Kleiner Großraub und Grand Prix

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 6.-12. Mai

34 Millionen Euro – das ist in Zeiten von Peanuts mit neun Nullen, von täglichen Finanztransaktionen oberhalb der Menge des weltweit gedruckten Geldes oder einer Staatsverschuldung in mehrtausendfacher Höhe eigentlich kaum noch der Rede wert. Es sei denn, solch eine Summe wird beim Aufbruch irgendwelcher Bankautomaten geraubt; dann sind 34 Millionen schon mal wie diesen Freitag den längsten Beitrag der ARD-Hauptnachrichten wert. Dabei sind von dem Coup nicht mal Kunden, geschweige denn deutsche betroffen, sondern chinesische Banken. Banken! Jene Art Konzern als, die ihren Vorständen gern weit höhere  Boni auszahlen oder auch mal Beraterhonorare wie jene, genau: 34 Millionen Euro, die etwa der frühere Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky zwischen zwei Krisen fürs Nichtstun einstreichen durfte. Was zur Topmeldung seriöser News taugt, entzieht sich eben oft rationalen Kriterien oder anders ausgedrückt: Sex & Crime sells auch bei der ehrwürdigen Tagesschau.

Dort also, wo die Nachfolgerin des Ansagers Marc Bator mit dem betörenden Namen Linda Zervatis ebenso wie der bis dato letzte Neuling Judith Rakers zeigt, dass feminine Deluxeoptik als Einstellungskriterium gegenüber (unbestrittener) journalistischer Kompetenz spürbar aufholt. Wobei das nun wirklich kein hiesiges Phänomen ist; auf einer Reportage am Nordkap durften die freitagsmedien nämlich sowohl in den örtlichen News als auch Sportsendungen erleben, dass ein – wie würde es Rainer Brüderle ausdrücken: gut gefülltes Dirndl in Norwegen mindestens ebenso wichtig zu sein scheint wie fachliche Güte. Aber das ist natürlich ebenso spekulativ wie die Frage, ob die Zahnspangenfee Michèle als Siegerin der Sat1-Leistungsschau gefügiger Kindheitsüberspringer Voice Kids künftig ihr Gesangstalent zum Einsatz bringt oder doch nur die Vermarktungsstrategien des Systems Fernsehen zum Wirken.

Das tun sie derzeit nirgends effizienter als bei Helene Fischer. Gut sieht sie aus. Etwas bieder gut, aber bitte. Singen kann sie außerdem, dazu tanzen, moderieren, gut aussehen, ach das hatten wir schon… Am besten aber kann sie: Geld generieren. Und dabei hilft ihr das Erste nach Kräften, wenn es die Königin des süffigen Neoschlagers nicht nur fortwährend zum Sendergesicht aufbaut, sondern vorab schon mal ein Bewerbungsvideo namens Allein ins Licht ins TV-Land funkt, wo Autor Kai Ehlers im Anschluss einer Live-Show mit der schönen Helene unterm Deckmantel der Dokumentation feinste Werbung für die Freundin eines anderen öffentlich-rechtlichen Goldesels betrieb: Florian Silbereisen. Der hatte vorige Woche übrigens ausnahmsweise mal Pause am Bildschirm, wobei ihm die Bild, noch so eine PR-Agentur gewogener Stars in eigener Sache, mit einer aufgeblähten Affäre, die bei näherer Betrachtung  eher Leserfotoanalyse war, etwas verkaufsfördernde Aufmerksamkeit verschaffte.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 13.-19. Mai

Das muss man als eine Art Aushilfspublicity betrachten, denn diese Woche ist tatsächlich silbereisenfischerfreie Zeit. Was aber nicht am mangelnden Einsatz der ARD liegt, sondern am Eurovision Song Contest, kurz ESC, früher Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, der allerdings mit Singen längst weniger zu tun hat als ein Hahn mit dem Eierlegen, also ein klein bisschen, aber sehr am Rande. Es geht nämlich (mehr noch als bei der Tagesschau) allein ums Visuelle, Knalleffekte, um Bombast, womit die vielstündige ARD-Übertragung aus Malmö auch heuer einem Abend Alarm für Cobra 11 näher liegt als dem Liederwettbewerb von einst. Witzig daran ist bloß: die meisten gucken trotzdem zu.

Was den ESC von Bohlens DSDS unterscheidet, das parallel sein Finale auf RTL veranstaltet, aber nicht mal mehr die ganz Halbwüchsigen so recht fesselt. Ganz im Gegensatz zu Filmen wie der neuen Nele-Neuhaus-Verfilmung Eine unbeliebte Frau im ZDF, eine Reihe, deren erster Teil im Frühjahr Topquoten erzielte, was im diametral entgegengesetzten Verhältnis zur gezeigten Güte stand. Aber so ist es nun mal: Das verstörend realistische ARD-Drama Mobbing, in dem besonders die Konstellation eines Mannes, den seine Chefin kleinmacht, wird Mittwoch weit weniger Zuschauer finden als der manirierte Münsteraner Tatort sonntags drauf. Oder die ziemlich berechenbare Sat1-Komödie Alle Macht den Kindern (Dienstag) deutlich mehr als all die wunderbaren Beiträge beim Filmdebüt im Ersten, das mit Sibel Kekilli in Feo Aladags mehrfach preisgekrönter Culture-Clash-Erstausstrahlung Die Fremde beginnt.

Dass dem nur ein kleines Publikum beiwohnen wird, läge allerdings eher an der Sendeplatz als Inhalt, Massengeschmack oder ähnlichen Kleinigkeiten. Die Reihe beginnt wie jedes Jahr erst um 22.45 Uhr, wo viele Berufstätige naturgemäß eher die Nachtruhe als Neunzigminüter im Sinn haben. Da darf die ZDF-Komödie Mein Vater, seine Freundin und das schnelle Geld gleich nach der Tagesschau mit deutlich besserem Zuspruch rechnen, aber die ist auch durchaus sehenswert. Sehenswert ist auch ein Schwerpunkt auf ZDFkultur, der sich Mittwoch von kurz nach acht bis Mitternacht ums – Gepikerte aufgepasst! – Tätowieren dreht. Aber da sieht sicher auch wieder kaum einer zu, wie am Freitag, wo beim Bayerischen Fernsehpreis ab 19 Uhr auf 3sat live all jene Filme prämiert werden, in denen es nicht um Quote, sondern Qualität geht.

Und damit zum Tipp der Woche, ebenfalls auf dem Kulturkanal des Zweiten (22 Uhr), der beweist, dass auch lange nach dem Tod von MTViva weiter Videclips via TV laufen: Delikatessen mit dem grandios lässigen und dabei sehr sachkundigen Rainer Maria Jilg.

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