Slomo-Panik

fragezeichen_1_Wenn sich Menschen fiktional verfolgen, einigen sich Verfolger und Verfolgte nach rasanter Annäherung auf ein filmbares Einheitstempo. Mit Vorliebe in Schrittgeschwindigkeit. Merkwürdig

Das Wort Verfolgung hat auch bei langsamer Aussprache etwas ungeheuer Dynamisches. Und klemmt man dann noch das zusatzbeschleunigte „Jagd“ als Suffix hintendran, tritt es das Gaspedal erst so richtig durch. Wer verfolgt wird, tut folglich gut daran, stets einen gehörigen Sicherheitsabstand zwischen sich und dem Verfolger zu lassen, drückt also gehörig auf die Tube. Obwohl – muss eigentlich gar nicht sein. Denn die meisten Verfolger fahren eigentlich ziemlich gemächlich hinterm Objekt der Begierde her. Zumindest, sobald sie den Abstand von mehreren Kilometern in wenigen Sekunden auf Kirschkernspuckweite eingedampft haben. Merkwürdig.

Hat aber natürlich Gründe, zunächst mal einen rein visuellen. Denn Verfolgungsjagden ohne direkten Blickkontakt lassen sich filmisch schwer dramatisieren, weshalb Opfer plus Täter zugleich ins Bild müssen. Sobald sie es aber sind, also sehr bald, darf der Thrill fürs Publikum natürlich nicht so schnell vorbei sein; schließlich bestehen Filme, in denen Verfolgungsjagden prominent vorkommen, gemeinhin hauptsächlich aus, genau: Verfolgungsjagden. Deshalb werden die endlos auf Kleisterlänge gedehnt, egal ob motorisiert, zu Pferd, Fahrrad oder Fuß. Das bringt Zeit und Action und mündet manchmal in der Absurdität, Verfolgungsjagden in Schrittgeschwindigkeit zu vollführen. Ist aber auch egal, am Ende explodiert ohnehin der Böse.


Blaublutdurst und Hilfsgesuche

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 3.-9. Juni

Dass der Kapitalismus böse ist, dass er nicht nur entfesselt für allerlei Ungerechtigkeit sorgt, dass er also bestenfalls als Pest-Ersatz Cholera taugt, dürfte allen ohne Eigentümlich frei-Abo oder FDP-Parteibuch längst klar sein. Trotzdem ist es auch für Realitätsbewusste ein Schock, wie nach Moritz Bleibtreu weitere Kollegen mit Niveau dem Lockruf des Geldes ins Tal der Würdelosen folgen: Alexandra Maria Lara, Jürgen Vogel, Oliver Korittke – schauspielerisch einst Respektspersonen, jetzt nur noch selbstdarstellerische Raffzähne, die für ein wenig Kohle mehr ihren Ruf an McDonalds verhökern. Wie Markus Lanz die seine ans Kommerzpublikum. Wenn der Moraltalker kommerzielle Knallchargen von Stefan Raab über die Geissens bis Jürgen Drews zu zu Wetten, dass…? nach Mallorca lädt, zeigt sich, dass alle Moralattitüden am Ende doch nur Fassade zur Marktwertsteigerung sind. Immerhin hagelte es dafür mit die 7 Millionen Zuschauern die geringste Reichweite der Sendungsgeschichte.

Dann doch lieber die offen unmoralischen Lockruffolger. Wie Kai Diekmann, der seit einer Woche zurück aus dem Silcon Valley ist. Oder wie der schwarz gewendete Ex-Rotfunk WDR, der vorige Woche die Satire-Sendung Kebekus! zensiert hat. Das enthaltene HipHop-Video der Komikerin mit Vornamen Carolin, das in drastischen Bildern den Klerus aufs Korn nimmt, verletze religiöse Gefühle, hieß es aus Köln, wo man den Clip herausschnitt, weshalb Kebekus vom Einschalten auf Einsfestival abriet. Das ist zwar konsequent, aber kontraproduktiv. Insgesamt zählt der Spartenkanal ja selbst in zensierter Form zum Besseren am Bildschirm. Womit wir wie üblich an dieser Stelle bei RTL wären, das die Fortsetzung von Immer auf die Kleinen powered by Oliver Pocher, dem Entertainer mit der größten Diskrepanz zwischen Willsogern und Bringtesnicht seit Kaiser Nero, noch nicht mal mit Quoten rechtfertigen konnte, sondern allein mit dem Willen, das Nichts endgültig zum Senderauftrag zu machen.

Wobei ihm das ZDF mit diesem Nichts in nichts nachsteht. Dort wurde der Durst nach Blaublut Samstag durch die Hochzeit der schwedischen Thronfolgerinnenschwester mit einem windigen Investmentbanker gestillt. Live. Stundenlang. Und abschließend ist nicht geklärt, ob das Zweite wirklich weniger Kameras nach Stockholm geschickt hat als das Erste bis gestern in deutsche Flutgebiete. Dabei zeigte die ARD bis gestern wirklich jeden Tag nach der Tagesschau einen Brennpunkt und ritt damit ziemlich mutig auf des Messers Schneide zwischen Chronistenpflicht und Übersättigung. Immerhin brachten die Sondersendungen täglich Rekordquoten, die sogar RTL-Aktuell verzeichnete, was beweist: Sachthemen sind gar nicht so massenunwirksam. Vielleicht rufen sich die Verantwortlichen das mal kurz in Erinnerung, wenn sie das nächste Reportageformat für eine Schnulze Richtung Mitternacht verschieben.

Am interessantesten an der Bilderflut von der Wasserflut war jedoch ein Randaspekt: Taglang war auf Fotos und Filmen ertrinkender Städte ein Smart mit pinkem Dach zu sehen, als wäre es das einzig abgesoffene Auto zwischen Inn und Elbe gewesen. Das erinnert an die Bebilderung des zweiten großen Newsthemas der Vorwoche: Zur steuerlichen Gleichstellung Homosexueller. Die wurde ausschließlich mit schwulen Paaren illustriert, als seien lesbische nur ein schmückendes Accessoire heterosexueller Pornos.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 10.-16. Juni

Zumindest gelten Frauen welcher Geschlechterpräferenz auch immer nach wie vor bloß als schmückendes Accessoire heterosexuellen Fernsehens. Da lohnt es, der Frage nachzugehen, warum Tagesschau-Sprecherinnen ihre grundsätzlich langen Haare grundsätzlich über die linke Schulter hängen. Nie rechts, nie beidseitig. Aber keine Sorge: freitagsmedien prüfen, ob neben Judith Rakers und Linda Zervatis auch Susanne Daubner Linksträgerin ist. Zu prüfen wäre auch, ob die ARD das heutige Finale seines Zweiteilers Die Donau aus gegebenem Anlass inhaltlich ändert oder wenigstens dessen Untertitel Lebensader Europas dem Pegelständen anpasst. Keiner Prüfung bedarf es indes, ob Privatsender irgendwann aufhören, vermeintlich gewöhnlichen Menschen durch angeblich sachkundige, besser noch prominente Expertinnen das Leben zu erleichtern. Also schickt Sat1 diesen Mittwosch nach acht erst eine gewisse Julia Leischik auf die Suche nach verschwundenen Angehörigen, dann Silke Kayadelen nach dem perfekten Diätplan und schließlich das Urgestein Barbara Eligmann nach fiesen Vermietern.

