Dennenesch Zoudé, Hamburg 2006/10

Ich heiße oft Ute oder Ulrike

Ein offizieller PR-Termin, ein Gespräch zwischen zwei Terminen im Luxushotel – egal, wo man Dennenesch Zoudé trifft, die Schauspielerin ist so freundlich, offen und unverbindlich, wie in der Eckkneipe. Und auch, wenn man Filme wie Meine Mutter tanzend oder Familiengeheimnisse (Sonntag, 20.15 Uhr ZDF) dafür kritisiert, dass sie heikle Themen wie Rassismus seicht erzählen, bleibt die Berlinerin mit äthiopischen Wurzeln gelassen. Eine sympathische Frau von – was optisch unfasslich ist – 46 Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zoudé, bieten Filme wie Meine Mutter, tanzend oder Familiengeheimnisse Anlass, übers Thema Rassismus zu reden?

Dennenesch Zoudé: Überhaupt nicht. Es geht um die Identitätssuche junger Menschen: woher komme ich? Was ist meine wahre Familie? Ist die, die ich habe diejenige, mit der ich in die Zukunft gehen will?

Also ist die absurde Konstellation jeweils unbekannter Töchter farbiger Elternteile eher Gimmicks als Kern.

Mit dieser Absurdität, die es ja in der Realität gibt, wollten wir bewusst spielen. In Meine Mutter, tanzend bin ich schwarz, daran können wir nichts ändern. Aber dass ich als Logopädin Deutschen ihre Sprache beibringe und als wohlhabende, gut erzogene Tochter einen Klassenunterschied zu einer Mutter repräsentiere, die keinen Job durchhält, diese spielerischen Verkehrungen bilden das Wesen des Films, aber nicht das Hauptaugenmerk.

Auch die unehelische Tochter eines deutschen Industriellen im ZDF-Drama Familiengeheimnisse ist gut situiert, also nicht grad der klassische Rollentypus benachteiligter oder krimineller Farbiger in deutschen Filmen. Ist das schon eine Art Antidiskriminierungsmaßnahme?

Ich habe im eigenen Bekanntenkreis Schwarze, die auf der Suche nach ihren Eltern waren, obwohl sie hier voll integriert waren. Es ist keine bewusste Antidiskriminierungsmaßnahme, aber mir ist noch mal bewusst geworden, wie wichtig es ist filmisch zu zeigen, dass Schwarze eben nicht nur Asylanten, nicht nur Analphabeten und vor allem nicht nur Opfer sind.

Werden Schwarze in Deutschland als schwarze Schauspieler, statt einfach als Schauspieler besetzt?

Das begegnet mir in der Tat immer wieder, aber ich habe frühzeitig angefangen, darauf aufzupassen und bei Castings, in Gesprächen mit Redakteuren, Produzenten, Regisseuren deutlich gemacht, dass mich diese Ebene nicht interessiert. Und wenn es dann hieß, na ja, schwierig zu besetzen, meinte ich: Warum nicht? Wenn ich einem Menschen begegne, möchte ich ihm zunächst mal als solchem begegnen. Nicht als Weib oder Mann, alt oder jung, schwarz oder weiß – man benötigt doch erst einen Kontakt, bevor man in die Tiefe gehen kann. Deshalb geht es in dem Film auch um Personen und ihre eigenen Geschichten, in die sie auf ihre Weise verstrickt sind. Ich will Figuren mit einem Leben darstellen, nicht mit einer Form.

Genau da rennt man hierzulande doch wegen des Hangs gegen Mauern, Menschen zu attributieren – alles wird unabhängig vom Kontext benannt: das Türkische am Türken, das Jüdische am Juden, das Behinderte am Behinderten und so weiter.

Ganz genau. Aber ich habe in Filmen wie Die unmögliche Hochzeit eine Asylantin gespielt, genauso oft aber auch Tatortkommissarinnen, Rechtsanwältinnen, Ärztinnen – warum also nicht die Ehefrau, die Nachbarin, die Blumenverkäuferin.

Erst vor drei Jahren haben Sie in der WDR-Sendung Zimmer frei gefordert, „nicht nur auf Hautfarbe oder exotisches Aussehen reduziert zu werden, sondern auf sich selbst“.

Das war ein grundsätzliches Plädoyer, weil ich oft darauf angesprochen werde, ohne dass mir ständig solche Rollen angetragen werden. Im Gegenteil. Meine Rolle in der Serie Gegen den Wind war zutiefst weiß! Ich trage oft Namen wie Ute oder Ulrike, wo ich selbst einwende, die klingen fast zu Deutsch. Dann doch lieber Sarah, das klingt offener.

Und jünger.

Danke (lacht). Mir ist die Problematik bewusst, weil viele Kollegen ausländischer Herkunft mit der Festlegung hadern. Ich hadere nicht, ich gehe nach vorn und sag’s den Leuten ins Gesicht, bevor sie das Hindernis spüren, mir keine ganz normale Rolle anbieten zu können.

Wie weit hat sich das Fernsehen insgesamt aus dem Vorurteilskorsett früherer Jahre befreit, wo jemand mit nicht-deutschem Aussehen auch nicht-deutsch besetzt wurde?

