Niveaufilm, spät versendet

ImageResize.aspxJe später der Abend…

ARD und ZDF zeigen viele ihrer anspruchsvollen Filmimporte und -debüts spätnachts, während um 20.15 Uhr Zeit für leichte Stoffe ist. Ein Überblick der Mutlosigkeit zum durchaus mutigen FilmDebüt im Ersten, das ab heute um 22.45 Uhr sehenswerte Erstarbeiten junger Regisseure wie Sibel Kekilli als Die Fremde bietet.

Von Jan Freitag

Es gibt Tage, da zeigt die schöne neue Medienwelt ihr wahres Gesicht. Tage, an denen öffentlich-rechtliches Fernsehen der Privatkonkurrenz nicht mehr bloß ähnelt, sondern gleicht. Ein Wochenende zum Beispiel, April, beliebiges Jahr: Karfreitag zeigt das ZDF, sagen wir: den oscargekrönten Historienfilm There Will Be Blood, zwei Abende drauf das britische Drama Lewis, während die ARD zwischendurch mit der Gaunerkomödie Bruchreif und Ostermontag mit der Hochhuth-Verfilmung Der Stellvertreter glänzt.

Großes Bildschirmkino, könnte man denken. Und doch wenig mehr als ein Armutszeugnis. Denn die vier sehenswerten Filme liefen um elf oder später! Und wo sollten Sie auch laufen – zur besten Sendezeit verstopften neben all der Kriminalödnis fast zwanghaft Christine Neubauer und Rosamunde Pilcher die Kanäle. Seit jeher werden Erstausstrahlungen von Flags of Our Fathers bis Capote Richtung Geisterstunde verdrängt und selbst auf den seltenen Rückzugsorten von Montag bis Mittwoch bleibt für Qualitätsware zusehends die anbrechende Tiefschlafphase.

Senderauftrag – gute Nacht!

Also läuft das wichtige FilmDebüt im Ersten, das talentierten Regisseuren die Chance auf einen Platz im Hauptprogramm gewährt, im Grunde erst, wenn es zeitlich langsam endet. Sibel Kekilli muss als Die Fremde folglich bis 22.45 Uhr auf all jene warten, die am kommenden Tag besser keine frühen Termine haben, Lohnarbeit oder so. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn das ambitionierte SommerKino im Ersten seine TV-Premieren zwar offensiv bündelt, aber defensiv versteckt. Programmchef Volker Herres mag zu Recht einwenden, die FSK verbiete bei mancher Kinoperle frühere Ausstrahlungen. Doch die Altersgrenze der grandiosen Gangstergroteske Brügge sehen … und sterben? ist ja kaum weniger geheimnisvoll als die Spätschiene für den jugendfreien Rest.

Was sich auch im ZDF zeigt. Dort starten die erotisch gemeinten Sommernachtsphantasien sommers stets weit nach zehn. Die „2. Primetime“ ist eben nur ein programmplanerischer Euphemismus für „irgendwie noch sichtbar“, aber nicht mehr richtig wichtig. Wenn der bürgerlich finanzierte, staatlich bestellte Rundfunk mit dem Import niveauvoller Produkte soziokulturelle Bedeutsamkeit suggeriert, muss das vertrackte Zeugs ja nicht auch noch zur publikumsfreundlichen Sendezeit laufen. Gut, das Sehverhalten mag sich verschoben haben, die Fokussierung auf den Gong der Tagesschau noch aus eine Ära linearer Berufsbiografien heimkehrender Väter stammen, die nach dem Abendbrot im Kreise der Lieben einen von drei Kanälen schauen, bis das Testbild rauscht. Einschaltkurven selbst beliebter Formate wie Wer wird Millionär belegen, dass sich der Start des gemütlichen Fernsehabends Richtung Nacht verschiebt. Aber gleich mitten hinein?

Das Problem ist wie üblich die Quote. Die Berücksichtigung jeder Festplattenrecorder-Aufnahme entlastet die Sender vom Druck, den Lebensrhythmus des Publikums in die Sendekonzepte einzubeziehen. Was bleibt, ist der unbedingte Wunsch zur Masse zu Lasten der Klasse. Stimmt schon, sagt ZDF-Spielfilmchef Norbert Himmler, „wir müssten uns in der Primetime gelegentlich mehr trauen“. Wie zum Jahrestag von 9/11 etwa, wo sogar das sperrige Entführungsdrama Flug 93 mal zur ersten Primetime laufen kann. Doch auch sein Arbeitgeber müsse „strukturell wettbewerbsfähig bleiben“. Diese Arithmetik fehlenden Mutes und soziokultureller Resignation klaut ausländischer Fiktion jenseits von Serie und Blockbuster peu à peu attraktive Sendezeiten. Wie am Freitagabend im Ersten, der vor seiner bräsigen Volkstümlichkeit als Rückzugsort importierter Filmkreativität galt.

Noch schwerer hat es der heimische Film von Rang, was zuletzt die ZDF-Reihe Bodybits erleben musste. Die Filmexperimente zur digitalen Welt von morgen liefen ebenso gegen Mitternacht wie all die wunderbaren Kleinen Fernsehspiele und damit noch später als das Filmdebüt im Ersten. Zum Wohl der Regisseure, wie es gern heißt, die angeblich fürchten, im kommerziellen Konkurrenzdruck unterzugehen. Seltsam nur, dass die Betroffenen vom Bundesverband der Fernseh- und Filmregisseure bis zur Schauspielervereinigung BFFS per Petition einen „wöchentlichen Sendetermin für deutsche Kinofilme in der Hauptsendezeit“ fordern, um das kulturelle Schaffen im Land „dem breiten Publikum nahe zu bringen“.

Besonders in der ARD, klagt auch Norbert Simon von der IG Rundfunkgebührenzahler, „ist es mittlerweile ein Normalzustand, Filme die was taugen, nachts zu senden.“ Kein Abend scheint mehr vor Schnulzen, Shows und Sport gefeit, während zum Beispiel Tilda Swintons Oscarvorstellung in Michael Clayton einst nächtens erfolgte – obwohl sie ebenso massentauglich wie starbesetzt und vor allem teuer im Ankauf sind. Für große Hollywood-Streifen, sagt Himmler, „geht das auch mal in die Millionen“.

Dass man es zur Unzeit versendet, spricht Bände übers Verantwortungsgefühl bei denen, die dazu per Staatsvertrag verpflichtet sind. Mit Verweis auf „Partnerkanäle wie 3sat und Arte, mit Reichweiten von 99 Prozent“ (Himmler), zu denen sich der Zuschauer „mit dem Wahlzettel der Fernbedienung“ (John de Mol) vermeintlich „frei entscheiden“ könne (Volker Herres), begräbt man jeden Versuch, sein Publikum auch zur reichweitenstärksten Zeit mehr zu fordern. Sonst hätte ZDFneo ja messbare Zuschaueranteile. Wie umschrieb der Medienexperte Stefan Niggemeier den Spartenkanal so schön? „Fernsehen für Leute, die nicht mehr fernsehen.“ Sondern nachts vielleicht einfach schlafen.



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