Martin Wuttke, Theater-Wolf auf Tatort-Jagd

Der stille Berserker

Seit fünf Jahren ermittelt Martin Wuttke am Tatort Leipzig. Sonntag folgt mit Die Wahrheit stirbt zuletzt bereits sein 17. Fall an der Seite von Simone Thomalla. Dabei fühlt sich der 51-jährige Theaterschauspieler im Fernsehen eigentlich alles andere als wohl und ist auch im Kino ein unbeschriebenes Blatt. Begegnung mit einem Bühnenberserker auf Filmabwegen

Von Jan Freitag

Es gleicht einem Bild wie aus dem Kriegswinter: Den Kragen hochgeschlagen, streift Martin Wuttke durchs Foyer. Die Hand am Hals wie ein Schal, die andere über der Brust wie zum Schutz zurrt er den aschgrauen Mantel zusammen, als herrschen Minusgrade im Hamburger Edelrestaurant. Hager, fahrig, das dünne Haar streng nach hinten gekämmt – wer den Schauspieler bei der Präsentation seiner Rolle im neuen Leipziger Tatort sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Martin Wuttke ist der ideale Ermittler. Wie ein einsamer Wolf stromert er allerdings nicht nur hier, in einem Hamburger Nobelrestaurant  mit Elbblick, durch die Menschenreihen und meidet scheinbar jeden Kontakt, stets auf irgendeiner imaginären Suche nach irgendwas. Nein, genauso kennt man den Theatervirtuosen aus seinen wenigen Filmrollen, so spielt er Joseph Goebbels in Margarethe von Trottas Rosenstraße, so gibt er den Stasi-Offizier Erwin Hull in Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss, so verkörpert er auch seinen Andreas Keppler, den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla, das Ermittlerduo im Leipziger Tatort, mittlerweile fünf Jahre nach dem spröden Sachsenduo Kain und Ehrlicher.

„Ich weiß, dass ich manchmal sehr beobachtend wirke“, erklärt er frühmorgens im Hotel, dasselbe düstere Äußere wie tags zuvor unter Leuten. Auch introvertiert, bedächtig, abwesend wirke er gelegentlich. „Aber meistens langweile ich mich einfach nur, eigentlich bin ich sehr gesellig.“ Jetzt lächelt er, das passiert ihm selten, im Film wie im Leben. Ob er mal so richtig aus sich raus komme, den Panzer der Stille verlasse? Er zündet sich die x-te Zigarette an: „Wenn ich erwache, kann ich richtig aufblühen.“ Und auf der Bühne, da sei er sogar „das krasse Gegenteil“. Die Bühne, Martin Wuttkes Feuchtbiotop oder besser: sein Gehege. Denn wenn einer die Symbiose von Theatralik und Alltagsverhalten vollzogen hat, dann der Gelsenkirchener Mime mit dem gefurchten Gesicht, dem die berühmten Bretter nur dann die Welt bedeuten, wenn er auf ihnen steht. „Ich gehe ungern ins Theater“, sagt da allen Ernstes Anfangsfünfziger, der seit 1995 Brechts Arturo Ui spielt, viele Hundert Mal bereits. Der nach seiner Ausbildung in Bochum an den renommiertesten Sprechbühnen tätig war und nach Heiner Müllers Tod kurzzeitig die Intendanz des Berliner Ensembles innehatte, der zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt noch immer so viel im Kleinen spielt, dass er unerkannt durch die Hauptstadt laufen kann.

Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der Tatort ist eine Popularisierungsmaschine. Wenn man dann noch die beiden zweitdienstältesten Kommissare ersetzt, wird eine Hypothek daraus. Auch deshalb will er die Rolle ein wenig mit sich selbst auffüllen, wie er es nennt. Sein Arbeiten verlaufe ja ähnlich pedantisch, bisweilen eigenbrötlerisch wie das seines künftigen Alter Ego. Und so wenig man über den zweifachen Vater Wuttke weiß, so wenig solle man auch über den geschiedenen Kommissar Keppler wissen. „Krimis werden hierzulande immer mehr zu Gesellschaftsromanen.“ Nächste Zigarette. „Das will ich ein wenig zurückbauen.“ In Richtung Marlowe, Cottan, Detektive ohne Mütter, Hobbys, Biografien.

Das klingt fast nach Rebellion in einem Genre, das dem Privatleben der Protagonisten den gleichen Platz einräumt wie ihren Fällen. Doch Aufruhr ist Martin Wuttke eher fremd. Die Schule mit 16 verlassen zu haben, lag eher daran, dass der Halbwaise mit hart arbeitendem Vater dort erfolglos einen Familienersatz gesucht hatte. Und das Theater könne nichts mehr bewegen, ihr fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der Achtziger, das Subversive der Vorjahrzehnte. Bleibt das Fernsehen. Ein „Super-Medium“, wie es der TV-Neuling Wuttke nennt, „weil es Inhalte so breit vermittelt“. Und nun also sein Medium, solange es Instrumente zur Verfügung stellt, „die ich für mich nutzen kann“, statt ihn selbst zu instrumentalisieren. „Noch benutze ich den Tatort“, sagt er. Das Gegenteil würde ihn nervös machen, aber keinen Revolutionsimpuls auslösen. Höchstens Fluchtinstinkte.

Oder akribisches Hineinarbeiten. Noch so eine Parallele zu Andreas Keppler, der den Ort des Mordes schon mal räumen lässt, um dort mit ihm und sich allein zu sein, nicht auf der Suche nach Beweisen, sondern Atmosphären, einer Art Aura, nach Ruhe, die er auch abends beim Rotwein in der Pension findet. „Ich schätze die unverbindliche Freundlichkeit anonymer Hotels“, sagt Keppler durch Wuttke hindurch, „keiner ist recht daran interessiert, was einer macht“. Diese Vertrautheit der Fremde nomadisierender Schauspieler überträgt er auf auch seine neue Figur. „Man wird in gewisser Weise asozial“, er schweigt lange, „aber das kann ich durchaus genießen“. Eigentlich müsste man ihn einen Kauz nennen. Bleiben wir bei Eigenbrötler: Auf der Bühne genial, im Fernsehen ungewöhnlich. Aber bei Martin Wuttke dreht sich so was schnell mal um.

Der Text ist in ähnlicher Form in der FAZ erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort-novize-martin-wuttke-er-schlaegt-den-kragen-hoch-1542215.html



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