ZDFneo: Nischensender mit Niveau

555px-ZDFneo.svgFernsehverweigererfernsehen

ZDFneo ist Deutschlands bester Sender, so gut, dass ihn fast keiner sehen will. Deshalb ging die neue Chefin vor genau einem Jahr auf Werbetour. Die Botschaft: Zwischen Pest und Cholera ist noch Platz. Das Resultat: Das Programm ist besser denn je, die Quote so niedrig wie immer.

Von Jan Freitag

Gutes Fernsehen ist manchmal wie ein kluger Mensch mit Marotten: Ein bisschen skurril, ein bisschen gewöhnlich, bisweilen schwer erträglich, meist aber sehr interessant, also kaum auszurechnen. Eine Wundertüte. ZDFneo zum Beispiel ist bei aller Klugheit voller Marotten und gerade deshalb so gut. Der digitale Ableger des Zweiten Programms zeigt Dokus für die breite Masse wie Terra X und Reportagen aus dem Abseits wie Wild Germany. Er kocht Abgehangenes wie Lafer, Lichter, Lecker! auf und bereitet Frisches zu wie Das Kneipenquiz. Er sendet Seniles wie Die Wicherts von nebenan als letztes und Sensationelles wie Mad Men als erstes. Er ist in einem Wort: Widersprüchlich.

Das schreit förmlich nach einer widersprüchlichen Senderchefin. Nach Simone Emmelius. Distinguiert ist sie und promoviert, zugleich jedoch goldbehangen und grell geschminkt. Trotz ihrer 54 Jahre wirkt sie blutjung, kann allerdings auch steinalt erscheinen in ihrer öffentlich-rechtlichen Gremienerfahrung. Das qualifiziert sie für kaum etwas besser als den jugendlichen Ableger des Greisenfernsehens aus Mainz. Ihn zu erklären fällt allerdings nicht grad leicht. Sabine Emmlius versucht es trotzdem. ZDFneo sei eine „öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige“, die man mit allem „außer Trash und Langeweile unterhalten, verblüffen, informieren“ wolle.

Und in der Tat: Seit dem Start am 1. November 2009 hat sich der Spartenkanal reichlich Respekt erarbeitet. Schließlich ist ZDFneo gemeinsam mit seiner digitalen Schwester ZDFkultur nicht nur das Beste, was derzeit frei empfangbar ist, es ist erfüllter Staatsauftrag pur: relevant, lehrreich, spannend. Sehenswert. Umso erstaunlicher, dass Emmelius drei Monate nach Amtsantritt eigens nach Hamburg reist, um der Medienstadt mal den Stellenwert ihres Arbeitgebers darzulegen. ZDFneo mag nämlich noch so tolles Fernsehen liefern – sehen will die Jugendsektion im Mainzer Altenheim kaum jemand. „Es werden mehr“, beteuert die Literaturwissenschaftlerin. Aber was ist schon ein halbes Prozent im Gesamtmarkt, was sind 0,9 im digitalen? Praktisch nichts.

Und eine Menge. Denn der studierten Volkswirtin Simone Emmelius geht es gar nicht so sehr ums Geschäft, sondern um „Köpfe, Formate, Genres“. Um unbekannte Gesichter wie den Sieger des TVLabs Teddy Teclebrhan oder das MTV-Gewächs Palina Rojinksi, aber auch bekanntere wie Benjamin von Stuckrat-Barre. Mit Perlen wie der Lebenssinnsendung Herr Eppert sucht…oder Manuel Möglichs Reportagereihe Wild Germany. In Genres, die es durchaus schon gab, nur eben nicht so. Dennoch: Um 30 Millionen Euro Jahresetat zu rechtfertigen, muss ZDFneo Masse sein und Nische, beides in einem und nichts zu sehr. Übertriebene Vergleichbarkeit mit dem Zweiten, präzisiert Simone Emmelius, „wäre die Pest“, überzogene Abstraktion „die Cholera“. Um den Altersschnitt der Zuschauer unter die magischen 49 zu drücken, will man von der Zentrale „eine gewisse Mainstreamigkeit“ lernen. Mit dem Strom fließen will man nicht.

Dieses Dilemma hat sogar einen Namen, besser zwei: Joko & Klaas. Mit Turnschuh, Schlips und Schlagfertigkeit sind die Herren Winterscheid und Heufer-Umlauf echte Aushängeschilder. Es sind aber auch große Jungs mit entsprechenden Manieren, die sich vornehmlich beim Plastikkanal ProSieben austoben. Simone Emmelius fühlt sich dennoch „im Reinen mit den beiden“. Ihr Hybrid aus albernem Abistreich und echter Late-Night neoParadise sorgte schließlich bis Anfang des Jahres – bevor es bei die Kommerkonkurrenz als Cirkus Halli Galli schlecht kopierte – für Strahlkraft ins Privatpublikum, also für Youtube-Klicks und Mediathek-Zugriffe.

Das wäre die frische Seite. Auf der abgehangenen werden schon mal die Altlasten des Hauptsenders versendet, derzeit die letzten Folgen der Telenovela „Spuren im Sand“, kürzlich das reanimierte Rateshowrelikt Die Pyramide. Ganz abgesehen von SOKO, Die 2, solchen Sachen. All dies wird indes durch neue Zutaten im Fernsehallerlei angereichert. Das Kneipenquiz etwa mit dem Dittsche-Sidekick Jon Flemming Olsen, eine englische Adaption, aber eine gute. Wie Sarah Kuttners Magazin Bambule, ein bisschen wie Polylux, nur besser.

Sein Medium neu erfinden, das weiß auch Simone Emmelius, kann selbst ZDFneo nicht. Aber mit Leben füllen. Dafür  begibt sich die Reportagereihe German Angst auf die Spur hiesiger Befindlichkeiten und das Wissensformat Wie werde ich… auf die der beruflichen Träume. Es gibt reihenweise grandiose Importe jenseits des Mainstreams, zurzeit etwa Lena Dunhams gefeierte US-Serie Girls, die sich gängigen Dramaturgie- und Schönheitsidealen ebenso widersetzt wie die grandiosen Antisuperhelden Misfits. Es gibt eine Dokusoap namens Junior Docs übers harte Leben Hamburger Assistenzärzte, sogar eine eigene Familienserie ist geplant, Tendenz Sitcom. Was tut man nicht alles für ein Prozent Marktanteil.

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