Reportage: Schanzenwasserturmhotel

Zu Gast bei Feinden

Genau sechs Jahre ist es her, dass im denkmalgeschützten Wasserturm am Rande des Hamburger Schanzenviertels ein Luxushotel eröffnet hat. Einer der ersten Gäste war ausgerechnet freitagsmedien-Reporter Jan Freitag, der zuvor gegen den Bau demonstriert hatte. Heute ist der Widerstand längst verebbt, nicht aber jene Gentrifizierung, die viele Projektgegner auch dank des H2Otels im Krisenjahr 2007 befürchtet hatten.

Von Jan Freitag

Die lassen mich gar nicht erst rein. Als ich vor der Tiefgarage warte, kriecht leiser Verfolgungswahn in mich hinein. Schließlich stand ich ganz in der Nähe gepanzerten Polizeireihen gegenüber, als das schönste Industriedenkmal Hamburgs zum umstrittensten Hotelprojekt der Republik wuchs: Dem Mövenpick im Schanzenpark. Sie sollten es schützen, Tag für Tag, vor mir und anderen Demonstranten. Das war Anfang 2005, beim Baubeginn.

Und nun sitze ich im billigen Kleinwagen vor der fertigen Nobelherberge und zögere, als mich eine Frauenstimme durchs Mikrofon hereinflötet. Ich glaube, erkannt zu werden. Überall. Zwischen parkenden BMW-Limousinen, im kahlen Treppenhaus, auf dem Weg zur Rezeption, beim Feind. Welch ein Unsinn, aber im linksalternativen Schanzenviertel herrscht diffuses Misstrauen, seit die Investoren vor zehn Jahren zugaben, was jeder ahnte: Der Wasserturm, in Teilen 140 Jahre alt, im Ganzen seit 1961 ungenutzt, erhält kein Mischkonzept aus Arbeit und Gemeinnutz wie vereinbart, sondern vier Sterne. Und das inmitten der letzten größeren Grünanlage vor Ort.

Sie wirkt ferner denn je, als ich ein langes Förderband vom Souterrain zur Empfangshalle empor gleite. Ich bin drin, in der „Höhle des Möven“, wie Gegner spotten. Es tropft aus verborgenen Boxen, die akustische Untermalung dessen, was denkmalschützerisches Minimum und atmosphärisch stimmig ist. Unter pyramidenförmigen Lichtschächten dominieren Wasserkunst und Wellenformen aus der Ursuppe des Turms, Fotos all seiner Epochen, Reservate früherer Bausubstanz. Ein Schiffshorn dröhnt – maritimes Flair sells, gerade an der Waterkant.

Auch wenn die Erkenntnis schmerzt: das Hotel ist von kühner Schönheit. Kreuzgangartig führt das Klinkergemäuer zu den Liften. Sein meterdickes Betonfundament wurde nur durchbrochen, nicht beseitigt, nicht überall. Der Stil ist schlicht, Typ Design-Hotel, die höchste Kategorie Kunst am Gasthofbau. Vielleicht wäre elitär treffender. Nebenan steht das Wort für Strukturwandel, sozialen Kahlschlag und Vertreibung.

Dagegen geht ein „Netzwerk zum Erhalt des Schanzenparks“ vor, zusammen mit Anwohnern, Sympathisanten, Autonomen, mit Leuten wie mir, friedfertigen und gewalttätigen. Der Turm ist das Ziel. Abseits der Demos gab es 15 Anschläge, mit Steinen, Farbe, Bolzenschneider. Der Staatsschutz ermittelte gegen eine „kriminelle Vereinigung“, erfolglos. Kein Wunder, dass der erste Gast einzog, als sich der Protest vor Jahresfrist einem anderen Luxushotel widmete: in Heiligendamm. Die Eröffnungsparty fiel trotzdem aus.