Es wird halt gern gesucht im Kommerzfernsehen. Von Oliver Geissen etwa. Seit exakt zehn Jahren sucht der bumsfidele Hamburger Moderator jedes Formats, dessen letzte Hirnzelle doch schon bei zwei auf den Bäumen war, nach Hits jeder Art. Dass auch die 118. Ausgabe der Ultimativen Chart Show, die zum Geburtstag am Freitag nach der erfolgreichsten Single der deutschen Chartgeschichte sucht, als letzte Musiksendung abseits von Schunkelshow und Casting im hiesigen Vollprogramm gilt, hat jedoch nichts mit Musikalität bei RTL zu tun. Eher mit dem Ende anderer Formate und Sender: Alle abgewandert ins Pay-TV, verkommen zum Kuppelkanal oder einfach: mausetot. Mit freundlicher Unterstützung des Internets.

Derlei Sterbehilfe findet in einem Schwerpunkt zum gleichen Thema keine Erwähnung, was den Dienstagabend auf Arte indes kaum uninteressanter macht, dafür umso relevanter. Eine Kombination, die der Sender auch tags zuvor kultiviert. Um 22.40 Uhr läuft Schuld sind immer die anderen, das Regiedebüt von Lars-Gunnar Lotz, in dem ein Gewalttäter seine Reststrafe bei einem früheren Gewaltopfer verbringt, was es erst nach einer Weile bemerkt. Ziemlich psychodramatisch, ziemlich bedrückend, ziemlich gut. Wie die ARD-Reportage Sex – Made in Germany, in der Deutschland um kurz vor elf als unregulierte Metropole des globalen Prostitutiontourismus porträtiert wird.

Nach so viel harter (Spät-)Kost kann man sich ab Donnerstag die tiefgangsgestresste Seele ruhig mal mit etwas Oberflächlichem massieren: Der Arte-Zwölfteiler Odysseus. Nicht intellektuell, aber auch kein RTL2, wo Historienserien vergleichbarer Titel sonst gern laufen. Und dann ist ja auch schon fast Wochenende und Tom Buhrow wechselt vom Chefposten der Tagesthemen auf den des WDR. Bis dahin sollte also geklärt sein, wer ihm Montag ins Hamburger Studio folgt. Das Orakel sagt: Nachtjournal-Gesicht Ingo Zamperoni. Weil der sympathische Deutsch-Italiener für seine Halbzeitbitte im vorigen EM-Halbfinale, „möge der Bessere gewinnen“, einen nationalistischen Shitstorm erntete, wäre ihm der Posten auch zu gönnen, um die Tagesthemen wieder zu dem zu machen, was es mal war: Ein Straßenfeger.

Das war seinerzeit nämlich auch der Tipp der Woche: Das Halstuch, ein schwarzweißer Krimi-Klassiker. 3sat zeigt am Sonntagabend alle drei Teile, die 1962 ein ganzes Land zu Ermittlern gemacht hatte – bis der Kabarettist Wolfgang Neuß den Täter vorm Finale per Zeitungsannonce verriet und zum meistgehassten Deutschen hinter Marx, aber weit vor Hitler wurde. Als Fernsehen noch das Land bewegte…


Reisereportage: Seenlandschaft Lausitz

Lausitz-Ilse2Wasser aufs Teufelswerk

Einst war die Lausitz die Braunkohlegrube der DDR, seit sechs Jahren flutet man den alten Tagbau zur größten künstlichen Seenlandschaft Europas. 2018 soll das waghalsige Mammutprojekt vollgelaufen sein. Zur Halbzeit eine Reportage vom Anfang.

Von Jan Freitag

Als die Lausitz ihre Zukunft feierte, kamen die Indianer. Rainer Müller lacht über seine kleine Metapher. Der PR-Mann lacht überhaupt sehr viel, es klingt stets hoffnungsfroh. Lachend zeigt er auch zur Steilküste von Großräschen, dem Sitz seines Arbeitgebers, der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Herzen der Lausitz. Wie die Ureinwohner Amerikas in alten Western hätten sich die Ureinwohner Brandenburgs am Abhang der Braunkohlegrube Meuro im März aufgereiht, zu ihren Füßen ein karstiges Gebiet, das an die Filmkulisse einer Mondlandung erinnert. Es roch also nach Hollywood, als Brandenburgs Umweltminister jenen Hahn aufdrehte, der das frühere Tagbaugebiet in ein Badeparadies verwandeln soll. Ansonsten lag ein Duft aus Brauerei und Brackwasser über dem gigantischen Loch in der Erde. Doch auch wenn nirgends auch nur ein Strauch wächst, sind die blühenden Landschaften hier, an der Grenze zu Sachsen, keine ganz so hohle Phrase: die Lausitz ist bald nasser, als es ihre sorbische Übersetzung hergibt. Die „sumpfigen Wiesen“, sie werden geflutet.

