Diekmanns Druck und Choco Crossies

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 20.-26. Mai

Die Zeitung ist Geschichte, eine Hospizpatientin, bestenfalls Wachkoma – das jedenfalls wird ihre gehässige Online-Konkurrenz nicht müde zu betonen. Immer und immer und immer wieder. Wie Thomas Lückerat, Chef der Internet-Plattform DWDL, beim radikalhumanistischen Weltverbesserer Facebook. Alles tote Holz-Medien wettert er da wegen einer gebrochenen Vereinbarung der Servicpopulisten vom Focus. Und die digitalen Kritiker gedruckter Analogie habe ja Recht: zu langsam, unspontan, pixelarm, und dann diese Ressourcenvergeudung – Print ist voll Achtziger. Dann aber liest man in Erwartung des Championsleague-Finales die Sonderbeilage der Süddeutschen und kniet nieder vor Ehrfurcht. Mit Sätzen wie dem, dass junge Berliner auf die Frage nach dem besten Club der Welt „Berghain, natürlich“ antworten und der Komparativ gerade im Sport bloß „der doofe kleine Bruder des Superlativs“ sei, zeigt Boris Herrmann dem Internet, wo es wohl erst hinkommt, wenn der letzte Baum gerodet ist.

Es wird also auch weiter werthaltiger, wertvoller, wertgeschätzter Journalismus wie dieser sein, der Analysen wie die liefert, dass es große Spiele manchmal so schwer wie Silvesterpartys hätten: „Jeder meint, es müsse etwas Einzigartiges passieren und nicht selten sackt dann der ganze Abend unter der Last der Erwartungen in sich zusammen.“ Das ist der Finalabend nicht – weder dank noch wegen der zwei umstrittensten deutschen Fußballreporter an den Mikros: Bela Réthy im ZDF, Marcel Reif bei Sky. Das Spiel samt Kommentierung war am Ende jedenfalls um Längen besser als die bizarre Show vor Anpfiff, die jede Fairplay-gegen-Gewalt-Pyros-sind-Waffen-Kampagne mit martialischen Ritterkämpfen ad absurdum führte. Umso besser, dass der Bohai um Borussia Bayern nun auch televisionär vorüber ist. Fast so gut, wie die einjährige Auszeit des ESC. Dabei war die Übertragung aus Malmö nicht annähernd jene epileptische LED-Kanonade vergangener Ausgaben, aber noch immer eine Beleidigung jeder Art von Ästhetik http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/esc-resumee-malmoe und so aufdringlich, dass manch gute Sendung, etwa zum 200. Geburtstag Richard Wagners, im Ethnopopeinerlei unterging.

Schlimmer war da im Grunde nur viererlei: Dass die Klugscheißer Bruno Jonas, Monika Gruber, Rick Kavanian den Scheibenwischer qualitativ so radikal unterlaufen. Dass der lässige Moritz Bleibtreu seine schauspielerische und menschliche Würde nun für ein paar Dollar mehr als Werbegesicht an McDonalds verhökert. Dass Thomas Gottschalk endgültig zu RTL wechselt, um dort eine Show mit Jauch zu machen. Und dass man im Internet eklige Bilder von Kai Diekmann erdulden muss, auf denen er beim Lehrjahr im Silicon Valley nicht nur reihenweise Jungunternehmer http://www.deutsche-startups.de/2013/05/24/german-entrepreneurs-hug-kai/, sondern auch Philipp Rösler umarmt, der den Bild -Chef drückte wie frisch verliebt. Da ist es sicher reiner Zufall, dass der FDP-Chef im Springer-Blatt als das gilt, was man Rösler nicht mal nach drei Wochen im Eisfach attestieren dürfte, nämlich „cool“ zu sein. Cool dürfte allenfalls Rösler finden, dass Diekmann künftig auf bis zu 200 Mitarbeiter verzichtet, um die Schere zwischen Rendite und Auflage noch weiter zu öffnen. Entlassungen für den Profit – das ist ja quasi freiheitlich liberale Kernpolitik in Verlagsform.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 27.5.-2.6.

