, als er durch die Endlosigkeit Finnlands fährt. Bäume, Bäume, Bäume – er wird es noch mehrmals wiederholen, dieses Mantra seiner Heimat. Und sein Englisch reicht ohnehin nicht für tiefer gehende Gespräche. „Trees, trees, trees.“ Jan Turunen lacht. Es ist ein herzliches, aber auch scheues Lachen, fast schuldbewusst. So klingt also, wer Ilomantsi beschreibt: Dieses schläfrige Nest einer ereignislosen Provinz an der verwilderten Grenze zu Russland – 6000 Einwohner, viel Natur, ein See mittendrin, gute Luft, das 1. Hotel am Platz ist eine alte Lungenklinik. Ansonsten: Nur Bäume. „Sorry.“

Meistens.

Denn künftig wird Jan Turunen wohl auch Tatort sagen, wenn ihn seine Fahrgäste künftig nach Ereignissen in dieser ereignislosen Gegend fragen. Denn Deutschlands beständigste Serie macht Station in der laubgrünen Seenlandschaft, gut 400 Kilometer östlich von Helsinki, und ein Raumschiff würde in dieser Einöde kaum mehr auffallen. Es ist zwar nur ein dreißigköpfiges Filmteam, das drei Wochen lang eingefallen ist, mit einem Tross Technik vom Studio Hamburg im Schlepptau. Aber für großes Aufsehen in der an Aufsehen armen Gegend reicht das allemal. Axel Milberg, der Hauptkommisar, ist Tagesgespräch. Als der Aufnahmeleiter seinen Führerschein verliert, berichtet die Lokalpresse. Es gibt Geschenke vom Bürgermeister, Dankesreden vom Tourismusbüro und viel Schnaps, der auch hier so heißt. Sogar der Hauptstadtabgeordnete ist da und erklärt weinselig, wie man sich bei Bärenkontakt verhält.

Keine Frage – es gibt was zu feiern in Finnland. Dort, wo ein Dutzend Spielfilme jährlich entstehen – so viele wie in Deutschland täglich. Und nun löst die Mordkommission Kiel in Nordkarelien einen Mordfall, so verschroben wie die spröde Herzlichkeit vor Ort, wie der Hauptdarsteller, wie die ganze Szenerie fernab seiner fiktiven Heimat an der Ostsee. „Axel, nicht so schlurfen“, ruft ihm Hannu Salonen zu. „Axel, weniger nuschelig“, ergänzt der finnische Regisseur akzentfrei. „Axel, keep your Energy“, fügt er im Slang des binationalen Sets hinzu. Salonen ist heimgekehrt, nach 15 Jahren Berliner Exil. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern hat er Fernseh- und Kinofilme gedreht. Nur zu Hause arbeitet er erstmals, seitdem er als Jugendlicher weggezogen ist.

Familiär geht es zu. Aus einer Fahrschule am Rande Ilumantsis hat der brillante Requisiteur aus Helsinki das Klischee einer örtlichen Polizeistation gezaubert. Zwischen funktionaler Tristesse in Trennwandgrau und Sperrholzbeige herrscht ein launiger Tonfall – bei allem Stress, ein Verhör in den Kasten zu kriegen, aus fünf Perspektiven. Gleich wird Maren Eggert nun als Psychologin Frieda Jung Kommissar Borowski fragen, wie er in 6000 Quadratkilometern Wald den vermissten Ralph finden will. Und Action! Filmdrehs im Ausland sind bei aller deutschen Finanzkraft die Ausnahme. Fürs Reisen gibt es extra Formate: Traumschiff, schwedische Schmonzetten, Pilchers Landadelschmalz. „Vor zwei Tagen kam Sibel Kekili am Set vorbei“, sagt Hannu Salonen. Zufällig. Sie drehe ganz in der Nähe einen ARD-Mittwochsfilm. Der geht öfter auf Auswärtsfahrt. Feste Reihen mit festen Etats kehren hingegen eher vor der eigenen Haustür. Selbst dem Tatort wurde ein Zehntel gestrichen. Da reicht es für Maria Furtwängler höchstens mal zur Spurensuche in Barcelona.