Wo im Frühjahr die Sektkorken knallten, liegt 2018 der Grund des Ilse-Sees. Der Anleger ragt bereits 50 Meter ins Nichts und wo die Indianer standen, tauchen künftig Badegäste ein. Millionenfach, ginge es nach der Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) und ihrem Vermarkter, kurz IBA. Noch ist es nur eine größere Pfütze, doch mit dem Ilse-See wurde der Schlussakt zur Schöpfung der größten künstlichen Gewässerlandschaft Europas eingeläutet: dem „Lausitzer Seenland“. Die Müritz fände locker darin Platz. Auf hochwertigen Radwegen kann man die entstehende Seenplatte auf Hunderten Kilometern abradeln, ohne je bergauf zu müssen. Vorbei an Naturreservaten, Industriedenkmälern und 30 Gewässern, vernetzt durch 13 schiffbare Kanäle. Vorbei aber auch an den Monumenten des Scheiterns: Lausitzring, Cargolifterhalle, Resultate geplatzter Städtesanierung. Keine Frage – das Hauptrevier des DDR-Tagebaus zwischen Cottbus und Dresden sucht seine Bestimmung und sie lautet meist Tourismus. Andere Branchen sind nicht in Sicht, das einzige Kapital ist die Landschaft. Dennoch fällt der Wandel vom Arbeitsplatz zum Urlaubsort schwer. Deshalb sorgt Rainer Müller nicht nur für Fördermittel oder Eintracht der beteiligten Länder, sondern auch für die Überzeugungsarbeit vor Ort. Viele der zigtausend Exkumpel und ihre Familien, „verspüren an jedem fehlenden Industriedenkmal einen Phantomschmerz“, wie er es ausdrückt. „Die Industrie um uns stirbt schneller als die in uns.“

Es gilt somit, einen Spagat zu üben. Und das gerade dort, wo sich 150 Jahre lang außer den Baggern wenig bewegt hat. Kein Wunder, dass die Lausitzer am Barren der Veränderung ungelenkig wirken. Es bedarf der Vorturner, wagemutiger Unternehmer wie Karin Mietke. „Am anderen Ufer“, die Gastronomin weist mit ausgestrecktem Arm zum Horizont, „planen wir 50 schwimmende Häuser“. Noch wird der Partwitzer See geflutet, aus der Schwarzen Elster, ungefähr dort, wo die Braunkohle vor 30 Jahren das Elternhaus ihres Mannes verschlang wie 500 andere Orte der Region. Doch schon 2009, wenn er seinen Höchststand erreicht, soll der Bau ihrer Feriensiedlung zu Wasser beginnen. Noch ist dort nichts als Sand, Gestein und braunes Wasser. Doch Karin Mietkes Blick reicht weiter. „Das ist unser Masterplan.“ Die Mittvierzigerin, wie ihr Mann selbst im volkseigenen Erdaushub tätig, steht auf den Planken ihres Erfolgs. Sachte schaukelt das erste schwimmende Hotel im Frühlingswind. Der gediegene Containerbau, wirkt etwas verwegen für die ländliche Gegend. Äußerlich kubistisches Holzdesign, im Innern schlichte Effizienz für vier Personen, der Blick von der Terrasse auf den Sonnenuntergang ist märchenhaft. Als Dank für dieses Schmuckstück privater Initiative gab es von der IBA den Titel „Referenzobjekt“. Es soll Nachahmer anlocken und natürlich Gäste. Aus Sachsen, aus Berlin, am Besten aus dem ganzen Land.

Das Wasser unterm doppelstöckigen Appartement ist zwar noch sauer, aber nicht giftig. Eisen aus der Grube färbt den langen Holzsteg braun, Fische gibt es keine und das Baden wird eher geduldet als erlaubt. Doch die Besucher stört das kaum. Das Gästebuch ist voll des Lobes, eine Berlinerin schwärmt vom Heiratsantrag, den Sie an Bord bejahte. Die ersten waren mehrfach da. 500.000 Euro hat Karin Mietke allein in den bebauten Ponton gesteckt, erwirtschaftet aus dem Reiterhof ihres Mannes in Sichtweite. Verglichen mit all den künftigen Investitionen sind das Peanuts. Es geht voran im touristischen Aufbruchsgebiet. Offiziell heißt es „Bergbaufolgelandschaft“ und seine Veredelung zur Seenwelt samt Aufforstung „Melioration“. Für die Verantwortlichen scheint alles nur eine Frage der Zeit. Scheitern? Ausgeschlossen! Dafür stecken zu viel Geld, Zeit und Risiken im Mammutprojekt. Yachthäfen sind geplant, Sportevents, Freizeitparks sowieso und die ganze Bandbreite schwimmender Gasthäuser. In Großräschen entsteht ein Luxushotel und die IBA-Terrassen, ein mondänes Infozentrum mit Restaurant, sind architekturpreisgekrönt. Doch bis von dort aus planschende Kinder zu sehen sind, muss der Charme zerfurchter Erde reichen; noch gibt es stattdessen geführte „Touren zum Mars“. Die Zeit bis zum Anbaden ist lang und Legislaturperioden kurz. Es geht um viel Prestige und stolze Etats. Von neun Milliarden Euro ist die Rede.

Die Bundesländer sind Partner, aber auch Konkurrenten. Mit unterschiedlichen Messlatten zudem. Karin Mietke musste im Genehmigungsverfahren gleich drei Behörden zufrieden stellen. Und während ihr Hotel in Sachsen „Boot“ heißt, nennt sich das Brandenburger Folgemodell – eine Tauchschule samt Beachbar am Gräbendorfer See – „Haus“. Dort ist alles zum Ansturm bereitet, selbst ein Beachvolleybaldfeld gibt es auf dem feinen Sandstrand, auch wenn es bei hohem Wasserstand gespült wird. Bald wird der Extagbau freigegeben, als einer der ersten nach „Dresdens Badewanne“, der Grube Niemtsch, die schon 1973 zum Senftenberger See wurde. Ein Stück Brandenburg für die Sachsen – der IBA sind derlei Befindlichkeiten egal; Wasserhotels nennt sie salomonisch „schwimmende Architektur“. Ob sie tatsächlich Massen anlocken? Für Karin Mietke sind Risiken kein Indikator für Machbarkeit. Ohne Abenteuer, sie streicht sich eine gefärbte Strähne aus der Stirn, „macht’s doch keinen Spaß“. Doch die Grenze zwischen Abenteuer und Illusion ist fließend. Wie in Plessa. Auch am Westrand des Seenlands will man hoch hinaus. Höher als der Schornstein des Braunkohlekraftwerks. Allein sein Erhalt verschlingt mit 1,5 Millionen Euro ein Drittel aller Fördergelder für den Wandel zum Erlebnispark aus Technodisko, Museum, Arbeit. Zur Eröffnung gibt es Wurst und Reden und eine Heimatband mit Heimorgel. Doch gegenüber der Bühne wird er wieder geübt, jener Spagat des Wandels. Ein Teil der riesigen Werkhalle ist saniert, der andere ruiniert, in der Mitte baute die IBA eine Mauer. Zur Sicherheit. Davor stoßen die Illusionen aufeinander, eine trügerische, eine geplatzte: Gewerbe wolle man anlocken, sagt die Projektleiterin feierlich, zur Produktion von Biodiesel etwa. „Hier hab ich gelernt“, flüstert daneben ein Frührentner mit Nelke im Revers, „jetzt ist alles kaputt“. Die meisten Besucher an diesem Maifeiertag sind Entlassene wie er. Wie gesagt: Die Industrie um uns stirbt schneller als die in uns. Und auf dem Weg entstehen Träume vom Ferienparadies mit Tagbauromantik.

