Porträt: Nico Hofmann, teamWorx

nico_hofmannDer Blockbusterschmied

Er ist Deutschlands erfolgreichster TV-Produzent, ein Feingeist mit Gespür für Massengeschmack: Nico Hofmann. Anlässlich des aktuellen Kinoprojektes seiner Filmfabrik teamWorx 5 Jahre Leben über den Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, zeigen freitagsmedien heute die aktualisierte Version eines ZEIT-Porträts

Foto: teamWorx

Nico Hofmann? Was sagt man dem erfolgreichsten Fernsehproduzenten Deutschlands nicht alles nach! Ein Blockbuster-Fetischist soll er sein, ein Quoten-Fanatiker, einer, der Sendergeld verbrenne wie kein Zweiter und dabei doch nur meist flaches, gefühliges Fernsehen abliefere. Nico Hofmann ist ein Mann für jeden Kritikpunkt. In jedem Fall aber ist er der Mann mit dem Telefon. Auf der Fensterbank seines Büros in Berlin-Mitte steht eine Fotoreihe. Sie zeigt Nico Hofmann am Handy. Immer und immer wieder. Stets auf Empfang. Stets abrufbereit.

Hofmann ist ein Rastloser, ein Getriebener, und er ist der bekennende, kompromisslose, passionierte Liebhaber eines Typs TV mit möglichst vielen Zuschauern.In seinem Büro herrscht Durcheinander. Die Fernsehpreise stehen gedrängt auf einer Vitrine, den Urkunden an der Wand fehlt jede Chronologie, die Plakatgalerie alter Arbeiten hält dem Tempo der nachfolgenden nicht stand. Überall stapeln sich Papier, DVD-Türme, Krimskrams. Ein Rechner fehlt, ein System sowieso. „Privatleben kenne ich gar nicht“, sagt der junge Mann von 53 Jahren. Für eine Familie sei keine Zeit, für Hobbys schon gar nicht. Ein wenig Yoga am Morgen, etwas Jogging im Anschluss, der Körper wirkt durchtrainiert. Ansonsten lebt Hofmann für den Film.

Vor 14 Jahren hat er mit seiner langjährigen Weggefährtin Ariane Krampe und Ufa-Geschäftsführer Wolf Bauer eine Firma gegründet, die das Fernsehen made in Germany weltmarkttauglich machen sollte. TeamWorx heißt sie, bieder mit Television & Film GmbH untertitelt, entstanden als 76-prozentige Tochter der Ufa, des „einzigen deutschen Major-Studios“, wie das Branchenmagazin Cut schwärmt. Auch dank Hofmann. Es wurde eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, und daher ist heute schwer zu glauben, dass an ihrem Anfang eine Medienschelte stand. 1995 zeichnete sein Film Der Sandmann die Sensationsgier im Entertainment der Zeit nach, und Hofmann machte daraus eine bittere Kritik am Fernsehen insgesamt. Doch dann prägte niemand anders als er die Ästhetik massenkompatibler TV-Fiktion. Heute überbrückt keiner den kulturellen Graben zwischen An- und Zuspruch mit mehr Selbstbewusstsein als er. Und kaum einer erntet mehr Publikum, mehr Auszeichnungen, mehr Kritik.

Dabei war Der Sandmann neben einem Ausflug zum Tatort nicht nur sein erstes Ausrufezeichen, sondern auch das letzte – als Regisseur. Weil er, angeblich nach dem Besuch eines zugefrorenen Dixi-Klos am Set, genug von Außendrehs und Studiopräsenz hatte, wechselte Hofmann ins Produzentenfach und landete Quotenhit auf Quotenhit, um im Jahr 2006 mit Dresden einen televisionären Epochenwechsel einzuläuten. Seither ist nichts mehr, wie es war. Zehn Millionen Euro verschlang das Weltkriegsmelodram und hob somit die Herstellungskosten deutschen Fernsehens auf Kinoniveau. Finanziell ist nun Achtstelligkeit das Maß aller Dinge, siebenstellige Zuschauerzahlen gelten dabei schon mal als Havarie. Strukturell ist es die internationale Koproduktion, ohne die Großprojekte der Marke teamWorx nicht zu stemmen sind. Dramaturgisch ist es die Historie – auch das geht auf Nico Hofmann zurück.

Seit zehn Jahren komprimiert er deutsche Zeitgeschichte auf 180 Minuten. „Bildung und Unterhaltung“, lautet sein Credo, „lassen sich nicht trennen“. Der Lehrplan ist gut gefüllt. Zuletzt mit einer neuen Hindenburg-Katastrophe und dem furiosen Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter, auch ein Porträt seiner eigenen Eltern, sagt er, der Nachkriegsgeneration. Dazu Bio-Pics von Grzimek bis Rommel. Der Generalfeldmarschall sei ein „glitschiges Thema“, wie der Initiator selbst befindet.

