Männerwirtschaft und Vaterlandsliebe

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 27.Mai-2.Juni

Die vorige Medienwoche bestätigt mal wieder ein physikalisches Grundgesetz: Energie wird nie verbraucht, sondern nur in andere Zustände verwandelt. Der Nachricht, dass Frederic Meisner auf den Flatscreen zurückkehrt (wenngleich online), folgte nämlich stehenden Fußes die, dass ihn Reinhold Beckmann verlässt (also den zum Fernsehempfang). Während die Exhumierung des Glücksrads soziokulturell eher verzichtbar scheint, stellt das Ende von Beckmanns Talkshow ab 2014 jedoch durchaus einen Verlust dar. So viel im Fernsehen auch geredet wird – donnerstags tut es da ein Gesprächsvirtuose, dem zu Unrecht unterstellt wird, so selbstverliebt wie überflüssig zu sein. Das war er selten. Womit er sich grundlegend von einigen Kollegen unterscheidet.

Andererseits dürfte Beckmanns Abgang die Debatte darum beenden, welcher ARD-Talk denn nun abgeschafft wird. Und damit auch die Gefahr, dass es im beharrlich sexistischen System Stromlinien-TV eine der zwei Frauen trifft. Noch gleichberechtigter hätte es zwar geklungen, wenn Programmchef Volker Herres am Mittwoch nicht verkündet hätte, der Sieger des Intendantencastings im WDR sei „ein Mann, der komplexe und brisante Themen allabendlich kompetent vermitteln kann“, sondern eine Frau. Also Siegerin. Aber das war ohne Kandidatin natürlich kompliziert. So ist es Tom Buhrow, der das größte ARD-Haus fit für die digitale Zukunft machen soll. Eine Aufgabe, so aussichtsarm, dass dem Tagesthemen-Ansager nach Jahren wundersamen Zuwachses am Tag der Verkündung plötzlich das graue Haar büschelweise ausgefallen zu sein schien.

Ebenso wundersam scheint es von dort aus Kai Diekmann ins Gesicht gerieselt zu sein. Mit Hipstervollbart verkündete der Bild-Boss nämlich folgende Kernerkenntnis seines leider doch nicht lebenslangen Praktikums im Silicon Valley : Ab 11. Juni wird sein Blatt im Netz zu 20 Prozent kostenpflichtig sein, langfristig zur Hälfte. Fragt sich, ob man dem Projekt nun Glück oder Pech wünschen soll. Glück, weil es unerlässlich ist, dass die Netzgemeinde journalistisch erstellen Inhalt finanziell zu würdigen lernt. Pech, da Bild.de wie seine gedruckte Mutter nur selten journalistisch erstellten Inhalt liefert, sondern in der Unterhose erdachten Wortmüll. Den hat auch Thomas Thuma abgesondert. Der Ressortleiter Wirtschaft beim seriöseren, aber oft wesensverwandten Spiegel, zeihte die wichtige Initiative ProQuote für mehr Frauen in publizistischen Spitzenpositionen als „Scheinriesinnen bei der Lobbyarbeit in eigener Sache“. Zu blöd, dass er es ausgerechnet in jenem Blatt tat, dass wohl länger auf eine Chefredakteurin warten wird als Germany`s Next Topmodel auf einen Mann mit Siegerinnenkrönchen. Wobei auch dessen Namen wenige Wochen nach dem Gewinn vollends vergessen wäre wie der diesjährige von, na, wie hieß sie noch gleich…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 3.-9. Juni

Sarah Judith Mettke vielleicht? Nein, das ist die Regisseurin eines Films, der garantiert keiner Zuschauerin aus Heidi Klums Fleischbeschau auf den Bildschirm gerät. Er heißt Transpapa und zeigt den grandiosen Devid Striesow am Donnerstag als Vater, der spät erkennt, im falschen Geschlecht zu leben. Zu sehen, danke ARD, um 23.15 Uhr. Aber die Primetime ist ja auch vom Quiz der Menschen mit Dr. Hirschhausen verstopft, der es ja auch sonst wirklich schwer hat mit prominenten Sendplätzen. Auf denen läuft übrigens zeitgleich Nur eine Nacht, was exakt so bescheuert ist, wie es klingt. Ein Tanzfilm, mit dem sich das ZDF derart berechenbar an die Pro7-Kernzielgruppe unter 14 ranwanzt, dass man MTV plötzlich wieder für einen Musikkanal halten könnte.

Aber natürlich nicht so dämlich, dass es dem, womit die ARD ab morgen sechs Wochen lang die Nachmittage füllt, auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. Lust auf Deutschland heißt allen Ernstes, was im Ersten unter Dokutainment firmiert und fortan je fünf „typische Nord- und Südlichter“ durch die Republik schickt, um im Wettstreit zu zeigen, dass zwischen Ostsee und Alpenrand, Rhein und Oder alles, aber auch wirklich alles toll ist. Armut, Gewalt, Verfall oder auch nur Unfreundlichkeit ist also von den Menschen Dutzender Klischeeorte kaum zu erwarten. Heimatduselei ist schließlich das Strukturprinzip des öffentlich-rechtlichen Nachmittags, vor allem in den Dritten.

Um dem zu entkommen, muss man also umschalten auf die Spartenkanäle mit Anspruch und Niveau. Arte zum Beispiel, wo ab Freitag Parade’s End startet, eine Koproduktion von HBO und BBC, die in Doppelfolgen das derzeit ziemlich angesagte TV-Thema Fin de Siècle und wie es sämtliche Traditionen der damaligen Welt über den Haufen warf aufgreift. Die Blaupause für diesen famosen Sechsteiler läuft übrigens ab Donnerstag zuvor bei ZDFneo: Downton Abbey. In der übersetzten Fassung ist der schleichende Untergang eines britischen Adelsgeschlechts nach dem ziemlich plötzlichen der Titanic zwar weit weniger gehaltvoll als im Original. Aber immerhin wird sie zu einer angenehmen Sendezeit (20.15 Uhr) ausgestrahlt, und das ohne Werbepausen. So wie am Mittwoch zuvor eine der wunderbarsten Filmkomödien überhaupt: Be Kind Rewind auf Arte, wo Jack Black einer kaputten Videothek aus der Patsche hilft, indem er mit seinem Kumpel (Mos Def) versehentich gelöschte Filme nachdreht. Weniger romantisch als verstörend, aber nicht minder sehenswert ist Dienstag zuvor an gleicher Stelle Weißes Blut. Die beeindruckende Doku erzählt, wie deutsche Weltkriegswaisen den Buren in Südafrika helfen sollten, eine arische Elite aufzubauen.

Bei so viel schmerzhaftem Realismus ist ein bisschen Fußball zum runterkommen vielleicht nicht das Schlechteste. Wer nach dem DFB-Pokalfinale vom Fernsehfußball also noch immer nicht die Schnauze voll hat vom Fernsehfußball, kann Mittwochabend das Abschiedsspiel für Michael Ballack bei MDR sehen. Oder doch lieber bei echten Tatsachen bleiben, Mr. Dicks zum Beispiel, unser TV-Tipp der Woche, ein virtueller Provokteur bei Eins-Festival, der Mittwoch um 22.35 Uhr bewusst subjektiv polarisiert. Zunächst mit einem Thema, dass eigentlich keiner Polarisierung bedarf: Waffen.

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