Sie speisen sich aus dem Glauben an einen Boom regionaler Reiseziele, den man sich in Zeiten leerer Geldbörsen und des Klimawandels erhofft. Wenn neben Badespaß noch Industriekultur geboten wird – umso besser. Es ist das Nebeneinander von alter Arbeit und neuem Entertainment, aus dem das Gebiet sein Flair bezieht. In Lichterfeld können Urlauber schon bald ihre Zelte unterhalb der ausgedienten Förderbrücke F 60 aufschlagen. Campen unterm Koloss vom Gewicht des Eifelturms, nur länger, dafür liegend. Ein absurdes, aufregendes Ambiente. Auch hier wird geflutet, der Bergheider See. Auch hier sind schwimmende Hotels geplant. Es geht um Landmarken, Wiedererkennungswert, Charakter. Gott, so lautet ein Sprichwort, schuf die Lausitz und der Teufel legte die Kohle drunter. Jetzt, wo sie der Mensch kaum noch braucht, kippt er Wasser drauf und Gott hat seine Lausitz wieder. So hofft man im Seenland.


Heimatliebe, öffentlich-rechtliches Kernthema

Im Baedeker-Rausch

Mit Lust auf Deutschland beweist die ARD seit Dienstag (16.10 Uhr) täglich, in welch kritiklosen Jubelpatriotismus der öffentlich-rechtliche Auftrag bisweilen mündet. Statt Regionalität zu fördern, liefern besonders die Dritten oft bloß bräsige Heimattümelei.

Von Jan Freitag

Fernsehen wirkt manchmal wie Bierwerbung. „Deutschland ist schön“, schwelgte zum Beispiel mal eine aus dem schönen Erding, „seine Landschaften sind typisch, die Bauwerke weltberühmt“. So ähnlich klingt es oft, wenn das Öffentlich-Rechtliche in seinen ersten drei Programmen die Tage bis zur Nacht füllt. So ähnlich klingt es auch, wenn die ARD ab heute den Standort im Ganzen zum Dokutainment-Schauplatz macht. Lust auf Deutschland heißt das neue Stück biederer Blut- und Bodenkunde zu Kaffeezeit. Sechs Wochen lang lässt es je „fünf bekennende Nord- und Südlichter“ täglich „Vielfalt und Bandbreite, die unser Heimatland bietet“ entdecken.

Darauf zwei, drei Weißbier.

Denn wie im Rausch werden die Flachländer André, Jasmina, Jürgen, Frank und Diana wie ihre Gebirgsrivalen Peter, Konny, Gege, Hans und Daniela auf einer Rallye zwischen Glücksburg und Bodensee, Eifel und Eisenhüttenstadt geschickt. Zu erleben gibt es für sie nix als tolle Geschichten toller Menschen toller Gegenden. In dreiviertelstündigen Einzeletappen gilt es für beide Teams nämlich nur, richtig Weißwurst oder Austern zu essen, Kölsch zu sprechen oder Sächsisch, bergzusteigen oder wattzuwandern. Das Ziel ist, Klischees und Vorurteile jeder Art so zu verinnerlichen, um diverse Quizfragen über Land und Leute beantworten zu können.

Es geht also ausschließlich um die schönen Seiten der erstaunlich makellosen Werbespotrepublik Deutschland. Rassismus dagegen, Armut, Verfall, Schuldenfallen, Ungerechtigkeit oder auch nur lange Gesichter werden dem Publikum garantiert nirgends zugemutet, bis sich die zwei Reisegruppen ausgerechnet an der national bedeutsamen Wartburg zum Finale treffen. Immerhin ist das Format aus Sicht von Birgitta Kaßeckert, Redakteurin beim verantwortlichen BR, „ein Stück Heimatkunde zum Wohlfühlen“. Und weil das generell ein Strukturprinzip gebührenfinanzierter Unterhaltung ist, gewinnt man oft den Eindruck, ARZDF seien bisweilen von Fremdenverkehrsämtern gestaltet.

Dafür reicht ein Blick aufs kommende Wochenende: Nach der zünftigen Morgenshow Immer wieder sonntags im Zweiten, kriegen vor allem die Zuschauer der Dritten eine Art freundliche Wurzelbehandlung: Im NDR feiert Mein schöner Land TV den Norden und beim RBB der Musikantendampfer den Osten, das BR-Magazin Bergauf-Bergab besingt den Süden und Das große Hessenquiz die betroffene Region. Und während der MDR quasi 24 Stunden vom 14. Thüringentag schwärmt, verlässt der WDR in seiner Reihe Wunderschön! nur ausnahmsweise mal die Landesgrenzen. Ansonsten wird dort zwischen Rhein und Ruhr allem stets vorbehaltlos gehuldigt.

Bei so viel Lokalpatriotismus im modernisierten Sound der Fünfziger fragt sich allerdings, ob das noch Bundesvaterlandsliebe ist oder schon Kleinstaatsnationalismus. Bayerns Rundfunk, 1964 als erstes Drittes auf Sendung, prügelt seine Doktrin schließlich schon mal live von der Großdemo gegen das Kruzifix-Verbot unters Publikum und der Mitteldeutsche Rundfunk hat sich bekanntlich schon vor Jahren vom seriösen Fernsehen jenseits biederer Trachten- und Ostalgieshows verabschiedet. Dabei hat das Loblied auf die eigene Scholle in Zeiten globaler Entwurzelung durchaus gute Gründe. Die Dritten, sagte Patricia Schlesinger vor einiger Zeit zu einem ähnlichen Thema, sollen Bewohnern „Heimat im positiven Sinne“ bieten. „Lokal fühlen, global denken“, lautet das Credo der NDR-Kulturchefin. Und Anja Görzel vom SWR hielt im selben Zusammenhang den Bezug zum Sendegebiet gar für ein „Alleinstellungsmerkmal“, Heimat und Lokalpatriotismus inklusive. Zumindest, sofern man den „Spannungsbogen zwischen Hightech, Moderne und Tradition schlägt“.