Kathrin Wirth-Ueberschär lächelt, das ist ihr Job. „Soft Openings“ statt grandioser Premierenpartys seien durchaus üblich, sagt die Hotelsprecherin. Im blumigen Kostüm verkauft sie die Investition von rund 50 Million Euro als Gewinn für alle und alle seien eingeladen, den 60-Meter-Koloss zu betreten. Natürlich nicht die 17 Wohnetagen, hinauf zur Turmsuite. Es sei denn, man hat 990 Euro übrig. Und eine Chipkarte, ohne die der Fahrstuhl gar nicht erst startet. Aber das Restaurant, die Lobby, eine Bar seien öffentlich. „Wir wollen gute Nachbarn sein.“ Ärger schreckt Kunden ab wie der Bauzaun zur ebenerdigen Hotelterrasse.

Mittlerweile ist er weg und wir glauben mal, dass ich auch im Kapuzenpulli mit rotschwarzem Stern rein gekommen wäre, nicht termingerecht im gediegenen Zweiteiler. Anzugträger sind es jedenfalls nicht, die polizeiliche Platzverweise erhalten, viele Hundert bereits, noch immer. Frau Wirth-Ueberschär lächelt: „Da müssen Sie das Bezirksamt fragen.“ Und der Investor zahle ja eine Million an soziale Initiativen, eine Art finanzielle Ausgleichspflanzung für die Privatnutzung öffentlichen Raums, den sogar Gerichte beanstanden. Selbst im Viertel gibt es Rückhalt fürs Projekt, und tragfähige Alternativen fallen auch mir nicht ein, nur Zuschussgeschäfte, doch davon hält der wirtschaftsliberale Senat [damals: Schwarz-Schill] herzlich wenig.

Soziale Teilnutzung, wie mit jenem Architekten vereinbart, der den städtischen Besitz 1990 für eine Mark kaufte? Wohnraum? Leerstand, vulgo: Verfall? Ein Luxushotel mag ja ethisch bedenklich sein, betriebswirtschaftlich war es das nie, zumal Büros für Broker oder Werber kaum besser gepasst hätten. Ein idyllischerer Standort für Sternehäuser ist dagegen zwischen City, Szene, Messe undenkbar. Durch mein Gaubenfenster im 14. Stock kann ich ihn überblicken.

Von oben sind die Sorgen da unten kleiner und die Polizei unsichtbar. Wo sie unablässig patrouilliert, habe ich oft gelegen. Dort spielte das Viertel Frisbee, ein Freiluftkino Filme, das Leben im Freien. Jetzt scheinen Grillfeste am Fuße eines Hotels mit beheizten Geländern und Lifestylemagazinen auf 226 Zimmern, die Gucci-Gartenschaufelsets für 700 Euro anbieten, nicht nur mir utopisch. Die Betreiber vermarkten das Nebeneinander indes als PR-Gag wie den Park, ihren Garten. Das Alleinstellungsmerkmal liegt nicht im Service, der Sauna oder gediegenen Möbeln, es steckt in den drei A: Ambiente, Ausblick, Aggression. Die Gegner sagen: der Nutzung; die Nutzer sagen: ihrer Gegner.

Als mich tief in der Nacht ein Lautsprecher auffordert, das Hotel sofort zu verlassen, denke ich an sie. Ein Anschlag? „Es gibt ja viele, die das Hotel hier nicht wollen“, murmelt ein Evakuierter im Park und sieht zum Gebüsch. Auch ich erwarte irgendwie, dass gleich einer raus hüpft und mich beschimpft. Schlimmer: erkennt. Als Gast eines Hotels, das ich ästhetisch zwar durchaus zu schätzen weiß, strukturell aber ablehne.

So bin ich doch froh, bald wieder ins Bett zu dürfen. Es war bloß Feueralarm, ein falscher dazu. Gar nichts los also. Die noble Eleganz meines Zimmers wirkt nach der Rückkehr allerdings noch schizophrener als zuvor. Beim Duschen mit Blick über Hamburg denke ich an Wasserwerfer, die uns fixiert haben, damals, im Januar. „Das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, steht in die Glastür zum Fitnessstudio graviert, „ist die Erinnerung“. Kunst kann so wahr sein.

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  1. […] weil ich seit dem ersten Spatenstich lautstark dagegen protestiert hatte. An meinem Umfeld, weil die Artikel in diversen Medien trotz aller Kritik am Objekt auch Werbung dafür gemacht haben. Und nicht zuletzt: am Betreiber, […]


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