Malmö-Müsli und Tatort-Kopfschuss

Rücksichtnahme

Die Woche, die war: 13.-19. Mai

Es ist zwar nicht zu klären, warum Bayern ökonomisch, patriotisch, fußballerisch, rassistisch, akademisch, alkoholisch und wer weiß wo sonst noch bundesweit unschlagbar scheint, aber dass dort sogar die einzig relevante TV-Trophäe jenseits vom Grimme-Institut verliehen wird, ist nun wirklich vollends absurd. Mit der Affinität zu Manneszucht und Hausfräulichkeit, Tugend und Trachten hat es also nur am Rande zu tun, dass Freitag in München (und auf 3sat) feierlich Filme und Formate mit dem Bayerischen Fernsehpreis prämiert wurden, die es meist sogar verdient hatten: Robert Atzorn für die brüchige Rolle als folternder Polizist Wolfgang Daschner in Der Fall Jakob Metzler, Nadja Uhl für ihre wächserne Darstellung in Uwe Tellkamps Literaturadaption Der Turm, Oliver Welke für seine heute-show oder das Ensemble des Kriegsdramas Unserer Mütter, unsere Väter im Ganzen. Selbst der Preis für die letzte Weltkriegsdoku des  nationalrevisionistischen Geschichtsonkels Guido Knopp war da grundsätzlich nachvollziehbar. Und weil es bei den Privatsendern im Grunde nicht mal schlechtes Sachfernsehen gibt, ist es kein Zufall, dass von den Ausgezeichneten nur Vox und Sat1 für ein Justizopfer-Doku und einen Mittelaltervierteiler strikt kommerziell funktionieren, der Branchen-Krösus RTL also leer ausgeht, wo man statt Programm zu gestalten halt auch lieber den amtierenden Dschungelkönig eine Rubrik im Mittagsjournal verpasst. Bei Punkt 12 geht Joeys Welt seit voriger Woche Fragen nach, warum etwa der Himmel blau ist oder Mägen knurren, und er tut es sendergemäß: aus dem sicheren Gefühl völliger Ahnungslosigkeit.

Weniger ahnungs- als instinktlos zeigte sich derweil der WDR bei der Nachfolgersuche von Intendantin Monika Piel. Die nämlich wird von drei Kandidaten ohne das progressive “-innen” am Ende ersetzt, dafür womöglich von Tom Buhrow, der außer seiner politjournalistisch fundierten Prominenz wenig Kerneignung für einen Verwaltungsposten mit sich brächte. Da beweist das größte öffentlich-rechtliche Funkhaus also wie fast alle führenden Medien aufs Neue, wie unerlässlich eine gesetzliche Frauenquote für alle Führungspositionen ist. Das stünde übrigens auch Deutschlands bester Zeitung – der ehrwürdigen Zeit in Hamburg – ganz gut zu Gesicht, die bei aller Güte bisweilen zum amtlichen Verlautbarungsblatt ihres Herausgebers Helmut Schmidt gerät, der vorige Woche auch noch als Kunstsammler gefeiert wurde.

Um bei so viel Hochkultur nicht vor Intellektualität zu erstarren, schalten wir mal kurz in die Gosse des Entertainments – auch wenn sie prächtiger illuminiert ist als so manche Kaiserkrönung: Grand Prix Eurovision de la Chanson, profaner bekannt als Eurovision Song Contest, kurz ESC, was nicht zu unrecht an eine fiese Viehseuche erinnert (http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/esc-resumee-malmoe). Dieses Jahr kam die handelsübliche Konfettiparade chartstauglicher Ballermannschlager mit Freakshowcharakter zwar weniger pornografisch daher als in den textilfreien Jahren zuvor; doch das klebrige Malmö-Müsli von drei Stunden Länge war televisionär wie eh und je eine ästhetische Ohrfeige. Mit einem Moderator jedoch, der sich etwas ungemein Angenehmes traute: zu schweigen, wenn die Bilder ohnehin genug quasseln, zu schweigen auch, wenn Englisch geredet wird, dass nicht der Übersetzung wert ist oder sich von alleine erklärt. Nur dank der nonchalanten Bissigkeit Peter Urbans bleibt der ESC also seit seiner endgültigen Prollisierung Mitte der Neunziger überhaupt erträglich.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 20.-26. Mai

Was man von – schon wieder – RTL nun wirklich nicht behaupten kann, dem selbst an optional besinnlichen Tagen wie dem heutigen Pfingstfest nichts besseres einfällt, als die gesamte Primetime bis tief in die Nacht hinein völlig inhaltsleere Deppenaction mit dem testosteronsatten Kantenkinn Jason Statham durch die Flatscreens zu blasen. Da bietet sich der parallel laufende Tatort aus Wien umso mehr an. Zumal der heimatfilmkitscherfahrene Harald Krassnitzer dort seinen 30. Einsatz als Oberinspektor Moritz Eisner hat – sich allerdings prompt einen Kopfschuss einfängt…

… und das vermutlich mit einer Knarre aus heimischer Produktion. Denn die ballern schließlich mit in aller Welt. Davon weiß die ebenso erschütternde wie sehenswerte ARD-Dokumentation Tödliche Deals – Deutsche Waffen für die Welt von Dominic Egizzi und Carsten Binsack am Mittwoch (22.45 Uhr) zu berichten. Harte Themen fürs weiche Fernsehen – man kann auch einfacher Einschaltquoten erzielen. Etwa mit purem Popcorn-Entertainment wie dem charmanten Donnerstagsspätfilm (23.15 Uhr) im Ersten namens 13 Semester über die Höhen und Tiefen des Studierendenlebens. Oder mit der immer wieder wunderbaren Star Trek-Filmreihe ab Sonntag auf Arte. Oder auch mit der neuen Polizeiserie Inspector Banks, die ab Sonntag um zehn im ZDF (vorab montags, 21.55 Uhr, ZDFneo) zeigt, warum Briten einfach bessere Ermittler basteln. Man kann es aber auch auf vertrackte, realistische, ehrliche Weise tun und dennoch Heiterkeit erzeugen. Wie das morgige Free-TV-Debüt vom Multikulti-Spaß Almanya – Willkommen in Deutschland voller Klischees, die sich an sich selbst abarbeiten.

Im Grunde aber ist sowieso alles irgendwie Fußball in der anstehenden Fernsehwoche. Denn nachdem das erste Relegationsspiel um den letzten Erstligaplatz zwischen Hoffenheim und Kaiserslautern am Donnerstag die Vorspeise liefert, kommt es am Samstag beim Champions-League-Finale zum Fünf-Gänge-Menü zwischen Bayern und Dortmund. Volle fünf Stunden Volkssportbeschuss im ZDF also, der vermutlich auch manche(n) Fußballverächter(in) nicht gänzlich kalt lassen dürfte. Und wo wir beim Thema Temperatur sind, bietet sich für den TV-Tipp diesmal etwas wirklich Herzerwärmendes an: Denn auch nach mehr als 600 Ausgaben in fast 17 Jahren sind die WG-Bewerbungsgespräche bei Zimmer frei! ungbrochen wohlig. Nächsten Sonntag ist der famose Comedien Michael Kessler beim WDR im good-Cop-bad-Cop-Würgegriff von Götz Alsmann und Christine Westermann. Einlass 22.30 Uhr. Bitte einschalten! Und wem das zu heimelig ist, noch schnell eine Empfehlung von industrieller Kühle: Alien, Teil 1, Mittwochabend bei Kabel1. Film war nie eisiger, wenn er gut war.



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