Allzu oft aber bleibt von Stoibers berühmter Dualität aus Laptop und Lederhose nur das traditionelle Beinkleid übrig. Und das, obwohl selbst Landesrundfunkgesetz von den Sendeanstalten allenfalls fordern, die Aspekte Bildung, Unterhaltung, Nachrichten zu liefern. Von Regionalität ist da nie die Rede, von kritikloser schon gar nicht. Im Gegenteil: Als die Dritten Programme gegründet wurden, sollten sie kulturelle Nischen besetzen, die von den Hauptsendern zum Wohle der Massenbefriedigung nicht mehr gefüllt werden konnten.

Umso mehr stellt sich nun die Frage, ob regional verankertes TV wirklich zwingend an Baedeker-Kataloge aus der konfliktscheuen Nachkriegszeit erinnern muss. Ausgabe „Garmisch-Partenkirchen“ zum Beispiel. „Ob Sommer oder Winter“, deliriert der Sprecher zu Beginn von Lust auf Deutschland aus dem Off – „die Bergwelt rund um die Zugspitze ist zu jeder Jahreszeit eine Reise Wert.“ Dass dies bis vor 68 Jahren für Juden, Linke, Homosexuelle und ähnlich ungarmisch-partenkirchenerische Menschen irgendwie nur eingeschränkt galt, womit die Garmisch-Partenkirchener heute nicht so gern behelligt werden, muss man den Zuschauern am Nachmittag ja nicht auch noch erzählen. Da ist Deutschland eben einfach schön.


Christian Redl, Hamburg 2009/13

RedlChristian08RaketeFür Mist bin ich zu alt

Foto: Jim Rakete/photoselection

Seit Jahrzehnten liefert der Schauspieler Christian Redl stille Charakterrollen für Film und Fernsehen, meistens in tragenden Nebenrollen. Als melodramatischer Ermittler einer gefeierten Krimireihe tief im Osten der Republik brilliert der 65-jährige Schleswig-Holsteiner auch mal in einer Hauptrole. Interview mit einem unbekannten Star über seinen Kommissar in Der Tote im Spreewald (z.B. Montag, 20.15 Uhr, ZDF), deutsche Mythen, das quotensüchtige Fernsehen und die Angst vorm Verfall. Interview mit einem unbekannten Star.

freitagsmedien: Herr Redl, in Der Tote im Spreewald heißt es an einer Stelle, „Heimat kann man sich nicht wie Dreck von den Füßen wischen“. Ist das nur Zitat oder auch Appell?

Christian Redl: Beides. Man darf das nicht zu sehr aufladen, aber dieser Heimatbegriff ist ein sehr gestriger mit sehr heutigen Komponenten. Ich denke, man muss seine Heimat erst einmal in Gefahr sehen, um ein Verlustgefühl, ein Erhaltungsbedürfnis, ein Interesse daran zu entwickeln.

Spüren Sie das auch privat?

Überhaupt nicht. Meine Heimat ist meine Hosentasche. Mir ist es Wurscht, wo ich bin, so lange ich da gerne bin.  Heimat ist für mich da, wo ich mich gerade aufhalte.

Die Masse verbindet weit mehr damit.

Ja, es kommt aber drauf an, in welchem politischen Lager man steht. Heimatgefühle an sich sind durchaus natürlich. Wenn sie aber zur nationalistischen Kategorie ausgestaltet werden, zum übergeordneten Zugehörigkeitsbegriff, hab ich damit meine Probleme.

Je größer das Entwurzelungsgefühl, desto größer die Sehnsucht nach Heimat.

Wo Grenzen verschwimmen, Konzerne multinational sind, Menschen den Wohnort wechseln wie ihre Hemden, wo alles haltlos wird, gewinnt der Heimatbegriff ein Stück seiner Wärme zurück. Insofern ist dieser Film zeitgemäß, weil er Menschen zeigt, die handeln, leben, fühlen wie in den Fuffzigern. Darin schwingt ohne Frage eine Sehnsucht nach Überschaubarkeit vergangener Zeiten: zurück zur Natur, zurück zu alten Werten. Nicht ohne Grund ist der Hauptdarsteller dieses Films eigentlich…

Der Wald.

… ganz genau. Er ist Stimmungsspeicher und -lieferant. Erst sind die Bäume da, dann Konflikte.

Fast ein Wagner’sches Element.

Absolut. Wie und womit ist denn unser Wald besetzt? Welche Kraft legt man ihm zugrunde? Welche Mythen, Ängste, Bilder, Albträume, Märchen verbirgt er?

Haben Sie diesen Mystizismus gespürt, als Sie darin gedreht haben.

Das sehe ich wie ein Kameramann: tolle Motive in einer Landschaft, die die Phantasie in alle Richtungen mobilisiert. Wenn man da mit einem technisch hochgerüsteten Filmteam dreht, wird er automatisch entmystifiziert. Das ist wie mit Liebesszenen. Es geht um Inszenierung – den Arm hierhin, die Hand dort hin; das ist alles andere als erotisch. Die Vorstellung, in einer natürlichen Atmosphäre bilde sich eine natürliche Magie, ist purer Romantizismus. Als Anthony Hopkins gefragt wurde, wie er sich auf Hannibal Lector vorbereitet hat, meinte er, es gäbe Kollegen, die das Method Acting so weit trieben, alle Gerüche, Bilder, Emotionen einer Rolle so lange auf sich einwirken zu lassen, bis sie zu etwas Eigenem werden. Er dagegen lerne den Text, gehe zum Set, den Rest überlasse er seiner Phantasie. Das verstehe ich unter schauspielerischer Professionalität.

Kann man dafür veranlagt sein?

Man muss lernen, sich von nichts und niemand irritieren zu lassen. De Niro spielt den Hamlet in einer vollbesetzten U-Bahn, das macht den Superstar aus, nicht seine Gage, nicht die Einspielergebnisse. Es geht um die Fähigkeit, sich selbst im hysterischen Umfeld, konzentrieren zu können. Begabung, sagt Ulrich Tukur, nützt gar nichts, wenn du sie nicht im Griff hast.

Haben Sie sie im Griff?

Mal so, mal so. Ich muss hart arbeiten, um sie zur Wirkung kommen zu lassen.

Was ist mit der Herzog-Kinski-Konstellation zweier Berserker, die aufeinander einprügeln, um spielen zu können?

So funktionieren die wenigsten Charaktere. Wobei der wirklich Irre keineswegs Kinski war, sondern Herzog mit seiner introvertierten Kälte. Er meinte ja ganz ruhig, wenn du das nicht so spielst, schieß ich dich übern Haufen. Gegen den Moment der Wahrhaftigkeit wirkten Kinskis Wutausbrüche wie lächerliches Theater. Diese reale Gefahr im Wahnsinn hat die beiden Antipoden zusammengehalten.

