Sex on the TV: Erotik im Fernsehen

254236-preview-pressemitteilung-zdfneo-im-hot-summer-von-zdfneo-wird-es-heiss-fettig-ausserdem-free-tv-premiere-der-us-serie-girls-bildLängst jugendfrei

Vor 20 Jahren knackte das Privatfernsehen mit Sexsendungen und Softpornos noch allerlei Konventionen. Heute gibt es statt genuiner Erotikformate Beischlaf im Vorabendprogramm, moralische Grenzen überschreiten eher die Sommermädchen auf Pro7. Und wenn ZDFneo heute Heiße Nächte ankündigt, werden die eher witzig als hitzig, nicht zuletzt dank der famosen US-Serie Girls.

Von Jan Freitag

Wenn es um Sex geht, ist die Schwelle der Erregung variabel. Als Sünderin Hildegard Knef 1951 im Kino ihre Brüste entblößte, kochte das Bürgertum noch vor sittlichem Eifer. Als 16 Jahre später der ARD-Report auch nachrichtlich erstmals blank zog, blieben Proteste bereits auf Bayerns Bibelgürtel beschränkt. Als Ingrid Steeger 1973 barbusig Klimbim machte, empörte sich grad noch der Klerus. Und als RTL Mitte der 80er seinen Trieben freien Lauf ließ, blieb die Kritik endgültig ästhetischer Natur.

Kein Wunder, dass ein Themenschwerpunkt wie Heiße Nächte da keinen mehr echt erregt. Warum auch? Das Schlüpfrige an der Reportage-, Doku- und Filmreihe bei ZDFneo erschöpft sich schließlich schon zum Auftakt „Heiß und Fettig!“ darin, dass Moderator Thilo Mischke bei seinem mehrteiligen Streifzug durch die Welt des Beischlafs ständig „Ficken“ sagen darf. Komödien wie Amy’s Orgasmus“ zeigen sodann vom eigenen Titel wenig. Und die famose Serie Girls mag vom Lotterleben New Yorker Praktikantinnen handeln – kopuliert wird eher andeutungsweise als offen.

Und das ist ja schon mal bemerkenswert. Einerseits nämlich haben einst als „Tittenkanäle“ verschriene Sender wie RTL mit Tutti Frutti und Lederhosenzoten vor gut zwei Jahrzehnten den Weg für explizite Bettszenen am öffentlich-rechtlichen Vorabend geebnet. Andererseits scheint der Bedarf danach im Internetzeitalter wieder zu sinken. Magazine wie M und Sexy Follies filmten sich Ende der 80er noch von Pornoset zu Swingerclub, offen sichtbare Paarakrobatik wurde zum Standard selbst harmloser Filme, während nachts Perspektiven jugendgefährdender Streifen liefen, die mit Zweitkameras zur TV-Verwertung gedreht wurden. Porno light eben. Doch diese Zeiten sind passé.

RTL mag weiter als irgendwie dumpf gelten – Anzügliches läuft dort kaum. Die letzte Beanstandung liegt 20 Jahre zurück, Erika Berger ist 73 und Dailytalks über Windelfetischisten, für die Sat1 einst Bußgelder kassierte, sind mangels Quote Geschichte. Da Pornographie laut einem BGH-Urteil von 1969 die Funktion ihrer Darsteller reißerisch und kontextfrei zu austauschbaren Lustobjekten reduziert, erregen folglich andere Sendungen Anstoß: turbosexistische Zuchtstationen wie Sommermädchen etwa oder Germany’s Next Topmodel.

Nachdem das Fernsehen den Sog des Aktes also erst angedeutet, dann ausgebeutet und bald zu Tode gesendet hat, ist dies die jüngste Stufe körperlicher Bereitstellung: Formate vom gediegenen ZDF-Kopfkino Erotic Tales bis hin zur Sexshoptour Wa(h)re Liebe auf Vox waren im Kern Akte der Emanzipation, die beide Geschlechter gleichermaßen zu Sexobjekten gemacht haben; Pro7 dagegen mag die Fleischbeschau seiner bulimischen Stöckelschuhherden als Teil weiblicher Unabhängigkeit verkaufen – in Wahrheit liefert Gestütsleiterin Heidi Klum nur eine fernsehgerechte Form der Prostitution.

Aus Sicht des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ (FSF), 1994 im Zuge der Kritik an Sex und Gewalt im Privatfunk gegründet, ist das jedoch eher eine Geschmacksfrage, also weniger zu beanstanden als allzu unverblümter Sex. Der seine Sogwirkung aus Sicht von Volker Herres ohnehin eingebüßt hat. „Kopulationsakrobatik mit Hintergrundstöhnen im Fernsehen“, so der ARD-Programmchef, „hat einen Ermüdungseffekt“. Entscheidend für wahre Erotik sei die Inszenierung, etwa bei ästhetischen Reihen wie den Sommernachtsphantasien im ZDF oder der US-Serie Californication (RTL2). Hier wird Beischlaf in allen Facetten praktiziert, ohne ihn wirklich zu zeigen.