Hofmann polarisiert heute noch genauso gern wie als rebellischer Schulsprecher in Mannheim, der gegen rassistische Biologielehrer aufbegehrte und nach den Stammheimer Suiziden das ganze Gymnasium zum Streitgespräch auf dem Pausenhof bat. „Es gibt ein gewisses missionarisches Moment in meiner Person“, sagt der frühere Leiter evangelischer Jugendgottesdienste, und vielleicht ist es diese Mixtur aus Verführung, Leistungsdenken und Emphase, die noch heute den Nerv seines Auditoriums trifft – und das im Inland wie im Ausland. Da die Sender maximal die Hälfte der Produktionskosten zuschießen, sind Vorabverkäufe heute integraler Bestandteil opulenter TV-Events. Seit sein erster großer Publikumserfolg Der Tunnel in 71 Staaten lief, gehen viele Bestellungen auf Skriptbasis ein. Im Gegenzug besetzt Hofmann seine Großprojekte regelmäßig mit Stars großer Zielmärkte – das fördert den Verkauf bis nach Ostasien und Südamerika.

Was noch wächst, ist die prestigeträchtige Anerkennung im angelsächsischen Raum. Für sein Drama um das torpedierte Kriesgsschiff Laconia gewann er immerhin die BBC als Koproduzentin. Sogar im US-Fernsehen könnte Hofmann Erfolg haben, sagte Hofmanns Freund und Förderer Bernd Eichinger kurz vor seinem Tod. Er sei „besser als andere, weil Nico sein Publikum nicht unterschätzt“. Wenn er nun noch amerikanische Darsteller einsetze und die Sprachbarriere knacke, so Eichinger, sei der Weg frei. Zeitgeschichtsdramen à la Laconia entstehen bereits auf Englisch. Megaproduktionen mit Megathemen: Mogadischu und ein Vulkanausbruch in der Eifel, Helmut Kohl und Rudi Dutschke. Dazu Science-Fiction, Klinikserien, Romantik, Krimis – die Ufa, der Hofmann 2002 seine teamWorx-Anteile abgetreten hat, lässt ihrem Erfolgsmann alle Freiheiten, und die nutzt er weidlich, auf allen Kanälen, öffentlich-rechtlich oder kommerziell, wahllos wie kein Produzent zuvor. Und obgleich er betont, ZDF oder RTL unterscheidbare Looks zu verpassen, macht sein Stil – massive Orchestrierung, zugkräftiges Starensemble, schnulzenflankierte Historisierung – längst alle Sender ein wenig verwechselbarer. Und anspruchsvoller, zumindest was Aufwand, Technik oder Authentizität betrifft.

„Meine eigenen Frühwerke will ich mir heute gar nicht mehr angucken“, sagt Hofmann. Arthaus, Experimente, Studentenzeugs. „Ich komme gar nicht aus dem Blockbuster“, sagte er, aber der Wunsch, „extrem große, nicht bewältigte Themen wie Flucht und Dresden zu machen“, der habe sich rasch nach seinem Abschluss (mit Auszeichnung) an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film 1985 entwickelt. Der Weg vom Kurzfilm zum Mainstream war fließend, heute bekennt er sich ohne Scheu zum Massenfernsehen. Nicht minder offen gesteht er seine Verehrung des meistgehassten Publikumsmagneten im Land: Veronica Ferres. „Sie brauchen gar nicht zu lachen“, bittet er geladene Journalisten beim Galadinner zum zehnjährigen Firmenjubiläum in der Berliner Bertelsmanns-Repräsentanz und kündigt an, „weiterhin jedes Jahr einen Film mit ihr zu drehen“.

Es weht stets eine unergründliche Mischung aus Chuzpe und Freundlichkeit durch seine freien Reden, aus urbaner Schnöseligkeit und provinzieller Kumpelei. Absolut zuverlässig und ehrgeizig nennt ihn Kollege Eichinger, „von einem Arbeitseifer, der manchmal geradezu aberwitzig ist“. Hofmann sei quotenfixiert, „dazu steht er ja auch, wirkt dabei aber nie angespannt oder gestresst“. Eine Duz-Maschine mit fotografischem Namensgedächtnis im Maßanzug, stets ohne Krawatte, makellos frisiert und zutraulich wie ein guter Freund. Dazu ein Typ Liebhaber ohne Zeit für die Liebe. Dabei schwärmt Veronica Ferres: „Niemand im deutschen Film liebt Frauen auf eine respektvollere Weise als Nico Hofmann.“

Schließlich ist er vor allem von ihnen sozialisiert worden. Sein Vater, Bonner Büroleiter der Regionalzeitung Rheinpfalz, war oft abwesend (brachte aber gelegentlich Helmut Kohl zum Essen mit). Gemeinsam mit Schwester und Oma erzog ihn seine Mutter, Redakteurin der FAZ, zu häuslichen Pflichten (und zur Gleichberechtigung). Das prägt. Jedenfalls hat das Medienkind nicht nur deutsche Historie zum Exportschlager gemacht, sondern auch Frauen konsequent zu Heldinnen. Gern in Dreieckskonstellation zwischen zwei schwächeren Kerlen. Das alles sei pure Berechnung, heißt es bei Kritikern oft, pathetisch und redundant, bombastisch, oberflächlich, laut. Das lässt Nico Hofmann nicht kalt. „Mich berührt jede einzelne Kritik“, sagt er und schlägt sodann zurück: Wenn man einmal zwölf Millionen Zuschauer habe, „findet’s das Feuilleton per se nicht gut“.