Ihr Spiel ist da anders: reduziert, leise, bedächtig.

Das kommt auf die Rollen an, aber ich persönlich bin eher zurückhaltend – im Leben, wie im Spielen. Ich mag Lino Ventura oder Jean Gabin, die große Stillen des Autorenkinos. Die regeln alles mit ihrer Persönlichkeit, ohne sich mit Attitüden aufzuladen. Sie stellen sich einer Rolle mit ihren Gesten, ihren Stimmen, ihrem Selbst zur Verfügung. Das versuche ich auch, was natürlich manchmal zu Lasten der Wandelbarkeit geht. Die ist nicht jedem gegeben.

Ihnen etwa auch nicht?

Doch, doch, im Theater durchaus. Aber im Fernsehen… Dass ich auch sehr komisch sein kann, kann sich beim Fernsehen offenbar niemand vorstellen. So besetzt man mich einfach nicht. Meine Visage und meine Ausstrahlung signalisieren offenbar das Bild eines Mannes mit krimineller Energie. Nach Vielseitigkeit wird nicht gefragt. Diese eindeutige Physiognomie ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits verdiene ich damit mein Geld, andererseits finde ich mich in einer sehr ernsten, engen Kategorie wieder. Zum Glück hat sich das im Laufe der letzten Jahre verändert; den Bösewicht spiele ich nur noch ab und an.

Und dann in totaler Zurückhaltung.

Darüber hat Michael Caine ein schönes Buch  geschrieben: Weniger ist mehr. Das Entscheidende im Film sei, nicht zu überzeichnen, sondern ein wenig zu untertreiben in Ausdruck und Gestaltung, sehr ökonomisch, sehr dosiert.

Der Trend geht allerdings zum mehr ist mehr.

Dabei hat Fernsehen doch diesen Riesenvorteil, dass ein einziger Blick eine ganze  Geschichte erzählen kann, ein Blick, den man im Theater ab Reihe 5 nicht mehr sieht. Doch das minimalistische Fernsehen hat sich teilweise den Maximalismus der Bühne angeeignet. Paradox!

Meinen Sie, es kommt noch mal eine Phase bedächtigen, doch ausdrucksstarken Fernsehens zurück wie Berlin AlexanderplatzKir Royal, die Dietl-Schule?

Die 80er? Schwer zu sagen. Wir leben in einer Zeit ausgeprägter Konzentrationsunfähigkeit, einer Zeit der Reizüberflutung, in der sich die Menschen millionenfach totlachen, wenn Mario Barth Witze macht. Da kommt mir alles hoch. Da lachen sogar jene, über die auf Stammtisch-Niveau hergezogen wird: Frauen, oft ganz hysterisch. Ziemlich armselig und erbärmlich finde ich das.

Trotzdem neidisch über 70.000 Live-Zuschauer?

Überhaupt nicht, nicht mal aufs Geld. Aber wenn man so will, ist Der Tote im Spreewald da die Konterrevolution, eine kleine, bewusste Antwort auf die grelle, laute Oberflächlichkeit. Und ein Gegenentwurf zu Filmen ohne Überraschungsmomente, mit Dreiecksbeziehungen, die sich zwanghaft duplizieren, so genannten Events wie Luftbrücke oder Sturmflut, mit vorhersehbarer Dramaturgie, die sich den Werbepausen unterordnet. Die Sender befinden sich heute in einem gnadenlosen Wettbewerb, selbst ARD und ZDF nehmen ohne Not neue Ansätze wie Kommissar Süden nach zwei Folgen aus dem Programm oder versenden sie im Nirgendwo. Alles wegen der Quote!

Umso erstaunlicher, dass die bei Geheimnis im Moor gestimmt hat.

Und das, obwohl kein Quotenschauspieler dabei war.

Ist Quote für jene, die sie nicht durch bloße Anwesenheit generieren, ein Schimpfwort?

Nein, aber wenn ein Regisseur dich will, kommt nicht selten der Produzent oder Redakteur und sagt unabhängig aller fachlichen Eignung für die Rolle, er sei mangels Quotenerwartung ungeeignet. Kein Wunder, dass mir nach Tod in der Eifel zur Quote gratuliert wurde, nicht zur Leistung. Das ist wie aufm Viehmarkt; man wird zwangsverpflichtet, sich mit diesen Erwartungen auseinanderzusetzen und ich merke bereits, wie dieses Gift durch meine eigenen Adern fließt. Also Schluss jetzt mit dem Quotenthema.

Sie haben angefangen.

Stimmt, weil alle so fassungslos waren, dass etwas Zurückgenommenes, Leises, Intimes wie Geheimnis im Moor noch Quote bringt. Nur: was machen denn die 5000 Quotenhaushalte, wenn der Fernseher läuft – Zuschauen, Suppekochen, Angelngehen? Das ist alles so ungenau.

Hinzu kommt die Heisenbergsche Unschärferelation, dass die Probanden genau wissen, beim Fernsehen beobachtet zu werden.

Was zweifelsohne zu gezieltem Sehverhalten führt, aber eigentlich will das niemand so genau wissen. Keiner will das Goldene Kalb eingehend untersuchen, geschweige denn schlachten. Der Quoten-Wahn kreiert Existenzen ebenso, wie er sie vernichtet. Wer oben, wer unten steht, entscheidet ein virtueller Wert ohne empirischen Nutzen.

Wie kam es abseits der Quotenfrage zu einem so sperrigen Thema wie einem Krimi mit Minderheiten-Problematik im polnischen Grenzgebiet?

Wahrscheinlich, weil dieser merkwürdige, unheimliche, abgelegene Spreewald so völlig unverbraucht war, ohne komplett unvertraut zu wirken. Dennoch verwendet der Film diese Gegend samt ihrer Minderheit in erster Linie als Folie. Als Schauspieler ist man eigentlich dauernd auf der Suche nach einer Metaebene, auch wenn man selten fündig wird.

Nach einem soziokulturellen Bezug?

Genau. Minderheitenproblematiken in bedrohter Umwelt haben fraglos einen aktuellen Impetus. Aber als Schauspieler bin ich nur Arbeitnehmer, abhängig von Arbeitsbedingungen und dem Drehbuch. Da kann ich dann nur hoffen, dass ein bisschen mehr Sinn und Substanz in einem Landschaftsfilm wie diesem steckt, als in dem Steilküstenkitsch der Marke Pilcher. Die Konflikte der Protagonisten rühren aus der Konfrontation zwischen Tradition und Moderne.