Da hat sich was verändert, aber es könnte noch selbstverständlicher werden. Entweder, man hebt es so ungemein heraus, dass es karikiert wirkt. Oder es wird als verwerflich niedergemacht. Aber die unvoreingenommene Besetzung einer Schwarzen als Schauspielerin, ohne drüber nachzudenken, ohne zu diskutieren, das wäre irgendwann wirklich schön.

Klingt ein bisschen pessimistisch.

Nein, ich bin ein positiver Mensch, sonst könnte ich den Kopf in den Satz stecken und meine Sachen packen. Ich glaube fest daran.

Sie wurden in Äthiopien geboren, leben aber fast ihr ganzes Leben in Berlin – haben Sie noch Bezüge zu Afrika?

Ja! Familiäre vor allem. Ich fahre in Abständen hin und habe aus Charity-Gründen andere Länder Afrikas bereist. Erstmal ist es ein wunderschöner, großartiger, bereichernder Kontinent, wo man aufs Menschsein zurückgeworfen wird, weil man durch seine Größe erst merkt, wie klein man ist. Aber das Besondere für mich, ist mit meiner dortigen Familie konfrontiert zu werden, denn hier habe ich nur meine Eltern und Geschwister.

Ist ihre afrikanische Familie europäisiert?

Eher amerikanisiert, westlich. Viele sind nach dem Putsch in die USA gegangen. Äthiopien ist noch immer ein konfliktreiches Land, wenn auch dem Weg der Besserung. Man sagt, es gebe dort eine De-mo-kra-tie. Aber ich denke, 15 Jahre Sozialismus und zehn Jahre Militärdiktatur hinterlassen ihre Spuren. Gut, das kennen wir von diesem Land ja nun auch.

Aus deutscher Sicht gibt es zwei Afrikas: Einen reinen Krisenherd, wie ihn vor allem die Printmedien vermitteln, einen exotisch schönen Fluchtort, wie er besonders im Fernsehen erdacht wird.

Da stimme ich völlig zu und finde das besonders im Fall von Fernsehfilmen furchtbar traurig, weil keine Geschichte der Landsleute erzählt wird, sondern eine deutsche in fremder Kulisse mit servilen Afrikanern als Statisten. Solche Rollen wurden mir angeboten, als Hausmädchen etwa, woraufhin ich meinte, Sorry, dafür bin ich zu emanzipiert, das lass ich nicht mit mir machen, schon gar nicht in dem Kontinent, in dem ich geboren bin. Also bitte: Verpackt das in Geschichten, die dieses Land auch betreffen, denn davon gibt es wunderschöne.

Gleichwohl haben Sie in Traumhotel mitgespielt, einer Fernwehserie ohne viel Tiefgang.

Aber als Umweltschützerin, die sich für artgerechte Tierhaltung und die Bevölkerung vor Ort einsetzt. Das war für mich die Rechtfertigung; schließlich handelt es sich nicht um eine leichte Liebesstory – was völlig legitim wäre. Aber bitte ohne mich!

Wenn man sich ihre Filmographie ansieht, haben Sie kaum Berührungsängste mit leichter Kost.

Und das wird sich jetzt ändern. Wirklich, da arbeite ich dran wie in der Simmel-Verfilmung Und Jimmy ging zum Regenbogen. Das andere war eine Phase. Man kann nicht immer nur Schränke bauen, manchmal werden es auch Fußbänke. Das Geschäft ist eine Tretmühle, ein Karussell; wenn man zweimal leichte Stoffe spielt, wird man weiter darauf angesprochen. Aber es gibt eben ein breites Publikum dafür, da hege ich keinen Dünkel. Man baut sich ja einen Lebensstandard auf und mir ist es lieber, ich arbeite dort, als arbeitslos zu sein und dem Staat auf der Tasche zu hängen. Doch in meinem Beruf braucht man soviel Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein und den richtigen Stoff zu kriegen.

Aber muss es denn gleich Cobra 11 sein? Drei Explosionen und etwas Handlung drum herum.

Richtig, aber soll ich Ihnen was sagen: Ich hab mich darüber gefreut, weil ich eine Interpol-Agentin spielen durfte, mit Stunts und Action und richtig körperlichem Agieren. Irgendetwas muss mich an einer Rolle faszinieren, sei es, dass ich sie politisch vertreten kann wie im Traumhotel, sei es die Explosionen in meinem Rücken. Da freue ich mich über die Bilder. Punkt. Und dann krieg ich das auch noch bezahlt. Großartig.

Kamen danach die Actionangebote?

Nein, das war nur Episode. Aber mal ehrlich: Ich habe solche Lust am Arbeiten, dass mir der Anspruch nicht immer wichtig war. Vielleicht hab ich mich oft auch nicht im hochintellektuellen Film Noir gesehen. Ich will ein Publikum erreichen, ich will unterhalten.

Ist textlastiges Kino überhaupt der höchste Anspruch?

Also ich finde die alte französische Schiene großartig, Truffaut und all das, weiß aber nicht, ob es in Deutschland dafür einen Markt gibt. Und wenn es keiner sieht, hab ich nichts davon, keine Reaktion. Es gibt einen Witz: Wer keine Quote kriegt, kriegt den Grimme-Preis. Andererseits fragen mich die Leute noch heute an der Supermarktkasse, wann es denn mit Hinter Gittern weitergeht. War das mein großer Anspruch? Nein, Schauspieler und Publikum bilden eben eine Symbiose.

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