Ein 90-minütiger Grenzübertritt – das geht nur mit solventen Partnern wie Talvi. Zehn Kieler Folgen hat der finnische Sender gekauft, mit Fördermitteln beider Länder kostet ein „Tatort“ so gerade mal 250.000 Euro mehr als üblich. Kerstin Ramke grinst: „So ein Koproduzent ist wie ein Jackpot.“ Skandinavien ist ohnehin ein gutes Pflaster für Nordlichter. Nicht nur wegen der Mentalität, die Henning Mankell 2010 in zwei Borowski-Scripte verwandelt; man schätzt die Infrastruktur. Das Geld dahinter. Tags drauf ruhen an einer öden Landstraße die Dreharbeiten: Salonen telefoniert. Lang, sehr lang. „Es geht um Kohle“, sagt der Regieassistent, „viel Kohle.“ Doch das Warten lohnt sich, denn mit der nötigen finanziellen Unterstützung kann man Flecken wie diesen zu Drehorten machen und einen pittoresken Krämerladen filmtauglich. „Solche Kulissen bei so wenig Betrieb“, Robert Obermaier strahlt, „die gibt’s eigentlich gar nicht“. Für einen Tag verdoppelt der Tatort die Einwohnerzahl von Hattuvaaran, drei Jungs bitten den Nebendarsteller Antti Reini, in Finnland ein Star, um Autogramme. Zwei Rentiere laufen verhaltensgestört durchs Gatter nebenan.

Axel Milberg wirkt geradezu eingeboren. Er hat dieses ziellos Stromernde, vorgebeugt Wortkarge jener Finnen, die man aus Kaurismäkis Filmen kennt, aus Sagen stockdunkler Wintertage. Kein Wunder, meint Salonen, sein Taktgeber, „es gibt eine organische Verbindung“ zwischen Kiel und Karelien, diese dröge Atmosphäre: still, melancholisch, voll Pathos. Milberg passt hier so gut her wie sein 14. Tatort. Er heißt „Tango für Borowski“, und fast tanzt er ihn auch am Abend. Das Team feiert den Geburtstag der Garderobiere, auf dem Hotelbalkon gibt es Sekt mit Blattgold von Milberg. Finnisch, sagt Axel Milberg, klinge wie die letzten Buchstaben beim Scrabble, die man nirgendwo unterkriegt. Dann geht er zu Bett und schläft wie ein Toter, sagt er. Karelien beruhigt. Das liegt am Wald.

Erlen, Fichten, Eschen, Tannen, Birken, Abermillionen. Sie sind Niere, Lunge, Körper, durchzogen von Arterien torfbrauner Seen und all ihrer Zuflüsse – in diesem Kapillarsystem zu verweilen, ist wie ein Reinigungsprozess. Jan Turunen muss innerlich blitzsauber sein, er lebt hier seit jeher. Und wenn er an einem heißen Sommertag Gäste durch seine Region chauffiert, obwohl seine Aufgaben in der Stadtverwaltung liegen, zeugt das von dieser Reinheit. Karelier, sagt der Mann mit dem taubenblauen Anzug, sind nicht jene sich gekehrten, wortkargen, eigenbrötlerischen Klischees aus Aki Kaurismäkis Filmen. Sie gelten als aufgeschlossen, fröhlich, energetisch. Sagen selbst Auswärtige. „Wir leben einfach gern“, erläutert Jan Turunen. „Sehen Sie mich an.“ Dann lacht er wieder scheu. Es ist in der Tat ein bemerkenswerter Flecken Erde mit bemerkenswerten Bewohnern in bemerkenswerter Atmosphäre. Von Deutschland aus braucht es nicht mal lange, um sie zu spüren. Via Helsinki mit dem inländischen Verkehrsmittel schlechthin – der Propellermaschine – Richtung Provinzhauptstadt Joensuu, dauert es einen Nachmittag. Anschlussfahrt im Auto inklusive, eine Stunde ostwärts, vorbei an nichts als sattem Grün, das nur selten den Blick freigibt auf einen der Tausend Seen.