Fürchten Sie im Erfolgsfall zum Fernsehkommissar ohne Rückfahrkarte zu werden.

Im Gegenteil: durch die Krise hat sich auch unsere Arbeitssituation verschlechtert. Die Angebotslage ist für immer mehr Schauspieler äußerst dünn, obwohl es sich langsam bessert. Das zeigt sich bei den Gagen, die inzwischen so gewaltig runtergehen, dass man beim Casting lange vorm ersten inhaltlichen Gespräch zu hören kriegt, wie wenig Geld man zu erwarten hat. Andererseits sinkt die Zahl guter Rollen. Viele Projekte werden aus purem Kostendenken zurückgehalten. Das spüre ich ganz persönlich. Insofern würde ich mich über einen dritten Spreewald-Teil freuen.

Sie waren aber nie ein Vieldreher.

Meine Auswahl orientiert sich weniger an monetären Erwägungen als an der Lebenszeit, die ich mit einer Arbeit verbringe. Wenn ich mich entschließe, mitzuspielen, sollte das Projekt im weitesten Sinne mit Qualität zu tun haben. Für Mist bin ich zu alt.

Wenn auch nicht für RTL-Blockbuster wie Schatzinsel oder Vulkan. Wo ist die Schmerzgrenze?

Wenn sich Charaktere nur aus Plattitüden zusammensetzen. Aber glücklicherweise fragt mich ja auch keiner danach, Pilcher oder irgendwelche seichten Serien zu spielen. So entgehe ich der Gefahr, über meinen Schatten springen zu müssen und doch mal etwas zu drehen, was ich mir lieber verkneifen würde.

Gerade im Alter, wo man nicht mehr so oft gebucht wird.

Ich denke, dass man mich noch eine ganze Weile gebrauchen kann. Auf mich sollte man nicht verzichten. Außerdem hätte ich mir vor 20 Jahren nicht träumen lassen, dass ich mich mit über 60 noch so wohl fühle.

Fürchten Sie sich dennoch vorm Verfall?

Schon, aber er ist ja vorhersehbar und meine Haare sind mir schon mit 19 ausgegangen. Der Kreis schließt sich und irgendwann ist es vorbei. Ich versuche schlicht und einfach, bereit zu sein. Das beugt Hysterie vor. Altern ist eine Frage der gedanklichen und physischen Vorsorge, um von dem unvermeidlichen Ende nicht allzu sehr überrascht zu werden.

Ist man am Ende allein oder gibt es Freundschaften in der Branche?

Ja, wenn man sich der Spielregeln bewusst ist. Aber unter Schauspielern gibt es keine wirkliche Solidarität. Letztlich ist sich jeder selbst der Nächste.

War das mal anders?

Ich habe in den Siebzigern an Mitbestimmungsexperimenten mitgewirkt. Es war der Versuch am Theater in Frankfurt, autoritäre Strukturen zu beseitigen. Drei Direktoren, Beirat, Vollversammlungen – morgens Probe, mittags Sitzung, abends Auftritt, nachts debattieren und trinken. Da wurde alles öffentlich ausgehandelt, selbst Besetzungen. Man musste sich vor versammelter Mannschaft anhören, für den Woyzcek womöglich doch zu wenig Ausstrahlung zu haben. Auch Einflussnahme kann schmerzhaft sein. Das zeigten sich rasch die Grenzen der Mitbestimmung in der Kunst. Wie sagte Werner Herzog: Jeder für sich und Gott gegen alle.

Interview: Jan Freitag

Das Interview ist Ende 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/2.1756/christian-redl-im-gespraech-fuer-mist-bin-ich-zu-alt-1606065.html


Designerbullenbuden

fragezeichen_1_Im Fernsehen gibt’s genau drei Sorten Wohnraum: billige Absteigen, geerbte Villen und Designerlofts. In letzteren wohnen sogar Putzfrauen und Polizisten. Merkwürdig

Heino Ferch spielt gern Filmpolizisten. Gut, er spielt sie nicht wirklich, sondern liefert bloß seine stoische Einheitsmimik in der Kamera ab. Aber Filmpolizistenarbeit ist ja auch wirklich zu hart für freundliche Blicke. So hart übrigens, dass sich Filmpolizisten wie Ferch nach Feierabend nicht wie reale Polizisten und ähnlich unterbezahlter Arbeitnehmer in Mietwohnungen oder Reihenhäusern entspannen, sondern in elitären Lofts von Stararchitekte wie Koolhaas, Gehry, Libeskind, mindestens. Kubische Prachtbauten sind das in gedeckten Farben mit elektronischem Housekeeping zum gediegenen Mobiliar. Nicht schlecht fürs Gehalt angestellter Ermittler.

Aber auch nachvollziehbar. Denn abgesehen davon, dass Villen jeder Art einfach mehr Platz für dreißigköpfige Drehteams bieten, gibt es noch eine Art Gerechtigkeitsgrund. Während der echte Durchschnittsbulle in seiner Laufbahn nämlich statistisch gesehen vielleicht fünfmal die Waffe zieht, hat der fiktionale Durchschnittsbulle oft schon in der Anfangsszene scharf geschossen. In Anschluss wird er dann regelmäßig suspendiert, entführt oder eingeschleust, dazu beschossen, getroffen und dennoch nie befördert. Im widerfahren also Dinge, die ganze Brennpunktkommissariate nicht mal pro Schicht und Jahr schaffen. So viel Ballast auf einer einzelnen Filmermittlerschulter lässt sich der Fernsehstaat eben was kosten. Designervillen for free zum Beispiel, in Miami gern noch mit Ferrari obendrauf. Erst die Arbeit und dann…


Männerwirtschaft und Vaterlandsliebe

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 27.Mai-2.Juni

Die vorige Medienwoche bestätigt mal wieder ein physikalisches Grundgesetz: Energie wird nie verbraucht, sondern nur in andere Zustände verwandelt. Der Nachricht, dass Frederic Meisner auf den Flatscreen zurückkehrt (wenngleich online), folgte nämlich stehenden Fußes die, dass ihn Reinhold Beckmann verlässt (also den zum Fernsehempfang). Während die Exhumierung des Glücksrads soziokulturell eher verzichtbar scheint, stellt das Ende von Beckmanns Talkshow ab 2014 jedoch durchaus einen Verlust dar. So viel im Fernsehen auch geredet wird – donnerstags tut es da ein Gesprächsvirtuose, dem zu Unrecht unterstellt wird, so selbstverliebt wie überflüssig zu sein. Das war er selten. Womit er sich grundlegend von einigen Kollegen unterscheidet.