Trotz oder wegen derlei Dissonanzen füttert er es mit Bröckchen intellektuellen Spartenfernsehens. Allein vier schwierige Theaterverfilmungen hat er auf Arte platziert. Pures Quotengift, das nur realisierbar sei, „weil ich Schauspieler anderer Produktionen unterm Gewerkschaftslohn rüberziehe“. Neben all der Hochglanzware investiert Hofmann auch immer wieder in junge Regisseure. Nicht selten solche, die er in 13 Jahren als Professor für Szenischen Film an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildet hat, Träger des First Steps Award in spe womöglich, den er mit Bernd Eichinger an Newcomer verleiht. Alles Futter für sein Ego, sein Portfolio, nicht unbedingt fürs Konto. Ein Debütfilm namens Kahlschlag habe ihn drei Jahre seines Lebens und 880.000 Euro gekostet, „ohne einen einzigen Euro Gewinn zu bringen“. Die Bandbreite bildet die Basis seines Selbstverständnisses: zu unterhalten, auf allen Ebenen, in allen Schichten und allen Altersgruppen. Koste es, was es wolle.

So realisiert der humanistisch gebildete Büchernarr fulminant flache RTL-Soaps ebenso wie seriöse Filmbiografien, digitales Popcorn-Fernsehen mit gleicher Lust wie stille Kammerspiele, die x-te Telenovela so beiläufig wie die erste Verfilmung deutscher Afghanistan-Traumata. Hunderte von Produktionen waren es bislang, 25 kommen Jahr für Jahr hinzu, Serienepisoden und PR-Aufträge nicht einberechnet. Branchenintern ist von Umsätzen in dreistelliger Millionenhöhe die Rede, Tendenz natürlich steigend. Wie auch die Zahl der Dependancen: Potsdam, München, Ludwigsburg, Köln, Leipzig. Und das alles mit der kleinen Stieftochter des großen Kintopp, die allem Krisengerede zum Trotz sehr wohl eine Zukunft habe, wie Hofmann meint. „Ich bin beim Fernsehen sehr glücklich“, sagt er, obwohl er vor zwei Jahren einen „starken Impuls“ hin zum Kino verspürt habe. Seit fünf Jahren widmet er sich als Chef der neuen Ufa Cinema verstärkt dem Zelluloid. Dutzende Stoffe sind in der Entwicklung, das Biopic 5 Jahre Leben übers Martyrium des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz ist grad bundesweit angelaufen und mit den Rechten an Noah Gordons Der Medicus hat Hofmann einen künftigen Kassenschlager im Gepäck. Er beherrscht den Einkauf ebenso wie die Vermarktung seiner Projekte. Nicht umsonst hält der einstige ARD-Programmdirektor Günter Struve seinen Exgeschäftspartner für das „größte Verkaufsgenie seiner Generation“.

Mit dem betriebswirtschaftlichen Beifall kann der Kreative gut leben. Mit der Regiearbeit, dem Drehbuchschreiben früherer Tage hat Hofmann abgeschlossen. „Das schaff ich einfach nicht mehr“, sagt er. Seine Tage hätten auch nur 24 Stunden, und neben den Verhandlungen in aller Welt noch ständig am Set zu stehen, das sprenge jede Belastungsgrenze, Yoga hin, Yoga her. Der fernsehverrückte Cineast Hofmann, der als kleiner Nico von sechs Jahren mit eigener Super-8-Kamera durch die Straßen zog, als Fünftklässler mit 25 Schulfreunden im Team seine ersten Kinderbücher verfilmte und bald darauf in der elterlichen Garage ein Kino eröffnete – er rückt hinter die Kulissen? „Es ist ein Vorurteil, dass Produzenten nicht kreativ sind, sie gehen damit nur nicht so hausieren“, sagt er beim Geburtstagsdinner im Hause Bertelsmann, dem Hauptstadt-Palast des größten Medienunternehmens im Land, das RTL-, Ufa- und teamWorx-Mutter in einem ist. Lässig steht Nico Hofmann da vor der Presse und verkündet in seinem sorgsam gepflegten Heimatdialekt, die offizielle Party finde erst statt, wenn die Band Rosenstolz Zeit für einen Auftritt hätte. Es klingt ein bisschen eitel, aber eben auch ehrlich. TeamWorx heißt gewiss nicht kleckern.

Jan Freitag

Der Text stammt aus der ZEIT: http://www.zeit.de/2008/47/P-Hofmann


One Comment on “Porträt: Nico Hofmann, teamWorx”

  1. The former Sun editor Rebekah david cameron Brooks testified in front of your friends
    and your family, in front of a packed Murray Mound.


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