Und man sollte tief hinein fahren in dieses Dickicht. Zum Grenzpfosten, dem östlichsten Punkt der kontinentalen EU. Dort, wo die Wege holprig werden und der Dialekt sperriger. Wo man eine Eintrittserlaubnis von russischer Seite benötigt und einen Bürgen aus Finnland. Dass dies ein Schweizer ist, macht den Landstrich nur bemerkenswerter. Der Geländewagen von Georg Aellig ruckelt, als er ihn durchs frühere Sperrgebiet lenkt. „Schon hart“, sagt er fröhlich. Aber kein Vergleich zu den Sechzigern, da war es allerorten so: unwegsam, rustikal, bisweilen schmerzhaft. Grenzerfahrungen eben. Seit er vor drei Jahrzehnten hier hängen blieb, ist das sehr östliche Karelien allerdings sehr westlich geworden, erzählt er durch den grauen Vollbart. Und er erzählt gern von seiner neuen Heimat. Von Perspektiven etwa, der Baumdichte zum Trotz. Hier könnten die Augen wandern. Von Risiken, trägt doch mancher Ort den Zusatz „Varaan“ im Namen, Gefahr. Das hat mit Wölfen zu tun und Bären, denen man wie einst am besten entkommt, wenn sie satt sind. Die zweite Bedeutung aber, der Schweizer in ihm grinst, lautet Hügel. Für finnische Verhältnisse, meint Georg Aellig, „ist es hier geradezu bergig“.

Doch sogar der Koli, höchste Erhebung weit und breit, die sich stolze 347 Meter über den frischen Pielinen-See erhebt, kann den Alpinisten kaum in der Fremde gehalten haben. Für ein Landwirtschafspraktikum war er als 20-Jähriger aus Schaffhausen angereist. „Und das im Winter“, sagt der Biogas-Unternehmer feierlich. Zu einer Zeit also, da die Sonne sogar mittags den Horizont küsst und die Nächte förmlich gefrieren. Acht Wochen 30 Grad waren es früher. Minus. Mindestens. Nun seien es höchstens acht Tage. Dennoch war es ein Winter, der ein Sommer war. Schon immer. Die trockene Kälte, die saure Luft. Und dann das Licht: klar, echt, „wie Tausend Sonnen im bebenden Astwerk“ Die Stimmung der Gegend, ihre Einsamkeit und Anmut machen poetisch. „Willkommen am Ende Europas“, akklamiert Aellig, als sein Auto hinterm gewundenen Koitajoki-Fluss stoppt. Zu Fuß sind es noch ein paar Hundert Meter zu jenem Punkt, wo die EU vor sieben Jahren pompös den Euro einführte. Die kleine Landzunge ins andere, russische Karelien, ist ein geschichtsträchtiger Ort, wo der heiße Weltkrieg eine gute Wendung für Finnland nahm und die kalte Systemfeindschaft eine einmalige Flora zuließ und eine Fauna, die kaum je ein Mensch zu Gesicht kriegt. Wäre die Luft nicht voll biestiger Mücken und bräsiger Bremsen, man könnte hier ewig verweilen, um der Natur beim Dasein zuzusehen.

Man kann aber auch in einer der offenen Hütten zwischen Ufer und Moor einkehren, deren Feuer von umliegenden Restaurants ständig geschürt werden und Wanderer zum kostenlosen Verweilen einladen. Und wem die Würste ausgehen, bestellt per Handy beim Wirt (die Nummer steht am Türpfosten) hinzu: Kotikalja etwa, das trübe Malzbier mit dem herben Abgang. Vatruskas, gefüllte Piroggen jeder Art. Oder Unmengen von Muikku, winzige Bratfische, geschmacklich nah am Hühnchen. Kareliens Küche, russisch gefärbt wie die orthodoxe Kirche, gilt allerorten als so schlicht wie köstlich. Es sind die Beilagen all der Feste hier. „Wenn die Karelier Musik hören“, sagt Hannu Hoskonen, der Parlamentsabgeordnete aus Helsinki auf Wahlkreisreise, „dann tanzen sie bis zum Umfallen.“ Und sind irgendwo Stimmen zu hören in der Ruhe dieses Waldreichs der Größe Hessens mit einer Wasserfläche von 100 Bodenseen, strömen sie zusammen und reden, reden, reden. Wie in der Mitternachtssonne dieses Abends, als sich das offizielle Ilomantsi mit dem angereisten Tatort-Team trifft. Hoskonen ist auch da, alle sind es: ein Ereignis, endlich! Weinselig erklärt der Politiker den Deutschen, wie man Bären, so selten sie auftauchen, dann doch entkommt: Augen fixieren, langsam rückwärts, nur die Ruhe. Karelien eben.

Der Text ist eine Zusammenfassung zweier Artikel, die Ende 2009 in diversen Tageszeitungen erschienen sind

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