Andererseits dürfte Beckmanns Abgang die Debatte darum beenden, welcher ARD-Talk denn nun abgeschafft wird. Und damit auch die Gefahr, dass es im beharrlich sexistischen System Stromlinien-TV eine der zwei Frauen trifft. Noch gleichberechtigter hätte es zwar geklungen, wenn Programmchef Volker Herres am Mittwoch nicht verkündet hätte, der Sieger des Intendantencastings im WDR sei „ein Mann, der komplexe und brisante Themen allabendlich kompetent vermitteln kann“, sondern eine Frau. Also Siegerin. Aber das war ohne Kandidatin natürlich kompliziert. So ist es Tom Buhrow, der das größte ARD-Haus fit für die digitale Zukunft machen soll. Eine Aufgabe, so aussichtsarm, dass dem Tagesthemen-Ansager nach Jahren wundersamen Zuwachses am Tag der Verkündung plötzlich das graue Haar büschelweise ausgefallen zu sein schien.

Ebenso wundersam scheint es von dort aus Kai Diekmann ins Gesicht gerieselt zu sein. Mit Hipstervollbart verkündete der Bild-Boss nämlich folgende Kernerkenntnis seines leider doch nicht lebenslangen Praktikums im Silicon Valley : Ab 11. Juni wird sein Blatt im Netz zu 20 Prozent kostenpflichtig sein, langfristig zur Hälfte. Fragt sich, ob man dem Projekt nun Glück oder Pech wünschen soll. Glück, weil es unerlässlich ist, dass die Netzgemeinde journalistisch erstellen Inhalt finanziell zu würdigen lernt. Pech, da Bild.de wie seine gedruckte Mutter nur selten journalistisch erstellten Inhalt liefert, sondern in der Unterhose erdachten Wortmüll. Den hat auch Thomas Thuma abgesondert. Der Ressortleiter Wirtschaft beim seriöseren, aber oft wesensverwandten Spiegel, zeihte die wichtige Initiative ProQuote für mehr Frauen in publizistischen Spitzenpositionen als „Scheinriesinnen bei der Lobbyarbeit in eigener Sache“. Zu blöd, dass er es ausgerechnet in jenem Blatt tat, dass wohl länger auf eine Chefredakteurin warten wird als Germany`s Next Topmodel auf einen Mann mit Siegerinnenkrönchen. Wobei auch dessen Namen wenige Wochen nach dem Gewinn vollends vergessen wäre wie der diesjährige von, na, wie hieß sie noch gleich…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 3.-9. Juni

Sarah Judith Mettke vielleicht? Nein, das ist die Regisseurin eines Films, der garantiert keiner Zuschauerin aus Heidi Klums Fleischbeschau auf den Bildschirm gerät. Er heißt Transpapa und zeigt den grandiosen Devid Striesow am Donnerstag als Vater, der spät erkennt, im falschen Geschlecht zu leben. Zu sehen, danke ARD, um 23.15 Uhr. Aber die Primetime ist ja auch vom Quiz der Menschen mit Dr. Hirschhausen verstopft, der es ja auch sonst wirklich schwer hat mit prominenten Sendplätzen. Auf denen läuft übrigens zeitgleich Nur eine Nacht, was exakt so bescheuert ist, wie es klingt. Ein Tanzfilm, mit dem sich das ZDF derart berechenbar an die Pro7-Kernzielgruppe unter 14 ranwanzt, dass man MTV plötzlich wieder für einen Musikkanal halten könnte.

Aber natürlich nicht so dämlich, dass es dem, womit die ARD ab morgen sechs Wochen lang die Nachmittage füllt, auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. Lust auf Deutschland heißt allen Ernstes, was im Ersten unter Dokutainment firmiert und fortan je fünf „typische Nord- und Südlichter“ durch die Republik schickt, um im Wettstreit zu zeigen, dass zwischen Ostsee und Alpenrand, Rhein und Oder alles, aber auch wirklich alles toll ist. Armut, Gewalt, Verfall oder auch nur Unfreundlichkeit ist also von den Menschen Dutzender Klischeeorte kaum zu erwarten. Heimatduselei ist schließlich das Strukturprinzip des öffentlich-rechtlichen Nachmittags, vor allem in den Dritten.

Um dem zu entkommen, muss man also umschalten auf die Spartenkanäle mit Anspruch und Niveau. Arte zum Beispiel, wo ab Freitag Parade’s End startet, eine Koproduktion von HBO und BBC, die in Doppelfolgen das derzeit ziemlich angesagte TV-Thema Fin de Siècle und wie es sämtliche Traditionen der damaligen Welt über den Haufen warf aufgreift. Die Blaupause für diesen famosen Sechsteiler läuft übrigens ab Donnerstag zuvor bei ZDFneo: Downton Abbey. In der übersetzten Fassung ist der schleichende Untergang eines britischen Adelsgeschlechts nach dem ziemlich plötzlichen der Titanic zwar weit weniger gehaltvoll als im Original. Aber immerhin wird sie zu einer angenehmen Sendezeit (20.15 Uhr) ausgestrahlt, und das ohne Werbepausen. So wie am Mittwoch zuvor eine der wunderbarsten Filmkomödien überhaupt: Be Kind Rewind auf Arte, wo Jack Black einer kaputten Videothek aus der Patsche hilft, indem er mit seinem Kumpel (Mos Def) versehentich gelöschte Filme nachdreht. Weniger romantisch als verstörend, aber nicht minder sehenswert ist Dienstag zuvor an gleicher Stelle Weißes Blut. Die beeindruckende Doku erzählt, wie deutsche Weltkriegswaisen den Buren in Südafrika helfen sollten, eine arische Elite aufzubauen.

Bei so viel schmerzhaftem Realismus ist ein bisschen Fußball zum runterkommen vielleicht nicht das Schlechteste. Wer nach dem DFB-Pokalfinale vom Fernsehfußball also noch immer nicht die Schnauze voll hat vom Fernsehfußball, kann Mittwochabend das Abschiedsspiel für Michael Ballack bei MDR sehen. Oder doch lieber bei echten Tatsachen bleiben, Mr. Dicks zum Beispiel, unser TV-Tipp der Woche, ein virtueller Provokteur bei Eins-Festival, der Mittwoch um 22.35 Uhr bewusst subjektiv polarisiert. Zunächst mit einem Thema, dass eigentlich keiner Polarisierung bedarf: Waffen.