Um diesen internetinduzierten Kater zu kontern, hilft womöglich nur Joschka und Herr Fischer. Pepe Danquarts Doku porträtiert den grünen Ex-Politiker am Dienstag (22.45 Uhr) so furios zwischen Ex-Sponti und Ex-Außenminister, dass der Albdruck über die Achse des Bösen Rösler-Diekmann kurz mal verfliegt. Nicht zu empfehlen gegen realitätsbedingten Kopfschmerz ist dagegen die 1500. Folge der Lüneburger Telenovela Rote Rosen am Nachmittag zuvor, auch wenn sich eine solide Zuschauergemeinde jenseits des Renteintrittsalters damit seit sieben Jahren täglich die raue Wirklichkeit da draußen zur weichgezeichneten Harmlosigkeit sediert.

Die weiche Wirklichkeit rau gezeichnet wird dagegen zumindest dieses Jahr letztmalig bei Germany’s Next Topmodel, wo das Finale am Donnerstag zum Leidwesen echter Fans keinen Zickenkrieg mehr zu bieten hat (der wird die Woche drauf mit der ersten von diversen Best-of-GNTM 2013 aufbereitet), weshalb Heidi Klums gern auf Sonntagspredigtlänge gedehnter Satz „denn … nur … eine … kann … Germany’s…“ nicht wie üblich 136, sondern 3762 Mal pro Sendung unter sinistrem Brummen aus dem Off verlautbart wird. Ganz ähnlich geht es dann einen Kanal tiefer auf der Niveauskala bei RTL zu, wo Let’s Dance ins Finale geht, weshalb Moderatorin Sylvie van der Vaart zur Feier des Tages vielleicht noch ein paar mehr sekundäre Geschlechtsteile in die Kamera hält als üblich.

Erbaulicher wird es da doch am Donnerstag im ZDF, wo der famose, aber völlig unterbesetzte Nebendarsteller Martin Brambach endlich mal eine große Hauptrolle kriegt. Neue Adresse Paradies handelt vom Abstieg eines gescheiterten Bauunternehmers, was eine geradezu Ken-Loachige Balance zwischen Sozialkritik und Heiterkeit wahrt. Etwas klamaukiger, aber ähnlich charmant ist Eine Insel Namens Udo, Freitag auf Arte, wo der Comedien Kurt Kröhmer neben Fritzi Haberland nicht nur seine erste Haupt-, sondern gleich echte Filmrolle spielt: Einen Unsichtbaren, der erst durch die Liebe sichtbar wird.

Ein sehr Sichtbarer, der durchs Fernsehen über Jahrzehnte schier unübersehbar wurde, war Peter Frankenfeld. Die Jüngeren werden sich da womöglich fragen, wer beim Heiligen Google das ist; bei Älteren dagegen kehren schon beim Namen unweigerlich Choco Crossies, Kaba und Käseigel ins Geschmacksgedächtnis zurück. Denn der Berliner Entertainer war bis zu seinem Tod 1979 nicht nur der erste, sondern vielleicht auch der letzte Grandsegnieur am Fernsehabend, ein Conferencier mit Fliege, Manieren und gefalteten Händen, der das Samstagsentertainment zu einer Kunstform heiterer Redundanz erhob. Apropos Redundanz: Mittwoch und Samstag noch je ein Länderspiel, dazwischen das DFB-Finale, dann ist aber auch mal gut mit Livefußball für ein paar Wochen – und somit mehr Zeit für Fernsehen wie unser TV-Tipp der Woche: London Calling, zwei Doppelfolgen, ab heute bei ZDFkultur, wo die Entstehung des Britpop so aufregend, so versiert analytisch und doch voller Musik beschrieben wird, dass man direkt per Zeitmaschine in die Roaring Sixties möchte.

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