Und genau das ist es auch, was Heiße Nächte auf ZDFneo sehenswert macht. Denn zu sehen ist, was der Kopf draus macht, nicht was hineingepresst wird. Die Art und Weise zum Beispiel, wie Hauptdarstellerin Lena Dunham ihren angenehm unmodellierten Leib in der global gefeierten HBO-Serie Girls einsetzt, ist durch die Mixtur aus vulgär und dezent begehrenswerter als Heidis „Mädels“ je sein werden. Dafür muss man gar nicht allzu viel davon sehen.

Sex am Bildschirm, sagt schließlich selbst der alte Aufklärungspapst Oswald Kolle, sei doch mittlerweile „total out.“ Und es mag „in vielen Serien harte Sexszenen“ geben, wie die Medienforscherin Joan Bleicher weiß; als „Aufmerksamkeitsfaktor“ sei Erotik ins Internet abgewandert. Wer braucht dort folglich Softpornos, wenn in Christine Neubauers Schmonzetten eifrig geschnakselt wird; und wer braucht RTL, wenn youporn Hardcore ohne Schranken liefert. Bei den meisten Sendern bemängelt die Kommission für Jugend- und Medienschutz allenfalls noch den Teletext. Im Programm dagegen suchen die Privaten laut Joan Bleicher neue Tabus. Als Beispiel nennt sie Scripted Reality wie Eltern auf Probe. Wer so anstößiges Fernsehen hat, braucht sich über Sex darin nicht aufzuregen.


2 Comments on “Sex on the TV: Erotik im Fernsehen”

  1. Chris says:

    Wahr und amüsant formuliert. Ein paar Gedanken meinerseits dazu:
    Ich mochte “Wa(h)re Liebe” immer sehr, vor allem dann, wenn Moderator/in Wanders sich mit Sekt beklatschte und angeschiggert-lachend fast von der Schaukel kippte; hier nahm man(n) sich trotz allem eben selbst nicht so ernst. Wenn man sich dagegen heute “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” ansieht – was ich nicht wirklich tue; aber weder Internet noch Fernsehen können mittlerweile noch aktiviert werden, ohne dass einem Zusammenfassung dieser zweifelhaften Unterhaltungssendung entgegengeschleudert werden – fragt man sich doch allen Ernstes, wie weit der Grad der Degenration schon vorangeschritten ist: Wo es einstmals “nur” um blamable Ekelprüfung für F-Promis á la Küblböck ging, muss heute zeigewilliges Silikon namens Schäfer angeheuert werden, um das Publikum bei der “Stange” zu halten.
    Verwunderlich, aber dennoch wahr: Wie Sie schon richtig bemerkten, fehlt es dem geilen Voyeur im Internet an nichts mehr, wie spätestens seit der Redtube-Affäre jeder mitbekommen haben sollte – und dennoch scheint auch das Geschäft mit Erotikangeboten im Fernsehen zu laufen, wie ich just erkennen musste: http://kabel-blog.de/fernsehen/erotik-im-tv/ – über diese Fülle an buchbarem Fleisch für die Mattscheibe war ich wirklich erstaunt.
    Schlussendlich: Ich kann nicht genau sagen, seit wann dies große Mode geworden ist (mir persönlich ist es erstmals bei der Serie “Rom” aufgefallen): In zahlreichen (meist aus den USA stammenden) Serien, die auch zahlreiche Preise abräumen, geht es ohne Geschlechtsteile und -verkehr gar nicht mehr. Game of Thrones muss sich Peniswitze am laufenden Meter gefallen lassen – zu Recht. Auch wenn in diesem Fall die Romanvorlagen den Anlass bzw. die Rechtfertigung besagter Darstellungen liefern: Dies ist, wie bereits gesagt, kein Einzelfall.
    Bei soviel Kopulation im Fernsehen kann man nur abwarten, bis sich der Trend erschöpft hat und ins Gegenteil umschlägt. Dies muss dann nicht zwangsläufig die Anti-Sex-Liga aus 1984 auf dem Vormarsch bedeuten, aber…nun ja, bleiben wir gespannt.

    • Jan Freitag says:

      Hallo Chris,
      dem kann ich nur voll und ganz zustimmen: Der Kopulationszwang in amerikanischen Serien ist ermüdend. Umso erstaunlicher, dass einzig die Serie, die sich dazu wenigstens augenzwinkernd bekennt – nämlich Californication – erst ab 18 freigegeben ist, also nur im Spätprogramm laufen darf.

      Jan/freitagsmedien


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